START-UPS Chancen, Risiken, Kriterien für Investoren - uraniumstocks.info
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NR. 3 / 2017 | 6,80 EURO
T H E M E N , TR E N D S U ND LI F E ST YLE F ÜR ANL EGER
START-UPS
Chancen, Risiken, Kriterien für Investoren
Foto: Freder / iStock
! BABY PRODUK TE ! ROH S TOF F E ! ITALIE N
Mit „Schnuller-Zertifikaten“ am Uran in Lauerstellung – kommt Latium - eine Reise in eine Region
Milliardenmarkt partizipieren. nun die Kurswende? voller Olivenhaine und Weine.
24 48 62Deutsche Bank X-markets So jung und schon so erfolgreich. 3 Jahre BCDI: mehr auf www.bcdi.xmarkets.de Boerse.de | Champions | Defensiv | Index Zertifikat WKN Gebühr Laufzeit DT0 BAC 1,50% p.a. endlos Verlust des eingesetzten Kapitals möglich. X-markets Team | Deutsche Bank AG | www.xmarkets.de | Hotline: +49 69 910-38807 Emittent: Deutsche Bank AG. Emittenten-/Bonitätsrisiko: Bei Zahlungsunfähigkeit des Emittenten besteht das Risiko des Totalverlustes des eingesetzten Kapitals. ©Deutsche Bank AG 2017, Stand: 23.06.2017. Die vollständigen Angaben zu den Wertpapieren, insbesondere zu den Bedingungen, sowie Angaben zur Emittentin sind dem jeweiligen Verkaufsprospekt zu entnehmen; dieser ist nebst Nachträgen bei der Deutsche Bank AG, X-markets, Mainzer Landstraße 11-17, 60329 Frankfurt am Main, kostenfrei erhältlich oder kann unter www.xmarkets.de heruntergeladen werden.
! VORWOR T 03
!LIEBE LESERINNEN UND LESER,
wie die Finanzwelt so entwickelt sich auch die Unternehmens-
welt ständig weiter. Ob beim Thema Steuer oder bezüglich der
Globalisierung. In den letzten 10 Jahren haben wir dazu noch
einen starken Zuwachs an Unternehmerinnen und Unterneh-
mern bekommen.
Die Gründung eines eigenen Unternehmens und das damit
auch verbundene mögliche Scheitern standen lange Zeit hin-
ter dem Wunsch der „sicheren“ Festanstellung zurück. Die
Philiph Rausch, Chefredakteur Menschen strebten nach Perspektiven in großen Konzernen
und festen Strukturen. Heute hat sich aus den Start-ups, den
Entrepreneuren und Visionären eine eigene Gemeinschaft,
eine eigene Branche entwickelt, die viele, vor allem junge
Menschen anzieht.
In dieser Ausgabe geben wir Ihnen einen Überblick über
die angesagtesten Branchen und neusten Trends. Dazu haben
wir für Sie eine Übersicht zusammengestellt, die Ihnen einen
ersten Einblick an Investitionsmöglichkeiten geben soll. Ge-
nauso vielfältig wie die Start-up-Branche selbst, sind auf der
einen Seite die Möglichkeiten, aber auf der anderen Seite auch
die Risiken. Ein interessierter Anleger sollte ein potenzielles
Investment deutlich intensiver analysieren, als beim Erwerb
eines konsvervativen Anlageprodukts, ansonsten könnte es
ein böses Erwachen geben. Denn laut Start-up-Genome-Report
scheitern zirka neun von zehn Neugründungen.
Auch wenn die Bandbreite der Start-ups erschlagend wirken
kann, eröffnet sie jedem Investor eine Vielfalt an Möglich
keiten, die es in jedem einzelnen Fall im Zusammenhang mit
dem eigenen Depot zu beachten gilt.
Viel Spaß mit Ihrem neuen Derivate Magazin.
Ihr04 ! INHALT
12
!S TAR T-UPS
N
iedrige Zinsen auf der einen und hohe Renditeerwartungen auf
der anderen Seite bewegen Unternehmen wie Privatanleger dazu,
in Start-up-Unternehmen zu investieren. Dabei sind der Vorstel-
lungkraft keine Grenzen gesetzt – die Investorenreise kann sogar bis zum
Mars gehen. Von den enormen Gewinnen der Investoren in WhatsApp,
Facebook oder Uber wird häufig die gefährliche Seite dieser Medaille ver-
deckt. Denn aus überoptimistischen Start-up-Träumen kann schnell ein
Alptraum werden.
12
24 30
06 20
! WISSENSWER TES ! DERIVATE
Auftakt in Berlin Handelsfreiheit für Privatanleger
Discount-Studie: Zertifikat schlägt Aktie
Das könnte einer der größten Tech-IPOs werden 24
Teilnehmen und Trading-Tagebuch gewinnen
! ZER TIFIKATE
08 Schnuller-Zertifikate – am Milliardenmarkt „Baby“ partizipieren
! MARK TDATEN INDIZES 29
Übersicht zu den weltweit wichtigsten Indizes
! KOMMENTAR
10 Marcus Landau: Zinseinbußen steigen
! TITELTHEMA 30
Start-ups – Chancen, Risiken, Kriterien für Investoren
! INVES TMENT
Große Ambitionen – Golfstaaten im Umbruch
Arabien-Expertin Eva-Maria Popp im Interview
!derivate M AGA Z I N 03/201705
38 60
48 56 62
38
! FINANZSERVICE ! LIFES T YLE
Depotabsicherung: Entspannt in die Ferien
56 ! AU TO
42 Mazda MX-5 RF
Sommerfreude das ganze Jahr
! 5 FRAGEN , 5 ANT WOR TEN
Erfolg mit Klappbrillen: Dominic Barnes zu Gast 60 ! C OOLE JOBS
Hin und weg
44
62 ! REISE
! NAC HHALTIGKEITSKOLUMNE Im Latuim zuhause
Andreas Feiner: Die Zukunft ist heute
46 66
! ROHS TOFFE ! IMPRESSUM
Übersicht zu den wichtigsten Rohstoffen
48
! ROHS TOFF IM FOKUS
Uran ist heiß06 ! WISSENSWER TES
Foto: AndreyPopov / iStock
VERANSTALTUNGEN 2017
07.10.2017 Börsentag Berlin
24.10.2017 Germany Africa Business Forum, München
02.–03.11.2017 Rohstoffmesse München
04.11.2017 Börsentag Hamburg
13.–17.11.2017 Euro Finance Week Frankfurt
16.–18.11.2017 World of Trading, Frankfurt
Auftakt in Berlin
Auch im zweiten Halbjahr sind wieder viele interessante Veranstal- sierte und bietet mit zahlreichen Ausstellern und Referenten ein
tungen für Investoren geplant. Gestartet wird am 7. Oktober mit dem umfassendes und spannendes Angebot. Seminare runden das Infor-
Börentag in Berlin (www.boersentag-berlin.de). Wer sich für das Zu- mationsangebot ab. Platz für interessante Gespräche gibt es genug.
kunftsthema Afrika interessiert, kann sich dann am 24. Oktober beim Nähere Informationen unter: www.wot-messe.de
Germany Africa Business Forum in München rundum informieren
(www.germanyafrica.com). Ebenfalls in München findet Anfang No- Vom 13. bis zum 17. November 2017 findet die Euro Finance Week in
vember für alle Anhänger der Edelmetalle die Internationale Edelmetall Frankfurt statt. Die Veranstaltung steht unter der Schirmherrschaft
& Rohstoffmesse (www.edelmetallmesse.com) statt. von Dr. Wolfgang Schäuble und gilt als größtes Branchentreffen der
Finanz- und Versicherungsindustrie Europas. Sie teilt sich in rund
Am 17. und 18. November 2017 öff net die erfolgreichste Trading- 40 Fachveranstaltungen auf; ergänzt durch zahlreiche Empfänge und
Messe im deutschsprachigen Raum wieder ihre Tore. Die World of Tra- Preisverleihungen bietet sie beste Möglichkeiten zum Networking.
ding kurz WOT richtet sich an private Trader und Trading-Interes- Weiterführende Informationen unter: www.eurofinanceweek.com
Wissenscha
ftliche Stud
ie ZERTIFIKAT SCHLÄGT AKTIE
Zur Sommerpause 2017 hat der Deutsche Derivate Verband (DDV) seine aktuelle
Studie zum Thema Discount-Zertifikate vorgestellt. Discount-Zertifikate sind von einer
r Bank an einer Börse gelistete Wertpapiere, die, wie alle anderen Zertifikate, an einen
strukturierte
Der Nutzen
e fü r Privatanle
ger Basiswert wie eine Aktie oder einen Index (zum Beispiel den DAX) gekoppelt sind.
