Irrelevant trotz Systemrelevanz? - Frauen- und Gleichstellungs-politik in der Krise - DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO, DIGITAL ...

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Irrelevant trotz Systemrelevanz? - Frauen- und Gleichstellungs-politik in der Krise - DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO, DIGITAL ...
Irrelevant
trotz Systemrelevanz? –
Frauen- und Gleichstellungs-
politik in der Krise

DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO,
DIGITAL DURCHGEFÜHRT AM 08.12.2020
Irrelevant trotz Systemrelevanz? - Frauen- und Gleichstellungs-politik in der Krise - DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO, DIGITAL ...
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Verantwortlich: apl. Prof. Dr. jur. habil. Jens M. Schubert, Vorsitzender des Vorstands
Redaktion:      Sarah Clasen, Sina Küster, Dr. Andrea Lassalle

Layout/Satz:     Linda Kutzki – textsalz.de

© AWO Bundesverband e. V., Berlin. Das Copyright für Texte und Bilder liegt, soweit
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Juni 2021
Irrelevant trotz Systemrelevanz? - Frauen- und Gleichstellungs-politik in der Krise - DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO, DIGITAL ...
Vorwort

Mit unserer 10. Sozialkonferenz „Irrelevant        Hintergrund aktueller gesellschaftspolitischer
trotz Systemrelevanz? – Frauen- und Gleich-        Entwicklungen haben wir klare Positionen erar-
stellungspolitik in der Krise“ lenkten wir im      beitet, Forderungen aufgestellt und unter dem
Dezember 2020 wie schon bei der 6. Sozial-         Titel „Geschlechtergerechtigkeit als AWO
konferenz 2015 in Hamburg den Blick auf die        Grundwert“ ausformuliert. An dieser Stelle
Frauen- und Gleichstellungspolitik. Diesmal        wollen wir noch einmal ausdrücklich unserem
mitten in einer Pandemie, die weltweit             ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Wolfgang
grassiert. Bereits im Frühjahr 2020 wurde          Stadler und der Vorsitzenden des Fachaus-
deutlich, dass die Krise uns zwar alle betrifft,   schusses Kinder, Jugend, Familie, Frauen und
aber eben in sehr unterschiedlicher Weise.         Bildung des Präsidiums, Christiane Reckmann,
Gesellschaftliche Ungerechtigkeiten verschärf-     danken. Durch sie Beide hat Frauen- und
ten sich insbesondere auch im Bereich Frauen       Gleichstellungspolitik wieder eine stärkere
und Gleichstellung. Es wurde sichtbar, dass vor    Stellung in unserem Verband bekommen.
allem Frauen die Hauptlast der systemrelevan-
ten Arbeit tragen, aber eine angemessene           Auf der 10. Sozialkonferenz galt es nun, unsere
gesellschaftliche und ökonomische Anerken-         Positionen und Forderungen abzugleichen mit
nung hierfür fehlt. Dies gilt sowohl für           den Lehren, die wir aus der Krise ziehen.
Erwerbsarbeit, etwa in der Pflege, als auch für    Deutlich wurde die Breite der frauen- und
familiäre Care-Arbeit wie Kinderbetreuung im       gleichstellungspolitisch relevanten Themen, die
Home­office. Auch in zentralen frauen- und         wir schwerpunktmäßig in der AWO bearbeiten.
gleichstellungspolitischen Arbeitsfeldern der      Wir bedanken uns für das große Interesse aus
AWO wirkte sich die Krise stark aus, z. B. durch   den AWO-Gliederungen, das Engagement der
die Zunahme häuslicher Gewalt gegenüber            über 150 ehren- und hauptamtlichen Delegier-
Frauen und ihren Kindern und erschwerte            ten, die teilgenommen und eindrückliche
Zugänge zu Angeboten der reproduktiven             Impulse für die Weiterarbeit an diesen Themen
Gesundheit von Frauen.                             gegeben haben. Der Handlungsbedarf, so
                                                   wurde klar, hat sich durch die krisenbedingte
Geschlechtergerechtigkeit ist seit unserer         Gefahr einer Retraditionalisierung der
Gründung ein zentraler Leitwert der AWO. In        Geschlechterrollen weiter verstärkt. Es zeigte
den letzten Jahren haben wir viel unternom-        sich aber auch deutlich, dass es eine Vielzahl
men, um dieses Thema voranzubringen und            von Handlungsansätzen gibt. In der AWO sind
dabei auch eigene Strukturen selbstkritisch        wir jetzt erst recht gefragt, uns gesamtgesell-
überprüft. 2018 veröffentlichten wir unseren       schaftlich dafür einzusetzen, dass unseren
1. Gleichstellungsbericht und initiierten          Positionen entsprechende Maßnahmen umge-
ausgehend von seinen Handlungsempfehlun-           setzt werden. Gleichzeitig gilt es, den Leitwert
gen 2019 das ESF-Gleichstellungsprojekt            Geschlechtergerechtigkeit innerverbandlich mit
„Vielfaltsbewusst in Führung“. Vor dem             Leben zu füllen.

Helga Kühn-Mengel
Gleichstellungsbeauftragte des Präsidiums

Jens M. Schubert
Vorstandsvorsitzender AWO Bundesverband e. V.

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IRRELEVANT TROTZ SYSTEMRELEVANZ?   ���        FRAUEN- UND GLEICHSTELLUNGSPOLITIK IN DER KRISE

          Inhalt

          Vorwort                                                                               3

          1		 Einleitung                                                                       6

          2		        Für mich bedeutet Geschlechtergerechtig­keit … Ergebnisse einer
                     Vorab-Umfrage im Dezember 2020 unter den Teilnehmer*innen
                     der Sozialkonferenz                                            7

          3		        Retraditionalisierung durch Corona – Lehren aus der Krise
                     Zusammenfassung des Grundsatzreferats von Prof. Jutta
                     Allmendinger, Präsidentin Wissenschaftszentrum Berlin                     10

          4		 Workshops                                                                        14
                     4.1 Workshop 1
                     Gewaltschutz für Frauen und ihre mitbetroffenen Kinder                    14

                     4.2 Workshop 2
                     Atmende Lebensläufe. Über ein neues Verhältnis von Sorgearbeit
                     und Erwerbsarbeit                                                         22

                     4.3 Workshop 3
                     Innerverbandliche Gleichstellung: Geschlechtergerechtigkeit
                     in der AWO erreichen und Vielfalt leben!                                  30

                     4.4 Workshop 4
                     Close the Gender Gaps − Was tun für Frauen
                     und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit?                                  35

                     4.5 Workshop 5
                     Aufwertung systemrelevanter Berufe: Wie erhöhen wir
                     die Anerkennung für soziale Arbeit?                                       48

                     4.6 Workshop 6
                     Sexuelle und reproduktive Rechte: Wie verbessern wir die Versorgungslage
                     von ungewollt schwangeren Frauen?                                         58

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DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO ���   DIGITAL DURCHGEFÜHRT AM 08.12.2020

          5		       Abschlusspodium mit Staffelstabsübergabe unter der Leitfrage:
                    „Was tun wir in der AWO für eine geschlechtergerechte
                    Gesellschaft?“                                                      63

          6		 Fazit                                                                     67

                                                                                              5
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IRRELEVANT TROTZ SYSTEMRELEVANZ?     ���       FRAUEN- UND GLEICHSTELLUNGSPOLITIK IN DER KRISE

