Dialog Handwerk Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks am 12. Januar 2017 Nordrhein-Westfalen vor der Wahl: Situation und ...

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Dialog Handwerk

Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen
Handwerks am 12. Januar 2017

Nordrhein-Westfalen vor der Wahl:
Situation und Perspektiven

Zusammen stark – Integration und
gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern

                   01 | 2017
Schriftenreihe:
Dialog Handwerk 1 | 2017

Herausgeber:
Handwerk.NRW e. V.

Verantwortlich:
Josef Zipfel

Stenografische Protokollierung und Rednerkorrekturen:
Günter Labes

Bilder:
Wilfried Meyer

Gestaltung:
Jessica Handke
Nordrhein-Westfalen vor der Wahl:
Situation und Perspektiven

Zusammen stark – Integration und
gesellschaftlichen Zusammenhalt
fördern

Dreikönigstreffen 2017
des nordrhein-westfälischen
Handwerks

Dokumentation des Dreikönigsforums mit

Andreas Ehlert
Arndt G. Kirchhoff
Prof. Dr. Michael Hüther
Prof. Dr. Gerhard Bosch
Dr. Frank Wackers
Holger Steltzner, Moderator
Hans-Joachim Hering

und des Dreikönigsessens mit

Andreas Ehlert
Karl-Heinz Moll
Andrea Nahles MdB, Bundesministerin für Arbeit und Soziales

in der DZ BANK AG
Deutsche Zentral-Genossenschaftsbank
Ludwig-Erhard-Allee 20, Düsseldorf
am Donnerstag, 12. Januar 2017

Dialog Handwerk 1 | 2017
Inhalt

3    Zum Geleit

4    Dreikönigsforum
     Begrüßung
     Andreas Ehlert
     Präsident HANDWERK.NRW

8    Podiumsdiskussion

     Arndt G. Kirchhoff
     Präsident der Landesvereinigung der Unternehmerverbände NRW

     Professor Dr. Michael Hüther
     Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Direktor und Mitglied des Präsidiums

     Professor Dr. Gerhard Bosch
     Institut für Soziologie an der Universität Duisburg-Essen

     Dr. Frank Wackers
     Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverbandes Handwerk NRW

     Holger Steltzner, Moderation
     Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)

34   Schlusswort
     Hans-Joachim Hering
     Vizepräsident HANDWERK.NRW

36   Dreikönigsessen
     Begrüßung und Einführung
     Andreas Ehlert
     Präsident HANDWERK.NRW

38   Grußwort
     Karl-Heinz Moll
     Vorstandsmitglied der DZ BANK AG Deutsche Zentral-Genossenschaftsbank

43   Festansprache
     „Zusammen stark – Integration und
     gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern“
     Andrea Nahles MdB
     Bundesministerin für Arbeit und Soziales

53   Bisherige Veröffentlichungen
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

Zum Geleit

Das Dreikönigsforum des nordrhein-westfälischen Handwerks stand im Januar 2017 ganz
unter dem Eindruck von Wahlen und Abstimmungen. Noch immer bewegt uns der Ausgang
des Referendums in Großbritannien zum Ausstieg aus der Europäischen Union. Noch immer
bewegt uns der Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahl. Beide Ereignisse betreffen
unsere Interessen ganz grundlegend: Was sind die Perspektiven der europäischen Integration?
Wird der Brexit zu einem Weckruf für ordnungspolitische Reformen in Europa? Und wie eng
steht die westliche Welt diesseits und jenseits des Atlantiks noch zusammen? Steuern wir auf
eine neue Ära des Protektionismus zu oder können wir das wohlstandsfördernde Prinzip der
offenen Märkte stärken?

Auch die Wahlen des Jahres 2017 werfen ihren Schatten voraus. Wie viele andere Wahlen und
Abstimmungen stellt sich auch für Nordrhein-Westfalen im Mai und für Deutschland im Sep-
tember die Frage, ob am Ende Vernunft oder Populismus siegen werden. Die Frage, was unsere
Gesellschaft zusammenhält und die Fliehkräfte bändigt, geht uns alle an, denn die wachsende
Entfremdung zwischen Wählern und Eliten ist unübersehbar und kann zu einer Gefahr für die
politische und ökonomische Stabilität werden. Umso wichtiger ist es, ehrliche Bilanzen zu zie-
hen und zu fragen, welche Aufgaben die Politik lösen muss.

Nordrhein-Westfalen ist wirtschaftlich und sozial in besonderer Weise abhängig vom Erfolg der
europäischen Integration und vom Zusammenhalt des Westens bei der Gewährleistung offener
Märkte und innerer wie äußerer Sicherheit. Aber Nordrhein-Westfalen steht auch selbst vor
großen Herausforderungen, um wieder aus eigener Kraft zu mehr wirtschaftlichem Wachstum,
zu einer besseren Entwicklung des Arbeitsmarktes und zu leistungsfähigeren Bildungsangebo-
ten zu kommen – und damit sind auch die politischen Rahmenbedingungen für Handwerk und
Mittelstand angesprochen. Wir werben dafür, dass Nordrhein-Westfalen sich wieder auf seine
Stärken besinnt und zu einem Motor der Sozialen Marktwirtschaft wird.

Düsseldorf, im April 2017

HANDWERK.NRW

Andreas Ehlert						Dipl.-Volksw. Josef Zipfel
Präsident						Hauptgeschäftsführer

                                                                               Dialog Handwerk 1 | 2017      3
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

    Dreikönigsforum
    Begrüßung                                                      DZ Bank. Vielen Dank, dass wir wieder hier sein
                                                                   dürfen.
    Andreas Ehlert,
    Präsident HANDWERK.NRW                                                              (Beifall)

    Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich                     Herr Böhnke, ich muss noch eine Sache er-
    heiße Sie alle – aus Politik, Verwaltung, Wirt-                zählen, die ich die Tage in der Zeitung gelesen
    schaft und Gesellschaft – ganz herzlich zu unse-               habe. Sie haben als Vorsitzender der Deutschen
    rem diesjährigen Dreikönigstreffen willkommen.                 Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft ganz
    Ich freue mich, dass Sie dabei sind.                           maßgeblich dazu beigetragen, dass die UNESCO
                                                                   die Genossenschaftsidee Ende November als im-
    Ich sehe aus dem Landtag Oskar Burkert und                     materielles Weltkulturerbe anerkannt hat. Diese
    Hubertus Fehring. Ich sehe den Chef der Mit-                   Gesellschaft hat die Bewerbung auf den Weg ge-
    telstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU                  bracht und nun zu diesem tollen Erfolg geführt.
    Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst. Ich freue                   Ich habe das sehr wohlwollend aufgenommen.
    mich sehr, dass unser früherer Finanzminister                  Ihre starke Rolle in diesem Prozess ist mir erst
    Helmut Linssen mit all seiner Kompetenz den                    deutlich geworden, als ich das gelesen habe. Gra-
    Weg zu uns gefunden hat. Der eine oder andere                  tulation dazu, lieber Herr Böhnke.
    wird noch dazustoßen.
                                                                                        (Beifall)
    Hinter mir können Sie einige Veränderungen er-
    kennen. Wir tagen zwar in denselben Räumen                     Nicht nur der Name der Bank in DZ Bank hat
    wie in den Vorjahren, aber der Name der Bank                   sich verändert, sondern auch die Marke des
    hat sich verändert. Die WGZ Bank hat im vergan-                nordrhein-westfälischen Handwerks. Aus dem
    genen Jahr mit der DZ Bank fusioniert. Gemein-                 Nordrhein-Westfälischen Handwerkstag wurde
    sam bilden sie nun die Zentralbank der Genos-                  im vergangenen Jahr schlicht und klar: „HAND-
    senschaftsbanken, wenn man das so sagen darf.                  WERK.NRW“.

