Aphasie und verwandte Gebiete et domaines associés - Ausgabe/édition 2/2012 VOL. 32

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           ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

                                        Ausgabe/édition 2/2012 VOL. 32
                                        ISSN 1664-8595

          Die Stimme für sprachlose Menschen.
          Donnons la parole à ceux qui l‘ont perdue.
          La voce di chi ha perso la parola.

Aphasie
und verwandte Gebiete
et domaines associés

Aphasie und verwandte Gebiete 2/2012       ISSN 1664-8595                      1
Inhalt / Table des matières

ORIGINALBEITRÄGE – ARTICLES
•G
  esten im Gespräch
 (Angelika Bauer, Peter Auer)
• Etude de deux cas: la dénomination orale de verbes est-elle facilitée par la production
  de gestes dans l’aphasie globale?
  (Doris Verdecanna)

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           ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

Gesten im Gespräch
Gestes dans la conversation
Angelika Bauer und Peter Auer

  Kurzfassung
  Im Fokus dieses Beitrages steht die alltägliche Praxis der Adaptation an Aphasie. Es
  geht um die Mittel, zu denen die Betroffenen greifen und die Strategien, die sie entwi-
  ckeln, um trotz Aphasie miteinander im Gespräch zu bleiben. Gesten sind eines dieser
  Mittel. Sie gelten – zu Recht – als eine der Ressourcen für die Adaptation an Aphasie.
  Wie Sprache gehört Gestik zu den natürlichen Ausdrucksmitteln des Menschen und vie-
  le Menschen mit Aphasie nutzen sie. Gestik kann Sprache nicht nur begleiten, sondern
  unter besonderen Umständen auch ersetzen.
  Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, von welchen Faktoren der erfolgreiche Ein-
  satz von Gestik in aphasischen Gesprächen abhängt. Es werden Beispiele erfolgreichen
  und erfolglosen Gestengebrauchs analysiert, die aus informellen Gesprächen und ei-
  nem Interview mit einer Familie stammen, die mit der schweren Aphasie des Familien-
  vaters zurecht kommen muss. Wir untersuchen diese Gesprächsausschnitte mit dem
  Instrumentarium der konversationsanalytischen Sequenzanalyse.
  Anhand dieser Beispiele lässt sich zeigen, dass der Erfolg kompensatorischer Gesten
  nicht nur von der Qualität der Gestaltung und Ausführung dieser Gesten und von Kon-
  textfaktoren abhängig ist, sondern notwendig davon, dass die aphasischen ‹Sprecher›
  und ihre sprachgesunden Gesprächspartner ihre interaktionalen Praktiken der bedeu-
  tungstragenden Funktion der Gestik und den semiotischen Besonderheiten der visuel-
  len Modalität anpassen.
  Diese Beobachtungen unterstreichen einmal mehr den interaktionalen Charakter der
  Adaptation an Aphasie-im-Gespräch.

  Résumé
  Le focus de cet article vise la pratique quotidienne de l’adaptation à l’aphasie. Il s’agit
  des moyens utilisés par les patients présentant une aphasie et les stratégies qu’ils dé-
  veloppent dans le but de maintenir la communication avec leur entourage. Le geste est
  un de ces moyens et représente une des ressources de l’adaptation à l’aphasie. Tout
  comme le langage, le geste est un des outils naturels de la communication humaine et
  de nombreuses personnes aphasiques l’emploient. Le geste peut non seulement ac-
  compagner le langage mais même le remplacer dans certaines circonstances particu-
  lières.

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     La question qui nous intéresse est de comprendre de quels facteurs dépend l’usage
     effectif du geste dans des conversations aphasiques.
     Des exemples de gestes effectifs ou infructueux seront analysés. Ces exemples pro-
     viennent d’entretiens informels et d’une interview d’une famille qui doit maîtriser le
     quotidien avec un père de famille atteint d’une aphasie sévère. Nous observons ces
     phases d’entretien à l’aide d’un instrument d’analyse de séquences de conversation.
     A partir de ces exemples, nous montrons que le succès de gestes compensateurs ne
     dépend non seulement de la qualité du genre et de l’exécution de ces gestes et des
     facteurs contextuels, mais aussi du fait que les locuteurs aphasiques et leurs parte-
     naires adaptent leurs interactions à la fonction porteur de signifiant du geste et aux par-
     ticularités sémiotiques de la modalité visuelle. Ces observations soulignent une fois de
     plus le caractère interactif de l’adaptation à l’aphasie dans la conversation.

     Abstract
     Gestures are a natural resource people with aphasia may employ in order to compen-
     sate for the lack of language. This article focuses the adaptive practices of gesture use
     of a man suffering from severe aphasia, and his interlocutors. Aphasia left him virtually
     without words, but extensive and skilled employment of gestures enables him to par-
     ticipate in family conversations and other instances of (verbal) interaction whose verbal
     demands reach way beyond his linguistic abilities. However, his gestures are not easi-
     ly understood and sometimes they don’t work out all together. We will pursue the ques-
     tion how success and failure are brought about by the participants, and how they can
     be explained.
     The sequences are taken from family conversations and an interview and analysed us-
     ing the methodology of conversations analysis. It can be demonstrated that there are
     important differences in the use of gesture in ordinary talk and the compensatory use
     of gesture in aphasic conversations. Success and failure of gestures used to convey
     meaning in conversation, depends on a system of interactionally relevant components
     of which the quality of execution of the gesture itself is only one.  The system includes
     contextual information and organizational factors as well as the participants, their knowl-
     edge and their linguistic abilities. Thus all participants have to adapt their interpretative
     and productive practices to the semiotic characteristics of communicative gestures and
     their particular functions in aphasic conversations in order to make these gestures work.
     This underlines once more the interactional character of adaptation to aphasia.

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Einleitung                                & Goldenberg 2011) und auch wir wer-
                                          den uns dem Thema «Gestik und Apha-
Der Einsatz von Gesten ist einer der sie» aus diesem Blickwinkel nähern
Gründe dafür, dass manche Menschen (vgl. auch Auer & Bauer 2011, Bauer &
mit Aphasie besser kommunizieren als Auer 2009).
sie sprechen. Ihnen gelingt es, Gestik Im Fokus unseres Interesses steht die
im Gespräch so zu nutzen, dass die feh- alltägliche Praxis der Adaptation an
lenden sprachlichen Ausdrucksmöglich- Aphasie, d.h. die Mittel, zu denen die
keiten zumindest partiell kompensiert Betroffenen im Gespräch miteinander
werden können. Gesten können also greifen, und die Strategien, die sie ent-
zu einer Ressource für die Adaptation wickeln, um trotz Aphasie miteinander
an Aphasie werden. Nicht zuletzt des- zu kommunizieren (siehe Bauer & Auer
halb befasst sich die Aphasieforschung 2009, Bauer 2009, 2010 und 2012). Wir
sich seit langem und aus den verschie- betrachten Gesten in aphasischen Ge-
densten Blickwinkeln mit den viel- sprächen als eines dieser Mittel, als
schichtigen Beziehungen zwischen eine Ressource der Adaptation und hof-
dem visuellen Zeichensystem Gestik fen mit unseren Untersuchungen der
und Aphasie (vgl. Hogrefe & Golden- Praxis des Gestengebrauchs in Gesprä-
berg 2010, Rose 2006).                    chen ein weiteres Puzzlesteinchen in
Die Forschung konzentriert sich u.a. auf das bislang noch recht bruchstückhafte
theoretisch und therapeutisch interes- Bild von den Zusammenhängen zwi-
sante Themen wie den Einfluss der schen Aphasie, Gestik und Adaptation
Apraxie auf die Gestik der Aphasiebe- an Aphasie einfügen zu können.
troffenen (z.B. Hogrefe, Ziegler, Weidin- Im Folgenden werden wir uns mit dem
ger & Goldenberg 2011) und die fazili- Einsatz von Gestik in so genannten di-
tierende Wirkung, die Gesten für den rekten Gesprächen (face-to-face) eines
lexikalischen Abruf haben können (Ha- Aphasikers (Herrn C) und seiner sprach-
dar & Butterworth 1997, Krauss & Ha- gesunden Gesprächspartnerinnen (sei-
dar 1999, Rose 2006, Rose & Douglas ner Frau und seiner Töchter) befassen.
2001 und 2003). Ein anderer Zweig be- Wir bezeichnen diese Gespräche als
fasst sich mit der Frage, ob und wie aphasische Gespräche, weil die Apha-
Menschen mit (schwerer) Aphasie Ges- sie die Rahmenbedingungen der Kom-
ten nutzen können (vgl. z.B. Damico, munikation nicht nur für den unmittel-
Wilson, Simmons-Mackie & Tetnowski   bar Betroffenen verändert, sondern
2008, De Ruiter 2006, Feyereisen 1993, auch – in jedem Gespräch aufs Neue –
Goodwin 1995 und 2000, Jakob, Bart- die Kommunikationsbedingungen sei-
mann, Goldenberg, Ziegler & Hogrefe ner sprachgesunden Gesprächspartne-
2011, Wiesmayer, Hogrefe, Ziegler, rinnen. Familie C gehört zu den zehn

