Kreislaufwirtschaft Höchste Zeit für die Wende Verpackungsdesign Schweigen ist Silber, Reden ist Gold Chemisches Recycling Reicht das mechanische ...

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Kreislaufwirtschaft Höchste Zeit für die Wende Verpackungsdesign Schweigen ist Silber, Reden ist Gold Chemisches Recycling Reicht das mechanische ...
2021

                                       Kreislaufwirtschaft Höchste Zeit für die Wende Verpackungsdesign Schweigen
                                       ist Silber, Reden ist Gold Chemisches Recycling Reicht das mechanische Recycling
                                       aus, um die Quoten zu erreichen? Kommentar Nach der Wahl – was nun zu tun ist
                                       Abfallvermeidung Auf geliebte Gewohnheiten verzichten Nachhaltigkeit Wir
                                       müssen reden Kreislaufwirtschaft Zeit für neue Koalitionen
Foto: uluer servet yüce; pixabay.com
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Kreislaufwirtschaft Höchste Zeit für die Wende Verpackungsdesign Schweigen ist Silber, Reden ist Gold Chemisches Recycling Reicht das mechanische ...
Editorial

Ein weites Feld

D
         ie Idee für dieses außerplanmäßige Sonderheft kam mir im Frühjahr, als
         wir gemeinsam mit der DGAW und dem BNW zwei Online-Seminare zum
         Verpackungsrecycling veranstaltet haben. Die Nachfrage bei beiden Veran-
staltungen war überwältigend – und wir mussten feststellen, dass sich in 90 Minuten
längst nicht alle Fragen beantworten lassen. Das gilt natürlich auch für dieses Heft,
denn das Thema des Verpackungsrecyclings ist dann doch ein sehr weites Feld. Und
wie Sie beim Lesen feststellen werden, liegt der Fokus fast aller Beiträge vor allem auf
Kunststoffverpackungen. Da besteht offenbar der größte Handlungsbedarf, auch und
gerade im Jahr 2021 noch. Ich möchte mich bei allen Autor*innen bedanken, die die-
ses Heft durch ihre Beiträge erst ermöglicht haben. Und Ihnen wünsche ich eine inte-
ressante und hoffentlich auch anregende Lektüre.

                                                                                                   Michael Brunn
                                                                                                   Verlagsleiter, Chefredakteur
                                                                                                   Tel.: +49 (0) 89 38 16 20-713
                                                                                                   michael.brunn@recyclingmagazin.de

Inhalt

04 Höchste Zeit                                   16 Auf geliebte                              24 Sind kompostierbare Verpackun-
   für die Wende                                     Gewohnheiten verzichten                      gen wirklich nachhaltiger?
    Die technischen Möglichkeiten für                  Statt Abfälle zu verwerten, müssten         Sie sind derzeit in aller Munde und
    Veränderungen sind da, sie müssten                 viel mehr Maßnahmen zur Abfall-             sollen das Plastikproblem lösen:
    nur genutzt werden.                                vermeidung ergriffen werden.                kompostierbare Verpackungen.

08 Reicht das mechanische Recycling,              18 Design for Circularity                    26 Zeit für neue
   um die Quoten zu erreichen?                       bei Verpackungen                             Koalitionen
    In Deutschland werden nur 46,7 Pro-                Circular Economy und Circular               Eine neue Regierung sollte auf den
    zent der Kunststoffabfälle einer stoff-            Design sind die Schlagworte, die die        Königsweg zur Emissionsminderung
    lichen Verwertung zugeführt.                       nächsten Jahre bestimmen werden.            zurückgreifen: Kreislaufwirtschaft.

12 Innovative Sortiertechnologie                  20 Nachhaltigkeit
   für das Verpackungsrecycling                      wir müssen reden!
    Es sind deshalb Maßnahmen auf                      Diese ominöse Nachhaltigkeit, die
    allen Stufen des Lebenszyklus und der              gerade in aller Munde ist, ist schwer
    Wertschöpfungskette notwendig.                     zu fassen und kaum zu definieren.

15 Nach der Wahl –                                22 Schweigen ist Silber,
   was nun zu tun ist                                Reden ist Gold
    Ein Kommentar von Dr. Katharina                    Was in der Kreislaufwirtschaft bei       Rubriken
    Reuter, Geschäftsführerin Bundesver-               allen Bemühungen noch nicht im          03 Editorial
    band Nachhaltige Wirtschaft.                       Kreis fließt, sind Informationen.       28 Impressum

Verpackungsrecycling | 2021                                                                                                             3
Kreislaufwirtschaft Höchste Zeit für die Wende Verpackungsdesign Schweigen ist Silber, Reden ist Gold Chemisches Recycling Reicht das mechanische ...
Kreislaufwirtschaft

Höchste Zeit
für die Wende
Kunststoffabfälle sind längst zu einem fundamentalen Problem
geworden. Einen besonderen Anteil daran haben die Kunststoff-
verpackungen. Die technischen Möglichkeiten für Veränderun-
gen sind da, heißt es in der Studie „Verpackungswende jetzt – So
gelingt der Wandel zu einer Kreislaufwirtschaft für Kunststof-
fe in Deutschland“ von WWF und Systemiq, Sie müssten nur
genutzt werden.

K
        unststoffe sind notwendig, betonen          Deutschland sei bei Verpackungen          Neuplastik.“ Die nominale Recyclingquote
        die Autoren, da andernfalls unser       längst nicht Recyclingweltmeister. Zwar sei   betrage 48 Prozent, wenn man davon aus-
        Leben in seiner heutigen Form nicht     die Quote unsachgemäß entsorgter Abfälle      geht, dass die Exporte tatsächlich vollstän-
möglich wäre. „Die Vorteile von Kunststoff-     gering, aber das Material werde in hohem      dig recycelt werden.
verpackungen sind zwar unbestritten, doch       Maße der thermischen Verwertung zuge-             In einem Business-as-usual-Szenario
die Art und Weise, wie derzeit Kunststoff       führt. Zudem sei Deutschland einer der        würde die Nachfrage nach Kunststoffen
produziert, verbraucht und entsorgt wird, hat   größten Exporteure von Kunststoffabfällen.    in den kommenden zwei Jahrzehnten um
vielfach verheerende Auswirkungen.“ Kunst-      Auch der Rezyklateinsatz sei gering. „Geht    14 Prozent zunehmen. Der Anteil schwer zu
stoffverschmutzung sei mittlerweile auf der     man von den Recycling-Erzeugnissen aus,       recycelnder Stoffe wie Folien oder Mehr-
ganzen Welt im Übermaß zu beobachten.           werden nur 30 Prozent der Kunststoffver-      schichtmaterialien würde von 45 auf 48 Pro-
Ohne Änderungen beim Umgang mit Kunst-          packungsabfälle tatsächlich in Deutsch-       zent steigen. Bei der Verbrennung würde
stoffabfällen werde sich die Lage weiter ver-   land recycelt, davon 10 Prozent im offenen    es zu einem Anstieg um 5 Prozent kom-
schärfen.                                       Kreislauf und nur 20 Prozent als Ersatz für   men, während das tatsächliche Recycling

                                    Verbleib von Verpackungsabfällen aus Kunststoff
                                 Szenario „Business-as-usual“ und Szenario „Systemwandel“ im Vergleich
              SZENARIO „BAU-SZENARIO“                                    SZENARIO „SYSTEMWANDEL“                        Reduzierung, Vermeidung
                                                                                                                        Reduzierung, neue
4,0   Mt                                                    4,0 Mt                                                      Bereitstellungskonzepte
                                                                                                                8%
                                                                                                                        Substitution durch Papier
3,5                                                22 %     3,5
                                                                                                                        Substitution durch
                                                                                                            23 %
3,0                                                         3,0                                                         biobasiertes Material
                                                   16 %                                                                 Recycling in
                                                                                                                8%      geschlossenem Kreislauf
2,5                                                 0% 4%   2,5
                                                                                                                1%      Recycling in
                                                    0%
                                                                                                                        offenem Kreislauf
2,0                                                         2,0                                             20 %
                                                                                                                                                    Quelle: Analyse von SYSTEMIQ

