Lesbisch, schwul, trans, hetero ... Lebensweisen als Thema für die Schule
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Gewerkschaft
Erziehung und Wissenschaft
Landesverband
Baden-Württemberg
// HANDREICHUNG FÜR PÄDAGOG_INNEN //
Lesbisch, schwul, trans, hetero ...
Lebensweisen als Thema für die Schule
Herausgegeben vom AK Lesbenpolitik im Vorstandsbereich Frauenpolitik
der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg
www.gew-bw.de2 IMPRESSUM
Impressum
Lesbisch, schwul, trans, hetero ... Lebensweisen als Thema für die Schule
Herausgegeben vom AK Lesbenpolitik im Vorstandsbereich Frauenpolitik der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
(GEW) Baden-Württemberg
Redaktion: Anne Huschens, Manuela Reichle, Annemarie Renftle, Ruth Schwabe
Anschrift: AK Lesbenpolitik, GEW Baden-Württemberg, Silcherstraße 7, 70176 Stuttgart
E-Mail: Lesbenpolitik@gew-bw.de
Gestaltung: Süddeutscher Pädagogischer Verlag (SPV)
Druck: GO Druck Media GmbH & Co. KG , Einsteinstraße 12–14, 73230 Kirchheim unter Teck
Herausgeber_in und Redaktion übernehmen keine rechtliche Verantwortung für die Angaben und Empfehlungen in
dieser Publikation.
Texte verfasst und bearbeitet von: Meret Fluhr, Elke Gärtner, Anne Huschens, Mareike Klauenflügel, Renate Kupke,
Bastienne Pletat, Annemarie Renftle, Maria Schäfer, Ruth Schwabe, Daniela Weber
8. völlig überarbeitete Auflage
Umschlagfoto: Ludovic Bertron
Dezember 2017
LSBTI*-Lebensweisen im UnterrichtINHALT 3
Inhalt
VORWORT
Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt 4
VIELFALT LERNEN
Grundlagen 5
Fachbegriffe erklärt 8
VIELFALT BENENNEN
Sachunterricht Grundschule Klasse 4 12
Fächerübergreifender Unterrichtsentwurf Sekundarstufe I 14
VIELFALT LEHREN
Bausteine für den Unterricht in Gemeinschaftskunde, Sekundarstufe II 28
Bausteine evangelische Religion, Sekundarstufe II 37
Unterrichtsentwurf Englisch Sekundarstufe II 41
Schulsozialarbeit als Ressource 44
VIELFALT LEBEN
Arbeitskreise LSBTI* in der GEW 45
Szenen aus dem pädagogischen Alltag 46
WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN
Medienliste 47
Adressliste 49
LSBTI*-Lebensweisen im Unterricht4 VORWORT
Bildung für Toleranz und
Akzeptanz von Vielfalt
Seit dem Schuljahr 2016/17 gelten neue Bildungspläne an den Schulen in Baden-Würt-
temberg. Es ist ein Erfolg der GEW Baden-Württemberg, dass die Leitperspektiven als
übergreifende Bildungsziele im Zuge des Abstimmungsverfahrens eine Präzisierung und
Ausweitung erfahren haben. Dass Bildung für Akzeptanz und Toleranz von Vielfalt (BTV)
in den Leitperspektiven verankert wurde, sieht die GEW Baden-Württemberg als Schritt
Foto: Michael Bolay
in die richtige Richtung.
Die Inhalte der Leitperspektive BTV finden jedoch bisher kaum Eingang in die Lehr-
kräfteaus- und –weiterbildung; sie wurde in den Einführungsschulungen zum neuen
Bildungsplan bislang nur am Rande erwähnt. Bisher steht nur wenig geeignetes Unter-
richtsmaterial zur Verfügung.
Die GEW bietet Materialien an mit der vollständigen Neubearbeitung der Broschüre „Les-
Doro Moritz bisch, schwul, trans, hetero … Lebensweisen als Thema für die Schule“. Auch wenn alle
Aspekte von Vielfalt gleich wichtig sind und thematisiert werden müssen, verdient das
Thema sexuelle Identität und LSBTI*-Lebensweisen als gesellschaftliches Tabu-Thema ein
besonderes Augenmerk. Viele Lehrkräfte scheuen sich noch, dieses in ihrem Unterricht zu
behandeln aus Zeitmangel, Materialmangel oder auch, weil Ihnen der Mut dazu fehlt. Mit
der Broschüre will die GEW ermutigen, mit Hilfe der Anregungen und Materialien einen
anderen Weg zu gehen.
„Schule als Ort von Toleranz und Weltoffenheit soll es jungen Menschen ermöglichen,
die eigene Identität zu finden und sich frei und ohne Angst vor Diskriminierung zu arti-
kulieren. … Dabei erfahren sie, dass Vielfalt gesellschaftliche Realität ist und die Identität
anderer keine Bedrohung der eigenen Identität bedeutet.“ So der Bildungsplan.
Viel Erfolg bei der Demokratie- und Menschenrechtserziehung wünscht
Doro Moritz
Landesvorsitzende
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
LSBTI*-Lebensweisen im UnterrichtVIELFALT LERNEN 5
Grundlagen
// Die Schule soll ein Ort sein, an dem Kinder und Jugendliche ihre Persönlichkeit in einer geschützten,
sicheren Umgebung entwickeln können. Alle Kinder haben ein Recht, so zu sein, wie sie sind und bei
der Identitätsentwicklung unterstützt zu werden, egal ob sie einer Minderheit oder der Mehrheit ange-
hören. Und alle Kinder sollen in der Schule die Fähigkeit erwerben, mit Vielfalt umgehen zu können. //
Gleichberechtigte Teilhabe und wertschät- Aktuelle Studien zur Situation an der Schule
zender Umgang In den Schulen sieht es jedoch zur Zeit noch anders aus, wie
Jedes Kind ist gleich, und jedes Kind ist unterschiedlich: Je- aktuelle Studien belegen. In der ersten bundesweiten Studie
des Kind ist gleich in Bezug auf sein Grundbedürfnis, dazu zur Lebenssituation von LSBTI* Jugendlichen und jungen Er-
zu gehören und Teil einer Gruppe zu sein. Jedes Kind ist wachsenen(1) berichten die befragten LSBTI* Jugendlichen,
unterschiedlich bezüglich seiner anthropogenen Voraus- dass das Thema LSBTI* im Unterricht selten angesprochen
setzungen und seines sozio-kulturellen Hintergrundes: Kin- wird und positive Beispiele rar sind. Statt dessen sind Vor-
der gehören verschieden Ethnien, Kulturen, Geschlechtern urteile und Schimpfworte wie „schwule Sau“ oder „Lesbe“
an, haben unterschiedliche Ausprägungen der sexuellen im Schulalltag weit verbreitet und schaffen ein Klima der
Orientierung und Identität, unterscheiden sich in der so- Abwertung. Vorurteile und Stereotype entstehen durch
zialen Herkunft, und sie weisen unterschiedliche Ausprä- fehlendes Wissen – und das ist bei LSBTI* Lebensweisen
gungen körperlicher und psychischer Gesundheit auf. Die erschreckend groß(2). Aufgrund des abwertenden Klimas
Schule hat den Auftrag, zum einen dem Grundbedürfnis vermeiden viele LSBTI* Jugendliche ein Coming-out an der
nach Geborgenheit, Sicherheit und Teilhabe, zum anderen Schule aus Angst vor Ausgrenzung und Mobbing. Findet
der Vielfalt von Lebenszusammenhängen und entwürfen das Outing dennoch statt, so sind sie oft negativen Reakti-
gerecht zu werden. Dies ist ein zentraler Gedanke der In- onen anderer Schüler_innen unmittelbar ausgesetzt. Fast
klusion im ursprünglichen Sinne. Wie die Schule ihrem 50% der Lehrkräfte greifen nicht ein, wenn Schüler_innen
Auftrag gerecht werden kann, hebt der Bildungsplan 2016 geärgert werden, weil sie für LSBTI* gehalten werden(3).