Wertp ap ier
Der Anleger erwirbt das Zertifi kat mit einem Abschlag zur jeweiligen Direkt-
Discount-Z
er tifikate als investition, der als Sicherheitspuffer dient. Steigt das Papier über einen bestimmten
Anlagealtern
ativen Wert, greift der Cap ein und begrenzt den Gewinn des Anlegers auf einen Höchstbetrag.
rig zin sumfeld
im Nied
In der Studie gehen die Professoren Dr. Lutz Johanning und Dr. Dirk Schiereck sowie
Björn Döhrer und Arndt Völkle auf die Erfolgswahrscheinlichkeiten und die Rendite-
von
chancen bei einer Investition mit Discount-Zertifikaten ein. Ende Mai 2017 gab es am
nning /
r / Lutz Joha
Markt bereits 190.046 Discount-Zertifikate mit vielen unterschiedlichen Basiswerten
Björn Döre k / Arndt Völk
le
Dirk Schierec
Juni 2017
und verschiedenen Ausstattungsmerkmalen. Damit haben Anleger die Möglichkeit,
per Discounter in eine Vielzahl von Basiswerten zu investieren. Das Ergebnis der Studie
wird die Leser überraschen. Das sind gute Nachrichten für Anleger beim derzeitige
Anlagealternative. Auch die neue Discount-
Studie des DDV zeigt wieder, dass Zertifikate
Zinstief. Auf der Internetseite des DDV unter www.derivateverband.de kann die
für konservative Anleger geeignet sind. Studie kostenlos heruntergeladen werden.
!derivate M AGA Z I N 03/201707
Das könnte einer der
größten Tech-IPOs werden
Am 2. Juli 2017 veröffentlichte Reuters die Meldung über den Aufgrund der Ungewissheit über die Weiterentwicklung des
IPO von Dropbox. Das Geschäftsmodell von Dropbox ist genial Geschäftsmodells wurde die IPO-Bewertung gesenkt. Seit
einfach, aber nicht konkurrenzlos. Daten werden auf einen dem Börsengang hat sich der Kurs nun knapp über dem Lis-
Server geladen und können mit Rechten versehen, geteilt und ting-Preis von 24 US-Dollar festgesetzt. Die Sorgen kommen
bearbeitet werden. Die Dropbox Inc. hisst nun öffentlich die nicht von ungefähr. Private Investoren erhöhen den Druck
Segel Richtung Börsengang. Laut Reuters könnte es zum größ- auf die Unternehmen, ausgezahlt zu werden. Nicht zuletzt,
ten Tech-IPO seit Snapchat werden. da die Einnahmen aus Tech-IPOs von 34 Milliarden US-Dol-
lar im Jahr 2014 auf 6,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015
Aber dieser IPO wird auch ein sehr wichtiger Test. Was ist und sogar noch weiter auf 2,9 Milliarden US-Dollar im Jahr
das Geschäftsmodell des Data-Sharings wirklich wert? Noch 2016 gesunken sind, so Reuters.
2014 wurden fast 10 Milliarden US-Dollar in einer privaten
Finanzierungsrunde eingesammelt. Mehrere große US-Tech- Zum Vergleich: Der größte Marktbegleiter Box Inc. wurde
Unternehmen haben in den letzten Monaten diesen Schritt 2015 mit 1,67 Milliarden US-Dollar bewertet – viel weniger als
gewagt und äußerten Besorgnis darüber, dass Börseninves- seine Bewertung von 2,4 Milliarden US-Dollar bei den voran-
toren die Bewertung herabsetzen könnten, weil sie höhere gegangenen Investitionsrunden. Nun kann Dropbox Inc. einen
Gewinne anstreben. Bei Snapchat ist genau das geschehen. weiteren Meilenstein für Tech-Investments setzen.
„Im Risiko steckt
die Belohnung.“
Carl Icahn
Teilnehmen und Trading-
Tagebuch gewinnen
Erfolgreiche Trader machen es ebenso wie Unternehmer: Sie führen
ein Tagebuch über Käufe, Verkäufe, Gewinne und Verluste, Risiken
und Chancen. Aktuell am Markt erschienen ist nun ein speziell auf
die Bedürfnisse von Tradern zugeschnittenes Trading-Tagebuch in
Zusammenarbeit mit Deutschlands bekanntestem Day-Trader, Gio-
vanni Cicivelli (www.plassen-buchverlage.de). 160 Seiten broschiert
ISBN: 978-3-86470-468-0
Das Derivate Magazin verlost 10 Exemplare. Mehr dazu ab sofort auf Börsenbuchverlag
Facebook unter: www.facebook.com/derivate.magazin.08 ! MARK TDATEN INDIZES
INDIZES WELTWEIT
14.000
13.000
12.000
DAX ZUM 30.06.2017
11.000
12.325,12 Punkte
10.000
Performance 1 Jahr: +27,32%
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Quelle: Ariva.de
22.000
21.000
20.000
DOW JONES ZUM 30.06.2017
19.000
21.349,63 Punkte
18.000
Performance 1 Jahr: +19,07%
17.000
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Quelle: Ariva.de
1.200
1.150
1.100
SCALE INDEX ZUM 30.06.2017
1.050 1.158,39 Punkte
Illustration: liangpv / iStock
Performance 4 Monate: +15,84%
1.000
7
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07
03
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06
Quelle: finanzen.net
!derivate M AGA Z I N 03/201709
INDEXDATEN WELTWEIT
INDEX 30.06.16 30.09.16 31.12.16 31.03.17 30.06.17
Euro Stoxx 50 2.864,74 3.002,24 3.290,52 3.004,93 3.441,88
DAX 9.680,09 10.511,02 11.481,06 12.312,87 12.325,12
FTSE 100 6.504,33 6.899,33 7.142,83 7.322,92 7.312,72
SMI 8.020,15 8.139,01 8.219,87 8.658,89 8.906,89
CAC 40 4.237,48 4.448,26 4.862,31 5.122,51 5.120,68
RDX 1.080,55 1.158,90 1.442,67 1.329,74 1.135,40
Dow Jones 17.929,99 18.308,15 19.762,60 20.663,22 21.349,63
S&P/TSX 60 14.064,54 14.725,00 15.287,59 15.547,75 15.182,19
Shanghai Composite 2.929,61 3.004,70 3.103,64 3.222,51 3.192,43
Nikkei 225 15.575,92 16.449,84 19.114,37 18.909,26 19.946,51
Sensex 26.999,00 27.865,00 26.626,46 29.620,50 30.921,61
Quelle: OnVista Media, finanzen.net
Bovespa 51.526,00 58.367,00 60.268,83 64.984,06 62.899,97
Quelle: OnVista Media, finanzen.net
BÖRSEN DIESER WELT
SCALE – KAPITAL FÜR KMU
Es ist nicht der erste Versuch der Deutschen Börse, in das Feld der
kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMUs) vorzudrin-
gen. Der „Neue Markt“ ist vielen Anlegern noch ein Begriff. SCALE
soll nun wachstumsorientierten und jungen Unternehmen einen
besseren Zugang zu Eigenkapital verschaffen. Aber die Deutsche
Börse musste sich lange von der Bundesregierung in diese Richtung Foto: hanibaram / iStock
stoßen lassen. Lange hat sie sich geweigert, diesen Markt wieder
anzugehen, da die Erinnerungen an die Jahre 1997 bis 2003 nicht
allzu positiv waren. Das neue Ökosystem für Wachstum umfasst zu
Beginn 37 Unternehmen ohne Branchenschwerpunkt. Aber es gibt
andere Grenzen. So müssen Anwärter mindestens einen Umsatz
von zehn Millionen Euro erwirtschaften, einen Jahresüberschuss
ausweisen, einen positiven Nachweis über das Eigenkapital vorle-
gen oder mindestens 20 Mitarbeiter vorweisen können. Drei dieser
vier Kriterien müssen erfüllt sein. Eine Prämisse ist allerdings,
dass das Unternehmen seit mindestens zwei Jahren besteht. Wei-
tere Kriterien finden sich auf der Homepage der Deutschen Börse.10 ! TITELTHEMA
START-UPS
Chancen, Risiken, Kriterien für Investoren
Foto: JoshuaCreative / iStock
!derivate M AGA Z I N 03/201711
Durchstarten. Für Unternehmensgründer wie
Investoren bieten Start-ups große Chancen
und große Risiken. Wer sorgfältig prüft, kann
vielleicht sogar nach den Sternen greifen.
