Kulturelle Bildung - Erziehung & Wissenschaft 11/2019 - GEW
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Gewerkscha
Erziehung und Wissenscha
Erziehung & Wissenschaft 11/2019
Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW
Kulturelle Bildung2 GASTKOMMENTAR
Foto: Tim Flavor
OLAF ZIMMERMANN
Die Künste ernst nehmen
Das Schattendasein der kulturellen Bildung hat bereits seit Ort, an dem auch die Literaturpädagogik als relativ neuer
einigen Jahren glücklicherweise ein Ende gefunden. Im Zweig der kulturellen Bildung Einzug gehalten hat.
Gegenteil, kulturelle Bildung hat heute Hochkonjunktur. Kulturelle Bildung heute soll vieles bewirken, sie soll Kinder
Früher waren die künstlerischen Schulfächer – Kunst, Mu- und Jugendliche sprachfähig machen, sie soll Teilhabe ermög-
sik, Theater – randständig. Gut, wenn es sie gab, aber in lichen, sie soll die Integration voranbringen, sie soll ein wichti-
der pädagogischen Hierarchie rangierten sie weit unten. ger Bestandteil der Inklusion sein, sie soll Kinder und Jugend-
Schön war es, wenn der Schulchor zum Willkommen oder liche einladen, sich zu beteiligen, sie soll das Aushalten von
zur Verabschiedung der Schülerinnen und Schüler sang. Gut Differenz vermitteln, sie soll benachteiligten Schülerinnen
anzusehen war es, wenn im Kunstunterricht gemalt und ge- und Schülern Selbstvertrauen geben, sie soll Extremismus
bastelt und mit den Ergebnissen die Aula gestaltet wurde. bekämpfen, sie soll, sie soll, sie soll.
Zum Glück sind diese Zeiten, in denen kulturelle Bildung nur Es wirkt mitunter so, als könne kulturelle Bildung zur
schmückendes Beiwerk war, in den meisten Schulen längst L ösung aller gesellschaftlichen Fragen beitragen. Kulturel-
vorbei. le Bildung ist jedoch kein Allheilmittel. Kulturelle Bildung
Einen wichtigen Impuls für eine veränderte Wahrnehmung kann vielleicht einen Beitrag leisten, sie sollte jedoch
kultureller Bildung gab die Weiterentwicklung von Schulen nicht mit Erwartungen und Anforderungen überfrachtet
zu Ganztagsschulen – ganz unabhängig davon, ob in offener werden. Und vor allem dürfen die Akteure der kulturellen
oder geschlossener Form. Schulen mussten mehr sein als Bildung ihren Gegenstand, die Künste, nicht aus dem Blick
Orte für schulisches Lernen im Unterricht. Es galt, Formate verlieren.
zu entwickeln, die Schülerinnen und Schüler nicht nur kog- Kulturelle Bildung heißt Auseinandersetzung und Beschäf-
nitiv fordern, sondern die verschiedenen Sinne ansprechen. tigung mit Kunst, heißt die Entwicklung und Schärfung
Kooperationen mit Musikschulen, Jugendkunstschulen und des Sehens, des Sprechens und des Hörens, heißt sich
anderen Trägern wurden eingegangen, und mit Projekten mit der W iderständigkeit des künstlerischen Materials zu
wie „Kulturagenten für kreative Schulen“ oder „Kulturschu- b efassen.
le“ sollte und soll die kulturelle Schulentwicklung vorange- Nur wenn die kulturelle Bildung ihren Gegenstand, die Künste,
trieben werden. Angestrebt wird damit unter anderem eine ernst nimmt und ihn in den Mittelpunkt des Geschehens
Veränderung des Schulklimas – und damit mehr Freude am rückt, kann sie auch jenseits der derzeit bestehenden Hoch-
Lernen in allen Fächern. konjunktur bestehen. Denn irgendwann werden zumindest in
Auch außerhalb der Schulen sollen Kinder und Jugendliche der kulturpolitischen Debatte andere Themen en vogue sein,
mit kultureller Bildung erreicht werden. Kaum ein Orches- und es ist dringend erforderlich, dass die kulturelle Bildung
ter, das nicht mit einem Education-Projekt aufwartet. Kaum auch dann noch einen wichtigen Stellenwert sowohl in der
ein Museum, das nicht kulturelle Bildung zu einem wichtigen schulischen als auch der außerschulischen Bildung hat. Denn
Arbeitsbereich erklärt. Kaum ein Theater, das nicht auch für die Künste bleiben immer relevant!
Kinder oder zumindest für Jugendliche Angebote unterbrei-
tet. Kaum eine Bibliothek, die nicht betont, dass sie mehr ist Olaf Zimmermann,
als eine Ausleihstelle für Medien, sondern längst ein dritter Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates
Erziehung und Wissenschaft | 11/2019INHALT 3
Prämie
Inhalt des Monat
s
Seite 5
Gastkommentar IMPRESSUM
Die Künste ernst nehmen Seite 2
Erziehung und Wissenschaft
Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung · 71. Jg.
Impressum Seite 3
Herausgeberin:
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
Auf einen Blick Seite 4 im Deutschen Gewerkschaftsbund
Vorsitzende: Marlis Tepe
Redaktionsleiter: Ulf Rödde
Prämie des Monats Seite 5 Redaktion: Jürgen Amendt
Redaktionsassistentin: Katja Wenzel
Postanschrift der Redaktion:
Schwerpunkt: Kulturelle Bildung Reifenberger Straße 21
1. Berliner Schulen begeistern Kinder für Kunst: „Jedes Kind kann etwas“ Seite 6 60489 Frankfurt am Main
Telefon 069 78973-0
2. NRW-Programm „JeKits“: „Kraftfutter für Kinderhirne“ Seite 10 Fax 069 78973-202
3. Kultur für alle Kinder und Jugendlichen: „Wo findest du die schönen Worte?“ Seite 12 katja.wenzel@gew.de
www.gew.de
4. Wie wird man Künstler? Qualifikation: Ex-Klassenkasper und In-Hefte-Kritzler Seite 14 facebook.com/GEW.DieBildungsgewerkschaft
5 Lehrkräftemangel in der musischen Bildung: Hast du Töne? Seite 16 twitter.com/gew_bund
6. Digitalisiertes Museum: Spielend die Welt erschließen Seite 18 Redaktionsschluss ist in der Regel
der 7. eines jeden Monats.
Tarif- und Beamtenpolitik Erziehung und Wissenschaft erscheint elfmal jährlich.
Nachdruck, Aufnahme in Onlinedienste und Internet
1. GEW-Arbeitszeitkonferenz in Eisenach: Acht Stunden sind kein Tag Seite 20 sowie Vervielfältigung auf Datenträger der „Erziehung
2. EuGH-Urteil zur EU-Arbeitszeitrichtlinie: Kommt die Stechuhr für alle? Seite 24 und Wissenschaft“ auch auszugweise nur nach vorheri-
ger schriftlicher Genehmigung der Redaktion.
Schule Die E&W finden Sie als PDF auf der GEW-Website unter:
www.gew.de/eundw.