in der Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzep- Auch Schulbücher bieten wenig positive Beispiele, da sie die
tanz von Vielfalt“ hervor: “Der konstruktive Umgang mit Vielfalt sexueller Orientierungen und Identitäten nur in sel-
Vielfalt stellt eine wichtige Kompetenz für die Menschen tenen Fällen thematisieren.(4) In Englischbüchern kommen
in einer zunehmend von Komplexität und Differenziertheit zum Beispiel keine lesbischen, schwulen oder bisexuellen
geprägten modernen Gesellschaft dar. In der modernen Menschen vor. In vielen Biologiebüchern wird Heterosexu-
Gesellschaft begegnen sich Menschen unterschiedlicher alität als Norm beschrieben. Aber auch beim Lesen, Schrei-
Staatsangehörigkeit, Nationalität, Ethnie, Religion oder ben und Rechnen wird implizit das Bild von der „Vater-Mut-
Weltanschauung, unterschiedlichen Alters, psychischer, ter-Kind-Familie“ vermittelt, obwohl diese Familienform am
geistiger und physischer Disposition sowie geschlechtli- Anfang des 21. Jahrhunderts eine –wenn auch mehrheitlich
cher Identität und sexueller Orientierung. Schule als Ort vertretene- unter vielen Familienformen ist, wie Patchwork-
von Toleranz und Weltoffenheit soll es jungen Menschen Familien, Ein-Eltern-Familien, Singles, Wohn- und Hausge-
ermöglichen, die eigene Identität zu finden und sich frei meinschaften. Da LSBTI* Jugendliche an der Schule kaum
und ohne Angst vor Diskriminierung zu artikulieren. Indem
Schülerinnen und Schüler sich mit anderen Identitäten be- 1 Krell, Claudia / Oldenmeier, Kerstin (2015), Coming-out –
fassen, sich in diese hineinversetzen und sich mit diesen und dann ...?! , Studie des Deutschen Jugendinstituts im Auf-
auseinandersetzen, schärfen sie ihr Bewusstsein für ihre trag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen
eigene Identität. Dabei erfahren sie, dass Vielfalt gesell- und Jugend, München, S.21.
schaftliche Realität ist und die Identität anderer keine Be- 2 Klocke, Ulrich (2012), Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner
Schulen: Eine Befragung zu Verhalten, Einstellungen und
drohung der eigenen Identität bedeutet.” Wenn Lehrkräfte
Wissen zu LSBT und deren Einflussvariablen, Berlin: Senats-
Vielfalt im Unterricht vorleben und thematisieren, indem
verwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, S. 69-70.
sie z.B. die bisher weitgehend noch tabuisierten Themen 3 Krell, Claudia / Oldenmeier, Kerstin (2015), ebd.
LSBTI* Lebensweisen selbstverständlich in ihrem Unter- 4 Bittner, Melanie (2011), Geschlechterkonstruktionen und die
richt einbinden, erweitern die Schüler_innen ihre Ansich- Darstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen,Trans* und
ten von der Welt und der Grundstein ist gelegt dafür, dass Inter* (LSBT*I*) in Schulbüchern, Studie im Auftrag der Max-
alle sich zugehörig fühlen. Traeger-Stiftung, Frankfurt: GEW Hauptvorstand, S. 79.
LSBTI*-Lebensweisen im Unterricht6 VIELFALT LERNEN
Abbildung 1: Comic “schwul” von Martina Schradi
(Mehr dazu in Schradi, Martina (2014) „Ach so ist das“ – Biografische Comic-Reportagen über Lebensweise und Erfahrungen
von LGBTI*, Stuttgart. Begleitend dazu hat Christine Burmann ein pädagogisches Konzept entwickelt. Es gibt Unterrichtentwürfe
und ein Schulprojekt: www.achsoistdas.com/fuer-schulen)
positive Vorbilder und Spiegelungen ihrer Identität finden, tisiert werden, so werden LSBTI* Schüler_innen gestärkt
fühlen sie sich besonders in der Pubertät ausgeschlossen, und ihre heterosexuellen Peers erfahren etwas über Viel-
einsam und verunsichert. Sie sind einem extrem hohen so- falt. Auch sie werden durch eine Atmosphäre der Wert-
zialen Druck ausgesetzt, vorgegebenen Geschlechterrollen schätzung von Vielfalt ermutigt, so zu sein wie sie sind,
und der heterosexuellen Norm zu entsprechen. Das Gefühl, nämlich heterosexuell, aber trotzdem vielleicht irgendwie
nicht dazu zu gehören und keinen Platz auf der Welt zu ha- anders. Sie müssen nicht unbedingt den üblichen Rollen
ben, kann zum Selbstmord führen. Das Suizidrisiko ist bei entsprechen. Jungen müssen dann nicht immer männlich
lesbischen und schwulen Jugendlichen fünfmal so hoch wie und stark sein, sondern dürfen auch Gefühle zeigen. Mäd-
bei heterosexuellen Jugendlichen(1). Starken psychischen chen sind gleichberechtigt und dürfen eigenständig und
Stress erleben auch erwachsene LSBTI* Menschen – sie sind selbstbestimmt sein. Und es darf Kinder geben, die ihre
ebenfalls deutlich suizidgefährdeter als Heterosexuelle(2). Identität und Interaktionsformen jenseits jeglichen Ge-
schlechts und jeglicher Geschlechtsrollen gestalten.
Wissen als Grundlage von Haltungen
„Vielfalt ist nur dort ein Problem, wo Einfalt herrscht.“ (An- Die Rolle der Lehrkräfte
dreas Müller). Je mehr die Mehrheit über eine Minderheit Lehrkräfte können Impulse zur Akzeptanz von Vielfalt
weiß und je sichtbarer diese Minderheit ist, desto weniger geben und Rollenmodelle sein. Damit erfüllen sie den
Vorurteilen und Gewalt gegen sie gibt es. Deshalb ist es Bildungsauftrag, nämlich „Respekt sowie die gegenseiti-
wichtig, dass verschiedene Lebensweisen, Ethnien, Religi- ge Achtung und Wertschätzung von Verschiedenheit zu
onen, Kulturen und unterschiedliche Lebensvoraussetzun- fördern“(3). Sie sind mit ihrer Haltung Vorbilder und prägen
gen, wie z.B. soziale Herkunft, in der Schule sichtbar sind die Atmosphäre.
und als normal und gleichwertig dargestellt werden. Wenn
z.B. LSBTI* Lebensweisen neben heterosexuellen thema-
1 Burton, C. M., Marshal, M. P., Chisolm, D. J., Sucato, G. S.
& Friedman, M. S. (2013), Sexual minority- related victimi-
zation as a mediator of mental health disparities in sexual
minority youth: A longitudinal analysis, in: Journal of Youth
and Adolescence, März 2013, S. 394-402. 3 Bildungsplan Baden-Württemberg (2016), Leitperspek-
2 Plöderl, Martin (2005), Sexuelle Orientierung, psychische tive Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt im
Gesundheit und Suizidalität, Weinheim: Beltz-Verlag; zitiert Internet unter www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/Startseite/
in: Psychologie Heute, Juni 2006, S. 49. BP2016BW_ALLG/BP2016BW_ALLG_LP_BTV
LSBTI*-Lebensweisen im UnterrichtVIELFALT LERNEN 7
Zeichnung: Katja Rosenberg
Es lassen sich drei Handlungsfelder für Lehr- • Welche Erfahrungen habe ich mit Menschen unter-
kräfte benennen: schiedlicher sexueller Orientierung und Geschlechts-
identität? Wie bewerte ich diese?
Der Diskriminierung Einhalt gebieten • Mit welchen Themen fühle ich mich sicher?
