Joop Snep Erinnerungen - Aufgezeichnet von Willem Peeters
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
Amsterdam, im Januar 2013.
Dieses Lebensbuch ist auf Initiative des ehrenamtlichen Amsterdamer Vereins
Vrijwilligers Centrale und der OsiraGroep entstanden.
Übersetzt von Diete Oudesluijs.
Text und Layout in LibreOffice.
© W.Peeters
2Inhalt
Vorwort 4
Jugend 5
Tischlern, Sport und Tanzen 10
Krieg, Widerstand und Verhaftung 14
Sachsenhausen 19
Untertauchen in Amsterdam 23
Befreiung und Nachkriegsjahre 27
Familie, Arbeit, Kirche und Reisen 33
Zurück nach Sachsenhausen 41
Im Barbarahuis 45
3Vorwort
Montagmorgen, 11.00 Uhr. Ich betrete das Gebäude von St. Jacob und laufe
nach rechts Richtung Barbarahuis. Beim Fahrstuhl angekommen, drehe ich mich
um und sehe, wie ein alter Mann im Rollstuhl näher kommt. Mit Mühe zieht er
sich an den Metallrohren, die gegen die Wände montiert sind, vorwärts. 'Kommen
Sie mit?' Ich schiebe den Rollstuhl in den Fahrstuhl und drücke auf den Knopf
zum fünften Stock. Der Mann wohnt einige Apartments vor dem von Joop. Ich
rolle ihn bis zur Tür seines Zimmers und fahre ihn herein. 'Danke', klingt es leise
und ich laufe weiter zu Nummer 540. Ich klingele und höre, wie immer, Joop
rufen dass die Tür offen ist. Joop sitzt an seinem Tisch und ist mit seinen
Unterlagen beschäftigt. Ich reiche ihm die Hand. 'Hallo Junge', sagt er. Ich
lächele, weil ich mit Junge angesprochen werde, als ich schon auf die siebzig
zugehe. Aber nun gut, Joop ist gut zwanzig Jahre älter und dann darf man so
etwas natürlich sagen. Ich leg meinen Mantel auf sein Bett, auf dem ein altes
Florett liegt, irgendwann Anfang der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts
beim Auflösen der Wohnung der adligen Familie Schaumburg-Lippe in Bonn in
den Besitz von Joops Vater gekommen. Wir schieben einiges zur Seite und ich
setze mich ihm gegenüber, an der Ecke des Tisches. Notizblock und
Kugelschreiber parat. Joop macht den Fernseher aus und wir fangen an.
Joop ist ein guter Erzähler, der sich die Zeit nimmt, meine Fragen zu
beantworten. Ich schreibe schnell weiter und er gönnt mir gelegentlich eine
Pause, damit ich nicht allzu sehr ins Hintertreffen zu gelangen. Er zeigt mir ein
Bild einer Handballmannschaft, die am Anfang des Krieges gemacht worden ist.
Joop weist auf das Bild, seine Hand zittert als Folge der Parkinsonsche Krankheit.
'Das bin ich. Siehst du meine Turnerbizeps? Ich konnte mal sehr hart werfen!' Ich
frage ihn, ob ich das Bild mitnehmen darf, um es ein zu scannen. Gar kein
Problem. Joop gibt mir alles mit, von dem ich denke, es wäre nützlich. Es wird
geklopft. Der Arzt kommt herein und ich warte auf dem Flur. Nach zehn Minuten
ruft mich Joop, er entschuldigt sich. 'Ich kann den Arzt doch nicht einfach weg
schicken?' Wir machen weiter. Joop konzentriert sich und reibt über sein Gesicht.
'Mal kurz rekapitulieren'. Einiges, wie seine Kriegserinnerungen, steht natürlich in
seinem Gedächtnis geätzt, aber manchmal muss er über Daten nachdenken.
Joop seufzt. 'Ich habe so vieles zum Thema Krieg aufgehoben, aber ich muss es
für dich nachsehen'.
Nach etwa einer Stunde höre ich auf. Joop könnte problemlos weitermachen,
aber ich habe genügend Material für die kommende Woche. Ich stehe auf, ziehe
meinen Mantel an und verabschiede mich. Joop steht auf aus seinem Stuhl und
gibt mir die Hand. Danach begleitet er mich zur Tür. 'Bis nächste Woche Joop,
mach's gut' sage ich und er verabschiedet mich mit 'Saludos'.
Während der Monate März bis August 2012 habe ich mit Joop einige Gespräche
geführt. Dieses Buch ist das Ergebnis.
Es war mir ein Vergnügen, Joop kennen zu lernen.
Amsterdam, im Januar 2013.
Willem Peeters
4Kapitel 1 Jugend
Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts zog Peter Snep - der Vater von Joop -
über die niederländischen Grenze nach Deutschland, auf der Suche nach Arbeit:
die Gesellenwanderschaft. Es wurde eine jahrelanger Reise. Er hielt sich in vielen
deutschen, schweizer und italienischen Städten auf,
um dort das Handwerk eines Schreiners von der Pike
auf zu lernen, als Ergänzung auf seine Lehrschule.
Diese Methode, den heißbegehrten Meistertitel zu
erwerben, gab es bereits seit einigen Jahrhunderten
und bildete in Deutschland das Rückgrat der
handwerklichen Ausbildung. Peter Snep hat dies
zwar auf eigene Faust getan, wusste sich jedoch
vom St. Jozef Gesellenverein, dessen Mitglied er
war, unterstützt. Das war eine 1868 in Amsterdam
gegründete katholische Jugendbewegung, die Teil
des riesigen deutschen Kolpingnetzwerkes war. Der
St. Jozef Gesellenverein bekam 1876 Räume im
sogenannten Van Nispenhaus an der Stadhouders-
kade, das den Namen des ersten Direktor des
Vereins trägt: Pastor Jhr. van Nispen tot Sevenaer. Van Nispenhaus
Zweck des Vereins war: 'Durch individuelles und
soziales Leben unter väterlicher priesterlicher Aufsicht das Streben nach
Fachwissen, Frommheit und Wohlfahrt zu fördern.' 1968 wurde der Verein
aufgelöst. Das monumentale Van Nispenhaus wurde 1977 durch Brand verwüstet
und abgerissen.
Peter Snep reiste gut zwölf
Jahre durch Europa herum,
bekam seinen Meistertitel
und arbeitete in einer Anzahl
von Städten als Meister-
knecht. In Duisburg lernte er
seine Frau kennen, Gertrud
Scheeren, die er 1907
heiratete. Gertrud war genau
wie Peter Frühwaise und von
einer Tante, die ein
Restaurant hatte, erzogen
worden. So wurde sie eine
hervorragende Köchin, der
die Familie später immer
nachsagte, sie könne aus
Straßensteinen noch etwas Leckeres zubereiten. Im gleichen Jahr wurde ihre
erste Tochter geboren, es folgten noch sieben Kinder. Joop war das jüngste und
sah das Lebenslicht am 24. September 1921 in Bonn, wo Familie Snep sich
niedergelassen hatte, nachdem man u.a. in Brüssel gewohnt hatte. Zwei seiner
Brüder, Peter und Henk, hat er leider nicht gekannt. Peter wurde 1910 in Brüssel
geboren, wo er fünf Jahr später verstarb. Henk war von 1916 (Brüssel) und starb
1918 in Göttingen.
5Peter Snep war ein guter Fachmann, der nach seiner Ehe für
die Schreinerei Onder de Sint Maarten arbeitete. Dieses
Familienunternehmen aus Zaltbommel stammte aus 1899 und
wuchs zu einem der größten Inneneinrichtungsfirmen in den
Niederlanden heraus, mit Sitz in Haarlem. Peter Snep
arbeitete an der Holzverkleidung eines des Räume des 1913
fertiggestellte Friedenspalasts in Den Haag mit. Ein
Gedenkmünze mit dem Bildnis von Königin Wilhelmina zeugt
davon. Auch fertigte er Mobiliar für den Palast des Gouverneurs von
Niederländisch Indien. Nach dem Ersten Weltkrieg zogen die Sneps wieder nach
Deutschland, Gertrud konnte in den Niederlanden nicht heimisch werden.
