Filmheft - Ben X Nic Balthazar Belgien, Niederlande 2007 - Bundeszentrale für politische Bildung

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Filmheft - Ben X Nic Balthazar Belgien, Niederlande 2007 - Bundeszentrale für politische Bildung
filmheft

  Ben X
  Nic Balthazar
  Belgien, Niederlande 2007
Filmheft - Ben X Nic Balthazar Belgien, Niederlande 2007 - Bundeszentrale für politische Bildung
■ ■   Filmbildung

      Medien prägen unsere Welt. Nicht selten schaffen sie ihr eigenes Universum –
      schnell und pulsierend, mit der suggestiven Kraft der Bilder. Überall live und
      direkt dabei zu sein, ist für die junge Generation zum kommunikativen Ideal
      geworden, das ein immer dichteres Geflecht neuer Techniken legitimiert und
      zusehends erfolgreich macht.
      Um in einer von den Medien bestimmten Gesellschaft bestehen zu können,
      müssen Kinder und Jugendliche möglichst früh lernen, mit Inhalt und Ästhetik
      der Medien umzugehen, sie zu verstehen, zu hinterfragen und kreativ umzuset-
      zen. Filmbildung muss daher umfassend in deutsche Lehrpläne eingebunden
      werden. Dazu ist ein Umdenken erforderlich, den Film endlich auch im öffent-
      lichen Bewusstsein in vollem Umfang als Kulturgut anzuerkennen und nicht nur
      als Unterhaltungsmedium.
      Kommunikation und Information dürfen dabei nicht nur Mittel zum Zweck sein.
      Medienbildung bedeutet auch, von den positiven Möglichkeiten des aktiven
      und kreativen Umgangs mit Medien auszugehen. Medienkompetenz zu
      vermitteln bedeutet für die pädagogische Praxis, Kinder und Jugendliche bei
      der Mediennutzung zu unterstützen, ihnen bei der Verarbeitung von Medienein-
      flüssen und der Analyse von Medienaussagen zu helfen und sie vielleicht sogar
      zu eigener Medienaktivität und damit zur Mitgestaltung der Medienkultur zu
      befähigen.
      Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb sieht die Medien nach wie vor
      als Gegenstand kritischer Analyse an, weil Medienkompetenz in einer von
      Medien dominierten Welt unverzichtbar ist. Darüber hinaus werden wir den
      Kinofilm und die interaktive Kommunikation viel stärker als bisher in das Konzept
      der politischen Bildung einbeziehen und an der Schnittstelle Kino und Schule
      arbeiten: mit regelmäßig erscheinenden Filmheften wie dem vorliegenden, mit
      Kinoseminaren, themenbezogenen Reihen, einer Beteiligung an bundesweiten
      Schulkinowochen, Mediatoren/innenfortbildungen und verschiedenen anderen
      Projekten.

      Thomas Krüger,
      Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung

      Impressum
      Herausgeberin: Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Fachbereich Multimedia
      Adenauerallee 86, 53113 Bonn, Tel. 0228 99-515-0, Fax 0228 99-515-113,
      info@bpb.de, www.bpb.de
      Autorin: Kirsten Taylor
      Arbeitsblätter und Unterrichtsvorschläge: Petra Anders
      Redaktion: Katrin Willmann (bpb, verantwortlich), Ula Brunner,
      Marguerite Seidel (bpb, Volontärin)
      Redaktionelle Mitarbeit: Monika Kijas (bpb, Praktikantin)
      Wissenschaftliche Beratung: Andreas Hedrich (jaf – Junger Arbeitskreis Film
      und Video e.V. / Initiative Creative Gaming)
      Satz und Layout: Susann Unger
      Druck: Quedlinburg DRUCK GmbH, Quedlinburg
      Bildnachweis: Kinowelt Filmverleih GmbH
      © Mai 2008
Inhalt

Ben X
Belgien, Niederlande 2007                                                             4   Inhalt
Buch und Regie: Nic Balthazar nach seinem Roman „Niets was alles wat hij zei“
Kamera: Lou Berghmans
                                                                                      4   Figuren
Schnitt: Philippe Ravoet                                                              6   Problemstellung
Musik: Praga Khan                                                                    10   Filmsprache
Darsteller/innen: Greg Timmermans (Ben), Laura Verlinden (Scarlite), Marijke Pinoy
(Mutter), Pol Goossen (Vater), Titus De Voogdt (Bogaert), Maarten Claeyssens
                                                                                     13   Exemplarische
(Desmet), Gilles De Schryver (Coppola) u. a.                                              Sequenzanalyse
Produktion: MMG Produktion in Koproduktion mit één & BosBros. Film-TV                14   Fragen
Productions in Zusammenarbeit mit dem Flämischen Filmfond, Media Plus u.a.
                                                                                     15   Arbeitsblatt
Länge: 90 Minuten
FBW: besonders wertvoll                                                              16   Unterrichts-
FSK: ab 12 Jahren, empfohlen ab 14 Jahren                                                 vorschläge
Kinoverleih: Kinowelt Filmverleih GmbH                                               17   Sequenzprotokoll
Preise (Auswahl): Montréal World Film Festival 2007: Hauptpreis, Publikumspreis,
Preis der ökumenischen Jury; Emirates Film Competition Abu Dhabi 2007:               19   Materialien
Schwarze Perle (Bester Film)                                                         22   Literaturhinweise

Filmheft BEN X                                                                                            3
■ ■   Inhalt                           ■ ■         Figuren

      Jeden Morgen ist Ben ein Held. Dann
      taucht er in die Fantasy-Abenteuerwelt
      von Archlord ein, einem ■ Massen-
      Mehrspieler-Online Rollenspiel. Im
      ■ Cyberspace wird aus dem Schüler
      Ben der stolze Ritter Ben X, der sich
      gemeinsam mit der schönen Magierin
      Scarlite allen Herausforderungen stellt.
      Im mythischen Reich von Archlord ist
      Ben stark und angesehen. Doch so-
      bald er sich aus dem Spiel ausloggt,
      beginnt sein eigentlicher Kampf in der
      realen Welt, deren Regeln er nicht ver-      Ben                                        Bens Mutter
      steht, und deren Ansprüche ihn über-         Für den autistischen Schüler gleicht       Die allein erziehende Mutter von zwei
      fordern. Denn Ben leidet am Asperger-        jeder Tag einem Überlebenskampf.           Söhnen versucht alles, um ihrem Ältes-
      Syndrom, einer ■ autistischen Persön-        Der Alltag mit Familie und Schule, die     ten ein normales Leben zu ermögli-
      lichkeitsstörung, die ihm ein soziales       Anforderungen der Umwelt überfor-          chen. Doch ihre Versuche, ihm nahe
      Miteinander erschwert und ihn zum            dern ihn. Ben fällt als Sonderling auf:    zu kommen, scheitern an Bens Ver-
      Außenseiter macht.                           Er vermeidet Blick- und Körperkontakt,     schlossenheit. Für ihr Sorgenkind stellt
      Jeden Tag schickt Bens allein erziehen-      schottet sich ab und wirkt unbeholfen.     die Endvierzigerin eigene Ansprüche
      de Mutter ihren Sohn mit ermutigenden        Wenn er spricht, scheint dies einstu-      zurück. Ihre Ehe ist an der Aufgabe,
      Worten zur Technischen Schule. Jeden         diert und emotionslos. Für seine           ein autistisches Kind zu erziehen, zer-
      Tag bemüht sich Ben, nicht aufzufallen.      Mitschüler Bogaert und Desmet ist          brochen. Dass die Gesellschaft es
      Er beobachtet seine Umwelt, versucht,        er deshalb „das Marsmännchen“.             Ben durch Unverständnis und Aus-
      sie zu verstehen – und hat doch keine        Entspannung und Anerkennung findet         grenzung erschwert, ein würdevolles
      Chance. Schon gar nicht gegen seine          Ben nur im Rollenspiel Archlord. Dort      Leben zu führen, macht sie wütend.
      Klassenkameraden Bogaert und Des-            hat er als Ritter Ben X einen hohen        Aber auch sie muss erst lernen, Bens
      met, die ihn systematisch ■ mobben.          Spielstand erreicht und in der Mitspie-    wahre Bedürfnisse zu erkennen.
      Eines Tages eskaliert die Situation:         lerin Scarlite eine treue Gefährtin ge-
      Desmet und Bogaert erniedrigen Ben           funden. Die virtuelle Welt beeinflusst     Bens Vater
      vor der Klasse. Schutzlos steht er vor       jedoch zunehmend seine Wahrneh-            Den Autismus seines Sohnes empfin-
      der johlenden Meute, die ihn mit Han-        mung der Wirklichkeit. Mit Scarlites       det er als Stigma. Er besteht darauf,
      dy-Kameras filmt. Doch damit nicht           Hilfe lernt Ben schließlich, sich selbst   dass Ben eine normale Schule be-
      genug: Seine Peiniger senden Ben             zu akzeptieren und sich auch in der        sucht, in der dieser aber nicht speziell
      diese Aufnahmen per E-Mail und MMS           realen Welt zu behaupten.                  gefördert werden kann. In der Anwe-
      zu und lassen ihm keine Ruhe.                                                           senheit seines Sohnes fühlt er sich
      Psychisch am Ende, scheint es für ihn                                                   unsicher, er versagt in seiner Rolle als
      nur noch einen Ausweg zu geben: im                                                      Vater. Nach der Scheidung von Bens
      Suizid. Alleine seiner virtuellen Freundin                                              Mutter lebt er mit einer anderen Frau
      Scarlite vertraut er sich an, die ihm da-                                               zusammen. Als Ben ihn um Hilfe bittet,
      raufhin ihre Hilfe anbietet. Mit Scarlite                                               kann er endlich etwas Konkretes für
      als Begleiterin und mit Unterstützung                                                   seinen Sohn tun.
      seiner Eltern findet Ben einen unge-
      wöhnlichen Weg aus seiner Not.

