Sinn ermöglichen - evangelisch-reformierte Landeskirche ...
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Kirchenblatt für die Evangelisch-reformierten Kirchgemeinden beider Appenzell AZB 9100 Herisau
Januar 2020 Nr.1 107. Jahrgang
ften
rg e n d e G emeinscha
So nie
P o te n z ia l der Diako
Sinn ermöglichen
Da s ite 15
m ehr auf Se
Biblische Betrachtung
Der Gast ist König
Jesus hielt sich in Betanien auf, im Hause Simons,
der an einer schweren Hautkrankheit litt. Als er dort
zu Tisch lag, kam eine Frau zu ihm mit einer Alabas-
terflasche voll kostbarem Öl und goss es auf seinen
Kopf.
Die Jüngerinnen und Jünger sahen das und wurden är
gerlich. Sie sagten: «Was soll diese Verschwendung? Das
Öl hätte für viel Geld verkauft werden können, das
dann den Armen gegeben werden könnte.» Da Jesus
das merkte, sagte er zu ihnen: «Warum macht ihr die
ser Frau Vorwürfe? Sie hat eine gute Tat für mich voll
bracht.» Mt 26, 6–10
Jesus als Wanderprediger war zusammen mit seinen
Freunden oft zu Gast in unterschiedlichsten Häusern.
Als Mensch ohne festen Wohnsitz und ohne festes Ein-
kommen war er angewiesen auf die Gastfreundschaft.
Viele neutestamentliche Erzählungen berichten davon.
So auch diese im Haus des kranken Simons.
Und da kommt eine Frau, und setzt noch einen drauf
auf die übliche Gastfreundschaft, die den Wanderern
die staubigen Füsse wäscht, sie verköstigt und ihnen
eine Unterkunft gewährt. Sie ist so richtig verschwen-
derisch grosszügig. Denn der kostbar duftende Inhalt
dieser Flasche mit Nardenöl hätte ihr gut und gerne als
Altersvorsorge dienen können, entsprach doch ihr
Wert dem Jahreslohn eines Arbeiters (umgerechnet Die Salbung Jesu
etwa 21000 Franken). Doch sie salbt damit den Gast Quelle: Campingkirche, Freizeitcenter Oberrhein, via bibelwelt.de
und greift eine alttestamentliche Tradition auf, in der
es Könige waren, die mit dem kostbaren Öl bei ihrer
Inthronisation gesalbt wurden.
Kein Wunder, reagieren die Freunde entsetzt, was Ich finde sie ausgedrückt in der berühmten Erzählung
hätte man damit nicht alles (Gutes) tun können! Doch von Tolstoi vom Schuster Martin. Jesus versprach, zu
Jesus rechtfertigt diese Tat der Liebe und des Segens. ihm zu Gast zu kommen. Viele Menschen gingen ein
Ich erinnere mich an einen mutigen Kollegen, der und aus an diesem Tag, Martin unterstützte sie alle auf
selbst in einem Sabbatical die Erfahrung machte, als seine Weise. Aber Jesus kam nicht. Doch als es Nacht
Obdachloser in Frankreich und Deutschland unter- wurde, da erschien er und sagte ihm, er sei ihm begeg-
wegs zu sein. Er erlebte die existenzielle Notwendig- net in jeder einzelnen Person an diesem Tag. Und das
keit von Gastfreundschaft, suchte sie bewusst auch heisst Gastfreundschaft: jeden Menschen so willkom-
bei kirchlichen Institutionen und Kirchgemeinden, be- men heissen, als wäre es Christus selbst. Das Kost-
kam sie oft, aber manchmal wurde sie ihm auch ver- barste, was wir zu geben haben, ist Liebe, so wie das
wehrt. kostbare Öl des Fläschchens. Diese dürfen wir beden-
Jesu Rechtfertigung dieser Frau lässt mich nachden- kenlos verschwenden. Und wenn wir dies tun, dann ist
ken über eine gastfreundliche Kirche. Da sind zum ei- jeder Gast König!
nen die kleinen gelebten Zeichen der Gastfreundlich-
keit. Die Einladung zum Apéro nach jedem Gottes- Ich wünsche Ihnen ein Jahr mit guten Erfahrungen als
dienst. Die immer offenen Kirchentüren, die auch dem Gastgebende und als Gast in und ausserhalb der Kirche.
fremden Gast einen Moment der Stille schenken. Die
Geselligkeit bei vielen Anlässen. Eine Kultur, die die Annette Spitzenberg, Pfarrerin in Reute-Oberegg
Menschen, die kommen, willkommen heisst. Ich wün-
sche mir von mir und auch von den Menschen, die die
Kirche gestalten, die Haltung dieser Frau.
MAGNET Nr.1/2020 2Editorial
Liebe Leserin,
lieber Leser
Eine Geschichte im Alten Testament erzählt wie ein älter geworde
Impressum
ner Herr von Dreien besucht wurde. Es war in der Hitze des
Kirchenblatt für die Evan-
Tages, er döste vor seinem Zelt aber im Schatten. Als er die Drei
gelisch-reformierten Kirch-
gemeinden beider Appenzell auf sich zukommen sah, sprang er auf und nötigte sie, seine Gast
(erscheint monatlich) freundschaft entgegen zu nehmen. Er schlachtete ein Kitz; seine Carlos Ferrer, Mitglied der
Herausgegeben im Auftrag
der Synode der Evangelisch-
Frau, auch im hohen Alter, bereitete ein Festmahl vor. Während Redaktionskommission
reformierten Landeskirche des Essens versprechen die Gäste dem Paar: Ihr werdet Eltern
beider Appenzell werden. Der Kindersegen war ihnen bis dahin verweigert worden.
Redaktionskommission
Carlos Ferrer, Grub-Eggersriet
Eine andere Geschichte erzählt von dem Neffen des Ersten.
(cf); Judith Husistein, Stein (jh); Auch er bekommt Besuch, von zwei Männern. Er nimmt sie gast
Isabelle Kürsteiner, Walzenhau-
sen (iks); Jonathan Németh,
freundlich auf, in sein Stadthaus. Bald kommen aber die Nach
St.Gallen (jn); Annette Spitzen- barn und wollen, dass er die Fremden hinausschickt. Das will
berg, Reute-Oberegg (as); er nicht und bietet ihnen dafür die eigenen Töchter an, was die
Karin Steffen, Schachen bei
Reute (ks); Lars Syring, Präs., Nachbarn nicht wollen. Sie werden gewalttätig und verlangen,
Bühler (sy) dass die fremden Gäste ausgeliefert werden. Auf wunderbare
Redaktion
Weise entkommen die Fremden mitsamt der Familie, die Stadt
Heinz Mauch-Züger (hmz)
Steinbruggen aber bekommt die Vergeltung Gottes zu spüren.1
9063 Stein Gastfreundschaft liegt nah am Herzen unserer Religion. Das
Tel. 071 278 74 87
Fax 071 278 74 88 Gleichnis vom barmherzigen Samariter und die Warngeschichte
magnet@ref-arai.ch von den Geissen und Schafen2 unterstreichen dies in bildhafter
Magnet-Download Sprache. Darin sind sich die beiden Testamente einig. Wer die
www.ref-arai.ch
Produktion
Gastfreundschaft missachtet, vergeht sich an Gottes Gnade.
Appenzeller Druckerei AG, Vertieft wird das Bild der Gastfreundschaft durch den Kontext,
9100 Herisau
was sie beinhaltet. Essen, Trinken, Obdach, Teilhabe an all dem
Adressänderungen melden
Sie bitte direkt der örtlichen Besten was vorhanden ist. Ein Gastgeber sieht zu, dass den Gästen
Kirchgemeinde nichts fehlt. Dies unterstrich Jesus, als er die Füsse seiner Jünger
WEMF wusch, am Abend des letzten Abendmahls.
Beglaubigte Auflage 3250
Gastgeber oder -geberin zu sein, heisst dienen, den Gast hinein
Magnet online
www.magnet.jetzt zu lassen in das Allerheiligste was man besitzt und ihn zu bewir
ten. Wenn nötig so zu beschenken, dass er weiterreisen kann.
Diesen Magnet widmen wir einerseits der Kultur der Gast
freundschaft in unseren Kirchen. Ihren Stellenwert, ihrer Wichtig
keit, ihrer zentraler Lage in unserem Kirche-Sein. Anderseits
stellen wir das Diakoniekonzept der Kirche und dessen geplante
Umsetzung vor.
