Ein rundes Leben Warum ein 57 Jahre alter Lehrer für Fußball um die Welt reist - 2,20 EUR
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# 291 2,20 EUR
August 2020
davon 1,10 EUR
für die Ver-
käufer/innen
Das Straßenmagazin für Schleswig-Holstein
Ein rundes
Leben
Warum ein 57 Jahre alter Lehrer
für Fußball um die Welt reistLiebe Leserinnen, liebe Leser,
auch Fans sportlicher Ereignisse hatten es in den vergangenen Monaten schwer.
Als die Corona-Pandemie das gesellschaftliche Leben weitgehend lahmlegte, mussten alle
großen und kleinen Sportevents aussetzen. Mittlerweile finden in einzelnen Sportarten
zwar wieder Wettbewerbe statt, aber vorerst ohne Zuschauer vor Ort. Für jemand wie
Heiko Lükemann aus dem Kreis Plön bedeutete das, dass er zuletzt sein ganz besonderes
Hobby nicht ausleben konnte – als sogenannter Groundhopper reist er durch die Welt,
um sich möglichst viele Fußballspiele anzuschauen. Das Außergewöhnliche daran: Lü-
kemann ist 57 Jahre alt und Konrektor einer Schule. Wir haben ihn besucht. Ab Seite 10.
Taschentücher? Klar, besitzen fast alle von uns. Meist sind sie aus Papier – und
landen nach ihrer Benutzung im Müll. Dass es nachhaltiger geht, wollen junge Men-
schen aus Schleswig-Holstein beweisen: Sie haben ein Unternehmen gegründet, das
wiederverwendbare Stofftaschentücher herstellt. Ihr Ziel: das Image der Oma-Taschen-
tücher aufpolieren. Ab Seite 16.
Was sonst noch wichtig ist? Die meisten unserer Verkäuferinnen und Verkäufer
sind wieder an ihren gewohnten Verkaufsplätzen anzutreffen. Und berichten uns in
vielen Gesprächen, wie dankbar sie sind über die vielen aufmunternden Kontakte und
Gespräche dort. Aber weiterhin sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen. Unser
Spendenkonto finden Sie im Impressum auf Seite 36.
Ihre HEMPELS -Redaktion
gewinnspiel
sofarätsel Gewinne
Auf welcher Seite dieser HEMPELS-Ausgabe versteckt 3 x je ein Buch der Ullstein Verlagsgruppe. Im Juli war das kleine Sofa auf
sich das kleine Sofa? Wenn Sie die Lösung wissen, dann Seite 37 versteckt. Die Gewinner werden im September veröffentlicht.
schicken Sie die Seitenzahl an: raetsel@hempels-sh.de
oder: HEMPELS, Schaßstraße 4, 24103 Kiel. Teilnehmende Im Juni haben gewonnen:
erklären sich einverstanden, dass im Falle eines Gewinns Angela Flink (Handewitt), Rolf Stinka (Kiel) und Helmut Thomas
ihr Name in HEMPELS veröffentlicht wird. (Eckernförde) je ein Buch der Ullstein Verlagsgruppe. Allen Gewinnern
herzlichen Glückwunsch!
Einsendeschluss ist der 31.8.2020.
Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen.
2 | inh a lt Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0Titel
EIN RUNDES LEBEN
Titelfoto: Klaus-Henning Hansen
Heiko Lükemann aus dem Kreis Plön liebt Sprachen und
Kulturen. Und er liebt den Fußball. Seit einigen Jahren hat
der 57-jährige Konrektor einer Schule ein ganz besonderes
Hobby: Als sogenannter Groundhopper reist er rund um die
Welt, um sich Fußballspiele anzuschauen.
se i t e 10
das Leben in zahlen auf dem sofa
4 Ein etwas anderer Blick 34 Unser Verkäufer Thomas
auf den Alltag aus Husum
bild des monats Inhalt
6 Ist doch normal 2 Editorial
31 rezept
32 CD-Tipp; Buchtipp; Kinotipp
33 Service: Mietrecht; Sozialrecht
36 Leserbriefe; Impressum
37 Verk äufer in anderen LÄNDERN; Meldung
Schleswig-Holstein Sozial 38 Sudoku; K arik atur
39 Satire: Scheibners Spot
8 Meldungen
9 Darf ich das?
Gewissensfragen im Alltag
16 Wie bei Oma: Studierende wollen
Stofftaschentücher populär machen
22 Interview: Warum Menschen
ihre Wohnung verlieren
25 Freiheit ist kein Selbstläufer
26 Radio Aktivität: HEMPELS-Radio
zehn Jahre alt
28 Monika Bagger-Wulf, Caritas:
Warum die HEMPELS-Stiftung
wichtig ist
2020
30 Wie ich es sehe:
VERKAUFSREGELN verhalten, dass sich weder Kunden
noch Kollegen oder Passanten
durch ihn/sie gestört fühlen.
Das Straßenmagazin für Schleswig-Holstein
Bitte kaufen Sie
Kolumne von Hans-Uwe Rehse HEMPELS nur bei
1. Der Verkaufsausweis bleibt Eigen- 6. Der Verkauf in öffentlichen Ver-
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weis beim Verkauf sichtbar tragen.
7.
kehrsmitteln ist streng untersagt.
Der Zeitungskauf ist nur im HEM-
PELS-Café „Zum Sofa“ sowie im
Ausweis: KI - 000
Verkaufenden, die diesen
3. Verkäufer/innen dürfen bei der Trinkraum Gaarden mit gültigem
Arbeit nicht angetrunken sein und/ Verkaufsausweis möglich. Verkäufer/in:
oder unter dem Einfluss von Dro- 8. Die Weitergabe der Zeitung an an-
M. Muster
gen stehen. Verboten ist auch der dere, besonders an gesperrte Ver-
Konsum während des Verkaufs.
4. Es ist jedem Verkäufer untersagt, 9.
käufer/innen ist verboten.
Fest vergebene Verkaufsplätze sind Ausweis sichtbar tragen
während des Verkaufs zu betteln.
5. Der/Die Verkäufer/in hat sich so zu
geschützt. Dort hat der jeweilige
Platzinhaber Verkaufsvorrecht.
Verkaufsplatz
Kontakt: HEMPELS e.V., Schaßstraße 4, 24103 Kiel; Telefon (04 31) 6 79 39 800
He mpe l s # 2 9 1 8/2 02 0 inh a lt | 3das leben in zahlen
Frauen erhalten
seltener Urlaubsgeld
Während in Deutschland 47 Prozent der Männer Urlaubsgeld erhalten, trifft das nur auf 39 Prozent der
Frauen zu. So das Ergebnis einer Studie des WSI-Tarifarchivs der Hans-Böckler-Stiftung. Entscheidende
Faktoren sind dabei auch die Größe des Betriebes und die Tarifbindung. 71 Prozent der Beschäftigten in
tarifgebundenen Unternehmen profitieren, in Betrieben ohne Tarifbindung sind es nur 34 Prozent. In
Betrieben mit über 500 Beschäftigten erhalten 61 Prozent Urlaubsgeld, in Kleinbetrieben bis 100 Beschäftigten
nur 34 Prozent. Am wenigsten Urlaubsgeld bekommen Beschäftigte im Hotel- und Gaststättengewerbe. PB
39 % 47 %
Frauen mit Urlaubsgeld Männer mit Urlaubsgeld
4 | das l ebe n in z a hl en Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0Frauen verlieren mit
Mutterschaft Einkommen
Wenn Frauen sich dafür entscheiden, Kinder zu bekommen, dann bedeutet das gegenüber
kinderlosen Frauen auf das gesamte Erwerbsleben bezogen einen deutlichen Verlust an Einkommen.
Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung führt die Entscheidung für 1 Kind zu durchschnittlichen
Einbußen von 40 Prozent. Bei 3 oder mehr Kindern sind es bis zu 70 Prozent. Erklärt wird
die Differenz damit, dass viele Mütter in ihren Jobs zeitweise pausieren und oft nur in Teilzeit
weiterarbeiten. Befürchtet wird eine weitere Verschärfung durch die Corona-Krise. Die Studie
fordert bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. pb
Foto: Pixabay
He mpe l s # 2 9 1 8 /2 02 0 das l ebe n in z a hl e n | 5Werfen wir diesen Monat mal ei-
nen kurzen Blick auf das Heldenthema.
