Holland nimmt den Klimawandel sportlich, obwohl es unter dem Meeresspiegel liegt, die Flusspegel steigen, der Regen zunimmt, cloudfront.net

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Holland nimmt den Klimawandel sportlich, obwohl es unter dem Meeresspiegel liegt, die Flusspegel steigen, der Regen zunimmt, cloudfront.net
Holland nimmt den Klimawandel sportlich, obwohl es unter
  dem Meeresspiegel liegt, die Flusspegel steigen, der Regen zunimmt,
         die Felder versalzen und die Nordsee die Küste abnagt.
Bislang hat das Land für jedes Problem eine technische Lösung gefunden.
          Aber wie lange kann es sich noch über Wasser halten?
Holland nimmt den Klimawandel sportlich, obwohl es unter dem Meeresspiegel liegt, die Flusspegel steigen, der Regen zunimmt, cloudfront.net
K l i m a e rwä r m u ng

                                     HOLL A N D IN NOT

                                                             Text
                                                        Mathias Plüss
                                                            Bilder
                                                       R aimond Wouda

Der Klügere gibt nach: In Noordwaard darf der Rhein, der hier «Waal» heisst, kontrolliert über die Ufer treten.   9
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Er ster Tag – Sü dholl a n d
u n d Z eel a n d

       Gegen das Meer

Warum die niederländische Küste einem
Verteidigungswall gleicht. Und was der
Gotthard an der Nordsee verloren hat.

Wir sitzen im Filmsaal, als plötzlich
ein Rumpeln und Rauschen herein-
dringt. Das muss das Unwetter sein,
früher und heftiger als angekündigt.
Peter Persoon, Informationsbeauf-
tragter des Maeslant-Sperrwerks, sagt
grinsend: «Willkommen in Holland!»
    Draussen weht es mir fast die Bril-
le weg. Man hat mir einen Schirm in
die Hand gedrückt – einen windschnit-
tigen, made in Holland, dem selbst die
stärkste Böe nichts anhaben kann. Von
den Einheimischen hat niemand einen
Schirm. Sie scheinen den Regen gar
nicht zu bemerken. «Ist das noch nor-
mal, oder ist das schon ein Sturm?»,
frage ich Persoon zwischen zwei Wind-
stössen. Der zuckt nur mit den Schul-
tern: «Könnte schlimmer sein.» Tat-
sächlich, es sollte noch schlimmer
kommen diese Woche.
    Ich bin gekommen, um zu erfah-
ren, wie man hier mit dem Klimawan-
del umgeht. Holland droht unterzuge-
hen. Schon heute liegt ein Viertel des
Landes unter dem steigenden Meeres-
spiegel, die Hälfte ist überschwem-
mungsgefährdet. Um zwanzig Zenti-
meter hat sich der Pegel der Nordsee in
den letzten hundert Jahren erhöht,
und mit dem Klimawandel wird er wei-
ter steigen, während zu allem Übel
gleichzeitig das Land absinkt.
    Als Binnenländer ist man ver-
sucht, den Meeresspiegel für eine fixe
Grösse zu halten, aber dem ist beileibe
nicht so, auch ganz ohne Klimawandel.
Wellen lassen das Wasser an- und ab-
schwellen, die Gezeiten zerren an ihm,
und der Wind vermag es bis zu einem
Meter zusätzlich in die Höhe zu trei-
ben. Geschieht dies alles gleichzeitig,
kann das Meer über die Ufer treten
und schlimmste Verheerungen anrich-
ten. Die Holländer sind seit Jahrhun-
derten gewohnt, sich dagegen zu weh-
ren. Die ganze Küste ist ein einziges
Bollwerk.

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Ein Teil dieses Verteidigungswalls          me, die stark genug waren, die Schlies-
liegt hier vor mir: das Maeslant-Sperr-     sung auszulösen. Der erste kam 2007.
werk, ein gewaltiges Tor im Hafen von       Der zweite am 3. Januar 2018: das
Rotterdam. Bei drohender Sturmflut          Sturmtief Burglind, das auch in der
schliesst es automatisch und schützt        Schweiz gewütet hat. An diesem Tag
die Stadt vor Überschwemmungen.             waren, zum ersten Mal überhaupt in
Dazu schwenken die beiden Flügel, die       der Geschichte des Landes, alle fünf
normalerweise an Land lagern, über          grossen beweglichen Sturmflut-Sperr-
die Wasserfläche und sinken dann zu         werke gleichzeitig geschlossen. Ein
Boden. Das Wasser ist an dieser Stelle      grosser Event, denn viele Holländer
17 Meter tief, das Tor 22 Meter hoch –      wollten ihre technischen Meisterwer-
das Wehr kann also Fluten von bis zu        ke sehen, wenn sie schon mal zum Ein-
fünf Metern Höhe standhalten, wie sie       satz kamen. «Wir hatten hier zehntau-
nur einmal in zehntausend Jahren vor-       send Zuschauer», sagt Persoon.
kommen. Jedenfalls bisher.                       Ziemlich cool, diese Holländer,
     Es ist eines der grössten bewegli-     finde ich. Offensichtlich haben sie vol-
chen Bauwerke der Welt, viermal so          les Vertrauen in ihre Technik. Trotz-
schwer wie der Eiffelturm. Ein fixes        dem war die Angelegenheit «nicht
Schutzwehr kam an dieser Stelle nicht       ganz ungefährlich», wie Persoon sagt.
infrage, weil dies den Schiffsverkehr       Nicht wegen drohender Überschwem-
im Rotterdamer Hafen, dem grössten          mungen. Sondern weil die Leute wild
Europas, behindern würde. Aus dem-          parkierten und kreuz und quer über
selben Grund ist das Tor auch so selten     stark befahrene Strassen und Schienen
wie möglich geschlossen. «Das ist eine      liefen.
der Schwierigkeiten», sagt Peter Per-            Ich möchte mehr sehen vom hol-
soon. «Wir brauchen den Schutzme-           ländischen Küstenschutz. Wir setzen
chanismus nur alle zehn Jahre, aber         uns ins Auto und fahren südwärts,
dann muss er funktionieren.»                über Dämme und Brücken, entlang an
     Tatsächlich gab es in mittlerweile     Dünen und Kanälen. Kaum ein Fle-
zwanzig Betriebsjahren nur zwei Stür-       cken hier ist naturbelassen. Mein
                                            Chauffeur und Reiseführer ist Ruud
                                            Staverman von der staatlichen Was-
Das schwenkbare Maeslant-Sperrwerk          serbehörde Rijkswaterstaat. Er fährt
schützt Rotterdam gegen die Sturmflut. Es   normalerweise Besucher aus den USA
ist viermal so schwer wie der Eiffelturm.   oder Asien herum – China, Südkorea,
                                            Bangladesh. Neulich war der burmesi-
                                            sche Vizepräsident hier, mit dem ging
Das gigantische Oosterschelde-              er auf eine Helikoptertour. «Immer
Sperrwerk in Zeeland, gewissermassen        wenn es irgendwo auf der Welt eine
der Gotthardtunnel der Niederlande.         grosse Flut gibt, kommen sie nachher
                                            zu uns, um zu schauen, wie wir es ma-
                                            chen», sagt Staverman.
                                                 Ich bin ein Exot hier. «Sie sind
                                            mein erster Schweizer», sagt Staver-
                                            man. Tatsächlich haben unsere beiden
                                            Länder auf den ersten Blick wenig ge-
                                            mein: Die Schweiz ist mit einer durch-
                                            schnittlichen Höhe von 1309 Metern
                                            das höchstgelegene Land Europas,
                                            Holland mit neun Metern das tiefste.
                                            Die Schweiz ist so etwas wie die Quel-
                                            le des Kontinents, Holland das Ab-
                                            flussrohr. Drei wichtige Flüsse mün-
                                            den hier ins Meer, der Rhein, die Maas
                                            und die Schelde, und machen das Land
                                            zu einem einzigen grossen Delta.
                                                 Und doch gibt es auch Verbinden-
                                            des. Zunächst einmal den Rhein, der in

