ZÜRCHER STATISTISCHE NACHRICHTEN - Jahrgang April/Juni
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ZÜRCHER STATISTISCHE NACHRICHTEN 18. Jahrgang 1941 * 2. Heft April/Juni FRIEDHÖFE UND BESTATTUNGSWESEN IN DER STADT ZÜRICH EINST UND JETZT VON DR. A. SENTI UND ALT VORSTEHER DES FRIEDHOF- UND BESTATTUNGSAMTES H. PFENNINGER EINLEITUNG Das Bestattungswesen hat von jeher und überall im Lehen der Völker eine wichtige Rolle gespielt, und es kommt ihm auch jetzt noch, vor allem in der Verwaltung unserer Städte, eine große Bedeu tung zu. Es schien uns eine reizvolle Aufgabe, seiner heutigen Rege lung in der Stadt Zürich eine kurze Darstellung zu widmen, im Vor beigehen zugleich einen Blick auf die Verhältnisse, wie sie früher bestanden, zu werfen und eine Statistik der Bestattungen und Friedhöfe anzuschließen. Dem menschlichen Empfinden war es stets ein natürliches Be dürfnis, der Verehrung und Liebe für verstorbene Verwandte und Freunde oder für bedeutende Persönlichkeiten durch angemessene Bestattungsfeierlichkeiten Ausdruck zu geben und zur Erinnerung an geliebte oder verehrte Verstorbene den Ruhestätten der Dahin geschiedenen einen würdigen Schmuck zu verleihen. So findet man selbst bei den primitivsten Völkern einen Totenkult, der teils auf religiös-mythischen Motiven beruht, teils der Furcht vor den Ab geschiedenen entspringt. Darauf ist es zurückzuführen, daß die Grabstätten und den Toten beigegebene Gegenstände: Schmuck, Waffen, Spielzeuge, Geräte, Kleider, Spezereien und ähnliches nicht selten aufschlußreichste Dokumente bilden, welche uns Kunde geben vom Dasein der Menschen, die vor Jahrtausenden existiert haben. 99
Von manchen alten Kulturvölkern (Ägyptern, Babyloniern, Assy- rern), bei denen der Totenkult eine besonders große Rolle spielte, sind imponierende Bauwerke als dauernde Denkmäler von Fürsten und Heerführern erhalten; es sei nur an die Pyramiden mit den Grabfunden z. B. von Tut-ench-Amun erinnert. Vor allem aber besitzen wir von den Griechen und Römern zahlreiche Kunstwerke: Monumente, Sarkophage, Aschenurnen, die zeigen, wie die Antike die Toten geehrt hat. Im Mittelalter dienten durchwegs das Innere und die nächste Umgebung der Kirchen als Begräbnisstätten, wo für angesehene Personen kunstvolle Grabdenkmäler und Familien grüfte erstellt wurden, während die übrigen Verstorbenen auf den Kirchhöfen beerdigt wurden. Die Reformation hat hier in prote stantischen Gegenden gründlich Wandel geschaffen; aber es ver gingen doch noch Jahrhunderte, bis man sich entschloß, die Fried höfe außerhalb des Weichbildes der Städte anzulegen und den For derungen der Hygiene im Bestattungswesen überhaupt Rechnung zu tragen. Wir wollen versuchen, in einem knappen historischen Überblick die Entwicklung in Zürich zu skizzieren, bevor wir das heutige Beerdigungs- und Friedhofswesen etwas einläßlicher beschreiben. Die in Betracht kommenden Gesichtspunkte kulturhistorischer, religiös-ethischer, hygienischer, rechtlicher, ästhetischer, städte baulicher, sozialer und finanzieller Natur sind so mannigfaltig, daß sie in unserer Skizze bloß gestreift, nicht aber erschöpfend behandelt werden können. DIE ZEIT VOR DER REFORMATION Da unsere Stadt auf uraltem Kulturboden steht, der mindestens seit dem dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung besiedelt war, ist es selbstverständlich, daß in Zürich selber wie in seiner Um gebung wiederholt Funde von prähistorischen Gräbern ge macht wurden. Allerdings fehlen bei uns wie an andern Orten bisher einwandfrei zuteilbare Gräberfunde der Pfahlbauer voll ständig, trotzdem von solchen in unserer Seebucht mehrere Siede lungen nachweisbar sind. Überreste von Gräbern aus keltischer, römischer und alemannisch-fränkischer Zeit sind dagegen verschie dentlich gefunden worden. So hat man «im Frühjahr 1832 auf dem Burghölzli einen Grabhügel entdeckt, welcher Überbleibsel aus der 100
keltischen Urzeit enthielt»1. Der gleichen Zeitepoche, der Hall stattzeit (etwa dem 6. Jahrhundert v. Chr.) entstammten im Heizen holz (im Gebiet von Höngg) und in Witikon aufgefundene Gräber. Der La Tène-Zeit (5. Jahrhundert v. Chr.) gehören keltische Gräber funde an, die auf dem Utliberg gemacht worden sind. Wir können uns dabei nicht länger aufhalten. Dagegen sei in diesem Zusammenhang auf ein besonders interes santes Monument aus römischer Zeit nachdrücklich hingewiesen: den ältesten auf dem Gebiet der Stadt Zürich aufgefundenen und erhaltenen Grabstein, der zugleich die älteste Urkunde bildet, die den Namen Zürichs überliefert hat. Vor bald zweihundert Jahren, Anno 1747, ist nämlich auf dem Lindenhof der hier abgebildete Stein gehoben worden, der jetzt im Schweizerischen Landesmuseum aufgestellt ist und die folgende Inschrift trägt: «D. M. Hic situs est Lucius Aelius Urbicus qui vixit anno uno mensibus quinque die- bus quinque. Unio Augusti Libertus Praepositus Stationis Turicensis Qua- drogesimae Galliarum et Aelia Secun- dina parentes dulcissimo Mio ». Das heißt: «Den Totengöttern geweiht. Hier liegt begraben Lucius Aelius Ur bicus, seines Alters ein Jahr, fünf Mo nate, fünf Tage. Unio, des Kaisers Frei gelassener, Vorsteher der Zollstätte Tu rbami für den Vierzigstel der Waren aus Gallien, und Aelia Secundina haben den Grabstein ihrem teuersten Knaben gesetzt.» Aus römischer Zeit sind außer die Phot. Schweiz. Landesmuseum sem berühmten Grabstein aus der Zeit Grabstein nach 117 n. Chr. auf dem Lindenhof des Lucius Aelius Urbicus, noch zwei weitere Grabsteine gefunden gefunden auf dem Lindenhof in Zürich, j T1 j r v t' i aufbewahrt im Schweiz. Landesmuseum "worden. xLs dari aus diesen runden nicht geschlossen werden, daß in römi- J 95. Neujahrsblatt, herausgegeben von der Hülfsgesellschaft in Zürich, auf das Jahr 1895, S. 5. 101