                                                                                                                        Chemisches Kunststoff-
                                                                                                                        zu-Kunststoff-Recycling
1,5                                                         1,5
                                                                                                            14 %        Exporte
                                                   56 %
1,0                                                         1,0                                                 7%      Chemisches Kunststoff-
                                                                                                                   0%   zu-Brennstoff-Recycling
                                                                                                                3%
0,5                                                         0,5
                                                                                                            15 %        Verbrennung
 0                                                  2%       0                                                  1%      Unsachgemäße
      2020     2025       2030       2035       2040              2020    2025      2030      2035       2040           Entsorgung
Kreislaufwirtschaft Höchste Zeit für die Wende Verpackungsdesign Schweigen ist Silber, Reden ist Gold Chemisches Recycling Reicht das mechanische ...
in Deutschland auf 38 Prozent „Die Recyclingmärkte für Polymere, bei                 tum, ein nachhaltigerer Konsum, ein rück-
               ansteigen würde. Insgesamt       denen es sich nicht um PET handelt, funkti-       läufiges Gewicht der Abfälle, ein stark sin-
                würde die nominelle Recyc- onieren nicht“, so die Einschätzung der Stu-           kender Verbrauch bei Tragetaschen und eine
                  lingquote aber auf 42 Prozent die. Die aktuellen Recyclingziele seien zudem     verstärkte Substitution von Kunststoffverpa-
                   zurückgehen.                 sehr ambitioniert und nur über zusätzliche        ckungen durch Papier und Papierverbunde.
                        Bei einer Umsetzung     Maßnahmen erreichbar. „Insgesamt rei-                 Das System bleibe aber grundsätzlich
                    a ller bestehenden Ver- chen die derzeitigen Vorschriften nicht dafür         linear. Der Anstieg des Abfallaufkommens
Foto: E. Zillner

                    pflichtungen von Politik    aus, Deutschland auf dem Weg hin zu einer         könne nur zum Teil durch ein effizienteres
                    und Industrie würde der Kreislaufwirtschaft im Verpackungswesen zu            und effektiveres Recycling ausgeglichen wer-
                    Anstieg des Neukunststoff- bringen.“                                          den. Es würden weiterhin hohe CO2-Emissi-
                    verbrauchs nur 4 Prozent                                                      onen anfallen. Bis 2040 nennt die Studie cir-
                    betragen. In Bezug auf das  Business-as-usual                                 ca 17,2 Millionen Tonnen, was etwa 5 Prozent
                   BAU-Szenario für 2040 wür-                                                     des deutschen CO2-Budgets entspreche.
                  den das Abfallaufkommen       Das schon erwähnte BAU-Szenario umfasst
                um 5 und die Verbrennung        ein durchschnittliches jährliches Wachstum        Bestehende Verpflichtungen
               um 32 Prozent zurückgehen. beim Verbrauch von Kunststoffverpackun-
            Die Recyclingquote würde auf        gen von 0,6 Prozent. Bei flexiblen Monoma-        In diesem Szenario liege der Schwerpunkt auf
          über 50 Prozent steigen. „Vor dem     terialien mit 0,7 Prozent und Mehrschicht-        mehr Recycling und nicht auf Abfallreduzie-
      Hintergrund des fast vollständig aus- verpackungen mit 1 Prozent wird von einem             rung oder den Ersatz von Einwegkunststof-
  geschöpften Recyclingpotentials von PET überdurchschnittlichen Wachstum ausge-                  fen durch andere Materialien. „Beim Hebel
und den nicht funktionierenden Märkten für      gangen. Einer der wichtigsten Faktoren dafür      Vermeidung und Reduktion sowie Substituti-
andere Rezyklate sind dies ambitionierte Zie- ist laut Studie der Anstieg des Pro-Kopf-Ver-       on konzentrieren sich aktuelle Politikinstru-
le. Angesichts des aktuellen Systems ist nicht  brauchs durch ein BIP-Wachstum, ein gro-          mente auf kleinvolumige Anwendungen, wie
sicher, dass sie erreicht werden können.“       ßes Angebot an preiswerten Neukunststof-          etwa Trinkhalme. Großvolumige Anwendun-
     Die Studie weist auf diverse Schwierig- fen und der Trend zu kleineren Haushalten            gen wie etwa Flaschen oder B2B-Verpackun-
keiten beim Übergang zu einer Kreislauf- und Verpackungseinheiten. Auch der Trend                 gen werden dagegen entweder nicht angegan-
wirtschaft für Verpackungen hin. So liege bei   zu Convenience-Produkten und der Konsum           gen oder nicht durchgesetzt.“ Daher hätten
den Politikinstrumenten derzeit der Fokus       unterwegs und bei Bedarf würden dazu bei-         diese Maßnahmen auch nur geringe Auswir-
auf Recyclingquoten und nicht auf Abfall- tragen. Zudem gebe es einen Trend zu gerin-             kungen und würden zu einer Verringerung
vermeidung und Mehrwegkonzepten. Durch          gerwertigen und schwerer zu recycelnden           des Gesamtaufkommens von lediglich 5 Pro-
To-go- und Convenience-Produkte steige die Verpackungen.                                          zent führen. Das Recycling würde in diesem
Nachfrage nach Materialien, die schwieriger          Die Entwicklung werde durch einige           Szenario auf 55 Prozent steigen, der Anteil
zu recyceln sind. Aufgrund fehlender Nor- gegenläufige Trends zwar gebremst, aber                 der Verbrennung um 15 Prozent zurückge-
men sei zudem die Verwendung von Rezy­ nicht vollständig aufgefangen. Dazu gehören                hen. „Mit den bestehenden Verpflichtungen
klaten im Non-Food-Bereich beschränkt. laut Studie ein negatives Bevölkerungswachs-               kann daher der Übergang zu einer Kreislauf-

                    Vergleich der Auswirkungen im Szenario „Business-as-usual“ und im Szenario „Systemwandel“

                                                                        Szenario „Business-as-usual“        Szenario „Systemwandel“
                                   Kunststoffverbrauch nach
                                                                        3.651 kt                            2.054 kt
                                   Reduzierung und Vermeidung

                                   Kunststoffherstellung aus fossilen
                                                                        3.321 kt                            1.212 kt
                                   Rohstoffen
 Eine stärker auf Nachhaltigkeit
 und Kreisläufe ausgerichtete      Verbrennung                          2.212 kt                            601 kt
 Kunststoff-Industrie              Recycling                            1.492 kt                            1.595 kt
                                   Treibhausgase                        17,2 Mt CO2-Äquivalente             10,2 Mt CO2-Äquivalente
                                                                                                                                              Quelle: Analyse von SYSTEMIQ

                                   Unsachgemäß entsorgter
                                                                        65 kt                               41 kt
                                   Kunststoff
                                   Kosten                               781 Mio. Euro                       -130 Mio. Euro
 Ohne gesellschaftliche
 Nachteile                         Arbeitsplätze                        44.500 Arbeitsplätze                45.100 Arbeitsplätze
Kreislaufwirtschaft Höchste Zeit für die Wende Verpackungsdesign Schweigen ist Silber, Reden ist Gold Chemisches Recycling Reicht das mechanische ...
Kreislaufwirtschaft

wirtschaft im Verpackungswesen in Deutsch-                    ausgeschöpft werden. In diesem Szenario                               erzielte Reduzierungen helfen. Als wich-
land nicht realisiert werden.“                                würden auch die CO2-Emissionen deutlich                               tigste Anwendungen für diese Maßnahmen
                                                              sinken – aber nicht genug, um Klimaneutra-                            nennt die Studie B2B-Folien; Becher, Scha-
Systemwandel                                                  lität bis 2045 zu erreichen. Die Autoren beto-                        len, Trays; Folien; andere starre Verpackun-
                                                              nen allerdings, dass in dem Szenario vom                              gen aus Monomaterial sowie Beutel und
Die Instrumente und Technologien für den                      derzeitigen Energiemix ausgegangen wer-                               Mehrschichtmaterialien.
Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft sei-                    de und Energieeffizienzsteigerungen nicht
en bereits vorhanden, heißt es. „Einfach                      eingeplant worden seien. Die Studie nennt                            Wiederverwendung
ausgedrückt, wird eine Kreislaufwirtschaft                    außerdem einen systemweiten Zusatznutzen
für Kunststoffe in Deutschland nicht durch                    bis 2040 von fast einer Milliarde Euro sowie                         Die Reduzierung in Verbindung mit
fehlende technische Lösungen verhindert,                      einen leichten Anstieg von Arbeitsplätzen.                           Mehrwergkonzepten sei der größte Einzel-
sondern durch unzureichend abgestimmte                             Die Studie identifiziert sieben System-                         hebel, so die Studie. Durch Mehrweg könn-
Recyclingrahmen, Geschäftsmodelle, Anrei-                     maßnahmen zur Zielerreichung.                                        te der Nutzen von Kunststoffverpackungen
ze und Finanzierungsmechanismen entlang                                                                                            um 23 Prozent gesteigert werden, lebensmit-
der Wertschöpfungskette.“ Mit dem Sze-                       Vermeidung und Minimierung                                            telechte Flaschen würden dabei das höchste
nario Systemwechsel sei eine Reduzierung                                                                                           Wirkpotenzial bei Reduzierungen bieten. Der
des Neukunststoffverbrauchs um 59 Pro-                        Die Nutzung nicht erforderlicher Kunst-                              Anteil von Mehrwegflaschen könne bis 2040
zent gegenüber dem Verbrauch von 2019 zu                      stoffe müsse minimiert werden. Verpackun-                            auf 80 Prozent gesteigert werden. „Aufgrund
erreichen. „Die durch das Szenario ‚System-                   gen und Verpackungskomponenten müssen                                seines etablierten Mehrwegsystems mit Ein-
wandel‘ bewirkten kumulierten Einsparun-                      überflüssig gemacht oder aus auflösbarem                             heitsflaschen aus Glas und PET ist Deutsch-
gen an Neuplastik könnten sich bis 2040 auf                   Material hergestellt werden. Diese Mini-                             land ideal aufgestellt, um den Einsatz von
geschätzt 20,9 Millionen Tonnen belaufen.                     mierung könne etwa durch die Reduzierung                             Einweggetränkeflaschen zu reduzieren.“ Als
Das entspräche mehr als dem Sechsfachen                       übermäßiger Verpackungen, Gewichtsre-                                eine der wesentlichen Schwierigkeiten nennt
der Jahresproduktion an Kunststoffverpa-                      duktion oder stark konzentrierte Produk-                             die Studie die mangelnde politische Durch-
ckungen.“ Dafür seien Maßnahmen beim                          te erreicht werden. Es fehle allerdings an                           setzung. Sinnvoll seien verbindliche Ziel-
Verbraucher und nachgelagerte Maßnahmen                       Normen bezüglich dessen, was eine unnö-                              vorgaben für Hersteller und Einzelhandel.
ausschlaggebend. Maßnahmen zu Vermei-                         tige Verpackung ist. Daher seien standar-                            Zudem könnten Mehrwegsysteme durch
dung, Minimierung und Wiederverwendung                        disierte Richtlinien und Bewertungsmetho-                            Prämienanreize gefördert werden. Ein weite-
sowie ein recyclinggerechtes Design würden                    den erforderlich. Eine Begrenzung unnöti-                            res Problem sei, dass das traditionelle deut-
unmittelbar zu einem Rückgang des Neu-                        ger Verpackungen könne durch die Politik                             sche Mehrwegsystem nicht mit dem Ein-
kunststoffverbrauchs führen. „Der Umgang                      erfolgen, etwa durch ein Verbot übermä-                              wegpfand konkurrieren könne. Allerdings
mit den bleibenden Abfällen würde jedoch                      ßig füllungsfreier Verpackungen oder von                             würden bei Letzterem auch keine externen
weiterhin linear erfolgen.“ Nur mit der Ver-                  Umverpackungen ohne Barrierefunktion.                                Kosten berücksichtigt, dies müsse geändert
braucherebene nachgelagerten Maßnahmen                        Ein weiteres Problem sei fehlende Trans-                             werden. Kritisch sei auch, dass die Rückgabe
wie einer verbesserten Erfassung und Anrei-                   parenz für die Verbraucher. Hier könnten                             von Mehrwertflaschen nicht überall möglich
zen zur Verwendung von Post-Consumer-                         die Veröffentlichung eines Kunststofffuß-                            sei. Daher sollte ein Anspruch auf eine Rück-
Rezyklat könne das Einsparpotenzial voll                      abdrucks und die Berichterstattung über                              gabe überall eingeführt werden.