                                                                                 11
Holland nimmt den Klimawandel sportlich, obwohl es unter dem Meeresspiegel liegt, die Flusspegel steigen, der Regen zunimmt, cloudfront.net
der Schweiz entspringt und in den Nie-     Über den sechs Kilometer langen            Eine Kombination aus Springflut und
derlanden endet. Wenn es bei uns           Brouwersdam erreichen wir die Pro-         Nordweststurm hatte den Meeresspie-
stark regnet oder viel Schnee schmilzt,    vinz Zeeland, die vor allem aus Inseln     gel um vier bis fünf Meter in die Höhe
dann haben die Holländer eine Woche        und Halbinseln besteht. Am Strassen-       gedrückt. Das Wasser kam nachts, die
später Hochwasser. Die beiden Natio-       rand haben sich riesige Pfützen gebil-     Menschen schliefen nichts ahnend.
nen teilen auch ihre Neigung zum           det, dahinter breitet sich ein endlos      «Es gab damals noch keine Warn-
technischen Pragmatismus. Die Prob-        langer Sandstrand aus. Im Sommer ist       dienste», sagt Ruud Staverman. «Das
leme werden angepackt – liefere statt      es hier angeblich gerammelt voll. Heu-     Radio hatte um Mitternacht zu senden
lafere. Die holländischen Hochschu-        te ruckelt nur ein einsamer Glacestand     aufgehört. Einzig die Bürgermeister
len sind hervorragend, jedenfalls die      im Wind. «Diese Landschaft sieht na-       hatten Warntelegramme erhalten, man
Ingeni­eurs-Abteilungen. Entspre-          türlich aus, aber das ist alles Men-       fand diese später teilweise ungeöff-
chend fortgeschritten ist man beim         schenwerk», sagt Ruud Staverman. Der       net.» Nach dieser Katastrophe ging ein
Küstenschutz.                              Brouwersdam wurde erst 1971 fertig-        Ruck durchs Land. «Wir sagten uns:
     Mehr noch: Die Holländer sind         gestellt. Wie das Maeslant-Sperrwerk       nie wieder!»
Weltmeister in der Prävention. Ideolo-     gehört er zu den sogenannten Delta-            Auf Anraten einer Expertenkom-
gische Auseinandersetzungen mag es         werken – ein System von Dämmen und         mission beschloss die Regierung den
durchaus auch hier geben, bei den          Wehren, das die ganze Südwestküste         Bau der Deltawerke. Wie im Norden
konkreten Massnahmen herrscht al-          vor der Gefahr des herandrängenden         wurden nun auch im Süden ganze
lerdings Konsens. Hochwasserschutz         Meeres schützt. Es wurde gebaut nach       Meeresarme abgeriegelt, Dämme auf-
ist in Holland schlicht eine Überle-       dem schwersten Sturm des 20. Jahr-         geschüttet, Flutwehre gebaut. Die Del-
bensfrage. Denn auch wer den Klima-        hunderts am 1. Februar 1953.               tawerke sind ein klassisches Produkt
wandel bestreitet, bekommt nicht gern           Die holländische Geschichte ist       aus dem Zeitalter des Fortschrittsglau-
nasse Füsse.                               voller tragischer Erfahrungen mit der      bens, eine Orgie aus Stahl, Beton, Stein

         97 Prozent der holländischen Teenager haben ein Schwimmdiplom.
         Es geht nicht ums Schönschwimmen, sondern ums Überleben im Wasser.

Der steigende Meeresspiegel und ver-       See. Schon im 10. Jahrhundert began-       und Sand. Bis heute handelt es sich um
heerende Stürme stärken nun auch in        nen sich die Küstenbewohner mit            das grösste Hochwasserschutzprojekt
anderen Weltregionen die Einsicht,         Schutzwällen zu wehren. Immer wie-         der Welt – die amerikanische Gesell-
dass etwas geschehen muss. Das hol-        der hat sich das Meer die Deiche ge-       schaft der Bauingenieure hat sie zu
ländische Wissen wird zunehmend zu         holt, doch stets hat man sie wieder auf-   einem der sieben modernen Weltwun-
einem Exportgut. Sandy, Katrina, Har-      gebaut. Allein im 13. Jahrhundert star-    der gewählt. Der Bau dauerte vierzig
vey: «In letzter Zeit interessieren sich   ben 150 000 Menschen in mehreren           Jahre und kostete mehr als fünf Mil-
vor allem die USA für unsere Erfah-        Sturmfluten.                               liarden Euro. Den Schlusspunkt setzte
rung und Technologie», sagt Ruud Sta-          Nach einer erneuten Katastrophe        das Maeslant-Sperrwerk, wo wir unse-
verman. «Die Amerikaner sind zwar          1916 beschloss man, nördlich von           re Reise heute begonnen hatten.
gut im Aufräumen, aber in der Präven-      Amsterdam einen ganzen Arm vom                  Der bei Weitem spektakulärste
tion sind wir besser.»                     Meer abzutrennen. Ein vergleichbares       und teuerste Teil ist aber das drei Kilo-
     Staverman beginnt vom Schwim-         Projekt hatte es weltweit noch nir-        meter lange Oosterschelde-Sturmflut-
men zu reden. Es scheint hier ein wich-    gends gegeben. Nach langer Planung         wehr, dem wir uns jetzt nähern. Die
tiges Thema zu sein, ich werde diese       wurde der sogenannte Abschluss-            weissen Zylinder, die von Weitem wie
Woche noch oft darauf angesprochen.        deich, der die Nordsee von dem neu         Schiffskamine aussehen, bilden die
Auch das hat mit dem holländischen         geschaffenen Ijsselmeer trennt, ab         Spitze von 65 gewaltigen Betonpfei-
Vorsorgedenken zu tun. 97 Prozent der      1927 in nur fünf Jahren aus dem Boden      lern, die im Meeresboden stecken.
Teenager haben ein Schwimmdiplom.          gestampft – eine Gewaltleistung, er-       Zwischen den Pfeilern befinden sich
Die Anforderungen für die Diplome          bracht mit sehr viel Handarbeit. Bis       tonnenschwere Stahltore, die bei Be-
wurden Anfang Jahr nochmals ver-           vor wenigen Jahren war der Abschluss-      darf, das heisst bei Sturm, einzeln ge-
schärft. Es geht dabei keineswegs um       deich mit seinen 32 Kilometern der         schlossen werden können.
Schönschwimmen, sondern um das             längste Damm der Welt.                          Weil es sich bei dem gewaltigen
                                                                                                                                  DA S M AG A Z I N N ° 08 — 2018