scher Zeit auf dem Lindenhof ein Bestattungsplatz gewesen sei; vielmehr sind die alten Grabsteine, die dort eingemauert waren, wahrscheinlich erst im Mittelalter als Baumaterial dorthin verbracht worden. Dagegen sind aus der gleichen Epoche auf dem Areal des alten Postgebäudes (Zentralhofes) an der Poststraße Funde von Aschenurnen gemacht worden, die als Reste eines dortigen römischen Friedhofes, von sogenannten Brandgräbern, anzusehen sind. Der alemannisch-fränkischen Zeit, dem 6. Jahrhundert n. Chr. gehörte ein ausgedehntes Gräberfeld an, das um 1900 an der Bäckerstraße im Kreis 4, aufgedeckt worden ist, und dessen reich haltige Funde sich im Schweizerischen Landesmuseum befinden. — Im Mittelalter sind die Friedhöfe — «Kirchhöfe» — in unmittel barer Nähe der Kirchen angelegt worden; man fand dort gelegent lich entsprechende Überreste und aus späterer Zeit besitzen wir auch urkundliche Nachrichten. «Die Hügelkuppe, über die in rö mischer Zeit und im frühen Mittelalter die rechtsufrige Straße ge führt haben dürfte, muß im hohen Mittelalter als Friedhof gedient haben; die Auffüllung des Plateaus, das für den Bau der heutigen Kirche (des Großmünsters) zu schaffen war, ist bis zu einer Tiefe von 7 Metern vollständig von Knochen durchsetzt.»1) Aus spätmittelalterlicher Zeit wird die Friedhofanlage beim Großmünster ausdrücklich erwähnt: «cimiterium prope domum C. militis dicti Wellin» (1256); «atrium superius» oder «atrium ecclesiae praepositurae» (1408); «cimiterium ecclesiae S.S. Felicis et Regulae praepositurae Thuricensis» (1402). Zum erstgenannten, «untern», südwestlichen Teil gab es vom Oberdorf her durch ein Tor einen Zugang, zum «oberen» von der Kirch- (bzw. Römer-) gasse durch eine Treppe und durch ein kapellenartiges Tor. In der Kirche selber befanden sich Grabstätten von Pröpsten und von vornehmen Laien; ausdrücklich erwähnt wird eine solche für Hein rich Manesse und dessen Gattin Adelheid. Heute noch sind einige dem Gedächtnis von Verstorbenen gewidmete, an die Wände des Schiffes, des südlichen Treppenhauses und der Zwölfbotenkapelle gemalte Inschriften aus dem 15. und dem Anfang des 16. Jahr hunderts erhalten. Zwei der vollständig überlieferten lauten: «Anno domini MCCCCXXII / sexta Kalendas Aprilis obijt dominus Joh. Kienast altaris / sanctorum apostolorum capei / lanus. orate pro t) Konrad Escher: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich. Bd. IV: Die Stadt Zürich, Erster Teil. Basel 1929. S. 313. 102
eo.» und «Anno domini MCCCCLXXXII / in die Sanctae Bar- barae virginis / Obijt Venerabili dominus Gebhardus / Amhoff canonicus huius ecclesiae cuius / anima Requiescat in sancta pace / Amen.» (Escher a. a. O., S. 146.) Aus vorreformatorischer Zeit ist ferner ein Grabstein des 1450 gestorbenen Jakob Schwarzmurer und seiner Gattin Agnes erhalten und «In dem vom Kreuzgang umschlossenen Kreuzgarten bestand 1430 bis 1565 die Kapelle der Heiligen Jacobus und Jodocus als Erbbegräbnis der Familie Göldli.» Das «Kreuzgärtlein» des Fraumünsters diente wohl seit der Erbauungszeit des Stiftes als Bestattungsplatz für die Stiftsdamen. Daneben ist zu unbestimmter Zeit außen an der Nordseite der Kirche ein Begräbnisplatz angelegt worden. Um 1437 wurde an die Ost seite des Nordturms ein Beinhaus angebaut. Im Erdgeschoß des Südturms sind ebenso wie im Groß münster Reste von mittelalterli chen Grabinschriften und im süd lichen Flügel des Querschiffes u. a. eine Grabplatte des Ritters Be- renger von Wile (gestorben 1280) erhalten, im nördlichen Flügel des Querschiffes die Grabsteine Hans Waldmanns und seiner 1496 ge storbenen Frau. Das Grabmal des am 6. April 1489 enthaupteten be deutenden Zürcher Bürgermeisters sei hier bildlich wiedergegeben. Fragmente von, dem 14. Jahr hundert angehörigen, Grabplatten der Fraumünster Äbtissinnen Mech- tild von Wünnenberg und Elisa beth von Matzingen besitzt das Schweizerische Landesmuseum. Ein Friedhof bei der Prediger kirche wird erstmals 1242 er wähnt; er diente als Klosterfried hof des Dominikaner- oder Predi Phot. Gallas gerklosters. Erst vor wenigen Mo Grabplatte des Bürgermeisters naten ist auf der Nordseite des goti Hans Waldmann (f 1489) schen Chors eine interessante Grab In der Fraumünsterkirche 103
platte aus dem 13. Jahr hundert aufgedeckt wor den, die einst die letzte Ruhestätte des um 1270 ge storbenen Predigermönchs Heinrich von Ruchenstein zierte, dann im 14. Jahr hundert als Sturz einer Türöffnung im Chor 23 Meter über dem Erdboden eingemauert worden ist, und nun im Lesesaal des Staatsarchives aufgestellt wurde. Skelettfunde, die im 19. Jahrhundert und in den letzten Jahren zufällig bei Ausschachtungen oder aber durch planmäßige Grabungen gemacht wor den sind, führten zur Fest stellung mittelalterlicher Gräberfelder auf dem Lin denhof, wo eine 1384 er wähnte Kapelle gestanden sein soll, und an den Un tern Zäunen. Hier ist man bei Grabarbeiten vermut lich auf den Friedhof des einstigen Barfüßerklo sters gestoßen, indessen völlig umgebautem Ge bäudekomplex, dem Ob mannamt, heute das Ober gericht untergebracht ist. Aus der Barfüßerkirche stammt die Grabplatte des Freiherrn Ulrich I. Grabplatte des Freiherrn Ulrich von Regensberg von Regensberg (gestor Aus der Barfüßerkirche jetzt im Schweizerischen Landesmuseum ben zwischen 1277 und 104
1280), der bisher einzige bekannte figürliche Grabstein auf stadt zürcherischem Boden — heute im Schweizerischen Landesmuseum. Dort befand sich ferner im 15. Jahrhundert die Familiengruft des Ritters Götz Escher. Yon einem Friedhof bei der Augustinerkirche besitzen wir keine Nachrichten. Dagegen befanden sich dort die Wappen der Wohltäter des Klosters, die in seinen Mauern bestattet waren, im Refektorium auf die Wände gemalt: Maneß, Burkhart von Warten see, Biber, Oeri, Schafli, Müller und Stagel. Im Seitenschiff ist der Grabstein des Vigilius Gradner von 1467 in die Wand eingemauert. (Inschrift: «Hie lit her Wiguloys der gradner ritter dem got genedig sy und starb am dunstag vor dem balmtag Anno dm. MCCCCLXVII ».) Nachdem das Kloster im Jahre 1524 aufgehoben worden war, wurde die Kirche fortan zu profanen Zwecken benützt. Bei der St. Peterskirche, die im Mittelalter die einzige mit keinem Stift verbundene Pfarrkirche in Zürich war, bestanden Friedhöfe sowohl auf der kleineren, südlichen, wie auf der größeren, nördlichen, Peterhofstatt. Im Chor ist der große Zürcher Bürger meister Rudolf Brun beigesetzt worden; die stark beschädigte Grabplatte, die im Jahre 1936 vorübergehend aufgedeckt wurde, trägt am Rand die Inschrift : «Anno domini MCCCLX XV ka- lend. octob. ob. dominus Rudolf Brun, miles, prim. mgr. civium». Ein weiterer Friedhof bestand im Mittelalter bei einer St. Ste phanskirche oder -kapelle auf dem Areal des heutigen Freien Gym nasiums an der St. Annagasse. Als dieses Gotteshaus zur Zeit der Reformation geschlossen wurde, ist vielleicht auch der Kirchhof von St. Stephan nicht mehr benützt worden. — Was Staatsarchivar Türler für Grabstein des Bürgermeisters Bern berichtet, daß nämlich vor Rudolf Brun der Reformation so viele Begräb (t 1360). Im Chor der Peterskirche 105