Diesmal nicht auf die Coronahelden des
Frühjahrs an den Supermarktkassen
oder in den Kranken- und Pflegehäu-
sern. Auch nicht auf die mit Testoste-
ron vollgestopften und manchmal noch
sehr jungen Freizeithelden, die sich mit
Unerschrockenheit und Mut vermeint-
lich schweren Aufgaben stellen und sich
dabei gerne auch mal ein Supermann-
Kostüm überstreifen, damit man ihr
Heldentum auch tatsächlich bemerkt.
Wir wollen vielmehr auf die wirklichen
Helden blicken, denen es nicht um sie
selbst geht und die andere Menschen
aus brenzligen Situationen retten und
Leben bewahren (nein, Donald Trump
ist hier ausdrücklich nicht gemeint).
Mit diesem eleganten Übergang also
nun mitten rein ins Thema. Gerade
ist ein Studienergebnis veröffentlicht
worden, warum Menschen, die unter
eigener Lebensgefahr andere aus bren-
nenden Autos oder erdbebenzerstörten
Häusern retten, anschließend meist vol-
ler Bescheidenheit auftreten. Das habe
damit zu tun, sagen die Psychologen,
dass die Wahrnehmung des Helden in
solchen Momenten auf die Leiden der
hilfsbedürftigen Person gerichtet ist,
nicht auf das eigene Handeln.
Dem Helfer selbst kommt es also gar
nicht so heldenhaft vor, was er oder sie
da gerade geleistet hat – war doch ganz
normal und einfach nur notwendig.
Foto: REUTERS / Lucy Nicholson
Helden helfen selbstlos und mit Empa-
thie für die Not anderer, weniger für
sich selbst. Effekthaschende Angeber
wie Trump können also tatsächlich gar
nicht gemeint sein, weil sie zum Helden
überhaupt nicht taugen. PB
He mpe l s # 2 9 1 8/2 02 0 bil d de s mon at s | 7meldungen
+++ +++
Erste Quarantäne-Station für Obdachlose in Berlin Tafeln benötigen Hilfe
Um Obdachlose besser vor der Corona-Pandemie schützen Die deutschen Lebensmittel-Tafeln fordern zur Umsetzung
zu können, hat Berlin als erstes Bundesland eine Quarantä- ihrer sozialen und ökologischen Arbeit Hilfe vom Staat. Es
ne-Station für sie eingerichtet. In Räumen der Notfallambu- fehle bislang die logistische Infrastruktur, um große Men-
lanz der Stadtmission stehen seit Mai 16 Betten zur Verfü- gen an Lebensmittel von Produzenten zwischenlagern und
gung für Menschen ohne festen Wohnsitz, die ohne schweren weiterverteilen zu können. Dieser Ausbau müsse so wie in
Krankheitsverlauf mit dem Coronavirus infiziert sind. Ob- Frankreich anteilig staatlich unterstützt werden. Das betreffe
dachlose sind mit ihren Vorerkrankungen besonders anfällig auch die Finanzierung der Geschäftsstelle. Bislang wird die
für Infektionen. Sie haben kein eigenes Zuhause, wohin sie Arbeit fast ausschließlich durch Spenden finanziert. Seit
sich bei einer Infektion zurückziehen könnten. pB Ausbruch der Pandemie nehmen immer mehr Menschen die
Angebote in Anspruch. Zugleich ist die Zahl der Helfer zu-
+++ rückgegangen, weil viele zu einer Risikogruppe gehören. pb
Basiskonten dürfen nicht übermäßig teuer sein +++
Banken dürfen für Basiskonten keine außergewöhnlich hohen
Gebühren verlangen. Das hat jetzt der Bundesgerichtshof Millionäre wollen höhere Steuern für Reiche
entschieden. Seit 2016 hat jeder Bürger Anrecht auf ein Basis- Zum Ausgleich der ökonomischen Folgen der Corona-Pan-
konto. Beispielsweise Obdachlose oder Geflüchtete sollen so demie fordert eine Gruppe von Millionären dauerhaft höhere
die Möglichkeit erhalten, am bargeldlosen Zahlungsverkehr Steuern für Reiche. Wie Mitte vergangenen Monat Medien
teilzunehmen. Einige Banken verlangen dafür jedoch hohe berichteten, hat der aus 83 Millionären aus sieben Ländern
Gebühren und rechtfertigen das mit dem Zusatzaufwand für bestehende Zusammenschluss »Millionaires for Humanity«
eine schwierige Klientel. Laut Stiftung Warentest kosten die (Millionäre für die Menschheit) einen entsprechenden offenen
teuersten Basiskonten bis zu 250 Euro im Jahr. Unklar bleibt Brief veröffentlicht. Mit dem Geld sollen das Gesundheitssys-
vorerst, wie hoch die Gebühren künftig sein dürfen. PB tem, Schulen und soziale Sicherheit finanziert werden. Nur
durch Wohltätigkeit und Spenden ließen sich die durch die
+++ Pandemie entstandenen Probleme nicht lösen. pb
Mindestlohn steigt in vier Schritten +++
Der Mindestlohn wird in Deutschland in vier Schritten bis
zum 1. Juli 2022 auf dann 10,45 Euro steigen. Das haben Weitere Nachrichten finden Sie auf unserer Homepage:
Arbeitgeber und Gewerkschaften in der Mindestlohnkonfe- www.hempels-sh.de
renz verhandelt. Die erste Steigerung kommt zum 1. Januar
2021 von derzeit 9,35 Euro auf 9,50 Euro. Ab 1. Juli 2021
steigt der Betrag auf 9,60, ab 1. Januar 2022 auf 9,82 Euro.
Der Beschluss muss noch durch eine Rechtsverordnung der
Regierung verbindlich gemacht werden. pb
HEMPELS IM RADIO
Jeden ersten Montag im Monat ist im Offenen Kanal Lübeck das HEMPELS-Radio zu hören. Nächster
Sendetermin ist am 3. August ab 17.05 bis 18 Uhr. Wiederholt wird die Sendung am darauf folgenden
Dienstag ab 10 Uhr. Das HEMPELS-Radio bietet einen Überblick über einige wichtige Themen des aktuellen
Heftes und will zugleich Einblicke in weitere soziale Themen aus der Hansestadt ermöglichen.
Zu empfangen ist der Offene Kanal im Großraum Lübeck über UKW Frequenz 98,8. Oder online über
den Link »Livestream« auf www.okluebeck.de
8 | me l dungen Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0gewissensfragen im alltag
Darf ich das?
Foto: Luitgardis Parsie
Foto: Dirk Sander
Foto: NDR
Klaus Hampe Luitgardis Parasie Sabine Hornbostel
Frage eines Mannes: Ich habe nur noch ein paar Jahre bis andere Menschen. Und das tun Sie mit Routine, Erfahrung,
zur Rente. Aber die Arbeit fällt mir von Tag zu Tag schwe- mit Können. Darauf können Sie stolz sein und daran können
rer. Ich würde mich am liebsten in meinem Häuschen Sie Spaß haben. Ich will Ihre Gefühle nicht kleinreden. Ich
verkriechen und nur noch in meinem Garten werkeln. Da kann mir sehr gut vorstellen, dass Sie müde sind, erschöpft von
bin ich glücklich. Aber im Betrieb fühle ich mich nur noch Jahrzehnten der »Tretmühle«. Ich verstehe, dass Sie das Gefühl
unglücklich. Diese Unlust drückt mir aufs Gemüt. Und haben: »Es reicht jetzt langsam. Ich kann und will nicht mehr.«
gleichzeitig habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich im Deswegen brauchen Sie kein schlechtes Gewissen zu haben. Im
Betrieb nur noch muffelig bin. Aber was soll ich machen? Gegenteil. Das ist eine gute Vorbereitung auf den Ruhestand.
