Neustart Pflege Das MagazinAus der Heimstiftung - Pflege-Ausbildung - Evangelische Heimstiftung
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Das Magazin
2/2019
Aus der Heimstiftung
Pro-Pflegereform Hackathon Pflege-Ausbildung
Zweites Gutachten Neue Wege Interview zur
vorgestellt gehen Generalistik
Neustart
PflegeStell dir vor, du und dein Arbeitgeber gehen ganz neue Wege. Mit dem Innovationsgeist der EHS. Ein Arbeitgeber nach deinen Vorstellungen. Seit vielen Jahren kämpfen wir für bessere politische Rahmenbedingungen in der Altenpflege und -betreuung. Dazu gehören eine faire Entlohnung, mehr Anerkennung des Berufsbilds sowie die Neugier auf technische und soziale Innovation. Dies alles lässt sich mit dem Mut der EHS meistern. Jetzt unter www.ev-heimstiftung.de/karriere bewerben!
Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
die Pflege ist in aller Munde. Der Bundestag hat ein
Pflegelöhneverbesserungsgesetz auf den Weg ge-
bracht – gute Pflege soll zukünftig flächendeckend
auch gut bezahlt werden. Eine Entwicklung, die wir
natürlich begrüßen. Wir als Evangelische Heimstif-
tung gehen diesen Weg der fairen Bezahlung unserer
Pflegefachkräfte bereits seit vielen Jahren. Aber wir
rufen auch dazu auf, die Konsequenzen für die
Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen zu beden-
ken. Jede Lohnsteigerung geht nach dem aktuellen
System der Pflegeversicherung zu 100 Prozent auf
ihre Kosten. Deshalb fordern wir noch dringlicher
den Sockel-Spitze-Tausch und die Begrenzung der
Eigenanteile. Am 13. November haben die Initiative
Pro-Pflegereform und Professor Heinz Rothgang in
Berlin das zweite Gutachten zur Reform der Pflege-
versicherung vorgestellt. Der Sockel-Spitze-Tausch
ist möglich und finanzierbar – jetzt muss es an die
Umsetzung gehen.
Ganz konkret steht als nächstes der Beginn der
generalistischen Ausbildung an – mit der Umset-
zung beschäftigen wir uns intensiv in einer inter-
nen Arbeitsgruppe. Denn Innovationen treiben wir
in der EHS in allen Bereichen der Pflege voran – ob
in der Ausbildung oder mit der Teilanhme an einem
Hackathon im Gesundheitswesen, in dem neue
Konzepte für die Gewinnung von Engagierten im
Quartier entwickelt werden.
Wir danken allen Mitarbeitern für ihren Innova
tionsgeist und das erneute, vielfältige Engagement
im vergangenen Jahr sowie den Bewohnern, Ange-
hörigen, Kunden und Partnern für ihr Vertrauen.
Für das Jahr 2020 wünsche ich Ihnen alles Gute,
Gottes Segen und viel Mut, neue Wege zu gehen.
Ihr Bernhard Schneider
„Aus der Heimstiftung“ 2/2019 3Inhalt
06 13
Inhalt 2/2019
6 | Titel 20 | Aus der Heimstiftung
Das Magazin
2/2019
Pro-Pflegereform Hackathon
Aus der Heimstiftung
Pflege-Ausbildung
Pflege ohne Grenzen – Innovation in der Pflege –
Zweites Gutachten zur Reform ein Praxisbericht
Zweites Gutachten Neue Wege Interview zur
vorgestellt gehen Generalistik
Neustart der Pflegeversicherung
Verluste in Sprache fassen –
Pflege mit der Seelenapotheke
13 | Perspektiven
Unternehmer-Netzwerktreffen
Interview
zur generalistischen 2019
Ausbildung in der Pflege
Dritte WohnenPLUS-Residenz
Neue Wege gehen – eröffnet
Hackathon-Challenge
Führungskräftetagung 2019
Pflege-Azubis profitieren sofort
18 | Impuls
und doppelt vom Tarifabschluss
Biblische Jahreslosung 2020
Kollegen-Finder bringt über
70 neue Mitarbeitende
SPD AG 60 plus im Kreis Böblingen
Acht neue Quartiersmanager für
die EHS
Wer macht was in der
Evangelischen Heimstiftung
Personalien
4 „Aus der Heimstiftung“ 2/2019Inhalt
20 27 28
27 | Freundeskreis Impressum
Ein Garten für alle Sinne „Das Magazin. Aus der Heimstiftung“
Verantwortlich: Bernhard Schneider
Redaktion: Ann-Christin Kulick
magazin@ev-heimstiftung.de
28 | Ehrenamt aktiv
Nicht gekennzeichnete Artikel sind
von der Redaktion verfasst
Ehrenamtspreis 2019 – Anschrift der Redaktion:
drei Projekte ausgezeichnet „Das Magazin. Aus der Heimstiftung“
Hackstraße 12, 70190 Stuttgart
Gestaltung:
AmedickSommer GmbH, Stuttgart
30 | Bau
Fotos:
alle Fotos Evangelische Heimstiftung
Spatenstich mit Ausnahme von:
Titel, S. 4 © Adobe Stock, peshkov
Hammerschlag S. 16, 17 © Adobe Stock, Rassco
S. 28, 29 © Adobe Stock, AldanNa
Grundsteinlegung
Produktion und Druck:
Richtfest Henkel GmbH Druckerei, Stuttgart
Nachdruck und elektronische Verwendung
nur mit schriftlicher Genehmigung.
34 | Übersicht „Das Magazin. Aus der Heimstiftung“
erscheint zweimal im Jahr.
Namen und Anschriften Auflage: 20.500
Herausgeber:
Evangelische Heimstiftung GmbH
www.ev-heimstiftung.de
Der Bezugspreis ist durch den Beitrag
abgegolten.
Im Magazin wird das generische Maskulinum ver-
wendet. Dies dient lediglich der Leserfreundlichkeit
und schließt alle Geschlechter mit ein.
„Aus der Heimstiftung“ 2/2019 5Titel
Pflege ohne Grenzen –
Zweites Gutachten zur Reform der
Pflegeversicherung
Vor 25 Jahren wurde in Deutschland die Pflegever- Es geht aber nicht nur ums Geld: Die Pflegever
sicherung eingeführt. Das Ziel lautet damals wie sicherung ist mit unzähligen Reformen zum
heute: Die Menschen dürfen durch eine auftretende Leistungsrecht, zur Leistungserbringung, zur Heim
Pflegebedürftigkeit nicht in die Sozialhilfe abrut- aufsicht etc. so kompliziert geworden, dass schon
schen. Seinerzeit wurden pauschale Leistungssätze Fachleute die unterschiedlichen Regelungen zur
festgelegt, mit denen die pflegebedingten Kosten im ambulanten Pflege zu Hause oder zur stationären
Pflegeheim in der Regel tatsächlich abgedeckt wer- Pflege im Pflegeheim nicht mehr verstehen. Das
den konnten. Das ist längst nicht mehr der Fall: Die System muss wieder verständlicher werden und die
Leistungsbeträge der Pflegeversicherung wurden individuellen Bedürfnisse der Menschen in den
kaum erhöht. Sie halten mit den Pflegesätzen nicht Mittelpunkt stellen.
mehr Schritt, die durch Tarifsteigerungen und Qua-
litätsverbesserungen wie höhere Löhne und bessere Deshalb fordert die Evangelische Heimstiftung
Personalschlüssel steigen. Dadurch erhöhen sich zusammen mit der bundesweiten Initiative Pro-
auch die Eigenanteile der Pflegebedürftigen unauf- Pflegereform einen Neustart für die Pflegever
hörlich. Sie betragen teilweise schon über 3.000 Euro sicherung. Sie hat dazu gemeinsam mit Dr. Heinz
im Monat – wer kann sich das noch leisten? Gleich- Rothgang, Professor für Gesundheitsökonomie an
zeitig wissen wir, dass es wegen des Pflegenotstands der Universität Bremen, das zweite Gutachten zur
nötig ist, weiter in die Pflege zu investieren. Die alternativen Ausgestaltung der Pflegeversicherung
Kosten werden also weiter steigen und müssen allein erarbeitet und im November 2019 der Öffentlichkeit
von den Pflegebedürftigen gezahlt werden, weil die vorgestellt. Es beschreibt mit sieben Bausteinen eine
Pflegeversicherung weiterhin nur einen festgelegten grundlegende Reform der Pflegeversicherung.
