Genderstudies - ZEITSCHRIFT DES ...

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ZEITSCHRIFT
DES INTERDISZIPLINÄREN ZENTRUMS
FÜR GESCHLECHTERFORSCHUNG IZFG

                                  Herbst 2021   #37

genderstudies
INHALTSVERZEICHNIS

EDITORIAL
Jahr der Jubiläen                                  1

SCHWERPUNKT: FRAUENSTIMMRECHT
Fortschritte, Rückschläge und die wichtige         2
Rolle des öffentlichen Drucks
Migration und Gleichberechtigung                   5
Jetzt ist alles gut! Oder?                         7
Interview mit Dr. Fabienne Amlinger zur            11
Ausstellung "Frauen ins Bundeshaus!"

AUS DEM IZFG
Projektbericht: Eine App für die Frauenrechte      14
Jubiläum: 20 Jahre IZFG                            16
Projektbericht: Ökonomien der Unterbringung        18
von Kindern in Pflegefamilien
Projektbericht: Vom Glück vergessen – Betroffene   19
von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen
Gewinner Barbara-Lischetti-Preis 2020              20
Fachtagung SGGF, 26./27. November 2021             21

LEHRE AM IZFG
Master Minor und Graduate School                   22
Gender Studies
Ich studiere Gender Studies!                       23
Dissertationsprojekt: Drag-Performer*innen         24
als angebliche Huren

GENDER AN DER UNI BERN
Portrait: Dr. Berna Özdemir, Oberärztin            25
Universitätsklinik Inselspital
Gender-Facts an der Uni Bern                       26
Abteilung für Gleichstellung: Die erste            27
feministische Sommeruni in Bern!

SONSTIGES
Q&A: Frag Dr. Gender!                              29
Rätsel: Kreuzworträtsel Frauenstimmrecht           30

REZENSION
Werner Seitz: "Auf die Wartebank geschoben.        32
Der Kampf um die politische Gleichstellung
der Frauen in der Schweiz seit 1900"

PUBLIKATIONEN
Gruss aus der Küche                                33
Jeder Frau ihre Stimme                             33

                                                        IMPRESSUM

                                                        HERAUSGEBERIN Interdisziplinäres Zentrum für
                                                        Geschlechterforschung der Universität Bern IZFG
                                                        Mittelstrasse 43, 3012 Bern, www.izfg.unibe.ch
                                                        REDAKTION Fabienne Amlinger, Monika Hofmann, Janine Lüthi
                                                        BILDER Christine Moor / TITELBILD Monika Hofmann
                                                        ILLUSTRATION Franziska Nyffeler
                                                        LAYOUT Monika Hofmann
                                                        GESTALTUNG grafikwerkstatt upart, blau, Bern
                                                        DRUCK Vetter Druck AG, Thun
                                                        AUFLAGE 1150 Exemplare PAPIER PlanoJet, FSC-zertifiziert
                                                        ISSN-NR. 1663-7879
EDITORIAL

Jahr der Jubiläen
I Monika Hofmann

         Liebe Leser*innen

         2021 ist das Jahr der Jubiläen – jedenfalls hinsicht-
         lich gleichstellungspolitischer Errungenschaften
         und Geschlechterforschung an der Uni Bern. 50
         Jahre Frauenstimm- und -wahlrecht in der Schweiz,
         40 Jahre Gleichstellungsartikel in der Bundesver-
         fassung, vor 30 Jahren streikten Schweizer Frauen
         gegen mangelhafte Fortschritte in der faktischen
         Gleichstellung und vor 25 Jahren trat das Schwei-
         zerische Gleichstellungsgesetz in Kraft. An der
         Universität Bern wurde vor 31 Jahren die Abtei-
         lung für Gleichstellung gegründet und das IZFG
         feiert sein 20-jähriges Bestehen. Wobei "feiern" nicht
         der passende Ausdruck ist. Nach über einem Jahr
         Home-Office und Online-Teamsitzungen kommt auf
         Distanz nicht so richtige Feierlaune auf. Deshalb
         jubilieren wir etwas stiller, aber nicht minder stolz.
         Die Seiten 16 und 17 dieser Zeitschrift sind dem                      Ausstellungen, wie an die Einführung des Frauen-
         IZFG-Jubiläum gewidmet. Wir bedanken uns an                           stimmrechts in der Schweiz erinnert wird und ob
         dieser Stelle sehr herzlich bei unseren beiden Mitar-                 dieser Jahrestag ein Grund zum Feiern sei (S. 7-10).
         beiterinnen Julia Egenter und Vanessa Näf für den                     Im Interview auf den Seiten 11-13 erzählt die Histo-
         wundervollen Text über das IZFG. Auch der Illustra-                   rikerin und Kuratorin Fabienne Amlinger von der
         torin, Franziska Nyffeler, sei ganz herzlich gedankt.                 Ausstellung "Frauen ins Bundeshaus!" und davon,
         Sie hat die Doppelseite für uns gestaltet.                            weshalb der Kampf um Gleichstellung noch nicht zu
                                                                               Ende ist.
         Inhaltlich ist das vorliegende Heft dem Thema "50
         Jahre Frauenstimmrecht" gewidmet. Der Politologe                      Ausserdem erfahren Sie in dieser Zeitschrift, wer
         Werner Seitz berichtet auf den Seiten 2-4 von der                     den Barbara-Lischetti-Preis 2020 gewonnen und
         Entwicklung der Frauenrepräsentation in den poli-                     was an der ersten feministischen Sommeruni Bern
         tischen Institutionen auf kantonaler und eidgenös-                    im Juni 2021 stattgefunden hat. Zudem beantwor-
         sischer Ebene. Weshalb Migration viel dazu beige-                     ten wir in der Rubrik "Frag Dr. Gender!" unter ande-
         tragen hat, die Verhältnisse in Arbeitswelt, Bildung                  rem die Frage, warum sich viele Männer so lange
         und Politik zugunsten von Frauen zu verändern,                        gegen das Frauenstimmrecht gewehrt haben. Wir
         erörtert die Historikerin Francesca Falk auf den                      wünschen Ihnen, liebe Leser*innen, eine anregende
         Seiten 5-6. Vier Studierende fragen anhand von vier                   und erfrischende Lektüre.

  Bildkonzept
  Die in der vorliegenden Ausgabe von genderstudies abgedruckten Bilder geben Ihnen einen Einblick in die Ausstellung "Frauen ins
  Bundeshaus! 50 Jahre Frauenstimmrecht". Noch bis am 14. November 2021 kann die Ausstellung im Bernischen Historischen Museum
  besucht werden. Die Fotos wurden uns vom Museum zur Verfügung gestellt, wir bedanken uns ganz herzlich dafür.

  Fotos: Christine Moor

                                                                                                              genderstudies #37 Herbst 2021   1
SCHWERPUNKT FRAUENSTIMMRECHT

Fortschritte, Rückschläge und die
wichtige Rolle des öffentlichen Drucks
Die Entwicklung der Frauenrepräsentation in den politischen Institutionen
auf kantonaler und eidgenössischer Ebene, von 1971 bis 2021.

I Werner Seitz*

        Als wichtigste Faktoren, welche die Wahl von             onen nahmen die Frauen später und in geringerer
        Frauen in die politischen Institutionen beeinflussen,    Zahl Einsitz. Zwar schaffte es 1971 die Genfer Frei-
        gelten die Parteien, der Wahlmodus und die öffent-       sinnige Lise Girardin als erste und einzige Frau in
        lichen Diskussionen. Beim Faktor 'Parteien' spielen      den Ständerat. Sie wurde aber 1975 wieder aus der
        die Werte, welche die Parteien vertreten, eine Rolle,    kleinen Kammer abgewählt. 1979 und 1983 wurden
        namentlich die Haltung zur Gleichstellung. Ein Blick     je drei Ständerätinnen gewählt und 1987 fünf.
        auf die gewählten Frauen zeigt: je konservativer und
        weiter rechtsstehend sich eine Partei positioniert,      Erste Frau in einer Kantonsregierung war die Zürcher
        desto geringer deren Frauenvertretung.                   Sozialdemokratin Hedi Lang (1983). 1986 gelang in
                                                                 Bern der Grünen Leni Robert und in Freiburg der
        Der Proporz gilt als 'frauenfreundlicher' Wahlmodus.     CVP-Vertreterin Roselyne Crausaz der Sprung in die
        Von Anfang an schafften die Frauen die Wahl in           Exekutive. 1987 hatten fünf Frauen in Kantonsregie-
        den Nationalrat und in die kantonalen Parlamente.        rungen Einsitz (Frauenanteil 3 Prozent).
        Bei den Wahlen in den Ständerat und in die kanto-
        nalen Regierungen, bei denen die Sitze meistens          Es gab verschiedene Versuche der Parteien aus dem
        nach Majorz vergeben werden, waren dagegen die           Mitte-links-Spektrum, eine Frau in den Bundes-
        Hürden grösser.                                          rat zu bringen; sie blieben aber alle erfolglos. Gross
                                                                 war die Empörung, als die Bürgerlichen Ende 1983
        Dass breite öffentliche Diskussionen über die Unter-     anstelle der offiziellen SP-Kandidatin Lilian Uchten-
        vertretung der Frauen in der Politik Wirkung haben,      hagen den früheren Solothurner SP-Nationalrat
        zeigte sich deutlich in den 1990er Jahren, im Zuge       Otto Stich wählten. Kritisiert wurde namentlich die
        des ersten nationalen Frauenstreiks und der gros-        ungebührliche Art, wie Lilian Uchtenhagen behan-
        sen Empörung über die Nichtwahl von Christiane           delt wurde. 1984 wurde schliesslich mit der Zürcher
        Brunner in den Bundesrat. 2019 fand eine weitere         Freisinnigen Elisabeth Kopp die erste Frau in den
        öffentliche Diskussion statt, mit dem zweiten natio-     Bundesrat gewählt. Sie stolperte jedoch über die
        nalen Frauenstreik und den vielfältigen Aktivitäten      Geschäfte ihres Ehemanns Hans W. Kopp, dem sie
        von "Helvetia ruft!". Wie in den 1990er Jahren stieg     warnende Hinweise gegeben hatte. Im Februar 1989
        die Frauenvertretung in Regierung und Parlament          trat sie aus dem Bundesrat zurück und der Bundes-
        markant an.                                              rat war wieder ein reines Männergremium.

