Aufschwung weiter kräftig - Anspannungen nehmen zu
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GEMEINSCHAFTSDIAGNOSE
Aufschwung weiter kräftig –
Anspannungen nehmen zu
1. Lage und Prognose der 2016 ausgesprochen schwache Welthandel an Fahrt
(siehe Abschnitt »Zur jüngsten Beschleunigung des
Weltwirtschaft Welthandels«).
ÜBERBLICK Fundamentale Faktoren beschränken den Anstieg
der Rohstoffpreise
Die Weltwirtschaft befindet sich mittlerweile in einem
Aufschwung. Besonders kräftig legte die Produktion im Der globale Aufschwung hat auch die Rohstoffmärkte
Frühsommer zu, die Expansionsraten sind aber schon erfasst. Die Preise sind hier ab Sommer 2016 nach
seit gut einem Jahr recht hoch, und Stimmungsindi- dem zuvor massiven Verfall wieder etwas gestiegen.
katoren deuten auch für die zweite Jahreshälfte auf Darin dürften sich im Wesentlichen die verbesserten
eine schwungvolle Weltkonjunktur hin. In den USA, in Konjunkturerwartungen in der zweiten Jahreshälfte
Japan und im Euroraum steigt die Produktion deutlich 2016 widerspiegeln. Zwei Faktoren sprechen allerdings
schneller als im Trend. Dabei ist die Normalauslastung dagegen, dass es mittelfristig zu einem weiteren deut-
der Produktionskapazitäten in Japan schon deutlich lichen Anstieg der Rohstoffpreise kommt: Zum einen
übertroffen, in geringerem Maße auch in den USA, und führte der jahrelange Boom der industriellen Produk-
im Euroraum dürfte sie in etwa erreicht sein. Die chi- tion in China dazu, dass die rohstoffreichen Länder
nesische Wirtschaft ist infolge wirtschaftspolitischer ihre Förderkapazitäten stark ausbauten. Die massi-
Anregungen wieder in einer Phase kräftiger Expansion, ven staatlichen Stimuli für die chinesische Industrie
deren Zenit aber mittlerweile überschritten sein dürfte. im Nachgang der Großen Rezession verstärkten diese
Der Aufschwung in diesen großen Volkswirtschaf- Entwicklung noch. Im Zuge der Transformation Chinas
ten hat auch die Konjunktur in den Schwellenländern von einer industrie- zu einer mehr dienstleistungsba-
insgesamt angeregt. In Südostasien expandiert die sierten Wirtschaft nimmt der Rohstoffhunger nun aber
Wirtschaft bereits seit Ende vergangenen Jahres recht deutlich weniger zu. Zum zweiten wirken die in den
kräftig, und auch die Produktion in Russland ist seither vergangenen Jahren weiterentwickelten Techniken zur
wieder aufwärts gerichtet. Zu Beginn des Jahres 2017 Förderung von Schiefergas mittels Fracking und der
setzte schließlich auch in Brasilien eine exportgetrie- starke Ausbau entsprechender Förderkapazitäten vor
bene Erholung ein, die aber noch nicht gefestigt ist. allem in Nordamerika wie ein Deckel auf die internatio-
Die globale konjunkturelle Dynamik ist nicht nur nalen Energiepreise. Die variablen Kosten der Schiefer-
stärker, sondern verwendungsseitig auch breiter als gasförderung in Nordamerika sind zwar höher als dieje-
in den Vorjahren. Bis zum Herbst 2016 wurde die noch nigen der konventionellen Öl- und Gasförderung etwa
insgesamt mäßige weltwirtschaftliche Erholung über- im Nahen Osten oder in Russland. Gleichzeitig sind
wiegend vom Konsum getragen, während die Investi- die Erstellung, temporäre Schließung und Wiederer-
tionen zumeist schwach blieben. Seit vergangenem öffnung von Schiefergasförderstätten aber mit relativ
Winter expandieren die Investitionen nun wieder geringem Zeit- und Kostenaufwand verbunden. Ent-
deutlich stärker, zumal die politischen Unsicherhei- sprechend können Schiefergasproduzenten auf eine
ten zuletzt gesunken sind. Das beschriebene Muster veränderte Nachfrage elastisch mit einer Anpassung
des Aufschwungs ist eher atypisch, zog doch in der der Förderkapazitäten reagieren. Die Institute unter-
Vergangenheit nach konjunkturellen Schwächepha- stellen für diese Prognose, dass der Ölpreis bis Ende
sen die Investitionskonjunktur in der Regel zuerst an. 2019 real konstant bleibt, also nominal nur moderat
Ein Grund für die lange Schwächephase der Investi auf etwa 54 Dollar pro Fass (Brent) steigt.