Denn es gibt nichts Schlimmeres als den Rentner, der nichts
Versuchen Sie doch mal Folgendes: Immer, wenn Sie bei mehr mit sich anzufangen weiß, wenn der Tag des »wohl ver-
der Arbeit auf die Uhr schauen, sagen Sie sich: »Schon wieder dienten Ruhestands« gekommen ist.
einen neuen Rosensetzling für den Garten verdient.« Oder: Ich finde, Sie bereiten sich gerade hervorragend auf den
»Schon wieder eine Tapetenrolle für die Wohnzimmer-Reno- nächsten Lebensabschnitt vor: Sie freuen sich auf das Neue,
vierung fertig.« Würde das Ihrer Arbeit wieder Sinn geben? das kommt. Doch die Zeit bis dahin müssen Sie noch irgend-
Wahrscheinlich werden Sie jetzt schimpfen und sagen: Was wie überbrücken. Mein Vorschlag: Machen Sie eine Liste mit
denkt dieser Kerl eigentlich? Was weiß der von meiner Arbeit? zehn Pluspunkten für Ihr Heute. Zum Beispiel: Ich habe nette
Ich trällere doch keine Schlager! Ich baue Autos, versichere Kollegen. Ich habe jede Menge Routine im Job. Ich bin momen-
Menschen, verkaufe Lebensmittel, unterrichte junge Leute tan finanziell abgesichert. Ich habe viel Abwechslung: Häus-
oder was immer Ihr Beruf ist. Wenn der wüsste, was ich tag- chen hier und Arbeit da. Und so weiter. Sie finden sicher zehn
täglich leiste! Pluspunkte. Der letzte Punkt darf durchaus sein: Ich freue
Ja? Widersprechen Sie mir? Wunderbar! Denn mit Ihrem mich auf meinen Ruhestand!
Widerspruch kommen wir zu einer wichtigen Sache: Ihre Ar- Also: Versuchen Sie, die letzten Monate im Beruf als
beit ist wichtig! Für irgendwen! Nicht nur für die Firma oder Geschenk zu nehmen und nicht als Last. Denn Geschenke
die Behörde, die Ihr Gehalt überweist. Irgendetwas tun Sie für schleppen sich leichter als Lasten.
»Darf ich das ? Gewissensfragen im Alltag« ist ein Nachdruck einer R adio-Rubrik der E vangelischen K irche
im NDR. Im regelmäS Sigen Wechsel beantworten K l aus Hampe, L eiter der Öffentlichkeitsarbeit des E vangelisch-
lutherischen Missionswerks in Niedersachsen, Luitg ardis Par asie, Pastorin und Buchautorin,
sowie Sabine Hornbos tel , L ektorin und T herapeutin, F ragen zur Alltagsethik .
Mehr dazu unter www.radiokirche.de
He mpe l s # 2 9 1 8/2 02 0 ge wis sensf r age n im A l ltag | 9Rubrik
titel
Ein Rundes
leben
Heiko Lükemann aus dem Kreis Plön ist
57 Jahre alt und Konrektor einer Schule
– und er reist als Groundhopper zu
Fußballspielen rund um den Globus
TEXT: GEORG MEGGERS
FOTOS: KLAUS-HENNING HANSEN
Sein WhatsApp-Profilbild zeigt Länderpunkt. Groundhopping kom-
das Camp Nou, jenes berühmte, fast biniert Reisen, Sammeln und Fußball:
100.000 Zuschauer fassende Stadion »Perfekt für mich«, sagt Heiko Lüke-
des FC Barcelona. »Meine Kathedrale mann.
des Fußballs«, sagt Heiko Lükemann, Als Groundhopper hat er etwa Spiele
den wir in einem anderen Stadion tref- im Kreis Plön, in China und auf Kuba
fen. Jenem des TSV Schönberg nahe der besucht; insgesamt 275 Partien in 20
Ostsee bei Kiel. Auf der einen Spiel- Ländern. In der Szene sei der in Lübeck
feldseite eine dreistufige Holztribüne, geborene Schönberger damit »ein klei-
auf der anderen vor allem Bäume: Für nes Licht«. Trotzdem hat er ein Buch
WhatsApp taugt das Albert-Koch-Sta- darüber geschrieben: »Fußballsucht«
dion weniger. heißt es. Untertitel: »Wenn Alte Her-
Doch etwas verbindet die Stadien ren groundhoppen.« Groundhopper
in Schönberg und Barcelona: Sie sind sind meist jung und willens, ganz viel
das, was Heiko Lükemann sammelt. Lebenszeit in strapaziöse Reisen zu
Menschen, die tun, was er tut, nennen entlegenen Spielorten zu stecken. Hei-
sich Groundhopper. Wörtlich hüpfen ko Lükemann ist 57 Jahre alt, Familien-
(englisch: to hop) sie von Spielfeld zu vater und Lehrer. Einen ähnlich alten
Spielfeld (ground). Das heißt sie besu- Groundhopper habe er noch nie getrof-
chen überall auf der Welt Fußballspiele, fen – und es war auch der Freund seiner
von der Kreisklasse bis zur Champions Tochter, Mitte zwanzig, der ihn 2016
League – und tragen sich dafür, etwa mit diesem Hobby infizierte.
in einer App, Punkte ein. Pro Platz gibt Wenn Heiko Lükemann mit ihm oder
es einen »ground« und pro Land einen alleine zu Spielen reist, geht es nicht nur
10 | t i t el Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0Vom Spiel Tottenham Hotspur gegen den FC Liverpool im Londoner Wembley-Stadion hat Heiko Lükemann einen Schal mitgebracht. He mpe l s # 2 9 1 8/2 02 0 t i t e l | 11
Rubrik
titel
um Fußball. »Ich liebe Sprachen und
Kulturen – und auf einem Fußballplatz
lernst du beides ganz schnell kennen.«
Oft fragen ihn heimische Fans, wie er
den Weg in ihr Stadion fand, warum er
sich ausgerechnet dieses unterklassige
Spiel anschaue – schon sind sie im Ge-
spräch. Museen schätze er auch, aber
»in denen geht es schon stiller zu«. Und
manchmal führt Fußball zu noch mehr
Kultur: Am Spielfeldrand in Havanna,
Kuba, empfahl ihm ein Zuschauer die
dortige Oper. »Toller Tipp, die hätten
wir sonst verpasst.«
In Schönberg wird an diesem Tag
aus Nieseln ein Regenschauer; deshalb
packen die Jugendlichen, die eben noch
auf einem Kunstrasenplatz neben dem
Albert-Koch-Stadion kickten, ihre Sa-
chen. Sie verabschieden sich bei Heiko 2016 besuchte Heiko Lükemann ein Heimspiel von Jiangsu Suning FC aus Nanjing
Lükemann. »Jungs, benehmt euch«, ruft – und sammelte damit einen chinesischen Länderpunkt.
der ihnen hinterher. Auch wir brauchen
für das Interview schnell einen anderen schönste Beruf der Welt«, sagt er. Heiko ballspiele besucht – wie finden das sei-
Ort als die unüberdachte Holztribüne. Lükemann unterrichtet die wohl pas- ne Schülerinnen und Schüler? »Schon
Heiko Lükemann hat neben dem Sport- sendsten Fächer für einen Groundhop- spannend. Auch die, die sich nicht für
platz sein Büro: Er ist Konrektor der per: Sport und Weltkunde. Fußball interessieren, weil es ja nicht
Gemeinschaftsschule Probstei, deren Ein Lehrer, der an seinen Wochen- um Ergebnisse geht, sondern um Ge-
Schulsportplatz das Stadion ist. »Leh- enden, in den Schulferien und sogar auf schichten.« Wenn möglich verknüpft
rer mit meinen Fächern – das ist der Klassenfahrten möglichst viele Fuß- Lehrer Lükemann Stadionbesuche und
Lehrplan: Nach einem Wochenende
mit Spielen in Bochum und Dortmund
erzählte er seinen Schülern zunächst
davon – dann sprachen sie über den
Strukturwandel im Ruhrgebiet. »Die-
ses abstrakte Thema verbinden sie nun
mit sehr konkreten Erlebnissen ihres
Lehrers, und können es sich somit gut
merken.«
Heiko Lükemann ist braun gebrannt,
trägt kurze Hose und Fußballtrikot. In
das ansonsten verlassene Lehrerzim-
mer, in das nur wenig trübes Licht durch
die graue Wolkendecke scheint, passt er
nicht so recht. »Fußball ist Leben«, sagt
er, im Bürostuhl weit zurückgelehnt.
