KANNST DU DEN SPIELEN? VON HIER NACH DA - BESUCH BEI DJ MICHEL RICHTER FRAGEN, DIE DIE KULTUR BEWEGEN ATELIERSTIPENDIEN UND KÜNSTLERRESIDENZEN ...

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KANNST DU DEN SPIELEN? VON HIER NACH DA - BESUCH BEI DJ MICHEL RICHTER FRAGEN, DIE DIE KULTUR BEWEGEN ATELIERSTIPENDIEN UND KÜNSTLERRESIDENZEN ...
Unabhängige Monatszeitschrift für die Zentralschweiz mit Kulturkalender

                                                                          KANNST DU DEN SPIELEN?
NO 1 Januar 2018 CHF 8.– www.null41.ch

                                                                          BESUCH BEI DJ MICHEL RICHTER

                                                                          ?!?!
                                                                          FRAGEN, DIE DIE KULTUR BEWEGEN

                                                                          VON HIER NACH DA
                                                                          ATELIERSTIPENDIEN UND KÜNSTLERRESIDENZEN
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                                                                                           PRIX DU PUBLIC
                                                                                            ANNECY 2017

                                                                                                                                                                     Ein Film von Robert Müller
                                                                                         BEST ANIMATED FILM
                                                                                           SHANGHAI INT'L
                                                                                            FILM FESTIVAL

                                                                                                                                                                                                                                          ARTWORK GIJS KUIJPER PHOTOGRAPHY SIMON ME YER
                                                                                                                                                  Alte Kunst neu entdeckt – eine filmische Reise in die
                                                                                                                                                  spektakuläre Welt der Köhler im Luzerner Entlebuch

                                                                                                                                                                 Ab 11. Januar im Kino
                                                                                                                                                                                                                  In Zusammenarbeit mit
                                                                                                                         www.koehlernaechte.ch
                                                                                                                         www.filmcoopi.ch

                                                                             za
                                                                                                               *koehlernaechte_InsD_92x140_041.indd 1                                                                   05.12.17 12:01

                                                                       H a m
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                                                                       a n d
                                                                 The b

                                                                                                                                                   40.
                                                                                                                                                   DREiKöNiGS
                                                                                                                      jUBiLäUmS
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                                                                                                                                                                                                        SAmSTAG
                                                                                                                                                                                                        6.1. 2018, 20.30 UHR
                                                                                                                                                                                                        KLoSTERKiRCHE
                                                                                                                                                                                                        ENGELBERG
                                                                                                                                                   Zum Krippengang in die strahlende Klosterkirche Engelberg erwartet Sie
                                                                                                                                                   prächtige Musik: Monastisch, sinnlich, bethaft, tänzerisch – sie verspricht
                                                                                                                                                   ein Highlight in der langen Tradition der Dreikönigskonzerte.
                                                                                                                        Eintritt frei, Kollekte

                                                                                                                                                   WERKE voN GERSHWiN, BiZET, ABBA, SCHoSTAKoWiTSCH, RUTTER UND GREGoRiANiSCHER CHoRAL

                                                                                        nzer t                                                     STifTS-ENSEmBLE KLoSTER ENGELBERG • PATER BENEDiKT LoCHER, SoLoSTimmE UND LEiTUNG
                                                                            Live Ko                   ne r                                         ToUCHANT A CAPPELLA – fRAUENENSEmBLE • jESSiCA mARTy, LEiTUNG • joSEPH SiEBER, KLAviER

                                                                               i t A f r i k a- D i n      u se n
                                                                                                                                                   ALESSANDRo vALoRiANi, oRGEL • PASCAL UEBELHART, SAxoPHoN • mARKUS GÜDEL, LiCHTDESiGN
                                                                            m                   s Wolh                                             CHRiSTof ESTERmANN, PERKUSSioN • WoLfGANG SiEBER, oRGEL UND GESAmTLEiTUNG
                                                                                    e n  h  a u
                                                                             Trop                      8
                                                                                          ua r 2 01
                                                                                                                       GASTGEBER:                               UNTERSTÜTZT DURCH:                                              GESTALTUNG UND DRUCK:

                                                                             27. Jan
KANNST DU DEN SPIELEN? VON HIER NACH DA - BESUCH BEI DJ MICHEL RICHTER FRAGEN, DIE DIE KULTUR BEWEGEN ATELIERSTIPENDIEN UND KÜNSTLERRESIDENZEN ...
E DI TOR I A L

                                                                Wenn jemand eine
                                                                Reise tut ...
                                                                Es klingt zu gut, um wahr zu sein: in ein anderes Land reisen, dort
                                                                eine Wohnung und ein monatliches Gehalt zur Verfügung gestellt
                                                                bekommen, sich intensiv seiner kreativen Arbeit widmen können.
                                                                Dies versprechen Atelierstipendien, und dies halten sie ein, wie Sie
                                                                in unserem Januar-Schwerpunkt lesen können. Kulturschaffende
                                                                aus verschiedenen Sparten berichten von ihren Erfahrungen, die sie
                                                                in der Ferne gemacht haben. Zudem stellen wir hiesige Residenzen
                                                                vor, in denen Kulturschaffende von auswärts leben und arbeiten.
                                                                Atelierstipendien polarisieren, mehr noch als andere Kulturförder-
                                                                gefässe. Vor einem Jahr sprach ein Berner SVP-Stadtrat in diesem
                                                                Zusammenhang von «Wohlfühl-Ferien». Es gibt aber auch ernsthafte
                                                                Kritik wie jene von Yeboaa Ofosu, Leiterin Literaturförderung des
                                                                Migros-Kulturprozents, die im Oktober der «NZZ am Sonntag»
                                                                erklärte, dass sie die Atelierstipendien eingestellt habe, weil nur
                                                                wenige talentierte Leute wirklich reisen wollten. «Sie haben Familie,
                                                                Kinder, einen Beruf. Sie sind nicht mehr ungebunden.»
                                                                Und das ist das Dilemma: Die Verpflichtungen, die Fixkosten zu
                                                                Hause bleiben, während man sich in der Ferne seinem Werk wid-
                                                                met. Anderseits entstanden und entstehen, in Luzern besonders
                                                                mit Chicago, internationale Verbindungen, Inspiration, Austausch.
                                                                Letzteres wird auch in unseren Kulturfragen gestreift, in denen wir
                                                                Themen aufgreifen, die das Kulturjahr 2017 geprägt haben. Neun
                                                                Kulturmenschen beantworteten uns, ob man Applaus versteuern
                                                                soll, was gegen das Wort «gratis» in der Kultur einzuwenden ist
                                                                und vieles mehr.
                                                                2018 wird im Kanton Luzern ein weiteres Sparjahr sein. Ein Kollektiv
                                                                besorgter Bürgerinnen und Bürger sammelt auf funders.ch Geld, um
                                                                einen Film zu realisieren, der sich mit der finanzpolitischen Situa-
                                                                tion des Kantons Luzern auseinandersetzt und der Frage nachgeht,
                                                                warum Mehreinnahmen, die Ziel der vom Kantonsrat verfolgten
Bild: Mart Meyer, Luzerner Atelier in Chicago, 2006

                                                                Tiefsteuerstrategie sind, ausbleiben, während öffentliche Leistungen
                                                                konsequent abgebaut werden. Bereits (Stand: 18. Dezember) sind
                                                                über 39 200 Franken zusammengekommen, die Funding-Schwelle
                                                                liegt bei 120 000 Franken. Weitere Informationen dazu finden Sie
                                                                auf Seite 25. Helfen Sie mit, dieses spannende und wichtige Projekt
                                                                zum Gelingen zu bringen.

                                                                Ivan Schnyder
                                                                schnyder@kulturmagazin.ch

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KANNST DU DEN SPIELEN? VON HIER NACH DA - BESUCH BEI DJ MICHEL RICHTER FRAGEN, DIE DIE KULTUR BEWEGEN ATELIERSTIPENDIEN UND KÜNSTLERRESIDENZEN ...
INHALT

10 SOLL APPLAUS BESTEUERT                                                      20 FERNES SCHAFFEN
WERDEN?                                                                        Peter Stobbe über seinen
Kulturfragen und -antworten                                                    Atelieraufenthalt in Chicago

13 ER SIEHT SCHWARZ                                   SERVICE
   Cambridges königlicher Astronom an der        29 Bau. Wiener Moderne
   Luzerner Wissenschaftsbiennale                31 Kunst. Einzigartige Galerie
                                                 33 Musik. Veritable Sensation
15 MICHEL RICHTER                                36 Kino. Bildschöner Dokumentarfilm
   Der wohl dienstälteste DJ der Schweiz         39 Bühne. Skandalöse Geschichte
                                                 42 Wort. Rigoroses Kunstverständnis
24 VIELFÄLTIGE PROJEKTE                          68 Kultursplitter. Tipps aus der ganzen
   Isa Wiss erhält den Jazzpreis Luzern             Schweiz                                                                          Bild: Mart Meyer, Luzerner Atelier in Chicago, 2006
                                                 69 Ausschreibungen, Namen, Preise
     KOLUMNEN
6    Doppelter Fokus: Circus Royal                    KULTURKALENDER                       PROGRAMME DER KULTURHÄUSER
8    Meier/Müller bi de Lüt: Mit Parmelin und    47 Kinderkulturkalender
                                                                                           48   Kleintheater
     Toblerone fürs Väterland                    49 Veranstaltungen                        50   HSLU Musik
9    Lechts und Rinks: Volk ex machina           63 Ausstellungen                          52   LSO / Luzerner Theater / Stattkino
28   Gefundenes Fressen: Popcorn-Tee                                                       54   Kulturlandschaft
45   40 Jahre IG Kultur: Volljährig              Titelbild:                                56   Neubad / Südpol
46   041 –  Das Freundebuch: Radio 3fach         Matthias Jurt                             62   Museum Bellpark / Kunsthalle
70   Käptn Steffis Rätsel                        DJ Michel Richter in seinem Habitat       64   Nidwaldner Museum / Kunsthaus Zug
71   Comic: Ein Hund mit Migrationshintergrund                                             66   Historisches Museum / Natur Museum