tionen war wohl, dass viele Unternehmen infolge der
wirtschaftlichen Krisen der jüngeren Vergangenheit Weltweit recht geringe Dynamik von Verbraucher-
(insbesondere der Großen Rezession und der Krise im preisen und Löhnen
Euroraum) ihre Verschuldung reduzierten und insge-
samt vorsichtiger agierten. Im Einklang mit der stärke- Das Auslaufen der inflationsdämpfenden Effekte durch
ren Investitionskonjunktur gewann auch der bis Herbst den massiven Ölpreisverfall zwischen Mitte 2014 und
ifo Schnelldienst 19 / 2017 70. Jahrgang 12. Oktober 2017 3GEMEINSCHAFTSDIAGNOSE
Anfang 2016 sowie der anschließende Anstieg des monatliche Volumen ab April auf 60 Mrd. Euro (von zuvor
Ölpreises hatten die Inflationsraten von Herbst 2016 bis 80 Mrd. Euro) reduziert. Im Jahr 2018 dürfte die EZB
Frühjahr 2017 zwar deutlich steigen lassen, danach san- den Umfang der Ankäufe schrittweise zurücknehmen,
ken sie aber wieder. Die um die kurzfristigen Effekte von wobei das Tempo des Ausstiegs langsamer sein dürfte,
Energiepreisschwankungen bereinigten Kernraten der als noch im Frühjahr erwartet. Für diese Prognose wird
Verbraucherpreisinflation sind trotz der guten Konjunk- – im Einklang mit Umfragen unter Marktteilnehmern –
tur-und des schon recht hohen Auslastungsgrads der unterstellt, dass die Zentralbank die Nettokäufe über
Produktionskapazitäten sehr moderat. Im Euroraum einen Zeitraum von neun Monaten auslaufen lässt.
sind die Kernraten im Einklang mit der guten Konjunktur Eine Anhebung des Leitzinses nehmen die Institute
von 0,9% zur Jahreswende auf 1,3% im Sommer gestie- erst für den Verlauf des Jahres 2019 an. Denn der Euro
gen. In den USA und in Japan sind sie hingegen im Ver- hat infolge der guten Konjunkturnachrichten aus dem
lauf dieses Jahres etwas gesunken. Freilich dürfte sich Euroraum und der gesunkenen Unsicherheit nach den
auch hier der Anstieg der Kapazitätsauslastung infolge Wahlen in Frankreich aufgewertet, vor allem gegenüber
des aktuellen Konjunkturaufschwungs nach und nach dem US-Dollar (um rund 10% seit April 2017), in gerin-
in den Konsumentenpreisen niederschlagen. Die Infla- gerem Umfang auch gegenüber anderen wichtigen
tion dürfte aber alles in allem vorerst weiter moderat Währungen. Dies dämpft die Inflation im Euroraum und
bleiben, ebenso wie die Lohndynamik. Dämpfend auf wirkt dem Bestreben der EZB, die Inflationsrate in die
die Löhne wirkt, dass derzeit vielerorts (so in Japan, Nähe ihres Zielwertes zu bringen, zumindest kurzfristig
im Euroraum und zuletzt auch wieder in den USA) ein entgegen.
wachsender Teil der Erwerbsbevölkerung einer Beschäf-
tigung nachgehen möchte und so die steigende Nach- Finanzpolitik in etwa neutral ausgerichtet
frage nach Arbeit auf ein elastisches Angebot stößt.
Von der Finanzpolitik gehen gegenwärtig nur geringe
Geldpolitische Normalisierung verzögert sich Impulse aus, wenngleich sie im laufenden Jahr wohl
etwas expansiver geworden ist. Dahinter steht der
Nicht zuletzt wegen der für die Zentralbanken überra- vielerorts größere finanzpolitische Spielraum. Dieser
schend schwachen Preisdynamik, im Fall der USA auch entsteht zum einen durch die fortgesetzte Entlastung
wegen einer Neueinschätzung der künftigen Finanz- der Staatshaushalte durch die niedrigen Zinsen, da
politik, dürfte die Geldpolitik langsamer als noch im immer noch höher verzinsliche Altanleihen durch nied-
Frühjahr erwartet gestrafft werden. Die US-Noten- rig verzinsliche Neuanleihen abgelöst werden. Zum
bank erhöhte die Federal Funds Rate Mitte Juni zwar anderen entspannt auch der Aufschwung temporär die
erwartungsgemäß um weitere 0,25 Prozentpunkte, das Lage der öffentlichen Finanzen. Die Regierungen nut-
Zielband liegt nun zwischen 1,00 und 1,25%. Mit dem zen Zinsentlastung und Steuermehreinnahmen, um
nächsten Zinsschritt wird sie sich aber mehr Zeit lassen diskretionäre Ausgaben zu erhöhen oder um Abgaben
als noch im Sommer kommuniziert. Er dürfte erst im zu senken, ohne eine deutliche Verschlechterung der
Dezember erfolgen. Für die kommenden beiden Jahre Budgetsalden hinnehmen zu müssen. Daneben spielen
rechnen die Institute mit wenigen weiteren Zinsschrit- länderspezifische Entwicklungen eine Rolle.