             Verbleib und Kreislaufanteil von Kunststoffabfällen in unterschiedlichen Szenarien
                                                                         VERBLEIB BIS ZUM JAHR 2040 ( % DES KUNSTSTOFFBEDARFS)                                               KREISLAUF-
                                                                                                                                                                               ANTEIL
              Business-
                                                        38 %                         4%                                           56 %                                  2%      38 %
          as-usual (BAU)

              Bestehende
                           4%                                            51 %                                  4%                                 39 %                  2%      55 %
      Verpflichtungen (BV)

        Reduzierung und
                                                 31 %                           9%                          29 %                   4%                    25 %           1%      69 %
         Substitution (RS)
                                                                                                                                                                                          Quelle: Analyse von SYSTEMIQ

      Systemwandel (SW)                          31 %                           9%                                  40 %                           0%           18 %    1%      80 %

                             Recyclingquoten sind definiert als tatsächlich recyceltes Material ohne Verarbeitungsverluste. Der Kreislaufanteil
                             (Zirkularitätsindex) ist definiert als die Summe der Hebel Vermeidung, Substitution und Recycling.

                                  Reduzierung             Substitution           Recycling           Exporte            Entsorgung                Unsachgemäße Entsorgung
Kreislaufwirtschaft Höchste Zeit für die Wende Verpackungsdesign Schweigen ist Silber, Reden ist Gold Chemisches Recycling Reicht das mechanische ...
B2B-Transportverpackungen hätten das        und mehrschichtige flexible Verpackungen;        Lebensmittelechte Kunststoffe
zweitgrößte Wirkpotenzial. „Aufgrund der        Becher, Schalen, Trays sowie Einwegproduk-
großen Abfallströme besitzt der Ausbau des      te aus der Gastronomie.                          Lebensmittelverpackungen machen etwa
Mehrweganteils bei Transportverpackungen                                                         40 Prozent der Kunststoffverpackungen
ein hohes Wirkpotential.“ Auch hier beste-      Recyclinggerechtes Design                        aus und tragen in hohem Maße zu Verpa-
he eine wesentliche Herausforderung darin,                                                       ckungsmüll bei. Zudem würden sie oft Ele-
dass das Thema in der Politik kein Schwer-      Flexible Materialien und Multipolymermateri-     mente enthalten, die das Recycling erschwe-
punkt sei. Komfortverlust und Kosten sei-       alien würden etwa 45 Prozent der Kunststoff-     ren. Zudem gebe es strenge Gesundheits-
en ebenfalls ein Thema. Für Mehrweg- und        verpackungen ausmachen. Allerdings ende          und Sicherheitsanforderungen, wodurch
Nachfüllkonzepte im Einzelhandel gebe es        ein Großteil davon in der Verbrennung und        sich das Potenzial derzeit im Wesentlichen
ähnliche Herausforderungen.                     im Recycling in offenen Kreisläufen. Schät-      auf PET aus Pfandsystemen beschränke.
                                                zungen zufolge seien etwa ein Drittel der Ver-   Reduzierung, Wiederverwendung und Sub-
Substitution                                    packungen in Deutschland nicht recyclingfä-      stitution seien hier von besonderer Bedeu-
                                                hig. Durch ein recyclingfähiges Design könne     tung. Hilfreich wäre eine Änderung der
Das Ersetzen von Material sei ein komplexes     die Wertstoffausbeute deutlich erhöht werden.    Vorschriften der Europäischen Behörde für
Thema, bei dem viele Faktoren geprüft wer-      Um dies zu erreichen, nennt die Studie einige    Lebensmittelsicherheit für Rezyklate aus
den müssten. Durch die Substitution durch       zentrale Kriterien. So müsse es eine Abkehr      dem mechanischen Recycling. Das chemi-
Papier könne die Wiederverwertung aufge-        von Multimaterialien geben, zudem müsse          sche Recycling könne als letztes Mittel die-
wertet werden, da Papier schon eine hohe        auf PVC, Styropor und Industrieruß verzich-      nen für Abfälle, die nicht anders behandelt
Recyclingquote habe. Es könne auch eine         tet werden. Es dürften ausschließlich durch-     werden können. Zudem sei es eine Option,
verbesserte Qualität beim Kunststoffrecyc-      sichtige, farblose Behälter verwendet werden.    wenn die Lebensmittelvorschriften nicht
ling erreicht werden, wenn stark mit Lebens-    Etiketten müssten sich einfach entfernen las-    geändert würden.
mittelresten verunreinigte Verpackungen in      sen, zudem müsse das direkte Bedrucken von
den Restmüll umgeleitet würden. Dafür wür-      Behältern minimiert werden. Es müssten für       Recyclingmärkte
den sich vor allem biobasierte Verpackungen     das Recycling unproblematische Zusätze, Bar-
anbieten – allerdings nur dann, wenn ihre       rieren, Beschichtungen, Kleber und Farben        Derzeit würden bei der Herstellung von
Umweltfreundlichkeit durch Lebenszyklus-        verwendet werden, ebenso unproblematisches       Verpackungen nur 11 Prozent Rezyklat
analysen belegt würde. „Bei der Analyse die-    Material für Verschlüsse.                        eingesetzt. Dies sei auf zwei wesentliche
ser Systemmaßnahme handelt es sich weder            Als ein wesentliches Hindernis nennt die     He­rausforderungen zurückzuführen: Zum
um eine Prognose noch um eine Empfeh-           Studie die mangelnde Transparenz bezüg-          einen gebe es einen Mangel an hochwerti-
lung, sondern vielmehr um einen Hinweis         lich verwendeter Polymere, Zusätze und           gen Angeboten mit definierter und zertifi-
auf das Potential einer künftigen Skalierung    anderer Stoffe. Ebenso der Grad der Recy-        zierter Qualität, die sich über den gesamten
von Ersatzstoffen, unter der Annahme, dass      clingfähigkeit, hier sei ein stetiger Verbes-    Lebenszyklus und Recyclingprozess nach-
es keine unbeabsichtigten Folgen gibt“, heißt   serungsprozess notwendig. „Derzeit gibt es       vollziehen lässt. Zudem sei Primärmaterial
es in der Studie. Bis zu 9 Prozent der Kunst-   über die Mindestanforderungen hinaus für         günstiger. Hier empfiehlt die Studie neue
stoffverpackungen könnten bis 2040 substi-      die Inverkehrbringer wenig Anreize, sich bei     Normen und finanzielle Anreize.
tuiert werden, davon 88 Prozent durch Papier    der Gestaltung von Verpackungen um hohe              Ein Systemwechsel sei möglich und
und 12 Prozent durch biobasiertes Material.     Recyclingfähigkeit zu bemühen“, so ein wei-      damit auch die Reduzierung wirtschaftli-
    Eine der wesentlichen Herausforderun-       teres Problem laut Studie.                       che, ökologischer und sozialer Kosten von
gen dabei seien eine klare Kommunikation                                                         Kunststoffabfällen. Allerdings müssten die
und die klare Kennzeichnung von Verpa-          Hohe Erfassungs- und Sortierquote                Maßnahmen schnell und flächendeckend
ckungen. Ein weiterer Aspekt sei die Nach-                                                       umgesetzt werden. Es sei allerdings auch ein
haltigkeit der verwendeten Materialen. „Ein     Trotz einer hohen Erfolgsquote würde unsach-     äußerst lohnendes Vorhaben. „Deutschland
zentrales Anliegen bei der Substitution         gemäßes Trennen immer noch viele Probleme        kann für Europa und die Industrieländer im
besteht darin, dass die eingesetzten Stoffe     verursachen, dies gelte insbesondere für orga-   Allgemeinen beim Übergang zu einer Kreis-
nachhaltig gewonnen werden oder aus recy-       nische Stoffe. Zudem würden noch zu viele        laufwirtschaft für Kunststoffe zum Vorbild
celten Materialien bzw. Abfällen stammen.“      Kunststoffverpackungen im Restmüll verloren      werden und als Vorreiter unter Beweis stel-
Auch die Gestaltung der Verpackungen spiele     gehen. Notwendig seien daher eine Vereinheit-    len, dass sich diese Vision verwirklichen
eine wichtige Rolle. Die wichtigsten Anwen-     lichung der Erfassungssysteme, eine Sensibili-   lässt – und so den Weg für weitere Länder
dungen seien alternative starre Verpackun-      sierung der Verbraucher und klare Recycling-     bereiten“, heißt es abschließend.
gen aus Monomaterialien; Folien; Beutel         hinweise auf den Verpackungen.                                                 Michael Brunn

