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Frühjahr 2021
Als der Staat seine Macht demonstrierte
Die Konfrontation lief oftmals hart ab: Die Marburger Historikerin Sabine Mecking erforscht die
Geschichte von Protest und Polizei
MacGyver erobert den Luftraum
Ein Team aus der Physik, Medizin und Informatik baute provisorische Beatmungsgeräte
Wo Exoten heimisch werden
Die Uni Marburg startet eine Spendenkampagne für die Gewächshäuser des Botanischen Gartens
ISSN 1616-1807
ISSN 1616-1807 Philipps-Universität Marburg
Philipps-Universität Marburg und
und Marburger
Marburger Universitätsbund
Universitätsbund e.V.
e.V.Marburger Frühjahr 2021
Aus dem Inhalt
2 Wie gedacht Marburg besitzt die Köpfe für die Hirnforschung 6 Mit Hochdruck
Martin Koch
3 Im Detail Preis geht an Nachwuchsforscher Als zu Beginn der Corona-
Pandemie Beatmungsgeräte
knapp zu werden drohten,
entwickelte ein Marburger
4 Für unterwegs Team kurzerhand interdis-
Wie sich Elektronen in Molekülen bewegen, Yoga: eine ziplinär und unbürokra-
Bewegung mit Geschichte, Schutzmasken müssen sitzen: tisch Geräte für die Praxis
Neuigkeiten aus der Marburger Forschung
6 Luftholen mit MacGyver
Keine Atempause: Ein Team der Uni Marburg hat mit einfachen
Mitteln und viel Improvisationstalent Beatmungsgeräte für den 12 Unter Beobachtung
Friedhelm Zingler / FUNKE Foto Services
Notstand entwickelt Von ‚Halbstarken‘-Krawal-
12 „Oft hart in der Konfrontation“ len bis hin zu Querdenker-
Zwei, die zusammen gehören: Protest und Polizei. Die Marbur- Demos: Die Polizei ist seit
ger Historikerin Sabine Mecking hat den Wandel von Aktion jeher bei Protesten aller Art
und Reaktion untersucht im Einsatz. Wie sich dabei
16 Gut angekommen das Verhalten der Ord-
Georg Strack, Jörg Großhans, Fabian Wolbring, Eva Herker, Erik nungsmacht im Laufe der
Weber und Daniel Heck lehren als neue Professorin und Profes- Jahre verändert hat, unter-
soren an der Philipps-Universität suchte die Marburger Histo-
19 Rat vom Team rikerin Sabine Mecking
Neu im Amt: Regine Kahmann und Rolf Felix Maier engagieren
sich als Ombudsleute der Philipps-Universität für gute wissen- 24 Blick zurück nach vorn
Bundesregierung / Sandra Steins
schaftliche Praxis Auch 150 Jahre nach seiner
20 Druckfrisch: Lehrbücher und Monografien Gründung wirft das Deut-
Keine Ahnung von Politik, Immer ähnlich, Blaues Blut: sche Kaiserreich noch seine
Neuerscheinungen aus der Uni Marburg Bild ? Schatten. Der Marburger
Historiker Eckart Conze
(rechts im Bild) diskutierte
beim Bundespräsidenten
22 Das fehlte noch über die Gründung des
Aktualisiert und erweitert – das historische Who‘s who der Uni Reichs und ihre Folgen
Marburg steht im Netz, Afrika kämpft um seine Kunst, Mehr als
zufrieden: Neuigkeiten vom Marburger Campus 26 Aufgeblättert
Andreas Titze
24 Mehr als eine stumme Kulisse Zweimal hinschauen lohnt
Mythen, Abgrenzung und Aneignung: Bundespräsident sich: Der Toromiro, ein
Steinmeier sprach über die Reichsgründung mit Fachleuten – nur auf den ersten Blick
darunter der Marburger Historiker Eckart Conze unscheinbarer Strauch, ist
26 Besuch aus der Südsee in seinem ursprünglichen,
Weit gereist war der Toromiro, bevor er im Botanischen Garten südpazifischen Habitat seit
der Philipps-Universität ein neues Zuhause fand. Seine Odyssee langem ausgestorben. Über-
und sein Überleben im Exil lassen hoffen lebt hat er im Marburger
28 Zwischenstopp vorm neuen Ziel Botanischen Garten
Mechal Brysz überlebte das Konzentrationslager Dachau. Nach
dem Krieg kam er als „Displaced Person“ nach Marburg und
studierte im Wintersemester 1945/46 Medizin an der Philipps-
Universität
30 Nächtelang debattiert
Rolf-Dieter Postlep, Präsident des Deutschen Studentenwerks,
erinnert sich ans Studium in Marburg.
30 Starke Stücke
Große Kunst: Kinder und Jugendliche beteiligten sich an einem
Wettbewerb des Kunstmuseums Marburg
30 Am Drücker
Allen ärztlichen Notfällen gewachsen zeigten sich Medizinstu-
dierende beim bundesweiten Paul-Ehrlich-Contest in Marburg
34 Ein Tierfreund mit guten Noten: Das biografische Rätsel
36 Neue Kraft für den Unibund Fördern auch Sie als Mitglied!
36 ImpressumDie Uni kriegt Kinder
Die Philipps-Universität
In der Hirnforschung herrscht Spannung
beteiligt sich an der Hebam- Hessischer Verbund bereitet sich auf die nächste Runde der Exzellenzstrategie vor
menausbildung am Standort
Fulda. Insgesamt wird es Das hessische Wissenschaftsmi- bilität wahren, nur so können zudenken und damit die For-
dafür in Hessen künftig min- nisterium untertützt die Phi- unzählige Entscheidungen ge- schung auch international auf
destens 140 Studienplätze lipps-Universität Marburg und troffen werden. ein neues Level zu heben“, er-
pro Jahr geben. Marburg ko- ihre Partner dabei, sich auf die „Die wesentlichen Stärken klärt der Marburger Koordinator
operiert mit der Hochschule nächste Runde der Exzellenz- unseres Projekts sind die Inter- des Verbunds, der Physiker
Fulda im dualen Bachelorstu- strategie von Bund und Ländern disziplinarität und die Offenheit, Frank Bremmer.
diengang Hebammenkunde. vorzubereiten: Es fördert das sich in neue Themenfelder ein- >> JLU
Gemeinschaftsprojekt „The Ad-
Jung und wählerisch aptive Mind“, an dem die beiden
mittelhessischen Universitäten Was das Gehirn dazu denkt
Die Doktorandinnen und maßgeblich beteiligt sind, vier Der blinde Fleck, schlechte Sehkraft oder ein Sichthinder
Doktoranden an der Philipps- Jahre lang mit insgesamt 7,4 nis – manchmal bleiben Einzelheiten den Augen verbor-
Universität haben neuerdings Millionen Euro; die Federfüh- gen, das Gehirn denkt sich die fehlenden Informationen
eine eigene Repräsentanz rung liegt bei der Justus-Liebig- kurzerhand dazu. Wie verlässlich sind diese Informationen?
auf Uni-Ebene: Im Februar Universität Gießen (JLU). Wie stark bezieht das Gehirn sie bei Entscheidungen
2021 wählten sie erstmals Es ist ein dauerndes Span- mit ein? Fragen wie diese können für die Diagnose und
eine Promovierendenver- nungsverhältnis: Der Mensch Behandlung von Augenerkrankungen relevant sein.
tretung. Weitere Informa- passt sein Verhalten an wech- Der Marburger Psychologe Alexander Schütz, der am
tionen: www.uni-marburg. selnde Bedingungen an. Das er- Verbund “The Adaptive Mind“ beteiligt ist, geht solchen
de/de/forschung/talente/ fordert hohe Flexibilität. Es gibt Fragen im Projekt SENCES nach, für den er finanzielle
promovieren-in-marburg/wir- aber auch zufällige, kurzzeitige Unterstützung vom Europäischen Forschungsrat ERC er-
promovierenden-unter-uns/ Schwankungen – ihnen gegen- hält: Dieser fördert Schütz mit einem „ERC Consolidator
promovierendenvertretung über muss unser Verhalten Sta- Grant“ in Höhe von knapp zwei Millionen Euro.