ten, so dass die Federal Funds Rate Ende des Jahres In den USA ergibt sich infolge der Hurrikan-Katas-
2019 zwischen 2 und 2,25% liegen wird. Der kurzfristige trophen eine Sonderbelastung der öffentlichen Haus-
Realzins liegt dann immer noch nahe null, und die Geld- halte. Dagegen rechnen die Institute nicht damit, dass
politik wirkt noch nicht restriktiv. es der Regierung gelingen wird, für die von ihr geplante
Ebenfalls auf einen weniger expansiven Kurs ist im deutliche Senkung der Unternehmenssteuern im Kon-
vergangenen Winter die chinesische Notenbank ein- gress eine Mehrheit zu finden.
geschwenkt, auch um Kapitalabflüsse einzudämmen. Im Euroraum ist die Finanzpolitik im laufenden und
Um den Aufbau der Verschuldung in der Wirtschaft zu wohl auch im nächsten Jahr insgesamt leicht expansiv
begrenzen und einer Abwertung des Yuan gegenüber ausgerichtet. Die britische Regierung will Belastungen
dem US-Dollar entgegenzuwirken, dürfte der geldpo- der Konjunktur während des Austrittsprozesses aus
litische Expansionsgrad in den kommenden beiden der Europäischen Union vermeiden und mildert daher
Jahren nach und nach weiter reduziert werden. Die ihren Konsolidierungskurs erheblich ab.
japanische Notenbank hält dagegen unvermindert an In China wird die Finanzpolitik hingegen wohl res-
ihrer extrem lockeren Geldpolitik fest. Angesichts der triktiver: Die im vergangenen Jahr aufgelegten Fiskal-
persistent niedrigen Inflation hat die Notenbank den programme für den Industriesektor werden voraus-
erwarteten Zeitpunkt für ein Erreichen ihres Inflations- sichtlich im Verlauf des Prognosezeitraums nach und
ziels von 2% zum vierten Mal in fünf Jahren verschoben, nach reduziert werden.
nunmehr auf das Jahr 2020.
Das Ankaufprogramm für Staats- und Unterneh- Ausblick: Aufschwung setzt sich fort
mensanleihen der Europäischen Zentralbank (EZB)
wurde im Dezember 2016 verlängert und läuft noch bis Der globale Aufschwung dürfte sich in der zweiten
mindestens Ende des Jahres 2017. Allerdings wurde das Hälfte dieses Jahres mit etwas verminderter Geschwin-
4 ifo Schnelldienst 19 / 2017 70. Jahrgang 12. Oktober 2017GEMEINSCHAFTSDIAGNOSE
Abb. 1.1 Zuwachsraten gegen Ende des
Bruttoinlandsprodukt der Weltᵃ Prognosezeitraums allmählich
Vierteljährliche Zuwachsraten
in Richtung der Potenzialraten
% sinken werden.
1,0 Für dieses Jahr prognos-
tizieren die Institute für den
0,8
in diesem Gutachten berück-
sichtigten Länderkreis (knapp
0,6
90% der Weltwirtschaft) einen
0,4 Zuwachs der Produktion um
3,1%; für die Jahre 2018 und
0,2 2019 werden Expansionsra-
ten von ebenfalls 3,1% bzw.
0,0 2,9&% erwartet (vgl. Tab. 1.1).
2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019
Im Vergleich zum Frühjahrsgut-
ᵃ Aggregat aus den in Tabelle 1.1 aufgeführten Ländern. Länder gewichtet mit
dem Bruttoinlandsprodukt von 2015 in US-Dollar. achten haben die Institute ihre
Quelle: IWF; OECD; nationale Statistikämter; Berechnungen der Institute; Prognose damit um 0,1 Pro-
ab 3. Quartal 2017: Prognose der Institute. © GD Herbst 2017
zentpunkt (2017) bzw. 0,2 Pro-
zentpunkte (2018) angehoben,
digkeit fortsetzen (vgl. Abb. 1.1). Darauf deuten Unter- besonders deutlich war die Aufwärtsrevision für den
nehmensbefragungen hin. Zwar ist die Stimmung Euroraum (vgl. Abb. 1.2). Die fortgeschrittenen Volks-
weiterhin gut, allerdings hat sie sich in den vergange- wirtschaften und die Schwellenländer werden im
nen Monaten nicht mehr wesentlich verbessert. Für Prognosezeitraum in etwa gleich große Beiträge zur
2018 und 2019 erwarten die Institute eine weiterhin globalen Expansion liefern – das geringere Gewicht
recht kräftige Expansion der Weltwirtschaft, wobei die der Schwellenländer wird durch die dort höheren
Zuwachsraten ausgeglichen.