Erwähnenswert ist auch das Lob, das Peter Snep für den Bau eines
Karnavalwagens in Bonn bekam. Darauf war eine Szene zu sehen, in der ein
reicher Geldgeber Präsident Ebert seine Hilfe anbietet. Eine Geste, die von
manchen Deutschen argwöhnisch beschnuppert wurde und Anlass zu
karnevalesker Spott bot.
In den zwanziger Jahren hatte Vater Peter eine eigene Möbelwerkstatt samt
Laden am Stiftsplatz in Bonn. Auf dem Stiftsplatz kam es regelmäßig zu einem
Schlägereien zwischen den Schlägertrupps der SA und den Mitgliedern von
RotFront (Roter Frontkämpferbund). Von ihrer Wohnung aus hatten die Sneps
darauf eine gute Sicht und die
Kinder durften sich am
Samstag nach dem Bad den
spannenden Schlägereien
immer kurz angucken.
Es war eine schwierige Zeit und
die Hyperinflation tat seine
vernichtende Arbeit. Dennoch
konnte sich die Familie über
Wasser halten. Joop weiß von
seinem Vater, dass bestellte
Möbel in Kisten zu den Kunden transportiert wurden, die anschließend voller
Banknoten wieder zurück kamen. Geld, das schnell ausgegeben werden musste,
denn es verlor jede Minute an Wert.
Das wertlose Geld diente später als
Spielzeug. Mit Banknoten, aber auch mit
Münzen haben die Sneps gespielt. 'Münzen'
war eines. Münzen, oft aus Aluminium,
wurden in Pyramidenform für jeden Spieler
auf den Tisch gelegt. Top 1, Basis 6. Ein
Wurf mit dem Würfel bestimmte, welche
Reihe weggenommen werden konnte. Wer 50 Pfennig Münze aus 1921, mit der
Aufschrift: Sich regen bringt Segen
all seine Münzen reingebracht hatte, durfte
anschließend bei anderen räubern; derjenige, der zum Schluss die meisten
Münzen hatte, war der Gewinner. Joop spielte dieses Spiel als Junge mit seiner
Familie und später auch mit den eigenen Kindern und Enkelkindern.
6Als Joop etwa fünf Jahre alt war, zog die Familie in die Koblenzerstraße um, wo
sie im oberen Stockwerk wohnten, mit der Werkstatt um die Ecke. Obwohl die
Zeit der Hyperinflation vorbei war, ging es wirtschaftlich weiterhin schlecht.
Dennoch kamen Aufträge herein. Ein Sonderauftrag war die Räumung der
ebenfalls an der Koblenzerstraße gelegenen Wohnung der Familie Schaumburg-
Lippe. Als Andenken hat Peter Snep ein Florett der adligen Familie behalten, das
noch immer in Joops Besitz ist.
Als Joop sechs wurde, bekam er seine erste Laubsägeausrüstung zum Spielen,
von dem Augenblick an war er oft in der Werkstatt seines Vaters zu finden. Als
Zimmerlehrjunge oder um Einkäufe zu erledigen. Allmählich lernte er die Kniffe
des Schreinerfaches. Auch ging er zur Schule, zur Hindenburgerschule (einer
Jungensschule), wo sich herausstellte, dass er ein ausgezeichneter Schüler war.
Joop erinnert sich, dass er auf dem Weg zur Schule manchmal französischen
Soldaten begegnet ist. Westlich des
Rheins war Deutschland damals in
der Folge des Erste Weltkrieges
immer noch besetzt. Viele dieser
Soldaten waren Marokkaner aus der
Fremdenlegion. Mohren, so wusste
Joop, da macht man besser einen
Umweg.
Als Kind hatte Joop eine schwache
Gesundheit, zweimal hatte er eine
Lungenentzündung. 1930 - er war
damals noch keine zehn Jahre alt -
entschieden sich seine Eltern, es
Hindenburgschule in Bonn. wäre an der Zeit, wieder in die
Unterste Reihe zweiter von rechts: Joop Snep Niederlande zurück zu kehren. Sie
fürchteten den Aufstieg des
Nationalsozialismus, aber die wirtschaftliche Not war hoch gestiegen und Peter
und Gertrud hielten es für klug, in die Niederlande umzuziehen. Während Joops
Vater in die Schweiz ging, wo er vielleicht eine Anstellung finden könnte, reiste
seine Familie nach Amsterdam. Joop, der Gürtelrose hatte, wurde vom
Krankenhaus zum Bahnhof gebracht. In Amsterdam angekommen, konnten sie
vorübergehend bei einer Schwester von Joop in der Cabralstraat wohnen, aber
nicht lang danach - aus der Anstellung in der Schweiz wurde nichts - ließ sich die
Familie Snep in der Bestevâerstraat nieder, genau wie die Cabralstraat im
heutigen Bezirk Amsterdam-West. Joop sprach damals noch kein Wort
Niederländisch, denn zuhause in Bonn wurde Deutsch gesprochen.
Er hat die Sprache jedoch schnell aufgegriffen und weil er sie vor allem auf der
Straße hörte, führte das in der Klasse gelegentlich zu peinlichen Momenten. So
hat er einmal den Finger gehoben um zu fragen, ob er zur Toilette gehen durfte:
'Meister, darf ich scheißen?' Das brachte ihm einen Rüffel ein. Seine Eltern
wurden in die Schule zitiert und wurden gerügt. Die Schule war die römisch-
katholische Boomschule (Maria School) am Ende des Admiraal de Ruijterweg,
eine Distanz von gut einem Kilometer, die Joop täglich viermal laufen musste.
7Die Boomschule lag genau neben der Boomkirche,
die aus 1911 stammte und nach einem bereits im
sechzehnten Jahrhundert genutzte Schlupfkirche
in der Kalverstraat benannt worden ist. Diese
versteckte Kirche befand sich in einem Gebäude,
in dem vorher die Brauerei 't Boompje
untergebracht war. 1915 bekam die Pfarrgemeinde
Franciscus von Assisi De Boom, die bischöfliche
Genehmigung für den Bau der Boomschule, die
1916 fertiggestellt wurde.
In der Schule wurde Joop oft Mof geschimpft, den
Schimpfnamen für Deutsche. Nicht angenehm,
aber einer seiner Klassenkameraden, Hans Donk,
der die deutsche Nationalität hatte und schon gut
Die Boomkirche eingebürgert war, verteidigte Joop. Bis zum Tod
von Hans haben sie den Kontakt gehalten. Joop konnte gut lernen und war in
Bonn immer Klassenbester gewesen. Das gelang in den Niederlanden natürlich
nicht sofort, aber in seinem letzten Jahr auf der Grundschule war er wieder die
Nummer eins. Eine Ehrenkarte zeugt von
Joops Fortschritte. Es war kein Wunder, dass
sowohl der Hauptschullehrer wie der Pastor
darauf drängte, dass Joop weiter lernen
sollte. Aber das war nicht drin, denn seine
Eltern konnten das schlicht und ergreifend
nicht bezahlen. Sie entschieden, dass Joop
zur römisch-katholische Handwerksschule
gehen sollte. Das wurde die Don Bosco-
schule, die jedoch erst noch fertiggestellt
werden musste. Somit war Joop gezwungen,
sich noch ein weiteres Jahr in der siebten
Klasse der Boomschule zu langweilen. Die
Don Boscoschule, gebaut auf dem ehemalige
Gelände der Oostergasfabrik, ist 2004 aufgrund von Problemen mit dem
verunreinigten Boden abgerissen. Dass Joop
niemals weiter lernen konnte, tut ihn nicht weiter
leid: 'Es war halt so, wie es war.'
Anfang der dreißiger Jahre wohnte Familie Snep in
der Reinier Claeszenstraat, nicht weit vom alten
Haus, wo sein Vater im Keller eine Werkstatt
hatte. Im Garten stand eine Reckstange, mit dem
Joop und sein zwei Jahre älterer Bruder Wim
Übungen machten. Das blieb nicht unbemerkt.
Herr Van de Wetering, Schatzmeister des
Gymnastikvereins Jong Leven hat die Jungs spitz
Roothaanhaus
gekriegt und lud sie ein, Mitglied im Verein zu
werden. Zu teuer für die Eltern. 'Macht nichts,' sagte Van de Wetering und zahlte
für sie den Beitrag. So kamen beide Brüder zum Roothaanhaus an der
Rozengracht, wo im dritten Stock alle Arten Turngeräte aufgestellt waren.