1. Ungelöstes Problem Lehrkräftemangel: Die Ruhe nach dem Sturm? Seite 22 Hier wird die E&W auch archiviert.
2. Learning Analytics im Unterricht: Beobachten, Bewerten, Überwachen Seite 32
3. Kongress des Grundschulverbands: Nach vier Jahren darf nicht Schluss sein Seite 34 Gestaltung:
Werbeagentur Zimmermann,
Heddernheimer Landstraße 144
Bildungspolitik 60439 Frankfurt
1. Bildungsanalyse 2019: OECD schweigt zur deutschen Bildungsmisere Seite 26 Für die Mitglieder ist der Bezugspreis im Mitglieds-
2. GEW-Kommentar: Keine Zeit zum Ausruhen Seite 28 beitrag enthalten. Für Nichtmitglieder beträgt der
Bezugspreis jährlich Euro 7,20 zuzüglich Euro 11,30
3. Zeitgeschichte per App: „Wir haben auf den Tod gewartet“ Seite 29 Zustellgebühr inkl. MwSt. Für die Mitglieder der
Landesverbände Bayern, Berlin, Brandenburg, Hessen,
Jugendhilfe Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland,
Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen werden die
Gewalt in der Kinder- und Jugendhilfe: Kratzen, Schlagen, Beleidigen Seite 30 jeweiligen Landeszeitungen der E&W beigelegt. Für un-
verlangt eingesandte Manuskripte und Rezensionsexem-
plare wird keine Verantwortung übernommen. Die mit
Hochschule dem Namen des Verfassers gekennzeichneten Beiträge
Aktivenkonferenz „Hochschule 2030“: Wir können auch anders! Seite 36 stellen nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder
der Herausgeberin dar.
Serie „30 Jahre Ost-West“ Verlag mit Anzeigenabteilung:
Stamm Verlag GmbH
Zum Auftakt ein Interview mit Barbara Ludwig: Abstimmung mit den Füßen Seite 38 Goldammerweg 16
45134 Essen
Initiative „Bildung. Weiter denken!“ Verantwortlich für Anzeigen: Mathias Müller
Telefon 0201 84300-0
1. Blick in die Bundesländer zur Umsetzung von A13/E13: Das A13-Mikado Seite 40 Fax 0201 472590
2. „GEW in Bildung unterwegs“ in Bayern: Viel Licht, viel Schatten Seite 42 anzeigen@stamm.de
www.erziehungundwissenschaft.de
gültige Anzeigenpreisliste Nr. 41
Medien vom 01.01.2019,
Anzeigenschluss
Interview mit Wolgast-Preisträger Wolfgang Korn: Und plötzlich macht es wumms Seite 43 ca. am 5. des Vormonats
Erfüllungsort und Gerichtsstand: Frankfurt am Main
Leserforum Seite 44
Diesmal Seite 48
ISSN 0342-0671
Die E&W wird auf 100 Prozent chlorfrei
Titel: Werbeagentur Zimmermann gebleichtem Recyclingpapier gedruckt.
Erziehung und Wissenschaft | 11/20194 AUF EINEN BLICK
Beschwerden gegen Streikverbot angenommen
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat 70 Jahre DGB – die GEW gratuliert
die Beschwerden gegen das Streikverbot für Beamtinnen und 40-Stunden-Woche, gesetzlicher Mindestlohn und Ur-
Beamte in Deutschland zugelassen. Er stellte der Bundesrepu- laubsanspruch – vieles, was heute selbstverständlich er-
blik die Beschwerden am 12. September zu. Die Bundesrepu- scheint, haben DGB und Mitgliedsgewerkschaften mühsam
blik hat jetzt bis zum 11. März 2020 Zeit, Stellung zu nehmen. erkämpft. Gegründet wurde der Deutsche Gewerkschafts-
Im Dezember 2018 hatten elf verbeamtete Lehrkräfte mit bund am 13. Oktober 1949, heute gehören ihm acht Einzel-
dem Rechtsschutz der GEW vor dem EGMR Beschwerde ge- gewerkschaften mit rund sechs Millionen Mitgliedern an.
gen die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom „Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft gratuliert
12. Juni 2018 eingelegt, das ein Streikverbot für Beamtinnen als Gründungsmitglied unserem DGB zum 70.“, erklärte
und Beamte bestätigt hatte. In den Beschwerden werden Ver- GEW-Vorsitzende Marlis Tepe anlässlich des 70. Jahrestags
letzungen der Europäischen Menschenrechtscharta (EMRK) der Gründung. „Wir waren von Anfang an dabei und schät-
wie gegen das Recht auf Vereinigungsfreiheit, das Recht auf zen unseren Dachverband sehr. DGB und Mitgliedsgewerk-
ein faires Verfahren sowie das Recht auf Wahrnehmung der schaften haben 70 Jahre konsequent und erfolgreich die
Rechte nach der Konvention aus Artikel 14 EMRK gerügt. Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ver-
Am 9. Oktober hat das Bundesministerium für Justiz und Ver- treten. In der Solidarität der acht Mitgliedsgewerkschaften
braucherschutz den DGB, die GEW, ver.di und den dbb Beam- und dem gemeinsamen Engagement im DGB liegt unsere
tenbund und Tarifunion darüber informiert, dass sie sich über Kraft im Kampf für ein Leben und Arbeiten in Würde.“
die sogenannte Drittintervention zu den Klagen positionieren
können. Das heißt: Der Präsident des Gerichtshofs kann jeder
Person, die nicht Beschwerdeführerin ist, Gelegenheit geben,
schriftlich Stellung zu nehmen oder an den mündlichen Ver-
handlungen teilzunehmen. Die Frist zu dieser Drittbeteiligung
beträgt zwölf Wochen. Da der Bundesrepublik die Beschwer-
Foto: Daniel Merbitz
den am 12. September zugestellt sind, endet die Frist für eine
Drittintervention am 5. Dezember. Die GEW hatte bereits im
September entschieden, dass sie die elf Beschwerdeführerin-
nen und Beschwerdeführer in diesem Verfahren auch als Or-
ganisation unterstützen wird. Den 70. Jahrestag seiner Gründung feierte der DGB mit
„Der Gerichtshof hat die Klagen angenommen. Wir sind wie- einem Festakt in Berlin.
der einen Schritt weitergekommen in Richtung Beamten-
streikrecht. Das bestehende Streikverbot passt nicht zu ei-
nem demokratisch verfassten Staat und verstößt gegen die Qualität der Lehrkräftefortbildung
Europäische Menschenrechtskonvention“, betonte Daniel Der Bedarf an Fortbildungsangeboten für Lehrkräfte steigt
Merbitz, Vorstandsmitglied für Tarif- und Beamtenpolitik bei stetig. Der Fortbildungsbereich ist jedoch nach wie vor un-
der GEW (s. S. 20). terfinanziert, auch fehlt es an bedarfsgerechten Angeboten
und qualifiziertem Personal. Das liegt unter anderem daran,
Pädagogik in der Migrationsgesellschaft dass sich die öffentliche Hand in den vergangenen Jahren im-
Wie muss Pädagogik in der Migrationsgesellschaft aussehen, mer stärker aus der beruflichen Fortbildung zurückgezogen
und wie kann sie gelingen? Welche Wege, welche Schwierig- hat. Zusammen mit dem Deutschen Verein zur Förderung der
keiten gibt es für Lehrkräfte? Diese und viele weitere Fragen Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung e. V. lädt die GEW für den
hat die Berliner Journalistin Jeannette Goddar den beiden Wis- 3. Dezember zu einer Fachkonferenz in Berlin, auf der über
senschaftlern Yasemin Karakaşoğlu und Paul Mecheril gestellt. Lösungsstrategien diskutiert werden soll. Anmeldeschluss ist
Im Fokus stand dabei vor allem die Auseinandersetzung damit, der 18. November. Alle Infos unter:
welche Rolle die Haltung von Pädagoginnen und Pädagogen www.gew.de/konf-lehrerInnen-fortbildung
in der Migrationsgesellschaft spielt. Das Gespräch lässt sich in
dem jüngst im Beltz-Verlag erschienenen Buch „Pädagogik neu Podcast zur Schuldebatte
denken!“ nachlesen. Karakaşoğlu ist Professorin für Interkul- Lehrkräftemangel, marode Gebäude, Unterrichtsausfall, un-
turelle Bildung an der Universität Bremen, zufriedene Eltern – es kriselt im deutschen Bildungssystem.