        Die 1970er und 1980er Jahre: Nur kleine                  Aufbau von öffentlichem Druck
        Erfolge                                                  Die 1990er Jahre waren hinsichtlich der Vergrösse-
        Bei den Wahlen in den Nationalrat und in die kanto-      rung der Frauenrepräsentation das erfolgreichste
        nalen Parlamente reüssierten die Frauen auf Anhieb       Jahrzehnt. Auftakt dazu war 1991 die eidgenös-
        mit einem Anteil von rund fünf Prozent. Das waren        sische Frauensession, zu der die Bundesparlamenta-
        Wahlen in eher grosse Gremien, die nach dem              rierinnen eingeladen hatten, sowie – und vor allem
        Proporzsystem bestellt wurden. Bis 1991 steigerten       – der erste nationale Frauenstreik. Die neue Stärke
        die Frauen ihre Vertretung kontinuierlich auf 17,5       der Frauenbewegung zeigte sich bereits im Früh-
        beziehungsweise 15 Prozent. In den 1980er Jahren         ling 1993 bei der Nichtwahl der offiziellen SP-Kandi-
        setzte eine parteipolitische Akzentuierung der Frau-     datin Christiane Brunner in den Bundesrat. Anders
        enrepräsentation ein. Mit dem Aufkommen der              als 1983 konnte nämlich der "wilde" SP-Kandidat
        Grünen und der Hinwendung der SP zu den neuen            die Wahl nicht mehr annehmen. Die SP präsentierte
        Mittelschichten stieg bei diesen Parteien die Zahl       darauf der Bundesversammlung einen Doppelvor-
        der gewählten Frauen deutlich an. Nur gering stei-       schlag mit Christiane Brunner und Ruth Dreifuss.
        gerte sich dagegen die Frauenvertretung bei den          Unter grosser Anteilnahme der Öffentlichkeit wurde
        bürgerlichen und vor allem bei den rechten Parteien.     am 10. März 1993 die Genferin Ruth Dreifuss in den
        Bei den Wahlen in den Ständerat und in die kanto-        Bundesrat gewählt.
        nalen Regierungen waren die Hürden grösser, nicht
        zuletzt auch weil deren Sitze meistens nach dem          Rückenwind dank Frauenförderungsmass-
        Majorzsystem vergeben wurden – und auch mit              nahmen
        mehr Prestige verbunden waren. In diese Instituti-       In den 1990er Jahren erhielten auch die Frauen-

2       genderstudies #37 Herbst 2021
förderungsmassnahmen Aufwind. Verschiedene
parlamentarische Vorstösse und Volksinitiativen
verlangten die Einführung von Geschlechterquoten.
Sie waren alle chancenlos, auf juristischer oder auf
politischer Ebene. Die eidgenössische Volksinitia-
tive "für eine gerechte Vertretung der Frauen in den
Bundesbehörden" erhielt im März 2000 nur gerade
18 Prozent Zustimmung. Mit den verschiedenen
Forderungen nach Geschlechterquoten wurde aber          von vier (1991) auf elf (2003), womit ihr Anteil auf 24
zumindest erreicht, dass die Untervertretung der        Prozent anstieg. Diese Steigerung war weitgehend
Frauen in der Politik über längere Zeit ein öffentli-   der FDP/LP zuzuschreiben; in der zweiten Hälfte der
ches Thema blieb.                                       1990er Jahre stellte sie gar die Mehrheit der Stän-
                                                        derätinnen. Ebenfalls zum Anstieg der Frauenver-
Bereits in den 1980er Jahren entstanden mehrere         tretung im Ständerat trug die SP bei.
feministische Gruppierungen, die sich aktiv ins
parteipolitische Feld einbrachten. In St. Gallen,       Auch in den Kantonsregierungen erhöhte sich in den
Luzern, Basel und in Zürich waren sie bei den städ-     1990er Jahren die Zahl der Frauen stark, von 5 auf 34
tischen und kantonalen Parlamentswahlen erfolg-         (bzw. von 3 Prozent auf 21,5 Prozent). Wesentlichen
reich. Als einzige holte die Zürcher FraP! ("Frauen     Anteil an der Steigerung hatte – wie beim Ständerat
macht Politik!") auch ein Mandat im Nationalrat:        – die FDP/LP (+14 auf 15). Die SP steigerte ihre Frau-
Christine Goll wurde 1991 gewählt und schaffte          envertretung ebenfalls markant (+9 auf 11). 2003
1995 die Wiederwahl. 1997 wechselte sie zur SP. Um      gehörten mehr als drei Viertel aller Regierungsrä-
die Jahrtausendwende lösten sich die meisten Frau-      tinnen der FDP/LP oder der SP an.
enlisten auf, ausgenommen die "Politische Frauen-
gruppe St. Gallen". Grösstes Verdienst der Frauen-      Sechs Jahre nach der Wahl von Ruth Dreifuss,
listen war, dass sie auf die ihnen nahestehenden        nahm 1999 Ruth Metzler-Arnold (CVP, AI) in den
Grünen und Linken inhaltlich Druck ausüben konn-        Bundesrat Einsitz. Ende 2002 folgte auf Ruth Drei-
ten, die feministischen Postulate ernst zu nehmen.      fuss die Genfer Staatsrätin Micheline Calmy-Rey.
                                                        Den Wahlen dieser drei Frauen in den Bundesrat
Mitte der 1980er Jahren kamen die getrennten            ist gemeinsam, dass die Parteien der Vereinigten
Wahllisten für Frauen und Männer auf. Besonde-          Bundesversammlung "Tickets" mit ausschliesslich
rer Beliebtheit erfreuten sich diese bei der SP, wo     Frauenvorschlägen präsentierten. Bei den Gesamter-
sie Ergebnisse erzielten, welche teilweise jene der     neuerungswahlen des Bundesrates von 2003 griff
Einheitsliste übertrafen. Auch bei den bürgerlichen     die SVP mit ihrer Leitfigur, dem Zürcher Nationalrat
Parteien gab es gelegentlich solche Wahllisten, ihre    Christoph Blocher, den Sitz von Ruth Metzler-Arnold
Wirkung blieb jedoch bescheiden.                        an und reüssierte dabei.

Die 1990er Jahre: Starker Anstieg                       Die 2000er und 2010er Jahre: Abflachen
In den 1990er Jahren stieg der Frauenanteil in den      und Rückgang
meisten politischen Institutionen markant an. 2003      In den 2000er und 2010er Jahren flachte das Wachs-
waren 26 Prozent der Nationalratsmitglieder Frauen,     tum der Frauenvertretung im Nationalrat sowie in
das waren 8,5 Prozentpunkte mehr als 1991. Bei den      den kantonalen Parlamenten und Regierungen ab.
kantonalen Parlamentswahlen betrug der Frauenan-        Im Ständerat sank gar die Zahl der Frauen von elf
teil 24 Prozent (+9 Prozentpunkte). Bei den rotgrü-     (2003) auf sieben (2015). Der Rückgang war weitge-
nen Parteien erreichten die Frauen im Nationalrat       hend auf die FDP/LP zurückzuführen, welche den
annährend Parität. Bei der SVP, die in den 1990er       starken Anstieg der Frauenvertretung im Ständerat
Jahren zur mit Abstand stärksten Partei aufstieg,       in den 1990er Jahren wesentlich geprägt hatte.
betrug der Frauenanteil jedoch nur 5,5 Prozent.
                                                        Ähnlich wie im Ständerat sank bei der FDP/LP
Besonders ausgeprägt war der Vormarsch der Frauen       auch die Zahl der Regierungsrätinnen (von 15 auf
im Ständerat: Die Frauen vergrösserten ihre Präsenz     7). Dass der Frauenanteil in den kantonalen Regie-