nisplätze bestanden als Kirchen, worin die Seelsorge ausgeübt wurde, gilt demnach auch für unsere Stadt. Übrigens war das Bestattungswesen bereits im Mittelalter wohl geordnet. Eine 1336 erlassene Totengräberordnung verfügt u. a.: «Das ob dem boum (Sarg) so er geleit wirt, ein eine von dem ertrich hoh si», ferner: « Swas aber armer lüten, umb die kuntlich, das si begrebte nicht geleisten mugen, da suln die grebil ze ieklicher lütkilchen umbsunst graben». (Wirz, Hans Georg: Grundzüge der öffentlichen Gesund heitspflege im alten Zürich, in: Gesundheits- und Wohlfahrtspflege der Stadt Zürich. Zürich 1909, S. 516.) Lehrreich ist eine aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts stammende, das damalige Friedhofwesen betreffende Nachricht. «1515 wurde bei einer Beratung über die Kirchhöfe vorgeschla gen, die Leute von Fluntern, Hottingen und dem Zürichberg, welche bisher beim Großmünster ihre Ruhestätte fanden, in dem Juden friedhof beim Judengäßli zu vergraben.» Diese am Ende des Mittel alters, unmittelbar vor der Reformation getroffene oder wenigstens geplante Maßnahme bezweckte offenbar, den durch die Überfüllung der bestehenden Kirchhöfe verursachten Unzulänglichkeiten zu be gegnen. - Die Juden hatten im Mittelalter, wie eigene Wohnquartiere, so auch eigene Friedhöfe. Dies war von altersher auch in Zürich der Fall. Vermutlich lag der älteste Judenfriedhof am Wolfbach. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ist dieser alte Friedhof durch Wasserfluten verwüstet und zerstört worden, und 1381 bis 1382 erhielten die Juden vom Rat die weltliche und durch Urkunde vom 2. November 1383 vom Bischof Heinrich III. von Konstanz die kirchliche Erlaubnis, wieder einen Friedhof «ze Linden» vor dem Tor zu erstellen. (In der darüber erhaltenen Urkunde heißt es von dem alten, zerstörten Begräbnisplatz: «per aquarum diluvium ac voraginem sit ante aliquot annos diruptum, destructum atque devastatum».) Die Juden genossen nämlich nicht überall die Ver günstigung, eigene Friedhöfe anlegen zu dürfen. Wo ihnen dieses Recht gewährt wurde, mußten sie es mit Geld aufwiegen; dafür stand es ihnen frei, für die Bestattungen eine Entschädigung zu verlangen. So hatten also auch in Zürich eine Anzahl Juden den Friedhof anlegen lassen. 1382 tun Bürgermeister und Rat der Stadt zu wissen, daß «etliche Juden in unser stat ein fridhof ze Linden vor dem tor mit unserm willen gemacht hant». Diesen ist es vom Rat überlassen worden, eine Steuer von jedem Begräbnis zu er- 106
heben. Für Auswärtige, die zur Beerdigung nach Zürich gebracht wurden, da nur größere Judengemeinden einen eigenen Begräbnis platz besaßen, war die Steuer höher. 1431 ist bestimmt worden, daß von Auswärtigen nur noch solche aus Bremgarten, Mellingen und Rapperswil auf dem Zürcher Judenfriedhof beigesetzt werden dürfen. Nur wenn der Rat mit der gebotenen Geldsumme einver standen war, konnten Leichen aus andern Orten nach Zürich ge bracht werden. Der Judenfriedhof beim Judengäßli lag offenbar an der Stelle des Schulhauses am Wolfbach und des Turnplatzes der Kantons schule. Aus dieser Begräbnisstätte stammten vermutlich auch ver schiedene Grabsteine, die sich im Jahre 1665 auf dem Gang längs der Ringmauer der kleinen Stadt befunden hatten, später am Fröschengraben eingemauert worden waren und 1864/65 bei dessen Auffüllung verschüttet worden sind. Einige der Inschriften auf diesen jüdischen Grabsteinen konnten im 18. Jahrhundert noch entziffert werden und sind in dem später zu erwähnenden Werke von David von Moos abgedruckt; zwei davon lauteten nach der dort wiedergegebenen Übersetzung des gelehrten Johann Heinrich Hottinger : Dieses Grabmahl Und diese EhrenSaul ist zum Angedenken Gesezt oben an das Haupt des vortrefl. Lehrers Israels des Sohns Juda der den eilften Tag des Monats Elul gestorben ist A. 196. nach der mindern Zahl gezehlet. Seine Seele seye eingebunden in das Bündelein der Lebendigen Ab.. Jsaacs u. Jae. Amen. Der Grabstein stammte ebenso wie der folgende aus dem 15. Jahr hundert. Das angegebene Datum bedeutet den 11. August 1436. Dieses Grabmahl stehet bey dem Sarg Der Maria der Tochter Rabbi A....... Die begraben worden den Sechs und Zwanzigsten Tag des Monats Schefes Im Jahr fünftausend einhundert u. sechs u. fünfzig Sie hinterlasst einen gar guten Namen. Im 15. Jahrhundert waren die Juden wiederholten Verfolgungen ausgesetzt gewesen und aus der Stadt vertrieben worden. Von 1490 an findet man keine Spur mehr von ihnen in den Ratsmanualen der Stadt. «Die Herrlichkeit Israels in Zürich hatte ein Ende», 107
schreibt J. C. Ulrich, der zürcherische Geschichtsschreiber der Juden. Einem Judenfriedhof begegnen wir dann in unserer Stadt erst wieder im 19. Jahrhundert. VON DER REFORMATION BIS INS 19. JAHRHUNDERT Die Reformation hat die Physiognomie der Friedhöfe radikal und schonungslos umgestaltet. Sittenmandate untersagten die Erstel lung kostbarer Denkmäler und Familiengräber und die Beisetzung der Leichen im Innern der Kirchen. In Zürich erging im Jahre 1525 ein Ratsbeschluß, wonach unter Konfiskationsandrohung die sofor tige Entfernung aller Grabsteine verfügt wurde. Dem reformato- rischen Bestreben, den Ritus von symbolischen Elementen freizu machen, entsprach das Gebot, den Grabhügel bloß mit einem ein fachen Grab kreuz zu versehen. Wie bisher, und noch bis in die neueste Zeit, blieben die Friedhöfe im Besitz der Kirchgemeinden, und das gesamte Begräbniswesen wurde von den kirchlichen Behör den geordnet. Die alten, in unmittelbarer Nähe der Kirchen gelegenen Bestat tungsplätze sind in der Hauptsache auch weiterhin noch während Jahrhunderten beibehalten worden. Das Anwachsen der Bevöl kerung nötigte aber dazu, mit der Zeit noch neue Friedhöfe anzu legen. Vor allem in Seuchenjahren war man gezwungen, solche außerhalb der Altstadt und sogar der Schanzen einzurichten. «In und um die Stadt wurden die Kirchhöfe vermehret wegen großen Sterbens.» (Bluntschli, Memorabilia Tigurina 1742, S. 250: Kirch- Höfe.) Immerhin ist erst 1786 «nach reifer Überlegung» beschlossen worden, «die Begräbnisse in den Kirchen gänzlich aufzuheben und die Kirchhöfe an bequemere Orte zunächst der Stadt zu verlegen». (Vogel: Denkwürdigkeiten der Stadt und Landschaft Zürich. Zürich 1845, S. 327.) Auf dem Friedhof beim Großmünster ist noch bis 1790 beerdigt worden; erst im Jahre 1876 ist auf dem Gebiet des heutigen Zwingliplatzes und der Münsterterrasse die wohl älteste Begräbnis stätte unserer Stadt geräumt und der Platz eingeebnet worden. Die schon erwähnte Göldlikapelle im Kreuzgarten war zwar bereits im Jahre 1565 abgetragen worden; doch wurde von da an der ganze Kreuzgarten als Beerdigungsplatz von Ratsherren und Zürcher Mitgliedern der Familie Göldli weiter verwendet. Auch das Kirchen 108