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S C H Ö N G E S AG T

                «Gemachte Prognosen sind
                nicht eingetreten und bereits
                werden neue verkündet.»
                                                         MARCO LIEMBD ZUR FINANZPOLITIK DES KANTONS LUZERN, SEITE 25

          AU F G E L I S T E T                          G U T E N T AG

Jubiläumsjahr 2018                      GUTEN TAG, TUNNELDORF (EBIKON)
Die Exotischsten:                       Du bist wahrlich nichts Schönes. Amplikon nennt
                                        man dich auch. Du bist ein Schlauch. Eine Durch-
                                        fahrtsstrasse, die mit Häusern gesäumt ist. Es ist
– 100 Jahre Brotfrieden (Ukraine)
                                        ja nichts Neues, dass man dich passiert, weil man
                                        woanders hin will. Was dir nun aber angetan
– 100 Jahre Kieler Matrosenaufstand     werden soll, schon: Die Strasse soll die Häuser
                                        verlassen, Richtung Hügel verlegt und überdacht
– 100 Jahre Twin Peaks Tunnel,          werden. Der Gemeinderat holt bereits Offerten für
  inzwischen Teil der Muni Metro        eine Machbarkeitsstudie ein. Ebikon, du warst
  (San Francisco)                       wahrlich nicht Miss Zentralschweiz. Aber du
                                        warst da, immerhin. Wenn man im Stau stand
– 200 Jahre «Stille Nacht» (Salzburg)   und dich verfluchte. Und nun? Untertunnelt und
                                        aus der Wahrnehmung verschwunden. Wirst du
– 300 Jahre Enthauptung des Piraten     das Bielefeld der Schweiz – dessen Existenz von
  Blackbeard (Portsmouth)               Verschwörungstheoretikern infrage gestellt wird?
                                        Ebi-was war das noch mal?
– 400 Jahre Snelliussches Brechungs-
  gesetz (Niederlande)                  Subterrane Grüsse, 041 – Das Kulturmagazin

– 2000 Jahre Aufstand der Roten
                                                                                                               ANZEIGE
  Augenbrauen (China)

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D O P P E LT E R F O K U S

Circus Royal, Abendvorstellung im Weihnachtscircus, Emmenbrücke, 6. Dezember 2017
Bild oben Mischa Christen, rechte Seite Patrick Blank

 Die beiden Luzerner Fotografen Patrick Blank und Mischa Christen zeigen zwei Blicke auf einen
 Zentralschweizer Anlass, den «041 – Das Kulturmagazin» nicht besuchen würde.

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MEIER/MÜLLER BI DE LÜT

Mit Parmelin und Toblerone fürs Väterland

Es ist zu befürchten, dass dies der letzte Beitrag von
Meier/Müller ist. Ja, es ist zu befürchten, dass Sie die-
ses Magazin zum letzten Mal in den Händen halten.
Denn vielleicht sind Sie in ein paar Monaten entweder
kriegsgefangen oder bereits an der Front gefallen. Es ist
haarsträubend. Der Bundesrat hat uns die ganze Zeit
in falscher Sicherheit gewiegt. Bis Guy Parmelin nun
in einem Interview zum Thema Vaterschaftsurlaub die
Wahrheit herausgerutscht ist. Welchen Sinn, meinte er,
habe ein Vaterschaftsurlaub, wenn es derzeit primär da-
rum gehe, die Sicherheit der Schweiz zu gewährleisten?!
Ohne neue Kampfjets werde es nicht möglich sein, die
Zivilbevölkerung zu schützen! Uns droht Krieg!
    Guy, ich habe Angst. Welches unserer Nachbarländer
will uns derart bös? Deutschland, Österreich, Italien oder
Frankreich können es nicht sein, denn die können sich
einen Vaterschaftsurlaub leisten. Es muss Liechtenstein
sein! Der Fürst ist für seine absolutistischen Tendenzen
bekannt und der letzte Staat, der der Schweiz offiziell
den Krieg erklärt hat, war Libyen unter Gaddafi. Aller-
dings hat Liechtenstein keine Armee. Halt! Offiziell hat
Liechtenstein in Friedenszeiten keine Armee. Schweiz,
wach auf! Helvetia, wirf den kümmerlichen Speer weg
und hoch das Maschinengewehr!
    Die Autorin ist sich des Risikos, das sie mit diesem
Text eingeht, bewusst. Es ist anzunehmen, dass sich
der Geheimdienst des Fürstentums umgehend an ihre            die Waffen des gemeinen Wehrdienstlers zu kommen.
Fersen haften wird. Doch Meierin wie Müllerin erheben        (Leider gibt es neuerdings nicht mehr ganz so viele zu er-
sich und zeigen stolz ihre typisch helvetischen niederen     beuten.) Damit werden sie unterwegs Autobahnraststätten
Stirnen gen Osten. Spontan flattern hinter ihnen zwei        ausrauben. Mit den so erbeuteten Tobleronen werden sie
Dennersäcke mit Schweizerfahnen drauf vorbei. Und            sich Camouflage-Muster ins Gesicht schmieren. Das wird
nein, niemand soll sagen, sie hätten ihr Heimatland          niemand komisch finden, da heutzutage jeder dritte Au-
(wer dieses Wort während Kriegszeiten als Ausdruck           tofahrer bei Ackermann oder Veillon Camouflage bestellt,
des Unmutes brauchen wird, wird übrigens wegen Lan-          wird man sie lediglich als modebewusst einstufen. Sie
desverrates verhaftet werden) nicht verteidigt. Deshalb      werden sich die Guyrilla nennen, denn in Parmelins Sinne
machen sie sich schon heute zu Fuss auf den Weg an           kämpfen sie. Patriotische junge Schweizerinnen bekommen
die Grenze. Nachts werden sie laut an Türen klopfen.         heutzutage keine Kinder, sie ziehen auf eigene Faust in den
Sie werden sagen, sie kämen vom Zeughaus, um so an           Krieg und überfallen Migrolino Dépendancen. Warum
                                                             Kinder bekommen, wenn zuerst unser Land verteidigt
                                                             werden muss? Schwestern, wir treffen uns in zwei Wochen
                                                             auf der Rückseite der BP-Raststätte Rheintal Ost bei den
                                                             Containern. Es werden sich uns viele anschliessen, denn
                                                             beim Militär bekommen sie nur bleiche Militärguetsli,
                                                             bei uns hingegen gibt es Toblerone. Und Sie, lieber Guy
                                                             Parmelin, denken Sie jetzt nicht, «die hätten sich besser
                                                             schwängern lassen». Das machen wir gern, aber erst in
                                                             friedlichen Zeiten mit Vaterschaftsurlaub.

                                                              Text: Anaïs Meier, Illustration: Sarah Elena Müller

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LEC HTS U N D R I N KS

Volk ex machina
Luzerner Kantonspolitiker verstecken sich hinter dem vermeintlichen Volkswillen. Anstatt zu tun,
wofür sie gewählt worden sind.

Der Luzerner Finanzdirektor ist ein Mann,
der das Regierungsgebäude durch den Hin-
tereingang betritt, wenn beim Haupteingang
die Menschen gegen seine Finanzpolitik pro-
testieren. Und Marcel Schwerzmann erklärt
sich auch nicht gerne in Interviews – und
wenn doch, wie kürzlich in der «Luzerner
Zeitung», lieber schriftlich. Entsprechend
kurz angebunden waren denn auch sei-
ne Antworten zum Budget 2018, das der
Kantonsrat zuvor gutgeheissen hatte. Das
neuerliche Abbaubudget verteidigte er mit
dieser lapidaren Kausalkette: «Die Stimm-
bürger haben sich im Mai gegen höhere
Steuern ausgesprochen. Die darauf folgende
Volksbefragung hat gezeigt, dass die Finanzen
auf der Ausgabenseite zu sanieren sind. Das
heisst: Wir müssen weiter sparen.»
     Es sind zwei Grundannahmen, die dieser
Aussage zugrunde liegen. Volkes Wille ist
erstens eindeutig und zweitens eine Art
von Naturgewalt, auf die Regierung und
Parlament keinen Einfluss haben. Beide
Grundannahmen sind falsch. Denn die vom
Finanzdirektor angesprochene Befragung
der Stimmbevölkerung hatte im Frühling
ein widersprüchliches Bild ergeben: Ja, die
Leute wollten die Steuern nicht erhöhen
und stattdessen die Ausgaben senken. In           er nicht verlieren kann – Steuersenkungen          Haltung (und ob überhaupt eine Haltung)
fast allen Bereichen – nur nicht in der Ver-      sind gut, der Abbau von öffentlichen Dienst-       sie vertrete – am Ende mache das Volk in
waltung und im Asylwesen – aber lehnten           leistungen ist genauso gut. Verstrickter ist       Pfaffnau und in Malters unten ja sowieso, was
dieselben Leute eine Ausgabenkürzung ab.          die Lage der bürgerlichen Mitte im Kanton-         es wolle. Das aber ist Herrliberger Ideologie.
Zudem verstanden viele der Befragten ihr          sparlament, namentlich der CVP. Je länger          Die Kantonsrätinnen und Regierungsräte
Nein zur Steuererhöhung auch als Kritik           die Steuerstrategie am Werk ist, umso mehr         wurden gewählt, damit sie Verantwortung
an der Finanzpolitik der letzten Jahre: 67        Mühe hat die am stärksten staatstragende           übernehmen für diesen Kanton, damit sie
Prozent erklärten die Tiefsteuerstrategie für     Luzerner Partei, diese Strategie ihrer soli-       sich Strategien für ihn ausdenken und diese
gescheitert. «Ihr Credo (der Linken, Red.),       den, menschenfreundlichen, pragmatischen           Strategien auch wieder überprüfen. Sobald
dass die Steuerpolitik scheitern möge, kann       Wählerbasis zu verkaufen. Immer wieder             sie dies ehrlich und kompetent tun, werden
nicht im Sinne der Menschen sein», sagte          geriert sie sich darum als Opfer genau jener       sie für die Schlüsse, die sie daraus ziehen,
Schwerzmann. Er irrt sich.                        steuerpolitischen Sachzwänge, zu denen             auch wieder Mehrheiten finden. Politik ist
     Aber Marcel Schwerzmann ist nicht der        sie wesentlich beigetragen hat: Man müsse          ein System, in dem bestimmte Handlungen
Einzige, der die Abbaupolitik mit einem           halt sparen, nur schon, damit der Kanton           bestimmte Wirkungen haben, die wiederum
Volkswillen legitimiert, der widersprüchlich      überhaupt ein Budget bekomme.                      die Handlungen verändern. Das, was man
ist und darum zur Hälfte ausgeblendet wird.           Mit anderen Worten tut die bürgerliche         als Volkswillen bezeichnet, existiert nicht
Im Gegenteil, der parteilose Finanzdirektor ist   Politik so, als besitze sie bei den bürgerlichen   ausserhalb dieses Systems.
dabei noch am glaubwürdigsten: Er betreibt        Wählerinnen und Wählern keinerlei Au-
nun mal eine neoliberale Agenda, mit der          torität. So, als spiele es keine Rolle, welche     Text: Christoph Fellmann, Illustration: Raphael Muntwyler