          1 Einleitung

          Die gleichstellungspolitische Schieflage in       dem Titel „Irrelevant trotz Systemrelevanz? –
          unserer Gesellschaft trat in der Pandemie         Frauen und Gleichstellungspolitik in der Krise“
          überdeutlich und verschärft zutage. Frauen        setzten sich rund 150 ehren- und hauptamtli-
          stellen den Hauptanteil der Beschäftigten in      che Delegierte aus den AWO-Gliederungen mit
          den systemrelevanten Berufen der ersten           den Auswirkungen der Coronakrise auf Frauen-
          Stunde − in der Pflege, Erziehung und Betreu-     und Gleichstellungspolitik auseinander. Den
          ung sind es sogar 90 Prozent. Sie sind unver-     Ausgangspunkt bildete das Grundsatzreferat
          zichtbar und der Widerspruch zu ihrer gesell-     von Jutta Allmendinger, in dem sie ihre Sorge
          schaftlichen und finanziellen Anerkennung ist     um eine „Retraditionalisierung der Geschlech-
          massiv. Mit dem Wegbrechen der Infrastruktur      ter“ darlegte. Daran anschließend vertieften die
          insbesondere im Bereich Kita, Schule und          Konferenzteilnehmer*innen mit Expert*innen
          teilweise in der Pflege durch die Maßnahmen       in sechs parallelen Workshops die Themen
          gegen die Ausbreitung des Corona-Virus            Gewaltschutz, Care-Arbeit, innerverbandliche
          wurden gleichzeitig gesamtgesellschaftliche       Gleichstellung, Gender-Pay-Gap, Aufwertung
          Aufgaben in die Familien verlagert. Frauen        systemrelevanter Berufe sowie sexuelle und
          leisteten bereits vor der Pandemie den Löw*in-    reproduktive Rechte. Bei der abschließenden
          nenanteil der privaten Sorgearbeit. Ausgehend     Podiumsdiskussion ging es um die Frage, was
          von einem bereits hohen Niveau an Teilzeitbe-     wir in der AWO für eine geschlechtergerechte
          schäftigung reduzierten Frauen stärker als        Gesellschaft tun. Sie war zugleich eine Staffelst-
          Männer ihre Erwerbsarbeitsstunden, um das         absübergabe vom bisherigen Vorstandsvorsit-
          Mehr an unbezahlter Fürsorgearbeit aufzufan-      zenden Wolfgang Stadler an seinen Nachfolger
          gen. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf      Jens M. Schubert sowie der bisherigen Vorsit-
          die geschlechtsspezifische Lohn- und Rentenlü-    zenden des Zukunftsforums Familie (ZFF)
          cke und verstärkt Ungleichheiten zwischen den     Christiane Reckmann an ihre Nachfolgerin Britta
          Geschlechtern weiter. Hinzu kommen weitere        Altenkamp.
          verschärfte Problemlagen wie z. B. der Anstieg
          häuslicher Gewalt und erschwerte Zugänge zu       Die Konferenzergebnisse werden im Folgenden
          Angeboten der reproduktiven Gesundheit von        dokumentiert. Der Dokumentation vorangestellt
          Frauen. Umso befremdlicher und dramatisch         sind Stimmen von Teilnehmer*innen, die
          erscheint, dass vor allem zu Beginn der Krise     eingeladen waren, in einer Vorab-Abfrage zu
          und beim Schnüren der Hilfspakete die Situa-      formulieren, was für sie Geschlechtergerechtig-
          tion von Frauen politisch kaum adressiert         keit bedeutet. Die Konferenz und ihre Ergeb-
          wurde.                                            nisse zeigen die thematische Breite innerhalb
                                                            der AWO und wie komplex und vielfältig
          Diese besorgniserregenden Entwicklungen           Frauen- und Gleichstellungspolitik ist. Eine
          veranlassten die AWO, ihre 10. erstmals digital   Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten wurde
          durchgeführte Sozialkonferenz am 8. Dezember      deutlich. Sie weisen einmal mehr darauf hin,
          2020 mit einem frauen- und gleichstellungs-       dass es kein Erkenntnis- sondern ein Umset-
          politischen Schwerpunkt durchzuführen. Unter      zungsproblem gibt.

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DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO ���           DIGITAL DURCHGEFÜHRT AM 08.12.2020

          2	Für mich bedeutet Geschlechtergerechtig­
             keit … Ergebnisse einer Vorab-Umfrage
             im Dezember 2020 unter den
             Teilnehmer*innen der Sozialkonferenz

          — die Freiheit, mein Leben zu leben, die          — die gleichberechtigte Verteilung von Bil-
            Gestaltung eines sozialen Miteinanders und        dungsmöglichkeiten, Hausarbeit und
            eine gerechte Verteilung von Ressourcen.          Kinderbetreuung und den gleichen wirt-
                                                              schaftlichen Status.
          — dass im Beruf Wissen und Können zählen
            und nicht die alten Regeln (Männer rücken       — in meinem Leben, dass meine Tochter die
            nach und bleiben in der Führungsebene             gleichen Bildungs- und Berufschancen hat
            unter sich) gelten.                               wie meine Söhne und auf dem Weg in ihre
                                                              Selbständigkeit nicht aufgrund ihres
          — dass Frauen nicht abqualifiziert werden, wenn     Geschlechts diskriminiert wird.
            sie keine Kinder und Familie haben (Männer
            bekommen das eher nicht zu hören).              — einen Wert, für den ich mich in allen
                                                              Bereichen meines Lebens voller Überzeugung
          — dass ich nicht aufgrund meines Geschlechts        einsetze. Jeder Mensch soll – unabhängig
            zu einem bestimmten Verhalten genötigt            von seinem Geschlecht − die gleichen
            werde.                                            Chancen bekommen. Privat ist mir das
                                                              wichtig als Mutter zweier Töchter, beruflich
          — in unseren ehrenamtlich geführten                 als Führungskraft von gemischten Teams und
            AWO-Ortsvereinen die Schaffung von                gesamtgesellschaftlich, da ich der Meinung
            stabilen, vertrauensvollen und verbindlichen      bin, dass die Gesellschaft davon profitiert,
            Arbeitsstrukturen für die Ehrenamtler. Damit      wenn alle Mitglieder die gleichen Chancen
            Geschlechtergerechtigkeit hier funktionieren      bekommen. Eine gut funktionierende
            kann, benötigen wir Handlungsempfehlun-           Gesellschaft braucht Gerechtigkeit.
            gen mit konkreten durchführbaren Maßnah-
            men. Diese müssen mit den Ehrenamtlern          — dass die ganze Thematik „Geschlecht“
            erörtert werden, damit sie verstehen, wie         nebensächlicher wird und Menschen
            Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt in der     beispielsweise irgendwann nicht mehr
            AWO gelebt werden sollen. Sie müssen              aufgrund einer Quote eingestellt werden,
            entsprechend geschult werden, damit sie           sondern aufgrund ihrer Qualifikation und
            das notwendige Feingefühl für ihre ehren-         ihres Könnens. Konkret würde das bedeuten,
            amtliche Arbeit erlangen und umsetzen             dass die Kinder und Jugendlichen, mit denen
            können. Es muss einen ständigen Austausch         ich arbeite, ihre späteren Berufe genau
            zwischen Ehrenamt und Hauptamt geben.             danach auswählen und nicht, weil sie
            Dieses in unseren Ortsvereinen zu imple-          vermeintlich zu ihrem Geschlecht passen.
            mentieren, sehe ich als eine meiner Aufga-        Auch die ganze Problematik „Jungs gegen
            ben in unserem rein ehrenamtlich tätigen          Mädchen – Mädchen gegen Jungs“, welche
            AWO-Kreisverband.                                 von manchen Kinderfilmen verherrlicht wird,
                                                              würde keine Rolle mehr spielen, da sich die
          — die Akzeptanz des Umfelds und der Gesell-         Kinder überhaupt nicht mehr auf diese
            schaft dafür, dass Frauen Familie und Beruf       beziehen. Das ist eine große Wunschvorstel-
            leben können, statt als berufstätige Mutter       lung, die sicher nicht innerhalb eines Jahres
            oft mit Vorwürfen konfrontiert zu sein und        umsetzbar ist. Aber ich würde mich freuen,
            mit dem schlechten Gewissen zu kämpfen.           wenn wir dran arbeiten.
            Frauen vereinbaren Familie und Beruf
            keineswegs schlechter als Männer, trotz der
            meist höheren Belastung für die Frauen in
            diesem Modell.