Niedrige Zinsen auf der einen und hohe Renditeerwartungen auf der anderen
Seite bewegen Unternehmen wie Privatanleger dazu, in Start-up-Unternehmen
zu investieren. Dabei sind der Vorstellungkraft keine Grenzen gesetzt – die
Investorenreise kann sogar bis zum Mars gehen. Von den enormen Gewinnen
der Investoren in WhatsApp, Facebook oder Uber wird häufig die gefährliche
Seite dieser Medaille verdeckt. Denn aus überoptimistischen Start-up-Träumen
kann schnell ein Alptraum werden.12 ! TITELTHEMA
Start-ups – gemäß dem „Deutschen Startup Monitor Unternehmen bereiten sich und ihre Produkte auf das
2016“, einer Studie von KPMG, sind das Unternehmen, Internet der Dinge vor und auch hier spielen Start-ups
die jünger als 10 Jahre sind und über ein hoch innova- eine herausragende Rolle. Entsprechend installieren
tives Produkt verfügen. Erfolgsstorys über verdiente Konzerne aus allen Branchen ihre eigenen Venture-
Milliarden findet man heute an jeder Ecke. Das gesamte Capital-Unternehmen, um sich den Markt von morgen
Segment ist darauf ausgerichtet, positiv zu sein und po- zu sichern.
sitiv zu denken. Natürlich – denn wer nicht überzeugt,
bekommt auch kein Geld. Und so haben sich Start-ups zu EINHÖRNER SAMMELN DAS MEISTE GELD EIN
einer eigenen Welt mit eigenen Messen, Medien und vor
allem Regeln entwickelt. Disruptiv bringen sie beste- Start-ups mit einer Bewertung von mindestens einer
hende Branchen durcheinander und machen Geschäfts- Milliarde Dollar sind auch als Einhörner bekannt. Da
modelle obsolet. Trotz der teilweise hohen Investitionen dies heute häufiger vorkommt als die Fabelwesen, hat
können Start-ups natürlich scheitern. eine Verfeinerung des Begriffs stattgefunden: Demnach
werden Unternehmen mit einer Bewertung von über
KEINE BRANCHE BLEIBT VERSCHONT zehn Milliarden Dollar als Decacorns, also Zehnhörner,
bezeichnet.
Heute sind viele Branchen digitalisiert. So hat beispiels-
weise die klassische Werbeagentur längst ausgedient. In Deutschland ist ein leichter Anstieg der Investiti-
Das Design von Flyern oder gar ganzen Magazinen tionen in Einhörner zu verzeichnen. Laut einer Studie
übernehmen Onlinetools wie canva.com zum Teil kos- von KPMG haben Einhörner in Deutschland im ersten
tenlos. Das Konzept der klassischen Push-Werbung hat Quartal 2017 rund 400 Millionen Dollar eingesammelt.
sich nach und nach in Content- und Performance Marke- Der Quartalsdurchschnitt der letzten beiden Jahre lag
ting gewandelt. Doch die Digitalisierung ist noch lange bei 380 Millionen Euro. Vor allem die Bereiche FinTech
nicht am Ende. und Life Science profitierten – sie erhielten etwa 40 Pro-
zent des investierten Kapitals. Im gesamten Jahr 2010
wurden laut KPMG gerade mal 700 Millionen Dollar in
DIE WICHTIGSTEN START-UP-BRANCHEN 2016 Deutschland investiert.
DEUTSCHLANDS BEKANNTESTE
15,0 % START UP-SCHMIEDE
32,6 %
Auch Rocket Internet aus Berlin fungiert als Ven-
10,2 % ture-Capital-Unternehmen. Gegründet von den drei
Samwer-Brüdern, die einst die Werbelandschaft mit
8,9%
Jamba-Klingeltönen überfluteten, hat sich Rocket in den
letzten Jahren zu einem Global Player entwickelt. Unter-
3,6 % nehmen wie Zalando oder HelloFresh sind international
4,4 % 8,7 % bekannt und gehören zu den erfolgreichsten Invest-
ments. Mit dem Global Founders Fund investieren die
5,3 % 6,0 %
5,4 % Samwer-Brüder direkt in die von Rocket gegründeten
IT/Softwareentwicklung Start-ups aus den Bereichen Food & Groceries, Fashion,
Software as a Service General Merchandise sowie Home & Living oder sichern
Industrielle Technologie/Produktion/Hardware sich Anteile an vielversprechenden externen Gründun-
E-Commerce gen. Zur Risikodiversifizierung lohnt sich durchaus ein
Consumer Mobile/Web Application Blick auf die zwischenzeitliche Performance der Ro-
Bio-, Nano- und Medizintechnologie cket-Aktie (WKN A12UKK). Seit dem Börsengang im
Online-Markt Oktober 2014 und dem Höchststand der Raketen-Aktie
Beratungsunternehmen bei über 57 Euro hat das Papier fast 65 Prozent an Wert
Medien- und Kreativwirtschaft verloren – ein Grund dafür dürfte in der Konsolidierung
Andere Branchen von Rocket liegen, denn auch Rocket Internet hat ein
Quelle: Bundesverband Deutsche Startups; KPMG paar „Fuck-ups“ hingelegt.
!derivate M AGA Z I N 03/201713
DAS LAND DER BANKEN DIE BEKANNTESTEN
SOCIAL-TRADING-PLATTFORMEN
Deutschland ist dank Frankfurt ohnehin ein äußerst www.etoro.com Etoro.com verspricht den Handel mit
starker Bankenstandort. Zudem ziehen einige Banken hunderten weltweiten Vermögens-
Mitarbeiter aus London ab, um sie in Paris und Frank werten, darunter Aktien, Währungen,
furt zu platzieren. Auch hier wird versucht, die Schwarm Indices und Rohstoffe sowie neue
ETFs mit konkurrenzfähigen Margen
intelligenz der Menschen zu nutzen. Social Trading
und flexiblem Hebel
nennt sich ein Trend, bei dem Investoren ihre Depots
www.avatrade.de Ermöglicht den Handel von Bitcoin-
öffentlich führen und somit Neulinge die Möglichkeit CFDs
haben, zu lernen und ihr Risiko zu minimieren. Anbie www.wikifolio.de Der Investor kann unterschiedlichen
ter sind hier zum Beispiel etoro.com oder wikifolio.de. Wikifolios folgen und deren Inves
titionen für das eigene Depot über
Social Trading ist eine innovative Methode der Geldan nehmen
lage, die mit Zulutrade 2007 ihren Anfang nahm. Aller www.thewhitebox.eu Online-Vermögensverwalter mit einer
jahrzehntelangen erfolgreichen und
dings war bereits der erste Börsenbrief nichts anderes
in Studien überprüften Investitions-
als die Weitergabe von Handelssignalen. Beim Social theorie (lt. eigener Website)
Trading erfolgen die Signale dagegen in Echtzeit und www.easyfolio.de Der Investor kann erfolgreichen Tra-
die Stärken der besten Anleger können für aktives und dern folgen, gleichzeitig unterschied-
passives Trading genutzt werden. liche Depots einzusehen und diese
Strategien für sich übernehmen
Auch die Banken haben Social Trading für ihre Kunden Quelle: Derivate Magazin
entdeckt und vernetzen sich mit den neuartigen Plattfor
men. Verdienten sie in der Vergangenheit ihr Geld tra
ditionell mit Krediten und Zinsen, wurde die Luft auch Beim Crowdinvesting beteiligt sich der Investor direkt
durch die Niedrigzinsphase der letzten Jahre dünner. an dem Unternehmen. Die Plattformen im Netz, über die
Kleinere Anbieter wie bonify.de zum Beispiel vermitteln Gründer Geld bei Investoren und Kleinanlegern einsam
ihren Nutzern Finanzprodukte passend zu und abhän meln, heißen zum Beispiel Seedmatch, Startnext, Berg
gig von deren Finanzsituation und Bonität. Kapilendo fürst, Companisto oder Kickstarter. Wie eine Beteiligung
dagegen positioniert sich als Online-Kreditmarktplatz, strukturiert wird, entscheidet das Unternehmen selbst. In
der kleinen und mittelständischen Unternehmen eine den Jahren 2012 bis 2016 wurden insgesamt 4.845 Pro
Finanzierung durch Privatleute ermöglicht. Engel & Völ jekte mit einem Gesamtvolumen von 183,5 Millionen
kers Capital ermöglicht sogar ab 100 Euro den Einstieg Euro durch Crowdfunding finanziert. Seit dem 10. Juli
in die Finanzierung von Luxus- und Geschäftsobjekten. 2015 sind die Rechte des Crowd-Investors im Kleinan
legerschutzgesetz geregelt. ➝
ALLE GEMEINSAM
„Mit Crowdfunding ist heute alles möglich.