                                                                         9
KANNST DU DEN SPIELEN? VON HIER NACH DA - BESUCH BEI DJ MICHEL RICHTER FRAGEN, DIE DIE KULTUR BEWEGEN ATELIERSTIPENDIEN UND KÜNSTLERRESIDENZEN ...
Wo soll das bloss noch alles enden?

Das vergangene Jahr war global wie lokal von Irritation und Entrüstung geprägt. Es liess wenig
Raum zur Reflexion, zu Behutsamkeit, zu Fragen – die manchmal die besseren Antworten sind. Für
den Einstieg ins Jahr 2018 schauen wir mit Kulturmenschen, die uns in den letzten zwölf Monaten
aufgefallen sind, zurück auf Themen, die das Kulturjahr 2017 geprägt haben.

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                                                                                    «Was für eine Frage! Regierungsrat Reto Wyss hat die Antwort in seiner
                                                                                    unlängst gemachten Aussage ‹der Lohn des Künstlers ist der Applaus›
                                                                                    bereits selber gegeben. Wenn Applaus Lohn ist, dann wird Applaus auch
«Was ist gegen das Wort ‹gratis› in Verbindung                                      besteuert, denn Lohn wird immer besteuert. Ohne Wenn und Aber!
                                                                                    Insbesondere Paragraph 30 1a. des Luzerner Steuergesetzes lässt keine
mit Kultur einzuwenden?»                                                            Fragen und keinen Spielraum zu. Die Frage ist nicht, ob Applaus besteu-
                                                                                    ert werden soll. Es bedarf gar keiner Frage, sondern es bedarf nur der
«In Zeiten, in denen unter anderem bei der Kultur massiv gespart wird
                                                                                    unverzüglichen Umsetzung. Hat da wer geschlampt? Also, lieber Regie-
und Regierungsräte der Meinung sind, dass der Applaus der Lohn der
                                                                                    rungsrat Reto Wyss, sofort an die Einführung der Applaussteuer unter
Künstlerin, des Künstlers sei (siehe Frage rechts), finde ich es zynisch,
                                                                                    Zuhilfenahme allen fachmännischen Wissens Ihrer Sparmitstreiter im
wenn man Kultur ‹GRATIS› verhökert. ‹GRATIS› wirkt wertmindernd
                                                                                    Gremium. Selbstverständlich ist bei der Einführung der Applaussteuer
und suggeriert, dass Kulturschaffende für ihre Arbeit (ja, Arbeit!) kei-
                                                                                    darauf zu achten, dass keine Applaussteuerhinterziehung oder kein
nen Lohn brauchen, die können ja froh sein, auftreten (oder ausstellen
                                                                                    Applaussteuerbetrug möglich ist (Schlupflöcher, Applaushinterziehung,
oder wie auch immer ...) zu dürfen, um bekannter zu werden.»
                                                                                    Schwarzapplaus, Manipulation zur Minderung des Applauses, vor lee-
                                                                                    ren Rängen spielen ...). Eine Applauspauschalbesteuerung für grössere
Domi Meyer, Kulturwirt und Musiker
                                                                                    Darbietende von Kultur soll aber im Sinne der möglichst schlanken Ad-
                                                                                    ministration geprüft werden. Das Einsetzen von Mitteln zur Steigerung
                                                                                    des Applauses wie Verteilen von Freikarten, Manipulation am Applaus-
                                                                                    messer, Applausstimulation gelten nicht als Applaussteuerbetrug oder
                                                                                    Applaussteuerhinterziehung. Das Selbstwertgefühl der Kulturschaf-
                                                                                    fenden und der Applaussteuerertrag sollen auf keinen Fall geschmälert
                                                                                    werden.»

                                                                                    Peter Bühler, Treuhänder
                                                                                    Diese Antwort wurde gekürzt. Die ausführliche Version finden Sie auf null41.ch.
«Warum gibt es keine Luzerner Slamszene?»
«Als ich 2011 in Luzern zu studieren begann, stand ich seit vier
Jahren von der Nordsee bis nach Wien mehrmals wöchentlich auf
Poetry-Slam-Bühnen. Dennoch konnte ich meine bisherigen Zen-
tralschweizer Auftritte an einer halben Hand abzählen. Obwohl in
der Loge und im La Fourmi viele Spoken-Word-Veranstaltungen
stattfanden und obwohl der Verlag Der gesunde Menschenver-
sand von Luzern aus die Schweiz mit Spoken Word versorgte, gab
es keine Luzerner Szene. Um dies zu ändern, initiierten wir den
Neubadslam. Die eskalative Stimmung und die Publikumszahlen
zeigen, dass Poetry Slam in Luzern definitiv keine dumme Idee ist.          «Weshalb fühlt sich jeder und jede Zentralschweizer
Die Hemmschwelle, den ersten Auftritt vor 300 Leuten und neben
Profis aus der Szene abzuhalten, war aber doch zu gross. Deshalb
                                                                            Kulturschaffende immer sofort betüpft?»
begründeten wir in der Bar 59 einen Open-List-Slam. Alle, die wol-
                                                                            «Betüpft? Die Kulturschaffenden? Also bitte! Was das wieder für eine Frage ist.
len, können sich melden und mitmachen. Mittlerweile haben sich
                                                                            Ts, typisch Feuilleton! Im Gegenteil: Kulturschaffende sind hart im Nehmen.
am Slam 59 mehrere frische Luzerner Poetinnen und Poeten auf
                                                                            Immerhin halten sie dem Kanton Luzern die Stange und brechen ihre Zelte
die Bühne getraut – einige davon treten bereits öfters auf. Dass Lu-
                                                                            nicht ab, auch wenn dieser seinerseits die Zelte der Kulturförderung abbricht
zern keine Poetry-Slam-Szene hat, stimmt so also nicht mehr, auch
                                                                            und sich durch einen betüpften Umgang mit Steuern und öffentlichen Finanzen
wenn wir am Slam 59 – jeweils am letzten Donnerstag des Monats
                                                                            hervortut.»
– nach wie vor genügend Platz für weitere mutige Schreiberinnen
und Schreiber haben. Für 2019 holten wir uns übrigens die Poetry-           Adrian Albisser, Ex-Präsident IML
Slam-Schweizermeisterschaft nach Luzern. Darauf kann man sich
definitiv freuen.»