Sockelbetrag übernimmt.
6 „Aus der Heimstiftung“ 2/2019Titel
Die kurz erklärt
„Wir müssen den
Paradigmenwechsel Viel Bürokratie
Stefans Mutter ist steht den beiden
mutig angehen. seit einem Sturz nun bevor.
Wir können nicht und benötigt
mehr lange warten.“ professionelle Hilfe.
M
anne Lucha,
Außerdem wissen sie
Minister für Soziales und Integration,
nicht wie sie die
Baden-Württemberg
sollen...
sich weiterentwickelt
und damit ist auch ihr
Preis gestiegen, die
hat sich jedoch nicht
verändert.
bezahlt alle Kosten,
die darüber hinaus
anfallen.
-
rung bezahlt einen
Die Lösung: Der
Sockel-Spitze-Tausch.
würden nur noch
einen Fixbetrag
Horizonte 2019 Zwei Gutachten von bezahlen...
Professor Heinz
Rothgang zeigen:
Professor Heinz Rothgang und die Initiative das ist möglich ... Kosten darüber
Pro-Pflegereform haben ihr zweites Gutachten hinaus übernimmt
außerdem bei Horizonte – dem Pflegeforum versicherung.
der Evangelischen Heimstiftung – vorgestellt.
Manne Lucha, Minister für Soziales und
Integration in Baden-Württemberg, erläuterte
in seinem Impulsvortrag zudem die politische
... denn die Gesamtkosten verteilen
Machbarkeit der Reformvorschläge. Er sich auf viele Köpfe.
bekannte sich dabei ausdrücklich zum Sockel-
Spitze-Tausch und zeigte außerdem Ansatz-
punkte des Gutachtens zur weiteren
politischen Diskussion auf. Jetzt mitmachen und
Videos zur Veranstaltung unter
www.ev-heimstiftung.de/youtube
„Aus der Heimstiftung“ 2/2019 7Titel
Baustein 1: Behandlungspflege zahlt Dieses Reformelement macht mit dem Sockel-
die Krankenkasse Spitze-Tausch einen einfachen, aber wirkungsvollen
Dieser Schritt ist längst überfällig: In der häuslichen Vorschlag: Das aktuelle System der Pflegeversiche-
Pflege wird die medizinische Behandlungspflege oder rung wird auf den Kopf gestellt, denn zukünftig
die Krankenpflege zu Hause von der Krankenver bezahlt der Versicherte für den pflegebedingten
sicherung bezahlt. Das ist auch richtig so. Im Pflege- Aufwand den festgelegten Sockelbetrag und die
heim ist es aber so, dass die Behandlungspflege in Pflegekasse übernimmt alle darüber hinaus gehen
den Pflegesätzen enthalten ist. Weil aber die Leistun- den notwenden Kosten für die Pflege.
gen der Pflegeversicherung ohnehin nicht ausrei-
chen, bezahlt der Versicherte die Behandlungspflege
über den Eigenanteil praktisch aus der eigenen
Tasche. Das ist ungerecht und spart der Kranken-
kasse rund 2,5 Milliarden Euro im Jahr.
Der erste Reformbaustein sieht deshalb vor, diese
Regelung anzugleichen: die Krankenkasse über- Dieser Sockel-Spitze-Tausch ist bitter nötig, denn
nimmt die Kosten für die medizinische Behand- die Pflegekosten werden in den nächsten Jahren
lungspflege (Cure) unabhängig davon, wo der weiter steigen. Wenn wir genügend junge Menschen
Versicherte lebt. Sie soll also zukünftig auch im für den Pflegeberuf begeistern wollen, dann müssen
Pflegeheim die „häusliche Krankenpflege“ auf wir bessere Personalschlüssel und bessere Bezah-
Rezept übernehmen. Dadurch sinken der Pflegesatz lung durchsetzen – Forderungen, denen sich im
und der Eigenanteil der Bewohner um durchschnitt- Übrigen auch die Politik angeschlossen und mit
lich rund 270 Euro monatlich. einem neuen Personalbemessungssystem und dem
Pflegelöhneverbesserungsgesetz dafür auch die
Baustein 2: Grundpflege und Betreuung rechtlichen Grundlagen geschaffen hat.
zahlt die Pflegekasse
Nach dem ersten Baustein gibt es unabhängig vom In seinem Gutachten hat Professor Rothgang aus-
Wohnort eine klare und einfache Zuständigkeit: Die gerechnet, wie hoch ein Sockelbetrag sein müsste,
Krankenkasse übernimmt die Behandlungspflege damit für die Dauer von maximal vier Jahren von
und die Pflegekasse ist für alle notwendigen Leistun- den Versicherten in etwa der gleiche Eigenanteil
gen der Pflege und Betreuung zuständig. Grundlage aufgebracht wird, wie zum Umstellungszeitpunkt.
ist das ambulante Sachleistungsprinzip, das zukünf- Dieser Wert liegt ungefähr bei 470 Euro monatlich.
tig dann überall gelten soll. Der Sockel-Spitze Tausch bedeutet also konkret, dass
die Pflegekasse alle notwendigen Pflegekosten über-
Baustein 3: Sockel-Spitze-Tausch für nimmt, die über 470 Euro liegen. Auf die Pflege
begrenzte Eigenanteile bedürftigen entfallen dann nur noch Miete, Haus-
Die Pflegebedürftigen tragen im jetzigen System ein haltskosten und weitere private Wunschleistungen.
doppeltes Pflegerisiko: Die Höhe der Pflegekosten Aber vor allem: Das Risiko steigender Pflegekosten
und die Zeitdauer sind nicht vorhersehbar und der liegt nicht mehr beim Einzelnen, sondern bei der
Einzelne kann für dieses Risiko auch nicht vorsor- solidarischen Pflegeversicherung und da gehört es
gen. Damit ist im Alter der Lebensstandard in Gefahr; auch hin.
Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben,
können sich Pflege nicht mehr leisten und drohen, Übrigens: Der Sockelbetrag 470 Euro ist ein Vor-
in die Sozialhilfe abzurutschen. Es ist die Pflicht schlag, der sich rechnerisch aus der aktuellen Situ-
eines Wohlfahrtsstaates, das zu verhindern. ation ergibt. Er kann natürlich auch niedriger
angesetzt werden. Wäre der Sockelbetrag null Euro,
dann hätten wir die Pflegevollversicherung, bei der
8 „Aus der Heimstiftung“ 2/2019Titel
es wie bei der Krankenkasse keinen Eigenanteil ausgegeben, an dem sich bis heute fast alle Pflegere-
geben würde. Im Gegenzug würden dann die formgesetze orientieren. Dieses System ist aus der Zeit
Beiträge zur Pflegeversicherung höher steigen. gefallen und muss abgeschafft werden. Das Reform-
konzept der Initiative Pro-Pflegereform beschreibt
Baustein 4: Wohnen und Pflege in deshalb eine „Welt ohne Sektoren“. Es ist also egal,
einer Welt ohne Grenzen ob jemand im Pflegeheim, in der eigenen Wohnung,
Mit Einführung der Pflegeversicherung wurde (der in einer Wohngemeinschaft, im Betreuten Wohnen
Krankenversicherung folgend) eine Grenzlinie zwi- oder in einem (jetzt noch) Pflegeheim lebt. Der
schen ambulant (Hausarzt / häusliche Pflege) und Leistungsanspruch gegenüber der Pflegekasse und
stationär (Krankenhaus / Pflegeheim) eingezogen. Krankenkasse und die Art der Leistungserbringung
Gleichzeitig wurde das Motto ambulant vor stationär durch Angehörige, Zugehörige und professionelle
Dienste ist überall gleich – alles funktioniert nach
einem einheitlichen, ambulanten System.
Kontext: Pflegelöhneverbesserungsgesetz Damit orientiert sich das Leistungsgeschehen am
Grundsatz Wohnen und Pflege. Das hat viele Vorteile.