    Fusionen sind immer mit einer Menge Arbeit                     Damit wollen wir erreichen, dass schon durch
    verbunden. Am Ende zählt, dass das Ergebnis                    die Bezeichnung das deutlich zum Ausdruck ge-
    stimmt. Soweit ich das von außen beurteilen                    bracht wird, was wir – bei aller fachlichen, regi-
    kann, ist das ganz offensichtlich der Fall. Diesen             onalen und organisatorischen Vielfalt – sind: das
    Erfolg wünsche ich allen Beteiligten von ganzem                nordrhein-westfälische Handwerk, mit all seinen
    Herzen, weil gerade wir im Handwerk aufgrund                   von allen mitgetragenen Werten.
    unserer langen gemeinsamen Geschichte den Ge-
    nossenschaften auf das Engste verbunden sind.                  Das nordrhein-westfälische Handwerk – das
    Wir haben mit Ralf Barkey, der auch Teil unseres               sind wir in den unterschiedlichsten Organisati-
    Vorstandes ist, einen, der das in einer wunderba-              onsformen. Das nordrhein-westfälische Hand-
    ren Art und Weise in seiner Person verbindet; er               werk – das ist unser Ehrenpräsident Hansheinz
    ist sowohl im Handwerk in unserem Vorstand,                    Hauser, den ich hier sehe und der mit weit über
    als auch im Genossenschaftsbereich aktiv. Ein                  90 Jahren es sich nicht hat nehmen lassen, hierher
    wichtiger Teil der Genossenschaftsbewegung                     zu kommen, um zu hören, was die heutigen Po-
    sind die Volks- und Raiffeisenbanken, weil sie                 diumsteilnehmer gleich miteinander diskutieren
    mit ihrer klaren Fokussierung auf die Mittel-                  werden.
    standsfinanzierung für das Handwerk unent-
    behrlich sind.                                                                      (Beifall)

    Gerade deshalb freue ich mich sehr darüber, dass               Das nordrhein-westfälische Handwerk – das ist
    wir auch nach der Fusion unsere traditionelle                  auch unser Präsident Hans Peter Wollseifer, der
    Dreikönigsveranstaltung in diesen Räumlichkei-                 nach der Vorstandssitzung, die wir heute Vor-
    ten hier durchführen können. Ein ganz großer                   mittag hatten, leider wegen eines anderen Ter-
    Dank gilt Herrn Werner Böhnke, stellvertreten-                 mins abreisen musste, aber natürlich in Sachen
    der Aufsichtsratsvorsitzender der fusionierten                 Handwerk unterwegs ist. Vor Kurzem erst ist er

4   Dialog Handwerk 1 | 2017
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

                                                    Seien Sie alle, die Sie Teil des nordrhein-westfä-
                                                    lischen Handwerks sind, sehr herzlich willkom-
                                                    men.

                                                    Das nordrhein-westfälische Handwerk – das sind
                                                    selbstverständlich auch unsere Handwerkskam-
                                                    mern, Fachverbände und Kreishandwerkerschaf-
                                                    ten mit all ihren Mitgliedern. Ich freue mich, dass
                                                    die Spitzenvertreter der drei Handwerksorgani-
                                                    sationen in NRW allesamt heute anwesend sind:
                                                    Hans-Joachim Hering, Präsident des Unterneh-
                                                    merverbandes Handwerk NRW, Rolf Meurer,
                                                    Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der nord-
                                                    rhein-westfälischen Kreishandwerkerschaften,
                                                    und natürlich Hans Hund, Präsident des West-
                                                    deutschen Handwerkskammertages. Herzlich
                                                    willkommen! Herzlich willkommen ist natürlich
                                                    auch Berthold Schröder, der Präsident der Hand-
                                                    werkskammer Dortmund.

                                                    Und dass Willy Hesse, unser langjähriger Prä-
                                                    sident des Westdeutschen Handwerkskammer-
                                                    tages und inzwischen Ehrenpräsident, anwe-
                                                    send ist und sich erneut zur Verfügung gestellt
                                                    hat, auch weiterhin im Vorstand von Handwerk
                                                    NRW mitzuwirken, freut mich ganz besonders.
in Münster mit einem eindeutigen und starken
Votum für weitere drei Jahre als ZDH-Präsident      Das nordrhein-westfälische Handwerk – das
wiedergewählt worden.                               sind natürlich auch unsere vielen Mitarbeiter,
                                                    die Teil dieses nordrhein-westfälischen Hand-
Das nordrhein-westfälische Handwerk – das           werks sind. Ich bitte jetzt alle anwesenden Ar-
sind die ebenfalls im Dezember in Münster ge-       beitnehmervertreter im Saal um Verständnis,
wählten ZDH-Präsidiumsmitglieder aus Nord-          wenn ich stellvertretend für alle nur meinen
rhein-Westfalen: Lothar Hellmann, Präsident des     eigenen Vizepräsidenten, den Vizepräsidenten
Zentralverbandes der Deutschen Elektro- und         der Handwerkskammer Düsseldorf, Karl-Heinz
Informationstechnischen Handwerke, Wilhelm          Reidenbach, begrüße. Denn in den Gremien der
Hülsdonk, Bundesinnungsmeister des Zentral-         Handwerkskammern sind auch Arbeitnehmer
verbandes des Deutschen Kraftfahrzeug-Ge-           vertreten. Angesagt hat sich auch Sigrid Wolf,
werbes, Thomas Dietrich, Bundesinnungsmeis-         die DGB-Chefin. Sie ist als Sozialpartner ein
ter des Gebäudereiniger-Handwerks, und Lena         wichtiger Partner für das nordrhein-westfälische
Strothmann, Präsidentin der Handwerkskammer         Handwerk.
Ostwestfalen zu Bielefeld, die heute leider nicht
dabei sein kann, weil sie im Deutschen Bundes-      Und nicht zu vergessen ist: Das nordrhein-west-
tag ihren Verpflichtungen nachzugehen hat.          fälische Handwerk kann sich auf starke und
                                                    verlässliche Partner stützen. Ich freue mich ganz
Und das nordrhein-westfälische Handwerk ist         besonders, dass Ulrich Leitermann, der Vor-
natürlich auch Dieter Philipp, Präsident der        standsvorsitzende der SIGNAL IDUNA Gruppe,
Handwerkskammer Aachen. Er gehört als Eh-           ebenfalls persönlich anwesend ist.
renpräsident des Zentralverbandes des Deut-
schen Handwerks natürlich ebenfalls in die          Seien Sie also alle noch einmal sehr herzlich will-
Reihe nordrhein-westfälischer Vertreter im deut-    kommen!
schen Handwerk.
                                                                             (Beifall)

                                                                                         Dialog Handwerk 1 | 2017   5
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

    Das nordrhein-westfälische Handwerk steht                      je besser es wirtschaftlich in einem Bundesland
    auch zu Beginn des Jahres 2017 gut da. Unter-                  läuft, desto größer sind auch die Gestaltungs-
    nehmensentwicklung, Beschäftigung und Um-                      möglichkeiten, die ein Gemeinwesen hat. In in-
    sätze der Betriebe liegen deutlich im Plus. Wir                nere Sicherheit, in unsere Schulen, in Kultur und
    profitieren von einer lebhaften Binnennachfrage,               Wissenschaft, aber auch in soziale Brennpunkte
    aber wir profitieren ebenfalls von einer stabilen              lässt sich immer nur dann investieren, wenn so-
    Exportkonjunktur.                                              wohl der entsprechende Handlungsspielraum
                                                                   als auch der politische Wille dazu vorhanden
    Das Geschäftsklima im Handwerk in Nordrhein-                   sind. Ich will den Vergleich mit Bayern an dieser
    Westfalen liegt bei über 90 Prozentpunkten. Das                Stelle jetzt nicht strapazieren, aber dort zeigt sich,
    ist ein historischer Höchststand. Seit wir Kon-                welchen Handlungsspielraum eine starke Wirt-
    junkturumfragen im Handwerk machen, war es                     schaft ermöglicht.
    niemals besser als zum jetzigen Zeitpunkt. Selbst
    bei den neu geknüpften Ausbildungsverhältnis-                  Man kann aber auch ganz grundsätzlich, abgese-
    sen und bei der Beschäftigung im Handwerk                      hen von der aktuellen Situation, von Nordrhein-
    sind wir vorsichtig optimistisch. Zum maßgebli-                Westfalen nicht behaupten, dass Wirtschaftspo-
    chen Stichtag 30. September hat landesweit die                 litik in unserem Bundesland oberste Priorität
    Anzahl der Auszubildenden leicht zugenommen,                   hätte. Denken Sie nur an die epische Diskussion
    zwar nur um 0,3 Prozent, aber bei abnehmenden                  um den Landesentwicklungsplan. Dort haben
    Schülerzahlen freuen wir uns über einen solch                  sich alle Wirtschaftspolitiker, egal ob aus den
    schönen Erfolg.                                                Gewerkschaften, aus den Arbeitgeberorganisati-
                                                                   onen, aus den Kammern oder den Kommunen,
    Wenn wir all diese Zahlen sehen, dann könnten                  vereint mit dem Wirtschaftsminister darum be-
    wir uns ein Stück weit zurücklehnen und zufrie-                müht, Schlimmeres zu verhindern. Dennoch
    den sein. Aber diese guten Nachrichten dürfen                  haben wir uns durchgängig in einer defensiven
    nicht darüber hinwegtäuschen, dass Nordrhein-                  Situation befunden. Wirtschaftliche Entwicklung
    Westfalen der wirtschaftlichen Entwicklung an-                 gewissermaßen als Störfaktor in der Entwick-
    derer Flächenländer im alten Bundesgebiet hin-                 lung unseres Landes – so habe ich es gelegentlich
    terher hinkt.                                                  empfunden.