Verpackungsrecycling | 2021                                                                                                              7
Kreislaufwirtschaft Höchste Zeit für die Wende Verpackungsdesign Schweigen ist Silber, Reden ist Gold Chemisches Recycling Reicht das mechanische ...
Chemisches Recycling

Reicht das mechanische
Recycling, um die Quoten
zu erreichen?

                                                 L
Laut dem Stoffstrombild Kunststoffe, ver-               izenziert und damit Grundlage für die Quotenberechnung laut
öffentlicht von der Conversio Market &                  Verpackungsgesetz sind insgesamt 1,8 Millionen Tonnen Ver-
                                                        packungsabfälle, von denen rund 1,15 Millionen Tonnen auf
Strategy GmbH, wurden in Deutschland nur         Kunststoffverpackungen entfallen. Darüber hinaus werden über den
46,7 Prozent der Kunststoffabfälle, die zum      gelben Sack auch rund 150.000 Tonnen nicht lizenzierte stoffgleiche
Großteil aus Verpackungen stammen, einer         Nicht-Verpackungen erfasst.
                                                      Die Recyclingrate für Kunststoffabfälle in der EU beträgt der-
stofflichen Verwertung zugeführt. Insgesamt      zeit 30 Prozent. Weltweit liegt die Recyclingquote noch weit darunter.
fallen laut Conversio-Studie 3,16 Millionen      Die Zahlen zeigen also deutlich:
Tonnen Verpackungskunststoffe an; darin          s	Abfallvermeidung und Zero Waste – wenn auch wünschenswert
                                                    – bleiben mittelfristig eine Illusion.
enthalten sind jedoch auch gewerbliche Kunst-
                                                 s	Die aktuell verfügbaren Rezyk late reichen keineswegs
stoffverpackungen, Um- und Transportver-              aus, um die geforderten Einsatzquoten aus der EU zu
packungen, bepfandete PET-Flaschen sowie              erfüllen, geschweige denn die Selbstverpflichtungen der Brand
die falsch über den Restmüll entsorgten Kunst-        Owner.
                                                 s	Mit dem mechanischen Recycling allein sind die Ziele nicht zu
stoffverpackungen.                                    schaffen.
                                                      Trotzdem sollte die Vermeidung von Abfällen und Kunststoffen
                                                 erste Priorität bleiben. Deutlich wird aber auch: Wir brauchen neue
                                                 Recyclingtechnologien!

8                                                                     RECYCLING magazin Sonderheft
Kreislaufwirtschaft Höchste Zeit für die Wende Verpackungsdesign Schweigen ist Silber, Reden ist Gold Chemisches Recycling Reicht das mechanische ...
Rezyklatqualität                                                        denwünschen zu entsprechen, den Selbstverpflichtungen nachzu-
                                                                        kommen und frühzeitig auf die von der EU im Green Deal bezie-
Betrachtet man die Rezyklatqualität, so geht das mechanische Recy-      hungsweise im Aktionsplan Kreislaufwirtschaft vorgesehenen
cling mit einer stetigen Minderung der Qualität der Rezyklate sowie     Rezyklateinsatzquoten für Verpackungen zu reagieren. Hier hat der
einer Anreicherung von Schadstoffen einher. Der Einsatz von Rezy-       Druck von Kunden und Politik zu einem erfreulichen Umdenken
klaten aus dem mechanischen Recycling im Lebensmittelbereich ist        geführt.
bisher nur für rPET möglich, welches durch die sortenreine Samm-            Sollte eine Kunststoff- oder CO2 Steuer erhoben werden, würde
lung von PET-Getränkeflaschen sehr gut mechanisch recycelt wer-         sich auch Neuware verteuern, sodass alternative Recyclingverfahren
den und die Lebensmittelzulassung bekommen kann.                        im Wettbewerb besser abschneiden.
    Diese Nachteile durch ein Verfahren auszugleichen, mit dem              Zu beachten ist außerdem, dass mit jedem Aufbereitungsschritt
man wieder Neuware auch für den Lebensmittelbereich herstellen          weitere Kunststoffreste anfallen, die meist nur noch energetisch zu
kann, macht den Charme der chemischen Verfahrens aus.                   verwerten sind. Darüber hinaus gelangt durch die Aufbereitungs-
                                                                        und Waschprozesse beim Recycler ein nicht unerheblicher Anteil an
Wirtschaftlichkeit                                                      Mikroplastik über den Abwasserstrom in die Umwelt.

Die Wirtschaftlichkeit der chemischen Recyclingverfahren ist auf-       Mengenpotenziale
grund der hohen Energie- und Betriebskosten aktuell noch in Frage
zu stellen.                                                             Die von der EU in der Abfallrahmenrichtlinie und national im
     Die Verfahren des chemischen Recyclings sind sehr energiein-       KrWG geforderten höheren Recyclingquoten zusammen mit der ab
tensiv, daran besteht kein Zweifel. Ebenso muss dringend ein öko-       Mitte 2021 geltenden neuen Berechnungsmethode (Output-Metho-
bilanzieller Vergleich der Verfahren erstellt werden, der die Umwelt-   de) werden wohl nur erreicht werden können, wenn das mechani-
auswirkungen, den CO2-Fußabdruck sowie die Wirtschaftlichkeit           sche Recycling durch andere Verfahren, zum Beispiel chemische,
betrachtet. Das UBA hat hierzu kürzlich eine Studie in Auftrag gege-    ergänzt wird. Hier könnte das chemische Recycling als Alternative
ben, deren Ergebnisse 2023 vorliegen sollen.                            zur thermischen Verwertung der jetzt anfallenden Reste zum Ein-
     Dass aber das mechanische Recycling immer wirtschaftlich ist,      satz kommen. Dies würde nicht nur die rund 45 Prozent an Sortier-
stimmt nicht, wie in Zeiten niedriger Ölpreise im Jahr 2020 deutlich    resten umfassen, sondern auch die bei der Rezyklatherstellung anfal-
wurde. Eine Studie von McKinsey geht davon aus, dass die Wirt-          lenden Reste. Ein weiteres Potenzial läge auch in den Kunststoffab-
schaftlichkeit des mechanischen Recyclings erst bei Rohölpreisen        fällen, die sich noch in der Restabfallfraktion befinden.
von 70 bis 75 US-Dollar/Barrel und darüber gegeben, jedoch bei               Die TU Hamburg hat in einer Studie aus dem Jahr 2018 berech-
Preisen ab 65 US-Dollar/Barrel und darunter kaum noch darstellbar       net, dass nur rund 75 Prozent der Gesamtverpackungsmenge separat
ist. Ende Oktober lag der Ölpreis bei 83 US-Dollar/Barrel.              erfasst wird, davon 45 Prozent als Reste thermisch verwertet wer-
     Hochwertige, möglichst helle Rezyklate für den Einsatz im Kon-     den und von den 55 Prozent an Recycler verkaufte Kunststoffbal-
sumgüterbereich waren bereits vor der Coronakrise zum Großteil          len nochmals rund 25 Prozent als Reste bei der Rezyklatherstellung
mehrfach teurer als Neuware und wurden eingesetzt, um den Kun-          anfallen.