Überleben im Wasser: Wer das A-Dip-            Und er bewährte sich: Der Ab-          Wehr um ein Pionierwerk handelt,
lom machen will, der muss fähig sein,      schlussdeich hielt dem Jahrhundert-        konnte man die einzelnen Teile nicht
mit langer Hose und Langarmshirt zu        sturm 1953 stand. Dafür brachen im         einfach bestellen. Man musste Fabri-
schwimmen. Für das C-Diplom muss           Süden reihum die Dämme. Grosse Tei-        ken errichten, die sie herstellen konn-
man gar mit einer dicken Jacke durch       le Zeelands wurden überschwemmt,           ten, und Schiffe, die sie transportier-
ein Loch in einem Segel tauchen kön-       1836 Menschen starben, überdies            ten. Gebaut wurde unter schwierigsten
nen.                                       mehr als 200 000 Kühe, Pferde und          Bedingungen, bei Ebbe und Flut – und
                                           Schweine. Die Katastrophe hat das Be-      dennoch millimetergenau. «Ich bin
12                                         wusstsein der Holländer geprägt.           stolz darauf, wie die holländischen In-
Holland nimmt den Klimawandel sportlich, obwohl es unter dem Meeresspiegel liegt, die Flusspegel steigen, der Regen zunimmt, cloudfront.net
genieure das geschafft haben», sagt       Z w eiter Tag – Rot t er da m               Hühner halten? Kann ich ein Grün-
                                  Staverman. Mich erinnern die Hollän-                                                  dach mit Solarzellen kombinieren?
                                  der und ihr Meer auf einmal an den                    Unter null                      «Als schliesslich in der Lokalpresse
                                  Schweizer Umgang mit den Bergen:                                                      eine Diskussion darüber ausbrach, ob
                                  Sie stellen Dämme auf, wir bohren                                                     Schweine auf Dächern Höhenangst
                                  Tunnels. Das Oosterschelde-Wehr ist       Wie man die Nerven behält, wenn man         bekommen können, wusste ich: Das
                                  ihr Gotthard.                             sechs Meter unter dem Meeresspiegel lebt.   Programm ist erfolgreich.»
                                       In Stein gemeisselt, findet man am                                                   Der Stadt geht es um mehr als um
                                  Rand des Oosterschelde-Wehrs den          Vor den Bögen des Hofplein-Viadukts         Aufhübschung und Gemüsezucht: Be-
                                  Spruch: «Hier gaan over het tij de        fotografieren sich Touristen. Was an-       grünte Dächer halten mehr Regenwas-
                                  maan, de wind en wij.» Zu Deutsch:        dernorts keine Beachtung fände, ist         ser zurück. 25 Liter Wasser pro Quad-
                                  «Über die Gezeiten gebieten hier der      hier eine Besonderheit: Bis vor weni-       ratmeter können Pflanzen und Erde
                                  Mond, der Wind und wir.» Die Hollän-      gen Jahren habe hier niemand Selfies        speichern. 140 Liter sind es gar, wenn
                                  der bestimmen selber, wie viel Ebbe       gemacht, sagt Eveline Bronsdijk, eine       man unter dem Erdreich zusätzlich ein
                                  und Flut sie an ihren Küsten zulassen.    Mitarbeiterin der Stadt. Rotterdam          Auffangbecken anbringt. So entlastet
                                  Und sie sind dabei grosszügig: Wie in     war schmuddelig. Heute gilt es als          man die Kanalisation und bekommt
                                  Rotterdam stehen auch an der Ooster-      trendy. Das Viadukt gleicht dem Zür-        gleichzeitig einen Wasserspeicher für
                                  schelde die Stahltore meist offen.        cher Lettenviadukt: In den Bögen            den Garten. Überdies kühlt verduns-
                                       Ursprünglich sollte hier ein ge-     unter der Bahnlinie haben sich Läden        tendes Wasser die Luft über den Dä-
                                  schlossener Damm entstehen, der den       und Bars eingerichtet, im Vorbeigehen       chern – ein Aspekt, der im Sommer im-
                                  Meeresarm komplett abgeschnitten          weist Bronsdijk auf ein Restaurant hin,     mer wichtiger wird.
                                  hätte. Er war schon einige Jahre im       das zwei Michelin-Sterne hat.                   Die neueste Entwicklung heisst
                                  Bau, als die Regierung vor dem Protest         Auf dem gestrigen Roadtrip hatte       «Slimdak»: «Schlaues Dach». Dabei
                                  von Fischern und Umweltschützern          ich mich davon überzeugt, wie gut die       übernimmt ein wettersensibler Com-
                                  kapitulierte.                             Küstengebiete gegen Sturmfluten ge-         puter die Steuerung. Ist Starkregen an-
                                       Die Trennung vom Meer hätte das      feit sind. Rotterdam hat mit der zwei-      gesagt, so leert das Dach rechtzeitig
                                  Ende bedeutet für das artenreiche         flügeligen Maeslant-Sperre sogar sei-       seine Speicher, um genug Platz für das
                                  Salzwasserbiotop und die Austern-         nen ganz persönlichen Schutzengel.          neue Wasser zu haben.
                                  zucht in der Bucht. Die Arbeiten wur-     Doch für die Stadt ist das Meer nur             Arnoud Molenaar empfängt mich
                                  den gestoppt, ein neues Projekt ent-      eine Bedrohung von vielen. So ver-          im 34. Stock des «De Rotterdam», ein
                                  worfen. Und tatsächlich gelang es, die    zeichnet Holland schon heute einen          340-Millionen-Bau des Stararchitek-
                                  unterschiedlichsten Anliegen unter        klaren Trend zu mehr Extremregen-           ten Rem Koolhaas. Es ist zwar nicht
                                  einen Hut zu bringen. Heute schützt       fällen. Rotterdam ist besonders anfäl-      das höchste, aber mit seinen drei Büro-
                                  das Werk zuverlässig vor Stürmen – die    lig für Überschwemmungen – und              türmen das grösste Gebäude der Nie-
                                  Bucht hat aber weiterhin Kontakt zum      wehrt sich an allen Ecken und Enden         derlande. Heute haben wir eine herrli-
                                  offenen Meer. So konnte sie ihren ein-    dagegen. Das beginnt schon auf den          che Sicht bis nach Den Haag. In einem
                                  maligen Charakter behalten. Das Oos-      Dächern.                                    Sturm wie gestern kann es hier oben
                                  terschelde-Sperrwerk ist darum auch            Wir steigen auf den ehemaligen         ganz schön schaukeln: «Die Lampen
                                  das Symbol des Aufbruchs in ein neu-      Bahnhof Hofplein. Die Gärten, die wir       pendelten wie bei einem Erdbeben»,
                                  es, sanfteres Zeitalter.                  hier sehen, sind Teil eines Programms       sagt Molenaar. «Mir hat es nichts aus-