Eine Kirche, die sich auf Christus beruft, öffnet nicht nur ihre
Türen für die, die zu ihr kommen. Sie sucht gastfreundliche und
dienende Strukturen aufzubauen und aufrecht zu halten. Nicht
der Zufall, sondern die Regel schafft die Kultur. Eine dienende
Kirche3, eine dienende Führung, eine dienende, von Gott geliebte,
Truppe. Das ist der konkrete Sinn unseres Glaubens. Einander zu
dienen, dass Keine und Keiner verloren oder ausser acht geht.
Titelbild: Kirche – offener 1 Genesis 18–19
Erfahrungsraum. 2 Lukas 10, Matthäus 25
Illustration: Jonathan Németh 3 Auch «diakonische Kirche» genannt
3 MAGNET Nr.1/2020Thema
Kirche in Bewegung?
Immer noch wird in den Landeskirchen der Slogan
«kleiner, älter, ärmer», der auf das Buch «Die Zukunft
der Reformierten» von Jörg Stolz und Edmée Ballif
zurückgeht, nicht nur rezipiert sondern fast schon
meditiert. Manchmal scheinen insbesondere die eta-
blierten Landeskirchen wie erstarrt zu sein vor dieser
Perspektive. So sind sie darum besorgt, Finanzen,
Strukturen, Status und Mitglieder zu halten. Gleich-
zeitig wird die Säkularisierungstheorie in Kirche und
Medien weiterhin als drohende Zukunftsvision her-
aufbeschwört, die unter anderem den Untergang der
Kirche prophezeit. Darin wird beschrieben, dass die
Menschen immer säkularer werden, also diesseitig
und weltlich orientiert und sich von «naiven» Glau-
benssystemen emanzipiert haben.
Dr. theol. Sabrina Müller ist die theologische
In den Sozialwissenschaften hingegen wird gerade die Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchen-
Säkularisierungstheorie schon länger angezweifelt und entwicklung der Universität Zürich. Seit Herbst
es erscheinen immer mehr Studien, welche andere 2015 befasst sie sich in ihrem Habilitationspro-
Muster erkennen lassen. Die Menschen werden nicht jekt mit dem Thema «Religiöse Erfahrung als
immer unempfänglicher für Spiritualität und Religion, Grundbegriff der Praktischen Theologie».
sondern sie sind dafür wieder offener. Allerdings haben Vorher arbeitete sie während 6 Jahren in der
sich die religiöse Praxis und Sinndeutungen individua- ev.-ref. Kirche Bäretswil als Pfarrerin und promo-
lisiert und sie sind dadurch vielfältiger geworden. Die vierte zum Thema «Fresh expressions of Church».
Menschen glauben nicht weniger, nur anders. Sie prak-
tizieren ihren Glauben bei Gebet und Meditation, Pil-
gern und Tanzen, in den Bergen und im Wald, jedoch
nicht mehr automatisch in einem sonntäglichen Got-
tesdienst in einem Kirchengebäude. Das Leben ist plu-
ralistischer, individualisierter, erfahrungsorientierter
und liquider geworden. Dies scheint in Spannung zu che in ihrer institutionellen Sozialform mit Selbstver-
stehen zur historisch-gewachsenen Form von Kirche, trauen von sich sagen können: «zuverlässig, vertrau-
wie sie sich in den Landeskirchen zeigt. ensvoll und präsent». Kirche als Institution wird von
reformfreudigen Personen gerne kritisiert und die Ten-
Drei kirchliche Sozialformen denz steigt, Kirche nur noch als Organisation zu verste-
Landeskirchen haben verschiedene Sozialformen, sie hen. Dies zeigt sich zum Beispiel in der zunehmenden
sind historisch gewachsene Institution, sie sind gleich- Professionalisierung, in der Hierarchisierung von Lei-
zeitig Organisation, und theoretisch wären sie auch tungsstrukturen, in Strukturreformen und in einseiti-
Bewegung. gen Konzepten von Kompetenzorientierung. Von Ver-
In ihrer institutionell gewachsenen Form vermitteln tretern dieser Sozialform wird die flexiblere, zielge-
Landeskirchen immer noch gesellschaftliche Sicher- richteter und besser organisier- und leitbare Seite von
heit und Vertrauen, sie sind immer noch für viele Per- Kirche betont. Auch die organisationslogische Seite
sonen ein Knotenpunkt in den entscheidenden Le- von Kirche ist notwendig, denn Strukturen, Funktio-
bensphasen, sie sind gegeben und vertrauenswürdig, nen und Finanzen müssen geklärt, Gebäude verwaltet
manchmal auch etwas verstaubt und unbeweglich, und Anstellungen gesetzeskonform getätigt werden.
aber sie sind da. Ihr diakonisches und gesellschaftli- Der Slogan dieser Sozialform könnte folgendermassen
ches Engagement wird geschätzt, die Kirche «tut Gu- lauten: «professionell, optimiert, zukunftsorientiert».
tes», setzt sich für die ein, «die es nötig haben». Diese Was etwas weiter vom landeskirchlichen Verständ-
Sozialform von Kirche, mit ihrer historisch gewachse- nis entfernt liegt, ist, dass Kirche auch Bewegung ist.
nen Logik, einfach aufzugeben hiesse «das Kind mit Diese Sozialform geht in die Anfänge des Christentums
dem Bad auszuschütten». Anders als der viel zitierte zurück, sie ist häufig selbstorganisiert und sie wurzelt
Slogan «kleiner, älter, ärmer» vorschlägt, sollte die Kir- im gelebten Glauben von Individuen und Gemein-
MAGNET Nr.1/2020 4Thema
Neues wagen ohne das Wesentliche
in Form und Inhalt zu verlieren –
eine doppelte Herausforderung der es sich
zu stellen gilt. schaften, die auf Gottes Wirken vertrauen und durch
Bild: hmz
ihre Partizipation Kirche bilden (Mt 18,20). Kirche als
Bewegung besteht aus vom Geist bewegten Menschen,
die sich intrinsisch motiviert treffen, gemeinsam feiern
und an Kirche partizipieren. In dieser Sozialform bildet
das «Allgemeine Priestertum» den Kern von Kirche
und ihre äussere Ausdrucksform, ihre Struktur und
ihre Aktivitäten können, je nach Kontext, variieren.
Die Sozialform von Kirche, Kirche als Bewegung ist liquide und kann sich je nach-
dem kontextuell anders zeigen. Der Slogan hier könnte
mit ihrer historisch gewachsenen folgendermassen auf den Punkt gebracht werden: «er-
Logik, einfach aufzugeben fahrungsorientiert, partizipativ, geistbewegt».
Innovative Kirchenentwicklung knüpft häufig am
hiesse «das Kind mit dem Bad Bild von Kirche als Bewegung an. Dabei wird Kirche
vom Kontext, etwa dem jeweiligen Sozialraum und den
auszuschütten». Menschen, konkret deren Lebenssituationen her, ge-
dacht und entwickelt. Kirche in diesem Denkhorizont
wurzelt in der gelebten Theologie und Religion der
Menschen und das Alltägliche und das Sakrale lassen
sich nicht mehr so einfach trennen. Die Logik bei die-
ser Sozialform besteht darin, dass sie weniger attrakti-
onal funktioniert und Angebote und Gottesdienste kre-
iert, sondern gemeinsam mit den Menschen zusam-
men danach fragt, was es bedeutet, hier in diesem
Kontext, in diesem Netzwerk, in dieser Peer-Group
oder in dieser Nachbarschaft Kirche zu sein.
5 MAGNET Nr.1/2020Thema
Die Kirche der Zukunft braucht
jedoch diesen bewegten, chaotischen
und erfahrungsorientierten Teil
von Kirche.
Ebenso zentral wie die institutionelle und organisatori- tive Repräsentantinnen und Repräsentanten wahr- und
sche Sozialform von Kirche ist die bewegte. Ihr wird in ernst zu nehmen, damit sie selbst zu einem konstituti-
den gängigen landeskirchlichen Überlegungen eher ven Teil kirchlicher und theologischer Praxis werden.
wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Vielleicht, weil sie Denn in einer spätmodernen Gesellschaft hängt die
nicht gut kontrollier- und organisierbar ist, weil sie vor- Plausibilität des Evangeliums von der Authentizität der
schnell einer theologischen Richtung zugeordnet wird Menschen ab, die daran partizipieren. Das Evangelium
oder weil das Kirche-Sein seit vielen Jahrhunderten wird so weniger durch die Predigt als vielmehr durch
den Pfarrpersonen übertragen war. Oder vielleicht das gelebte Leben kommuniziert.
auch einfach darum, weil es nicht dem nüchternen, Eine kirchliche Sozialform alleine kann und wird nicht
kognitiv-orientierten reformierten Selbstbewusstsein genügen, um dem Auftrag der Kirche, die kontextuelle
entspricht. Kommunikation des Evangeliums, gerecht zu werden.