Das klingt wie eine Phrase, von denen es
so viele zum Thema Fußball gibt. Klingt
fast wie: »Der Ball ist rund.« Heiko Lü-
kemann war Jugendspieler, Herrenspie-
ler, Altherrenspieler und kickt derzeit
für ein Kieler Gehfußball-Team. Er hat
Damen- und Jugendteams trainiert, war
Vor dem Sportheim des TSV Schönberg: Heiko Lükemann war Jugendspieler, Herrenspieler, Schiedsrichter und Stadionsprecher. Als
Altherrenspieler und kickt nun für ein Kieler Gehfußball-Team. Fußball-Reporter berichtet er für ein
12 | t i t e l Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0275 Partien in 20 Ländern hat Heiko Lükemann besucht. Die Eintrittskarten bewahrt er in einer Holzkiste auf. He mpe l s # 2 9 1 8/2 02 0 t i t e l | 13
titel lokales Blatt – nun ist er Groundhopper gehören spannende Reiseerlebnisse und so eine Parallele zum Leben: dass man und hat ein Fußballbuch geschrieben. die Freude über einen neuen Länder- sich beim Fußball total ärgern kann.« Das klingt weniger nach Phrase: Fuß- punkt – aber auch bittere Momente. Seit Und aus noch einem Grund liegt eine ball ist Heiko Lükemanns Leben. Jahren besonders für Fans des Ham- schwierige Zeit hinter ihm: Zu Beginn Was für ihn den Fußball so besonders burger SV, zu denen Heiko Lükemann der Corona-Pandemie wurden alle Fuß- macht? »Er bringt dich mit den unter- zählt. Eine Woche vor dem Interview ballspiele abgesagt. Inzwischen wird schiedlichsten Menschen zusammen, zu hat der HSV durch eine 1:5-Heimnie- vielerorts wieder gekickt, jedoch ohne denen du sonst kaum Kontakt hättest. derlage den Aufstieg verspielt. »Das tat Zuschauer. »Ich bin glücklich verheira- Und gemeinsam erlebt ihr alle Emoti- richtig weh«, sagt er, und man sieht ihm tet, wirklich. Aber das war schon eine onen, die das Leben ausmachen.« Dazu an, dass es das noch immer tut. »Noch ereignislose Phase!« In den Sommer- Auf der Holztribüne des Albert-Koch-Stadions: Der Platz gehört zur Gemeinschaftsschule Probstei, in der Heiko Lükemann unterrichtet. 14 | t i t e l Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0
ferien wollte er eigentlich mit seiner es kurzfristig doch nicht nach Polen, erleben!« Vielleicht wird das seine neue
Frau die polnische Ostseeküste bereisen sondern nach Kroatien. Bernstein wird Kathedrale des Fußballs? Sein neues
– und dabei einige grounds sammeln, er dort nicht finden – »aber hoffentlich WhatsApp-Profilbild? Einige Stadien
was nun wieder möglich ist. Und noch einen kroatischen ground«. eignen sich dafür besser als andere. Doch
etwas: »Bernstein – den sammle ich Eintrittskarten besuchter Spiele sam- außer, dass ihr Besuch für Groundhop-
auch!« Neben Reisen und Fußball geht melt er natürlich auch und bewahrt sie per Punkte bedeutet, verbindet sie alle
es beim Groundhopping auch darum: in einer Holzkiste auf. Als er einmal da- noch etwas: »Ob im Camp Nou oder
»Um Sammelleidenschaft. Früher habe rin kramte, habe er gedacht: »Zu jedem im Albert-Koch-Stadion, ob ich Lionel
ich Bierdeckel gesammelt, heute vor al- Ticket fällt mir eine Geschichten ein. Messi sehe oder einen Kreisliga-Kicker:
lem Fußballplätze.« Wetterbedingt geht Warum nicht aufschreiben?« Und was er Die Magie des Fußballs spüre ich über-
schrieb, gefiel. Erst Freunden und Fami-
lie, dann einem Verlag. So entstand sein
Buch. »Als Autor sehe ich mich nicht,
und es wird kein zweites Buch von mir
geben. Ich möchte nur Werbung für ein
tolles Hobby machen!«
Obwohl bei seinem Hobby das Drum-
herum wichtiger ist, analysiert er stets
auch das, was auf dem Platz geschieht.
Dazu passt, dass sich Heiko Lükemann
und der HEMPELS-Reporter schon vor
vielen Jahren trafen: Heiko Lükemann
war A-Jugend-Trainer des TSV Schön-
berg und wollte den damaligen Schüler
zu seinem Team abwerben. Detailliert
beschrieb er am Wohnzimmertisch die
Viererkette in seiner Abwehr. Das klang
nach großem Fußball: Eine Viererkette
kannte man nur aus dem Fernsehen – in
den Dorfvereinen wurde noch konse-
quent mit Libero verteidigt.
Fast zwei Jahrzehnte später sagt Hei-
»Als Autor sehe ich mich nicht«: Mit seinem
ko Lükemann: »Groundhopping ist für
Buch möchte der Schönberger »nur Wer-
mich der Höhepunkt meines Fußballer- bung für ein tolles Hobby machen«.
lebens. Ich reise und sammle, ich sehe
Spiele und lerne dabei Menschen und
Kulturen kennen – besser gehts nicht!« all!« Auch das ist so ein Satz, der eine
Und er hat ambitionierte Ziele: Auf 1000 Phrase sein könnte. Der aber nicht so
grounds und 100 Länderpunkte möchte klingt, wenn Heiko Lükemann ihn sagt.
er kommen. »Das geht erst so richtig los,
wenn ich in Pension gehe«, sagt er. Dann Heiko Lükemanns Buch »Fußballsucht.
möchte er mit seiner Frau immer wieder Wenn Alte Herren groundhoppen« er-
monatelang um die Welt reisen – sie um schien im Verlag »Die Werkstatt«, hat
des Reisens willen, er vor allem, um Sta- 160 Seiten und kostet 14,90 Euro.
dien zu besuchen. Zwischendurch wol-
len sie zu Hause reinschauen, »um den
Enkeln kurz Hallo zu sagen«.
Nächstes Traumziel: Buenos Aires,
Argentinien. »In Videos wirkt die Stim-
mung in den Stadien dort sehr leiden-
schaftlich. Das will ich unbedingt live
He mpe l s # 2 9 1 8/2 02 0 titel | 15Schleswig-holstein sozial
Wie bei Oma
Uncool und unhygienisch: Stofftaschentücher
haben ein echtes Imageproblem. Studierende
aus Schleswig-Holstein wollen die nachhaltigen
Oma-Taschentücher wieder populär machen
– wie soll das bloß klappen?
TEXT: GEORG MEGGERS
FOTOS: KLAUS-HENNING HANSEN
Was er in seiner Hosentasche hat, lisch für Taschentuch. Ihr Ziel ist ein
möchte Kolja de Cuveland nicht zeigen. Comeback: Weil sie nachhaltiger sind
»Sorry, schon benutzt«, sagt er. Unbe- als ihre Pendants aus Papier, wollen
nutzte Exemplare hat dafür Lisa Brucia sie Stofftaschentücher wieder populär
mitgebracht und breitet sie nun auf der machen.
Parkbank in der Kieler Innenstadt aus. Ein Schlüsselerlebnis hatten die bei-
Es geht um Taschentücher. Das Beson- den Studierenden nicht, sie erzählen
dere: Sie sind aus einem Material, in nur vom regelmäßigen Anblick über-
das nur noch selten geschnäuzt wird – quellender Papierkörbe. Und Zahlen
Stoff. stützen ihren Eindruck, dass es da ein
Lisa Brucia, 25, und Kolja de Cuve- Problem gibt: 19 Kilogramm Hygie-
land, 29, studieren an der Kieler Uni. nepapier wie eben Taschentücher hat
Ihre Fächer könnte man vielleicht als der durchschnittliche Deutsche laut
»irgendwas mit Umwelt« umschrei- Umweltbundesamt im Jahr 2019 ver-
ben, ausbuchstabiert heißen sie »Envi- braucht. 19 Kilogramm Müll.
ronmental Management« (Lisa Brucia) Benutzte Stofftaschentücher erwar-
und »Sustainability, Society and the tet ein anderes Schicksal. »Ihre Halt-
Environment« (Kolja de Cuveland). barkeit ist quasi unbegrenzt«, sagt Kol-
Mit zwei Kommilitoninnen haben sie ja de Cuveland. Gewaschen können sie
das Unternehmen »änkerchief« ge- wieder und wieder verwendet werden.
gründet. Der Name setzt sich zusam- Die Taschentücher von »änkerchief«
men aus Anker, der für die Hafenstadt bestehen außerdem aus Second-Hand-
Kiel steht, sowie »handkerchief«, eng- Stoffen, die sonst im Müll gelandet
16 | Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0Lisa Brucia und Kolja de Cuveland auf einer Parkbank in der Kieler Innenstadt:
Diesen Sommer beginnt der Verkauf ihrer Stofftaschentücher.