Jonas Rossel (Bildarchiv Foto Marburg)
Ein Dach für Fotos
Wo einstmals Bier gebraut wur-
de, entsteht derzeit Raum für
Wissenschaft: Am Pilgrimstein
in Marburg ist der Innenausbau
des Deutschen Dokumentati-
onszentrums für Kunstgeschich-
te – Bildarchiv Foto Marburg in
vollem Gange, nachdem der
Rohbau (im Bild) kürzlich fertig
gestellt wurde. In unmittelbarer
Nachbarschaft wurden auch die
Rohbauarbeiten an einem neu-
en Seminargebäude beendet.
Die Fertigstellung der Neu-
bauten ist für Ende 2021 ge-
plant. Einstweilen hat das Land
zugesagt, dass die Uni aus dem
Hochschulbauprogramm Heure-
ka zusätzlich 280 Millionen Euro
für weitere Sanierungen und
Neubauten erhält.
2Spezialist für Einzelheiten
Er schaut sich große Moleküle im De-
tail an: Jan Michael Schullers Spezialität
ist die Kryo-Elektronenmikroskopie. Mit
dieser Methode erforscht der Marburger
Nachwuchsgruppenleiter, wie Bakterien
Kohlenstoff fixieren und Energie umwan-
deln – ein Thema, das auch Relevanz für
den Klimawandel entfalten kann, da die in
Frage kommenden Moleküle zum Beispiel
gasförmiges CO 2 aus der Atmosphäre bin-
den können. Schullers wissenschaftliche
Arbeit brachte ihm schon etliche Auszeich-
nungen ein; so finanziert die Deutsche
Forschungsgemeinschaft (DFG) sein Team
mit 1,55 Millionen Euro aus dem Emmy-
Noether-Programm, erst im Februar 2021
erhielt er außerdem 40.000 Euro von der
Daimler und Benz Stiftung. Jetzt haben
ihm die DFG und das Bundesforschungs-
ministerium einen Heinz Maier-Leibnitz-
Preis zugesprochen, der als wichtigste
Auszeichnung für den wissenschaftlichen
Nachwuchs in der Bundesrepublik gilt; sie
Sandra Schuller
ist mit 20.000 Euro dotiert.
Was gegen das Coronavirus hilft – und was nicht
Klinische Studien bringen erste Ergebnisse zu einem Impfstoff gegen COVID-19 sowie zu einem Antikörper-Medikament
Die gute Nachricht zuerst: Der lisierende Antikörper Hoffnung den, lassen sich solche Antikör- Stephan Becker, der die Marbur-
Impfstoff MVA-SARS-2-S gegen im Kampf gegen die Pandemie. per aus dem Blut von Personen ger Virologie leitet; sein Team
die grassierende Coronavirus-Er- Befallen Krankheitserreger den gewinnen, die eine Infektion half mit, aus der Masse an Anti-
krankung ist gut verträglich. Körper, so wehrt er sich mit durchgestanden haben. körpern im Blut von Infizierten
Das zeigten erste klinische Stu- einem Cocktail aus Antikör- „Menschliche monoklonale An- besonders gut geeignete Kandi-
dienergebnisse mit dem Vakzin, pern; diese heften sich an die tikörper sind eine vielverspre- daten herauszufischen. In Vor-
das unter Mitwirkung des Mar- Eindringlinge und machen sie chende Komponente in der Be- versuchen zeigte das Mittel gute
burger Instituts für Virologie dadurch unschädlich. Um als kämpfung von neuen Viren wie Resultate, so dass nun zunächst
und des Universitätsklinikums Medikament eingesetzt zu wer- dem SARS-Coronavirus-2“, sagt seine Verträglichkeit und Sicher-
Hamburg-Eppendorf (UKE) ent- heit in einer klinischen Studie
wickelt wurde. Die schlechte überprüft werden. Die Feder-
Nachricht: Die Immunwirkung
Mittel mit Nebenwirkungen führung liegt bei der Uni Köln.
des Mittels fällt hinter die Er- „Demokratie in Gefahr“: Die Marburger Politologin Wie der Deutschlandfunk
wartungen zurück. Die Phase II Ursula Birsl hat kritisiert, dass die Parlamente in der berichtet, zeigen erste Ergeb-
der klinischen Studie des Impf- Coronavirus-Pandemie übergangen würden. Wenn nisse, dass eine Antikörper-Ver-
stoffs ist daher zunächst ver- Landesregierungen wie in Hessen Maßnahmen per abreichung in einem frühen Sta-
schoben worden. „Die bisher Erlass verordneten, ohne den Landtag einzubezie- dium der COVID-19-Erkrankung
ausgewerteten Daten zeigen, hen, könne die gesellschaftliche Debatte darüber den Körper bei der Immunab-
dass Immunantworten zwar nicht im erfoderlichen Umfang geführt werden, wehr unterstützen kann, nicht
nachweisbar sind, aber nicht im sagte Birsl dem Hessischen Rundfunk. Gerade, um aber später, wenn eine über-
erwarteten Ausmaß“, sagte Ma- Kritik von rechts an den Beschlüssen abzuwehren, schießende Immunreaktion
rylyn Addo, die Leiterin der In- sollten die Parlamente mehr Rechte erhalten und droht.
fektiologie am UKE. eine breitere gesellschaftliche Debatte stattfinden, >> Saskia Lemm (UKE) /
Unterdessen machen neutra- empfiehlt die Hochschullehrerin. Karola Neubert (DZIF)
3Chemische Reaktionen wie im Film
Erstmals im Bild: Wie sich Elektronen in Molekülen bewegen
Sie schauen aus wie Luftballons auch den energetischen Zustand zwei neuartigen Verfahren er- Elektronen herauslösen. Die
oder Seifenblasen, die Atom- der Elektronen dar. Aber: „Bis- laubt es erstmals, die blitz- Lichtteilchen fliegen nicht zufäl-
kerne in oder zwischen sich ein- her konnte man nicht im Bild schnellen Bewegungen der Elek- lig in den Raum hinaus, sondern
schließen: Unter einem Orbital festhalten, wie sich Elektronen tronen nicht nur zeitlich, son- verraten, wie sich die Elektro-
versteht man in der Chemie den in Molekülen bewegen“, sagt dern auch räumlich zu erfassen. nen tatsächlich räumlich vertei-
Raum, in dem ein Elektron sich der Physiker Robert Wallauer Der experimentelle Ansatz len.
Das Team verband diese
Wie die Tomografiebilder zeigen, Technik mit „Pump-Probe“-La-
verändern sich die Molekülorbi- ser-Experimenten, in denen
tale, nachdem die Elektronen Elektronen durch extrem kurze
durch den ersten Laserimpuls an- Laserimpulse auf ein höheres
geregt wurden. Die Verände- Energieniveau gehoben werden.
Robert Wallauer
rungen geschehen auf ultrakurzen „Unser Ansatz bietet die Mög-
Zeitskalen – innerhalb von Femto- lichkeit, rasend schnelle Elektro-
sekunden. nenbewegungen in Zeit und
Raum zu beobachten“, erläutert
in einem Atom oder Molekül von der Philipps-Universität. basiert auf dem Verfahren der Wallauers Chef Ulrich Höfer.
wahrscheinlich aufhält. Da die Doch künftig kann man Mo- Photoemissions-Orbital-Tomo- >> Johannes Scholten
Bewegung von Elektronen lekülen wie im Film bei ihren grafie; dabei wird eine Mole-
nichts anderes ist als eine Form chemischen Reaktionen zu- külschicht mit Lichtteilchen Quelle: Robert Wallauer & al.,
ihrer Energie, stellen Orbitale schauen: Die Kombination von beschossen, woraufhin sich die Science 2021
Till Schürmann
Der Versuchsaufbau erzeugt
die ultrakurzen Laserimpulse,
die nötig sind, um schnelle
Elektronentransferprozesse
zu beobachten.