Valerio Moser, Slam-Poet, Kabarettist, Workshop-Geber,
Organisator

Tobi Gmür, Peter Bühler, Domi Meyer,
Valerio Moser, Sandro Hofstetter, Marc Unternährer,
Heinz Stahlhut, Adrian Albisser, Kilian Mutter (v. l. n. r.)
Zeichnungen: Mart Meyer

                                                                               11
K U LT U R F R AG E N

      «Was sagt das über die hiesige Musikszene aus,
      wenn der gebürtige Aargauer Mario Hänni alias
      Rio, der in Zürich lebt, zum Luzerner Musiker
      erklärt wird?»                                                                        «Wie steht es um die Luzerner Altstadt?»
      «Was ihr hören wollt: Die Anzahl Luzerner Projekte, in denen ein ausser-              «Damals, als in der Eisengasse das rote Licht der Schmiedeöfen
      kantonaler Musiker wie Mario Hänni mitwirkt, sprechen für die Qualität                noch die einzigen Steinhäuser der Stadt erhellte, als im Löwen-
      des lokalen Musikschaffens.                                                           graben die Löwen fauchten, in der Rössligasse die Rössli gum-
      Was ich tatsächlich denke: Luzern hat offensichtlich ein zu grosses Herz              peten und die Hirsche, Schwäne und Falken in ihren Gassen
      für dahergelaufene kleine Wesen mit überschüssiger Energie.»                          und auf ihren Plätzen noch zu Hause waren, gab es auch eine
                                                                                            wilde Horde Affen, die keinen eigenen Ort hatte und deshalb
      Kilian Mutter, Connaisseur
                                                                                            laut hepend und pralaggend um die Häuser zog. Man hört sie
                                                                                            heute noch ab und zu. Ansonsten ist es in der Nacht ausser dem
                                                                                            Plätschern der Brunnen ruhig geworden. Allerdings: Ein paar
                                                                                            Jahre lang begann ein einziger Singvogel jeweils morgens um
                                                                                            vier mit seinem irren Gezeter. Ein Vogelkenner meinte, um
                                                                                            diese Zeit sängen nur Nachtigallen, aber diese seien unwahr-
«Wäre es rein zahlenmässig noch möglich, 245 Alter-                                         scheinlich in der Luzerner Altstadt. Nachforschungen ergaben,
native in den Sonnenberg zu sperren?»                                                       dass es sich um einen gewöhnlichen, aber verrückt gewordenen
                                                                                            Buchfinken handelte, der sich am Widerhall seiner Stimme in
«Es gibt bestimmt immer noch mehr als 245 Alternative und Radikale in Luzern.               den engen Gassen erfreute – oder daran verzweifelte, dass sein
Sie schlummern vor sich hin und warten aufs nächste Ereignis, an dem sich ein               einsamer Ruf nicht erwidert wurde. ‹Gegen die Liebe ist kein
Auftritt lohnt. Dabei bräuchten die Kulturschaffenden, die sich gegen die kanto-            Kraut gewachsen›, steht auf Lateinisch am ehemaligen Apothe-
nale Sparerei wehren, dringend Unterstützung. Alles eine Frage der Organisati-              kerhaus und man erinnert sich daran, dass die Altstadt auch ein
on! Ich bespreche dies gleich mit meineR NachfolgerIn SimonE Steiner. Denn ...              Lebensraum ist, für Menschen, die länger bleiben als ein paar
nun ja, zehn Jahre danach können wir mit der Wahrheit rausrücken: Es war alles              Stunden. Über den Weinmarkt ist früher der Teufel geflogen,
inszeniert damals, am 1. Dezember! Ich erkannte, dass die Szene schwächelt,                 wohl eher ein armer Teufel, der an den Passionsspielen an einem
und dachte mir ein Ereignis aus, das Energie freisetzt. Und es klappte: Die Aktion          Strick hoch über dem Platz hing. Wenn alle Stricke reissen, gibt
Freiraum und die Kulturoffensive prägten den Stadtluzerner Kulturdiskurs für                es immer noch die Magdi-Bar.»
fast fünf Jahre. Die Gelegenheit war günstig: Die Boa war frisch geschlossen, und
dann diese EM-Auslosung im KKL! Die Juso bemühte sich noch, eine Bewilli-                   Marc Unternährer, Tubist
gung zu bekommen. Hätten die nur gewusst, dass ich der Polizei eine anonyme
Bombendrohung zukommen liess, mit dem Hinweis, die Demo diene nur zur
Tarnung, um die Auslosung zu attackieren. Dabei war uns diese völlig egal. Es
war ein grosses Opfer, doch es zeigte Wirkung. Ich hoffe, man verzeiht mir diese
dreiste Tat ... Ich tat es nur für die Gemeinschaft.»

Sandro Hofstetter, ehemaliger Pressesprecher Aktion Freiraum /
Kulturoffensive

                                                                                     «Trägt Heinz Stahlhut auch Wollmützen?»
                                                                                     «Für mich gibt es eigentlich nur Gründe gegen Wollmützen:
                                                                                     1. Ob mit oder ohne Bommel – sie sehen scheusslich aus.
                                                                                     2. Meine Haare reagieren auf Mützen einfach allergisch: Sie sind dann
       «Spielt der FCL weiterhin so schlecht, rückt                                  einerseits wie angeklatscht und andererseits stehen sie elektrisch aufgela-
       er dann wieder näher an die Freie Fussball-                                   den hoch, wenn ich die Mütze abziehe.
       szene Innerschweiz?»                                                          3. Für die Haarwurzeln ist ein wenig Kälte ganz gut, und schliesslich
                                                                                     4. Für’s Hipsteraussehen bin ich einfach zu alt.
       «Welch schönes Szenario: Der FCL steigt Liga um Liga abwärts.                 Darum: Kühlen Kopf bewahren und schönen Winter oben ohne wünscht
       Die Investoren verlassen das Schiff. Die Swissporarena wird zer-              Euch allen Heinz»
       legt, nach Zürich verfrachtet und den Grasshoppers geschenkt.
                                                                                     Heinz Stahlhut, Sammlungskonservator Kunstmuseum Luzern
       Auf der Allmendbrache fusioniert der FCL mit Inter Amore. Prä-
       sident wird Marco Liembd. Höher als 2. Liga Inter spielt der neue
       Verein nicht mehr, dafür freut sich ganz Luzern auf die Derbys
       gegen den FC Kickers und den SCOG. (Was ist eigentlich die Freie
       Fussballszene Innerschweiz?)»

       Tobi Gmür, Musiker und unverbesserlicher FCL-Fan

                                                                              12
a

                                                             BI EN NA L E

                        Hier
                                                                               Martin J. Rees, in Ihrem Buch «Unsere
                                                                               letzte Stunde» geben Sie der Menschheit
                                                                               eine Chance von 50 Prozent, dass sie dieses
                                                                               Jahrhundert überleben wird. Was sind die

                    auf der Erde
                                                                               hauptsächlichen Bedrohungen?
                                                                               Rees: Die Menschen werden immer
                                                                               zahlreicher, verbrauchen mehr Energie
                                                                               und Ressourcen und beeinträchtigen das

                        und
                                                                               Klima und die Biodiversität der Erde. Wir
                                                                               riskieren, bestimmte Wendepunkte auszu-
                                                                               lösen, die irreversibel sind. Zum andern
                                                                               wachsen Bedrohungen aus den neuen

                far beyond
                                                                               Technologien. Die Bereiche Bio, Cyber
                                                                               und Künstliche Intelligenz sind trotz ihrer
                                                                               Verdienste extrem bedrohlich. Eine kleine
                                                                               Gruppe oder ein einzelnes Individuum
                                                                               könnten aufgrund einer Fehlleistung
                                                                               oder auch mit Absicht eine Katastrophe
                                                                               auslösen, die schnell zu einer globalen
                                                                               Kettenreaktion führen würde. Wir stehen
                 Der Engländer Martin J. Rees ist königlicher Astronom an
                                                                               vor einer ungemütlichen Fahrt durch den
                 der Universität Cambridge. Er nimmt an der Biennale zum       Rest des Jahrhunderts. Uns selber auszu-
                Rätsel des menschlichen Bewusstseins teil, die René Stettler   löschen wäre das grösste Desaster, weil
                in Luzern veranstaltet. Wie denkt Rees über die Zukunft des    damit ein ungeheures Potenzial vernichtet
                 Menschen? Der prominente Astrophysiker und Buchautor          würde: hier auf der Erde und far beyond.
                            gibt Auskunft im E-Mail-Interview.
                                                                               Sie gingen im Buch sogar davon aus, dass
                                      Von Pirmin Bossart
                                                                               bis ins Jahr 2020 eine Million Menschen
                                                                               zugrunde gehen werden aufgrund von
                                                                               Bioterror oder einem zufällig ausgelösten
                                                                               Ereignis mit Bio-Erregern. Halten Sie noch
                                                                               immer daran fest?
                                                                               Ja. Ich habe darüber mit Stephen Pinker
                                                                               eine Wette abgeschlossen. Pinker ist Autor
                                                                               von «The Better Angels of our Nature»
                                                                               und ein wenig optimistischer als ich, was
                                                                               die menschliche Natur betrifft. Ich mache
                                                                               mir Sorgen sowohl was «bio-terror» wie
                                                                               «bio-error» betrifft. Natürlich hoffe ich
                                                                               vehement, dass ich die Wette verlieren
                                                                               werde!

                                                                               Glauben Sie, dass die Menschen in maschi-
                                                                               nenähnliche Wesen mutieren könnten, zu
                                                                               Cyborgs, Robotern? Ist dieser Prozess schon
                                                                               im Gang?
                                                                               Die Möglichkeit ist real, dass wir genug
                                                                               über Genetik verstehen, um Menschen zu
                                                                               modifizieren und Cyborgs zu kreieren. Ich
                                                                               denke und hoffe, dass hier auf der Erde
                                                                               solche Entwicklungen aus vernünftigen
                                                                               oder ethischen Gründen reglementiert
                                                                               werden. Aber wenn dereinst Pioniere oder
                                                                               kleine Gruppen von Menschen auf dem
    Bild: zvg

