ARCHIVNACHRICHTEN LANDESARCHIV BADEN-WÜRTTEMBERG - Europa vernetzt Ein Hohenzollernprinz auf dem rumänischen Thron - Landesarchiv Baden ...

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LANDESARCHIV
BADEN-WÜRTTEMBERG

Nr. 52 / März 2016

ARCHIVNACHRICHTEN

                     Europa vernetzt

                     Ein Hohenzollernprinz
                     auf dem rumänischen Thron

                     Württemberg, das Haus
                     Urach und Monaco

                     Raubkunst im Archiv?

                     Vom „Hundertmeterbau“
                     zum Grundbuchzentralarchiv
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Inhalt

                                                                                          KULTURGUT GESICHERT
    Verena Türck
    3 || Editorial                             Marionela Wolf                             Alexandra Haas
                                               22 || Migrationsnetzwerke – von Odessa     39 || Entdeckt und gesichert: Pläne und
    EUROPA VERNETZT                            über Strümpfelbach nach Montreal           Zeichnungen aus der württembergischen
                                                                                          Kirchenratsregistratur
    Clemens Rehm                               Claudia Wieland
    4 || Grenzüberschreitung im Archiv         23 || Idyllisches Exil im Taubertal.       Nadja Göhlich
                                               Der abgedankte portugiesische König        40 || Die Waffen der Restauratoren.
    Birgit Meyenberg                           Miguel I. de Braganza in Bronnbach         Heute: Die Airbrushpistole und worauf
    6 || Inkognito zum Thron.                                                             Pergamentrestauratoren abzielen
    Ein Hohenzollernprinz in Rumänien          Eberhard Merk
                                               24 || Württemberg, das Haus Urach          Anna Haberditzl
    Franz-Josef Ziwes                          und Monaco                                 41 || DIN – EN – ISO. Normung für
    9 || „Eine sociale Revolution“.                                                       Bestandserhaltung auf nationaler und
    Die Judenemanzipation in Rumänien          Kai Naumann                                internationaler Ebene
                                               26 || Das Künstlernetzwerk und sein
    Ioan Drăgan                               Speichergedächtnis                         ARCHIVE GEÖFFNET
    10 || Carol I. von Rumänien. Die
    Heiratsprojekte eines Fürsten aus dem      Susanne Laux / Christina Wolf              Erwin Frauenknecht
    Hause Hohenzollern-Sigmaringen             28 || Forschungsprojekt „Von der Mo-       42 || Kaiser Karl IV. (1316–1378) und
                                               narchie zur Republik“ gestartet            die Goldene Bulle. Ausstellung im Haupt-
    Birgit Meyenberg                                                                      staatsarchiv Stuttgart
    12 || Dichtung und Wirklichkeit.           Peter Müller
    Zum 100. Todesjahr der ersten Königin      30 || Wider „die geistige Isolierung       Konrad Krimm
    Rumäniens                                  des Archivars und der Archive“. 70 Jahre   43 || War er wirklich wunschlos? Ein
                                               Südwestdeutscher Archivtag                 Ausstellungsprojekt des Generallandes-
    Peter Rückert                                                                         archivs Karlsruhe zu Prinz Max von
    14 || Margarethe von Savoyen (1420–        Irene Brückle / Anna Haberditzl            Baden
    1479) und ihre Briefe                      31 || Konservierung ohne Grenzen
                                                                                          HÄUSER MIT GESCHICHTE
    Maria Magdalena Rückert                    ARCHIV AKTUELL
    16 || Quellen zur europäischen Ver-                                                   Michael Aumüller
    netzung des Deutschen Ordens im            Robert Kretzschmar                         44 || Vom „Hundertmeterbau“ zum
    Staatsarchiv Ludwigsburg und im Netz       32 || Jahresbericht für 2015               Grundbuchzentralarchiv

    Maria Magdalena Rückert                    Lutz Bannert / Ulrike Vogl                 JUNGES ARCHIV
    18 || Die Studienreisen des Ferdinand      35 || Raubkunst im Archiv?
    Geizkofler an die europäischen Höfe sei-   Provenienzforschung im Generallandes-      Lara A. Sauer
    ner Zeit                                   archiv Karlsruhe                           45 || Von der Hohenzollern-Prinzessin
                                                                                          zur Königin von Portugal
    Thomas Fricke /                            Gabriele Löffler
    Thorsten Huthwelker                        36 || Deutsches Kulturgut bei eBay         Vincent Lenk
    20 || Das Gemäldekabinett und die                                                     46 || Ein Bibliotheksstudent auf Abwegen
    Korrespondenz der Markgräfin Karoline      Thorsten Huthwelker
    Luise von Baden (1723–1783) gehen          37 || Theater trifft Archiv                GESCHICHTE ORIGINAL:
    online                                                                                QUELLEN FÜR DEN UNTERRICHT 51
                                               QUELLEN GRIFFBEREIT
    Martina Heine                                                                         Dieter Grupp
    21 || Unterwegs in Europa. Adelsnetz-      Peter Müller                               47 || Europäische Vernetzung in der
    werke am Beispiel der katholischen Linie   38 || Reichsstädtische Urkunden im         Frühen Neuzeit. Das Schicksal des
    der Löwenstein-Wertheimer                  Landesarchiv werden digitalisiert          Christian Bantlen aus Heselwangen

2      Archivnachrichten 52 / 2016
ARCHIVNACHRICHTEN LANDESARCHIV BADEN-WÜRTTEMBERG - Europa vernetzt Ein Hohenzollernprinz auf dem rumänischen Thron - Landesarchiv Baden ...
Editorial

Europa vernetzt – dies ist uns gegenwär-     die Zusammenarbeit im Bereich der di-
tig besonders präsent. Täglich erfahren      gitalen Langzeitarchivierung geschlossen.
wir über die Nachrichten, wie eng die        Und seit dem Herbst wird das Archiv
Verflechtungen auf politischer, sozialer     des Landtags vom Landesarchiv fachlich
und gesellschaftlicher Ebene in Europa       betreut.
mittlerweile sind.                             Das Thema Provenienzforschung be-
  Europa vernetzt – das galt aber auch       schäftigt derzeit auch die Abteilungen
schon in vergangenen Jahrhunderten. So       des Landesarchivs. In Karlsruhe wird hier-
wurde vor 150 Jahren Prinz Karl von          zu ein Projekt zur Recherche von rele-
Hohenzollern zum rumänischen Fürsten         vanten Informationen in Archivbeständen
erwählt. Ab 1881 regierte er als König       durchgeführt. Und unsere Restauratoren
Carol I. über Rumänien. Diese Verbin-        entwickeln ihre Methoden ständig weiter
dung zwischen Hohenzollern und Ru-           und berichten diesmal über Airbrush-
mänien ist für uns Anlass, dieses Heft der   Pistolen im Archiv.
Archivnachrichten der europäischen             In diesem Frühjahr und Sommer lädt
Vernetzung zu widmen.                        das Landesarchiv zu Ausstellungen über
  Nicht nur die Ereignisse in Rumänien       Kaiser Karl IV. und Prinz Max von Baden
beleuchten wir in unserem Schwerpunkt        ein. Durch die Präsentationen werden
Europa vernetzt ausführlich, sondern         diese Persönlichkeiten im Kontext ihrer
auch Briefnetzwerke, Studienreisen, Hei-     jeweiligen Zeit gezeigt – auch hier wer-
ratsverbindungen, Ordensnetzwerke und        den adlige und grenzüberschreitende Ver-
aktuelle Kooperationen im Archivwesen.       netzungen sichtbar.
In vielen Artikeln dieser Archivnachrich-      Als Quellen für den Unterricht stellt
ten beschäftigen sich die Autorinnen und     Dieter Grupp das Schicksal des Christian
Autoren mit adeligen Personen und Fa-        Bantlen aus Heselwangen vor. Dessen
milien. Dies ist kein Zufall, war doch der   Weg auf der Suche nach Arbeit führte
Adel in der Frühen Neuzeit in Europa die     ihn im 18. Jahrhundert quer durch
mobilste Bevölkerungsgruppe und un-          Europa und ist ein Beispiel für europäi-
tereinander durch politische und persön-     sche Migrations- und Wanderungsbe-
liche Beziehungen eng verbunden. Aber        wegungen.
auch die einfache Bevölkerung reiste           Wie bereits in den letzten Archivnach-
durch Europa – freilich oft aus anderen      richten zu lesen war, hat sich in der
Beweggründen. Gerade aus dem deut-           Redaktion ein Wechsel vollzogen. Seit
schen Südwesten wanderten im 17. bis         mittlerweile einem Jahr bin ich in der
ins 19. Jahrhundert viele Menschen aus       Abteilung Fachprogramme und Bil-
und suchten ihr Glück in der Ferne.          dungsarbeit nun für die Archivnachrich-
  In der Rubrik Archiv aktuell finden Sie    ten zuständig und freue mich über diese
den Jahresbericht des Präsidenten Prof.      abwechslungsreiche Aufgabe und auf
Dr. Kretzschmar. Kooperationen und           Ihre Rückmeldungen.
Vernetzungen spielten auch im Jahr 2015        Eine gute Lektüre wünscht Ihnen
wieder eine wichtige Rolle in der Arbeit
des Landesarchivs. So wurden erste Ver-
träge mit den kommunalen Rechenzen-          Ihre
tren und den Kommunalarchiven über           Dr. Verena Türck