                                                                                                              7
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IRRELEVANT TROTZ SYSTEMRELEVANZ?      ���       FRAUEN- UND GLEICHSTELLUNGSPOLITIK IN DER KRISE

          — in der praktischen Arbeit vor Ort daran           — dass mein Mann und ich uns den Haushalt
             mitzuwirken, dass eines der zentralen Ziele        und die Kindererziehung teilen. Schön wäre
             unserer Verbandsgründerin Marie Juchacz            es, wenn wir beide die gleiche Stundenan-
             auch und gerade in der heutigen Zeit nicht         zahl arbeiten könnten, ohne finanzielle
             aus dem Blickfeld verloren wird, sondern mit       Einbußen zu haben. Leider verdient er mehr
             zumeist kleinen Schritten und viel Geduld          als ich, daher arbeitet er Vollzeit und ich
             auf der gesellschaftlichen Agenda bleibt.          habe reduziert auf 30 Stunden, um dem
                                                                „Rest“ gerecht zu werden.
          — in meinem Leben beispielsweise, dass sich
             der Plenarsaal in einem beliebigen Landtag       — im Alltag nicht das Pochen auf Genderstern-
             nicht schlagartig leert, wenn es um Themen         chen und korrekte Anrede, sondern das
             wie Frauenhäuser, Frauen und Entgelt oder          Respektieren der Gleichstellung des jeweils
             Gleichberechtigung geht.                           anderen auf allen gesellschaftlichen Ebenen.
                                                                Geschlechtergerechtigkeit versuchen wir in
          — die Vorstellung, dass alle Menschen unab-           der Familie vorzuleben, damit meine Kinder
             hängig von ihrem Geschlecht so leben               dies als Normalzustand wahrnehmen.
             dürfen, wie sie es für richtig halten, und         Aufgabenteilung in der Familie.
             dass niemand aufgrund seines Geschlechts
             diskriminiert wird. Darüber hinaus gehören       — gleiches Einkommen für gleiche Arbeit.
             für mich zur Geschlechtergerechtigkeit
             gerechte Bezahlung (gleicher Lohn für            — gegenseitigen Respekt der Geschlechter.
             gleiche Arbeit) sowie die Möglichkeit, Familie
             und Beruf miteinander vereinbaren zu             — in meiner Verantwortung als Geschäftsfüh-
             können. Das impliziert eine grundsätzliche         rerin eines AWO-Kreisverbandes eine Frage
             Veränderung in der Aufteilung von Familien-        der Haltung. Wie lebe ich dieses Thema? Wie
             arbeit. Männer und Frauen sollten sich             solidarisieren wir uns? In unserem Verband
             gleichermaßen für die Aufgaben in Familie          sind die Führungspositionen mehrheitlich
             und Haushalt zuständig fühlen und diese            mit Frauen besetzt einschließlich der
             gerecht aufteilen. Davon sind wir nach             Geschäftsführung und ihrer Stellvertretung.
             meiner Ansicht derzeit allerdings noch weit        Mir ist es wichtig, in allen Strukturen und
             entfernt.                                          auf allen Ebenen für dieses Thema zu
                                                                sensibilisieren, so z. B. auch die Väter
          — dass mein Sohn mit Puppen spielt und seine          gleichberechtigt anzusprechen in Bezug auf
             rosa Brotzeitbox liebt, dass meine Tochter         Care-Arbeit im Familienkontext. Warum
             mit klugen Worten und Beharrlichkeit ihren         sollte nicht auch eine Funktion als Väterver-
             Willen durchsetzt, dass mein Mann mit den          antwortlicher im Kita-Bereich geschaffen
             Kindern Plätzchen backt und ich einen              werden? Meine Erfahrung zeigt mir, dass es
             Leitungsjob bei der AWO in Teilzeit habe.          erfreulicherweise immer mehr Väter gibt, die
                                                                Erziehungszeit in Anspruch nehmen, aber
          — aufgrund meines Geschlechts nicht schlech-          wenn dann der Alltag in der Kita losgeht,
             ter behandelt zu werden. Im Beruf, in der          ziehen sie sich wieder zurück. Oder im
             Familie oder im Alltag sollte eine möglichst       Pflegebereich in der Angehörigenarbeit
             große Gleichbehandlung zwischen den                darauf zu achten, nicht automatisch die
             Geschlechtern stattfinden. Jedoch sollte mit       weiblichen Familienmitglieder als erste
             natürlichen Ungleichheiten (z. B. Reproduk-        Ansprechpartnerinnen gewinnen zu wollen,
             tion) so umgegangen werden, dass daraus            sondern auch die Männer (gleichberechtigt)
             kein Nachteil für die Betroffenen entsteht.        hinzuzuziehen, beginnend mit dem ersten
             Ich möchte mich nicht sorgen, aufgrund             Beratungsgespräch.
             meines Geschlechts Nachteile oder Ein-
             schränkungen in meiner konkreten Lebens-         — dieses Thema weiterhin zu kultivieren. Es
             gestaltung und meinem Lebenskonzept zu             steht bei mir auf der Agenda sowohl struk-
             erfahren.                                          turell als auch in den einzelnen Prozessen
                                                                meines Wirkens.

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Irrelevant trotz Systemrelevanz? - Frauen- und Gleichstellungs-politik in der Krise - DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO, DIGITAL ...
DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO ���          DIGITAL DURCHGEFÜHRT AM 08.12.2020

          — für mein Leben:
            • gleichberechtigte Teilhabe an Bildung und
              das gleiche Recht auf eine gute Ausbil-
              dung und Chancen im Beruf, auch
              finanziell;
            • In über 40 Jahren in der Arbeitsverwal-
              tung habe ich hautnah erlebt, wie gerade
              Frauen hart kämpfen mussten und
              müssen, um gleiche Chancen im Arbeits-
              leben zu haben. Typische Frauenberufe,
              von denen Mädchen schon in der Schule
              träumen, sind leider auch die schlecht
              bezahlten Berufe. Frauen, die dann noch
              eine Familienphase einlegen müssen,
              haben kaum Chancen, in ihrem berufli-
              chen Leben so viel zu verdienen, dass sie
              im Rentenalter ausgesorgt haben. Das ist
              nicht gerecht!
            • das Recht, nach einer familienbedingten
              Teilzeitarbeitsphase wieder in Vollzeit zu
              arbeiten. Dies ist in vielen Firmen noch
              nicht durchgesetzt. Auch das schmälert
              das Haushalts- und Rentenkonto.
            • zwei Plakate, die mich mein langes
              Berufsleben begleitet haben, auch später
              in Führungspositionen: „Eine Frau ohne
              Beruf macht halt ihr Leben lang Männ-
              chen und das ist schlimm.“ Drum: „Wer
              sich nicht wehrt, lebt verkehrt.“ Sie
              haben den ein oder anderen, oft männli-
              chen Kollegen zum Nachdenken angeregt.

          — gleiche Entwicklungschancen in der Ausbil-
            dung (Schule, Lehre oder Studium), gleiche
            berufliche Chancen im gesellschaftlichen
            Leben.

          — dass in der Familie von Anfang an die
            gleichen Rechte, aber auch Pflichten für
            Kinder beiderlei Geschlechts selbstverständ-
            lich sind. Leider sind wir heute noch weit
            davon entfernt, denn die Ziele, für die
            Frauen seit langem kämpfen, sind noch
            immer nicht erreicht.

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Irrelevant trotz Systemrelevanz? - Frauen- und Gleichstellungs-politik in der Krise - DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO, DIGITAL ...
IRRELEVANT TROTZ SYSTEMRELEVANZ?       ���        FRAUEN- UND GLEICHSTELLUNGSPOLITIK IN DER KRISE

          3	Retraditionalisierung durch Corona –
             Lehren aus der Krise Zusammenfassung
             des Grundsatzreferats von Prof. Jutta
             ­Allmendinger, Präsidentin Wissenschafts-
              zentrum Berlin

          Die Rede von der Retraditionaliserung geht zurück auf den Mai 2020, als mir in der Talkshow
          Anne Will die Frage gestellt wurde, was in der Coronakrise „eigentlich mit den Frauen“ sei.
          Das erinnerte in symptomatischer Weise an Fragen, die bereits in den 1980er Jahren gestellt
          wurden. Daher war für mich der Hinweis unvermeidlich, dass die Gefahr besteht, durch Corona
          30 oder sogar noch mehr Jahre des Rückschritts bei der Gleichstellung zu erleben.