                                                                               Mars oder auf Asteroiden leben, werden

                                                                  13
BI EN NA L E

diese Regelungen nicht mehr greifen. Im      die interplanetarischen und interstellaren    Wie beurteilen Sie die Forschungsme-
Gegenteil dürften dann solche Techniken      Räume für die zukünftigen Wesen: Dort         thoden von Buddhisten, die mit Kontem-
zwingender werden, um sich überhaupt         werden sich die Roboterfabrikationen          plation, Meditation und andern Techniken
an die lebensfeindliche Umgebung anzu-       vorzugsweise entfalten und nicht-biologi-     ebenfalls zu einem tieferen Verständnis des
passen. So werden sie in eine neue Spezies   sche «Hirne» eine Power entwickeln, die       menschlichen Geistes beitragen? Kann ein
evolutionieren. Die posthumane Ära wird      wir Menschen uns gar nicht vorstellen         Naturwissenschaftler dieses subjektive Vor-
nicht auf der Erde, sondern anderswo in      können.                                       gehen ernst nehmen?
unserem Sonnensystem beginnen. Und                                                         Viele Menschen – darunter vor allem
die Erdlinge, die sich auf unserem Plane-    Was denken Sie über Science-Fiction?          buddhistische Mönche – sind fähig,
ten wohlfühlen, werden sie anfeuern und      Interessieren Sie diese Storys, sind sie      mentale Zustände zu erfahren, wie das
Hurra rufen!                                 gar relevant für Ihre Überlegungen oder       nur wenige können, die einen grossen
                                             betrachten Sie das alles nur als Fantasy?     subjektiven Wert haben. Sie sind zwei-
                                             Ich rate meinen Studenten immer, dass sie     fellos real, wenn auch «privat». Neurolo-
 «Ich rate meinen Studen-                    besser erstklassige Science-Fiction lesen     gen versuchen herauszufinden, was für
 ten immer, dass sie besser                  als zweitklassige Wissenschaftsbücher.        Muster im Gehirn mit solchen Erfahrun-
                                             Ernsthaft: Ich denke, dass die Lektüre der    gen korrelieren. Das ist natürlich nicht das
 erstklassige Science-Fiction                grossen Science-Fiction-Autoren unsere        Gleiche, wie die Erfahrungen selber zu
 lesen als zweitklassige                     wissenschaftliche und soziale Imagination     machen. Die Wissenschaft fokussiert sich
                                             nährt und unsere Perspektive erweitert.       auf Phänomene und Konzepte, die geteilt
 Wissenschaftsbücher.»                                                                     werden können. Von daher ist Wissen-
 		                    Martin J. Rees
                                             Die Biennale in Luzern widmet sich erneut     schaft die universalste Kultur, die alle
                                             dem Thema «Das Rätsel des Bewusstseins».      Nationalitäten und Glaubensrichtungen
                                             Glauben Sie, dass Bewusstsein lediglich ein   umfasst.
                                             Produkt des Gehirns ist? Oder könnte es
Werden diese Maschinen-Menschen eine         eine Art «kosmisches Bewusstsein» geben,      Was haben Sie für eine Beziehung zur
Intelligenz entwickeln, lernfähig werden     das unabhängig davon existiert?               Religion? Ist die Vorstellung eines Gottes
und vielleicht viel mehr verstehen als wir   Es ist klar, dass unsere Gedankenprozesse     für Sie relevant?
mit unseren Hirnen?                          mit den elektrochemischen Verhältnissen       Ich wurde konventionell in England erzo-
Es wird nur noch Dekaden dauern,             in bestimmten Gehirnregionen verlinkt         gen und schätze weiterhin die musikali-
vielleicht Jahrhunderte, um eine dem         sind. Die aktuellen Untersuchungen            schen, ästhetischen und sozialen Werte
Menschen ebenbürtige künstliche Intelli-     auf diesem Gebiet sind höchst faszinie-       der anglikanischen Kirche. Ich habe
genz zu entwickeln. So oder anders: Das      rend. Aber die Details sind vorläufig         keinen religiösen Glauben, obwohl ich
ist ein Klacks im Vergleich zur kosmi-       ein Geheimnis, etwa die Frage, wie das        mir vorstellen kann, dass ich mich besser
schen Zukunft, die vor uns liegt und         Gehirn daraus ein subjektives Bewusst-        benehmen würde, wenn ich einen hätte.
die von einer elektronischen Intelligenz     sein kreiert. Vielleicht wird das immer       Ich habe in der Wissenschaft gelernt,
dominiert werden könnte. Während             ein Mysterium bleiben, weil das Gehirn        dass es für die meisten von uns schon
organische Gehirne ihre chemischen und       schlicht nicht leistungsfähig genug ist, um   sehr schwierig ist, zu verstehen, was ein
metabolischen Grenzen haben, unterlie-       sich selber völlig verstehen zu können.       einzelnes Atom ist. Das macht mich skep-
gen elektronische Computer und auch          Eine andere Frage, die sich dabei stellt,     tisch und auch unempfänglich für jegli-
Quantencomputer viel weniger solchen         ist, wie weit Roboter sich etwas bewusst      che religiösen Dogmas, die eine spezielle
Einschränkungen.                             sein können, falls sie einmal eine dem        «Wahrheit» für sich beanspruchen. Wäre
                                             Menschen vergleichbare Intelligenz            ich im Iran erzogen worden, würde ich
Sie gehen von einem Quantensprung in der     erreicht haben. Wie sie auf diesen Level      mit dem gleichen Spirit in die Moschee
kognitiven Entwicklung aus?                  kommen, darüber gibt es verschiedene          gehen wie in England in eine Kirche. Und
Das Potenzial dieser Entwicklung könnte      Ansichten. Einige glauben auch, dass          wäre ich als Buddhist sozialisiert worden,
so dramatisch sein wie die Evolution         Bewusstsein strikt an das organische          hätte ich wahrscheinlich Zugang zu
der präkambrischen Organismen zum            Gehirn gebunden ist und demnach Robo-         mentalen Zuständen, die mir jetzt –
Menschen. Egal, wie man Denken defi-         ter, selbst bei Super-Intelligenz, keine      leider – verschlossen sind.
niert: Menge und Intensität von kogniti-     Selbst-Bewusstheit oder ein inneres Leben
ven Prozessen, wie sie organisch-mensch-     haben werden. In einer fernen Zukunft,         Schweizer Biennale zu Wissenschaft, Technik
liche Hirne leisten, werden von den          die von elektronischer Intelligenz domi-       und Ästhetik: «Das Rätsel des menschlichen
künftigen Möglichkeiten der künstlichen      niert sein wird, kann man sich durchaus        Bewusstseins», SA 20. Januar, 9 bis 18 Uhr,
Intelligenz total in den Schatten gestellt   vorstellen, dass separate «Gehirne» ihre       Verkehrshaus der Schweiz, Luzern
werden. So wie die Erde für uns «Organi-     Individualität verlieren und ein gemeinsa-     www.neugalu.ch/d_bienn_2018.html
                                                                                            Kartenbestellung via E-Mail: info@neugalu.ch
sche» die passende Umgebung ist, sind es     mes Bewusstsein teilen.

                                                                 14
Die
  menschliche
     Jukebox
 Michel Richter besitzt nicht nur über 40 000 Tonträger,
sondern haucht als DJ altehrwürdigen Hits neues Leben
ein. Zu Besuch beim wohl dienstältesten Plattenaufleger
                                           der Schweiz.
                         Von Stefan Zihlmann, Bild: Matthias Jurt

     15
PORT R ÄT

K
         aum sind wir in der Wohnung von Michel Richter           er fast zehn Jahre vollberuflich als Plattenaufleger in
         in Horw, bittet er uns in sein Archiv-Zimmer.            verschiedenen Lokalitäten in der Innerschweiz. Wenn
         Dort stapeln sich bis unter die Decke über 20 000        auch nicht als DJ, blieb er der Musik verpflichtet – als
Single-Platten in den Regalen. Alles alphabetisch und             Radiojournalist und beim Musiklabel K-Tel. Seit zehn
nach Musikstil geordnet. An den Wänden hängen Fan-                Jahren arbeitet Richter wieder hauptberuflich als DJ
Utensilien, Autogrammkarten und Dankeskarten seiner               und gibt etwa hundert Auftritte pro Jahr.
Fans. Es bleibt kaum Zeit, sich sattzusehen, schon hält
uns der Jäger und Sammler stolz eine seiner Trouvaillen           Messlatte Massengeschmack
entgegen. Es ist die Single «Ninety Nine Years (Dead Or           Seinen Erfolg verdankt der DJ unter anderem seiner
Alive)» von Guy Mitchell aus dem Jahr 1956. Vorsichtig            langjährigen Erfahrung. Seit Anbeginn führt er minutiös
legt er die Scheibe auf seinen von Holz ummantelten               Buch über die Musikwünsche seiner Besucher, die er
Plattenspieler. Ab dem ersten Takt wird klar, warum               in eine Datenbank auf seinem Computer einträgt. Die
Richter an dieser Scheibe hängt. Sie klingt                                        häufigsten Nachfragen? «Das sind defini-
wie das James Bond Theme, aber nur                                                 tiv Songs von Elvis und den Beatles, von
beinahe: John Barry, der Komponist der                                             denen habe ich über 80 verschiedene Lie-
Erkennungsmelodie der 007-Filme, hat bei
                                               Er spielt Songs                     derwünsche registriert.» Mithilfe dieser
diesem Song schamlos abgekupfert. Wo           aus einer Zeit,                     Statistik nimmt Richter für jeden Anlass
heute schnell mal die Juristen vor der Tür                                         einen fixen Grundstock von etwa 1000
stehen würden, war das zu dieser Zeit gang     als Hits noch                       Platten mit. «Mit diesem Stock kann
und gäbe. «Auch Polo Hofer hat geklaut»,
sagt Richter, und nennt als Beispiel den
                                               Gassenhauer                         ich 95 Prozent aller Wünsche erfüllen»,
                                                                                   erzählt Richter nicht ohne Stolz. Das
Song «Kiosk», den Polo National bis auf        waren.                              wollten wir ausprobieren und besuchten
den Text nahezu eins zu eins von Little                                            seine Rock’n’Roll-Circus-Veranstaltung,
Feats «Dixie Chicken» kopierte.                                                    die jeweils jeden ersten Freitag im Monat
    Über nahezu jede seiner Platten kann                                           in der Bar 59 stattfindet. Wir fragten
Richter eine Geschichte erzählen. Und dieses Wissen               nach «The Boys Are Back In Town» von Thin Lizzy. Das
nutzt der 65-Jährige auch an seinen DJ-Auftritten,                hatte er nicht dabei, schrieb sich den Song aber gleich
wo er, wie früher üblich, zwischen den Stücken Titel              in seine Notizen. Bei Richter entscheidet der Massenge-
und Interpret ansagt. Bei gegebenem Anlass erzählt                schmack. Der Song wird selten gewünscht, also bleibt
er auch mal Anekdoten zwischen den Liedern, etwa                  die Platte zu Hause im Archiv. Seine Mission besteht
bei Senioren-Tanznachmittagen oder bei seinen Good                darin, die Besucher mit Evergreens zu beglücken, wo
Old(ies)-Sunday-Veranstaltungen, die er schon seit                alle mitsingen können. Er spielt Songs aus einer Zeit, als
fünfzehn Jahren sonntags in der Bar im Hotel Montana              Hits noch Gassenhauer waren und nicht ein endloser
durchführt. An Durchsagen zwischen den Songs hält er              Stream aus Bits und Bytes. Geschmackssicher erfüllt
eisern fest, auch wenn sich die Abläufe der Tanzveran-            Michel Richter diese Sehnsucht nach Nostalgie. Denn
staltungen seit seinen Anfangstagen verändert haben:              seien wir ehrlich: Mit Blick auf die standardisierte Sülze,
«Damals spielte man einige schnelle Songs, darauf                 die heutzutage in den Hitparaden gespielt wird, hätte
folgten ruhige Songs, sogenannte Schmusesongs, bei                ein Song wie «Hotel California» keine Chance mehr.
denen die Gäste geschlossen tanzen konnten. Danach                Dies ist übrigens der Song, der von seinen Gästen am
gabs eine zehnminütige Pause, bei denen die Besucher              meisten gewünscht wird.
zu ihren Tischen zurückkehrten. Das ging stündlich
so weiter bis um ein Uhr, dann war Zapfenstreich, an
Werktagen bereits um Mitternacht», erzählt Richter.                Rock’n’Roll Circus mit DJ Michel Richter, FR 5. Januar,
Nach seiner Lehre in einem Reisebüro 1968 arbeitete                22 Uhr, Bar 59, Luzern