Ziel einer verantwortungsbewussten Pädagogik und der • Mit welchen Themen fühle ich mich unsicher und habe
Inklusion ist es, dass Schüler_innen sich mit Menschen aus- eventuell Abwehrreaktionen?
einandersetzen, die sie als anders wahrnehmen. Dadurch • In welchen Bereichen fehlt mir noch fachliches Wissen?
erkennen sie, dass es unterschiedliche Individuen und Le-
bensentwürfe gibt. Ausgrenzung ist dann nicht mehr nötig Autonomie und Gemeinschaft fördern
und Vielfalt kann als Bereicherung für alle erlebt werden. Alle Kinder und Jugendlichen, egal welcher sexuellen Ori-
entierung oder Geschlechtsidentität, egal welcher sozialen
Auseinandersetzung mit der Frage, was „normal“ ist und ethnischen Herkunft, Kultur oder Religion, sollen sich
Die Beschäftigung mit Vielfalt stellt Normalitätsvorstellun- in der Schule gestärkt fühlen und eine selbstbestimm-
gen in Frage, auch bei Lehrkräften. Teils tief verwurzelte te Identität entwickeln. Schüler_innen können die Kraft
Vorurteile und Unkenntnis auch bei den Pädagog_innen schöpfen, eigene Wege zu gehen, wenn sie sich selbst als
erfordern systematische Fort- und Weiterbildung zum wertvoll und zugehörig wahrnehmen. Des Weiteren ist
Themenbereich LSBTI*. Es ist hilfreich und notwendig, Selbstachtung die Grundlage dafür, dass Schüler_innen
dass Lehrkräfte ihre Ansichten zu den Themen Homose- andere achten können. So kann Schule dazu beitragen,
xualität, Heterosexualität, Bisexualität, Trans- und Interse- dass Jugendliche ihre individuelle Identität entwickeln und
xualität und ihre eigene Identität reflektieren, bevor sie in angstfrei leben können in einer wertschätzenden, inklusi-
inhaltliche und pädagogische Auseinandersetzung mit den ven Schulatmosphäre. Unterschiede sind eine Chance für
Schüler_innen gehen. Denn je besser Lehrkräfte über sich Individuen und die Schulgemeinschaft als Ganzes.
selbst Bescheid wissen, je mehr sie sich mit diesen Themen
auseinandergesetzt haben, desto authentischer können Evaluation- Ziel erreicht?
sie den Schüler_innen einen wertschätzenden Umgang Gradmesser für eine inklusive Schulgemeinschaft und
mit Menschen verschiedener Ausprägung von Geschlecht, offene Schulatmosphäre ist die Art und Weise, wie die
Geschlechtsrollen, sexueller Orientierung und Identität Mehrheit mit Minderheiten umgeht. Auf den Aspekt sexu-
vermitteln. Folgende Fragen sollen dazu einladen, die ei- elle Orientierung und Identität bezogen bedeutet dies: Je
gene persönliche und pädagogische Haltung und Rolle zu offener die Schulatmosphäre ist, desto mehr LSBTI* Schü-
reflektieren: ler_innen und Lehrkräfte trauen sich, sich zu outen, genau-
• Was ist meine Motivation, mich mit diesem Thema zu so selbstverständlich wie heterosexuelle.
beschäftigen?
• Welche Vorannahmen habe ich über die Menschen
unterschiedlicher Lebensweisen?
Diese Broschüre bietet Lehrer_innen konkrete Unterrichtsvorschläge und Impulse zum Thema „lesbische, schwule,
bi-, trans- und intersexuelle Lebensweisen“, um sie zu ermutigen und ihnen den Einstieg in das Thema zu erleichtern.
Viel Erfolg bei der Umsetzung!
LSBTI*-Lebensweisen im Unterricht8 VIELFALT BENENNEN
Fachbegriffe erklärt
Sexuelle Identität, sexuelle Orientierung und Menschen, die sich keinem der zwei Geschlechterkategori-
Geschlechtsidentität en zuordnen, sich „zwischen“ den Geschlechtern verorten
oder einem weiteren Geschlecht angehören, bezeichnen
Sexuelle Identität sich als transgender. Der Oberbegriff Transgender wird
Die sexuelle Identität wird im deutschen Rechtssystem als von Menschen verwendet, die sich mit ihrer zugewiesenen
Sammelbegriff für Geschlechtsidentität und sexuelle Ori- Geschlechtszugehörigkeit als Mann oder Frau unpassend
entierung verwendet.(1) oder unzureichend beschrieben fühlen. Hierzu gehören
auch transgeschlechtliche / transidente/ transsexuelle
Sexuelle Orientierung Menschen.(4)
Die sexuelle Orientierung beschreibt die überdauernden,
individuell unterschiedlichen Interessen eines Menschen Gender
bezogen auf das Geschlecht möglicher Partner_innen. Das Englischer Ausdruck für das soziale Geschlecht (im Ge-
„Sich-Hingezogen-Fühlen“ kann Aspekte von emotionaler, gensatz zum biologischen Geschlecht). Dieses wird sozial
romantischer und/oder sexueller Anziehung umfassen.(2) konstruiert. Es beruht auf der kulturell und gesellschaftlich
Die Anziehung kann gegenüber dem eigenen Geschlecht bedingten Zuschreibung von Geschlechtsrollen.
(homosexuell), gegenüber einem anderen Geschlecht (he-
terosexuell) oder gegenüber beiden Geschlechtern (bise- Geschlecht
xuell) empfunden werden. Der Begriff Geschlecht beinhaltet das biologische Ge-
schlecht, die Identität, den körperlichen Ausdruck und die
Geschlechtsidentität sexuelle Orientierung. Eine bipolare Einteilung in zwei Ge-
Die Geschlechtsidentität beschreibt die individuell emp- schlechter lässt sich biologisch nicht begründen(5).
fundene Geschlechtszugehörigkeit als Frau, als Mann, als
dazwischen, beides oder als einem weiteren Geschlecht Intersexualität
angehörig. Bei intersexuellen Menschen entsprechen die primären
Bei cisgeschlechtlichen Menschen entspricht die ge- Geschlechtsmerkmale nicht den medizinisch „gängigen“
schlechtliche Identität dem bei der Geburt zugewiesenen und „erwarteten“, ausschließlich männlich oder weib-
Geschlecht. lich definierten geschlechtlichen Erscheinungen.(6) Dies
Bei transgeschlechtlichen, transidenten oder transsexu- bezieht sich auf genetische, hormonelle oder körperli-
ellen Menschen entspricht die geschlechtliche Identität che Merkmale. Das Bundesverfassungsgericht hat im
nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht: Jun- November 2017 geurteilt, dass künftig intersexuellen
gen werden mit weiblichen Körpermerkmalen als „Mäd- Menschen, ermöglicht werden muss ihre geschlechtli-
chen“ geboren (Trans*-Junge/Mann), Mädchen mit männ- che Identität „positiv“ im Geburtenregister eintragen zu
lichen Körpermerkmalen als „Jungen“ (Trans*-Mädchen/ lassen. Die Karlsruher Richter_innen verwiesen bei der
Frau).(3) Transsexualität muss unabhängig von der sexuel- Urteilsbegründung auf das im Grundgesetz geschützte
len Orientierung betrachtet werden: Transsexuelle Men- Persönlichkeitsrecht. (Az. 1 BvR 2019/16)
schen können sowohl hetero-, homo-, als auch bisexuell Der Gesetzgeber muss nun bis Ende 2018 eine Neurege-
sein. Das Transsexuellengesetz regelt, unter welchen Be- lung schaffen, in die als drittes Geschlecht neben „männ-
dingungen das biologische Geschlecht operativ umgewan- lich“ und „weiblich“ noch etwa „inter“, „divers“ oder eine
delt werden darf. andere „positive Bezeichnung des Geschlechts“ aufge-
nommen wird.
Queer
Ursprünglich im englischsprachigen Raum für Menschen
gebraucht, die tradierte Geschlechterrollen in Frage
stellten (Übersetzung: „seltsam, komisch“) . Wird heu-
te im internationalen Sprachgebrauch als Oberbegriff für
LSBTI* benutzt und drückt das Selbstbewusstsein dieser
Gruppen aus.