Das vom Bundestag im Oktober beschlossene Es können sich viel leichter innovative Wohn- und
Pflegelöhneverbesserungsgesetz will eine Betreuungsformen entwickeln und die individuellen
bessere Bezahlung von Pflegekräften sicher Wünsche des Einzelnen rücken in den Vordergrund,
stellen, entweder durch einen allgemeinen Tarif- seine Autonomie wird gestärkt. Die informellen
vertrag oder durch höhere Mindestlöhne für die Helfernetze können ortsunabhängig erhalten und
Branche. Gleichzeitig hat der Bundestag auch aktiviert werden, so dass zum Beispiel auch im (jetzt
die Einführung eines Mindestlohns für Auszubil noch) Pflegeheim Angehörige Eigenleistung erbrin-
dende beschlossen. Bei der Evangelischen Heim- gen können und dafür auch Pflegegeld erhalten.
stiftung (EHS) begrüßt man die Bemühungen der
Bundespolitik, die Probleme der Pflege zu lösen. Um die Welt ohne Sektoren zu ermöglichen, müs-
„Die Gesetze haben aber unter dem Strich kaum sen weitere Voraussetzungen geschaffen werden:
Bedeutung für uns“, sagt EHS-Hauptgeschäfts- Alle Pflegeleistungen müssen, ähnlich wie jetzt im
führer Bernhard Schneider. Denn bereits jetzt ambulanten Bereich, modularisiert und mit ein-
verdienen Pflegefachkräfte bei der EHS mit heitlichen Preisen versehen werden. Diese müssen
3.247 Euro Monatsbrutto weitaus mehr, als die so gestaltet werden, dass sie zu Hause genauso
von Minister Jens Spahn genannten 2.500 Euro. funktionieren wie im (jetzt noch) Pflegeheim. Das
Auch die Ausbildungsvergütung liegt mit Reformkonzept macht hierzu einige sehr gute Vor-
1.140 Euro im ersten Lehrjahr weit über dem schläge, die in der Praxis noch diskutiert und
beschlossenen Mindestlohn von 515 Euro. weiter konkretisiert werden müssen. Wir wissen
„Vielmehr macht das Gesetz deutlich, dass eine aber mit dem Gutachten, dass eine Welt ohne Sek-
verfehlte Pflegepolitik nicht durch einen Eingriff toren nicht nur funktionieren wird, sondern auch
in die Tarifautonomie repariert werden kann“, viele Chancen eröffnet um die Pflegeversicherung
sagt Schneider. Denn nach dem aktuellen System
müssen die Pflegebedürftigen 100 Prozent der
höheren Löhne selbst finanzieren, was die ohne-
hin schon explodierenden Eigenanteile noch
mehr in die Höhe treiben würde. Ein gesetzlich
festgelegter Mindestlohn oder ein allgemeiner
Tarifvertrag funktionieren nur dann, wenn die
Tarifgehälter und damit auch jede Erhöhung aus
der Pflegeversicherung finanziert werden.
„Aus der Heimstiftung“ 2/2019 9Titel
fit zu machen für die großen Herausfor 470 Euro stabil und der Beitragssatz für die grad, sondern ein individuelles, bedarfs-
derungen der Zukunft. Pflegeversicherung steigt bis 2045 auf 5,6 gerechtes Leistungsbudget zu und zwar
Prozent. Nun, man kann mit Blick auf die unabhängig vom Ort der Leistungs
Baustein 5: Pflegegeld 2.0 Beiträge in anderen Sozialversicherungen erbringung.
Eine besonders gute und innovative Idee zu Recht sagen: Das ist in Ordnung – 5,6 2. Instanz: Mit einem gut ausgebauten
ist dabei das Pflegegeld 2.0. Das bisherige Prozent muss uns eine gute Pflege Wert sein. Case-Management auf kommunaler
Pflegegeld, wird je nach Pflegegrad in unter Ebene (z.B. Pflegestützpunkte) wird eine
schiedlicher Höhe an die Pflegebedürftigen Aber auch hier schlägt Professor Rothgang individuelle Beratung sichergestellt. Ziel
ausgezahlt, die darüber frei verfügen kön- in seinem Gutachten Alternativen vor: Pfle- ist es, im Interesse des Pflegebedürftigen
nen. Das neue Pflegegeld 2.0 wird an Ange ge ist ein allgemeines und zunehmendes im Rahmen des Leistungsbudgets ein
hörige sowie zivilgesellschaftliche Akteure Risiko. Deshalb kann das System durch den Pflegearrangement zu organisieren, das
bezahlt, die dafür konkrete Leistungs Einbezug eines Steuerzuschusses entlastet den optimalen Einsatz professioneller
module ganz oder teilweise verbindlich werden. Bei einem Steuerzuschuss von nur Dienste und zivilgesellschaftlicher
übernehmen. Für die Übernahme werden zehn Prozentpunkte der Leistungsausgaben Leistungserbringer ermöglicht.
40 Prozent des Profibetrags des jeweiligen könnte der Beitragssatz bis 2045 um 3. Instanz: Der beauftragte Pflegedienst
Moduls als steuer- und beitragsfreies Pflege 0,6 Prozentpunkte entlastet werden. Eine sichert für seinen Anteil am Leistungs-
geld an die Pflegeperson ausgezahlt. Außer- Absenkung um weitere 0,6 Prozentpunkte budget die tägliche Leistungsplanung
dem erhalten die Pflegepersonen eine wären möglich, wenn man die Pflegeversi- und Leistungserbringung sowie die
Grundqualifikation und eine qualitäts cherung zur Bürgerversicherung umwandelt Qualitätssicherung für das gesamte
sichernde Begleitung ihrer Arbeit. und gleichzeitig die Beitragsbemessungs- Pflegearrangement.
grenze auf das Niveau der Rentenversiche-
Baustein 6: Finanzierung – rung anhebt. Mit beiden Reformelementen Mit diesem Reformansatz werden Quar-
übers Geld muss gesprochen zusammen könnte also der Beitragssatz für tierskonzepte und die Einbindung zivil
werden die Pflegeversicherung bis 2045 auf 4,4 gesellschaftlicher Akteure gestärkt. Aber
Das alles kostet natürlich Geld – aber längst Prozent begrenzt und der Eigenanteil für die auch die Pflegeprofis erhalten durch das
nicht so viel, als dass wir uns das als Zivil- Versicherten bei 470 Euro gedeckelt werden. Case-Management und die damit verbun-
gesellschaft nicht leisten könnten. Professor dene Steuerungsfunktion mehr Verant
Rothgang rechnet in dem Gutachten Baustein 7: Gesamtkonzept wortung für eine gelingende Pflege und
genau aus, was die verschiedenen Szenarien Drei-Instanzen-Modell Betreuung im Quartier.
kosten und zeigt, wie das zu finanzieren ist. In einer Welt ohne Sektoren stellt sich
Dabei gibt es eine wichtige Erkenntnis: natürlich die Frage, wie Pflege und Betreu- Fazit:
Allein durch den demografischen Wandel ung organisiert werden soll. Einerseits muss Das Reformkonzept der Initiative Pro-
und die bereits beschlossenen Verbesse- es gelingen den Wünschen und Bedürf Pflegereform beschreibt schlüssig und
rungen bei den Löhnen und der Personal nissen des Einzelnen gerecht zu werden. umfassend ein Gesamtkonzept, wie die
bemessung steigen die Kosten in der Pfle- Anderseits müssen aber auch die Interessen Pflegeversicherung ihre ursprünglichen
geversicherung enorm an. Der Beitragssatz der Pflegeversicherung berücksichtigt Ziele nachhaltig erreichen kann. Die ein-
würde in der Zukunft auf 4,5 Prozent und werden, denn nicht alles was wünschens- zelnen Reformelemente können noch
der Eigenanteil um weitere bis zu 1.300 wert ist, kann auch bezahlt werden. ausgestaltet werden und sind damit für
Euro steigen. Das würde die allermeisten jede politische Perspektive anschlussfähig.