Die Kirche der Zukunft braucht jedoch diesen be- Alle ihre Sozialformen müssen in Prozessen von Kir-
wegten, chaotischen und erfahrungsorientierten Teil chenentwicklung integriert und reflektiert werden und
von Kirche. In ihm wird das Lebensgefühl einer spät- allen Sozialformen müssen Raum und Ressourcen zur
modernen, liquiden und erfahrungsorientierten Gesell- Verfügung stehen.
schaft gespiegelt und transformiert. Denn heute muss Dr. Sabrina Müller
Religion und Theologie persönlich erlebt werden: in
individueller Praxis, in gemeinschaftlichen hermeneu-
tischen Prozessen und im alltäglichen Leben. Diese
gelebte Theologie gilt es zu stärken und ihre Verortung
in der Lebensrealität der Menschen herauszustellen.
Ihre Gestalt ist nicht Antwortsicherheit, «sondern fra- Die Menschen glauben nicht
gende Existenz zwischen Anfechtung und Gewiss-
heit».1 Diese Form der Theologie ist eine prozessuale, weniger, nur anders.
welche auf persönlichen und gemeinschaftlichen (Kon-
tingenz)Erfahrungen beruht und dem Wandel der Le-
bensumstände und des Kontextes unterworfen ist.
Sobald diese theologische Dimension miteinbezo-
gen wird, kann Kirche nicht auf Institution, Organisa-
tion oder auf Gottesdienst und das kirchliche Engage-
ment nicht mehr auf Freiwilligenarbeit reduziert wer-
den. Denn der Freiwilligenarbeit der Kirche, anders als
bei anderen sozial-karitativen Tätigkeiten, wohnt ein
geistliches Moment inne, welches sich im Horizont
von Theologie und «Allgemeinem Priestertum» be-
wegt. Denn das Selbstverständnis und Selbstbewusst-
sein verändert sich, wenn die «Aufgabe» von Kirche
als Menschen darin gesehen wird, Theologie zu trei-
ben und zu leben. Dann kommt nicht nur dem Feiern
und Dienen, sondern auch der gelebten Theologie des 1 Henning LUTHER (1992), S. 23.
«Allgemeinen Priestertums» eine zentrale Stellung zu,2 2 Für die hier ausgeführten Reflexionen zur «Gelebten Theologie»
in der es darum geht Menschen als theologieproduk- vgl. Müller (2019).
MAGNET Nr.1/2020 6Thema
Die katholische
Pfarrkirche
St. Maria in
Weggis am
Vierwaldstät-
tersee.
Daheim in fremder Kirche
Kirchen prägen unsere Dorfbilder und in Städten mit offener, festlicher Ausstrahlung thront die Kirche
überragen Kathedralen oft majestätisch die anderen mit der leuchtend roten Turmspitze etwas erhöht mit-
Gebäude. Jede hat ihr eigenes Gesicht und jeder Kir- ten im Dorf. Umrahmt von Blumenrabatten, Bäumen
chenraum seine ganz eigene Atmosphäre. In man- und einem gepflegten Friedhof strahlt sie Offenheit
chen fühlen wir uns wohl, andere empfinden wir als und Gastlichkeit aus. Hier ist die Kirche ein wichtiger
überladen, düster oder nüchtern. Für mich war un- Teil des Gemeindelebens. Kaum ein Grossanlass, der
sere Dorfkirche immer die schönste weit und breit. nicht mit einem feierlichen Festgottesdienst beginnt.
Hell und freundlich, perfekt in den Proportionen und Da heisst der Priester nicht Herr Pfarrer, sondern Emi-
von ganz besonderer Ausstrahlung. lio. Er kennt die Menschen in seiner Gemeinde mit
Vornamen und predigt je nach Anlass sogar im Sennen-
In dieser Kirche haben schon meine Vorfahren Taufen, chutteli. Und dass Ökumene in dieser mehrheitlich
Hochzeiten und Abschiede gefeiert. Von meiner eige- katholischen Gegend ganz selbstverständlich gelebt
nen Taufe bis zum Abschied meiner Eltern und Hoch- wird, beeindruckte uns. Ob bei der Trauung unserer
zeiten unserer Kinder – unsere Kirche bot dafür stets reformierten Tochter mit ihrem katholischen Mann
einen würdigen Rahmen. Die wohl schönste Tätigkeit oder der Taufe unserer Grosskinder: Der gut 70jährige
meines Arbeitslebens genoss ich als langjährige Mes- Priester war offen für alle Ideen. Er legte Wert auf die
merin in «meiner Kirche». Der Kontakt mit den ver- Anliegen der jungen Familie, achtete die Unterschiede
schiedensten Pfarrpersonen, Organistinnen und Gäs- der Konfessionen ohne zu werten. Unkompliziert und
ten, ob bei kirchlichen Anlässen oder Konzerten, war mit Freude willigte er in den Wunsch des Brautpaares
berührend und bereichernd. Alle Menschen mit Ach- ein, die Kommunionsfeier – das Abendmahl – gemein-
tung und Freundlichkeit zu behandeln, individuelle sam zu gestalten. So verteilten sowohl Braut als auch
Anliegen ernst zu nehmen, besondere Wünsche zu Bräutigam die Hostie – das Brot – an alle Gäste. Fein-
erfüllen und den schönen Raum jedem Anlass entspre- fühlig machte der Priester unsere Tochter darauf auf-
chend würdevoll vorzubereiten und zu schmücken, merksam, dass sie statt der für Katholiken üblichen
machte mir grosse Freude. Nie hätte ich gedacht, dass Worte «Der Leib Christi» bei der Austeilung der Hostie
mich eine andere Kirche in ähnlichem Rahmen anspre- «Das Brot des Lebens» sagen könnte. Auch bei den Tau-
chen könnte. fen spürten wir diese Offenheit. Lieder, Gebete und
sogar das Glaubensbekenntnis passte der Priester so an,
Das Brot des Lebens dass sich alle angesprochen fühlten. Kein Wunder, dass
Bis eine unserer Töchter in der Zentralschweiz eine auch Familien mit kleinen und grösseren Kindern so-
neue Heimat fand. Die stattliche katholische Pfarrkir- wie Menschen anderer Konfessionen den Weg in die-
che St. Maria in Weggis am Vierwaldstättersee wirkte ses Gotteshaus finden, das so selbstverständlich ins
auf mich wie eine etwas reichere Verwandte unserer Dorfgeschehen eingebunden ist. Es ist schön, sich auch
Steiner Kirche. Schlicht gestaltet, lichtdurchflutet und in fremden Kirchen daheim zu fühlen. Judith Husistein
7 MAGNET Nr.1/2020Thema
Sich einlassen –
loslassen – zupacken
Wer Trainings und Coachings anbietet, der weiss, Veränderung behagt uns nicht. Mittlerweile leben wir
dass Veränderungen auf zwei Arten möglich sind. in einer Zeit, wo Veränderung praktisch zum Alltag ge-
Zum Einen kann man über den Kopf Ideen und Argu- worden ist. Ist es verwunderlich, wenn Menschen aus-
mente «einpflanzen oder anregen» und zum Anderen brennen, ihre Orientierung verlieren oder sich in Um-
kann man einfach anders handeln und damit die Ver- gebungen zurückziehen, wo es klare Ordnungen und
änderung einleiten. Diese scheinbar simple Aus- damit Wegweisungen gibt? Die Religionen selber ha-
gangslage beinhaltet alles, was unser Leben im All- ben ja diesen Ruf der Bewahrung. Deshalb erscheinen
tag bestimmt. sie vielen Menschen noch als Hort der Sicherheit, an-
deren hingegen als rückständig und überholt.