                                                                                    genderstudies #37 Herbst 2021   3
SCHWERPUNKT FRAUENSTIMMRECHT

       rungen insgesamt nicht kleiner wurde, war auf Stei-              an. In drei Kantonen steigerte er sich um mehr als
       gerungen der Frauenvertretung bei der SP (+4) und                zehn Prozentpunkte (BS, VS, NE); in Neuenburg
       den Grünen (+3) zurückzuführen.                                  war sogar erstmals eine Frauenmehrheit in einem
                                                                        Kantonsparlament zu verzeichnen. Auch in den
       Bei den Gesamterneuerungswahlen des Bundesrates                  Kantonsregierungen stieg die Frauenvertretung an
       vom Dezember 2007 wurde der bisherige SVP-Bun-                   (auf 27 Prozent). Mitte 2021 gab es in vier Kantons-
       desrat Christoph Blocher durch                                                      regierungen eine Frauenmehr-
       die Bündner SVP-Regierungs-                                                         heit (ZH, SO, TG, VD).
       rätin Eveline Widmer-Schlumpf "Eidgenössische Wahlen
       ersetzt. Als im September 2010                                                  Die Frauenvertretung vergrös-
       die Berner Ständerätin Simo-           2019: Der Frauenanteil serte sich jedoch nicht über-
       netta Sommaruga (SP) für den          erreichte im Nationalrat all. In zwei kantonalen Parla-
       zurückgetretenen Moritz Leuen-                                                  menten sank der Frauenanteil
       berger gewählt wurde, waren 42 Prozent und im Stän- um fünf Prozentpunkte (AG,
       die Frauen im Bundesrat erst-             derat 26 Prozent."                    SZ); im Schwyzer Kantonsparla-
       mals in der Mehrheit. Diese                                                     ment machen die Frauen gerade
       endete jedoch bereits im Dezem-                                                 noch neun Prozent aus. Nachdem
       ber 2011, als die Genfer Sozialdemokratin Micheline   2014 noch in jedem Kanton mindestens eine Frau in
       Calmy-Rey zurücktrat und an ihre Stelle der Frei-     der Exekutive vertreten war, gibt es zurzeit sieben
       burger Ständerat Alain Berset gewählt wurde. 2018     Kantonsregierungen ohne Frauen (LU, UR, AR, GR,
       schaffte es die FDP – erstmals seit dem Rücktritt     AG, TI, VS).
       von Elisabeth Kopp –, mit der St. Galler Ständerä-
       tin Karin Keller-Sutter wieder im Bundesrat vertre-   Die beträchtlichen Fortschritte der letzten Jahre
       ten zu sein.                                          dürfen also nicht dazu verleiten, über gewisse Rück-
                                                             schritte hinweg zu sehen. Letztere sollen vielmehr
       Die eidgenössischen Wahlen 2019: Phäno-               daran erinnern, dass Gleichstellung nicht ein für
       menale Steigerung                                     alle Mal hergestellt, sondern eine Daueraufgabe ist.
       Im Zuge des zweiten nationalen Frauenstreiks und
       der zivilgesellschaftlichen Aktivitäten von "Helvetia
       ruft!" stieg die Frauenvertretung bei den eidgenös-   Literatur
       sischen Wahlen 2019 um je rund zehn Prozentpunkte     Amlinger, Fabienne: Im Vorzimmer der Macht? Die Frauenorganisa-
       an: Der Frauenanteil erreichte im Nationalrat 42      tionen der SPS, FDP und CVP, 1971-1995, Zürich 2017.
       Prozent und im Ständerat 26 Prozent. Bei den Natio-
                                                             Bundesamt für Statistik (Hg.): Der lange Weg ins Parlament. Die
       nalratswahlen 2019 fand bei fast allen Parteien ein
                                                             Frauen bei den Nationalratswahlen von 1971 bis 1991, Bern 1994.
       Vormarsch der Frauen statt. Bei der SP und bei den
       Grünen überschritt der Frauenanteil die 60-Prozent-   Cowell-Meyers, Kimberly B.: "The Women's Movement Knocks on
       Marke. Bei den Grünliberalen erreichten die Frauen    the Door: Theorizing the Strategy, Context and Impact of Frauen
                                                             Macht Politik (FraP!) on Women's Representation in Swiss Politics",
       Parität. Eine beträchtliche Steigerung erfuhren die   in: Politics & Gender, 2020, H. 1, S. 48-77.
       Frauenanteile auch bei der FDP (auf 34,5 Prozent)
       und bei der SVP (auf 24,5 Prozent). Dagegen sank      Gysin, Nicole: Angst vor Frauenquoten? Die Geschichte der
       der Frauenanteil bei der CVP, zum ersten Mal seit     Quoteninitiative 1993-2000, Bern/Wettingen 2007.

       1999, unter dreissig Prozent.                         Seitz, Werner: Die Frauen bei den eidgenössischen Wahlen 2019:
                                                                        Ein grosser Schritt nach vorne – im Bundeshaus. Mit einem Exkurs
       Bei den Ständeratswahlen 2019 erreichte die Frau-                zu den Frauen bei den Wahlen in die kantonalen Parlamente und
                                                                        Regierungen 2015/2019. Im Auftrag der Eidg. Frauenkommission
       envertretung mit zwölf Ständerätinnen ihren bishe-
                                                                        für Frauenfragen EKF, Bern 2020.
       rigen Höchststand (26 Prozent). Dafür verantwort-
       lich waren die Frauen der CVP (+2 auf 4) und vor                 Seitz, Werner: Auf die Wartebank geschoben. Der Kampf um die
       allem der Grünen (+4).                                           politische Gleichstellung der Frauen in der Schweiz seit 1900, Zürich
                                                                        2020.

       Permanente Aufmerksamkeit ist nötig
       Der Vormarsch der Frauen in den politischen Insti-               *Dr. Werner Seitz ist Politologe. Er leitete über zwanzig Jahre lang
       tutionen setzte sich auch nach den eidgenössischen               im Bundesamt für Statistik die Sektion "Politik, Kultur, Medien"
                                                                        und ist heute in der Politikanalyse und Politikvermittlung tätig. 2020
       Wahlen in den kantonalen Parlamenten und Regie-
                                                                        erschien sein Buch "Auf die Wartebank geschoben. Der Kampf um
       rungen fort. Bis im Sommer 2021 wuchs der Frau-                  die politische Gleichstellung der Frauen in der Schweiz seit 1900".
       enanteil in den Kantonsparlamenten auf 32 Prozent                Eine Rezension dazu finden Sie auf Seite 32 dieser Zeitschrift.

4      genderstudies #37 Herbst 2021
Migration und Gleichberechtigung
Migration wird heute oft als Gefahr für die Gleichberechtigung der Geschlechter gesehen.
Ein Blick in die Schweizer Geschichte zeigt allerdings, dass Migration im Gegenteil viel dazu
beigetragen hat, die Verhältnisse in Arbeitswelt, Bildung und Politik zugunsten von Frauen
zu verändern. Der vorliegende Artikel wurde erstmals am 4. November 2018 auf
geschichtedergegenwart.ch veröffentlicht.