8Das römisch-katholische Vereinsgebäude Joannes
Roothaan bzw. Roothaanhaus wurde 1929 eingeweiht und
verdankt sein Name Pater Johannes Philip Roothaan, der
1785 im Jordaanviertel in Amsterdam das Lebenslicht
erblickte und 1829 zum General-Oberst des Jesuitenordens
aufstieg; er war der mächtigste Jesuit der ganzen Welt.
Das Gebäude bietet jetzt Platz für trendy Gastronomie und
Feste. Roothaan würde sich in seinem Grab umdrehen.
Joop turnte auf allen Geräten, war jedoch am besten an
der Brücke. Er trainierte unter der Leitung von Piet Olthof,
Vorsitzender von Jong Leven und Gymnastik-lehrer der
Boomschule. Joops kleine Gestalt - er maß 1.68 m und
war stark wie ein Bär - war vorteilhaft; fast alle guten
Turner sind klein. Er hat sich bei den Junioren so gut
gemacht, dass er bei den großen Jungs eingeteilt wurde,
wo sein Bruder, der immerhin 1.90 m lang war, bereits
turnte. Das geschah einige Wochen, bevor in dieser
Gruppe Wettkämpfe abgehalten wurden. Die ältere Jungs
übersahen Joop und versuchten, sich gegenseitig zu
übertrümpfen; aber halbwegs rief der Kamporganisator
Joops Mutter zu sich und flüsterte ihr ins Ohr, dass Joop
bereits oben auf der Liste stand. Er gewann seine erste
Medaille und sollte noch zahlreiche weitere Preise
heimbringen.
Wie schon erwähnt, konnte Joop gut lernen. In der Werkstatt seines Vaters er
hatte er so viel Erfahrung gesammelt, dass er die Handwerksschule mühelos
schaffte. In Handzeichnen war er ein As. Auch jetzt ging Joop zweimal am Tag -
auf dem Fahrrad - zur Schule, weil der Groschen für die Schulpause für seine
Eltern zu teuer war. Ihm war die Schule sogar so wenig anstrengend, dass Joop
es überhaupt nicht schwerfiel, regelmäßig
zu schwänzen. Die Familie war umgezogen
und wohnte damals auf Leliegracht Nr. 7 in
einem Haus, das teilweise einem
Deutschen, Fred Klenne, einem Dreißiger,
der in Amerika gewohnt hatte und gut
Baseball spielen konnte, vermietet war.
Während der Zeiten in der Joop die Schule
schwänzte, brachte Fred dem lerngierigen
Joop auf der Gracht die Kunst des Werfens
bei. Auch nahm Fred ihn mit ins Ajaxstadion, wo Joop zusammen mit den
Ajaxspielern üben durfte. Erst später stellte sich heraus, dass Fred Klenne
Mitglied einer Bande von Autodieben war; das hat die angenehme Erinnerung am
Baseball jedoch nicht verdorben. Während des Sommerurlaubs der
Handwerksschule war das Roothaanhaus für Turnen geschlossen, Joop spielte
dann auf dem Feld des Fußballvereins The Unity allerhand Ballspiele. Handball
gehörte dazu, das war ein Sport, der gerade aus Deutschland rüber gekommen
war. Es fiel auf, dass Joop sehr hart werfen konnte und er wurde in ein Team von
Spielern von Jong Leven, die im Schnitt etwa zehn Jahre älter waren,
aufgenommen Joop hat noch lange Handball für Jong Leven gespielt.
9Kapitel 2 Tischlern, Sport und Tanzen
Noch während seiner Zeit in der Handwerksschule lernte Joop einen Nachbarn,
Herrn Jacobs, kennen, einem Postboten, der zum Spaß Kasten für
Lautsprecherboxen des Drahtsenders fertigte. Joop half ihm dabei, und als
Jacobs 1937 eine Werkstatt begann, wurde
Joop von ihm eingestellt. Ein Wunsch
seines Vaters, der Joop nach dem
Abschluss der Handwerksschule Erfahrung
sammeln lassen wollte. Das Geschäft lief
gut und Joop hatte als Meisterknecht mit
seinen sechzehn Jahren im Grunde die
Führung über Jacobs und dessen Söhne,
die noch wenig Ahnung vom
Schreinerhandwerk hatten. Neben
Lautsprecherboxen ging das Unternehmen
dazu über, kompliziertere Produkte wie
Schallplattenschrank aus die Jahre 30 Schallplattenschränke anfertigen. Für diese
Schränke sägte Joop Furnier, das er auf die
Vorderseite klebte. Das machte er abends auf dem Dachboden nach dem Sport.
Für jedes Teil bekam er fünf Cent bis einen Groschen dazu und so verdiente er
jede Woche zwanzig bis fünfundzwanzig Gulden dazu - sein Lohn, das übrigens
nicht mehr als zehn Gulden betrug. Diesen Zehner gab er seinen Eltern, den Rest
durfte er behalten.
Während in Deutschland die Juden in die
Enge getrieben wurden, lief es Mitte der
dreißiger Jahre mit der Schreinerei von
Vater Snep nicht so gut. Das Geschäft
drohte in Konkurs zu gehen, als ein
großer Kunde ohne zu zahlen auf
Nimmerwiedersehen verschwand. Ein
Onkel von Joop, Alois Snep, der - wie
sich später herausstellte - für den
englischen Geheimdienst arbeitete und
damit viel Geld verdient hatte, konnte
glücklicherweise aushelfen. Dieser Alois
war 1914 schon einmal für Spionage
verhaftet worden.
Joops Vater riss das Ruder teilweise um,
indem er sich bei einem Busunter-
nehmen, das Reisen nach Deutschland Utrechts Nieuwsblad, 9 Juli 1914
organisierte, bewarb. Eine Form von
Freizeitbeschäftigung, die damals im Kommen war. Peter Snep wurde sofort als
Reiseleiter engagiert aufgrund seiner großen Kenntnisse von Europa und seines
perfekten Deutsch: 'Er sprach die Sprache besser als Niederländisch.'
10Im August 1939 fuhr die Familie Snep in die Schweiz für einen Urlaub von drei
Wochen. Das war damals eine Ausnahme, aber sie konnten sich das leisten, weil
Joops Vater durch seine Funktion als Reiseleiter gute Beziehungen zu Schweizer
Hotels hatte; sie konnten dort umsonst übernachten.
Joop hatte im Voraus ordentlich
zugepackt, so dass er den ganzen
Urlaub mitfahren konnte. Sein
Bruder Wim kam eine Woche
später; dessen Verlobte fuhr auch
mit, zusammen mit ihrer Schwester,
Hetty Millenaar. Hetty war sechs
Jahr älter als Joop, mit dem sie eine
innige Freundschaft schloss; die
besteht noch immer, auch wenn sie
sich lange Zeit nicht begegneten.
Hetty arbeitete damals in
Amsterdam und zusammen
Schaffhausen, Urlaub 1939. Vlnr: Joop, Hetty, machten sie oft einen Spaziergang
Ria, Gertrud, Peter, Wim in der Mittagspause. Im Urlaub
reiste die Familie durch die ganze
Schweiz und Joop genoss in vollen
Zügen. Während die Eltern noch kurz in der Schweiz blieben, reisten die anderen
am 1. September 1939 mit dem Zug zurück, völlig in Unkenntnis der Tatsache,
dass die Deutschen genau an dem Tag in Polen einmarschiert waren und der
Zweite Weltkrieg angefangen hatte. In Köln musste die Familie umsteigen, das
war jedoch bei dem großen Gedränge nicht einfach und sie hatten große Angst,
dass sie nicht mehr in Niederlande zurückkehren konnten. Joop wusste in ein
Abteil einzudringen und schob das Fenster herunter, damals war das im Zug noch
möglich. Sein Bruder hob die Frauen dann hinein und drängte sich wie Joop in
den Zug. Sie kamen sicher in Amsterdam an.