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    Familien, die sich im Rahmen eines For-    sprächspartner mit seinen Gesten
    schungsprojektes bereit erklärt haben,     meint (Damico et al. 2008, Goodwin
    in einem Zeitraum von 1,5 Jahren zu        2000, 2003, 2006). Erschwert wird die-
    Hause Gespräche auf Video aufzuzeich-      ser Prozess der Ko-Konstruktion von
    nen und die Aufnahmen dem Projekt          Bedeutung – wie wir zeigen werden –
    zur Verfügung zu stellen.                  in vielen Fällen nicht durch die
    Wir haben Familie C für unsere Unter-      mangelnde Qualität der Gesten der
    suchung der Gestik ausgewählt, weil        aphasischen ‹Sprecher›, sondern viel-
    Herr C zu den Menschen mit Aphasie         mehr ganz grundsätzlich durch die se-
    gehört, die Gestik extensiv und in vie-    miotischen Eigenschaften der gesti-
    len Fällen sehr erfolgreich einsetzen.     schen Modalität.
    Herr C kommuniziert deutlich besser        Wir werden uns darauf konzentrieren
    als er spricht und wir haben uns darauf    zu untersuchen, wie der semantisch
    konzentriert herauszufinden, wie er das    ‹tragende› Gebrauch der visuellen Mo-
    macht, d.h. es geht uns auch darum,        dalität (der sichtbaren Äusserung) die
    von der Praxis der Familie C zu lernen     Gesten des Aphasikers prägt und alle
    (vgl. Bauer & Auer 2009). Aber obwohl      Beteiligten zwingt, die organisatori-
    Herr C ein äusserst guter Gestennut-       schen Strukturen der Interaktion an das
    zer ist, waren immer wieder Gesprächs-     Fehlen der Sprache und an die Beson-
    situationen zu beobachten, in denen er     derheiten der Gestik zu adaptieren. Die-
    sich mit seinen Gesten nicht verständ-     se Praktiken sind kein Teil der norma-
    lich machen konnte bzw. in denen die-      len Multimodalität sprachlicher Interak-
    se von seinen Gesprächspartnerinnen        tion und ergeben sich auch nicht
    nicht verstanden wurden. Auch mit die-     ‹automatisch› aus dieser, sie müssen
    sen Situationen werden wir uns befas-      vielmehr neu gelernt werden.
    sen.                                       Es liegt nahe anzunehmen, dass eine
    Prägt eine schwere Aphasie die Ge-         Therapie, die auf Adaptation mit Hilfe
    sprächsbedingungen, stehen Gesten          von Gestik ausgerichtet ist, diese Fak-
    weitgehend ohne Sprache da und sol-        toren kennen und berücksichtigen soll-
    len die Funktionen der Sprache über-       te. Unsere Beobachtungen sprechen
    nehmen. Diese Anforderung kann die         dafür, dass der therapeutische Einbe-
    Gestik aber nicht ohne weiteres erfül-     zug der Ressource ‹Gestik› nur dann im
    len. So führen Gesten in aphasischen       Gesprächsalltag Erfolg versprechend
    Gesprächen oft zu ausgedehnten Se-         sein kann, wenn die besonderen inter-
    quenzen der Verständigungssicherung,       aktionalen Praktiken, die durch die neue
    in denen die sprachgesunden und die        und ungewöhnliche sprachersetzende
    aphasischen Beteiligten ko-konstruie-      Funktion der Gestik notwendig werden,
    ren müssen, was der aphasische Ge-         mit in den Fokus der Therapie rücken.

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Insbesondere stellt sich die Frage, ob,        sich eines Instrumentes zu bedienen,
wie und inwieweit (welche Gesten?)             das wir – im Unterschied z.B. zu Kom-
Gestik so ‹umfunktionalisiert› werden          munikationstafeln (vgl. Glindemann &
kann, dass sie der Anforderung gerecht         Krug 2012) oder dem Zeichnen (vgl.
wird, sprachersetzend wirksam zu sein.         Bauer & Urbach 2003) – auch norma-
Bevor wir den kommunikativen Erfolg            lerweise verwenden. Dies hat Vor- und
bzw. Misserfolg der spontanen Gesten           Nachteile. Einerseits sind alle Ge-
eines Mannes analysieren, der sich trotz       sprächspartner mit dem Medium Ges-
einer schweren (unflüssigen) Aphasie           tik vertraut und nutzen es selbst.
zu verständigen sucht, werden wir zu-          Andererseits verschleiert diese Ver-
nächst einen Blick darauf werfen, wie          trautheit mit der normalen Nutzung die
Sprache und Gestik in der sprachgesun-         wichtigen Unterschiede zwischen Funk-
den Interaktion zusammenarbeiten.              tion und Gebrauch von Gesten in
                                               sprachgesunder Interaktion und deren
                                               Funktionen und Gebrauch in aphasi-
Sprache und Gestik in                          schen Gesprächen. Sie verschleiern v.a
sprachgesunder Interaktion                     den Umstand, dass die meisten Prak-
                                               tiken des Gebrauchs von Gestik in
Wie Sprache gehört Gestik zu den na-           aphasischen Gesprächen Adaptations-
türlichen Ausdrucksmitteln des Men-            praktiken sind und von den Beteiligten
schen und wie Sprache ist Gestik ein           neu entwickelt bzw. erlernt werden
Zeichensystem und Instrument der               müssen, wenn die Ressource Gestik
Kommunikation. Gesten werden früh              von allen Beteiligten erfolgreich genutzt
erworben und sind möglicherweise so-           werden soll.
gar als Vorläufer der Sprache (ontoge-         In normaler sprachlicher Interaktion
netisch wie phylogenetisch) zu betrach-        (face-to-face) begleiten Gesten in der
ten (vgl. hierzu z.B. Kendon 2004,             Regel die Sprache und beeinflussen
Streeck 2009, Tomasello 2008). Und:            und unterstützen die Interpretation des
Zumindest in Gesprächen von Ange-              Gesagten (vgl. z.B. Müller, 1998). Nur
sicht zu Angesicht werden Gestik und           selten übernehmen Gesten die tragen-
Sprache auch von Erwachsenen in en-            de Rolle und noch seltener ersetzen sie
ger Verbindung miteinander genutzt             Sprache vollständig. All dies gilt natür-
(vgl. z.B. Goodwin 1986, Heath 1982,           lich für sog. situiertes Sprechen (Auer
1992, Meilinger & Levelt 2004, Müller          1988), d.h. wenn wir über Dinge in
1998). Gespräche sind also in aller Re-        unserer physikalischen Umgebung
gel multimodal. Gestik als Ressource           sprechen, gemeinsam mit Objekten
für die Adaptation an Aphasie zu nut-          hantieren, uns gemeinsam im Raum
zen bedeutet daher zunächst einmal,            bewegen und gegenseitig sehen kön-