innere ist noch Jahrhunderte lang für Bestattungen vornehmer Bür ger benützt worden; denn die reichen und die regierenden Fa milien suchten nach wie vor auch nach dem Tode ihre Vorzugs stellung zu behaupten. So findet man aus dem 16. bis 18. Jahrhundert im Großmünster Bronze- oder Sandsteinepitaphien oder Grabsteine von: Beat Ru dolf Göldli von Tieffenau (1677), Conrad Beeli von Beifort (1712), Prof. David Lavater (1755), Joh. Conrad von Escher (1786), Bürger meister Hans Conrad Escher (1814), David Heß (1705), Johann Jakob Heß (1733), Joh. Ludwig Hirzel (1722), Conrad Heidegger und Gattin, Joh. Jakob Heidegger (1698), Antistes Joh. Conrad Wirz (1769). Von andern Grabstätten sind uns zwar keine Über reste erhalten geblieben, wohl aber in alten Sammlungen der Wort laut der oft schwülstigen und seltsamen Grabschriften, oder doch die Kunde von der Bestattung in der alten Zürcher Hauptkirche. Der 1778 bis 1780 in fünf Bändchen erschienenen Sammlung von David von Moos: «Thuricum sepultum & tantum non ignoratum indagatum atque retectum, das ist Sammlung alter und neuer Grab- schrifften, welche in der Stiffts-Kirche zum großen Münster in Zürich theils längstens verblichen, theils noch leserlich vorgefunden wer den; samt einigen kurzen Nachrichten von den Lebens-Umständen der selig Verstorbenen männl. Geschlechts» entnehmen wir z.B., daß im Großmünster Kreuzgang folgende prominente Zürcher früherer Jahrhunderte ihre letzte Ruhestätte gefunden haben: Petrus Martyr (1500-1562), der Florentiner Theologe. Theodorus Bibliander (1504—1564), ein streitbarer gelehrter Herr, der seinen vorgenannten Kollegen wegen abweichenden An sichten in der Lehre von der Gnadenwahl und dem freien Willen zu einem Zweykampf aufforderte und mit einer Hellparte erwar tete, deshalb pensioniert wurde und später an der Pest gestorben ist. Conrad Gessner (1516—1565), der berühmte Zürcher Stadtarzt und Polyhistor, der «Plinius des Nordens». Seine Grabschrift soll gelautet haben: «Conrado Gesnero, Tigurino, Philologo & Polyhistori eximio, Germaniae lumini, Helvetiae decori, editis in omni litterarum genere, praesertim vero in Medic. & nat. Philosoph, lucubi. clarissimo, dum de alioruin utilitate promovenda magis, quam de propria Salute tuenda cogitat, Ecclesiae, Scholae, Reipubl. bonorum denique omnium cum incredibili luctu blandiss. eademque atrociss. pestil. absumto, Theodorus Zuingerus, Basil. Praeceptori b. m. p. M. D. LXV. 109
Ingenio vivens naturam vicerat omnem Natura victus conditur hoc tumulo. Plinius hie situs est germanus, perge Viator: GESNERI toto nomen in orbe volât.» Heinrich Bullinger (1504-1575), Reformator und erster Nach folger Zwinglis am Großmünster. Josias Simler (1530—1576), Professor der Theologie. Johann Heinrich Hottinger, Doctor und Professor der Heiligen Schrift, Schul-Herr u. der Stift zum großen Münster. Starb den 5. Junii 1667. Seines Alters im 47. Jahr. «Vater, Sohn, und Töchtern beid Tragen dieses Todten-Kleid», steht der Grabschrift des berühmten Philologen beigefügt, der bei der Fahrt auf der Limmat nach seinem Gut Sparrenberg bei Ober- engstringen verunfallt und samt Kindern und seinem Freund, dem am gleichen Ort beerdigten Rittmeister und Stadtrichter Schnee berger, ertrunken ist. Auf des letztem Grabschrift stand deshalb der Spruch: «Ein jeder ist dem Tod verpflicht Wann, Wie, und Wo, das weiss er nicht.» «Herr Johann Heinrich Waser, Bürgermeister der Stadt Zürich und Oberster Schul-Herr starb den 10. Tag Febr. 1669. Aetat. 69.» (Der im Eingang zu Conrad Ferdinand Meyers «Jürg Jenatsch» verewigte Herr Waser, Amtsschreiber und civis turi- censis!) «Hr. Waser ohne Qual geendet hat sein Leben, O selig der, wie Er den Tod kann überstreben.» Johann Jakob Scheuciizer (1672-1733), der berühmte Stadtarzt und Naturforscher. Den Ruhm dieser Zierde des zürcherischen Geisteslebens zu Anfang des 18. Jahrhunderts verkündete folgende Grabschrift : « Hoc In Tumulo Conduntur Ossa Et Cineres Johan. Jacobi Scheuchzeri. M.D. Archiatr. Philos. N. Et. Math. Prof. P. Ven. Capit. Thur. Canonici Acad. Imp. N. C. Adj. Et Societ. Regiar. Angl. Boruss. Ac. Instit. Bon. Socii Obiit A. R. S. CIO IOCCXXXIII. AET. LXI. Non Senio Sed Labore Confectus 110
Mortalitatis Exuvias Posuit Caetera Loquantur Marmore Longe Perenniora Scripta, Fama, Fides, Pietas Et Praefica Public. Luctus Qui Desiderant Eheu Optimum Maritum Conjux Benign. Parentem Filii Amorem Et Decus Suum Fratres Et Ex His Praecipue Acarnanis Successor Philippus Exhic Hoc Prolixi Amoris Monum. Moerent. Merit. Posuere.» Als Proben aus der reichhaltigen Kollektion gereimter Grab schriften unserer Altvordern mögen nur noch die folgenden hier auf geführt sein: «Kluger Rath & Helden-Kraft Ruhet unter diesem Stein Ueber Todt und Holl sieghaft Durch Christum ewig Sünden rein. » Nicht selten scheint später der Sohn oder ein Enkel im Grab des Vaters beigesetzt worden zu sein, was etwa zu folgenden Versen Anlaß gab : «Under diesen Steine kam Vatters und des Sohns Leichnam Die Seelen herrlich schweben In dem süssen Himmels Leben. » oder: «Des Vaters und des Sohnes Bein Hier ruhen under diesem Stein». (1675). «Als der Friedhof ums Großmünster aufgehoben wurde, hatten sich die Toten teils in den Krautgarten, teils ins Fuchsloch vor die Stadt hinaus flüchten müssen», wie Zurlinden berichtet. Uber den Krautgartenfriedhof hat Dr. A. Corrodi-Sulzer im Jahrgang 1925 des Zürcher Taschenbuches einige Mitteilungen gemacht, die wir hier wiedergeben wollen 1). Diese Begräbnisstätte «lag zwischen dem Ausgelände der Häuser am obern Hirschengraben und dem Garten des Landoltgutes ,zum LindentaP und stieß gegen Osten an die früher zum Zeltweg gehörende Straße, die später unter Hinzu nahme eines Teils des Turnplatzes zum Heimplatz erweitert wurde. 1) Miszellen aus dem Zürcher Staatsarchiv. 1. Der Krautgarten-Kirchhof. a.a.O. Seite 245ff. 111