    Das bedeutet für uns als Wirtschaftsbereich                    Es geht um nicht mehr als die Frage der zukünf-
    Handwerk im Vergleich zu anderen Bundeslän-                    tigen Prioritäten in der Landespolitik, um die
    dern, dass wir noch besser dastehen könnten,                   Frage, welches Gewicht Wirtschaftspolitik und
    als wir es derzeit tun. Das wird im anstehenden                letztlich das Wirtschaftsministerium überhaupt
    Superwahljahr 2017 mit Wahlen in Nordrhein-                    im Geflecht der politischen Interessen hat.
    Westfalen und im Bund zu thematisieren sein.
                                                                   Es bringt in der Sache herzlich wenig, sich ge-
    Wir wissen nicht erst seit gestern, dass es unwahr-            genseitig Zahlen um die Ohren zu hauen, die
    scheinlich schwer ist, mit wirtschaftspolitischen              dem politischen Konkurrenten schaden oder ei-
    Themen durchzudringen. Die beiden Wahl-                        nen selber in einem ganz guten Licht erscheinen
    kämpfe werden vermutlich völlig überlagert sein                lassen. Ich kann angesichts des Nullwachstums
    von Themen der inneren Sicherheit. Wenn wir                    im Jahre 2015 verstehen, dass die Oppositions-
    ehrlich sind, ist das bei dem bedrückend hilflo-               parteien sich mächtig echauffiert haben. Wer will
    sen Eindruck, den staatliche Stellen gerade auch               es ihnen verdenken? Nordrhein-Westfalen war
    hier in Nordrhein-Westfalen machen, durchaus                   Letzter! Ich kann es ebenso gut verstehen, dass
    nachvollziehbar. Ob Wahlkämpfe allerdings der                  Frau Ministerpräsidentin Kraft unter Hinweis
    geeignete Zeitpunkt sind, hierüber zu diskutie-                auf die gestiegene Wachstumsdynamik Anfang
    ren, steht auf einem anderen Blatt.                            des Jahres 2016 – 2,1 Prozent plus – erklärte, dass
                                                                   die Wachstumsschwäche nun überwunden sei.
    Es fällt jedenfalls schwer, mit wirtschaftspoli-
    tischen Themen in den Wahlkämpfen durchzu-                     Für die Diskussion viel entscheidender aber sind
    dringen. Dabei ist eines ganz klar: Eine florie-               die mittel- und langfristigen Trends. Und die
    rende Wirtschaft selbst ist zwar nicht alles, aber             sind eben so, dass Nordrhein-Westfalen seit vie-

6   Dialog Handwerk 1 | 2017
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

len Jahren in der wirtschaftlichen Entwicklung       Auch Ihnen, lieber Herr Bosch, ein ganz herzli-
hinterherhinkt – mal mehr und mal weniger,           ches Willkommen!
aber eben beständig hinterher. Im Schnitt der
vergangenen 15 Jahre war das reale Wirtschafts-                               (Beifall)
wachstum nur in vier Bundesländern niedriger
als in Nordrhein-Westfalen. Nur ein einziges Mal     Eine große Freude ist es, dass heute Arndt
im Zeitraum seit 2010 lag das Wirtschaftswachs-      Kirchhoff bei uns mit an Bord ist, Präsident von
tum in Nordrhein-Westfalen über dem Bundes-          „Unternehmer NRW“ und Inhaber eines tradi-
durchschnitt.                                        tionsreichen, gar nicht so kleinen Familienun-
                                                     ternehmens. Erfahrene Teilnehmer wissen, dass
Es ist doch klar, dass diese Wachstumsschwäche       damit heute auch eine Familientradition fortge-
nicht ohne Folgen bleibt: für den Wohlstand un-      führt wird, denn Ihr Vater, lieber Herr Kirchhoff,
serer Bevölkerung, für den Schuldenstand, für        war das eine oder andere Mal bei uns als Gast
die Investitionsquote, für die Ausgaben für Bil-     oder sogar als Mitdiskutant. Deswegen freue ich
dung, für die Steuerlasten, bis hin zu solch kon-    mich sehr, dass Sie heute diese Rolle hier wahr-
kreten Fragen, ob die örtliche Polizeidienststelle   nehmen. Herzlich willkommen, lieber Arndt
besetzt ist oder nicht.                              Kirchhoff!

Ich habe vorhin den Düsseldorfer Polizeipräsi-                                (Beifall)
denten gesehen. An der Stelle herzlichen Dank,
lieber Herr Wesseler, für die Arbeit, die die Po-    Natürlich darf auch die handwerkliche Pers-
lizei für die Sicherheit in unserem Land für uns     pektive nicht fehlen. Dafür haben wir mit dem
alle tagtäglich leistet. Hierfür braucht es Geld     Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverban-
und ein starkes Bundesland, das in der Lage ist,     des Handwerk NRW einen aus dem eigenen
das entsprechend zu bezahlen.                        Stall. Dr. Frank Wackers wird heute den Part für
                                                     das Handwerk übernehmen. Auch wenn Sie hier
                     (Beifall)                       zu Hause sind, seien Sie ebenfalls herzlich will-
                                                     kommen, lieber Herr Dr. Wackers.
Genau darum gehört Wirtschaftspolitik ins Zen-
trum der politischen Agenda. Dass wir uns mit        Diese Begegnung von Wissenschaft und Unter-
den Befunden nicht abfinden dürfen, das ist völ-     nehmertum liegt auch heute wieder in den be-
lig klar. Wir müssen den Willen haben, zu gestal-    währten Händen von Holger Steltzner, einem
ten und hieran etwas zu ändern. Und in diesem        der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen
Sinne wollen wir heute mit unserem Dreikönigs-       Zeitung“. Lieber Herr Steltzner, Sie übernehmen
forum einen wichtigen Beitrag leisten.               in diesem Jahr dankenswerterweise wieder die
                                                     Moderation. Ich freue mich sehr darauf. Ich hei-
Wir haben eine vielversprechende, gute Runde         ße Sie herzlich willkommen und übergebe Ihnen
zusammenbekommen: Da ist zunächst Profes-            jetzt das Wort. Ich wünsche uns allen eine span-
sor Michael Hüther. Er ist Direktor des Instituts    nende Diskussion.
der deutschen Wirtschaft – einer Einrichtung, die
sich seit jeher auf das Engste der sozialen Markt-                            (Beifall)
wirtschaft und insbesondere der Berufsbildung
verpflichtet fühlt. Herzlich willkommen, Profes-
sor Michael Hüther!

                     (Beifall)

Ein sehr enger Freund des Handwerks und ein
starker Anwalt der Berufsbildung ist auch Pro-
fessor Gerhard Bosch von der Universität Duis-
burg-Essen – einer der profiliertesten Arbeits-
marktforscher, die wir in Deutschland haben.

                                                                                          Dialog Handwerk 1 | 2017   7
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

    Podiumsdiskussion                                              Herr Kirchhoff, die USA sind unser mit Ab-
                                                                   stand wichtigster Handelspartner. Beunruhigen
    Moderator Holger Steltzner,                                    Sie wie viele von uns die wirtschaftspolitischen
    Mitherausgeber der „Frankfurter                                Ankündigungen des neuen amerikanischen Prä-
    Allgemeinen Zeitung“:                                          sidenten? Donald Trump twittert bekanntlich
                                                                   gerne. Ford und Toyota hat er damit nicht nur
    Herzlichen Dank, lieber Herr Ehlert, für diese                 erschreckt, sondern die Investitionspläne auch
    freundliche Begrüßung.                                         schon ändern lassen. Milliarden werden jetzt in
                                                                   Amerika zusätzlich investiert. Wenn das so ein-
    Bei der Aufgabe, die Sie mir als Nicht-Nordrhein-              fach geht, liegt die Frage auf der Hand: Wird die
    Westfalen gestellt haben, nämlich „NRW vor der                 deutsche Autoindustrie Trumps nächstes Twitter-
    Wahl: Situation und Perspektiven“, nehme ich                   Ziel, Herr Kirchhoff?
    an, dass ich heute auf dem Podium viel werde
    lernen können. Wenn ich mich so umschaue, be-
    schleicht mich das Gefühl, dass möglicherweise                 Arndt Kirchhoff,
    Sie, Herr Bosch, wenn ich das so sagen darf, der               Präsident der Landesvereinigung
    einzige ausgewiesene SPD-Mann sind.                            der Unternehmerverbände NRW:

                             (Heiterkeit)                          Herr Steltzner, ich habe eigentlich immer dazu
                                                                   geraten, zunächst einmal kühlen Kopf zu bewah-
    Möglicherweise muss ich versuchen, Ihnen in                    ren. Das tue ich immer noch. Natürlich wundert
    meiner Rolle als Moderator hier und da mal zur                 einen die eine oder andere Äußerung. Aber das
    Seite zu springen. Mal schauen, ob mir das ge-                 ist vielleicht auch ein neuer Stil. Man erlebt ja in
    lingt.                                                         diesen Zeiten häufig Stilwechsel. Jetzt muss man
                                                                   erst einmal beobachten, inwieweit das nachhaltig
    Bevor wir zum eigentlichen Thema „Lage der                     ist.
    Wirtschaft und der Politik in Nordrhein-West-
    falen vor der Landtagswahl“ kommen, müssen                     Wenn wir uns einmal an die Fakten halten und
    wir wohl angesichts der weltpolitischen Lage ei-               nicht postfaktisch vorgehen, dann hat er recht.
    nen etwas größeren Bogen schlagen und einige                   Amerika hat gewaltigen Nachholbedarf. Das
    weltpolitische und gesellschaftspolitische Fragen              Problem ist auch seit der letzten Krise von 2009,
    – die innere Sicherheit ist ja erwähnt worden –                wo das erstmalig richtig aufgefallen ist, noch
    stellen.                                                       lange nicht gelöst. Das gilt auch für die Auto-
                                                                   industrie. Die Amerikaner möchten von ihrem
                                                                   Selbstverständnis her die besten Autos der Welt
                                                                   bauen. Das tun sie nur nicht; die bauen wir. Die
                                                                   Amerikaner möchten auch die meisten Autos in
                                                                   die Welt exportieren. Das tun sie auch nicht. Das
                                                                   machen auch wir, obwohl wir viel kleiner sind.
                                                                   Wir sind mit unseren 80 Millionen nur ein Pro-
                                                                   zent der Weltbevölkerung.

                                                                   Insofern ist ihnen nicht vorzuwerfen, dass sie
                                                                   sich Ziele setzen, indem sie sagen: Wir müssen
                                                                   wieder mehr an die Spitze kommen. Das ist ihr
                                                                   Selbstverständnis, und das entspricht auch mei-
                                                                   nem Wettbewerbsverständnis. Ich bin immer da-
                                                                   für, dass wir diesen Wettbewerb weiterhin nicht
                                                                   nur aufnehmen, sondern ihn auch weiter pflegen.

                                                                   Wenn ich das aber sage, dann gehört natürlich
                                                                   dazu, dass man auch Bedingungen einhält oder
                                                                   sogar aufstellt, wenn ich an Freihandelsabkom-

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Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

                                                      Moderator Holger Steltzner:

                                                      Ich hatte vorhin kurz berichtet über den Ein-
                                                      druck, den der Chef von Technik und Motor aus
                                                      Detroit mitgebracht hat, vor allem von einem
                                                      Abendessen mit Sergio Marcchionne, Chef von
                                                      Chrysler-Fiat, der ganz kühl in einem Kreis von
                                                      Journalisten, die an verschiedenen Tischen sa-
                                                      ßen, sagte, wenn jetzt die Lage so ist, dann bin
                                                      ich wegen der 35 Prozent an Zöllen, die drohen,
                                                      Betriebswirtschaftler und kann halt nicht mehr in
                                                      Mexiko produzieren.

                                                      Daraufhin meldete sich dann schon eine mexika-
                                                      nische Kollegin mit zitternder Stimme und frag-
                                                      te, ob er denn die Mexikaner nicht mehr möge. Er
                                                      darauf nur ganz kühl, das habe mit Mexikanern
                                                      gar nichts zu tun, sondern das sei ein betriebs-
                                                      wirtschaftliches Kalkül.

men denke, die Wettbewerb fördern. Das wird           Nachfrage also: Ist es denkbar, dass jemand wie
ihm von seinem Kabinett, von seinen Kollegen,         Trump – tatsächlich mit aller Brutalität Zölle
und von vielen Amerikanern, die davon etwas           gegen alle NAFTA-Regeln einführt, womit er ja
verstehen, gesagt werden, dass das eben nicht         auch der amerikanischen Automobilindustrie
mit Abschottung geht oder mit irgendwelchen           schadet, die auch die Einfuhrzölle auf die Zulie-
Maßnahmen, die Wettbewerb behindern. Das ist          ferprodukte zahlen müsste, und damit auch den
ihm aus deutscher Sicht auch nicht gerade anzu-       amerikanischen Verbrauchern oder Autokäufern.
raten.

Wenn ich mich nämlich umsehe – das trifft ins-        Arndt Kirchhoff:
besondere für die Autoindustrie zu; das gilt auch
für den Maschinenbau; viele Ideen, die wir im         Ja, er schadet vor allen Dingen auch sich selber.
Maschinenbau finden, kommen aus dem Hand-             Jetzt müssen wir einmal sehen, warum er das ei-
werk; ich will das Handwerk dabei durchaus mit        gentlich macht.
einschließen, auch wenn das ganz weit weg ist
und im Atlantik viel Wasser dazwischen fließt –,      Noch einmal zur Autoindustrie einige Fakten:
ist festzustellen, ohne die deutsche Technologie      Das größte Werk von BMW steht in den USA
und auch ohne die deutschen Prozesse und Pro-         – das steht nicht in Deutschland, auch nicht in
dukte wird er sein Land überhaupt nicht refor-        Mexiko. Das größte Werk steht in den USA. Von
mieren können. Das gilt nicht nur für das Auto,       dort aus wird sehr viel exportiert. Ein fast so gro-
das gilt auch für alle anderen Branchen, ob es der    ßes Werk – es ist nicht das größte in der Grup-
Stahl ist, ob es die Chemie ist, egal was. Insofern   pe, aber es ist eines der größten – steht auch von
wäre er gut beraten, wenn er Amerika nicht ab-        Mercedes in den USA, sodass die Geländewagen,
schotten würde, dass er den Weltmarkt nutzt,          die M-Klassen, die Sie kennen und die wir hier in
dass er insbesondere uns nutzt. In der Autoindus-     Europa kaufen, alle in Amerika gebaut worden
trie kann man da durchaus sehr selbstbewusst          sind.
vorgehen. Ich gehe davon aus, dass uns das am
Ende dann eben nicht schadet, auch wenn man-
ches heute ein bisschen befremdlich klingt. Aber      Moderator Holger Steltzner:
letztlich ist er ja irgendwie auch Unternehmer.
Wir müssen ihn alle erst einmal kennenlernen.         Auch der X5 von BMW.

                                                                                        Dialog Handwerk 1 | 2017      9
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

     Arndt Kirchhoff:                                               ein Stück weit vorweggenommen. Was erwarten
                                                                    Sie?
     Es ist doch klar, wenn er anfängt, die Mauern
     hochzuziehen, dann schadet es uns am Ende. Es
     schadet uns, wenn in der Welt der Protektionis-                Dr. Frank Wackers,
     mus zunimmt. Aus diesem Grunde treten wir                      Hauptgeschäftsführer Unternehmer-
     auch ein bisschen leiser auf, weil wir das Land                verband Handwerk NRW:
     sind mit der größten Abhängigkeit vom Export.
                                                                    Ich denke, dass die Vorzeichen, die wir zurzeit
     Aber er ist auch exportabhängig. Und er hat                    zu spüren bekommen, eine Fortsetzung dessen
     auch gesagt, mehr exportieren zu wollen. Dazu                  sind, was Trump im Wahlkampf versprochen
     braucht er gute und wettbewerbsfähige Produk-                  hat. Insbesondere der Tweet, den er an den Präsi-
     te. Das ist genau das, woran Amerika eigentlich                denten von Ford geschrieben hat, mit der sofor-
     krankt. Das ist am Ende für ihn der Maßstab, ob                tigen Reaktion, dass Ford in Mexiko keine Fab-
     er sein Land ordentlich nach vorne gebracht hat,               rik baut, zeigt natürlich seinen Wählern, dass er
     ob er auch in der Lage ist, Produkte zu exportie-              durchsetzungsstark ist. Und da sind wir an einer
     ren. Ich kann nur wiederholen: Wir müssen den                  Stelle, wo er möglicherweise alleine schon durch
     Wettbewerb offen halten. Das ist das, was die                  Drohungen, die er ausspricht, die Ergebnisse be-
     Welt nach vorne bringt, den Wohlstand steigert.                kommt, die er seinen Wählern vorführen will.