1 Krell, Claudia, Oldemeier, Kerstin, (2015), Coming-out – und
dann? Ein DJI-Forschungsprojekt zur Lebenssituation von
lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen 4 ibid.
und Erwachsenen, Deutsches Jugendinstitut, S. 7 – 8. 5 GEW Hauptvorstand (Hg.) (2016), Für eine Pädagogik der
2 ibid. Vielfalt, Frankfurt, S. 18.
3 ibid. 6 Krell, Claudia, Oldemeier, Kerstin, (2015), S. 8.
LSBTI*-Lebensweisen im UnterrichtVIELFALT BENENNEN 9
Die Abbildung The Genderbread Person zeigt, wie viele Aspekte Geschlecht hat.
www.trans-kinder-netz.de/erklaerungshilfe.html
LSBTI*-Lebensweisen im Unterricht10 VIELFALT BENENNEN
Rechtliche Situation Homo- / Bi- / Transphobie
Bezeichnung für eine unbestimmte Angst vor oder Hass ge-
Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) gen Personen, die Menschen gleichen Geschlechtes lieben
Die Umsetzung der Europäischen Antidiskriminierungs- oder gegen nicht cisgeschlechtliche Menschen. Die Angst
richtlinien erfolgte in Deutschland 2006 durch das Allge- liegt u.a. begründet in der Furcht vor der fremden Lebens-
meine Gleichbehandlungsgesetz. Dies hat zum Ziel, „Be- form oder Identität. Sie drückt sich durch gruppenbezo-
nachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der gene Menschenfeindlichkeit (wie z.B. Sexismus, Rassismus
ethnischen Herkunft, des Geschlechtes, der Religion oder oder Antisemitismus) aus.
Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der
sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.“ Heteronormativität
(AGG § 1) Die binäre Geschlechtereinteilung (in Mann und Frau) wird
als die natürliche, ausschließliche gesellschaftliche Norm
Lebenspartnerschaftsgesetz (LPartG) angesehen. Ebenso wird Heterosexualität als ‚normal’, d.h.
Das Gesetz aus dem Jahr 2001 ermöglicht es Lesben und die naturgegebene und unveränderbare Norm betrachtet.
Schwulen, eine eingetragene Partnerschaft einzugehen, Abweichungen von der Zweigeschlechtlichkeit und Hetero-
die der Ehe inzwischen in großen Teilen gleichgestellt ist. sexualität werden oft als ‚anders’ oder ‚nicht gleichwertig’
betrachtet.
Gesellschaftliche Haltungen und Verhaltens-
weisen Heterosexismus
Akzeptanz Heterosexualität wird als einzig gültige Norm für Part-
Positive Haltung und Wertschätzung, u.a. in Bezug auf Min- nerschaft und Sexualität definiert, d.h. von einer Person
derheiten (von lat. „accipere“ für gutheißen, annehmen) wird automatisch angenommen, dass sie heterosexuell sei.
Dies ist eine Form der Diskriminierung, die vor allem Les-
Toleranz ben und Schwule immer wieder dazu zwingt, sich zu outen
Gewährenlassen von Minderheiten. Im Unterschied zu Ak- und zu rechtfertigen, um wahrgenommen zu werden.
zeptanz beschreibt Toleranz lediglich die Duldung von An-
dersdenkenden und Anderslebenden. Pädagogische Ansätze
Diskriminierung Lebensweisenpädagogik
Bezeichnung für ökonomische, kulturelle oder soziale Be- Lebensweisenpädagogik ist ein Ansatz, sich mit gleichge-
nachteiligung von einzelnen Personen oder Personengrup- schlechtlichen Lebensweisen und Fragen der sexuellen Ori-
pen aufgrund zugeschriebener Merkmale. Eine häufige entierung und Identität zu beschäftigen. Ziel ist es, Kindern
Unterscheidung differenziert zwischen personaler Diskrimi- und Jugendlichen ein positives Bild von der Vielfalt des Le-
nierung (z.B. diskriminierende Äußerungen, Gewalt oder so- bens und Liebens zu zeigen. Lebensweisenpädagogik klärt
zialer Ausschluss) und struktureller Diskriminierung, wenn auf über Vorurteile und Mythen sowie über Ausgrenzungs-
gesellschaftliche Regelungen, Institutionen, Normen oder mechanismen von nicht-heterosexuellen Lebensweisen.
Sprachverwendungen Ursache von Diskriminierung sind.(1) Gleichzeitig regt sie ein kritisches Nachdenken über Rollen-
und Normvorstellungen von Frauen und Männern an.(2)
Stigma
Ein charakteristisches Merkmal einer Person, das diese Pädagogik der Vielfalt
Person von der Mehrheit unterscheidet, wird als Grund für Eine Pädagogik der Vielfalt nimmt Kinder und Jugendliche
Diskriminierung verwendet. Eine Person kann auf Grund als selbstbestimmte Individuen ernst. Das ursprünglich
eines sichtbaren Merkmales, z.B. der Hautfarbe, oder auf von Annedore Prengel entworfene pädagogische Kon-
Grund eines unsichtbaren Merkmales, z.B. der sexuellen zept hat die Gleichberechtigung von Verschiedenen zum
Orientierung, stigmatisiert werden. Hinter einem Stigma Ziel. Sie vermittelt Selbstständigkeit, Gleichwertigkeit und
steckt meist die Angst der stigmatisierenden Person vor Mündigkeit. Maßstab einer Pädagogik der Vielfalt ist die
dem Fremden. tatsächliche Vielfalt in der Gesellschaft. Im Zentrum ste-
hen unterschiedliche Aspekte menschlichen Zusammenle-
bens und sexueller Identitäten.(3)
2 Definition nach Fritzsche, Heike, Liebscher, Doris, (2010),
Antidiskriminierungspädagogik, Wiesbaden, S. 89.
3 GEW Hauptvorstand (Hg.) (2016), Für eine Pädagogik der
1 Krell, Claudia, Oldemeier, Kerstin, (2015), S. 8. Vielfalt, Frankfurt, S. 28-29, 36-37.
LSBTI*-Lebensweisen im UnterrichtVIELFALT BENENNEN 11
Sprachverwendung und Transsexuelle erstmals gegen die willkürlichen und
repressiven Polizeieinsätze. Der Protest mündete in einen
LSBTI* drei Tage andauernden, gewaltigen Straßenaufstand - der
Die Abkürzung LSBTI* steht für verschiedene sexuelle Beginn des Kampfes um Gleichberechtigung. Heute insze-
Orientierungen (lesbisch, schwul und bisexuell) sowie für nieren sich zum einen LSBTI* und Heterosexuelle bei der
verschiedene Geschlechtsidentitäten (trans- und inter-). politischen Parade, um eine Vielfalt von Lebensmöglich-
Leider fehlt als zusätzlich Buchstabe das H, damit auch die keiten zu präsentieren. Zum anderen fordern LSBTI* und
heterosexuelle Orientierung benannt wird (LSBTHI*). Das heterosexuelle Gruppen gleiche Rechte für alle Lebensfor-
Sternchen hinter inter* ist als ein Platzhalter für vielfältige men ein.
Identitäten zu verstehen. Im englischen Sprachraum wird
die Abkürzung LGBTI* benutzt. Regenbogenfamilie
Als Regenbogenfamilien werden Familien bezeichnet, in
Der gender_gap denen die Eltern jenseits der heterosexuellen oder zweige-
Die gendersensible Schreibweise wird zunehmend im schlechtlichen Norm leben.
sozialwissenschaftlichen Kontext, innerhalb der LSBTI*
Community und von Behörden, z.B. der Antidiskriminie- Transvestiten
rungsstelle des Bundes verwendet, z.B. Schüler_innen. Der Ein Transvestit ist ein (hetero- oder homosexueller)
durch den Unterstrich entstehende Zwischenraum lässt Mensch, der die Kleidung des anderen Geschlechts trägt.