Tab. 1.1 Innerhalb der Gruppe der
Reales Bruttoinlandsprodukt, Verbraucherpreise und Arbeitslosenquote Schwellenländer dürften sich
in der Welt ein geringerer Beitrag aus China
Bruttoinlandsprodukt Verbraucherpreise Arbeitslosenquote
(graduelle Abschwächung) und
Veränderungen gegenüber in Prozent höhere Beiträge aus den ande-
Gewicht (BIP)
in Prozent dem Vorjahr in Prozent ren Schwellenländern (zuneh-
2017 2018 2019 2017 2018 2019 2017 2018 2019 mende Erholung) die Waage
halten. Für den Welthandel
Europa 29,8 2,3 2,0 1,9 2,2 2,0 2,1
EU-28 25,1 2,3 2,0 1,8 1,7 1,7 1,8 7,7 7,3 7,0 prognostizieren die Institute
Schweiz 1,0 0,7 2,2 1,9 0,4 0,3 0,5 5,0 4,8 4,8 eine Zunahme um 4,2% in die-
Norwegen 0,6 2,0 1,9 1,9 2,0 1,8 1,9 4,4 4,1 4,2
Türkei 1,1 4,5 3,5 3,4 10,0 8,2 7,3 sem Jahr, 3,6% im kommenden
Russland 2,0 1,5 1,7 1,6 4,4 4,2 4,0
Jahr sowie 3,3% im Jahr 2019.
Amerika 36,8 2,0 2,3 2,1
USA 27,7 2,1 2,3 2,0 1,9 2,0 2,1 4,4 4,3 4,4 In den USA hat sich das
Kanada 2,4 3,0 2,2 2,0 1,8 2,0 2,0 6,6 6,5 6,4 gesamtwirtschaftliche Expan-
Lateinamerika a 6,7 1,3 2,1 2,5
sionstempo nach einer schwä-
Asien 33,4 5,1 5,0 4,7
Japan 6,3 1,5 1,2 0,9 0,4 0,7 0,8 2,9 2,8 2,8 cheren Phase zu Jahresbeginn
China ohne
Hongkong 17,2 6,7 6,4 6,0 zuletzt wieder deutlich erhöht
Südkorea 2,1 2,8 2,6 2,6 1,9 1,9 2,0 3,8 3,5 3,5 (vgl. Abb. 1.3). Vor allem die
Indien 3,2 6,3 7,5 7,3
privaten Haushalte haben ihre
Ostasien 4,6 4,1 4,0 3,9
ohne Chinab Nachfrage nach Waren und
Insgesamtc 100,0 3,1 3,1 2,9 Dienstleistungen beträchtlich
fortgeschrittene 67,0 2,1 2,1 1,8 1,6 1,7 1,8 5,7 5,5 5,3 gesteigert. Dazu dürfte der kräf-
Volkswirtschaftend
Schwellenländere 33,0 5,0 5,1 4,5 tige Beschäftigungsaufbau bei-
Nachrichtlich: getragen haben, auch weil die
Exportgewichtetf 2,7 2,5 2,3
Kaufkraftgewichtet g
3,6 3,6 3,4 immer noch niedrige Erwerbs-
Welthandelh 4,2 3,6 3,3
beteiligung für ein erhebliches
a
Gewichteter Durchschnitt aus Brasilien, Mexiko, Argentinien, Venezuela, Kolumbien, Chile. Gewichtet mit ungenutztes Arbeitskräfteres-
dem Bruttoinlandsprodukt von 2015 in US-Dollar. b Gewichteter Durchschnitt aus Indonesien, Taiwan (Provinz
Chinas), Thailand, Malaysia, Singapur, Philippinen, Hongkong (Sonderverwaltungszone Chinas). Gewichtet mit ervoir spricht. In dem Maße, wie
dem Bruttoinlandsprodukt von 2015 in US-Dollar. c Summe der aufgeführten Ländergruppen. Gewichtet mit dem
Bruttoinlandsprodukt von 2015 in US-Dollar. d EU 28, Schweiz, Norwegen, USA, Kanada, Japan, Südkorea, Taiwan, dieses ausgeschöpft wird, dürf-
Singapur, Hongkong (Sonderverwaltungszone Chinas). e Russland, Türkei, China ohne Hongkong, Indien, Indo-
nesien, Thailand, Malaysia, Philippinen, Lateinamerika. f Summe der aufgeführten Ländergruppen. Gewichtet ten die Löhne in den kommen-
mit den Anteilen an der deutschen Ausfuhr 2016. g Summe der aufgeführten Ländergruppen. Gewichtet mit dem
Bruttoinlandsprodukt von 2015 zu Kaufkraftparitäten. h Warenhandel nach CPB. den Jahren allmählich stärker
Quelle: IWF; Eurostat; OECD; CPB; Berechnungen der Institute; 2017 bis 2019: Prognose der Institute. steigen und den Stellenaufbau
GD Herbst 2017 in der Folge etwas verlangsa-
ifo Schnelldienst 19 / 2017 70. Jahrgang 12. Oktober 2017 5GEMEINSCHAFTSDIAGNOSE
Abb. 1.2 Aktuell wird die gesamtwirtschaftliche Aktivität durch
Revision der Prognose gegenüber dem Frühjahrᵃ die Auswirkungen zweier Wirbelstürme belastet. Durch
in Prozentpunkten
sie wurde insbesondere die Versorgung mit Ölproduk-
2017 2018 ten zeitweise stark beeinträchtigt, was zu einem spür-
Welt ($-gewichtet) baren landesweiten Anstieg der Benzinpreise geführt
Welt (exportgewichtet) hat und den privaten Konsum vorübergehend etwas
dämpfen dürfte. In der Grundtendenz wird sich der
USA
moderate Aufschwung im Prognosezeitraum aber fort-
Euroraum
setzen, vor allem die Investitionen werden angesichts
China steigender Kapazitätsauslastung kräftig bleiben (vgl.