     Man muss ehrlich sagen, er hat recht: Amerika ist              Ich habe vor einiger Zeit im Wahlkampf Stimmen
     in den letzten 30 Jahren für große Teile der Bevöl-            von Trump-Anhängern gehört, die den starken
     kerung überhaupt nicht nach vorne gekommen.                    Kontrast belegen zwischen dem, was er ankün-
     Sehen Sie sich einmal an, was in den letzten 30                digt, und dem, was man überhaupt umsetzen
     Jahren an Wohlstandsmehrung in Deutschland                     kann. Viele Wähler in Amerika sagen, selbst
     passiert ist. Das hat in Amerika nicht stattgefun-             wenn Trump nur fünf Prozent von dem umsetzt,
     den. Die Damen und Herren dort sind ziemlich                   was er versprochen hat, sind wir zufrieden. Das
     arm dran. Deswegen haben sie nämlich teilweise                 ist im Prinzip wohl der Maßstab, den man da
     drei und vier Berufe. Sie haben leider auch ein                auch sehen muss. Damit sind wir natürlich sehr
     bisschen wenig gelernt. Das stimmt. Aber das ist               schnell bei der Frage, was ist von dem, was er
     ein anderes Thema. Aber da besteht dringender                  ankündigt, populistisch und was wird er letzten
     Handlungsbedarf. Das ist richtig. Das kann ich                 Endes umsetzen.
     sehr wohl bestätigen.
                                                                    Die spannende Frage für mich ist – wir haben uns
                                                                    im Handwerk auch damit auseinandergesetzt;
     Moderator Holger Steltzner:                                    Freihandel und TTIP sind im Handwerk auch ein
                                                                    Thema –, wird Trump TTIP kippen. Er hat auch
     Herr Wackers, wie beurteilen Sie das? Sehen Sie                schon entsprechende Vorstöße gemacht. Die Fra-
     mehr Risiken oder sehen Sie auch die Chancen?                  ge ist, wird er es wirklich so weit treiben.
     Wird es vielleicht diese Wende vom Freihandel
     weg gar nicht in dem Maße geben, wie man das                   Ich habe den Eindruck: Bisher orientiert er sich
     jetzt vielleicht befürchtet, wird die Abschottung              sehr stark an den Erwartungen, die seine Wähler
     möglicherweise doch nicht in dieser Weise kom-                 an ihn haben. Das ist natürlich eine sehr kurzfris-
     men? Herr Trump ist ja auch Unternehmer, und                   tige Politik, eine sehr kurzfristige Sicht, die er da
     er ist dabei auch erfolgreich gewesen, indem er                hat. Da sind langfristige Trends aus meiner Sicht
     für sich selbst und sein Unternehmen gehandelt                 noch nicht klar erkennbar. Zumal er ja auch lei-
     hat.                                                           der bei seinen Beratern keine erfahrenen Politi-
                                                                    ker an seiner Seite hat. Es sind vielfach Leute, die
     Möglicherweise könnten auch die Steuersen-                     im Prinzip aus der Wirtschaft kommen, die dann
     kungen, die Infrastrukturinvestitionen und die                 gewechselt sind. Das muss nichts Schlechtes sein.
     Deregulierungen, die angekündigt oder avisiert                 Nur denke ich, die Administration muss sich an
     sind, die Konjunktur und die Weltwirtschaft vor-               der Stelle natürlich erst noch finden. Da ist bisher
     antreiben. Die Aktienkurse haben das zumindest                 überhaupt keine klare Linie erkennbar.

10   Dialog Handwerk 1 | 2017
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

                                                      der Luft, dass es anders ausgehen könnte, als alle
                                                      erwartet haben.

                                                      Das zweite war – relativ ungewöhnlich –, dass
                                                      der Universitätspräsident am nächsten Morgen
                                                      eine Mail an alle Universitätsangehörigen und
                                                      Studenten versandte, dass, egal was jetzt pas-
                                                      siert, die ausländischen Gäste und Studierenden
                                                      weiterhin willkommen sind und wir uns schüt-
                                                      zend vor sie stellen. Das muss man sich schon
                                                      einmal klarmachen.

                                                      Wir hatten eine Woche danach in der Fakultät ein
                                                      Townhall-Meeting, wo aus unterschiedlichsten
                                                      Ecken von Mitarbeitern berichtet wurde, wie an
                                                      einer Stelle nicht weiße Amerikaner auf einmal
                                                      diskriminiert wurden. Ein Verhalten, wie wir es
                                                      in England nach dem Brexit auch erlebt haben.
                                                      Es ist auf einmal ein Verhalten wirksam. Mit dem
                                                      kann im Silicon Valley keiner leben. Das lebt von
Moderator Holger Steltzner:                           der Offenheit.

Er geht bislang ja tatsächlich eher taktisch moti-    Der Chefökonom von Google, mit dem ich im
viert vor. Eine vielleicht langfristige und strate-   Gespräch war, sagte mir, am Tag nach der Wahl
gische Frage ist Folgendes: Herr Hüther, wenn         saßen bei Google zum Teil die Mitarbeiter heu-
man das mal auf das Silicon Valley übertragen         lend an ihren Schreibtischen. Auf die Frage, wa-
möchte, das ja für einen fast unbedingten Fort-       rum, war die Antwort: Ja, sie haben zwar einen
schrittsglauben steht, mit einer ungeheuren Ver-      Aufenthaltsstatus, aber ihre Eltern nicht, die sind
änderungsgeschwindigkeit die Entwicklungen            illegal in den USA. Das heißt, daran hängt ganz
vorantreibt, scheint es mir so zu sein, dass viele    viel.
Wähler von Trump eigentlich genau das nicht
wollten, sondern sie haben gegen den Wandel ge-       Die gesamte Struktur lebt davon, dass es Zu-
stimmt, sie haben zumindest für eine gebremste        wanderung in unterschiedlichster Form in das
Veränderungsgeschwindigkeit gestimmt, wenn            Dienstleistungssegment gibt und auch in das
nicht gar für eine Rolle rückwärts. Insofern war      akademischen Segment. Bei Gesprächen Wochen
und ist das auch eine Niederlage für das Silicon      danach ist im Silicon Valley deutlich geworden:
Valley. Sie waren bis vor Kurzem im Silicon Val-      Wir tun so, als sei das Amerika. Das Silicon Val-
ley, waren dort auch lehrend und forschend tä-        ley ist natürlich nicht Amerika. Das sind sieben
tig. Wie haben Sie das erlebt? Was heißt das für      Millionen Menschen in der Bay-Area.
das Silicon Valley?
                                                      Das heißt, die Vermögensbildung konzentriert
                                                      sich dort, wo sie auch entsteht. Die Durchsicker-
Prof. Dr. Michael Hüther,                             effekte, die wir in der deutschen Wirtschaft über
Direktor und Mitglied des Präsidiums,                 Netzwerke und über die Clusterstrukturen erle-
Institut der Deutschen Wirtschaft:                    ben, gibt es in der Weise nicht. Die Mitte macht
                                                      bei uns einkommensmäßig betrachtet 50 Prozent
Vom Erleben her war der Tag selbst schon eigen-       aus, in den USA in gleicher Rechnung 30 Pro-
artig. Man sitzt da an der Westküste, und lang-       zent. Die gesellschaftliche Mitte ist in den USA
sam kommen die Ergebnisse herein. Es war eine         von daher sehr viel schwächer.
seltsam sedierte Stimmung an der Hochschule.
Wenn Sie nach Stanford kommen, ist dort viel          Ich habe mit den gleichen Leuten nach den Ge-
Bewegung. Man hatte den Eindruck, das liegt in        sprächen Ende September und Anfang Oktober
                                                      noch einmal Gespräche am Ende meiner Zeit

                                                                                        Dialog Handwerk 1 | 2017      11
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

                                                                    über Wilders und die Niederlande etc. sprechen,
                                                                    und über Deutschland und Frankreich.