He mpe l s # 2 9 1 8/2 02 0 Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l | 17Schleswig-holstein sozial
wollen. Weniger nett könnte man auch
von Oma-Taschentüchern sprechen.
»Sie sind aus der Mode – und für viele
ist das bestimmt ein Grund, sie nicht zu
benutzen«, sagt Lisa Brucia. Wie wollen
sie daran etwas ändern?
»Das Design ist wichtig:
Unsere Taschentücher
sollen gut aussehen«
»Das Design ist wichtig: Unsere Ta-
schentücher sollen gut aussehen«, sagt
Kolja de Cuveland. Die auf der Park-
bank ausgelegten Exemplare sind zwei-
oder dreifarbig, oft ist ein Blauton da-
Kolja de Cuveland und Lisa Brucia haben zusammen mit zwei Kommilitoninnen bei. Viele sind in schlichten Mustern
»änkerchief« gegründet. Ihr Ziel: Stofftaschentücher wieder populär machen. gehalten, eines zeigt ein Blumenmotiv,
ein anderes Fliegenpilze. Keine Frage:
wären – womöglich direkt neben voll- Nett ausgedrückt sind Stofftaschen- Da kann Donald Duck nicht mithalten.
geschnäuzten Papiertaschentüchern. tücher ein Klassiker, dem die Studie- Und besser als ein weißes Stück gefalte-
Und aus noch einem Grund sind Ȋn- renden zu einem Comeback verhelfen tes Papier sehen sie allemal aus.
kerchiefs« nachhaltig: Sie werden in
Kiel produziert, genauer: in den WG-
Zimmern der Studierenden, gefertigt
an gebraucht gekauften Nähmaschinen.
Es spricht also einiges für Stofftaschen-
tücher. Warum nutzt sie dann nicht je-
der?
Kurze Stichprobe zur Verbreitung
von Stofftaschentüchern mit zwei Pro-
banden: Unser HEMPELS-Fotograf,
Proband eins, hat ein Papiertaschen-
tuch in seiner Hosentasche. »Zu Hause
im Schrank müsste ich noch Stoffta-
schentücher haben – ich bin aber schon
vor Jahrzehnten umgestiegen.« In der
Hosentasche von Proband Nummer
zwei ist kein Taschentuch. Aber wenn
der Reporter eines hätte, wäre es aus
Papier. Stofftaschentücher benutzt er
seit der Grundschule nicht mehr. Da-
mals gaben ihm Mitschüler zu verste-
hen, dass man als Viertklässler nicht
mehr in Stoffquadrate mit Donald-
Die Taschentücher von »änkerchief« bestehen aus Second-Hand-Stoffen,
Duck-Motiven schnoddert. die sonst im Müll gelandet wären.
18 | Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0Lisa Brucia studiert »Environmental Management« (Umweltmanagement) an der Kieler Uni. He mpe l s # 2 9 1 8/2 02 0 Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l | 19
Schleswig-holstein sozial
Kein Fall für den
Mülleimer: Die Haltbarkeit
von Stofftaschentüchern
»ist quasi unbegrenzt«,
sagt Kolja de Cuveland
Pro Taschentuch braucht Kolja de
Cuveland etwa eine halbe Stunde: »Ab-
messen, aufzeichnen, ausschneiden,
bügeln, nähen – fertig!« Als es Anfang
des Jahres losging mit »änkerchief«,
hat ihm seine Schwester gezeigt, wie
man an einer Maschine näht. »Durch
Übung geht das immer besser.« Mate-
rial und Nähmaschinen finanziert das
Team mit einem Preisgeld: Beim Ide-
enwettbewerb »yooweedoo«, der sozial
sowie ökologisch nachhaltige Projekte
unterstützt, wurde in diesem Jahr auch
»änkerchief« ausgezeichnet und erhielt
1500 Euro.
Ein Wahlmodul in den Studiengän-
gen von Kolja de Cuveland und Lisa
Brucia sieht die Gründung eines sozi-
alen Unternehmens wie »änkerchief«
vor. Man könnte sagen: Taschentücher
nähen ist für sie Studieninhalt. Schon
ungewöhnlich, oder? »Klar, aber wir
lernen ja auch etwas über Unterneh-
mensgründung und Vertriebswege,
über Datenschutz und Öffentlich-
keitsarbeit«, sagt Lisa Brucia. Diesen
Sommer beginnt der Verkauf ihrer in
»Abmessen, aufzeichnen, ausschneiden, bügeln, nähen – fertig«: Um ein Taschentuch Recyclingpapier verpackten Stoffta-
herzustellen, braucht Kolja de Cuveland etwa eine halbe Stunde. schentücher über Kieler Boutiquen und
das Internet.
Nachhaltigkeit ist im Trend. Oder wendbare Produkte wie Stofftaschen- Dann wird sich zeigen, ob es ein
vorsichtiger formuliert: zumindest das tücher deshalb Corona-Brutkästen? Comeback nachhaltiger Taschentücher
Interesse an Nachhaltigkeit. Im Coro- Kolja de Cuveland sagt: »Einfach regel- gibt – zurück aus den Schränken in die
na-Sommer 2020 aber ebenso verbrei- mäßig heiß waschen, mit mindestens Hosentaschen auch junger Menschen.
tet: Plastik-Handschuhe und Einweg- 60 Grad – dann muss man sich darüber Hat »änkerchief« als Geschäftsmodell
Mundschutze. In manchen Parks liegen keine Sorgen machen. Und wer ganz si- eine Chance? Die Frage ist falsch ge-
sie herum wie Cola-Dosen vor Einfüh- chergehen möchte, kann seine Taschen- stellt, darum geht es nicht. Die Studie-
rung des Dosenpfands. Sind wiederver- tücher auch noch bügeln.« renden wirken nicht naiv; sie wissen,
2 0 | Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0was sie erreichen können. Und was porter über gemeinsame Freunde schon schuh. Ein Stofftaschentuch ist nir-
nicht. »Wir retten mit unseren Ta- früher kannte und die er jetzt zum In- gendwo auszumachen. Lisa Brucia und
schentüchern nicht die Welt«, sagt Kolja terview erneut traf. Kolja de Cuveland radeln nach Hause,
de Cuveland und lacht. »Aber vielleicht Dazu passt auch, dass sie einen Teil in ihre WG-Zimmer mit den gebrauch-
schaffen wir bei ein paar Menschen ein der Einnahmen an »MoorFutures« ten Nähmaschinen. Und der Reporter
Bewusstsein für Nachhaltigkeit – das spenden – ein Projekt, das sich für die überlegt einen Augenblick lang ganz
wäre doch auch schon was!« Wo es kein Renaturierung von Mooren einsetzt. ernsthaft, ob es für Donald Duck noch
Geschäftsmodell gibt, kann das auch Lisa Brucia sagt: »Unsere Taschentü- ein Comeback gibt.
nicht scheitern. cher sollen vor allem nachhaltig sein.
Dazu passt, dass der Preis bis kurz Deshalb produzieren wir sie und des-
vor Verkaufsstart noch nicht feststand halb sollte man sie auch kaufen.« Wo-
– und dann vorerst auf 4,50 Euro für bei sie sich für ihre Käufer auch rech-
ein kleines sowie 5 Euro für ein gro- nen können: Denn Papiertaschentücher
ßes Taschentuch festgelegt wurde. »Wir braucht man ständig neue, Stoffta-
wollen ihn möglichst niedrig halten; schentücher nur so viele, dass man stets
unser Ziel ist nicht, dass wir daran ver- ein sauberes in der Hosentasche hat.
dienen«, sagt Kolja de Cuveland. Ihr Auch das spräche gegen ihr Geschäfts-
Studium finanzieren alle im Team mit modell – wenn es das gäbe.
anderen Nebenjobs – »änkerchief« ist Im Kieler Innenstadt-Park flattern
ein Engagement für sie, kein Job. »Und einige Papiertaschentücher über die
so soll es auch nach der Uni bleiben«, Wiese, und neben einem Mülleimer
sagt Lisa Brucia, die der HEMPELS-Re- – nicht darin – liegt ein Plastikhand-
Zum Interview kommen die Kieler Studierenden Lisa Brucia und Kolja de Cuveland mit dem Fahrrad.
