Leopoldina aktuell 6/2020

 
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Leopoldina aktuell 6/2020
Leopoldina aktuell                                                                    6/2020

Newsletter der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina –
Nationale Akademie der Wissenschaften

                                                                   Halle (Saale), 11. Dezember 2020

Artenvielfalt
in der Agrarlandschaft
Gemeinsame Stellungnahme von Leopoldina,
acatech und Akademienunion
Leopoldina aktuell 6/2020
2                                                                         6/2020 // LEOPOLDINA / NEWSLETTER

Inhalt                                                           4
     3    Editorial

     4    Ad-hoc-Stellungnahme:
          Chance zur Eindämmung der
          Pandemie nutzen

     4    Gemeinsames Positionspapier:
          Wie soll der Zugang zu einem COVID-19-
          Impfstoff geregelt werden?

     5    Gesprächsreihe Leopoldina International:
          Wenn COVID-19 auf andere                       Positionspapier: Leopoldina, Deutscher Ethik-
          Infektionskrankheiten trifft                   rat und Ständige Impfkommission veröffentlichen
                                                         Handlungsrahmen für COVID-19-Impfungen
     5    Erklärung der Wissenschaftsorganisationen
          zur Coronavirus-Pandemie

     6    Interview mit Altpräsident Jörg Hacker ML:             6
          „Impfungen sind in Deutschland freiwillig,
          und das sollte auch so bleiben“

     7    Bonner Erklärung:
          Forschungsfreiheit in der
          Europäischen Union

     8    Katrin Böhning-Gaese ML zur Akademien-
          Stellungnahme „Biodiversität und
          Management von Agrarlandschaften“

     9    Wissenschaftsbarometer 2020:
          Vertrauen in Wissenschaft und Forschung        Im Gespräch: Altpräsident Jörg Hacker über
          weiter hoch                                    Pandemien, Corona und Impfstoffe sowie über die
                                                         Forschungsförderung der Europäischen Union
     10   Interview mit Hans-Georg Dederer:
          „Verfahrensbezogene Regulierung ist
          wissenschaftlich nicht begründbar“
                                                                 8
     12   Interview mit Andreas Kablitz ML:
          „Nach dem hermeneutischen Anteil fragen“

     13   Eigenverantwortlichen Umgang mit
          Forschungsrisiken stärken

     13   Dritte Europa-Debatte:
          Ist das Finanzsystem krisensicher?

     13   Klimawandel in Mitteldeutschland

     14   Fördermittel für Bestände in Archiv und
          Bibliothek                                     Stellungnahme: Empfehlungen der
     14   Über die Arbeit mit digitalisierten Texten     Wissenschaftsakademien zu „Biodiversität
                                                         und Management von Agrarlandschaften“
     14   Digitale Bibliothek der Leopoldina gestartet

     15   Meldungen

     16   Termine                                        Die Leopoldina in den Sozialen Medien
     18   Personalia

     20   Impressum
Leopoldina aktuell 6/2020
6/2020 // LEOPOLDINA / NEWSLETTER                                                                                            3

Editorial

Liebe Mitglieder, Freundinnen und Freunde der Leopoldina,

der Alltag in Deutschland ist, wie in vielen anderen Ländern, aufgrund der
Coronavirus-Pandemie ein weiteres Mal stark eingeschränkt. Das ist not-
wendig, um das Infektionsgeschehen wieder unter Kontrolle zu bringen.
Im Oktober habe ich in einer gemeinsamen Erklärung mit der Präsidentin
und den Präsidenten von Deutscher Forschungsgemeinschaft, Fraunhofer-
Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Max-
Planck-Gesellschaft auf den Ernst der Lage hingewiesen.

Die große Aufmerksamkeit für unsere Stellungnahmen zur Pandemie hat
die Akademie insgesamt stärker
in den Fokus des öffentlichen
Interesses gebracht. Das hilft
auch Publikationen, die sich an-
deren Themen als dem Corona-
virus widmen. So ist im Oktober
„Biodiversität und Management
von Agrarlandschaften“ erschie-
nen, eine gemeinsame Stellung-
nahme von Leopoldina, acatech
und Akademienunion (siehe
Seite 8). Es war viel Lob zu hören,
dass die Akademien sich bei die-
sem Thema so klar positionieren.
Das Papier wird weiterhin oft in                               Prof. (ETHZ) Dr. Gerald Haug, Präsident der Leopoldina
den Medien zitiert.                                                                                 Foto: David Ausserhofer

Ausfallen muss in diesem Jahr leider die Weihnachtsvorlesung der Akade-
mie. Viele Formate hat die Leopoldina erfolgreich in den virtuellen Raum
verlegt. Doch diese traditionelle Veranstaltung können wir uns nur schwer
auf Distanz vorstellen. Größere Präsenzveranstaltungen werden erst dann
wieder möglich werden, wenn weite Teile der Bevölkerung geimpft wor-
den sind. Zur Frage, wie die ersten Impfstoffe voraussichtlich ab Anfang
2021 verteilt werden, hat sich die Leopoldina gemeinsam mit der Ständigen
Impfkommission und dem Ethikrat geäußert (siehe Seite 4). Ich hoffe, dass
im Herbst 2021 wirksame Impfungen in ausreichender Menge verfügbar
sind und dass dies – gemeinsam mit einer hohen Impfbereitschaft der Men-
schen – die Pandemie zum Erliegen gebracht hat. Dann können wir wieder
frei wählen, ob Symposien und Vorlesungen virtuell oder als Präsenzver-
anstaltungen durchgeführt werden.

Ich wünsche Ihnen eine frohe und trotz allem möglichst unbeschwerte
Weihnachtszeit.
Leopoldina aktuell 6/2020
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     Chance zur                                   Wie soll der Zugang zu einem
     Eindämmung der
     Pandemie nutzen
                                                  Impfstoff geregelt werden?
     Trotz des seit Anfang November gelten-
                                                  Gemeinsames Positionspapier zu COVID-19-Impfung
     den Teil-Lockdowns droht sich die Coro-
     navirus-Pandemie weiter zu verschärfen.
     Um die Kontrolle über das Infektionsge-
     schehen zurückzuerlangen, empfiehlt die
     Leopoldina in der neuesten Ad-hoc-Stel-
     lungnahme ein zweistufiges Vorgehen
     für die Feiertage und den Jahreswechsel.
     Erfahrungen in anderen Ländern zeigen,
     dass schnelle, strenge Maßnahmen über
     einen kurzen Zeitraum erheblich dazu
     beitragen, die Infektionszahlen zu sen-
     ken und niedrig zu halten. Auch aus wirt-
     schaftlicher Perspektive sind verschärfte
     Maßnahmen sinnvoll, da sie den Zeitraum
     verkürzen, bis wieder Lockerungen mög-
     lich sind.
                                                        Leopoldina-Präsident Gerald Haug, Ethikrat-Vorsitzende und Leopoldina-Mitglied Alena Buyx
         Bereits ab 14. Dezember müssten                und Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission, haben das gemeinsame
     berufliche und private Kontakte auf ein            Positionspapier in einer Bundespressekonferenz vorgestellt.   Foto: Christian Thiel | Deutscher Ethikrat