Seine Entstehung verdankte dieser Kirchhof der großen Pestepidemie von 1611. Ein Ratsbeschluß vom 7. September 1611 ,antreffend das Begraben der Abgestorbenen und die zwo nüwen Begrebtnussen vor dem Thor uff Dorf und vor dem Lindenthor‘ gibt uns darüber den erwünschten Aufschluß (Ratsurkunden BV 47, Fol. 29 ff. und Unterschreibermanual 1611, II S.43).» «Da für die große Kirchgemeinde des Großmünsters der Kirchhof beim Großmünster nicht mehr genügte, war ein neuer Kirchhof heim Kreuz (beim heutigen Kreuzplatz, ungefähr auf dem Areal des Häuserblocks zwischen diesem und der Kreuzstraße) angelegt worden, in dem die Toten von Hirslanden, Riesbach, Seefeld, Hot tingen und Stadelhofen begraben wurden, sowie aus der Stadt aus dem Quartier zwischen Großmünster und Oberdorftor die Hinter säßen, Hausleute, Knechte und Mägde und die Kinder unter 15 Jahren, die noch nicht zum Nachtmahl gegangen. Dann heißt es weiter: ,Was aber dann den übrigen Theil der Statt vom Münster biß zum Roten Huß abhin belanget, diewyl zu söllichem Volk allem by diser leidigen Zyt nit Platz gnug bim Großenmünster, dessen Kilchhof schon mehrenteils überschlagen und durchgraben ist, und aber dadannen auch für das Thor uff Dorf zum Crütz ußhin ze tragen eben wyt und ungelegen were, solle deßhalber deß Spitals Krutgarten znechst vor dem Lindenthor gelegen (dessen dann der Spital ohne Schaden wol entberen mag) auch angents zu einem Kilchhof oder Gotsacher gemachet und daselbst hin die Abgestor benen inn vermeltem undern Zirck der Statt sambt denen an der Kilchgassen, was Hindersessen, Huslüth, Dienst und Kind under fünfzehn Jaren sind, bestattet werden, da man allwegen nach Beglei tung der Lych zur Dancksagung und Gebät inn die Kilchen zum Münster gehn khan. Allein ußgenommen die Hußväter und Müter, so inn disern beiden Zircken ire eignen Behußungen besitzend, umb Ehren willen wyter inn den Kilchhof zum Münster begraben werden4 ». In Pestzeiten ist eine ordentliche Beerdigung oft nicht mög lich gewesen. Auf dem Kirchhof zum Großmünster sollen während der Pest von 1564/65 die Leichen neben der großen Treppe gegen das Helmhaus ohne Särge und Gräber gelegt und mit Kalk be deckt worden sein. Der Friedhof im Fuchsloch ist erst 1786 entstanden; er zog sich am Fuße des Geißberg - Bollwerkes der Stadtmauer entlang hin, lag also vor der Stadelhoferporte, in der Gegend der heutigen Schanzengasse oberhalb dem Stadelhoferbahnhof. Beim Schleifen 112
der Schanzen in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts ist er verschüttet worden. Jedem der beiden Friedhöfe ist ein be sonderes Quartier der Gemeinde zugewiesen worden und auf bei den errichtete man Abdankungsgebäude. Die Friedhofanla gen beim Fraumün ster, wie jene beim Großmünster im Her zen der Altstadt ge legen, sind zum Teil schon vor diesen auf gelassen, zum Teil aber noch bis ins neunzehnte Jahrhun dert hinein benützt Nach einem Aquatintablatt n rapii. Sammlung der Zentralbibliothek worden. Der Kreuz Friedhof im Fuchsloch garten, der einst der Begräbnisplatz der Stiftsdamen gewesen war, diente nach der Refor mation ebenso wie der an der Nordseite des Münsters eingerichtete Kirchhof der Kirchgemeinde. Dazu war im Jahre 1608 noch ein weiterer Friedhof im früheren Baumgarten der Äbtissin und spä teren städtischen Werkplatz angelegt worden. Er befand sich in der Gegend des heutigen Zentralhofes. Auch in der Fraumünsterkirche sind eine ganze Reihe von Grabstätten aus dem 16. bis 18. Jahrhundert teils mehr oder weniger erhalten, teils wenigstens namentlich nachweisbar. Überreste sind vorhanden von den Grabstätten für: Kaspar Hofmeister (1627) und Hester Bremi (1628), Ulrich Schwytzer (1631), Jakob Goßweiler, Amtmann im Kappelerhof (1640), Leonhard Keller, Amtmann im Kappelerhof (1643), Hans Georg Peblis (1650), Jkr. Kaspar Schmid (1638) und Jkr. Diethelm Schmid (1698), Jkr. Joh. Rudolf Grebel (1713), Pfarrer Johann Heinrich Ulrich (1730), Jkr. Kaspar Schmid 113
von Goldenberg (1745), Jkr. Johann Heinrich Grebel (1750), Pfarrer Johann Kaspar Ulrich (1768). (Konrad Escher a. a. O. S. 194.) Aus den Grabschriften von im Fraumünster bestatteten bekann ten Persönlichkeiten mögen nur die zwei folgenden namhaft gemacht werden : Herr Johann Conrad Geiger des Regiments nnd gewesner Ambtmann im Cappeler-Hof Starb den 25ten Tag Herbstmonat 1674. Aet. LXXVI Es handelt sich um den Maler und Topographen, dem wir «die große und merkwürdige Land-Tafel des Züricher-Gebiets, welche über alle Maßen künstlich aufgetragen, und auf welcher alle Orte des ganzen Landes mit allen Stegen und Wegen gar exakt bezeichnet sind», die berühmte sogenannte Gyger’sche Karte des Kantons Zürich, verdanken. Auf dem prunkvollen Grabdenkmal des Obersten Kaspar Schmid (1587-1638) und seines Sohnes lesen wir: Hier ruhen in Gott Jkr. Caspar Schmied Jhr Kön. Maj. von Frankr. und Navar. Ritter u. besteltr. Obrister über ein Regiment zu Fuss, des Raths, Panner-Hr. und Reichs- Vogt, als Vatter, starb den 20. Julii 1638. Seines Alter im 50ten Jahre. So auch Jkr. Diethelm Schmied des Raths Constafel-Herr und Vortrager der Statt Panner, als Sohn, starb den 20ten Maii 1698. Seines Alters im 63. Jahr. Aus dem Predigerkloster war nach der Reformation ein Spital gemacht worden, und «An. 1541 wurde der Spitthaler Garten zu einem Kirchhof geordnet», der für die Wachten Niederdorf und Neumarkt sowie für die Außengemeinden Oberstraß, Unterstraß, Fluntern und Wipkingen, «die alle zuvor im Großmünster ihre Begräbnisse gehabt hatten», bestimmt war. Gemäß dem Murer’- schen Stadtplan umfaßte der nördlich der im Jahre 1887 abgebrann ten ehemaligen Klostergebäulichkeiten gelegene «Prediger Kilch- hof» im 16. Jahrhundert ein großes Gebiet zwischen dem jetzigen Seilergraben und der Zähringerstraße. In einem «Grund Riß des 114