Pflegebedürftigen finanziell überfordern. Dazu schlägt das Reformgutachten ein Ich bin deshalb sicher, dass wir einige Bau-
Ohne eine grundlegende Finanzreform Drei-Instanzen-Modell vor. Was bedeutet steine der hier beschriebenen Reform im
wird es also nicht gehen. das? Koalitionsvertrag der nächsten Bundes
regierung wiederfinden werden. Die Reform
Dafür ist der Sockel-Spitze Tausch ein idea- 1. Instanz: Der MDK stellt wie bisher mit wird kommen, vielleicht in kleinen Schrit-
les Model, das in einem Reformszenario dem bestehenden Begutachtungsinstru- ten, aber sie ist nicht mehr aufzuhalten.
berechnet wurde: Der Eigenanteil der Ver ment den Pflegebedarf fest. Er weist dem
sicherten bleibt mit den vorgeschlagenen Pflegebedürftigen aber keinen Pflege- Bernhard Schneider
10 „Aus der Heimstiftung“ 2/2019Titel
Die 7 Bausteine der
Reform im Überblick: 1
Behandlungspflege
(Cure) bezahlt die
6
Krankenkasse
Finanzierung 2
Bürgerversicherung Grundpflege und
Steuerzuschuss: 10 % Betreuung (Care)
Eigenanteil: 470 EUR 7
Beitragssatz: 4,4 %
bezahlt die Pflegekasse
Drei-Instanzen-Modell
MDK weist Leistungsbudget zu;
Case-Management organisiert im
Quartier; Pflegedienst erbringt
Leistungen mit zivilgesell
schaftlichen Akteuren
3 „Wer das Blümsche Erbe
5 Fixer Eigenanteil durch
Pflegegeld 2.0 Sockel-Spitze-Tausch
der Pflegeversicherung
retten will, braucht den
4
Wohnen und Pflege Sockel-Spitze-Tausch.“
in einer Welt
P rofessor Heinz Rothgang
ohne Sektoren
Interview mit Professor Heinz Rothgang
Die notwendigen Unterstützung- und In der Leistungszumessung wird nach Das neue System sieht auch vor, zivilge-
Pflegeleistungen sollen zukünftig von Gruppen- und Individualleistungen sellschaftliche, also nicht professionelle
Case-Managern in ein individuelles unterschieden: wird Pflege zu Hause Leistungserbringer unabhängig vom Ort
Pflegesetting überführt werden. Das dann teurer, weil dort keine Gruppen- des Wohnens immer in das individuelle
klingt nach einem hohen Personalauf- leistungen möglich sind? Pflegearrangement einzubeziehen. Gilt
wand – ist das umsetzbar? Nein, der Gedanke der hinter der Tren- das dann auch für die Versorgung im
Das Case-Management wird bei unserem nung von Individual- und Gruppen Pflegeheim?
Vorschlag in die kommunale Verantwor- leistungen steht, dient genau dazu, dies Ja genau. Heute kann in einem Pflegeheim
tung gelegt. Nur Personen, die vor Ort die zu vermeiden. Manche Leistungen können nur eine Vollversorgung in Anspruch
Gegebenheiten und auch die Angebote eben nur in Gruppen effizient erbracht genommen werden. Der Einbezug von
kennen, können eine umfassende Koor- werden – und für diese Leistungen werden Familie oder Freunden, die zuvor das
dination verschiedener professioneller die Kosten dann auch nur teilweise als Pflegearrangement mit gebildet haben, ist
und zivilgesellschaftlicher Leistungs Bedarf zugemessen. Wer also Leistungen dann nicht mehr möglich – und diese
erbringer im Sinne des Pflegebedürftigen individuell beziehen möchte, die in einer informellen Hilfspotenziale werden aus-
überhaupt leisten. Zum Teil können dazu Gruppe besser erbracht werden können, geschlossen. Das halten wir aber nicht für
die bereits bestehenden Beratungsstruk- wird auch zukünftig einen Teil der Kosten zielführend – weder in Bezug auf die
turen umgewandelt und verbindlicher selbst tragen. knappe Ressource der Pflegekräfte, noch
ausgebaut werden. Hierzu könnten die in Bezug auf die Wahlfreiheit der Pflege-
nicht unerheblichen Einsparungen bei bedürftigen. Deshalb beinhaltet unser
den Ausgaben für die Hilfe zur Pflege Reformvorschlag auch die Option, beste-
sinnvoll verwendet werden. hende zivilgesellschaftliche Hilfen auch
mit in ein Pflegeheim zu bringen – und
Das ganze Gutachten zum Download unter: diese Personen dann auch entsprechend
www.pro-pflegereform.de/presse-download zu vergüten.
„Aus der Heimstiftung“ 2/2019 11Titel
„Die Lösungsvorschläge im
Gutachten richten sich
sowohl an Betroffene wie
„Das Leistungsrecht der
auch an Sozialhilfeträger:
Pflege in seiner jetzigen
Es zeigt den Weg für eine
Form schränkt die
Reform auf, in der die Quali-
Aktivitäten von zivilgesell-
Ingrid Hastedt, tät stimmt und Wahlfreiheit
Vorstandsvorsitzende schaftlichen Gruppen wie
Wohlfahrtswerk für Betroffene besteht.“
Initiativen und Laienpflege
Peter Dürrmann,
Bundesvorsitzender
ein. Der Reformvorschlag
DVLAB stärkt Solidarität und
„Wir brauchen den Abbau der Subsidiarität.“
Sektorengrenzen. Finanzielle
Entlastung muss für alle
gerecht sein – bundesweit.“
„Die Eigenanteile müssen
jetzt zeitnah begrenzt
Erwin Rüddel,
Vorsitzender Gesundheits- werden.“
ausschuss, CDU
„Wir brauchen schnell eine Heike Baehrens,
Pflegepolitische Sprecherin,
gesamtgesellschaftliche SPD
Debatte.“
„Das Konzept aktiviert ein
Kordula Schulz-Asche, Potenzial, das viel weiter
Pflegepolitische Sprecherin,
Die Grünen greift als eine einfache
Finanzreform – denn wir
brauchen nicht ‚mehr vom
„Die Ressourcen Pflege und Gleichen‘, sondern eine
Mensch müssen sinnvoll Dr. Bodo de Vries, grundlegende Reform. Uns
Vorsitzender DEVAP
genutzt werden, das liegt erstmalig die Gesamt
erreichen wir, wenn Leistun- vision einer sektorenfreien
gen, wie in der Reform Pflegewelt vor.“
vorgesehen, spezifisch nach
Eva-Maria Güthoff,
Vorsitzende VKAD
individuellem Bedarf
wählbar sind.“
12 „Aus der Heimstiftung“ 2/2019Perspektiven
„Die generalistische Ausbildung
nimmt uns als Arbeitgeber
in die Verantwortung.“
2020 startet die generalistische Ausbildung in der
Pflege. Was das für Ausbildungsbetriebe, Unterricht
und Pflegepraxis bedeutet und wo die Chancen dieses
Neubeginns liegen, darüber sprechen Gabi Bentrup,
Schulleiterin des Diakonischen Instituts Stuttgart und
Johannes Miller, Hausdirektor des Martin-Haug-Stifts
in Freudenstadt, im Interview.
Frau Bentrup, Sie sind neben Ihrer benötigt, denn natürlich ist klar, dass man haben, können aber im 18. bis 21. Monat
Funktion als Schulleiterin auch Mitglied nicht alle Inhalte der bisherigen drei Aus- den Schwerpunkt Altenpflege wählen. Für
der Steuerungsgruppe im Sozial- und bildungen in drei Jahre hineinnehmen diejenigen, die einen Vertrag in der Kinder-
Kultusministerien für die Umsetzung kann. Ein Beispiel für eine solche Kompe- klinik haben, ist der Schwerpunkt Kinder-
der Pflegeberufereform. Können Sie tenz ist die Kommunikation mit Kollegen krankenpflege im dritten Ausbildungsjahr
kurz beschreiben, was sich zukünftig und Angehörigen. eine Option. Man muss das Wahlrecht also
grundlegend in der Pflegeausbildung aktiv in Anspruch nehmen – es besteht
ändert? Wird mit der neuen Ausbildung gar keine Verpflichtung. Möglich ist die Wahl
keine Spezialisierung mehr möglich des Schwerpunkts allerdings nur, sofern eine
Gabi Bentrup: Die drei bisherig getrenn- sein? Kursgröße zustande kommt und entspre-
ten Ausbildungen in der Altenpflege, der chende Lehrkräfte zur Verfügung stehen.
Gesundheits- und Krankenpflege sowie Bentrup: Man hat durchaus die Möglich-
der Kinderkrankenpflege werden zu einem keit, sich zu spezialisieren. Grundsätzlich Johannes Miller: Viele kleine Schulen
einheitlichen neuen Ausbildungsberuf ist die Ausbildung so angelegt, dass drei werden das gar nicht anbieten können. Man
zusammengefasst. Die Ausbildung hat Jahre generalistisch ausgebildet wird. wird sehen, wie oft das überhaupt in An-
zum Ziel, übergreifende Kompetenzen zu Diejenigen, die im Versorgungsbereich spruch genommen wird. Wer den Schwer-
entwickeln. Kernkompetenzen, die man Langzeitpflege, also Altenpflegeheim, oder punkt dennoch wählen möchte, müsste
in allen Versorgungs- und Altersgruppen in der ambulanten Pflege einen Vertrag dann gegebenenfalls die Schule wechseln.