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     nen, was wir tun. In diesen Situationen     Intentionen des Sprechers immer bei-
     (z.B. beim gemeinsamen Decken des           de Systeme, das sprachliche und das
     Tisches) wirkt Sprache eingebettet in       gestische System simultan aktivieren
     die materielle Umwelt und in unser          und / oder dass das, was wir sprachlich
     nonverbales Handeln. Im situierten          und / oder gestisch zum Ausdruck brin-
     Sprechen (Sprechen und Verstehen im         gen, immer aus den selben mentalen
     Hier & Jetzt) können Gesten wie z.B.        Konzeptualisierungs- und Planungsmo-
     das Zeigen eindeutige Informationen         dulen stammt (McNeill & Duncan 2000,
     vermitteln (‹stell das doch da hin!›).      Melinger & Levelt 2004). DeRuiters
     Multimodal bleiben sprachliche Interak-     Sketch-Modell der Gesten- und Sprach-
     tionen aber auch, wenn wir über nicht       produktion z.B. basiert auf Levelts
     anwesende Dinge oder Menschen               Sprachproduktionsmodell (Levelt 1989)
     sprechen und mit Hilfe der Sprache das      und verortet auch den Ursprung der
     Hier & Jetzt verlassen (sog. displaced      Gesten im conceptualizer (DeRuiter
     speech). Wenn also über Nicht-Gegen-        2006). McNeills Theorie und auch das
     wärtiges gesprochen werden soll, wird       Sketch-Modell sind mit der Mutually
     Information primär über Sprache ver-        Adaptive Modalities Hypothese (Melin-
     mittelt, denn Gesten können viele der       ger & Levelt, 2004) vereinbar. Dieses
     hierfür notwendigen Informationen           Modell besagt, dass Sprecher die bei-
     nicht liefern. Dennoch hören wir nicht      den Modalitäten Gestik und Sprache
     auf zu gestikulieren und der visuelle Ka-   abhängig von den Rahmenbedingun-
     nal bleibt involviert. Die Rezipienten      gen und im Hinblick auf die Effektivität
     behalten die Sprecher im Auge und           der Kommunikation kombinieren und
     beziehen deren Blicke, die Mimik, die       funktional gewichten (können). So wer-
     Hand- und Körperbewegungen in ihre          den z.B. räumliche Informationen bei
     Interpretation des Gesagten ein. Um-        visuellem Kontakt (und auch bei star-
     gekehrt beobachten auch die Sprecher        ker Geräuschkulisse) eher gestisch und
     ihre Adressaten (Gardner 2001, Heath        am Telefon eher mit sprachlichen Mit-
     1982, Goodwin 1981). Es ist also anzu-      teln gefasst. Sprecher gestikulieren
     nehmen, dass diese Gesten weiterhin         auch weniger, wenn sie wissen, dass
     gewisse Funktionen erfüllen und dass        sie nicht gesehen werden können und
     zwischen der sprachlichen (akusti-          in Gesprächen anders als in Monologen
     schen) und der visuellen Modalität star-    (Bavelas et al. 2008). Gesten werden
     ke und multifunktionale Verbindungen        also beim Sprechen selten vollständig
     bestehen.                                   unterdrückt und ihr kommunikativer
     Hinsichtlich der kognitiven Modellie-       Gebrauch (quantitativ und qualitativ)
     rung dieser Verbindungen nehmen eine        wird durch die Rahmenbedingungen
     ganze Reihe von Forschern an, dass die      und Inhalte der (sprachlichen) Interak-

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tion beeinflusst, in die sie eingebettet          leiten oder einen Themenwechsel an-
werden (Gerwing & Bavelas 2004).  Im              kündigen etc.)
Folgenden werden wir uns weitgehend               • referenziellen Gesten, die auf Objek-
auf die Gesten der Hände konzentrie-              te / Personen / Orte referieren. Zu diesen
ren (wobei zuweilen Arme und die Kör-             gehören die lokalisierenden Zeigeges-
perhaltung involviert sind), die in der di-       ten (deiktische Gesten) und repräsen-
rekten sprachlichen Interaktion zu den            tative Gesten, die eine Aktivität oder ein
wichtigsten und sicher auch funktional            Objekt darstellen.
flexibelsten Artikulatoren der gesti-             • pragmatischen Gesten, die sprachliche
schen Kommunikation gehören. Die                  Handlungen wie die Aufforderungen
Funktionen anderer Artikulatoren, wie             ‹komm her› oder ‹bleib stehen› oder ei-
z.B. die des Blicks, sind deutlich einge-         nen Gruss zum Ausdruck bringen.
schränkt. Der Blick spielt eine wichtige
Rolle in der Organisation des Sprecher-           Das aphasiologische Interesse gilt bis-
wechsels (Wahl der Adressaten, der                lang in erster Linie den Gesten mit re-
nächsten Sprecher und Signalisierung              ferenziellen Funktionen (Funktion 2), da
des Zeitpunktes für den Sprecherwech-             diese Gesten dazu dienen Informatio-
sel) und kann referenzielle Funktionen            nen ‹über die Welt› zu vermitteln. Auch
erfüllen (auf jemanden oder etwas zei-            wir werden uns im Folgenden auf die
gen). Gesichtsausdruck und Körperhal-             Gesten konzentrieren, die direkt oder
tung können die Haltung eines Spre-               indirekt referenzielle Funktionen erfül-
chers oder eines Rezipienten zum Ge-              len, da es diese Gesten sind, denen in
sagten zum Ausdruck  bringen (Skepsis,            aphasischen Gesprächen eine zentrale
Interesse, Freude) und die Ausrichtung            Bedeutung zukommt. In aphasischen
des Körpers sowie die Positionierung              Gesprächen wird Gestik jedoch eben-
der Körper im Raum (proxemics) spie-              falls multifunktional, d.h. auch in den
len eine entscheidende Rolle für die              anderen oben genannten Funktionen,
Gestaltung des gemeinsamen Interak-               genutzt.
tionsraumes.
Wir legen folgende funktionale Diffe-             Zunächst wollen wir uns die spezifi-
renzierung der Handgesten zugrunde                schen Beziehungen zwischen referen-
und unterscheiden zwischen                        ziellen Handgesten und sprachlichen
• interaktionsorganisatorischen Gesten            Äusserungen, wie wir sie in sprachge-
(auch Regulatoren genannt), die dazu              sunder Interaktion normalerweise vor-
dienen, die Interaktion zu organisieren           finden, etwas genauer ansehen.
(z.B. den Sprecherwechsel signalisie-             Das Zeigen tritt in sprachgesunder In-
ren und den nächsten Sprecher bestim-             teraktion selten alleine, sondern meist
men oder eine Themenbeendigung ein-               simultan mit sprachlichen Äusserungen

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     auf. Die Interpretation sprachlicher Äus-    mich an). Sie können zusammen mit
     serungen wie hier, da, dort etc. hängt       dem entsprechenden sprachlichen Aus-
     z.B. davon ab, dass auch die zugleich        druck, ohne diesen, also eigenständig,
     auftretenden Zeigegesten wahrgenom-          oder zusammen mit einem anderen
     men und interpretiert werden (Müller         sprachlichen Ausdruck verwendet wer-
     1998, Stukenbrock 2009). Daher ste-          den. Diese Gesten können also für sich
     hen diese Gesten im Fokus der visuel-        stehen und daher sprachliche Ausdrü-
     len Aufmerksamkeit der Rezipienten           cke vollständig ersetzen. Form, Bedeu-
     und werden vom Sprecher in aller Re-         tung und Zahl dieser Handgesten vari-
     gel sehr bewusst im visuellen Feld des       ieren von Kultur zu Kultur. Einige dieser
     Rezipienten ausgeführt. Andererseits         konventionalisierten Gesten sind nicht
     wird die jeweilige Zeigegeste durch          referenziell (Funktion 2) sondern prag-
     den ‹zugehörigen› sprachlichen Aus-          matisch (z.B. den Daumen nach oben
     druck in die laufende Äusserung einge-       für eine positive Bewertung eines Er-
     gliedert und mit Sinn gefüllt. Zeigeges-     eignisses, Funktion 3) und können da-
     ten und sprachliche Ausdrucksmittel ar-      her ebenfalls sprachliche Ausdrücke er-
     beiten einander zu: In der multimodalen      setzen. Konventionalisierte Gesten
     Äusserung ‹stell die Vase doch hier [+       eignen sich also sehr gut als spracher-
     Zeigegeste] hin› zeigt das Zeigen, was       setzendes Ausdrucksmittel, ihre Zahl
     mit ‹hier› gemeint ist, die Sprache ord-     ist jedoch viel zu klein um als ‹Wort-
     net die Geste in den Handlungsrahmen         schatz› für eine Erfolg versprechende
     ein, nennt, was (stellen) womit (Vase)       Kommunikation auszureichen.
     getan werden soll. Die Zeigegeste wäre       Die weit grössere Gruppe von reprä-
     ohne diese Einbindung in die sprachli-       sentativen Handgesten mit referenziel-
     che Modalität (den sprachlich geliefer-      ler Funktion, die sprachbegleitenden
     ten Kontext) kaum zu verstehen.              Gesten oder Illustratoren, sind dadurch
     Zur grossen Gruppe der ebenfalls refe-       gekennzeichnet, dass die Interpretati-
     renziellen, repräsentativen Gesten           on dieser Gesten völlig vom verbalen
     (Kendon 2004) gehören die konventio-         Kontext abhängt, in den sie eingebet-
     nalisierten Gesten und die sog. konver-      tet sind. Meist beginnen diese Gesten
     sationellen oder redebegleitenden Ges-       noch bevor die sprachliche Äusserung
     ten (auch Illustratoren genannt).            beginnt und kündigen diese an, indem
     Konventionalisierte Gesten werden von        sie die Gesprächspartner auf die Se-
     ihren Nutzern immer wieder in (annä-         mantik der nachfolgenden sprachlichen
     hernd) derselben Form ausgeführt und         Äusserung hin orientieren, ohne diese
     sind in ihrer Bedeutung weitgehend           allzu eng zu spezifizieren (Schegloff
     festgelegt (z.B. die Geste für Telefon /     1984). Sprachbegleitende Illustratoren
     telefonieren / ich ruf dich an / du rufst    können sehr konkret sein (wenn Zeige-