Kleinanleger können von dem seit Jahren anhaltenden Unser Produkt iCrowdU verbindet alle Arten
Trend hin zur Crowd profitieren. Das einfachste Investiti des Crowdfundings auf einer Plattform und
onsvehikel stellt Crowdfunding beziehungsweise Crow macht sie damit viel leichter zugänglich. Wir
dinvesting dar. Der Unterschied: Beim Crowdfunding binden sogar die sozialen Netzwerke mit ein
kauft der Investor das Produkt, welches zwar Marktreife und sind damit komplett transparent.“
hat, aber noch nicht erhältlich ist, zu einem Vorzugspreis. Alexander Holtermann, CIO von iCrowdU
CROWDFUNDING
Donation-based Rewarded-based Lending-based Equity-based
Spendenbasierte Crowdfunding, z. B. Crowdfunding mit Gegenleistung, z. B. kreditbasierte Crowdfunding, z. B. Crowdinvesting, z. B.
• Leetchi.com • Kickstarter.com • Auxmoney.com • Unternehmerich.de
• Betterplace.org • Startnext.com • Fundingcircle.de • Exporo.de
• Socialfunders.org • Fairplaid.org • Unternehmerich.de • Companisto.de
Quelle: Derivate Magazin14 ! TITELTHEMA
DEUTSCHE START-UPS 2016
UMSATZ
Kein Umsatz 20,1 %
1 – 25.000 € 22,6 %
25.000 – 50.000 € 8,1 %
50.000 – 150.000 € 16,4 %
150.000 – 250.000 € 20,1 %
250.000 – 500.000 € 9,2 %
500.000 – 1 Mio. € 6,8 %
1 Mio. – 2 Mio. € 5,1 %
2 Mio. – 5 Mio. € 2,5 %
5 Mio. – 10 Mio. € 0,6 %
10 Mio. – 25 Mio. € 0,8 %
25 Mio. – 50 Mio. € 0,6 %
Über 50 Mio. € 0,3 %
0% 5% 10 % 15 % 20 % 25 %
FINANZIERUNGSQUELLEN
Eigene Ersparnisse 84,1 %
Staatliche Fördermittel 35,5 %
Freunde und Familie 30,2 %
Business Angel Capital 22,6 %
Innenfinanzierung (operativer Cashflow) 19,4 %
Venture Capital 18,8 %
Bankdarlehen 14,6 %
Inkubator, Company Builder und/oder Accelerator 8,3 %
Andere Kapitalquellen 4,7 %
Crowdfunding/-investing 4,1 %
Venture Debt 1,4 %
0% 10 % 20 % 30 % 40 % 50 % 60 % 70 % 80 % 90 %
AUFGENOMMENES EXTERNES KAPITAL
18,7 % Bis 25.000 €
10,8 % 25.000 – 50.000 €
22,5 % 50.000 – 150.000 €
7,7 % 150.000 – 250.000 €
8,9 % 250.000 – 500.000 €
11,0 % 500.000 – 1 Mio. €
8,4 % 1 – 2 Mio. €
6,6 % 2 – 5 Mio. €
2,3 % 5 – 10 Mio. €
Foto: HASLOO / iStock
2,4 % 10 – 25 Mio. €
0,5 % 25 – 50 Mio. €
0,2 % Über 50 Mio. €
!derivate M AGA Z I N 03/201715
ENTWICKLUNGSPHASEN
1,6 % 2,6 % Seed Stage Konzeptentwicklung ohne Umsätze
Startup Stage Marktreifes Angebot;
erste Umsätze und/oder Kundennutzen
21,8 % Growth Stage Marktreifes Angebot;
23,0 %
starkes Umsatz- oder Nutzerwachstum
Later Stage Etablierter Marktteilnehmer
und/oder plant Trade-Sale; Börsengang erfolgt
48,3 % oder steht bevor
Stead Stage Start-up weist kein starkes
Umsatz- oder Nutzerwachstum mehr auf
HAUPTSITZ
Nordrhein-Westfalen 19,1 %
Berlin 17,0 %
Baden-Württemberg 12,4 %
Bayern 12,1 %
Niedersachsen 10,7 %
UNTERNEHMENSALTER
Hamburg 6,4 %
Hessen 5,4 %
Bis 1 Jahr 31,8 %
Sachsen 5,1 %
1 - 2 Jahre 20,8 %
Rheinland-Pfalz 2,7 %
2 - 3 Jahre 16,9 %
Schleswig-Holstein 1,9 %
3 - 4 Jahre 11,9 %
Bremen 1,7 %
4 - 5 Jahre 5,8 %
Brandenburg 1,5 %
5 - 6 Jahre 4,6 %
Sachsen-Anhalt 1,2 %
6 - 7 Jahre 3,3 %
Thüringen 1,2 %
7 - 8 Jahre 2,2 %
Mecklenburg-Vorpommern 1,0 %
8 - 9 Jahre 1,5 % Saarland 0,5 %
9 - 10 Jahre 1,2 %
0% 5% 10 % 15 % 20 % 25 % 30 % 35 %
Quelle: Bundesverband Deutsche Startups; KPMG;
Uni Duisburg-Essen (Lehrstuhl für E-Business und E-Entrepreneurship,
Prof. Dr. Tobias Kollmann, netCAMPUS)16 ! TITELTHEMA
DIREKT INVESTIEREN deten Inkubatoren erachtet. Sie unterstützen Start-ups
mit Venture Capital, begleiten die Gründer, bieten per-
Eine andere Möglichkeit sind Direktinvestitionen in Ak- sonelle Unterstützung und Infrastrukturlösungen. Bei-
tien. Ein Start-up, das den Weg an die Börse geschafft spiele aus Deutschland sind hub:raum, Main incubator
hat, kann im Regelfall ein funktionierendes Geschäfts- oder Project A Ventures. Neben Inkubatoren werden auch
modell und seine Börsentauglichkeit nachweisen. Trotz- Acceleratoren immer beliebter. Primär sind Acceleratoren
dem ist hier zu bedenken, dass ein Start-up trotz IPO auf die Unterstützung von Start-ups mit IKT-Schwer-
nicht zwingend schwarze Zahlen schreiben muss. Dazu punkt (Informations- und Komunikationstechnologie)
kommt die Gefahr einer sehr volatilen Aktie. Das Ver- ausgerichtet. Accelerator-Angebote gibt es aber auch für
ständnis des Marktes sowie eine grundlegende Funda- Start-ups aus der Medizin-, Bio- oder Clean-Technik. Oft-
mentalanalyse sind hier dringend empfohlen. mals werden beide als Inkubatoren bezeichnet, obwohl
sie sich in wesentlichen Punkten unterscheiden.
VENTURE-CAPITAL-FONDS
INVESTIEREN IN FINTECHS
Jeder Fonds hat nicht nur seinen eigenen Investment-
Fokus, sondern auch eine eigene Herangehensweise. Zertifikate, die auf die Entwicklung junger Techfirmen
Während die klassischen VC-Fonds von großen Inves setzen, gibt es bislang kaum. Als eine der ersten Banken
toren und Konzernen mit Kapital ausgestattet werden, hat UBS ein Papier herausgegeben, mit dem Anleger an
haben sich auch hier neue Modelle etabliert. Kleinere der Entwicklung mehrerer FinTechs teilhaben können.