He mpe l s # 2 9 1 8/2 02 0 Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l | 2 1Schleswig-holstein sozial
»Am Ende sind die Selbst-
hilfekräfte erschöpft«
Warum verlieren Menschen ihre Wohnung?
Und wie kann man das verhindern? Jutta Henke, Geschäftsführerin
der Bremer Gesellschaft für innovative Sozialforschung und
Sozialplanung (GISS), hat dazu bundesweit geforscht
INTERVIEW: BASTIAN PÜTTER
Wohnungslose sind häufig mit Un- Als erstes haben wir eine Onlinebe- verschieben. Wie soll das aussehen?
verständnis und Schuldzuschreibun- fragung bei einem repräsentativen Aus- Indem man die Hilfen für Menschen
gen konfrontiert: »Wohnen kann doch schnitt an Kommunen gemacht und dort auf der Straße ausbaut, verliert man aus
jeder.« die Verwaltungen, aber auch alle freien den Augen, wo die Problemlösung liegt.
Man glaubt, bei Wohnungslosen müs- Träger und alle Jobcenter befragt. Daraus Einer unserer Befunde ist, dass die prä-
se etwas ganz anders sein als bei mir oder können wir ganz gut schließen, wie sich die ventiven Hilfesysteme viel weniger sicht-
dir, das stimmt aber nicht. Tatsächlich Hilfeangebote und die Notlagen verteilen. bar sind, als sie selbst glauben. Dort glaubt
sind bei ihnen überaus ungünstige Fak- Der zweite Schritt war eine Vertiefungs- man, die Leute warten und verlieren Zeit.
toren so zusammengetroffen, dass es am studie, in der wir zwölf Hilfesysteme de- Das stimmt nicht. Sie wissen oft nicht,
Ende keine Optionen mehr gab und der tailliert angeschaut haben. Wir haben mit welche Hilfe es wo gibt. Das heißt für das
Wohnungsverlust unausweichlich wur- allen Akteuren vor Ort gesprochen und System, es muss sich erstens so sichtbar
de. Materielle Ursachen sind ein Haupt- uns Verfahren, Abläufe und Strukturen wie möglich machen. Es muss deutlich
grund: 80 Prozent der Betroffenen ver- erklären lassen. Denn ein wichtiges Ziel gemacht werden, dass eine Stadt Woh-
lieren ihre Wohnung, weil sie die Miete der Untersuchung war es, Ansatzpunkte nungslosigkeit verhindern will. Das muss
nicht zahlen können. Großen Einfluss für Verbesserungen zu finden. sie zeigen, dafür muss sie eine Homepage
hat, wie erreichbar und wie sichtbar das Der dritte Teil bestand aus Interviews haben, Anzeigen schalten, Flyer drucken,
Hilfesystem ist, und wie präventiv es mit Menschen, die wohnungslos waren das volle Programm.
arbeitet. Und dann sind es persönliche und solchen, die ihre Wohnungslosigkeit Das zweite ist: Sie muss ihre Inst-
Faktoren, die zum Beispiel gesundheitli- überwunden hatten – mit dem gleichen rumente nutzen. Ein Ergebnis der Un-
cher Art sein können. Am Ende sind die Ziel: Wir wollten wissen, was hat bei der tersuchung war, dass der Einsatz von
Selbsthilfekräfte erschöpft. Solange die zweiten Gruppe funktioniert, das bei persönlicher Unterstützung zur Woh-
Menschen eine Wahl haben, treffen sie anderen nicht geklappt hat. Wir halten nungssicherung längst nicht in dem
die vernünftigsten Entscheidungen, die es für einen Fehler, nur auf die sichtbare Umfang genutzt wird, wie es möglich
man in einer schwierigen Lage treffen Problematik zu gucken, weil die Prob- wäre. Es gibt beispielsweise das Betreute
kann. Wohnungslosigkeit tritt ein, wenn lemlösungen dort genau nicht gefunden Wohnen, doch das wird häufig nur nach-
keine Wahl mehr da ist. werden. Lösungen findet man vor dem gehend, also nach dem Wohnungsverlust
Ihr Forschungsprojekt hat so etwas Wohnungsverlust oder danach: z. B. in eingesetzt. Viel wirkungsvoller wäre es,
wie einen Gesamtüberblick über die der Wohnungsversorgung und langfristi- diese Leistung schon im Vorfeld zu ins-
Situation der Wohnungslosenhilfe in gen Absicherung. tallieren, um den Wohnungsverlust abzu-
Deutschland erstellt. Wie sind Sie vor- Sie fordern, den Fokus auf die Ver- wenden. Unvermeidbare Wohnungsver-
gegangen? meidung von Wohnungslosigkeit zu luste gibt es viel weniger, als man glaubt.
2 2 | Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0Foto: Pixabay
80 Prozent der Betroffenen haben ihre Wohnung verloren, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten: In Deutschland besitzen laut
einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe rund 678.000 Menschen keine eigene Wohnung.
Sie betonen in Fragen der Prävention gischerweise zuerst an die Stelle, die für Anzeige einer gravierenden Notlage. In so
besonders die Rolle der Jobcenter. ihr Einkommen zuständig ist, und das einem Fall gehen die Leute unverrichteter
Ein wirklich überraschender Befund sind die Jobcenter. Die Betroffenen ken- Dinge und denken, es gibt keine Möglich-
in der Untersuchung war, dass die Job- nen aber die Verfahren nicht, und deshalb keit der Problemlösung.
center die Institutionen sind, die als erste sagen sie nicht: »Ich möchte einen Antrag Die Kommunen müssen sich mit den
von den Menschen selbst über die Notlage auf Übernahme meiner Mietschulden Jobcentern über Wege des Informations-
erfahren. Da ist ein echter Knackpunkt. stellen.« Sondern sie sagen: »Ich kann austauschs verständigen. Informationen
Wir haben das auch in vielen Interviews meine Miete nicht zahlen, ich hab‘ kein dürfen dort nicht versickern. Wir raten
gehört. Die Menschen, vor allem wenn sie Geld.« Das wird im Gespräch möglicher- darüber hinaus dazu, dass die Jobcenter
im Leistungsbezug sind, wenden sich lo- weise wahrgenommen, aber oft nicht als einen präventiven Auftrag bekommen.
He mpe l s # 2 9 1 8/2 02 0 Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l | 2 3Schleswig-holstein sozial
für Männer sind die Notunterkünfte,
deren Nutzung oft die Bedingung ist,
um weitere Hilfen zu bekommen.
Sammelunterbringung ist von allen
Formen der Versorgung die schlechteste.
Wir hoffen, dass die Kommunen aus der
Pandemie die Lehre ziehen, sich stärker
in Richtung Einzelunterbringung zu ori-
entieren.
Schaut man auf das »Danach« von
Wohnungslosigkeit, stößt man unwei-
gerlich auf die sich weiter schließenden
Wohnungsmärkte. Zur Beendigung von
Wohnungslosigkeit braucht es nun mal
Wohnungen.
Eine erfolgreiche Strategie ist eine
Eins-zu-Eins-Vermittlung. Die Bun-
desagentur für Arbeit und die Jobcenter
machen das bei der Jobsuche unter dem
Stichwort »bewerberorientierte Vermitt-
lung«. Die gilt Menschen, die besonders
viele Hemmnisse haben und bei denen
klar ist: Wenn sich ein Arbeitgeber un-
ter einer Zahl möglicher Bewerber eine
Person aussucht, dann nicht diese. Damit
auch diese Person eine Chance auf dem
Arbeitsmarkt bekommt, muss man die
Logik umdrehen und sagen: Ich will ge-
nau diesen Bewerber oder diese Bewer-
berin in Arbeit vermitteln. Übertragen
auf die Wohnraumversorgung heißt das:
Solange Vermieter am Markt auswählen
können, entscheiden sie sich zwangsläufig
Foto: GISS
gegen den Wohnungslosen. Wer will, dass
sich diese Menschen mit Wohnraum ver-
sorgen können, muss Energie hier inves-
tieren: bürgen, absichern, begleiten. Man
»Dass Wohnungssicherung Vorrang hat, sollte im Gesetz stehen«: Jutta Henke, Geschäfts- unterschätzt schnell, wie viel Wohnraum
führerin der Bremer Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung.
auf diese Weise erschlossen werden kann.
