Unser Boden-Schatz - Das Magazin - "forscher"-Magazin
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
Wissenschaftsjahr 2020|21 Bioökonomie AUSGABE
#1 APRIL
21
Das Magazin für NEUGIERIGE
SPEZIAL
Lebendig,
fruchtbar, bedroht
Unser
Boden-SchatzINHALTSVERZEICHNIS
2
Titelgeschichte
HEREINSPAZIERT!
Seite
Unser
Boden-Schatz
Hast du einmal ein kleines Loch im Garten oder im
Wald gegraben? Und darin Regenwürmer, Ameisen
oder kleine Käfer gefunden? Oder eine Eichel, die
schon gekeimt ist? Ich finde es faszinierend, was
alles in unserem Boden steckt. Und was er hervor-
bringt: von Gänseblümchen bis zu mächtigen Eichen,
von Kartoffeln bis zu Wassermelonen, von Weizen bis
Reis. Die Böden der Erde ernähren heute fast acht
Milliarden Menschen. Warum das auch Herausforde-
Interview
18
rungen mit sich bringt und welche Ideen Forschen-
de und Fachleute in der Landwirtschaft haben, um Unbekannter
Böden zu schützen – das erfährst du in der Titelge-
Seite
schichte ab Seite 2. Weiter hinten führt forscher dich Meeresboden
zum Grund der Ostsee und zum roten Sand auf dem
Mars. Und in der Heftmitte findest du ein Ausklapp-
20
Poster zum Raustrennen.
Tiere
Außerdem im Heft: ein Luftbild von einem Braun-
Seite Abgefahrene
kohle-Tagebau und ein Foto der niedlichsten Assel
der Welt. Wir zeigen faszinierende Fossilien und Assel
geben dir eine Entschlüsselungs-Hilfe für Schilder zu
unterirdischen Leitungen in der Stadt. Und natürlich
findest du noch viele andere Geschichten, Bilder und
Rätsel, die zeigen, wie viel Spannendes es in unserer
Welt zu entdecken gibt – in ganz kleinen Dingen
direkt vor unseren Augen genauso wie in
großen in weiter Ferne.
Mit Poster!
Viel Spaß beim Lesen wünscht dir In der Heftmitte findest
du ein Ausklapp-Poster.
Anja Karliczek Um es herauszulösen,
Mitglied des Deutschen Bundestages, biegst du die Heftklam-
Bundesministerin für Bildung und mern vorsichtig auf – und
22
Forschung danach wieder zu.
Seite
Mais vom
Mars?Der Tod INHALTSVERZEICHNIS 1
bringt
Leben
10
Seite
Unter Poster
8 Stimmt's oder unseren Füßen
Seite
stimmt's nicht?
Seite
Starkes
Bild
12 Expedition
16
Erdreich
Im Seite
Seite
14
Tagebau Fantastische
Fossilien
Rätsel
25
Experiment Im
24 Warum ist Seite Schilderwald
Seite
der Mars rot?
Entdeckst du die Forscherausrüstung? Diese 12 Gegenstände sind im Heft versteckt. Kreuze hier an, welche du gefunden hast.
Impressum
HERAUSGEBER: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Projektteam Wissenschaftsjahr 2020|21 – Bioökonomie, 10117 Berlin IDEE, REDAKTION UND GESTALTUNG:
Büro Wissenschaftskommunikation/DLR PT, familie redlich AG Agentur für Marken und Kommunikation/KOMPAKTMEDIEN Agentur für Kommunikation GmbH REDAKTIONELLE KONZEPTION
UND UMSETZUNG: Magdalena Hamm; Susan Schädlich, WISSEN FÜR KINDER, mit Unterstützung von Anja Garms, Bernd Eberhart, Joachim Retzbach, Angelika Rusche-Göllnitz, Michael Stang
BILDNACHWEISE: BMBF/Laurence Chaperon (U2); Bruno Glaser/Martin Luther University Halle-Wittenberg (S6); drbyos (S9); Ed Thorpe (S21); eLife 2016;5:e19568, Masao et.al (S15); F. Reebig
(U2); Georg Oleschinski/ Uni Bonn (S14); Georgia Tech (S9); Getty: Print Collector (S14); Heiko Bellmann (S10); Helga Bork (S5); IOW, Jörn Kurth (S19); IOW, K. Beck (S19); Luise Ohmann (S12);
NASA (S22–23); NASA/JPL-Caltech (S22); picture allicance (S8); PNAS (S14); Ronny Rößler/Museum für Naturkunde, Chemnitz (S14); Shutterstock: AstroVed.com (S3), Bokehboo Studios (S25),
Guillermo Guerao Serra (S15), skippy666 (S20); Simone Riehl (S3); SJADES (S21); Stock.Adobe.com: Aayam 4D (S9), Alexander (S9), Anna (S20), Bezvershenko (U2, S23), Björn Wylezich (S9),
Bumann (S25), damedias (S22–23), Dariia (S20), detailfoto (S25), Elena (S7), focus finder (S25), Gewoldi (S25), Glaser (S25), ian (S21), Igor (S13), intueri (S14–15), ivector (S22–23), Kate Macate (U2),
Klaus Eppele (S21), Komarov Dmitriy (U1), Kyle Selcer (S11), lesniewski (S19), MahmudulHassan (S24), mariaassorova (S13), marina_ua (U2), Matthias (S25), Natali Snailcat (U2, S18-19),
nsit0108 (U2), Pixel-Shot (S8), puruan (S20), R.M. Nunes (S6), Rainer Fuhrmann (S7), Ruckszio (S20), shooarts (S20–21), SpicyTruffel (S22), Taras (S20), tynrud (S3), ub-foto (S14), Víctor (S11),
WildMedia (S11), Wirestock (S15), wuttichok (S1), yingko (S15), yustus (S1), zcy (S8), Олександр Луценко (S25), Светлана Крывда (S24); Susan Schädlich (S24); Thünen Institut, M. Welling (S7);
Tom Hegen (S16–17); Universität Rostock, G.Niedzwiedz: (S18–19); Verena Winiwarter (S4); Weltacker / Zukunftsstiftung Landwirtschaft (S7) ILLUSTRATION: Christoph Hoppenbrock (Poster);
Cyprian Lothringer (S. 2–5); Maisa Nicola (U4) Druck: Bonifatius GmbH STAND: April 2021
Diese Publikation wird als Fachinformation des Bundesministeriums für Bildung und Forschung kostenlos herausgegeben. Sie ist nicht zum Verkauf bestimmt und darf nicht zur Wahlwerbung
politischer Parteien oder Gruppen eingesetzt werden.2 TITELGESCHICHTE
UNSER BODEN-SCHATZ
Fruchtbarer Boden ist wertvoller als alle
Reichtümer dieser Welt. Menschen nutzen Auflage
ihn seit vielen Tausend Jahren. Dabei Reste von Pflanzen
wurde der Boden an vielen Orten leider und Tierkot liegen
ziemlich zerstört. Weil Boden lebt und sich zuoberst. Je tiefer man
kommt, desto mehr
nur sehr langsam neu bildet, müssen wir zersetzt sind diese.
ihn gut schützen.
Regenwürmer ausbuddeln, Mohrrüben ernten oder
Balkonkästen bepflanzen: Wann hast du zuletzt mit
den Fingern in der Erde gegraben? Erinnerst du dich
daran, wie der Boden roch und wie er sich angefühlt
hat – krümelig, klebrig oder matschig? Wusstest
du, dass du in diesem Moment einen der Oberboden
größten Schätze in deinen Händen hattest? Hier gibt es Nährstoffe zuhauf und
Kein Scherz! Bodenorganismen wie Bakterien und Pilze
tummeln sich. Samen keimen in dieser
Boden ist viel wertvoller als alles Gold und alle Schicht, und viele Wurzeln bilden hier
Diamanten zusammen. Und niemand kann diesen dichte Netze.
Wert auch nur annähernd in Geld ausdrücken.
Denn Boden ist neben Sauerstoff und sauberem
Wasser die Grundlage fast allen Lebens auf der
Erde – auch für uns Menschen. Aus dem Boden
kommt der größte Teil unserer Nahrungsmittel.
Auch das Futter für Tiere, deren Milch oder Fleisch
Unterboden
viele Menschen verspeisen, wächst auf Wiesen
In ihm finden sich viele Minerale, die Pflanzen
und Ackerflächen. →
mit ihren Wurzeln herausziehen. Auch Wasser
Was ist Boden? für trockenere Zeiten ist hier gespeichert.