          Traditionalisierung und                               wissenschaftlichen Diskussion. Das zeigte die
          Retraditionalisierung                                 erste Stellungnahme der Leopoldina, der
                                                                Nationalen Akademie der Wissenschaften,
          Um zu verstehen, was Retraditionalisierung            deutlich. Sie riet, die Schulen geschlossen zu
          bedeutet, ist es nötig zu erklären, was mit           lassen, ohne empirische Belege für den Nutzen
          Traditionalisierung gemeint ist. Eine Tradition,      dieser Maßnahme. In anderen Ländern wurden
          die in Deutschland viel stärker institutionalisiert   Schulschließungen mit wesentlich größerem
          ist als in anderen Ländern ist der Einverdiener-      gesellschaftlichem Diskurs, nur sehr zögerlich
          haushalt mit einer sehr traditionellen Arbeitstei-    und oft nur teilweise durchgeführt. Ein Grund
          lung. Um ihn ist das gesamte soziale Sicherungs-      für die Ausblendung dieser Themen lag, so ist
          system nach wie vor gestrickt, beispiels­weise das    anzunehmen, in der Zusammensetzung der
          Ehegattensplitting und die Mitversicherung. Dies      Leopoldina-Runde – vorwiegend Männer und
          erklärt auch, warum es in Deutschland im              mit einem Altersdurchschnitt von über 60 Jah-
          Gegensatz zu anderen Ländern noch Halbtags-           ren. Das heißt, keine der beteiligten Personen
          schulen gibt, warum es so lange gedauert hat,         war mit der Situation konfrontiert, Erwerbstä-
          eine längere Kindergartenzeit und Betreuungs-         tigkeit mit Kindern, die zu Hause sind, verbin-
          angebote für Kinder unter drei Jahren zu              den zu müssen.
          etablieren. Noch immer ist die Ansicht weit
          verbreitet, junge Kinder gehören nach Hause.          Entwicklung von Erwerbs- und
                                                                Care-Arbeit im Lockdown
          Auswirkungen in der Coronakrise
                                                                Untersuchungen der Böckler-Stiftung, des WZB,
          Für die Coronakrise waren dies schlechte              die große Mannheimer Corona-Studie sowie
          Voraussetzungen: Es existieren ein sehr großer        Untersuchungen auf Grundlage des Sozio-Öko-
          Gender-Care-Gap, ein großer Gender-­Wage-             nomischen Panels zeigen, dass sich der Lock-
          Gap, ein Gender-Pension-Gap, d. h. unter-             down geschlechtsspezifisch auswirkte, vor allem
          schiedliche Stundenlöhne, unterschiedliche            in Bezug auf Care-Arbeit. Hier spielten Kurzar-
          Lebenseinkommen, unterschiedliche Renten-             beit, Homeoffice, die ungleiche Verteilung von
          zahlungen. Zudem arbeiten viele, wenn nicht           systemrelevanten Tätigkeiten zwischen Männern
          die meisten Mütter in Teilzeit, während bei           und Frauen eine Rolle. Es entstand ein Mehr an
          Männern, die Väter werden, die Stundenzahlen          unbezahlter Arbeit, wobei Frauen stärker als
          nach oben gehen. Daraus resultiert eine sehr          Männer die Stunden, in denen sie bezahlter
          ungleiche Verteilung von bezahlter und unbe-          Arbeit nachgingen, reduzierten – und zwar in
          zahlter Arbeit.                                       einer Ausgangssituation, in der Frauen ohnehin
                                                                schon stärker teilzeiterwerbstätig waren. In
          Zu Beginn von Corona spielten Familien, Frauen        dieser Situation würden endlich – so lautete
          und Kinder über viele Wochen überhaupt keine          eine These – auch jüngere Männer ihren Anteil
          Rolle, weder in der politischen noch in der           an unbezahlter Arbeit erhöhen. Dies berück-

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DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO ���               DIGITAL DURCHGEFÜHRT AM 08.12.2020

          sichtigt aber nicht, dass Frauen von einem viel       Entwicklung nach dem Sommer
          höheren Niveau an unbezahlter Arbeit starteten,
          d. h. den Unterschied zwischen absoluter und          Was ist nach dem Lockdown der ersten Coro-
          proportionaler Veränderung.                           na-Welle im August/Anfang September passiert?
                                                                Breit angelegte empirische Studien zeigen hier
          Hierzu ein Beispiel aus einem anderen Bereich:        folgendes, erwartbares, Bild:
          Wenn ein Orchestermusiker viel übt, wird er
          sich prozentual nur wenig verbessern, weil er         — Männer kommen viel schneller wieder auf
          von einem sehr hohen Niveau ausgeht. Wenn                ihre ursprünglichen Stunden zurück;
          dagegen eine Person neu mit dem Trompeten-
          unterricht beginnt, ist sie wahrscheinlich in         — Frauen erreichen das ursprüngliche Niveau
          einem Monat proportional wesentlich mehr in              ihrer Erwerbstätigkeit nur langsam.
          ihren Fähigkeiten vorangeschritten als der
          Profimusiker.                                         Dies stimmt überein mit dem Befund von
                                                                Untersuchungen von Mareike Bünning u. a.:
          Übertragen auf den Bereich der Care-Arbeit            Väter, die unfreiwillig in Teilzeitbeschäftigun-
          bedeutet dies: Wenn Männer sich überproporti-         gen sind, kümmern sich mehr um Kinder;
          onal mehr der Care-Arbeit gewidmet haben, wie         dieses Mehr entfällt aber in dem Moment, wo
          Erhebungen ergeben haben täglich 1,5 Stunden          sie wieder auf Vollzeit gehen, sofort wieder.
          mehr, muss dies ins Verhältnis zur absoluten          Die Veränderung ist also nicht nachhaltig.
          vorherigen Stundenzahl gesetzt werden. Frauen
          sind dagegen vielfach, da sie schon vorher mehr       Andere Studien nutzen das Instrument des
          Care-Arbeit geleistet haben, an ihre Grenzen          Gender-Budgetings. Damit lassen sich bspw.
          gekommen. Da der Tag nur 24 Stunden hat,              die während Corona aufgesetzten Konjunktur-
          gingen ihre zusätzlichen Care-Arbeitsstunden          programme in ihren einzelnen Bausteinen
          manchmal sogar auf Kosten des Schlafs.                daraufhin analysieren, ob sie hauptsächlich
                                                                Frauen oder hauptsächlich Männern zugute-
          Wichtig ist zudem das Thema Cognitive Load,           kommen. Es zeigt sich eindeutig, dass über
          Mental Load. Hier ist die Frage, wer eigentlich die   65 Prozent der Maßnahmen hauptsächlich
          Verantwortung dafür hat, dass die ganze Familie       Männern zugutekamen, d. h. Bereichen, in
          „klappt“, dass alles im Blick behalten wird, die      denen überwiegend Männer und nicht Frauen
          Aktivitäten der Kinder usw. Diese Verantwortung       tätig sind. Außerdem, so eine ganz neue Studie
          lässt sich nicht in Stunden oder in Minuten           der Bertelsmann-Stiftung, waren bei Frauen in
          rechnen. Diese kognitive, emotionale, mentale         den systemrelevanten Berufen während dieser
          Überforderung und der maximale Verlust an             Monate keine Tarifsteigerungen und kaum
          freier Zeit haben vor allem Frauen getroffen.         Verbesserungen ihrer Löhne zu verzeichnen,
                                                                während es in den typischen Männerberufen
          Die Wissenschaft hat aber, das ist ein selbstkri-     ein deutliches Plus gab.
          tischer Punkt, keine guten Maße zur Verfügung,
          um dies auszudrücken.                                 Folgen der Veränderungen in der
                                                                Coronakrise für die Arbeit von
          Nur in wenigen Familienkonstellationen, haben
                                                                Frauen (und Männern)
          weitere Untersuchungen gezeigt, wurde der
          Gender-Care-Gap tatsächlich etwas geschlos-           Festzustellen waren in Folge der Krise:
          sen. Nämlich da, wo die Frau in systemrelevan-
          ten Tätigkeiten außerhalb des eigenen Haus-           1. der Rückzug des Staates aus der öffentlichen
          halts tätig war – beispielsweise in Pflege,              Infrastruktur für Kinder, geschlossene Kitas
          Einzelhandel oder Behörden –, der Mann aber              und Schulen und das Unvorbereitetsein für
          durch Kurzarbeit zu Hause. Hier mussten die              einen guten digitalen Unterricht;
          Männer Care-Arbeit leisten, weil sonst die
          Kinder unbetreut gewesen wären. Manche                2. eine erzwungene partnerschaftliche Organi-
          Studien umschreiben dies als Hoffnungspoten-             sation der Care-Arbeit nur in Familienkons-
          zial. Es liegt allerdings nur bei 9–10 Prozent           tellationen, wo der Mann sich um die Kinder
          aller Haushalte.                                         kümmern musste, weil die Frau in systemre-
                                                                   levanten Bereichen außerhalb der Familie
                                                                   tätig war;