„Aus der Heimstiftung“ 2/2019 13Perspektiven
Die Frage würde ich gerne direkt an Sie Wie wird das ganz konkret aussehen?
weitergeben, Herr Miller: Was Frau Wie viele und welche Außeneinsätze
Bentrup beschreibt, kann ja genauso wird es geben?
auch in die andere Richtung passieren.
Sie haben einen Auszubildenden ange- Bentrup: Wir haben drei große Fachein-
stellt und der stellt in seinem Fachein- sätze. Die sind zum einen im Altenpflege-
satz im Krankenhaus fest, ich bekomme heim, also der Langzeitpflege mit 400
dort vielleicht mehr Geld, mehr Verant- Stunden, 400 Stunden im Krankenhaus
wortung, andere Arbeitszeiten, was und 400 Stunden im ambulanten Pflege-
auch immer. Sehen Sie in diesem Punkt dienst. Außerdem 120 Stunden in der
eher eine Unsicherheit für die Alten- Psychiatrie, das kann zum Beispiel bei
Etwas provokant formuliert heißt das, pflege? Auszubildenden in der Altenhilfe ein ge-
laut der neuen Ausbildung kann man rontopsychiatrischer Einsatz sein, auch die
alles, was zur Spezialisierung notwen- Miller: Diese Sorge, dass uns Auszubil Evangelische Heimstiftung hat zum Bei-
dig ist, in wenigen Monaten lernen, dende an die Krankenhäuser verloren spiel viele beschützende Einrichtungen –
wofür man früher drei Jahre Zeit hatte? gehen, habe ich überhaupt nicht. Zum das wäre eine gute Möglichkeit. Des Wei-
einen lernen die Auszubildenden ganz teren gibt es den Einsatz in der Pädiatrie,
Bentrup: Nein, aber auch nach drei Jahren unterschiedliche Arbeitsbereiche kennen also der Kinderkrankenpflege, wobei wir
Ausbildung waren die Absolventen bisher und dann merken sie, wofür das Herz in Deutschland Gott sei Dank nur zwei
keine Spezialisten. Weder mit der bishe- mehr schlägt. Manche werden in der Prozent kranke Kinder haben – in der
rigen noch mit der neuen Ausbildung. Kranken- und manche in der Altenpflege Ausbildung ist das eine Engstelle. Da
Lediglich die Ausbildung ist abgeschlossen, landen. Wenn jeder findet, was zu ihm könnte man zum Beispiel auch mit einem
Spezialisierung und Erfahrung folgen im oder ihr am besten passt, dann ist das Beobachtungsauftrag im Bereich der
Arbeitsalltag und in vertiefenden Fort doch gut. Umso länger sind sie dann mit kindlichen Entwicklung einen Einsatz in
bildungen. Freude im Beruf. Außerdem müssen wir der Kindertagesstätte möglich machen.
uns nicht verstecken: Wir haben den Dieser Einsatz wird in den nächsten Jahren
Das heißt, mit der neuen Ausbildung besten Personalschlüssel, wir bezahlen noch 60 Stunden sein, später dann 120
werden die Absolventen flexibler aber Einstiegsgehälter nach der Ausbildung Stunden – mehr geht immer. Festgelegt ist
weniger spezifisch ausgebildet sein? von mehr als 3.000 Euro und außerdem eine Mindeststundenanzahl.
bewerten die Auszubildenden nicht aus-
Bentrup: Es ist auch jetzt schon so, dass schließlich die Bezahlung. Sie achten auch Wie gestalten sich die verschiedenen
Fachkräfte mit abgeschlossener Ausbil- auf die Ausbildungsqualität und die Einsatzorte der Auszubildenden in der
dung in allen drei Versorgungsbereichen Arbeitsatmosphäre in allen Einsatzstätten, Praxis – gibt es feste Kooperationen?
angestellt werden. Zukünftig wird ein die sie kennenlernen. Da kommen wir als
Wechsel aber einfacher sein. Das bedeutet, Arbeitgeber in die Verantwortung. Miller: Da sind verschiedene Varianten
wir haben jetzt Abgänger aus der Kranken- Ich rechne sogar damit, dass wir mehr denkbar. Wir in Freudenstadt verhandeln
pflegeschule, denen der häufige Wechsel Fachkraftbewerbungen haben werden als zurzeit einen Verbundvertrag. Das heißt,
der Patienten im Krankenhaus zu viel ist. bisher, weil es einen großen Personenkreis es gibt dann einen Ausbildungsverbund,
Zukünftig, wenn sie dann einen Fachein- gibt, der plötzlich die Altenpflege kennen- zu dem gehören die Pflegeschule, das
satz im Altenpflegeheim hatten, und lernt. Unsere Auszubildenden hatten im- Krankenhaus, verschiedene Ausbildungs-
merken wie wichtig die Beziehungspflege mer schon einen Einsatz im Krankenhaus, betriebe und Einsatzstellen. Wir haben
hier ist, kann es durchaus sein, dass jemand, aber umgekehrt galt das nicht. Das wird entschieden dazu einen Rahmenvertrag
der ursprünglich einen Ausbildungs bestimmt etwas rütteln. Einige werden zu schließen, in dem wir gemeinsam
vertrag im Krankenhaus unterschrieben dort landen, einige bei uns und wir wer- überlegen, wie sind die Bedingungen und
hat, merkt, dass ihm die Langzeitpflege den in der Sache auf keinen Fall der Ver- wer soll das Ganze organisieren. Wir wer-
besser liegt. lierer sein. den an der Schule eine Koordinationsstelle
haben, die dafür sorgt, dass die Einsatz-
stellen optimal organisiert sind und dass
jeder Auszubildende immer weiß wann er
wo sein wird. Man könnte das auch anders
angehen. Zum Beispiel über bilaterale
14 „Aus der Heimstiftung“ 2/2019Perspektiven
Einzelvereinbarungen, sodass zwei Ein- bedingungen verbessern. Ausbildung ist
richtungen sich immer austauschen. dann noch mehr wert. Auch die Quali
fizierung der Praxisanleiter wird sich
Sie sind auch in einer EHS-weiten Ar- verändern: die Stundenzahl von 200 auf
beitsgruppe zu dem Thema – gibt es 300 angehoben, hinzukommen jährlich
eine allgemeine Gangrichtung? 24 Stunden berufspädagogische Fortbil-
dung. Wenn man die Arbeitsbedingungen
Miller: Ich vermute, dass es die Form des in der Pflege dann auch noch stabiler
Verbundvertrags am häufigsten geben hinbekommt, können wir wirklich zeigen,
wird. In Freudenstadt eignet sich das dass es ein schöner Beruf ist, der jetzt auch
besonders gut, denn dort gibt es ein Kran- schon toll ist, aber mit stimmigen Rah-
kenhaus, eine Schule und ganz viele menbedingungen noch viel mehr Freude gungsbereichen viel einfacher. Wir wer-
Ausbildungsbetriebe. Andere Regionen macht. den dennoch auch in Zukunft vielfältige
wie etwa Stuttgart oder Böblingen sind da Teams haben, weil einfach alle Menschen
komplexer. Zentral kann die EHS beraten Zum Thema Rahmenbedingungen: unterschiedlich sind und verschiedene
und Möglichkeiten aufzeigen, vor Ort Was ändert sich in den Teams mit der Schwerpunkte setzen. Jeder kann seinen
müssen dann aber jeweils individuelle wechselnden Anwesenheit der Auszu- Platz entsprechend finden und seine
Lösungen gefunden werden. bildenden? Stärken einbringen.