Um bei der «simplen Ausgangslage» zu bleiben, kön-
nen wir die Menschen mal in solche einteilen, die sich Loslassen
gerne alles zuerst mal gründlich überlegen und abwä- Der christliche Glaube basiert auf Veränderung. Der
gen. Sie werden gerne als Theoretiker bezeichnet. Pa- Provinzler Jesus (kann aus Nazareth etwas Gutes kom-
piertiger ist ein anderer Begriff. Diese Leute verortet men? Joh. 1.46) sprach praktisch nur von Veränderung.
man gerne in die Verwaltungen und das mittlere Ma- Die einzige Konstante war bei ihm das Vertrauen in die
nagement von grossen Unternehmen. lebensschöpfende Kraft und daraus die Solidarität un-
Und dann sind da diejenigen, die einfach zupacken. ter jenen, die auf diese Kraft vertrauen. «Naivlinge al-
Das sind die Macher, welche zuerst mal durch ihr Han- lesamt!», sagten schon damals die Realisten. Also die-
deln klare Bedingungen schaffen. Diese Leute finden jenigen, die das Sagen hatten und bestimmten, was
ihren Platz als sogenannte Leader in der Wirtschaft und sich gehörte und was nicht. Die Naivlinge jedoch erleb-
in der Politik. Es sind die Helden der Gegenwart auf ten Dinge, die sie sich nicht haben vorstellen können.
den Titelseiten der entsprechenden Magazine und Die Prägung war so stark, dass nach dem Verlust des
Zeitschriften. Anführers der Funke weitersprang und diese Men-
schen in Bewegung brachte. Sie wollten das Erlebte
Sich einlassen und diesen Lebensstil teilen und fanden immer wieder
Mit der Umsetzung des Diakoniekonzeptes geschieht Menschen, die sich davon anstecken liessen.
ebenfalls Veränderung. Es geschieht jedoch nicht so Bis dann die Phase kam, wo die Anerkennung gege-
viel, was es nicht schon einmal gegeben hätte. Da wir ben war und der Einfluss regierungsmässig gesichert
Menschen uns zwar gerne flexibel, dynamisch und in- schien. Damit begann dann die Zeit der Bewahrung
novativ geben, lässt man sich oft täuschen, dass wir uns und der Sammlung. Es begann die Zeit der Bewertung
eigentlich nicht gerne verändern wollen. Die Hirnfor- und Ausscheidung und es begann die Zeit, wo Ge-
schung der vergangenen Jahre hat deutlich gemacht, schichten zwischen zwei Buchdeckeln zur verbindli-
dass das Gebilde unter unserem Haaransatz die Ten- chen Lehre wurden.
denz hat, so rasch wie möglich Routinen zu entwickeln, Veränderung wurde in dieser Zeit immer mehr sus-
also so eine Art Automatisierung zu erreichen. Alle, die pekt. Gruppierungen, die Veränderungen forderten,
Autofahren gelernt haben, kennen das auch gefühlsmä- gerieten ins Abseits bis hin zur Verfolgung und die Ge-
ssig sehr gut. Und so geht es mit eigentlich allem, das schichte des Christentums wurde zur Politik der Wahr-
wir lernen müssen. heits- und Machthaber.
Von der Entwicklung her macht das natürlich Sinn. Gegenwärtig begehen wir Reformationsjubiläen. Sie
Über je mehr Automatismen wir verfügen, desto ruhi- stehen für die Rückbesinnung auf die Anfänge, wo
ger und gezielter können wir handeln und desto mehr eben Veränderung geschah und Menschen völlig neue
können wir die Situation so kontrollieren, dass Gefah- Perspektiven für sich entdeckten. Und sie stehen für
ren minimiert werden. Alle Situationen, wo wir mer- uns Heutigen für das Scheitern dieser Reformationen,
ken, dass unsere Routine nicht greift, wirken stressig weil sich selbstverständlich mit der Rückbesinnung so-
auf uns. Wir verbrauchen unverhältnismässig viel fort wieder Menschen zusammenfanden, welche nicht
Energie und wir erleben uns als nicht wirkungsvoll – genug hatten mit dem, was die Reformatoren anstreb-
bis wir dann den richtigen Ausgang im Bahnhof Zürich ten. Es waren die neuen Naivlinge, die in die Schran-
gefunden haben, oder den richtigen Bus, die gesuchte ken gewiesen werden mussten, wie beispielsweise die
Adresse undundund. Täufer.
MAGNET Nr.1/2020 8Thema
Es läuft eigentlich immer gleich ab. Doch die Umstände ändern seinen Atem zu achten war mal ganz und gar keine
sich, wir verändern uns – Veränderung geschieht bereits. Es gilt kirchliche Angelegenheit. Im Tanzschritt durch den
mit einem grundsätzlich Ja sich auf den Weg zu machen und
Chor zu schreiten, erscheint noch heute einigen sus-
kritisch den Weg immer wieder neu zu suchen. Bild: hmz
pekt. Sich gemeinsam mit einem Bibeltext auseinander
zu setzen und dabei die Zwischentöne in den verschie-
denen Ansichten zu entdecken, ist frömmlerisch. Poli-
Veränderung ist gefährlich. Veränderung ist immer ge- tische Ansichten im Kirchenraum zur Diskussion zu
fährlich, vor allem dann, wenn das was ist, bequem stellen und dabei Qualitäten zu orten «goht gar nöd».
und vorteilhaft ist. Wir sprechen dann davon «dass der Mit Kindern zu kochen, einfach so, das ist billige Be-
Leidensdruck noch zu klein sei». Erst wenn dieser Lei- triebsamkeit. Mit Erwachsenen und Kindern gemein-
densdruck ein gewisses Mass überschreitet, sind wir sam einen Film anschauen oder eine Geschichte hören,
bereit, uns zu verändern. Reaktiv also, nicht aktiv. keine ausdrücklich «christliche» Geschichte, ist Anbie-
Wenn wir heute Veränderung wollen, dann müssen wir derung.
damit rechnen, dass sich da wieder Leute ins Zentrum Das alles geschieht bei uns schon. Und die Reaktio-
schieben, die wir nicht vorgesehen haben. Und dann? nen sind typisch. Laut werden auch hier immer die
Gegner. Es hat sie zu allen Zeiten gegeben, diejenigen,
Zupacken die gewusst haben, was recht und richtig ist. Auch in
Die Umsetzung des Diakoniekonzeptes ist nicht revo- Sachen Religion und Glaube.
lutionär. Es ist eine Reaktion auf sich verändernde ge-
sellschaftliche Verhältnisse. Weniger Mitglieder, weni- Kann denn aus unseren Kirchgemeinden etwas
ger Mittel. Wir können jammern. Das können auch Gutes kommen?
«die Kirchlichen» gut. Und wir können uns zusammen- Es gibt viel mehr Lebendigkeit, als wir uns vorstellen
tun und miteinander darüber nachdenken, was wir können. Sie wohnt einfach nicht immer dort, wo wir
verändern könnten. Und wir können ganz einfach an- sie gerne hätten. Eine Kirche, die sich verändert, weil
ders handeln und sehen, was das für Wirkungen hat. der Leidensdruck tatsächlich zunimmt, erhält die
Weil der Mensch sich nicht gerne ändert, ist meistens Chance anders zu werden. Anders ist eben nicht so wie
die negative Rückmeldung das Indiz dafür, dass wir et- jetzt. Und vielleicht ist anders eine ganz interessante
was Neues, noch Unbekanntes getan haben. und motivierende Sache. Und vielleicht tut es gut, auch
Das ist an vielen Orten bereits geschehen. In den laut auszusprechen, wie es NICHT werden sollte. Da-
Kirchgemeinden im Appenzellerland gab es immer mit am Ende von Schönengrund bis Reute-Oberegg
wieder Profis und Laien, die neue Wege gegangen sind. Gutes erhalten und Gutes neu versucht wird. Packen
Auf Kissen im Kreis zu sitzen, still zu werden und auf wir es an. Heinz Mauch-Züger
9 MAGNET Nr.1/2020Thema
Vom kirchlichen Tun
Es geschah vor Jahren in einem Altersheim, das von
meinem damaligen Arbeitgeber betreut wurde. Eine
alte Frau war dem Sterben nahe, sie schien aber
Angst vor dem Tod, insbesondere vor dem «Danach»,
zu haben. So kam sie nicht zur Ruhe. Bei früheren
Begegnungen hatte sie mir von Kirchgängen erzählt
und dass ihr Gespräche mit dem Pfarrer stets gut
getan, ihr Klarheit vermittelt hätten. Das waren für
sie Kraftmomente.
So fragte ich die Frau eines Tages, als ich sie wieder
einmal sah und spürte, dass die Angst und Not unter-
schwellig immer noch da war, ob sie etwas dagegen
hätte, wenn ich den Pfarrer um Rat fragen würde be- Später erfuhr ich, dass schon am anderen Tag der Pfar-
treffend ihres Unwohlseins, wie sie es ausdrückte. So- rer ein langes Gespräch mit der alten Frau geführt
fort, fast freudig, willigte sie ein. hatte. Daraufhin war der Stein für kurze Zeit wohl ihr
ständiger Begleiter geworden, der Sicherheit vermit-
telte. Es dauerte dann nicht mehr viele Tage, und sie
schlief mit einer Gelassenheit und einer grossen Zuver-
sicht auf eine gute Zukunft im «Danach» ein.