Platz für Selbstdefinitionen, jenseits des heteronormati-
ven Systems.(4)
Gay
Aus dem Englischen, ursprünglich „fröhlich, bunt“; der
Begriff wird oft international benutzt, bezeichnet im Allge-
meinen ausschließlich schwule Männer.
Weitere Begriffe
Coming-out
Prozess der zunehmenden Gewissheit über die eigene se-
xuelle Orientierung. Wenn man diese selber akzeptiert, ist
das innere Coming-out abgeschlossen. Beim äußeren Co-
ming-out gibt sich zum Beispiel eine Lesbe oder ein Schwu-
ler der Umwelt als lesbisch oder schwul zu erkennen. Das
äußere Coming-out ist nie abgeschlossen.
Obwohl LSBTI*-Lebensweisen bekannter und akzeptierter
sind als früher, bleibt die Notwendigkeit eines Coming-
outs für alle Menschen bestehen, die nicht heterosexuell
oder nicht cisgeschlechtlich sind. Denn die meisten Men-
schen gehen davon aus, dass ihr Gegenüber heterosexuell
und cisgeschlechtlich ist. Ein Richtigstellen dieser Voran-
nahmen beinhaltet unweigerlich ein Coming-out.
Outing
Öffentlich Machen der Homosexualität anderer, oft promi-
nenter Menschen, gegen deren Willen.
CSD
Politische Parade in Großstädten der ganzen Welt, die an
den Christopher Street Day in New York City am 27. Juni
1969 erinnert. Bei einer Polizeirazzia in der Christopher
Street in New York City wehrten sich Schwule, Lesben,
4 Krell, Claudia, Oldemeier, Kerstin, (2015), S. 8. Zeichnung: Katja Rosenberg
LSBTI*-Lebensweisen im Unterricht12 VIELFALT LEHREN
Sachunterricht
Grundschule Klasse 4
// Der vorliegende Unterrichtsentwurf ermöglicht in vier Unterrichtsstunden das Erreichen folgender
Lernziele: Verschiedene Formen des Zusammenlebens können und sollen dargestellt werden. Das Leben
in der Familie steht dabei im Mittelpunkt. Dabei gilt es zunächst zu klären, was unter Familie verstanden
werden kann. //
Die enge heteronormative und auf unseren Kulturraum be- Wohnung 2: Zwei Frauen mit Kind. Es könnten zwei Freun-
zogene Definition von (Kern-)Familie bezieht sich auf die bei- dinnen, Schwestern, eine Mutter mit erwachsener Tochter
den (heterosexuellen) Elternteile mit ihrem Kind oder ihren oder ein Liebespaar sein. Falls Schüler_innen sich nicht in
Kindern. Eine weiter gefasste Definition von Familie schließt diese Richtung äußern, kommt der Anstoß durch das Ge-
alle Menschen ein, die in einer bestimmten Form zusammen spräch mit der Lehrkraft: Könnten die beiden Frauen auch
leben und füreinander einstehen – mit oder ohne Kind. Der ein Liebespaar sein? Auf die Antwort „lesbisches Paar“ wird
Bildungsplan 2016 beschreibt die Kompetenzen, die Schü- genauer eingegangen. Was bedeutet lesbisch? Die Frauen
ler_innen im Bereich „Kultur und Vielfalt“ (3.3.1.3) erwer- lieben sich und wollen zusammenbleiben. Deshalb haben
ben sollen, folgendermaßen: „Die Schülerinnen und Schüler sie auch eine gemeinsame Wohnung. Die Frage von Kindern,
nehmen die Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Räumen ob Frauen auch heiraten können, kann im Grundschulbe-
und Lebenswelten wahr (zum Beispiel hinsichtlich … sozialer reich durchaus bejaht werden, ohne auf den Beschluss des
Beziehungen …). Sie stellen Vergleiche an und setzen ihre ei- Deutschen Bundestags zur Einführung der Ehe für alle im
gene Lebenswelt damit in Beziehung. Die Schülerinnen und Juni 2017 einzugehen.
Schüler können gesellschaftliche Vielfalt tolerieren und da- Wohnung 3: Frau und Kind. Dies könnte eine alleinerziehende
raus Konsequenzen für ihr eigenes Leben ableiten.“ Als zu Mutter mit Kind sein, die bewusst allein lebt oder deren Part-
erwerbende Teilkompetenz ist benannt, Unterschiede und ner gestorben ist oder die getrennt vom Vater des Kindes lebt.
Gemeinsamkeiten innerhalb und zwischen verschiedenen Wohnung 4: Zwei Männer. Es könnten Freunde sein, Brü-
Kulturen zu erkennen und zu respektieren (im Hinblick auf der, ein Vater mit erwachsenem Sohn oder ein Liebespaar.
Lebensstile, Bräuche, Wertorientierungen). Analog zum Frauenpaar wird die Bedeutung des Wor-
tes „schwul“ erklärt. Die Lehrperson stellt im Gespräch
1. und 2. Stunde: Meine Familie mit den Schüler_innen Homosexualität als gleichwertige
Die Kinder bringen Fotos von ihrer Familie (alle Personen, selbstverständliche Lebensform dar.
mit denen sie zusammen wohnen und die ihnen wichtig Wohnung 5: Dunkelhäutiger Mann und dunkelhäutige
sind) mit. Wer keine Fotos hat, kann seine Familie auch Frau, hellhäutiges Kind. Dies könnte ein Ehepaar sein, das
zeichnen. Im Sitzkreis werden die Bilder ausgelegt. Jedes ein Kind adoptiert hat.
Kind erzählt ausführlich dazu. Die spontanen Berichte der Wohnung 6: Frau, Mann, zwei Kinder. Das könnten Mutter
Schüler_innen werden von der Lehrerin oder dem Lehrer und Vater mit ihren zwei Kindern sein. Oder: Die Mutter ist
zurückhaltend begleitet und keinerlei Wertung unterzogen. geschieden und lebt mit einem neuen Partner zusammen,
oder die Erwachsenen haben jeweils ein Kind mit in die Be-
3. Stunde: Wer lebt in diesem Haus zusammen? ziehung gebracht
Anhand eines Hauses, das Personen in unterschiedlichen Wohnung 7: Die Darstellung der Figuren lässt verschiede-
Formen des Zusammenlebens bewohnen (Siehe Kopier- ne Deutungsmöglichkeiten zu: Es kann ein Paar (Mann und
vorlage auf der nächsten Seite), werden verschieden Le- Frau) sein, ein allein erziehendes Elternteil mit Teenager-
bensformen thematisiert. Die Behandlung verschiedener Tochter, es könnten auch zwei Frauen sein.
Lebensformen sollte im Unterricht behutsam und wert- Ergebnis dieser Unterrichtsstunde: Es gibt unterschiedli-
schätzend gegenüber allen Formen erfolgen. Alternativ che Formen des Zusammenlebens. Menschen fühlen sich
kann auf Packpapier ein großes Haus mit sieben Wohnun- in der Gemeinschaft geborgen, erfahren Zuneigung und
gen gestaltet werden und Bilder aus Zeitschriften dazu ein- Liebe. Dies ist unabhängig von der Lebensform.
geklebt werden. Die Schüler_innen äußern sich spontan zu
dem Haus: Wer lebt hier zusammen? Anschließend wer- 4. Stunde: Unser Wunschhaus
den die einzelnen Wohnungen und ihre Bewohner_innen Die Schüler_innen malen in Gruppenarbeit ein Haus ent-
genauer betrachtet. sprechend der Anlage. Ein Arbeitsauftrag kann sein: Mit
Wohnung 1: Eine Person lebt allein. Ihr Geschlecht ist nicht wem würdet ihr gerne zusammen in einem Haus leben?
offensichtlich erkennbar. Die Person lebt allein, weil sie es Malt die Personen in die einzelnen Wohnungen. Im abschlie-
so möchte oder auch ungewollt (verschiedene Gründe sind ßenden Gespräch stellen die Gruppen ihre Ergebnisse vor.
denkbar).