                                                                    Da ist ein Protest, der sich nicht allein gegen die
                                                                    Globalisierung wendet, sondern auch ein Stück
                                                                    weit gegen die Digitalisierung. Diese Digitali-
                                                                    sierung geht mit einer unglaublichen Geschwin-
                                                                    digkeit voran. Aber die Ausgleichsprozesse in
                                                                    einer Demokratie brauchen Zeit. Die Wähler
                                                                    müssen damit umgehen, die Politiker müssen
                                                                    damit umgehen. Wir brauchen praktisch für un-
                                                                    sere Aushandlungsprozesse mehr Zeit als uns
                                                                    die Digitalisierung gibt. Also wie können wir
                                                                    die Voraussetzungen für die Akzeptanz dieses
                                                                    dynamischen Wandels herstellen? Wir können
                                                                    doch nicht nur dem technischen Tempo folgen,
                                                                    sondern wir müssen doch auch politisch versu-
                                                                    chen, dort zu bremsen, wo es unsere Demokratie
                                                                    und der soziale Ausgleich für die Akzeptanz und
     geführt, also Ende November und Anfang De-                     auch die soziale Marktwirtschaft notwendig ma-
     zember. Auf einmal kam da: Vielleicht müssen                   chen. Wie machen wir das?
     wir doch überlegen, welche gesellschaftlichen
     Konsequenzen wir ziehen. Es ist schon wahrge-
     nommen worden, dass dieses Silicon Valley nicht                Prof. Dr. Michael Hüther:
     so selbstverständlich für den Rest der USA steht
     und dass man diese isolierte Situation, die Vor-               Die Antwort darauf, wie wir das machen, muss
     aussetzungen hat, auch nicht einfach fortschrei-               von der Frage ausgehen, wo die Unterschiede
     ben kann.                                                      sind. Was wir wohl zu wenig in den Mittelpunkt
                                                                    unserer Diskussion stellen, sind die regionalen
     Noch eine letzte Anmerkung: In Stanford wird                   Ungleichgewichte. Wir schauen sehr stark auf
     man sagen, na ja, was betrifft das die Uni. Nur                die Einkommensverteilung insgesamt über eine
     11 Prozent des Universitätsetats sind durch Stu-               Gesellschaft hinweg. Viel spannender aber sind
     diengebühren finanziert. In Deutschland wird                   am Ende des Tages die regionalen Ungleichge-
     immer unterschätzt, welche Bedeutung auch                      wichte.
     für private amerikanische Universitäten die For-
     schungsfonds aus Washington haben. Das heißt,                  Wir haben uns das einmal für Großbritannien an-
     man erwartet ganz klar ein Umsteuern oder auch                 geschaut, weil da genau die gleiche Frage kam.
     ein Abdrehen. Insofern sagt man auch an der                    Mit Ausnahme des Großraums London kann
     Universität: Man weiß eigentlich gar nicht, was                man Großbritannien eigentlich nicht als einen
     auf uns zukommt. Und man sorgt sich, weil auch                 Wachstumsstandort begreifen.
     ein Haus wie Stanford, das natürlich viele Finan-
     zierungsquellen hat, das nicht einfach ignorieren
     kann.                                                          Moderator Holger Steltzner:

                                                                    Außer vielleicht noch Oxford und ähnliche
     Moderator Holger Steltzner:                                    Standorte.

     Ganz grundsätzlich noch einmal gefragt, weil
     das nicht nur ein Phänomen Trumps ist. Sie ha-                 Prof. Dr. Michael Hüther:
     ben den Brexit schon erwähnt, wir haben auch
     die Erfolge der Populisten oder radikalen Partei-              Ja, aber das sind dann ganz kleine. Dafür müssen
     en, wie man sie auch immer nennen möchte, in                   Sie die Lupe herausnehmen, um die dann noch
     Österreich gesehen. Wir werden nachher noch                    auf der Karte zu finden.

12   Dialog Handwerk 1 | 2017
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

Das gleiche Phänomen gibt es auch in Frank-       der Digitalwirtschaft. In New York und Bos-
reich. Sie haben den Großraum Paris und dann      ton gibt es das Netzwerk der Finanzwirtschaft.
eine völlige Diskrepanz zum Rest. Das heißt,      Aber der Rest ist einfach ziemlich flach. Das ist
es gibt massive regionale Unterschiede. Die       wohl das, wo wir ansetzen müssen. Das ist üb-
Schwankungen sind in diesen Ländern, wo wir       rigens keine einfache Aufgabe. Sie können nicht
über diese Ergebnisse schon verfügen und wo       einfach die Gemeinschaftsaufgabe „Regionale
wir es auch als relevante Veränderung wahrneh-    Wirtschaftsförderung“ in die USA importieren.
men oder als Drohung – Frankreich: Marine Le      Aber vom Grundsatz her war es vielleicht – das
Pen –, ebenso groß. Das gilt auch für die USA.    ist mein Schluss – gar nicht so schlecht, dass wir
Das heißt, wir müssen mehr auf die regionalen     in Deutschland einen höheren Wert auf den re-
Gleichgewichte und Ungleichgewichte achten.       gionalen Ausgleich legen, als das gewöhnlich in
                                                  anderen Volkswirtschaften gemacht wird, weil
Diese Debatte wird auch im Inland geführt, ma-    es diese Spannungsdimension bei uns reduziert.
chen wir eigentlich berechtigterweise Regional-
politik oder nicht. In Deutschland wurde auch
gefragt, muss der regionale Ausgleichsfonds ei-   Moderator Holger Steltzner:
gentlich sein. Aber im Grunde stellen wir fest,
dass die regionalen Diskrepanzen so gravierend    Zumal wir die Zentralisierung nicht haben und
werden können, dass sie sich nach hinten aus-     historisch traditionell die föderale Struktur auf-
wirken. Das sieht man, glaube ich, in den USA.    weisen.

Wir haben einmal eine Rechnung angestellt.
Wenn man das Silicon Valley und den Großraum      Prof. Dr. Michael Hüther:
San Francisco mit sieben Millionen herausrech-
net, dann verringert sich für die 310 Millionen   Genau. Wir sind eigentlich glücklich, dass wir
anderen Amerikaner das Einkommen um 750           immer föderalistisch strukturiert waren und die-
Dollar im Jahr. Wenn Sie dann noch New York       se polyzentrische Struktur aufweisen. Dafür kön-
– Metropolitan-Area – herausnehmen, noch ein-     nen wir nichts. Das ist ein Erbe der Geschichte.
mal um 1.300 Dollar. Wenn Sie nur einmal diese    Da haben wir einmal Glück gehabt.
beiden herausnehmen, haben Sie bereits einen
großen Effekt auf das Pro-Kopf-Einkommen.
                                                  Moderator Holger Steltzner:
Wenn London herausgenommen wird aus Groß-
britannien – um die Dimension zu beschreiben –,   Sehen Sie das ähnlich, Herr Bosch? Ich nehme
reduziert sich das Pro-Kopf-Einkommen um 11       an, ja. Wir hatten in der Sonntagszeitung einen
Prozent. Wenn Sie Berlin herausnehmen, erhöht     Artikel nach dem Wahlsieg über das Silicon Val-
sich das Bruttoinlandsprodukt,                    ley. Darin war eine Grafik, die mir nicht aus dem
                                                  Kopf geht. Da waren abgebildet die Börsenwerte
                   (Heiterkeit)                   der Automobilhersteller General Motors, Ford
                                                  und Chrysler aus dem Jahr 1990, wie ich mich zu
aber um 0,2 Prozent. Das ist ja auch gar nicht    erinnern meine, so klein wie vielleicht mein Dau-
so ungesund. Wenn wir eine solche Abhängig-       mennagel, und die Zahl der Beschäftigten mit 1,2
keit von einer Metropole haben, sind wir genau    oder 1,3 Millionen bei diesen Herstellern. Dane-
in einer derartigen Situation. Das ertragen Ge-   ben die Börsenwerte von den führenden Tech-
sellschaften auch nicht. Weil die Menschen das    Unternehmen Google, Apple, Amazon etc. ganz
auch sehen. Auf einmal sieht man nach Colorado    groß so wie hinten an der Wand das große Kunst-
und nach Idaho. Dann sieht man dort Geschich-     werk. Der Börsenwert war 1.400 Milliarden € und
ten von Industrieunternehmen, die einfach weg     noch was, Beschäftigte 125.000. Nichts macht das
sind. Deshalb ist das, was Herr Kirchhoff sagt,   eigentlich deutlicher. Eine solche Grafik sagt
der entscheidende Punkt. Die Reindustrialisie-    mehr als 1.000 Worte. Eine Handvoll Gründer
rung Amerikas wird nur gelingen über die Bil-     wird unermesslich reich, immer mehr normale
dung von Netzwerken jenseits des Silicon Val-     Beschäftigte haben Angst oder Sorge, dass es ih-
ley. Im Silicon Valley haben Sie das Netzwerk     ren Kindern nicht mehr besser gehen wird, als es

                                                                                    Dialog Handwerk 1 | 2017      13
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

     Ihnen heute geht, also Angst, dass der amerika-                keine umfassende Sozialversicherung und Sozi-
     nische Traum nicht mehr erfüllt wird. Und ein                  alversicherungspflicht.
     Stück weit haben wir das auch in Europa.
                                                                    Ich war vor einigen Jahren in Berkeley zu einem
     Wie spricht man die Menschen an? Wie sichert                   Forschungsaufenthalt und habe dort Erlebnisse
     man auch die menschliche Fähigkeit, sich weiter-               gehabt, die mich tief schockiert haben, weil ich
     zubilden, in diesen Prozessen aktiv zu bleiben,                das so nicht geahnt hatte. Das eine war, dass ich
     um nicht durch diesen Wandel überfordert und                   eingeladen war zu einer Feier zum 65. Geburts-
     aussortiert zu werden?                                         tag. Und die Feier fand nicht statt wegen des 65.
                                                                    Geburtstages, sondern weil die entsprechende
                                                                    Wissenschaftlerin nach 40 Jahren prekärer Be-
     Prof. Dr. Gerhard Bosch,                                       schäftigung jetzt eine Krankenversicherung hatte
     Institut für Soziologie an der                                 als Ältere, die sie nie bekommen hat in ihrem Er-
     Universität Duisburg-Essen:                                    werbsleben.