Unternehmen oder auch Freunde mit unternehmeri- FinTechs sind Start-ups, die Banken Konkurrenz machen
scher Erfahrung schließen sich zusammen und bringen und zum Beispiel Lösungen zum mobilen Bezahlen ent-
Kapital und Erfahrung mit. Saarbrücker21 ist nur ein wickeln. Das Solactive Fintech 20 Total Return Index-Zer-
Beispiel. Die Investoren haben alle mindestens ein tifikat (WKN UBS1FT) bildet die Kursentwicklung des
Unternehmen erfolgreich aufgebaut und sorgen mit ih- gleichnamigen Index ab, der die Wertentwicklung von
rer Erfahrung dafür, dass ihr investiertes Kapital nicht 20 börsenotierten Unternehmen widerspiegelt, die im
Anfängerfehlern zum Opfer fällt. Bereich FinTech tätig sind und dem Anleger damit ziel-
genau eine Geldanlage in die wichtigsten Unternehmen
BRUTKASTEN FÜR IDEEN der Branche ermöglicht. Bei genauerer Betrachtung des
Index zeigt sich allerdings, dass die meisten von ihnen
Als zukunftsträchtig werden derzeit vor allem die für bereits seit Jahren am Markt aktiv sind und daher streng
die Umsetzung von Geschäftsideen im Internet gegrün- genommen keine Start-ups mehr sind. ➝
DIE GRÖSSTEN VENTURE-CAPITAL-UNTERNEHMEN IN DEUTSCHLAND
NAME FOKUS
Tengelmann Ventures Early- und Later-Stage-Investments in den Bereichen Consumer Internet, Marketplaces und Technologie
Bertelsmann Digital Media BDMI Investiert aus einem Seed- und einem traditionellen Fond im Frühstadium. Vorrausetzung für ein Investment
Investments aus dem Seed-Fond ist die Existenz eines Produktes bzw. einer Dienstleistung, die bereits am Markt ist
Boehringer investiert in Immunmodulation, im Speziellen Immun-Onkologie und Geweberegeneration
Boehringer Ingelheim Venture Fund
wie Stammzellen und neue Therapieformen, zur Gentherapie und Zelltherapeutika
RBVC Investiert im Seed-, Früh- und Spätstadium und beteiligt sich an Folgeinvestitionen an
Robert Bosch Venture Capital
privaten Unternehmen
Merck Global Health Merck investiert unter anderem in Präzisionsmedizin, Lösungen zur Entscheidungsunterstützung bei Ärzten und
Innovation Fund Gesundheitsinformationen
Quelle: Derivate Magazin, berlinvalley.com stellt eine umfassende Übersicht mit Venture-Capital-Unternehmen zur Verfügung.
!derivate M AGA Z I N 03/201717
Nairobi, die Hauptstadt Kenias, zählt zu den
wichtigsten Wirtschaftsmetropolen im Osten
von Afrika.
Foto: Jacek_Sopotnicki / iStock18 ! TITELTHEMA
Für Anleger, die das Einzelrisiko eines Aktieninvest- welcher Phase sie investieren möchten. Die Seed Stage
ments nicht scheuen, könnte ein Blick auf die FinTech (Vorgründungsphase), also der frühesten Phase des Un-
Group AG (WKN 524960) interessant sein. Hierbei han- ternehmens, birgt Gefahren, verspricht aber die höchs-
delt es sich um eines der führenden Finanztechnologi- ten Renditen. Investoren können ihr Risiko minimieren,
eunternehmen aus Deutschland, das eine Kooperation indem sie ihre Investition als Fremdkapital einbringen,
mit Rocket Internet in Erwägung zieht, um FinTechs zeitlich befristen und dessen Rückzahlung vorrangig
noch schneller an den Markt zu bringen. gegenüber den Gründern behandeln lassen. Bringen sie
allerdings das Kapital als Eigenkapital ein, wird es nicht
Ein weiteres Beispiel wäre die Quirin Bank (WKN vorrangig behandelt, verspricht aber höhere Rendite.
520230). Diese hat mit quiron ein Robo-Advisor-Produkt
am Markt, mit dem sie aktuell 40 Millionen Euro ver- Die Start-up-Phase bringt bereits die Struktur in Form
waltet. der Unternehmensgründung und der Erstellung des Bu-
siness-Plans ein. In der Wachstumsphase wird dagegen
Bei der German Startups Group (WKN A1MMEV) han- das meiste Kapital benötigt: Die Marktdurchdringung
delt es sich um eine Beteiligungsgesellschaft mit Sitz steht an und die Gewinnzone wird angestrebt. Das Geld
in Berlin und Fokus auf jungen, schnell wachsende Un- wird in dieser Phase meist für den Vertriebsausbau ge-
ternehmen. Sie erwirbt Mehrheits- und Minderheitsbe- nutzt.
teiligungen, insbesondere durch die Bereitstellung von
Venture Capital. In der Later Stage wird das Unternehmen konsolidiert. Sa-
nierungen und Umstrukturierungen werden fällig, um die
VENTURE CAPITAL ODER AUCH Gewinnzone zu erreichen oder den Gewinn zu optimieren.
WAGNISKAPITAL Hier erfolgt meistens der Management-Buy-Out inklusive
der Akquise von neuem Fremdkapital. In der Steady Stage
Bevor sich ein Investor für eine Investition in ein Start- hat sich das Unternehmen am Markt etabliert. Es gilt, das
up entscheidet, sollten die einzelnen Investitionsphasen Unternehmen mit weiteren Produkten oder Dienstleistun-
analysiert werden. Investoren sollten sich fragen, in gen fit für weiteres Wachstum zu machen.
DIE INVESTITIONSPHASEN
60 %
50 % 48,3 46,7
44,1 45,6
Anzahl der Befragten:
40 %
2016 (n-Wert: 1215)
31,9 2015 (n-Wert: 1056)
30 % 27,5 26,8 2014 (n-Wert: 900)
21,8 21,4 21,9 23,0
2013 (n-Wert: 439)
20 % 17,5
10 %
4,0 4,1
1,6 2,1 2,3 0,7 1,6 0,0
0%
Seed-Stage Startup-Stage Growth-Stage Later-Stage SteadyStage
Das Start-up befindet sich Das Start-up stellt aktuell Das Start-up hat ein Das Start-up ist ein Das Start-up weist
in der Konzeptentwicklung ein marktreifes Angebot maktreifes Angebot und etablierter Marktteil- gewollt oder ungewollt
und realisiert noch keine fertig und realisiert erste realisiert ein starkes nehmer und/oder plant kein starkes Umsatz-
Umsätze Umsätze und/oder Umsatz- und/oder den Trade-Sale/Börsen- und/oder Nutzerwachsum
Kundennutzen Nutzerwachstum gang, dieser ist erfolgt oder mehr auf
steht unmittelbar bevor
Quelle: Bundesverband Deutsche Startups; KPMG
!derivate M AGA Z I N 03/201719
VORHERIGE GRÜNDUNGEN DES GRÜNDERS VERHÄLTNIS DES GRÜNDERS ZUM VORHERIGEN
START-UP
4,4 % 5,8 %
5,8 % 3,3 %
44,4 %
12,1 % 11,1 %
50,9 % 11,9 %
26,8 %
23,3 %
Ich bin weiterhin Gesellschafter,
das Unternehmen besteht noch
Keine Gründung
1 Gründung Der Geschäftsbetrieb wurde freiwillig eingestellt
2 Gründungen Mein anderes Unternehmen wurde vollständig verkauft
3 Gründungen Ich bin als Gesellschafter ausgeschieden,
das Unternehmen besteht jedoch weiterhin
Mehr als 3 Gründungen
Der Geschäftsbetrieb musste aufgrund
einer Insolvenz eingestellt werden
Anderer Grund
Quelle: Bundesverband Deutsche Startups; KPMG Quelle: Bundesverband Deutsche Startups; KPMG
QUALITÄT ERKENNEN OHNE RISIKO GEHT ES NICHT
Geht es um eine Investition in ein Unternehmen, wird Bei jeder Investition muss das Risiko minimiert werden.
diese unabhängig vom Alter des Unternehmens getätigt. Dafür ist eine Risikodiversifikation unerlässlich, die über
Entscheidendent sind die verantwortlichen Menschen. unterschiedliche Fonds, Branchen, Aktien und Crowdfun-
Bei Start-ups sollten die Gründer bereits mehrere Jahre ding-Projekte erfolgen kann. Dafür sollte man sich anfangs
Erfahrungen gesammelt haben. Dazu ist die Zusammen- mit einer geringeren Rendite zufriedengeben. Eine Emp-
setzung der Führungsriege wichtig. Mehrere Führungs- fehlung könnte daher lauten, der Schwarmintelligenz zu
kräfte mit komplementären Erfahrungen verringern vertrauen und zu lernen, wie der Markt neue Geschäfts-
das Risiko des Scheiterns. ideen einschätzt. Start-ups stellen eine lukrative Investiti-
onsmöglichkeit dar. Allerdings sollte auch hier das Risiko
Ein guter Indikator sind die Investoren. Sobald große auf unterschiedliche Unternehmen und Branchen verteilt
Namen Investitionen tätigen, kann davon ausgegangen werden und es empfiehlt sich, nur in solche Projekte zu
werden, dass das Geschäftsmodell detailliert durch- investieren, deren Geschäftsmodell man versteht. „Wenn
leuchtet und für zukunftsfähig befunden wurde. Auch man Aktien junger Firmen kauft, ist das Risiko grundsätz-
eine Förderung ist ein gutes Zeichen. Gefördert werden lich größer als bei etablierten Konzernen“, sagt Jürgen Kurz
laut Bundesministerium für Energie und Wirtschaft nur von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbe-
innovative Projekte mit hohem Wachstumspotenzial, in- sitz. Verbraucherschützer raten, allenfalls „Spielgeld“ ein-
ternationaler Marktdimension und in Kürze geplantem zusetzen: Geld, auf das man im Zweifel verzichten kann.