                                                             Archivnachrichten 52 / 2016   3
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    Grenzüberschreitung im Archiv
    Der Liedermacher Reinhard Mey be-             titätsstiftende historische Überlieferung   Gegen-, Neben- und Miteinander. Keine
    schreibt 1970 in dem Lied Vertreterbe-        gesichert und genutzt wird. Und in der      Dokumentation von diplomatischen
    such, wie ihm ein Globus verkauft             Tat werten seit dem 19. Jahrhundert un-     Verhandlungen ohne Hinweise auf die
    werden soll. Doch den Kauf lehnt er als       gezählte lokal- und regionalhistorisch      Vorstellungen des Verhandlungspartners,
    unnötig ab, wenn die Mächtigen der Welt       Interessierte die in Archiven verwahrten    keine Gerichtsakte ohne mindestens
    die Grenzen wöchentlich neu ziehen.           Dokumente, diesen einzigartigen Schatz,     zwei unterschiedliche Auffassungen,
    Aber er ist nicht ganz ohne Hoffnung auf      zur Erstellung von Ortsgeschichten, zur     keine Kriegsberichterstattung ohne Geg-
    Einsicht und Frieden und vertröstet den       Erarbeitung von biografischen Studien       ner, kein Geschäftsabschluss ohne Käufer
    Vertreter:                                    oder zur Vorbereitung von historischen      und Verkäufer. Schriftlichkeit bedeutet
    Schreiben Sie in Ihr Notizbuch                Ausstellungen aus.                          Kommunikation. Und es ist Kern bei der
    für das Jahr 2003:                              Selbstverständlich können dabei Ur-       Auswertung archivischer Quellen, Dinge
    Nicht vergessen zu besuchen:                  kunden, Akten, Karten und Bilder zur        auch immer mit den Augen der anderen
    Wegen Globus zu Herrn Mey!                    Legitimation eigener Vorstellungen her-     betrachten zu können.
    Mehr als zehn Jahre nach der Jahrtau-         angezogen und zur Bestätigung von             Daher ist auch der Blick über den
    sendwende sind in Europa nach Zeiten          (Vor-)Urteilen zitiert werden – auch das    Tellerrand mit archivierten Unterlagen
    der Erleichterung bei Grenzübertritten        eine Möglichkeit lokaler und regionaler     selbstverständlich möglich und üblich.
    Grenzen wieder zum Thema geworden.            Identitätsbildung und Abgrenzung.           Beispielsweise wird im deutschen Süd-
    Abseits jeder Tagesaktualität lohnt in sol-   Das ist aber nur die halbe Wirklichkeit.    westen beim Thema Ein- und Auswande-
    chen Momenten ein Blick in die Archive;       Denn unabhängig davon, ob die Ge-           rung offenkundig, dass die Geschichte
    mit dem dort verwahrten Archivgut             schichte von Herrscherfamilien oder der     eines noch so kleinen Gemeindeteils
    wird menschliches Wollen, Wirken und          kleinen Leute in den Blick genommen         ohne eine grenzüberschreitende Perspek-
    Leiden über Jahrhunderte dokumentiert         wird, unabhängig davon, ob die Aspekte      tive unvollständig bleibt: Aus wirtschaft-
    und zugänglich gemacht.                       Politik, Wirtschaft oder Kultur im Zen-     lichen oder religiösen Gründen verließen
      In vielen Festreden werden Archive als      trum des Interesses stehen – stets finden   Menschen den Ort – oder siedelten sich
    Institutionen gefeiert, in denen die iden-    sich im Archiv Informationen zum            an.

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      Als historische Tatsache ist Grenzüber-             ein Staat. Deren Gebiete haben sich aber     lagen dort angesiedelter staatlicher Stel-
    schreitung fast in jedem Archiv greifbar.             durch die Jahrhunderte immer wieder          len befinden sich im Generallandesar-
    Die Archive sind sich dessen bewusst                  verändert; Grenzen wurden bis ins 20.        chiv Karlsruhe, weil dieses Archiv seit der
    und haben in vielfältigen Aktivitäten die             Jahrhundert neu gezogen, wie in Baden-       Kreisreform für die staatlichen Unterla-
    Begrenztheit einer einseitigen Sicht                  Württemberg zuletzt bei der Gemeinde-        gen des nordbadischen Regierungsbe-
    thematisiert. Zeitlich und räumlich gibt              und Kreisreform in den 1970er Jahren.        zirks zuständig ist, zu dem Freudenstadt
    es für das Thema Grenzen und Vernet-                  Wo kann nun ein interessierter Nutzer        inzwischen gehört.
    zungen keine Einschränkungen. Doku-                   Unterlagen z.B. zu Freudenstadt finden –       Die Zuständigkeit eines Archives de-
    mentiert sind mittelalterliche Handels-               gegründet 1599 von Herzog Friedrich I.       finiert sich also gerade nicht durch aktu-
    beziehungen ebenso wie neuzeitliche                   von Württemberg als befestigte Residenz,     elle Grenzen, sondern durch historische
    Reisepässe, dynastische Verbindungen                  heute zum Regierungsbezirk Karlsruhe         Entwicklungen. Wer heute die Ge-
    ebenso wie Verzeichnisse von durchrei-                gehörig? Wie schlägt sich ein solcher        schichte eines Ortes oder einer Region
    senden Fremden in Gemeindearchiven                    Prozess von Grenzveränderungen in den        untersuchen will, muss zwangsläufig die-
    und selbstverständlich historische Kar-               Archiven nieder?                             jenigen Archive aufsuchen, in denen die
    ten, auf denen die Zeitbedingtheit von                  Die Antwort der Archive lautet Prove-      Unterlagen der verschiedenen histori-
    Grenzen offenkundig wird.                             nienzprinzip: Es bedeutet, dass Unterlagen   schen Epochen jeweils gesichert sind. Er
      Aber neben diesen inhaltlichen Aspek-               stets in ihren ursprünglichen Entste-        muss damit selbst Grenzen überschrei-
    ten ist die Institution Archiv auch als               hungszusammenhängen und den dafür            ten, sonst bleibt sein Blick unvollständig.
    Fachbehörde beim Thema Grenzen ge-                    zuständigen Archiven gesichert werden.       Archive waren und sind aufgrund ihrer
    fragt.                                                Die Pläne für die württembergische           Geschichte und ihrer Grundsätze Insti-
      Entstanden als Verwaltungsdokumen-                  Planstadt Freudenstadt von Heinrich          tutionen der Grenzüberschreitung – eine
    tation von Herrschaften spiegelt sich in              Schickhardt befinden sich im Hauptstaats-    Chance, die zu nutzen sich lohnt.
    Archiven die historische Dimension                    archiv Stuttgart, weil dort die Unterlagen
    einer politischen Einheit, sei es eine Ge-            des württembergischen Baumeisters
    meinde oder Stadt, ein Bundesland oder                liegen. Die ab 1973 entstandenen Unter-                                  Clemens Rehm

    1 | Großherzoglich badisches Wappen auf einem
    Grenzstock für das Großherzogtum Baden aus dem
    19. Jahrhundert.
    Vorlage: Landesarchiv GLAK J-K B 23

    2 | Handels- und Schifffahrtsvertrag Badens mit der
    Ottomanischen Pforte vom 14. Mai 1862.
    Vorlage: Landesarchiv GLAK 48 Nr. 6641

    Europa vernetzt                                                                                                     Archivnachrichten 52 / 2016   5
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    Inkognito zum Thron
    Ein Hohenzollernprinz in Rumänien