      4                                                                                                               Filmheft BEN X
■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■                            ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■

                                                                                      Autismus
                                                                                      Die tiefgreifende Entwicklungsstörung
                                                                                      beginnt im Kindesalter und wird durch
                                                                                      eine angeborene Wahrnehmungs- und
                                                                                      Informationsverarbeitungsstörung des
                                                                                      Gehirns verursacht. Neben Verhal-
                                                                                      tensauffälligkeiten ist bei Betroffenen
                                                                                      die Fähigkeit zur sozialen Kommuni-
                                                                                      kation und Interaktion stark beein-
                                                                                      trächtigt. Zugleich können autistische
                                                                                      Menschen aber auch hohe Gedächt-
                                                                                      nis- und Konzentrationsleistungen auf-
                                                                                      weisen. Die Symptome und Schwere-
                                                                                      grade von Autismus sind vielfältig und
                                                                                      reichen von relativer Verhaltensunauf-
                                                                                      fälligkeit bis zur geistigen Behinderung.
                                                                                      Das so genannten Asperger-Syndrom
                                                                                      gilt als leichte Form des Autismus. Hier
                                                                                      sind beispielsweise sprachliche und
                                                                                      intellektuelle Fähigkeiten meist gut bis
                                                                                      sehr gut entwickelt.

                                                                                      Mobbing
                                                                                      Mobbing ist eine Form von psychi-
                                                                                      scher und/oder physischer Gewalt
Bogaert und Desmet                         Massen-Mehrspieler-Online-                 gegen eine Person über einen langen
Die beiden Freunde sind ein infernali-     Rollenspiel (MMORS)                        Zeitraum hinweg. Ziel ist es, das Opfer
sches Duo, das skrupellos Schwäche-        Das Computerspiel im Rollenspielgenre      auszugrenzen und darüber selbst an
                                           wird in der Regel als MMO(RPG) –           gesellschaftlichem Einfluss zu gewin-
re schikaniert. Ganz offensichtlich
                                           vom Englischen „Massively Multiplayer      nen. Mobbing spielt sich meist in
genießen sie dabei ihre Macht und                                                     einem festen sozialen Rahmen ab,
                                           Online Role-Playing Game“ – bezeich-
Stärke. Bens Wehrlosigkeit verführt        net. Hier können per Internet gleichzei-   etwa am Arbeitsplatz oder in der
sie dazu, zunehmend hemmungsloser          tig mehrere tausend User/innen mitein-     Schule, und basiert auf gruppendyna-
gegen ihn vorzugehen. Die Konse-           ander spielen und handeln.                 mischen Prozessen: Eine Gruppe aus
quenzen ihrer Taten interessieren sie                                                 Haupttätern/innen und Mitläufern/innen
nicht. Sie fühlen sich unangreifbar.       Cyberspace                                 schikaniert systematisch eine Einzel-
                                           Das Kunstwort setzt sich aus dem           person, wobei die Mobber meist subtil
Im Klassenverband haben beide das
                                           Englischen „cyber“, einer Kurzform von     vorgehen, so dass Ausstehende oft
Sagen: von den einen bewundert, von                                                   nichts davon mitbekommen. Folgen für
                                           „cybernetics“ (Kybernetik), und „space“
den anderen gefürchtet.                    (Raum) zusammen. Geprägt wurde der         das Opfer sind unter anderem starke
                                           Begriff von dem US-amerikanischen          Verunsicherung, Verlust des Selbst-
Scarlite                                   Schriftsteller William Gibson, der den     bewusstseins und der Arbeitsmotiva-
Hinter der Figur verbirgt sich ein Mäd-    Cyberspace als Handlungsraum für           tion, Angstzustände sowie sozialer
chen, das regelmäßig das Rollenspiel       seinen Science-Fiction-Roman „Neuro-       Rückzug.
Archlord spielt und dort ungeduldig        mancer“ (1984) verwendete. Er be-
                                           zeichnet damit eine künstliche Paral-
Ben als Mitspieler erwartet. In Archlord
                                           lelwelt, die in einem weltumspannen-
schlüpft sie in die Rolle der Magierin     den Computernetzwerk besteht und
Scarlite, die an der Seite von Ben X       über Schnittstellen – Eingabegeräte
mit Zauberkräften kämpft. Obwohl           wie Tastatur, Maus, Gamepad – zu-
sich Ben und das Mädchen bislang           gänglich ist. Umgangssprachlich wird
nie wirklich begegnet sind, sind sie       der Ausdruck oft als Synonym für das
durch das gemeinsame Spielen sehr          Internet oder das World Wide Web
                                           (WWW) benutzt.
vertraut miteinander. Als Scarlite von
Bens Suizidplänen erfährt, tritt die
selbstbewusste junge Frau in sein
reales Leben.

Filmheft BEN X                                                                                                                    5
■ ■   Problemstellung

      BEN X basiert auf Nic Balthazars
      Jugendroman „Niets was alles wat hij
      zei“ (2002) zu Deutsch „Nichts war
      alles, was er sagte.“ Die Idee zu die-
      sem Buch entstand durch eine Zei-
      tungsnotiz: Ein 17-Jähriger, der an
      einer leichten Form von Autismus litt,
      hatte sich in Balthazars Heimatstadt
      Gent in den Tod gestürzt, weil er die
      Quälereien seiner Mitschüler/innen
      nicht mehr ertragen konnte. Von einem
      Interview mit der Mutter des Jungen         Sigourney Weaver, lebt recht isoliert,      Ben – eine autistische
      berührt, entschied sich Balthazar,          doch eigenständig. Als sie die Nach-        Persönlichkeit
      selbst Vater zweier Kinder, diesen          richt vom Tod ihrer Tochter erreicht,
      Vorfall seinem Roman zu Grunde zu           reagiert sie irritierend emotionslos. Wie   In BEN X muss der autistische Schüler
      legen.                                      BEN X werben auch diese Filme dafür,        Ben lernen, sich selbst zu akzeptieren,
      BEN X leistet einen aufklärenden, mit-      sich auf autistische Personen einzulas-     eine ■ Identität zu entwickeln und sein
      fühlenden, aber nie moralisierenden         sen und deren Andersartigkeit zu            Leben selbst in die Hand zu nehmen.
      Beitrag zu gesellschaftlichen Proble-       akzeptieren. In seinem inhaltlich und       Auf seine inneren Konflikte spielt auch
      men wie Umgang mit Außenseitern/            formal äußerst komplexen Film be-           der Filmtitel an: Seinem ■ Avatar in
      innen und Jugendgewalt. Der Film bie-       schäftigt sich Balthazar außerdem mit       Archlord gibt Ben den Namen Ben X,
      tet zudem eine sensible Auseinander-        jugendrelevanten Themen: Flucht in          ein Verweis auf die Superhelden der
      setzung mit dem Thema Autismus,             virtuelle Welten, Drogen, Einsamkeit,       X-MEN-Comics und -Filme, deren
      einer Behinderung, die relativ weit ver-    Selbstmord, aber auch Freundschaft          übermenschliche Fähigkeiten sie zu
      breitet ist: Unter Berücksichtigung des     und erste Liebe. Die zeitgenössische        Außenseitern/innen machen. Darüber
      gesamten Spektrums autistischer Stö-        Problematik gewinnt zudem eine uni-         hinaus bedeutet der Titel auf Flämisch
      rungen, kann man laut Bundesverband         verselle Dimension durch symbolhafte        lautsprachlich „Ich bin nichts.“
      autismus Deutschland e.V. davon aus-        Analogien zur christlichen ■ Passions-      Bens Autismus, so der Regisseur in
      gehen, dass von 10.000 Menschen bis         geschichte: ein Kreuz, das sich Ben         einem Interview, sei „ein Symbol, eine
      zu 25 Personen betroffen sind.              schmiedet, eine „Erlöserszene“ in der       Allegorie für Menschen, denen es
      Auf das Phänomen Autismus wurde             Schulkapelle. Dennoch wirkt der Film        schwer fällt, sich sozialen Codes
      eine breite Öffentlichkeit erstmals durch   nicht überfrachtet, bleibt glaubhaft und    unterzuordnen.“ Bens Unfähigkeit mit
      einen Oscar®prämierten Spielfilm auf-       nachvollziehbar. Dass Ben schließlich       Gleichaltrigen zu kommunizieren, sein
      merksam: In RAIN MAN (1988) von             eine kreative Lösung für seine Proble-      fehlendes Verständnis für soziale
      Barry Levinson spielt Dustin Hoffman        me findet, führt zu einem optimisti-        Codes, sein mangelnder Wunsch nach
      den Autisten Raymond Babbitt, ein           schen Ausgang: Statt Selbstaufgabe          sozialer Interaktion entspringen der
      Zahlengenie mit phänomenalem Ge-            propagiert BEN X Selbstbehauptung.          autistischen Störung. Rituale und ste-
      dächtnis, der sich aber oft wie ein stör-                                               reotype Handlungen prägen und
      risches Kind benimmt. Eine ähnliche                                                     strukturieren sein Leben: Das betrifft
      Figur entwirft auch Marc Evans in sei-                                                  seine minutiöse Morgentoilette ebenso
      nem Film SNOW CAKE (2006): Die                                                          wie das präzise, immergleiche Zertei-
      Autistin Linda Freeman, dargestellt von                                                 len seines Toasts. Denn für ihn ist die

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                                                                                      Passion/Passionsgeschichte
                                                                                      Die Passionsgeschichte beschreibt
                                                                                      den Leidensweg von Jesus Christus,
                                                                                      beginnend von seiner Verhaftung bis
                                                                                      zu seiner Kreuzigung durch die Römer
                                                                                      in Jerusalem. Sie ist das zentrale
                                                                                      Thema der vier Evangelien im Neuen
                                                                                      Testament.