Vor dem Urlaub hatte sich Joop bereits bei der Tanzschule Sandman an der Ecke
Ferdinand Bolstraat/Van Hillegaertstraat angemeldet. Es stellte sich heraus, dass
er gut tanzen konnte. Manchmal besuchte Joop seinen Patenonkel Joop Snep in
Eindhoven, der ein Tanzinstitut hatte. Beabsichtigt war, dass Joop diese Schule
später übernehmen würde. Leider ging es schief; Joops Onkel wurde 1943 wegen
Spionage verhaftet und nach Berlin
überstellt, ins Gefängnis gesteckt und zum
Tode verurteilt. Genau wie seine 185
Mithäftlinge haben ihn die Deutschen in
der Nacht vom 3. zum 4. September
aufgehängt. Diese Mordpartie an
Häftlinge, die auf die Antwort auf ihr
Gnadengesuch warteten - eine der
Blutnächte von Plötzensee - wurde
vollzogen, nachdem die Alliierten das
Tanzinstitut Snep in Eindhoven Gefängnis bombardiert hatten.
11Von dem Geld, das er mit dem Schneiden
der Vorderseiten der Boxen verdient hatte,
kaufte Joop einen Smoking, damit er
schick auf der Tanzfläche erscheinen
konnte. Es war Mode, in der Westentasche
des Smokings ein silbernes Zigarettenetui
zu tragen, dessen Rand klar sichtbar war.
Obwohl Joop sein ganzes Leben nie
geraucht hat, hat er dieses Ritual
mitgemacht. Nachdem er einer Zigarette
angeboten hatte, zündete er selbst eine
an, oder tat so, als ob. Dann verschwand
er sofort zur Toilette und warf die
Weihnachtsball1939. Vorne vlnr: Hetty, Zigarette weg. Es
Joop, Wiesje. waren übrigens teure
Zigaretten, ägyptische,
von der Marke Dubec.
Joop hatte eine feste
Tanzpartnerin: Wiesje
van Tilburg. Mit ihr und mit seiner
Freundin Hetty, die auch gerne tanzte,
ging Joop zu seinem ersten Weihnachtsball
im Wintergarten des Grandhotels
Krasnapolsky.
Joop war in dieser Zeit sehr beschäftigt.
Tagsüber arbeitete er in der Schreinerei,
nach dem Essen gab es Sport und
meistens anschließend noch Furniersägen.
Am Montag von halb sechs bis halb elf
Turnen beim Verein ODIN (Onze Daad ist
Nodig: Unsere Tat ist erforderlich) wo er
unterrichtete. Das tat er in der
Gymnastikhalle an der Passeerdersstraat,
heute bekannt als Jugendtheater De
Krakeling, das sein Name der
nahegelegenen Koekjesbrücke verdankt.
De Krakeling stammt aus 1887 und ist
gebaut, nachdem der Gymnastikunterricht
ODIN Früstück. Hinten Joop Snep für Jungen und
Mädchen der Grund-
schulen Pflichtfach geworden war. Für den Entwurf haben
deutsche Turngebäude Pate gestanden. Bei ODIN war Joop
bereits mit achtzehn Vorsitzender der technischen
Kommission, er organisierte dort das traditionelle jährliche
Frühstück.
12Am Dienstag spielte Joop abends Tennis beim Verein Gold Star, ein vornehmer
Club, wo er als angehender Architekt introduziert wurde, weil er als Schreiner
vermutlich nicht akzeptiert worden wäre. Tischtennis am Mittwoch, den ganzen
Abend bei Jong Leven, aber auch für die Liga an andere Orten. Wieder Tennis am
Donnerstag und am Freitagabend Vorturnen im Roothaanhaus für Jungen und
Herren. Am Samstagnachmittag trainierte Joop mit seinem Handballteam,
abends ging er tanzen.
Der Sonntag stand im
Zeichen des Kirchen-
besuchs und das Spielen
von Handballturnieren.
Genau wie Tennis wurde
das draußen gespielt, auf
einem Fußballplatz mit
zwei Mannschaften.
Um die Zeit erfolgten in
der Sportwelt Fusionen
zwischen katholischen und
neutralen Sportvereinen.
Beim Fußball hatte dies
dazu geführt, dass die
Handballteam Amsterdam vom Katholischen Turnbunde. katholischen Vereine am
Auf den Knien zweiter von links: Joop Snep. Sonntagmorgen spielen
Aufrecht im weissen Trikot: Wim Snep; 1941 mussten, aber dieses
Irrtum wurde vermieden,
als im Handball fusioniert wurde. Joops Bruder Wim spielte dabei als Mitglied der
Kommission, die den Zusammenschluss des Katholische Turnbundes und des
Niederländischen Handballverbandes vorbereitete, eine wichtige Rolle. Es wurde
festgelegt, dass Wettkämpfe von katholischen Vereinen am Sonntag nicht vor
12.00 Uhr anfangen durften. Somit hatten die römisch-katholischen Spieler
genügend Zeit, zur Messe zu gehen.
Durch diese Sportarten hatte Joop in dem Moment, als der Krieg die Niederlande
erreichte, eine eiserne Kondition. Es sollte ihm das Leben retten.
13Kapitel 3 Krieg, Widerstand und Verhaftung
Auf seinen Reisen nach Deutschland für das Reiseunternehmen besuchte Joops
Vater in seiner Freizeit zahlreiche alte Bekannte aus der Zeit, als er in Bonn seine
Firma hatte. Es waren ehemalige Lieferanten von Materialien wie Leim, Lack und
Eisenwaren - unter ihnen viele Menschen jüdischer Herkunft. Um diese Juden in
die Niederlande zu bringen entwickelte Peter Snep ein schlaues System, das
funktionierte, weil die Grenzkontrollen damals noch nicht von SSlern, sondern
von Grenzbeamten durchgeführt wurden. Die waren nicht unbedingt darauf aus,
Juden festzunehmen. Beim Grenzübergang nutzte Peter einen Kollektivpass, d.h.,
von allen Insassen eines Touringcars waren die Personendaten auf einer Liste
notiert, die jedoch kaum kontrolliert wurde. Wenn ein Bus nicht voll besetzt war,
ergänzte Peter die Liste - die maximal vierzig Namen enthalten konnte - auf dem
Rückweg mit den Daten der Juden, die auf dem Rückweg in die Niederlande
mitfuhren. Peter Snep war bekannt und populär. Wenn er mit seinem Bus an die
Grenze kam, klang es oft: 'Ah, der Peter, weiter fahren!' Wie viele Juden auf
diese Weise in die Niederlande einreisen konnten, ist kaum zu schätzen, es muss
sich jedoch um eine
erhebliche Anzahl gehandelt
haben. Von dieser Aktivität
seines Vaters wusste die
Familie nichts, auch Joop
hat das erst nach dem
Krieg erfahren.
Das Reich überfiel die
Niederlande am 10. Mai
1940. Am Tag darauf - die
Familie wohnte damals auf
der Blauwburgwal genau an
der Ecke mit der
Herengracht - sammelte
Joop seine erste Kriegs-
erfahrung. Er erinnert es
sich wie der Tag von
Der Bombenangriff nauf dem Blauwburgwal, gestern. Er lief auf der
11. Mai 1940. Prinsengracht und sah, wie
ein Flugzeug einige Bomben
fallen ließ; er fragte sich, wo die herunter kommen würden. Er rannte nach
Hause und sah zu seinem Erschrecken, dass die Bomben das Eckhaus
Herengracht 105 völlig zerstört hatten. Das Dachgeschoss im Haus der Familie
Snep, das einige Häuser weiter lag, war verschwunden und auch das Stockwerk
darunter hatte großen Schäden. Als er ins Wohnzimmer trat, fand er dort zu
seiner großen Erleichterung seine Mutter und Schwester von einigen leichten
Schrammen abgesehen unverletzt vor. Das Radio auf dem Tisch vor dem Fenster
spielte einfach weiter, trotz der Tatsache, dass ein durch den Luftdruck
reingedrückte Holztür den Apparat an der Vorderseite getroffen hatte und dort
stehengeblieben war, ein bizarrer Anblick.
14Diese Bombe war keine Folge eines gezielten Bombenangriffs. Im Nachhinein
stellte sich heraus, dass ein vermutlich englischer Bomber in Not seine Bomben
abgeworfen hat um Höhe zu gewinnen; eine traf dabei genau die Stelle, wo Joop
wohnte. Die Familie Snep hat Glück gehabt, sie überlebte die Bombe, aber es
gab viele Tote. In den Geschichtsbüchern ist von etwa vierzig die Rede, aber
Joop, der bei der Beseitigung der Schäden behilflich war, hat viel mehr Tote
gezählt. Das Abräumen des Schütts war übrigens gar nicht so einfach. Die
Konstruktionen hoch oben an der Giebel der getroffenen Häusern, die zum
Hochziehen dienten, waren zerstört und der ganze Schütt musste somit die
Treppen hinunter getragen werden.