                                                                                             2
    Alter 26 Jahre                               Prinzen. Dieser war jedoch nicht auf        auf die Reise. Dabei musste er alle, seine
    Größe 5 Fuß 7 ¼ Zoll                         dem Weg nach Odessa, sondern nach           wahre Identität verratenden Dokumente
    Statur schlank                               Rumänien, wo er per Volksabstimmung         zurücklassen und selbst sein Mono-
    Haare und Augenbrauen schwarz                zum Fürsten gewählt worden war. Die         gramm aus den Accessoires entfernen,
    Augen grau                                   beiden Donaufürstentümer Moldau und         um bei seiner Reise durch Österreich
    Nase spitzig                                 Walachei waren 1859 von dem rumäni-         und Ungarn nicht enttarnt zu werden.
    Mund mittler                                 schen Fürsten Alexandru Ioan Cuza ver-      Denn Österreich hatte sich gegen die
    Kinn rund                                    einigt, Cuza jedoch bereits im Frühjahr     Wahl des hohenzollerischen Prinzen
    Bart braun                                   1866 gestürzt worden. Um internen           zum rumänischen Staatsoberhaupt aus-
    Gesicht länglich                             Machtkämpfen und Separationstenden-         gesprochen.
    Kennzeichen: trägt eine Brille.              zen vorzubeugen, sollte der nächste           Um die Annahme der Wahl durch
                                                 Fürst ein aus dem Ausland stammender        den Prinzen zu verhindern, wurde jeder
    So lautet das Signalement des am15. Mai      Prinz sein. Die Wahl des Prinzen Karl       seiner Schritte bereits auf deutschem
    1866 in der Schweiz auf den Namen            von Hohenzollern war von Napoleon III.,     Boden argwöhnisch überwacht. Selbst
    Carl Hettingen, Partikulier von Thal, Bez.   Kaiser der Franzosen, unterstützt wor-      von seinen Eltern musste er heimlich
    Unterheinthal, zur Reise nach Odessa         den, nachdem Graf Philipp von Flandern      Abschied nehmen. Er vertauschte seine
    ausgestellten Passes. Tatsächlich jedoch     die rumänische Fürstenkrone abgelehnt       Uniform mit Zivilkleidung und reiste
    war dieser Pass für den Prinzen Karl von     hatte.                                      zunächst in die Schweiz und von dort
    Hohenzollern-Sigmaringen bestimmt.             Prinz Karl suchte als preußischer Offi-   per Bahn und Schiff nach Rumänien.
    Hettingen ist eine kleine Stadt im ehe-      zier um Urlaub von der Truppe nach          Um diese Reise ranken sich einige Anek-
    maligen Fürstentum Hohenzollern-             und begab sich mit Duldung des preußi-      doten.
    Sigmaringen und das dortige Schloss be-      schen Königs Wilhelms I., des Ober-           So war Prinz Karl in Österreich, wo
    fand sich im Eigentum der Familie des        haupts des Gesamthauses Hohenzollern,       sich am Vorabend des Deutsch-Deut-

6       Archivnachrichten 52 / 2016                                                                                       Europa vernetzt
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3
schen Krieges die Mobilmachung bereits       erlassene rumänische Verfassung und        schließlich eine autoritäre Verfassung
durch erhöhte Militärpräsenz abzeich-        begann sich den Problemen seines           gegen die politischen Kräfte von Konser-
nete, in ernsthafter Gefahr entdeckt und     neuen Heimatlandes zu stellen. Eines       vativen und Radikalliberalen durch-
arretiert zu werden. Am Salzburger           davon war die Suzeränität des Osmani-      zusetzen suchte, scheiterte er. Äußerst
Bahnhof soll er von einem Beamten            schen Reiches über Rumänien. Deren         kritisch beäugte die frankophile Ober-
nach seinem Namen gefragt worden             Folgen waren zwar nicht drückend, be-      schicht Rumäniens ihren Herrscher
sein. Aber gerade in diesem Augenblick       deuteten jedoch für den jungen Staat       während der französisch-preußischen
war dem Prinzen das Pseudonym entfal-        einen Prestigeverlust. Bei seinem An-      Auseinandersetzungen. Aufgrund zu-
len. Sein geistesgegenwärtiger Begleiter     trittsbesuch in Konstantinopel meisterte   nehmender innenpolitischer Probleme
drängte sich in eigener Angelegenheit        der junge Fürst die Situation souverän:    und des Verlusts der fürstlichen Auto-
dazwischen, so dass der Inkognito-Rei-       Der Sultan empfing den Gast in einem       rität, nicht zuletzt wegen der Affäre um
sende genügend Zeit hatte, seinen Pass       Raum seines Palastes, indem er ihm bis     die rumänische Eisenbahn, trug sich
herauszusuchen.                              zur Tür entgegenging. Für den Sultan       Carol zu Beginn des Jahres 1871 mit Ab-
  Die Reise ging per Schiff weiter über      stand in dem Raum ein Diwan bereit,        dankungsgedanken.
die Donau und bei Turnu Severin betrat       daneben ein Sessel für den Gast, den Va-     Nach dieser Krise änderte der Fürst
Karl zum ersten Mal rumänischen              sallen. Carol setzte sich aber nicht auf   seine Amtsauffassung. Er lernte die ihm
Boden. Dort wurde er vom liberalen Po-       diesen, sondern direkt neben den Sultan,   per Verfassung zugewiesene Rolle auszu-
litiker Joan C. Brătianu, der ihm den       um seine Gleichrangigkeit zu demon-        füllen. Von seiner bisherigen autoritären
Fürstenthron angeboten hatte, am             strieren.                                  Haltung abgekommen, suchte er nun
20. Mai 1866 empfangen. Begeistert be-         Die ersten Regierungsjahre waren ge-     häufiger den Konsens mit Parlament und
grüßte die Bevölkerung den Prinzen           prägt von Versuchen zur Modernisie-        Regierung und war notfalls auch bereit
in Bukarest. Karl leistete als Fürst Carol   rung des Landes und der Stärkung der       nachzugeben. Bei nationalen Problemen
von Rumänien seinen Eid auf die neu          eigenen Machtposition. Als Carol           wie der Lage der Bauern oder der Juden-

Europa vernetzt                                                                                         Archivnachrichten 52 / 2016   7
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    emanzipation hielt er sich zurück.          seinen politischen Zenit. Eine der dun-   1 | Der Reisepass der Schweizerischen Eidgenossen-
                                                                                          schaft des inkognito reisenden Fürsten, 1866.
    Durch seine veränderte innenpolitische      kelsten Stunden erlebte er bei Ausbruch
                                                                                          Vorlage: Rumänisches Nationalarchiv Bukarest
    Haltung und sein außenpolitisches           des Ersten Weltkrieges. Er selbst, im     C.R., Miscelanee ds. 4
    Ansehen festigte sich seine Position er-    Herzen immer noch preußischer Offi-
    heblich.                                    zier, votierte im Kronrat für einen
                                                                                          2 | Der junge Prinz Karl von Hohenzollern-Sigma-
      Infolge des Russisch-Türkischen Krie-     Kriegseintritt an der Seite der Mittel-   ringen.
    ges (1877–1878) gelang es Rumänien          mächte. Er wurde jedoch überstimmt        Vorlage: Fürstlich Hohenzollernsche Sammlungen
    seine volle Souveränität zu gewinnen.       und das Land blieb neutral. Am 10. Ok-
    Bei der Schlacht von Plewen waren rumä-     tober 1914 verstarb der erste König von
                                                                                          3 | Ergebnis des Plebiszits nach der Proklamation
    nische Truppen an der Seite Russlands       Rumänien. Zwei Jahre später trat Ru-      des Prinzen Karl von Hohenzollern-Sigmaringen
    beteiligt. Dank der Neuorganisation der     mänien unter seinem Nachfolger König      zum Fürsten von Rumänien vom 30.3./11.4.1866:
    Armee durch Carol und seines militä-        Ferdinand an der Seite der Entente in     685.969 Stimmen dafür, 224 Gegenstimmen.
    risch-strategischen Talents waren die ru-   den Ersten Weltkrieg ein.                 Vorlage: Landesarchiv StAS FAS HS 1-80 T 1-6
                                                                                          R 53,1436
    mänischen Truppen erfolgreich. Infolge
    dieses Krieges erlangte Rumänien seine                          Birgit Meyenberg
    Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich                                                  4 | Briefkopf mit Abbildung von Schloss Peleş im
                                                                                          Karpatengebirge. Carol ließ das Schloss als Sommer-
    und erklärte sich 1881 zum Königreich.
                                                                                          residenz errichten.
    Die rumänische Königskrone wurde aus                                                  Vorlage: Landesarchiv StAS FAS HS 1-80 T 8 Nr. 622
    einer vom osmanischen Heer in der
    Schlacht von Plewen erbeuteten Guss-
                                                                                          5 | „Auf der Reise nach der Wallachei“ im Mai
    stahlkanone hergestellt.
                                                                                          1866 – Tagebucheintragungen.
      Mit der Erlangung der Unabhängigkeit                                                Vorlage: Rumänisches Nationalarchiv Bukarest
    seines Landes erreichte Carol sicherlich                                              C.R., Personale, Carol I, Memorii.ds.III.26

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„Eine sociale Revolution“
Die Judenemanzipation in Rumänien in den Briefen des Fürsten Carol I.