     absolutes Mindestmaß reduziert werden.
     Ab 24. Dezember bis mindestens 10. Janu-
     ar 2021 sollte ein harter Lockdown gelten.   Aller Voraussicht nach werden Impfstoffe                Schutz von Personen mit besonders ho-
     Hierfür sollten alle Geschäfte bis auf die   zum Schutz gegen COVID-19 kurz nach                     hem arbeitsbedingten SARS-CoV-2-Ex-
     des täglichen Bedarfs geschlossen und die    einer Zulassung nicht für alle impfbereiten             positionsrisiko, Verhinderung von Trans-
     Weihnachtsferien in den Bildungseinrich-     Menschen in ausreichender Menge verfüg-                 mission und Schutz in Umgebungen mit
     tungen verlängert werden. Für den Wie-       bar sein. Deswegen ist eine Priorisierung               hohem Anteil vulnerabler Personen und
     derbeginn des Unterrichts ab 10. Januar      notwendig, die sowohl medizinisch-epi-                  in solchen mit hohem Ausbruchspoten-
     sollte in allen Bundesländern das Tragen     demiologische Aspekte der Infektionsprä-                zial sowie Aufrechterhaltung staatlicher
     eines Mund-Nasen-Schutzes im Unter-          vention als auch ethische, rechtliche und               Funktionen und des öffentlichen Lebens.
     richt für alle Jahrgangsstufen verpflich-    praktische Überlegungen berücksichtigt.                     Da die Verteilung der anfangs knap-
     tend sein. Zudem sollten ländereinheitli-                                                            pen Impfstoffe ethisch wie grundrecht-
     che Regeln für den Wechselunterricht ab
     der Sekundarstufe erarbeitet werden.
         Erforderlich ist zudem eine langfris-
                                                  D     azu haben die Ständige Impfkom-
                                                        mission, der Deutsche Ethikrat
                                                  und die Leopoldina am 9. November das
                                                                                                          lich relevante Werte berührt, wird im
                                                                                                          Papier darauf hingewiesen, dass eine kla-
                                                                                                          re gesetzliche Regelung erforderlich ist.
     tige politische Einigung auf ein klares,     gemeinsame Positionspapier „Wie soll                    Die Autorinnen und Autoren schließen
     mehrstufiges und bundesweit einheit-         der Zugang zu einem COVID-19-Impf-                      zudem eine allgemeine Impfpflicht aus.
     liches System von Regeln, die ab einer       stoff geregelt werden?“ vorgelegt. Die                  Eine selbstbestimmte Impfentscheidung
     bestimmten Inzidenz greifen. Durch ein       Autorinnen und Autoren benennen darin                   erfordert eine kontinuierliche, transpa-
     nachvollziehbares Vorgehen werden die        die ethischen und rechtlichen Prinzipien,               rente Information und Aufklärung der
     Maßnahmen für Bürgerinnen und Bürger         nach denen eine Priorisierung zu erfolgen               Bevölkerung zur Wirksamkeit der Imp-
     und Unternehmen transparent, verständ-       hat. Neben der Selbstbestimmung sind                    fung und zu ihren Risiken, so die Exper-
     lich und planbar.		                 ■ JK     dies die Nichtschädigung beziehungswei-                 tinnen und Experten im Weiteren. ■ JK
                                                  se der Integritätsschutz, die Gerechtig-
            Ad-hoc-Stellungnahme                  keit, die grundsätzliche Rechtsgleichheit,
            „Coronavirus-Pandemie:                die Solidarität sowie die Dringlichkeit.                          Gemeinsames
            Die Feiertage und den                     Diese ethischen und rechtlichen Prin-                         Positionspapier
                                                                                                                    „Wie soll der Zugang zu
            Jahreswechsel für einen               zipien schlagen sich in konkreten Impf-
                                                                                                                    einem COVID-19-Impfstoff
            harten Lockdown nutzen“               zielen nieder: Verhinderung schwerer
                                                                                                                    geregelt werden?“
                                                  COVID-19-Verläufe und -Todesfälle,
Leopoldina aktuell 6/2020
6/2020 // LEOPOLDINA / NEWSLETTER                                                                                                                    5

Wenn COVID-19 auf andere                                                                                         Coronavirus-Pandemie:
                                                                                                                 Die Situation ist ernst
Infektionskrankheiten trifft                                                                                     Gemeinsame Erklärung der
                                                                                                                 Wissenschaftsorganisationen
Internationale Gesprächsreihe zur Coronavirus-Pandemie fortgesetzt

                                                                                                                 E    nde Oktober haben die Präsiden-
                                                                                                                      tin der Deutschen Forschungs-
                                                                                                                 gemeinschaft und die Präsidenten der
                                                                                                                 Fraunhofer-Gesellschaft, der Helm-
                                                                                                                 holtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Ge-
                                                                                                                 meinschaft, der Max-Planck-Gesell-
                                                                                                                 schaft und der Nationalen Akademie
                                                                                                                 der Wissenschaften Leopoldina eine
                                                                                                                 gemeinsame Erklärung zur Coronavi-
                                                                                                                 rus-Pandemie veröffentlicht.
                                                                                                                     Angesichts der exponentiell stei-
                                                                                                                 genden Infektionszahlen forderten
      Das Podiumsgespräch führten (v. l. n. r.): Moderatorin Vivian Upmann, Leopoldina-Mitglied                  sie klare Entscheidungen, die schnell
      Stefan H. E. Kaufman, Papa Salif Sow von der Académie des Sciences et Techniques du Sénégal,
                                                                                                                 umgesetzt werden müssten. Wichtig
      Quarraisha Abdool Karim vom Centre for the AIDS Programme of Research in South Africa,
      Peter Calverley von der University of Liverpool und Wondwossen Amogne von der Addis Ababa                  sei, deutlich, schnell und nachhaltig
      University.                                                         Screenshot: Jan Nissen | Leopoldina   auf steigende Fallzahlen zu reagieren.
                                                                                                                 Notwendig sei es, Kontakte ohne Vor-
                                                                                                                 sichtsmaßnahmen auf ein Viertel zu
Die jüngste Veranstaltung der virtuellen,              zinische Aspekte, die Entwicklung und                     reduzieren und dies in allen Bundes-
englischsprachigen Gesprächsreihe „Leo-                Verteilung von Impfstoffen sowie der                      ländern sowie in allen Landkreisen
poldina International“ ging der Frage nach,            Umgang mit Infektionskrankheiten im                       und Städten nach bundesweit einheit-
warum eine parallele Infektion mit SARS-               Gesundheitswesen.                                         lichen Regeln durchzuführen. Je frü-
CoV-2 und anderen Erregern sowohl für die                  Schnell wurde bei der Diskussion                      her diese Maßnahmen erfolgten, desto
Betroffenen als auch die Gesundheitssyste-             deutlich, dass Multimorbidität, also das                  kürzer könnten diese andauern und
me eine Herausforderung darstellt.                     Nebeneinander von zwei oder mehr Er-                      desto geringere psychische, soziale
                                                       krankungen, auf dem Gebiet der Infekti-                   und wirtschaftliche Kollateralschäden

W      as passiert, wenn COVID-19 und
       andere Infektionskrankheiten wie
HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria zu-
                                                       onskrankheiten eine wachsende Heraus-
                                                       forderung für die öffentliche Gesundheit
                                                       darstellt. Stefan H. E. Kaufmann ML, der
                                                                                                                 würden verursacht.
                                                                                                                     Ziel sei es, die Fallzahlen so weit
                                                                                                                 zu senken, dass die Gesundheits-
sammenkommen? Diese Frage ist für viele                für die Leopoldina als Sprecher an dem                    ämter die Kontaktnachverfolgung
Menschen relevant, die in Entwicklungs-                Panel teilnahm, sah jedoch auch Chan-                     wieder vollständig durchführen könn-
und Schwellenländern in Regionen                       cen: „COVID-19 hat zu einer beschleu-                     ten. Sobald dies möglich sei, könnten
mit hohen Infektionsraten leben. Das                   nigten Erforschung und Entwicklung                        die Beschränkungen vorsichtig gelo-
Risiko, mehreren Infektionskrankheiten                 von medizinischen Interventionsmaß-                       ckert werden, ohne dass unmittelbar
gleichzeitig ausgesetzt zu sein, betrifft              nahmen geführt, die bislang beispiel-                     eine erneute Pandemiewelle drohe.
jedoch auch die Bevölkerung der Indus-                 los sind. Zu nennen ist etwa die rasan-                   Dafür werde es auch entscheidend
trieländer. Die aktuelle COVID‑19-Pan-                 te Erforschung von Impfstoffen gegen                      sein,     Infektionsschutzmaßnahmen
demie hat gezeigt, wie schnell sich In-                COVID-19. Diese Entwicklungen sollten                     bundesweit einheitlich durchzuset-
fektionskrankheiten weltweit ausbreiten                zur Bekämpfung anderer bedeutender                        zen, Risikogruppen konsequent zu
können.                                                Infektionskrankheiten genutzt werden.“                    schützen sowie die Kommunikation
    Um auf die Thematik aufmerksam zu                      Die Podiumsdiskussion war die dritte                  zu den Vorsichtsmaßnahmen zu ver-
machen, organisierten die Leopoldina                   Veranstaltung der Leopoldina Internati-                   bessern und Hygienekonzepte zu
und Partnerakademien aus Äthiopien,                    onal Virtual Panel Series.          ■ JN                  schärfen.                          ■ JK
Großbritannien, Senegal und Südafri-
ka im November das Podiumsgespräch
                                                                  Virtual Panel Discussion                               Gemeinsame Erklärung
„­COVID-19 and Multimorbidity: How to
                                                                  „COVID-19 and                                          „Coronavirus-Pandemie:
Deal with Multiple Infectious Diseases
                                                                  Multimorbidity“                                        Es ist ernst“
in Parallel?“. Im Fokus standen medi-
Leopoldina aktuell 6/2020
6                                                                                           6/2020 // LEOPOLDINA / NEWSLETTER

„Impfungen sind in Deutschland
freiwillig, und das sollte auch so bleiben“
Leopoldina-Altpräsident Jörg Hacker über Konsequenzen der Coronavirus-Pandemie