                                                                                                                   11
IRRELEVANT TROTZ SYSTEMRELEVANZ?      ���        FRAUEN- UND GLEICHSTELLUNGSPOLITIK IN DER KRISE

          3. der Verlust von freien Zeiten für Frauen, die   Fenster der Gelegenheit
             an den 24-Stunden-Deckel gestoßen sind.
                                                             Ich sehe ein Fenster der Gelegenheit, das sich mit
          Zwei weitere Punkte fallen auf:                    ein paar kursorischen Linien so umreißen lässt:

          — Es irritiert, dass die Heimarbeit im Lock-       — Zum ersten Mal seit meiner ersten Professur
             down als Beispiel für die Vereinbarkeit von        1992 sind die jungen Frauen nicht mehr der
             Beruf und Kinderbetreuung gilt. Hier               Ansicht, in ihrer Generation würde in Punkto
             werden zwei kritische Punkte übersehen:            Gleichstellung alles besser werden; dass
             einerseits, dass Heimarbeit mit Kindern zu         Frauen gute Leistungen erbringen, hervorra-
             Hause nur schwer zu leisten ist. Anderer-          gende Schul- und Studienabschlüsse
             seits findet etwas statt, das als „Verheimli-      erreichen, die Mehrheit der Studierenden
             chung“ von Frauen beschrieben werden               stellen, bedeutet nicht automatisch, dass
             kann. Damit ist gemeint, dass Heimarbeit           sich ihr Weg von dem ihrer Eltern- oder
             Frauen aus der Öffentlichkeit herausnimmt          Großelterngeneration unterscheiden wird.
             zu einem Zeitpunkt, wo sie überhaupt noch          Junge Frauen sehen Gleichstellung heute
             nicht richtig dort angekommen sind. Dies           vielmehr in Gefahr – dies zeigte sich
             verhindert, dass sie ihre Sichtbarkeit             beispielsweise, als es um das FüPoG II ging.
             erhöhen, sich für weitere Karriereschritte         Junge Bloggerinnen, junge Influencerinnen,
             oder gar Spitzenpositionen anbieten. (Dies         die uns Alte überhaupt nicht kannten,
             ist auch der Grund, warum die Quote und            wollten zusammen etwas erreichen. Da gab
             das Führungspositionsgesetz II wichtig sind.)      es nicht nur etwas Sektorenübergreifendes,
                                                                sondern etwas Altersübergreifendes. Das
          — Ein weiterer Effekt kann mit „Die Demütigun-        macht Hoffnung auf eine kleine Frauenre-
             gen der Klassengesellschaft“ überschrieben         volte oder zumindest das Gefühl, dass wir
             werden: die Rolle von Frauen im Homeschoo-         Frauen, wenn wir zusammenhalten, etwas
             ling. Bei vielen Befragungen sagten Frauen,        verändern können. Veränderung hängt
             es gebe kaum etwas Demütigenderes, als             zusammen mit Sichtbarkeit, daher ist die
             ihren Kindern zu sagen, „ich kann dir da           Quotierung wichtig.
             nicht helfen bei den Sprachen oder bei der
             Mathe“. Das trifft insbesondere Eltern, die     — Der Hauptansatzpunkt muss aber sein, dass
             selbst keine höhere Schulbildung haben oder        die unbezahlte Arbeit zwischen Männern
             geringe Deutschkenntnisse, die also in Bezug       und Frauen anders, nämlich gerechter
             auf den Zugang zu Bildung mehrfach                 verteilt wird. Dafür müssen jetzt die Wei-
             benachteiligt sind. Sie haben dies als             chen gestellt werden. Solche Gerechtigkeits-
             Bloßstellung empfunden, da Eltern ja ihren         diskurse brauchen ein Zielfenster: Wohin
             Kindern ein Vorbild sein wollen. Hier konnten      wollen wir denn eigentlich kommen? Wird
             sie aber die neue Anforderung, die fehlende        Vollzeitbeschäftigung für alle gefordert? Im
             Schule zu kompensieren, nicht erfüllen.            Moment heißt es, der Gender-Wage-Gap,
                                                                der G
                                                                    ­ ender-Income-Gap oder der Gender-­
          Der Status quo vom Beginn der Coronakrise, wo         Pension-Gap lassen sich nur dadurch
          die Gesellschaft schlecht aufgestellt war, ist        reduzieren, dass Frauen dem Normallebens-
          also nicht nur perpetuiert worden. Die Situation      verlauf von Männern hinterherrennen. Aber
          von Frauen hat sich weiter verschlechtert. Es         wäre es nach 120 Jahren, in denen Frauen
          stellt sich die Frage, wie dies in der nächsten       sich den Männerwelten adaptiert haben,
          Zeit weitergeht:                                      nicht Zeit, dass Männer sich auf Frauen
                                                                zubewegen? Dann wäre der Zielkorridor
          — Wird sich dieser Unterschied, diese Retraditi-      keine 39-Stunden-Woche, sondern eher
             onalisierung halten?                               eine 34-Stunden-Woche oder ein anderes
                                                                Arbeitszeitmodell. Das würde die Vereinbar-
          — Wie lange wird es dauern, bis wir zum Status        keit, ein ganzes Leben, Engagement usw.
             quo ante zurückgekehrt sind?                       wesentlich einfacher machen.

          — Oder können wir dieses Fenster der Corona-       — Wenn diese Zielkorridore durch eine breite
             zeit, diese miserable Situation, in der wir        gesellschaftliche Diskussion definiert sind,
             uns alle befinden, vielleicht doch dafür           muss geklärt werden, wie die bessere,
             nutzen, uns für die Zeit nach Corona anders        gleichere Verteilung der unbezahlten Arbeit
             aufzustellen?                                      erreicht werden kann.

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DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO ���               DIGITAL DURCHGEFÜHRT AM 08.12.2020

            Zum ersten ist eine relativ einfache Maß-             Bei ähnlicheren Arbeitszeiten gleichen sich
            nahme, die es in vielen Ländern schon gibt,           auch die Altersrenten und Jahreseinkommen
            eine Umgestaltung der Elternzeit: Man                 an. Das wird auch durch die Ergebnisse einer
            könnte die zwei Monate, die ein Elternteil            Bertelsmann-Studie von Mitte 2020 unter-
            nehmen kann, ohne dass das andere                     stützt, die zeigt, dass die jüngeren Jahr-
            Elternteil sie in Anspruch nehmen kann (die           gänge, ab 1981, eigentlich noch größere
            sog. Vätermonate), auf vier Monate verlän-            Rentenlücken haben als die Jahrgänge seit
            gern und den anderen Teil von 12 auf                  1971 durch die Erhöhung der einseitigen
            10 Monate verkürzen. Das hätte zur Folge,             Teilzeitarbeit für Frauen.
            dass Väter vielleicht zwei Monate allein
            Verantwortung für die Kinder hätten, die sie        Diese Punkte sollten ergänzt werden durch eine
            dann im Leben weiterführen können. Das              klare strategische Ausrichtung, die vor allem
            könnte enormen Einfluss haben, genauso              besonders vulnerable Gruppen berücksichtigt:
            wie zuvor die Einführung der zwei Vätermo-          die Alleinerziehenden, die es besonders schwer
            nate, bei der man aber nicht stehenbleiben          hatten während der Coronakrise, und Perso-
            muss. Derzeit nehmen Väter im Schnitt drei          nen, die aufgrund dessen, was oben „Verheim-
            Monate Elternzeit, wobei aber der Durch-            lichung“ genannt wurde, massive, besonders
            schnitt oft einen falschen Eindruck vermit-         Gewalterfahrungen gemacht haben. Diese zwei
            telt: Die meisten nehmen zwei Monate                Gruppen sollten durch eigene politische
            zeitgleich mit ihrer Partnerin, nur sehr            Maßnahmen in unterschiedlicher Art und Weise
            wenige Väter nehmen längere Elternzeit              adressiert werden.
            (und erhöhen damit den Durchschnittswert).
                                                                Mein Impuls wäre also, dass die Retraditionali-
            Sinnvoll wäre zum zweiten, statt der bloßen         sierung diskutiert und vor allem angegangen
            Kritik am Ehegattensplitting die Diskussion         werden muss. Nur so kann nach der Krise
            darüber, welche Art von Familiensplitting           anders, geschlossener und auch in einem
            wir wollen. Wie genau soll das aussehen?            Miteinander von Männern und Frauen, der
            Wie groß sollen die Abschreibungen, die             Abbau der Geschlechterungleichheit vorange-
            Steuererleichterungen für Kinder sein? Dazu         bracht werden kann.
            gibt es viele Untersuchungen. M. E. bestehen
            hier Handlungsprobleme. Zu diesem Thema
            muss das nächste Koalitionsprogramm
            deutlich Stellung nehmen – dadurch wären
            viele Probleme automatisch, wenn nicht
            gelöst, doch reduziert.