Brief des Fürsten Carol von Rumänien an seinen
Bruder, den Erbprinzen Leopold von Hohenzollern,
Juni 1879.
Vorlage: Landesarchiv StAS FAS HS 1-80 T 8
Nr. 580

Der Berliner Vertrag vom Juli 1878 stellte
dem Fürstentum Rumänien die lang-
ersehnte internationale Anerkennung als
unabhängigem Staat in Aussicht. Aller-
dings waren zwei Bedingungen daran ge-
knüpft: Zum einen musste Rumänien
den südlichen Teil Bessarabiens wieder
an Russland abtreten, zum anderen for-
derten die Vertragsmächte die verfassungs-
mäßig verankerte Gleichberechtigung
der Juden in Rumänien. So verlangte der
Artikel 44 des Vertragswerks: In Rumä-
nien darf der Unterschied des
religiösen Glaubens und der Bekenntnisse
Niemandem gegenüber geltend gemacht                  Die sozialen Spannungen, erhebliche         mig angelegten und damit nur schwer
werden als ein Grund der Ausschließung             antijüdische Ressentiments in einflussrei-    entzifferbaren Briefzeilen beschwerte er
oder der Unfähigkeit bezüglich des Genus-          chen nationalistischen, konservativen         sich über den schlechten Willen in den
ses der bürgerlichen und politischen Rechte,       und liberalen Kreisen sowie die ungedul-      parlamentarischen Kammern und die
der Zulassung zu öffentlichen Diensten,            dige Haltung Bismarcks setzten auch den       große Unentschlossenheit der rumäni-
Ämtern und Ehren oder der Ausübung der             Fürsten Carol erheblich unter Druck.          schen Regierung. Er selbst habe die dro-
verschiedenen Berufs- und Gewerbszweige,           Ganz offen brachte er seine zwiespältige      hende Gefahr einer Intervention vom Aus-
an welchem Orte es auch sei.                       Haltung in der privaten Korrespondenz         lande als Schreckensbild aufgestellt, und
  Damit waren in erster Linie natürlich            mit seinem Bruder, dem Erbprinzen Leo-        trotzdem sei die Aversion gegen die Juden
die jüdischen Bewohner des jungen Fürs-            pold von Hohenzollern zum Ausdruck.           so bedeutend, dass man so wenig wie mög-
tentums gemeint. Insbesondere in der               Er schrieb von der Judenemanzipation          lich geben werde. Carol selbst brachte den
Moldau hatte deren Anteil an der Bevöl-            als einer socialen Revolution, die tief ins   Juden seines Landes durchaus Wohlwol-
kerung durch Zuwanderung, vor allem                Staatsleben einschneidet und eine natio-      len entgegen. Zu einem konsequenten
aber durch eine günstige demografische             nale Gefahr birgt. Der Occident befinde       Eintreten für deren Gleichberechtigung
Entwicklung beachtlich zugenommen.                 sich in einer vollen Unkenntnis in dieser     fehlten ihm jedoch Mut und Durchset-
Die Einbürgerung blieb den Juden aller-            Angelegenheit und verlange trotzdem,          zungskraft. Dessen ungeachtet fand Ru-
dings nach wie vor verwehrt. Allein                dass das Unmögliche möglich gemacht           mänien recht bald die internationale
schon die öffentliche Diskussion der               werde. Bismarck fahre fort, ihn zu drang-     Anerkennung. Für Rumäniens Juden frei-
Emanzipationsfrage in der Verfassung-              salieren und übergehe seinen, also Carols     lich sollten sich erst in den zwanziger
gebenden Versammlung und in der Par-               diplomatischen Vertreter in Berlin geflis-    Jahren des nachfolgenden Jahrhunderts
lamentskommission sollte gewalttätige              sentlich. Es ist dies wieder ein Mal eine     grundlegende Verbesserungen ergeben.
Ausschreitungen gegen Juden zur Folge              Brutalität à la B[ismarck] gegen welche man
haben.                                             nicht ankämpfen kann. In teils gitterför-                           Franz-Josef Ziwes

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Carol I. von Rumänien
     Die Heiratsprojekte eines Fürsten aus dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen

     Am 10. Mai 1866 wurde Carol (Karl),          herrscher war Prinz Karl in die Nichte        ans, Maria Alexandrovna, die noch
     Sohn des Titularfürsten des Hauses Ho-       von Kaiser Napoleon III., Prinzessin          minderjährige Tochter des Zaren Alexan-
     henzollern-Sigmaringen, Karl Anton,          Anna Murat, verliebt. Das Heiratsprojekt      der II. – eine von Bismarck ins Gespräch
     nach einer Volksabstimmung vom Parla-        scheiterte jedoch, ebenso wie eine weitere    gebrachte Option, um Russland wohl-
     ment in Bukarest zum Herrscher von           französische Option mit Margaret de Ne-       zustimmen – die Prinzessinnen Marie
     Rumänien (rum. domnitor al României)         mours, der Enkelin des von der Revolu-        und Anne Sophie von Sachsen-Weimar,
     proklamiert. Er stützte sich auf die dis-    tion abgesetzten Königs Louis Philippe I.     Marie von Holland, Thyra von Däne-
     krete Zustimmung von Kaiser Napoleon III.    d' Orléans. Während der Berufungsver-         mark und Sophie von Bayern, die Schwe-
     und Reichskanzler Bismarck, sah sich         handlungen und der Inthronisation             ster von Elisabeth (Sissi), Kaiserin von
     aber auch mit der offenen Ablehnung          scheinen die Heiratsprojekte vorüberge-       Österreich und Königin von Ungarn.
     durch das Osmanische Reich, Österreich       hend ins Stocken geraten zu sein. Dem         Gegen Ende des Jahres 1868 reduzierte
     und Russland konfrontiert. Mit der Be-       rumänischen Landesherrscher eröffneten        der Vater des Fürsten die möglichen
     rufung eines ausländischen Herrschers        sich nun diesbezüglich neue Perspekti-        Heiratspartien auf drei: mit Thyra von
     verfolgten die führenden rumänischen         ven. In einem Schreiben vom 14. Juni          Dänemark, Elisabeth zu Wied – eine als
     Politiker die Konsolidierung der 1859        1866 bat der Vater den Sohn inständig,        zweckdienlich erachtete Partie, wenn
     vollzogenen Einigung der beiden Donau-       sich keinen weiblichen Versuchungen, die      auch ihre Familie in Rumänien wenig
     fürstentümer Moldau und Walachei             seiner Position als Herrscher abträglich      bekannt war – und eine Anwärterin aus
     und die Anerkennung ihrer staatlichen        wären, auszusetzen. Er empfahl, den Zeit-     dem Hause Coburg. Eine ebenfalls in Er-
     Eigenständigkeit gegenüber dem Osma-         punkt der Eheschließung noch hinaus-          wägung gezogene Heirat mit Hermine
     nischen Reich.                               zuzögern.                                     von Schaumburg-Lippe scheiterte aus
       Der junge Prinz setzte sich schon in         In den nachfolgenden Monaten kam            konfessionellen Gründen: Carol war ka-
     den ersten Tagen nach seiner Ankunft         auch Karl Anton zu der Einsicht, dass die     tholisch und die streng religiös erzogene
     mit aller Kraft für die innere und äußere    von Abgesandten der rumänischen               Prinzessin protestantisch, die Kinder
     Konsolidierung des jungen Staates ein.       Regierung mit dem russischen Kanzler          wiederum mussten laut Staatsverfassung
     Dabei nahm er auch die Unterstützung         Gortschakow besprochene Heirat mit            orthodox getauft werden.
     seiner Familie in Anspruch, vor allem        Prinzessin Eugenie von Leuchtenberg,            Am 21. April 1869 verlangte Karl Anton
     jene seines Vaters Karl Anton, dem die       einer Enkelin des Zaren, die Position des     von seinem Sohn die Einwilligung, Ver-
     Verleihung der rumänischen Staatsbür-        teils weiterhin beanstandeten jungen          handlungen um die Hand Elisabeths von
     gerschaft und ein Parlamentssitz in Aus-     Fürsten im Lande stärken könnte. Im Ver-      Wied einleiten zu können, obwohl andere
     sicht gestellt wurden. Bis zu seinem Tod     gleich mit anderen Anwärterinnen aus          heiratspolitische Optionen weiterhin
     im Jahre 1885 war der ehemalige preu-        den Häusern Bourbon-Parma, Coburg,            offen blieben. Ermutigt durch den preu-
     ßische Ministerpräsident der wichtigste      Orléans und Bayern schien diese sowohl        ßischen Kronprinzen machte Carol I.
     Berater des rumänischen Herrschers so-       aus politischen und konfessionellen –         während seiner ersten Auslandsreise nach
     wohl in privaten als auch in öffentlichen    Eugenie war der griechisch-orthodoxen         der Thronbesteigung im Herbst 1869
     Belangen. Er war sein privater Botschafter   Konfession des Landes zugehörig – Über-       Elisabeth einen Heiratsantrag. Die reli-
     in Preußen und bei den europäischen          legungen heraus, als auch hinsichtlich        giöse Trauung fand am 15. November 1869
     Höfen und Regierungen. Davon zeugen          des Besitzstandes, die komfortabelste         in Neuwied statt. Anschließend begab
     die ca. 250 Briefe an seinen Sohn aus        Heiratspartie zu sein. Carols wichtigste      sich das Fürstenpaar nach Bukarest. Die
     dem reichhaltigen Archiv der königlichen     europäische Protektoren, Reichskanzler        Heirat mit Elisabeth erbrachte dem Lan-
     Familie, das im Rumänischen National-        Bismarck und Kaiser Napoleon III.,            desfürsten zwar moralische Vorteile, aber
     archiv Bukarest aufbewahrt wird.             setzten sich für die letztlich gescheiterte   aufgrund der geringen Erbanwartschaft
       Die Hochzeit des bei seiner Inthronisa-    russische Partie ein.                         der Prinzessin keine materiellen. Die
     tion 27 Jahre alten Fürsten Carol war          Am 5. April 1868 legte Karl Anton           junge Fürstenfamilie sah sich genötigt,
     nicht nur eine Angelegenheit des Hauses      seinem Sohn das Ergebnis seiner europa-       ein bescheidenes und genügsames Hof-
     Hohenzollern, sondern gleichsam eine         weiten Brautschau vor: Therese von            leben zu führen.
     von staatspolitischer Tragweite. Vor sei-    Oldenburg, Amalie von Sachsen-Coburg,
     ner Berufung zum rumänischen Landes-         die Prinzessinnen aus dem Hause Orlé-                                    Ioan Drăgan