Die generalistische Ausbildung stellt Miller: Das wird sich auswirken auf die Ist die generalistische Ausbildung also
also ganz deutlich auch große Anforde- Art und Weise wie man die Auszubilden- ein Ansatz den Personalmangel in der
rungen an die Ausbildungsbetriebe – den vor Ort einsetzen kann und will. Ich Pflege anzugehen?
gerade im Bereich Koordination und glaube, diese Verbundenheit mit dem
Zusammenarbeit? Team vor Ort und der Evangelischen Bentrup: Ein Ansatz, ja. Um die ganze
Heimstiftung als Arbeitgeber hinzube- Thematik zu lösen, benötigen wir natür-
Miller: Auf jeden Fall. Da ist zum einen kommen, ist extrem wichtig und das wird lich weitere Maßnahmen wie stabilere
die Koordination im Verbund: wer ist ein Schlüssel dazu sein, dass die Menschen nachhaltige Arbeitsbedingungen und
wann wo. Aber auch innerhalb des Aus- später bei uns arbeiten wollen. Den per- verbindliche Personalschlüssel. Außerdem
bildungsbetriebes. Wir haben ja dann sönlichen Bezug zu Menschen zu bekom- ist die Pflege eine gesellschaftliche Auf
zukünftig mehrere eigene Auszubildende, men, berufliche Vorbilder zu haben, das gabe. Deshalb müssen, so finde ich, die
die zum Teil bei uns, zum Teil bei anderen ist auch Teil des Ausbildungskonzepts. Kosten gerechter verteilt werden. Da
im Einsatz sind, wir werden aber auch Denn später, in der Entscheidung für müssen wir alle ran.
ständig Auszubildende aus anderen Betrie- einen Arbeitgeber, wird es zum einen um
ben haben, die bei uns ihren Pflichteinsatz Faktoren wie den Wohnort gehen, aber Miller: Natürlich löst die generalistische
absolvieren. Alle müssen optimal ange- auch sehr stark darum, wo habe ich mich Ausbildung nicht die gesamte Problematik
leitet und eingesetzt sein. Konzeptionell wohlgefühlt, wo war ich eingebunden und aber wir als großer Altenhilfeträger müs-
also viel Arbeit, aber definitiv eine Chan- das haben wir mit in der Hand. sen Antworten auf den demografischen
ce, bestehende Konzepte auch weiterzu- Wandel finden. Die finden wir durch in-
entwickeln. Außerdem kommen wir in Bentrup: In der Pflegepraxis, in der Lang- novative Wohn- und Pflegekonzepte aber
eine Wettbewerbssituation und ein Wett- zeitpflege wie auch in der Akutpflege, eben auch durch vielfältige Maßnahmen
bewerb erhöht nicht zuletzt häufig die haben wir auch heute schon gemischte der Mitarbeitergewinnung und -entwick-
Qualität. Teams. Noch stärker bei uns in der Lang- lung. Ausbildung ist dabei ein sehr wich-
zeitpflege. Teams, in denen Altenpfleger tiger Baustein – je hochwertiger, desto
Bentrup: Darin steckt definitiv eine Chan- genauso wie Gesundheits- und Kranken- besser. Wie wir diese Ausbildung dann
ce. Allein dadurch, dass in Ausbildungs- pfleger arbeiten und durchaus auch Kolle- nennen und aufbauen hat immer Vor-
und Prüfungsverordnung, aber auch im gen aus der Kinderkrankenpflege. Jeder und Nachteile, aber, wenn wir das Beste
Gesetz, festgehalten ist, dass mindestens hat seinen Schwerpunkt, aufgrund der daraus machen, können wir sowohl mit
zehn Prozent der Arbeitszeit eines Auszu- bisherigen Erfahrung. Aber wenn zukünf- der Generalistik als auch mit der Alten-
bildenden im Praxiseinsatz Anleitungszeit tig alle in der Ausbildung die gleichen pflegeausbildung erfolgreich sein, wir
sein muss und das auch dokumentiert und Kernkompetenzen geschult bekommen, müssen es nur optimal umsetzen und die
geprüft wird, zeigt, dass sich die Rahmen- wird der Wechsel zwischen den Versor- Herausforderung annehmen.
„Aus der Heimstiftung“ 2/2019 15Perspektiven
Neue Wege gehen
Was ein Hackathon mit Nachbarschaftshilfe zu tun hat
Die Idee des Hackathons kommt ursprünglich aus lich bearbeitet wird, hängt von der Präsentation ab,
Kanada und setzt sich aus den Wörtern Hacking denn erst dann entscheiden die Teilnehmer darü-
und Marathon zusammen. Eine Gruppe von Infor- ber, welche Themen sie bearbeiten.
matikern beschäftigte sich hierbei klassischerweise
48 Stunden (angelehnt an die Distanz eines Mara- Erstmals hat sich nun auch das Innovationszen-
thons) mit der Entwicklung neuer Soft- oder Hard- trum der EHS an einem solchen Hackathon im
ware. Die Idee ist, in interdisziplinären Teams, Gesundheitswesen beteiligt. „Der Idee folgend, über
deren Mitglieder beziehungsweise Hacker sich nicht den Tellerrand zu blicken, haben wir zunächst im
kennen, über den Tellerrand zu blicken und neue Innovationszentrum erste Ideen entwickelt und
Lösungsansätze zu entwickeln. dann in einem Team mit unterschiedlichsten,
abteilungsfernen Personen der EHS diskutiert.
Der Zusammenschluss healthcare futurists hat So entstand für den zweiminütigen Pitch die
diesen Ansatz nun auf das Gesundheitswesen über- Geschichte von Robin Hood und Robina Neigh-
tragen und agiert weltweit. Die Idee: Organisati- bour-Hood, die sich im Quartier mit ehrenamtlich
onen stellen Themenfelder, so genannte Challen- Tätigen austauschen möchten“, erklärt Dr. Susan
ges, zur Verfügung. Die Organisationen fungieren Smeaton, Leiterin des Innovationszentrums.
als Sponsoren – ob ihre jeweilige Challenge tatsäch-
Die Challenge
Robin und Robina (Neighbour-) Hood wollen die Gemeinschaft und den
Austausch zwischen Bürgerinnen und Bürgern allen Alters wieder herstellen.
Herr Müller (80 Jahre) bittet seinen Nachbarn Robin, ihn am Montagmorgen
zum Arzt zu bringen. Frau Müller (76 Jahre) kümmert sich einmal in der
Woche um das Kind von Robin, während Robina mit Frau Aitken (52) schwim-
men geht, damit sie nicht immer alleine ist. Es gibt so viel zu tun.
Nachbarschaftsengagement ist so wichtig und es gibt viele Anknüpfungs-
punkte. Bisher wissen wir jedoch nicht, welche Faktoren dazu führen,
Menschen für ein Engagement zu gewinnen.
Wie können wir für Bürgerinnen und Bürgern erlebbar machen, dass Nach-
barschaftshilfe eine sinnstiftende Aufgabe ist, die allen Beteiligten einen
Mehrwert bietet? Wie können wir Menschen allen Alters einbeziehen?
16 „Aus der Heimstiftung“ 2/2019Perspektiven
In einem zweiminütigen Pitch wurde die Challen- Auf den ersten Blick scheint dies genau der Vorge-
ge vor Ort vorgestellt. Softwareentwickler und hensweise zu entsprechen, die von der EHS in
Mitarbeitende aus dem Gesundheitswesen bewar- Betracht gezogen wurde, nämlich potentielle
ben sich für eine kombinierte Challenge der Bedürfnisse zu erfragen und eine Quartiers-Platt-
BruderhausDiakonie zum Thema Partizipation form zu erstellen. Was war also neu? „Neu war die
und der EHS mit dem Thema Nachbarschaftsen- schlichte Überlegung, dass die Plattform selbst
gagement. Die Ergebnisse stehen in einem unmit- nicht nur als Koordinationsinstrument dient,
telbaren Zusammenhang mit der Qualifikation der sondern darüber hinaus auch durch die Gestaltung
Bewerber und sind rein zufällig. Allgemein gilt, je als Instrument für eine Gewinnung von ehren
vielfältiger die Teams, desto kreativer. Die Teams amtlich Tätigen betrachtet wird. Bürgerschaftlich
arbeiteten ab diesem Zeitpunkt weitgehend selbst- Engagierte – vor allem junge Menschen – lassen
ständig und ohne Einfluss der Hosts (Ersteller der sich vor allem online gewinnen. Allein das Konzept
Challenge) an möglichen Problemlösungen. So einer Plattform überzeugt“, erläutert Dr. Susan
genannte Coaches mit Expertenwissen zu den Smeaton, Leiterin des Referats Innovationszentrum
jeweiligen Themen standen den Teams außerdem der EHS, die Ergebnisse.
für Rückfragen bereit.