                                           Es kommt von allen Seiten: Von vorne droht das Meer, von hinten strömt
                                           der Fluss, von oben prasselt der Regen, von unten drückt die Kanalisation.

                                                                            zur Dachbegrünung. Rotterdam hat            gemacht, aber manche Kollegen ver-
                                                                            fast 15 Quadratkilometer Flachdächer        zogen sich in die unteren Etagen, weil
                                                                            – eine Folge davon, dass die Nazis die      ihnen schlecht wurde.»
                                                                            Altstadt 1940 innert Minuten kom-                Molenaars Robustheit passt zu sei-
                                                                            plett zerbombten. Nach dem Krieg            nem Amt: Er ist «Chief Resilience Offi-
                                                                            baute man sie bewusst modern wieder         cer» der Stadt, was man mit «Belast-
DA S M AG A Z I N N ° 08 — 2018

                                                                            auf. Das Ziel der Stadtbehörden ist es,     barkeitsmanager» übersetzen könnte.
                                                                            einen Quadratkilometer Dächer zu be-        Sein Job hat sich entwickelt: Zuerst war
                                                                            grünen und zu nutzen, ein Viertel da-       er nur für das Wasser zuständig, dann
                                                                            von ist schon geschafft.                    für das Klima und jetzt eben für die so-
                                                                                 «Anfangs waren die Hausbesitzer        genannte Resilienz – ein Modebegriff,
                                                                            skeptisch», sagt Eveline Bronsdijk. Als     der die Fähigkeit eines Systems um-
                                                                            die Stadt ein Modelldach eröffnete,         schreibt, sich nach einer Störung wie-
                                                                            wuchs das Interesse, und dann kamen
                                                                            die Anfragen: Kann man da oben auch                                              13
Holland nimmt den Klimawandel sportlich, obwohl es unter dem Meeresspiegel liegt, die Flusspegel steigen, der Regen zunimmt, cloudfront.net
der zu stabilisieren. «Unser Ansatz ist     Pavillon gibt es bereits, ein schwim­
immer ganzheitlicher geworden», sagt        mender Bauernhof soll dieses Jahr da­
er. «Rotterdam soll klimafest sein, das     zukommen. Häuser auf Wasser sind
ist immer noch wichtig. Aber gleich­        nichts Neues; das Besondere ist, dass
zeitig müssen wir uns auch gegen Cy­        sie hier den Gezeiten ausgesetzt sind.
berangriffe wappnen, die Energiewen­        Sie müssen täglich Schwankungen von
de bewältigen und den sozialen Zu­          anderthalb Metern mitmachen und
sammenhalt stärken.»                        gleichzeitig sturmsicher sein. Für Rot­
     Die grösste Herausforderung ist        terdam wäre ein schwimmendes Quar­
jedoch noch immer das Wasser. Es            tier ein weiteres Vorzeigeprojekt. An­
kommt hier von vier Seiten: Von vorne       dernorts aber könnte die Technik
droht das Meer, von hinten strömt der       überlebensnotwendig sein. Etwa in Ja­
Fluss, von oben prasselt der Regen,         karta, das wegen Grundwasserent­
von unten drückt die Kanalisation.          nahmen jährlich um zehn Zentimeter
«Achtzig Prozent der Stadtfläche lie­       sinkt und gleichzeitig rasch expan­
gen unter dem Meeresspiegel», sagt          diert. Holländische Firmen strecken
Molenaar. «Die tiefsten Stellen liegen      bereits ihre Fühler aus.
bei minus sechs, die höchsten bei plus           Der Eindruck, den ich hier bekom­
sechs Metern.»                              me: Mit viel Technik und guter Politik
     Für einen Schweizer gewöhnungs­        ist alles machbar. Ich habe auch keinen
bedürftig ist die Tatsache, dass sich die   Zweifel, dass Rotterdam die Anpas­
höchstgelegenen Gebiete der Stadt           sung an den Klimawandel stemmt.
ausgerechnet am Fluss befinden,             Was mich mehr stört: Von Vermeidung
einem Arm des Rheins. Für Holland ist       spricht hier niemand. Rotterdam hat
das aber typisch. Und es ist logisch,       kürzlich sein hochtrabendes Ziel, den
denn ein Fluss braucht ein gewisses         CO2-Ausstoss bis 2025 zu halbieren,
Gefälle, damit er ins Meer fliessen         auf unbestimmte Zeit verschoben. An­
kann. Doch Molenaars grösste Sorge          passung bedeutet Ackern. Vermei­
ist nicht der Fluss, sondern der Regen.     dung würde Verzicht erfordern. Das
Rotterdam ist wie eine Badewanne            fällt den Menschen schwerer.
ohne Ablauf. Jeder Tropfen Regen,
jede Ladung Spülwasser muss aus den
tief gelegenen Gebieten in den Fluss        Um die Fluten zu bändigen, hat man
hochgepumpt werden. Mehr als tau­           in Rotterdam mehrere «Wasserplazas»
send Pumpen sind im Einsatz.                gebaut, in denen sich das
                                            Regenwasser sammeln kann.
     Bei starkem Regen ist das System
rasch überfordert, es kommt zu loka­
len Überschwemmungen. «Darum                Der Pegel steigt, das Land senkt sich.
arbeiten wir daran, die Speicherfähig­      Doch die Holländer haben sich
keit der Stadt zu erhöhen», sagt Mole­      seit Jahrhunderten gegen das Wasser zu
                                            wehren gewusst.
naar. «Wir brauchen mehr Fläche, die
wir kontrolliert überschwemmen kön­
nen.» Ein wichtiges Element sind da­
bei die wasserspeichernden Gründä­
cher. Es gibt aber auch Räume in Tief­
garagen, die gefüllt werden können,
und mittlerweile vier Wasserplazas –
grosse Becken auf öffentlichen Plät­
zen, die das Wasser der Umgebung
auffangen. Sie sind eine Aufwertung
für die betroffenen Quartiere, denn
wenn es trocken ist, kann man darin
Theater oder Basketball spielen.
     Der Resilienzmanager hat noch
viele Ideen. «Mein Traum ist es, hier
unten im kleinen Hafen schwimmen­
de Büros einzurichten.» Die Technik
dazu existiert – einen schwimmenden

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Holland nimmt den Klimawandel sportlich, obwohl es unter dem Meeresspiegel liegt, die Flusspegel steigen, der Regen zunimmt, cloudfront.net
Dr itter Tag – Noor dwa a r d

        Mit dem Wasser

Warum die Holländer begannen, die
Deiche entlang ihrer Flüsse zu verkleinern,
statt sie immer weiter zu vergrössern.