                                                                                                                                               Illustration nach: holdentrils; pixabay.com

Verpackungsrecycling | 2021
Kreislaufwirtschaft Höchste Zeit für die Wende Verpackungsdesign Schweigen ist Silber, Reden ist Gold Chemisches Recycling Reicht das mechanische ...
Chemisches Recycling

    Betrachtet man das Mengenpotenzial, das in die Recyclingquo-
te laut Verpackungsgesetz eingerechnet werden könnte, so erge-
ben sich bei 1,15 Millionen Tonnen lizenzierten Kunststoffver-
packungsabfällen und der ab 2022 geltenden Recyclingquote von
63 Prozent rund 0,42 Millionen Tonnen Sortierreste. Mit den wei-
teren 25 Prozent Resten, die beim Recycler anfallen, erhöht sich das
Potenzial auf 0,61 Millionen Tonnen, die derzeit thermisch verwer-
tet werden.
    Bezogen auf die insgesamt anfallenden 5,3 Millionen Tonnen
Post-Consumer-Kunststoffabfälle aus der Conversio-Studie, die

                                                                                                                                              Foto: Hans Braxmeier; pixabay.com
im Jahr 2019 in Deutschland angefallen sind und aktuell zu rund
45 Prozent thermisch verwertet werden, ergäbe sich so ein Gesamt-
potenzial von 2,39 Millionen Tonnen. Experten gehen davon aus,
dass mittelfristig mit Etablierung der chemischen Recyclingver-
fahren rund 1 Million Tonnen Kunststoffabfälle in den Kreislauf
zurückgeführt werden könnten.
                                                                               Mittelfristig könnten etwa 1 Million Tonnen
Rechtliche Herausforderungen                                                   Kunststoffabfälle chemisch recycelt werden.

Gegenüber der Abfallrahmenrichtlinie ist das chemische Kunst-
stoffrecycling im deutschen Verpackungsgesetz allerdings nicht als
Recycling anerkannt und kann deshalb bisher auch nicht zur Quo-            nischen Aufbereitung, jedoch weit niedriger als der zur Herstel-
tenberechnung herangezogen werden. Das Umweltbundesamt hat                 lung von Neukunststoffen.
hierzu ein eindeutiges Hintergrundpapier veröffentlicht.                s	Durch die Gegenrechnung von Gutschriften aus der thermi-
    Der Verband Chemical Recycling Europe forderte jedoch bereits          schen Verwertung spielt der Energiemix eine große Rolle: Je
in zwei Positionspapieren die Gleichstellung der Verfahren bezie-          erneuerbarer der Energiemix, desto geringer die Klimaauswir-
hungsweise eine schnelle Anerkennung des chemischen Recyclings.            kungen der Pyrolyse, da die Gutschriften aus der thermischen
    Auch der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hat in einem           Verwertung geringer sind.
Positionspapier einen Vorschlag zur systematischen und abfall-          s	Bei der Aufbereitung des Pyrolyseöls fallen weitere Nebenpro-
rechtlichen Einordnung des chemischen Recyclings erarbeitet, der           dukte an, die zum Teil behandelt werden müssen. Die Ölausbeu-
die Verfahren aus dem technischen und abfallrechtlichen Blickwin-          te liegt zwischen 70 Prozent und 85 Prozent.
kel betrachtet. Da das Abfallrecht nicht explizit vorschreibt, ob die   s	Für die Gesamtausbeute liegen Angaben von einzelnen Herstel-
Materialsubstitution direkt oder indirekt erfolgten muss, könnte für       lern vor: Für die Herstellung von einer Tonne Neukunststoff
die einzelnen Stoffströme das nachhaltigste Verfahren zum Einsatz          werden rund 1,7 Tonnen Mischkunststoffe benötigt.
kommen und so ein „level playing field“ eröffnet werden, ohne die       s	Andere Angaben gehen von mindestens zwei Tonnen spezifika-
Abfallgesetzgebung zu verändern.                                           tionsgerechtem Input für eine Tonne Neukunststoffe aus.
                                                                        s	Je teurer die Herstellung eines Kunststoffs ist, zum Beispiel im
Technischer Reifegrad der Verfahren                                        Bereich der technischen Kunststoffe, desto mehr lohnt sich das
                                                                           chemische Recycling, insbesondere wenn solvolytische Verfah-
Die meisten Verfahren des chemischen Recyclings sind noch nicht            ren oder die Depolymerisation angewandt werden, bei denen die
großtechnisch marktreif. Allerdings sind einige doch weit über den         Monomere erhalten bleiben.
Labormaßstab hinausgekommen. Es existieren Pilot- und Demons­
trationsanlagen, zum Teil auch im halbindustriellen Maßstab.            Das Heranziehen der Methode der Massenbilanzierung wird kritisch
    Zudem liegen zahlreiche Life Cycle Assessments vor, die jedoch      betrachtet und hat den Nachteil einer relativ ungenauen Quotenbe-
von den Umweltorganisationen kritisiert werden.                         rechnung. Auf der anderen Seite ermöglicht sie aber die im Moment
    Insgesamt wird deutlich, dass die Überwindung der technischen       kleinen Mengen an Pyrolyseölen in den bestehenden Anlagen zu
Hürden noch Entwicklungsarbeit erfordert. Trotzdem kommen die           verarbeiten und trotzdem deren Anteile im Endprodukt auszuwei-
meisten Studien zu dem Schluss, dass es sich lohnt, die Verfahren       sen. Alternativ müssten separate kleine Produktionsanlagen erstellt
zukünftig in den Fokus zu nehmen. Dies sind die Kernaussagen:           werden oder die Anlagen für einzelne Chargen hoch- und runter-
s	Je reiner das Inputmaterial, desto höher die Ausbeute.               gefahren werden, was nicht effizient ist und zu hohen Mehrkosten
s	Energieaufwand der Pyrolyse ist zwar höher als der der mecha-        der Produkte führt. Die Massenbilanzierung unterstützt damit die

10                                                                                          RECYCLING magazin Sonderheft
Entwicklung und den Einsatz neuer innovativer Technologien, im         Conclusion
Bereich der Bioökonomie genauso wie im Bereich des chemischen
Recyclings.                                                            Zur Erreichung der hoch gesteckten Recyclingquoten kommen wir
    Der Einsatz der Massenbilanzierung sollte unter folgenden          mit dem mechanischen Recycling allein nicht aus. Dazu müssen
Vo­raussetzungen möglich sein:                                         Kunststoffmengen recycelt werden, die derzeit in die thermische
s	Zertifizierung und Überprüfung der Massenbilanzierung durch         Verwertung gehen. Die Wirtschaftlichkeit sollte beim Recycling
    unabhängige Institute.                                             nicht im Fokus stehen, sondern vielmehr sollten politische Weichen
s	Klare Regelungen für die Kommunikation und Definitionen für         gestellt werden, um Märkte für Rezyklate zu schaffen, zum Beispiel
    die Claims, damit die Konsumenten aufgeklärt und nicht irrege-     durch das Festlegen von Substitutionsquoten. Dies fordern verschie-
    führt werden. Es darf nicht der Eindruck entstehen, bei den ein-   dene Verbände und Institutionen seit Jahren.
    gesetzten chemisch recycelten Anteilen handle es sich um Rezy-          Deshalb sollten dringend weitere Studien die ökologischen Auswir-
    klate aus dem mechanischen Recycling. Hier bedarf es auch wei-     kungen, die CO2-Bilanz und die ökonomische Machbarkeit untersuchen.
    terer Aufklärung der Verbraucher.                                       Dass das chemische Recycling aktuell ein großes Potenzial hat,
                                                                       zeigen die zahlreichen hohen Investitionen der Chemischen Indus­
Plastic to Fuel kein Recycling                                         trie, der Kunststoffverarbeiter und der Verpackungshersteller in die-
                                                                       se Verfahren: Bis 2030 sollen 7,2 Milliarden Euro investiert werden.
Diesem Kritikpunkt stimmen die Autoren zu. Gemischte Kunststof-             Die Zeit scheint reif: Klimaschutz, Kundenwunsch und politi-
fe aufwendig aufzubereiten, um die Produkte, zum Beispiel Pyrolyse-    scher Druck schaffen die Voraussetzungen für Innovationen.
öl oder Syngas anschließend zu Brennstoff wie Diesel aufzubereiten,         Diesen Verfahren in Deutschland und der EU keine Chance zu
kann nicht als Recycling bezeichnet werden.                            geben ist deshalb rückwärtsgewandt und wird die Innovationskraft
    In diesem Fall erscheint die thermische Verwertung unter Nut-      der Chemischen Industrie in risikofreudigere Länder verlagern.
zung von Strom und Abwärme sinnvoller und nachhaltiger, da der               Thomas Obermeier, CEO TOMM+C, Ehrenvorsitzender DGAW,
aufwendige Aufbereitungsschritt wegfällt.                                                          Isabelle Henkel; Geschäftsführung DGAW

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                                                           von Dr. Stefan Bosewitz (Hrsg)

                                                           •    eit Anfang der 90er Jahre werden Kunststoff-
                                                               S
                                                               verkaufsverpackungen im gelben Sack gesammelt

                                                           •    ür viele Verbraucher blieb es ein Rätsel,
                                                               F
                                                               was daraus wieder hergestellt wird.