                                                                                      Identität
                                                                                      Als psychologischer Fachbegriff be-
                                                                                      zeichnet „Identität“ das Selbstver-
                                                                                      ständnis einer Person. Dieses wird
                                                                                      nicht mehr als unveränderliche Einheit
Umwelt chaotisch und voller Regeln,        Gesellschaftliche Normen – Oder:
                                                                                      angesehen, sondern als dynamisch
die er nicht versteht. Angespannt, den     Was ist normal?                            und vielfältig („Patchwork-Identität“).
Blick nach unten gerichtet, die Musik
aus dem Kopfhörer als Lärmschutz           Wie geht die Gesellschaft mit Anders-      Avatar
nutzend, läuft er durch die Straßen.       sein um? Wie reagiert sie auf Verstöße     Ein Avatar ist eine grafische Darstel-
Sein Alltag stellt ihn vor Aufgaben –      gegen die ■ soziale Norm? Nic Bal-         lung, um sich als animierte Person im
normal sein, nicht auffallen –, die er     thazar veranschaulicht dies mithilfe       digitalen Raum zu präsentieren. Diese
nicht bewältigen kann. Da er nach          eines Protagonisten, der sich aufgrund     Figuren werden von den Usern/innen
                                                                                      jeweils selbst gestaltet. Mit Hilfe sol-
außen hin kaum Anzeichen einer Be-         seiner Behinderung nicht so benimmt,
                                                                                      cher virtueller Alter Egos können
hinderung zeigt, wird sein introvertier-   wie es von einem Teenager, Sohn,           Internet-Nutzer/innen mit anderen
tes Verhalten von seiner Umwelt als        Schüler oder Bruder erwartet wird.         Avataren interagieren, etwa bei Spielen
Sonderlichkeit, Unhöflichkeit oder gar     Zugleich hinterfragt BEN X allgemein       oder in Chaträumen. Der Begriff leitet
Provokation fehlinterpretiert. Eine        akzeptierte Normen: Denn Ben nimmt         sich von dem Wort „Avatara“ (Sanskrit:
zwanglose Alltagskonversation mit          auch seine Umwelt anders wahr. Seine       Herabkunft) ab – im Hinduismus eine
                                                                                      Bezeichnung für die Gestalt eines
Ben ist ein fast unmögliches Unterfan-     Sichtweise legt offen, dass viele sozia-
                                                                                      Gottes auf Erden.
gen, nicht zuletzt weil er Floskeln,       len Rituale letztlich sinnentleert und
Metaphern oder Ironie wörtlich nimmt.      floskelhaft sind. Mit seinem „Fehlver-     Soziale Norm
So begreift er beispielsweise nicht,       halten“ verunsichert Ben seine Mit-        Soziale Normen sind Vorschriften, die
warum er seine Mutter mit „Guten           menschen. Als Kind wird er von einem       mögliche Verhaltensweisen in einer
Morgen“ grüßen soll, wenn er diesen        Arzt zum nächsten geschickt, schließ-      bestimmten sozialen Situation definie-
Morgen gar nicht als gut empfindet.        lich wollen die besorgten Eltern wis-      ren. Sie sind von den meisten Mitglie-
Umso sicherer fühlt sich Ben beim          sen, was mit ihrem Sohn nicht stimmt.      dern einer sozialen Gruppe akzeptiert
                                                                                      und werden als bekannt vorausge-
Rollenspiel Archlord, dessen klar defi-    Die einen bezeichnen ihn als „speziell“,
                                                                                      setzt. Dadurch wird das Handeln von
nierte Regeln er begreift. Für den         andere als „emotional dysfunktional“ –     Interaktionspartnern/innen in bestimm-
Jugendlichen, der sich weder in sein       Versuche, Bens auffälliges Verhalten       tem Maße vorhersehbar, gleichzeitig
Gegenüber hineindenken noch eigene         einzuordnen. Anfangs glauben seine         werden Verhaltensmöglichkeiten aber
Gefühlslagen verbal oder mimisch           Eltern sogar, er sei taub. Dabei spielt    auch reduziert. Die Einhaltung sozialer
ausdrücken kann, stellt das Online-        ihr Sohn nur konzentriert und hat die      Normen unterliegt der sozialen Kon-
Rollenspiel eine wichtige Möglichkeit      Außenwelt längst ausgeblendet. Für         trolle.
dar, mit anderen Menschen auf selbst-      die Eltern mag es eine Erleichterung
bestimmte Weise in Kontakt zu treten:      sein, als es für sein Verhalten endlich
Hier läuft Kommunikation auf einer         eine medizinische Diagnose gibt: das
schriftlichen Ebene ab und Ironie oder     Asperger-Syndrom. Doch Ben fühlt
Freude werden unmissverständlich           sich missverstanden: „Sie denken sich
durch entsprechende Emoticons              immer wieder neue Theorien über
(Zeichenfolgen, die Smileys nachbil-       meine Persönlichkeit aus. Dabei ken-
den) angezeigt.                            nen sie mich gar nicht.“
                                           Statt mit Verständnis reagiert die Um-
                                           welt überwiegend mit Ablehnung und
                                           Ausgrenzung auf Bens Behinderung,
                                           von Hänseleien im Kindergarten bis
                                           zur systematischen Schikane in der

Filmheft BEN X                                                                                                                   7
■ ■   Problemstellung

      Schule. Wenn er ein Ballspiel nicht
      versteht, werden die Kinder wütend,
      die Lehrerin zeigt Ungeduld. Immer sei
      er es, der alles falsch mache, beklagt
      sich Ben. Niemand könne ihm jedoch
      sagen, was richtig sei. Bens Beob-
      achtungen helfen ihm nicht weiter,
      denn er versteht nicht, was gemeinhin
      als „normal“ gilt. Die Menschen, stellt
      Ben fest, müssen immer reden. Aber
      haben sie sich auch immer etwas zu
      sagen? Durch diese Hinterfragung
      sozialer Verhaltensweisen hält BEN X
      den scheinbar „Normalen“ einen            Klasse die Hosen herunterziehen, steigt     Online- und Computerspiele:
      Spiegel vor.                              jedoch fast der gesamte Klassenver-         Flucht und Zuflucht
                                                band ein, beleidigt ihn als „Loser“ und
      Mobbing: Opfer und Täter                  filmt ihn mit Handy-Kameras. Nur zwei       In der öffentlichen Diskussion werden
                                                Mitschüler/innen missbilligen die Über-     Ego-Shooter und andere Computer-
      Jugendgewalt, wie in BEN X darge-         griffe, schreiten aber – aus Angst oder     spiele, die das Kämpfen zum Thema
      stellt, ist ein gesellschaftliches        Hilflosigkeit – nicht ein. Allerdings do-   haben, oft als unmittelbare Auslöser
      Dauerthema. In diesem Zusammen-           kumentiert einer von ihnen den Vorfall      für Gewalthandlungen, wie etwa im
      hang wird zunehmend auf das Pro-          mit Bens Kamera und gibt ihm so ein         Zusammenhang mit Amokläufen in
      blem Mobbing verwiesen, das vielfach      Beweismittel in die Hand.                   Schulen oder Universitäten, gesehen.
      im Schulkontext auftritt. Moderne         Ben wird gemobbt, weil er Autist ist.       Bei Online-Spielen wird zudem das
      Kommunikationstechniken wie E-Mail        Seine Leidensgeschichte wäre indes          Problem der ■ Entfremdung, Verein-
      oder Mobilfunk haben dabei zu neuen       ähnlich denkbar, wenn er sich durch         samung, des ■ Eskapismus oder
      Erscheinungsformen geführt, bei-          Hautfarbe, Nationalität oder Religion       „Virtualisierung“ von Beziehungen kriti-
      spielsweise dem so genannten              von der Mehrheit abheben würde.             siert. Selten werden Computerspiele,
      ■ Happy Slapping oder „Cyber-             Ausgrenzung und Mobbing sind keine          vor allem Rollenspiele, auch als Teile
      Mobbing“, Mobbing per Internet. Eine      Einzelphänomene, sie können jeden           einer altersübergreifenden Alltagskultur
      Studie der Universität München aus        Menschen treffen. Ben selbst weiß           verstanden, die Kreativität und soziale
      dem Jahre 2006 belegt, dass einer/        nicht, wie er auf die Attacken reagie-      Interaktion fördern.
      eine von 25 Schülern/innen wöchent-       ren soll – und ähnelt darin anderen         Das Online-Rollenspiel Archlord ist für
      lich ein- oder mehrmals von Mobbing       Mobbing-Opfern. Viele suchen die            Ben die einzige Möglichkeit, sozialen
      betroffen ist. Auf die Gesamtzahl der     Schuld zunächst bei sich, sind              Austausch und Anerkennung zu erle-
      Schüler/innen hochgerechnet, ereig-       bemüht, sich anzupassen und keine           ben, und stellt eine positive Erwei-
      nen sich an deutschen Schulen jede        Angriffsfläche mehr zu bieten. Ben          terung seines Alltags dar. In Archlord
      Woche rund eine halbe Million             flüchtet sich mental in die Archlord-       begegnen Ben die Mitspieler/innen
      Mobbing-Übergriffe. Ben kann mit          Welt und hofft, die Angriffe so psy-        vorurteilsfrei. „Im Spiel kannst du sein,
      den gängigen Umgangsformen seiner         chisch unbeschadet zu überstehen.           wer oder was auch immer du sein
      Mitschüler/innen wenig anfangen und       Mit wenig Erfolg: Als sich seine Wut        willst“, erklärt er. Ohne Angst vor den
      wird ausgegrenzt. Anfangs sind es nur     eine Bahn bricht, zerschlägt er im          Reaktionen anderer kann Ben Rollen
      Desmet und Bogaert, die ihn systema-      Affekt ein Fenster, später reagiert er      ausprobieren. So hat er sich einen
      tisch schikanieren. Als sie ihm vor der   zunehmend autoaggressiv.                    starken Ritter als Spielfigur gewählt.