Wenn wir von Boden sprechen, ist damit im
engeren Sinn nur die oberste Schicht unter
unseren Füßen gemeint. Manchmal misst sie nur
wenige Zentimeter, manchmal ist sie mehrere
Meter mächtig.
Untergrund
Zuunterst liegt das Ausgangsgestein,
aus dem sich der Boden darüber gebildet hat.
Das passiert, weil das Gestein über Jahrhunderte
hinweg von Frost und Hitze zerkleinert und von
Wasser und Säuren zersetzt wird.Konya
Kirkuk
Jerusalem
Damaskus
Bagdad
Lange Zeit ernährten sich die Men-
schen von Wurzeln, Früchten und „Fruchtbarer Halbmond“
Nüssen, die sie sammelten, und Diesen Namen bekam das Gebiet auf der Karte. Erkennst du die Halbmondform? Hier erfanden
Wildtieren, die sie jagten. Dabei die Menschen die Landwirtschaft. Ein Grund: Die Böden in der Gegend waren sehr gut, weil
zogen sie mit ihrer Nahrung mit und es im Winter regnete und zwei große Flüsse bei ihren regelmäßigen Überflutungen immer
legten oft größere Strecken zurück. wieder fruchtbaren Boden anschwemmten. Damit du dich zurecht findest, haben
Aber vor fast 12.000 Jahren ließen wir in der Karte Ländergrenzen und Städte von heute eingezeichnet.
sich einige Menschen etwas Neues
einfallen: Sie kümmerten sich gezielt Die Menschen entwickelten die Manche bezeichnen ihn daher als Re-
um Gräser, deren Ähren besonders Landwirtschaft – in verschiedenen volution. Denn mit der Bodennutzung
viele Körner trugen. Sie begannen, Gebieten im Südwesten Asiens (siehe veränderte sich alles: Die Menschen
die Böden zu bearbeiten, Unkräuter Karte). In der Gegend gab es damals konnten sesshaft werden und länge-
zu beseitigen und darauf das Ge- ausgedehnte Grasländer mit sehr re Zeit an einem Ort leben. Wenige
treide anzubauen. Indem sie gezielt fruchtbaren Böden, auf denen Menschen konnten viel Nahrung pro
stabile Ähren auswählten, wurden Wildgetreide, aber auch Erbsen und duzieren. Die Bevölkerung wuchs –
die wilden und brüchigen allmählich Linsen gediehen. und mit ihr die Siedlungen. Erste
seltener. Die stabilen Ähren blie- Städte entstanden und wurden zu
ben und wurden unseren heutigen Zentren bedeutender Kul-
Getreidesorten ähnlich. Die Men- Alles wird anders turen. Mit der Erfindung
schen zähmten Wildtiere. Sie hielten der Landwirtschaft
Schafe, Ziegen, Rinder und Hunde In Europa entwickelte sich die Land wurden die Menschen
und bekamen damit auch regelmäßig wirtschaft viele Tausend Jahre später. abhängig vom Boden.
Fleisch und Milch. In Süddeutschland gab es ersten Zugleich begannen sie
Ackerbau vor etwa 7.500 Jahren, in damit, massiv in die
Norddeutschland vor 6.000 Jahren. Böden einzugreifen
„Die Entstehung des
Egal, wann er geschah – der Über- und sie zu verän-
Getreideanbaus war
gang zur Landwirtschaft war ein dern – nicht
einer der bedeutendsten
enorm bedeutender Schritt in der ohne Folgen.
Prozesse der Mensch
Geschichte der Menschheit. →
heitsgeschichte. Ohne
fruchtbaren Boden wäre Heilige Mutter Erde
er unmöglich gewesen.“ Wie wichtig Boden – oder eigentlich die ganze Natur –
für Menschen war, sieht man auch im Glauben: In vielen
Religionen gibt es Göttinnen, die für die fruchtbare Erde
stehen. In der vedischen Religion Indiens ist die Göttin Prthvi die
Mutter Erde. Bei den alten Griechen war das Gaia. Sie wurden
angebetet, man brachte ihnen Opfer, um sie
gütig zu stimmen. In China war der Boden
selbst heilig.
Simone Riehl
ist Umweltarchäologin bei der
Senckenberg Gesellschaft und hat im Iran
11.500 Jahre alte Getreidekörner ausgegraben.4 TITELGESCHICHTE
„Die Geschichte zeigt: Bevor Boden verschwindet
Kohle, Öl und damit Kunstdünger
eingeführt wurden, haben viele Das erste Problem wird
Kulturen ihre Böden besser bei Fluten oder Schlammlawinen
behandelt als heute. Denn nur dramatisch sichtbar: Boden
wer Böden fruchtbar weitergeben verschwindet, weil er von
konnte, machte seinen Kindern Wind oder Wasser davon-
ein gutes Leben möglich.“ getragen wird. Zwar lagert
dieser Boden sich anders-
wo wieder ab, ein Teil wird
auch ins Meer gespült. Für
die Felder, von denen er
stammt, ist er verloren.
Wenn Boden weggetragen
wird, sprechen Fachleute
von Erosion. Sie kommt in
Verena Winiwarter der Natur immer vor. Aber
forscht an der Uni Wien in besonders stark ist sie, wenn
Österreich zu Umweltgeschichte. etwa Äcker an Hängen falsch
genutzt werden. Oder wenn Bö-
den sozusagen nackt daliegen, ohne
Der Schatz in Gefahr dass eine dichte Pflanzendecke sie
stabilisiert. Oft verschwinden die
Fruchtbarer Boden konnte Nahrung Böden kaum wahrnehmbar langsam.
für viele Menschen liefern. Ging alles Jedes Jahr tragen starke Regen oder Immer im Kreis
gut, erwirtschafteten Bauern auf Stürme ein paar Millimeter davon. Wenn eine Pflanze wächst, zieht sie
ihren Äckern ausreichend Essen für Das klingt erstmal vielleicht nicht Nährstoffe aus dem Boden. Frisst ein Tier
ganze Dörfer oder Städte. Doch wenn schlimm. Aber wenn Boden erst ein- diese Pflanze, gelangen die Nährstoffe
eine Wasserflut die Felder wegspülte mal abgetragen wurde, ist es zu spät. in das Tier. Doch der Boden bekommt sie zurück.
oder Dürren mehrere Ernten ver- Denn er kommt selbst im Laufe vieler Jedes Blatt, das auf den Boden fällt, wird dort
dorren ließen, bedeutete das für die Menschenleben nicht wieder. Man wieder zu fruchtbarer Erde. Tiere düngen den
Menschen eine Hungerkatastrophe. könnte auch sagen: Weg ist weg. Untergrund mit ihrem Kot und Urin. Und wenn sie
sterben, gehen eine Menge Nährstoffe zurück in den
In der Geschichte gingen mehrere Boden. (→ Mehr dazu, wie Tiere verwesen, kannst
Reiche auch deswegen unter, weil Das Nährstoff-Problem du auf Seite 10/11 lesen.)
ihre Ackerböden zerstört oder un-
fruchtbar wurden. Staaten stürzten Das zweite Problem ist weniger zu können. In der Natur ist das kein
in Krisen. So trugen häufige Dürre- sichtbar. Es betrifft jede Handvoll Problem, denn die Nährstoffe kom-
perioden in Teilen Afrikas wohl eines Bodens. Ist er gesund, enthält men in einem großen Kreislauf zurück
auch zum Ende des alten Pharaonen- er eine Masse kleinster Lebewesen in den Boden, wenn die Pflanze
reichs in Ägypten bei. Neben Natur- und viele Nährstoffe. Dazu gehören abstirbt oder wenn Tiere sie mit ihrem
katastrophen gibt es zwei weitere Kalium, Stickstoff, Phosphor und viele Kot ausscheiden.
große Probleme, die den Boden seit andere Substanzen. Jede Pflanze
Jahrtausenden immer mehr in zieht einige davon durch ihre Wurzeln
Gefahr bringen. aus dem Boden heraus, um wachsenTITELGESCHICHTE 5
„Wir müssen die Böden sch
ützen. Wenn sie
erstmal zerstört sind, sind
sie für alle Zeit
verloren. Das kann man nic
ht mehr reparieren.“
Hans-Rudolf Bork
Mischt sich der Mensch Essen für arbeitet als Umwelt- und
ein, sieht das schnell Bodenwissenschaftler
anders aus: Dann Milliarden Menschen an der Uni Kiel.
nehmen Menschen
und ihre Nutztiere Mit der Zeit mussten die Böden immer Fachleuten auf der ganzen Welt ist
die Nährstoffe aus mehr Menschen ernähren. Denn seit langem klar, wie wichtig es ist,
den Böden auf. die Bevölkerung wuchs enorm, ganz Böden und Umwelt zu schützen.