                                                                                                                 Grafik: Sisters of Design

Der Infektionsbiologe Jörg Hacker ML war     änderung vollzieht sich beim Corona-          ein neues Virus. SARS- und MERS-Viren
bis Ende Februar Präsident der Leopoldina.   virus relativ schnell. In Dänemark wurde      sind zwar verwandt mit dem Corona-
Sein wissenschaftliches Interesse gilt       kürzlich eine neue Variante des Virus bei     Virus, aber eben nicht identisch.
Infektionskrankheiten und der Verbreitung    Nerzen gefunden. Das bestätigt, dass es
von Krankheitserregern. Ein Gespräch über    sich bei den Viren um sehr flexible, hoch     Für einen Impfstoff braucht man ein
seine Sicht auf die Coronavirus-Pandemie,    anpassungsfähige biologische Einheiten        Impfkonzept. Leopoldina, Ethikrat und
deren Auswirkungen auf die Forschung         handelt. Bei der sogenannten Schweine-        Ständige Impfkommission haben dazu
und Fragen einer Impfstoff-Verteilung.       grippe hat es knapp eine Woche gedau-         ein gemeinsames Positionspapier veröf-
                                             ert, bis der Erreger einmal rund um die       fentlicht. Was muss geregelt werden, um
                                             Welt gewandert war. Das Coronavirus ist       einen Impfstoff zu verteilen?
Was fasziniert Sie überhaupt an der Er-      ähnlich schnell, insofern ist diese Aus-      Hacker: Es wird ja nicht sofort genü-
forschung von Krankheitserregern?            breitung keine Überraschung.                  gend Impfstoff da sein für alle, die ge-
Jörg Hacker: Ein eigenes Labor habe                                                        impft werden möchten. Bei einem welt-
ich ja nicht mehr, aber generell ist es      Gerade schreiben Sie an Ihrem neuen           weiten Geschehen braucht man große
die Möglichkeit von Infektionserregern,      Buch „Pandemien – Corona und die neu-         Mengen an Impfdosen. Es muss also eine
sich durch Mutationen oder Gentrans-         en Infektionskrankheiten“. Was ist das        gewisse Priorisierung geben. Personen,
fer genetisch zu verändern. Und auch         Neue an Corona?                               die in den Medizinberufen arbeiten, müs-
die Abwehrmechanismen, die wir bilden        Hacker: Das Virus ist neu und wir             sen prioritär geimpft werden und Hoch-
können, das greift ineinander. Die Ver-      müssen uns neu mit ihm auseinander-           risiko-Patienten ab einem bestimmten
änderung des Infektionserregers auf der      setzen. Es ist noch kein Impfstoff gegen      Alter oder mit chronischen Erkrankun-
einen Seite und die Anpassung der Wirts-     ­COVID-19 zugelassen, es gibt noch kei-       gen zum Beispiel. Klar ist, Impfungen
organismen auf der anderen.                   ne Medikamente. Wir haben inzwischen         sind in Deutschland freiwillig, und das
                                              molekularbiologisches Wissen, wir ler-       sollte auch so bleiben. Aber insgesamt
Überrascht Sie jetzt die rasante Verbrei-     nen die Übertragungswege besser ken-         müssen wir versuchen, den Impf-Gedan-
tung des Coronavirus?                         nen, es gibt Tests, die sich etabliert ha-   ken weiter in die Gesellschaft hineinzu-
Hacker: Nein, denn die genetische Ver-        ben. All das sind neue Erkenntnisse über     tragen.
Leopoldina aktuell 6/2020
6/2020 // LEOPOLDINA / NEWSLETTER                                                                                                        7

Da geht es um Vermittlung, um Kom-                      bekämpfen zu können. Wir müssen das          Forschungsfreiheit in
munikation. Die Leopoldina legt kon-                    Wissen über das Virus und ebenso über        der Europäischen Union
tinuierlich Ad-hoc-Stellungnahmen zur                   die gesundheitlichen Folgen für Infizierte
Coronavirus-Pandemie vor. Wird die                      ausweiten. Aber es hängen auch Bereiche      Allianz der Wissenschaftsorganisationen
Wissenschaft jetzt stärker gehört?                      wie der Klimawandel damit zusammen.          begrüßt Bonner Erklärung
Hacker: Ich glaube, dass Wissenschaft                   Es wäre fatal, solche Forschungsbereiche
insgesamt eine größere Rolle spielt in der
Gesellschaft und stärker gehört wird als
vor zehn Jahren. Und auch, dass die Ge-
                                                        jetzt herunterzufahren. Vielmehr müssen
                                                        die genauso intensiv gefördert werden
                                                        wie die Forschung zu Corona.
                                                                                                     U     nter dem Motto „Freiheit ist
                                                                                                           unser System“ beteiligte sich die
                                                                                                     Allianz der deutschen Wissenschafts-
sellschaft zunehmend sieht, dass Wissen-                                                             organisationen im vergangenen Jahr
schaft wichtig ist, um drängende Fragen                 Inwiefern hängt Klimaforschung mit           an den Feierlichkeiten zum 70. Ge-
adäquat zu behandeln. Und die Leopol-                   dem Kampf gegen die Pandemie zusam-          burtstag des Grundgesetzes. Die Al-
dina als Nationale Akademie der Wissen-                 men?                                         lianz, der die Leopoldina angehört,
schaften versucht, auch in Zusammen-                    Hacker: Die Bereiche beeinflussen sich       machte mit zahlreichen Aktivitäten
arbeit mit anderen, dazu beizutragen. Es                durch die Globalisierung immer mehr.         darauf aufmerksam, wie grundlegend
gibt eine ganze Menge an Möglichkeiten,                 Und Klimafragen dürfen nicht ausge-          die Wissenschaftsfreiheit für For-
wie die Wissenschaft sich Gehör ver-                    spielt werden gegen die Erforschung von      schung und Lehre ist. Dies gilt selbst-
schaffen kann.                                          Infektionserregern oder umgekehrt. Das       verständlich nicht nur in Deutsch-
                                                        Infektionsgeschehen muss systemisch          land. Daher hat die Bundesministerin
                                                        gesehen werden. Die Übertragung von          für Bildung und Forschung Anja Kar-
                                                        tierischen Wirten auf den Menschen ist       liczek ihren Amtskolleginnen und
                                                        in dieser Massivität neu. Und das hat mit    -kollegen aus der Europäischen Union
                                                        dem Klima zu tun. Es gibt sogenannte         am 20. Oktober in Bonn eine Erklä-
                                                        Vektoren, Lebewesen, in denen sich die       rung zur Forschungsfreiheit vorgelegt.
                                                        Infektionserreger verbreiten und die sich    Die Mitgliedstaaten, die die Bonner
                                                        bei höheren Temperaturen vermehren           Erklärung unterzeichnen, verpflichten
                                                        und weiter ausbreiten. Und etliche Vek-      sich, Wissenschaftlerinnen und Wis-
                                                        toren kommen jetzt auch vom Mittel-          senschaftler sowohl durch staatliche
                                                        meer zu uns. Das ist für uns eine zusätz-    Institutionen als auch vor staatlichen
                                                        liche Herausforderung.                       Eingriffen in die Forschungsfreiheit
                                                                                                     zu schützen.
                                                        Was können wir aus der Zeit jetzt über           „Mit der Erklärung stärkt und flan-
                                                        künftige neue Erreger lernen?                kiert die Politik die Bemühungen der
                                                        Hacker: Wichtig ist, die gesellschaft-       Wissenschaftsorganisationen um welt-
  Jörg Hacker ML                                        lichen Konsequenzen zu bedenken. Bei         weite Wissenschaftsfreiheit“, so Peter-
  Von 2010 bis 2020 war Jörg Hacker                     jedem neuen Erreger müssen wir schau-        André Alt, Präsident der dieses Jahr in
  XXVI. Präsident der Leopoldina und                    en, wie die sich vermehren und wie ihr       der Allianz federführenden Hochschul-
  zuvor Präsident des Robert Koch-Insti-                Lebenszyklus ist, bevor gesellschaftliche    rektorenkonferenz (HRK). Ohne das
  tuts. Von 1993 bis 2008 forschte er am                Entscheidungen getroffen werden. Lässt       kontinuierliche Monitoring zur Lage
  Institut für molekulare Infektionsbio-                man Bildungseinrichtungen zum Beispiel       der Forschungsfreiheit, das in der Bon-
  logie der Universität Würzburg.                       offen oder schließt man sie wieder? Als      ner Erklärung ausdrücklich angespro-
                 Foto: David Ausserhofer | Leopoldina   eine Gesellschaft, die offen sein möch-      chen wird, würde das Dokument eine
                                                        te und gleichzeitig geschützt werden         bloße Absichtserklärung bleiben. „Als
                                                        muss, muss man sich darüber früh Ge-         höchstes Gut darf Wissenschaftsfrei-
Auf der anderen Seite hat die EU-Kom-                   danken machen. Denn die Offenheit ist        heit keiner Einschränkung aufgrund
mission vor dem Hintergrund des Co-                     eben auch eine Auseinandersetzung über       politischer Beweggründe unterliegen.“
rona-Rettungsschirms Fördermittel für                   Werte.                                       Deshalb kündigte Alt an, dass die
das Wissenschaftsprogramm „Horizon                                     ■ DAS GESPRÄCH FÜHRTE         Allianz die Verantwortlichen beim
Europe“ gestrichen …                                                         CHRISTINE WERNER        Wort nehmen und gegebenenfalls auf
Hacker: Ich finde es falsch, gerade jetzt                                                            Konsequenzen drängen werde. ■ ART
an der Forschung zu sparen. Es müssen
                                                                Thema im Fokus
im Gegenteil mehr Mittel fließen. Denn
                                                                „Pandemien: Entstehung,                      Bonner Erklärung
Grundlagenforschung ist die Vorausset-
                                                                Ausbreitung, Eindämmung“                     zur Forschungsfreiheit
zung, um auch eine Pandemie erfolgreich
Leopoldina aktuell 6/2020
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„Die Situation ist dramatisch,
der Handlungsbedarf ist akut“
Leopoldina-Mitglied Katrin Böhning-Gaese zu „Biodiversität und Management von Agrarlandschaften”