-0,3 -0,2 -0,1 0,0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 Tab. 1.2). Der private Konsum, der bisher die Expansion
ᵃ Jahresdaten. Veränderung der Institutsprognosen gegenüber der Frühjahrs-GD. maßgeblich getragen hat, dürfte hingegen nach und
Quelle: Berechnungen der Institute. © GD Herbst 2017
nach an Schwung verlieren, auch weil die Sparquote in
jüngster Zeit auf ein recht nied-
Abb. 1.3
riges Niveau gesunken ist und
Reales Bruttoinlandsprodukt in den USA
Saisonbereinigter Verlauf wohl wieder zunehmen wird.
Index, 1. Quartal 2014 = 100 %
Die Ausweitung des Bruttoin-
115 1,5 landsprodukts wird sich vor-
laufende Rateᵃ 1,9%
Jahresdurchschnittᵇ 2,3% aussichtlich von 2,3% im Jahr
110 Index 2,1%
1,0 2018 auf 1,9% im Jahr 2019
2,9% 1,5% verringern.
Die Konjunktur in Japan
105 0,5
hat im bisherigen Verlauf des
Jahres an Fahrt gewonnen.
100 0,0 Dabei war die Beschleunigung
2,6%
vor allem auf binnenwirtschaft-
95 -0,5 liche Verwendungskomponen-
2014 2015 2016 2017 2018 2019 ten zurückzuführen. Es spricht
a Veränderung gegenüber dem Vorquartal in %.
b Zahlenangaben: Veränderung gegenüber dem Vorjahr. allerdings einiges dafür, dass
Quelle: Bureau of Economic Analysis; Berechnungen der Institute; die Expansionsrate im zweiten
ab 3. Quartal 2017: Prognose der Institute. © GD Herbst 2017
Quartal von 0,6% gegenüber
dem Vorquartal die konjunktu-
Tab. 1.2 relle Grundtendenz überzeichnet. Auffällig ist der kräf-
Eckdaten zur Wirtschaftsentwicklung in den USA tige Rückgang der Sparquote, was darauf schließen
Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent
lässt, dass Sonderfaktoren die Nachfrage temporär
2016 2017 2018 2019 stimuliert haben. Der Preisauftrieb auf der Verbrau-
Reales Bruttoinlandsprodukt 1,5 2,1 2,3 1,9 cherebene ist hartnäckig niedrig; die Rate der Kernin-
Inländische Verwendung 1,7 2,1 2,1 2,0 flation liegt weiterhin bei null. Obwohl sich die Kon-
Privater Konsum 2,7 2,7 2,3 2,1
Staatskonsum und 0,8 0,1 0,8 0,8 junktur deutlich belebt hat und es den Unternehmen
-investitionen
Private Anlageinvestitionen 0,7 4,0 3,9 3,0 immer schwerer fällt, offene Stellen zu besetzen, ist
Vorratsänderungena – 0,4 – 0,1 0,2 0,0
Außenbeitraga – 0,2 – 0,2 – 0,2 – 0,2 eine Straffung der Geldpolitik vor diesem Hintergrund
Exporte – 0,3 3,2 2,9 2,8
Importe 1,3 4,2 4,1 3,7 derzeit nicht absehbar. Im Prognosezeitraum wird
Verbraucherpreise 1,3 1,9 2,2 2,2 sich die Konjunktur voraussichtlich verlangsamen, da
in Prozent des nominalen die Impulse vonseiten der Finanzpolitik, die im ersten
Bruttoinlandsprodukts
Budgetsaldob – 4,4 – 4,5 – 4,5 – 4,5
Halbjahr 2017 die Nachfrage angeregt hat, geringer
Leistungsbilanzsaldo – 2,4 – 2,6 – 2,7 – 2,7 werden und die Auslandskonjunktur etwas an Dyna-
in Prozent der Erwerbspersonen mik verliert. Auch wenn die Partizipationsquote in den
Arbeitslosenquote 4,9 4,4 4,3 4,4
vergangenen Jahren gestiegen ist, gelingt es der Politik
a
Wachstumsbeitrag. b Gesamtstaat, Fiskaljahr (Bund plus Bundesstaaten bislang nicht, durch Reformen auf der Angebotsseite in
und Gemeinden).
ausreichendem Umfang Beschäftigungspotenziale frei-
Quelle: Bureau of Economic Analysis; Bureau of Labor Statistics; 2017 und 2018:
Prognose der Institute. zusetzen und das Produktivitätswachstum zu stärken.