4Haṭha-Yoga-Projekt
Yoga: Vom Text zur Übung
Marburger Sanskritexperten erschließen ein Schlüs-
selwerk des Haṭha-Yoga. Ist Yoga tatsächlich so alt,
wie die Anhänger glauben, oder eine Erfindung der
Kolonialzeit? „Die Haṭhapradīpikā ist der vielleicht
einflussreichste Text des körperlichen Yoga aus vor-
moderner Zeit“, erklärt der Indologe Jürgen Han-
neder. „Hinter dem Text verstecken sich aber mehre-
re Versionen.“ Ein Vergleich der Fassungen verspre-
che, einiges über die Entwicklung einer mittelalter-
lichen Bewegung auf dem Weg in die Neuzeit zu ver-
raten. Die Projektbeteiligten haben es sich daher zur
Aufgabe gemacht, die Originaltexte kritisch zu edie-
ren, zu übersetzen und kommentieren. Sie haben
dafür über eine halbe Million Euro eingeworben.
Kurz und gut Die Maske muss sitzen
Nachrichten aus der Forschung Wie gut ein Atemschutz wirkt, zeigt sich erst beim Tragen
K alzium knackt molekularen Stickstoff – das berichtet
eine Forschungsgruppe mit Beteiligung des Marburger
Chemikers Gernot Frenking. Das Metall ist unter geeigneten
Auch nach den jüngsten Pande-
mie-Beschlüssen von Bund und
Ländern bleibt es dabei: Medizi-
chinesischen Zertifikat KN95.
Die Arbeitsgruppe überprüfte,
wie gut diese fünf Maskentypen
Versuchsbedingungen in der Lage, die hochstabile Dreifach- nische Masken als Atemschutz Partikel aus der Atemluft filtern
bindung des äußerst reaktionsträgen, elementaren Stick- gehören weiterhin zu den Maß- und wie viel Widerstand sie
stoffs aus der Luft zu brechen, zeigt das Team. (Science) nahmen, die gegen das Corona- dem Atmen entgegensetzen. Um
virus und dessen Ausbreitung zu überprüfen, wie die Masken
*** flächendeckend eingesetzt wer- wirken, wenn sie aufgesetzt
den. Aber was bringt eine werden, stellte das Team mittels
P roduktivität oder Prestige? Eine soziologische Studie aus
Marburg und Wuppertal hat ermittelt, welche Faktoren
den Weg zu einer Professur in der Politikwissenschaft eb-
Mund-Nasen-Bedeckung über-
haupt? Ein Team um den Mar-
burger Hygieniker Frank Gün-
3D-Druck eigens eine Kopfat-
trappe her.
Wie erwartet, schnitten
nen. Das Forschungsteam wertete Daten von über 1.400 ther hat jetzt mittels praxis- FFP2-Masken am besten ab. OP-
Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftlern aus. naher Messungen an verschie- Masken halten Aerosole besser
Die Daten zeigen: Sowohl die Anzahl als auch die Qualität denen Maskentypen Antworten ab als ein starrer Atemschutz
von Publikationen spielen eine wichtige Rolle für den akade- gesucht. ohne EU-Zertifikat. Bei allen
mischen Erfolg. (PLOS ONE) Masken zeigt sich: Die Filterleis-
tung des Materials alleine er-
*** laubt noch keine verlässliche
E inst war eine Filmvorführung ein flüchtiges Ereignis. Heu-
te, im Zeitalter des Streaming, setzt jeder Film einen digi-
talen Fußabdruck. Der Film selbst hat sich dabei grundlegend
An einer Kopfattrappe konnte
das Team Schutzmasken in
verändert. All das erforscht ein Team aus der Filmwissen- getragenem Zustand testen
schaft in Marburg, Mainz und Frankfurt jetzt im Projekt „Digi- (Foto: Christian Sterr).
tal Cinema-Hub“ (DiCi-Hub). Die Volkswagenstiftung fördert
das Vorhaben mit 1 Million Euro.
Aussage über die Wirkung im
*** getragenen Zustand. Wenn das
Material besonders undurchläs-
W asserstoff gilt als Energieträger der Zukunft, als Binde-
glied zwischen Energie- und Mobilitätswende. Doch
wie lässt er sich nachhaltig und umweltverträglich in großer
Das Forschungsteam testete
29 Masken, die in fünf Katego-
rien fallen: Stoffmasken, OP-
sig ist, führt das zur Bildung
von Lecks, insbesondere in
Kombination mit einer locker
Menge herstellen? Vielleicht bietet Solarenergie die Lösung. Masken nach europäischer sitzenden Maske.
Im „H2Demo“-Verbund arbeitet die Marburger Materialwis- Norm, nicht-zertifizierte Zell- >> Johannes Scholten
senschaft an der direkten solaren Wasserspaltung mit – das stoffmasken, Atemschutzmas-
Bundesforschungsministerium födert die Bemühungen mit ken nach FFP2-Standard sowie Quelle: Christian M. Sterr &
14 Millionen Euro, davon gehen 580.000 Euro nach Marburg. Atemschutzmasken mit dem al., PLOS ONE 2021
5Alle mal durchschnaufen! Als Beatmungs-
geräte knapp zu werden drohten, eroberte
ein bunter Haufen den Luftraum: Mit impro-
visierten Hilfsmitteln
Einfach machen – im Physiklabor trafen sich
Johnny Nguyen (links), Jonas Höchst und alle,
die zupacken wollten, um einen drohenden
Beatmungsnotstand abzuwehren.
7S
ie gönnten sich keine Verschnauf- normal während der Pandemie? Im März
pause. 2020 sind die Räume verwaist, denn der
Anfang März 2020. Ganz Europa Physiker hat die ganze Gruppe ins Homeof-
steht im Zeichen des neuen Virus. fice geschickt. Jetzt will er ein paar Leute
Die Infektionszahlen schnellen in die Höhe, dafür gewinnen, wieder zurück zu kom-
auch in der Bundesrepublik, die Politik dis- men, um an provisorischen Beatmungsgerä-
kutiert Schulschließungen und Kontaktbe- ten zu arbeiten. Schon am Montagvormit-
schränkungen, das Fernsehen sendet Bilder tag sitzt er mit zwei Handvoll von ihnen
aus Italien, die im Gedächtnis bleiben: zusammen und überlegt, wie sie vorgehen ...Bhushan Savalia
Überfüllte Kliniken, sogar die Gänge ste- sollen. „Ich kenne mich überhaupt nicht
hen voll mit Krankenhausbetten, manche mit Beatmung und den Geräten aus“, gibt
Patienten werden von Hand beatmet. „Es Koch zu. Er hält es für das Beste, einen Ex- zester Zeit genau diejenigen Leute zusam-
ist nur eine Frage der Zeit, dann sieht das perten zu fragen, vielleicht einen Techniker menzubringen, die das nötige Know-how
bei uns in Mexiko ganz genauso aus“, sagt des Klinikums, der Beatmungsgeräte war- mitbringen; und was sie nicht schon wissen
Enrique Castro-Camus. Der Gastwissen- tet. Wer dann kommt, ist Gunter Kräling und können, eignen sie sich schnell an.
schaftler steht im Büro seines Chefs, des oder, wie Koch sagt: „ein irrer Typ, einer Mundpropaganda tut das ihrige dazu, die
wie MacGyver“. Ja, MacGyver, der Bastler Nachricht von dem Vorhaben spricht sich
aus der gleichnamigen Fernsehserie. herum. So kommen innerhalb weniger Ta-
Koch muss grinsen, wenn er von der er- ge ganz verschiedene Talente zusammen,
sten Begegnung erzählt. Kräling arbeitet als „Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen
Medizintechniker am Marburger Universi- hatte“, wie Koch sagt, der die Leute einlädt,
tätsklinikum. Von dort gelangt man zu Fuß sich auf die freigewordenen Arbeitsplätze
in ein paar Minuten zum Mehrzweckge- zu verteilen. Irgendwer näht Masken für
bäude, einem Labyrinth aus Fertigbetontei- alle. Rasch wächst das Team: Die Arbeits-
len, in dem sich Kochs Labor befindet. Krä- gruppe von Bernd Freisleben aus der Infor-
Im Team: ling erweist sich als Hobbybastler. Als er zu matik übernimmt Programmieraufgaben.