Die Agrarlandschaft hat sich in den letzten
Jahrzehnten deutlich verändert, um insbesondere die
Erzeugung von Lebensmitteln zu gewährleisten. Zugleich ist ein
markanter Rückgang von Tier- und Pflanzenarten zu verzeichnen.
Dabei liegen die Ursachen für den Rückgang der biologischen Artenvielfalt
in einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren, so die Stellungnahme
„Biodiversität und Management von Agrarlandschaften“ von Leopoldina,
acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und
Union der deutschen Akademien der Wissenschaften.
                                                                                                                        Illustrationen: Figures GmbH Berlin

Seit einigen Jahren erkennen wir immer               landschaft zusammenfasst, Ursachen und          müssen Maßnahmen zum Schutz und zur
deutlicher, dass die biologische Vielfalt in         Hintergründe für die Verluste analysiert        Förderung der biologischen Vielfalt die
der Agrarlandschaft in Deutschland ab-               und Handlungsoptionen aufzeigt.                 ökonomischen, politischen, rechtlichen
nimmt. Besonders viel Aufsehen erregte                   Die Ursachen für den Rückgang der           und gesellschaftlichen Rahmenbedin-
2017 eine Studie des Entomologischen                 biologischen Vielfalt in der Agrarland-         gungen in der Landwirtschaft berück-
Vereins Krefeld. Wissenschaftlich gesicherte         schaft sind vielfältig: Sie liegen in der Zu-   sichtigen. Es bedarf einer systemischen
Bestandsrückgänge sind jedoch seit Jahr-             nahme von ertragreichen, aber artenar-          Herangehensweise mit vielfältigen, pa-
zehnten bei Vögeln, ausgewählten Insekten-           men Ackerbaukulturen, dem Verlust von           rallelen Lösungsansätzen und eines ge-
arten und Pflanzen zu beobachten.                    artenreichem Grünland, der vorbeugen-           samtgesellschaftlichen Wandels hin zu
                                                     den und oft flächendeckenden Nutzung            einer nachhaltigen Landwirtschaft, die
 VON KATRIN BÖHNING-GAESE ML*                        von Pflanzenschutzmitteln, der intensi-         auch den Schutz der biologischen Viel-
                                                     ven Düngung, der Erhöhung der Schlag-           falt einbezieht. Wichtigste Handlungs-

A
        uf Basis einer Kurzstellungnahme             größen, dem Verlust der Strukturvielfalt        optionen sind:
        der Leopoldina, die 2018 veröf-              der Landschaft, aber auch dem Verlust              Weiterentwicklung der Agrar- und
        fentlicht wurde, erarbeitete eine            der Vernetzung von Schutzgebieten. Die-         Umweltpolitik auf europäischer und
Arbeitsgruppe aus Vertreterinnen und                 se Ursachen sind im Wesentlichen be-            nationaler    Ebene:   Der    wichtigste
Vertretern der Biodiversitätsforschung,              dingt durch die Intensivierung der Land-        Ansatzpunkt ist, die Subventionszahlun-
Agrarwissenschaften, Ethik, Anthropo-                nutzung und durch biologisch-technische         gen im Rahmen der Gemeinsamen Agrar-
logie und Rechtswissenschaft sowie der               Innovationen für die Erreichung von Pro-        politik der Europäischen Union (GAP) in
relevanten Ressortforschungseinrichtun-              duktionszielen.                                 Zukunft stärker an tatsächlich erbrachte
gen eine Stellungnahme, die die Situation                Die Situation ist dramatisch, der           und messbare Ökosystemleistungen zu
der biologischen Vielfalt in der Agrar-              Handlungsbedarf ist akut. Allerdings            knüpfen.
Leopoldina aktuell 6/2020
6/2020 // LEOPOLDINA / NEWSLETTER                                                                                                               9

                                                    Verantwortung der Kommunen: Als             keit der umgesetzten Maßnahmen zum
                                                 sichtbare Vorreiter und Multiplikatoren        Schutz der biologischen Vielfalt überprü-
                                                 sollen sie sich stärker dafür einsetzen, die   fen zu können.
                                                 biologische Vielfalt auf ihren Flächen zu          Die Stellungnahme wird von der Na-
                                                 erhalten, zu pflegen und zu erhöhen.           tionalen Akademie der Wissenschaften
                                                    Einfluss durch Handel und Märkte:           Leopoldina, der acatech – Deutsche Aka-
                                                 Produkte aus regionaler biodiversitäts-        demie der Technikwissenschaften und der
                                                 freundlicher Produktion sollen im Handel       Union der deutschen Akademien der Wis-
                                                 entsprechend gekennzeichnet werden.            senschaften getragen.
                                                 Zudem soll die Infrastruktur für die lokale        * Katrin Böhning-Gaese ist eine von drei
                                                 Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher        Sprecherinnen und Sprechern der Akade-
                                                 Produkte verbessert werden.                    mien-Arbeitsgruppe „Biodiversität in der
                                                    Unterstützung von landwirtschaftli-         Agrarlandschaft“
                                                 chen Betrieben: Für landwirtschaftliche
  Katrin Böhning-Gaese ML                        Betriebe muss biodiversitätsfreundliche
                                                                                                        ONLINE-DISKUSSION
  Direktorin des Senckenberg Biodiver-           Produktion wirtschaftlich attraktiv sein.
                                                                                                        AM 20. JANUAR 2021
  sität und Klima Forschungszentrums             Neben dem ökologischen Landbau sollen
  und Professorin an der Goethe-Univer-          innovative Konzepte für den integrierten          Der Schutz der Artenvielfalt ist eine
  sität Frankfurt (Main). Forschungs-            Anbau ausgebaut werden.                           ebenso dringende wie komplexe Her-
  schwerpunkt der Biologin ist der                  Veränderung der gesellschaftlichen             ausforderung. Was sind Ursachen für
  Zusammenhang zwischen Biodiversität            Wahrnehmung und Wertschätzung: Das                den Rückgang der biologischen Vielfalt?
  und Mensch.              Foto: Michael Frank   Bewusstsein für die Bedeutung biologi-            Welche Rolle spielt die Landwirtschaft?
                                                 scher Vielfalt in der Agrarlandschaft soll        Wo sind die Stellschrauben auf ökonomi-
   Anpassung des Agrar- und Umwelt-              gestärkt werden und muss sich in einem            scher, politischer, rechtlicher und gesell-
                                                                                                   schaftlicher Ebene für eine nachhaltige
rechts: Mit der Schaffung eines EU-Land-         geänderten Konsumverhalten zeigen. Be-
                                                                                                   Landwirtschaft und für den Schutz der
wirtschaftsgesetzes können die Um-               sonders wichtig ist, die Bereitschaft zum
                                                                                                   Artenvielfalt? Zu diesen Fragen können
weltschutzvorschriften für die Betriebe          Kauf biodiversitätsfreundlicher Produkte
                                                                                                   Sie im Livestream bei Youtube diskutie-
rechtlich verankert und gleichzeitig eine        zu erhöhen und den Fleischkonsum zu               ren: Am Mittwoch, 20. Januar, von 17:30
Wettbewerbsverzerrung innerhalb der EU           reduzieren.                                       bis 19 Uhr mit den Sprecherinnen der
vermieden werden. Bestehende Rechts-                Ausbau von Monitoring und For-                 Akademien-Arbeitsgruppe „Biodiversität
vorschriften sollen konsequenter vollzo-         schung: Es braucht ein langfristiges,             in der Agrarlandschaft“ Katrin Böhning-
gen werden.                                      bundesweites und standardisiertes Moni-           Gaese ML und Alexandra-Maria Klein,
   Entwicklung von planungsbasierten,            toring sowie Forschung, um die Wirksam-           mit dem Co-Chair des Globalen Assess-
regional differenzierten und gemein-                                                               ments des Weltbiodiversitätsrates IPBES
schaftlichen Ansätzen: Ziel solcher An-                                                            Josef Settele und mit Detlef Kurreck,
                                                         Stellungnahme                             Vizepräsident des Deutschen Bauernver-
passungen in der Landschaftsplanung ist
                                                         „Biodiversität und                        bandes.
eine geänderte Landnutzung in enger Zu-
                                                         Management von
sammenarbeit aller beteiligten Akteurin-                                                                    Information
                                                         Agrarlandschaften“
nen und Akteure.