Die Ergebnisse des Hackathons sollen in ein
Ergebnisse der Challenge geplantes gemeinsames Projekt der Evangelischen
Das Team setzte sich aus unterschiedlichen Diszi- Heimstiftung mit dem Forschungszentrum Infor-
plinen (Neurobiologie, Informatik, Psychologie) matik in Karlsruhe und dem Helfer-Portal in
zusammen. Insgesamt konnten sieben Personen für München zur Gewinnung von Personen für ein
die Challenge gewonnen werden. Das Team entwi- Bürgerschaftsengagement einfließen.
ckelte Ansätze für eine Quartiers-Plattform mit
einer Kommunikationsmöglichkeit, über die sich
Helfende sowie die Hilfesuchenden vernetzen und
miteinander kommunizieren können. Um die
Bedürfnisse von bürgerschaftlich Engagierten zu
erfassen, entschied sich das Team, Personen auf der
Straße vor Ort zu befragen. Ebenso wurde nach
vorhandenen Plattformen recherchiert. Ein erstes
Template wurde erstellt. Dabei lag das Hauptaugen-
merk darauf, die Oberfläche so einfach wie möglich
zu gestalten, damit die Handhabung kein Hindernis
für die Ausübung des Ehrenamts darstellt. Gleich-
zeitig soll sie aber auch ansprechend für jüngere
Personen sein.
„Aus der Heimstiftung“ 2/2019 17Impuls
Biblische Jahreslosung 2020
„Ich glaube;
hilf meinem
Unglauben!“
(Markus-Evangelium 9,24)
„Woran glauben Sie?“ – hat zum Stuttgarter Kir- che geschenkt, die mich Worte finden ließ, als es
chentag eine Zeitung Prominente gefragt. mir die Sprache verschlug. Er ist die Lesehilfe, mit
Eine Volleyballspielerin hat geantwortet: „Ich der ich meinen Alltag deuten und verstehen kann.
glaube, dass man nach Rückschlägen immer
wieder aufstehen und weiter kämpfen muss“. Eine Es geht beim Glauben nicht um ein objektives
TV-Moderatorin: „Ich glaube, wer vertrauen kann, Wissen, das unerschütterlich ist. Wie etwa in der
lebt glücklicher“. Ein Model: „Ich glaube daran, dass Naturwissenschaft. Und selbst da sind schon ganze
jeder für sein eigenes Glück verantwortlich ist“. Systeme zerbrochen. Es geht beim Glauben um ein
Ein Comedian: „Ich würde gerne an Astrologie Vertrauen, das verletzlich ist. Um eine Beziehung,
glauben, aber das Sternzeichen Löwe glaubt nicht die sich immer wieder neu bewähren muss. „Glau-
an Astrologie“. Die Sport- und Kulturbürgermeis ben“ kommt von „geloben“, was früher bedeutete:
terin: „Ich glaube an die Möglichkeit, Dinge zu sich einander anzuvertrauen, einander geloben,
verändern“. Der Autor von „Äffle & Pferdle“: „Glau- immer für einander da zu sein. Wenn zwei sich
be nicht alles, was du denkst!“ verloben, tun sie das. Sie versprechen sich Liebe und
Treue und bedingungsloses Dasein füreinander. Für
Ganz verschiedene Antworten, die nicht auf einen „Glauben“ und „Vertrauen“ steht in der Bibel das-
Nenner zu bringen sind. Deutlich wird: Was wir selbe Wort. Glauben heißt nichts anders als: Ich
Menschen persönlich glauben, hat mit unserer vertraue mich Gott an. Ich muss nicht alles selbst
Lebensgeschichte zu tun. Der Glaube lebt von machen und können, sondern ich spüre: du, Gott,
Erfahrungen. Mein Glaube hat sich bewährt, als es bist an meiner Seite. Mit dir kann ich über Mauern
mir schlecht ging. Aber auch als ich glücklich war. springen. Alles ist möglich, wenn du bei mir bist!
Er hat mir geholfen, etwas auszudrücken, was über So hat Glauben viel zu tun mit Loslassen. Den Wahn
meinen Verstand hinaus ging. Er hat mir eine Spra- loslassen, alles liege nur an einem selbst.
18 „Aus der Heimstiftung“ 2/2019Impuls
Wie das geht, zeigt die Geschichte aus dem Markus „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“
evangelium, in dem das biblische Motto für das Es gibt diese beiden Seiten in uns: Glaube und
Jahr 2020 steht. Hier wird erzählt von einem Mann, Vertrauen – und auf der anderen Seite Misstrauen
der für seinen schwer kranken Sohn Heilung bei und Zweifel. Und so unterschiedlich die beiden
Jesus sucht. Er findet zunächst nur die Jünger Jesu, sind, so nah liegen sie doch manchmal neben
die nicht helfen können. Dann kommt Jesus und einander.
erlebt einen schlimmen epileptischen Anfall des „Ich glaube“
Sohnes mit. Mit seiner ganzen Verzweiflung bittet – das führt in den Himmel.
der Vater für sein Kind und für sich selbst: „Hilf meinem Unglauben!“
„Wenn du etwas kannst, so erbarme – das holt mich zurück auf die Erde. Pfarrer Dr. Thomas Mäule,
dich unser und hilf uns!“ „Ich glaube“ Leiter der Stabsstelle
Theologie und Ethik der EHS.
Jesus beantwortet die verzweifelte Bitte mit den – da hole ich selber Schwung, da traue ich mich, da
Worten: vertraue ich mich Jesus an.
„Alles ist möglich dem, der da glaubt“. „Hilf meinem Unglauben!“
Und er sagt dem Vater damit: Lass los. Erst wenn – da bin ich mir nicht sicher, ob mein Glaube trägt.
du deine Sorgen, deine Ängste, deine eigenen Ver- Zweifel holen mich ein, bremsen mich ab. In der
krampfung sein lässt, besteht eine Chance, dass Mitte des Satzes zwischen dem
wieder alles gut wird. Erst wenn du dich befreist „Ich glaube“
von deiner Fixierung auf das Problem, erst wenn und dem
du anfängst, dich in der Tiefe Gott zuzuwenden „Unglauben“,
und ihm etwas zutraust, wirst du merken, dass da sozusagen ganz unten, am tiefsten Punkt der Schau-
noch ganz andere Kräfte als deine eigenen im Spiel kel, steht das vielleicht wichtigste Wort:
sind. Gottvertrauen ist der Schlüssel zur Befreiung. „Hilf!“
Der Vater des kranken Kindes antwortet daraufhin Die Bitte: Stups mich an. Jesus, gib mir Schwung,
mit einem rätselhaften Satz: dass ich wieder hoch komme, Trost finde und Mut.
„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Zwischen Glauben und Unglauben steht die Bitte:
So schreit er in seiner Verzweiflung Jesus an. Für „Hilf mir!“
mich ist das ein Schlüsselsatz in der Geschichte. Glaube gibt es ja nicht wie in einem Ausweis,
Denn wer könnte nicht manchmal so schreien? Ich auf dem steht: ich glaube. Wir haben unseren
will glauben und vertrauen. Ich suche nach Spuren Glauben nur in dieser Spannung. Er wächst und
Gottes auf dieser Welt. Ich möchte mich gerne wird gestärkt in dieser vertrauensvollen Bitte:
geborgen fühlen bei ihm, möchte mich fallenlassen „Hilf mir!“
können und gehalten wissen. Ich will Gott spüren
in meinem Leben – aber es gibt Zeiten, da kann ich „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“
das nicht. Zweifel nagen: gibt es ihn überhaupt, Das öffnet den Blick für neue Lebensmöglichkeiten.
diesen persönlichen Gott? Hört er unsere Gebete? Das macht gelassener und mutiger. Ich verliere die
Kennt er unsere Sorgen? Wo ist er? Angst, mein Gesicht zu verlieren. Ich gewinne Mut,
mich aufzumachen und etwas zu riskieren. Und
weiß doch, dass der Erfolg nicht garantiert wird.