I Francesca Falk*

        Dass sich Migration nachteilig auf die Emanzipa-         terkinder, doch mit den "Ausländerkindern" wuchs
        tion der Frauen auswirke, ist kein neues Argument,       der Bedarf signifikant. Noch bevor sich die gesell-
        aber ein falsches. Es prägt die öffentlichen Debatten    schaftlichen Werte wandelten – die Fremdbetreu-
        seit den 1960er Jahren. In dieser Zeit wurden Italie-    ung von Kindern war damals in der Schweiz stark
        nerinnen und Italiener ähnlich wahrgenommen wie          stigmatisiert –, bestand also ein praktischer Zwang
        die muslimische Bevölkerung heute. Mit Unbehagen         für den Ausbau von Krippen, weil die 'ausländischen'
        blickte man damals auf die vergleichsweise höhere        Arbeiterfrauen in der Wirtschaft gebraucht wurden.
        Kinderzahl italienischer Familien und sprach von
        der drohenden "Italianisierung" der Schweizer Bevöl-     Mit den Auswirkungen der beiden Ölkrisen in den
        kerung. Auch erregte es Unmut, dass viele Italiener      1970er Jahren änderte sich die Situation. In diesen
        Bahnhöfe als Treffpunkte nutzten – denn sie standen      Rezessionsjahren mussten zahlreiche Migrantinnen
        im Ruf, Schweizerinnen zu belästigen. 1983 weigerte      und Migranten in ihre Heimatländer zurückkeh-
        sich eine Imbissstube in der Stadt Wil, italienische     ren. Die im Zuge der Nachkriegsmigration etablierte
        Gäste im vorderen Teil der Räumlichkeiten zu bedie-      Betreuungsstruktur wurde nun vermehrt von der
        nen – mit der Begründung, dass unbegleitete Frauen       Schweizer Mittelschicht genutzt und im Laufe
        es sonst nicht wagen würden, einzutreten.                der 1980er Jahre langsam breiter akzeptiert. Die
                                                                 Existenz von Kinderkrippen führte also, zusammen
        Vor diesem historischen Hintergrund ist es wenig         mit anderen Einflüssen wie etwa der neuen Frauen-
        erstaunlich, dass die Nachkriegsmigration in der         bewegung, dazu, dass es im Laufe der Zeit zu einer
        wissenschaftlichen Literatur lange als "einseitige       Normalisierung ausserhäuslicher Kinderbetreuung
        Emanzipationsgeschichte" erzählt wurde: Italie-          kam. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass
        nische Frauen hätten demnach erst in der "moder-         veränderte Lebensstile, auch unfreiwillig prakti-
        neren" Schweiz ihre Freiheit entdeckt. Dabei ging        zierte, zum Ausbau von Infrastrukturen beitragen
        und geht vergessen, dass Frauen in Italien in vielen     und sich Dynamiken entfalteten können, die langfri-
        Bereichen bessergestellt waren als in der Schweiz.       stig eine Veränderung der gesamtgesellschaftlichen
        Das Frauenstimmrecht galt dort seit Ende des Zwei-       Situation bewirken.
        ten Weltkriegs und auch die Geschlechtergleichheit
        wurde viel früher in der Verfassung verankert. Die       Zugang zur Hochschulbildung und poli-
        Italienerinnen trafen also in der Schweiz in vielerlei   tische Partizipation
        Hinsichten auf eine rückständige Situation.              Die Schweiz hat als eines der ersten Länder Euro-
                                                                 pas Frauen den Zugang zu Universitäten gewährt.
        Ausbau der Kinderkrippeninfrastruktur                    Es waren allerdings Studentinnen aus Russland, die
        In Sachen Gleichstellung war und ist die Schweiz         sich in der Schweiz den Zugang zur höheren Bildung
        in vielerlei Hinsicht eine Nachzüglerin, wobei in        erkämpften. An der Universität Zürich waren es
        der wissenschaftlichen Literatur allgemein ange-         zudem vor allem geflüchtete deutsche Professoren,
        nommen wird, dass die "Gastarbeit" die traditi-          die sich für das Frauenstudium stark machten. Auch
        onellen Geschlechterrollen und ein bürgerliches          wenn es zu diesen Vorgängen inzwischen exzellente
        Familienmodell noch verstärkt habe. Doch auch            Studien gibt, ist dieses Wissen nur partiell in die
        diese Geschichte lässt sich anders erzählen, denn        deutungsmächtigen Überblickswerke eingeflossen.
        der Anteil der Ausländerinnen an der weiblichen
        Erwerbsarbeit belief sich zwischen 1950 und 1960         Die frühen Akademikerinnen standen oft an der
        auf drei Viertel. In den so genannten "Boom-Jah-         Spitze des feministischen Denkens, einige der ersten
        ren" stellte sich die Frage nach der Vereinbarkeit       Studentinnen wurden später Schlüsselfiguren im
        von Beruf und Familie also gerade in migrantischen       Kampf um politische Partizipation. Dass viele Frau-
        Familien.                                                enstimmrechtspionierinnen Migrationserfahrung
                                                                 aufweisen, wurde bisher nicht systematisch reflek-
        Eine direkte Folge des hier virulenten Vereinbar-        tiert und ist nicht Teil unseres Geschichtsbildes
        keitsproblems war, dass ausserhäusliche Betreu-          geworden. Die federführende Beteiligung von Frauen
        ungsstrukturen für Kinder ausgebaut wurden. Zwar         mit verschiedenen Arten der Migrationserfahrung
        öffneten bereits im 19. Jahrhundert Krippen für Arbei-   am Kampf für das Frauenstimmrecht kann anhand

                                                                                           genderstudies #37 Herbst 2021   5
SCHWERPUNKT FRAUENSTIMMRECHT

       mehrerer Ikonen der Schweizer Frauenstimmrechts-                 tik betrifft weit mehr Menschen als diejenigen, die
       bewegung aufgezeigt werden.                                      gemeinhin als "Migrierte" gelten.

       Stellvertretend für andere soll das Beispiel von Otti- Wie die Vergangenheit erzählt und die
       lia Paky-Sutter genannt werden, die in Appenzell       Zukunft vorgestellt wird
       Innerrhoden lebte, in jenem Kanton also, der als letz- Geschichte, die aus der Migrationsperspektive
       ter im Jahr 1990 und erst auf Druck des Bundesge-      erzählt wird, kann das Selbstverständnis eines
       richts das Frauenstimmrecht einführte. 1978 grün-      Landes wie der Schweiz verändern. Dabei geht es
       dete Ottilia Paky-Sutter eine Frauengruppe mit dem     nicht einfach um das Hinzufügen einer Migrationsge-
       Ziel, das Frauenstimmrecht in Appenzell Inner-         schichte zur so genannten "allgemeinen Geschichte".
       rhoden einzuführen. Paky-Sutter gehörte zu einer       Migration ist nicht nur in den Blick zu rücken, wenn
       der bekanntesten Familien in Appenzell, denn sie       explizit "Migration" darauf steht. Wir brauchen nicht
       besass ein Gasthaus, in dem                                                          in erster Linie eine Migra-
       sich die lokale Intelligenzija                                                       tionsgeschichte, die sich in
       traf. An der Landesausstellung                                                       Beiträgen findet, die dieses
       1939 in Zürich traten die noch       "Migrationspolitik betrifft Thema spezifisch adressieren,
       unverheiratete Ottilia Sutter         weit mehr Menschen als                         vielmehr brauchen wir eine
       und ihre Schwester mit dem                                                           Migrantisierung der gesamten
       Festspiel "Me sönd halt Appe-        diejenigen, die gemeinhin Geschichtsschreibung.
       zöller" auf. Als auch noch ein         als 'Migrierte' gelten."
       Heimatfilm ("I han en Schatz                                                         Den Zusammenhang zwischen
       gha", 1941) folgte, verkörper-                                                       Migration und der Geschichte
       ten die jodelnden Schwestern                                                         der Gleichberechtigung in
       für ein breites Publikum "lokale Traditionen". Nur     der Schweiz zu untersuchen, heisst nicht, Migra-
       wenige Jahre später änderte sich die Situation für     tion zu glorifizieren oder behaupten zu wollen, dass
       Ottilia Paky-Sutter allerdings drastisch, denn sie     Migration nie ein Hindernis für "Emanzipation" sein
       verlor 1947, nach ihrer Heirat mit einem Österreicher, kann. Migration per se ist weder gut noch schlecht.
       die Schweizer Staatsbürgerschaft. Laut Aussagen        Aber die Bedingungen, unter denen sie stattfin-
       ihrer Tochter war dies der entscheidende Faktor für    det, können eher gut oder eher schlecht sein. Diese
       das politische Engagement der Mutter – zumal für       Bedingungen sind nicht einfach gegeben, sondern
       Ottilia Paky-Sutter diese Veränderung auch einen       sie werden gemacht, gestaltet. Die Art der Gestal-
       sozialen Abstieg nach sich zog. Ihre ganze Fami-       tung wiederum hängt auch davon ab, wie wir die
       lie musste wiedereingebürgert werden, eine sowohl      vergangene und die gegenwärtige Migration wahr-
       erniedrigende als auch kostspielige Prozedur. Es war   nehmen, ob wir zum Beispiel auch sehen, welchen
       mit anderen Worten diese "indirekte" Migrationser-     Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung sie
       fahrung, die ihr politisches Engagement entfachte.     leistete und leistet. Gerade deshalb ist es wichtig,
                                                              diesen oft vergessenen Zusammenhang von Migra-
       Das Beispiel Ottilia Paky-Sutter zeigt, dass es        tion und Emanzipation zu beleuchten.
       produktiv sein kann, auch solche indirekten Migrati-
       onserfahrungen und ihre Auswirkungen in die histo-
       rische Analyse einzubeziehen. Heute werden in der
       Schweiz weniger als die Hälfte der Ehen zwischen       *Dr. Francesca Falk ist Dozentin für Migrationsgeschichte an der
                                                              Universität Bern. Ihre Schwerpunkte umfassen u.a. Machtverhält-
       Schweizer Bürgerinnen und Bürgern geschlossen.
                                                              nisse und ihre Kritik, Geschlechtergeschichte, Migration, Protest,
       Auch daher ist es wichtig, die Implikationen der       Kolonialismus und seine Nachwirkungen sowie Public, Visual und
       Migration umfassender zu denken. Migrationspoli-       Oral History.

6      genderstudies #37 Herbst 2021
Jetzt ist alles gut! Oder?
2021 jährt sich die Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts in der Schweiz zum fünfzigsten Mal.
Anhand von vier Ausstellungen fragen wir uns, wie daran erinnert wird. Ist das Jubiläum ein Grund zum
Feiern? Wie steht es um unsere Demokratie? Und: Ist jetzt alles gut?