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           ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

finger und Daumen das Wort ‹klein› an-          bles Bedeutungspotential, aus dem he-
kündigen), aber auch sehr abstrakt              raus von Fall zu Fall bestimmt werden
(wenn z.B. eine Handbewegung nach               muss, was genau mit der Geste ge-
unten Wörter wie hinunter, fallen, ge-          meint ist (siehe hierzu unser Beispiel 3
schlossen etc. begleitet und dabei le-          Themenwechsel). Diese sprachbeglei-
diglich einen Aspekt der Semantik die-          tenden Illustratoren sind im Hinter-
ser Verben illustriert).                        grund wirksam. Sie werden von den
Folgende Untertypen können hier un-             Gesprächspartnern wahrgenommen
terschieden werden (vgl. Kendon                 und genutzt / interpretiert und helfen ih-
2004:176ff):                                    nen, die sprachlichen Äusserungen zu
(a) Gesten, die z.B. verschiedene Arten         kontextualisieren (was wie gemeint
des Werfens oder Gehens darstellen              ist). Die bewusste Aufmerksamkeit der
und dadurch die Bedeutung der jewei-            Beteiligten fokussiert allerdings in der
ligen Verben spezifizieren oder mit ei-         Regel eher die informationstragende,
nem Objekt üblicherweise verbundene             sprachliche Äusserungsschicht, an die
Bewegungen darstellen, wobei das                begleitenden Gesten erinnern wir uns
entsprechende Wort geäussert wird               nur selten.
(z.B. trinken oder einschenken).
(b) Gesten, die Merkmale eines Objek-           Wenn wir also – entgegen dem Übli-
tes als Beispiel für eine Kategorie von         chen – Gesten ohne Sprache effizient
Objekten beschreiben (wenn das Wort             einsetzen wollen, stehen uns neben
Schachtel von einer quadratischen Be-           der kleinen Zahl stark konventionalisier-
wegung beider Hände begleitet wird,             ter Gesten nur zwei Möglichkeiten of-
siehe Beispiel 2 Bügelwäsche).                  fen (vgl. Tomasello 2008): Entweder wir
(c) Gesten, die Grösse, Form oder               zeigen auf etwas / jemanden oder wir
räumliche Merkmale eines schon ein-             stellen das, worauf wir referieren wol-
geführten Objektes zeigen und häufig            len, mittels repräsentativer Gesten (v.a.
mit einem deiktischen ‹so› / oder ‹so› +        ikonischer Gesten) dar. Beide Vorge-
‹Adj› in der   sprachlichen Äusserung           hensweisen sind allerdings mit einer
verankert sind.                                 Reihe von Problemen behaftet:
Diese Gesten sind weit weniger (oder            Durch das Zeigen identifizieren wir ei-
gar nicht) konventionalisiert (denken Sie       nen Ort, was zur Identifikation eines
z.B. an ein Wedeln mit der Hand, das            Referenten führen kann. Dieses Vorge-
je nach begleitender Äusserung die ver-         hen kann sehr effizient sein, setzt aber
schiedensten Bedeutungen ‹transpor-             voraus, dass der Gesprächspartner den
tieren› kann) und damit weder in ihrer          Referenten kennt oder der Kontext die
Form noch in ihrer Bedeutung spezifi-           möglichen Referenten so stark ein-
ziert. Sie haben vielmehr ein sehr flexi-       schränkt, dass nur ein einziges Objekt,

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     eine einzige Person im visuellen Ein-        an einer beschreibenden Geste für «Au-
     zugsbereich der Beteiligten in Frage         tofahren» oder aber für «Reparieren»
     kommt. Die Sache wird noch schwieri-         versuchen. Doch wie wird der Adres-
     ger, wenn durch Zeigen auf etwas re-         sat diese Geste auswerten? Bezieht er
     feriert werden soll, das sich nicht im       sie auf das Fahren als Aktivität, einen
     Sichtbereich der Beteiligten befindet.       aktuellen Wunsch, jetzt zu fahren, auf
     In dieser Situation kann z.B. in die Rich-   das Auto als Objekt, auf ein bestimm-
     tung gedeutet werden, in der sich das        tes Auto oder das Auto-an-sich? Wäh-
     gemeinte Objekt befindet. Der Ge-            rend Zeigegesten referieren ohne zu
     sprächspartner wird dieses Objekt je-        beschreiben, liefern ikonische Gesten
     doch nur identifizieren können, wenn         eine Beschreibung, aber keine eindeu-
     er weiss, was sich in dieser Richtung        tige Referenz!
     befinden könnte. Dieses Zeigen kann          Eine mögliche Lösung für dieses – für
     also nur funktionieren, wenn die Betei-      das Medium Gestik spezifische – Pro-
     ligten eine ‹innere Landkarte› teilen:       blem, könnte darin bestehen, Zeige-
     «when the context – the shared con-          gesten mit beschreibenden / abbilden-
     ceptual ground – is set up in enough         den ikonischen Gesten zu verbinden:
     detail, however that is done, a pointing     In Richtung Garage deuten, dann die
     gesture can refer to situations as com-      Geste für Autofahren, gefolgt von der
     plex as one wants» (Tomasello 2008:          Geste für Reparieren. Unschwer zu er-
     99). In diesem Fall kann eine einfache       kennen, dass wir es nun mit Pantomi-
     Zeigegeste ganze Szenarien (aus der          men zu tun haben. Diese komplexe
     Vergangenheit, aus dem Weltwissen            gestische Ausdrucksform hat allerdings
     der Beteiligten) aktivieren (siehe Bei-      nur noch wenig mit der Multimodalität
     spiel 1 Baumarkt). Ist dies nicht ge-        normaler Interaktion zu tun und ist in
     geben, bleiben Zeigegesten eng mit           solcher auch nur selten zu beobachten.
     dem situierten Sprachgebrauch im Hier        Aber selbst die komplexe Kombination
     & Jetzt verbunden und können nur             von deiktischen und beschreibenden
     ganz unmittelbar für den Bezug auf Ob-       Gesten ist mit denselben Interpretati-
     jekte, Personen und Geschehnisse im          onsproblemen behaftet wie das Zeigen
     gemeinsamen Sichtbereich genutzt             oder die ikonischen Gesten allein. Um
     werden.                                      problemlos verständlich zu sein, müss-
     Bildhafte, ikonische Gesten liefern die      ten auch diese Pantomimen mit Infor-
     Beschreibungskomponente, die dem             mationen ergänzt werden, die sie zeit-
     Zeigen fehlt. Wenn jemand z.B. darauf        lich verankern (was ist gemeint? jetzt?
     hinweisen will, dass das Auto zur Ins-       gestern? morgen?) und deutlich wer-
     pektion muss, dann kann er Richtung          den lassen, welche (sprachliche) Hand-
     Garage deuten (Zeigegeste) oder sich         lung intendiert ist (eine Aufforderung,