Geben sie sie nicht besonders in den vergangenen Denn wie wir heute handeln, wirkt im
zurück, werden die 100 Jahren. Lebten 1920 knapp zwei Boden viele Tausend Jahre nach. Wie
Böden unfruchtbar. Milliarden Menschen auf der Erde, lange es dauert, bis neuer Boden
Im schlimmsten sind es heute fast acht Milliarden entsteht, ist von Ort zu Ort komplett
Fall wächst dann Menschen! Um immer mehr Nah- unterschiedlich. Aber ganz grob
kaum noch etwas rungsmittel anzubauen, wurden an könnte man sagen: Damit sich ein
auf ihnen. vielen Orten Wälder und Moore zu Zentimeter Boden neu bildet, braucht
Äckern und Weiden gemacht. es vielleicht 200 Jahre. Benötigen wir
Vor vielen Jahrhunder- eine Handbreit neuen Boden, müssen
ten zogen manche Dörfer Vor gut 100 Jahren wurde künstlicher wir bis zum Jahr 3020 oder noch viel
deswegen regelmäßig um. Dünger erfunden. Er wird in Fabri- länger warten.
Hatten die Menschen die ken hergestellt und kann mit Hilfe
Böden durch den Anbau und die von Maschinen leicht auf Wie kann es gelingen, viele Menschen
Nutzung von Pflanzen ausgelaugt, Feldern verteilt werden. zu ernähren – und unseren Boden
ließen sie sie zurück. Sie bauten ein Mit Kunstdünger wurde trotzdem so gut zu behan-
paar Kilometer weiter ein neues Dorf es möglich, auf der deln, dass er für die nächs-
auf, rodeten dort die Wälder und gleichen Fläche viel ten Generationen immer
legten auf noch unbeschadeten Böden mehr zu ernten. noch ein fruchtbarer
neue Äcker an. Heute holt ein Schatz bleibt? Einige
Bauer ungefähr Ideen dafür zeigt
Hatten die Menschen um ihre Dörfer drei Mal so viel forscher dir auf der
viel Land und düngten sie ihre Äcker Getreide oder nächsten Seite.
ausreichend mit Mist ihrer Tiere oder andere Früchte
menschlichem Urin und Kot, dann von seinem Feld
konnten sie länger bleiben. wie zu der Zeit,
als deine Großel-
Bei Städten funktionierte dieses
Zurückgeben weniger. Denn dort
tern Kinder waren.
CheckerwngeisBodesnevenrschwindet
de: Eine Me
ernährten sich viel mehr Menschen Das klingt vielleicht Deckel drauf und En werden.
von den Pflanzen und ihren Nährstof- gut. Aber unsere Acker ut e au ch , we nn Hä us er oder Straßen gebaut
he elt . In
Der Boden wird versieg
fen aus der weiteren Umgebung der böden enthalten jetzt oft zu viele Fachleute sagen dazu: r Fläche
s in jeder Stunde mi de
t
Stadt. Aber Küchenabfälle, Urin und Nährstoffe. Und wenn diese in Deut schland passier t da nicht nach
ßballfelde s. Das klingt
Kot landeten selten wieder auf dem Flüsse, Seen und andere Lebens von der Größe eines Fu izen angebaut , ließen
Feld. Meist spülte Regenwasser sie räume gelangen, können sie Pflan- viel. Aber würde au f die ser Fläche We en!
in einen Fluss – und der brachte die zen und Tieren schaden und unser mi t pr o Ja hr me hr als 200.000 Brötchen back
sich da
Nährstoffe ins Meer. Grundwasser verschmutzen.6 TITELGESCHICHTE
SCHUTZ FÜR Axel Don
arbeitet am Thünen Institut in Braunschweig.
DEN SCHATZ
Er hat mit seinem Team auf mehr als 3.000 Äckern und
Wiesen in ganz Deutschland Bodenkohlenstoff untersucht.
„Die Böden zu schützen – das
ist auch für
den Klimaschutz wichtig. Au
s einem Hektar
trockengeleg tem Moor ent
Wenn Menschen den Boden nutzen, dann CO , wie ein Auto ausstößt,
weicht pro Jahr so viel
² wenn es fünf Mal um
müssen sie vorsichtig sein. Und das so tun, die ganze Erde fährt!“
dass es dem Boden auch langfristig noch
gut geht – wenn ihre Kinder, Enkel und
Urenkel ihn brauchen. Hier zeigt
dir forscher fünf Ideen:
Schwarzerde Amazoniens
Regenwald-Boden ist karg und für Felder total ungeeignet. Im Ama-
zonas-Regenwald aber haben die Ureinwohner schon vor Hunderten
Jahren selbst fruchtbaren Boden hergestellt. Sie gaben Küchenabfälle,
Kot, Urin und Holzkohle auf den Boden rund um ihre Häuser. Bodenle-
bewesen verwandelten dies in wertvollen Humus. Wegen der Holzkohle
bekam der Boden seine Farbe und seinen Namen: Terra preta, auf
Deutsch schwarze Erde.
Leider verschwand dieses Wissen, als die Europäer vor rund 500 Jahren
nach Südamerika kamen. Viele Ureinwohner starben in der Zeit – vor
allem an Krankheiten, die die Europäer eingeschleppt hatten. Vor eini-
gen Jahren entdeckten Forschende die Terra preta. Sie konnten zeigen,
wie sie ausgelaugte Böden in Afrika wieder fruchtbarer macht, und
untersuchen, wie sich das noch häufiger nutzen lässt.
Wo: Amazonas-Regenwald
Problem: nährstoffarme Böden
Lösung: Menschen stellten fruchtbaren Boden selbst her
Besonderheit: uraltes Wissen
Stufe für Stufe
Hänge lassen sich nur schwer beackern. Und wenn es
regnet, wird der Boden fortgespült. Um das zu umge-
hen, haben Menschen den Terrassenlandbau erfunden.
Dabei wird die Schräge in viele Stufen umgebaut. Schon Wo: überall auf der Welt
vor mehreren Tausend Jahren legten die Menschen
etwa in China oder im arabischen Raum so ihre Felder
Problem: Regen spült Boden an Hängen weg
an. Die Technik wird noch heute genutzt, bei uns vor Lösung: Terrassen-Stufen bauen
allem im Weinanbau. Das Foto zeigt Reisfelder auf den Besonderheit: wurde überall auf der Welt erfunden
Philippinen in Asien.7
Neue Moore
Moorlandschaften trockenlegen und darauf
Felder oder Weiden schaffen – das galt vor einigen
Jahrzehnten als große Leistung, weil die Men-
schen damit neue Flächen für sich und ihre Tiere
schafften. Vor allem in Norddeutschland wurde das
gemacht. Deswegen sind heute die meisten Moore in
Deutschland zerstört. Aber inzwischen wissen For-
schende, dass Moorböden extrem wichtig für den
Klimaschutz sind. Denn sie speichern Unmengen
Kohlenstoff. Werden die Moore ausgetrocknet, wird
er frei – und zu CO2, das das Klima der Erde aufheizt.
Deswegen werden die Flächen an einigen Stellen
Wo: in Deutschland und vielen anderen Ländern
wieder vernässt, damit neue Moore wachsen. Problem: sind Moore trocken, wird massenhaft CO2 frei
Lösung: ehemalige Moore wieder vernässen
Besonderheit: extrem wirksamer Klimaschutz
Weltacker
Dieses Feld ist genau 2.000 Quadratmeter groß und
eine Art lebendes Museum. Es zeigt die Ackerfläche, die
jedem Menschen zustünde, würden wir alle Ackerflächen
der Welt gerecht aufteilen. Darauf könnte alles wachsen,
um einen Menschen über das Jahr zu ernähren: Pflanzen
zum Essen und als Futter für Tiere, deren Fleisch, Milch
oder Eier der Mensch verzehrt. Außerdem Ölpflanzen für
Biosprit und Baumwolle für seine Klamotten.
Der Weltacker soll auf ein Problem aufmerksam machen:
In Wirklichkeit reicht für viele von uns diese Ackerfläche
nicht aus. Deswegen werden dauernd irgendwo unbe-
rührte Natur und Wälder in Felder umgewandelt. Dabei
wird der natürliche Boden verändert und oft zerstört.