I Meret Aebi*, Nadin Bissig**, Lena Frey*** und Shabon Jones****

        Bis 1971 durfte über die Hälfte der Schweizer Bevöl-     Der zeitliche Bogen wird von der Aufklärung bis
        kerung weder abstimmen noch wählen. Aus heutiger         zur Gegenwart gespannt. Unterstrichen durch zahl-
        Sicht erscheint das unverständlich. Eine Ungerech-       reiche Ausstellungsgegenstände wie Original-
        tigkeit. Doch bis zum schweizweiten Stimm- und           texte, Mobiliar oder Modestücke beleuchten die
        -wahlrecht für Frauen im Jahr 1971 war dies die          Kurator*innen die zivilrechtliche, soziale und wirt-
        Realität für Frauen in der Schweiz. Heute, im Jahr       schaftliche Stellung von Frauen. Neben dem Fokus
        2021, jährt sich das Frauenstimm- und -wahlrecht         auf die Internationalität der Forderung nach poli-
        zum fünfzigsten Mal. Des Jahrestages erinnern sich       tischen Rechten der Frauen zeichnet die Ausstel-
        verschiedene Veranstalter*innen und Museen. Jubi-        lung den Blick von Philosophen, Intellektuellen und
        läen sind Teil der Erinnerungskultur und -politik. Sie   Medizinern verschiedener Epochen auf Frauen nach.
        bieten einer Gesellschaft und deren Individuen Gele-     So galten Frauen als Anomalität im Vergleich zu
        genheit, zentrale Momente und Ereignisse der eige-       Männern. Zahlreiche wissenschaftliche Traktate
        nen Geschichte zu reflektieren und zu formen.1 Wie       wie "Geschlecht und Charakter" oder "Über den
        und woran wird heuer im Kontext des Frauenstimm-         physiologischen Schwachsinn des Weibes" sorgen
        rechts erinnert?                                         heutzutage für Kopfschütteln. Kurzum: Es gibt viel
                                                                 zu lesen, hören und bestaunen in dieser multimedi-
        Auf der Webseite des Vereins CH20212 finden sich         alen Ausstellung.
        zahlreiche Anlässe zu diesem Thema: Darunter etwa
        Ausstellungen wie "Neue PERSPEKTIVEN: Frauen             Am Ende des Rundgangs steht die Chaiselongue
        in Zermatt – gestern und heute" (Zermatt), "Lau-         von Pipilotti Rist, die sonst im Lichthof der Universi-
        sanne à pied – Et enfin les femmes votent" (Lau-         tät Zürich zu finden ist. Sie lädt dazu ein, das Gese-
        sanne), "Frauen. Die bunte Welt der Plakate von 1920-    hene und Gehörte setzen zu lassen. Nachzudenken
        1971" (Arbon), "Weibchen, Männchen, was soll's"          – auch darüber, was nicht gezeigt wurde. Mit dem
        (Luzern) und etliche andere. Im Rahmen dieses            Blick bewusst in die Vergangenheit gerichtet, wird
        Kulturangebots haben wir vier Veranstaltungen            die Frage, ob jetzt denn alles gut sei, nur vage und
        besucht, welche wir nun vorstellen.                      zurückhaltend thematisiert. Eben deshalb verpasst
                                                                 die Ausstellung die Chance, Farbe zu bekennen.
        Brechstange in Blumenform: Destination                   Was sind die Baustellen der heutigen Gesellschaft?
        Landesmuseum Zürich                                      Wie steht es um Inklusion? Hierbei wird es den Besu-
        "Frauen.Rechte" will aufzeigen, in welchen Bereichen     cher*innen selbst überlassen, ob sie darüber nach-
        Frauen aufgrund ihres Geschlechts weniger Rechte         denken wollen oder nicht.
        besassen als Männer. Bereits die vielen Stufen, die
        vor dem Ausstellungsbesuch im Landesmuseum               Im Bundeshaus: Destination Bernisches
        erklommen werden müssen, stehen sinnbildlich für         Historisches Museum
        den beschwerlichen Weg Richtung Gleichstellung.          Frauen gehören ins Bundeshaus. Heute mag dies
        Ist die letzte Stufe geschafft, gilt es erstmal kurz     selbstverständlich sein, bis 1971 war das jedoch
        zu verschnaufen. Doch lange durchatmen können            unvorstellbar. Die Ausstellung des Bernischen Histo-
        die Besucher*innen nicht. Mit dem krachenden             rischen Museums berichtet über die Geschichte
        Einstieg "Ever is Over All" der Künstlerin Pipilotti     der Frauen im Bundeshaus nach 1971. Wie erging
        Rist und lautstark zerberstenden Autoscheiben,           es diesen im Bundeshaus? Der Schwerpunkt
        die eine junge Frau in wallendem Kleid mit einer         liegt auf den Erinnerungen und Erfahrungen von
        Brechstange in Blumenform zertrümmert, setzt die         zwölf interviewten Politikerinnen, darunter auch
        Ausstellung den Akzent auf den jahrhundertelangen        frühe Parlamentarierinnen und die ersten beiden
        Kampf von Frauen um ihre Rechte.                         Bundesrätinnen. Die Videostationen zeichnen die
                                                                 unterschiedlichen Eindrücke von Bundespolitike-

                                                                                             genderstudies #37 Herbst 2021   7
SCHWERPUNKT FRAUENSTIMMRECHT

                                                                   Drei rote Blitze: Destination Strauhof Zürich
                                                                   "Iris von Rotens 'Frauen im Laufgitter' (1958) ist ein
                                                                   ungeheures Werk – witzig und wütend zugleich,
                                                                   unschweizerisch polemisch und dabei äusserst
                                                                   gründlich recherchiert. In vielen Thesen bleibt
                                                                   es hochaktuell."3 So umreisst die Homepage vom
       rinnen während der vergangenen 50 Jahre genauso             Museum Strauhof in Zürich die Ausstellung "Iris von
       nach wie die Siege und Niederlagen, die in dieser           Roten – Frauen im Laufgitter". Sie folgt der Entste-
       Zeit bezüglich Gleichstellung zu verzeichnen waren.         hung des Werks und den Reaktionen darauf in der
       Zu Beginn hängen zwei Plakate mit demselben                 Schweizer Presse chronologisch, befasst sich jedoch
       Inhalt: Frauen können keine Politik betreiben! So ist       auch mit der Frage nach dem Ausgangspunkt – also
       auf dem einen eine ältere, magere Frau mit Gesichts-        der Situation der Frauen in den 1950er Jahren – dem
       behaarung abgebildet mit der Inschrift "Wollt Ihr           Inhalt und der Wirkung des Werks.
       solche Frauen? NEIN zum Frauenstimmrecht". Auf
       dem zweiten sind eine Frau und ein ängstliches Kind         Beim Betreten der Ausstellung fällt der Blick auf eine
       zu sehen, die von Händen, welche für verschiedene           riesige rote Spinne, deren Beine wie Blitze von ihrem
       Parteien stehen, gepackt werden. Die Botschaft: "Si         Mittelpunkt weggehen. Dort – im Mittelpunkt – liegt
       vous ne voulez pas ça! Votez NON contre le suffrage         das Originalmanuskript. Die Blitze erinnern daran,
       féminin." Die Ausstellung geht nicht weiter auf diese       was für eine Wirkung dieses Buch hatte. Im selben
       Plakate ein, denn zu offensichtlich erscheint heute,        Raum machen an Wänden hängende Texte und
       dass Frauen durch Politik weder zu männerähn-               Comics den Besuchenden die Inhalte und die Aktu-
       lichen Gestalten werden noch schadet ihre poli-             alität des Werks zugänglich. Die Ausstellung arbei-
       tische Teilnahme Familien und der Gesellschaft.             tet auch mit Bildern und Videoinstallationen, welche
       Ein anderes Klischee versteckt sich in Gestalt von          ganz allgemein die Frauen und deren Situation in
       farbigen Blumenbouquets, die einzeln während der            den 1950er Jahren inszenieren. Spezifischer wird es
       Ausstellung auftauchen. Den Frauen wurden nicht             beispielsweise durch einen ausgestellten Zeitungs-
       nur immer Blumen geschenkt, sie wurden auch als             ausschnitt, der über den Vorfall von 1955 berichtet,
       zarte Blumen gesehen und als solche behandelt.              als Iris von Roten von der Polizei aufgegriffen wurde
                                                                   – einfach, weil sie als Frau nachts alleine unterwegs
       "Es bleibt viel zu tun, bis das Versprechen der Demo-       war.
       kratie vollständig eingelöst ist", erklärt eine der Poli-
       tikerinnen. Den Besucher*innen wird hier in Erin-           Die Ausstellung bleibt jedoch nicht beim Werk und
       nerung gerufen, dass wir nicht nur für Frauenrechte         der Person von Rotens stehen, sondern wirft auch
       kämpfen, sondern überhaupt durch sie – zumindest            einen Blick auf Frauen vor und nach ihr, die ihre
       was Geschlechter betrifft – zu einer eigentlichen           Rechte und Freiheit eingefordert haben. Einer der
       Demokratie werden. Es könnte gesagt werden, die             Räume trägt an der Wand grosse, rote Buchstaben,
       Ausstellung rüste uns mit Mut und Willensstärke             die verkünden: "No wonder feminism causes fear;
       aus, dem Kampf beizutreten und unseren Anteil zu            together, we are dangerous". Hier sind insgesamt 13
       leisten.                                                    Frauen vor und nach Iris von Roten porträtiert, unter

8      genderstudies #37 Herbst 2021
anderem Audre Lorde, Eve-Claudine Lorétan "Coco"
oder Sara Ahmed. Iris von Roten wird somit in eine
Linie von Vor- und Nachkämpferinnen und Denke-
rinnen gesetzt. Der Raum erinnert uns daran, eben-
falls immer weiter zu kämpfen.