Srumika Konde... Kochs Gruppe stößt, schleppt er in jeder Ein anderer beschäftigt sich hobbymäßig
Hand eine Tasche mit elektronischen Bau- mit 3D-Druck. Natürlich sind auch Ober-
teilen, die auf dem Tisch im Besprechungs- ärzte aus der Intensivmedizin mit an Bord,
Marburger Physikers Martin Koch. Castro- raum ausgebreitet werden. „Ich habe von also Leute, die tagtäglich Patienten beat-
Camus hat eine Idee, aber er ist sich nicht daheim alles mitgenommen, was ich griff- men und mit den Geräten arbeiten.
sicher, ob sie gut ist. Ob sein Plan funktio- bereit hatte“, sagt der Medizintechniker. Einer davon ist Thomas Wiesmann, der
niert. Niemand weiß das zu diesem Zeit- Was bei einem wie MacGyver halt so zu- die Intensivstation des Uniklinikums leitet.
punkt. Koch erinnert sich noch genau an hause rumliegt: allerlei technisches Zube- Es ist schon spät, als er nach der Arbeit im
den Tag, an dem sein Mitarbeiter ihm von hör, sogar Servomotoren, wie man sie in Mehrzweckgebäude vorbeischaut, sechs
dieser Idee erzählte, es ist ein Freitagnach- Modellflugzeuge einbaut. oder sieben Uhr abends. Der erste Lock-
mittag. Halte mich nicht für verrückt, habe Wie kann ein provisorisches Beat- down hat gerade angefangen, alle Ladenge-
Castro-Camus gesagt: Könnten wir nicht mungsgerät aussehen, das schnell und un- schäfte sind geschlossen, die meisten Leute
Beatmungsgeräte entwickeln? kompliziert zu bauen ist? Die erste Idee befinden sich im Homeoffice. Das Mehr-
Koch klingen die Warnungen der Fach- dazu setzt bei den Beatmungsbeuteln an, zweckgebäude der Uni, ansonsten ein eher
leute in den Ohren, dass Beatmungsgeräte die das Team auf den Fernsehbildern aus belebter Ort, liegt wie ausgestorben da –
knapp werden könnten, wenn die Infekti- Italien gesehen hat, wo Patienten von Hand mit Ausnahme von Kochs Labor. „In der
onszahlen weiter steigen. Genaue Zahlen beatmet wurden – mit so genannten Ambu- Physik war richtig Leben in der Bude“, er-
hat zu diesem Zeitpunkt niemand. „Keiner Bags. Castro-Camus schlägt vor, ein Hilfs- zählt der Mediziner. Es herrschte eine „un-
wusste damals, ob wir nicht auch bei uns geheuer dynamische Stimmung“, bestätigt
bald Zustände haben würden, wie wir sie Karl Kesper, ein weiterer Mitstreiter: „Die
in Italien sahen“, erinnert sich Koch. Also Leute kamen da hin und fragten, ob sie
setzt er sich an seinen Rechner. Der Hoch- mitmachen können – jeder hat jedem ge-
schullehrer ist gut vernetzt, er kennt eine holfen, alle haben sich mehrmals am Tag
Menge Leute. Er schreibt einem befreunde- besprochen, jeder bearbeitete einen Teilas-
ten Professor aus der Medizin eine E-Mail, pekt.“ Kesper arbeitet als technischer Leiter
fragt ihn, was er von dem Plan halte. Der im Schlafmedizinischen Zentrum des Uni-
Lungenarzt antwortet umgehend: Darüber versitätsklinikums. Auch das Schlaflabor ist
müsse er am Wochenende nachdenken. ...Gunter Kräling geschlossen, der Naturwissenschaftler hat
„Wenn der darüber nachdenkt, kann die
Idee nicht völlig blöd sein“, schlussfolgert
Koch und nimmt sich vor, gleich am Mon-
tagmorgen mit der Arbeit zu beginnen. mittel zu konstruieren, das die Beutel auto-
Koch hat eine große Arbeitsgruppe, auf matisch knetet.
einem Foto des Teams sieht man ihn zu- Beatmungsgeräte zu entwerfen – auch
sammen mit einem vielköpfigen, bunten wenn es sich um Provisorien handelt –, er-
Haufen junger Menschen, und das sind nur fordert eine Menge an Wissen und Fertig-
die Hälfte der Mitarbeiter und Studieren- keiten: Nicht nur aus der Physik, sondern ...Franziska Hüppe
den, die in seinen Laboren forschen. We- auch aus der Medizin, der Informatik, dem
nigstens normalerweise, aber was ist schon Maschinenbau. Koch schafft es, in kür-
8also gerade Zeit, als er von dem Projekt er-
Martin Koch (8)
fährt. Kesper hat auch gleich eine Idee.
Als Gunter Kräling ihn zu der Gruppe
mitnimmt, beschäftigt diese sich mit Appa-
raturen, die Beatmungsbeutel periodisch
zusammendrücken. Schnell entwickelt das
Team ein paar Ansätze, um auszuprobie-
ren, was funktioniert und was nicht – die
Leute diskutieren, verwerfen, fangen neu
an. Kesper aber hat noch einen anderen
Vorschlag mitgebracht.
An seinem Arbeitsplatz im Schlafmedi-
zinischen Zentrum finden Leute Hilfe, die Basteln, testen, neu probieren (von
schnarchen oder unter Atemaussetzern oben): Christian Birk, Bastian
während des Schlafs leiden. „Unsere Pati- Leutenecker-Twelsiek und Caroline
enten nutzen bei sich zuhause spezielle Be- Sommer sowie Enrique Castor-Camus
atmungsgeräte“, erzählt Kesper, „die Syste-
me sind sehr verbreitet in der Bevölke-
rung.“ Diese Apparate, man nennt sie
CPAP-Geräte, bestehen im Prinzip aus einer
Atemmaske, einem Schlauch sowie einem
Ventilator; damit gibt die Anlage einen
...Karl Kesper
Überdruck auf die Atemwege. Die handels-
üblichen CPAP-Systeme ersetzen freilich
keine Beatmungsmaschine auf der Intensiv-
station; wenn man das spontane Atmen
komplett ersetzen will, reicht es nicht, ein-
fach Druck zu erzeugen. Kesper stellt die
Überlegung an: Könnte man die CPAP-An-
lage so umbauen, dass sie im Wechsel mal
einen höheren Druck erzeugt, der die Luft
in die Lunge bläst, und dann wieder einen
niedrigeren Druck zum Ausatmen?
Sehr schnell bildet sich ein Team, um
den Vorschlag umzusetzen, ein Maschinen-
bauer bastelt ein Ventil, schon einen Tag
später steht ein erster Prototyp, „mit einer
kleinen Klappe, die sich periodisch öffnet
und schließt und den Luftdruck regelt“, wie
Koch erzählt. Nach einer Woche werkeln
bereits an die 30 Leute an der einen oder
anderen Aufgabe. Nach einem durchgear-
beiteten Wochenende liegt am Montag ein
Modell aus dem 3D-Drucker vor.
Wiesmann und seine Kollegen beraten
die Gruppe. „Wir haben uns eher in der
Kundenrolle gesehen“, sagt der Mediziner.
Er empfiehlt zum Beispiel, das Gerät nicht
auf eine Spanplatte zu montieren, sondern
einen Kasten zu bauen. Die Antwort aus
dem Team lautet: Ja, das haben wir uns
auch schon überlegt, das machen wir mor-
9gen. „Man ist ja sonst gewohnt, dass man Musk hätte keine Chance gegen uns geha-
wochen- oder monatelang gar nichts über bt.“ Das Team probiert selber aus, ob die
den Fortgang hört“, merkt der Arzt an. Apparaturen ihren Zweck erfüllen, reihum
„Hier war es so: Die haben jeden Tag etwas setzen alle einmal die Atemmasken der
Neues gezeigt. Völlig verrückt. Wie in Provisorien auf. Wie gut sie funktionieren,
einem Film mit lauter Nerds.“ belegen die Messungen mit einem Lungen-
Koch bestätigt: „Die Leute haben gear- modell (siehe Kasten). An ihm testet die
beitet wie verrückt.“ Es gibt Teammit- Gruppe, welcher Druck auftritt, wieviel ...Johnny Nguyen
glieder, die nach einer Achtstundenschicht Luft ankommt und ob der Organismus
Schaden nehmen kann.