1952 wurde an der Stelle der verwüsteten Wohnungen von der Kaffee-
handelsgesellschaft Matagalpa ein neues Gebäude errichtet. Vierzig Jahre später
enthüllte der Amsterdamer Bürgermeister Van Thijn an der Seite des
Herengracht dann ein Giebelstein: die Papiermühle. Dabei war Joop als einziger
derjenigen, die den Bombenangriff gesehen
bzw. überlebt hatten, anwesend. Der Stein
kommt aus der Fassade des Hauses des
Papierhändlers Pieter Haack am Damrak
und stammt aus 1649. Im Gebäude hatte
1992 das Werbebüro Wunderman World-
Giebelstein die Papiermühle
wide seinen Sitz, der Stein kam somit
wieder zur Papierverarbeitung zurück.
Unmittelbar nach dem Ausbruch des Krieges baute Joops Vater eine neue
Fluchtlinie für Juden auf, diesmal handelte es sich jedoch um den Transport von
Juden aus den Niederlanden über Belgien und Frankreich in die Schweiz; es
musste für falsche Papiere gesorgt werden. Er besuchte Juden, die in Gruppen im
Apollobezirk zusammen kamen und die über die Grenze wollten, notierte ihre
Daten, die er dann beim Widerstand bracht. Innerhalb einiger Wochen waren die
falsche Papiere fertig. Weil dies viel Zeit in Anspruch nahm, bat Vater Snep
seinen Sohn Joop, ihm dabei zu helfen. Auch
wurde Joop dabei eingesetzt, die Juden zur
belgischen Grenze zu begleiten. Drei oder
vier Menschen reisten gleichzeitig mit Joop
per Zug nach Eijsden in Limburg, wo auf der
Grenze ein Bauernhof lag - mit der Vordertür
in den Niederlanden und die Hintertür in
Belgien. Vor dem Bauernhof lag ein Stück
Land auf niederländischem Gebiet, das an
einem Weg grenzte, an dem eine Kneipe
stand. Für die Flüchtlinge war es eine Art
Haltestelle; sie warteten dort, bis es dunkel
Büro Jüdische Angelegenheiten
wurde. Anschließend brachte Joop sie einzeln
zum Bauernhof, wo sie auf der anderen Seite abgeholt werden sollten. Von wem
und wie wusste Joop nicht. Bei seiner Arbeitsstelle in der Firma Jacobs wusste
keiner etwas davon. Seine Abwesenheit - Joop war manchmal zwei bis drei Tage
in der Woche unterwegs - rief keine Verwunderung hervor. Denn Joop war sehr
mit seinem Sport beschäftigt, zudem war er im Grunde der Chef des
Unternehmens. Dennoch ging es schief.
15Im Juni 1942 meldete sich jemand bei Joop, der es sehr eilig hatte und sagte, er
brauche nicht auf falsche Papieren zu warten. Der Mann gab an, er kenne zwei
Agenten der Amsterdamer Polizei, die mit ihm nach Eijsden reisen konnten und
bei einer Kontrolle sagen würden, sie hätten einen Häftling dabei. Während der
Reise versuchten die Polizisten, Joop darüber aus zu horchen, wie alles vor sich
ging, aber er reagierte nicht und erzählte ihnen nichts Wichtiges. Nachdem alle
Flüchtlinge in der Kneipe abgeliefert waren, reisten die beiden ab Richtung
Amsterdam, Joop brachte seine 'Kunden' zum Bauernhof.
Am nächsten Morgen warteten die Polizisten Joop am Zentralbahnhof in
Amsterdam auf und spazierten ein Stück mit ihm zusammen. Als sie den
Polizeipost am Bahnhof passierten, griffen sie Joop und zerrten ihn herein. Das
war schlau, denn eine Verhaftung im übervollen Bahnhof wäre wahrscheinlich
nicht gelungen. Joop: 'Ich bin davon überzeugt, dass es mir gelungen wäre, mich
loszureißen und in der Menge zu entkommen.'
Einmal in der Wache musste sich Joop völlig nackt ausziehen. Er wurde mit
einem Knüppel verprügelt und vernommen, sagte jedoch nichts. Danach kam er
ins Bureau Jüdische Angelegenheiten an der Nieuwe Doelenstraat 13. Bei Ankunft
sah Joop von der Vordertür aus, wie am Ende eines langen Flures eine Tür
geöffnet wurde; zu seinem Erschrecken sah er, dass im Zimmer dahinter seine
Mutter und Schwester saßen. Ob das nun Zufall war oder Absicht - Joop glaubt,
es war beabsichtigt; die Idee, dass die Deutschen seine Familie in der Gewalt
hatte, ließ ihn das Allerschlimmste
vermuten. Andere waren für vergleichbare
Vergehen erschossen worden. Es folgte
eine zweite Vernehmung und erneut
Dresche, und wieder hielt er den Mund.
Einige Tage verbrachte Joop auf der
Polizeiwache an der Elandsgracht.
Eingesperrt in einer kleinen Zelle mit noch
vier anderen Häftlingen hing er ein
bisschen gegen die Wand. Völlig lahm
geschlagen, konnte er nicht einmal sitzen.
Offensichtlich war es den Deutschen klar
geworden, dass Joop ihre Sprache perfekt
beherrschte. Das war der Grund, dass er
im Gebäude des Sicherheitsdienstes in der
damaligen Euterpestraat dem Leiter der
Gebäude des Sicherheitsdienstes
SD, Willy Lages, vorgeführt wurde. Lages
war freundlich, entschuldigte sich für das
brutale Vorgehen der Polizei und bot ihm ein Glas Wein und eine Zigarette an, die
Joop nicht akzeptierte - um seinen Häftling dann ein Kompliment mit seiner
Kenntnis der deutschen Sprache zu machen und ihn zu fragen, ob er nicht für die
Deutschen arbeiten wollte. Natürlich hat Joop sich geweigert. 'Abführen', war
Lages' Reaktion. Danach wurde Joop zum Gefängnis an der Havenstraat
überführt, wo er eine Zelle mit vier Mithäftlingen teilte - unter ihnen ein
Einbrecher, ein Anwalt und ein Seemann. Der Seemann brachte den anderen bei,
wie man aufwischen musste damit die Zelle sauber blieb.
16Zusammen mit seinem Vater, der ebenfalls
verhaftet worden war, wurde Joop dann ins
Polizeiliches Durchgangslager Amersfoort bzw.
PDA überführt. Das fungierte nicht nur als
Durchgangslager zur Weitertransport nach
Deutschland, sondern war auch ein Arbeits-
und Straflager, wo verhaftete Untertaucher
arbeiten mussten bis zum Transport in ein
Durchgangslager Amersfoort anderes Lager oder zum Arbeitseinsatz im
Reich. Bei Ankunft im Lager musste man alles
ausziehen und wurden uralte Uniformen der niederländischen Armee verteilt. 'Mit
einer Tondöse schoren sie eine Haarbahn mitten auf dem Kopf. Von dem
Augenblick an war man eine Nummer und bekam man ein Stofffetzen, den man
auf die Uniform nähen musste.'
Juden trugen den bekannten gelben
Davidstern, Joop bekam als politischer
Gefangene ein rote Dreieck, Schwarz-
geldhändler ein schwarzes, Einbrecher ein
grünes, Bibelforscher bzw. Zeugen Jehovas ein
lila und Schwule eine rosa Dreieck. Wer zum
Tode verurteilt worden war, trug einen roten
Zirkel oder Ball auf dem Rücken, im Grunde
eine Art Schießscheibe. Wenn einer dieser
Häftlinge zu nah an die Absperrung kam, wurde
ohne weiteres erschossen. Schiessbahn Amersfoort
In Gruppen von 20 bis 40 Mann wurde außerhalb des Lagers marschiert, auch
mussten die Häftlinge Steine von der einen auf die andere Seite der Straße
schleppen, um sie am nächsten Tag wieder zurückzutragen: das Steine-
kommando, ausschließlich dazu erdacht, die Gefangenen zu ermüden und zu
zermürben. Von diesem Weg, dem späteren Loes van Overeemlaan, ging 1943
eine Schiessbahn von 320 Meter Länge ab, zwischen Erdwallen vom
ausgegrabenen Sand. Der Stellvertreter des Lager-
kommandanten war der gefürchtete Joseph Kotälla.