                                                           •    unststoffrecycling wird vom Verbraucher
                                                               K
                                                               am Gelben Sack festgemacht.

                                                           •    er Herkunftskatalog bringt mit vielen Fotos
                                                               D
                                                               und Abbildungen Licht in das obige Dunkel.

                                                           •    s wird gezeigt, welche Recyclingprodukte
                                                               E
                                                               in der Öffentlichkeit gefunden werden können

                                                           1.Auflage 2013 DIN A5
                                                           212 Seiten, rund 400 Fotos, vielfarbig, kartoniert
                                                           ISBN 978-3-86797-152-2

                                                           Der Herkunftskatalog kann bei Amazon bestellt werden.
Sortiertechnik

Innovative Sortiertechnologie
für das Verpackungsrecycling

                                                                                  D
Die Förderung der Kreislaufwirtschaft ist von wesentlicher Bedeu-                          ie meisten Kunststoffverpackun-
tung für die Verwirklichung der EU-Ziele in Bezug auf den Kli-                             gen auf dem Markt sind nicht
                                                                                           kreislauffähig. Falls sie verwer-
ma- und Umweltschutz sowie den Erhalt der biologischen Vielfalt.                  tet werden, werden sie nur zu einem sehr
Die Schließung des Kreislaufs bei Kunststoffen ist ein wesentlicher               geringen Anteil wieder als Verpackungen
Teil davon, denn gerade bei den Kunststoffen sind wir noch weit                   auf den Markt gebracht. Die Kreislaufwirt-
                                                                                  schaft entwickelt sich jedoch zu einem der
weg von hohen Recycling- und Wiedereinsatzquoten. Es sind des-
                                                                                  wichtigsten Megatrends: Statt Rohstoffe
halb Maßnahmen auf allen Stufen des Lebenszyklus und der Wert-                    einmal zu nutzen und sie dann zu entsor-
schöpfungskette notwendig, beginnend mit einem besseren recy-                     gen, werden sie sich künftig im Kreislauf
                                                                                  bewegen und immer wieder eingesetzt wer-
clinggerechten Design, einer qualitätsorientierten Sammlung und
                                                                                  den müssen. Verpackungen aus Kunststoff
Sortierung, einem verstärkten Recycling und schließlich ein besse-                haben hier einen riesigen Nachholbedarf.
rer Absatz von Rezyklaten und die Nutzung in neuen Produkten.                          Hier nur ein paar Beispiele, das die
                                                                                  Problematik der derzeitigen Sortierung
                                                                                  aufzeigen soll. Kunststoffbecher mit einer
                                                                                  großflächigen Papierbanderole werden im
                                                                                  Sortierprozess nicht erkannt. Es wird nur
                                                                                  die Banderole detektiert und damit wird
                                                                                  der gesamte Kunststoff-Becher in die fal-
                                                                                  sche Fraktion abgelegt. Andere Bestand-
                                                                                  teile wiederum gefährden das Recycling
                                                                                  selbst: Barriereschichten (Verbundverpa-
                                                                                  ckungen) lassen sich nicht mehr trennen.
                                                                                  Wenn beispielsweise eine Barriere nötig
                                                                                  ist, dann sollte es eine sein, die mit dem
                                                                                  Verpackungsmaterial zusammen verträg-
                                                                                  lich recycelt werden kann. Eine EVOH-
                                                                                  (Ethylen-Vinylalkohol-Copolyme)Bar-
                                                                                  riere lässt sich bei einer Verpackung aus
                                                                                  Polypropylen (PP) noch vertreten – bei
                                                                                  einer PET-Flasche macht sie das Recycling
                                                                                  unmöglich.
                                                                                       Das Image von Kunststoffverpackun-
                                                                                  gen hat zuletzt auch wegen neuer politi-
                                                                                  scher Ziele stark gelitten, dies hängt vor
                                                                                  allem zusammen mit den Auf lagen aus
                                                                                  der EU-Single-Use-Plastic-Directive (seit
                                                                                  03.07.2019 in Kraft), zahlreiche Verbote
                                                                                  wurden hiermit erlassen. Kunststofftüten
                                                                      Foto: PS

                                                                                  werden jetzt mehr und mehr durch Tüten

12                                                                              RECYCLING magazin Sonderheft
aus Papier oder Jute ersetzt. Auch Herstel-    deshalb insgesamt auf unter 25 Prozent        im ppm-Bereich. Die sichtbare Fluoreszenz
ler im Food-Bereich – jüngste Beispiele        berechnet. Letztendlich wird im Wesent-       benötigt spezielle Anregungsquellen. Die
sind Frosta und Ritter Sport – stellen auf     lichen zu wenig und zu unspezifisch sor-      TBS-Markierung ist außerhalb der Sortier-
Papierverpackungen um.                         tiert. Daher bleibt auch die Reinheit der     anlagen vollständig unsichtbar.
                                               Vorsortierungen limitiert. Was bleibt sind         Werden bereits heute hergestellte und
Was bewegt die                                 fünf „unreine Wald-und-Wiesen-Hauptpo-        gehandelte Sortier-Stoffströme durch einen
Recyclingwirtschaft?                           lymer-Fraktionen“, aus denen nicht mehr       TBS-Schritt nachsortiert, um die Produkt-
                                               die Qualitäten erzeugt werden können, die     reinheit zu erhöhen, so setzt dies den „TBS
Derzeit gibt es seitens der Verpackungsin-     eine Kreislaufwirtschaft und auch die Mar-    light“-Sortieransatz um. Ersetzt die TBS-
dustrie, den dualen Systemen als auch der      kenhersteller brauchen.                       Sortierung übliche Sortierschritte weitest-
Politik noch nicht ausreichend Druck, um                                                     gehend durch den einen TBS-Sortierschritt,
an bestehenden Sortier- und Recycling-         Welche Lösungsansätze                         so kann dies als „TBS complete“ bezeichnet
prozessen etwas zu verbessern. In den in       gibt es heute?                                werden. Ein konkretes Anwendungsbei-
Sortieranlagen der dualen Systeme wer-                                                       spiel für die Weiterentwicklung bestehen-
den momentan nur die Hauptpolymere             Polyscecure bietet die technische Lösung      der Sortiertechnik durch TBS besteht in der
getrennt, dies zudem mit relativ niedrigen     für bessere Sortierqualitäten und höhe-       verlässlichen Abtrennung von Multilayer-
Sortierquoten und Reinheiten. Zunächst         re Ausbeuten und damit höhere Recy-           Verpackungen, so dass diese die Monoma-
geht bereits einiges an Kunststoffverpa-       clingquoten. Mit dem selbst entwickel-        terial-Ströme nicht verunreinigen.
ckungen durch die nicht ordentliche Ein-       ten Verfahren des Tracer-Based-Sorting             Der Gründer und CEO von Polysecu-
haltung der Getrennthaltungssysteme ver-       (TBS) kann die Verpackungssortierung          re, Jochen Moesslein, geht davon aus, dass
loren. Von den 25 kg Kunststoffverpackun-      auf eine nächste Qualitätsstufe gehoben       rund 40 unterschiedliche Verpackungs-
gen, die pro Kopf und Jahr in Deutschland      werden. Für die Identifikation und Sor-       fraktionen (PET bottle, PET tray, PET non-
verbraucht werden, gelangen im Schnitt         tierung von Kunststoffverpackungen mit        food, PP-block, PP-homo, PP-copo usw.),
lediglich 6 kg/(E*a) in den Restabfall, wäh-   TBS werden Verpackungen mit einem spe-        die man durch 40 unterschiedliche Tra-
rend 19 kg/(E*a) den getrennten Systemen       zifischen Fluoreszenz-Tracer entsprechend     cer verlässlich sortieren könnte, ausrei-
zugeführt werden. Auf der Stufe der Sor-       ihres bevorzugten (zum Beispiel des wirt-     chen. Die Tracer-Technologie könnte man
tierung von Leichtverpackungen wird ein        schaftlichsten) Verwertungspfads gekenn-      auf alle Verpackungen anwenden, ob klein,
Verlust von 40 Prozent der gesammelten         zeichnet. Dies erfolgt in der Regel auf dem   groß, f lexibel, schwarz, bedruckt oder
Kunststoff-LVP-Abfälle durch designbe-         im Verwertungsprozess abtrennbaren Eti-       unbedruckt. Trotz der teilweise schlech-
dingte fehlende Sortierbarkeit nachgewie-      kett, sodass Verschleppungen des Tracers      ten Bedingungen des Verpackungsab-
sen. Die Ergebnisse der dritten Prozessstu-    beim werkstofflichen Recycling vermieden      falls (Deformation, Staub, Schmutz, hohe
fe, der Rezyklat-Herstellung, zeigen einen     werden. Die Fluoreszenz der Tracer wird       Geschwindigkeit, unkontrollierbare Aus-
weiteren Verlust von 40 bis 50 Prozent der     bei Anregung mit elektromagnetischer          richtung) und einer Flut von Bedruckun-
abgetrennten Wertstofffraktionen – der         Strahlung aktiviert. Die Fluoreszenz kann     gen kann mit einer Verlässlichkeit >98 Pro-
sogenannten Ballenware – aus den LVP-          schnell gemessen und zur Identifizierung      zent korrekt detektiert und sortiert wer-
Sortieranlagen. Die Recyclingfähigkeit der     eines Artikels oder Werkstoffs genutzt wer-   den. Derzeit ist keine Technologie auf dem
heutigen Kunststoffverpackungen wird           den. Hierzu reichen bereits Tracer-Mengen     Markt, die derartig hohe Quoten erreicht.