Wo: unter anderem in Berlin Eine Lösung liegt in unserem Essen: Würden wir alle we-
Problem: In Europa brauchen Menschen zu viel Ackerfläche niger Fleisch und Milchprodukte verzehren, könnte das
Ackerfläche sparen. Denn ein großer Teil wird gebraucht,
Lösung: andere Ernährung – weniger Fleisch und Milchprodukte um Futterpflanzen für die Tiere zu produzieren. Viel
Besonderheit: Über die Art, wie wir essen, können wir Boden schützen Fläche würde auch gespart, wenn wir nicht so viel Essen
wegwerfen würden.
www.2000m2.eu
Guter Kompost!
Kartoffelschalen, alte Teebeutel, welke Salatblätter:
All das landet oft im Biomüll. Weil aber viele Leute
auch Plastik oder Restmüll in die Tonnen werfen, wird
ein großer Teil des Biomülls verbrannt.
Dabei könnte aus ihm fruchtbarer Humus werden!
Die gute Nachricht: Eigentlich kann jeder aus seinem
Biomüll selbst Humus werden lassen. Mit einem Kom-
post. Wie man ihn anlegt, kann man in Büchern oder
im Internet lesen. Wer selbst hergestellten Humus
dann statt gekaufter Gartenerde in Balkonkästen
füllt, schützt meist auch das Klima. Denn Gartenerde
aus dem Baumarkt enthält oft Torf, für dessen Abbau Wo: auf dem Balkon, im Innenhof oder Garten
Moore zerstört werden.
Problem: Boden-Nährstoffe landen massenhaft im Müll
Lösung: Kompost anlegen
Besonderheit: kann fast jeder selbst machen8 NACHGEFORSCHT
STIMMT'S ODER
STIMMT'S NICHT?
Eine der Nachrichten aus der Forschung
ist erfunden. Welche?
Putzen statt Bohren
Wenn der Zahnarzt ein Loch im Zahn entdeckt,
heißt es normalerweise: bohren. Bald könnte diese
unangenehme Behandlung überflüssig werden. Denn
Forschende haben eine Zahncreme entwickelt, die
kleine Löcher in den Zähnen einfach beim Putzen
verschließt. Das geht so: Chemische Sensoren – eine
Art Fühler – in der Creme erkennen selbständig die
Stellen, an denen der Zahnschmelz von den Bakterien
angegriffen ist. Antibakterielle Wirkstoffe töten die
Bakterien rund um die beschädigte Stelle ab. Dann
lagern sich spezielle Nanopartikel in die Löcher ein
und verschließen sie dauerhaft. Noch kann man die
Spezial-Zahnpasta nicht kaufen. Tests sollen nun
zeigen, ob sie Karies bei Kindern und Erwachsenen
genauso gut beseitigt wie der Bohrer.
Junge Forscherin
„Kid of the Year“ oder übersetzt „Jugendliche des Jahres“ – diesen Titel hat
eine bekannte Zeitschrift Ende 2020 in den USA an Gitanjali Rao verliehen.
Damit ehren die Leute von der Zeitschrift die 15-Jährige als besonderen
Menschen, der die Welt zum Guten verändert. Gitanjali begeistert sich für
Chemie, Biologie und Technik. Sie hat schon mehrere Dinge erfunden, unter
anderem ein Gerät, das giftiges Blei in Trinkwasser bestimmt und einer App
meldet. Außerdem hat sie eine App programmiert, die Mobbing im Internet
erkennt. Die Auszeichnung ist doppelt besonders, denn es war das erste
Mal, dass eine Jugendliche sie bekam. Wer Englisch kann, kann im Inter-
net lesen, was Gitanjali so macht und schreibt. Sie hat Accounts bei vielen
sozialen Netzwerken.NACHGEFORSCHT 9
Robo-Faultier
Smiley-Mund, Kulleraugen und extrem langsame
Bewegungen: So sieht ein Roboter-Faultier aus, das
Techniker in den USA entwickelt haben. Es hängt
kopfüber an einem Seil zwischen den Bäumen und fällt
zunächst kaum auf. Und genau das ist spannend daran.
Denn die Forscher wollen den Roboter nutzen, um
bedrohte Tiere, etwa im Regenwald, über lange Zeiten
zu beobachten. Dafür ist es wichtig, dass die Tiere sich
nicht gestört fühlen. Weiterer Vorteil: Der Roboter
benötigt genau wie das echte Faultier sehr wenig Ener-
gie. Er wird mit Solarenergie betrieben und sucht sich
selbst ein sonniges Plätzchen, wenn seine Batterien
aufgeladen werden müssen.
Außerirdische Edelsteine
Diamanten entstehen meist tief im Inneren der Erde.
Aber auch im Weltraum sind die wertvollen Edelsteine
vor Jahrmilliarden entstanden. Ein internationales For-
schungsteam hat winzige dieser außerirdischen Diaman-
ten in Meteoriten gefunden (also in Gestein), die aus dem
Weltall auf der Erde gelandet sind. Jeder der Diamanten
ist kleiner als ein Millimeter. Die Fachleute nehmen an,
dass die Edelsteine bei dem Zusammenstoß von zwei
Himmelskörpern entstanden sind, zum Beispiel von zwei
Kleinplaneten.
Die Auflösung
findet ihr auf
Seite 25!
Schweinchen schlau
Minischweine sind schlauer als Hunde. Zumindest solche Schweine, die als Haus-
tiere gehalten werden. Das hat eine Tierärztin aus Ungarn in einer Art tierischem
Intelligenz-Wettbewerb herausgefunden. Sie versteckte Leckerbissen in Schach-
teln, die mal schwerer, mal leichter zu öffnen waren. Dann schaute sie zu, wie die
Tiere sich anstellten. Ergebnis: Die Minischweine gingen geschickter vor als Hunde
und gaben auch nicht so leicht auf, wenn sie nicht weiterkamen. Die Hunde dagegen
schauten eher zu einem Menschen und warteten auf Hilfe. Die Forscherin sagt: Die
Minischweine scheinen besser darin zu sein, Probleme selbständig zu lösen.10
DER TOD BRINGT LEBEN
Tote Tiere findet man selten im Wald. Denn ihre Körper werden schnell weggeräumt und
verwertet. In der Natur entsteht daraus in kürzester Zeit eine Menge neues Leben.
Wenn ein Reh stirbt, geht sein Leben oft Zehntausende Fliegeneier. Meist Mehr als 130 verschiedene Insek-
zu Ende. Was erst einmal vielleicht kommen auch größere Tiere recht tenarten haben Forschende an toten
traurig macht, ist in der Natur nicht bald vorbei: Dann picken Raben und Tieren gefunden, viele davon können
nur normal – sondern extrem wichtig. Bussarde sich Fleisch heraus. Räu- ohne Aas nicht leben. Zugleich sind
Denn die Nährstoffe aus dem toten ber wie Füchse, Luchse, Wildkatzen, sie wichtige Teile im Kreislauf. Speck-
Körper ermöglichen unzähligen ande- Baummarder oder Wölfe holen sich käfer zum Beispiel verdauen sogar
ren Tieren und Pflanzen das Überle- ihre Portion. Auch für Allesfresser wie Haut und Haare und sorgen dafür,
ben. Besonders gut lässt sich dieser Wildschweine oder Dachse ist das Reh dass wirklich alles vom Reh in der
Kreislauf im Wald erforschen. Dort ein gefundenes Fressen. Besonders Natur wiederverwertet wird.
wird das tote Reh schnell zu einer Art im Winter, wenn andere Beute rar ist,
Schlaraffenland. sichert ein totes Tier vielen anderen Wenn der Wald gesund ist, sind bei
Tieren im Wald das Überleben. wärmerem Wetter von einem toten
Reh oft nach zehn Tagen nur noch
Wenn aus den Fliegeneiern nach we- Knochen übrig. Doch auch sie werden
nigen Tagen Maden schlüpfen, treten genutzt. Eichhörnchen knabbern dar-
auf einen Schlag Tausende der flei- an und holen sich das nahrhafte Mark
ßigsten Entsorger auf den Plan: Jede aus dem Inneren. Was übrig bleibt,
Made frisst zwei Gramm Fleisch oder entsorgen die Wildschweine.*
andere Kadaverteile. Zehntausend von
ihnen könnten ein totes Reh problem-
Totengräber los auch ohne die Hilfe anderer Tiere Natürlicher Dünger
Zwei Käfer bringen eine in kürzester Zeit verschwinden lassen.
tote Maus in acht Stunden unter So geht ein Großteil der Nährstoffe
die Erde. Dort füttern sie ihre aus dem toten Reh in unzählige ande-
Larven mit Nährstoffen des Fressen und re Tiere über – von der Fliege bis zum
Kadavers. Erkennst du den Wolf. Der Rest landet im Boden, wenn
Mäuseschwanz? gefressen werden aus dem Tierkadaver Flüssigkeiten
in die Tiefe sickern. Monate später
Meist aber helfen andere Tiere mit sprießt um die Stelle, an der das tote
Futter für Viele bei der Verwertung. Und einige freuen Reh lag, oft ein dichter Ring aus Pflan-
sich dabei auch über die Maden. Für zen. Denn mit der Flüssigkeit aus dem
Schmeißfliegen sind immer die Kolkraben oder Wildschweine sind die Kadaver ist Stickstoff in den Boden
Ersten. Nur wenige Minuten nach weißen Fliegenlarven besondere gelangt. Und zwar so viel auf einmal,
dem Tod des Rehs landen sie auf dem Leckerbissen. Auch Totengräber wie ein Bauer in 50 Jahren als Dünger
Kadaver, wie tote Tierkörper auch fliegen gezielt zu Kadavern, um auf eine vergleichbar große Fläche
genannt werden. Dort klebt jedes Maden zu fressen. Als Beute bringt seines Feldes geben würde!