Vertrauen in Wissenschaft und Forschung weiter hoch
D    as „Wissenschaftsbarometer 2020“
     liefert erneut Erkenntnisse über
die öffentliche Meinung zu Wissenschaft
                                                 bei 54 Prozent. Zugleich liegt der Wert
                                                 unter den Angaben vom Frühjahr, die im
                                                 April 73 Prozent und im Mai 66 Prozent
                                                                                                meinen, es sei nicht Aufgabe der Wissen-
                                                                                                schaft, sich in die Politik einzumischen.
                                                                                                32 Prozent wünschen sich ein politisches
und Forschung vor dem Hintergrund der            aufwiesen.                                     Engagement von Forschenden. 25 Pro-
Coronavirus-Pandemie. In der aktuellen               Mit dem hohen Vertrauen geht der           zent sind in dieser Frage unentschieden.
repräsentativen Umfrage geben 60 Pro-            Wunsch von 77 Prozent der befragten                Seit 2014 führt die gemeinnützige
zent der Bürgerinnen und Bürger an,              Bürgerinnen und Bürger nach einer wis-         Initiative Wissenschaft im Dialog (WiD),
Wissenschaft und Forschung zu vertrau-           senschaftsbasierten Politik einher. Ob         deren Partner die Leopoldina ist, jährlich
en. Der Anteil liegt damit über dem ent-         sich Forschende aktiv politisch engagie-       eine repräsentative Meinungsumfrage
sprechenden Wert in den Jahren zuvor.            ren sollten, wird hingegen unterschied-        durch, die als „Wissenschaftsbarometer“
2019 lag dieser bei 46 Prozent und 2018          lich bewertet: 42 Prozent der Befragten        veröffentlicht wird.                 ■ RZ
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10                                                                                                              6/2020 // LEOPOLDINA / NEWSLETTER

„Verfahrensbezogene Regulierung ist
wissenschaftlich nicht begründbar“
Hans-Georg Dederer zur juristischen Beurteilung genomeditierter Nutzpflanzen

Derzeit sind weltweit über einhundert genomeditierte Nutzpflanzen bekannt, die po­tenziell marktfähig sind. Dazu gehören auch Sorten von Mais, die eine
hohe Trockentoleranz aufweisen.                                                                                                     Foto: Samuel Zeller | Unsplash

Vor einem Jahr haben die Leopoldina, die               Gentechnikrechts gezüchtet, verkauft und                troffenen Pflanze im Ergebnis verändert
Union der deutschen Akademien der Wis-                 ausgebracht werden. Ihre Marktzulassung                 hat. Kommt es lediglich zu einer Verände-
senschaften und die Deutsche Forschungs-               setzt aber vorherige Freilandversuche vo-               rung von einem oder wenigen Basenpaa-
gemeinschaft Empfehlungen für ein neues                raus, um die Interaktion der Pflanzen mit               ren und verbleibt keinerlei rekombinante
europäisches Gentechnikrecht ausgespro-                der Umwelt zu analysieren. Die Flurflä-                 DNA im Genom, wird die Pflanze nicht als
chen. Zum Sachstand in der Europäischen                che für solche Experimente muss dabei                   GVO reguliert. Auch in den USA kommt
Union (EU) äußert sich Hans-Georg Dederer,             zwingend in einem öffentlichen Register                 es auf das Produkt beziehungsweise die
Mitglied der gemeinsamen Arbeitsgruppe,                bekannt gemacht werden. Das nutzten                     bei der Züchtung verwendeten Produkte
aus juristischer Sicht.                                radikale Gentechnikgegner in der Vergan-                an, nicht auf das Verfahren als solches.
                                                       genheit immer wieder aus und zerstör-
                                                       ten die Versuchsfelder. Diese Erfahrung                 In Reaktion auf das EuGH-Urteil hatten
Bakterienresistenter Reis, trockentole-                schreckt jetzt die Wissenschaft von Frei-               die Leopoldina, die Union der deutschen
ranter Mais und pilzresistente Wein-                   landexperimenten mit genomeditierten                    Akademien der Wissenschaften und
sorten – diese genomeditierten Pflanzen                Pflanzen ab.                                            die Deutsche Forschungsgemeinschaft
fallen in der EU nach einem Urteil des                                                                         (DFG) im Dezember 2019 eine Stellung-
Europäischen Gerichtshofs (EuGH) unter                 Wichtige Handelspartner wie die USA                     nahme veröffentlicht. Was war die zent-
das Gentechnikrecht. Das bereitet der                  und Argentinien regeln rechtlich den                    rale Botschaft?
Wissenschaft Sorgen. Warum?                            Umgang mit genomeditierten Pflanzen                     Dederer: Die Akademien und die DFG
Hans-Georg Dederer: Aus dem EuGH-                      anders. Wie?                                            kritisierten, dass sich eine am Verfahren
Urteil folgt, dass genomeditierte Nutz-                Dederer: Argentinien verfolgt eine Re-                  der Genomeditierung anknüpfende Re-
pflanzen zu den „gentechnisch verän-                   gulierung, die nicht nur an das Verfahren               gulierung von Pflanzen wissenschaftlich
derten Organismen“ (GVO) zählen. Sie                   anknüpft, sondern vor allem auch daran,                 nicht begründen lässt. Mit den Techniken
dürfen damit nur unter Beachtung des                   wie sich das genetische Material der be-                der Genomeditierung werden vielfach nur
6/2020 // LEOPOLDINA / NEWSLETTER                                                                                                     11

Veränderungen bewirkt, wie sie auch in               Konsequenter wäre auf lange Sicht ein      Politik, mehr Überzeugungsarbeit in der
der Natur oder als Folge konventioneller             ganz neuer Rechtsrahmen.                   Gesellschaft für eine Deregulierung in
Züchtung entstehen können. Unter dem                 Dederer: Ja, denn der aktuelle ver-        der Pflanzenbiotechnologie zu leisten,
Gesichtspunkt möglicher Risiken gibt es              fahrensbezogene      Regulierungsansatz    sehe ich im Moment noch nicht.
deshalb keinen Anlass, solche genomedi-              ist wissenschaftlich nicht begründbar.
tierten Pflanzen stärker zu regulieren als           Wenn wir Gefahren für die menschliche      Ist diese Zögerlichkeit angesichts des
herkömmlich gezüchtete Pflanzen. Das                 Gesundheit und die Umwelt minimie-         Klimawandels und des Verlusts der Bio-
wäre inkonsistent.                                   ren wollen, muss die Regulierung beim      diversität nicht problematisch?
                                                     Produkt ansetzen. Deshalb haben wir in     Dederer: Den allermeisten ist klar, dass
                                                     der Stellungnahme einen neuen Rechts-      es höchste Zeit ist, die Landwirtschaft
                                                     rahmen vorgeschlagen, der eine produkt-    nachhaltiger zu gestalten und sie für die
                                                     bezogene Regulierung vorsieht. Auslöser    Folgen des Klimawandels fit zu machen.
                                                     dafür könnte demnach zum Beispiel die      Für die dazu notwendigen Pflanzeninno-
                                                     Neuartigkeit von Merkmalen der gezüch-     vationen dürften aber Wissenschaft so-
                                                     teten Pflanzen sein. Wie das prinzipiell   wie kleine und mittlere Pflanzenzüchter
                                                     aussehen kann, zeigt das Beispiel Kana-    infolge des EuGH-Urteils bereits wert-
                                                     da.                                        volle Entwicklungszeit verloren haben.