     Ich will etwas früher anfangen und bis 1970 zu-                Der zweite Schock war für mich – das war jetzt
     rückgehen. Da hatten die USA ein vorbildliches                 im akademischen Bereich, aber das gilt ja nicht
     Lohnsystem. Da steht noch in Textbüchern, die                  nur im akademischen Bereich, sondern ist im
     heute niemand mehr liest, zur Lohnpolitik, dass                Rust Belt noch viel drastischer –, dass wissen-
     die tarifvertragliche Bezahlung der Normalzu-                  schaftliche Kollegen von mir zweimal im Jahr
     stand in den USA ist. Das galt für das gesamte                 ein Gespräch haben mit ihrem Finanzberater,
     verarbeitende Gewerbe, für den öffentlichen                    weil sie ihre Zuschüsse zur Altersversicherung
     Dienst, für große Teile des Dienstleistungsbe-                 selber anlegen müssen. Dabei kann man sich
     reichs. Und der Achtstundentag war schon in                    ganz schön vertun. Das heißt, die Finanzkrise hat
     den 50er-Jahren eingeführt. Die waren weit vor                 auch einen ganz tiefen Schock hinterlassen, was
     uns. Die Unterschiede waren immer groß, was                    die persönliche Sicherheit angeht, auch was die
     die Vermögen angeht, aber die Mittelklasse war                 Altersversorgung betrifft. Viele mussten wieder
     stabil und die Unterklasse bekam auch eine gan-                anfangen zu arbeiten.
     ze Menge mit.
                                                                    Ein nächster Punkt: Ich habe in der Automobil-
     Seit 1970 hat sich das geändert. Wir können das                industrie vielfach geforscht, war auch häufiger
     an den Einkommenskurven sehen. Das zeigen                      in Detroit. Detroit sieht teilweise aus – ich war
     alle amerikanischen Ökonomen. Sie beginnen                     allerdings ein paar Jahre nicht da – wie Deutsch-
     immer bei 1970. Da zeigt sich, wie die Einkom-                 land nach dem Zweiten Weltkrieg. Das ist un-
     mensschere und die Vermögensschere auseinan-                   glaublich. Ich sehe das ganz ähnlich wie Sie, Herr
     dergehen.                                                      Hüther, was die Regionalpolitik angeht. Ich den-
                                                                    ke – das habe ich auch erst spät gelernt –, dass
     Welchen politischen Hintergrund hat das? Das                   Regionalpolitik ein Grundpfeiler des deutschen
     ist möglich geworden durch die systematische                   Sozialmodells ist, aber auch des europäischen
     Zerschlagung von Gewerkschaften als ein Ta-                    Sozialmodells. Es ist in Skandinavien noch aus-
     rifpartner. Es gibt in den meisten Bereichen der               geprägter als bei uns im Übrigen, weil die noch
     USA keine Tarifverhandlungen, sondern Löhne                    viel prekärere Regionen im Norden aufweisen,
     werden gesetzt – nach Knappheitsrelationen.                    die sich aber durch den Regionalausgleich rela-
     Wenn man eine gute Qualifikation hat, bekommt                  tiv gleich entwickeln. Und das gibt es in den USA
     man viel, aber das kann morgen schon anders                    nicht. Insofern sind diese regionalen Unterschie-
     sein. Das Einkommen ist also gar nicht garan-                  de gigantisch. Und der Strukturwandel ist natür-
     tiert. Selbst bei guten Qualifikationen gibt es                lich auch völlig anders. Wenn Sie das Ruhrgebiet
     keine Einkommensstabilität im Lebenslauf. Vor                  mit den Stahlregionen in den USA vergleichen
     allem ist die soziale Sicherung in den USA immer               oder mit den alten US-Bergbauregionen, dann
     an den Betrieb gebunden gewesen. Sie haben nur                 sehen Sie riesige Unterschiede. Da haben Leute
     eine gesetzliche Basisversorgung, was die Alters-              nicht nur ihren Arbeitsplatz verloren, sie haben
     versicherung angeht, die Gesundheitsvorsorge                   auch ihr Hauseigentum verloren, weil das Haus
     war an den Betrieb gebunden. Es gab und gibt                   keinen Wert mehr hat. Sie haben das Haus aufge-

14   Dialog Handwerk 1 | 2017
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

                                                      Widerspruch zwischen Feiertagsreden und dem
                                                      realen Handeln.

                                                      Ich denke, dass Trump seine Wähler natürlich
                                                      massiv enttäuschen wird. Er wird nichts für sie
                                                      tun. Möglicherweise wird es einen Boom geben
                                                      durch eine Investitionsinitiative. Das kann sein.
                                                      Es gibt genügend ungenutzte Kapazitäten in den
                                                      USA, um Straßenbau zu forcieren. Da sehe ich
                                                      keine Engpässe. Wenn er das Geld findet, dann
                                                      kann es sein, dass es eine Bubble gibt, und die
                                                      Börsenkurse mögen steigen, weil er ja eine Un-
                                                      ternehmenssteuerreform verspricht. Aber dass
                                                      daraus stabile Arbeitsplätze entstehen, ob das
                                                      langfristig überhaupt einen Sinn hat, das sehe
                                                      ich nicht. Ich habe ganz Ähnliches beobachtet
                                                      wie Herr Kirchhoff. Ich war auf einer Tagung
                                                      mit Stanford- und Berkeley-Universitätspro-
                                                      fessoren. Da ging es um die Hightech-Initiative
                                                      in Deutschland. Die Amerikaner äußerten sich
geben und sind weitergezogen. In Deutschland          alle bewundernd über unser Modell, und zwar
hat ein Haus im Ruhrgebiet immer noch einen           standen im Vordergrund, was Sie sagten, Herr
Wert. Und die Kaufkraft in den Regionen wird          Hüther, die Clusterbildung, die Vernetzung der
stabilisiert über Arbeitslosenversicherung und        Betriebe untereinander. Als zweites haben sie
andere regionale Transfers.                           unsere deutsche Berufsausbildung bewundert.
                                                      Sie haben nämlich unterhalb der akademischen
Es wird immer gesagt, das habe etwas mit Glo-         Ausbildung nichts. Die Stanford-Ingenieure ha-
balisierung zu tun. Ja, aber, ich denke, die Verun-   ben gesagt: Unsere Ingenieure sind tief frustriert,
sicherung – das gilt übrigens für Großbritannien      weil sehr viele von ihnen als Supervisor enden,
genauso – hat zuerst im eigenen Land begonnen.        nämlich auf der Ebene der mittleren Führungs-
Maggie Thatcher hat sich durchgesetzt. Es war         kräfte, die die Qualität der Arbeit der An- und
sozusagen ein Kriegszustand zwischen Gewerk-          Ungelernten unter sich kontrollieren müssen,
schaften und Regierung. Es gibt in der britischen     was bei uns die Facharbeiter – das wissen Sie,
Privatindustrie praktisch keine Tarifverträge         Herr Kirchhoff – in ihren Betrieben ganz selbst-
mehr, nur noch betriebliche, keine Flächentarif-      verständlich selber machen. Und wenn, dann
verträge. Die Metallarbeitgeberverbände haben         müssen die Meister das machen. Aber im We-
irgendwann 1980 gesagt, wir verhandeln nicht          sentlichen wird ja bei uns Qualität produziert. In
mehr. Sie haben den Gewerkschaften ein Tele-          den USA müssen sie ständig kontrollieren. Das
gramm geschickt und sich aufgelöst. Da war der        ist ein Riesenproblem für das verarbeitende Ge-
Metalltarif weg. Und die Gewerkschaften waren         werbe, aber auch für andere Bereiche.
nicht mehr stark genug zu verhandeln.
                                                      Und die Amerikaner haben gar nicht mehr die
Diesen Krieg hat die britische Oberschicht ge-        Erwartung an Qualität. Wenn ich in ein amerika-
wonnen, jetzt hat sie ihn verloren in der Brexit-     nisches Hotel gehe, da fängt meine Frustration
Abstimmung. Ich glaube, der soziale Ausgleich         an der Rezeption an. Wenn ich nach irgendwas
ist ein ganz zentrales Thema. Madame Lagarde          frage, was nicht zum Standardeinchecken ge-
vom IWF hat das gesagt – nur es folgen aller-         hört, dann muss der Supervisor kommen. Die
dings keine Taten –, auch das Weltwirtschaftsfo-      USA sind also voller Supervisors, weil es dort zu
rum in Davos. Auf der anderen Seite wird aber         wenig Berufsausbildung gibt – und viel unquali-
wieder dazu beigetragen, dass soziale Rechte wie      fiziertes Personal.
Tarifverträge überall abgebaut werden, wo der
IWF Kredite vergibt. Insofern haben wir da einen                               (Beifall)