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                                                                                        Happy Slapping
                                                                                        Der englische Begriff bedeutet über-
                                                                                        setzt „fröhliches Schlagen“ und be-
                                                                                        zeichnet im Szenejargon eine Form
                                                                                        von Gewalt, die überwiegend von
                                                                                        Jugendlichen ausgeübt wird: Mit
                                                                                        Handy-Kameras werden Misshand-
                                                                                        lungen und Demütigungen aufgenom-
                                                                                        men, die man selbst an mitunter frem-
                                                                                        den Personen begeht. Wie Trophäen
                                                                                        werden die Clips oder Fotos herumge-
                                                                                        zeigt oder im Internet veröffentlicht.

                                                                                        Entfremdung
                                                                                        Im Marxismus im 19. Jahrhundert als
                                                                                        Unvermögen der Arbeiterklasse be-
                                                                                        schrieben, sich aufgrund der kapitali-
                                                                                        stischen Ordnung selbst zu verwirk-
                                                                                        lichen und mit der Arbeit zu identifizie-
                                                                                        ren, steht der Begriff heute allgemein
                                                                                        für einen Prozess, bei dem ein Mensch
                                                                                        seine Beziehung zu sich selbst, zum
                                                                                        Beruf oder zur Gesellschaft verliert,
                                                                                        weil er Abläufe nicht mehr überblicken
                                                                                        kann. Folgen sind Gefühle von Macht-
                                                                                        und Sinnlosigkeit sowie Vereinsamung.
Aber wie in der Realität agiert Ben           Scarlite wird in seiner Vorstellung nun
auch in der virtuellen Welt als Einzel-       auch außerhalb des Online-Spiels zu       Eskapismus
gänger und schließt sich nicht, wie es        seiner ständigen Begleiterin und hilft    Die Psychologie versteht darunter ein
                                                                                        ausweichendes Verhalten, eine Flucht
in Archlord möglich ist, mit anderen          ihm dabei, Entscheidungen zu treffen.
                                                                                        vor der Realität oder dem Alltag mit
Spielern/innen zusammen. Allerdings           Sie überzeugt ihn, ein Endspiel nach      seinen Anforderungen in eine Schein-
ist er dort fähig, mit Scarlite eine          eigenen Regeln zu spielen: Ben über-      welt. In der Medienforschung gilt Es-
Freundschaft zu schließen, die ihm            redet seine Eltern, ihm bei der Um-       kapismus als ein wichtiges Motiv für
auch außerhalb des Spiels Halt gibt.          setzung eines fingierten „kreativen       die Mediennutzung, etwa zur Ent-
Zunehmend verschmelzen für Ben                Selbstmords“ zu helfen. Mit dem vor-      spannung, als Ausgleich vom Alltag
aber virtuelle und reale Welt, beein-         getäuschten Tod will er nicht nur auf     oder als Ablenkung von Problemen.
flusst das Fantasy-Abenteuerspiel             seine Leidensgeschichte aufmerksam
seine Wahrnehmung der tatsächlichen           machen, sondern auch seine Peiniger
Ereignisse. Dann sieht er sich selbst         zur Verantwortung ziehen. Dieser Akt
als Ritter, während etwa Bogaert und          der Selbstbehauptung ist Anlass für
Desmet die Gestalt von Monstern an-           weitere Aktivitäten, die Bens Selbst-
nehmen, wie er sie sonst in Archlord          bewusstsein stärken: Bei einer Pfer-
bekämpft. Eine konstruktive Ausein-           detherapie erlebt er ungekannte
andersetzung mit seinen Peinigern             Glücksgefühle. Ben hat sich damit
wird mit dieser Realitätsverschiebung         auch in der Realität den Herausfor-
unmöglich. Schließlich glaubt er gar,         derungen gestellt und sie erfolgreich
seiner Opferrolle nur entkommen zu            bewältigt.
können, indem er sich für das „End-
spiel“, also den Suizid, entscheidet.
Doch Scarlite erklärt ihm, dass der
Tod im wirklichen Leben endgültig ist.
Zwar ist Ben dem realen Mädchen
hinter dem Avatar nur ein einziges Mal
begegnet – am Bahnhof und danach
im Zug – aber dieses kurze Aufeinan-
dertreffen ist für ihn der Auslöser, sie in
seine Gedankenwelt mitaufzunehmen.

Filmheft BEN X                                                                                                                      9
■ ■   Filmsprache

      BEN X ist dem ■ Coming-of-Age-            men unter anderem Bens Eltern und         Detailaufnahmen, Untersicht und
      Genre zuzuordnen, das sich mit den        Lehrer zu Wort. Sie bewerten im           ■ Schuss-Gegenschuss-Technik.
      Problemen des Erwachsenwerdens            Rückblick ein Ereignis – den fingierten   Zusätzlich arbeitet der Film mit Kame-
      beschäftigt. Nic Balthazar schöpft für    Selbstmord – von dem die Zuschau-         rafahrten, Überblendungen und Un-
      sein Kinodebüt die erzählerischen und     enden noch nichts wissen, was zum         schärfen. Damit wird zweierlei bewirkt:
      ästhetischen Möglichkeiten des            Spiel mit den Erwartungen des Pub-        Einmal erfahren die Zuschauenden,
      Mediums Film voll aus und fordert         likums und zum weiteren Spannungs-        wie Ben die Welt wahrnimmt. Eine
      damit von den Zuschauenden ein            aufbau beiträgt. Zugleich runden die      Bilderflut strömt auf den sensiblen
      hohes Maß an Konzentration, um dem        Interviewten mit ihrer Sichtweise die     jungen Mann ein – mehr Eindrücke,
      spannungsreichen Geschehen folgen         Geschehnisse zu einem vielschichtigen     als er verarbeiten kann. Bens Sicht
      zu können.                                Gesamtbild ab. Erst am Ende des           wirkt fragmentarisch und häufig auch
                                                Films erkennen die Zuschauenden,          verzerrt: So werden sprechende Men-
      Narration, Erzählstruktur                 dass die Interviewszenen Teil einer       schen häufig in extremen Detailauf-
      und Erzählperspektive                     Fernsehreportage über Bens vorge-         nahmen bis zur Unkenntlichkeit ent-
                                                täuschten Selbstmord sind. Erscheint      fremdet. Andererseits verweist die
      Die Geschichte wird überwiegend aus       BEN X anfangs als chronologisch           visuelle Gestaltung auf die Computer-
      Bens Perspektive erzählt, der in fast     erzählte Handlung, entpuppt sich die      spielwelt, wo man anhand der Spiel-
      jeder Szene zu sehen ist. Umgesetzt       Geschichte als autobiografischer          steuerung verschiedene Perspektiven
      wird dies durch den häufigen Einsatz      Rückblick des Protagonisten.              einnehmen und sich einen Überblick
      einer ■ subjektiven Kamera sowie                                                    verschaffen kann. In BEN X wird dies
      von ■ Voice-Over. Dramatische Höhe-       Kamera und Montage                        als charakteristisches Gestaltungsele-
      punkte bilden dabei die Mobbing-                                                    ment übernommen. Die Machart des
      Szenen im Klassenraum und im Park,        Die visuelle Gestaltung in BEN X          Films verändert sich auffällig, als
      bei denen mit starken Spannungsele-       zeichnet sich durch viele schnelle        Scarlite in Bens Leben tritt: Er ent-
      menten gearbeitet wird. Wiederholt        Schnitte und eine dynamische Kame-        spannt sich, was ein verlangsamter
      wird der Erzählfluss durch ■ Rück-        ra aus, bei der sich ■ Perspektive,       ■ Montagerhythmus und eine ruhige-
      blenden sowie durch reportageartige       ■ Einstellungsgröße und Standort          re Kamera widerspiegeln. So wird den
      Interviewszenen durchbrochen. Die         häufig verändern. Deutlich wird dies      Zuschauenden mithilfe von Kamera
      Rückblenden zeigen Ben meist als          etwa in Szenen, in denen Ben unter-       und Montage eindrücklich vermittelt,
      Kind und illustrieren seine lebenslange   wegs ist oder angegriffen wird: Dann      wie Ben sich fühlt und wie er seine
      Außenseiterrolle. In den dokumenta-       wechseln in schneller Reihenfolge         Umgebung erlebt.
      risch wirkenden Interviewszenen kom-      Obersicht, Halbnaheinstellungen,