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           ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

eine Frage, eine Bitte?). Auch hierfür           grenzt, die er mit Hilfe der Prosodie
sind Lösungen vorstellbar. So kann               multifunktional einsetzt, und die Gruss-
man nachdrücklich auf die Person zei-            formeln hallo und ade. Der initial domi-
gen, die die intendierte Handlung aus-           nante Automatismus «mogen» ist in
führen soll oder mimisch eine Frage              Rückbildung begriffen und ganz verein-
‹darstellen› (fragender Gesichtsaus-             zelt gelingt es Herrn C auf – meist pho-
druck) und für das Bitten gibt es einige         nematisch entstellte, aber erkennbare
übliche Gesten. Unsere Beispiele zei-            – Wörter zuzugreifen. Herrn Cs Sprach-
gen aber wie komplex und fehleranfäl-            verständnis ist spürbar beeinträchtigt,
lig sich die ‹Übersetzung› einfachster           in reichhaltigen Kontexten in der Regel
sprachlicher Aktivitäten in die gestische        jedoch tragfähig. Lesen und Schreiben
Modalität gestaltet.                             kann Herr C nicht. In Herrn Cs Sprach-
                                                 therapie haben Gesten keine Rolle
                                                 gespielt.
Adaptation an Aphasie                            Um die Praktiken rekonstruieren zu
mit Hilfe von Gestik                             können, mit denen es Herr C zusam-
                                                 men mit seinen Gesprächspartnerinnen
Die Beispiele, die wir untersuchen wer-          in vielen – aber nicht allen – Situationen
den, sind Gesprächen und Interviews              gelingt, gegenseitige Verständigung zu
entnommen, die im Rahmen unseres                 erreichen, haben wir die Methoden der
Forschungsprojektes aufgezeichnet                sequenziellen Analyse eingesetzt, die
wurden. Da weder die Gespräche im                von der Konversationsanalyse entwi-
familiären Kreis – also mit vertrauten           ckelt wurde (vgl. z.B. Bergmann 2001).
Gesprächspartnerinnen – noch die In-             Diese Methode impliziert die schritt-
terviews, die in der Regel mit den Ehe-          weise (chronologische) Rekonstruktion
paaren geführt wurden, darauf ausge-             des Vorgehens der Beteiligten bei der
richtet waren, Gestik zu evozieren, ge-          Ermittlung der Bedeutung einer Äusse-
hen wir davon aus, dass sie uns                  rung. Da wir uns mit Gestik befassen,
authentischen Gestengebrauch zeigen.             muss sich die Analyse nicht nur auf das
Herr C hat im Alter von 45 Jahren ei-            Nacheinander (die Sequenzialität) der
nen Schlaganfall (Mediainfarkt links) er-        Handlungsschritte der Beteiligten kon-
litten. Vor seiner Erkrankung war er in          zentrieren, sondern auch auf das Ne-
leitender Position in der Industrie tätig.       beneinander (die Simultanität) der zu-
Im ersten Jahr nach dem Schlaganfall             gleich verwendeten Modalitäten (Spra-
(in dem die untersuchten Beispiele auf-          che und Gestik) (Bauer 2009). In diesem
genommen wurden) sind Herrn Cs                   interaktionalen Paradigma betrachten
sprachliche Fähigkeiten auf einige Par-          wir Herrn Cs Gesten als kommunikati-
tikel wie ja und nein, so, aha, he be-           ve Gesten, d.h. als Gesten, die er für

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ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

     seine Gesprächspartnerinnen produ-         Multimodale Ko-Konstruk-
     ziert und die kommunikativ-interaktio-     tion von Bedeutung 1: Ein
     nale Funktionen erfüllen.
                                                Ereignis wird durch Zeigen
     Wir haben Beispiele aus Gesprächen
     mit mehreren Teilnehmer / innen ausge-
                                                erfolgreich identifiziert
     wählt und Sequenzen, die inhaltlich
     nicht im Hier&Jetzt zu verorten sind.      Wir wollen mit einem scheinbar einfa-
     Es wird also immer über Dinge gere-        chen Beispiel beginnen, in dem es
     det, die sich nicht mit der laufenden      Herrn C (HC) durch Zeigen gelingt, für
     (nonverbalen) Handlung oder der ma-        seine Frau (FC) erkennbar auf einen Ort
     teriellen Umgebung befassen. Solche        zu verweisen, so dass diese ihn dabei
     Gespräche fordern von Herrn C kom-         unterstützen kann, eine sprachliche
     munikative Leistungen, die weit jen-       Aufgabe zu lösen, die sich ihm im Rah-
     seits seiner sprachlichen Möglichkeiten    men eines Interviews stellt. Das Bei-
     liegen. Dennoch gelingt es ihm zu par-     spiel zeigt, dass das Zeigen – unter be-
     tizipieren und ihm und seinen Ge-          stimmten Umständen – selbst in Situ-
     sprächspartnerinnen gemeinsam im-          ationen effektiv sein kann, in denen das
     mer wieder gegenseitiges Verstehen         Gezeigte für die Beteiligten nicht sicht-
     zu erreichen.                              bar ist.
     Wir werden folgende Aspekte dieser
     Interaktionen analysieren:
     • Für welche kommunikativ-interaktio-
     nalen Aufgaben Herr C Gesten einsetzt
     und
     • wie er diese Gesten gestaltet.
     • Wie an diesen Gesten gearbeitet wird
     (Umgestaltung), um Probleme ihrer In-
     terpretation zusammen mit den Ge-
     sprächspartnerinnen zu lösen.
     • Unter welchen Bedingungen dieser
     Gestengebrauch erfolgreich ist bzw.
     woran er scheitert.

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Beispiel 1 Baumarkt
Der Interviewer sitzt mit Frau C und Herrn C am Tisch.

01   Int:               äh die NÄCHste frage >
02                      klingt jetzt vielleicht ein bisschen merkwürdig
03                      so in IHrem kontext oder in ihrem FALL,
04                       wir würden mal gerne wissen wo sie die grössten schwierig
		                      keiten sozusagen sehen
05                      wo ein PAtient sagt, also das=is genau das was mir am
                        schwersten fällt.
06                      im moment.
07   HC:           oh [((richtet sich auf, skeptische Mimik, wiegt den Kopf auf
                        und ab))]
08   Int:             [also ich meine das=is jetzt in IHrem fall-                 ]
09   HC:           äh ((blickt zu FC, dann in den Raum, nachdenkend))
10   FC:           ((beobachtet HC))
11   HC:           ((hebt die linke Hand, lässt sie wieder fallen))
12                    äh ((blickt nachdenkend in den Raum)) äh
13                    ((wendet sich zu FC))
14 FC"HC:    [was SCHWIErig isch- ((zu HC))
15 HC"FC:    [so so so so äh so so äh so]
16                    [((klopft FC auf den Arm: du weisst schon ]
                        [nickt dabei mehrmals))]

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ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

     17              [so so äh so so
     18              [((zeigt mit linken Arm nach links, blickt dabei kurz nach links
     		              dann wieder zurück

     19                     zu FC; der Arm bleibt ausgestreckt: Ort weiter weg))
     20 FC"HC:     wie heute im BAUmarkt zum beispiel? ((blickt HC nachden
                            kend an))
     21 HC"FC:     so so ja so so ((nickt mehrmals bestätigend))
     22 FC"HC:    ja.