Das Schleppen mit den Steinen fiel Joop nicht sonderlich
schwer, aber für viele der ausgemergelten Häftlinge war es
unmöglich. Einer von ihnen war der damals schon 67-
jährige Monne de Miranda, ehemaliger Beigeordneter der
Stadt Amsterdam, der genau wie Joop beim
Steinekommando eingeteilt worden war. 'Ich sah, dass
Menschen wie De Miranda das nicht schafften, nach meinem
Monne de Miranda Abtransport ist er dann auch zusammengebrochen und von
1875-1942 den SSlern von Kotälla unheimlich getreten worden. Sie
hievten ihn in einen Schubkarren und kippten ihn vor dem
Hang der Schiessbahn. Am Ende des Tages holten ihn Mithäftlinge zum Appell,
danach haben ihn die Bewachern im Waschlokal nochmal zusammengeschlagen.
Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass er gestorben war.'
17Einige Tage nach Ankunft von De Miranda gingen Vater und Sohn Snep wieder
auf Transport. Alle Häftlinge bekamen ein Brot für unterwegs. Joop ging klug vor
und aß jedes Mal nur eine oder zwei Schnitte, aber es gab Häftlinge, die
dermaßen ausgehungert waren, dass sie all ihr Brot sofort aufaßen. Das haben
sie bereut, denn der Transport sollte noch Tage andauern. De erste Tag ging es
mit dem Zug (ein ganz normaler Zug,
keine Viehwaggons), zum Gefängnis in
Düsseldorf, wo sie in mit Holzpritschen
ausgestatteten Zellen für einige Nächte
untergebracht wurden. Der nächste
Abschnitt war per Lastwagen. Die
Häftlinge wurden einfach rein gepfercht,
beim Zuschlagen der Hintertüren achteten
die Deutschen nicht darauf, ob ein Hand
oder Fuß eingeklemmt wurde. Joop: 'Das
Krachen der Knochen klingt mir noch Berlin Alexanderplatz, 1941
immer in den Ohren.'
Schließlich ging es weiter nach Berlin, wo
der Zug auf dem Alexanderplatz anhielt.
Die Häftlinge wurden von einigen
Hunderten Schupos, Beamte der Schutz-
polizei, die mit der Aufrechterhaltung der
öffentlichen Ordnung in den deutschen
Großstädten beauftragt waren, bewacht.
Gefesselt an den Handgelenken der
Schupos bildeten die Häftlinge lange
Menschenketten, die sich zur anderen Häftlinge unterwegs nach
Sachsenhausen
Seite des Platzes in Bewegung setzten, wo
das Polizeipräsidium stand. Dort wurden
sie in einen fürchterlich heißen Keller geschoben, wo es vor Läuse nur so
wimmelte. Auf Straßenhöhe waren schmale
Fenster. Es gelang Joop, mit seinem in einem
Handtuch gewickelten Kopf - er hatte eins dabei -
eines dieser Fenster einzuschlagen. So konnte
etwas frische Luft herein kommen.
Mit der Straßenbahn ging es dann zum Bahnhof
von Oranienburg, von dort liefen die Häftlinge
zum Konzentrationslager Sachsenhausen. Dort
kamen sie am 28. Oktober 1942 an. Joop hatte
die lange Reise aus den Niederlanden überlebt
und hatte am letzten Reisetag noch ein einziges
Stückchen Brot übrig. Aber viele seiner
Konzentrationslager Mithäftlinge starben während der furchtbaren
Sachsenhausen Fahrt. 'Sie starben wie die Fliegen.'
18Kapitel 4 Sachsenhausen
Nach Ankunft in Sachsenhausen wurden alle
Häftlinge vollständig kahlrasiert. Danach
mussten sie sich in einem Zebra-Anzug
hüllen, auf dem - genau wie in Amersfoort -
zusätzlich zur Personsnummer auch ein
Dreieck genäht werden musste. Das zeigte,
zu welcher Kategorie ein Häftling gehörte.
Am zweiten Tag wurden Joop und sein Vater
im Schuhläuferkommando eingeteilt, was
beinhaltete, dass sie jeden Tag von sechs
Uhr morgens bis fünf Uhr abends auf allen Häftlinge in Sachsenhausen
möglichen Schuhen marschieren mussten.
Diese Schuhe waren u.a. von der Salamanderfabrik in Kornwestheim produziert.
Die testeten ihre Schuhe zwar auch in ihrem Fabrikgelände, ließen das jedoch
auch gerne von Häftlingen in Sachsenhausen tun.
Im Schuhkammer befanden sich Regale mit Militärschuhen, normale Schuhe,
Stiefel, Sandalen usw. Die Häftlinge mussten ihre Schuhgröße angeben und
bekamen dann von einem Mithäftling jeder ein Paar für sich auf den Tisch
geschmissen. Wer sich traute zu sagen, dass ein Paar Schuhe ihm nicht gefiel
oder nicht passte, kriegte sofort einen Tritt oder einen Schlag von einem SSler.
Joop erinnert sich, dass die Häftlinge beim Fehlen von Socken Lappen um ihre
Füße wanden oder die Schuhe über ihren nackten Füssen anzogen. Anschließend
Abmarsch zum Appellplatz, wo sie sich in Reihen von etwa zwanzig Mann
aufstellten, dann konnte das Zählen seinen Anfang nehmen. Nummer eins der
ersten Reihe fing an zu zählen: 'Eins', bis das Ende der Reihe erreicht war. Dann
die zweite Reihe, usw. Die Summen der Reihen wurden notiert und
zusammengezählt, danach begannen die
Häftlinge an ihre endlose Märsche. Sie
marschierten über einer speziell dazu
angelegte Schuhprüfstrecke, einem Streifen
von 700 Meter Länge rund um den
Appellplatz, mit verschiedenen Arten Belag
wie Beton (58%), Schlacken (10%), Sand
(12%), Lehm, (8%), Schotter (4%), Kies
(4%) und Pflastersteine (4%). Es war ein
Durchschnitt aller europäischen Straßen, die
die deutschen Soldaten bei ihren Salamanderfabrik
Eroberungen nutzen sollten. Durch Wind und
Wetter liefen die ausgemergelten Männer in Marschtempo an die 40 Kilometer
pro Tag, dabei mussten sie deutsche Lieder singen. 'Der heutige Vier-Tages-Lauf
der Stadt Nijmegen ist im Vergleich dazu Kinderspiel', so Joop, der hinzufügt,
dass manchen Häftlinge auch noch einen mit Steinen gefüllten Rucksack
umgehängt wurde. In Joops Zeit liefen 120 Häftlinge auf diese Weise täglich etwa
4.000 Km. Jeden Tag bekamen die Häftlinge andere Schuhe, um individuelle
Effekte auf den Zerschleiß aus zu schalten. Teils verschlissene Sohlen wurden
repariert und erneut genutzt, bis sie völlig verbraucht waren. So konnten die
Deutschen für jede Art von Material berechnen, wievielte Kilometer damit
gelaufen werden konnte.
19Die Einteilung zum Schuhkommando bedeutete eigentlich ein verkapptes
Todesurteil. Täglich fielen dabei 10 bis 20 Häftlinge um, sie wurden
zusammengeschlagen oder direkt mit einem Nackenschuss erledigt. Mithäftlinge
mussten die Leichen auf einen Holzkarren laden und zum Krematorium bringen.
Täglich kontrollierten die Bewachern, ob
niemand entflohen war. Wenn sich
herausstellte, dass es einem Häftling
gelungen war, zu fliehen, dann mussten die
anderen genau so lange warten, bis die
SSler ihn gefasst hatten. 'Wir mussten
einmal stundenlang in der Kälte und im
Regen auf dem Appellplatz stehen, weil sich
der Flüchtling gut versteckt hatte.' Das
Essen war sehr schlecht und bestand aus
Joop auf die Schuhprüfstrecke, 2010 nicht mehr als zwei Schnitten Brot und einer
Schale wässriger Kohlsuppe. Kein Wunder,
dass Joop rasch an Gewicht verlor; bei Ankunft wog er 72 Kilo, nach einigen
Monaten nur noch 49.