LSBTI*-Lebensweisen im UnterrichtVIELFALT LEHREN 13
7
5 6
3 4
1 2
Zeichnung: Felix Seeger
LSBTI*-Lebensweisen im Unterricht14 VIELFALT LEHREN
Fächerübergreifender
Unterrichtsentwurf
Sekundarstufe I
// Die Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ (BTV) gibt eine Querschnittsauf-
gabe für alle Fächer vor. Ihr „Kernanliegen ist es, Respekt sowie die gegenseitige Achtung von Verschieden-
heit zu fördern. Der konstruktive Umgang mit Vielfalt stellt eine wichtige Kompetenz für die Menschen in
einer … modernen Gesellschaft dar“. Denn dort „begegnen sich Menschen unterschiedlicher Staatsange-
hörigkeit, Nationalität, Ethnie, Religion oder Weltanschauung, unterschiedlichen Alters, psychischer, geis-
tiger und physischer Disposition sowie geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung.“ //
Alle diese Aspekte von Vielfalt sind gleich wichtig und müs- anderen Identitäten befassen, sich in diese hineinverset-
sen besprochen werden – ein besonderes Augenmerk ver- zen und sich mit diesen auseinandersetzen, schärfen sie ihr
dient das Thema sexuelle Identität und LSBTI*-Lebenswei- Bewusstsein für ihre eigene Identität. Dabei erfahren sie,
sen, da es immer noch ein tabuisiertes Thema in unserer dass Vielfalt gesellschaftliche Realität ist und die Identität
Gesellschaft ist. Indem Schülerinnen und Schüler sich mit anderer keine Bedrohung der eigenen Identität bedeutet.
Anknüpfung an die Kompetenzen im Bildungsplan Sekundarstufe I
Fach Bildungsplan Inhaltsbezogene Kompetenz
SI Nummer
Englisch 3.3.1.1 Rolle des Individuums in der Gruppe, z.B. Formen des Zusammenlebens,
Freunde, peer groups,…Identitätsfindung…
Kath. Religion Kl.9/10 3.3.1.5 Liebe, Freundschaft, Partnerschaft, …Heterogenität und Vielfalt..
Ev. Religion 3.3.1.1. Ausprägungen von Liebe , Partnerschaft und Sexualität;
eingetragene Partnerschaft…
Biologie 3.2.2.4. 6 Fortpflanzung und Entwicklung
Formen der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität…
Bedeutung der Sexualität (auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften)
Gemeinschafts- 3.1.1.3. 1 Familie und Gesellschaft: unterschiedliche Lebensformen
kunde
Geschichte 3.3.1.3. Nationalsozialismus: Verfolgung von Juden… und Homosexuellen..
Ethik 3.1.1.1. Identität, Individualität und Rolle
3.1.2.1. Bedeutung von Konflikten: Vorurteile , Diskriminierung
3.2.1.1.3 Liebe und Sexualität, …Rollenbilder von Partnerschaft, Ehe, Familie, sexueller
Identität, Gender…
Orientierungshilfen für einen verantwortlichen Umgang mit Andersheit er-
läutern (z.B. Menschenrechte)
Deutsch 3.2.2.1. Literarische Texte kontextualisieren: eigene und fremde Lebenswelten …ver-
gleichen (auch in Bezug auf … geschlechtliche Identitäten oder sexuelle Ori-
entierungen)
Fach Bildungsplan Prozessbezogene Kompetenzen
S I Nummer
Ethik 2.2.5. Analysieren und interpretieren:
SuS können Grundbedingungen verschiedener Perspektiven (z.B. … Ge-
schlecht, sexuelle Identität oder Orientierung…) aufzeigen und vergleichen
LSBTI*-Lebensweisen im UnterrichtVIELFALT LEHREN 15
Leitfaden beim Umgang mit Heterogenität ist der Grund- Phase 1: Einstimmung / Sensibilisierung
gedanke der Inklusion: Vielfalt ist eine Bereicherung. Alle
Schüler_innen haben das Recht, mit ihren individuellen M1 Steh-auf-Spiel
Eigenschaften wahrgenommen zu werden und akzep- Ziel: Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Gruppenzu-
tierter Teil der Gruppe zu sein. Wichtig ist bei der päda- gehörigkeiten werden aufgezeigt.
gogischen Arbeit mit Klassen in Richtung Akzeptanz und Ablauf: Die Schüler_innen sitzen im Kreis. Die Lehrkraft
Wertschätzung von Vielfalt, dass zunächst ein inklusives stellt Fragen. Kann ein Kind eine Frage mit „ja“ beantwor-
Klima geschaffen wird, indem die Schüler_innen sich mit ten, so steht es auf. Die sitzenden und stehenden Schü-
Gemeinsamkeiten innerhalb ihrer Gruppe auseinanderset- ler_ innen halten inne und schauen sich schweigend um:
zen. Wenn sich alle der Klasse zugehörig fühlen, werden Wer steht gemeinsam mit mir auf? Wer ist mir ähnlich?
in einem zweiten Schritt die Unterschiede thematisiert. So
können die Kinder ihre individuellen Unterschiede wahr- M2 Minderheitenspiel
nehmen und lernen, sie zu akzeptieren und zu schätzen. Ziel: Die Schüler_innen erfahren, wie man sich fühlt,
wenn man zur Minderheit bzw. zur Mehrheit gehört.
Spezifizierung der Kompetenzen Ablauf: An einer Wand des Klassenzimmers hängt ein
Die Schüler_innen… Schild „Ich“ - an der gegenüberliegenden Wand eines mit
• kennen unterschiedliche Lebensformen; „Ich nicht“. Die Lehrkraft stellt eine Frage, z.B. „Wer hat
• nehmen unterschiedliche Perspektiven ein und verste- Geschwister?“ Alle Schüler_innen stellen sich schwei-
hen, dass es normal ist, verschieden zu sein; dies stärkt gend zu der für sie zutreffenden Antwort, also z.B. alle
auch Jugendliche, die sich „anders“ fühlen; Einzelkinder zu „Ich nicht“. Dabei ist im ganzen Spiel ein-
• lernen Gemeinsamkeiten und Unterschiede hetero- mal Schummeln erlaubt. Nun betrachten sie schweigend
und homosexueller Lebensweisen sowie unterschiedli- die eigene und die andere Gruppe und nehmen ihre Ge-
cher Geschlechtsidentitäten kennen; sie setzen sich mit fühle in ihrer jeweiligen Position wahr.
dem Minderheitenstatus auseinander und setzen sich Reflexion: Auseinandersetzung mit dem jeweils eigenen
mit Vorurteilen und Einstellungen gegenüber Lesben, Minderheiten- und Mehrheitenstatus: Nach der Beant-
Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen auseinander; wortung aller Fragen werden die Wahrnehmungen im
• erkennen, dass Unterschiede nicht nur unentbehrlich Unterrichtsgespräch ausgewertet. (Leitfragen: Wie ging
sind für eine Gesellschaft, sondern immer auch eine es mir? Welche Fragen haben die stärkste Reaktion her-
Bereicherung. vorgerufen? Wie habe ich es erlebt, allein oder mit vielen
Indem die Schüler_innen Unterschiede und Gemeinsam- auf einer Position zu stehen? Bei welchen Fragen war das
keiten zwischen sich und anderen erkennen und damit eher angenehm, bei welchen eher unangenehm?)
wahrnehmen, dass sie unterschiedlichen, sich überschnei-
denden Gruppen angehören, nehmen ihr Gefühl der so- M3 WhatsApp – Hilferuf beantworten
ziokulturellen Kohärenz und ihre Kooperationsfähigkeit zu. Ziel: Die Schüler_innen setzen sich mit der sexuellen Ori-
entierung und dem Coming-out auseinander und nehmen
Unterrichtsbausteine Stellung.