GD Herbst 2017
Das Wirtschaftswachstum dürfte daher in den kom-
menden Jahren unter der für das Jahr 2017 erwarteten
men. Die offenbar noch vorhandenen Spielräume auf Rate in Höhe von 1,5% liegen.
dem Arbeitsmarkt, der zuletzt wieder schwächere Preis- Auf der Konjunktur in Großbritannien lasten Sor-
auftrieb und das Ausbleiben von im Wahlkampf ange- gen um die Konsequenzen des EU-Austritts. Die Expan-
kündigten finanzpolitischen Stimulierungsmaßnah- sion hat im ersten Halbjahr 2017 deutlich nachgelas-
men dürften die Notenbank veranlassen, das Tempo sen, im Wesentlichen, weil die privaten Haushalte ihre
ihrer geldpolitischen Straffung etwas zu drosseln. Nachfrage nur noch wenig ausweiteten. Zwar steigt
6 ifo Schnelldienst 19 / 2017 70. Jahrgang 12. Oktober 2017GEMEINSCHAFTSDIAGNOSE
die Beschäftigung weiter deutlich, dennoch sind die denn die Lohnzuwächse sind bei sinkenden und mitt-
Realeinkommen zuletzt gefallen, weil die Verbraucher lerweile recht niedrigen Arbeitslosenquoten hoch.
preisinflation trotz nachlassender Lohndynamik auf Die Verbraucherpreisinflation zieht zwar an, ist aber
über 2½% im Sommer 2017 gestiegen ist. Dahinter zumeist noch moderat, so dass weiter hohe Realein-
steht die deutliche Abwertung des Pfunds in den Mona- kommensgewinne anfallen. Die Geldpolitik ist nach wie
ten vor und nach dem Brexit-Referendum. Das Verar- vor expansiv ausgerichtet, und auch die Wirtschaftspo-
beitende Gewerbe profitiert zwar von einer höheren litik befeuert den Boom, sei es durch eine Erhöhung
internationalen Wettbewerbsfähigkeit, sein Anteil an der Mindestlöhne (etwa in Ungarn und Rumänien),
der Wertschöpfung ist in Großbritannien aber recht durch Steuersenkungen (insbesondere in Ungarn),
gering, und es ist in erheblichem Maße auf importierte oder durch die Erhöhung von Sozialausgaben (Polen).
Vorleistungen angewiesen. Mehr ins Gewicht fällt, dass Die Konjunkturwird im Prognosezeitraum kräftig blei-
sich die Erwartungen im Dienstleistungssektor einge- ben, wenngleich die Zuwachsraten nicht ganz so hoch
trübt haben. Von der Geldpolitik sind kaum Zinserhö- ausfallen werden wie zuletzt (vgl. Tab. 1.3). Allerdings
hungen vor Ende des Jahres 2018 zu erwarten, denn die droht eine Überhitzung der Wirtschaft, und dies könnte
Bank von England rechnet mit einer Rückkehr der Infla- die Politik rasch zu dämpfenden Maßnahmen zwingen.
tion in die Nähe des Zielwerts, wenn die Abwertungs- So hat der beschleunigte Preisanstieg in Tschechien die
effekte ausgelaufen sein werden. Die Finanzpolitik Notenbank im April zur Aufgabe der Bindung der Krone
konsolidiert in den Jahren 2017 und 2018 in wesentlich an den Euro und im August zu einem ersten Zinsschritt
geringerem Maß als in den Vorjahren. Dennoch wird die veranlasst.