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           ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

Dieses Beispiel stammt aus einem der           Sie sind also nicht als Antwortversuch
Interviews, die im Rahmen des Projek-          zu verstehen.
tes mit Herrn und Frau C geführt wur-          • Die Gesten liefern Frau C Hinweise
den. Der Interviewer adressiert Herrn          auf die (normalerweise sprachlich rea-
C und fragt ihn nach seinen primären           lisierte) Aktivität, die ihr Mann ausführt:
sprachlichen Schwierigkeiten. Die Be-          Er will ihr etwas ‹zeigen› (Z. 16–18).
antwortung dieser Frage erfordert mehr         • Die Gesten verweisen Frau C darauf,
als ein Ja oder Nein und scheint weit          dass Herr C für seine Antwort Inhalte
jenseits der Möglichkeiten zu liegen,          nutzen will, die beide kennen, d.h. ge-
die Herrn C zur Verfügung stehen. Herr         meinsames Wissen (Z. 15–16).
C übernimmt die Rolle des Antworten-           • Sie verweisen Frau C darauf, dass die-
den dennoch (Z. 7–12) und damit die            se Inhalte mit einem Ort verbunden
Verpflichtung zu antworten. Er produ-          sind, der in einer bestimmten Richtung
ziert eine Reihe von Gesten mit  inter-        und weiter weg liegt (Z. 17–19).
aktionsorganisatorischer Funktion, die         Auf der Grundlage des sprachlich-inter-
ihm das Rederecht sichern, da sie de-          aktionalen Kontextes und dieser ges-
monstrieren, dass er mit der Antwort           tisch vermittelten Informationen
befasst ist (nachdenklicher Blick, die         schliesst Frau C, dass ihr Mann auf ein
Partikel oh und äh, Kopfbewegungen             Ereignis referieren will, das am selben
und Handgesten). Dann blickt er zu sei-        Tag in einem Baumarkt in der Nähe
ner Frau, die ihn beobachtet, tippt auf        stattgefunden hat; ein Ereignis, das die
ihren Unterarm (Z. 16) und präsentiert         Verständigungsschwierigkeiten, die
ihr eine Zeigegeste, die in die weitere        aufgrund der Aphasie entstehen, illus-
Umgebung deutet (Goodwin 2006b).               triert und damit als Antwort auf die Fra-
Diese Serie von Gesten erfüllt – einge-        ge des Interviewers fungieren kann.
bettet in den sprachlich-interaktionalen       Diese Interpretation wird von Herrn C
Kontext (d.h. in die Aufgabe, eine Ant-        bestätigt (Z. 21).
wort auf die Frage des Interviewers zu         Herrn Cs Zeigegeste kann nur erfolg-
liefern) – eine ganze Reihe von Funkti-        reich sein, weil er sie an die Person ad-
onen:                                          ressiert, die wissen kann, welchen Ort
• Sie erweitern die Partizipationsstruk-       er meint und im Folgenden den sprach-
tur indem sie Frau C in diese Aufgabe          lichen Interpretationsrahmen für die
einbeziehen (via Blick und Zuwendung           Geste liefert (Baumarkt Z. 20). Der In-
des Körpers, Z. 9, 13);                        terviewer kann diese Geste nicht inter-
• Für den Interviewer wird deutlich,           pretieren. Ohne die Einbettung in den
dass die visuell-gestischen Äusserun-          Handlungszusammenhang (Antwort
gen Herrn Cs nicht für ihn, sondern aus-       auf eine Frage), in den sprachlichen
schliesslich für Frau C bestimmt sind.         Kontext (Antwort auf die Frage nach

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ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

     aphasiebedingten Schwierigkeiten) und                             Multimodale Ko-Konstruk-
     ohne die Adressierung an eine vorinfor-                           tion von Bedeutung 2: Eine
     mierte Person (Frau C) kann diese Zei-
                                                                       Pantomime scheitert
     gegeste weder referieren noch eine
     Aussage ausdrücken, geschweige denn                               Im nun folgenden Beispiel scheitert die
     eine ganze Geschichte aktivieren, die                             Kommunikation (zunächst) trotz der äu-
     als Antwort auf die Frage des Intervie-                           sserst elaborierten Gestik (Pantomime)
     wers gelten kann. Während die Multi-                              Herrn Cs. Die Sequenz stammt aus ei-
     modalität in normalen Gesprächen si-                              nem Gespräch zwischen Herrn C, sei-
     multan und vom Sprecher alleine reali-                            ner Frau und einer seiner Töchter (T).
     siert wird, wird sie unter aphasischen                            Diese Drei und der kleine Sohn (S) sit-
     Bedingungen sukzessive und von zwei                               zen am Wohnzimmertisch und essen
     Beteiligten, also gemeinsam von Herrn                             Pizza. Die an die Tochter gerichtete vä-
     C (Gesten) und Frau C (Versprachli-                               terliche Aufforderung und Rüge, die
     chung des Gemeinten) hergestellt. Die                             Herr C im Folgenden in Angriff nimmt,
     Geschichte wird dann von Frau C er-                               liegt – als sprachliche Aktivität – wieder
     zählt. Sie wird von Herrn C als Spreche-                          jenseits der Möglichkeiten Herrn Cs.
     rin eingesetzt, so dass er derjenige
     bleibt, der die Antwort inhaltlich gestal-
     tet (vgl. Bauer 2009).

     Beispiel 2  Bügelwäsche (1)
     Die Tochter (T) ist dabei mit ihrem Freund zusammen zu ziehen. Sie erzählt, dass
     dieser in der neuen Wohnung das Parkett verlegt und überall Holzreste und Werk-
     zeug liegen lässt.

     01 T:             du i hab=es ihm gesagt also des kommt alles in de KEller;
     02		              ja wenn hier jemand reinkommt
     03		              die mün doch alle denke
     04                du hasch da d WERKstatt [daheim].
     05 HC:            [AH=h]
     06                ((blickt zu FC, Blickkontakt + zeigt auf sie))
     07 FC:            [((blickt zu HC))]
     08 T:             [((blickt zu HC))]
     09 HC:            [((blickt zu T))  ]
     09 HC:            [((blickt zu T))  ]

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           ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

Die Klage der Tochter über den unor-                    im Ablauf des Gesprächs (Z. 05). Herr
dentlichen Freund ist in erster Linie an                C schaltet sich zu einem Zeitpunkt in
Frau C adressiert. Herr C isst und hört                 das Gespräch ein, zu dem nichts dar-
zu, bis er deutlich macht, dass er etwas                auf hindeutet, dass seine Tochter mit
sagen will (Z. 05).                                     ihrer Erzählung zu einem Ende gekom-
Er blickt dabei zu Frau C und zeigt auf                 men ist. Man würde daher normalerwei-
sie. Diese Gesten können die Partizipa-                 se erwarten, dass er sich zu dieser Er-
tionsstruktur reorganisieren und Frau C                 zählung äussern möchte. Diese Interpre-
als Adressatin bestimmen. Die Zeige-                    tation wird zusätzlich dadurch unterstützt,
geste könnte aber auch bedeuten, dass                   dass er sich – nach dem Blick und Finger-
er etwas über Frau C sagen möchte                       zeig zu Frau C – der Tochter und (bislang)
oder dass sie in irgendeiner Weise mit                  Erzählerin zuwendet (Z. 09). Sie wird im
dem zu tun hat, was er sagen und tun                    Folgenden zu seiner Hauptadressatin
möchte. Das Zeigen ist also auch hier                   und die Bedeutung des Blicks zu Frau C
wieder so lange mehrdeutig, wie kein                    bleibt zunächst offen.
klärender Kontext zur Verfügung steht.                  Herr C beginnt nun folgende Pantomi-
Betrachten wir jedoch zunächst die Po-                  me mit Blick auf die Tochter:
sitionierung der Wortmeldung Herrn Cs

10                   ((sitzend: nimmt die Hände vor sich in Kniehöhe))
11                   ((pfeift einmal + zieht die Arme schulterbreit auseinander,
                      die Hände greifen etwas))
12                   ((Darstellung: etwas Grösseres mit beiden Händen hochheben))
13    T:
ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