          — Der letzte Punkt wurde anfangs schon
            genannt: Wir arbeiten im Moment mit
            Kennzahlen, die m. E. absolut kritisch zu
            diskutieren sind. Die Maßzahl des Gen-
            der-Wage-Gaps bezieht sich auf den Stun-
            denlohn. Auf dieser Basis kann man statis-
            tisch berechnen, dass der Unterschied
            5 Prozent oder in anderen Berechnungen
            2 Prozent beträgt, was schon enorm ist. Es ist
            aber zu vernachlässigen im Vergleich mit
            dem Multiplikator – also dem Unterschied,
            der sich zeigt, wenn die Zahl mit 20 (Stunden
            einer Teilzeitstelle) oder 39 (für eine Vollzeit-
            beschäftigung) multipliziert wird. Daher
            sollte der Gender-Pay-Gap nicht auf Stun-
            denbasis ermittelt werden, sondern zumin-
            dest ergänzt durch die Monats- oder Jahres-
            löhne. Diese Unterschiede können nur durch
            gleiche Arbeitszeiten reduziert werden, und
            zwar durch eine Vereinheitlichung nach
            oben – das ist nicht meine Option – oder
            nach unten.

                                                                                                                  13
IRRELEVANT TROTZ SYSTEMRELEVANZ?      ���       FRAUEN- UND GLEICHSTELLUNGSPOLITIK IN DER KRISE

          4 Workshops

          4.1 Workshop 1                                      Die Teilnehmer*innen des Workshops forderten
          Gewaltschutz für Frauen und                         Strukturveränderungsprozesse für einen
                                                              wirksamen Gewaltschutz. Eine Sensibilisierung
          ihre mitbetroffenen Kinder
                                                              der Justiz, insbesondere in Umgangs- und
          — Expertin: Prof. Dr. Angelika Henschel,            Sorgerechtsverfahren, sei wichtig, um Frauen
             Leuphana Universität Lüneburg                    und Kinder besser zu schützen. Da die Infra-
                                                              struktur bundesweit noch immer nicht ausrei-
           Der Impulsvortrag von Angelika Henschel            chend sichergestellt ist, kämpft die AWO
           beleuchtete die Situation von Frauen und           weiterhin auf allen Ebenen für den bedarfsge-
           Kindern im Kontext häuslicher Gewalt. Mehr         rechten Ausbau von Frauenhäusern und
           als 80 Prozent der von häuslicher Gewalt           Fachberatungsstellen. Die Finanzierung der
           Betroffenen sind nach wie vor Frauen. Im Jahr      Antigewaltarbeit muss dabei durch eine
           2019 wurde in Deutschland nahezu jeden             bundesgesetzliche Regelung im Rahmen der
           dritten Tag eine Frau von ihrem Partner bzw.       Daseinsvorsorge abgesichert werden. Die AWO
           Ex-Partner getötet. Kinder sind in vielen Fällen   bekräftigt ihre Forderung nach einem Rechts-
          ­Zeug*innen der Partnerschaftsgewalt oder           anspruch auf Schutz und Hilfe, der auch
           geraten selbst in die Auseinandersetzung. Das      Beratung umfassen muss.
           Miterleben von Gewalt hat auf Kinder gravie-
           rende psycho-­soziale Auswirkungen. Seit           Präventionsarbeit und Angebote zur
           01.02.2018 ist die völkerrechtlich verbindliche    geschlechtsspezifischen Antigewaltarbeit
           sogenannte Istanbul-Konvention („Überein-          müssen ausgeweitet werden. Die Bekämpfung
           kommen des Europarats zur Verhütung und            von Gewalt ist eine Querschnittsaufgabe, die
           Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und             durch arbeitsfeldübergreifende Zusammenarbeit
           häuslicher Gewalt“) in Deutschland geltendes       gestärkt werden muss. Hierzu sind Ressourcen
           Recht. Ihr Ziel ist die Bekämpfung von Gewalt      notwendig, damit beispielsweise Antigewaltar-
           gegen Frauen und Mädchen, indem sie staatli-       beit und Jugendhilfe inklusiv und vernetzt
           che Stellen zu Maßnahmen in den Bereichen          zusammenarbeiten können. Dies ist die Voraus-
           Prävention, Intervention, Schutz und Sanktion      setzung, um Angebote zu gestalten, die den
           verpflichtet. Hinsichtlich der Umsetzung           gewaltbetroffenen Frauen und ihren Kindern
           besteht jedoch noch umfangreicher Diskussi-        gute Unterstützung leisten können. Sie brau-
           ons- und Handlungsbedarf.                          chen die Perspektive auf ein gewaltfreies Leben.

14
DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO ���       DIGITAL DURCHGEFÜHRT AM 08.12.2020

                      Gewaltschutz für Frauen und ihre
                      Mitbetroffenen Kinder
                      Prof. Dr. Angelika Henschel
                      Leuphana Universität Lüneburg

          Inhalt
          — Häusliche Gewalt – Gewalt im Sozialen Nahraum

            • Definition
            • Partnerschaftsgewalt in Deutschland
            • Häusliche Gewalt und die Kinder

          — Kindliches Miterleben häuslicher Gewalt

          — Die Istanbul-Konvention

            • Ziele der Istanbul Konvention
            • Forderungen hinsichtlich zu ergreifender Maßnahmen

          — Was tun?! – Diskussion

          — Literatur und Bildnachweise

                                                                                             15
IRRELEVANT TROTZ SYSTEMRELEVANZ?        ���         FRAUEN- UND GLEICHSTELLUNGSPOLITIK IN DER KRISE

          Häusliche Gewalt – Gewalt im Sozialen Nahraum
          Definition

          „Häusliche Gewalt bezeichnet Gewaltstraftaten zwischen
          Personen in einer partnerschaftlichen Beziehung, die derzeit
          besteht, sich in Auflösung befindet oder aufgelöst ist (unabhängig
          vom Tatort, auch ohne gemeinsamen Wohnsitz) oder die (mit
          gemeinsamen Wohnsitz) in einem Abhängigkeitsverhältnis
          zueinander stehen, soweit es sich nicht um Straftaten ausschließlich
          zum Nachteil von Kindern handelt.“
          Ministerium für Inneres, Familie, Frauen und Sport/Koordinierungsstelle gegen häusliche Gewalt beim Ministerium
          für Justiz, Gesundheit und Soziales des Saarlandes 2005

          Partnerschaftsgewalt in Deutschland

          — Insgesamt registrierte das Bundeskriminalamt 141.792 Fälle von Partnerschaftsgewalt im
             Jahr 2019 (Gegenüber 2018 mit 140.775 = Anstieg von 0,74 Prozent), davon waren 81 Prozent
             (114.903 Fälle; gegenüber 114.393 Fällen in 2018) der Betroffenen Frauen (vgl. BKA 2020,
             S. 3-5).

          — Sowohl Opfer (77,6 %) wie Täter (66,1 %) sind überwiegend Deutsche StaatsbürgerInnen
             (vgl. ebd., S. 7, 12).

          — Insgesamt wurden 117 Frauen (und 35 Männer) getötet (vgl. BKA 2020, S. 5).

16
DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO ���          DIGITAL DURCHGEFÜHRT AM 08.12.2020

          Häusliche Gewalt und die Kinder

          — In der repräsentativen Prävalenzstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen
            in Deutschland“ (BMFSFJ 2004, S. 277) gab über die Hälfte der von Partnergewalt betroffenen
            Frauen an,

            • dass Kinder in ihrem Haushalt lebten und dass ihre Kinder die Gewaltsituation gehört (57 %)
            • oder gesehen (50 %) hätten.
            • Kinder seien dabei selbst in die Auseinandersetzungen mit hineingeraten oder hätten
              versucht, die Befragten zu verteidigen (21–25 %).

          — Jedes zehnte Kind wurde dabei selbst körperlich angegriffen (vgl. BMFSFJ 2011, S. 7).