      10                                                                                                         Filmheft BEN X
■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■                               ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■                            ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■

  Coming-of-Age-Filme                         bedrohlich, während die Aufsicht/          Montage
  Sammelbegriff für Filme, in denen           Obersicht Personen oft unbedeutend,        Mit Schnitt oder Montage bezeichnet
  jugendliche Hauptfiguren erstmals mit       klein oder hilflos erscheinen lässt. Die   man die nach narrativen Gesichts-
  grundlegenden menschlichen Fragen           Vogelperspektive kann Personen als         punkten und filmdramaturgischen
  oder Gefühlen konfrontiert sind und         einsam darstellen, ermöglicht in erster    Wirkungen ausgerichtete Anordnung
  langsam erwachsen werden.                   Linie aber Übersicht und Distanz. Die      und Zusammenstellung der einzelnen
                                              Schrägsicht/gekippte Kamera evoziert       Bildelemente eines Filmes von der ein-
  Subjektive Kamera                           einen irrealen Eindruck und wird häufig    zelnen Einstellung über die Auflösung
  Mit der subjektiven Kamera, auch            in Horrorfilmen eingesetzt oder um das     einer Szene bis zur Szenenfolge und
  Point of View Shot genannt, wird der        innere Chaos einer Person zu visuali-      der Anordnung der verschiedenen
  Blickwinkel des Erzählenden oder            sieren.                                    Sequenzen. Mit Hilfe der Montage las-
  eines Protagonisten nachgeahmt. Man                                                    sen sich verschiedene Orte und
  sieht damit die Welt aus der subjekti-      Einstellungsgrößen                         Räume, Zeit- und Handlungsebenen
  ven Sichtweise der jeweiligen Figur.        In der Filmpraxis haben sich bestimmte     so miteinander verbinden, dass ein
  Diese Kameraperspektive stellt eine         Einstellungsgrößen durchgesetzt, die       kohärenter Gesamteindruck entsteht.
  Erweiterung der beschreibenden              sich an dem im Bild sichtbaren Aus-        Während das klassische Erzählkino (als
  Außensicht dar und erleichtert den          schnitt einer Person orientieren: Die      Continuity-System oder Hollywood-
  Zuschauenden das Sich-Einfühlen in          Detailaufnahme umfasst nur bestimmte       Grammatik bezeichnet) die Übergänge
  Charaktere.                                 Körperteile wie etwa die Augen oder        zwischen den Einstellungen sowie den
                                              Hände, die Großaufnahme (engl.: close      Wechsel von Ort und Zeit möglichst
  Voice-Over                                  up) bildet den Kopf komplett oder          unauffällig gestaltet, versuchen andere
  Auf der Tonspur vermittelt eine Erzäh-      leicht angeschnitten ab, die Nahein-       Montageformen, den synthetischen
  lerstimme Informationen, die der Zu-        stellung erfasst den Körper bis etwa       Charakter des Films zu betonen.
  schauende zum besseren Verständnis          zur Brust („Passfoto“). Der Sonderfall
  der Geschichte benötigt und die mit-        der Amerikanischen Einstellung, die        Farbgebung
  unter auch Ereignisse zusammenfas-          erstmals im Western verwendet wurde,       Farbwirkungen können sowohl über
  sen, die nicht im Bild zu sehen sind.       zeigt eine Person vom Colt bezie-          die Beleuchtung wie über Requisiten
  Häufig tritt der Off-Erzähler als retro-    hungsweise der Hüfte an aufwärts und       (Gegenstände, Bekleidung) erzeugt
  spektiver Ich-Erzähler auf.                 ähnelt sehr der Halbnah-Einstellung, in    werden. Signalfarben lenken die
                                              der etwa zwei Drittel des Körpers zu       Aufmerksamkeit, fahle, triste Farben
  Rückblende                                  sehen sind, in der Halbnah-Einstellung     senken die Stimmung.
  Die Erzähltechnik der Rückblende            sind etwa zwei Drittel des Körpers zu
  (engl.: flashback) unterbricht den linea-   sehen. Die Halbtotale erfasst eine Per-    Filmmusik
  ren Erzählfluss und gestattet es, nach-     son komplett in ihrer Umgebung und         Das Filmerlebnis wird wesentlich von
  träglich in der Vergangenheit liegende      die Totale präsentiert die maximale        der Filmmusik beeinflusst. Sie kann
  Ereignisse darzustellen. Dramaturgisch      Bildfläche mit allen agierenden Per-       Stimmungen untermalen (Illustration),
  führt dies zu einer Spannungssteige-        sonen; sie wird häufig als einführende     verdeutlichen (Polarisierung) oder im
  rung, unterstützt die Charakterisierung     Einstellung (engl.: establishing shot)     krassen Gegensatz zu den Bildern ste-
  der Hauptfiguren und liefert zum Ver-       oder zur Orientierung verwendet.           hen (Kontrapunkt). Eine extreme Form
  ständnis der Handlung bedeutsame            Die Panoramaeinstellung zeigt eine         der Illustration ist die Pointierung (auch
  Informationen. Formal wird eine Rück-       Landschaft so weiträumig, dass der         Mickymousing), die nur kurze Momen-
  blende häufig durch einen Wechsel der       Mensch darin verschwindend klein ist.      te der Handlung mit passenden musi-
  Farbgebung (z. B. Schwarzweiß),                                                        kalischen Signalen unterlegt. Bei Sze-
  anderes Filmmaterial oder technische        Schuss-Gegenschuss-Technik                 nenwechseln, Ellipsen, Parallelmonta-
  Verfremdungseffekte hervorgehoben,          Eine Folge von Einstellungen, in denen     gen oder Montagesequenzen fungiert
  aber auch je nach Genre bewusst             jeweils eine Person aus der Perspek-       die Musik auch als akustische
  nicht kenntlich gemacht, um die             tive der anderen gezeigt wird, bezeich-    Klammer, in dem sie Übergänge und
  Zuschauenden auf eine falsche Fährte        net man als Schuss-Gegenschuss-            Szenenfolgen als zusammengehörig
  zu locken.                                  Technik. Der Grad der Subjektivität        definiert.
                                              wird dadurch bestimmt, ob die andere
  Kameraperspektiven                          Person angeschnitten von hinten mit
  Die gängigste Kameraperspektive ist         im Bild zu sehen ist, oder die Kamera
  die Normalsicht. Sie fängt das Ge-          ganz die subjektive Perspektive des
  schehen in Augenhöhe der Hand-              jeweiligen Gegenübers einnimmt.
  lungsfiguren ein und entspricht deren       Dabei bewegt sich die Kamera norma-
  normaler perspektivischer Wahrneh-          lerweise auf der Handlungsachse. Wird
  mung. Aus der Untersicht/Froschper-         letztere missachtet, kann der Eindruck
  spektive aufgenommene Objekte und           entstehen, die Personen würden ein-
  Personen wirken oft mächtig oder gar        ander nicht ansehen („Achsensprung“).