10      Archivnachrichten 52 / 2016                                                                                         Europa vernetzt
1 | Carol I. von Rumänien, Fürst von Hohenzollern-
Sigmaringen (ohne Datum).
Vorlage: Rumänisches Nationalarchiv Bukarest BU-
F-01073-2-00001-1

                                                     2 | König Carol I. und Königin Elisabeth, Holzstich
                                                     von J. Wach nach einer Zeichnung, 1890.
                                                     Vorlage: Rumänisches Nationalarchiv Bukarest BU-
                                                     F-01073-2-02970

3 | Fürst Carol I. und Fürstin Elisabeth auf der
Suche nach einem geeigneten Standort für die Som-
merresidenz Schloss Peleş in Sinaia, 1872.
Vorlage: Rumänisches Nationalarchiv Bukarest BU-
F-01073-1-17

Europa vernetzt                                                          Archivnachrichten 52 / 2016       11
Dichtung und Wirklichkeit
     Zum 100. Todesjahr der ersten Königin Rumäniens

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     Die Braut, die Fürst Carol von Rumänien      Die Hochzeit fand in Neuwied, der Hei-      Dem Paar wurde nur eine Tochter gebo-
     am 15. November 1869 zum Traualtar           mat der Braut, statt und wurde sowohl       ren, die im Kleinkindalter starb. Den
     führte, war beinahe 26 Jahre alt, für die    nach evangelischem wie auch katholi-        Verlust des einzigen Kindes und die zahl-
     damalige Zeit ein recht reifes Alter. Doch   schem Ritus zelebriert. Allerdings war      reichen erlittenen Fehlgeburten verarbei-
     beide Brautleute hatten zuvor schon ei-      dabei von einer Trauungsaffäre die          tete Elisabeth zu Wied, seit 1881 Königin
     nige Eheverbindungen in Aussicht ge-         Rede. Denn der Neuwieder katholische        von Rumänien, in einer Vielzahl von
     habt. Die Braut, Elisabeth zu Wied, war      Pfarrer durfte auf Weisung seines Bi-       Gedichten und literarischen Werken, die
     sogar im Gespräch als Gemahlin für den       schofs die Trauung nicht vollziehen, da     sie meist unter dem Pseudonym Carmen
     britischen Thronfolger Edward, danach        gemäß der rumänischen Verfassung, die       Sylva veröffentlichte. Für ihr literarisches
     für dessen Bruder Alfred gewesen. Auch       der aus dem katholischen Fürstenhaus        Werk erhielt sie internationale Anerken-
     für den jungen Fürsten von Rumänien          Hohenzollern stammende Fürst unter-         nung, für den Aphorismenband Les
     war es nicht leicht, eine standesgemäße      zeichnet hatte, die zu erwartenden Kin-     pensées d’une reine 1888 sogar den Prix
     Gattin zu finden. Denn der rumänische        der im orthodoxen Glauben erzogen           Botta der Académie française. Neben ei-
     Thron galt als ein unsicherer, war doch      werden sollten. Die katholische Trauung     genen Werken widmete sich die Königin
     Carols Vorgänger drei Jahre zuvor ge-        zelebrierte schließlich ein Militärgeist-   Übersetzungsarbeiten. Auf literarischem
     stürzt worden.                               licher.                                     Gebiet verband sie eine Freundschaft zu

12      Archivnachrichten 52 / 2016                                                                                         Europa vernetzt
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                                                                                Sonnenstrahl hindurch gesehen.“
                                                                                Carmen Sylva alias Königin Elisabeth von Rumänien (1843–1916)

Kaiserin Elisabeth von Österreich. Doch        sogar die Verlobung der beiden. Aller-
stellte die Königin ihre literarische Arbeit   dings war verfassungsgemäß eine Ehe
in den Dienst der rumänischen Monar-           des Thronfolgers mit einem Landeskind
chie und unterstützte damit die Ziele des      nicht statthaft, und so löste Ferdinand
Königs, das Land zu modernisieren. Ein         die Verlobung. Zwischen Königin und              1 | Königin Elisabeth von Rumänien im Jahr 1894.
immer wiederkehrendes Thema in ihrem           König kam es deshalb zum Zerwürfnis.             Lithographie von A. J. Falcoyano.
Werk ist daher Pflicht. Sie zog renom-         Elisabeth verließ für drei Jahre das Land.       Vorlage: Landesarchiv StAS FAS Ef 82 G

mierte Künstler wie Dora Hitz, August          Erst 1894, im Jahr ihrer Silberhochzeit,         2 | Gedicht „Waldvogels Lied“ der Königin Elisa-
Bungert oder Pierre Loti an ihren Hof          kehrte sie in ihr geliebtes Rumänien zu-         beth, das sie den deutschen Gesangsvereinen
und förderte junge Talente wie George          rück. Mit dem Tod Carols am 10. Oktober          widmete. „Prinz Waldvogel“ heißt auch eines ihrer
                                                                                                Märchen.
Enescu.                                        1914 endete die nicht immer einfache
                                                                                                Vorlage: Landesarchiv StAS FAS HS 1-80 T 13
  Nachdem Carols Neffe Ferdinand von           Beziehung zwischen dem nüchternen                Nr. 63
Hohenzollern zum Kronprinzen ernannt           Staatsmann und der romantischen Dich-
und nach Rumänien übergesiedelt war,           terin. Elisabeth verstarb am 2. März             3 | Schreiben der rumänischen Königin Elisabeth
                                                                                                an ihre Schwiegermutter Fürstin Josephine von Ho-
versuchte Elisabeth dessen Neigung zu          1916. Beide liegen in der Kathedrale in
                                                                                                henzollern vom 17. Februar 1899.
ihrer rumänischen Ehrendame Elena              Curtea de Arge begraben.                         Vorlage: Landesarchiv StAS FAS HS 1-80 T 8
Văcărescu zu fördern und veranlasste                                 Birgit Meyenberg         Nr. 624

Europa vernetzt                                                                                                     Archivnachrichten 52 / 2016     13
Margarethe von Savoyen (1420–1479)
     und ihre Briefe
     Schriftkultur in europäischer Vernetzung