          Kindliches Miterleben häuslicher Gewalt
          — Diese direkten oder indirekten Gewalterfahrungen können für Kinder bedeuten:

            • An dem Ort, wo man sich geborgen und geschützt fühlen sollte, eine Atmosphäre von
              Wut / Hass bzw. Angst / Verzweiflung zu spüren und
            • sich oft hilflos, traurig, ohnmächtig oder sogar schuldig zu fühlen, da die Mädchen und
              Jungen der Gewalt nicht Einhalt gebieten können oder sich gar selbst als Auslöser für die
              Gewalt verstehen.

          — können sich nicht an Vater und Mutter wenden, fühlen sich mit ihren verwirrenden Gefühlen
            allein gelassen,

          — sind der Abwertung der eigenen Mutter durch Vater / Partner und den mittelbar bzw. unmittel-
            bar erlebten körperlichen, seelischen oder sexuellen Misshandlungen schutzlos ausgeliefert und
            haben Angst um die Mutter (die Geschwister, sich selbst).

                                                                                                             17
IRRELEVANT TROTZ SYSTEMRELEVANZ?     ���        FRAUEN- UND GLEICHSTELLUNGSPOLITIK IN DER KRISE

          — „Kinder sind deshalb nicht nur Zeugen häuslicher Gewalt, sondern immer auch Opfer. Das
             Miterleben von häuslicher Gewalt stellt in der Regel deshalb auch eine Gefahr für das Wohl und
             die Entwicklung der Kinder dar“ (BMFSFJ 2011, S. 7).

          — Seit den neunziger Jahren werden zunehmend die von häuslicher Gewalt mit betroffenen
             Mädchen und Jungen in den (forschenden) Blick genommen (z. B. Henschel 1993, Henschel
             2019).

          — Aufklärung, Bildungs- und Informationsveranstaltungen für Mitarbeiterinnen von Frauen­
             häusern, MitarbeiterInnen der Polizei, der Jugendämter, des Kindesschutzes, der Schulen, etc.
             gehen damit einher.

          Die Istanbul-Konvention
          — „Die Istanbul-Konvention ist das „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und
             ­Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“.

          — Das Übereinkommen ist das erste völkerrechtlich verbindliche Instrument im europäischen
             Raum zum Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen.

          — Am 1. Februar 2018 ist die Istanbul-Konvention in Deutschland in Kraft getreten.

          — Die Konvention ist damit geltendes Recht“ (Frauen gegen Gewalt e. V. 2018).

          — Mittlerweile haben 34 Staaten (Stand 15. Oktober 2019) die Konvention ratifiziert
             (vgl. Council of Europe 2019).

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DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO ���           DIGITAL DURCHGEFÜHRT AM 08.12.2020

          Ziele

          — „Die Istanbul-Konvention stellt deutliche Anforderungen an die Gleichstellung und
            ­Nichtdiskriminierung von Frauen.

          — Ziel ist die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen.

          — Der Istanbul-Konvention liegt ein umfassender Begriff von Gewalt zugrunde.

          — Gewalt wird als eine Form der Menschenrechtsverletzung und eine Form der Diskriminierung
            definiert.

          — Die Konvention umfasst alle Formen geschlechtsspezifischer Gewalt und legt zugleich einen
            Schwerpunkt auf häusliche Gewalt“ (Frauen gegen Gewalt e. V. 2018).

          — „In der Istanbul-Konvention sind auch Artikel zur Prävention, Intervention und Unterstützung
            bei Gewalt gegen Frauen und Mädchen enthalten. Außerdem legt die Konvention fest, dass
            Hilfsdienste (darunter Fachberatungsstellen) und Schutzeinrichtungen vorhanden sein müssen.

          — Die Konvention besteht aus insgesamt 81 Artikeln, die sehr detailliert und teilweise richtlinien-
            artig sind“ (Frauen gegen Gewalt e. V. 2018).

          — „Diese betreffen die Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher
            Gewalt, den Schutz der Opfer und die Bestrafung der Personen, die gewalttätig werden.
            Zugleich werden die Gleichstellung von Mann und Frau und das Recht von Frauen auf ein
            gewaltfreies Leben gestärkt“ (BMFSFJ 2018).

                                                                                                                19
IRRELEVANT TROTZ SYSTEMRELEVANZ?     ���       FRAUEN- UND GLEICHSTELLUNGSPOLITIK IN DER KRISE

          Forderungen hinsichtlich zu ergreifender Maßnahmen

          — Verbesserung des Zugangs zum Unterstützungssystem
          — Versorgung für bislang unzureichend erreichte Zielgruppen
          — Bedarfsgerechter Ausbau der Angebote der Frauenhäuser
          — Bedarfsgerechter Ausbau der ambulanten Fachberatungsstellen
          — Anpassung der Gesetzeslage
          — Einrichtung einer Monitoringstelle, einer Koordinierungsstelle sowie
            eines Runden Tisches von Bund, Ländern und Kommunen
          — Erarbeitung von Aktionsplänen
          — Partizipation der Zivilgesellschaft
          — Verbesserung der Datenerhebung und Evaluation

          Was tun?! – Diskussion
          1. Wo habe ich diskussionsbedarf?
          2. Was braucht es, damit sich Gewaltschutz als Querschnittsthema in der Gesellschaft
             und der AWO etablieren ließe?
          3. Wie lässt sich erreichen, dass Frauen und deren Kindern ein verbesserter Schutz vor Gewalt
             ermöglicht wird und welche Rolle kann die AWO dabei übernehmen?
          4. Wie lassen sich inklusive Hilfekonzepte angesichts „versäulter“ Rechts-, Organisations- und
             Strukturbedingungen entwickeln?
          5. Wie lassen sich Präventions-, Interventionsangebote und Nachsorge auf- bzw. ausbauen?
          6. Welche Notwendigkeiten und Konsequenzen ergeben sich für die AWO als Dienstleister
             und Arbeitgeber?
          7. Welchen Beitrag kann und will die AWO zur Umsetzung der Istanbul Konvention leisten?

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DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO ���            DIGITAL DURCHGEFÜHRT AM 08.12.2020

          Literaturnachweise
          — BKA – Bundeskriminalamt (2020): Partnerschaftsgewalt. Kriminalstatistische Auswertung –
              Berichtsjahr 2019, Wiesbaden, [online] https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/
              Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Partnerschaftsgewalt/Partnerschaftsgewalt_2019.
              pdf?__blob=publicationFile&v=2 [12.11.2020].
          —   BMFSFJ - Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen, und Jugend (2018): Konvention
              zum besseren Schutz von Frauen vor Gewalt in Kraft getreten, [online] https://www.bmfsfj.de/
              bmfsfj/konvention-zum-besseren-schutz-von-frauen-vor-gewalt-in-kraft-getreten/121718
              [15.10.2019].
          —   BMFSFJ – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2011): FamFG. Arbeits-
              hilfe zum neu gestalteten Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der
              freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG) bei Vorliegen häuslicher Gewalt, Berlin.
          —   BMFSFJ – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2004): Lebenssituation,
              Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu
              Gewalt gegen Frauen in Deutschland, Berlin.
          —   Council of Europe (2019): Unterschriften und Ratifikationen des Vertrags 210, [online] https://
              www.coe.int/de/web/conventions/full-list/-/conventions/treaty/210/signatures [15.10.2019].

          — Frauen gegen Gewalt e. V. (2018): Istanbul-Konvention, [online] https://www.frauen-gegen-
              gewalt.de/de/aktionen-themen/istanbul-konvention.html [15.10.2019].
          — Henschel, Angelika (1993): Geschlechtsspezifische Sozialisation. Zur Bedeutung von Angst und
            Aggression in der Entwicklung der Geschlechtsidentität. Eine Studie im Frauenhaus, Mainz:
            Matthias-Grünewald-Verlag.
          — Henschel, Angelika (2019): Frauenhauskinder und ihr Weg ins Leben. Das Frauenhaus als
            entwicklungsunterstützende Sozialisationsinstanz, Opladen: Barbara Budrich.
          — Landespräventionsrat Niedersachsen (2006): „Kinder misshandelter Mütter – Handlungsorien-
            tierung für die Praxis“, Hannover.
          — Ministerium für Inneres, Familie, Frauen und Sport / Koordinationsstelle gegen häusliche Gewalt
            beim Ministerium für Justiz, Gesundheit und Soziales des Saarlandes (2005): Handlungsrichtli-
            nien für die polizeiliche Arbeit in Fällen häuslicher Gewalt.