Pfarrer und Schmeichelstein hatten ihr den Ab-
schied von dieser Welt leichter und vor allem angstfrei
gemacht. Immer wenn ich ähnliche Steine sehe, kommt
mir diese Frau und das für mich so unkonventionelle
Handeln des Pfarrers in den Sinn.
Noch am gleichen Tag sprach ich beim das Altersheim
betreuenden Pfarrer vor. Ich wusste nicht, wie er auf
meine Bitte, ob er ein Mittel gegen die diffuse Angst
hätte, reagierten würde. Eigentlich dachte ich an ent-
sprechende Bibelstellen oder ein paar Zeilen. Er aber
erzählte sofort von Schmeichelsteinen, die er in einer
Werkstätte herstellen liess. Diese hätten schon in so
manchen Situationen gut getröstet und sie seien gute
Begleiter. Er gab mir sofort einen und ich brachte ihn
der Frau. Für sie war es ein sehr wertvolles Geschenk, In schwierigen Situationen wünsche ich uns allen eine
dass sie lange in ihrer Hand hielt. Der Stein, aber vor Person, die weiss, was für einen «Schmeichelstein» es
allem, dass er vom Pfarrer kam, schien sie sehr zu be- dann gerade für uns benötigt und dass wir diesen auch
ruhigen. Der Schmeichelstein strahlte wohl fast so et- bekommen.
was wie Geborgenheit aus. Isabelle Kürsteiner
Abb.: Begleitung und Ermutigung – kein Mittel ist da zu klein.
quelle: shop arbes.ch
MAGNET Nr.1/2020 10Thema
Kirche: Weil ich dich liebe
Finden Sie die Kirche auch schön? Ich meine jetzt
nicht nur die Kirche in Bühler, die nach der Innenre-
novation strahlt. Ich meine die Kirche als Kirche.
Also als Gemeinschaft der Heiligen. Auch als Verwal-
tungsapparat. Gefällt sie Ihnen?
Gut. Sicher. Sie haben Recht. Das ist eine komische
Frage. Wie sollen Sie darauf antworten? Vielleicht ist
Ihnen trotzdem spontan ein Gedanke durch den Kopf
geschossen. Ich erzähle Ihnen, wie es mir mit Kirche
geht. Ich liebe die Kirche.
Dabei erinnere ich mich an meinen Seelsorgeprofes-
sor, der eines Tages eine Vorlesung zum Thema «Liebe»
mit denkwürdigen Worten begann: «Die Person, die
ich am meisten liebe», sagte er, «ist meine Frau.» Dann
machte er eine Pause. «Und die Person, über die ich
mich am meisten ärgere, ist auch meine Frau.» Ich bin
mir nicht mehr sicher. Vielleicht hat er sogar «die ich
am meisten hasse» gesagt. Diesen Zwiespalt könne nur
Nicht nur ich muss Kirche aushalten. Kirche muss auch mich aus-
die Liebe aushalten, meinte er. Manchmal sind beide halten. Damals war ich 22 Jahre alt. Der schwarze Talar geborgt
Gefühle sogar gleichzeitig da. und viel zu kurz. Neben mir der Mann, der mich gefördert hat
Seine Worte haben mir damals Angst gemacht. Weil wie kein Zweiter: Mein Konfirmationspfarrer Wilfried Muthmann.
ich mir noch kein realistisches Bild der Liebe machen Bild sy
konnte. Oder wollte. Ich war damals frisch verliebt und
konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass
ich meine Freundin auch mit anderen Augen sehen Manchmal ärgere ich mich auch über Entscheidungen,
könnte. die wir getroffen haben, ich nehme mich da gar nicht
Inzwischen habe ich dazu gelernt. Kenne die Liebe aus. Vieles, was ich früher mal vehement verteidigt
jetzt besser. Und, ja, ich liebe die Kirche. Ich finde Kir- habe, sehe ich inzwischen mit anderen Augen. Wir
che wirklich toll. Überall, wo ich bisher war auf dieser verändern uns. Und Kirche verändert sich auch.
Welt, waren schon Christenmenschen vor mir da und Am schlimmsten finde ich das ewige Gejammere.
haben eine Kirche gebaut. Ich bin willkommen. Wo Irgendwo ist immer ein Haar in der Suppe. Irgendeinen
auch immer ich bin, gehöre ich zu einer Gemeinschaft Grund zur schlechten Laune gibt es immer. Diese Un-
von Menschen, die diesem Jesus seinen Gott glauben tergangsstimmung lähmt. Dabei haben wir doch ge-
und ihm hinterher vertrauen. rade in unserer grossartigen Landeskirche im Appen-
Ich bin in der Kirche gross geworden, habe mich seit zellerland alle Möglichkeiten, neues auszuprobieren.
der Konfirmationszeit engagiert. Habe Menschen ge- Sicher. Kirche ist nicht perfekt. Ich bin es auch nicht.
troffen, die mich gefördert und gefordert haben. Habe Paulus erinnert mich, dass wir den Schatz in irdenen
Leitungserfahrungen gesammelt. Und dann auch mehr Gefässen haben (2. Kor 4, 7). Die Gefässe sind brüchig.
und mehr die geistlichen Schätze kennen gelernt, die Der Schatz ist es nicht. Er bleibt Schatz auch ohne Ge-
uns anvertraut sind. Ich weiss um die Kraft des Segens. fäss. Kirche ist eines der Gefässe. Und das Gejammere
Ich erlebe, wie mich das Abendmahl verändert und mir zersetzt das Gefäss. Das geistliche Gesetz gilt: Worauf
hilft, die Zwiespältigkeiten in mir drin zu akzeptieren. ich mich konzentriere, das wird stärker.
Ich habe erfahren, dass mich mein Vertrauen nachts Deshalb versuche ich es anders: Ich freue mich über
wärmt. Dass mein Glaube mich frei macht. Ich habe das, was uns anvertraut ist. Ich lobe überschwänglich.
das Recht, ein anderer zu werden. Und werde die Und wenn ich meine, etwas oder jemanden kritisieren
Liebe noch besser kennen lernen. zu müssen, dann direkt und liebevoll. Ohne zu verlet-
Kirche hat mich aber auch schon masslos enttäuscht. zen. Ohne Stimmung zu machen. Ich rede nicht über
Und verletzt. Vor allem die Funktionäre, die dem Ob- Leute, die nicht da sind. Und ich begrenze das Suhlen
dachlosen aus Nazareth in Anzug und Krawatte folgen. in der eigenen Befindlichkeit.
Sei’s drum. Niemand ist perfekt. Sie kennen die Ge- Ich liebe Kirche. Und Sie?
schichte vom Splitter und vom Balken. Lars Syring
11 MAGNET Nr.1/2020Thema
Gastgeberin Kirche
Mit der Umsetzung des Diakonie-Konzeptes von Veränderungen nutzen
2017 machen wir uns gemeinsam auf den Weg, uns Die diakonische Aufbauarbeit entwickelt sich mit dem
stärker miteinander zu vernetzen und unsere Erfah- «Diakonie-Netz ARAI», den diakonischen Ansprech-
rungen vermehrt zu teilen. partnern unserer Kirchgemeinden. Es bildet die Basis
unseres Netzwerkes, es ist der Boden, auf dem der di-
Konzepte sind teure Papiere für die Schublade. Das akonische Garten gedeihen soll. Nichts wird einfach so
stimmt in vielen Fällen. Wir möchten es nicht so hal- eingeführt; alles, was geschieht, passiert in Absprache
ten. Deshalb hat sich eine Arbeitsgruppe intensiv mit mit den Kirchgemeinden. Keine Gemeinde steht unter
der Umsetzung beschäftigt und sich für die Beschaf- dem Druck, unbedingt etwas tun zu müssen. Gegen-
fung von finanziellen Mitteln eingesetzt. Uns ist ein wärtig laufen einige Veränderungen in den Strukturen
Zeitfenster von 3 Jahren geöffnet worden. Wir möchten und der Zusammenarbeit der Gemeinden. Diese Verän-
es nützen für einen möglichst positiven Schritt der Lan- derungen sind die Folge der Entwicklung der vergange-
deskirche in Zeiten der Veränderung. nen Jahre. Sie müssen geschehen, damit die einzelnen
Mit der Einstellung von Heinz Mauch-Züger durch Gemeinden eine Zukunft haben. Dahin gehört auch
den Kirchenrat Mitte September 2019 hat dieser Ja ge- das Diakonie-Konzept. Es lässt auf strukturelle Anpas-
sagt zu Schritten der Umsetzung des Konzeptes. Dieses sungen inhaltlich Anpassungen folgen. Das ist nur in
Ja ist ein Nein zur Schubladisierung. Es ist ein Ja zu der gemeinsamen Zusammenarbeit möglich. Gefordert
gemeinsamen Möglichkeiten als Kirchgemeinden und sind alle, die sich in der Kirche engagieren. Der Kir-
als Kantonalkirche. chenrat ist überzeugt, dass auch inhaltlich gute Verän-
derungen möglich sind und dass die typischen Gräben
Umsetzungsziele unserer kirchlichen Landschaft genau so beharrlich
Ziel eins: Die diakonische Arbeit unseres Kantons soll überwunden werden, wie seit alter Zeit die topografi-
ein Gesicht, eine Identität erhalten. Unsere diakoni- schen.
schen Mitarbeiter sollen gestärkt, unterstützt und ihr Iris Bruderer, Kirchenrätin
umfangreiches Arbeitsfeld wahrgenommen werden.