Schmeißfliegen-Weibchen 250 Eier an jede Made eine gute Portion Eiweiß
Augen, Maul, Nase und After. So häu- (das kurz zuvor noch Teil des Rehkör- * Beschrieben werden Ergebnisse des
fen sich an einem einzigen toten Reh pers war). Biologen Christian von Hoermann, der
Kadaver im Nationalpark Bayerischer
Wald erforscht.11
Schnelle Entsorger
Vor allem auf der Unterseite toter Tiere wimmelt es oft
von Zehntausenden Maden. Sie arbeiten wie eine schnelle
Aas-Entsorgungstruppe. Weil ihre Körper dauernd Knöcherner Rest
aneinanderreiben, entsteht Wärme, die die Verwesung Skelett-Teile findet man
beschleunigt. Maden können einen toten Körper so manchmal im Wald, meist
aufheizen, dass er 20 bis 30 Grad Celsius Wirbel oder Teile von großen
wärmer ist als die Umgebung. Röhrenknochen. Ganze Schädel
mit Geweih sind eher selten.
A wie Aas:
Wörter für den Tod
Aas – toter Tierkörper
Fallwild – so nennen Jäger und Förster
gestorbene oder überfahrene Wildtiere
Kadaver – noch ein Wort für ein totes Tier
verenden – anderes Wort für sterben
Verwesung – Zersetzung von Körpern durch
Bakterien und andere kleinste Lebewesen
unter Zufuhr von Sauerstoff
Festschmaus
Ein Mäusebussard ist der
erste Besucher auf diesem
toten Reh. Für den Greifvogel
ist ein Stück Aas leichtes Futter.12
FORSCHT MIT!
Wie geht’s unseren Böden? Um das zu untersuchen, setzen
Forschende 2021 auch auf die Hilfe von Kindern. Wie ihr mitmachen könnt,
erklärt eine der Wissenschaftlerinnen im Interview.
Steckbrief
Name: Luise Ohnmann
Alter: 29 Jahre
Beruf: Bodenwissenschaftlerin am
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig
Warum forschen Sie gemeinsam in der Erde. Zum Beispiel in einem Hobbys: wandern und mit dem Hund
draußen sein, Gemüse im Garten anbauen
mit Kindern und anderen Menschen, Garten, im Wald oder man fragt
die nichts mit Wissenschaft zu einen Bauern um Erlaubnis, das
tun haben? auf seinem Feld zu tun. Die Stellen So kannst
Wir wollen herausfinden, wie es muss man sich gut merken. Denn
den Böden in Deutschland geht – nach drei Monaten werden die du mitmachen
und zwar für möglichst viele Ecken Teebeutel wieder rausgeholt. Vor
des Landes. Dafür brauchen wir dem Vergraben hat man die Tee- Wann: Die Aktion läuft von
viele Tausend Untersuchungen. beutel gewogen. Jetzt werden sie April bis September 2021.
Und damit wir sie vergleichen getrocknet und erneut gewogen. Wo: Klickt im Internet auf
können, müssen die alle etwa zur Denn wir wollen wissen, wie viel expedition-erdreich.de .
gleichen Zeit gemacht werden. So Gewicht sie verloren haben, weil Dort findet ihr viele weitere
etwas schaffen wir Forschenden kleinste Lebewesen im Boden den spannende Informationen zur
nicht allein, sondern nur, wenn Tee zersetzen. Wir Forschenden Aktion. Unter „Boden“ gibt es
viele Leute möglichst überall würden sagen: Wir untersuchen sogar eine ganze Seite über die
mithelfen. die biologische Aktivität im Boden. Wunderwelt unter unseren
Füßen. Lehrende finden auf
Wie genau wird dabei geforscht? Wie bekommen Sie die der Website unter „Downloads“
Zunächst bestimmt man die Farbe, ganzen Ergebnisse? auch Schulmaterial – für span-
die Bodenart und schaut nach Alle Mitforschenden schreiben auf, nende Stunden oder Projekte!
Tieren im Boden und danach, wie wie sie vorgehen. Und sie geben
sehr er von Wurzeln durchzogen ihre Ergebnisse über unsere Web-
ist. Außerdem bestimmen die site ein. Dort erfährt man gleich,
Teilnehmenden den Säuregehalt. was die Daten bedeuten. Außer-
Wenn man alles auf einmal macht, dem werten ich und viele andere
dauert das etwa einen Nachmittag. Forschende alles aus. So erfahren
wir enorm viel über die Böden in
Ein anderer Versuch funktioniert Deutschland.
mit Teebeuteln. Wie geht das?
Das macht man am besten im
April oder Mai. An zwei Stellen
vergräbt man je sechs TeebeutelUnter unseren Füßen – was das Poster zeigt 13
1. Ruhe in Frieden Wie viele solcher Blindgänger noch im Bo- In Ratingen bei Düsseldorf kamen 2019
90 Zentimeter Erde müssen mindestens den schlummern, ist unklar. Schätzungen Fossilien einer Seekuh ans Tageslicht. Sie
auf einem Sargdeckel liegen. Das bestim- gehen von vielen Zehntausend aus. hatte vor etwa 30 Millionen Jahren gelebt.
men Friedhofsregeln. So wird verhindert, Damals reichte die Nordsee noch bis ins
dass Aasfresser Witterung aufnehmen 10. Archiv der Vergangenheit Rheinland.
oder Gerüche aus dem Sarg steigen. Wenn in alten Städten gegraben wird,
kommen oft Reste vergangener Siedlun- 18. Tunnelbohrer
2. Voll das Leben gen ans Tageslicht: Mauerreste, Münzen, Tunnelbohrmaschinen wühlen sich durch
1.000.000.000.000 Lebewesen auf einem Waffen oder Scherben zum Beispiel. In festes Gestein und graben Tunnel durch
Teelöffel, also eine Billion. Richtig gele- Berlin stießen Bauarbeiter beim Neubau Berge oder unter Straßen, Flüssen und
sen: In der Erde, die auf einen Teelöffel des Stadtschlosses auf erhaltene Grab- sogar Meeren. Vorne dreht sich der Bohr-
passt, tummeln sich viel mehr Lebewesen kammern mit Skeletten. kopf, im Inneren wird das zerkleinerte Ge-
als Menschen auf unserem Planeten. stein über Förderbänder abtransportiert
Darunter sind Bärtierchen, Mikropilze, 11. Nase zu und durch und gleichzeitig die entstehende Röhre
Mikroalgen und Bakterien. Eine Bakte- In Abwasserkanälen landet alles, was mit Betonringen ausgekleidet. Tunnel-
rienart sondert den Duftstoff Geosmin Menschen durchs Klo oder die Abflüsse bohrmaschinen gehören zu den riesigsten
ab. Er sorgt für den erdigen Geruch des spülen. Sielarbeiter sorgen dafür, dass Maschinen, die es gibt. Einige sind höher
Bodens. der Unrat die Kanäle nicht verstopft. Sie als ein Haus mit fünf Stockwerken.
steigen regelmäßig hinab und reinigen die
3. Käfer-Kinderstube Kanäle. 19. Zwergenhausen
Manche Käfer wie der Maikäfer legen Zwerge oder Gnome, die in unterirdischen
ihre Eier in den Boden. Dort schlüpfen die 12. Mitbewohner der Unterwelt Gängen nach Gold, Silber und Edelsteinen
Larven, die wie Erdnussflips gekrümmt Wanderratten fühlen sich im Abwasser- graben und ihre Schätze in Höhlen hor-
sind und Engerlinge heißen. Maikäferlar- system der Menschen wohl. Vor allem im ten – solche Geschichten gibt es in vielen
ven fressen gern Löwenzahnwurzeln. Sie Winter ziehen sie sich in die warme Kana- Ländern. Welche kennst du?
bleiben drei bis vier Jahre unter der Erde, lisation zurück – die ihnen zugleich eine
bevor sie als Käfer herauskrabbeln. Menge Futter vor die Nase spült. Aber 20. Dino-Fossilien
Achtung: Auf der Suche nach einem Le- Auch in Deutschland werden Dino-Fossi-
4. Pfahlwurzeln ckerbissen folgen die Kletterkünstler dem lien gefunden. Weil im Jura hier ein Meer
Bis zu zwei Meter tief können die Wur- Geruch. Daher: besser nie Speisereste ins lag, sind es meist Meeressaurier. Oder
zeln von Löwenzahn reichen. Nach ihrem Klo oder in den Abfluss geben! einst abgestürzte Flugsaurier. Triceratop-
Aussehen werden sie auch Pfahlwurzeln se gab es dagegen hier nicht, sie werden
genannt. In den Nachkriegsjahren wurden 13. Erdwärme in Nordamerika gefunden.