Mecheril Professor für Migration und Bil- „Schule kann mehr!“, meinen der Pädagoge Helmut Hoch-
dung am Institut für Pädagogik der Carl schild und der Journalist Leon Stebe. Gemeinsam haben sie
von Ossietzky Universität in Oldenburg. eine gleichnamige Podcast-Reihe ins Leben gerufen. Alle zwei
Wochen widmen sich Hochschild und Stebe Themen wie
Yasemin Karakaşoğlu/Paul Mecheril/ Schulnoten oder der Digitalisierung des Unterrichts. Die Fol-
Jeannette Goddar: Pädagogik neu d enken! gen sind abrufbar auf den Podcast-Plattformen:
Die Migrationsgesellschaft und ihre Leh- Apple (rebrand.ly/tky3mw), Spotify (rebrand.ly/1hcc86),
rer_innen, Beltz-Verlag, 136 S., 24,95 Euro Google (rebrand.ly/5nwq8j); Website: rebrand.ly/xhrail
Erziehung und Wissenschaft | 11/2019Mitmachen lohnt sich ...
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Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt a. M., Fax: 0 69 / 7 89 73-102KULTURELLE BILDUNG 7
// Wie man Kinder aus unter Morgenstern- und im Grips-Theater, im
privilegierten Familien für Kunst Bauhaus-Archiv und im Müllmuseum,
und Musik, Archäologie und am Alexanderplatz und am Kottbusser
Theater begeistern kann, zeigen Tor. „Rausgehen, die Stadt erkunden“,
zwei Berliner Schulen. // sei ein zentraler Teil kultureller Bildung,
erläutert Kunstlehrerin Svenja Kyncl,
Die Carl-Kraemer-Grundschule Die Carl-Kraemer-Grundschule ist keine, „viele Kinder verlassen den Kiez kaum.
im Berliner Bezirk Wedding ist deren Bedingungen man sich unbedingt Schon wenige Kilometer entfernt stau-
eine kunstbetonte Ganztags- wünschen würde. Und zwar nicht, weil nen sie, wie groß Berlin ist – und was es
schule. Der Personalschlüssel ist sie so weit im Norden des Berliner Wed- zu bieten hat.“ Insgesamt erweiterten
besser als in anderen Berliner ding liegt, dass die Gentrifizierung noch die kulturellen Aktivitäten das Spekt-
Schulen, weil die Einrichtung am ein paar Kilometer weg und das Quar- rum der Kompetenzen, die Schülerin-
Bonusprogramm der Senatsschul- tiersmanagement weiterhin gut beschäf- nen und Schüler entwickeln könnten,
verwaltung teilnimmt, mit dem tigt ist. „Unsere Schülerinnen und Schü- erheblich. „Jedes Kind kann etwas – es
Schulen in sozialen Brennpunkten ler sind super. Wir wollen keine anderen“, muss nur einen Weg finden, sich auszu-
gesondert gefördert werden. sagt Schulleiterin Kirsten Sümenicht. Sie drücken“, fügt Schulleiterin Sümenicht
klingt fast empört. Doch der Schule steht hinzu. Den Gedanken, eine kunstbeton-
eine Grundsanierung bevor. Viele Räume te Ganztagsgrundschule – so der offizi-
sind gesperrt, die Leiterin selbst arbeitet elle Titel – sei weniger leistungsorien-
mit fünf Kolleginnen und Kollegen in ei- tiert, weist sie von sich: „Alles, was wir
nem Übergangsbüro. Seit zwei Jahren ist machen, ist, einem Begabungsbegriff zu
hohes Improvisationstalent nötig. Aber folgen, der allen gerecht wird und sich
„Hey“, sagt Sümenicht, „wir sind Queens nicht nur an den klassischen Fächern
and Kings of Reframing“, Königinnen und orientiert.“
Könige der Umdeutung. Oder auch Meis- In jüngerer Zeit nehmen vor allem die
terinnen und Meister der Überzeugung, Kontakte in der näheren Umgebung zu;
dass jede Lage Potenzial hat, sie positiv seit die Keramikwerkstatt der Schule
zu nutzen. Und so haben wohl auch Sü- wegen Baumängeln geschlossen ist,
menichts Vorgängerinnen gedacht, die nutzen die Schülerinnen und Schüler
vor bald 20 Jahren in einem nicht gerade zum Beispiel eine im Kiez. Außerdem
privilegierten Kiez damit begannen, eine wurden mit Hilfe von Künstlern und
kunstbetonte Schule zu schaffen. Firmen Sitzgelegenheiten in den Flu-
ren und zusätzliche Hochebenen in den
Not macht erfinderisch Räumen gestaltet. „Angesichts unseres
Wer wissen will, was das ist, wird statt Platzmangels müssen alle Räume für alle
ins akademische Metagespräch in eine nutzbar sein“, erzählt Kyncl, „auch hier
Runde von elf Acht- bis Zwölfjährigen bemühen wir uns, aus der Not heraus
gesetzt. Die wissen, inmitten all der Positives zu schaffen.“ Mehr Platz und
mitgebrachten Bilder, Broschüren und neue Möglichkeiten eröffnen soll auch
Videos gar nicht, wo sie anfangen sol- eine „Kiezkarre“, für die im Rahmen des
len. Über zwei Schulstunden sprudeln Quartiersmanagements Gelder einge-
aus Nour und Lamis, Edgar und Adem, worben wurden: In einer Art mobilem
Victory, Zeynep und den anderen ihre „Tiny House“, dessen erste Modelle sie
Erlebnisse heraus. In frappierender bereits mitgebracht haben, wollen die
Eloquenz erzählen sie von einer selbst- Schülerinnen und Schüler Flohmärkte
gebastelten „Ich-Box“, mit der sie sich veranstalten, naturwissenschaftliche
einander vorstellten; von aussterben- Experimente machen und ein Elternca-
den Tieren, die die „Kunstexperten“ fé anbieten. Damit dort etwas serviert
gemalt haben, während die „Philoso- werden kann, ist der Termin mit dem
phieexperten“ das Thema gedanklich Kunstgewerbemuseum zwecks Porzel-
bearbeiteten. Von Europakarten, die sie lanherstellung bereits gemacht.
mit Kunst-Studierenden erstellten; von Logistisch ist nicht nur der Umgang
Rappern und Tänzern, mit denen sie mit der Raumnot eine Meisterleistung.