Eine diakonische Web-Plattform, verknüpft mit diako-
nie.ch /Diakonie Schweiz, soll entstehen, um Informa-
tionen auszutauschen.
Nicht für die Schublade gedacht! Bild: hmz
Ziel zwei: Die Freiwilligenarbeit unseres Kantons wird
aktualisiert und ausgebaut. Freiwillige sollen in ihrer
Tätigkeit geschult und begleitet werden. Die Öffent-
lichkeit soll ihre Bedeutung und ihre Leistung anerken-
nen und sie in ihrer Tätigkeit unterstützen. Unsere
Kirche ist auf Freiwillige angewiesen, ihr Zusammen-
halt soll gefördert werden.
Ziel drei: Zwei regionale diakonische Pilot-Projekte,
aus der Praxis für die Praxis, sollen die regionale Zu-
sammenarbeit fördern und die Gemeinschaft stärken.
Wir träumen von einer Beteiligungskirche, nicht von
einer Angebotskirche.
Ziel vier: Wir fördern die Koordination der diakoni-
schen Tätigkeiten in unserer Landeskirche, wir tau-
schen diakonische Projekte innerhalb der Kirchge-
meinden aus. Wir pflegen den Kontakt zu Behörden
und politischen Gremien. Wir verstehen uns als Brü-
ckenbauer zwischen sozialen Gruppen, auch über die
Kantonsgrenze hinaus.
Ziel fünf: Die Diakonie-Stelle soll von einer Diakonie-
Kommission begleitet und unterstützt werden.
MAGNET Nr.1/2020 12Weitblick
n!
Vormerke tesdienst und ein Konzert mit Andrew
ate!
Save the D
Bond, der zu den erfolgreichsten Kin-
derliedermachern und Musikern der
Schweiz zählt. Die Festküche wird die
Gäste kulinarisch verwöhnen.
Ein zehnköpfiges Organisationsko-
mitee mit Vertreterinnen und Vertre-
tern aller beteiligen Kirchen ist seit ei-
nem halben Jahr an der Arbeit und freut
sich, dass der Appenzeller Kirchentag
2020 auf ein grosses Interesse stösst. Es
ist dies der dritte ökumenische Appen-
Unter dem Motto himmelwiit findet am dem Kirchentag wollen die beteiligten zeller Kirchentag nach Rehetobel
Samstag, 16. Mai 2020, in Herisau der Kirchen ein Zeichen setzen und einla- (2013) und Appenzell (2002), der Men-
Appenzeller Kirchentag 2020 statt. Er den, den Glauben zu teilen und mitein- schen im Appenzellerland über die
wird von den reformierten und den ka- ander zu feiern. Konfessionsgrenzen hinaus zusammen-
tholischen Kirchen beider Appenzell Programmschwerpunkte des Kir- bringt.
zusammen mit den lokalen Freikirchen, chentags bilden Workshops sowohl für Für Informationen: Heidi Steffen, OK-Präsi-
der Evangelisch-methodistischen Kir- Erwachsene als auch für Kinder, ein Po- dentin Appenzeller Kirchentag 2020, Tel.
che und der Vineyard, veranstaltet. Mit diumsgespräch, ein Generationen-Got- 079 312 23 35, heidi.steffen@ref-herisau.ch
Vorbereitung Weltgebetstag 2020
Die Weltgebetstagsliturgie für 2020 Ausrichtung des Weltgebetstages in Ih- 390 04 48; myrta.fischer@sunrise.ch.
kommt von den Frauen aus Zimbabwe, rer Gemeinde gut informiert sind. Genaue Tagungsinformationen erhalten
einem Binnenland im südöstlichen Teil Sie sind herzlich willkommen, mit uns Sie nach erfolgter Anmeldung. Die Kos-
Afrikas. Wir hören von einer beeindru- vom regionalen Vorbereitungsteam ei- ten betragen einschliesslich Mittages-
ckenden Landschaft mit Reservaten nen Tag mit vielen Anregungen, guten sen Fr. 70.–. (werden von den Kirch
und Safarigebieten. Am besten bekannt Gesprächen und einer Abschlussfeier gemeinden übernommen!) Anmelde-
sind wohl die Victoriafälle, ein nach der aktuellen WGT-Liturgie zu schluss ist der 8. Januar 2020.
UNESCO-Weltnaturerbe. verbringen. Egal ob Sie in einer Vorbe-
Die ehemalige britische Kolonie reitungsgruppe mitarbeiten oder ein- Alternative
Südrhodesien wurde 1980 als Republik fach so mit dabei sein möchten, wir Die Alternativveranstaltung findet in
Zimbabwe unabhängig. Vom guten Ruf freuen uns auf Sie! Lichtensteig am Samstag, 18. Januar
als Musterland Afrikas ist nicht mehr 2020 von 9.00 bis ca. 16.00 Uhr im
viel übrig, und auch infolge des Klima- Vorbereitungstreffen Saal des Untergeschosses in der evange-
wandels verändern sich der Lebens- Zur Vorbereitung treffen wir uns in lischen Kirche statt. Anmeldung und
raum und die Lebensumstände nicht St.Gallen wahlweise am Mittwoch, 22. Auskunft: Barbara Bretscher, Auli,
zum Besseren. oder Donnerstag, 23. Januar 2020 von 9622 Krinau, Tel. 071 988 15 77;
Die Frauen aus Zimbabwe haben ei- 9.00 bis 17.00 Uhr im reformierten b_bretscher@hotmail.com
ne sehr eindrückliche Liturgie vorberei- Kirchgemeindehaus Lachen. Anmel- Die Kosten betragen einschliesslich
tet. Sie erzählen von ihrem Leben, ih- dung und Auskunft: Myrta Fischer, Mittagessen Fr. 70.–. Anmeldeschluss
ren Freuden und grossen Sorgen, poli- Oberstr. 281a, 9014 St.Gallen, Tel. 071 ist der 10. Januar 2020.
tisch wie wirtschaftlich. Mit dem Titel
der Liturgie zeigen sie uns, dass sie
nicht resignieren, sondern voller Hoff-
nung und Mut im Glauben «aufstehen,
ihre Matte nehmen und ihren Weg ge-
hen» wollen. Wir freuen uns, diese star-
ken Gedanken der Frauen von Zimbab-
we aufzunehmen und allen Menschen
rund um den Erdball weiterzugeben.
An unseren Vorbereitungstagungen
zum Weltgebetstag erfahren Sie noch
mehr über dieses beeindruckende Land
und seine Bewohnerinnen. Auch mit
der diesjährigen Liturgie, dem Bibeltext
aus dem Johannesevangelium, den Bit-
ten, Fürbitten und Liedern werden wir
Sie bekanntmachen, so dass Sie zur
13 MAGNET Nr.1/2020Weitblick
Waldenserkirche unter neuer Leitung
Neue Herausforderungen anpacken
Eing. Ende August 2019 wurde Ales- ten evangelische Christen aus Immigra-
sandra Trotta zur neuen Moderatora tionsländern dazu. Sie werden als
(Kirchenratspräsidentin) gewählt. gleichwertige Mitglieder verstanden,
Zum zweiten Mal übernahm damit die die Gemeinden bereichern. Ge-
eine Frau die Leitung der Waldenser- meinsam gilt es herauszufinden, was
kirche. Alessandra Trotta stammt aus Kirche-Sein unter diesen Voraussetzun-
Sizilien, ist gelernte Juristin und gen bedeutet. Wie kann das traditionel-
wurde zur Diakonin ordiniert. Sie ist le, fast militante «Waldenser-Sein» den
Mitglied der assoziierten Methodis- neuen Umständen angepasst werden?
tenkirche. Einige Jahre lang war sie Dieser Prozess verändert auch die Spiri-
Direktorin des Sozialwerkes La Noce tualität der traditionellen Mitglieder.
in Palermo.