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                                                                                            schwärmen aus in Atelierwohnun-
                                                                                            gen von Chicago bis Buenos Aires,
                                                                                            von Berlin bis Belgrad. Es gibt aber
                                                                                            auch Kreative, die es hierhin zieht.
                                                                                            Wo wohnen und arbeiten diese?
                                                                                            Fünf Beispiele.

                       Hiesige Residenzen

                     Haus am See,
                     Krämerstein (Horw)
Bilder: Mik Matter
                          Die Stiftung Haus am See betreibt im Park der Villa Krämerstein
                          seit 1990 ein Künstlerhaus, das an Kulturschaffende sowie Wis-
                          senschaftlerinnen und Wissenschaftler vermietet wird. Nebst den
                          bezahlenden Gästen lädt der Stiftungsrat jährlich zwei bis drei
                          Kulturschaffende für einen Aufenthalt von einer bis vier Wochen
                          ein. Wenn immer möglich wird mit diesen ein öffentlicher Anlass
                          durchgeführt. (red)

                                                                        17
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Südpol, Luzern

                                     Neben den verschiedenen Bühnen und dem Bistro verfügt
                                     der Südpol Luzern auch über eine eigene Künstlerwohnung.
                                     Sie war in den vergangenen Jahren Ausgangspunkt und
                                     Schauplatz zahlreicher Projekte von lokalen wie auswärtigen
                                     Künstlerinnen und Künstlern vorwiegend aus den Sparten
                                     Tanz, Theater und Musik. (red)

                                  Atelier für verfolgte
                                  Schriftsteller, Luzern

In der ehemaligen Schreibstube Otto
Marchis bietet der Deutschschweizer
Ableger des internationalen PEN
Zentrums seit 2015 ein Stipendium
plus Wohnmöglichkeit für verfolgte
Schriftsteller an. Erster Gast war der
eritreische Menschenrechtsanwalt,
Autor und Lyriker Daniel Mekon-
nen. (red)

                                                                                                   Bilder: Mik Matter
                                                                            18
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  Seit September 2017 wird das Gästezimmer des Gelben Hauses
  auch als längerfristige Künstlerresidenz genutzt, namentlich
  für Gäste aus Chicago und Stipendiatinnen und Stipendiaten
  von Istanbuluzern. Ansonsten wird es gehandhabt wie eh
  und je: Man kann beim Gelben Haus anfragen, ob das Zim-
  mer frei ist, und dort an seinem Projekt arbeiten. Die ersten
  zwei Wochen sind gratis, danach kostet es. Die maximale
  Aufenthaltsdauer beträgt sechs Wochen. (red)

   Gästezimmer
   Gelbes Haus

 Kloster Maria                                              Die Landis & Gyr Stiftung betreibt im Annexbau des Klosters Maria
                                                            Opferung in Zug ein Atelierhaus mit drei Atelierwohnungen, einem
                                                            Wohnstudio mit separatem Arbeitsraum und einem Atelier für visuelle

Opferung, Zug
                                                            Künstlerinnen und Künstler. Die Atelierwohnungen stehen osteuropäi-
                                                            schen Schriftstellerinnen, Übersetzern und Geisteswissenschaftlerinnen
                                                            sowie Schweizer Schriftstellern, Übersetzerinnen sowie Kunstschaffenden
                                                            aus dem Tessin und aus der Romandie zur Verfügung. (red)

                                                                                                   Bilder: Guido Baselgia
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903 North Damen Avenue
Der Künstler, Schriftsteller und Kunsttheoretiker Peter Stobbe war im Winter
2003/04 im Luzerner Atelier für Kulturschaffende in Chicago zu Gast. An die-
ser Stelle spürt er der damaligen Atmosphäre sowie seinem Tun nach – und
vermittelt uns Daheimgebliebenen, was ein Atelierstipendium sein kann.

September 2003
«Er steht am Küchenfenster und schaut auf Mauern aus ro-          Klingen der Silbermünzen im Pappbecher eines Bettlers in
tem Backstein. Abgestorbene Bäume, Autos, überquellende           der City, das apokalyptische Rattern der L, das akustische
Müllcontainer. Auf der Bank im Hof sitzen die Köchinnen           Sammelsurium des normalen urbanen Wahnsinns. Ohren
von Cesar’s Deli und rauchen. Sie sprechen polnisch und           und Augen, denn es ist auch ein visuelles Tagebuch meines
tragen weisse Hauben. Die Familie im Haus gegenüber schaut        Aufenthaltes im Atelier in der North Damen. Notabene eine
TV. Von ihnen sind aber nur die Hinterköpfe auf Sofakissen        recht grosszügige Wohnung. Ich habe mich da eingenistet
zu sehen und Beine auf dem Tisch und manchmal Hände               fürs Schreiben, für das Malen und Zeichnen. Drin sein. In
mit Gabeln und Löffeln, und bloss wenn jemand neues               etwas Innerem. Drinnen.
Essen hereinbringt, ein ganzer Körper. Lorraine’s Diner               Draussen: laufen, Tag für Tag – quer durch die Stadt,
ist leer. Vor der Lava Lounge steht schon Oketch mit dem          nachts, im Hellen, im Morgengrauen und fort bis in die        Bild: Mart Meyer, Luzerner Atelier in Chicago, 2006

Pepitahut. Kenny sitzt auf den Stufen vor seinem Laden.           Zwischenzeiten. Ich bin auf eine Weise unterwegs, wie
Ken schliesst das Rainbo auf. Die Bäume an der Strasse            ich es mir lange schon gewünscht habe. Laufen. Sehen.
haben noch Blätter. Es ist windig. Es wird dunkel.»                   Sam Burckhardt, ein Schweizer, Saxofonist. Durch ihn
                                                                  komme ich auch abends in die Gänge: Musik hören, am
   Ich bin in Chicago und schreibe an einem Buch mit              liebsten im Smoke Daddy (Spare Ribs and Chips).
dem Titel «Das vierte Klima». Siehe oben, der Anfang des              Oder auch so was – ich laufe zum Wicker Park, plötzlich
Ganzen. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der             fahren zwei Polizeiautos ganz langsam neben mir her, vor
Töne sucht für eine Wayang-Kulit-Schattenoper. Lautes,            Kenny’s Laden keilen sie mich ein: «Hey, you, put your
Leises, das Dazwischen und das hinter den Linien – das            hands on the car.» Ein wütender kleiner männlicher Cop