Spithals» aus dem Jahre 1784 von Johannes Müller wurde bloß das Areal südlich der Kirche ausdrücklich als Prediger Kirchhof bezeich net. Doch dehnte sich auch auf dem vorher genannten Platz ein Friedhof aus, und schließlich ein weiterer dem Seilergraben entlang, zwischen diesem einerseits sowie dem Prediger-Gebäudekomplex und dem Friedhof auf dem früheren Spitalgarten anderseits. Auf dem «Plan der Stadt Zürich» von David Breitinger (um 1814) findet sich einzig auf der Südseite der Predigerkirche und dem Seilergraben entlang der Prediger-Kirchhof eingezeichnet; in dessen Nachführung durch J. Pestalozzi, die 1852 veröffentlicht wurde, dagegen besteht dort noch ein anderes, bis zur Gräbligasse reichendes Friedhofareal, der Spitalfriedhof. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts scheint auch der Prediger- Kirchhof überfüllt gewesen zu sein und «An. 1611 in dem großen Sterbend» ist für die Gemeinden Oberstraß und Unterstraß der Friedhof «bey St. Lienhart, vor dem untern Thor» angelegt worden, von dem noch zu sprechen sein wird. Bis 1847 diente dann der Prediger-Kirchhof ausschließlich den «Burgern» der Kirchgemeinde Predigern, die sich 1614 von der Großmünstergemeinde abgelöst hatte. Nachdem in den achtzehn- hundertvierziger Jahren der Friedhof auf der Hohen Promenade in Benutzung genommen werden konnte, wurde der Prediger-Friedhof aufgelassen und 1875 eingeebnet. Bei Bauarbeiten im Chor der Predigerkirche im Jahre 1917 sind über sechzig Grabsteine, einfache Sandsteinplatten mit Angabe des Namens, der Geburts- und Sterbedaten und des Berufs der Ver storbenen aufgefunden worden. Im Hof des Gebäudes der Zentral bibliothek ist außerdem ein Epitaph für Joh. Heinrich von Orelli, Bürgermeister (1715-1785), und seine Gattin erhalten. Weitere Grabsteine aus der Predigerkirche werden im Schweize rischen Landesmuseum aufbewahrt, nach Konrad Escher u. a. für: Frau Barbara Müller, Herrn Hans Jacob Scheuchzers « Spital meisters und Kirchenpflegers eheliche Gattin» (1668); Frau Elisabeth Blaarer, Gattin des Junker Johann Rudolf von Wellenberg (1676); Herrn Beat Högger, des Rats und Zunftmeister (1680); Herrn Johann Jacob Scheuchzer, Stadtarzt (1688); Frau Judith Steiner, Gattin des Junker Lieutnant Johann Heinrich Wellenberg von Wellenberg (1689); Junker Leutnant Hans Heinrich von Wellenberg (1695); Frau Ursula Lavater, Gattin des Stiftsschreibers Johann Ludwig Keller (1703). 2 115
Nach Angaben Eschers waren dort früher noch Grabsteine vor handen von Verstorbenen aus den Familien Escher, Pestaluz, Schellenberg, Landolt, v. Muralt, Lochmann, Spöndli, Werdmüller, Holzhalb, Orelli, Keller, Grebel, Hirzel [darunter ein solcher für Angehörige von 4 Generationen : a) Joh. Jacob Hirzel des Raths und Zunftmeister, alt Schultheiß und Landvogt der Herrschaft Wä- denswil (1664), Vater; b) Diet- helm Hirzel, des Regiments, Pfle ger und Quartier- hauptmann (1709), Sohn; c) Salomon Hirzel, des Regi ments Pfleger Lobi. Zunft zur Saffran (1734), Sohns-Sohn; d) Diethelm Hirzel des Raths und Statthalter, vor derster Pfleger der Kirchen zum hei ligen Geist (1762), Solmes-Sohns- Sohn ] , Ulrich , Schaufelberger und Fries. Die zwei Fried höfe bei der St. Peterskirche sind in der Zeit _ , T „ T von der Reforma- trraüstatte J. ü. L,avaters ... Nordwand der Peterskirche tion bis ZUm Ende 116
des achtzehnten Jahrhunderts wiederholt verbessert und erneuert worden. Die beiden Beinhäuser wurden 1667 bzw. 1677 abgebrochen. 1790 und 1796 hat man die beiden Plätze gepflastert. Seit 1788 dienten der Gemeinde auch die Friedhöfe bei St. Anna und St. Jakob, die bisher für die Gemeinden Wiedikon und Enge-Leimbach bzw\ Außersihl bestimmt gewesen waren. In den Vorhallen der Kirche befanden sich früher die Grab steine von: Bürgermeister Andreas Meyer (1711), Hans Conrad Werd- müller (1674) und dessen Sohn Heinrich (1714), und schließlich für Joh. Caspar Lavater (1801). Der letztgenannte Stein trägt die In schrift: « J. C. Lavaters Grab, geh. 15. Nov. 1741, gest. 2. Jan. 1801»; er ist erst 1882 vom aufgehobenen Friedhof St. Anna hierher, an die einstige Wirkungsstätte des berühmten Zürchers, verbracht und vor kurzem erneuert und an die Nordwand der Kirche versetzt worden. Die andern befinden sich jetzt im Schweizerischen Landesmuseum. In Seuchenzeiten erwiesen sich auch in der Peterskirchgemeinde die vorhandenen Bestattungsplätze als ungenügend und es mußten neue Friedhöfe angelegt werden — eben zu St. Jakob und St. Anna. Nach einem Stich von Hcgi aus der Graph. Sammlung der Zentralbibliothek Kirchhof zu St. Anna 117
Im Jahre 1566 hatte der Rat wegen der damals herrschenden Pest die Kapelle St. Anna samt dem dabei liegenden Platz gekauft und dort einen Gottesacker einrichten lassen. Dieser Kirchhof hei St. Anna, der etwa auf dem Gebiet des heutigen St. Annahofes lag, war ursprünglich für die Einwohner von Enge, Wiedikon, dem Rennweg usw. bestimmt. Er ist wieder in einer Pestzeit, 1612, er weitert worden («Anno 1612 ist zur Erweiterung des Kirchhofes zu St. Anna eine Matte zu 400 fl. erkauft, und aus dem Kirchen-Gut zu St. Peter bezahlt worden.»), und diente dann seit 1788 aus schließlich als Begräbnisstätte für Stadtbürger der St.Peter-Gemeinde. Die Gemeinden Wiedikon, Enge und Leimbach, deren Leichen bis dahin bei St. Anna beerdigt wurden,’ erhielten eigene Begräbnis plätze. Seit 1840 wurde der St. Anna-Friedhof aufgelassen. Die vermehrte Sterblichkeit in den Pestjahren zu Beginn des 17. Jahrhunderts führte dazu, noch weitere Beerdigungsplätze außer halb der Stadtmauern anzulegen. «An. 1611 in dem großen Ster bend sind 3 Kirchhof gemacht worden, nemlich der beym Creutz, vor dem oberen Thor, der bey St. Lienhart, vor dem untern Thor, und der im Krautgarten vor dem Lindenthor.» Der Friedhof zu St. Leonhard war für einen Teil des Niederdorfes sowie für die Gemeinden Unterstraß und Oberstraß bestimmt; er befand sich in der Gegend der neuen kantonalen Verwaltungsgebäude in der Walche zwischen der Stampfenbachstraße und der Limmat. Die Angehörigen der Gemeinde Fluntern konnten «beim Creutz» oder «vor dem Lin denthor» begraben werden. Mit der Zeit hatten mehrere der damaligen Vorortgemeinden eigene Friedhöfe erhalten. So hatten M. G. Herren 1601 der Ge meinde Wipkingen gestattet, das in der Reformation geschlossene alte Kirchlein umzubauen und einen Friedhof zur Bestattung der Toten zunächst neben der Kirche anzulegen. 1703 wurde in Wollis- hofen beim Bethaus ein Begräbnisplatz eingerichtet, und 1787 legte Fluntern auf der Platte einen dann während einem vollen Jahr hundert benützten Kirchhof an. Ein Jahr später sind für die Ge meinde Enge an der Grütlistraße und für Außersihl bei St.Jakob, und wieder ein Jahr später für Wiedikon an der jetzigen Schloß gasse und für Oberstraß (Riedtli/Winterthurerstraße), jeweilen neben den damaligen Bethäusern, Friedhöfe entstanden. Während sich später aus den alten Kirchhöfen vielfach öffent liche Plätze entwickelten: Prediger-, Zähringer-, Zwingliplatz, zum Teil auch der Münsterhof, oder Anlagen entstanden: Hohe Prome 118