                                                                                           Dialog Handwerk 1 | 2017   15
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

     Die Teilnehmer des Dreikönigsforums: Dr. Frank Wackers, Prof. Dr. Gerhard Bosch, Moderator Hol-
     ger Steltzner, Andreas Ehlert, Prof. Dr. Michael Hüther, Arndt G. Kirchhoff ( von links nach rechts)

                                                                    aber wird schon Mitte März in den Niederlanden
     Moderator Holger Steltzner:                                    gewählt. Dort liegt allen Umfragen zufolge mit
                                                                    großem Abstand die Partei für die Freiheit von
     Um nach Europa zurückzukommen, Herr Kirch-                     Geert Wilders weit vorne, der nicht nur den Is-
     hoff: Das Nachbarland Niederlande ist nicht so                 lam ablehnt und den Euro, sondern auch die EU
     zentralistisch organisiert. Es pflegt ähnlich wie              insgesamt. Was würde denn ein Wahlsieg von
     Deutschland föderale Strukturen. Es kennt auch                 Geert Wilders für Nordrhein-Westfalen bedeu-
     den Ausgleich, im Prinzip werden dort auch im                  ten, das ja auch bis in die logistischen Ketten und
     Konsens mit Gewerkschaften zusammen Tarif-                     die Infrastruktur, wenn man an Antwerpen und
     löhne entwickelt. Gleichwohl hat sich das poli-                Rotterdam denkt, aufs Engste mit diesem wirt-
     tische Klima dort sehr verändert. So ist das auch              schaftlich starken Nachbarn verbunden ist?
     in Österreich der Fall, das ebenfalls ein föderal
     strukturiertes Land ist, zwar mit einer ganz star-
     ken Kapitale mit Wien. Es hat aber auch eine Re-               Arndt Kirchhoff:
     gionalentwicklungskompetenz. Die Niederlande
     sowieso.                                                       Ich glaube, das beschäftigt uns alle. Wenn ich die
                                                                    Antwort wüsste, würde ich sie Ihnen gerne sa-
     Jetzt haben wir das Problem, dass diese Ter-                   gen. Ich kann eigentlich nur – ich bin kein Politik-
     rorangst nach den Anschlägen in Frankreich,                    wissenschaftler – vermuten, woran es liegt.
     Deutschland und Belgien nicht nur das Klima
     verändert hat, sondern auch das Gefühl für Si-                 Ich meine, Europa – das schreiben die Medien
     cherheit ausgehöhlt hat. Auch die Debatte über                 und das sagen wir, wenn wir sprechen – ist ja
     Migranten und Multikulti wird wesentlich                       eigentlich das Friedensprojekt schlechthin, was
     schärfer geführt. Gemeinhin schaut man immer                   wir in den letzten über 70 Jahren auf der Welt er-
     so auf die großen Länder Deutschland und vor-                  lebt haben. Wir haben so ein Gefühl, dass das im
     neweg noch die Wahl in Frankreich, tatsächlich                 Augenblick gefährdet ist.

16   Dialog Handwerk 1 | 2017
Dreikönigstreffen des nordrhein-westfälischen Handwerks 2017

Wenn ich das sage, dann beziehen viele Natio-            geht total daneben. Das weiß auch jeder verant-
nen – so die Niederlande, so auch Österreich und         wortliche Politiker.
andere – dieses Gefühl auf sich und fragen: Was
erwarte ich von meinen politisch Handelnden,             Es ist sowieso nicht angenehm Politiker zu sein,
von meiner Regierung in einer solchen Situation?         wie ich als Unternehmer glaube. Ich beneide die
                                                         Damen und Herren nicht, bewundere das sogar
Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens – das          eher, aber ich glaube, sie haben jetzt noch viel
überwiegt im Augenblick für mich noch, aber              mehr Verantwortung, die Entscheidungen zu
das ist eben die große Unsicherheit in vielen Be-        treffen, wie es in einer Demokratie nämlich vor-
reichen – tun sie alles, dass Europa nun wirklich        gesehen ist. Dazu sind sie gewählt. Dann müssen
zusammenrückt und beweist, dass Europa das               sie diese Pflicht leider auch wahrnehmen. Die
in den Griff bekommt. Wir diskutieren seit vie-          Entscheidung kann richtig oder falsch sein. Das
len Jahren unter anderem die Aufgabenteilung.            spielt dann keine Rolle. Das werden wir merken,
Dazu gehört das Subsidiaritätsprinzip. Was sol-          dann korrigiert es der Wähler. Wenn die Ent-
len die Nationen machen? Was will Brüssel ma-            scheidung richtig ist, dann ist es auch gut. In dem
chen? Dazu werden seit Jahren Pünktchenlisten            Fall werden sie wiedergewählt und bestätigt.
erstellt. Ich finde sehr bedauerlich, dass es dabei      Aber das ist jetzt angesagt. Es kann nicht sein,
zumindest für mich und für viele andere auch             dass wir jetzt alle verschreckt gucken. Ich mache
nicht sichtbar nach vorne geht, sodass Europa            mir über das Thema „Demokratie“ wirklich Ge-
von Tag zu Tag schwächer wirkt, auch wenn es             danken, auch natürlich über das Thema „Euro-
das vielleicht gar nicht ist.                            pa“. Das werden Prüfsteine werden. Ich meine,
                                                         so hat es die Kanzlerin auch gesagt, wenn ich die
Wenn das die Staatengemeinschaft nicht hinbe-            Neujahrsansprache richtig verstanden habe. Das
kommt – durch den Brexit wird sie jetzt ja kleiner       sind Prüfsteine. Holland ist der erste, Frankreich
–, dann haben sie natürlich die Möglichkeit, es so       der zweite, Italien haben wir auch noch, Deutsch-
zu machen wie Herr Orban, in dem sie politisch           land haben wir. Wir haben also eine schwierige
im eigenen Land richtig führen und ihrer Bevöl-          Situation. Aber ich kann Ihnen die Lösung nicht
kerung – ich war die letzten zwei Tage in Ungarn         nennen. Das ist nicht mein Beruf, und ich habe
– zeigen, dass sie sich um ihr Land kümmern.             auch keine wissenschaftliche Befähigung dazu.
Die haben eine Arbeitslosigkeit, die mittlerweile
niedriger als die Deutsche ist. Sie kommen von
zweistelligen Zahlen, liegen jetzt bei unter 5 Pro-      Moderator Holger Steltzner:
zent. Die Leute haben alle Jobs, fühlen sich sicher.
Das ist, glaube ich, das, was die Menschen wol-          Und wir haben Nordrhein-Westfalen auch noch
len. Ich spüre, dass das im Augenblick auch von          als Prüfstein, Herr Hüther. Mein bekannter Kol-
ziemlich allen Parteien ins Wahlprogramm für             lege Fleischhauer vom „Spiegel“ hat in seiner
dieses entscheidende Jahr aufgenommen wird.              jüngsten Kolumne etwas unter der Überschrift
                                                         „Failed State NRW“ geschrieben:
Wenn ich darunter einen Strich ziehe, dann heißt
das für mich, wir müssen, um die Demokratie              „Als der Polizei in Chemnitz im Herbst ein Ter-
zu retten – ob das in Holland gelingt, weiß ich          rorverdächtiger entwischte, war vom ‚Sachsen-
nicht; die Zeit ist vielleicht ein bisschen zu kurz –,   sumpf‘ die Rede. Wie soll man das nennen, was
den von uns Gewählten abverlangen, Entschei-             in NRW passiert, wenn es um Terrorabwehr
dungen zu treffen. Das Hinauszögern, das wir             geht?“
vielfach erleben – auch schon seit vielen Jahren
in Deutschland; nicht erst seit dieser Regierung;        Er zählt dann auf, dass der Attentäter von Ber-
das ist schon lange so, wie wir wissen –, verbes-        lin seit Sommer 2015 unbehelligt in Deutschland
sert die Situation nicht. Das Zurückdelegieren,          lebte, obwohl er schon bei der Abgabe seines
wie wir es beim Brexit erlebt haben und wie es in        Asylantrages die Behörden zu täuschen versuch-
anderen Gegenden plötzlich auch passiert, dass           te, indem sich der Tunesier als Ägypter ausgeben
man sagt, ich weiß es nicht, ich will auch nicht         wollte. Er verwendete 14 verschiedene Namen,
entscheiden, ich frage mal wieder mein Volk, das         wurde mit gefälschten Papieren von der Polizei
                                                         erwischt – was eine Straftat ist –, kam aber nach

                                                                                           Dialog Handwerk 1 | 2017      17
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