Eingangs des Noordwaard-Polders
halten wir ein erstes Mal an. Eine faszi-
nierende Landschaft tut sich auf: weit
und flach, halb unter Wasser stehend;
Wolkenschatten laufen geschwind da-
rüber. Hans Brouwer, ein altgedienter
Mitarbeiter der staatlichen Wasserbe-
hörde, ist überrascht: «So viel Wasser
heute, hätte ich nicht gedacht! Es ist
unberechenbar, die Landschaft sieht
jedes Mal anders aus.»
     Ich hatte am ersten Tag gesehen,
wie sich die Holländer vor dem Meer
schützen. Am zweiten, wie sie mit gros-
sen Regenmengen umgehen. Heute
sind die Flüsse dran. Denn auch sie
können das Land überschwemmen.
Für die Zukunft erwartet man grösse-
re, wenn auch nicht unbedingt häufi-
gere Hochwasser. Hier im Noord-
waard-Polder möchte ich sehen, wie
man eine Landschaft so gestaltet, dass
sie mehr Wasser schlucken kann.
     «Polder» ist ein altes Wort, das im
Bewusstsein der Holländer einen
wichtigen Platz einnimmt. Es bezeich-
net ein Stück Land, das durch Deiche
vor Flüssen und Meer geschützt ist.
Die ersten Polder entstanden vor mehr
als tausend Jahren. Oft auf Sumpfland,
das man, um es landwirtschaftlich zu
nutzen, permanent entwässern muss-
te – dazu dienten die vielen Windmüh-
len, die die Wiesen trocken pumpten.
Doch das entwässerte Land sackt ste-
tig ab, über die Jahrhunderte haben
viele Gebiete fünf Meter Höhe verlo-
ren. Dieser Prozess geht weiter und
lässt sich durch nichts aufhalten. Heu-
te pumpen die Niederländer täglich so
viel Wasser aus ihren Poldern, wie die
Region Tokio in einem Jahr verbraucht.
     So erklärt sich die «verkehrte
Landschaft», die ich gestern auch in
Rotterdam gesehen hatte: Die Fluss-
betten liegen oft mehrere Meter über
dem umliegenden Land, und es
braucht immer höhere Deiche, um die-
ses vor Überschwemmungen zu schüt-

                                        15
Holland nimmt den Klimawandel sportlich, obwohl es unter dem Meeresspiegel liegt, die Flusspegel steigen, der Regen zunimmt, cloudfront.net
zen. Doch im Noordwaard-Polder, vor        sinkt der Flusspegel im nahen Städt-       Brouwer eine lokale Version des Vater-
dem wir jetzt stehen, ist alles anders.    chen Gorinchem um dreissig Zenti­          unsers:
Er wurde – eine sprachliche wie ge-        meter. Für das Leben im Noordwaard              «Gib uns heute unser täglich Brot
dankliche Neuschöpfung – «entpol-          hat dies drastische Folgen: Wegen der           Und ab und zu eine Wassernot.»
dert». Die Überschwemmung ist hier         regelmässigen Überschwemmungen                  Natürlich habe es gegen «Raum
kein Unglück, sondern Absicht.             ist Landwirtschaft nur noch bedingt        für den Fluss» auch Widerstand gege-
     «Nach dem Schock von 1953 ha-         möglich. Die Hälfte der Familien ist       ben. «Jedes einzelne Projekt bedeu­tete
ben wir uns vierzig Jahre lang nur auf     weggezogen, manche Häuser wurden           zehn Jahre Diskussionen», sagt Brou-
die Gefahren des Meeres konzent-           abgerissen.                                wer. «Ich hätte auch keine Freude,
riert», sagt Brouwer. «Dank der Delta-          Wir fahren weiter in den Noord-       wenn bei mir die Regierung klingeln
werke fühlten wir uns schliesslich eini-   waard hinein. Sehen halb wilde Pferde      würde und sagte: Sorry, Ihr Haus wird
germassen sicher – dann kamen 1993         und eine Herde Wasserbüffel. Wo sie        zum Wohl der Allgemeinheit abgeris-
und 1995 zwei Jahrhunderthochwas-          grasen, wachsen keine Bäume nach.          sen.» Die Akzeptanz des Programms
ser an der Maas und am Rhein.» Be-         Dann ein einsamer Bauernhof, der           stieg mit der Zeit, weil man den Leuten
sonders 1995 ging man nur haarscharf       aussieht, als stünde er auf einer Insel.   zuhörte und ihnen Möglichkeiten er-
an einer Katastrophe vorbei, 250 000       «Wo ist denn das zugehörige Land?»,        öffnete. So konnte etwa jeder Betroffe-
Menschen wurden evakuiert. «Der            frage ich. «Momentan unter Wasser»,        ne sein Haus zum Marktpreis an die
erste Gedanke danach war, die Deiche       sagt Brouwer. Im Rahmen der Entpol-        Regierung verkaufen. «Heute finden
zu verstärken, so wie wir es immer ge-     derung habe man das Bauernhaus auf         die meisten, es habe sich gelohnt, auch
tan hatten.» Doch unter dem Einfluss       eine sogenannte Terpe verschoben,          wegen der attraktiven Landschaft, die
der Umweltbewegung setzte ein Um-          auf einen eigens aufgeschütteten Flut-     wir geschaffen haben.» Hier ist es wie-
denken ein. Schliesslich entwickelte       hügel. Es handelt sich um eine uralte      der, das holländische Erfolgsrezept,
man einen revolutionären Plan: Die         holländische Bautechnik – schon vor        von dem mir auch die Rotterdamer er-
Deiche sollten nicht erhöht, sondern       zweitausend Jahren, lange vor dem Er-      zählt hatten: Die Bevölkerung einbin-
an manchen Stellen gezielt verkleinert     richten der ersten Deiche, haben sich      den. Dafür sorgen, dass es hübsch aus-
werden.                                    die Bauern an der Küste so vor Über-       sieht. Dann sind alle zufrieden.
     «Raum für den Fluss» hiess das        schwemmungen geschützt.                         Insgesamt ist «Raum für den
beschlossene Programm. Die Idee da-             «Wir haben mit Terpen begonnen,       Fluss» ein grosser Erfolg. Das hollän-
hinter ist die gleiche wie bei den Was-    und jetzt kehren wir zu den Terpen zu-     dische Flusssystem kann heute eine
serplazas in Rotterdam: Wenn man           rück», sagt Hans Brouwer. Es sei leider    Million Liter Wasser pro Sekunde
das Hochwasser gezielt auf Schwemm-        viel altes Wissen verloren gegangen.       mehr aufnehmen als vorher – das ist so
flächen leitet, richtet es andernorts      «Das Parterre der alten Häuser im          viel, wie der Rhein bei Basel normaler-
keinen Schaden an. «Siebenhundert          Noordwaard war stets aus Stein ge-         weise führt. «Es funktioniert, es ist
Jahre lang haben wir immer nur ge-         macht, mit breiten Treppen zum ers-        schön, und ich bin stolz darauf», sagt
kämpft gegen das Wasser», sagt Hans        ten Stock, damit man bei einer Über-       Brouwer. Das Budget von 2,3 Milliar-
Brouwer. «Jetzt wollen wir mit ihm ko-     schwemmung die Vorräte und Möbel           den Euro habe man – in Holland eine
operieren.»                                rasch in Sicherheit bringen konnte.»       Sensation – sogar um ein paar Dutzend