Markteintritt sowie nachgewiesenem Proof-of-Concept. Start-ups haben nicht nur viele Milliardäre und Millionäre
Erfolgt die Nominierung oder sogar der Gewinn eines hervorgebracht, sondern auch viel Gutes bewirkt. Die Art
Preises (z.B. deutscher Gründerpreis), kann mit guten und Weise wie wir heute leben, wäre ohne Innovationen
Gewissen die Tiefenanalyse starten. und Vordenker nicht vorstellbar.
Philiph Rausch20 ! DERIVATE
HANDELSFREIHEIT
FÜR PRIVATANLEGER
Foto: Sezeryadigar / iStock
!derivate M AGA Z I N 03/201721
Die zweite Jahreshälfte beginnt traditionell mit den
Sommerferien. Auf die Berichts- folgt die Feriensaison.
Für viele ist es die Zeit der Sommerfrische – ausspannen
und neue Energie tanken. Obwohl Urlaub innerhalb
Deutschlands voll im Trend liegt, so zieht es doch auch
viele Familien ins Ausland. Ob nun, um den eigenen
Horizont zu erweitern, kulturelle Unterschiede wahr-
zunehmen oder einfach am Strand zu verweilen. In jedem
Fall aber kostet Urlaub Geld. LARS BRANDAU (50) ist seit
Gründung des Deutschen Derivate
Verbands (DDV) dessen Geschäfts-
führer und vertritt den DDV auch in
Einer aktuellen Studie zufolge haben deut- Anlagementalität wünschenswert. Sichere den Arbeitsgruppen des europäischen
sche Haushalte für alle Reisen zusammen Häfen sind, soweit überhaupt vorhanden, rar Dachverbands EUSIPA. Der studierte
im vergangenen Jahr im Durchschnitt mehr und renditearm. In Zeiten niedriger Zinsen Germanist und Politologe gilt als
als 4.300 Euro ausgegeben. Dabei bezahlt ist zwar das Sparbuch trotz leicht steigender ausgewiesener Kommunikations-
die Mehrheit ihre Reise mit Geld, das sie Inflationsrate noch immer die Geldanlage- profi. Zuvor war er unter anderem in
extra dafür gespart hat. So hat jeder Zwei- form Nummer eins, gefolgt von einer Im- verschiedenen leitenden Funktionen
te in der Vergangenheit bereits ganz gezielt mobilie sowie dem Tagesgeldkonto, aber die beim Nachrichtensender n-tv tätig,
für eine größere Reise unterschiedlich hohe Attraktivität sämtlicher kapitalmarktaffiner zuletzt als Chefmoderator. In dieser
Beträge zurückgelegt. Nahezu jeder Vierte Finanzprodukte hat zugenommen. Dieser Zeit berichtete er als Reporter aus
spart monatlich, ohne eine konkrete Reise Trend wird uns aller Voraussicht nach auch Kriegs- und Krisengebieten, kom-
gebucht zu haben. im zweiten Halbjahr durchgängig begleiten. mentierte zahlreiche Landtags- und
Denn diese Produkte, die immer stärker in Bundestagswahlen und moderierte
Weiter wenig Beachtung für die den Fokus der Anleger rücken (sollten), ge- drei Jahre lang die Telebörse.
Altersvorsorge ben oftmals ein durchaus lukratives Rendi-
teversprechen ab.
Im Gegensatz dazu ist der Wunsch, Geld für
die eigene Altersvorsorge zurückzulegen, Sicherlich sind gelegentliche Zweifel an-
vergleichsweise gering ausgeprägt. Viele gebracht und nachvollziehbar. Denn die
Menschen leben eben im Hier und Jetzt. Hausse an den Finanzmärkten wird früher
Sie genießen den Augenblick, ohne sich da- oder später ein Ende finden. Zumindest in
bei größere Gedanken über die Zukunft zu der Betrachtung des DAX Performance-
12,0
machen. Allerdings sollten Anleger die Not- index, der im Gegensatz zu S&P 500 und
wendigkeit der Altersvorsorge nicht ohne anderen Indizes die Dividenden einrech-
Weiteres aus den Augen verlieren. Denn net, verzeichnen wir Rekordstände – allein
nur, wer heute schon bereit ist, für morgen bis zur Jahresmitte ein ebenso unerwar
zu sparen, wird auch seinen aktuellen Le- tetes wie deutliches zweistelliges Plus.
bensstandard im Alter halten können. Das alles bei erschreckend niedriger Vo-
latilität. In der Summe erwarten Exper-
Kapitalmarkt immer attraktiver ten deshalb zumindest kurzfristig Rück- Mrd. Euro steckten
für Kleinanleger schläge an den Märkten. Heißt das nun im bereits Ende Q1 2017 in
Umkehrschluss, Finger weg vom Kapital- Express-Zertifikaten.
Angesichts der sogenannten „äußeren“ markt? Nein, das wäre wahrscheinlich viel
Umstände wäre hier ein Umdenken in der zu kurz gedacht. ➝22 ! DERIVATE
Express-Zertifikate und Anleihen Mrd. Euro gestiegen. Somit sind zusammen
verzeichnen Nachfrageplus mehr als 22 Mrd. Euro, fast ein Drittel des
Gesamtmarkts, in Express-Strukturen und
Strukturierte Wertpapiere in ihrer gesamten Aktienanleihen investiert. Doch damit nicht
Bandbreite können gerade in diesem Umfeld genug.
eine durchaus reizvolle Ergänzung im Port-
folio sein. Denn je nach persönlicher Markt- Gewinne bei fallenden Kursen
meinung können Anleger dabei das für sie
passende Produkt auswählen. Der Blick auf Anleger, die angesichts der Index-Rekord-
die Umsätze und das investierte Volumen stände künftig eher seitwärts tendierende
einzelner Kategorien legt diesen Schluss oder leicht fallende Kurse erwarten, soll-
nahe. Allen voran die sehr nachgefragten ten sich Discount-Zertifikate einmal näher
Aktienanleihen und Express-Papiere. anschauen. Hier lautet das Motto: Höhere
UMFRAGE DES DDV Sicherheit, dafür niedrigere Gewinnchan-
Bei Express-Zertifikaten haben Anleger bei ce. Wenn sich dabei der Basiswert am Ende
Seit sechs Jahren läuft die entsprechender Entwicklung des Basiswerts der Laufzeit nicht verändert hat, erzielt der
Hausse an den Börsen. Haben Sie in der Regel bereits nach einem Jahr die Anleger einen Gewinn. Selbst wenn die Ba-
analog dazu Ihren Anteil Chance auf eine vorzeitige Rückzahlung siswerte moderat gefallen sind, muss das
an strukturierten Wertpapieren des Nennbetrags plus Prämie. Dieses Aus- Engagement mit dem Discount-Papier nicht
im Portfolio erhöht? zahlungsprofil trifft den Nerv der Anleger, im Verlust enden. Nur bei einer starken Ab-
wie eine Studie der Raiffeisen Centrobank wärtsbewegung verlieren die Investoren.
zeigt. So waren zum Stichtag 30. April 2017
23,2 % 45,3 % knapp 20 Prozent des deutschen Zertifika- Etwas mehr als 4,8 Mrd. Euro waren zum
temarkts in Express-Strukturen investiert. 30. April 2017 in diese Klassiker der Zertifi-
Vor zwei Jahren lag dieser Anteil bei „nur“ kate investiert; dabei hatten Investoren die
8 Prozent, respektive 5,6 Mrd. Euro. Auswahl aus 160.000 Produkten. Auch eine
Analyse der Deutschen Bank unterstreicht die
Auch Aktienanleihen, bei denen die Rück- Attraktivität dieser Produktkategorie.
zahlung von der Entwicklung des zugrunde-
31,5 % liegenden Basiswerts abhängt, erfreuen sich Demnach wiesen für den Untersuchungs-
nach wie vor stetig wachsender Beliebtheit zeitraum von November 1999 bis Ende 2016
bei Anlegern. Sie eröffnen das Tor zum Ak- 77,4 Prozent der über 130.000 betrachteten
Ja, Anteil wurde aufgestockt
tienmarkt, dem gegenüber viele Deutschen Papiere eine positive Wertentwicklung auf.