nade, Fritschi-Wiese, und die Anlage in der Wohnkolonie Birken hof, sind andere frühere Friedhofgebiete heute längst überbaut, und statt dessen mußten mit der Zeit für die wachsende Stadt neue ausgedehnte Bodenflächen für Friedhöfe beansprucht werden. Davon wird im nächsten Abschnitt die Rede sein. Auch nach der Reformation wurde, wie schon bemerkt worden ist, die Ungleichheit nach dem Tode noch jahrhundertelang auf recht erhalten. Ein absolutes Verbot der Bestattungen in den Kir chen ist, wie schon erwähnt wurde, erst 1786 erlassen worden. Die Katholiken ließen sich im Kirchhof des nahen Klosters Fahr bei setzen, weil ihnen im Kanton Zürich bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts die Abhaltung ihres Gottesdienstes untersagt war, und die letzte Ruhe auf den hiesigen Kirchhöfen verweigert wurde. Aber die Ausschließlichkeit ging noch weiter. Nichtbürgern konnte vorgeschrieben werden, wo sie bestattet werden sollten, und gewisse Friedhöfe blieben, wie bereits oben erwähnt wurde, den Burgern reserviert. «Laut Erkanntnuß von An. 1665 sollen alle Hinter- sessen auf den Kirchhof zu Leonhard begraben werden.» Daß Selbstmördern und verurteilten Verbrechern ein «ehrliches Begräb nis» bis ins letzte Jahrhundert hinein verweigert wurde, versteht sich unter solchen Umständen von selbst. Die nach der Reformation einsetzende behördliche Reglemen tierung hat mit der Zeit bei uns wie anderwärts das Aussehen der Friedhöfe stark in ungünstigem Sinne verändert. Bei den breiten Volksmassen wurde dadurch das Gefühl für die Würde der Begräbnis stätten allmählich abgestumpft, und das Begräbniswesen sank um die Mitte des 17. Jahrhunderts auf einen Tiefstand, der im allgemei nen bis in die ersten Dezennien des vorigen Säkulums andauerte. «In Bern ging man im 17. und 18. Jahrhundert so weit, die Toten äcker zu ,Sonneten‘, , Bestreicheten4 und , auf hängen der Wäsche4 zu benützen. Ja es mußte ausdrücklich verboten werden, daß die Tischmacher ihre Laden dort hinlegen, und Schweine dorthin ge trieben werden.» (Türler). 119
DAS NEUNZEHNTE UND ZWANZIGSTE JAHRHUNDERT Noch in den ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts lag auch bei uns das Bestattungswesen sehr im argen. Das ergibt sich schon daraus, daß immer noch ein Teil der Friedhöfe innerhalb des be hauten Stadtgebietes lag, räumlich unzureichend war und zudem, ohne Umzäunung dem Durchgangsverkehr preisgegehen, der Ju gend als Tummelplatz und nicht selten den Handwerkern als Werk platz diente. Auf bildlichen Darstellungen machen alle mehr den Eindruck von zwar malerischen, aber traurigen und unordentlichen Totenäckern als den von pietätvoll gepflegten letzten Ruhestätten. Schließlich beweist auch das zeitgenössische Schrifttum, wie sehr das Beerdigungswesen der Verbesserung bedurfte, auch nachdem Beisetzungen in den Kirchen im Jahre 1786 verboten worden waren. Wie lagen die Zustände um 1800 ? Es standen damals noch für die Stadt Zürich im Gebrauch: die Friedhöfe beim Fraumünster, bei der Predigerkirche, zu St. Anna, im Krautgarten und im Fuchsloch. Außerdem gab es für die da maligen Vororte die Kirchhöfe: in Wollishofen (bei der Kirche), in der Enge unterhalb dem Bürgli, in Wiedikon beim alten Bethaus, in Außersihl bei St. Jakob südlich und (seit 1821) nördlich von der Badenerstraße, in Wipkingen, in Unterstraß zu St. Leonhard in der Walche, in Oberstraß bei der alten Kirche, in Fluntern auf der Platte, zum Kreuz am Kreuzplatz. Der Friedhof, der sich nördlich vom Fraumünster auf einem Teil des jetzigen Münsterhofes ausdehnte, ist 1835 eingeebnet wor den. Zehn Jahre später schloß man auch den im Kreuzgärtlein befindlichen ältesten Teil, der indessen erst 1898 bei der Errichtung des Stadthauses beseitigt wurde, und den auf dem früheren Werk platz gelegenen. Im Jahre 1870 hatte man diesen in einen Rasen platz umgewandelt; bald darnach wurde er überbaut. Als im Jahre 1839 als Ersatz für die alte Kirche zum Kreuz die Neumünsterkirche gebaut wurde, legte man dort für die Gemeinden Hottingen, Plirslanden und Riesbach auch den neuen, größeren Friedhof Neumünster an. Wie die Verhältnisse in den andern Kirchgemeinden lagen, mögen einige der damals in Eingaben an den «Löbl. Stadtrath von Zürich» usw. laut gewordenen Klagen illustrieren: «Während der eine Begräbnisplatz rings von Häusern umgeben, keine Stätte bietet, wo der Schmerz ungesehen am Grabe der Geliebten weilen kann, ... 120
ist es auf einem andern gar die fürchterliche Nachbarschaft eines Irrenhauses und seiner Bewohner, die jedes längere Verweilen hin dert. Ein anderer vor der Stadt steht mitten in den Garngehängen einer Färberei und diente schon selbst zu diesem Zwecke, indeß ein dritter, an der befahrensten Landstraße liegend, wohl eine Ruhe stätte für die Toten, doch nicht für die Lebenden, die dort nament lich Sonntagabends weilen möchten, genannt werden kann.» «Ein Ubelstand, den aber alle mit sich gemeinsam haben, ist die Gedrängt heit der Grabstätten, der Mangel an Raum und Wegen, um zu diesen zu gelangen, um zu verweilen.» In der gleichen Schrift, welche einen gemeinsamen, der ganzen Stadt dienenden Friedhof fordert, heißt es weiter: «So muß z. B. der Schreiber dieser Zeilen das Grab seiner Mutter auf dem Predigerkirchhofe, dasjenige seines Vaters in St. Anna, dasjenige seines Kindes im Krautgarten suchen, und von dem Grabe des geliebtesten Jugendfreundes hat die Er weiterung des Münsterhofes ihm jede Spur genommen.» Auch die ungleiche Behandlung von Gemeindebürgern und Ansäßen gab zur