                                                          Das TBS-Prinzip
                                                                                                                                         Quelle: Polysecure

Verpackungsrecycling | 2021                                                                                                        13
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Sortiertechnik

                                                 xiblen, skalierbaren einstufigen Sortierung      neuen EU-Aktionsplan Kreislaufwirtschaft
                                                 weiterentwickelt, vergleichbar mit einer         vorgestellt, der zur Verwirklichung der
                                                 Briefsortierung. Damit gelingt es, ohne          Kreislaufwirtschaft verschiedenen Ände-
                                                 Mehrkosten für die Markenhersteller, das         rungen des EU-Abfallrechts einschließlich
                                                 eigene Verpackungsmaterial zurückzu-             Vorgaben für Kunststoffverpackungen vor-
                                                 gewinnen. Diese Sortiertechnologie ins-          sieht, diese Ziele sind aus unserer Sicht noch
                                                 gesamt wird innerhalb der Wertschöp-             nicht ambitioniert genug:
                                                 fungsketten nicht kostenintensiver, denn         s	Die Ökodesign-Richtlinie 2009/125/EG
                                                 die zurückgewonnenen Fraktionen haben                soll auf möglichst viele Produkte ausge-
                                                 einen hohen Marktwert, weil sie von besse-           weitet werden und Vorgaben für deren
                                      Foto: PS

                                                 rer Qualität sind. Es werden damit wesent-           Kunststoff-Rezyklat-Anteil festlegen.
Fluoreszierende Marker können                    lich höhere Recyclingquoten erreicht, Rezy-          Zudem sollen durch neue Vorgaben der
die Sortierung in zahlreiche unter-              klat-Einsatzquoten können verbessert wer-            Verpackungsrichtlinie 94/62/EG „über-
schiedliche Kategorien ermögli-                  den und die CO2-Bilanz wirkt sich positiv            trieben aufwendige“ Verpackungen ver-
chen.                                            auf das Klima aus: Nach ersten Schätzun-             ringert und bestimmte Verpackungs-
                                                 gen könnten allein in Deutschland mit dem            materialien für spezifische Anwen-
                                                 Einsatz von TBS bis zu 2 Millionen Tonnen            dungen verboten werden. Bemerkung:
                                                 CO2 pro Jahr eingespart werden.                      Verbundverpackungen sollten bei-
Die unsichtbaren Wassermarken als bild­              Polysecure ist seit wenigen Wochen               spielsweise nur dann noch zugelas-
optisches Verfahren und Objekterken-             Partner im neuen EU-Vorhaben Circular                sen sein, wenn sie sicher (zum Beispiel
nung mittels KI (Künstlicher Intelligenz)        Foodpack. Das Hauptziel ist, eine bessere            markiert und mit TBS) abtrennbar sind.
werden lange nicht die Verlässlichkeit           Abtrennung und Verwertung zur Rückge-            s	Mit Blick auf die Kennzeichnung von
erreichen, sodass mit dieser Technologie         winnung von Lebensmittelverpackungen zu              Produkten sollen Mindestanforderun-
wenig verlässliche Ordnung geschaffen            erreichen, um sie für den direkten Einsatz           gen an Nachhaltigkeitssiegel und -logos
werden kann.                                     als Lebensmittelverpackung wieder zu ver-            sowie an die von den Herstellern bereit-
    Die Tracer auf anorganischer Basis           wenden. Bei der Nutzung von durch Polyse-            gestellten Informationen festgelegt wer-
haben den großen Vorteil, dass sie nicht         cure entwickelten Fluoreszenzmarkern in              den. Hierbei soll sichergestellt werden,
bioverfügbar sind und alle Toxizitätstests       oder auf Verpackungen können Artikel und             dass keine unzutreffenden umweltbezo-
negativ sind – sie verhalten sich wie mine-      Materialien nach vorgegebenen Kriterien              genen Aussagen getroffen und die Ver-
ralische Additive. Die Zulassung für den         (Food-/Non-Food) verlässlich sortiert wer-           braucher vor „Greenwashing“ geschützt
Lebensmittelkontakt ist derzeit in Vorbe-        den. Eine erfolgreiche TBS-Markteinfüh-              werden. Bemerkung: Die Kennzeichnung
reitung. Zudem sind geringste Mengen not-        rung ist bereits erfolgt. Polysecure hat mit         mit fluoreszierenden Markern kann dazu
wendig, für alle in Deutschland in Verkehr       Rehau das Abtrennen von glasfaserhaltigen            beitragen, dass diese Verpackungen als
gebrachte Verpackungen (etwa 3 Millionen         PVC-Flakes industriell validiert. Hierfür           „recyclingfähig“ gelten können.
Tonnen pro Jahr) sind nur etwa 20 Ton-           hat Polysecure die weltweit erste TBS-Sor-       s	Um einen „gut funktionierenden“ EU-
nen notwendig (etwa 5–10 ppm). Mit dem           tiermaschine entwickelt. Schon hier hat sich         Binnenmarkt für Kunststoff-Rezyklate
Kooperationspartner Carl Zeiss AG ist            bestätigt, dass das patentierte TBS-Verfah-          zu schaffen, sollen EU-weit die Krite-
geplant, ein ganz neuartiges Detektionsmo-       ren effizient funktioniert.                          rien zum Ende der Abfalleigenschaft
dul zu entwickeln: Dies wird ein integrales                                                           für bestimmte Abfallströme harmo-
Detektionsmodul sein, mit dem es gelingen        Was ist politisch und regulativ für                  nisiert werden. Zudem soll der Markt
wird, die Tracer zu erkennen, Objekte und        eine bessere Sortierung notwendig?                   für Sekundärrohstoffe durch Normen
Marken zu differenzieren sowie Farben zu                                                              gestärkt werden, die eine hohe Qualität
unterscheiden. Der große Vorteil wird sein,      In der EU-Richtlinie über Einwegkunststof-           der gesammelten Abfälle sicherstellen.
dass der bisher mehrstufige Prozess durch        fe sind bereits genaue Anforderungen an den          Bemerkung: Die Rückgewinnung und
einen einstufigen Durchgang abgelöst wird.       Rezyklatanteil von Kunststoffflaschen defi-          der Wiedereinsatz markierter Verpa-
Mit dem neuen Sortier-und Detektionsmo-          niert, der bis 2030 30 Prozent betragen soll.        ckungen für den gleichen Zweck sind
dul wird man genau wissen, um welche             Diese EU-Vorgaben wirken als ersten Schritt          möglich, Tracer in der Druckfarbe oder
Verpackung und um welches Stück Abfall           in die richtige Richtung, Wertschöpfungs-            im Etikett können im Recyclingprozess
es sich handelt.                                 ketten können damit bereits verändert wer-           entfernt werden.
    Die Sortierung bisher – ein ineffizien-      den. Aber das reicht bei Weitem nicht aus!
tes kaskadisches System – wird zu einer fle-     Die EU-Kommission hat im März 2020 den                Dr. Beate Kummer, Polysecure GmbH

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Kommentar

Nach der Wahl –
was nun zu tun ist
Ein Kommentar von Dr. Katharina Reuter,
Geschäftsführerin Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft                                                             Foto: Joerg Farys; www.dieprojektoren.de