Auftritte vorbereiten. Auch das Entwerfen eines Curriculums,
Foto: Rolf Schulten
Allein von all den Orten, von denen die das außer Mathe und Deutsch jahr-
Schülerinnen und Schüler berichten, gangsübergreifende „Expertenkurse“
klingeln einem die Ohren: Sie waren im und „Lernateliers“ bereithält, in denen >>>
Erziehung und Wissenschaft | 11/20198 KULTURELLE BILDUNG
Als Pech von dem Projekt erfuhr, war
sie ganz neu als Musiklehrerin an der
Schule. Sie meldete sich beim Team
von Sir Simon Rattle und erklärte, zu-
gespitzt formuliert: „Eine Hauptschule
in der Ex-DDR – das ist genau, was sie
brauchen“; so wurde die Heinz-Brandt-
eine von drei beteiligten Schulen. 2009
übernahm Pech die Leitung der Schule,
die 2011 mit dem Deutschen Schulpreis
ausgezeichnet wurde. Die Begründung
lobt die „optimistische Grundhaltung“
und das „positive Klima“ – und: „Kre-
ativität spielt eine große Rolle, Musik,
Theater und Tanz werden gepflegt.“ Das
war wenige Jahre nachdem die Heinz-
Foto: Rolf Schulten
Brandt-Schule im Rahmen einer großen
Berliner Schulreform den Schritt von
der Haupt- zur Sekundarschule gemacht
Svenja Kyncl (li.) unterrichtet an der Carl-Kraemer-Grundschule Kunst. „Rausgehen, hatte. Im Rahmen dessen, erinnert sich
die Stadt erkunden“, sei ein zentraler Teil kultureller Bildung, sagt sie, denn viele Pech, „haben wir uns alle gemeinsam
Kinder würden kaum den Kiez verlassen. Und Schulleiterin Kirsten Sümenicht (re.) gefragt ‚Was für ein Ort wollen wir
betont: „Alles, was wir machen, ist, einem Begabungsbegriff zu folgen, der allen sein?‘. Dabei haben wir festgestellt: ‚Wir
gerecht wird und sich nicht nur an den klassischen Fächern orientiert.“ wollen bestmögliche berufliche Orien-
tierung bieten. Und wir wollen nicht,
dass das alles ist.‘“ Also wurde im Wahl-
>>> Kunst und Kultur gelebt werden, zeugt könnten wir uns sowie die Schülerinnen pflichtunterricht parallel zu einem „be-
von Kreativität; ebenso die Organisati- und Schüler nie so mit der Welt ver- rufsorientierenden Band“ ein „kulturell
on all der Arbeitsgemeinschaften au- knüpfen, wie wir es für richtig halten“, orientierendes Band“ eingerichtet.
ßerhalb des Unterrichts. Auf der Positiv- sagt Sümenicht. Und nun schlüpft die Schulleiterin an
seite kann die Schule verbuchen, dass Sollte es noch eines Beweises dafür be- zwei Nachmittagen der Woche in die
eine gebundene Ganztagsschule Zeit dürfen, wie wichtig der Input von Men- Rolle der Leiterin der AG Schulband.
und Personal bringt. Für Unterricht und schen außerhalb der Schule ist, findet der Sieht man davon ab, dass mit sieben
unterrichtsergänzende Zeit zusammen sich ein paar Kilometer weiter östlich im Sängerinnen und Sängern eine gewis-
kommen auf die 500 Schülerinnen und Büro der Leiterin der Heinz-Brandt-Schu- se Überzahl besteht, kommt die Band
Schüler rund 100 – allerdings nicht alle le. Hier arbeitet Miriam Pech, zugleich wie eine echte Rockband daher: Gitar-
Vollzeit arbeitende – Erwachsene: Lehr- stellvertretende Vorsitzende der Verei- re, Bass, Schlagzeug, Keyboard – alles,
kräfte, Sozial- und Sonderpädagoginnen nigung Berliner SchulleiterInnen in der auch das klassisch, von Jungs gespielt.
und -pädagogen, Erzieherinnen und Er- GEW. Fragt man sie, womit die kulturelle Wer sich 90 Minuten dazusetzt, stellt
zieher, Pädagoginnen und Pädagogen Bildung in der Schule begann, zeigt sie zu fest, wie mühsam, aber auch wie zufrie-
für den Integrationsbereich. Nicht mit- einem Plakat über ihrem Schreibtisch: denstellend das gemeinsame Erleben
gezählt sind dabei stundenweise anwe- „Rhythm is it“, steht darauf und erinnert ist – weg von der Phase, in der Pech
sende Künstlerinnen und Künstler. an das vielleicht öffentlichkeitswirksams- sagt, sie höre „alle möglichen Töne –
te Dokument kultureller Bildung, das in ein Cluster nennt man das“ bis zu einer
Leidenschaft und Disziplin Deutschland geschaffen wurde. Über recht stimmigen Version des Imagine-
Leisten kann die Schule sich das vor Monate arbeiteten der Chef der Berliner Dragons-Songs „Radioactive“.
allem, weil sie am Bonusprogramm Philharmoniker, Sir Simon Rattle, und
der Berliner Bildungsverwaltung teil- Choreograph Royston Maldoon zu Be- Lernen, laut zu sprechen
nimmt*. Dieses wurde 2014 ins Leben ginn des Jahrtausends mit 250 Schülerin- Die Acht- und Neuntklässler selbst – die
gerufen, um Schulen, deren Schülerin- nen und Schülern daran, Strawinskys „Le alle ebenso in der Pubertät sind wie die
nen und Schüler mehrheitlich Sozial- Sacre du Printemps“ aufzuführen – und Rhythm-is-it-Kandidaten damals – brau-
leistungen beziehen, einen gewissen legten bei pubertierenden Jugendlichen, chen ein bisschen, um zu erzählen, wie
Ausgleich zu verschaffen. Liegt der An- die zuvor weder mit klassischer Musik es ihnen damit geht. Doch schließlich,
teil bei über 75 Prozent, kann die Schule noch mit Tanz etwas anfangen konnten, nachdem es anfangs hieß „Wir müssen
bis zu 100.000 Euro im Jahr investie- eine Leidenschaft und Disziplin frei, die kommen – Wahlpflicht!“, werden die
ren – für Material oder Honorare zum nicht wenigen Zuschauern die Tränen in Jungs deutlicher: „Wenn am Ende etwas
Beispiel. „Ohne dieses zusätzliche Geld die Augen trieben. Gutes dabei herauskommt, ist das ein
Erziehung und Wissenschaft | 11/2019KULTURELLE BILDUNG 9
geiles Gefühl.“ „Vor 700 Leuten und all tische Unterstützung und die Koordinati- zum Teil in ihrer Freizeit“, sagt sie. Pech
den Eltern zeigen zu müssen, was man on mit den Externen zur Seite steht. erklärt: „Jeder, der sich engagiert, be-
kann, und zusammenzuhalten, ist schon Dabei, sagt Kunstlehrerin Alexandra kommt dafür Stunden – soweit das im
etwas ganz Besonderes.“ Einer gesteht Kersten, sei wichtig, gut zu entscheiden, Rahmen der ‚Zumessungsrichtlinien‘
freimütig, er mache in der Band-AG welche Kooperationen man eingeht: eben möglich ist.“
mit, um „ein bisschen selbstständiger“ „Es muss inhaltlich zu den Schülerinnen Und so ist auch hier, mit viel Jonglage
zu werden, und „besser und ein biss- und Schülern wie zu den Lehrkräften und hohem Einsatz, etwas ganz Beson-
chen lauter vor anderen sprechen zu passen – und strukturell.“ Und damit zu deres entstanden. „Wir schaffen etwas,
können“. Damit trifft er einen zentralen einer Schule, die grob an die Zeiten von was wir für unerlässlich halten“, sagt
Grund dafür, dass die Schule kulturelle 8 bis 16 Uhr gebunden ist und jeden Kersten, „im Grunde ist das Teil unse-
Bildung so wichtig findet: sich präsen- Austausch mit der Welt draußen auch res Lohns.“ Pech ergänzt: „In den Köp-
tieren können, eigene Ausdrucksfor- organisatorisch leisten muss. Kersten: fen der Kinder passiert etwas, das PISA
men finden – und eine Art Lesekom- „Es gibt Programme, die können wir als nicht messen kann. Das umzusetzen, ist
petenz entwickeln in einer Welt, die kleine Schule vom Aufwand her nicht nicht immer leicht.“
stärker als je zuvor medial geprägt ist. stemmen.“ Und das, obwohl sich die
Auch die Heinz-Brandt-Schule unterhält Heinz-Brandt-Schule eine gute Struktur Jeannette Goddar,
eine ganze Reihe Kooperationen: mit der hat einfallen lassen, um kulturelle Bil- freie Journalistin
Jugendmusikschule Pankow und dem dung zu verankern. Kersten ist als „Kul-
Deutschen Theater Berlin, dem Aus- turbeauftragte“ erste Ansprechpart-
stellungsort KunstWerke und dem Jüdi- nerin; unterstützt vom „Culture Club“, *bit.ly/berlin-bonus-programm
schen Friedhof Weißensee zum Beispiel. einem achtköpfigen Team aus jenen **Von 2011 bis 2019 wurden durch
Eine ständige Begleiterin ist zudem eine Lehrkräften, die sich besonders für kul- das Programm „Kulturagenten für
Kulturagentin, die der Schule dank des turelle Bildung interessieren. Konkret kreative Schulen“ rund 250 Schulen in
2011 von mehreren Stiftungen gestar- bedeutet das: Alle zwei Wochen setzt fünf Bundesländern gefördert. Über
teten Landesprogramms „Kulturagenten sie sich mit der Kulturagentin, dem 50 Kulturagentinnen und -agenten
für kreative Schulen Berlin“** zur Seite Kopf des „Culture Club“ und der Schul- vernetzten in Baden-Württemberg,
steht. Anfangs, erinnert sich Pech leicht leitung zusammen; etwa alle sechs Berlin, Hamburg, Nordrhein-Westfalen
wehmütig, hätte es durch das Programm Wochen mit dem gesamten Culture- und Thüringen Schulen mit Partnern
sogar finanzielle Unterstützung in fünf- Club-Team. Die zwei Ermäßigungsstun- aus Kunst und Kultur. Sie entwickel-
stelliger Höhe gegeben. Heute gibt es den, die sie bekommt, dürften damit ten künstlerische Angebote für über
nur noch – aber immerhin – je eine Kul- erschöpft sein – die Arbeit ist es eher 100.000 Schülerinnen und Schüler:
turagentin für drei Schulen, die für logis- nicht. „Alle, die mithelfen, machen das www.kulturagenten-programm.de
Miriam Pech (Mitte) leitet die Heinz-Brandt-Schule in
Berlin-Weißensee. Zweimal in der Woche schlüpft sie in
die Rolle der Dirigentin der Schulband.