         Das holländische Erfolgsrezept: Die Bevölkerung einbinden.
         Dafür sorgen, dass es hübsch aussieht. Dann sind alle zufrieden.

Tönt ein wenig esoterisch, denke ich.      Die neuen Häuser hingegen bestehen         Millionen unterschritten. Theoretisch
Doch wer glaubt, die Holländer wür-        durchgehend aus Holz. «Nach dem            ist das Programm mittlerweile abge-
den einfach die Natur machen lassen,       Hochwasser von 1993 haben sich diese       schlossen. In der Praxis geht es weiter,
liegt falsch: Auch in diesem Programm      Leute gesagt: Egal, so etwas gibt es ja    neue Projekte sind aufgegleist. «Hoch-
operieren sie in grossem Massstab mit      nur alle 250 Jahre.» Doch schon 1995       wasserschutz ist, wie sein Haus an-
Baggern und Beton. Allein hier im          kam die nächste, noch grössere Flut.       streichen. Wenn man zu Ende ist,
Noordwaard, einem der grössten Teil-           Die Schutzmassnahmen der letz-         muss man wieder von vorn beginnen.»
projekte, hat man 300 Millionen Euro       ten Jahrzehnte, allen voran die Delta-
verbaut: Deiche versetzt oder niedri-      werke, sind ungeheuer erfolgreich.
                                                                                                                                 DA S M AG A Z I N N ° 08 — 2018

ger gemacht, 33 Brücken und 50 Kilo-       Seit 1953 ist in Holland kein einziger
meter Strassen gebaut, einen neuen         Mensch mehr bei einem Hochwasser
Seitenarm für die Waal geschaffen,         ertrunken. «Das ist natürlich toll, aber
wie der Rhein hier heisst.                 anderseits hat es auch das Gefahren-
     Bei Hochwasser fliesst nun ein Teil   bewusstsein ein wenig getrübt», sagt
der Waal über die Deiche in den ent-       Brouwer. Der Schreck, den die Beinahe-
polderten Polder hinein – dadurch          Katastrophe von 1995 den Leuten ein-
                                           jagte, habe darum auch etwas Heilsa-
16                                         mes gehabt. Und lachend rezitiert
Holland nimmt den Klimawandel sportlich, obwohl es unter dem Meeresspiegel liegt, die Flusspegel steigen, der Regen zunimmt, cloudfront.net
V ierter Tag – Delf t               schüttet hat. Um ihren Zweck zu erklä-    Meer und machen halsbrecherische
                                                                            ren, beginnt Aarninkhof zu zeichnen.      Luftmanöver. In einer Pfütze entde-
                                         Mit Sand gebaut                    Er skizziert eine Küstenlinie, die aus-   cken wir zwei Sanderlinge, herzige
                                                                            sieht wie das Maggiadelta im Lago         kleine Watvögel. Das Konzept, hier
                                                                            Maggiore: «So sieht eine Flussmün-        nicht nur die Küste zu schützen, son-
                                  Wieso die See nicht nur steigt, sondern   dung natürlicherweise aus. Beim Ein-      dern gleichzeitig auch die Umwelt und
                                  auch an Hollands Küsten nagt – und was    tritt ins Meer lagern sich Sand und       den Tourismus zu fördern, scheint auf-
                                  ein Sandmotor dagegen tun kann.           Schwebeteilchen ab, die der Fluss         zugehen.
                                                                            transportiert.» Meeresströmungen              Paul Drenth weist auf Zonen hin,
                                  Heute kommen mir Zweifel an der viel      wiederum verteilen das Material an        wo der Wind grosse Mengen feiner
                                  gepriesenen «Resilienz», an der Wi-       den Stränden nördlich und südlich des     Sandkörner über den Strand treibt.
                                  derstandskraft der Niederlande. Ich       Deltas. So bleibt die Küste erhalten.     «Das ist genau, was wir haben wollen.
                                  möchte mit dem Zug von Rotterdam               In Holland ist dieser Prozess        Der Sand wird auf die Dünen geweht
                                  ins Städtchen Delft fahren, normaler-     unterbunden: Die Flussmündungen           und verstärkt sie so.» In seiner Master-
                                  weise eine Sache von zehn Minuten.        sind alle verbaut, unter anderem durch    arbeit will er diese Transporte genau
                                  Ein starker Sturm war angekündigt,        die Deltawerke. Den Küsten fehlt es       quantifizieren. Wie viel Sand treibt die
                                  und dass einzelne Verbindungen ge-        aus diesem Grund an Nachschub. Um         Strömung nach Norden, wie viel nimmt
                                  strichen würden, war mir bewusst.         dies auszugleichen, pumpt man hier        der Wind mit, wie viel geht verloren?
                                  Nun aber dies: «Keine Züge. Dauer un-     regelmässig gigantische Mengen Sand       So viel kann Drenth schon sagen:
                                  bekannt.» Weitere Informationen sind      an die Strände.                           «Grundsätzlich funktioniert das Kon-
                                  am Rotterdamer Zentralbahnhof nicht            Das funktioniert. Aber es ist auf-   zept des Sandmotors, die Küste wird
                                  zu erhalten, die Taxis alle schon weg.    wendig, und mit dem Meeresspiegel-        genährt.» Tage wie der heutige seien

                                           Mir kommen Zweifel an der Widerstandskraft der Niederlande. Ein Sturm
                                           war angekündigt. Nun die Information: «Keine Züge. Dauer unbekannt.»