britische Wirtschaft mit 1,6% im Jahr 2017 und 1,3 bzw. Die chinesische Wirtschaft expandierte in den
1,4% in den beiden Jahren darauf wohl nur verhalten vergangenen Quartalen kräftig. Die in der zweiten
expandieren, denn zur Kaufzurückhaltung der privaten Jahreshälfte 2016 initiierten fiskalischen Stimuli
Haushalte dürfte eine schwache Investitionstätigkeit wirkten der trendmäßigen Verlangsamung im Ver-
kommen, solange die mit dem Brexit verbundene arbeiteten Gewerbe entgegen. Derzeit mehren sich
Unsicherheit groß ist. Viel wird
davon abhängen, ob sich bei Tab. 1.3
den Verhandlungen frühzeitig Reales Bruttoinlandsprodukt, Verbraucherpreise und Arbeitslosenquote in der
abzeichnet, dass sich die wirt- Europäischen Union
schaftlichen Rahmenbedin- Ge- Bruttoinlandsprodukta Verbraucherpreiseb Arbeitslosenquotec
wicht in Prozent
gungen in einer Übergangszeit Veränderungen gegenüber
(BIP) dem Vorjahr in Prozent
nach dem Austritt – wie für in Pro-
diese Prognose unterstellt – zent
2016 2017 2018 2019 2016 2017 2018 2019 2016 2017 2018 2019
nicht abrupt ändern werden. Deutschland 20,6 1,9 2,2 2,1 1,8 0,4 1,6 1,6 1,7 4,2 3,6 3,3 3,1
Die Wirtschaft in den mit- Frankreich 14,8 1,1 1,7 1,8 1,7 0,3 1,1 1,1 1,4 10,0 9,6 9,2 9,0
Italien 11,1 1,0 1,5 1,3 1,1 – 0,1 1,4 1,2 1,4 11,7 11,2 10,9 10,6
tel- und osteuropäischen Spanien 7,4 3,3 3,1 2,5 2,1 – 0,4 2,0 1,7 1,9 19,6 17,3 15,8 14,8
Niederlande 4,6 2,2 3,2 2,2 1,8 0,1 1,3 1,4 1,6 5,9 5,0 4,6 4,4
Mitgliedsländern der Euro- Belgien 2,8 1,2 1,7 1,7 1,6 1,8 2,3 1,9 2,0 8,0 7,5 7,3 7,1
päischen Union expandierte Österreich 2,3 1,6 2,7 2,4 1,8 1,0 2,0 1,8 1,9 6,1 5,4 5,1 5,0
Irland 1,7 5,1 4,4 3,2 2,8 – 0,2 0,4 1,1 1,4 7,9 6,4 5,4 4,9
zuletzt mit kräftigen Raten; so Finnland 1,4 1,9 2,8 2,0 1,6 0,4 0,9 1,1 1,3 8,8 8,7 8,5 8,3
Portugal 1,2 1,4 2,6 1,8 1,5 0,6 1,4 1,5 1,8 11,1 9,4 8,4 8,0
lag in der ersten Jahreshälfte Griechenland 1,2 0,0 0,9 2,0 2,2 0,0 1,2 1,0 1,2 23,8 21,4 19,9 18,6
2017 die Produktion in Ungarn Slowakei 0,5 3,3 3,1 3,3 3,2 – 0,5 1,3 1,7 2,0 9,7 7,8 7,0 6,5
Luxemburg 0,4 4,2 3,3 3,4 3,4 0,1 2,1 1,8 2,0 6,4 6,0 5,9 5,7
und in Polen um mehr als 2% Slowenien 0,3 2,7 4,6 3,0 2,8 – 0,2 1,6 1,7 1,8 7,9 7,1 6,6 6,3
Litauen 0,3 2,2 4,1 3,6 3,5 0,7 3,5 3,6 3,2 7,9 7,4 6,9 6,5
und in Tschechien sogar um Lettland 0,2 1,3 4,7 4,0 3,8 0,1 3,2 3,4 3,7 9,6 8,6 8,0 7,5
Estland 0,1 1,7 4,8 3,5 3,1 0,8 3,6 3,9 3,8 6,9 6,3 6,5 6,7
etwa 3% über der im zweiten Zypern 0,1 2,9 3,4 2,5 2,4 – 1,2 0,9 1,1 1,4 12,9 11,3 10,3 9,8
Halbjahr 2016. Die tschechi- Malta 0,1 5,0 5,3 3,6 3,2 0,9 1,4 1,6 1,8 4,8 4,1 4,0 4,0
sche Exportwirtschaft profi- Euroraum 71,1 1,8 2,2 2,0 1,8 0,2 1,5 1,4 1,6 10,1 9,2 8,6 8,2
insgesamt
tiert noch stärker als die ande- ohne 50,5 2,0 2,2 2,0 1,7 0,2 1,4 1,4 1,6 12,2 11,1 10,5 10,0
Deutschland
rer Länder vom Aufschwung im
Großbritannien 17,5 1,8 1,6 1,3 1,4 0,7 2,6 2,5 2,2 4,9 4,4 4,6 4,8
Euroraum. Vor allem wird aber Schweden 3,0 3,0 3,1 2,6 2,3 1,1 2,0 1,8 1,9 7,0 6,8 6,5 6,3
Polen 2,9 2,7 4,2 3,2 3,0 – 0,2 1,7 2,0 2,1 6,1 4,8 4,2 4,0
in diesem Jahr fast überall Dänemark 1,8 1,7 2,4 2,0 1,9 0,0 1,1 1,6 1,7 6,2 5,8 5,6 5,5
wieder kräftig investiert, nicht Tschechien 1,1 2,5 4,6 3,3 2,6 0,7 2,4 2,1 2,1 4,0 3,0 2,7 2,6
Rumänien 1,1 4,8 5,5 4,0 3,6 – 1,1 1,0 2,5 2,3 6,0 5,2 5,1 5,0
zuletzt weil für die Finanzie- Ungarn 0,7 1,9 3,7 3,1 2,6 0,5 2,5 2,8 2,9 4,9 4,2 4,0 3,8
Bulgarien 0,3 3,5 3,5 3,0 2,8 – 1,3 1,2 1,6 2,0 7,7 6,1 5,5 5,1
rung wieder mehr EU-Gelder Kroatien 0,3 2,7 2,7 2,5 2,5 – 0,6 1,3 1,6 1,9 13,3 10,8 9,9 9,5
zur Verfügung stehen, nach- EU-28 c 100,0 1,9 2,3 2,0 1,8 0,3 1,7 1,7 1,8 8,6 7,8 7,3 7,0
dem Probleme beim Übergang MOE-Länderd 7,8 2,9 4,3 3,3 3,0 – 0,2 1,8 2,2 2,3 6,6 5,4 4,9 4,7
zu einem neuen mehrjährigen a
Die Zuwachsraten sind um Kalendereffekte bereinigt, außer für die Slowakei. b Harmonisierter Verbraucher-
c d
preisindex. Standardisiert. Summe der aufgeführten Länder. Bruttoinlandsprodukt und Verbraucherpreise
EU-Budget überwunden wor- gewichtet mit dem Bruttoinlandsprodukt von 2015 in US– Dollar. Arbeitslosenquote gewichtet mit der Zahl der
Erwerbspersonen von 2015. e Mittel- und osteuropäische Länder: Slowakei, Slowenien, Estland, Polen,
den sind. Schon seit längerem Tschechien, Rumänien, Ungarn, Bulgarien, Litauen, Lettland, Kroatien.