Der Anteil bleib unverändert
eher skeptisch eingestellt sind. Das in diese Knapp 20 Prozent sogar noch dann, wenn
Nein, Anteil wurde gesenkt
Anlageklasse investierte Marktvolumen ist sich der ihnen zugrundeliegende Basiswert
im Zeitraum von April 2015 bis April 2017 in der jeweils selben Zeitspanne negativ ent-
Quelle: Deutscher Derivate Verband,
um knapp 2 Mrd. Euro auf insgesamt 10 wickelt hat.
Trend-Umfrage Juni 2017
MARKTVOLUMEN AUSGEWÄHLTER PRODUKTKATEGORIEN (IN EURO)
30.04.2015 30.04.2017
Aktienanleihen 8,0 Mrd. 10,0 Mrd.
Discount-Zertifikate 4,8 Mrd. 4,8 Mrd.
Express-Zertifikate 5,6 Mrd. 12,0 Mrd.
Quelle: Deutscher Derivate Verband
!derivate M AGA Z I N 03/2017Fotos: fullimage.photo 23
AUFGABEN UND ZIELE
DES DDV
Der Deutsche Derivate Verband
(DDV) ist die Branchenvertretung
der 15 führenden Emittenten de-
rivativer Wertpapiere in Deutsch-
land, die mehr als 90 Prozent
des deutschen Zertifikatemarkts
repräsentieren. Darüber hinaus
unterstützen weitere 12 Förder-
mitglieder die Arbeit des Branchen-
verbands.
Seit seiner Gründung im Jahr
Engagement bringt Gewinne rierten Wertpapieren im eigenen Portfolio 2008 erarbeitet der DDV verbind-
erhöht. Mehr als 30 Prozent beließen diesen liche Standards für die Industrie.
Diese Momentaufnahme einzelner Produkt- Anteil unverändert. Lediglich ein knap- Zu den primären Zielen des DDV
kategorien zeigt, dass die Anleger ange- pes Viertel der Befragten hat die Zertifika- zählen auch die Bildung und Auf-
sichts des Zinstiefs und der durchaus ambiti- te-Quote heruntergefahren. An dieser On- klärungsarbeit. Strukturierte
onierten Börsenkurse keinen Grund haben, line-Umfrage beteiligten sich knapp 1.500 Produkte werden einer breiteren
zu verzagen. Statt der Vogel-Strauß-Metho- Personen. Dabei handelt es sich in der Regel Öffentlichkeit näher gebracht,
de ist mutiges, engagiertes Handeln sicher um gut informierte Anleger, die als Selbst- unter anderem auf der Webseite
das bessere Motto der Stunde. entscheider ohne Berater investieren. des Verbands.
Strukturierte Wertpapiere können das Port- Stillstand Vermeiden www.derivateverband.de
folio je nach individuellem Chance-Risiko-
Profil bereichern und haben Renditepoten Vorhersagen können falsch sein. Die Vorzei-
zial. In diesem Kontext stimmt es durchaus chen am Kapitalmarkt werden immer neu
zuversichtlich, dass viele Privatanleger be- justiert, Sicherheit neu definiert. Doch die
reits Rückschlüsse gezogen und sich ent- Suche nach einträglichen Renditen treibt
sprechend positioniert haben. So zumindest Anleger auch künftig weiter um. Immer
lassen sich die Ergebnisse der monatlichen mehr Anleger scheinen zu erkennen, dass
Trend-Umfrage des Deutschen Derivate Ver- sie zum Handeln verdammt sind. Insofern
bands aus dem Juni interpretieren. ist der Einsatz strukturierter Wertpapiere
im Portfolio fast schon ein „Muss“ statt ei-
Beinahe jeder Zweite (das entspricht etwa nem „Kann“.
einer Verdoppelung gegenüber den Ergeb-
nissen aus 2015) hat den Anteil an struktu- Lars Brandau24 ! ZER TIFIKATE
SCHNULLER-
ZERTIFIKATE
!derivate M AGA Z I N 03/201725
Fläschchen geben, Windel wechseln, baden und eincremen.
Die große Auswahl an nützlichen und überflüssigen Babyprodukten
machen sich einige große Konzerne zu Nutze – zum Leidwesen
des Portemonnaies besorgter Eltern. Doch auch Anleger können mit
gezielten Investments an diesem Milliarden-Markt partizipieren.
Das gilt insbesondere für Mütter und Väter, deren kleinen Familien-
mitgliedern es an nichts fehlen soll.
Eines ist klar: Eltern wollen nur das Beste für ihren Babykosthersteller Hipp trotz hoher Preise am Markt
Nachwuchs und unter keinen Umständen mit dem Ma- durchsetzen könne.
kel leben, an der Gesundheit und Sicherheit des eige-
nen Kindes zu sparen. Der Preis spielt bei den Einkäufen Von Kleingeld ist keine Rede
dann auch irgendwann keine Rolle mehr. Es wird gekauft,
was scheinbar nötig ist – die befreundeten Familien ma- Da ist es auch nicht verwunderlich, dass hier ein Mil-
chen es ja auch. liardenmarkt entstanden ist, bei dem es längst nicht
mehr um Kleingeld geht. Laut einer Nielsen-Studie
Gefangen im Kaufrausch werden in Deutschland rund 63 Prozent der abgesetz-
ten Babypflegeartikel in Drogeriemärkten verkauft.
Damit sind gerade unerfahrene Eltern die idealen Konsu- Das bedeutet, dass allein dort pro Jahr nicht weni-
menten der unzähligen Babyprodukte. Sie durchlaufen ger als 800 Millionen Euro für rund 200 Millionen
meist zwei klassische Einkaufsphasen. Die erste findet Babypflegeartikel über den Tisch gehen. So gibt es
bereits vor der Geburt statt, denn wenn kleine Strampler in der Baby industrie mittlerweile auch nichts mehr,
einfach zu niedlich und etliche Hygiene-Artikel unbe- das es nicht gibt. Man denke nur an parfümierte Win-
dingt notwendig sind sowie der Kinderwagen, das Bett deltüten, Lauflernhilfen und Feuchttuchwärmer.
und der Autositz logischerweise vom Testsieger sein müs-
sen, werden schnell die gesteckten Preisgrenzen nieder- Angesichts dieser Vielfalt an Pflege- und Medizinpro-
gerissen. dukten dürfte sich die Mehrheit der Eltern im Namen der
süßen Schreihälse über den Wickeltisch gezogen fühlen.
Der zweite Kaufrausch setzt ein, wenn das Kind endlich Sollen doch allein Deutschlands Baby-Popos mit Mittel-
da ist, die Eltern aber mit der neuen Situation kämpfen. chen im Wert von 300 Millionen Euro jährlich eingecremt
Schließlich versprechen der Schlummer-Bär, der das Ge- werden.