"Mal möchte sie [die*der Leser*in] diese Schreiberin   Unter den Frauen befinden sich Hebammen, Kloster-
schütteln, die Frauen und Männer immer nur durch       frauen, Wirtinnen, Botschafterinnen und Prostitu-
eine Linse sehen will, und gleich darauf verzweifelt   ierte, die alle eine Geschichte zu erzählen haben.
sie an ihrer Heimat, die sich mit solchen Zuständen    Diese Vielfalt ist dank der Zusammenarbeit von
so lange abfand. Sind manche der Einsichten veral-     Historiker*innen, Soziolog*innen, Naturwissen-
tet? Ganz bestimmt. Sind andere bestürzend aktu-       schaftler*innen sowie Lehrpersonen aus verschie-
ell? Allerdings".4 Die Ausstellung zeigt anhand des    denen Kantonen zustande gekommen. Die Portraits
Werkes "Frauen im Laufgitter", wenn auch indirekt,     zeigen jeweils sehr subjektive und persönliche
wie gewisse Aspekte überholt, andere jedoch immer      Ansichten und verweisen auf die Wichtigkeit der
noch hochaktuell sind. Unsere Aufmerksamkeit wird      Frau in der Schweizer Gesellschaft. So sagt etwa
darauf gerichtet, dass es Frauen wie Iris von Roten    eine der portraitierten Frauen, Elisabeth Pletscher:
braucht, die am Status quo rütteln und uns noch        "Ohne Männer geht viel, ohne Frauen gar nichts".5
heute zum Nachdenken anregen.
                                                       Einige Portraits zeigen den Kampf um die Gleich-
Eine Widmung: Destination Stadt Bern                   stellung der Frauen und um die Chancengleichheit
Anders als traditionelle Ausstellungen in Museen       in der Politik, der Bildung oder in der Gesellschaft
bietet "Hommage 2021" in der Berner Altstadt           allgemein. Dieser Kampf zieht sich durch die ganzen
freien Zugang. Mit QR-Codes können Interessierte       100 Jahre und macht ersichtlich, dass der Weg zur
52 Portraits von Frauen betrachten, welche in den      Gleichstellung der Geschlechter noch ein weiter ist.
verschiedensten Bereichen Besonderes geleistet
haben. Die Pionierinnen werden mit einer Panora-       Und jetzt?
ma-Projektion auf dem Bundesplatz geehrt und sind      In diversen öffentlichen Veranstaltungen wurde das
zudem auf einer eigens aufgeschalteten Plattform zu    50-jährige Jubiläum zum Frauenstimm- und -wahl-
finden. Ziel von "Hommage 2021" ist es, einem brei-    recht gefeiert. Endlich Demokratie! Doch ist dieser
ten Publikum Frauen zu zeigen, die sich während        Anlass wirklich Grund zum Feiern? Provokant stellt
100 Jahren für die Selbständigkeit und Unabhängig-     die Ausstellung "Frauen ins Bundeshaus" die Frage
keit des eigenen Geschlechts in den verschiedensten    "Ist jetzt alles gut?".
Gebieten eingesetzt und Neues erreicht haben.
Bei der Auswahl der Portraits wurde versucht, alle     Was meinen Sie, liebe*r Leser*in? Der Jahrestag
vier Sprachregionen der Schweiz sowie städtische       könnte als Anstoss betrachtet werden, unser eige-
und ländliche Regionen miteinzubeziehen. Auch in       nes Demokratieverständnis zu hinterfragen. Obwohl
den Berufen, in welchen sich die Frauen bewegten,      nun die rechtliche Gleichstellung von Männern und
wurde eine möglichst grosse Vielfalt angestrebt.       Frauen in der Bundesverfassung verankert ist, sollte

                                                                                 genderstudies #37 Herbst 2021   9
SCHWERPUNKT FRAUENSTIMMRECHT

       überlegt werden, ob diese postulierte Gleichstellung
       auch tatsächlich umgesetzt ist und für wen. Die offi-
       zielle Schweiz nennt sich gerne "die älteste Demo-
       kratie der Welt". Endlich Demokratie für alle? Ist jetzt
       wirklich alles gut? Sind jetzt alle gleichgestellt? Wir
       müssen uns bewusst sein, dass die Gleichstellung
       und die Rechte zum Beispiel für LGBTQ+-Menschen
       noch lange nicht erreicht sind. Auch heute werden
       spezifische Bevölkerungsgruppen aus der Demokra-
       tie ausgeschlossen.

       Allein die vielschichtige Auseinandersetzung mit
       Frauenrechten, unter anderem dem Frauenstimm-
       und -wahlrecht, ist ein Indiz, dass die Schweiz
       erst am Anfang der Aufarbeitung der Frauen- und
       Geschlechtergeschichte des eigenen Landes steht.
       Es sind noch viele Schritte zu machen, Etappen in
       Richtung Gleichstellung und Gleichberechtigung.
       Lasst uns dranbleiben. Lasst uns fragen. Lasst uns
       hinterfragen. Der Jahrestag lädt zur Diskussion ein.

                                                                  1
                                                                   Vgl. Müller, Winfried: Das historische Jubiläum. Zur Geschichtlich-
                                                                  keit einer Zeitkonstruktion, in: Müller, Winfried et al. (Hg.): Das
                                                                  historische Jubiläum. Genese, Ordnungsleistung und Inszenierungs-
                                                                  geschichte eines institutionellen Mechanismus, Münster 2004, S.
                                                                  1-75, hier: S. 2-3.
                                                                  2
                                                                   Vgl. www.ch2021.ch, abgerufen am 17.07.2021.
                                                                  3
                                                                   Museum Strauhof: http://strauhof.ch/ausstellungen/frauen-im-lauf-
                                                                  gitter, abgerufen am 17.07.2021.
                                                                  4
                                                                   Mass & Fieber: https://massundfieber.ch/arbeiten/frauen-im-laufgit-
                                                                  ter, abgerufen am 17.07.2021.
                                                                  5
                                                                   Elisabeth Pletscher zit. nach https://hommage2021.ch/portrait/elisa-
                                                                  beth-pletscher, abgerufen am 17.07.2021.

                                                                  *Meret Aebi, B.A., studiert im Master Geschichte, Gender Studies
                                                                  und Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bern.
                                                                  **Nadin Bissig studiert im Bachelor Geschichte an der Universität
                                                                  Bern.
                                                                  ***Lena Frey studiert im Bachelor Geschichte und Politikwissen-
                                                                  schaften an der Universität Bern.
                                                                  ****Shabon Jones studiert im Bachelor Geschichte und Englisch
                                                                  an der Universität Bern.

10     genderstudies #37 Herbst 2021
"Der Kampf für das Frauenstimmrecht war lang
und hart. In den letzten 50 Jahren wurde viel
erreicht. Aber der Kampf ist nicht zu Ende."
Vor 50 Jahren wurde das Frauenstimmrecht in der Schweiz eingeführt. Dr. Fabienne Amlinger
hat sich in ihrer Forschung intensiv mit der politischen Partizipation von Frauen nach 1971
beschäftigt. Anlässlich des 50. Jahrestags hat sie die Ausstellung "Frauen ins Bundeshaus!"
im Bernischen Historischen Museum kuratiert, welche die Geschichte des langen Kampfs
um die demokratische Mitbestimmung von Frauen einer breiten Öffentlichkeit erzählt.