Foto: Kay Herschelmann
Erziehung und Wissenschaft | 11/201910 KULTURELLE BILDUNG
„Kraftfutter für Kinderhirne“
Unter den Schülerinnen und Schülern seien immer wieder
„echte Supertalente“, sagt Dozent Georg Wissel von
der Offenen Jazz Haus Schule in Köln. Ob die erkannte
Begabung weiter gefördert werden kann, hänge
allerdings von den Möglichkeiten und Angeboten
Foto: Dirk Jeske
der weiterführenden Schule ab.
// Rund elf Millionen Euro lässt von der Partie. So wie inzwischen lan- („JeKits-Orchester“), Tanzen („JeKits-
sich Nordrhein-Westfalen (NRW) desweit mehr als 1.000 Schulen. JeKits Tanzensemble“) oder Singen („JeKits-
das Programm „JeKits – Jedem ist das größte Programm für kulturel- Chor“).
Kind Instrumente, Tanzen, Singen“ le Bildung in NRW. Schulen, die sich
jährlich kosten. Eine sinnvolle bewerben wollen, suchen sich einen Kreativ ohne Notendruck
Investition? Oder profitieren Partner aus der Musikszene. Der stellt – Frank Großmann koordiniert das Pro-
am Ende doch nur Kinder aus vorausgesetzt, die Schule erhält den gramm an der KGS Horststraße. Er ist
bildungsbürgerlichen Familien? Zuschlag – nicht nur das Fachpersonal, überzeugt: „Viele Kinder kommen in
(Ein)Blick in den (Schul)Alltag. // das wöchentlich in der Schule mit den Kontakt mit Musik, denen es sonst nie
Kindern singt, musiziert oder tanzt, son- und in dieser intensiven Form möglich
Mittwochmorgen in Köln-Mülheim. In dern auch die Instrumente. Die dürfen gewesen wäre. Sie können kreativ sein,
der Katholischen Grundschule (KGS) die Grundschülerinnen und -schüler andere Stärken zeigen und vor allem
Horststraße wird es lebendig. 25 Zweit- auch zu Hause nutzen. ohne Notendruck agieren.“ Beerkircher
klässlerinnen und -klässler stürmen in Die Teilnahme an JeKits 1 ist an den aus- will es präzise wissen: „Wer von euch
den Musikraum im Kellergeschoss. Gut gewählten Schulen für den Klassenver- spielt zu Hause ein Instrument und be-
gelaunt werden sie von Ralph Beerkir- band verbindlich. Und kostenlos. Wer kommt Unterricht?“, fragt er die Zweit-
cher erwartet. Gemeinsam mit Klassen- bei JeKits 2 ein Schuljahr später erneut klässler an diesem Morgen. Das Ergeb-
lehrerin Janine Winne führt der Mitar- dabei sein will, muss im Schwerpunkt nis: Gerade einmal zwei Hände gehen in
beiter der Offenen Jazz Haus Schule die Instrumente 23 Euro, im Schwerpunkt die Höhe.
Kinder 45 Minuten lang in die Welt der Tanzen 17 und im Schwerpunkt Singen Die enorme Bedeutung von Musik und
Noten und Instrumente, des Singens zwölf Euro monatlich bezahlen. Es sei Bewegung für die Entwicklung von
und Musizierens ein. Ein Schuljahr lang denn, soziale Gründe sprechen dage- Kindern ist wissenschaftlich erwiesen.
steht für sie jeden Mittwoch JeKits 1 auf gen. Kinder, deren Eltern Sozialleistun- „Kraftfutter für Kinderhirne“ nennt es
dem Stundenplan. gen beziehen, sind kostenfrei dabei. der Neurobiologe Professor Gerald
Seit die Landesregierung das Programm Während JeKits 1 eine musikalische Hüther. Kinder, die regelmäßig singen,
2015 startete, ist die Schule, die in ei- oder tänzerische Grundbildung bietet, tun sich bei der Einschulung nachweis-
nem Stadtteil liegt, der gerne als sozi- dient das zweite Jahr der Vertiefung lich leichter, zeigte eine Studie der Uni-
aler Brennpunkt bezeichnet wird, mit in den Schwerpunkten Instrumente versität Bielefeld schon vor Jahren*.
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Singen fördert den Spracherwerb leisten er, seine Kolleginnen und
und die Entwicklung des logisch- Kollegen sowie die Lehrkräfte oft
mathematischen Verständnisses, genug Überzeugungsarbeit, damit
macht glücklich und hilft, Aggressi- das Kind sein Potenzial auch nach
onen abzubauen. Abschluss von JeKits entfalten
Die JeKits-Stunde von Beerkircher kann. Wissel: „Nicht immer gelingt
belegt die Thesen in der Praxis. Die das, aber wir tun unser Bestes.“ Al-
Kinder sind begeistert. Sie hängen lerdings weiß er auch, dass es von
ihrem „Lehrer“ und ihrer Klassenleh- den Möglichkeiten und Angeboten
rerin, die sich vorab über die Stunde der weiterführenden Schule ab-
verständigen, an den Lippen. Er- hängt, ob die erkannte Begabung
staunlich schnell entwickeln sie ein weiter gefördert werden kann.