                                                          Die europäische Vernetzung des Hauses        Schreiben – die ihre Bildung, Interessen
                                                          Württemberg tritt im späteren Mittel-        und Weltläufigkeit demonstrieren. In
                                                          alter vor allem durch seine grenzüber-       diesem Briefwechsel mit über 50 ver-
                                                          schreitenden dynastischen Verbindungen       schiedenen Personen und Persönlichkei-
                                                          hervor. Margarethe von Savoyen (1420–        ten aus dem In- und Ausland begegnet
                                                          1479) als Gemahlin Graf Ulrichs V. und       man unterschiedlichen Gesellschafts-
                                                          Barbara Gonzaga von Mantua (1455–            schichten: Margarethes Briefpartner sind
                                                          1503), Frau Graf Eberhards V., sind          ebenso hohe adelige und geistliche Her-
                                                          dafür als namhafte Persönlichkeiten am       ren aus ihrer Umgebung, Amtmänner
                                                          württembergischen Hof bekannt. Sie ste-      und Diener aus der württembergischen
                                                          hen nicht allein für familiäre Netzwerke,    Verwaltung, wie Künstler und Gelehrte
                                                          sondern auch für nachhaltigen Kultur-        aus dem weiteren Umkreis. Sie korres-
                                                          transfer und politische Allianzen, gerade    pondierte mit wichtigen Herrschaften
                                                          über die Alpen nach Oberitalien.             bzw. Fürstengenossen vor allem in
                                                          Im Gegensatz zu den übrigen Gräfinnen        Baden, Bayern und der Pfalz, aber auch
                                                          im Hause Württemberg hat sich für            in Frankreich, Burgund und den italieni-
                                                          Margarethe von Savoyen ein umfangrei-        schen Fürstentümern Mailand, Piemont
                                                          cher Briefwechsel im Hauptstaatsarchiv       und Savoyen, also mit ihrer eigenen
                                                          Stuttgart erhalten, der einen großartigen    Familie. Sie erhielt Briefe in Deutsch,
                                                          Einblick in die Schriftkultur ihrer Zeit     Latein, Französisch und Italienisch. Wir
                                                          bietet (Bestand A 602 Nr. 260). Margare-     erfahren anhand ihrer eigenen Briefent-
                                                          the, die zuvor bereits mit Ludwig III. von   würfe, dass sie diese nicht nur verstand,
                                                          Anjou und Kurfürst Ludwig IV. von der        sondern auch beantwortet bzw. provo-
                                                          Pfalz verheiratet gewesen war, hatte 1453    ziert hat.
                                                          die Ehe mit Graf Ulrich V. von Württem-        Bislang ist der Briefwechsel von Marga-
                                                          berg geschlossen, der ebenfalls bereits      rethe von Savoyen noch kaum wissen-
                                                          doppelt verwitwet war. Als Tochter Her-      schaftlich ausgewertet, und auch nach
                                                          zog Amadeus‘ VIII. von Savoyen, der          der Gegenüberlieferung ihrer Korres-
                                                          als Papst Felix V. (1439–1449) Furore        pondenzpartner wurde noch nicht ge-
                                                          machte, entstammte Margarethe feinsten       fragt. Ein neues Erschließungsprojekt,
                                                          fürstlichen Kreisen; sie war eine geistig    ausgerichtet an mittelalterlichen Briefen,
                                                          wie künstlerisch vielseitig begabte und      soll im Landesarchiv Baden-Württem-
                                                          interessierte Frau. Ihre Vorliebe für Bü-    berg bald den wissenschaftlichen Zugang
                                                          cher und Literatur fand in prachtvollen      zu dieser großartigen Überlieferung
                                                          Werken, die sie in Auftrag gab und die       erleichtern, wie auch die historische An-
                                                          ihre kostbare Bibliothek schmückten,         näherung an eine besondere Frau, die
                                                          prominenten Ausdruck.                        spätmittelalterliche Schriftkultur in ihrer
                                                            Margarethes persönliche Vernetzung,        europäischen Vernetzung ganz persön-
     Margarethe von Savoyen (1420–1479). Ausschnitt
                                                          ihre intensiven Kontakte zur internatio-     lich vermitteln kann.
     aus einer Altartafel von Ludwig Fries, um 1472/80.
     Vorlage: Landesmuseum Württemberg, Inv. Nr.          nalen gelehrten Welt, spiegeln ihre fast
     13721                                                150 Briefe – eingehende wie ausgehende                                 Peter Rückert

14      Archivnachrichten 52 / 2016                                                                                                  Europa vernetzt
Das Online-Findmittel zum Bestand
                                                    „Württembergische Regesten“ des Haupt-
                                                    staatsarchivs Stuttgart mit den Digita-
                                                    lisaten der Briefe von Margarethe von Sa-
                                                    voyen (Bestand A 602 Nr. 260) siehe
                                                    unter: http://www.landesarchiv-bw.de/
                                                    plink/?f=1-21969.

                                                    Weiterführende Literatur: Briefe aus
                                                    dem Spätmittelalter. Herrschaftliche Kor-
Brief des berühmten Literaten und Arztes Dr. Lud-
                                                    respondenz im deutschen Südwesten.
wig Steinhöwel an Margarethe von Savoyen vom
27. Mai 1474.                                       Hg. von Peter Rückert, Nicole Bickhoff,
Vorlage: Landesarchiv HStAS A 602 Nr. 260           Mark Mersiowsky. Stuttgart 2015.

Europa vernetzt                                                     Archivnachrichten 52 / 2016   15
Quellen zur europäischen Vernetzung des
     Deutschen Ordens im Staatsarchiv Ludwigs-
     burg und im Netz
     Der vor über 800 Jahren im Heiligen Land     eint, die den Orden insgesamt von sei-     festgehalten, um ihre Memoria begehen
     gegründete Deutsche Orden hat tiefe          nen Anfängen im Mittelmeerraum bis         zu können. Der Eintrag zum 20. März
     Spuren in der Geschichte Europas hinter-     ins 19. Jahrhundert betreffen. Ihr kommt   gilt dem bedeutenden Hochmeister Her-
     lassen. Dies zeigt sich an hinterlassenen    eine besondere Bedeutung zu, da sie        mann von Salza, einem engen Vertrauten
     Bauwerken von Königsberg bis Palermo         auch Stücke umfasst, die nicht mehr im     Kaiser Friedrichs II. (StAL B 279 II U 1).
     und in seiner schriftlichen Überlieferung,   Original überliefert sind.                   Diese und weitere Stücke von überre-
     die über ganz Europa verteilt ist.             Um die Erforschung der Geschichte        gionaler Bedeutung, die die europäische
       Nach dem Verlust der preußischen           des international vernetzten Deutschen     Verflechtung des Deutschen Ordens vor
     Gebiete residierte der Hoch- und Deutsch-    Ordens zu fördern, hat das Staatsarchiv    Augen führen, sollen die Wanderausstel-
     meister in Mergentheim. Von dort aus         Ludwigsburg nicht nur alle einschlägigen   lung des Deutschordensmuseums Bad
     wurde der zentralistisch organisierte        Findbücher, sondern auch herausra-         Mergentheim ergänzen, die im Rahmen
     Orden gesteuert, bis Napoleon seine Auf-     gende Archivalien im Internet zur Verfü-   der Heimattage Baden-Württemberg im
     lösung in den Rheinbundstaaten ver-          gung gestellt, wie etwa 2.000 Pergament-   Staatsarchiv Ludwigsburg gezeigt werden
     fügte. Im Mergentheimer Hauptvertrag         urkunden. Auf der von ICARUS be-           wird.
     wurde 1815 das Schicksal des an Schät-       triebenen Plattform monasterium.net
     zen überaus reichen Mergentheimer            wurden sie mit Urkunden aus dem                          Maria Magdalena Rückert
     Deutschordenshauptarchivs besiegelt,         Deutschordenszentralarchiv (DOZA)
     dessen Bestände nach dem territorialen       Wien in einer Sammlung zusammenge-
     Pertinenzprinzip unter den Rechtsnach-       führt, die sukzessive um Bestände ande-
     folgern des Ordens aufgeteilt wurden.        rer europäischer Archive erweitert wird.
     Die heute im Staatsarchiv Ludwigsburg        Online einsehbar sind hier auch die
     aufbewahrten Unterlagen des Deutschen        Ahnenproben aus dem DOZA in Wien.
     Ordens (630 lfd. Meter) stellen im           Diese können nun im Internet mit den
     Wesentlichen den auf Württemberg             in Ludwigsburg lagernden Stammtafeln
     reduzierten Rest des ehemaligen Mergent-     (StAL B 241 a) verknüpft werden.           1 | Chronik des Deutschen Ordens, 1525: Wappen
     heimer Hauptarchivs dar. Hinzukom-             Ins Netz gestellt wurden weiter Karten   des letzten Hochmeisters in Preußen, Albrecht von
                                                                                             Brandenburg.
     men aber auch unteilbare Akten, die sich     und Pläne des Deutschen Ordens, aber
                                                                                             Vorlage: Landesarchiv StAL B 236 Bü 106, Fol. 251v
     auf den Gesamtorden beziehen. Zu nen-        auch Einzelstücke, an denen die interna-
     nen sind etwa die in Abschrift überliefer-   tionale Vernetzung der Ordensritter
     ten General- und Balleikapitelbeschlüsse,    besonders deutlich wird. Erwähnt sei       2 | Ahnenprobe des Deutschordensritters Max Josef
                                                                                             Richard von Lützelburg, 1742.
     die für die Zeit vom 14. bis ins 19. Jahr-   eine Chronik von 1525 (StAL B 236 Bü
                                                                                             Vorlage: Landesarchiv StAL B 241 a Bü 27 Qu. 1r
     hundert vorliegen, sowie umfangreiche        106), die kolorierte Wappen der Hoch-
     Serien von Rechnungen und Protokollen        meister bis zu Albrecht von Brandenburg
     der Zentralbehörden, die im 16. Jahr-        enthält, der 1525 zum Luthertum über-      3 | Ergänzung des Ordenswappens durch den fran-
                                                                                             zösischen König Ludwig den Heiligen (1214 –1270),
     hundert einsetzen und weit über Franken      trat und damit das Ende des Ordens in      Kupferstich von 1790.
     und Württemberg hinausweisen. Nicht          Preußen besiegelte. Ein weiteres Zeugnis   Vorlage: Landesarchiv StAL JL 425 Bd. 1 Qu. 1
     zu vergessen ist die noch in Mergent-        für seine europaweite Dimension stellt
     heim entstandene Sammlung Breitenbach        der älteste vollständig erhaltene Nekro-
                                                                                             4 | Sammlung Breitenbach: Bestätigung des Rechts
     (StAL JL 425), die Regesten und Ab-          log des Deutschen Ordens aus dem Jahr      der Gebietiger in Livland zur freien Wahl eines
     schriften, aber auch Ausfertigungen von      1346 dar. Hier wurden die Namen der        Landmeisters vom 8. Juni 1528.
     bedeutenden Urkunden und Akten ver-          verstorbenen Mitbrüder und Wohltäter       Vorlage: Landesarchiv StAL JL 425 Bd 6 Qu. 17