Im Folgenden werden unterschiedliche Bausteine zur Ge- Ablauf: Einzelarbeit: Die Mädchen schreiben eine Ant-
schlechtsidentität angeboten. Die dazugehörigen Mate- wort auf den WhatsApp-Hilferuf einer guten Freundin,
rialien sind beim Baustein benannt; alle Materialen sind der gerade klar geworden ist, dass sie lesbisch ist (erste
im Anschluss an die Darstellung der gesamten Einheit ab- Phase des Coming-out). Entsprechend beantworten die
gedruckt. Es bleibt der Lehrkraft überlassen, sich für den Jungen die Nachricht eines Freundes.
eigenen Unterricht - je nach dem Entwicklungsstand der Gruppenarbeit: Die Schüler_innen tauschen sich in Grup-
Klasse - die passenden Bausteine herauszusuchen. Es soll- pen über ihre Nachrichten aus.
ten aber alle vier Phasen chronologisch durchlaufen wer- (Alternative: Die anonymen Antworten werden einge-
den. Die Bausteine sind gegliedert in die folgenden vier sammelt und neu verteilt. Die Schüler_innen lesen aus
Phasen: den ihnen fremden Nachrichten vor.) Beispiele für Ant-
Phase 1: Einstimmung / Sensibilisierung worten von Schüler_innen finden Sie im Material M4.
Phase 2: Vorwissen abrufen / Vorurteile klären
Phase 3: Fakten klären / Wissen vermitteln M5 Eine neue Liebe
Phase 4: Vertiefung Ziel: Diese Übung sensibilisiert die Teilnehmenden für
die Unterschiede in der Aufmerksamkeit und Wert-
schätzung, die homosexuelle Partnerschaften im Ver-
gleich zu heterosexuellen Partnerschaften erfahren. Sie
lernen verstehen, warum lesbische und schwule Paare
LSBTI*-Lebensweisen im Unterricht16 VIELFALT LEHREN
sich wenig zeigen. Die Reaktionen der Familien und des Phase 2: Vorwissen abrufen / Vorurteile und
Umfelds können dabei sehr unterschiedlich sein. Einstellungen klären
Dauer: 20-30 Minuten
Gruppengröße: Mind. 8 Teilnehmende Ziel: Das Abrufen des Vorwissens ist essentiell, wie die For-
Anleitung: Stell dir vor, du bist seit 3 Monaten frisch ver- schung zu subjektiven Theorien zeigt. Jede Schülerin, jeder
liebt in „Alex“. Schüler hat ein Bild von Lesben und Schwulen, das wiede-
Die Klasse wird geteilt: die eine Hälfte ist in das gleiche Ge- rum die persönliche Einstellung zu Homo, Bi-, Trans- oder
schlecht verliebt, die andere in das andere Geschlecht. Alle Intersexuellen prägt. Damit dieses Bild verändert werden
sollen in ihrer Rolle 20 Fragen mit Ja oder Nein beantwor- kann, muss es erst einmal bewusst gemacht werden. Über-
ten wie z.B. „Kannst du Alex zu dir nach Hause einladen?“ greifendes Ziel der Bausteine in Phase 2 und 3 ist es, Vorur-
„Traust du dich in der S-Bahn Händchen zu halten?“ Die teile bewusst zu machen und zu relativieren.
Schülerinnen können entweder Aufstehen für JA und Sit-
zenbleiben für NEIN (und dabei mitzählen, wie oft sie auf- Zettelabfrage
stehen) - oder die Fragen beantworten durch Ankreuzen Ziel: Die Schüler_innen reflektieren über ihr Vorwissen und
auf dem ausgeteilten Arbeitsblatt M5. unterscheiden zwischen Wissen und Vorurteilen.
Auswertung: Alle stehen auf und setzen sich erst bei der Ablauf: Die Schüler_innen beantworten auf drei verschie-
Aussage, die für sie zutrifft: denfarbigen Zetteln (grün, rot, blau) folgende Fragen:
„Wer hat alle Fragen mit JA beantwortet, wer 19, 18, 17 …?“ Was weißt du über Schwule und Lesben, Bi-, Trans- und In-
Fazit: Es wird sichtbar, dass die gleichgeschlechtlich Lie- tersexuelle? (grün)
benden alle viel länger stehen bleiben. Welche Vorurteile und Schimpfwörter kennst du? (rot)
Nachbearbeitung: Welche Fragen und Begriffe sollen im Unterricht geklärt
- Gespräch in Tandems: „Wie ging es mir in meiner Rolle?“ werden? (blau)
„Welche Punkte waren für mich am schwierigsten?“ Sie ordnen ihre Zettel der entsprechenden Kategorie „Fak-
- Gespräch in der Gruppe: Warum sind nicht alle „Homos“ ten“, „Vorurteile / Schimpfwörter“, „Fragen“ an der Tafel
oder „Heteros“ jeweils gleich lang stehen geblieben? zu. Je eine Person liest alle Zettel bei einer Kategorie laut
Fazit: Es gibt auch Unterschiede in diesen Gruppen. vor. Im Unterrichtsgespräch wird geklärt, woher das Wis-
Quelle: Adaption der Übung „Zum ersten Mal verliebt“ sen und die Vorurteile stammen. Wichtige Fragen dabei
von Bildungsinitiative QUEERFORMAT/KomBi, in: Schmidt, sind: Wer kennt Lesben oder Schwule, Bi-, Trans- und In-
Friederike/Schondelmayer, Anne-Christin/Schröder, Ute tersexuelle? Wie leben diese?
B. (Hg.) (2015), Selbstbestimmung und Anerkennung sexu- Hinweis: Auf die unterschiedlichen Zettel kann die Lehr-
eller und geschlechtlicher Vielfalt. Lebenswirklichkeiten, kraft sofort oder in Phase 3 (Fakten klären) eingehen.
Forschungsergebnisse und Bildungsbausteine, Wiesbaden:
Springer VS, S. 384 ff. M6 „Was-wäre-wenn“-Spiel
Ziel: Die Schüler_innen setzen sich mit ihren Einstellungen
Dokumentarfilm zum Coming-out auseinander.
Als Impuls wird der Schulfernsehfilm „Lesbisch. Schwul. Ablauf: Gruppen von 4 - 6 Schüler_innen erhalten einen
Jung“ gezeigt, der drei Jugendliche im Coming-out vorstellt. Stapel Karten mit Fragen (zum Thema Homo-, Trans- und In-
Der Film, Hintergrundinformationen und ausführliches Un- tersexualität, Gruppendruck, Konflikte, Pubertät). Reihum
terrichtsmaterial stehen online zur Verfügung unter: nimmt jede/r das oberste Kärtchen, liest eine Frage laut
www.planet-schule.de/sf/filme-online.php?film= vor und beantwortet diese, möglichst ohne lange nachzu-
10163&reihe=1460 denken. (Leitfragen: Was würdest du in der Situation tun?
Die Schüler_innen bearbeiten folgende Fragen (in Einzel- Wie würdest du dich fühlen?) Es darf auch pro Runde eine
und in Gruppenarbeit): Frage nicht beantwortet werden und die nächste Karte
Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede siehst du bei gezogen werden. Nach der Beantwortung jeder Frage tau-
den drei Protagonist_innen? schen sich die Schüler_innen über diese und die Antwort
Wie verlief das Coming-out jeweils? aus. Als Hilfe für das Feedback erhalten die Gruppen Satz-
Wie wirken die drei Jugendlichen auf dich? Was findest du anfänge. („Ich fand deine Schilderung interessant, weil …“;
sympathisch, was befremdend? „Ich hatte bei deiner Aussage das Gefühl, dass …“; „Ich
Welche Fragen würdest du ihnen gerne stellen? kann nicht nachvollziehen, warum …“; „Mir fällt zu deiner
Was weißt du über schwule Jungen oder lesbische Mäd- Schilderung noch Folgendes ein …“)
chen, was über Bi-, Trans- und Intersexualität? Hinweis: Das Mitspielen bei diesem Spiel sollte nicht ver-
Was sagen deine Freundinnen und Freunde über Lesben pflichtend für die ganze Klasse sein, sondern fakultativ
und Schwule? angeboten werden. Die Voraussetzung für einen positi-
ven Austausch ist die Bereitschaft der Schüler_innen, sich
LSBTI*-Lebensweisen im UnterrichtVIELFALT LEHREN 17
ernsthaft auf die Fragen einzulassen und sich darüber aus- gesehen wird. Der heterosexuelle Fragebogen dreht diese
zutauschen. Hilfreich dafür ist es, wenn jede Gruppe die heteronormative Sichtweise um und stellt auf Heterosexua-
Spielregeln kopiert vor sich liegen hat und die Schüler_in- lität bezogen genau die Fragen, mit denen oft Homosexu-
nen dazu angehalten werden, diese strikt zu befolgen. elle konfrontiert sind. Er wurde im Kontext der Antidiskrimi-
nierungsarbeit in den USA in den 1970er Jahren entwickelt
Phase 3: Fakten klären / Wissen vermitteln und findet in dieser Arbeit seither verbreitet Anwendung.