     22 HC:
           ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

kommen dieser Intention jedoch nicht             wechsel oft explizit angekündigt (ach,
einmal nahe und stehen in keinem un-             da fällt mir etwas ein) oder spätestens
mittelbaren Zusammenhang mit den                 dann nachvollziehbar, wenn gesagt ist,
gestischen Darstellungen. Offensicht-            was gesagt werden sollte. Herr C kann
lich orientiert sich die Tochter in ihrem        problemlos deutlich machen, dass er
interpretativen Vorgehen nicht unmit-            etwas sagen will, aber es ist nur
telbar und ausschliesslich an Herrn Cs           schwer möglich mit Gesten allein zu
Gesten. Diese Pantomime beschreibt,              vermitteln, dass damit ein Themen-
dass etwas Rechteckiges hochgehoben              wechsel verbunden ist. Dementspre-
wird, es bleibt aber offen, was es ist.          chend bleiben die Rezipienten der Ges-
Hier fehlt eine eindeutige Referenz.             tik im durchaus üblichen Interpretati-
Diese Leerstelle versucht die Tochter            onsmuster, das eine Äusserung auf die
zu füllen, indem sie sich auf den bishe-         vorausgegangene Äusserung bezieht.
rigen sprachlichen Kontext bezieht, in           Ein weiteres Problem besteht für Herrn
dem u.a. auch von Holz und Parkett die           C darin, dass seine Tochter nicht expli-
Rede war. Sie schreibt den bisherigen            zit macht (versprachlicht), welche As-
Kontext fort und versucht die Pantomi-           pekte der Pantomime sie wie interpre-
me mit ihrer Geschichte zu verbinden.            tiert. Damit fehlt ihm die Basis, die es
Herr C reagiert auf diese falsche Inter-         ihm ermöglichen würde, seine Gesten
pretation und modifiziert seine Gesten.          spezifisch auf den Stand des Interpre-
Er wiederholt Teile seiner Pantomime             tationsprozesses seiner Gesprächspart-
(Z. 26, 28). Während seine Tochter sich          nerin auszurichten (rezipientenspezifi-
auf das konzentriert, was getragen wer-          scher Zuschnitt).
den soll, betont er die Aktivität des Tra-       Das Problem der Signalisierung eines
gens, aber ohne Erfolg. Es bleibt offen,         Themenwechsels (das Sprachgesunde
ob sie verstanden hat, dass sie – als            einfach damit lösen, dass sie das The-
Adressatin der Pantomime – etwas                 ma wechseln) ist ein Problem, das Fa-
hochheben, wegtragen oder bringen                milie C immer wieder beschäftigt. Und
soll.                                            so haben Herr und Frau C für dieses
Die Ursache dafür, dass die Pantomi-             Problem eine gestische Lösung verein-
me nicht funktioniert, liegt hier nicht in       bart und eine Geste in Form und Be-
der Ausführung der Gestik, sondern zu-           deutung für die familiäre Interaktions-
nächst einmal darin, dass der Themen-            gemeinschaft konventionalisiert.
wechsel, den Herr C vornimmt, von sei-
ner Tochter nicht erkannt wird. In nor-
malen Gesprächen werden solche
plötzlichen, eine laufende sprachliche
Handlung unterbrechenden Themen-

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ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

     Beispiel 3  Themenwechsel

     36 FC"Int:               und dann (.) manchmal wird auch dann(.)
     37                       (0.2) ((kurzer Blick zu HC, der ihr zuhört))
     38                       für IHN isch was  ABgeschlossen ((wieder zu Int))
     39                       Aber für MICH aber eigentlich noch NET,
     40                       dann isch er beim NÄCHsten thema
     41                       und ich bin noch beim alten. (.)
     42                       und dann gibts CHAos.
     43                       ne,
     44    HC"Int:            so so so so so so so. ((Geste «Schluss» mit beiden Händen
                              vor Oberkörper))

     HC demonstriert die gestische Lösungsstrategie

     45 FC"HC:   ja.
     46 FC"Int:     darum hab ich auch scho zu ihm gesagt er soll sich Ange-
     		                      wöhnen
     47                      wie zum beispiel der seBAStian des macht.
     48                      wenn dEr was nicht mehr wIll
     49                     denn macht er SO. ((Geste «Schluss» mit beiden Händen vor
                             Oberkörper))
     50    HC"Int:     so so so so so  ((mehrmals Geste «Schluss» mit beiden Hän-
                             den vor Oberkörper))
     51   FC:                ne,
     52                      dass er vielleicht sich AUCH des angewöhnt,
     53                      dass ich weiss es geht um ein ganz neues THEma,

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54                      weil sonst gibts da echt SCHWIErigkeiten.
55                      sonst bin !ICH! noch bei der LAmpe,
56                     und !ER! beim abendessen.

Hier beschreibt Frau C zunächst das             deutlich machen. Dementsprechend
Problem des Themenwechsels (Z. 36-              konnten Herr C und seine Tochter den
43) und Herr C zeigt, welche Lösung fa-         nötigen gemeinsamen thematischen
milienintern für dieses Problem gefun-          Bezugsrahmen nicht etablieren und die
den wurde (Z. 44). Dies veranlasst Frau         Pantomime blieb – obwohl durchaus
C die Entstehungsgeschichte dieser              gut erkennbar ausgeführt – unverstan-
«Schluss-Geste» zu erläutern.                   den.
Betrachten wir diese Geste genauer:
In Isolation trägt sie einen semanti-
schen Gehalt der Negation oder des              Multimodale Ko-Konstruk-
Abschlusses, ist jedoch keineswegs              tion von Bedeutung 3: Eine
eindeutig. In sprachgesunder Interakti-
                                                Pantomime ist erfolgreich
on kann diese Geste ein Gespräch be-
enden (z.B. einen Streit), aber z.B. auch       Der Fortgang der Sequenz Bügelwä-
einen Vorschlag kommentieren (kommt             sche zeigt, dass Frau C – im Unter-
nicht in Frage). Um gesprächsorganisa-          schied zu T – Praktiken entwickelt hat,
torische Missverständnisse, die mit             die spezifisch auf die Interpretation der
verpassten Themenwechseln einherge-             gestischen Beiträge ihres Mannes zu-
hen, künftig zu vermeiden, hat Familie          geschnitten sind und diesen zum Erfolg
C diese Geste familienintern konventi-          verhelfen. Die Strategie, die Frau C
onalisiert. Diese Geste soll in Zukunft         wählt, unterscheidet sich deutlich vom
zur Transparenz der thematischen Or-            Vorgehen der Tochter. Anstatt die Ges-
ganisation beitragen. Nur aufgrund die-         ten Herrn Cs bezogen auf den Kontext
ser explizit vereinbarten Zuordnung ei-         zu interpretieren, versucht sie zunächst
ner Aufgabe kann diese Geste eine               zu verstehen was genau die Gesten
Funktion erfüllen, die Gestik normaler-         darstellen. Die Beantwortung der Fra-
weise nicht übernehmen kann, nämlich            ge, was Herr C damit meint und/oder
einen Themenwechsel ankündigen.                 will, wird in einen nächsten Klärungs-
                                                schritt verschoben.
Zum Zeitpunkt unseres Beispiels Bü-
gelwäsche gab es diese Vereinbarung
jedoch noch nicht und Herr C konnte
den intendierten Themenwechsel nicht

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ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

     Beispiel 2  Bügelwäsche (2)
     Frau C hat die Szene zwischen Vater und Tochter essend beobachtet. Herr C blickt
     sie an (Z. 33) und sie initiiert die Wiederaufnahme seines Projektes mit einer Fra-
     ge (Z. 34).