Bleibt die Frage: Wer fertigt die Geräte
in hoher Stückzahl? Vielleicht die Bundes- dem müssen Sie Kontakt aufnehmen, der
wehr? Koch ruft einen General an, den er könnte vielleicht die Geräte fertigen“, rät
kennt. „Der fand das eine super Idee, aber die Landkreischefin. Koch verspricht, den
schließlich ist daraus nichts geworden.“ Mann vom Büro aus gleich anzurufen. Er
Doch das Projekt hat längst eine Eigen- legt auf, fährt wieder los. „Ich bin keine
dynamik entwickelt. Koch sitzt gerade im 500 Meter gekommen, da klingelt es er-
...Goretti Guadalupe Auto, er befindet sich auf dem Weg in die neut“, erinnert er sich. Wer ist dran? Gun-
Hernandez Cardoso Uni, da klingelt sein Telefon. Am anderen ter Schneider. Koch muss lachen, als er da-
Ende der Leitung ist die Marburger Landrä- von erzählt. „Eine halbe Stunde später sitze
in ihrem angestammten Beruf ins Labor
wechseln, um dort nochmal genauso lange
zu arbeiten – so kommen über Wochen
hinweg nicht mehr als drei, vier Stunden Die CPAP-Erweiterung (im Bild) entstand im Team von „The Brea-
Schlaf am Tag zusammen. Einer trägt den thing Project“: Björn Beutel, Christian Birk, Tobias Breuer, Enrique
Arm im Gips, den schneidet er kurz ent- Castro Camus, David Geisel, Ronald Henning, Nico Hofeditz, Goretti
schlossen auf, damit er besser konstruieren Guadalupe Hernandez Cardoso, Jonas Höchst, Franziska Hüppe, Anna
kann. Auf dem Gang baut die Gruppe einen Isenberg, Meral Kara, Karl Kesper, Martin Koch, Srumika Konde, Gunter
Elektrogrill auf, um Würstchen zuzuberei- Kräling, Patrick Lampe, Bastian Leutenecker, Severin Luzius, Cornelius
ten, denn die Mensa hat ja zu. „Ich war der Mach, Peter Mross, Jochen Müller-Marzotta, Johnny Nguyen, Jan Ornik,
Zirkusdirektor“, beschreibt Koch seinen
Beitrag: „Die anderen konnten die Kunst-
stücke, ich habe nur dirigiert.“ Er lässt sei-
ne Beziehungen zu Ministerien und Ban-
ken spielen, er besorgt Geld, kümmert sich
um mögliche Industriepartner, lotet Pro-
Peter Osswald, Alvar Penning, Bhushan Savalia, Marvin Schacherl,
Carsten Schindler, Kristina Sinemus, Caroline Sommer, Christian Strang-
meyer, Jochen Taiber, Pascal Wallot, Julian Wiener, Thomas Wiesmann,
die Eisengießerei Fritz Winter sowie Schneider Optical Machines und
...Martin Koch weitere. Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf und das Hessische Wissen-
schaftsministerium unterstützten das Vorhaben finanziell.
duktionsmöglichkeiten aus. „Zirkusdirektor tin Kirsten Fründt, sie fragt: Kennen Sie ich bei ihm in der Firma, nach einer weite-
trifft es ganz gut“, schildert Wiesmann sei- Herrn Schneider? Fründt meint einen Un- ren Stunde kommt er mit drei Leuten zu
nen Eindruck: „Herr Koch weiß Menschen ternehmer aus Fronhausen bei Marburg. uns in die Arbeitsgruppe.“
zu begeistern. Er schafft es, die Potenziale Nein, den kennt Koch noch nicht. „Mit Es ist wieder ein Freitag, drei Wochen
aus den Leuten herauszulocken.“ nach Beginn des Lockdowns. Schneider
Der Physiker gibt die Losung aus: überarbeitet während des Wochenendes
Macht die Geräte so einfach wie möglich. mit seinen Mitarbeitern das Design der Pro-
„Die Konstruktion zum Kneten der Beat- visorien, setzt zum Beispiel Motoren ein,
mungsbeutel muss so simpel sein, dass man die leiser und langlebiger sind. Außerdem
sie zur Not in einer Autowerkstatt in Gha- hält er 3D-Druck für nicht präzise genug.
na nachbauen kann.“ Nach vierzehn Tagen Es dürfe nicht passieren, dass deswegen
liegen zwei Prototypen vor: die Vorrichtung eine Klappe klemme. Er möchte die Bau-
für Ambu-Beutel und die CPAP-Erweite- ...Caroline Sommer teile lieber mit einer Präzisionsmaschine
rung. „Es ist erstaunlich, wie weit wir in fräsen, dadurch werde das Ergebnis viel
der Zeit gekommen sind“, sagt Koch. „Elon leichtgängiger, außerdem lasse sich das Ge-
10rät so auch schneller herstellen. „Es war,
als würde die Kavallerie zu Hilfe kommen“, Jetzt heißt es aufatmen
erzählt Koch, „es war irre! Eine ganz tolle
Firma.“ Provisorien bestehen Eignungstest
Dass die Apparaturen schließlich doch
nicht zum Einsatz kommen, weil sie keine Die dritte Welle rollt: Als SARS-CoV-2-Infektionen sich zu einer Pandemie aus-
Zulassung erhalten, liegt an den strengen wuchsen, rückte die Verfügbarkeit von Beatmungsgeräten in den Fokus von
Vorgaben des Medizinproduktegesetzes. Öffentlichkeit und Politik, da solche Apparate zur klinischen Versorgung von
Zwar hat die Marburger Gruppe einwand- COVID-19-Fällen benötigt werden. Die Marburger Initiative „The Breathing
freie technische Lösungen vorgelegt, das Project“ schlägt hierfür eine Lösung vor, durch die sich mit minimalem Auf-
findet auch das Bundesinstitut für Arznei-
mittel und Medizinprodukte, also die Zu-
lassungsbehörde. Aber um eine Sonderzu-
Martin Koch (7)
lassung zu erhalten, muss eine Notlage Der Marburger Physikstudent
herrschen. In der Bundesrepublik gibt es je- Julian Wiener präsentiert eine Hilfs-
doch gar keinen Mangel an Beatmungsgerä- konstruktion für die Beatmung.
ten, erfährt Koch – was fehlt, ist das Perso-
nal, das die Anlagen bedienen kann. Der
Physiker wendet sich an mehrere Ministe-
rien, „es gibt einen langen Schriftwechsel“,
berichtet er, „alle möglichen Leute haben
...Enrique Castro-Camus
sich hinter den Kulissen eingeschaltet; am
Schluss hat alles nichts genützt.“ Koch will
sich gar nicht beklagen. Man müsse
schließlich froh sein, „dass auf der Basis
des Gesetzes in normalen Zeiten nur lang- wand Notfallbeatmungsgeräte herstellen lassen, die sich für die Behandlung
wierig getestete Medizinprodukte zugelas- milder Atembeschwerden eignen; so bleiben die hochwertigen Standardge-
sen werden; wir sind eben an den hohen räte den schweren Fällen vorbehalten.