räusch im Mutterbauch imitiert, der Fläschchen-Wasser-
kühler, die anklemmbare Stilllampe, die Sensormatte Somit sind junge Mamas und Papas nicht um die regel-
oder Baby-CDs mit Schlafliedern weniger Stress (für die mäßigen Shoppingexpeditionen zu beneiden. Beschäfti-
Eltern). Das Gute ist: Die Hersteller von Babypflegepro- gen sich diese dann mit äußerst entscheidenden Fragen
Illustration: Anna_leni / iStock
dukten, Breigläschen und Windeln wollen ihre Produk- wie zum Beispiel, welche Beschaffenheit die Feucht
te stetig verbessern und arbeiten kontinuierlich an der tücher haben sollten. Besser mit oder ohne Aloe Vera,
Qualität. „Das hat vor allem mit unserem sehr hohen Hypoallergenen oder Bioqualität? Welche Windeln kom-
Qualitätsanspruch in Verbindung mit Verlässlichkeit men eigentlich in Frage – Baby Dry, Active Fit, Ultra
und Vertrauen zu tun. Das Original ist besser als die oder Simply Dry? Sollte es nicht wenigstens jeweils eine
Kopie und Qualität kostet Geld“, antwortete einst Claus kleine Tube mit Cremes für Gesicht, Bauch, Arme, Po
Hipp auf die Frage, wie sich der Nahrungsmittel- und und Beine sein? ➝26 ! ZER TIFIKATE
Wie der Spieß umgedreht wird Nachdem die Schweizer Ende 2014 die Babynahrungs
marken Alete und Milasan verkauft hatten, konzentrier
Mit dem Bewusstsein, dass deutsche Haushalte den te Nestlé zuletzt sein Babykostgeschäft auf die Marke
Windelherstellern einen Umsatz von 700 Millionen Euro Beba. Bereits 2007 erwarb der Lebensmittelkonzern für
und den Breiproduzenten 575 Millionen Euro pro Jahr 5,5 Milliarden Dollar von Novartis den Babykost-An
bescheren, wird schnell deutlich: Die Zeit ist gekommen, bieter Gerber, der mehr als 80 Prozent des US-Markts
in diejenigen zu investieren, die die Phasen junger El abdeckt. 2012 folgte dann die Übernahme der Babynah
tern und deren Ängste kennen, ihre Marketingstrategi rungssparte des US-Pharmariesen Pfizer. Für knapp
en darauf abstimmen und mit dem Versprechen ködern, zwölf Milliarden Dollar war Pfizer Nutrition damit
dass das Baby mit ihren Produkten sicher und gesund schweizerisch. Zudem räumt Nestlé beispielsweise mit
bleibt sowie bei der Feinmotorik, Sensomotorik oder dem Bübchen im Pflegemittelmarkt stark ab.
Denkvermögen unterstützt wird. Schließlich fährt der
Zug der Babymafia mit der Förderung der Konsumenten Auch der auf Platz zwei der Weltrangliste für Babynah
schnurstracks weiter, denn gleiches wird voraussichtlich rung liegende französische Danone-Konzern (WKN
auch für den teilweise sinnlosen Kaufrausch gelten. 851194) begleitet den Menschen nahezu das ganze Le
ben. Mit der zehn Jahre zurückliegenden Akquisition
Wer also in Unternehmen investieren möchte, die in der des Milupa-Herstellers Numico für 12,3 Milliarden Euro
Babyindustrie zuhause sind, kommt nicht an den Big steuert Babynahrung inzwischen knapp ein Viertel des
Playern vorbei, die jedoch auch in anderen Branchen Konzernumsatzes bei. Darüber hinaus ist Danone nach
aktiv sind. Dafür könnte jedoch die Risikodiversifika Analystenaussagen derzeit eines der spannendsten Un
tion ein zusätzliches Argument sein. ternehmen im Lebensmittelbereich, weil der Konzern
anders als amerikanische Blue Chips bereits sehr früh
Babybrei und Gläschen zeitig den Gesundheitstrend verfolgt hat. Entsprechend
soll die Aktie im Vergleich mit den Wettbewerbern
Abseits der Spielzeugsparte sollten vor allem die Kon günstig bewertet sein.
zerne aus der Lebensmittelbranche für langfristige
Investments interessant bleiben. Beim Weltmarktführer Zwischen Windeln und Fläschchen
für Babynahrung – gemeint ist Nestlé (WKN A0Q4DC) –
herrscht derzeit die Fantasie, dass Unternehmen zuge In den Haushalten, in denen täglich mehrere Fläsch
kauft werden könnten und das nicht nur im Babybereich, chen Babymilch getrunken werden, kommen sicherlich
sondern in sämtlichen Sektoren. Neben steigenden Pro auch Reinigungsprodukte von Procter & Gamble (WKN
duktverkäufen könnte das für weiteres Potenzial sorgen. 852062) zum Einsatz. Aber nicht nur in punkto Spülmit
tel sind die Amerikaner gut ausgerüstet. Auch beim The
ma Windeln macht ihnen so schnell keiner etwas vor.
Denn was viele unterschätzen: Die Einmalwindel ist das
Werk von Luft- und Raumfahrtingenieuren.
Nun interessieren sich Väter und Mütter nicht wirklich
dafür, wie komplex diese scheinbar intelligente Windel
aufgebaut ist. Sie muss funktionieren, darf nicht aus
laufen und dabei nicht im Bein- oder Bauchbereich des
Babys einschnüren. Trotzdem soll sie am besten alles
aufsaugen, was ihr vom Baby vollkommen selbstlos und
absolut natürlich übergegeben wird. Schließlich wollen
Papa und Mama ja nicht kontaminiert werden.
Glücklicherweise funktioniert das mit dem richtigen
Produkt und bei korrekter Anwendung bis zu einem
!derivate M AGA Z I N 03/201727
bestimmten Maß. Procter & Gamble beherrscht das mit
Pampers. Dennoch ist es beruhigend, dass die Forscher
aufgrund eines mangelhaften Urin-Fäkal-Managements,
wie es intern heißt, ständig auf der Suche nach der perfek-
ten Windel sind. Gilt es doch, den Windelgau zu verhin-
dern, denn die Nonplusultra-Windel mit Super-Absauger
ist so real wie das Fabelwesen – zumindest in den Augen
eines durchschnittlich begabten Erwachsenen der heuti-
gen Zeit. Und so erkämpften sich die Amerikaner mit Ein weiterer Grund für die ständige Weiterentwicklung
diesem Hightech-Produkt, das nicht nur der Einkap der Windel ist sicherlich auch der Ablauf von Patenten.
selung der Beladung dient, sondern auch die Haut von Drogeriemärkte wie dm, Rossmann oder Müller verwen-
dieser befreien soll, laut Experteneinschätzung einen den die „alten“ und damit patentfreien Erfindungen für
Marktanteil von 70 Prozent in Deutschland. Da ist es ihre Eigenmarken Babylove, Babydream und Beauty
nicht verwunderlich, dass das Wort Pampers bei vielen Baby und sind dadurch in der Lage, Windeln zu deut-
Verbrauchern als Synonym für Windeln schlechthin lich niedrigeren Preisen anzubieten. Trotz veralteter
gilt. Dennoch, die Forschung ist beim Thema „Wickeln“ „Technologie“ sind diese in Elternkreisen ebenfalls sehr
noch lange nicht am Ende. „Ich schließe zum Beispiel beliebt.
nicht aus, dass sich eine Pampers in Zukunft mittels
Sensor auf dem Smartphone der Eltern meldet, wenn sie Schade eigentlich, dass die dm-drogerie markt GmbH
voll ist“, prophezeit Kathy Fish, Chef-Erfinderin des Kon- & Co. KG nicht börsennotiert ist. Gleiches gilt für die
sumgüterriesen Procter & Gamble. zweitgrößte Drogeriemarktkette Deutschlands, die Dirk
Rossmann GmbH, sowie für das Handelsunternehmen
Müller Holding Ltd. & Co. KG.
Creme oder Öl
In den Drogerien selbst lässt sich jedoch bestaunen, was
es nicht alles an Pflegeprodukten für das Baby gibt.
Wenn also trotz Hightech-Windel Reinigung und Pflege
Prognostiziertes Marktvolumen fällig sind, steht der Pfleger vor der Qual der Wahl.
von Babywindeln weltweit Im Regelfall finden sich Penaten und Bebe in deren Sor-
(in Milliarden US-Dollar) timent. Diese Marken gehören zum amerikanischen
80
Pharmazie- und Konsumg üterhersteller Johnson & John-
son (WKN 853260), welcher etwa 10 Prozent seines Um-
70 satzes mit diesen bekannten Marken macht. So gehört
60 der im Dow Jones gelistete Konzern zu den Platzhir-
schen im Babygeschäft, auch wenn das Thema ange-
50
sichts von Hygieneprodukten für Frauen sowie Pharma-
40 und Medizinprodukten eigentlich untergeht. Auch hier
gilt, dass der Konzern den Menschen von der Wiege bis
30
zur Bahre begleitet.
20
10 Schnuller-Zertifikate
0
Eine ganze Reihe von Emittenten bieten Anlegern in
2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 Deutschland die Möglichkeit, mit Zertifikaten in Unter-
nehmen zu investieren, die am Babyboom partizipieren
Quelle: Trefis.com und das Geschäft ganz genau verstehen. Nun ergeht ➝Sie können auch lesen