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(«I don’t like artists», stellt das Kantenkinn nach oben und            Phonetics: Der Physiklehrer im Gymi sagte «Tschikägo» –
zieht reichlich Luft in die Nase) und eine etwas nettere            falsch. «Tschikago», landläufige Aussprache, stimmt auch
Polizistin, die mich ermahnt, jetzt keine blöden Witze zu           nicht. Dort sagen sie «Schikago», wobei das «i» fast ein «ü»
machen.                                                             ist und das «sch» so rund wie ein Suppenteller.
    Oder farbenblind: Bin zu einer Neujahrsparty bei Künst-
lerfreunden eingeladen und will vorher neue Klamotten
kaufen. Ich gehe extra in einen noblen Laden und sage,
ich sei farbenblind, der Verkäufer möge mir bitte eine Hose         Dezember 2017
und ein passendes Hemd aussuchen. Das ist mir später sehr
peinlich, aber eine knallgrüne Hose mit lila Hemd habe              Rückschau:
ich noch nie gehabt.                                                Chicago Winter 2003/4 – war eine richtig gute Zeit, für
    Dann wird es sehr kalt. Jonathan (wohnhaft nebenan              die ich heute noch dankbar bin.
auf der Treppe) braucht warme Kleider, die Homeless auf             Output (damals):
der Ashland brauchen Suppe. Ich gehe da hin und mache               «Das vierte Klima» fertig, «Chicago Papers» und «Ding-
mit beim Kochen – «No homeless in Switzerland?».                    Studien» umfangreich, Vasen gemalt.
    Manchmal ist es einsam. Buchläden, Pinsel- und Papier-          Sonst noch:
geschäfte gibt es reichlich. Kann sogar im Goethe-Institut          «25 Or 6 To 4» von Chicago (früher eine Band) gehört
die Chicago Papers ausstellen und eine Lesung aus meinem            (Autoradio), nachts schwer philosophierend durch die
Buch «Nach Delft gehen» gibt’s da auch noch, auf Deutsch            Stadt gefahren. Vorher Mexican Food und Margaritas.
und Englisch. In der anderen Sprache hört sich der Text             Studs Terkel, der Schriftsteller, ist schon fast taub.
fremd an und unwirklich.                                            Bitte:
    Und noch was für’s Ego – mit einer E-Gitarre und einem          Ateliers weiterhin subventionieren und Leute, die was
Verstärker vom Musikladen zurück ins Atelier durch Chicago          tun wollen mit sich und für sich und mit ihrem Kunst-
laufen ... Like the boys from the band, yeah.                       zeugs, losschicken.

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                                           Atelierstipendien sind ein Pfeiler der Kul-
                                           turförderung. Die Idee: Kreativschaffende
                                           sollen sich an einem neuen Ort für eine
                                           bestimmte Zeit, frei und ohne finanzielle
                                           Sorgen, ihrem Werk widmen können. Wir
                                           fragten einige ehemalige Stipendiatinnen
                                           und Stipendiaten, wie der Atelieraufent-
                                           halt auf ihr Schaffen wirkte.

«Der Atelieraufenthalt hat mich noch offener und neugieriger für andere
Vorgehens- und Ausdrucksweisen innerhalb von Spoken Word gemacht.
Gleichzeitig interessiere ich mich seit dieser extrem inspirierenden Auszeit
noch mehr für andere Kultursparten und den künstlerischen Austausch                                                                sieren konnte.
                                                                                                 «Für mich das Beste, was mir pas
untereinander.»                                                                                                         jede m Fall! Viele neue gute
                                                                                                 Horizonterweiternd in
André Schürmann (Autor und Kulturvermittler), Atelier in Chicago 2012                            Connections bis heute!»
                                                                                                                                lier in Chicago 2011
                                                                                                 Christoph Erb (Musiker), Ate

                                                                 «Einerseits geht’s ums Ge
                                                                                              ld: Wenn man seinen
                                                                 Lebensunterhalt nicht nu
                                                                                              r mit Kunst bestreitet,
                                                                 hat man selten die Geleg
                                                                                            enheit, ohne Druck ein
                                                                 halbes Jahr an eigenen Pro
                                                                                                jekten arbeiten zu
                                                                können. Andererseits sin
                                                                                            d Atelieraufenthalte
                                                                identitätsstiftend: Währe
                                                                                            nd ich sonst auch
                                                                andere Rollen einnehme
                                                                                           , bin ich während
                                                                eines Atelieraufenthalts für
                                                                                                eine gewisse Zeit
                                                               ausschliesslich Künstler.
                                                                                            Dieser Effekt hat mich
                                                               nachhaltig beeinf lusst, gen
                                                                                              auso wie die Arbei-
                                                               ten, die zu dieser Zeit ent
                                                                                           standen sind.»
                                                               Urs Hofer (Künstler un
                                                                                      d Programmierer),
                                                               Atelier in Chicago 20
                                                                                     05 , zusammen mit
                                                               Stefan Bischoff

                                                                           22
«Die Dynamik dieser Grossstadt, das Neben-
                        einander von High and Low, das Vermischen
                        der diversen Szenen haben mich extrem
                        inspiriert – einem Schwamm gleich sog ich die
                        unterschiedlichsten Aktivitäten auf: Ausstel-
                        lungen, Filmfestivals, Konzerte in der ganzen
                        Bandbreite von Klassik, Jazz bis zur zeitge-                         «Die sechs Monate in Kairo haben mein Leben und
                        nössischen Musik, Theater, die wunderbaren                           mein Schaffen extrem geprägt. Ich habe erlebt, wie
                         Pubs und immer wieder die Begegnung mit                             Bürger von einer willkürlichen Regierung kontrol-
                         der Architektur. Eine Horizonterweiterung,                          liert und unterdrückt werden. Mir wurde bewusst,
                         die mir ermöglichte, meine Arbeit als Kurato-                       was es heisst, ohne Meinungsfreiheit zu leben und
                         rin zu reflektieren und zur Gruppenausstel-                         unter Zensur künstlerisch arbeiten zu müssen. Ich
                         lung ‹London meets Altdorf› führte.»                                schätze es nun viel mehr, hier in der Schweiz frei ar-
                                                                   t                         beiten zu dürfen, zu sagen, was ich denke – sei es in
                         Barbara Zürcher (Direktorin Haus für Kuns
                         Uri), Atelier in London (sechsmonatiges                             meinen Arbeiten oder einfach so auf der Strasse.»
                         Residenzstipendium der Landis & Gyr Stif-
                         tung), 2017/2015                                                    Corina Schwingruber Ilić (Filmemacherin), Atelier
                                                                                             in Kairo 2014

«In meinem Aufenthalt in Chicago
habe ich die Wechselwirkungen
zwischen Städtebau, Architektur
und Denkmalpflege neu zu sehen
                                                                              «Das Atelierstipendium war für mich und meine Arbeit genial und
gelernt. Gentrifizierung ist für
                                                                              kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Es ermöglichte mir nicht nur,
mich zum zentralen Faktor des
                                                                              meinen kreativen Denkraum durch eine andere Kultur, Sprache
Stadtumbaus geworden.»
                                                                              und ein neues künstlerisches Netzwerk zu erweitern, sondern ich
Gerold Kunz (Architekt), Atelier in                                           konnte auch ganz konkret aus dem Moment heraus ein Filmessay
Chicago 2016                                                                  entwickeln und drehen, das mit Buenos Aires verknüpft ist. Durch
                                                                              den (finanziellen, örtlichen und sozialen) Freiraum war es mir mög-
                                                                              lich, einen anderen Arbeitsprozess und eine verfeinerte Bildsprache
                                           fest, dass in unseren              zu entwickeln; davon habe ich viel mit nach Hause genommen. Die
     «In Luzern angekommen, stellen wir                                       Kontakte pflege ich nach wie vor. Zurzeit arbeite ich am Schnitt dieses
                                           erer  Musik.»
     Adern mehr Chicago fliesst als in uns                                    Filmessays («Freundschaft schliessen mit einer Stadt» (AT)), das im
                                         ier in Chicago 2017                  Frühling 2018 fertig werden soll. Auch dank der sehr guten Atelier-
     Shady and the Vamp (Band), Atel
                                                                               betreuung (Vermittlung von Kontakten und Anlässen) vor Ort konnte
                                                                               ich so stark vom Aufenthalt profitieren.»

                                                                              Antonia Meile (Filmemacherin), Atelier in Buenos Aires 2015

                                                        «Es war ein Privileg, die Geburtsstun
                                                                                             de einer neuen Türkei unter
                                                        Erdogan fotografisch zu begleiten. Nac
                                                                                               h einer längeren Pause wegen
                                                        meiner Kinder war es mir endlich wied
                                                                                                er möglich, mich eingehend
                                                        einem Thema im Ausland zu widmen
                                                                                              . Danke an meine Frau!»
                                                        Fabian Biasio (Fotograf), Atelier
                                                                                             in Istanbul (Istanbuluzern), 2017
                                                                         23
JA Z Z P R E I S