                                                     Die Stellungnahme wurde auch auf der       Der EU-Rat hat die EU-Kommission
                                                     internationalen Konferenz vorgestellt,     gebeten, bis April 2021 eine Studie zum
                                                     zu der die Leopoldina und die DFG An-      Status neuartiger Gentechnik im EU-
                                                     fang Oktober hochrangige Expertinnen       Recht vorzulegen. Findet jetzt ein Um-
  Hans-Georg Dederer                                 und Experten der EU-Kommission be-         denken statt?
  Der Rechtswissenschaftler Hans-Georg               grüßen konnten. Wie fiel deren Reaktion    Dederer: Es wäre zu hoffen, dass dem
  Dederer war von Januar bis Dezember                aus?                                       so wäre. Wichtig wird sein, dass die
  2019 Mitglied der Arbeitsgruppe „Risiko-           Dederer: Mein Eindruck war, dass sie       Kommission nicht nur Umfrageergeb-
  beurteilung und Regulierung genom-                 die Position der Wissenschaft schon ver-   nisse präsentiert, sondern daraus die aus
  editierter Pflanzen“ der Leopoldina, der           standen haben. Allerdings wurde von        wissenschaftlicher Sicht notwendigen
  Akademienunion und der DFG. Er hat                 Mitarbeitern der Kommission und Mit-       Schlussfolgerungen zieht, nämlich ein
  den Lehrstuhl für Staats- und Verwal-              gliedern des Parlaments auf die weiter-    parlamentarisches, transparentes Ge-
  tungsrecht, Völkerrecht, Europäisches              hin gentechnikskeptische Öffentlich-       setzgebungsverfahren auf EU-Ebene zu
  und Internationales Wirtschaftsrecht an            keit verwiesen. Das ist vom politischen    starten. Erst dann würde ich von einem
  der Universität Passau inne.                       Standpunkt aus sicher richtig gedacht,     Umdenken sprechen wollen.
                          Foto: Universität Passau   aber rechtlich kein Argument, die For-
                                                     schungsfreiheit weiterhin derart massiv                   ■ DAS GESPRÄCH FÜHRTE
                                                     einzuschränken. Die Bereitschaft der                           BENJAMIN HAERDLE
Eine Forderung war, das europäische
Gentechnikrecht zu novellieren. Was soll-
ten die wesentlichen Neuerungen sein?                      Genetische Modifizierung
Dederer: Eine Möglichkeit wäre, in
einem ersten Schritt die GVO-Defini-
tion so zu ändern, dass genomeditier-
te Organismen nicht mehr unter das
                                                           A    ls „gentechnisch verändert“ gilt ein Organismus, wenn dessen geneti-
                                                                sches Material so modifiziert wurde, wie es unter natürlichen Bedingun-
                                                           gen durch Kreuzen oder natürliche Rekombination nicht möglich wäre. Diese
Gentechnikrecht fallen, wenn sie keine                     Definition der EU-Freisetzungsrichtlinie hat der Europäische Gerichtshof in
artfremde genetische Information ent-                      seinem Urteil vom 25. Juli 2018 dahingehend ausgelegt, dass sie Organismen
halten oder ihr genetisches Material nur                   erfasst, die mittels Genomeditierungsverfahren entstanden sind. Damit fallen
eine solche Veränderung erfahren hat,                      auch Organismen, die zum Beispiel mit der „Genschere“ CRISPR-Cas genetisch
wie sie ebenso in der Natur oder infolge                   verändert werden, unter das EU-Gentechnikrecht. Sie unterliegen damit unter
der Anwendung konventioneller Züch-                        anderem strengen Regelungen der Risikobewertung und Zulassung.         ■ BH
tungsmethoden hätte entstehen können.
Ein behördliches Vorprüfungsverfah-
                                                                   Stellungnahme
ren könnte im Einzelfall klären, ob ein                            „Wege zu einer wissenschaftlich begründeten, differenzierten
GVO im Sinne der novellierten Regelung                             Regulierung genomeditierter Pflanzen in der EU“
vorliegt.
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„Nach dem hermeneutischen Anteil fragen“
Symposium der Klasse IV befasst sich mit Entgegensetzung von Hermeneutik und Empirie

Als Senator der Sektion Kulturwissenschaf-                                                             stand der Literatur und den Verfahren
ten hat der Romanist Andreas Kablitz ML                                                                ihrer Bearbeitung. In der Tradition des
das Leopoldina-Symposium der Klasse IV                                                                 Nachdenkens über Dichtung in Europa
vorbereitet. Das jährliche wissenschaftliche                                                           seit der Antike gibt es allerdings auch
Treffen wurde diesmal zweigeteilt als virtu-                                                           ganz andere Positionen, die sich auf ra-
elles Kolloquium angesetzt. Im ersten Teil                                                             tionale Prinzipien berufen. Das fängt mit
Anfang Dezember ging es um den wissen-                                                                 der Sprache an, die nicht schlechthin ir-
schaftlichen Status der Hermeneutik.                                                                   rational und beliebig ist. Es gibt Grenzen
                                                                                                       der Deutbarkeit.
Können Sie zu Beginn kurz erklären,
was Hermeneutik ist?                                                                                   Gibt es eine Verständigung über Wissen-
Andreas Kablitz: Hermeneutik ist die                                                                   schaftlichkeit auch mit Natur- und So-
Lehre vom Verstehen, die Kunst der Er-                                                                 zialwissenschaftlern, die empirisch for-
klärung und Deutung von Dingen. Man                                                                    schen?
hat sie traditionell vor allem für sprachli-                                                           Kablitz: Das ist Ziel des zweiten Kol-
che Äußerungen benutzt, weil vieles, was         Andreas Kablitz ML                                    loquiums. Die klassische Entgegenset-
wir sagen, einer besonderen Explikation          Der Romanist hat eine Professur für                   zung von Empirie und Hermeneutik ist
bedarf. Hermeneutische Operationen               Romanische Philologie und Allgemeine                  schon vielfach in Frage gestellt worden.
sind aber keineswegs darauf beschränkt,          und Vergleichende Literaturwissen-                    Der Anspruch der Naturwissenschaften
sie gelten auch für Bilder und in gewisser       schaft an der Philosophischen Fakultät                und bestimmter Sozialwissenschaften,
Weise auch für die Musik.                        der Universität zu Köln inne und ist zu-              Wissenschaft schlechthin zu repräsentie-
                                                 gleich Direktor des Petrarca-Instituts                ren, ist ein Anspruch, der Widerspruch
Im ersten Teil des Kolloquiums ging es           ebendort. Der Spezialist für italieni-                hervorruft und verdient. Für mein Emp-
um den wissenschaftlichen Status der             sche und französische Literatur des                   finden besteht Wissenschaft in einer Ra-
Hermeneutik. Steht der denn in Frage?            Mittelalters und der Frühen Neuzeit                   tionalisierungsleistung im Umgang mit
Kablitz: Durchaus. Traditionell versteht         ist seit 2007 Mitglied der Leopoldina                 Phänomenen. Auch wenn ich ein Gedicht
man sie ja als Gegenstück zur Empirie            und Senator der Sektion Kulturwissen-                 besser verstehe, kann das eine Rationa-
und zu mathematisierten Verfahren.               schaften.          Foto: Jens Schlüter | Leopoldina   lisierungsleistung sein. Zudem stellt sich
Auch in Fächern mit großer hermeneu-                                                                   die Frage nach dem hermeneutischen
tischer Tradition, in denen die Methode                                                                Anteil in vermeintlich rein empirischen
von alters her zu Hause ist, gibt es in die-   die ursprüngliche, aus der Schriftherme-                Untersuchungen. Woher kommen zum
ser Hinsicht aber durchaus Skepsis.            neutik kommende Interpretationslehre                    Beispiel die Fragen, die in den Sozial-
                                               von der Sinnfülle der Offenbarung aus,                  wissenschaften dann mittels statistischer
Klassische hermeneutische Fächer sind          die es mit besonderen Verfahren auszu-                  Erhebungen beantwortet werden?
Theologie, Rechtswissenschaften, Philo-        schöpfen gilt.
logie, Philosophie. Bedienen sich diese                                                                Gibt es bei aller Unterschiedlichkeit der
Wissenschaften unterschiedlicher her-          Sie selbst sind Literaturwissenschaftler,               Forschungsgegenstände und der Unter-
meneutischer Verfahren?                        haben vor drei Jahren eine ausführ-                     suchungsmethoden etwas, das alle Wis-
Kablitz: Ein wichtiger Punkt. Die Me-          liche Deutung von Thomas Manns Ro-                      senschaften eint? Eine Verständigung,
thoden werden bestimmt durch die Ge-           man „Der Zauberberg“ vorgelegt. Viele                   die angesichts der Bedrohung durch
genstände, mit denen man jeweils um-           halten die Interpretation von Romanen                   „Fake News“ heute so wichtig wäre?
geht. Ein Grundproblem der Juristerei          oder Gedichten eher für eine Kunst als                  Kablitz: Genau das treibt uns an. Da-
besteht darin, einen gegebenen Fall in         für eine Wissenschaft?                                  für müssen wir aber zunächst die Unter-
ein gegebenes Gesetzeswerk einzupas-           Kablitz: Das legt der Titel eines be-                   schiedlichkeit verschiedener wissen-
sen. In der Literaturwissenschaft stellt       rühmten Textes aus der Germanistik                      schaftlicher Ansätze anerkennen und
sich fast das umgekehrte Problem: Wir          nahe, Emil Staigers Studie „Die Kunst                   deren Interdependenz erkennen.
müssen einen literarischen Text auf eine       der Interpretation“. Sie könnte den Ein-
allgemeine Frage hin transparent ma-           druck erwecken, als gebe es keinen gro-                                ■ DAS GESPRÄCH FÜHRTE
chen. In der Theologie wiederum ging           ßen Unterschied zwischen dem Gegen-                                   ADELHEID MÜLLER-LISSNER
6/2020 // LEOPOLDINA / NEWSLETTER                                                                                             13