Vier Wochen später wurden Fachleute gesucht, die sich für die Erledigung von
allerhand Reparationsarbeiten melden sollten, denn zu der Zeit wurde Berlin
ordentlich bombardiert. Joop und sein Vater landeten im Lager Lichterfelde an
der Wismarer Straße in Berlin, einem Außenlager von Sachsenhausen, das streng
bewacht wurde. Erst bauten sie dort Baracken, aber danach mussten sie
außerhalb des Lagers auf einem Bauplatz an der Brahmsstraße arbeiten. Dieses
Werksgelände war nicht umzäunt, und das
bedeutete, dass sich drumherum ein Ring
von SS-Bewachern befand, der nicht
durchbrochen werden durfte.
Vater und Sohn Snep mussten in einer
gesonderten Werkstatt Werkzeug reparieren:
kaputte hölzerne Stielen von Hammern oder
Barakkenlager Lichterfelde Spaten ersetzen und dergleichen. Mit
primitiven Mitteln sägten sie diese aus Holz,
das von Deichseln von Pferdenkarren stammte. 'Wir hatten eben mazzel, eine
gehörige Portion Glück, erzählt Joop, 'denn wir konnten drinnen arbeiten,
geschützt gegen Kälte und zudem durften die SSler nicht herein' - denn dann
wäre der Bewachungszirkel durchbrochen worden. Die Werkstatt hatte ein
Fenster, davor ständig SSler, die Wache standen. Eines Tages klopfte ein
Bewacher auf das Fenster. Joop öffnete die Tür, woraufhin der Deutsche zu Joops
Erstaunen bat, das Spielzeugwägelchen seines Sohnes zu reparieren. Es war ein
Rad abgebrochen; so eine Reparatur war für Joop natürlich einfach. Als
Belohnung bekam er etwas Brot. 'Nicht alle SSler waren Schuften', sagt Joop.
'Manche hatten sich aus Idealismus zur SS gemeldet, fühlten sich dann im
nachhinein schwer enttäuscht und benahmen sich nicht allzu sehr daneben.'
Auf den Lastern, mit denen die Häftlinge im Stehen zur Arbeit gebracht wurden
wie Heringe in einer Tonne, saßen die Bewachern auf einer Holzbank. Das
brachte Joop auf eine tolle Idee.
20Der Holzvorrat im Lager Lichterfelde war durch einen Zaun gesichert, aber Joop
hatte den Schlüssel und es gab niemals Kontrollen. Er klaute ein Brett aus dem
Vorrat, sägte es passgenau und nagelte es auf der Bank in den Lastern. Ob die
Bewachern nun auf einem oder auf zwei Brettern saßen, bemerkten sie nicht. Am
nächsten Tag wiederholte Joop dies und in der Barak zimmerte er die Bretter zu
einer Bank. Also mehr Bequemlichkeit für
die Häftlinge, denn Banken fehlten an allen
Ecken und Enden.
Die nächste Arbeitsstelle für Joop und seinen
Vater gab es im Sanitätshauptamt an de
Knesebeckstraße, dem medizinischen Haupt-
quartier der SS, wo sie mit Hilfe von zwei
russischen jungen Männern Reparaturen an
Türen und Fenstern ausführten. Ihre
Bewachern waren zwei junge Österreicher,
Transport Häftlinge in Lastwagen
'die schon in Ordnung waren'. Es entstand
sogar eine gewisse Beziehung zwischen den Häftlingen und den Bewachern, 'Wie
verrückt das vielleicht auch klingen mag', sagt Joop, 'sie waren wirklich nicht
böse'. Eines Tages saßen die Österreicher im Keller, in dem Joop und sein Vater
bei der Arbeit waren, entspannt auf einer Kiste und hatten ihre Gewehre an die
Wand gelehnt. Durch das Fenster auf Straßenhöhe sah Joop plötzlich die
glänzenden Stiefel von SSlern, die offensichtlich auf Kontrollgang waren. Schnell
schob Joop den dösenden Österreichern ihr Gewehr in die Hände, gerade noch
rechtzeitig. Die SSler die reinkamen, stellten fest, alles sei in Ordnung und
verschwanden wieder. Wenn die Österreicher
bei Nachlässigkeit ertappt worden, dann
hätte das für sie selbst, aber auch für die
Häftlinge zweifellos böse Folgen gehabt.
Joop kam so gut mit seinen Bewachern aus,
dass sie ihn losschickten, an der anderen
Straßenseite in der Küche des Sanitäts-
hauptamtes Essen für sie zu holen. Das war
Ehemalig SS-Sanitätshauptamt kein Problem, denn Joop konnte in seiner
Gefängniskleidung und mit seinem
kahlrasierten Kopf sowieso nicht fliehen. Joop ließ einen kleinen Kessel mit den
Resten die in den großen Kesseln zurückgeblieben waren, auffüllen. 'Das Beste
vom Essen gab es unten in den Kesseln, es sackte nach unten.' Später ließ er
einfach einen großen Kessel füllen: 'Ich habe mich vollgefressen.'
Bevor die Häftlinge von Lichterfelde aus zu ihrer Werkstatt gebracht wurden, gab
es natürlich Appel, genau wie in Amersfoort und Sachsenhausen. Joop hat sich
total erschrocken, als eines Tages beim Appell seine Nummer ausgerufen wurde.
Das hieß zum Rapport kommen. 'Ich dachte, dass sie den Holzdiebstal entdeckt
hatten, dafür konnte man Stockschläge bekommen.' Zum Rapportführer:
'Häftling Nummer 52058 meldet sich.' Zu seiner enormen Überraschung hörte
Joop, dass er nach Sachsenhausen gehen sollte um seine Sachen abzuholen und
dass er sich in Amsterdam für den Arbeitseinsatz anzumelden hatte.
21Bereits 1942 war allen Kommandanten der Konzentrationslager den schriftlichen
Befehl der SS erteilt, Häftlinge, die im Lager nicht strikt erforderlich waren, in die
Heimat zurück zu schicken.
Joops erste Reaktion auf den Befehl, nach Amsterdam zurück zu kehren, war:
'Und wie geht es jetzt weiter mit meinem Vater?' Daraufhin bekam er sofort
einen schweren Tritt eines Bewachers. 'Man hatte nichts zu fragen, nur Befehle
zu gehorchen.' Am 7. Mai 1943 verließ Joop das KZ.
22Kapitel 5 Untertauchen in Amsterdam
Nachdem die Niederlande von den Deutschen besetzt worden war, übten die
Geschäftsgruppe Sozialverwaltung des Reichskommissariats und das
Sozialministerium immer mehr Druck auf Arbeitslose aus, Arbeit in Deutschland
zu akzeptieren, unter Androhung einer Sperre des Arbeitslosengeldes. 1941/42
wurden Betriebe 'ausgekämmt', d.h. sie mussten einen Teil des Personals für den
Arbeitseinsatz zur Verfügung stellen. Im Mai 1943 wurde die Einziehung der
Jahrklassen 1920-1924 für den Arbeitseinsatz verkündet; auch Studenten, die
nicht die Loyalitätserklärung unterschrieben hatten, galten als arbeitslos und
mussten nach Deutschland gehen.
In Deutschland bestand bereits seit Beginn des Hitlerregimes der
Reichsarbeitsdienst, ein Pflichthalbjahr im Arbeitsdienst für Männer zwischen 18
und 25 Jahren, für Frauen war es freiwillig. Unter dem Motto 'Mit Spaten und
Ähre' zogen diese jungen Menschen durch Deutschland um Sümpfe trocken zu
legen, Bauland zu erschließen oder beim Bau des Autobanen und des Westwalls
zu helfen. Diese Maßnahme war
ursprünglich dafür gedacht, die hohe
Arbeitslosigkeit zu bekämpfen,
entwickelte sich jedoch schon bald zu
einer Instanz zur Förderung von
nationalsozialistischen Erziehungs-
idealen, zum 'Ehrendienst am
deutschen Volke'. Ab 1939 war der
Arbeitsdienst auch für Frauen Pflicht;
sie arbeiteten als Haushaltshilfe, in
der Landwirtschaft oder machten
ehrenamtliche Arbeit: die Arbeitsmaiden. Die Männer wurden mehr und mehr zur
Unterstützung der Wehrmacht eingesetzt. Bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach,
hat der deutsche Arbeitsmarkt bereits Niederländer angezogen, die im eigenen
Lande keine Arbeit finden konnten - es war Krise und es gab sehr viele
Arbeitslose, und die hatten es außerordentlich schwer, ihre Familie
durchzubringen. Passende Arbeit war eben auch Arbeit über der Grenze.