Hürden gescheitert.“ Dass so etwas tatsächlich geht und wie es funktioniert, haben beteiligte For-
Eigentlich habe man ja sowieso immer scherinnen und Forscher aus der Physik, der Informatik und der Medizin in
gehofft, dass die Provisorien nie zum Ein- einem wissenschaftlichen Artikel dargelegt. Die Marburger Initiative verfolgt
satz kommen, gibt Karl Kesper zu beden- unter anderem den Ansatz, Beatmungsbeutel zu verwenden, so genannte
ken. Ja, zum Glück ist es doch nicht zu „Ambu-Bags“, wie sie in der Ersten Hilfe zum Einsatz kommen; dabei wird
dem befürchteten Engpass an Beatmungs- ein Plastikbeutel von Hand zusammengedrückt, um Luft in die Lunge des Pa-
geräten gekommen, pflichtet Wiesmann tienten zu pressen.
bei, der Intensivmediziner. Falls es aber Das Team unter der Leitung von Martin Koch fertigte Apparate, die den Beat-
doch einmal so weit kommen sollte, sieht mungsbeutel in regelmäßigem Takt kneten. Aber sind die Provisorien zur Not
er es durchaus als realistische Möglichkeit, einsatzfähig? Um all das zu erproben, führten die Wissenschaftlerinnen und
dass die Marburger Entwicklungen noch Wissenschaftler Messungen an den Hilfskonstruktionen durch – das Ergeb-
einmal aufgegriffen werden; „von daher nis: Die Geräte erfüllen die technischen und physiologischen Mindestanfor-
war die Arbeit total erfolgreich.“ derungen für den Einsatz in Notfällen. Im Vergleich mit einer handelsüblichen
Die Erfahrung, Teil einer außerordent- Beatmungsmaschine schnitten die provisorischen Apparaturen nicht schlech-
lichen Geschichte zu sein, kann den Team- ter ab. „Unsere Modelle sind zwar nicht so flexibel wie das kommerzielle
mitgliedern sowieso keiner nehmen. „Offen System, erfüllen aber mit einigen Einschränkungen die Standards, die zur
und kreativ“, „ein genialer Austausch“, Behandlung von akuter Atemnot erforderlich sind“, schreibt der Physiker En-
„eine sehr intensive Zeit“, so oder so ähn- rique Castro-Camus. Auch Ärzte des Uniklinikums Marburg bestätigen, dass
lich erinnern sich alle, die man fragt, an die Geräte einsatzfähig wären.
die drei Wochen im Frühjahr des ersten
Lockdowns – auch Martin Koch, der sich Originalveröffentlichung: Enrique Castro-Camus & al.,
sicher ist: „Das war das Coolste, was ich in Applied Sciences 10/2020, 7229; DOI:10.3390/app10207229
meinem Leben gemacht habe!“
>> Johannes Scholten
11„Oft hart in der
Konfrontation“
Von ‚Halbstarken‘-Krawallen bis zu ‚Querdenker‘-Demos: Die
Polizei hat immer wieder mit Protest zu tun – und sich dabei
gewandelt, wie die Historikerin Sabine Mecking weiß
D
ie gesellschaftliche Relevanz Davor war ich aber auch aus privaten
scheint hier offensichtlich zu Interessen auf der einen oder anderen
sein – mit diesen Worten be- Veranstaltung; hieraus begründet sich
gründet Sabine Mecking ihr wohl zum Teil auch mein tieferes Inte-
Interesse am Thema Protest und Poli- resse an dem Thema des Sammel-
zei, das sie in ihrem jüngsten Werk be- bandes „Polizei und Protest“.
handelt. Im Gespräch erklärt sie, was Wie sind Sie auf das Thema Polizei
sie dazu gebracht hat und was sie über und Protest gekommen?
das veränderte Verhalten der Ord- Die historische Protestforschung
nungshüter gegenüber Demonstrati- beschäftigt mich seit meiner Habilitati-
onen herausfand. onsstudie. Darin untersuchte ich
Bürgerwut gegen Eingemeindungen
Marburger Unijournal: Frau Me- und Städtezusammenschlüsse. Vor
cking, wann waren Sie zuletzt bei dem Hintergrund lag es anschließend
einer politischen Demonstration? nahe, sich auch für polizeiliche Reakti-
Das muss 2019 und damit vor der Co- onen auf Bürgerproteste zu interessie-
rona-Pandemie gewesen sein, als ich ren. Obwohl ich bereits viele Jahre zur
an einer Demonstration für eine multi- Verwaltungsgeschichte gearbeitet
kulturelle Gesellschaft und gegen hatte, ergab sich erst mit meiner Tätig-
Rechtsextremismus teilgenommen ha- keit an der Hochschule für Polizei und
be. Ich habe die Veranstaltung im Rah- öffentliche Verwaltung Nordrhein-
men meiner Polizeistudien besucht. Westfalen die Möglichkeit, sich dann
12Friedhelm Zingler / FUNKE Foto Services (2))
Mit Panzerfahrzeug und Luftunterstützung:
Polizeieinsatz in Brokdorf, 1981
Kleines Bild: Demonstration in Krefeld gegen
Ronald Reagan, 1987
auch intensiver wissenschaftlich der lungsstrategien geben aufschluss-
Polizei zu widmen. Der Sammelband reiche Einblicke in die Demokratie-
ging aus einem Symposium an der geschichte der Bundesrepublik, in die
Hochschule hervor. innere Verfasstheit des Staates und
Was interessiert Sie an diesem seiner Gesellschaft.
Thema? In Ihrer Einführung heißt es: „Die
Polizei ist im föderalen System der Geschichte der Polizei kann nicht
Bundesrepublik in der Regel Sache der ohne die Geschichte des Protests
Bundesländer. Im historischen Ver- im öffentlichen Raum erzählt wer-
gleich der Polizeien lässt sich ablesen, den“ – wieso nicht?
wie unterschiedlich die Sicherheits- Für die Polizei als Garantin für Sicher-
behörden auf Protestaktionen reagie- heit und Ordnung und als sichtbarste
ren können: Idealtypisch gibt es zum Repräsentantin des staatlichen Gewalt-
einen die Law-and-Order-Mentalität, monopols im Inneren des Staates ge-
nach der selbst bei kleinen Regelver- hört das Protest Policing zu den zentra-
stößen strikt durchgegriffen wird. Zum len Aufgaben, neben zum Beispiel Ver-
anderen existieren bürgerpolizeiliche kehrsüberwachung oder Kriminalitäts-
Zuschreibungen mit flexibleren Reakti- bekämpfung. Sie steht hier unter
onen auf das Verhalten in der Bevölke- besonderer Beobachtung durch die
rung, so dass eher deeskalierend Öffentlichkeit und Politik. Im konkreten
agiert wird. Die Untersuchung dieser Protestgeschehen gerät sie dabei im-
polizeilichen Selbstbilder und Hand- mer wieder zwischen die Fronten.
13Rolf K. Wegst
Demonstrationserfahren: Sabine Mecking
lehrt Hessische Landesgeschichte in Marburg.
Besonders deutlich wird dies etwa bei sie das vorgebrachte Anliegen teilt Nach dem Zweiten Weltkrieg begriff
den sogenannten Rechts-Links- oder nicht. sich die Polizei zunächst als Staatspoli-
Demonstrationen und bei den Empö- Sie schreiben, dass sich der Um- zei, die allein der Obrigkeit diente und
rungsbewegungen, wenn die Polizei gang der Polizei mit Protesten im den Staat abzusichern hat. Erst seit
das Demonstrationsrecht einer Gruppe Laufe der Zeit verändert hat, eben- den 1970er Jahren entwickelte sich
auch gegen Widerstände durchzuset- so wie die Proteste selber. Inwie- das Verständnis einer Bürgerpolizei,
zen hat und dies unabhängig davon, ob fern ist das so? die für die Gesellschaft da ist und ne-
14ben der Sicherheit auch die rungen. Der Band will neben der Erör- Historikerin einen Gegenstand, der
Freiheit gewährleistet. Diese unter- terung historischer Prozesse damit so stark an unsere Gegenwart
schiedlichen Polizeivorstellungen auch aktuellere Entwicklungen mit heranreicht?