Eigenverantwortlichen Umgang                                                              Klimawandel in
                                                                                          Mitteldeutschland
mit Forschungsrisiken stärken                                                             Online-Debatte von Fridays for
                                                                                          Future (Halle) und Leopoldina
Unterstützung durch Allianz der Wissenschaftsorganisationen

D     ie Beachtung ethischer Prinzipien
      sicherheitsrelevanter   Forschung
erfährt international eine wachsende
                                              und Zeitschriften mit sicherheitsrelevan-
                                              ter Forschung. Ebenso werden die Akti-
                                              vitäten der etwa 90 Kommissionen für
                                                                                          D     er Klimawandel, seine Ursachen
                                                                                                und seine Entwicklung sind
                                                                                          nicht nur wissenschaftlich detailliert
Beachtung. So erhalten insbesondere           Ethik sicherheitsrelevanter Forschung       erforscht, sondern inzwischen zu-
Aspekte der Ausfuhrkontrolle und For-         (KEF) sowie die Beteiligungen des GA an     nehmend auch auf regionaler Ebene
schungskooperationen mit ausländi-            öffentlichen Debatten und seine weiteren    spürbar. Gemeinsam mit Hallenser
schen Partnern verstärkt Aufmerk-             Aktivitäten verdeutlicht.                   Schülerinnen und Schülern der Be-
samkeit in der deutschen Politik und              Die Allianz der deutschen Wissen-       wegung „Fridays for Future“ hat die
Forschungsförderung. Sicherheitsrele-         schaftsorganisationen hat einstimmig        Leopoldina die Veranstaltungsreihe
vante Forschungsrisiken entwickeln sich       die fortlaufende Unterstützung des GA       „Leopoldina-Diskurs: Klima“ initiiert.
dynamisch weiter, beispielsweise durch        beschlossen. Zukünftig wird weiterhin       Ziel ist, Interessierte in einen gesell-
neue Synergien unterschiedlicher Diszi-       die Stärkung deutscher Forschungsein-       schaftlichen Austausch mit Akteurin-
plinen wie der Forschung zu Künstlicher      richtungen im eigenverantwortlichen         nen und Akteuren aus Wissenschaft,
Intelligenz, den Ingenieurwissenschaften      Umgang mit sicherheitsrelevanter For-       Politik und Gesellschaft zu bringen
und der Molekularbiologie.                    schung im Fokus stehen. Hierzu sind         und gemeinsam zu diskutieren, wie in
    Der Gemeinsame Ausschuss (GA)             regelmäßige Umfragen, KEF-Foren,            der unmittelbaren Umgebung mit den
zum Umgang mit sicherheitsrelevanter          fachspezifische Veranstaltungen und die     Herausforderungen des Klimawan-
Forschung von Deutscher Forschungsge-         gebündelte Kommunikation des Sach-          dels umgegangen werden kann.
meinschaft (DFG) und Leopoldina legte         standes in Wissenschaft, Politik und            Zum Auftakt fand Anfang No-
nun seinen dritten Tätigkeitsbericht vor.     Öffentlichkeit geplant. 		           ■ JF   vember die Online-Debatte „Globale
Darin erläutert er den Stand interna-                                                     Veränderung – lokale Wirkung. Wie
tionaler Debatten zu ausgewählten For-                                                    der Klimawandel das Leben in Mittel-
schungsfeldern, rechtlichen Rahmenbe-                Tätigkeitsbericht                    deutschland verändert“ statt. Mehr als
                                                     „Sicherheitsrelevante
dingungen und Fördervoraussetzungen                                                       400 Userinnen und User folgten der
                                                     Forschung“
sowie den Umgang ausgewählter Verlage                                                     Diskussion zwischen Claudia Dalbert,
                                                                                          Ministerin für Umwelt, Landwirt-
                                                                                          schaft und Energie des Landes Sach-
                                                                                          sen-Anhalt, Stefan Rahmstorf vom
Dritte Europa-Debatte: Ist das                                                            Potsdam-Institut für Klimafolgenfor-
                                                                                          schung, Ernst Rauch, Chef-Klimawis-
Finanzsystem krisensicher?                                                                senschaftler der Rückversicherungs-
                                                                                          gesellschaft Munich RE, sowie Josef

E    uropäische Bürgerinnen und Bür-
     ger leiden unter niedrigen Zinsen,
einer Folge der Finanzkrise von 2008.
                                              mie auf das europäische Finanzsystem?
                                              Um diese Themen geht es in der dritten
                                              Runde der Europa-Debatte, einer Ver-
                                                                                          Settele vom Helmholtz-Zentrum für
                                                                                          Umweltforschung Leipzig-Halle. Am
                                                                                          Beispiel Sachsen-Anhalts wurde auf
Ob eine individuelle Finanzplanung            anstaltungsreihe des Leibniz-Instituts      Extremwetterereignisse und deren
langfristig tragfähig ist, hängt häufig da-   für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)        Folgen für Landwirtschaft, Ökosys-
von ab, ob es wieder höhere Zinsen ge-        und der Leopoldina. Am 4. Februar 2021      teme und Bevölkerung eingegangen.
ben wird. Prognosen müssen auf einem          diskutiert um 18 Uhr darüber der Frei-      In der Diskussion betonten alle die
realistischen Gesamtbild der Zukunft          burger Ökonom Lars P. Feld ML, der          Dringlichkeit, dem Klimawandel jetzt
des Finanzsystems basieren, in dessen         Vorsitzender des Sachverständigenrats       mit konkreten Maßnahmen entgegen-
Mittelpunkt die Banken und ihre Regu-         zur Begutachtung der gesamtwirtschaft-      zuwirken und die bereits vorhandenen
lierung stehen.                               lichen Entwicklung ist, mit dem IWH-        Lösungen umzusetzen, anstatt vor den
    Wird es in Europa zu einer Vollen-        Präsidenten Reint E. Gropp.    ■ ART       Konsequenzen zu kapitulieren. ■ EW
dung der Bankenunion kommen? Welche
Rolle spielen hierbei die unterschiedli-
                                                     Europa-Debatte                               Diskurs „Klimawandel
chen nationalen Interessen? Welche Aus-
                                                     „Finanzsystem in Europa“                     in Mitteldeutschland“
wirkungen hat die Coronavirus-Pande-
14                                                                                             6/2020 // LEOPOLDINA / NEWSLETTER

Über die Arbeit mit
digitalisierten Texten
                                           Fördermittel für Bestände
Leopoldina unterstützt Aufbau              in Archiv und Bibliothek
der Infrastruktur
                                           Die Bestände in Archiv und Bibliothek der         2020 konnten dafür, ebenso wie für

A     nhand von Texten lassen sich
      Sprache, Geschichte, Literatur
und vieles mehr erforschen. Infolge
                                           Leopoldina reichen bis ins 16. Jahrhundert
                                           zurück. Zu ihrem Schutz sind vielfache An-
                                           strengungen erforderlich. Dafür werden in
                                                                                             das Gutachten 2018, Fördermittel der
                                                                                             Bundeskulturstaatsministerin
                                                                                             eingeworben werden. Diese fließen
                                                                                                                                (BKM)