Und so ging Joop nach Hause, übrigens ohne Bewachung. 'Von al dem Essen
hatte ich einfach ein dicken Kopf bekommen.' Ganz alleine mit Straßenbahn und
Zug in die Niederlande - als er sich dann in Berlin auf dem Weg machte, wurde er
sich schon bald bewusst, wie scharf die Bewachung geworden war. Weil er warten
musste bis der Zug abfahren würde, spazierte Joop im Bahnhof ein wenig herum.
Die Gestapo hielt ihn sofort an; 'Das war nicht unlogisch, denn was macht ein
junger Mann in einem ordentlichen Kostüm an der Stelle?' Joop wusste jedoch zu
erklären, was es damit auf sich hatte und stieg in den Zug. Einmal zuhause,
musste er sich sofort melden und wurde dann zur Handwerksschule an der
Meeuwenlaan in Amsterdam-Nord geschickt. Er sollte in einem Schnellkurs von
einigen Wochen zum Metallarbeiter ausgebildet werden. Der Direktor der
Handwerksschule hatte die Angewohnheit, die Schüler zu informieren, wann sie
vom Besatzer nach Deutschland geschickt werden sollten. Als Joop hörte, dass er
an der Reihe war, berief er sich auf medizinische Gründe und zwar mit einem
Brief, den Joop von einem Arzt des Wilhelmina Gasthuis bekommen hatte: Er
sollte an der Nase operiert werden, weil er ständig erkältet war.
23Die im Atlanta-Gebäude an der Stadhouderskade ansässige deutsche
Kommission, die mit der Aussendung von Arbeitern beauftragt war, zeigte sich
jedoch nicht beeindruckt: 'Mit diesem Brief kannst du genauso gut nach
Deutschland' und Joop wurde aufgerufen, los zu fahren. Das hat er jedoch nicht
gemacht. Die Gestapo stand schon sehr bald vor der Tür des Elternhauses, um
ihn fest zu nehmen. In dem Moment warnte ein Nachbarmädchen Joop. Er ließ
sich umgehend im Weesperpleinkrankenhaus aufnehmen um dort operiert zu
werden, mit Unterstützung des Leiters der GGD, Professor Tuntler. Dieser
Operation hat Joop seine Boxernase zu verdanken, denn die Nasenscheidewand
wurde entfernt und nicht, wie heute üblich, durch eine von Kunststoff ersetzt. De
Gestapo ließ nicht locker, nach einem zweiten Aufruf, sich zu melden tauchte
Joop unter.
Vor dem Krieg hatte Joops Vater ein Lager an der Prinsengracht 204 gemietet.
Das war ein geeigneter Tauchplatz. Zudem konnte Joop dort seine Arbeit als
Schreiner weiter ausführen. Es gab dort noch zwei andere Untertaucher, John
Wagenaar und Henk Ottenga. Henk war Zeichner, John Konditor. Henk war mit
Annie, einer Nichte von Joop, verlobt. Nach dem Krieg wurde John Chef in der
Konditorei der Familie Schäfer. 'Die Familie Schäfer wohnte bei uns um die Ecke
und ich habe Jan (den späteren Beigeordnete und Staatssekretär) aufwachsen
sehen.' Die drei Untertaucher kamen gut miteinander aus. Wenn Gefahr drohte,
versteckten sie sich unter dem Boden. 'In der Mitte der Arbeitsräume gab es eine
kleine Treppe nach unten, die entfernt werden konnte; wenn man unter den
Boden gekrochen war, zog man sie wieder an seine Stelle und sicherte man sie
mit einigen großen Riegeln.' Joops Schwester brachte ihnen immer das Essen.
Zum Erstaunen der Familie
kehrte Vater Snep Weihnachten
1943 nach Amsterdam zurück.
Wie das passieren konnte, ist
niemals klar geworden.
Vielleicht hat ein hoher Offizier
des Sanitätshauptamtes, mit
dem sich Peter Snep während
der Arbeit gut verstanden hatte,
nachgeholfen. Dieser Offizier
war möglicherweise ein Sym-
pathisant von Von Stauffenberg,
dem Mann, der am 20. Juli 1944
ein (gescheitertes) Attentat auf
Hitler verübte.
Gefängnis an der Weteringschans
Joops Vater meldete sich wieder
beim Widerstand, wurde jedoch als zu alt für aktive Teilnahme betrachtet. Er war
jedoch involviert beim Überfall auf das Gefängnis, das Huis van Bewaring an der
Weteringschans zu Amsterdam in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 1944. Peter
Snep wusste, dass im Gefängnis ein niederländischer SSler als Gefängniswärter
arbeitete, der vermutlich etwas für den Widerstand tun wollte.
24Es handelte sich dabei um Jan Boogaard, der nach einer Verwundung an der
Ostfront in die Niederlande zurückgeschickt worden war. Peter gab diese
Informationen an die Widerstandsgruppe weiter, es schien ein goldener Tipp zu
sein. Man zögerte zunächst noch, dann wurde jedoch entschieden, es mit
Boogaard zu versuchen. Nach dem Überfall sollten sich die neunzehn
Widerstandskämpfer in der Werkstatt der Sneps melden. Sie hatten alle einen
Schlüssel bekommen. Der Angriff wurde ausgeführt, aber Boogaard hatte alles
Willy Lages verraten, dessen Mannschaften die Widerstandskämpfer mit
Maschinengewehren erwarteten. Der
ungleiche Kampf war schnell zu Ende.
Fast alle Teilnehmer am Überfall wurden
verhaftet und hingerichtet. Nur einer von
ihnen, Jaap Haarsma, wusste mit einer
Schusswunde im Bein die Werkstatt zu
erreichen. Boogaard ist nach dem Krieg
zum Tode verurteilt.
Prinsengracht 204 diente auch als Lager für die illegale Zeitung Je Maintiendrai
und Lebensmittel und Kohle, die für die Teilnehmer am Bahnstreik, der von
September 1944 bis zur Befreiung gedauert hat, bestimmt waren. Joops Vater
organisierte die Verteilung im Auftrag von Je Maintiendrai. Die Werkstatt wurde
durch Schiffe, die in der Gracht fuhren, beliefert, danach sorgten Kuriere für die
Distribution.
Joop arbeitete vom Anfang seiner Untertauchperiode bis zum Ende des Krieges
einfach weiter in der Schreinerei seines Vaters und verdiente gutes Geld. Ein
Bekannter der Familie Snep aus der Zeit, in der sie auf der Blauwburgwal
wohnten, hatte einen riesigen Vorrat Lampenhalterungen aufgekauft und bat
Joop, in den Holzarmen ein Kanal für die Bedrahtung anzubringen und die
Lampen fertig zu stellen. Pro Lampe brachte das Joop 10 Gulden ein, so
verdiente er bis zu 100 Gulden pro Woche zusätzlich - damals eine
Riesensumme.
Manchmal war es ungeheuer spannend. Joop erinnert sich an einen außerordent-
lich heißen Tag, an dem die Fenster weit offen standen, d.h. sie wurden hoch
geschoben bis sie sich verklemmten; die Gegengewichte fehlten. Nachts kühlte
es ein wenig ab und dann kam mit einem fürchterlichen Krach ein Fenster
herunter. Die drei Untertaucher flogen aus ihren Betten, aus Angst vor einen
Bombenangriff. Auch weiß Joop noch gut, wie sie im Winter von 1943 zu Dritt
den Baum gegenüber der Werkstatt umsägten, um Brennholz zu bekommen.
Mitten in der Nacht gelang es ihnen,
im Erdedunkeln den Baum um zu
sägen. Sie zogen ihn mit dem Stamm
nach vorne in die Werkstatt. 'Wir
dachten, dass die Krone schon durch
die Tür passen würde, aber auf einmal
blieb alles stecken'. Und dann
geschah, vor dem sie Angst gehabt
hatten: Es nahte ein Streifen weißes
Fahrradlampe aus dem Zweiten Weltkrieg Licht von einer Fahrradlampe.
25Sie können auch lesen