Löwenzahnwurzeln getrocknet, geröstet, Je tiefer man ins Erdinnere vordringt,
gemahlen und zu Ersatzkaffee aufge- desto wärmer wird es. Bei uns etwa 21. Kohle-Bergbau
brüht. Muckefuck wurde das genannt – 3 Grad Celsius pro 100 Meter. Die Wärme Als schwarzes Gold wird Steinkohle oft
und kommt heute wieder in Mode. lässt sich anzapfen und zum Heizen von bezeichnet. In einigen Gegenden liegt
Häusern nutzen. sie auch bei uns unter der Erde – und
5. Potz Blitz! wurde dort über viele Jahrzehnte abge-
Jagt ein Blitz in den Boden, lässt die Hitze 14. U wie Untergrund baut. Dabei mussten die Bergleute immer
Sandkörner verschmelzen. Dann können Underground, also Untergrundbahn, tiefer vordringen, zuletzt oft mehr als
sich glasähnliche Röhren bilden, die man nennen die Londoner ihre U-Bahn. Sie war 1.000 Meter tief. Auch deswegen wurde
ausgraben kann. Fulgurite werden sie die erste der Welt, als sie 1890 eröffnet der Steinkohlebergbau in Deutschland
genannt. wurde. Heute gibt es U-Bahn-Netze in 2019 beendet.
vielen Städten der Welt. Eine der tiefs-
6. Tierische Tunnelbauer ten Stationen liegt 105 Meter unter der 22. Heiße Hölle?
Etwa 200 Meter lang ist das Tunnelsystem ukrainischen Stadt Kiew. In Deutschland In vielen Religionen gibt es die Idee von
eines Maulwurfs. Es lebt immer nur ein hält die Hamburger Station Messehallen einer Hölle oder einem schlechten Jen-
erwachsenes Tier darin. In ihrer Vorrats- den Tiefenrekord – mit 26 Metern unter seits. Doch wo ist das? Geht man von dem
kammer lagern Maulwürfe Frischfutter: der Erde. lateinischen Wort für Hölle aus, nämlich
Sie beißen Regenwürmern manchmal infernus, liegt sie vielleicht hier unten.
nur die Köpfe ab, sodass diese nicht mehr 15. Tropfsteinhöhle Denn infernus bedeutet wörtlich unter der
wegkriechen, aber weiterleben können. Unterhalb der mehrere Meter dicken Erde. Und tief unten wird es heiß.
Schicht aus loser Erde und Geröll folgt
7. Freundschaftsnetz meistens festes Gestein. Dringt Wasser 23. Hallo Hohlerde!
Unterirdisch gehen die meisten Land- in dessen Hohlräume ein, können über Vor 250 Jahren dachten manche Wissen-
pflanzen eine enge Freundschaft mit Hunderte von Jahren Höhlen entstehen. schaftler, unser Planet wäre innen hohl.
Pilzen ein. Das Wurzelgeflecht, wie bei Tropfsteine bilden sich, wenn mineralhal- Im Roman „Reise zum Mittelpunkt der
diesem Baum zu sehen, heißt Mykorrhiza. tiges Wasser von der Höhlendecke tropft. Erde“ greift der französische Autor Jules
Die Pilze liefern Nährsalze und Wasser Wachsen sie von oben nach unten, werden Verne das auf: In seinem Text gibt es dort
und erhalten dafür Zucker und Fette. sie Stalagtiten genannt. Stalakmiten unten einen Ozean, in dem Dinos schwim-
wachsen von unten nach oben. men, und einen Wald aus baumhohen
8. Adern der Stadt Pflanzen.
Wenige Meter unter der Straße verlaufen 16. Wasservorrat
allerlei Versorgungsleitungen: Kabel Grundwasser liefert einen Großteil 24. Bling-Bling
und Rohre für Strom, Telefon, Internet, unseres Trinkwassers. Es entsteht, wenn Diamanten bestehen genau wie Steinkoh-
Fernsehen, Frischwasser, Abwasser, Gas Regenwasser im Boden versickert – und le aus Kohlenstoff. Damit sie entstehen,
und Fernwärme. Schon die Römer bauten die Schichten aus Sand, Kies oder Lehm braucht es aber viel höhere Temperatu-
unterirdische Wasserleitungen. es dabei filtern und reinigen. Grundwas- ren und Drücke. Diamanten bilden sich
ser, das wir aus der Leitung bekommen, im Erdmantel, in 250 bis 800 Kilometern
9. Blindgänger ist oft viele Jahre oder sogar Jahrhunder- Tiefe. Dort ist es bis zu 1.400 Grad Celsius
In vielen Städten in Deutschland liegen te unterwegs gewesen. heiß. Nach oben kommen die Steine, wenn
Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg im sie von aufsteigendem Magma mitgenom-
Boden, die damals 17. Mammutschädel & Co. men werden.
abgeworfen wurden, Riesenelch, Mammut, Wildpferd, Rentier
aber nicht explo- und Wollhaar-Nashorn – von all diesen 25. Ab durch die Mitte
Poster dierten. Sie müssen
vorsichtig entschärft
Tieren wurden im Boden unter Berlin
schon Überreste gefunden.
6.370 Kilometer unter der Oberfläche liegt
der Mittelpunkt der Erde. Hier ist es etwa
und entsorgt werden. so heiß wie auf der Oberfläche der Sonne,
rund 6.000 Grad Celsius.14
Wunderschön
Seelilien heißen zwar wie Blumen und sehen wie Pflanzen
aus, dabei sind es Tiere. Sie sind mit Seesternen und Seeigeln
verwandt. Seelilien gibt es noch heute. Manchmal wachsen
ganze Seelilienwälder, einige dieser Tiere werden 50 Meter
lang! Seelilien gibt es schon seit rund 350 Millionen Jahren.
Sie sehen im Stein ebenso prächtig aus wie heute lebende.
Super jung
Normalerweise dauert es viele
Zehntausend Jahre, bis ein Fossil
entsteht. Aber manche Forschende unter-
Kompletter Wald
suchen Fossilien, die gerade entstehen – und erst Auch Pflanzen können versteinern. In der Nähe
einige Wochen oder Monate alt sind. Einige davon von Chemnitz in Sachsen wurde ein ganzer
lagern zum Beispiel im Labor eines Geologen in Bonn. Er versteinerter Wald entdeckt, so etwas
versucht, absichtlich tote Fische zu versteinern. Damit will der ist sehr selten! Der Wald wurde vor
Forscher ganz genau herausfinden, was in der Natur zusammen- 291 Millionen Jahren bei einem
kommen muss, damit Fossilien entstehen. Vulkanausbruch verschüttet. Solche
Naturkatastrophen gab es damals
häufig. Für die Forschung ist das
ein Glücksfall: So lässt sich bis
ins kleinste Detail untersuchen,
Lebende Fossilien? welche Bäume und Pflanzen es
damals gab.
Der Name lebende Fossilien ist Quatsch, denn ein Fossil lebt ja nicht
mehr. Aber der bekannte Naturforscher Charles Darwin hat vor über
150 Jahren schon diesen Begriff genutzt, und zwar für zwei Tiere, die es
heute noch gibt: das Schnabeltier und den Lungenfisch. Denn manchmal
gibt es Tiere oder Pflanzen, die sich seit Jahrmillionen nicht verändert
haben und trotzdem überlebten, wie
zum Beispiel der Ginkgo-Baum,
der Quastenflosser oder der
Pfeilschwanzkrebs, den
du auf diesem
Foto siehst. Urururalt
Seit vielen Jahren gibt es Streit
um die ältesten Fossilien.