Gefühl für Rhythmus, hohe und tiefe In diesen Einrichtungen wird das
Töne. Zuerst hören sie zu, dann ent- Programm, das von der in Bochum
wickeln sie in Tandems gemeinsame ansässigen JeKits-Stiftung getragen
Klatschrhythmen. Viel zu schnell wird, nicht angeboten. Es richtet
sind die 45 Minuten verflogen. Die sich ausschließlich an Grund- und
Frage, ob es ihnen gefallen habe, Förderschulen. Erreicht werden
beantworten die Kinder im Chor: rund zwei Drittel aller Grundschü-
„Ja!“ Und warum? Der achtjährige lerinnen und -schüler in 177 Kom-
Atilla bringt es auf den Punkt: „Weil munen des Landes. Auf das größte
es cool ist, ein eigenes Instrument Interesse stößt der Schwerpunkt
und ein Hobby zu haben.“ Instrumente, gefolgt von Singen
und Tanzen. Tanja Senicer, Spre-
Der soziale Aspekt greift cherin der Stiftung, hebt einen
Die Vorfreude steht den Kindern weiteren wichtigen Aspekt von
ins Gesicht geschrieben. Denn der JeKits hervor: „Die Musikschulen
Traum, ein Instrument – wenn und Tanzinstitutionen öffnen sich
auch nur vorübergehend – gelie-
hen zu bekommen, ist geradezu
noch stärker nach außen und ge-
hen in die Lern- und Lebenswelt
Höchste Zeit, …
greifbar nahe. Nicht zeitlich, der der Kinder. Das gibt einen wichti-
„Grundkurs“ ist schließlich gerade gen Impuls für die kommunale Bil-
ein paar Wochen alt, aber im ganz dungslandschaft.“ Aktuell sind so
wörtlichen Sinn. Im Musikraum 139 Musikschulen oder Tanzinsti-
sind sie aufgereiht: die Gitarren, tutionen an über 1.000 beteiligten
Saxophone und Posaunen. Rund Schulen eingebunden. Tandem-
zwei Drittel der Grundschülerin- Arbeit auf Augenhöhe wird erlebt
nen und -schüler und ihrer Eltern und gelernt, Fortbildungen berei-
an dieser Schule entscheiden sich chern das Repertoire der Lehrkräf-
dafür, auch bei JeKits 2 dabei zu te, Arbeit mit größeren Gruppen je-
sein. Landesweit liegt die Quote nes der externen „Lehrer“. Senicer:
bei etwa einem Drittel. Rund die „Eine Win-Win-Situation für alle.
Hälfte von ihnen kann dies tun, Vor allem aber eben für die, um die
ohne einen Euro zu bezahlen. Der es uns geht: die Kinder.“
soziale Aspekt greift.
Er beschert einen wertvollen und Stephan Lüke,
gewollten Nebeneffekt. Manch ein freier Journalist
Talent werde entdeckt, berichtet
Georg Wissel. Er gehört ebenfalls Krankenversicherungsverein a. G.
der Offenen Jazz Haus Schule an. *Thomas Blank (Uni Bielefeld)
… dass Sie sich jetzt von den Vorteilen der Debeka-Krank-
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„Viele von ihnen wären ohne JeKits kindern und das Canto elementar Sie haben Fragen ?
wahrscheinlich nie entdeckt wor- Konzept zum Praxistransfer“, 2010; Wir informieren Sie gerne. anders als andere
den.“ Im Gespräch mit den Eltern bit.ly/singen-ist-kraftfutter
Erziehung und Wissenschaft | 11/2019
94x133_Höchste Zeit_HV_17072019.indd 1 17.07.2019 13:28:0912 KULTURELLE BILDUNG
„Wo findest du die
schönen Worte?“
// Theater, Musik und Kunst Pausenhofgespräche zeigen ihm, dass auf dem ländlichen Raum liegt. Es geht
können Kindern neue Welten öff- er sein Ziel schon erreicht hat, nämlich dabei nicht nur um Kulturvermittlung,
nen. Aber es braucht besondere Kindern eine Tür zu Kunst und Kultur sondern auch um Sprachförderung.
Ansätze, damit auch benachtei- aufzustoßen. „Wir erzählen Geschichten. Das funk-
ligte Kinder und Jugendliche von tioniert wunderbar als gemeinsame
kultureller Bildung profitieren. // Empathie stärken Basis – egal ob ein Kind polnische Wur-
Becker und das Spielraum-Theater sind zeln hat, es vor kurzem aus Afghanistan
Wenn Stefan Becker im Kasseler Stadt- dort, wo viele Familien andere Sor- gekommen ist oder Deutsch seine Mut-
teil Bettenhausen unterwegs ist, kommt gen haben als Karten für die nächste tersprache ist“, sagt Becker. Das Stück
er nur langsam ans Ziel – zumindest, was Opernpremiere zu bekommen oder für die Kita Sonnenblume („Von Kisten
den konkreten Ort betrifft. Der Theater- Museumsbesuche zu organisieren. Die und Kissen“), gespielt von Gisela Honens
macher besucht heute die Kita Sonnen- Documenta-Stadt Kassel hat erkannt, und Jutta Damaschke, kommt völlig ohne
blume. Auf dem Weg dorthin liegt die dass kulturelle Bildung zu den Menschen Sprache aus, trotzdem verstehen selbst
Ganztagsgrundschule Am Lindenberg. vor Ort kommen muss, nicht umgekehrt. die Kleinsten sofort, worum es geht: um
Die Kinder erkennen ihn sofort und Seit einem Jahr ist deshalb das Spiel- Spiel und Freundschaft, aber auch um
wollen wissen, wann er das nächste Mal raum-Theater mit seinen Stücken an das tägliche Aushandeln von Regeln.
zu ihnen kommt. Das dauert. Aber der Ganztagsgrundschulen und seit elf Jah- In den Grundschulen sind die Stücke
Schauspieler hat es nicht eilig. Denn die ren in Kitas unterwegs, wobei der Fokus entsprechend dem Alter der Kinder an-
Das Kasseler Spielraum-Theater
gastiert mit seinen Stücken an
Ganztagsgrundschulen und in
Kitas. Es geht dabei nicht nur
um Kulturvermittlung, sondern
auch um Sprachförderung. Das
aktuelle Stück ist ein clowneskes
Vergnügen.
Foto: Mike Wilfling
Erziehung und Wissenschaft | 11/2019KULTURELLE BILDUNG 13
spruchsvoller, aber immer mit dem- gegeben? Professor Eckart Liebau
selben Fokus: Emotionen wecken, vom Rat für Kulturelle Bildung warn-
Empathie stärken und Sprachanläs- te nach der Vorstellung der Studie:
se schaffen. Becker ist überzeugt, „Wir haben es mit großen Unter-
dass sein Konzept funktioniert, schieden zwischen den Schulformen
denn er beobachtet seit Jahren zu tun, mit kulturellen Bildungs-
die Reaktionen der Kinder. Kürzlich verläufen, die kaum durchbrochen
hat ihn ein Zweitklässler aus Syrien werden können. Dass Kinder und
gefragt: „Du hast immer so schöne Jugendliche aus bildungsfernen
Worte in deinem Theater. Wo fin- Elternhäusern den künstlerischen
dest du die bloß?“ Vorsprung ihrer Altersgenossen in
Niemand kann seriös vorhersagen, der Schule aufholen könnten, lassen
ob dieser Grundschüler später zum die Daten nicht erkennen.“
regelmäßigen Theaterbesucher Reinwand-Weiss war als Expertin
wird. Aber das ist auch nicht das an der Studie beteiligt. Sie nennt
primäre Ziel. Es gibt viele Indizien die Befunde „charakteristisch für
dafür, dass Theater Sprache und das deutsche Bildungssystem“, bei
Ausdrucksfähigkeit fördert – so dem soziale Herkunft und Bildungs-
wie Tanz die Motorik und Raum- erfolg eng gekoppelt sind. Auch
erfahrung unterstützt. Wie genau ein Großteil der Kulturangebote in
kulturelle Bildung aber auf welche Deutschland konzentriert sich ihrer
SCHUTZ
Zielgruppe wirkt, ist eine sehr viel Ansicht nach auf die Zielgruppe der VERSICHERUNGS
!