der Digitalisierung sind Texte leichter    diesem Jahr 60.000 Euro aufgewendet.              aus dem „Sonderprogramm zum Er-
und zahlreicher zugänglich geworden.                                                         halt des schriftlichen Kulturguts in
Was aber brauchen heute Forschende
für die Arbeit mit oder an digitalen
Texten? Welche Bedarfe beim digitalen
                                           D    erzeit werden im Archiv der Leo-
                                                poldina etwa 1.000 laufende Meter
                                           an Unterlagen und in der Bibliothek un-
                                                                                             Deutschland“. Zudem beteiligt sich der
                                                                                             Leopoldina Akademie Freundeskreis
                                                                                             e. V. mit einem Anteil in Höhe von 15.000
Arbeiten mit Texten vorliegen, haben       gefähr 280.000 Bände aufbewahrt und               Euro am diesjährigen Projekt.
sie jetzt in mehr als 120 „User Stories“   für die Forschung zugänglich gemacht.                  Insgesamt werden 60.000 Euro im
formuliert, die im Rahmen des Kon-         Dieses „materielle Gedächtnis“ reicht bis         Jahr 2020 aufgewendet. Damit konnten
sortiums „Text+“ veröffentlicht wur-       zum Beginn des 16. Jahrhunderts, also             rund 50.000 Bände ausgehoben und
den. Das Zentrum für Wissenschafts-        noch vor die Gründung der Akademie,               durch das Leipziger Zentrum für Buch-
forschung beteiligt sich an diesem         zurück. Um es zu sichern, erarbeiteten            erhaltung konservatorisch behandelt
Konsortium mit einem Schwerpunkt           bereits 2018 externe Sachverständige ein          werden. Die Arbeiten werden fortgesetzt,
zu wissenschaftlichen digitalen Editio-    umfassendes Schadensgutachten.                    um die einzigartigen Bestände von Ar-
nen. Im Ergebnis möchte „Text+“ zum            Dessen Empfehlungen dienen als                chiv und Bibliothek in ihrer Zusammen-
Aufbau einer „Nationalen Forschungs-       Grundlage für die Konservierungs- und             setzung und Dichte zu bewahren. ■ DYW
dateninfrastruktur“ (NFDI) beitragen,      Restaurierungsmaßnahmen der kom-
die als forschungsgetriebener, koope-      menden Jahre und Jahrzehnte. Mit
rativer Verbund wissenschaftlicher         der Umsetzung wurde 2019 unter Nut-                         Archiv und Bibliothek
Einrichtungen aller Fachrichtungen         zung von Haushaltsmitteln begonnen.
konzipiert ist und durch das Bundes-
ministerium für Bildung und For-
schung mitfinanziert wird.                         DIGITALE BIBLIOTHEK DER LEOPOLDINA GESTARTET
    Doch nicht nur digitalisierte Texte,
sondern auch deren Metadaten können
zur Forschung genutzt werden. Diese
beschreiben beispielsweise Herkunft,
Sprache oder Entstehung von Texten,
und gerade bei größeren Datenmengen
kann deren Analyse hilfreich sein, be-
vor die Einzelwerke betrachtet werden.
Metadaten werden üblicherweise von
den Einrichtungen bereitgestellt, die
Digitalisate herstellen, darunter auch
Archiv und Bibliothek der Leopoldi-
na. Anfang September erlernten und
erprobten 20 Forscherinnen und For-
scher den Umgang mit Metadaten zu
digitalen Periodika. Der Workshop, der
                                             Mit dem Start des Services „Digitale Bibliothek | Der Dokumentenserver der Leopoldina“
von der AG „Zeitungen und Zeitschrif-
                                             bietet die Akademie nun einen weiteren Zugriffspunkt für ihre Online-Veröffentlichungen.
ten“ des Verbandes „Digital Humani-          Die „Digitale Bibliothek“ vereint Such- und Recherchemöglichkeiten und die dauerhafte
ties im deutschsprachigen Raum“ mit          Verfügbarkeit und Referenzierbarkeit der Publikationen. Diese werden in den kommenden
der Leopoldina durchgeführt wurde,           Wochen retrospektiv für den Zeitraum bis 2008 auf der Plattform verfügbar gemacht. Die
reichte vom automatisierten Auslesen         „Digitale Bibliothek“ ist über die Homepage der Leopoldina zu erreichen oder direkt unter
der Metadaten bis hin zu deren Visuali-      https://levana.leopoldina.org.				                                ■ BK/Screenshots: Leopoldina
sierung und Interpretation.        ■ TR
6/2020 // LEOPOLDINA / NEWSLETTER                                                                                          15

  EASAC                                      EASAC                                     Junge Akademie

  Energiekonzept für                         Klimakrise erfordert                      Plädoyer für einen
  Wasserstoffstrategie                       systemischen Umbau                        Tarifvertrag Promotion
  Die im Sommer von der EU-Kommis-           In einer aktuellen Publikation greift     Die Junge Akademie kritisiert in einer
  sion vorgelegte Wasserstoffstrategie       EASAC den transformativen Ansatz          Stellungnahme die uneinheitlichen Fi-
  ist Thema eines neuen EASAC-Kom-           des Green Deals der Europäischen          nanzierungs- und Beschäftigungsfor-
  mentars. Die europäischen nationalen       Union (EU) auf. Die wissenschaftli-       men von Promovierenden und spricht
  Wissenschaftsakademien befürwor-           chen Erkenntnisse über den Klima-         sich für die Schaffung eines einheit-
  ten die Verabschiedung der Strategie.      wandel und seine Triebkräfte seien in     lichen Tarifvertrags Promotion aus.
  Diese verdeutliche den dringenden          den letzten Jahrzehnten zwar deutlich     Dieser soll eine gleiche Vergütung im
  Bedarf an einer Ausweitung erneuer-        gewachsen, dennoch nähmen schä-           Rahmen eines Vollzeitarbeitsvertrags
  barer Energien, die für die kohlen-        digende Faktoren kontinuierlich zu.       garantieren. Damit solle ein System
  stoffarme Produktion von erneuerba-        Der Zusammenschluss der EU-Na-            abgelöst werden, in dem große Unter-
  rem Wasserstoff erforderlich sei. Um       tionalakademien mahnt, die mensch-        schiede in Einkommen, Laufzeiten und
  dies zu erreichen, bedürfe es weiterer     liche Entwicklung mit der Kapazität       Arbeitsbedingungen je nach Verfüg-
  Planungen zur Bereitstellung erneuer-      der Erde in Einklang zu bringen und       barkeit von Haushalts- und Drittmit-
  barer Energien sowohl innerhalb der        argumentiert, dass die schrittweise       telstellen bedingt sind. Ebenso soll die
  EU als auch durch Importe. Die EU          Änderung bisheriger Praktiken dafür       Vergabe von Promotionsstipendien an
  solle nicht nur in Europa Marktbarrie-     nicht ausreichend sei. Sie fordern eine   den geforderten Tarifvertrag gebunden
  ren beseitigen, sondern auch weltweit      grundlegende systemische Umgestal-        werden, um Nachteile in der Bezah-
  Partnerschaften mit Drittländern ent-      tung der derzeitigen Wirtschafts- und     lung sowie der Renten- und Sozialver-
  wickeln.			                    ■ JMO       Sozialsysteme. 		               ■ JMO     sicherung auszugleichen.         ■ VBP

          Hydrogen and                               Transformative Change &
                                                                                               Tarifvertrag Promotion
          Synthetic Fuels                            Post-COVID-19 Priorities

  Freundeskreis                              Freundeskreis                             ZfW

  Würdigung für                              Ausschreibung für                         Forschung über
  Carl Knoblauch                             Bausch-Stipendium                         Katastrophen
  Der Leopoldina Akademie Freundes-          Der Leopoldina Akademie Freundes-         Im Wissenschaftshistorischen Seminar
  kreis e. V. hat kürzlich die verwilderte   kreis e. V. schreibt erneut das Jo-       Anfang Oktober berichtete Cécile Steh-
  Grabstelle des XV. Leopoldina-Prä-         hann-Lorenz-Bausch-Stipendium             renberger über den öffentlichen Um-
  sidenten, Carl Hermann Knoblauch           aus. Bewerbungen zu Themen der            gang mit der Coronavirus-Pandemie.
  (1820 bis 1895), auf dem Stadtgottes-      Wissenschaftsgeschichte können von        Die Juniorprofessorin der Bergischen
  acker in Halle herrichten lassen und       Nachwuchswissenschaftlerinnen und         Universität Wuppertal führte aus, dass
  die Patenschaft übernommen. Mit der        -wissenschaftlern bis 31. Januar 2021     Erkenntnisse der Katastrophenfor-
  Wahl ihres XV. Präsidenten wurde die       eingereicht werden. Im Rahmen ihrer       schung aus der Zeit des Kalten Krieges
  Leopoldina 1878 am heutigen Stand-         Forschung sollen sie sich mit der Ge-     derzeit weitgehend ignoriert würden.
  ort Halle sesshaft. Zugleich trägt die     schichte der Leopoldina, deren Publi-     Heute betrachteten die Sozialwissen-
  Maßnahme dazu bei, den nach der            kationen oder dem Werk und Wirken         schaften Katastrophen – und damit
  deutschen Wiedervereinigung Stück          ihrer Mitglieder befassen. Die Aus-       auch Pandemien – nicht mehr als zeit-
  für Stück instandgesetzten Stadtgot-       schreibung ist nicht auf spezifische      lich begrenzt, sondern stets als Ereig-
  tesacker – ein bedeutendes Monu-           Disziplinen oder methodische Zugänge      nisse mit Langzeitwirkung. Ebenso
  ment der Stadtgeschichte – zu erhal-       beschränkt. Das viermonatige Stipen-      sei die Wahrnehmung auf langfristige
  ten.			                           ■ JSU    dium ist mit 5.000 Euro dotiert. ■ RED    Folgen statt auf Panik gerichtet. ■ RGO

                                                     Johann-Lorenz-Bausch-                     Wissenschaftshistorische
          Freundeskreis
                                                     Stipendium                                Seminare
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