Filmheft BEN X                                                                                                                    11
■ ■   Filmsprache

      Farbgebung, Tongestaltung                 Flucht in die Computerspielwelt. Die         dienende Landkarten in den Realfilm
      und Musik                                 hoffnungsfrohen Szenen mit Scarlite          integriert, letztere beispielsweise auf
                                                hingegen sind mit sanfter Popmusik           dem Schulweg, wenn sich Ben mit-
      In BEN X dominieren dunkle, entsättig-    unterlegt.                                   hilfe dieser Grafiken in der Stadt zu
      te Bildfarben mit einem leicht metalle-                                                orientieren versucht. Dass die Com-
      nen Ton. Dadurch entsteht der Ein-        Computerspielästhetik                        puterszenen in BEN X einem realen
      druck von Künstlichkeit. Die ■ Farb-                                                   Online-Rollenspiel entstammen, ist
      gebung verweist auf die Analogien, die    Die Computerspiel-Szenen in BEN X            laut Regisseur Balthazar, dem niedri-
      für Ben zwischen virtueller und realer    entstammen dem real existierenden            gen Budget geschuldet. Mit dieser
      Welt existieren. Allein Scarlites Jacke   Rollenspiel Archlord. Für diese Szenen       Verknüpfung von Realfilm und Com-
      leuchtet in einem intensiven Rot und      engagierte Nic Balthazar Archlord-           puterspielszenen spricht BEN X eine
      sticht so aus dem farblichen Spektrum     Spieler/innen, die unter seiner Regie        junge, medienaffine Zielgruppe un-
      des Films hervor. Diese Farbsymbolik      im Cyberspace agierten. Diese mitge-         mittelbar an, indem der Film zwei von
      betont ihre zentrale Rolle für das Ge-    schnittenen Online-Szenen wurden             Jugendlichen vielgenutzte Medien
      schehen: Sie holt Ben ins Leben zu-       anschließend in den Realfilm montiert        zusammenführt. Während die einen
      rück.                                     und haben im Film unterschiedliche           über den Film auf das Spiel aufmerk-
      Ähnlich wie die visuelle Gestaltung       Funktionen: Zunächst veranschau-             sam werden können, können sich
      bringt auch die Tonebene den Zu-          lichen sie die mythische Welt von            umgekehrt Computerspieler/innen für
      schauenden Bens Wahrnehmung               Archlord mit ihren Figuren und Land-         den Film interessieren. Damit wäre
      nahe: Häufig verzerren sich die Worte     schaften. Zum anderen werden sie mit         ein sogenanntes Cross-Marketing,
      von Menschen, nebensächliche Ge-          Realfilmszenen unterschnitten, um zu         die Ansprache von unterschiedlichen
      räusche aus der realen Welt werden        zeigen, wie Ben in Stresssituationen         Zielgruppen mit einem einzigen Pro-
      extrem laut – etwa der Straßenlärm –      gedanklich in die virtuelle Welt flüchtet.   dukt, möglich. In der crossmedialen
      oder es drängen sich Töne aus dem         Oder aber grafische Elemente aus             Machart des Films spiegelt sich somit
      Computerspiel akustisch in den Vor-       dem Computerspiel werden in Real-            die zunehmend konvergente Medien-
      dergrund: das Klingen von Schwer-         filmszenen eingeblendet und visualisie-      realität, in der einerseits ein Unterhal-
      tern, das Klicken einer Computer-         ren, wie für Ben Realität und virtueller     tungsprodukt über verschiedene
      maus. Dabei verstärkt die ■ Filmmusik     Raum immer mehr verschmelzen.                Medienkanäle abgesetzt wird und
      die vorherrschende Stimmung: Über-        Dafür wurden etwa Spielmenüs, mit            andererseits ein gegenseitiger Aus-
      wiegend elektronische, treibende oder     denen man Charaktereigenschaften             tausch zwischen den Medien auch
      orchestrale Klänge unterstreichen         und Ausrüstung für seine Figur aus-          auf der kreativen Ebene stattfindet.
      Bens Erleben von Stress und seine         wählen kann oder der Orientierung

      12                                                                                                              Filmheft BEN X
■ ■   Exemplarische Sequenzanalyse

      In Sequenz 11 wird Ben von Desmet         erinnert sich Ben daran, dass er sie       Spielmenü zur Waffenauswahl er-
      und Bogaert aufgelauert und in einem      im Notfall anrufen soll. Der Ton dieser    scheint. In der Archlord-Welt erhebt
      Park angegriffen. Erstmals verteidigt     Rückblende ist teilweise verzerrt, Bens    sich sein Avatar und streckt mit weni-
      sich Ben, was aber die Gewalt gegen       fragmentarische Wahrnehmung wird           gen Schwertschlägen seine Gegner
      ihn noch verstärkt. Anschaulich zeigen    durch sekundenlange Detailaufnahmen        nieder. Im Park ist Ben aus gleicher
      diese Szenen, wie sich für Ben unter      von Mund und Auge eines seiner             Perspektive gefilmt, aber das reale
      Stress die Grenzen zwischen realer        Peiniger veranschaulicht. Dann neh-        Bild wird verfremdet, bis es wie ein
      und virtueller Welt zunehmend auflö-      men ihm Desmet und Bogaert das             Comicbild wirkt. Die Musik geht in
      sen. Auf formaler Ebene wird deutlich,    Handy weg. Treibende Musik setzt ein.      einen sirrenden Ton über. Tonebene
      wie Nic Balthazar mit Kamera und          Es folgt ein Zwischenschnitt der vir-      und visueller Effekt markieren einen
      Montage Bens Erleben visualisiert, wie    tuellen Welt: Die Spielfigur Ben X kniet   Wendepunkt: Ben zückt sein spitz
      er mit Rückblenden arbeitet und mit-      auf dem Boden, zwei „Riesen“ ahmen         gefeiltes Kruzifix und bedroht damit
      hilfe von Parallelmontagen Spannung       die Angreifer aus dem Realfilm nach.       seine Angreifer. Die Spannung ist auf
      aufbaut.                                  In dieser dynamischen Schnittfolge         dem Höhepunkt, als sein Handy klin-
      Die Sequenz beginnt an einer Bushal-      betonen Obersichten auf Ben und            gelt. Eine Parallelmontage zeigt Bens
      testelle, wo Desmet und Bogaert Ben       Untersichten auf seine Peiniger die        Mutter am Telefon. In einem rasanten
      zwingen, mit ihnen zu einem men-          ungleichen Kräfteverhältnisse.             Wechsel zwischen Realfilm- und
      schenleeren Park zu kommen und ihn        Detailaufnahmen, etwa von Bens ner-        Computerspielszenen wird Ben von
      auf eine Bank stoßen. Die Kamera          vösen Händen und Füßen, verweisen          Desmet und Bogaert überwältigt:
      wechselt Perspektiven und Einstel-        auf seine innere Anspannung. Desmet        Er liegt schreiend am Boden. Eine
      lungsgrößen, arbeitet mit der Schuss-     und Bogaert entdecken Scarlites            Rundfahrt aus der Obersicht überblickt
      Gegenschuss-Technik, erzeugt da-          Videonachricht und ziehen ihn damit        die Situation im Wechsel mit den in
      durch den Eindruck von Action, ver-       auf. Für Ben vermischen sich wieder        Untersicht gefilmten Gesichtern von
      deutlicht aber auch Bens Hilflosigkeit.   die Realitäten: Der Ritter kniet vor den   Bens Peinigern. Detailaufnahmen von
      Eine stroboskopartige Schnittfolge von    Monstern. Eine subjektive Kamera           Bens geöffnetem Mund und Rück-
      Detailaufnahmen eines Auges visuali-      zeigt Ben, wie ihn die realen jungen       blenden, in denen Ben als Kind zum
      siert, dass Ben gestresst ist. Aus dem    Männer ohrfeigen. Die Musik bricht ab,     Essen aufgefordert wird, stellen eine
      Off gibt er seine Herzfrequenz an,        stattdessen ist jetzt Scarlites Stimme     Analogie zur Gegenwart her: Desmet
      während er versucht, seinen Puls-         aus dem Handy zu hören. Bens               und Bogaert verabreichen Ben eine
      messer zu kontrollieren. Doch Desmet      Erniedrigung wird durch Perspektive,       Ecstasy-Pille. Eine Schuss-Gegen-
      und Bogaert nehmen ihm das Gerät          Detailaufnahmen und Zwischen-              schuss-Einstellung zeigt, wie Ben die
      ab. Erneut folgt ein rascher Wechsel      schnitte von Archlord-Szenen verdeut-      Pille schluckt. Die Kamera löst wieder-
      von Halbtotalen, Halbnah- und Nah-        licht: Die Monster überragen den           holt die Situation durch eine Umfahrt
      einstellungen, dann wird die Szene mit    Ritter.                                    aus der Obersicht auf, unterbrochen
      einer Kamerafahrt aus der Vogelper-       In einer weiteren Parallelmontage ruft     von Bens Gesicht in Großaufnahmen.
      spektive aufgelöst: Ben im Bildzen-       Bens Mutter erneut an und spricht          Schließlich lassen die Jungen von Ben
      trum erscheint wehrlos. Desmet und        eine Nachricht auf die Mobilbox. Die       ab. In der letzten Einstellung sieht man
      Bogaert, die durch eine Untersicht        einsetzende Musik wird dramatischer.       ihn von oben in einer Halbtotalen,
      bedrohend und dominant wirken,            Zwei Umschnitte auf Computerspiel-         während Desmet nochmals zutritt und
      schlagen ihn. In einer Parallelmontage    szenen zeigen, dass der Ritter, wie        dann geht. Ben ist im wörtlichen Sinne
      erwartet Bens Mutter ungeduldig die       Ben, geohrfeigt wird. Halbnah ist Ben      am Boden zerstört.
      Heimkehr ihres Sohnes. Im Park            leicht von unten zu sehen, als ein

      Filmheft BEN X                                                                                                            13
■ ■   Fragen