16      Archivnachrichten 52 / 2016                                                                                             Europa vernetzt
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                          Ausstellung
                          Lebendiger Orden mit großer Tradition.
                          Die Geschichte des Deutschen Ordens
                          1190 bis heute

                          Öffnungszeiten
                          22. April – 14. August 2016
                          Montag bis Donnerstag 9.00 – 16.30 Uhr
                          Freitag 9.00 – 15.30 Uhr
                          Sonderöffnungen an den Sonntagen 1.5.,
                          5.6., 3.7., 7.8. jeweils 14.00 – 17.00 Uhr

                          Informationen und Anmeldung
                          zu Führungen
                          Landesarchiv Baden-Württemberg
                          - Staatsarchiv Ludwigsburg -
                          Arsenalplatz 3
                          71638 Ludwigsburg
                          Telefon: 07141/186310
                          E-Mail: staludwigsburg@la-bw.de
                          Internet: www.landesarchiv-bw.de/stal
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Europa vernetzt                           Archivnachrichten 52 / 2016   17
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     Die Studienreisen des Ferdinand Geizkofler
     an die europäischen Höfe seiner Zeit im
     Spiegel seiner mehrsprachigen Korrespondenz
     Der große Wert des Geizkoflerschen Ar-     Stuttgart, wurde im Alter von 18 Jahren      dienst vorbereitet werden sollte. Zu
     chivs im Staatsarchiv Ludwigsburg (StAL    auf Reisen geschickt, um an den europäi-     seinen täglichen Studien gehörten neben
     B 90) für die allgemeine Reichs- bzw.      schen Höfen seiner Zeit Kontakte zu          den Sprachen Unterweisungen in Ge-
     Reichsfinanzgeschichte der ersten Hälfte   knüpfen und diplomatische Umgangs-           schichte, Jura und Festungsbau sowie
     des 17. Jahrhunderts ist gemeinhin be-     formen und sprachliche Gewandtheit zu        Übungen im Fechten. Vor allem aber
     kannt. Über die europäische Vernetzung     erlernen. Um letztere unter Beweis zu        gibt die Korrespondenz Einblicke in das
     der Familie des Zacharias Geizkofler       stellen, schrieb er seinem Vater vom         Leben an den verschiedenen europäi-
     geben jedoch nicht nur seine Geschäfts-    19. April 1611 bis zum 14. April 1612        schen Höfen aus der Perspektive des jun-
     bücher und Schriftwechsel mit Handels-     wöchentlich Briefe, die er abwechselnd       gen Reisenden. Sein Reiseweg führte ihn
     firmen, geistlichen und weltlichen         in verschiedenen Sprachen abfassen           von April bis Oktober 1611 über Stutt-
     Herrschaften von Warschau bis Venedig      musste. Überliefert sind von ihm 24 la-      gart, Heidelberg, Frankfurt und Köln an
     beredt Auskunft, sondern auch ein          teinische, neun französische, acht italie-   den Düsseldorfer Hof. Nach Abstechern
     Konvolut von 47 Briefen. Diese sandte      nische und sechs spanische Briefe. Hin-      nach Westfalen erreichte er am 19. Juni
     sein einziger Sohn von seinen Studien-     gegen bediente sich sein Hofmeister und      Amsterdam und bereiste zwei Wochen
     reisen an den Vater in Haunsheim.          Lehrer Dominikus Orth nur der deut-          lang die Niederlande. Anschließend trat
       Ferdinand Geizkofler (1592–1653), der    schen Sprache.                               er nach wetterbedingten Verzögerungen
     spätere Hofkanzleidirektor und Statthal-     Die Briefe beleuchten die Erziehung        von Calais aus die sieben Stunden dau-
     ter des württembergischen Herzogs in       des jungen Mannes, der auf den Staats-       ernde Überfahrt nach England an. Nach

18       Archivnachrichten 52 / 2016                                                                                     Europa vernetzt
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einem einmonatigen Aufenthalt in Lon-       Jagdleidenschaft des Sohnes der Maria       1–5 | Briefe Ferdinand Geizkoflers an seinen Vater
don und Umgebung durfte er weiter           Stuart – sondern auch über aktuelle Er-     Zacharias Geizkofler.
                                                                                        Alle Vorlagen: Landesarchiv StAL B 90 Bü 3552
nach Schottland reisen, wo er sich eines    eignisse. So beschreibt er die Folgen des
Dolmetschers bediente. Mitte Oktober        Kalmarkrieges für den dänischen König
war er zurück in Brüssel, um ein halbes     oder die Landung von sechs Indienfah-
Jahr lang seine Studien fortzusetzen.       rern mit unermesslichen Reichtümern in
Ausgestattet mit Empfehlungsschreiben       den Niederlanden. Unterkunft boten
nicht nur des Vaters, der mit zahlreichen   in der Regel die Geschäftspartner des Va-
Herrschern, wie z. B. Wolfgang Wilhelm      ters, Handelsfirmen oder Bankhäuser,
von Pfalz-Neuburg, Finanzgeschäfte          bei denen auch die benötigten Reisemit-
getätigt hatte, sprach Ferdinand an den     tel hinterlegt wurden. Die nicht nur in
jeweiligen Höfen, etwa bei König Jakob      kulturgeschichtlicher Hinsicht interes-
von England, vor und wurde direkt oder      santen Briefe des Ferdinand Geizkofler      Weiterführende Literatur:
nach längeren Wartezeiten vorgelassen.      (StAL B 90 Bü 3552–3553) zeigen auf         Karl Otto Müller: Ferdinand Geizkoflers
Er berichtet nicht nur über die Unter-      eindrückliche Weise, wie die Netzwerke      Studienreise nach den Niederlanden und
schiede im Zeremoniell und in der Gast-     des ehemaligen Reichspfennigmeisters        England in den Jahren 1611/12. In:
freundschaft – Austerität am Stuttgarter,   über ganz Europa funktionierten.            Besondere Beilage des Staats-Anzeigers für
Überfluss am Heidelberger Hof oder die                   Maria Magdalena Rückert        Württemberg 1 (1922) S. 1–14.