Schwerpunkte in den nächsten
Jahren
Die Waldenserkirche könnte für die eu-
ropäischen reformierten Kirchen eine In den nächsten Jahren wird die kirch-
«Laborfunktion» haben. Denn die Her- liche Seite der Waldenserkirche mehr
ausforderungen an eine Minderheits- in den Fokus gerückt, damit neue Pers-
kirche sind überall ähnlich. Die starke pektiven für das «Kirche sein in einer
Präsenz in der Öffentlichkeit und die veränderten Gesellschaft» entwickelt
Interaktion mit der Gesellschaft als Alessandra Trotta, die neue «Moderatora» werden können. Die neue Moderatora
wichtiger Teil der Waldenserkirche der Waldenserkirche. Bild:zVg ist guten Mutes und will die grossen
sind vorbildlich. Herausforderungen mit Vertrauen und
Der eindrückliche diakonische Ein- lien weit verbreitete homophobe, frem- Engagement angehen, zusammen mit
satz der Waldenserkirche wird zwar zu denfeindliche und rassistische Haltung. vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbei-
einem grossen Teil aus dem «Otto per Dafür vernetzt sie sich mit anderen Be- tern ihrer Kirche.
mille»-Geld finanziert. Auch bei diesen wegungen, die sich für eine offene Ge-
Projekten wird aber «kirchliches» Geld sellschaft einsetzen. Sie hat sich zur
benötigt. Zudem ist und bleibt das Aufgabe gesetzt, vor Ort präsent, sicht-
kirchliche Leben unabdingbare Voraus-
setzung für den Einsatz für die Letzten
und hörbar zu sein. Allerdings sind die
einzelnen Kirchgemeinden oft klein und Die Waldenser
der Gesellschaft. Dieser Teil der Kirche haben nicht immer ausreichend Res- Die Waldenser sind eine protestantische Kirche,
braucht weiterhin finanzielle Unter- sourcen zur Erfüllung dieses Auftrages. die gegenwärtig noch in Italien und einigen Län-
stützung. Eine zusätzliche Schwierigkeit ist dern Südamerikas verbreitet ist. Ursprünglich als
Die neugewählte Kirchenratspräsi- die sich verändernde Zusammenset- Gemeinschaft religiöser Laien Ende des 12. Jahr-
dentin äusserte sich auch zu den zu- zung der Gemeinden: Die traditionel- hunderts durch den Lyoner Kaufmann Petrus
künftigen Schwerpunktsfeldern der len jahrhundertealten Zugehörigkeiten Valdes in Südfrankreich gegründet, wurden
Waldenserkirche. Diese weisen viele von Familien zur Waldenserkirche lö- die apostolischen Armutpredigenden «Walden-
Ähnlichkeiten mit Aktivitäten der sen sich auf. Dafür stossen zunehmend ser», auch Arme von Lyon genannt, während
schweizerischen Landeskirchen auf. neue Mitglieder, die einen langen Weg des Mittelalters von der katholischen Kirche aus-
der spirituellen Suche zurückgelegt ha- geschlossen und als Häretiker durch die Inquisiti-
Verkündigung und Diakonie ben, zu den Kirchgemeinden, die sie on verfolgt.
Zum kirchlichen Leben gehören Ver- gastfreundlich aufnehmen. Die Bezeichnung Waldenser wurde im Piemont,
kündigung und Diakonie. Das grosse Die Bedürfnisse dieser neuen Mit- in Savoyen, Frankreich, in der Schweiz und in den
diakonische Wirken funktioniert sehr glieder sind unterschiedlich. Die einen Niederlanden oft zum Synonym nicht nur für Hä-
gut und ist breit abgestützt durch die suchen mit protestantischem Hinter- retiker schlechthin, sondern von ihren Gegnern
Beiträge aus der Mandatssteuer «Otto grund eine evangelische Kirche, andere mit Hexen, Zauberern, Magiern und Astrologen in
per mille». Die Ausstrahlung gegen aus kommen mit schmerzlichen Erfahrun- Teufelsdiensten gleichgedeutet.
sen in die Gesellschaft ist gross und gen aus evangelischen und katholi- Weltweit zählt die Evangelische Waldenserkir-
wird wahrgenommen. Im kirchlichen schen Kirchen zu den Waldensern und che heute etwa 98 000 Mitglieder, davon allein
Gemeindeleben gibt es grosse Heraus- suchen eine Möglichkeit, den Glauben 47 500 in Italien, wo sie seit 1979 mit den Metho-
forderungen, wie zum Beispiel die authentisch zu leben. Deshalb stellt disten eine gemeinsame Kirche bilden, die Chiesa
Überalterung. Veränderungen sind im sich bereits unter den italienischen Ge- Evangelica Valdese (englisch Union of the Metho-
Gang, die zu Spannungen führen und meindegliedern die Frage, wie man ge- dist and Waldensian Churches).
angegangen werden müssen. meinsam Kirche sein kann. Quelle: Wikipedia. Weitere Informationen:
Die Waldenserkirche versteht sich Als neue Herausforderung kommen www.waldenser.ch
als Gegenstimme gegen die auch in Ita- zu diesen italienischen Gemeinschaf-
MAGNET Nr.1/2020 14Weitblick
Sorgende Gemeinschaften
Das Potenzial der Diakonie
Die sorgende Gemeinschaft ist eine heitswissenschaftler an der Universität
Haltung, die auf gegenseitigem Ver- Graz. Der Staat habe die Aufgabe, die
trauen basiert: Mehr als 100 diako- Grundversorgung sicherzustellen. Dies
nisch Engagierte und Interessierte könnten sorgende Gemeinschaften
fanden sich am 29. November in Biel nicht ersetzen. Sie hingegen schafften
zu einer Fachtagung ein. Sie themati- Vertrauen und sozialen Zusammenhalt,
sierte Potenziale von Diakonie und achteten die Würde jeder Person und
Kirche für sorgende Gemeinschaften. ermöglichten es dem Leben, sich in al-
leitner, sieht also voraus, nimmt an der len Dimensionen zu entfalten. All dies
Wenn die Grenzen der sozialstaatlichen Sorge und dem Leiden anderer teil und könnten der Staat oder auch der Markt
Leistungen sichtbar und solidarische übernimmt Verantwortung für sich und nur sehr schwer gewährleisten.
Strukturen in der Gesellschaft schwä- andere. Stabil werde ein Sorgegeflecht Im Anschluss an die Referate tausch-
cher werden, steigt die Bedeutung nah- dabei durch die Zutaten, durch einen ten sich die Teilnehmenden jeweils in
räumlicher Unterstützungsnetzwerke kreativen Prozess des Hörens, der ge- Zirkeln nach Lebensphasen aus, um das
wie etwa der «Sorgenden Gemeinschaf- meinsamen Kultur und des gemeinsa- Thema der sorgenden Gemeinschaften
ten», englisch «Caring Communi- men Wissens und Erfahrens. aus persönlicher wie professioneller
ties». Unter diesem Ansatz entstehen in Wegleitner verwies auf die politi- Perspektive zu diskutieren. Die sorgen-
vielen Städten, Gemeinden und Quar- sche Dimension des Nachdenkens über den Gemeinschaften sind kein Konzept,
tieren Bewegungen mit dem Ziel einer Care. Heute könne klar zwischen be- sondern eine Haltung, so Beat Maurer,
neuen Sorgekultur im Nahraum, in der zahlter und unbezahlter Care-Arbeit Präsident der Konferenz Diakonie
das Wohl aller im Zentrum steht, in der unterschieden werden – und damit zwi- Schweiz, zum Abschluss der Tagung.
man füreinander sorgt, einander um- schen der Sicherheit, von Lohn und So-
zialleistungen zu profitiere und der Un- Mehr Informationen:
sorgt und gemeinsam Verantwortung
Ergänzend zur Tagung hat die Diakonie
trägt. Die nationale Fachtagung «Ge- sicherheit, dies nicht zu haben. Ist die
Schweiz eine Themenseite zu Sorgenden
meinsam Sorge tragen» der Diakonie Verantwortung fair verteilt? Lassen sich
Gemeinschaften unter www.diakonie.ch/
Schweiz machte am 29. November im die Rahmenbedingungen ändern und
sorgende-gemeinschaften freigeschaltet.