Eine Improvisatorin
mit Power
                                                                                                  Musiktheater immer wichtiger
                                                                                                  Neuerdings hat sich ihr kreativer Fokus ver-
                                                                                                  stärkt auf Bühnenprojekte gerichtet, in denen
                                                                                                  sie sowohl musikalisch mitmischt als auch
Die Sängerin und Stimmkünstlerin Isa Wiss erhielt im Dezember                                     selber spielt und performt. Mit der Equipe
2017 den mit 10 000 Franken dotierten Jazzpreis Luzern. In ihren                                  Wiss produziert sie verschiedenste Formate
vielfältigen Projekten verbindet sie Musik, Wort und Performance.                                 in den Bereichen Musik-Theater und Musik-
                                                                                                  Performance. Dieses Jahr kommt die neue
Von Pirmin Bossart                                                                                Eigenproduktion «Die grosse Wörterfabrik»
                                                                                                  (mit Vera Kappeler, Peter Conradin Zumthor
                                                                                                  und Luca Sisera) zur Aufführung. Und im
                                                                                                  Mai hat «Maul auf» (beim Forum Neue
                                                                                                  Musik Luzern) Premiere: Eine experimen-
                                                                                                  telle Stimmen-Sextett-Musik-Performance
                                                                                                  mit Urban Mäder, Mischa Käser, Dorothea
                                                                                                  Schürch, Irina Ungureanu, Urs Weibel und
                                                                                                  Isa Wiss.
                                                                                                      In jüngster Zeit beschäftigt sich Wiss
                                                                                                  vermehrt auch mit musikalisch-literarischen
                                                                                                  Projekten. 2015 hat sie mit dem Hausquar-
                                                                                                  tett (Christoph Baumann, Hämi Hämmerli,
                                                                                                  Tony Renold) und dem Autor Guy Krneta
                                                                                                  die CD «Unger Üs» veröffentlicht und auf
                                                                                                  die Bühne gebracht. Regelmässig tritt sie
                                                                                                  mit der Schwyzer Autorin Martina Clava-
                                                                                                  detscher («Knochenlieder») auf, wo Wiss
                                                                                                  den musikalischen Part übernimmt. Ende
                                                                                                  November 2017 wirkte sie in Stans in der
                                                                                                  literarisch-musikalischen Hommage an die
                                                                                                  Schriftstellerin und Künstlerin Annemarie
                                                                                                  von Matt mit.
                                                          Bild: Ralph Kühne
                                                                                                      Wortreich und performativ ist auch die
                                                                                                  Zusammenarbeit mit dem Bassisten Luca
Isa Wiss ist eine herausragende Impro-         Nacktmull interaktive Impro-Konzerte für           Sisera, etwa, wenn sie zusammen Rezep-
visatorin. Ob in technisch schwierigsten       Kinder. Inzwischen sind daraus Isa Wiss’           te aus Kochbüchern oder Anleitungen für
Klanggefilden oder in theatralischen Kon-      Frächdächs (mit Albin Brun, Markus Lau-            Frisuren vertonen. Mit Luca Sisera spielt
texten: Sie findet stets einen Weg, sich mit   terburg und Luca Sisera) geworden. Solche          sie noch in anderen Kontexten, so etwa als
ihrer Stimme so einzunisten, dass sie beim     Konzerte erreichen viele kleine Menschen,          Gast-Vokalistin in dessen Formation Roofer.
Publikum etwas berührt und auslöst. Ihre       die sich dann vielleicht auch später für freie     Ein regelmässiger Partner ist Albin Brun,
Lautsprachen und Silbentänze scheinen          künstlerische Prozesse begeistern lassen.          mit dem sie sowohl im Duo als auch im
unerschöpflich. Zärtlich, rabiat, entrückt,        Isa Wiss (39) ist in Dinhard/ZH aufge-         Quartett spielt. Nochmals ganz anders ist
knallig und in allen Spektren dazwischen       wachsen. Sie nahm klassischen Gesangs-             ihr Engagement in der Freien Oper Zürich.
mäandert sie auf der Bühne durch klangliche    unterricht am Konservatorium Winterthur            Nach einer ersten Produktion 2013 wird
und szenische Welten. Sie sagt: «Die Stimme    und besuchte ein Jahr die Swiss Jazz School        Wiss als «Opernsängerin» im März 2018 in
ist mein Instrument. Es gefällt mir, sie in    in Bern. 2005 schloss sie an der Jazzabtei-        «Orpheus» auf der Bühne stehen.
ihren verschiedensten Facetten einzusetzen.»   lung der Hochschule Luzern – Musik ihre                Die Beispiele zeigen, dass das künst-
    Die stimmliche Vielseitigkeit und die      Musikpädagogik-Ausbildung mit dem Master           lerische Wirken von Wiss nicht wirklich
Power ihrer Improvisationen brachten Wiss      ab. Weiter ist sie Mitbegründerin des Mull-        kategorisierbar ist. Sie selber komme gut
früh auf den Radar als herausragende Per-      baus, dem Raum für improvisierte Musik.            mit dieser Vielseitigkeit klar, sagt die Stimm-
formerin. Zudem leistet sie mit ihren spe-     Bei den Migma Performancetagen Luzern              künstlerin. «Ich suche sie auch, um meine
zifischen Kinder-Projekten eine nicht zu       war sie bis 2017 als Kuratorin tätig. Seit ihrer   Stimme und Vokaltechniken immer wieder
unterschätzende Vermittlungsarbeit. Schon      Ausbildung lebt Wiss, mittlerweile mit Mann        neu auszuloten und die Stimme in all ihren
vor zehn Jahren spielte sie mit ihrer Band     und zwei Kindern, in Luzern.                       Ausprägungen als Instrument einzusetzen.»

                                                                          24
AKTUELL

Spare, spare? Filmle schauen!
Wird die vom Luzerner Regierungsrat eingeschlagene Finanzpolitik irgendwann funktionieren? Wir
wissen es nicht. Eine Filmrecherche soll nun aufzeigen, wieso die versprochenen Mehreinnahmen
ausbleiben und öffentliche Leistungen kontinuierlich abgebaut werden.
Von Christian Löffel

Als der Regierungsrat im Juni dieses Jahres existenzgefährdende
Kürzungen in der Kulturförderung ankündigte, reagierte ein Kol-
lektiv von Luzerner Kulturschaffenden in Form von selbstgemachten
Kondolenzkarten. Diese wurden zu Hunderten an den Kultur- und
Bildungsdepartements-Vorsitzenden Reto Wyss und die politischen
Parteien versandt. Seither folgten weitere Aktionen. Bei den beiden
«Sichtbarmachungen» standen Dutzende Menschen in schwarzer
Kleidung platschnass vor dem KKL respektive dem Regierungsge-
bäude. Zudem gabs einen Kurzfilm, eine Landsgemeinde, einen
Kulturstop und ein Manifest.
    Die bisherigen Aktionen zeigen die Präsenz und Lebendigkeit der
lokalen Kulturszene, reichen jedoch auch nicht über deren Grenzen
hinaus, und somit stockt der Diskurs über die Sparpolitik, der nicht
bloss die Kulturschaffenden, sondern die ganze Luzerner Bevölkerung
betrifft. Das soll sich ändern. Ein Dokumentarfilm will objektiv der
Frage nachgehen, wie es dazu kommt, dass seit Beginn der Tief-               Empfang der Luzerner Kantonsparlamentarierinnen und -parlamentarier zum
                                                                             Auftakt der Budget-Session am 4. Dezember 2017. Bild: zvg
steuerstrategie nichts als Löcher in den Kantonskassen auftreten:
«Gemachte Prognosen sind nicht eingetreten und bereits werden                So postete Liembd etwa eine kleine Auswahl von Beispielen, die in
neue verkündet», so Marco Liembd, einer der Initianten. Der Film             ihrer Absurdität die Dringlichkeit einer breit gestützten Bewegung
soll überprüfen, einordnen und hinterfragen. Eine übergreifende              seitens der Bevölkerung illustrieren:
Debatte, an der sich die gesamte Luzerner Bevölkerung beteiligt, will            «7.12.2017: Schwerzmann lobt die hervorragende Arbeit der
ausgelöst werden. «Initiiert wurde die Idee zu diesem Dokumentar-            Regierung und betont: ‹Wir müssen weiter sparen›.»
film von einem Kollektiv besorgter Bürgerinnen und Bürger», sagt                 Bei Zustandekommen der Fundingschwelle von Fr. 120 000.–
Ursula Hildebrand, Regisseurin und Mitinitiantin, «wir wünschen              werden professionelle Filmschaffende beauftragt, das Projekt zu
uns eine zukunftsgerichtete, starke und offene Gesellschaft, in der          realisieren. Die Initiantinnen und Initianten wollen eine Produk-
die politische Debatte nicht durch den Spardruck erstickt wird.»             tionsleitung und eine Regie einsetzen, die ausserhalb des Kantons
«Luzern – Der Film» soll rechtzeitig vor den Kantonsratswahlen               Luzern leben und arbeiten und nicht von den Sparmassnahmen
2019 erscheinen, als politische Entscheidungsgrundlage.                      betroffen sind. «Aussage und Ende des Films werden nicht vor-
                                                                             gegeben. Endet der Film mit der Tatsache, dass die Regierung
Ambitioniertes Crowdfunding                                                  hervorragende Arbeit leistet, soll dies dann auch zum Ausdruck
Auf funders.ch läuft noch bis zum 5. Februar 2018 ein Crowdfun-              kommen», versichert Liembd die Objektivität des Films.
ding mit dem Finanzierungsziel von Fr. 150 000.–. Dieser Betrag                  Geplant ist, den Film niederschwellig und so oft wie möglich
wird benötigt, um eine fundierte Recherche, die die Meinungen                zu zeigen. Auf die Kinopremiere soll eine Roadshow durch Dörfer
aller involvierten Akteurinnen und Akteure berücksichtigt, sowie             und Städte des Kantons folgen. Der Film wird aber auch frei im
die professionelle Produktion dieses aufklärenden Zeitdokuments              Internet zur Verfügung stehen.
zu finanzieren. Bei jedem erreichten Meilenstein von Fr. 5 000.–                 Anfang Dezember wurden die Kantonsparlamentarierinnen und
meldet sich Schüür-Geschäftsleiter und Kulturaktivist Liembd mit             -parlamentarier vor der Session in einer simulierten Filmpremiere
einem Blogeintrag zu Wort, der mit Argumenten aus der jüngsten               von den Kulturschaffenden mit einem roten Teppich, Cüpli und
Luzerner Politikgeschichte aufzeigt, wie ernst, aber auch wie bizarr         Blitzlichtgewitter begrüsst. Bleibt zu hoffen, dass die echte Premi-
die momentane finanzielle Lage ist. «Ich möchte betonen, dass in             ere zustande kommt. Und dass sie politisch etwas auslöst, was die
den Blogs ausschliesslich Zitate aus Medien oder Protokollen ver-            unhaltbaren Zustände im Kanton Luzern aufhebt.
wendet werden», so Liembd, «wir Initianten sagen eigentlich gar
nichts, wir lassen lediglich gemachte Aussagen Revue passieren.»              www.funders.ch/projekte/luzern-derfilm

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