      Zu Inhalt und Figuren                     Wie gehen die Lehrer mit Ben um?          Welche möglichen Vermarktungs-
                                                Wie könnten sie Ben wirkungsvoller        effekte könnten sich aus der Verknüp-
      Beschreiben Sie, wie sich bei Ben die     unterstützen? Warum wissen sie nicht,     fung von Film und Spiel ergeben?
      autistische Störung äußert. Welche        dass Ben im Klassenraum gedemütigt
      Rituale und Routinen strukturieren sei-   wurde?                                    Zur exemplarischen
      nen Alltag? Wie verhält er sich seinen                                              Sequenzanalyse
      Mitmenschen gegenüber? Wie nimmt          Welche Bedeutung hat das Online-
      er seine Umwelt wahr?                     Spiel für Ben? Welche Rolle hat der       Mit welchen filmischen Mitteln wird in
                                                Ritter Ben X für den realen Ben?          der Sequenz 11 Spannung erzeugt?
      Diskutieren Sie, warum sich Ben in der
      virtuellen Welt des Computerspiels        Listen Sie die Argumente auf, die         Wie werden Elemente aus dem
      sicher fühlt. Warum ist er dort fähig,    Scarlite im Gespräch mit Ben gegen        Online-Spiel oder Computerspiel-
      mit anderen zu kommunizieren?             Suizid anführt.                           szenen eingesetzt? Welchen Zweck
                                                                                          erfüllen Sie?
      Welche Assoziationen verbinden Sie        Ben begeht einen „kreativen Suizid“.
      mit dem Filmtitel?                        Warum entscheidet er sich für diesen      Zu den Materialien
                                                Weg?
      Wie werden im Film Bens Peiniger                                                    Was zeichnet Menschen mit einer
      Bogaert und Desmet charakterisiert?       Interpretieren Sie die Schlussszene       autistischen Persönlichkeitsstörung
      Warum schikanieren sie Ben?               auf der Pferdekoppel. Beschreiben         aus? Inwiefern können ihre angeb-
                                                Sie Bens Veränderung.                     lichen Defizite auch als Stärken ver-
      Wie wird Scarlite im Film dargestellt?                                              standen werden?
      Warum setzt sie sich für Ben ein?         Zur Filmsprache
                                                                                          Konflikte sind alltägliche Phänomene.
      Zur Problemstellung                       Aus welchen Perspektiven wird der         Wo ziehen Sie die Grenze zwischen
                                                Film erzählt? Welche Intention wird       Streitigkeiten und Mobbing?
      Bens Mitmenschen erwarten von ihm,        mit dieser ästhetischen Gestaltung
      dass er sich „normal“ verhält. Was        verbunden?                                Listen Sie verschiedene Formen von
      verstehen sie darunter? Wie bewertet                                                Mobbing auf. Wie können sich
      Ben seinerseits das „normale“ Verhal-     Welche Funktion übernehmen die            Betroffene dagegen wehren? Welche
      ten seiner Mitmenschen?                   reportageartigen Interviewszenen im       Folgen hat Mobbing für die Opfer?
                                                Film?
      Nennen Sie Eigenschaften oder                                                       „Happy Slapping“ und „Cyber-Mob-
      Symptome, die Sie mit Autismus            Inwiefern unterstreichen Schnitt und      bing“ sind relativ neue Phänomene.
      verbinden.                                Kamera Bens emotionalen Zustand           Erklären Sie, worin für Täter/innen der
                                                und die Wahrnehmung seiner                besondere Reiz an diesen Formen von
      Welche verschiedenen Formen von           Umwelt? Nennen Sie Beispiele.             Gewalt oder Mobbing liegen könnte.
      Ausgrenzung erlebt Ben im Laufe                                                     Was bedeutet der Einsatz dieser
      seines Lebens?                            Wie sind die Computerspielszenen          Kommunikationstechniken für die
                                                in das Filmgeschehen integriert?          Opfer?
      Der Großteil von Bens Mitschülern/        Beschreiben Sie Szenen, in denen
      innen steigt bedenkenlos mit ein, als     sich für Ben die Grenzen zwischen         Welche positiven und negativen
      Bogaert und Desmet ihn vor der            realer und virtueller Welt auflösen.      Folgen können Online- und Com-
      Klasse demütigen. Wie erklären Sie                                                  puterspiele für die Nutzer/innen haben
      sich dieses Verhalten? Wer sind die       Inwiefern orientiert sich die filmische   und warum?
      Ausnahmen und wie verhalten sie sich      Darstellung an der Ästhetik von Com-
      Ben gegenüber?                            puterspielen? Nennen Sie Beispiele.
                                                Welche Wirkungen erzielen diese for-
                                                malen Übereinstimmungen?

      14                                                                                                          Filmheft BEN X
■ ■   Arbeitsblatt                                                                         ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■

         Aufgabe 1: Bens Verhalten reflektieren
      a) Listen Sie auf, von welchen Vorteilen des Computerspielens Ben zu Anfang
         des Films berichtet.
      b) Jonas ist ein stiller Beobachter seines Bruders Ben. Schildern Sie aus seiner
         Sicht eine Situation, in der sich Ben ungewöhnlich verhält.
      c) Beschreiben Sie in einem Partnergespräch das Kommunikationsverhalten von
         Ben. Ergänzen Sie dabei gegenseitig Ihre Beobachtungen.
      d) Zeigen Sie anhand des Filmschlusses, inwiefern sich Ben verändert hat.
         Diskutieren Sie, ob Ben – wie in Virtual Reality Novels, in denen ein Teil der
         Handlung in einer virtuellen Welt spielt – durch ein Computerspiel zum Helden
         der Geschichte wird.

         Aufgabe 2: Filmsprache untersuchen
      a) Betrachten Sie die Rückblenden in Bens Kindheit sowie die Interviewszenen
         mit Lehrkräften und Mitschülern/innen zwischen den Filmsequenzen und
         erläutern Sie deren dramaturgische Funktionen.
      b) Wählen Sie eines der Szenenbilder von der Website des Films BEN X, ordnen
         Sie den Ausschnitt der Filmhandlung zu und beschreiben Sie die gezeigte
         Situation oder Figur genau. Achten Sie auch auf Licht und Schatten sowie auf
         Requisiten. Erläutern Sie, wie sich die Beziehung zwischen dem Computer-
         spiel und Bens Alltag in den Bildern darstellt.

         Aufgabe 3: Mobbing erkennen und verhindern
      a) Benennen Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Mobbing und Cyber-
         Mobbing. Illustrieren Sie ihre Erklärungen durch Beispiele aus dem Film oder
         eigene Beobachtungen.
      b) Diskutieren Sie in einer Kleingruppe, wie es zum Mobbing an Ben kam und
         welche Folgen dies für ihn hat.
      c) Formulieren Sie in einer Kleingruppe konkrete Tipps, die Mobbing verhindern
         helfen. Stellen Sie Ihre Vorschläge vor und veröffentlichen Sie Ihre Ergebnisse
         als Wandzeitung im Klassenraum oder auf der Schulwebsite.

         Aufgabe 4: BEN X im Medienverbund wahrnehmen
      a) Entwerfen Sie einen Kriterienkatalog, nach dem ein Computerspiel beurteilt
         werden könnte. Stellen Sie der Klasse ein Computerspiel Ihrer Wahl vor und
         erläutern Sie zum Beispiel dessen Funktionsweise, die grafische Gestaltung
         und den Geselligkeitsfaktor.
      b) Beurteilen Sie, welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen
         die Integration des Computerspiels Archlord in einen internationalen Spielfilm
         haben kann.
      c) Begründen Sie anhand des Films, inwiefern Computerspiele wie Archlord die
         Teamfähigkeit fördern können. Versuchen Sie dabei, diese Rollenspiele von so
         genannten Ego-Shootern abzugrenzen.

         Aufgabe 5: Einen Neubeginn wagen
      a) Sammeln Sie alle Argumente, die Scarlite im Gespräch mit Ben gegen einen
         Selbstmord vorbringt. Vollziehen Sie nach, wie sie zwischen dem Tod im
         Computerspiel und dem Tod im echten Leben unterscheidet.
      b) Beobachten Sie, wie, wo und mit welcher Funktion religiöse Motive (Kreuz,
         Christusdarstellungen, Kirche) in dem Film BEN X auftauchen. Inwiefern
         kommt Bens Tod einer Auferstehung gleich?
      c) Setzen Sie sich mit der Frage auseinander, wie man in seinem eigenen Leben
         einen Neubeginn starten kann.