Durch aktive Begleitung, Intervention
Dass Wohnungssicherung Vorrang hat, Hilfen verzichten. Das muss man ändern. und im Zweifel auch Unterstützung des
sollte im Gesetz stehen. Auf keinen Fall Bei den Männern liegt die Ungleichbe- Vermieters lässt sich oft erreichen, dass
kann man diese Chance aus der Hand ge- handlung bei der Prävention. Ihnen wird eine bestimmte Person einen Mietvertrag
ben. mehr zugetraut, aber auch mehr zugemu- erhält.
In Ihrer Studie stellen Sie Ungleich- tet. Wir halten das für falsch, weil gerade
heiten bei der Versorgung von Män- die Gruppe der alleinstehenden Männer
nern und Frauen fest. hohe Risiken hat. Es ist unbestritten, dass
Ja. Es gibt insgesamt recht gut ausge- Frauen einen hohen Schutzbedarf haben. Die Studie von Jutta Henke ist im Buch-
baute Hilfesysteme für Menschen, die Sobald man aber den Gedanken umdreht handel erhältlich: »Wie lässt sich Woh-
bereits wohnungslos geworden sind. In und sich fragt, ob Männer etwa keinen nungslosigkeit verhindern? Ein Plä-
diesen Systemen fehlen aber spezielle An- Schutzbedarf haben, wird einem klar: doyer.« Soziale Arbeit Kontrovers 23.
gebote für Frauen, was dazu führt, dass Das stimmt nicht. Deutscher Verein für öffentliche und
Frauen auf die Inanspruchnahme von Ein Aspekt dieser »Zumutungen« private Fürsorge | 64 S. | 9 Euro
24 | Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0Freiheit ist
kein Selbstläufer
Corona hat uns gezeigt, wie zerbrechlich unser Leben ist, wie kostbar unser
Leben ist, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören und dass Freiheit,
eine freie Gesellschaft nur existieren kann, wenn die Menschen aufeinander achten
und mit Respekt voreinander umgehen.
Danach wird man sehen: Wer trägt denn die Lasten, wer trägt die Folgen?
Was bedeutet das für die Zukunft der Arbeit, was bedeutet das für die Zukunft
derer, die vielleicht jetzt schon schlechte Bildungschancen hatten? Manches wird
nach oben kommen, und die Ungleichheiten und die Spannungen könnten danach
steigen. Werden etwa die Ungleichheiten in der Gesellschaft größer werden?
Das befürchte ich. Dann kann der Populismus wieder erstarken.
Die Freiheit ist kein Selbstläufer. Sie kann, auf welchen Wegen auch immer,
bedroht werden. Dies war nun eine Bedrohung, die wir nicht erwartet haben, eine
Pandemie. Aber es gibt ja auch andere Bedrohungen der Freiheit. Aber vielleicht
haben wir gelernt, wie kostbar die Freiheit ist und wie sehr wir uns auch anstrengen
müssen, eine Kultur der Freiheit zu bewahren.
KARDINAL REINHARD MAR X, 66, FRÜHE-
RER VOR SITZENDER DER KATHOLISCHEN
DEUTSCHEN BISCHOFSKONFERENZ
Zitiert aus: Deutschlandfunk
Foto: Erzbischöfliches Ordinariat München / Wolfgang Roucka
He mpe l s # 2 9 1 8/2 02 0 Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l | 25Schleswig-holstein sozial
Radio Aktivität
Seit genau zehn Jahren gibt es unser HEMPELS-Radio.
Produziert wird es von Michael Boden
TEXT UND FOTO: PETER BRANDHORST
Man muss nicht lange mit Michael in den Mittelpunkt zu stellen.« Damals, dungen später, feiern er und wir ein run-
Boden sprechen, um seine Motivation im August 2010, war er beim Offenen des Jubiläum. Das Programm wird jeden
zu erkennen. »Seit dem ersten Tag habe Kanal Lübeck erstmals mit dem von ihm ersten Montag eines Monats ab 17 Uhr
ich Heidenspaß an der Aufgabe«, sagt der moderierten und in ehrenamtlicher Ar- ausgestrahlt (siehe Infokasten).
52-Jährige dann. Und fügt hinzu: »Heute beit gestalteten HEMPELS-Radio auf Dabei war dieser Erfolg zunächst nicht
wie damals ist es wichtig, soziale Fragen Sendung, heute, zehn Jahre und 120 Sen- unbedingt absehbar. Boden besaß damals
Seit zehn Jahren ehrenamtlicher Macher unseres HEMPELS-Radios: Michael Boden im Studio vom Offenen Kanal Lübeck.
26 | Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0keine Erfahrung mit Radioarbeit. Aber er Bündnisses gegen Rassismus. Und eben-
hatte großes Interesse, nach seinen Vor- falls seit Mitte 2010 präsentiert er alle
stellungen Radio selbst zu entwickeln. zwei Wochen die breit gefächerte Musik- Der Offene Kanal Lübeck
»Die kommerziellen Programme – Musik sendung Radio-aufStand.by, in der auch
wie redaktionelle Inhalte – waren und Titel abseits des breiten Geschmacks vor- ist ein öffentlich zugängliches, regi-
sind mir schon immer viel zu sehr Main- gestellt werden. Musik ist ihm überhaupt onales Bürgerradio. Gearbeitet wird
stream«, sagt er dazu, »ich möchte auch im Leben wichtig, bereits als Kind hat er ehrenamtlich und selbstverantwort-
die Themen behandeln, die dicht an den Heimorgel gespielt und später Gitarre ge- lich. Wer Lust hat seine eigene Ra-
Nöten vieler Menschen sind.« lernt. diosendung zu moderieren, kann sich
Seine Sendungen versteht Boden als beim OK in der Kanalstraße 42-48 in
anspruchsvoll, immer versucht er sich Lübeck melden. Telefon: (04 51) 7 05
sozialen Themen auch investigativ zu 00 20.
Rückmeldungen zeigen nähern. Im HEMPELS-Radio beispiels- Zu empfangen ist das HEMPELS-
weise liest er nicht nur einzelne Beiträ- Radio im Offenen Kanal jeden ersten
Michael Boden, dass er ge aus dem jeweils aktuellen Heft ein, er Montag im Monat ab 17 Uhr auf 98,8
reichert das Programm auch mit selbst Mhz über Antenne und auf 106,5 Mhz
mit seiner Idee von recherchierten Themen an. Regelmäßig im Kabelnetz Lübeck, Bad Segeberg
führt er Interviews mit Thomas Klem- und Kreis Herzogtum Lauenburg.
Radioarbeit richtig liegt pau, dem Geschäftsführer des Lübecker Oder online per Livestream auf www.
Mietervereins. Rückmeldungen aus dem okluebeck.de Wiederholung am darauf
Bekanntenkreis zeigen ihm, dass er mit folgenden Dienstag ab 10 Uhr. In der
seinen Vorstellungen von Radioarbeit Sendung am 3. August ab 17 Uhr zum
Als Boden mit dieser Arbeit begann, richtig liegt. »Immer wieder wird mir zehnjährigen Jubiläum kommen auch
befand er sich selbst in einer persönlichen gesagt, dass ich mit einem Thema einen mehrere Mitarbeiter und Verkäufer
Krise. Der gelernte Elektromechaniker Nerv getroffen habe.« von uns zu Wort. pb
war zunächst arbeitslos geworden und Und jetzt, nach zehn Jahren Arbeit
hatte drei Mal die Wohnung verloren und beim Offenen Kanal, was wünscht er
musste vorübergehend in einer Notun- sich für die Zukunft? »Viele weitere er- ne selbst Radio machen, aber trauen sich
terkunft leben. »Aber dann ging es dank folgreiche Jahre«, antwortet der Radio- das leider nicht zu.«
der Radioarbeit wieder aufwärts«, sagt er. macher, »und dass wir die Reichweite Dass es funktionieren kann, zeigt sein
Längst ist er hauptberuflich im S.O.S. e. V. noch stärker verbreitern können.« Eini- Beispiel. Und sollte sich jetzt die eine oder
beschäftigt, der im Café WUT ansässigen ge Erfolge hat er auf diesem Weg bereits andere Person angesprochen fühlen – wir
Lübecker Selbsthilfeorganisation für So- erzielen können. Das HEMPELS-Radio vermitteln gerne einen Kontakt zu ihm,
ziales, und berät dort bedürftigen Men- und der Zeckenfunk werden inzwischen zu Michael Boden, dem Macher unseres
schen in Sozialfragen. auch über das Freie Sender Kombinat HEMPELS-Radios.