Europa vernetzt                                                                                             Archivnachrichten 52 / 2016      19
Das Gemäldekabinett und die Korrespondenz
     der Markgräfin Karoline Luise von Baden
     (1723–1783) gehen online
     Die Markgräfin Karoline Luise von           im Großherzoglichen Familienarchiv des      luise.la-bw.de). Diese Präsentation ist auf
     Baden war womöglich die am besten in-       Hauses Baden im Generallandesarchiv         die wissenschaftlichen Bedürfnisse der
     formierte Fürstin des 18. Jahrhunderts –    Karlsruhe liegt. Er enthält ungefähr        Nutzer abgestimmt und wurde durch das
     zumindest auf dem Gebiet der Kunst.         10.000 Briefe, von und an Karoline Luise,   Landesarchiv Baden-Württemberg pro-
     Sie unterhielt in ganz Europa ein Netz      samt ihren Aufzeichnungen und ver-          grammiert. Die Website bietet vielfältige
     von Agenten, die sie mit Katalogen von      schiedenen gesammelten Schriftstücken.      Zugriffsmöglichkeiten in übersichtlicher
     Sammlungen, Stichfolgen, kunstästhe-        Dieses gesamte Konvolut konnte mit          Form und eine sehr differenzierte Such-
     tischer Literatur und allerhand Informa-    Geldern der Stiftung Kulturgut Baden-       funktionalität.
     tionen zu Sammlern und deren Samm-          Württemberg digitalisiert werden.             Der schöne Nebeneffekt für Historiker
     lungen versorgten. Mit diesem reichen       Alle Bände mit Schriftstücken, die mit      jeglicher Couleur ist, dass gerade in der
     Wissensschatz ausgerüstet baute sie sich    dem Kunstverständnis der Fürstin in Zu-     Korrespondenz nicht nur kunsthistorische
     mithilfe ihrer Agenten innerhalb weniger    sammenhang stehen, wurden in einer          Themen traktiert, sondern auch viele
     Jahre ein aus 205 Gemälden bestehendes      webbasierten Datenbankanwendung ver-        andere Bereiche berührt werden. Beispiels-
     Malereikabinett auf. Dieses sollte später   zeichnet und mit den Gemälden aus der       weise finden sich darin auch die Brief-
     den Grundstock für die Staatliche Kunst-    Kunsthalle in Beziehung gesetzt und         wechsel mit solch illustren Gelehrten wie
     halle Karlsruhe bilden.                     verknüpft. Die aufgenommenen Perso-         Voltaire (1694–1778), Carl von Linné
       Diesen Zusammenhängen widmete             nen wurden auch durch Schlagworte           (1707–1778) oder Johann Daniel Schöp-
     sich ein zweijähriges Forschungsprojekt –   erfasst und diese – soweit möglich – mit    flin (1694–1771). Die weiteren bereits
     eine Kooperation des Generallandes-         den zugehörigen Nummern der Ge-             gescannten Bände dieses so reichen
     archivs Karlsruhe, der Staatlichen Kunst-   meinsamen Normdatei (GND) der               Nachlasses sollen nach und nach in den
     halle Karlsruhe und der Università della    Deutschen Nationalbibliothek versehen.      Katalog des Landesarchivs eingespeist
     Svizzera italiana in Mendrisio, gefördert   Unter dem Titel Karoline Luise von          werden.
     von der VolkswagenStiftung in Hanno-        Baden – Kunst und Korrespondenz wer-
     ver. Als Grundlage für die angestrengten    den all diese Informationen in einer
     Forschungen diente der aus 154 Bänden       Internetpräsentation der Öffentlichkeit                               Thomas Fricke
     bestehende Nachlass der Markgräfin, der     zugänglich gemacht (www.karoline-                              Thorsten Huthwelker

                                                                                             Johann Georg Wille (1715–1808): Beurteilung der
                                                                                             Erwerbungswünsche aus der Sammlung des Comte
                                                                                             de Vence, Autograf, 1760.
                                                                                             Vorlage: Landesarchiv GLAK FA 5 A Corr 96, 78
                                                                                             (Eigentum des Hauses Baden)

20      Archivnachrichten 52 / 2016                                                                                            Europa vernetzt
Unterwegs in Europa
Adelsnetzwerke am Beispiel der katholischen Linie der Löwenstein-Wertheimer

                                                                                        Schloss Fischhorn im Pinzgau/Österreich. Das
                                                                                        Schloss aus dem Besitz der Gemahlin des Fürsten
                                                                                        Karl Heinrich zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg,
                                                                                        Sophie geb. Prinzessin von und zu Liechtenstein
                                                                                        wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
                                                                                        im neugotischen Stil umgebaut. Nach einem Brand
                                                                                        1920 erfolgte sein Wiederaufbau in wesentlich
                                                                                        schlichteren Formen.
                                                                                        Vorlage: Landesarchiv StAWt-A 61 Nr. 726

Die Mobilität war vor allem beim Adel       ren 1857/58 unternahm, bevor er die         die der Zentralverwaltung in Wertheim
schon früh stark ausgeprägt. Nur so         Pflichten eines Fürsten übernahm. Vor       unterstand. Jedoch schon im 18. Jahr-
ließen sich die Besitzungen, die zum Teil   allem in Rom, einem Drehpunkt der           hundert gab es erste Bestrebungen, der
in den unterschiedlichsten Gegenden         damaligen besseren Gesellschaft, traf er    anfänglichen Gutsverwaltung mehr Ver-
Europas lagen, verwalten und beaufsich-     Bekannte und lernte über sie wieder         antwortung zu überlassen. Dies führte
tigen. Im Mittelalter kam dazu die Not-     neue Leute kennen.                          ab 1855/56 zur Einrichtung einer eige-
wendigkeit, im Rahmen des Lehenswesens        Auch für Verwandtschaftsbesuche           nen Zentralverwaltung. Zusammen mit
an den verschiedenen Feldzügen teil-        begab man sich auf Reisen, die ins euro-    deren Überlieferung blieben auch Akten
zunehmen oder auch bei Gerichtstagen        päische Ausland führten. Da gab es Ver-     aus Wertheim bis 1945 in Haid. Nach
anwesend zu sein.                           wandte in England, Österreich, Böhmen       dem Kriegsende mussten die ehemaligen
  Als es im 18. Jahrhundert üblich wurde,   und Frankreich zu besuchen. Diese Ver-      Besitzer in Begleitung ihrer Bediensteten
Bildungsreisen oder Kavaliersreisen zu      bindungen waren meist durch Eheschlie-      das Land verlassen. Das Schriftgut blieb
unternehmen, waren auch Angehörige          ßungen zustande gekommen. Die Nähe          vor Ort und wurde nach Klattau, einer
der Familie Löwenstein-Wertheim-            der katholischen Linie zum Kaiserhof in     Dependance des Staatsarchivs Pilsen ge-
Rosenberg dabei. Vornehmlich die künf-      Wien führte zu einer intensiven Reisetä-    bracht. Über den dortigen Bestand Zen-
tigen regierenden Grafen und Fürsten        tigkeit vor allem in diese Richtung. Dort   tralverwaltung der Löwensteinischen
wurden an fremde Höfe in ganz Europa        konnte man seinen Geschäften und Ver-       Güter in Böhmen mit 125,4 lfd. Meter
gesandt, um ihren Horizont zu erweitern     gnügungen nachgehen.                        wurde im Jahr 1963 ein Inventar in
und Bekanntschaften zu knüpfen, die           Ein absolutes Muss waren allerdings       tschechischer Sprache verfasst.
sie später pflegen und weiter verwenden     die Reisen zu den verschiedenen Gütern.       Last but not least dürfen an dieser
konnten. Eine reine Bildungsreise nach      Diese lagen u.a. im heutigen Belgien, in    Stelle nicht die europäischen und außer-
Holland unternahm Erbprinz Constan-         Frankreich, Österreich und dem heutigen     europäischen Reisen vergessen werden,
tin zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg        Tschechien. Die in Böhmen liegenden         die drei Generationen des Hauses Lö-
im Jahr 1819 in Begleitung seines Vaters.   Güter waren seit 1712 nach und nach         wenstein im Rahmen ihres Engagements
Von ihr liegt ein Tagebuch vor, das in      durch Ankauf und Erbschaft in den Be-       für den Laienkatholizismus unternahmen
Form einer Edition nachgelesen werden       sitz der Familie gelangt. Bleiben wir bei   und die zu interessanten Verbindungen
kann. Ebenfalls ein Reisetagebuch gibt es   diesem Beispiel. Für die umfangreichen      führten.
von der Fahrt über Italien in den Orient,   Güterkomplexe um Weseritz und Haid
die sein Sohn Karl Heinrich in den Jah-     gab es anfangs eine Lokalverwaltung,                                     Martina Heine

Europa vernetzt                                                                                            Archivnachrichten 52 / 2016     21
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