      Filmheft BEN X                                                                                     15
■ ■   Unterrichtsvorschläge

       Fach              Themen                                      Methoden und Sozialformen

       Deutsch           Erstellen einer Textfassung des Films       Filmausschnitte auswählen, in Rollentexte mit
                         BEN X (Nic Balthazar, 2007)                 Regieanweisungen oder in Romanausschnitte
                                                                     mit Ich- oder Er-Erzähler umschreiben. Die
                                                                     Szenen spielen oder vorlesen

                         Typisierung und Charakterisierung von       Referat: Ausschnitte aus X-MEN zeigen und die
                         Figuren, die von der Norm abweichen,        Aufteilung der Welt in die Figuren der Mutanten,
                         in X-MEN (Bryan Singer, 2000) und in        des Magneto und des Xavier erläutern
                         BEN X vergleichen

                         Darstellung autistischer Menschen im Film   Plenum: Filmausschnitte zeigen und Figuren
                         vergleichen, zum Beispiel in RAIN MAN       vergleichend charakterisieren
                         (Barry Levinson, 1988) oder SNOW CAKE
                         (Marc Evans, 2006)

                         Handlungen für ein Computerspiel-           Gruppenarbeit: ein gemeinsames Abenteuer
                         abenteuer entwerfen                         ausdenken, einen möglichen Plot aufschreiben
                                                                     und mit Zeichnungen illustrieren

                         Computerspiele der Gattung                  Referate und Präsentationen von Demo-
                         Abenteuerspiele vorstellen, untersuchen     Versionen
                         und beurteilen (zum Beispiel Archlord)

                         Berichterstattung über Cyber-Mobbing        Zeitungsausschnitte recherchieren und
                         untersuchen                                 diskutieren

       Biologie          Autismus, Asperger Syndrom darstellen       Referat halten, Reader oder Informationszettel
                                                                     gestalten

       Sozialkunde       Formen von Gewalt (physisch, psychisch,     Auswirkungen von Gewalt auf die Figur Ben
                         verbal) diskutieren                         untersuchen und beschreiben

                         Formen und Folgen von Cyber-Mobbing         Rollenbiografien von Mobbingopfern verfassen,
                         diskutieren (zum Beispiel Beurteilungen     Handlungsalternativen zum Entstehen von
                         von Lehrerinnen und Lehrern im Netz,        öffentlichem Mobbing entwickeln (zum Beispiel
                         Handygewaltvideos)                          Gesprächskulturen aufbauen)

       Ethik, Religion   Religiöse Symbole und Motive (zum           Belege in der Bibel finden, Verwendung in dem
                         Beispiel Kreuz, Christus, Auferstehung)     Film BEN X untersuchen
                         interpretieren

                         Zivilcourage üben                           Rollenspiel: In eine Mobbingsituation eingreifen
                                                                     und diese stoppen

       Musik             On- und Off-Musik in Filmen und             Sequenzen im Film und Computerspiel mit
                         Computerspielen vergleichend unter-         und ohne Musik betrachten und die Wirkung
                         suchen                                      vergleichen

       Kunst             Fantasy-Figuren (Avatare) gestalten         Gruppenarbeit: eine Spielszene mit Bühnenbild
                                                                     und unterschiedlichen Figuren entwerfen

      16                                                                                                Filmheft BEN X
Protokoll
■ ■   Sequenzprotokoll
      S1                                           S5                                            Psychiater rät der Mutter, Ben trotz
      Benutzeroberfläche: Computerspiel mit        Ben geht über den Schulhof (VO, elek-         Mobbings auf der Schule zu lassen
      Login (Musik, Tastaturgeräusche). Ben        tronische Musik, RS/CS). – (I:) Der Me-       (verzerrter Ton). – (I:) Bens Mutter
      X, Scarlite, weitere Figuren, Szenen aus     tallarbeitslehrer erläutert sein Mitgefühl.   redet über ihr autistisches Kind, ein
      dem Spiel Archlord, darüber Filmcredits      Bens Vater erklärt die Schulwahl für          Psychiater über Autisten. – Im Auto
      und Titel. (Off:) Ben erklärt, was ihm       Ben. – Im Religionsunterricht analysiert      erhält Ben auf dem Handy den
      das Online-Spiel bedeutet. (On:) Er          der Lehrer die Passionsgeschichte.            Mobbing-Clip. – Zu Hause loggt sich
      erhält eine E-Mail von Scarlite (Voice       Bogaert ärgert Ben. – (I:) Der Reli-          Ben in Archlord ein und deutet Scar-
      Over = VO, Montage aus Computer-             gionslehrer hält Menschen wie Ben für         lite gegenüber Selbstmordabsichten
      spielszenen (CS) und Realfilmszenen          wehrlos. Ein Mitschüler berichtet von         an (CS). Scarlite liegt als reales
      (RS)). – (Interviewausschnitte = I:) Bens    Attacken gegen Ben, eine Mitschülerin         Mädchen auf seinem Bett (VO).
      Mutter sagt, dass immer erst jemand          erinnert sich an Ben. – Nach dem              00:26 – 00:32
      sterben müsse, bevor etwas passiere.         Unterricht ziehen Desmet und Bogaert
      00:00 – 00:05                                Ben vor der Klasse die Hosen herunter         S9
                                                   (VO, RS/CS). Mitschüler/innen filmen          (I:) Am nächsten Tag redet Bens
      S2                                           das Geschehen. Danach schlägt Ben             Mutter über ihre Erinnerung an diesen
      Im Bad beschreibt Ben seine Schwie-          wütend ein Fenster ein.                       Morgen. – Auf dem Schulweg erhält
      rigkeiten, sozialen Normen zu entspre-       00:12 – 00:19                                 Ben erneut Mobbing-Clips. Er erläu-
      chen (VO, CS/RS). – (CS:) Die Spielfi-                                                     tert sein Außenseiterdasein (VO). –
      gur Ben X läuft die Treppe hinab.            S6                                            (RB:) Ben hat Probleme im Kinder-
      00:05 – 00:06                                Ben soll dem Direktor das zerschlage-         garten, in der Schule, bei den Pfad-
                                                   ne Fenster erklären; er bleibt stumm.         findern. – Ben betritt das Schulgelän-
      S3                                           Bogaert und Desmet reden sich her-            de (RS/CS). Im Metallarbeitsunterricht
      Ben beim Frühstück mit seiner Mutter.        aus (Detailaufnahmen, RS/CS). – (I:)          feilt Ben aus einem Kruzifix eine Waffe
      (Off:) Ben kommentiert Ablauf des            Der Metallarbeitslehrer erklärt seine         (RS/CS). – (RB:) Bens Vater ermutigt
      Frühstücks (RS/CS). Sein Bruder Jonas        Gefühlslage. Bens Mutter und der              ihn zur Selbstverteidigung. – Ben feilt
      zeigt ihm eine Trollfigur. Ben blickt ner-   Direktor äußern sich über Schulen. –          weiter am Kruzifix (Einblendung: CS).
      vös auf die Küchenuhr, die Mutter            Die Mutter holt Ben beim Direktor ab.         – (I:) Bens Vater, der Metallarbeits-
      beruhigt ihn (Detailaufnahmen, verzerr-      Ein Mitschüler steckt Ben dessen              lehrer und der Religionslehrer bewer-
      ter Ton). Ben verlässt das Haus.             Kamera mit den Mobbing-Szenen zu.             ten die Ereignisse.
      00:06 – 00:07                                00:19 – 00:22                                 00:32 – 00:38

      S4                                           S7                                            S 10
      Auf dem Schulweg erklärt Ben seine           Ben sitzt mit seiner Mutter im Auto           Ben erhält auf dem Schulhof eine
      Überlebensstrategie (VO, elektronische       (Originalmusik). – Ben sieht fern. – Er       MMS von Scarlite: Sie will Ben am
      Musik, RS/CS). – (I:) Ein Mitschüler         erhält eine E-Mail von Scarlite, dann         folgenden Tag am Bahnhof treffen
      Bens bewertet ein Ereignis. – Ben            eine E-Mail mit Detailaufnahme seiner         (Überblendungen, Kamerafahrt).
      beobachtet an der Bushaltestelle ein         Demütigung. Bens Mutter fragt, ob             00:38 – 00:39
      sich küssendes Paar (Detailaufnahmen,        alles okay sei. Ben startet Archlord
      verzerrtes Bild). – (Rückblende = RB:)       (VO). (CS:) Ben X reitet zu Scarlite,         S 11
      Der kleine Junge Ben versteht ein            gesteht ihr seinen desolaten Zustand.         Desmet und Bogaert hindern Ben
      Ballspiel nicht, Kinder und Lehrerin rea-    Sie will ihn „heilen“.                        daran, in den Bus zu steigen (RS/CS).
      gieren wütend. – Ben fährt Bus. An           00:22 – 00:26                                 – (RB:) Das Kind Ben wird erniedrigt.
      einer Haltestelle steigen Desmet und                                                       – Desmet und Bogaert führen Ben in
      Bogaert ein und belästigen eine ältere       S8                                            einen Park, wo sie ihn attackieren.
      Dame, später auch Ben (Details, ver-         Ben fährt mit seiner Mutter ins Kran-         Die Mutter erwartet Ben (Parallelmon-
      zerrtes Bild). – (RB:) Ben als Kind spielt   kenhaus (VO). – (RB:) Das Kind Ben            tage). – Desmet und Bogaert ent-
      unterm Tisch. Er wird ärztlich unter-        wird von Ärzten und Psychologen               decken Scarlites MMS, Ben bedroht
      sucht (VO). – (I:) Bens Mutter spricht       beurteilt. – Ben filmt das Wartezimmer.       sie mit dem Kruzifix. Sie verabreichen
      über ihr Kind.                               – (RB:) Bei Ben wird das Asperger-            Ben eine Ecstasy-Pille. – (RB:) Das
      00:07 – 00:12                                Syndrom diagnostiziert (VO). – Ein            Kind Ben verweigert Essen. – Desmet

      Filmheft BEN X                                                                                                                  17
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