Damit lädt er auf provozierende und auch humoristische
Ziel: Vorurteilen über LSBTI* werden differenziertere Art zum Perspektivwechsel ein und deckt Vorurteile auf.
Bilder und Informationen entgegengestellt. Somit wird Diese Form der Ironie wird je nach Entwicklungsstand von
deutlich, dass LSBTI*-Menschen sich untereinander ge- den Schüler_innen sofort verstanden oder braucht noch
nauso stark unterscheiden wie heterosexuelle und cis- verstärkte Lenkung und Unterstützung der Lehrkraft. Der
geschlechtliche Menschen. Grad der notwendigen Lenkung der Lehrkraft bei diesem
Perspektivwechsel wird vom entwicklungspsychologischen
M7 Bekannte LSBTI* Stand der Schüler_innen bestimmt. Der Fragebogen wird
Ziel: Die Bedeutung des Anders-Seins nimmt ab, wenn dem ohne Einschränkung zur Verwendung ab Klasse 10 empfoh-
Gruppenmerkmal „Homosexualität“ nicht so viel Gewicht len, da dann ein Verständnis von Ironie allgemein vorausge-
beigemessen und die Einzigartigkeit jeder Person mehr be- setzt werden kann. Die Frage: “Welche Gefühle und Gedan-
tont wird. ken wecken diese Fragen in dir?“, kann auch schon jüngeren
Ablauf: Zuerst werden Namen bekannter LSBTI* gesam- Schüler_innen gestellt werden. Allgemein gilt hier wie bei
melt, die die Schüler_innen kennen. Eine Folie mit weite- anderen Materialien auch, dass ihr Einsatz im Ermessen der
ren Fotos/ Namen dient als Impuls für ein Unterrichtsge- Lehrkraft liegt.
spräch.
M 10 Äußerungen von LSBTI*-Jugendlichen
Begriffe klären Diese Äußerungen zeigen, wie abhängig gerade Jugendli-
Ablauf: Die Karten mit Begriffen werden an die Schüler_in- che von der Meinung ihrer Familienangehörigen und Al-
nen ausgeteilt. Zu zweit klären sie die Begriffe und stel- tersgenossen sind. Unbedachte oder gar bewusst herab-
len sie vor. Dabei kann auf das Glossar aus der Broschüre setzende Sprüche können sie sehr verletzen, ohne dass
zurückgegriffen werden. Folgende Begriffe können zum dies der redenden Person bewusst ist. Die Zitate sind der
Beispiel ausgeteilt werden: lesbisch, transsexuell, hete- Veröffentlichung von Ellen Bass und Kate Kaufman, ‚Wir
rosexuell, homosexuell, intersexuell, Zwitter, bisexuell, lieben, wen wir wollen‘ entnommen, die 1999 beim Orlan-
transgender, Transvestit, pädophil, Coming-out, Outing, da-Verlag, Berlin erschienen ist.
monogam, homophob, gay, Regenbogenfamilie…
Hinweis: Wichtig ist bei der Besprechung die Unterschei- Phase 4: Vertiefung
dung zwischen kriminellen Verhaltensweisen (Kindesmiss-
brauch, sexuelle Übergriffe) und Varianten der Geschlecht- M11 Rollenspiele
sidentität sowie der sexuellen Orientierung. Ziel: Anhand von Rollenspielen werden die Schüler_innen
auf der Gefühlsebene angesprochen und nehmen einen Per-
M8 Fakten spektivwechsel vor.
Ablauf: Im Vortrag oder Unterrichtsgespräch vermittelt Hinweis: Die Teilnahme am Rollenspiel sollte auf Freiwil-
die Lehrkraft Informationen zu folgenden Gebieten: ligkeit beruhen.
• Formen der sexuellen Orientierung und der Geschlecht- Ablauf: Die Schüler_innen erhalten Rollenspielkarten und
sidentitäten spielen die vorgegebenen Situationen in Kleingruppen. An-
• Coming-out schließend werden die Rollenspiele im Plenum vorgespielt
• Diskriminierung (auf freiwilliger Basis) und ausgewertet.
• Rechtslage Weitere Rollenspiele finden sich in: Berliner Landesinstitut
Die in Baustein II genannten Gebiete können auch anhand für Schule und Medien: Lesbische und schwule Lebenswei-
eines Gedichtes, Zeitungsartikels, Textes aus einem Ju- sen. Handreichung für die weiterführenden Schulen, Berlin
gendbuch (siehe Medienliste im Anhang) oder Comics the- 2006, S. 45 und S. 58
matisiert werden.
M12 Filme
M 9 Heterosexueller Fragebogen (ab Klasse 10) In der Medienliste im Anhang finden sich Dokumentar-,
Lesben und Schwule bekommen oft Fragen gestellt wie Spiel- und Kurzfilme, mit denen sich das Thema gut veran-
“Weißt du, woher deine Homosexualität kommt?“, weil He- schaulichen und vertiefen lässt.
terosexualität als normal und Homosexualität als abnormal
LSBTI*-Lebensweisen im Unterricht18 VIELFALT LEHREN
Materialien zum fächerübergreifenden Unterrichtsentwurf (Sek I)
M1 „Steh-auf“-Spiel M2 Minderheitenspiel
Fragen Fragen
• Wer ist heute mit dem Fahrrad in die Schule gekommen? • Wer hat ein Vesperbrot für die Pause dabei?
• Wessen Lieblingsfarbe ist blau? • Wer ist Linkshänder/in?
• Wer isst gerne Fleisch? • Wer liest gerne?
• Wer spielt ein Instrument? • Wer hat als Kind gerne mit Puppen gespielt?
• Wer ist in einem Sportverein? • Wer hat Eltern, die nicht in Deutschland geboren sind?
• Wer spricht mehr als 3 Sprachen? • Wer hat schon einmal eine 1 in einem Hauptfach ge-
• Wer spielt gerne Computerspiele? schrieben?
• Wessen Lieblingsfach ist Bildende Kunst? • Wer lebt mit Mutter und Vater zusammen?
• Wer hat mehr als 2 Geschwister? • Wer hat schon einmal eine Klasse wiederholt?
• Wer hat eine Zahnspange?
• Wer kann Türkisch?
• Wer hat mehr als Schuhgröße 42?
• Wer hat bei dem Spiel jetzt einmal geschummelt?
M3 Eine WhatsApp-Nachricht beantworten
WhatsApp Nachricht für Mädchen
Hi.....,
ich muss dir was verraten.....omg... ich weiß gar nicht wie ich es sagen soll, aber dir kann ichs
ja anvertrauen: Ich habe mich in Mariam aus der Para verknallt! So jetzt is es raus -.-‘ Heftig
oder? Aber was soll ich machen? Jungs interessieren mich null. Wenn andere von irgendwel-
chen Typen schwärmen, kann ich nicht mitreden. Dafür könnte ich stundenlang über Mariam
reden. Ich werd total kribbelig, wenn ich sie sehe und träume ständig von ihr.Sie können auch lesen