komplexere Frage. bildungsnahen Akademikerschicht. BIS 67 MÖGLICH
„Sie wenden sich an das Publikum,
Herkunft entscheidend das von sich aus ins Museum, Kon-
„Wir können die Wirkung ja nicht im zert oder Theater kommt.“ Nutzen Sie unsere attraktiven
Labor beobachten“, sagt Vanessa
Reinwand-Weiss von der Universi-
Für andere Familien sind die Hür-
den hoch. Das schicke Theater in Sonderkonditionen
tät Hildesheim. Die Professorin für der Innenstadt bleibt ihnen so fern
kulturelle Bildung spricht deshalb wie Kafkas Schloss dem Protago-
Dienstunfähigkeitsversicherung
auch nicht von „messen“, wenn es nisten K. Um diesen Mechanismus Berufsunfähigkeitsversicherung
um die Wirksamkeit kultureller Bil- zu durchbrechen, hat unter ande-
dung geht. Was nicht heißt, dass es rem das Bundesbildungsministe-
keine Effekte gibt: „Es gibt klare Hin- rium 2013 ein neues Programm
weise, dass kulturelle Angebote die aufgelegt. „Kultur macht stark“ un-
Bildungsaspiration, also das Streben terstützt außerschulische Koope- Sicherheit für den Fall der Dienst- oder Berufsunfähigkeit
von Kindern und Jugendlichen nach rationen, die ihre Zielgruppe genau
ist wichtig! Denn dieses Risiko wird oft unterschätzt. Die
Bildung positiv beeinflussen.“ im Blick haben. Das A und O dabei:
Allerdings profitieren Kinder und Zugänge schaffen. „Es nützt nichts,
HUK-COBURG bietet Ihnen Sonderkonditionen bei Neu-
Jugendliche nicht in gleichem Maße einen Flyer auszulegen, es geht nur abschluss einer Dienst- oder Berufsunfähigkeitsversicherung.
von kultureller Bildung. Das zeigte mit aufsuchender Kulturarbeit“, Damit sparen Sie über die gesamte Laufzeit bares Geld!
unter anderem eine repräsenta- sagt Reinwand-Weiss: „Das heißt:
tive, bundesweite Umfrage unter Eltern einbinden und kulturelle Sprechen Sie mit uns. Wir beraten Sie gerne auch persönlich
Schülerinnen und Schülern der Bildung eng an die Lebenswelt der vor Ort: Die Adressen unserer Geschäftsstellen finden Sie in
9. und 10. Klassen, die der Rat für Kinder und Jugendlichen koppeln.“
Ihrem örtlichen Telefonbuch unter „HUK-COBURG“ oder unter
Kulturelle Bildung vor vier Jahren
in Auftrag gegeben hatte. Das er- Katja Irle,
www.HUK.de/Ansprechpartner
nüchternde Ergebnis: Jugendliche freie Journalistin
aus bildungsfernen Familien haben
zum Ende der Schulzeit mit hoher
Wahrscheinlichkeit sowohl weniger Quellen/Literatur:
Kenntnisse als auch Interesse an Rat für Kulturelle Bildung: Jugend/
Kunst und Kultur als Gleichaltrige Kunst/Erfahrung, Horizont 2015
aus Akademikerfamilien. Vanessa Reinwand-Weiss:
Verstärkt also kulturelle Bildung Wirkungsnachweise in der
den sogenannten Matthäus-Effekt? Kulturellen Bildung, 2015,
Wer schon hat, dem wir noch mehr bit.ly/wirkungsnachweise-kubi14 KULTURELLE BILDUNG
Qualifikation:
Ex-Klassenkasper und
In-Hefte-Kritzler
// Wie und warum wird man Künstler? Kann man
Karikatur: Freimut Woessner
Künstler in der Schule lernen? Fragen an den Kari-
katuristen Freimut Woessner. //
E&W: Sie haben zunächst Psychologie studiert, dann aber
einen Zeichenkurs an der Volkshochschulschule in Berlin-
Schöneberg besucht. Warum sind Sie anschließend Karika-
turist geworden?
Freimut Woessner: Ich war auf der Suche nach dem Sinn und womöglich davon leben zu können. Qualifikation: Ex-
unseres rätselhaften Daseins. Ergebnis nach acht Semestern Klassenkasper und In-Hefte-Kritzler.
und einem Vordiplom: minus Nullkommanull. Dann kam eine E&W: Welche Rolle hat der Kunstunterricht in der Schule für
Zeit des Rumprobierens, Umherziehens und Sich-Durchschla- Ihre Entscheidung gespielt, eine künstlerische Laufbahn ein-
gens – schließlich dann als Taxifahrer in Berlin. Und so ganz zuschlagen?
allmählich entwickelte sich der Traum, mit Bleistift, Papier, Woessner: Eine positive – durch Abwesenheit von Wissens-
Radierer, Feder und Tusche und einem Aquarellkasten meine vollstopfung. Das war noch die selige Zeit, als man im Kunst-
eigenen Welten zu erschaffen – sinnvolle und unsinnvolle – unterricht tatsächlich frei und ohne großen Notendruck
zeichnen und malen konnte! Mit Spaß, mit Freude! Und das
an einer staatlichen Schule! Bis zum Abi gab es keinen einzi-
gen Test! Eher gaben die anderen Fächer und deren Vermittler
Anlass zu zeichnerischer Fort-Bildung – nämlich fort vom Fach
und rein in die Traumwelt. Meine tiefe Überzeugung: Bei den
musischen Fächern sollte nur die Mitarbeit benotet werden,
ansonsten sollte man zeichnen, malen, singen oder sonstwie
Töne erzeugen zur reinen Freude am Dasein – der wichtigste
Lerninhalt überhaupt.
E&W: Welches Kunstwerk, welches Theaterstück, welche
Oper, welchen Kinofilm oder welches Buch haben Sie nie
verstanden?
Woessner: Als Kind habe ich nie etwas verstanden, ich
war immer nur schwer beeindruckt von allem – mit runter-
geklapptem Unterkiefer und großen Augen. Viel später bei
den Büchern waren es die Bibel, der Koran und das Kapi-
tal – einfach schon deshalb, weil ich sie bis heute noch nie
ganz gelesen habe, vor allem letzteres.
E&W: Multitalente wie Peter Ustinov, der Schauspie-
ler und Synchronsprecher, Regisseur, Bühnenbildner,
Karikaturist sowie Oboe- und Flötenspieler (auch ohne
Oboe und Flöte!) war, findet man in der Kulturwelt sel-
ten. Welche Kunst, die Sie nicht beherrschen, möchten
Sie unbedingt noch erlernen?
Woessner: Dichten mit Reim und Versmaß, aber das kann
man nicht lernen, das muss man bei der Geburt schon
Selbstporträt: Freimut Woessner
mitgebracht haben. Aber dann: Orgelspielen, auch mit
den Beinen, dann könnte ich endlich meinen Bach schön
langsam spielen und er würde nicht so artistisch runterge-
rattert, wie heutzutage üblich.
Interview: Jürgen Amendt,
Freimut Woessner Redakteur der „Erziehung und Wissenschaft“
Erziehung und Wissenschaft | 11/2019Sie geben alles. Wir
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Krankenversicherung für
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Gewerkschaft
Erziehung und Wissenschaft16 KULTURELLE BILDUNG
Allein an den Oberschulen in Sachsen werden jedes Jahr etwa
30 bis 40 neue Musiklehrerinnen und -lehrer benötigt; an den
Gymnasien sind es mindestens noch einmal so viel. Doch gerade
einmal 52 fertig ausgebildete Musiklehrkräfte verließen 2018
die beiden Unis für Musik in Dresden und Leipzig.
Foto: mauritius images/pa/Frank May
Hast du Töne?