     31 FC:                  [((schiebt sich Pizza in den Mund, schaut HC an,]
     32                      ((leckt sich die Finger ab, legt etwas auf die Couch))
     33 HC:                  [((wendet Blick zu FC))                                  ]
     34 FC:                  [was MACHSCH du? ((blickt HC an))]
     35   HC:
           ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

48    HC:            J::A:-  ((beugt Kopf einmal nach links, blickt weiter zu T))
49                   (1.2)
50    T:             m:it (.) WAS ?
51    HC:            ((schaut nach links auf die Couch))]
52
ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

     1999). Herrn Cs Gesprächspartnerin-                  Informationen zu erhalten, die sie für
     nen müssen die Gesten nicht nur inter-               die Versprachlichung benötigen (Z. 50,
     pretieren, sie stellen auch Fragen, um               60).
     die (ebenfalls gestisch übermittelten)

     60 FC:          was isch DRIN in der KISCHte; ((blickt HC an))

     HC nützt die materielle Umgebung

     61   HC:
           ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

Hier versucht er dies, indem er nach              lingt, die Zeichen der Sequenz zusam-
Gegenständen in der Umgebung sucht,               men zu setzen und zu erschliessen,
die den Inhalt der Kiste / des Kartons            was Herr C meint (Z. 68). Das Behält-
symbolisieren könnten. Nach einigem               nis wird zum Wäschekorb, der Ärmel
Suchen wird er fündig und greift nach             des T-Shirts zur Bügelwäsche. Herr C
dem Ärmel des T-Shirts seiner Frau                begrüsst diese Interpretation nach-
(Z.62). Damit macht er dieses Objekt              drücklich und wendet sich dabei der
(den Ärmel) zu einem Zeichen (für den             Tochter zu (Z.70). Die Strategie sich da-
Inhalt des Behältnisses) und ist damit            rauf zu konzentrieren, zunächst den
erfolgreich. Die Tochter schlägt «Klei-           konkreten Referenten seiner Gesten zu
der» vor (Z. 66) und diese Interpretati-          finden, war erfolgreich, aber Herrn Cs
on wird von Herrn C akzeptiert (Z. 67).           Absichten gehen weiter. Was will er
Dabei blickt er allerdings weiter zu sei-         über die Wäsche sagen und welche
ner Frau. Es ist Frau C, der es nun ge-           sprachliche Aktivität will er realisieren?

70    HC:            =
ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

     dem Frau C spricht und erklärt, das aber    Sprachgesunde und auch den Blick ver-
     inhaltlich und als Handlung von Herrn       wendet er extensiv. Er verwendet for-
     C, dem Vater, verantwortet bleibt (Go-      mal unterschiedliche Gesten jeweils in
     ffman 1979, Goodwin 2006a). Dement-         multiplen Funktionen. Manche dieser
     sprechend richtet die Tochter ihre Ver-     Funktionen entsprechen dem Norma-
     teidigung auch an den Vater (Z. 76).        len, z.B. dann, wenn er zum Zweck der
     Im Hinblick auf die Zusammenarbeit          Partizipationsorganisation die Beteilig-
     von Sprache und Gestik, schafft dieses      ten und Adressaten mittels Blick oder
     Duett, was Herr C alleine nicht leisten     Fingerzeig ‹anspricht› (interaktionsor-
     kann: Es verbindet sprachliche und ges-     ganisatorische Funktion deiktischer
     tische Äusserungen (wieder) zu einem        Gesten) oder wenn er die sprachlichen
     Ganzen, bringt sie in das komplemen-        Äusserungen seiner Frau durch (de-
     täre Verhältnis, in dem wir diese beiden    skriptive) Gesten unterstreicht (siehe
     Systeme in Gesprächen normalerwei-          die kontextualisierende Funktion der
     se vorfinden.                               Schlussgeste im Beispiel Themenwech-
                                                 sel oder den «Berg» im Beispiel Bügel-
                                                 wäsche). Andere Gesten (deiktische
     Diskussion                                  und repräsentative Gesten mit referen-
                                                 zieller Funktion) werden kompensato-
     Es ist also alles andere als normal und     risch eingesetzt. Sie sollen ohne
     alles andere als einfach, sich aus-         sprachliche Begleitung Inhalte übermit-
     schliesslich mit Gesten zu verständi-       teln, auf Objekte, Personen, Ereignis-
     gen. Der kompensatorische Gebrauch          se oder Orte referieren.
     von Gestik bedarf – um erfolgreich zu       Herrn Cs Gesten sind gut ausgeführt.
     sein – besonderer Bedingungen. Die-         Sie ziehen die Aufmerksamkeit der Ge-
     se müssen von den Beteiligten ge-           sprächspartnerinnen auf sich, werden
     schaffen werden. Mit anderen Worten:        deutlich vom anderen Geschehen ab-
     Die Gespräche müssen an die Beson-          gesetzt und sind ausführlicher als
     derheiten der gestischen Modalität ad-      sprachbegleitende Gestik (bis hin zur
     aptiert werden, damit die Gestik bedeu-     Pantomime). Sie werden in Abhängig-
     tungstragende Funktionen überneh-           keit von den Interpretationsschritten
     men kann.                                   seiner Gesprächspartnerinnen modifi-
     Die genauere Betrachtung der gesti-         ziert und damit ganz gezielt für die Ge-
     schen Äusserungen Herrn Cs zeigt            sprächspartnerinnen gestaltet (rezipi-
     deutlich, dass sich sein Gestenge-          entenspezifischer Zuschnitt).
     brauch vom normalen Gestengebrauch          Dementsprechend können wir eine
     unterscheidet: Herr C setzt deutlich        Reihe von adaptativen Veränderungen
     mehr Hand- und Kopfgesten ein als           der Interaktionsstrukturen beobachten,

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           ORIGINALBEITRAG – ARTICLE

von denen der kommunikative Erfolg               Anhieb verstanden. Da Gesten – z.B.
der gestengetragenen Äusserungen                 Zeigegesten oder pragmatische Ges-
Herrn Cs ganz entscheidend abhängt:              ten – allenfalls im Hier&Jetzt eindeutig
• Das Gespräch muss in einem gemein-             auf etwas oder jemanden verweisen
samen visuellen Raum stattfinden: Die            oder eine sprachliche Handlung ausdrü-
Gesprächspartner müssen einander se-             cken (komm her!) können, liefern sie,
hen können.                                      sobald das Hier&Jetzt verlassen wer-
• Die Partizipationsstrukturen werden            den soll, lediglich Hinweise. Sie funkti-
gezielt auf ein Miteinander angelegt, in         onieren ähnlich wie ein Stichwort, das
dem die Sprachgesunden Herrn C ihre              beim Gesprächspartner Wissen akti-
sprachlichen Mittel zur Verfügung stel-          viert, und können – wie Stichworte –
len und die sprachliche Ausformulie-             nur erfolgreich sein, wenn der Ge-
rung seiner Projekte übernehmen kön-             sprächspartner über dieses (gemeinsa-
nen. So betrachtet sind Herrn Cs Ges-            me) Wissen verfügt. Wenn er z.B.
ten meist nicht wirklich spracher-               weiss, welches konkrete Objekt mit
setzend. Sie liefern vielmehr inhaltliche        dem skizzierten Objekt gemeint sein
Hinweise, die es den sprachgesunden              könnte oder welche Orte sich in der ge-
Gesprächspartnerinnen ermöglichen,               zeigten Richtung befinden und was der
das zu versprachlichen, was Herr C ges-          Zeigende mit diesen Orten verbinden
tisch ‹skizziert›. Die für normale Gesprä-       könnte (Wohnorte von Freunden, Orte,
che so typische Verbindung von Ges-              an denen Ereignisse stattgefunden ha-
ten und Sprache in einer Äusserung (Si-          ben, Orte, an denen sich normalerwei-
multanität) wird aufgehoben und in               se bestimmte Dinge oder Menschen
verteilten ‹Rollen› und schrittweise wie-        befinden etc.). Solche Gesten benöti-
der hergestellt, wobei die Gesten die            gen also wissende Adressaten, für
Führung übernehmen. Aus sprachbe-                Fremde und Unwissende müssen sie
gleitender Gestik wird sprachbegleite-           unverständlich bleiben.
te Gestik, wobei Herr C die Gesten und           • Aus Herrn Cs Gesten alleine lässt sich
Frau C / die Tochter die Sprache liefern         meist nicht ablesen, welche – norma-
(siehe das multimodale Duett von                 lerweise sprachlich zu realisierenden –
Herrn und Frau C im Beispiel Bügelwä-            Aktivitäten er vorhat. So bleibt im Bei-
sche oder auch ihre Teamarbeit im Bei-           spiel Bügelwäsche lange verborgen,
spiel Themenwechsel).                            dass das, was er seiner Tochter de-
                                                 monstriert (Pantomime), als Aufforde-
Es sind aber auch Grenzen deutlich ge-           rung und Rüge zu verstehen ist. Ledig-
worden:                                          lich die Adressierung (= es geht um die
• Herrn Cs Gesten sind gut ausgeführt,           Tochter) und die Prosodie (ein sprachli-
werden aber dennoch nicht immer auf              ches Mittel!) geben Hinweise.

Aphasie und verwandte Gebiete 2/2012            ISSN 1664-8595                              31
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