Die Jahreslosung 2020 lädt dazu ein: sich leiten
zu lassen vom Gottvertrauen. Sich mutig aufzu
machen. Neues im Geist Christi zu wagen. Und
doch zugleich auf das Kreuz zu schauen und die
Grenzen zu erkennen. Wir sind Menschen, nicht
Gott. Wir können nur bitten und beten:
„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“
Und darauf vertrauen, dass wir am Ende die
unglaubliche Erfahrung machen:
„Alles ist möglich dem, der da glaubt.“
„Aus der Heimstiftung“ 2/2019 19Aus der Heimstiftung
Innovation in der Pflege – ein Praxisbericht
20 Teilnehmer, bereits drei Mitarbeiter mit
vollständig abgeschlossenen Zertifikaten –
das ist die Zwischenbilanz der Kooperation
des Haus am Maienplatz mit dem Start-up
SuperNurse. Mit der App können Mitarbeiter
aus der Pflege spielerisch ihr Fachwissen in
verschiedenen Bereichen testen und erwei-
tern. „Insgesamt elf Zertifikate kann man mit
SuperNurse erreichen, wenn man alle Quiz-
fragen besteht“, erklärt Cosmina Halmageanu,
Hausdirektorin des Haus am Maienplatz in
Böblingen. „Gerade bei Themen, die sich
immer wieder verändern oder aktualisieren
ist es eine Herausforderung, zu jeder Zeit auf
dem neuesten Stand zu sein.“ Die App hilft hier
weiter und bietet die Möglichkeit zur zeitlich
unabhängigen Weiterbildung und Festigung
des Fachwissens. „Wir haben noch einen
zusätzlichen Anreiz geschaffen: Wer alle
Zertifikate abgeschlossen hat, bekommt einen
zusätzlichen Tag Fortbildungsurlaub. Drei
Mitarbeiter haben diesen bereits in Anspruch
genommen. Besonders schön zu sehen ist
auch der Austausch im Team: jüngere helfen
älteren, Teilnehmer motivieren ihre Kolle-
ginnen und Kollegen. Das ist auch gleichzeitig
eine gute Vorbereitung darauf, wenn es in der
Zukunft weitere Fortbildungsangebote in
Form von E-Learning geben wird“, erzählt Mitarbeiter des Haus am Maienplatz testen die App SuperNurse.
Cosmina Halmageanu.
Seit April diesen Jahres kooperieren zahlreiche individuell an Gangbild und Analyse des braucht Zeit – zu der Analyse gehört unter
Einrichtungen der EHS mit Start-ups aus der jeweiligen Bewohners orientieren, sind das anderem auch ein umfassender Fragebogen,
Pflegebranche. Neben „SuperNurse“ kommt Ergebnis. „Pflegekräfte und Bewohner kom- da mussten wir uns zunächst etwas auspro-
auch „Lindera“ bereits zum Einsatz. Die App munizieren so ganz aktiv und die Rückmel- bieren wie wir vor allem zeitlich am besten
erstellt mittels 3D-Video eine Analyse zur dungen erfolgen unmittelbar anhand der damit umgehen, aber wir haben uns schon
Sturzprävention. Verwendet wird die App persönlichen Videoaufzeichnung, das schafft ganz gut eingespielt. Viele neue Bewohner,
bereits im Haus auf dem Wimberg in Calw. eine ganz andere Argumentationsgrundlage. denen wir von dem Angebot erzählen, sind
„Wir haben inzwischen bereits 15 Analysen Der Bewohner kann seine Gefahrenstellen so sehr offen und erklären sich direkt einver
gemacht und sind auch weiter dabei. Einige im Video selbst sehen.“ Empfehlungen werden standen mitzumachen.“
Bewohner sind schon zunächst skeptisch und abgeleitet, doch die Entscheidung über die
natürlich ist die Teilnahme jedem selbst über- Umsetzung liegt bei den Bewohnern selbst –
lassen – wir machen aber sehr positive Erfah- sie können aus dem Angebot der Maßnahmen
rungen“, berichtet Monika Volaric, Hausdirek- wählen. „Natürlich gibt es auch kritische
torin in Calw. Gezielte und persönliche Stimmen von Bewohnern und Angehörigen
Empfehlungen zur Sturzprävention, die sich und so einen neuen Prozess zu etablieren
20 „Aus der Heimstiftung“ 2/2019Aus der Heimstiftung
erluste in Sprache fassen – mit der Seelenapotheke
V
Evangelische Heimstiftung bringt Buch über Trauerrituale heraus
Trauernde sind sprachsensibel. Es braucht
Worte und Ausdrucksformen, um in der
Fassungslosigkeit gefasster zu werden. Die
Evangelische Heimstiftung (EHS) hat eine
Textsammlung für Gedenkfeiern heraus-
gebracht und sie „Eine Seelenapotheke“
genannt – in Anlehnung an Erich Kästners
Lyrische Hausapotheke und mit thera
peutischer, seelsorglicher und kulturell
aufklärender Funktion. Der Umgang mit
Trauer und die Begegnung mit Trauernden
bergen für alle Beteiligten oft schwierige
und verunsichernde Situationen. Trauernde
selbst befinden sich in einer ambivalenten
Verfassung zwischen reden und schweigen
wollen. Ein achtsames Wort, eine angemes-
sene Geste tut gut. Die Gefahr, sich in
Floskeln zu flüchten, ist groß. Die richtigen Blumhardt, Eduard Mörike, Antoine de feiern ermutigen und all jene, die den
Worte zu finden ist eine Herausforderung. Saint-Exúpery, Mascha Kaleko, Dietrich Versuch wagen, dabei unterstützen. Aus
Was kann den Sprachabgrund des Todes Bonhoeffer, Albrecht Goes, Margot Käß- der Fülle von Texten lässt sich das Passende
überbrücken? Vorgestanzte Beileidskarten mann und Fulbert Steffensky. Ergänzt auswählen und durch Bilder, Lieder, Musik
spiegeln die Überforderung wider, pas- werden die Texte mit 20 Landschaftsbildern ergänzen. Das Buch kann aber auch Trost
sende Worte zu finden, wie auch das von der Schwäbischen Alb. Die Wirkung für diejenigen sein, die von einem geliebten
Mühen um einen Kontakt. Die Ambivalenz von Text und Bild nachzuempfinden, kann Menschen Abschied nehmen müssen.
und Verunsicherung – und auch ein miss- therapeutische, seelsorgliche und nicht
glücktes Wort – sollten einen nicht zurück- zuletzt auch eine kulturell aufklärende Buchhinweis:
schrecken lassen, immer wieder neu Funktion haben – eben eine „Apotheke für Christian Buchholz / Thomas Mäule (Hg.):
Sprachversuche zu wagen. die Seele“ sein (so Erich Kästner im Vorwort Eine Seelenapotheke. Texte zum Abschied
zu seiner „Lyrischen Hausapotheke“). Die vom Leben. Manuela Kinzel Verlag,
Die Evangelischen Heimstiftung hat nun „Seelenapotheke“ möchte zum Totenge- Göppingen 2019, 230 Seiten.
ein zu verwandten Texten veröffentlicht. dächtnis und zur Gestaltung von Gedenk- ISBN 978-3-95544-108-1.
Die Palette der Texte ist breit: chronolo-
gisch vom 10. Jahrhundert vor Christus an
bis in unsere Gegenwart, von areligiöser
Atmosphäre geprägt bis hin zu äußerst
frommen Ausdrucksformen, von hindu Unternehmer-Netzwerktreffen 2019
istischer und muslimischer Tradition bis zu
christlich-biblischen Texten, in Tageszei- Am 16. Oktober 2019 waren die Teilnehmer derung und Qualifizierung sowie das neue
tungen, bei Traueranzeigen und auf Fried- des Unternehmer-Netzwerktreffen zu Gast Fachkräftezuwanderungsgesetz. Abge-
höfen entdeckt. Die Sammlung umfasst im Haus am Maienplatz in Böblingen. Zum schlossen wurden die Referate mit Fragen,
rund 200 Texte, unter anderem von offiziellen Beginn trafen sich die Teilneh- Terminen und Informationen. Nach so viel
Berthold Brecht, Hermann Hesse, Carl mer der einzelnen Unternehmen und Theorie war das Buffet mit Fingerfood ein
Zuckmayer, Erich Kästner, Rainer Maria Behörden, nach einer Führung durch das krönender Abschluss, dieses informativen
Rilke, Marie-Luise Kaschnitz, Mascha Haus, im Festsaal. Referenten sprachen zu Abends. Mit vielen Gesprächen und Begeg-
Kaléko, Hilde Domin, Navid Kermani, Arno den Themen Gewinnung und Sicherung nungen fand das Netzwerktreffen seinen
Geiger, Herta Müller, Johann Christoph internationaler Arbeitskräfte, Sprachför- Abschluss.
„Aus der Heimstiftung“ 2/2019 21Sie können auch lesen