                                  Da erinnere ich mich, etwas von einem     anstieg braucht es immer mehr Sand.       dabei entscheidend: «Mehr als die
                                  Stadtbus gelesen zu haben, der auf        Ausserdem bringt es jedes Mal das lo-     Hälfte des Sandtransports findet wäh-
                                  Nebenstrassen nach Delft fährt. Und       kale Ökosystem durcheinander. Daher       rend weniger starker Stürme statt.»
                                  tatsächlich, der Bus hält den Betrieb     die Idee mit der künstlichen Halbinsel.       Weit kommen wir bei unserem
                                  aufrecht. Als ich an der Technischen      Sie ist so platziert, dass Meeresströ-    Spaziergang nicht, da sich am Strand
                                  Universität Delft ankomme, ist der        mungen und Wind den Sand weit her-        viele Bächlein und Lachen gebildet ha-
                                  Sturm Friederike auf seinem Höhe-         um verteilen. «Auf diese Weise imitie-    ben. Aber als gefährlich empfinde ich
                                  punkt. Neben dem Gebäude für Erd-         ren wir den Prozess, der natürlicher-     die Situation nie. Umso überraschter
                                  wissenschaften hat ein umgeblasener       weise an Küsten stattfindet», sagt        bin ich, als ich, zurück in Delft, erfah-
                                  Baum zwei Autos zerdrückt. Stefan         Stefan Aarninkhof. Zwar war der Bau       re, dass noch immer kein Zug fährt.
                                  Aarninkhof, Professor für Küstenbau,      des Sandmotors ein Kraftakt – aber da-    Mehr noch: Die niederländischen Bah-
                                  empfängt mich trotz meiner grossen        für bleiben zwanzig Kilometer Küste       nen haben den Betrieb auf dem gesam-
                                  Verspätung. Meine Frage, ob es sinn-      zwanzig Jahre lang erhalten, ohne dass    ten Netz komplett eingestellt, wegen
                                  voll sei, an einem Tag wie diesem an      der Mensch eingreifen muss. Eine          der zahlreichen Bäume auf ihren
                                  die Küste zu fahren, wischt er mit        Weltpremiere.                             Schienen.
                                  einem Lachen weg: «Dann bekommen               Aarninkhof spricht in diesem Zu-         Offenbar habe ich das Ausmass
                                  Sie wenigstens etwas zu sehen!» Unsi-     sammenhang von «Bauen mit der Na-         des Sturms, des achtstärksten der letz-
                                  cher lache ich mit. So ganz habe ich      tur». Das Schlagwort umschreibt           ten fünfzig Jahre, nicht richtig mitbe-
                                  mich noch nicht an die holländische       einen Paradigmenwechsel, der sich         kommen. Auch manche Fähren und
                                  Coolness gewöhnt.                         schon mit «Raum für den Fluss» ab-        Trams fahren nicht, auf den Autobah-
                                       Heute widme ich mich ein zweites     zeichnete: Man will nicht mehr gegen      nen herrscht Dauerstau, Flüge wurden
                                  Mal dem Meer. Wie man sich vor            natürliche Prozesse ankämpfen, son-       gestrichen. Die Feuerwehr ist 10 000-
                                  Sturmfluten schützt, weiss ich bereits.   dern auf sie Rücksicht nehmen, sie im     mal ausgerückt, zwei Männer wurden
                                  Es gibt aber noch ein weniger spekta-     Idealfall sogar für seine Zwecke nut-     von Bäumen erschlagen. An der Küste
DA S M AG A Z I N N ° 08 — 2018

                                  kuläres, langfristig aber genauso ge-     zen. Statt Beton sind heute weiche Lö-    vor Rotterdam mass man Windge-
                                  fährliches Problem: Erosion. Welle für    sungen gefragt, die sich von selbst an    schwindigkeiten von mehr als 140 Ki-
                                  Welle wird die Küste abgetragen. Ich      künftige Veränderungen anpassen.          lometern in der Stunde. Mancherorts
                                  will erfahren, wie man sich dagegen            Paul Drenth, ein Masterstudent       konnte man nicht ohne Schutzbrille an
                                  wehrt.                                    von Stefan Aarninkhof, fährt mit mir      den Strand.
                                       Mein Interesse gilt dem Sandmo-      zum Sandmotor hinaus. Der Wind ist            Meine Stimmung schwankt zwi-
                                  tor: einer künstlichen Halbinsel aus      ein wenig abgeflaut, braust uns aber      schen Abenteuerfieber und Verwun-
                                  gut 21 Millionen Kubikmetern Sand,        immer noch gehörig um die Ohren. Ein
                                  die man 2011 im Meer vor Delft aufge-     paar Kitesurfer rasen über das tosende                                          17
derung – darüber, wie wenig es              Fünfter Tag – Den H a ag                    be ist es zu überlegen, wie Holland im
braucht, das System zum Erliegen zu                                                     Jahr 2050 oder 2100 aussehen könnte
bringen. Gewiss, das war ein schwerer      Zwei Meter gehen noch                        – in Abhängigkeit der Stärke des Kli-
Sturm, aber gehört es denn nicht zur                                                    ma- und Bevölkerungswandels», sagt
Kernkompetenz der Holländer, gegen                                                      van Alphen.
solche Ereignisse gerüstet zu sein?      Warum die Holländer cool bleiben. Und               Der Kommissär ist nicht nur Leiter
Meine Zweifel verstärken sich, als mir   was die Gletscher der Schweiz mit den Pol-     einer Denkfabrik. Er verfügt über ein
mehrere Gesprächspartner erzählen,       dern in den Niederlanden zu tun haben.         Budget von einer Milliarde Euro pro
dass auch bei ein paar Zentimetern                                                      Jahr. Mit dem Geld soll Holland fit ge-
Schnee in Holland regelmässig alles      Den Haag, das Verwaltungszentrum               macht werden für die heissere, nässere
stillsteht. Hier könnten die Präven-     der Niederlande, ist ähnlich urban wie         Zukunft. Man setzt dabei im Wesent­
tionsweltmeister noch etwas von der      Rotterdam. Mitten durch die Bahn-              lichen die Massnahmen fort, die den
Schweiz lernen.                          hofshalle führt eine Tramlinie auf Be-         Hochwasserschutz in letzter Zeit so er-
                                         tonpfeilern. In der Nähe residiert der         folgreich gemacht haben: Erneut will
                                         Deltakommissär, im Bürohochhaus                man die Deiche und Schutzbauten sys-
                                         «Zurichtoren». Meine anfängliche Be-           tematisch renovieren und verstärken.
                                         geisterung schwindet etwas, als ich er-        Allein die Generalüberholung des in-
                                         fahre, dass nicht die Stadt Zürich die         zwischen 86-jährigen Abschlussdeichs
                                         Taufpatin war, sondern die gleichna-           wird fast eine Milliarde verschlingen.
                                         mige Versicherung.                             Auch den Flüssen soll abermals mehr
                                             Meine ersten vier Tage hatte ich           Raum gegeben werden. «Wir gehen
                                         erkundet, wie Holland bisher mit den           davon aus», so van Alphen, «dass sie
                                         Naturgewalten umgeht. Nun will ich             bis Ende des Jahrhunderts im Extrem-
                                         wissen, was die Zukunft bringt. Mein           fall nochmals zwei Millionen Liter
                                         Gesprächspartner ist Jos van Alphen,           Wasser pro Sekunde mehr schlucken
                                         Mitglied im Expertenstab des Delta-            können müssen.» Also zweimal den
                                         kommissärs. Die Regierung hat diese            Rhein bei Basel. Zusätzlich.
                                         Stelle 2010 geschaffen, als Antwort                 Die Institution des nationalen Del-
                                         auf den Klimawandel. «Unsere Aufga-            takommissärs passt gut in die hollän-