haben erhebliche Auswirkungen auf einbeziehen. Ganz klassisch heißt es, dass der zeit-
das polizeiliche Handeln bei Protest- Wie offen ist die Polizei denn liche Abstand zum betrachteten Phäno-
und Demonstrationsveranstaltungen. gegenüber der wissenschaftlichen men mindestens 30 Jahre beträgt, das
Während öffentliche Proteste im Aufarbeitung dieser politisch ist die Zeitspanne, nach der die Archive
ersten Fall als Gefahr für öffentliche heiklen Themen? Sie erwähnen in das staatliche Quellenmaterial in der
Ruhe und Ordnung gewertet werden, Ihrem Buch, dass es nicht immer Regel für die allgemeine Einsichtnah-
gelten sie im zweiten Fall als legitimer einfach ist, Zugang zu Polizeiakten me zugänglich machen. Diese Frist ist
Ausdruck des Mitbestimmungs- und zu erhalten. mittlerweile aber stark aufgeweicht, da
Versammlungsrechts der Bevölkerung. Die Polizei galt lange als hermetische nicht zuletzt Zeitzeugeninterviews oder
Wie änderte sich das? Institution und verhielt sich eher miss- die Auswertung von Printmedien, Fern-
Spätestens in den 1960er Jahren trauisch ge-
zeichnete sich deutlich ab, dass die genüber For-
Polizei mit ihren noch stark militärisch schungsan-
Sammlung Frank Kawelovski
geprägten Einsatzstrategien und fragen von
-taktiken keine angemessenen Antwor- außen. Sie
ten mehr auf den sich immer deutli- macht täglich
cher abzeichnenden gesamtgesell- die
schaftlichen Wandel fand, wie er mit Erfahrung,
der Chiffre 1968 verbunden wird. Die dass ihr Han-
gesellschaftlichen Aufbrüche spiegel- deln und ihre
ten sich vor allem in dem zunehmend Entschei-
unkonventionellen Verhalten der dungen
Jugendlichen und jungen Erwachse- höchst um-
nen. In der direkten Konfrontation rea- stritten und
gierte die Polizei dann häufig unverhält- sehr politisch
nismäßig hart. Offensichtlich wurde sein können.
dies, als Benno Ohnesorg bei den Pro- Hieraus ent-
testen gegen den Schah-Besuch 1967 wickelte sich
durch eine Polizeikugel starb. Refor- eine Demo gegen Fahrpreiserhöhungen
men innerhalb der Polizei waren unum- gewisse Wa-
gänglich geworden: Bis dahin galt der genburg-
Beruf des Polizisten vor allem als Mentalität.
Erfahrungsberuf, in den 1970er Jahren Bis Ende des
setzte eine Akademisierung der Polizei 20. Jahrhunderts gab die Polizei ihre al- sehen, Rundfunk und so weiter eine
ein. Psychologische und soziologische ten Akten und Unterlagen häufig nur raschere historische Erforschung
Erkenntnisse aus der Wissenschaft selektiv und zögerlich an staatliche Ar- ermöglichen. Forciert wird diese Ent-
wurden in die Polizeiarbeit und -ausbil- chive ab. Das hat sich erfreulicherwei- wicklung auch durch die Vielfalt der
dung integriert. Doch die damit einher- se aber mittlerweile geändert. Heute nichtstaatlichen Quellen und neuere
gehende stärkere gesellschaftliche arbeiten die Polizeien und Landesarchi- Zugänge, Fragestellungen und Metho-
Öffnung und Entwicklung zur Bürger- ve vielfach gemeinsam an Bewer- den in der Geschichtswissenschaft.
polizei verlief nicht linear. Bereits der tungsmodellen für die dauerhafte Ar- Und was bringt der spezifisch histo-
aufkommende Linksterrorismus brach- chivierung der Polizeiunterlagen. rische Blickwinkel, mit dem Sie auf
te die Reformen wieder ins Stocken In jüngster Zeit fanden Proteste wie diese aktuellen Themen schauen?
und führte zu einer Remilitarisierung im Danneröder Forst oder „Quer- Historikerinnen und Historiker blicken
der Polizei, bevor sie sich dann weiter denker“-Demos lauten Widerhall in mit aktuellen Fragen auf Verhältnisse,
für allgemeingesellschaftliche Entwick- den Medien. Wie beforscht man als Strukturen und Entwicklungen in der
lungen zum Beispiel mit der Einstel- Vergangenheit. Zeitgeschichte, begrif-
lung von Frauen in die uniformierte fen als Problemgeschichte der Gegen-
Schutzpolizei öffnete. wart, will dazu beitragen, mit der
Welchen Zeitraum decken die Kapi- Analyse von historischen Phänomenen
tel des Sammelbandes ab? Sabine Mecking auch gegenwärtige Verhältnisse
Der Sammelband berücksichtigt poli- (Hg.): Polizei und besser zu verstehen. Das ist auch einer
zeiliche und gesellschaftliche Entwick- Protest in der der Unterschiede zu den Sozialwissen-
lungen vom Ende des Zweiten Welt- Bundesrepublik schaften, die aktuelle Entwicklungen
kriegs bis zum Beginn des 21. Jahrhun- Deutschland, stärker aus abstrakten Modellen
derts. Der letzte Beitrag stammt aus Wiesbaden (Sprin- heraus erklären. Der Band ist daher in-
der Feder eines Polizeibeamten im ger VS) 2020, terdisziplinär angelegt, er bezieht ne-
Ruhestand, der nun unter anderem als ISBN 978-3-658- ben historischen auch juristische, sozi-
Dozent an der Polizeihochschule sein 29478-6 (E-Book), alwissenschaftliche und polizeiprak-
Wissen an den Polizeinachwuchs VIII+229 Seiten, tische Perspektiven ein.
weitergibt. Er beschreibt in seinem 44,99 Euro >> Die Fragen stellte
Aufsatz auch persönliche Einsatzerfah- Johannes Scholten
15Gut angekommen
Achim Weisbrod
J. Großhans
Georg Strack Jörg Großhans
Spielregeln des Mittelalters Phänomenal komplex
Dunkle Gewölbe, staubige Regale, dicke Aktenbündel: Kann Archiv- Schon in der Schulzeit wollte er „mehr über die biochemischen
recherche eigentlich Spaß machen? „Mich begeistert diese Arbeit Grundlagen der komplexen Lebensphänomene wissen“, bekennt Jörg
immer wieder“, gesteht Georg Strack, neuer Marburger Professor für Großhans. Inzwischen weiß er mehr darüber, sehr viel mehr: Seit
Mittelalterliche Geschichte. „Insbesondere in den vormodernen Be- dem vergangenen Jahr lehrt Großhans Entwicklungsgenetik an der
ständen von Archiven sind private und geschäftliche Korrespon- Philipps-Universität.
denzen häufig nicht getrennt, dies führt oft zu Überraschungen.“ Komplex, so ist zum Beispiel die Gestaltwerdung von Lebewesen
Der gebürtige Österreicher studierte an der Universität Mün- wie der Taufliege Drosophila, bei der es nur einen Tag dauert, bis
chen Mittelalterliche Geschichte, Neuere und Neueste Geschichte aus dem Ei eine Larve wird. Sie steht im Zentrum des Interesses von
sowie Germanistische Mediävistik. „Das war einfach die perfekte Großhans. Insbesondere untersucht er, wie sich aus dem unschein-
Kombination, um die Welt der Vormoderne auf verschiedenen Ebe- baren Fliegenei definierte, vielgestaltige Strukturen und Gewebe
nen zu erschließen“, sagt er. Auch nach der Promotion und Habilita- entwickeln und wie Gene diese Prozesse steuern.
tion blieb er München lange Jahre treu: Dort arbeitete er am Histo- Zu seinem Thema fand Großhans nach dem Studium der Bioche-
rischen Seminar und organisierte das von 2011 bis 2018 von der mie in Tübingen und Chapel Hill/NC (USA), als er sowohl seine
DFG geförderte wissenschaftliche Netzwerk zu den „Spielregeln der Diplom- als auch seine Doktorarbeit bei Christiane Nüsslein-Volhard
Konflikt- und Verhandlungsführung am Papsthof des Mittelalters“. anfertigte, die während dieser Zeit für ihre entwicklungsbiolo-
Im Anschluss an eine Vertretungsprofessur in Würzburg folgte er gischen Arbeiten einen Nobelpreis für Medizin erhielt, zusammen
schließlich im Oktober 2019 dem Ruf an die Philipps-Universität. mit Eric Wieschaus. In dessen Labor im US-amerikanischen Prince-
Hier forscht er über die Geschichte des Papsttums und der ton erarbeitete sich Großhans anschließend die Grundlagen für sein
Kreuzzüge, über Rhetorik sowie die Kultur- und Sozialgeschichte heutiges Forschungsthema. Weitere Stationen führten ihn über Hei-
des Hoch- und Spätmittelalters. Doch was kümmert uns heute noch delberg, wo er seine Forschungsgruppe aufbaute, und Göttingen
die politische Kommunikation im Mittelalter? „Mich beschäftigt die nach Marburg.