Kritik Anlaß : « Sollen wir auch noch der kleinstädtischen Erbärm lichkeit gedenken, zu welcher die Beschränktheit der Begräbnis plätze Veranlassung gab ? — daß derjenige, der nicht das Glück hat, Bürger oder Hausbesitzer zu sein, hinausgetragen wird, und nur diese Privilegierten dem eigentlichen Hauptbegräbnisplatz zu gebracht werden dürfen.» Eine weitere Forderung betrifft «ein Bet haus, welches an die Stelle unserer armseligen Abdankhäuser treten soll». «Soll aber einmal ein Haus errichtet werden für das Gehet, so ist zu wünschen, daß seine Gestalt und sein Inneres besonders uns nicht an einen Wagenschopf, oder an eine noch geringere Be stimmung erinnere, wie dies bis jetzt der Fall ist.» Im Jahre 1819 wird geklagt, daß der Kirchhof zu St. Anna zur Sommerszeit einen ekelhaften Modergeruch ausströme, der sich bei westlichen Winden über das Stadtinnere verbreite. Ungebührlich und das Pietätsempfinden verletzend muß jeweils auch das Vor gehen beim Verebnen der außer Betrieb gesetzten Friedhöfe gewesen sein, beispielsweise desjenigen beim Großmünster im Laufe der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts, ebenso anläßlich der Schließung des Friedhofes zum «Fuchsloch». Der Mangel an räumlich hinreichenden Friedhöfen führte zwangs läufig zu einem rasch aufeinanderfolgenden Bestattungsturnus, wel cher sowohl den Geboten der Pietät als auch den Anforderungen der Hygiene widersprach. 121
a) Die Schaffung des Zentralfriedhofes Die Friedhoffrage gehörte deshalb in den achtzehnhundert - dreißiger Jahren zu den brennenden Problemen der Stadt Zürich, die eine großzügige Lösung forderten. Nachdem die uralten Kirch höfe unmittelbar bei den alten Münstern tind Pfarrkirchen längst überfüllt waren, jener im Fuchsloch bei Abtragung der Schanzen 1839 verschüttet worden, und auch der zu St. Anna besetzt war, versuchte man zu einem gemeinsamen Friedhof für die ganze Stadt im Selnau zu gelangen. Als der Versuch mißlang, schlossen die Kirchgemeinden Großmünster und Predigern mit dem Regierungs rat einen Vertrag ab, dem dann auch die Kirchgemeinde Frau münsterbeitrat, gemäß welchem 1845 auf der Nordostseite der Hohen Promenade ein neuer Friedhof für die genannten drei Gemeinden, sowie ein Privatfriedhof für Bewohner aller vier Kirchgemeinden angelegt wurden. Der Privatfriedhof an der Schanzengasse besteht heute noch; der allgemeine Friedhof zur Hohen Promenade breitete sich über das heute von der Töchterschule, deren Spiel platz und von der Hohen Promenade eingenommene Gelände aus. Die damals von August und Ferdinand Stadler gebaute Abdankungs halle an der Promenadengasse ist' später zur St. Andrews Church of England umgebaut worden. Etwa zur gleichen Zeit hatten sich die St. Petersgemeinde und die Kirchgemeinde Außersihl über die Anlage eines größeren Fried hofes und die Errichtung eines Bet- und Abdankhauses auf dem seit 1820 bestehenden Kirchhofe zu St. Jakob verständigt. Auf Mitte des Jahres 1845 sind die Bestattungen zu St. Anna eingestellt und dafür der neue Begräbnisplatz in Betrieb genommen worden, der sich nördlich der heutigen Badenerstraße in der Gegend der jetzigen St. Jakobskirche ausbreitete. Der Friedhof auf der Hohen Promenade war zu Anfang der sieb ziger Jahre nahezu gefüllt, und da die schlechte Beschaffenheit des Terrains eine weitere Benutzung desselben aus sanitarischen Grün den verbot, erwarben die Kirchgemeinden Großmünster, Frau münster und Predigern im Jahre 1873 einen «im Saum», im Gemeindebann Wiedikon, gelegenen Landkomplex zur Anlage eines neuen Kirchhofes. Als dann nach der Annahme der Bundesverfassung von 1874 gestützt auf deren Artikel 53 («Die Verfügung über die Begräbnisplätze steht den bürgerlichen Behörden zu. Sie haben dafür zu sorgen, daß jeder Verstorbene schicklich beerdigt werden 122
kann») im zürcherischen Gemeindegesetz vom 27. Juni 1875 be stimmt wurde, daß das Bestattungswesen von den Kirchgemeinden an die politischen Gemeinden übergehe, ergab sich eine ganz neue Situation. Die (alte) Stadtgemeinde Zürich übernahm unterm 11. Februar 1877 von den drei Kirchgemeinden den von diesen gekauften Land komplex in Wiedikon, und es wurde hier der neue, für die Einwohner der ganzen damaligen Stadt bestimmte Zentralfriedhof angelegt. Dieser konnte am 7. Oktober 1877 eröffnet werden. Der Übergang des Begräbnis- und Friedhofwesens, das seit Jahr hunderten in den Händen der Kirchgemeinde lag, an die politische Gemeinde und die Anlage des Zentralfriedhofes sind die bedeut samsten Ereignisse der Geschichte unseres Friedhofwesens in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Es bestand nun für die ganze damalige Stadt ein gemeinsamer öffentlicher Friedhof. Da neben gab es noch den Privatfriedhof auf der Hohen Promenade; und ebenso besaßen die Katholiken einen eigenen, im Jahre 1870 eröffneten Friedhof an der Elisabethenstraße, und die Israeliten den 1865 angelegten Begräbnisplatz im Friesenberg. Von den damaligen Vororten haben die Neumünstergemeinde im Jahre 1874 auf der Rehalp, Außersihl 1877 im Sihlfeld, Enge 1878 im Gießhübel, Unterstraß 1880 auf dem Bühl am Milchbuck, Leimbach 1883 an der Zwirnerstraße, Fluntern 1887 auf der All mend Fluntern neue Friedhöfe angelegt. Als Kuriosität mag hier erwähnt sein, daß in den siebziger Jahren im Gebiet der einen Vor ortgemeinde Wiedikon nicht weniger als sieben Friedhöfe, teils auf gelassene, teils noch benützte bestanden: alter und neuer Friedhof Wiedikon, Städtischei Zentralfriedhof und Friedhof Außersihl im Sihlfeld, Enge im Gießhübel, der katholische Friedhof an der Elisa bethenstraße und der israelitische Friedhof im Friesenberg. Im Gebiet von Außersihl lagen: der alte Friedhof St. Jakob, links der Badenerstraße, und der neue Friedhof St. Jakob, rechts der Badenerstraße. Der aus dem Besitz der drei Kirchgemeinden an die Stadt über gegangene, 40 Minuten von der Stadt entfernt in der Gemeinde Wiedikon oberhalb des Hardgutes gelegene Landkomplex maß etwa 22 Jucharten (79 200 m2). Man fand ihn, was Entfernung, Boden beschaffenheit und Größe betrifft, für den Zweck, dem er dienen sollte, wie schwerlich ein zweiter geeignet. Sein Erwerb wurde da durch erleichtert, daß die vereinigten Kirchgemeinden bereit waren, 123
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