                                                                                          LEITTHEMA 2018

                                                                                      Gartenträume
                                                                                      auf wenig Raum.
                                                                                     Tauchen Sie ein in die 1:1-Gartenbei-
                                                                                    spiele der besten Gartendesigner
                                                                                    der Schweiz. Dank überraschender
                                                                                   Gestaltung und durchdachter Ein-
                                                                                  richtung entstehen auch auf wenig
                                                                                 Raum grosse Gärten.
                                                                                 giardina.ch/tickets
dische Tradition. Das kleine Team in                        möglicht ein weit in die Zukunft ge-                                                                                                                                                                                                                                             Modell ist ein Vorbild für die Welt.
Den Haag erteilt keine Befehle, son-                        richtetes Denken – für den Schutz vor                                                                                                                                                                                                                                            Dennoch ist es gefährdet. Seit etwa
dern koordiniert Massnahmen – die                           Naturgefahren unabdingbar.                                                                                                                                                                                                                                                       zwei Jahren mehren sich die Hinweise,
eigentliche Arbeit wird lokal von Be-                           Aber wie lange kann Holland so                                                                                                                                                                                                                                               dass der Klimawandel womöglich
hörden, Firmen und Wissenschaftlern                         weitermachen? Noch recht lange, mei-                                                                                                                                                                                                                                             drastischer ausfällt als erwartet. Neue
geleistet. Wie hatte gestern der Profes-                    nen die meisten Experten. Jedenfalls                                                                                                                                                                                                                                             Studien deuten darauf hin, dass das Eis
sor für Küstenbau gemeint? Eine zent-                       wenn man weiter die Küste nährt, die                                                                                                                                                                                                                                             der Antarktis viel rascher zerfallen
rale staatliche Kontrolle nach dem                          Deiche stärkt, Städte und Polder ent-                                                                                                                                                                                                                                            könnte als bislang angenommen. Dies
Motto «Die Pläne müssen eingehalten                         wässert. «Wir rechnen mit maximal                                                                                                                                                                                                                                                würde den Anstieg des Meeresspiegels
werden», wie sie beispielsweise in                          einem Meter Meeresspiegelanstieg bis                                                                                                                                                                                                                                             in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts
Deutschland gepflegt werde, führe zu                        2100», sagt van Alphen. «Das können                                                                                                                                                                                                                                              massiv beschleunigen. Im schlimms-
schlechteren Resultaten.                                    wir gut bewältigen. Auch zwei Meter                                                                                                                                                                                                                                              ten Fall könnte die Nordsee bis 2100
     Ein weiterer Erfolgsfaktor ist fi-                     gehen noch.» Neue Lösungen werde es                                                                                                                                                                                                                                              um zwei bis drei Meter ansteigen, bis
nanzielle Unabhängigkeit: Das Pro-                          allenfalls in der Landwirtschaft brau-                                                                                                                                                                                                                                           2200 um acht Meter.
gramm des Deltakommissärs ist zwar                          chen, weil das nachstossende Grund-                                                                                                                                                                                                                                                   Meine unter der Woche gewonne-
auf Regierungsebene angesiedelt, wird                       wasser immer salziger wird. «Wir ex-                                                                                                                                                                                                                                             ne Zuversicht, dass die Holländer das
aber durch einen Spezialfonds finan-                        perimentieren derzeit mit salzresis-                                                                                                                                                                                                                                             schon schaffen werden mit dem Kli-
ziert. «Die Idee war, es nicht dem Ge-                      tenteren Gemüsesorten», sagt Jos van                                                                                                                                                                                                                                             mawandel, schwindet am Ende ein
zerre der Tagespolitik auszusetzen»,                        Alphen. Auch ein potenzieller Wasser-                                                                                                                                                                                                                                            wenig angesichts der drastischen Sze-
sagt Jos van Alphen. Dieses Vorgehen                        konflikt mit der Schweiz ist nicht aus-                                                                                                                                                                                                                                          narien. Die Schweiz wird sich mit
hat bei den Holländern Tradition: Sie                       geschlossen: Wenn eines Tages die                                                                                                                                                                                                                                                schneefreien Skigebieten und verdorr-
praktizieren es seit Jahrhunderten in                       Gletscher geschmolzen sind und die                                                                                                                                                                                                                                               ten Böden herumschlagen müssen,
den Wasserschaften – uralten demo-                          Sommer immer trockener werden,                                                                                                                                                                                                                                                   schlimm genug. Aber verglichen mit
kratischen Institutionen, vergleichbar                      braucht es wohl internationale Verein-                                                                                                                                                                                                                                           dem, was auf die Holländer zukommt,
den Schweizer Alpkorporationen, die                         barungen über die Nutzung des weni-                                                                                                                                                                                                                                              ist das ein Kinderspiel.
sich um den Unterhalt der Deiche und                        gen verbleibenden Rheinwassers.
die Entwässerung der Polder küm-                                Das über Jahrhunderte an zahlrei-                                                                                                                                                                                                                                             M AT H I A S PLÜ S S schreibt regelmässig
mern. Die Wasserschaften dürfen so-                         chen Katastrophen geschulte Denken                                                                                                                                                                                                                                                           für «Das Magazin»;
gar eigene Steuern erheben. Dies er-                        hat die Holländer cool gemacht. Ihr                                                                                                                                                                                                                                                    mathias.pluess@bluewin.ch

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                Herausgeberin der Cumulus-Mastercard ist die Cembra Money Bank AG.
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