I Pascal Kohler* und Vera Zürcher**

        Fabienne, du hast dich in deiner Dissertation            auch auf, dass viele Auseinandersetzungen kritisch
        mit den Frauenorganisationen der SPS, FDP und            waren. Zwar schreiben viele von einem Jubiläum
        CVP zwischen 1971 und 1995 auseinanderge-                und einer Feier, was ich in diesem Zusammen-
        setzt. Wie kamst du zu diesem Thema?                     hang als eine falsche Terminologie erachte. Nichts-
                                                                 destotrotz stellen sich viele die Frage, weshalb es
        Die plumpe Antwort: Aus purer Neugier. Ich weiss         so lange gedauert habe. Die späte Einführung wird
        noch, wie ich eines Abends daran dachte, dass das        nun als dunkles Kapitel in der Schweizer Geschichte
        Frauenstimmrecht in der Schweiz erst 1971 einge-         verhandelt und als Unrecht benannt. Das war lange
        führt wurde. Ich fragte mich, wie die Parteien auf       Zeit nicht der Fall. Viele junge Menschen hören
        die Einführung reagierten. Am nächsten Tag wollte        diese Geschichte zum ersten Mal, das ist höchste
        ich in der Bibliothek ein Buch zum Thema ausleihen.      Zeit.
        Doch es gab überhaupt keine Forschung dazu. Da
        wusste ich: Ich muss dieses Buch selber schreiben.       Wie erklärst du dir, dass die Resonanz so viel
                                                                 grösser ist als beim 40. Jahrestag?
        Mit der Einführung des Frauenstimmrechts
        wurde die stimmberechtigte Bevölkerung über              Dafür gibt es verschiedene Gründe. Mit runden
        Nacht verdoppelt. Welche Themen brachten die             Jahrestagen wie 100 oder 50 zieht man mehr
        neugewählten Politikerinnen in die institutio-           Menschen an als mit 40. Aber in diesen zehn
        nelle Politik?                                           Jahren ist auch viel passiert. Vom #aufschrei zu den
                                                                 Women's Marches als Reaktion auf Trumps Wahl.
        Nicht nur, aber vor allem sogenannte Frauenthe-          Von #metoo zur Kampagne "Helvetia ruft" von Alli-
        men. Selbstverständlich sind das gesamtgesell-           ance F. Der Feminismus ist viel sichtbarer gewor-
        schaftliche Themen, aber die Parteien schoben            den. Gekoppelt an den runden Jahrestag hat dies
        Themen wie Gleichstellung, Familie oder Soziales         die Resonanz ausgemacht.
        den Frauen zu. So erkämpften die Frauen beispiels-
        weise die Mutterschaftsversicherung und die Fris-        Du sprichst die Sichtbarkeit des Feminismus
        tenregelung beim Schwangerschaftsabbruch. Ihnen          an. Ausgegangen von einem intersektionalen
        ist zu verdanken, dass die Betreuung für Kinder          Feminismus wird ersichtlich, dass die Debat-
        bei der AHV-Rente angerechnet wird. Viele ökolo-         ten um das Frauenstimm- und -wahlrecht oft
        gische Themen oder solche, die bislang als private       von einem binären Geschlechterverständnis
        Anliegen galten, gingen ebenfalls von Frauen aus.        geprägt sind. Wie sieht es aus mit nicht-binären
        Zuvor postulierte bereits die Neue Frauenbewegung        Menschen in der institutionellen Politik?
        solche Themen als politisch. Ab 1971 wurden diese
        auch tatsächlich in die institutionelle Politik aufge-   Einen minimen, öffentlichen Diskurs über nicht-bi-
        nommen.                                                  näre Menschen gibt es in der Schweiz erst seit
                                                                 wenigen Jahren. Das war überhaupt kein Thema
        Das lang erkämpfte Frauenstimmrecht wurde                in den Jahrzehnten, die ich in meiner Forschung
        in diesem Jahr intensiv und prominent bespro-            untersucht habe. Strukturell betrachtet, ist unsere
        chen. Was ist dir an diesen Debatten aufgefal-           Gesellschaft binär. Da muss man sich nichts vorma-
        len?                                                     chen. Dies widerspiegelt sich folglich auch in der
                                                                 Politik. Dazu kommt, dass sich in den Parlamen-
        Genau dass es so intensiv und prominent bespro-          ten und Regierungen die wenigsten Menschen als
        chen wurde. Ich bin positiv überrascht von der gros-     nicht-binär bezeichnen. Hingegen wurde beispiels-
        sen Resonanz. Das ist nicht selbstverständlich. Zum      weise gerade eben eine nicht-binäre Person in die
        40. Jahrestag gab es diese Resonanz nicht. Mir fällt     Frauen*session im Bundeshaus gewählt, was ein

                                                                                           genderstudies #37 Herbst 2021   11
SCHWERPUNKT FRAUENSTIMMRECHT

                                                               Wer ist heute noch von der institutionellen Poli-
                                                               tik ausgeschlossen?

                                                               Ausgesch lossen sind auf Bundesebene a l le
                                                               Personen ohne Schweizer Pass, alle Personen, die
                                                               unter einer umfassenden Beistandschaft stehen
                                                               und alle Minderjährigen. Viele Auseinanderset-
                                                               zungen zum Stimmrecht verfolgen die Kontinuitäts-
                                                               these. Demnach hätten bei der Konstituierung des
       wichtiges Zeichen setzt. Ausserdem laufen zum           Bundesstaates 1848 einige Männer das Stimmrecht
       Beispiel auch in der SP entsprechende Auseinan-         erhalten, anschliessend habe sich dieses auf alle
       dersetzungen. Die SP Frauen haben sich vor einigen      Männer ausgeweitet, bevor 1971 die Frauen inklu-
       Jahren zu SP Frauen* umbenannt.                         diert wurden und irgendwann würden auch jene
                                                               Menschen in diesem Land ohne Schweizer Pass die
       2019 wurde bei den eidgenössischen Wahlen               politischen Rechte erhalten. Diese These ist proble-
       der höchste Frauenanteil im Bundesparlament             matisch, weil sie die unterschiedlichen Partizipati-
       erreicht. Wie erklärst du dir dies?                     onsbestrebungen dekontextualisiert, entpolitisiert
                                                               und enthistorisiert. Zudem muss die Frage aufge-
       Ich kann es nur erklären, analysiert habe ich es        griffen werden, was eine Inklusion ins politische
       nicht. Die Erklärung liegt aber auf der Hand. Das       Feld bedeutet, wenn dessen Regeln, die teilweise
       Bewusstsein für geschlechtsspezifische Diskrimi-        bis heute gelten, ursprünglich von Männern gesetzt
       nierung und für die Untervertretung von Frauen in       wurden.
       verschiedenen Bereichen hat zugenommen, was
       zu einer erhöhten Mobilisierung führte. Der Frau-       Du hast mit Claudia Amsler und Nora Tren-
       en*streik als riesiges feministisches Massenmo-         kel die Ausstellung "Frauen ins Bundeshaus!"
       bilisierungsereignis hatte einen grossen Einfluss.      im Bernischen Historischen Museum kuratiert.
       Dieser fand nur wenige Monate vor den Wahlen            Was war eure Vision?
       statt und hat viele Menschen sensibilisiert und
       politisiert. Die Kampagne "Helvetia ruft" ermögli-      Unsere Hauptmessage war: Der Kampf für das
       chte zudem eine niederschwellige Auseinanderset-        Frauenstimmrecht war lang und hart. In den letz-
       zung mit den Wahlen und motivierte Frauen zu einer      ten 50 Jahren wurde viel erreicht. Aber der Kampf
       Kandidatur.                                             ist nicht zu Ende. Unser Ziel war es, dass das für
                                                               die Besuchenden spürbar wird und bei ihnen eine
       Wenn wir uns die Zusammensetzung des                    emotionale Reaktion auslöst. Gerade für junge
       Bundesrats historisch anschauen, fällt auf,             Menschen liegt 1971 weit weg. Wir interviewten
       dass 2010 mehr Frauen als Männer in diesem              zwölf Politikerinnen. Aus den Gesprächen entstan-
       Gremium einsassen. Im Stände- und National-             den kurze Videoclips, die deren Erfahrungen und
       rat sind wir aber weit entfernt von einer Gleich-       Erinnerungen in O-Ton wiedergeben. Die Ausstel-
       oder Mehrheit. Woran liegt das?                         lung widmet sich diesen Politikerinnen und erzählt
                                                               darüber hinaus ein Kapitel Schweizer Geschichte.
       Die Frauenmehrheit im Bundesrat war nur von
       kurzer Dauer. Im Bundesrat ist eine Frauenmehrheit      In der Ausstellung ist uns das Thema Blumen
       zudem auch einfacher zu erreichen, da es viel weni-     aufgefallen. Seit Beginn an werden Frauen von
       ger Sitze gibt als im National- und Ständerat. Weiter   Blumen begleitet oder gar mit ihnen verglichen.
       ist der Ständerat die konservativere Kammer. Jede       Wie interpretierst du, dass selbst heute noch
       Studie zeigt, dass die Frauen bei Ständeratswahlen      Frauen einen Blumenstrauss erhalten, wenn
       schlecht abschneiden, was unter anderem mit dem         sie ins Parlament gewählt werden, wohingegen
       Wahlverfahren zu tun hat.                               Männer in dieser Hinsicht leer ausgehen?