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IRRELEVANT TROTZ SYSTEMRELEVANZ?     ���       FRAUEN- UND GLEICHSTELLUNGSPOLITIK IN DER KRISE

          4.2 Workshop 2                                     sozialpolitische und gesellschaftliche Modelle
          Atmende Lebensläufe. Über ein                      für eine gerechtere Verteilung der Sorgearbeit,
                                                             um die Erwerbsarbeit sorgegerechter gestalten
          neues Verhältnis von Sorgearbeit
                                                             zu können. Im Gegenteil ist bis heute Sorge
          und Erwerbsarbeit                                  eine im dominanten industriell-­kapitalistischen
                                                             ökonomischen Diskurs und im wirtschaftlichen
          — Expertin: Dr. Karin Jurczyk, Vorstandsmitglied   Handeln vernachlässigte Dimension.
             der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik
             (DGfZP) sowie aktiv bei Care.Macht.Mehr;        Die Verantwortung für Familie und Sorgearbeit
             bis Mai 2019 Leiterin der Abteilung Familie     muss jedoch endlich als gesellschaftliche
             und Familienpolitik am Deutschen Jugend­        Aufgabe anerkannt werden. Ein Vorschlag
             institut (DJI)                                  hierfür ist das „Optionszeitenmodell“, das im
                                                             Rahmen des Workshops vorgestellt und disku-
          Die Probleme der Vereinbarkeit von Familie,        tiert wurde. In ihm wird jedem Menschen ein
          Pflege und Beruf sind, so zeigte die Präsenta-     Recht auf eine selbstbestimmte Erwerbsbiogra-
          tion von Karin Jurczyk mit dem Titel „Das          fie einräumt, in der Sorgearbeit hinreichend
          Optionszeitenmodell: ein Vorschlag zur Neuge-      Platz bekommen und geschlechtergerechter
          staltung von privater Sorge und Erwerbsarbeit“     verteilt werden soll.
          zunächst auf, nach wie vor ungelöst. Diese
          Care-Lücken zeigen sich in der aktuellen           Die Teilnehmer*innen thematisierten diverse
          Coronakrise besonders drastisch im privaten        Facetten des vorgestellten Modells, z. B. seinen
          wie im professionellen Bereich: Eltern und pfle-   Beitrag zur Gleichstellung, und offene Fragen
          gende Angehörige leiden unter Erschöpfung,         wie z. B. Umsetzungsmöglichkeiten und
          Betreuungs- und Pflegepersonal fehlt und ist       Finanzierung. Sie sprachen sich dafür aus, dass
          häufig überlastet, nicht zuletzt aufgrund von      sich die AWO an der Weiterentwicklung des
          schwierigen Arbeitsbedingungen, Unterbezah-        Optionszeitenmodells für atmende Lebensläufe
          lung und Arbeitsdruck. Die während der letzten     beteiligt. Gleichzeitig wurde hervorgehoben,
          Jahrzehnte gestiegenen Erwerbsquoten von           dass über die Bedeutung und die noch unglei-
          Frauen und Müttern wurden nicht kompensiert;       che Verteilung von Care-Arbeit sowie mögliche
          d. h., ungeachtet des Werts und der gesell-        Lösungen wie die des Optionszeitenmodells
          schaftlichen Relevanz der Care-­Tätigkeiten        weitreichend informiert und diskutiert werden
          wurde vorrangig auf die Beschäftigungsfähig-       muss. Dies gilt sowohl für die Diskussion
          keit aller Erwachsenen – nun auch der              innerhalb der AWO als auch mit anderen
          Frauen – fokussiert. Gleichzeitig fehlen neue      Verbänden und politischen Akteur*innen.

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DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO ���           DIGITAL DURCHGEFÜHRT AM 08.12.2020

                       Das Optionszeitenmodell:
                       ein Vorschlag zur Neugestaltung von
                       privater Sorge und Erwerbsarbeit
                       Dr. Karin Jurczyk
                       Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik e. V.
                       Vortrag beim Workshop „Atmende Lebensläufe: Über ein neues Verhältnis
                       von Sorgearbeit und Erwerbsarbeit“
                       10. Sozialkonferenz der AWO „Irrelevant trotz Systemrelevanz? - Frauen- und
                       Gleichstellungspolitik in der Krise“
                       Digitale Veranstaltung, Dienstag, 8.12.2020

          Inhalt
          1. Die fundamentale Bedeutung von Care

          2. Krisendiagnose: Care-Krise heute heißt Verstärkung von Ungleichheiten

          3. Das Geschlechterproblem im normierten Erwerbsverlauf

          4. Das Optionszeitenmodell: Atmende Lebensläufe mit Carezeit-Budgets

          —   Die Zweckbindung des Optionszeitenmodells
          —   Zwecke
          —   Das Optionszeitmodell
          —   Entwicklung des Modells: zeit- und geldpolitische Parameter, Umsetzungsschritte
          —   Zu 4. Anreize für Geschlechtergerechtigkeit
          —   Perspektiven, Ansätze

                                                                                                     23
IRRELEVANT TROTZ SYSTEMRELEVANZ?     ���        FRAUEN- UND GLEICHSTELLUNGSPOLITIK IN DER KRISE

          1. Die fundamentale Bedeutung von Care
          — Care (privat, beruflich und zivilgesellschaftlich) ist mehr als systemrelevant: ermöglicht Leben
              und Überleben, individuelle Entwicklung, soziale Bindungen, gemeinschaftlichen Zusammen-
              halt, intakte Umwelt und eine nächste Generation

          — … und das ein Leben lang und für alle, aber besonders am Anfang, bei Krankheit und am Ende
              des Lebens (Brückner 2011).

          — Das Fundament von Wirtschaft und Gesellschaft

          — Care braucht Zeit – Voraussetzung für Beziehungen, Für- und Selbstsorge

          — Gemeinsames Ziel: Gestaltung von Arbeits- und Lebenszeit im Sinne einer geschlechtergerechten
              „sorgenden Gesellschaft“ (caring society), vgl. Grundsatzprogramm der AWO

          2. Krisendiagnose: Care-Krise heute heißt
             Verstärkung von Ungleichheiten

          — Die Organisation von (entgrenzter) Erwerbsarbeit – nach wie vor zugeschnitten auf den
              „freigestellten“ männlichen Ernährer
          — Delegation von Sorgearbeit an Frauen – Care ist historisch weiblich!
          — Gleichzeitig: Frauen sollen, wollen und müssen erwerbstätig sein
          — Gesellschaftliche Institutionen antworten nicht angemessen auf neue Herausforderungen
              der „doppelten Entgrenzung“
          —   Missverhältnis im Volumen von Angebot und Nachfrage nach Care
          —   Care-Krise heißt Zeit-Krise: Zeitnot und Sorgelücken als Folgen
          —   Individuell, familial und beruflich
          —   Neue alte Achsen von Ungleichheit: Gender (Frauen besonders betroffen), Ethnie, Schicht

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DOKUMENTATION DER 10. SOZIALKONFERENZ DER AWO ���          DIGITAL DURCHGEFÜHRT AM 08.12.2020

          3. Das Geschlechterproblem im normierten
             Erwerbsverlauf
          — Die Organisation von Erwerbsarbeit – nach wie vor zugeschnitten auf den „freigestellten“
            männlichen Ernährer

            •   Fortbestehende rechtliche Orientierung am Normalarbeitsverhältnis
            •   Recht orientiert Erwachsenenleben auf Erwerbsarbeit
            •   ‚Bestrafung‘ von Erwerbsunterbrechungen
            •   Vorhandene gesetzliche Regelungen (Elternzeit, Pflegezeit) antworten nicht angemessen
                auf Bedarfe, v. a. fragmentiert

          4. Das Optionszeitenmodell:
             Atmende Lebensläufe mit Carezeit-Budgets
          Notwendigkeit von Zeitpolitik – „Zeitwohlstand“ als ergänzende
          Wohlstandsdimension, „Zeitsouveränität“ als Freiheitsdimension
          Fokus auf private Sorgearbeit und Lebensverlauf
          Umrisse des Modells

          — Xy Anteil an Lebensarbeitszeit = Optionszeitbudget
          — Entnahmen im Lebensverlauf = System individueller Ziehungsrechte
          — Monetäre und soziale Absicherung von Optionszeiten

                                                                                                        25
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