Frage, wie sich eine Gesellschaft über ihre eigenen Grundlagen ver- Neben dem Engagement in Lehre und Forschung möchte Groß-
ständigt – und wie aus den archaischen Strukturen dieser Epoche hans zur Weiterentwicklung des Curriculums und Schwerpunkts
unsere moderne Welt entstehen konnte“ erklärt er. „Funktion und Entwicklung“ der Marburger Biologie beitragen.
>> Ellen Thun >> uj
16Kurz vorgestellt: Neue Professorinnen und Professoren
an der Philipps-Universität
Andrea Kiesendahl
Markus Farnung
Fabian Wolbring Eva Herker
Sensibel für Rap Ganz schön viral
„Lyrik und Lyrisches findet sich überall in unserem Alltag“, be- Kleine Ursache, große Wirkung: „Viren haben eine sehr begrenzte
hauptet Fabian Wolbring. Der neue Marburger Professor für Neuere Menge an Erbinformation, schaffen es aber, damit die Zellen kom-
deutsche Literatur und Literaturdidaktik forscht über Lyriktheorie plett umzuprogrammieren“, erklärt Eva Herker, neue Marburger
und ihre Didaktik, Sprach- und Medienreflexion im Literaturunter- Professorin für Virologie. Die Hochschullehrerin erforscht, wie sich
richt und Kreatives Schreiben. Dabei untersucht er gerne auch pop- Viren vermehren und welche Stoffwechselwege, insbesondere des
kulturelle Phänomene – besonders den Rap. Fettstoffwechsels, sie benötigen.
Seine Dissertation widmete er entsprechend der „Poetik des Herker studierte in Potsdam und Tübingen Biochemie. Wie sie
deutschsprachigen Rap“. Beileibe kein Randgebiet, betont der Hoch- dazu kam? „Chemie fand ich in der Schule interessant, es war mir
schullehrer: „Insbesondere für männliche Jugendliche zählt die Rap- dann aber nicht lebendig genug. In der Biologie hätte ich ein Herba-
Produktion derzeit zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten.“ rium anlegen müssen, das war nichts für mich. Also die Mitte.“
„Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets“, sagt Wolbring, der an der Nach der Promotion in Tübingen war sie mehrere Jahre am Glad-
Universität Duisburg-Essen Anglistik und Germanistik für das Lehr- stone Institute in San Francisco tätig. Zurück in Deutschland leitete
amt an Gymnasien und Gesamtschulen studierte und dort auch sie eine Arbeitsgruppe am Leibniz-Institut für Experimentelle Viro-
viele Jahre wissenschaftlich arbeitete. Nach Stationen in Bonn und logie in Hamburg, bevor sie 2019 dem Ruf nach Marburg folgte.
Siegen sowie einer Vertretungsprofessur an der Uni Duisburg-Essen Zu ihrem heutigen Forschungsgebiet hatte sie bereits in San
kam er im Jahr 2020 an die Philipps-Universität. Franzisco gefunden: „Bei der Mikroskopie von Hepatitis C-infi-
In der öffentlichen Wahrnehmung werde sein Fachgebiet nicht zierten Zellen sieht man, dass virale Proteine kreisrunde Strukturen
selten als „Inbegriff des Obsoleten“ angesehen, sagt der Achtund- um Fetttröpfchen bilden“, berichtet sie. „Das sieht sehr schön aus
dreißigjährige. „Mir liegt daran, Lyrikanalyse als besonders sorgfäl- und damals wusste man noch nicht, warum das passiert und ob es
tige und sprachsensible Form der Medienreflexion zu etablieren und für das Virus wichtig ist.“ Sie fand heraus, dass die kleinen Fetttröpf-
weiterzuentwickeln; auch und gerade für den Deutschunterricht.“ chen in der Zelle bei Infektionen eine große Rolle spielen. „Wenn
Außerhalb der Hochschule ist er durchaus auch schon mal als Rap- wir verstehen, wie Viren mit ihrem Wirt interagieren und was sie
per, Blogger, Rezensent und Erzähler aktiv – wenn ihn nicht gerade von der Wirtszelle zur Infektion benötigen, können wir diese Infor-
seine drei Töchter auf Trab halten. mation verwenden, um antivirale Wirkstoffe zu entwickeln.“
>> Ellen Thun >> Ellen Thun
17Tobias Schwerdt
Tobias Ehrig
Erik Weber Daniel Heck
Raus aus der Isolation Die Seele der Statistik
Sein Zivildienst in der „totalen Institution einer psychiatrischen Lan- Zahlen zählen: Daniel Heck möchte psychologische Theorien nicht
desklinik“ stellte für Erik Weber die Weichen: „Ich wollte das dort nur in Worten, sondern als exakte mathematische Modelle darstel-
erlebte, gefühlte Unrecht in einen akademischen Bezug bringen, um len. „Um menschliches Verhalten und Denken zu verstehen, müssen
Alternativen zu einem Leben in gesellschaftlicher Isolation denken wir präzise und allgemeingültige Vorhersagen machen und diese
und umsetzen zu können“, sagt der neue Marburger Professor für dann in entsprechenden Studien testen“, sagt der neue Marburger
Außerschulische Rehabilitationspädagogik rückblickend. Professor für psychologische Methodenlehre. „Nur so können die
Der gebürtige Rheinländer studierte Heilpädagogik an den Uni- erhobenen Daten auch optimal ausgewertet werden.“
versitäten Köln und Bologna, in Köln wurde er auch promoviert. Es Heck studierte Psychologie in Mannheim und im niederländi-
folgten mehrere Jahre der praktischen Arbeit im Bereich der Behin- schen Groningen. Nach einer wissenschaftlichen Station in Amster-
dertenhilfe und der Erwachsenenbildung sowie wissenschaftliche dam und der Promotion in Mannheim forschte er ebenda als Post-
Stationen an den Universitäten Gießen, Heidelberg und Koblenz-Lan- Doc im DFG-geförderten Graduiertenkolleg „Statistical Modeling in
dau. Von 2011 bis 2019 hatte er eine Professur für Integrative Heil- Psychology“. „Das Kolleg half mir, über mir bisher unbekannte Pro-
pädagogik an der Evangelischen Hochschule Darmstadt inne. Seit bleme auf neuartige Weise nachzudenken und Lösungsmöglich-
Oktober 2019 lehrt er an der Philipps-Universität. keiten über Fachgrenzen hinaus zu entwickeln“, bekennt er. Zum
Die Schwerpunkte seiner Forschung liegen auf den Gebieten Wintersemester 2019 folgte er schließlich dem Ruf nach Marburg.
Teilhabe, Integration und Inklusion. Insbesondere die De-Institutio- In seiner Forschung beschäftigt sich der 32-Jährige mit der
nalisierung und Enthospitalisierung bei geistig behinderten Men- Frage, wie man eine Analysemethode optimal an die Art der Theo-
schen sind ihm ein Anliegen. „Ich möchte erreichen, dass die Le- rie und die Art der Daten anpassen kann. Er ist überzeugt: „Nur mit
benssituationen von Menschen mit verschiedensten Beeinträchti- guten statistischen Modellen und Methoden können wir verläss-
gungen im universitären und gesellschaftlichen Diskurs präsent sind liches Wissen über psychologische Prozesse erlangen.“ Dies habe
und dass wir auf dem noch langen Weg hin zu mehr gesellschaft- auch Auswirkungen auf die psychologische Praxis, betont der zwei-
licher Teilhabe weiter kommen“, erklärt er. In der Freizeit beschäf- fache Familienvater; denn: „Eine verlässliche Wissensbasis ist die
tigt ihn das Programm der Frankfurter Oper – „so sie denn hoffent- Grundlage jeglicher Intervention, die darauf abzielt, Menschen
lich bald wieder spielt!“ effektiv zu helfen.“
>> Ellen Thun >> Ellen Thun
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