Volkshaus Biel den Ansatz der «Sorgen- das Gemeinschaftsleben anpassen? Dort befinden sich grundlegende Überlegun-
den Gemeinschaften» zum Thema und Zu Quellen der Sorgen und deren gen zum Thema. Die Seite wird laufend er-
fragte danach, wie sich diakonisch En- politische Dimensionen sprach Patrick gänzt und dient als Informationspool für Sor-
gagierte und Kirchgemeinden darin Schluchter, Philosoph und Gesund- gende Gemeinschaften/Caring Communities.
verantwortlich einbringen können.
Dazu entfaltete die emeritierte
Theologieprofessorin der Universität
Neuenburg, Lytta Basset, Gedanken
Ursula Steinhauser folgt auf Margrit Bürer
zum Mitgefühl aus evangelisch-refor- Archäologie leitete sie erfolgreich das
mierter Perspektive, von dem wir uns Seemuseum Kreuzlingen und hat sich
aus der Distanz erfassen liessen, so Bas- berufsbegleitend in den Bereichen
set. Aus der Distanz zu einer anderen Kommunikation, Sponsoring und Lea-
Person können wir wahrnehmen, was dership weitergebildet. Sie verfügt über
vorher nicht möglich war, um so einan- profunde Kenntnisse im projektbezoge-
der im Mitgefühl näher zu kommen. nen Voranbringen kultureller Themen,
Wer sich auf diese Weise sorgt, wendet ebenso über methodisch-didaktische
sich zumindest zeitweise vom eigenen Fähigkeiten und Führungskompeten-
Weg ab und erlebt trotz der Sorge, vom zen.
Unbekannten vereinnahmt zu werden, Ursula Steinhauser wird die Stelle
grosse Nähe. am 1. Juli 2020 antreten; auf diesen
Klaus Wegleitner, Soziologe und Sor- AR – Die Trognerin Ursula Steinhauser Zeitpunkt hin wird Margrit Bürer, die
geforscher an der Universität Graz, be- wird neue Leiterin des Ausserrhoder das Amt für Kultur während fast 14 Jah-
trachtete im Anschluss die Entwicklung Amtes für Kultur. Die langjährige Kul- ren leitete, pensioniert. Eine Würdi-
sorgender Gemeinschaften aus soziolo- turamtsleiterin Margrit Bürer wird auf gung von Margrit Bürer und ihrer vie-
gischer Perspektive. «Care» definierte den 30. Juni 2020 hin pensioniert. len nachhaltigen und identitätsstiften-
der Soziologieprofessor gemäss dem Ursula Steinhauser überzeugte im den Projekte für die Kultur in Appenzell
deutschen Juristen und Theologen Tho- Auswahlverfahren sowohl als starke Ausserrhoden sowie ihres Engagements
mas Klie als vorausschauende, anteil- und authentische Persönlichkeit wie in überregionalen und nationalen Gre-
nehmende Verantwortungsübernahme auch durch ihre fundierten Fachkennt- mien wird im Rahmen ihrer Verab-
für sich und andere. Fürsorge, so Weg- nisse. Seit Abschluss des Studiums der schiedung Mitte 2020 erfolgen.
15 MAGNET Nr.1/2020Weitblick
Kalender der Religionen 2020
In vielen Religionen gilt der Körper als ligiöse und zivile Feiertage – ein ideales
ein wichtiger Träger der Beziehung der Werkzeug für die Zusammenarbeit in re-
Gläubigen zum Göttlichen oder zum ligiös gemischten Teams und Klassen.
Absoluten, nach dem sie streben. Um
diese Beziehung zu stärken, kennen die Was ist der Kalender der Religionen?
meisten Religionen bestimmte Körper- Der Kalender der Religionen listet die
stellungen und symbolische Gesten – Daten der wichtigsten Feste und Feier-
dies zum Beispiel im Gebet. tage auf und unterstützt so die Zusam-
Eine wichtige Rolle spielen aber oft menarbeit in religiös gemischten Teams.
auch Gesang und Tanz. Manche Traditi- Von Éditions Agora und IRAS COTIS
on sieht im Körper aber auch ein Hin- gemeinsam erstellt, reicht er jeweils
dernis. Dann gilt es, ihn durch verschie- von September bis Dezember des Folge-
dene Formen der Askese zu beherr- jahres und eignet sich somit ideal als
schen: Essensvorschriften, Fasten, spiri- Instrument für Schulen. Jährlich behan- Informationen und Bestellungen:
www.kalender-der-religionen.ch
tuelle Übungen, Meditation. Mit sol- delt er ein Thema und beleuchtet es
www.iras-cotis.ch
chen Praktiken soll der Körper gestützt monatlich im Hinblick auf unterschied-
Telefon 078 819 93 67
und sein Band zum Göttlichen gesichert liche religiöse Traditionen.
rafaela.estermann@iras-cotis.ch
werden. In verschiedenen Traditionen
wird der Körper für Riten bemalt oder Zusätzliches Angebot
sogar mit Tätowierungen oder Hautrit-
zungen versehen. So ist denn die Ritua-
Ein persönlicher Code auf dem Kalen-
der ermöglicht den Zugang zum ge-
Unterwegs in Israel
lisierung des menschlichen Körpers schützten Bereich auf der Websi- 12. bis 22. Oktober 2020
trotz unterschiedlicher Ausdrucksfor- te www.kalender-der-religionen.ch – Mit Ihnen nach Israel zu reisen, ist für
men ein universales Phänomen. für Computer, Tablet und Smartphone. mich etwas Besonderes. Nach Israel,
Der Kalender der Religionen themati- Dort findet sich eine grosse Auswahl an das damals Kanaan hiess, hat Er die Vä-
siert den «Körper als Spiegel des Heili- Begleitmaterial zu Themen wie religiö- ter gebracht, Abraham, Isaak und Jakob.
gen» in grossformatigen Bildern und se Feiertage, sakrale Architektur, Pil- In Israel haben die Propheten geredet.
kurzen Begleittexten. Während 16 Mo- gern, sakrale Objekte sowie Gebet und In diesem Land ist unser Herr, Jesus
naten (September 2019 bis Dezember Meditation. Eine Chance für Lehrperso- Christus, geboren, der Heiland der
2020) zeigen Monatsraster rund 150 re- nen für die Erarbeitung der Themen. Welt, und hat sein Leben im Gehorsam
zum Vater im Himmel gelebt. Dort ist
Kommunikation des Evangeliums Er auch gestorben, von den Toten aufer-
standen und von dort in den Himmel
gefahren. Aus Israel kommt zu grossen
Was heißt «Kommunikation Das Evangelium ist weder Besitz
Teilen die Bibel. Diese Landschaft zu
des Evangeliums»? noch zeitloser Container
sehen, zu spüren und zu erleben, Leu-
Die Formel «Kommunikation des Evan- Wechselseitige Kommunikation heißt:
ten aus Seinem Volk zu begegnen und
geliums» geht auf Ernst Lange zurück, das Evangelium ist kein Besitz. Wir ha-
dort mit Ihnen aus der Bibel zu lesen,
der damit die dialogische Struktur von ben es nicht, sondern es ergreift uns,
darauf freue ich mich.
Botschaft und Hörenden, von Bibel und immer wieder neu. Es ist kein Vor-
Pfr. Florian Sonderegger
Kultur sowie von christlicher Gemein- sprung: Nur wer es mit anderen teilt,
de und Gesellschaft entfaltete. Nach entdeckt es neu. Und Evangelium ist Infos, Reiseprogramm und Anmeldung:
online via abstravel.ch/
Christian Grethlein kommunizierte Je- kein zeitloser Container. Es verschafft
anmeldung-sonderegger
sus das Reich Gottes durch Lehren und sich in jeder Kultur und Generation, in
oder an ABS Travel, Oberdorfstrasse 1,
Lernen, gemeinschaftliches Feiern so- jedem Volk oder Milieu sein Gehör. 9213 Hauptwil, Telefon 071 422 45 45
wie Helfen. Das Evangelium nimmt Platz
in Kirche und Diakonie
Aus dieser Selbstdurchsetzung des
Evangeliums lebt die Gemeinde Jesu:
Sie wirkt als Zeichen der Zukunft Got-
tes. An ihr entsteht die Diakonie: Sie
verschreibt sich in Anwaltschaft der Ge-
rechtigkeit Gottes. In ihr strahlt die
Freude des Glaubens auf: Sie will Got-
tes Lob in der Schöpfung ausbreiten.
Quelle: midi, evangelische Arbeitsstelle für
missionarische Kirchenentwicklung und dia-
konische Profilbildung. Infos: www.mi-di.de
MAGNET Nr.1/2020 16Sie können auch lesen