12     genderstudies #37 Herbst 2021
Ja, das ist wirklich auffällig. Auf das Thema Blumen
kam ich, weil ich ihnen immer wieder in den Quel-
len begegnete. Sei es, dass Frauen mit Blumen ver-
glichen wurden oder aber dass sie oft von Blumen
umgeben waren. In Bezug auf die Frauen haben
Blumen eine ambivalente Symbolik. Einerseits wird
mit ihnen Frisches, Schönes, Farbenfrohes und
Lebendiges assoziiert. Andererseits sind Blumen
niedlich und sie dienen der Dekoration. Gerade in
Bezug auf Frauen ist das problematisch, stellt es      einen grösseren Spielraum. Politikerinnen bestä-
doch etwas Verniedlichendes dar, reduzierend auf       tigten mir, dass diese mit ungewaschenen, zer-
Schönheit und als etwas Beschmückendes. Das            zausten Haaren und fleckigen Kleider auftreten
hängt stark mit den bürgerlichen Vorstellungen         können, ohne dass jemand etwas sagt.
von Geschlechtscharakteren zusammen, wonach
Frauen Attribute wie lieblich, hübsch, sanft zuge-     Im Gäst:innenbuch am Ausgang hat ein:e Besu-
sprochen werden. Blumen unterstreichen dieses          cher:in folgende Frage hinterlassen: "Woher
Bild. Mittlerweile erhalten übrigens auch Politiker    kommt all das? Wieso muss überhaupt ein Teil
Blumensträusse.                                        (so gross) der Gesellschaft für ein so banales
                                                       Recht kämpfen?" Was ist deine Antwort als
Hanna Sahlfeld – eine der ersten Nationalrä-           Historikerin auf diese Frage?
tinnen – erzählt in der Ausstellung von den
Regeln, die sie sich als Politikerin auferlegte.       Wenn ich die Antwort auf diese Frage endlich hätte...
Sie trank keinen Alkohol, liess sich nicht alleine     Sie zielt letztlich auf jene nach dem Patriarchat und
mit einem Mann blicken und schwieg im ersten           wo dessen Ursprung liegt, und das weiss ich bis
Jahr ihrer Amtsdauer mehrheitlich. Welche              heute nicht abschliessend. Es gibt zwar verschie-
ungeschriebenen Regeln gelten heute für Parla-         dene Erklärungsansätze, etwa aus der Psychoana-
mentarierinnen?                                        lyse, der Sozialanthropologie oder aus dem Marxis-
                                                       mus. Aber meines Erachtens liefert keiner davon
Das Erscheinungsbild ist immer noch ein grosses        eine abschliessende und überzeugende Antwort.
Thema. Wenn ich mit Politikerinnen spreche, taucht     Die Frage, weshalb es mit dem Frauenstimmrecht
meistens rasch das Thema des Aussehens auf. Das        in der Schweiz so lange dauerte, hat mit dem poli-
darum, weil Politikerinnen von den Medien und          tischen System, der Regierung, der weltpolitischen
auch von Ratskolleg:innen danach beurteilt werden.     Stellung der Schweiz, der Frauenbewegung und den
Ein anderes Thema ist der Zugang zur Macht. So         Geschlechterkonzepten zu tun. Es gibt also auch
erwähnt Tamara Funiciello in der Ausstellung, dass     hier keine monokausale Erklärung. Zentral scheint
Frauen bis heute nicht an den Tischen sitzen, an       mir aber Folgendes: Beim Frauenstimmrecht ging es
denen wichtige Entscheidungen getroffen werden.        um Macht. Es ging um die politische Macht, Gesell-
Andere Frauen widersprechen dem. Das zeigt, dass       schaft zu gestalten und Ideen umzusetzen. Offen-
die Erfahrungen von Politikerinnen unterschiedlich     bar waren viele Männer lange nicht bereit gewesen,
sind. Klar ist aber, dass es bis heute ungeschrie-     diese Macht zu teilen respektive abzugeben.
bene Regeln gibt. Die Fragen, wer kann wo, was,
wie sagen, wer hat welchen Zugang zur Macht sind
verknüpft mit ungeschriebenen Regeln.

Gelten diese äusserlichen Codes für Männer
                                                       *Pascal Kohler, B.A., ist Hilfsassistent am IZFG. Er studiert im Master
wie für Frauen?
                                                       Sozialanthropologie und Soziologie an der Universität Bern.
                                                       **Vera Zürcher, B.A., studiert im Master Gender Studies und Sozial-
Männliche Amtsträger geniessen diesbezüglich           anthropologie an der Universität Bern.

                                                                                            genderstudies #37 Herbst 2021        13
AUS DEM IZFG

Women's Human Rights – Eine App für die Frauenrechte
Mit Touchscreen zu mehr Geschlechtergleichstellung? Seit 2013 bewährt sich dieser Ansatz des Eidgenös-
sischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in Zusammenarbeit mit dem IZFG und dem
Schweizerischen Kompetenzzentrum für Menschenrechte (SKMR). Die Geschichte einer App mit Ambitionen.

I Marie Thomet*

        Im Jahr 2020 feierte die internationale Gemeinschaft    Frau von vielen Staaten verletzt oder gar nicht aner-
        das 25-jährige Bestehen der Pekinger Erklärung und      kannt werden. Oftmals stehen kulturelle oder religi-
        Aktionsplattform. Anlässlich der vierten Weltfrauen-    öse Ansichten und Traditionen im direkten Konflikt
        konferenz 1995 einigten sich die damals 189 UN-Mit-     mit den Menschenrechten der Frau, wobei erstere
        gliedstaaten auf die Verabschiedung des bis heute       von Staaten regelmässig höher gewichtet werden.
        umfangreichsten Instruments zur Förderung der           Gerade aufgrund dieser Spannungsfelder und der
        Gleichstellung der Geschlechter und der Stärkung        Vielzahl divergierender Standpunkte ist es umso
        der Rechte von Frauen und Mädchen.1 Trotz signi-        wichtiger, dass sich die Verhandlungsparteien auf
        fikanter Fortschritte und der Stärkung bestehen-        eine bestehende Basis anerkannter Normen und
        der und Gründung neuer Institutionen im Bereich         Schlussfolgerungen berufen können. Dieses Wissen
        der Frauenmenschenrechte hat kein Land die Ziele        und diese Grundlagen dienen als Ausgangspunkt
        der Aktionsplattform heute vollumfänglich erfüllt.      neuer Verhandlungen und erlauben die Weiterent-
        Gerade die vorherrschende Pandemie bringt beste-        wicklung des Status Quo.
        hende Missstände zusätzlich zum Vorschein und
        macht systemische sowie institutionelle Schwächen       Anlässlich einer solchen CSW-Sitzung kam in den
        deutlich. Aber nicht nur gesundheitliche oder huma-     Reihen der Schweizer Delegation erstmals die Idee
        nitäre Krisen, sondern auch die an Macht gewin-         auf, eine Datenbank mit bereits verabschiedeten
        nenden populistischen Strömungen sowie die stetig       internationalen Rechtstexten zu schaffen. Durch
        wachsende Kritik am multilateralen Weg bedrohen         dieses Hilfsmittel sollten die herausfordernden
        die Stellung und Achtung der Menschen- und insbe-       Verhandlungen erleichtert werden. Das EDA beauf-
        sondere der Frauenrechte.2                              tragte den Themenbereich Geschlechterpolitik
                                                                (geleitet durch das IZFG) des SKMR mit der Ausarbei-
        Auch 78 Jahre nach der Allgemeinen Erklärung der        tung und Entwicklung einer App für die Menschen-
        UNO stellen Menschenrechte alles andere als eine        rechte der Frau.5 Die App stellte ein Herzensprojekt
        Selbstverständlichkeit dar. Sie bleiben ein zentrales   der damaligen Leiterin und Mitgründerin des IZFG
        Thema der UNO-Agenda und beschäftigen interna-          Prof. Dr. Brigitte Schnegg († 2014) dar. Sie sah die
        tionale und regionale Organisationen. Gerade die        Applikation als "ein wertvolles Nachschlagewerk für
        Gleichstellung der Geschlechter sowie die Stärkung      die diplomatische und menschenrechtliche Praxis".
        der Rechte und der Kapazitäten der Frau – als inte-     Schnegg war stets von der Form begeistert, wie
        graler Teil dieser Menschrechte – bedürfen spezieller   juristisches Wissen von der Universität erfolgreich in
        Beachtung. Deren Verwirklichung bleibt eine globale     die Praxis transportiert werden kann.6
        Herausforderung.3
                                                                2013 wurde die "Women's Human Rights App"
        Geburtsstunde der Women's Human Rights                  (W'sHR) lanciert. Die englischsprachige App
        App 2013                                                umfasst eine Datenbank der zentralsten Rechts-
        Die UNO-Kommission für die Stellung der Frau (CSW)      texte aus dem Bereich der Menschenrechte der Frau.
        als global stärkstes und führendes Organ im Kontext     Mithilfe von Schlagwörtern können die Texte von
        der Geschlechtergleichstellung und Stärkung der         regionalen und internationalen Organisationen nach
        Rechte und Freiheiten der Frau wurde 1946 im            spezifischen Themen und Begriffen durchforscht
        Rahmen der UNO gegründet und tagt seither einmal        werden. Zugleich ermöglicht die App den Zugriff auf
        jährlich zu spezifischen Schwerpunktthemen. Als         die jeweiligen Dokumente. Damit Menschen unter-
        Resultat dieser Konferenzen verfassen die Nationen      schiedlicher Nationen und fachlicher Hintergründe
        jedes Jahr konkrete Empfehlungen und Schlussfolge-      auf die App zurückgreifen können, ist diese kosten-
        rungen zuhanden von Regierungen, zwischenstaat-         los und in der Anwendung einfach gefasst.
        lichen Gremien und der Zivilgesellschaft. Auch die
        Schweiz wurde für vier Jahre (2020-2024) als stimm-     Weiterentwicklung und Neulancierung 2021
        berechtigtes Mitglied in die CSW gewählt und            Zwischen 2013 und 2017 wurde die App 13'527 Mal
        entsendet jeweils im März eine Delegation nach New      und aus rund 70 Ländern heruntergeladen, während
        York.4 Die Verhandlungen von Empfehlungen und           die Webseite Besuche aus über 150 Ländern
        Schlussfolgerungen gestalten sich jedoch immer          verzeichnete. Rückmeldungen zeigten auf, dass
        wieder schwierig, da insbesondere die Rechte der        das neue Hilfsmittel nicht nur von Diplomat*innen,

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