Beim Offenen Kanal Lübeck ist Mi- (FSK) in Hamburg ausgestrahlt sowie
chael Boden für insgesamt drei wichtige über Freies Radio Neumünster, Radio
Programmpunkte verantwortlich. Neben Fratz Flensburg sowie die Offenen Ka-
dem monatlichen HEMPELS-Radio ver- näle Kiel und Westküste. »Eine weitere
antwortet er, auch seit zehn Jahren, den Verbreitung wäre wünschenswert«, sagt
Zeckenfunk, ein bereits seit 1992 exis- Boden, »aber das erfordert zusätzliche
tierendes Radioprogramm des Lübecker Mitarbeit. Viele Menschen würden ger-
He mpe l s # 2 9 1 8/2 02 0 Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l | 2 7Schleswig-holstein sozial
noch 6 Monate bis zum
25-jährigen Jubiläum
Im Februar 2021 feiern wir unser 25-jähriges Bestehen. Dann 25 Jahre, in de-
nen sich nicht nur die Zeitschrift zu einer aus der schleswig-holsteinischen Me-
dienlandschaft nicht mehr wegzudenkenden Stimme entwickelt hat, zu einer
Stimme derer, die allzu oft nur am Rande wahrgenommen werden. Längst sind
wir noch mehr – wir mahnen und fordern nicht nur, wir handeln. Zulaufend
auf unser Jubiläum stellen wir an dieser Stelle unsere Stiftung »HEMPELS hilft
wohnen« in den Mittelpunkt, die Wohnraum für Wohnungslose schafft. Jeden
Monat lassen wir eine Persönlichkeit zu Wort kommen, die die Bedeutung un-
serer Stiftungsarbeit unterstreicht. Denn gerade auch in dieser durch Corona
geprägten Zeit wird deutlich, wie wichtig ein Dach über dem Kopf für jeden
Menschen ist.
das problem So können Sie helfen
Es sind erschreckende Zahlen: Etwa 678.000 Menschen wa- HEMPELS hat mit Hilfe des Diakonischen Werks Schleswig-
ren 2018 nach einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Holstein eine gemeinnützige Treuhandstiftung gegründet.
Wohnungslosenhilfe (BAGW) in Deutschland wohnungslos. Werden Sie Stifter und unterstützen Sie uns, wohnungslosen
In Schleswig-Holstein geht das Diakonische Werk von 10.000 Menschen eine neue Perspektive zu geben.
wohnungslosen Menschen aus, Tendenz steigend. Die Erfah-
rungen in den HEMPELS-Verkaufsstellen und Tageseinrich- Konto: Diakonie Stiftung Schleswig-Holstein
tungen bestätigen die Schätzungen und Prognosen. Stichwort: HEMPELS hilft wohnen
Evangelische Bank e.G.
IBAN: DE03 5206 0410 0806 4140 10
Wir besorgen Wohnungen für Obdachlose BIC: GENODEF1EK1
Mit unserem Stiftungsprojekt »HEMPELS hilft wohnen« ha-
ben wir Ende 2017 in Kiel für 370.000 Euro ein Haus mit zwölf Möchten Sie mehr über »HEMPELS hilft wohnen« wissen?
Wohnungen erworben, durch Aus- sowie einen Neubau auf ei- Fragen Sie HEMPELS-Vorstand Jo Tein
ner angrenzenden Fläche sollen weitere Wohnungen entstehen. Jo.Tein@hempels-sh.de oder (0 15 22) 8 97 35 35
Möglich wurde der Kauf erst durch Spenden und Zustiftungen
vieler Leserinnen und Leser. Auch in weiteren Städten wollen
wir Wohnraum für Wohnungslose schaffen.
2 8 | Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0MONIKA BAGGER-WULF, LANDESLEITUNG CARITAS:
Ich unterstütze die Stiftung »HEMPELS hilft wohnen«, weil ...
… jeder Mensch ein Zuhause braucht. Die eigene Wohnung gehört zu den
Grundbedürfnissen des Menschen. Sie ermöglicht Schutz, Privatheit, Sicher-
heit und freie Lebensgestaltung. In vielen Städten und Regionen in Schleswig-
Holstein ist bezahlbarer Wohnraum Mangelware. »HEMPELS hilft wohnen«
setzt sich auf vielfältige Weise dafür ein, insbesondere diejenigen Menschen
bei der Durchsetzung ihres Rechts auf Wohnen zu unterstützen, die aus eige-
ner Kraft nur geringe Chancen haben, einen Mietvertrag zu bekommen. Dank
der HEMPELS-Stiftung können auch sie auf ein eigenes Zuhause hoffen.
Foto: Caritas
Monika Bagger-Wulf, Landesleitung der Caritas im Norden.
He mpe l s # 2 9 1 8/2 02 0 Schl e s wig - hol s t ein s ozi a l | 2 9Wie ich es sehe
Nicht so schnell sein
mit Schuldzuweisungen
von hans-uwe rehse
»China ist schuld!« Der Präsident der USA wusste gleich, Es wird Zeit, dass wir jetzt endlich damit Schluss machen!
wer für die Ausbreitung der Corona-Infektion verantwortlich Schuldtheorien und -spekulationen lösen keine Probleme. Sie
war. Er war schnell mit seinem Urteil. Und das, wofür er zu- schaffen nur neues Leid und neue Ungerechtigkeiten. Insofern
ständig war, blieb dabei außen vor. Allerdings zeigte sich bald, denke ich: Wir sollten uns sehr zurückhalten mit schnellen
wie zutreffend die alte Weisheit ist, nach der immer mehrere Schuldzuweisungen. Sie werden niemandem gerecht, weder
Finger auf einen selbst gerichtet sind, wenn man auf andere China, noch der »Regierung« und schon gar nicht denen, die
Leute zeigt. Schließlich war seine Regierung verantwortlich an einem Virus erkrankt sind.
für alles, was jetzt im eigenen Land zum Schutz der Bevöl- Oberflächliche Urteile verwirren eher, als dass sie etwas
kerung zu organisieren war. Dass hier erst mit großer Verzö- klären oder verändern. Das gilt übrigens auch da, wo man ei-
gerung gehandelt wurde, hat die Ausbreitung der Infektionen nem einzelnen Menschen vorwirft, er sei »selbst Schuld« an
unglücklicherweise begünstigt. seiner Situation. Besser ist es, selbst Verantwortung zu über-
Das aktuelle Beispiel macht anschaulich, wie sehr die Su- nehmen für die Überwindung konkreter Notsituationen, als
che nach einem Schuldigen ablenken kann von den wirklich mit dem Finger auf andere zu zeigen.
wichtigen Herausforderungen. Natürlich gibt es Situationen,
in denen die Schuldfrage geklärt werden muss. Wenn man
den Ursachen eines Problems auf den Grund kommen will,
dann muss man sehr genau hinsehen. Doch um ein schuld-
haftes Verhalten feststellen zu können, braucht man hand-
feste Beweise. Sonst bleiben nur Verdächtigungen und Ver-
leumdungen.
Hans -Uwe Rehse is t Pas tor im
In der Krise der vergangenen Monate fehlten genaue In-
Ruhe s tand und war Ge schäf t s -
formationen und Fakten über Ursachen und Verantwortlich-
führer der Vorwerk er Diakonie
keiten. Beweise lagen schon gar nicht vor. Doch nicht nur der in Lübeck . SEINE KOLUMNE
amerikanische Präsident hat sich dadurch nicht davon abhal- ER SCHEINT JEDEN MONAT
ten lassen, über mögliche Schuldige zu spekulieren. Besonders
fatal waren Verschwörungsgeschichten, die in dem Zusam-
menhang in Umlauf kamen. Sie lenkten davon ab, sich auf das
Wesentliche zu konzentrieren. Statt darüber nachzudenken,
wie der Krise wirksam begegnet werden kann, wurden Per-
sonen und Gruppen beschuldigt, das Virus gezielt verbreitet
zu haben. Leider ist das keine neue Entwicklung. Diese Form
der üblen Nachrede hat in unserem Land eine lange, unselige
Tradition.
30 | Schl e s wig - hol s t e in s ozi a l Hempel s # 2 9 1 8/2 02 0Sie können auch lesen