// Allerorten in Deutschland fehlt „Viele unterschätzen den Knochenjob Missklänge ist kaum zu erwarten: An-
es an Lehrerinnen und Lehrern und sind schnell überfordert.“ gesichts der hohen Zahl der Lehrkräfte,
für die Fächer Musik und Kunst. Ganz neu ist der Befund nicht. „Ich ken- die jedes Jahr in Rente gehen, wird der
Das Beispiel Sachsen zeigt: Viele ne keine Zeit, in der Lehrkräfte für Musik Personalbedarf für die kulturelle Bil-
Probleme sind nicht neu – und und Kunst nicht gefehlt hätten, sogar in dung auch in Zukunft nicht zu decken
oft sind sie hausgemacht. // der DDR“, sagt Kruse, die in den 1980er- sein. Nach Daten des Kultusministeri-
Jahren Lehrerin war. „Musik und Kunst ums werden allein an den Oberschulen
Die schiefen Töne sind überall aus der sind Fächer, die in der bildungspoliti- jedes Jahr etwa 30 bis 40 neue Lehre-
Republik zu hören: Musikunterricht in schen Diskussion in Sachsen deutlich rinnen und Lehrer für Kunst und ebenso
der Krise! Stirbt der Musikunterricht unterbewertet sind“, beklagt die Lan- viele für Musik benötigt. An den Gym-
aus? Kunst und Musik fallen einfach desvorsitzende. Seit den 1990er-Jahren nasien sind es in beiden Fächern min-
aus! So titeln Regionalzeitungen aller- sei die Bildungspolitik des Freistaates destens noch einmal so viel. Eine Lücke,
orten, egal ob in Bayern, Niedersachsen stark auf Mathematik und Naturwissen- die von den Hochschulen des Landes
oder Brandenburg. In Sachsen, das seit schaften fokussiert. „Sachsen setzt gute kaum zu schließen ist.
ein paar Jahren mit grassierendem Lehr- Schulleistungen mit guten Ergebnissen Gerade einmal 52 fertig ausgebildete
kräftemangel zu kämpfen hat, kennt in den MINT-Fächern gleich“, sagt Kru- Musiklehrkräfte verließen 2018 laut
man das Problem zur Genüge. „Die Per- se. „Aber zur Bildung gehören auch so- Wissenschaftsministerium die beiden
sonaldecke ist einfach zu dünn“, sagt ziale und künstlerische Fertigkeiten.“ Unis für Musik in Dresden und Leipzig.
die GEW-Landesvorsitzende Uschi Kru- Für Kinder aus bildungsfernen Familien In den Jahren zuvor waren es meist so-
se. Die Folge: Entweder die Stunden fal- sei die Schule sogar oft der einzige Ort, gar nur 20 bis 30 Absolventinnen und
len gleich ganz aus – spätestens wenn an dem sie einen Zugang zu Musik und Absolventen. Hinzu kommen zwar die
die einzige Lehrkraft des Faches an der Kunst bekommen. Und nicht selten ent- Grundschullehrkräfte mit dem Wahl-
Schule krank wird. Oder es wird ver- deckten Schülerinnen und Schüler gera- fach Musik, doch das Defizit ist offen-
sucht, die Versorgung des Unterrichts de in diesen Bereichen ihre Talente, mit sichtlich. In Kunst sieht es kaum besser
mit Seiteneinsteigern abzudecken. Mal denen sie schwächere Fächer kompen- aus: Das Statistische Landesamt zählte
gibt eine Opernsängerin an einer Ober- sieren können. voriges Jahr 547 Studierende mit einem
schule die dringend benötigten Musik- künstlerischen Abschluss – die aber in
stunden, mal ein Kirchenkantor an ei- Hohe Zugangshürden vielen Kunst-Bereichen eine Heimat su-
nem Gymnasium. „Ohne den einzelnen Aktuell arbeiten an Sachsens 1.154 öf- chen.
Kollegen ihr Engagement abzusprechen, fentlichen Grund- und Oberschulen so- Der Mangel an Nachwuchs für die Leh-
stellt sich bei den Seiteneinsteigern wie Gymnasien rund 2.260 Lehrkräfte rerzimmer ist dabei – nicht nur aus
doch die Frage der pädagogischen Qua- als Kunstlehrer sowie 2.200 Lehrkräfte Sicht der GEW – oft hausgemacht:
lifikation und Kompetenz“, sagt Kruse. als Musiklehrer. Doch ein Verhallen der durch zu hohe Zugangshürden an den
Erziehung und Wissenschaft | 11/2019KULTURELLE BILDUNG 17
Kunsthochschulen. Schon 2012 monier- drücklich berücksichtigt werden. „Dies ter Christian Piwarz (CDU), würden die
te die Kultusministerkonferenz (KMK) entspricht auch dem ureigenen Inter- Ausgaben für Ganztagsangebote deut-
„dringenden Handlungsbedarf“: Das esse der Kunst- und Musikhochschulen lich erhöht. Parallel schloss das Mi-
Fach Musik, so die KMK, gehöre zu den an der Heranbildung geeigneten künst- nisterium eine Rahmenvereinbarung
„besonderen Bedarfsfächern“ in allen lerischen Nachwuchses“, hieß es 2012. mit dem Sächsischen Musikrat. Deren
Schulzweigen und werde oft fachfremd Passiert ist bisher wenig. Kruse jeden- Ziel: Ganztagsangebote für Musik sol-
unterrichtet. In einem dringenden falls kann sich zwar gut an den Aufruf len durch Kooperationsprojekte mit
Appell riefen die Kultusminister die der KMK erinnern – nicht aber an einen Musikpädagogen und Künstlern auch
Kunst- und Musikhochschulen auf, bei hörbaren Widerhall: „Ich wüsste nicht, ohne Lehramtsabschluss ausgebaut
der Zulassungspraxis „stärker zwischen dass der Appell an den Hochschulen in werden. Für Kruse ist diese politische
künstlerisch und pädagogisch orientier- Sachsen gefruchtet hätte.“ Komposition aber nur ein schwacher
ten Bewerberinnen und Bewerbern zu Trost: Viele Kinder erreiche man trotz-
unterscheiden“. Denn für die pädago- Kürzung der Stunden dem nicht, da Ganztagsangebote frei-
gisch interessierten Bewerber gelten in Der Freistaat verfolgt indessen eine willig seien.
der Regel die gleichen, hohen Anforde- andere Strategie. So wird seit diesem Wie wichtig die Fächer Musik und Kunst
rungen wie für angehende Spitzenmu- Schuljahr in Klasse 3 eine Unterrichts- tatsächlich sind, hatten dabei auch die
siker an großen Opernhäusern und in stunde weniger Musik erteilt, am Gym- Kultusminister 2012 deutlich gemacht.
Orchestern. nasium wurde Musik in Klasse 8 von In ihrem Beschluss betonten sie, dass
Die Aufnahmeprüfungen für lehramts- zwei auf eine Stunde gekürzt. Gleich- musische Bildung eine wichtige Voraus-
bezogene Studienplätze, so die KMK, zeitig mit den überarbeiteten Stunden- setzung zur Teilnahme am kulturellen
sollten daher stärker an die Anforde- tafeln sollen die Schulen mehr Geld für Leben und für das Zusammenleben in
rungen des Lehrerberufs angepasst Ganztagsangebote bekommen. Um die unserer Gesellschaft sei.
werden. Die pädagogischen Fähigkeiten Lebenskompetenz der Schülerinnen
und Potenziale sollten neben den mu- und Schüler vor allem in Sport, Musik Sven Heitkamp,
sikalisch-künstlerischen Talenten aus- und Kunst zu fördern, so Kultusminis- freier Journalist
EUROPA ENDLICH VERSTÄNDLICH - IN 30 MINUTEN
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