Als Rekordhalter gelten
Gebilde, die unglaubliche
3.465.000.000 Jahre alt sind,
also fast 3,5 Milliarden Jahre!
Zu der Zeit war die Ober-
fläche der Erde noch eine
brodelnde Suppe, Pflanzen
oder Tiere gab es erst viel, viel
später. Doch lebten damals schon
erste Urbakterien auf dem jungen
Planeten? Darauf deuten winzige
Strukturen hin, die Forschende in Gestein
aus Australien entdeckt haben. Sie sehen
aus wie dunkle schlauchförmige Minigän-
ge und sind nur unter dem Mikroskop zu erkennen.15
FANTASTISCHE
FOSSILIEN
Fische in Steinplatten, Muscheln, plattgedrückte Urvögel oder jahrtausendealte Skelette
von Wirbeltieren: Versteinerungen aus längst vergangenen Zeiten gehören zu den faszinierendsten
Dingen, die im Boden gefunden werden. forscher stellt dir ein paar der besondersten vor.
Unappetitlich
Komischster Nicht nur ganze Tiere oder Knochen versteinern, sondern auch
weiche Dinge wie zum Beispiel Gehirne – und ja, auch Kot. Fachleute
Name drücken es vornehmer aus: Koprolithen nennen sie die Funde. Das
bedeutet so viel wie Kotsteine. Es gibt
„Zehennägel des Teufels“ – so sie von Dinos auriern, Vögeln,
werden diese Fossilien genannt. Es Säugetieren und vielen anderen
sind Versteinerungen ausgestorbener Tieren. Schließlich haben zu
Muscheln (Gryphae). In Gesteinsschichten Lebzeiten alle dauernd
aus der Kreidezeit kommen sie häufig vor, in auch Kot produziert.
Steinbrüchen in Schottland und Südfrankreich
findet man sie millionenfach. Früher wurden die
Muschelschalen zu Pulver gemahlen und zu Salbe
verarbeitet und bei Pferden und Menschen gegen
Gelenkbeschwerden eingesetzt.
Erste Augen
Für uns Menschen ist das Sehen einer der wichtigsten Sinne, für viele Tiere
nicht unbedingt. Die ersten komplexen Linsenaugen haben sich schon vor
540 Millionen Jahren entwickelt. Vermutlich entstanden Augen durch Zufall
Eindrücklich
bei Räubern, die ihre Beute dann sehen konnten und damit einen Riesenvorteil Wie oft passt dein Fuß in den
hatten. Später entwickelten sich Augen auch bei Fußabdruck eines Dinosau-
Beutetieren. Beeindruckende Sehorgane hatten riers? In manchen Museen
die ausgestorbenen Trilobiten. Ihre Augen kannst du das ausprobie-
bestanden aus bis zu 15.000 (!) ren. Denn auch Spuren
Linsen. Manche dieser Tiere können als Fossilien
konnten gleichzeitig in alle erhalten sein und gezeigt
Richtungen schauen, werden. Neben Fußspu-
hatten also einen ren gibt es auch Kriech-
360-Grad- spuren von Würmern oder
Rundumblick! Nage- und Fressspuren.
Die berühmtesten Spuren-
fossilien siehst du auf diesem
Bild. Sie stammen aus Laetoli
in Ostafrika. Dort ist vor 3,6 Millio-
nen Jahren ein Vulkan ausgebrochen.
Kurze Zeit später liefen drei Frühmenschen
(Australopithecus afarensis) durch die feuchte
Asche. Anschließend härtete die Sonne die Abdrücke aus. Sie über
dauerten bis heute. Dank dieser Spuren ist klar, dass unsere Vorfahren
damals schon aufrecht laufen konnten.16 STARKES BILD
IM
TAGEBAUWo Menschen Boden komplett umbauen
Aus der offenen Tür eines Hubschraubers hat der Fotograf Tom Hegen dieses Bild aufgenommen. Es zeigt einen Ausschnitt eines Tagebaus in der Lausitz im Süden des Bundeslandes Brandenburg.
Dort wird Braunkohle abgebaut, aus der in Kraftwerken Strom für mehr als fünf Millionen Haushalte und Fernwärme erzeugt werden. Weil die Kohle hier in bis zu 120 Metern Tiefe liegt, tragen
Bagger vorher alle Erde über ihr ab. Pro Tonne Braunkohle werden sechs Tonnen Boden, Kies, Sand und Ton abgebaggert. Fachleute nennen dieses Material Abraum. Du siehst es auf unserem
Bild. An den verschiedenen Farben erkennst du, dass es sich um ganz unterschiedliche Erdschichten handelt. Die Maschine auf dem Foto ist ein Absetzbagger, der den Abraum gerade wieder
17
aufschüttet – ein gewaltiger Umbau der Natur und der Landschaft. Weil bei der Braunkohle-Verbrennung viel klimaschädliches CO2-Gas frei wird, hat die Bundesregierung beschlossen, sie zu
beenden. Spätestens 2038 soll das letzte deutsche Kohlekraftwerk geschlossen werden. Auch Kohle-Tagebaue wird es dann nicht mehr geben.18 INTERVIEW
UNBEKANNTER
MEERESBODEN
Ein gewaltiger Teil der Erde ist von Meeren und Ozeanen bedeckt. Doch ihre Böden
sind erst wenig erforscht – selbst in der Ostsee! Noch immer werden dort Riffe neu
entdeckt, verrät der Meeresbiologe Alexander Darr im forscher-Interview.
Sie erforschen Riffe in der Ostsee. Das klingt toll ... Vor zehn Jahren kannten wir viele
Sehen die so aus wie die bunten Nicht so bunt wie in der Karibik, aber Riffe in der Ostsee noch gar nicht.
Korallenriffe in der Karibik? trotzdem sehr wichtig. In Riffen gibt Aber es kann gut sein, dass wir noch
Nein, Riffe können ganz unter- es eine besondere Artenvielfalt. Das weitere finden. Vor zwei Jahren zum
schiedlich aussehen. Riffe sind wie heißt, dort leben sehr viele verschie- Beispiel haben wir im Arkonabecken
Hügel auf dem Meeresboden. Man- dene Tiere und Pflanzen. Die finden bei Rügen ein Riff neu entdeckt.
che dieser Erhebungen werden von dort gute Bedingungen: Überall gibt
Korallen gebildet, aber in der Ostsee es Steine in verschiedenen Größen, Wie kann das sein – in einem Meer,
bestehen sie aus Steinen. Typisch für die übereinander und nebeneinander das so bekannt ist wie die Ostsee?
die Ostsee ist, dass sich dort super liegen. Dadurch finden sich unzählige Den Meeresboden zu erforschen, ist
viele Miesmuscheln angesiedelt ha- Nischen und Ritzen, in und an denen ziemlich schwierig. Wenn ich aufs
ben – oft über viele Quadratkilometer alles Mögliche wachsen kann und wo Meer blicke, sehe ich erstmal nur die
hinweg und bis in größere Tiefen. Tiere Verstecke und Futter finden. Wasseroberfläche. Auch wenn ich
Viele Tiere verbringen ihr ganzes den Kopf ins Wasser stecke, beobach-
Was wächst da noch? Leben im Riff. Dorsche finden als te ich immer nur einen ganz klitze-
An Ostseeriffen wachsen viele Jungtiere dort Schutz. kleinen Ausschnitt vom Boden.
größere Algen wie Zuckertang und
Meerampfer. Auch Schwämme und Wo in der Ostsee gibt es denn Riffe?
Polypen kommen vor und bilden rich- Bedeutende Riffe gibt es zum Beispiel
tige kleine Wälder. Außerdem gibt es vor der Insel Fehmarn. Ein wichtiges
Blumentiere wie Seenelken. Riff liegt außerdem im sogenannten
Adlergrund zwischen Rügen und der Checkerw issen es
dänischen Insel Bornholm. Das Span- du kannst helfen, dass
Riff-Helfer Auch n,
nende ist: Das wissen wir erst seit es, was wir an Land tu
Riffen gut geht . Denn all rau m im
kurzer Zeit. auf den Lebens
hat auch eine Wirkung
sind häuf ig vermüllt –
Seenelken Meer. Riffe zum Beispiel
vom Land. Auch Dünge-
und die ser Müll kommt
chaf t können der
mittel aus der Land wirts
n.