A
         ls das wichtigste Problem in Deutschland nannten die             stoffversorgung und schafft durch hochwertige Aufbereitung nachhal-
         Wähler*innen vor der Bundestagswahl die Klimakrise. Auch         tige Arbeitsplätze und generiere so eine zukunftsfähige Wertschöpfung.
         die Wirtschaft zeigt immer mehr Unterstützung für ein
Umsteuern und warnt zunehmend davor, dass künftig mangelnder              Was gehört also auf die To-do-Liste
Klimaschutz zum Standortnachteil wird. Die Kreislaufwirtschaft hat        der neuen Regierung?
enormes Klimaschutzpotenzial und daher das Zeug dazu, ein ech-
ter Gamechanger zu werden. Die neue Bundesregierung sollte genau          Damit private Verbraucher*innen sich besser über kreislauffreundli-
dieses Potenzial erkennen und ausschöpfen.                                che Produkte informieren können und Behörden eine bessere Orien-
     Um die ehrgeizigen Klimaziele Deutschlands für diese Dekade zu       tierung bei der nachhaltigen Beschaffung haben, braucht es ein ver-
erreichen, dürfen wir keine Chancen ungenutzt lassen. Das klingt sim-     bindliches Kreislauflabel. Dieses Label soll Aussagen über die Wie-
pel, ist es aber scheinbar nicht. Gut, dass sich die Verhandler*innen     derverwendbarkeit, Reparierbarkeit, die Recyclingfähigkeit und den
zum 1,5-Grad-Ziel bekennen und sich beim vorzeitigen Kohleausstieg,       Rezyklatanteil eines Produkts machen.
bei der Solarpflicht für Gewerbe und erhöhten Abschreibungsmög-               Der Bund muss außerdem endlich seine Beschaffungspraxis,
lichkeiten für Investitionen in Klimaschutz einig sind. Die laufenden     insbesondere im Baubereich, ändern und den Vollzug verbessern.
Koalitionsverhandlungen zeigen aber nicht nur ein neues Aufeinan-         Diese Aktionen sollten auch den Ländern und Kommunen als Vor-
der-Zugehen, sondern auch das Festhalten an etablierten Positionen.       bild für eine nachhaltige Beschaffungspraxis dienen.
     Der wesentliche Beitrag, den die Kreislaufwirtschaft bei der Ener-
gie- und Ressourcenwende leistet – und somit auch für den Klima-          Von Klimaschutz reden, aber klimaschädliche
schutz –, muss künftig noch stärker in den politischen Fokus gerückt      Subventionen nicht abschaffen?
werden. Vielleicht durch die Verortung der Kreislaufwirtschaft im
Sinne des Green Deal als maßgebliche Steuerungs- und Koordinie-           Es klingt skurril, ist aber so: Ob Kerosinbesteuerung oder Dienstwa-
rungsaufgabe im Kanzleramt? Vielleicht als ein zentrales Thema in         genprivileg – lieb gewonnene Absonderlichkeiten des Anti-Klima-
einem Klima-Ministerium? Wichtig ist, dass die politische Steuerung       schutzes lassen sich eben nicht so leicht loswerden. Die neue Regie-
und Koordinierung der Umsetzung des Green Deal in Deutschland             rung muss aber dringend die steuerliche Benachteiligung von Rezy-
einen höheren Stellenwert erhalten als in der Ära Merkel. Auch die        klaten beenden. Kunststoffe basieren auf fossilen Energieträgern
aktuellen Beschlüsse aus Brüssel zeigen, dass der Green Deal erhebli-     und dürfen nicht länger von der Energiebesteuerung befreit bleiben.
che Auswirkungen auf die nationale Gesetzgebung haben wird.               Die dadurch gewonnenen Steuereinnahmen können dann in einen
     Seit Jahren gilt Deutschland als der Recycling-Weltmeister           Fonds zur Förderung der Kreislaufwirtschaft fließen, um zusätzliche
schlechthin und wird oftmals als DAS Vorbild beim Thema Abfallent-        CO2-Reduktionspotenziale zu heben.
sorgung und Mülltrennung genannt. Aber ist das so? 18,7 Millionen             Auf die To-do-Liste gehören natürlich auch: recyclingfreundli-
Tonnen Verpackungsmüll, die alleine in Deutschland jährlich anfal-        ches Produktdesign und produktbasierte Mindestrezyklatquoten.
len, sprechen eine andere Sprache und verursachen eben auch Schäden       Rohstoff- und Ressourcenpolitik müssen künftig dem Recycling
in der Natur und hohe Umweltkosten. Wir müssen zirkulärer werden.         einen Vorrang einräumen. Die neue Bundesregierung muss schnell
Und auch in der Rohstoffversorgung Deutschlands leiste die Kreislauf-     handeln. Echte Kreislaufwirtschaft ist aktiver Klimaschutz. So
wirtschaft einen wichtigen Beitrag. Sie verringert durch die Produktion   könnte die Regierung dafür sorgen, dass Deutschland Klimaschutz-
von Recyclingrohstoffen die Abhängigkeit von Drittstaaten in der Roh-     Geschichte schreibt!

Verpackungsrecycling | 2021                                                                                                                          15
Abfallvermeidung

Auf geliebte
                                                                                               den und gut zu Fuß, per Fahrrad oder mit
                                                                                               öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen
                                                                                               sein. Es sollte zudem einheitliche und trans-

Gewohnheiten
                                                                                               parente Vorgaben für die Läden geben.

                                                                                               Standardisierte und umwelt-
                                                                                               freundliche Mehrwegsysteme

verzichten                                                                                     „Die Etablierung standardisierter, umwelt-
                                                                                                freundlicher Mehrweg-Systeme stellt – in
                                                                                                Ergänzung zum Unverpackt-Konzept – eine
                                                                                                wichtige Strategie zur Verringerung des Ein-
                                                                                                satzes von Kunststoff-Einwegverpackungen
                                                                                                im Lebensmittelbereich dar.“ Auch hier gebe
Während meist die Frage diskutiert wird, wie man mit den anfallen-                              es bei den Verbraucher*innen eine klare
 den Verpackungsabfällen umgeht, verfolgt das Institute for                                     Bereitschaft zur Nutzung. In einer Umfrage
                                                                                                hätten allerdings 82 Prozent fehlende Angebo-
Advanced Sustainability Studies einen anderen Ansatz. In den                                    te bemängelt. In der gleichen Umfrage hätten
„Strategien zur Reduktion von Lebensmittelverpackungen“ geht                                    sich 78 Prozent positiv zu einer entsprechen-
 es darum, die Abfälle gar nicht erst entstehen zu lassen.                                      den Verpflichtung des Handels begünstig.
                                                                                                62 Prozent würden einer Abgabe auf Einweg-
                                                                                                Plastikverpackungen zustimmen, um Mehr-

D
                                                                                                weg-Verpackungen günstiger zu machen.
         er hohe Verbrauch an Plastikver-      mern. Neben dem Verkauf im Einzelhandel              Der Bericht nennt einige notwendige
         packungen sei ein komplexes sozi-     umfasse das Konzept auch möglichst verpa-        Kriterien für den Erfolg eines Mehrweg-Sys-
         al-ökologisches Risiko, heißt es im   ckungsfreie Lösungen in der gesamten Pro-        tems. Die Umlaufzahlen müssten so hoch wie
Bericht. Daher müssten Überlegungen ange-      duktions- und Lieferkette. „Um diesbezüg-        möglich sein, nach Ende der Nutzung müss-
stellt werden, wie die Reduktion des indivi-   lich einen einheitlichen Standard zu etablie-    ten die Verpackungen einem Recycling zuge-
duellen Verbrauchs von Kunststoffverpa-        ren, sollte auf Basis bewährter Praktiken der    führt werden. Die Behälter müssten zudem
ckungen für Lebensmittel gefördert werden      Unverpackt-Läden ein verbindlicher Unver-        so schnell wie möglich zurück in den Kreis-
kann. Trotz eines hohen Problembewusst-        packt-Standard etabliert werden.“                lauf gelangen, damit nicht unnötig viele neue
seins in der Bevölkerung nehme das Auf-             Laut Umfragen gebe es bei den Ver-          Behälter benötigt werden. „Eine einfache und
kommen an Verpackungsabfällen weiter zu.       braucher*innen eine große Zustimmung zu
Die Bereitschaft der Verbraucher sei zwar      unverpackten Produkten, vor allem bei Obst
vorhanden, scheitere aber an persönlichen      und Gemüse, aber auch bei Nudeln, Reis,
und strukturellen Barrieren. Daher werden      Nüssen und Süßigkeiten. Allerdings gebe es
im Bericht drei Strategien vorgeschlagen.      nur wenige entsprechende Angebote und es
                                               sei oft unerwünscht, dass die Kund*innen
Ausbau Angebot unverpackter                    eigene Behälter mitbringen. Durch die kür-
Lebensmittel                                   zere Haltbarkeit seien zudem mehr Einkäu-
                                               fe von kleineren Mengen notwendig. „Daher
Die Förderung eines f lächendeckenden          ist es wichtig, die Ausweitung des Angebots
Angebots an unverpackten Lebensmitteln         an unverpackten Lebensmitteln mit dem
sei eine zentrale Strategie zur Verringerung   Nahrungsversorgungskonzept zusammen-
des Verbrauchs an Lebensmittelverpackun-       zudenken.“ Der Bericht fordert daher auch
gen. Das Unverpackt-Konzept sehe vor, dass     eine Förderung der flächendeckenden Ver-
Lebensmittel lose, in großen Spendern oder     breitung von kleinen Läden mit möglichst
an der Frischetheke angeboten werden. Die      großem Unverpackt-Sortiment. Aus Akzep-
Kunden würden dabei eigene oder vor Ort        tanzgründen und zum Ausbau regiona-
angebotene Mehrwegbehälter nutzen und          ler Wirtschaftskreisläufe sollten diese von
müssten sich selber um die Reinigung küm-      vor Ort lebenden Menschen betrieben wer-                  Das würde den Verbrauch an Plastik-
                                                                                                         verpackungen eindämmen: zurück zu
                                                                                                         kleinen Läden, regionale Kreis-
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