Unter wasser welt schade
Zuckertang
MeerampferFinnland
INTERVIEW 19
Norwegen
Estland
D äne-
Die Ostsee Lettland
Schweden
mark
Wie bekommen Sie es trotzdem hin,
den Meeresboden zu erforschen? Seeland Litauen
Ein Weg ist, Schallwellen in Rich- Fünen
Bornholm
RUS
tung Meeresboden zu strahlen. Das
machen wir mit sogenannten Sonar-
Rügen
Deutschland
Polen Alexander Darr
Geräten und sogenannten Echoloten. Alter: 45 Jahre
Sie messen, wie viel Energie der Beruf: Meeresbiologe
Strahl hat, wenn er vom Meeresbo- Hier forscht er. Arbeitsort: Leibniz-Institut für Ostseeforschung
den zurückkommt. Daraus errechnen in Rostock-Warnemünde
wir, ob es ein harter oder ein weicher Kinder: drei
Untergrund ist. Das ist so ähnlich wie Woran arbeiten Sie gerade? Geheimnis: wurde früher furchtbar seekrank
bei einem Tennisball: Der prallt von Mein Team und ich erstellen gerade
einem harten Boden auch anders ab eine Karte über die Lebensräume in Wofür braucht es Karten vom
als von einem Sandboden. der Ostsee. Darauf zeichnen wir zum Meeresboden?
Beispiel ein, wo es Riffe gibt. Das ist Wir Menschen bauen nicht nur Häuser
Und wie finden Sie raus, ob dort Tiere wichtig, denn nur was wir gut ken- und Straßen auf dem Land. Manchmal
und Pflanzen leben? nen, können wir auch schützen. bauen wir auch im Meer – zum Bei-
Bis in Tiefen von 20 Metern gehen spiel Windparks, Tunnel oder Brü-
Taucher runter. Wenn der Meeres- Was fasziniert Sie an Ihrer Forschung? cken. Um die wertvollen Riffe schüt-
boden tiefer liegt, lassen wir vom Ich liebe an meiner Arbeit, dass ich zen zu können, ist es wichtig, dass
Schiff aus Kameras mit sehr viel auch nach 20 Jahren noch Neues genau bekannt ist, wo sie verlaufen.
Licht hinunter. Dann sehen wir zum entdecken kann. Jedes Jahr fahren Nur dann können Behörden oder
Beispiel: Hier wachsen Algen, hier wir mit dem Forschungsschiff sieben Fachleute in der Politik entscheiden,
wachsen Muscheln. Aber auch beim bis zehn Tage raus. Und jedes Jahr ob eine Baustelle erlaubt wird.
Tauchen oder mit so einer Kamera kommt irgendwann im Laufe der Aus-
kann ich nur ein paar Meter links fahrt der Punkt, wo wir sagen: „Hey,
und rechts gucken. Deshalb schlep- was ist denn das? Das haben wir hier
pen wir die Kameras eine Strecke nicht erwartet.“ Und das macht das
mit dem Schiff über den Boden. Ganze extrem spannend und schön.
Miesmuschel-Versteck
Riffe bieten vielen Tierarten
einen Schutzraum. Wer entdeckt die Seestern
Aalmutter zwischen den Miesmuscheln? Sonnensterne
haben viele Arme.
Schwämme20 TIERE
ABGEFAHRENE ASSEL Ob unter Steinen oder Kübeln, in Astlöchern oder Mauerritzen:
Asseln findet man fast überall. Aber wusstest du, dass die Tiere
ursprünglich aus dem Meer kommen? Dass es unzählige Arten von
ihnen gibt und manche Menschen sie sogar als Haustiere halten?
Hier sind fünf wissenswerte Fakten über die nur scheinbar
gewöhnlichen Bodentiere.
Asseln als Haustiere
Ja, du hast richtig gelesen: Gar
nicht so wenige Menschen halten
sich Asseln als Haustiere. Manche
versuchen, Asseln in neuen Farben zu
züchten, andere erfreuen sich einfach an Terrarium
dem Gewusel im Terrarium. Solltest du das auch
machen wollen: Zum Starten braucht man ein kleines
Terrarium, Waldboden, trockenes Laub und ein Stück
Baumrinde als Versteck. Asseln fressen Laub, Obst, Ge-
müse und Kalkpulver. Wichtig ist, dass der Boden in einer
Ecke des Terrariums immer feucht ist. Im Internet gibt es
zahlreiche Assel-Gruppen, bei denen man Tipps bekommt.
Bodenpolizei
Manche Asseln leben ganz in der
Nähe von Menschen, am bekann-
testen sind in Deutschland die Kel-
lerassel und die Mauerassel. Aber
im Gegensatz etwa zu Kakerlaken sind Asseln keine
Niedlichkeits-Alarm! Schädlinge. Sie haben es nicht auf unsere Vorräte
Bei Menschen, die Asseln als Haustiere halten, abgesehen, sondern fressen am liebsten
ist diese Art wegen ihrer putzigen gelben Schnute
das, was sonst niemand haben möchte:
beliebt. Ihr Spitzname lautet „Rubber Ducky“,
zu Deutsch: „Quietsche-Entchen“. verrottende Pflanzen, fauliges Holz oder Kot.
Denn darauf wachsen für sie leckere Bakterien
und Pilze. So helfen Asseln mit, dass der Erdboden
gesund und fruchtbar bleibt – gemeinsam mit Regen-
würmern, Springschwänzen und anderen Insekten. Weil
sie im Boden aufräumen und sozusagen für Ordnung
sorgen, spricht man auch von der Bodenpolizei.TIERE 21
Wachsende Rüstung
Asseln sehen so aus, als würden sie eine Ritterrüstung tra-
gen. Tatsächlich bestehen ihre Rückenschilde wie alle Panzer
Seltener Pikser von Krebsen aus hartem Kalk und dem Stoff Chitin. Wenn
Asseln gibt es fast auf der ganzen Welt. Asseln wachsen, wächst ihre schützende Hülle aber nicht mit.
Manche sehen echt exotisch aus – wie diese Deshalb müssen sie sich in regelmäßigen Abständen häuten.
Gelbe Stachelassel (Pseudolaureola atlantica). Dabei wird der Panzer in zwei Teilen abgestreift und wächst
Sie ist vom Aussterben bedroht und dann eine Nummer größer nach. Als wahre Recycling-Meister
kommt ausschließlich auf St. Helena vor, futtern Asseln die alte Hülle einfach auf. So kann ihr eigener
einer Insel mitten im Südatlantik zwischen Körper das wertvolle Material wiederverwerten.
Afrika und Lateinamerika.
So untersuchst du eine Kellerassel
Die Stellen, an denen Kellerasseln über
die Haut Sauerstoff aufnehmen, kann man
sehen, wenn man sie auf den Rücken dreht.
Mini-Krebse auf Landgang
Auf den ersten Blick ähneln Asseln Käfern, Wanzen oder Raupen. Aber sie
sind keine Insekten, sondern Krebstiere! Sie sind also enger mit Hummern und
Krabben verwandt als mit Hirschkäfern oder Ameisen. Ihre Herkunft aus dem
Meer prägt noch immer ihren Körper: Wie Fische haben Asseln Kiemen. Viele
Assel-Arten, die an Land leben, können zusätzlich auch Luft atmen. Dafür
haben sie spezielle Hautstellen, über die sie Sauerstoff aufnehmen. Bei einer
Kellerassel kannst du sie erkennen, wenn du das Tier auf den Rücken drehst:
Es sind die weißen Flächen an den hintersten Beinpaaren. Aber sehr trockene
Luft ist für die meisten Landasseln gefährlich. Deshalb lieben sie eine feuchte
und schattige Umgebung – und fühlen sich zum Beispiel unter Blumentöpfen
Schützende Kugel oder Rindenstücken wohl.
Manche Vertreter der Assel-Familie – die
Rollasseln – können sich zu einem flachen
Ball zusammenrollen. Dann sind ihre Beine
und der weiche Bauch durch den Rückenpanzer
geschützt. So retten sich die Asseln vor ihren
Fressfeinden: Spinnen oder Käfer kommen mit
ihren Mundwerkzeugen nicht durch die Schutz-
hülle hindurch. Und für Vogelschnäbel ist
eine glatte Kugel schwieriger zu greifen.
Außerdem schützt das Einkugeln sie gut Kapitaler Krabbler
vor dem Austrocknen. Die größten Assel-Arten leben
in der Tiefsee auf dem Meeres-
boden: Riesenasseln können 45
Zentimeter lang werden und
wiegen bis zu 1,7 Kilogramm!Sie können auch lesen