weiten die privaten Haushalte Quelle: Eurostat, IWF, Statistisches Bundesamt, Berechnungen der Institute; 2017 bis 2019: Prognose der Institute.
ihren Konsum deutlich aus, GD Herbst 2017
ifo Schnelldienst 19 / 2017 70. Jahrgang 12. Oktober 2017 7GEMEINSCHAFTSDIAGNOSE
jedoch die Anzeichen, dass die Konjunktur ihren Zenit kommen von der anziehenden globalen Konjunktur.
überschritten hat. So verringerten sich die Zuwachs- Lateinamerikanische Länder profitieren dabei traditio-
raten bei den Investitionen, der Industrieproduktion nell durch ihre Rohstoffexporte. Dazu trägt aktuell auch
und den Einzelhandelsumsätzen zuletzt etwas. Die eine für sie vorteilhafte Entwicklung der Rohstoffpreise
Institute erwarten, dass sich das Tempo des Produk- bei. Die positiven Einkommenseffekte dürften im Laufe
tionsanstiegs in den kommenden beiden Jahren all- der nächsten Quartale auch die binnenwirtschaftliche
mählich weiter verringern wird. Für dieses Jahr wird Dynamik in den einzelnen Ländern verstärken, was
ein Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von 6,7% eine spürbare konjunkturelle Beschleunigung im Prog
prognostiziert, für die Jahre 2018 und 2019 rechnen nosezeitraum erwarten lässt. Zudem ist zu erwarten,
die Institute mit Zuwächsen von 6,4% bzw. 6,0%. Der dass die Finanzpolitik einen deutlich expansiveren Pfad
Preisauftrieb wurde zu Beginn des laufenden Jah- einschlägt. Allerdings gibt es eine Reihe von Faktoren,
res von fallenden Lebensmittelpreisen gedämpft. die die Wachstumsdynamik in der Region begrenzen: In
Derzeit liegt die Inflation bei Werten um 1,5%. Es ist vielen Ländern ist die private Verschuldung in den ver-
wahrscheinlich, dass sie Anfang 2018 aufgrund von gangenen Jahren deutlich gestiegen. Hinzu kommt der
Basiseffekten auf Werte zwischen 2 und 3% steigt. Zinsanstieg in den USA, der in lateinamerikanischen
Während die Finanzpolitik die Wirtschaft stimulierte, Ländern aufgrund der hohen Auslandsverschuldung
schwenkte die Zentralbank zu Jahresbeginn auf einen verhältnismäßig starke Auswirkungen haben dürfte.
restriktiveren Kurs ein. Sie beabsichtigt damit, das Vor diesem Hintergrund erwarten die Institute eine
Kreditwachstum zu dämpfen, die Risiken im Finanz- Expansion der gesamtwirtschaftlichen Produktion in
und Schattenbankensektor zu reduzieren sowie Lateinamerika von 2,1% bzw. 2,5% in den Jahren 2018
Kapitalabflüsse einzudämmen und damit den Yuan und 2019, nach einem Zuwachs um 1,3% im laufenden
zu stützen, der unter Abwertungsdruck geraten ist. Jahr.
Gleichzeitig wird versucht, den Risiken im Finanzsek- In Russland erholt sich die Konjunktur seit dem
tor durch neue Regulierungen seitens der Bankenauf- Vorjahr wieder, nachdem die gesamtwirtschaftliche
sicht beizukommen. Die restriktivere Geldpolitik hat Produktion 2015 zurückgegangen war. Ein wesentli-
dazu geführt, dass die kurzfristigen Marktzinsen im cher Grund für die Besserung ist, dass sich mit dem
Jahresverlauf merklich gestiegen sind. Die langfris- Ölpreis die Exporteinnahmen stabilisiert haben. Auch
tigen Zinsen zogen dagegen nicht in gleichem Maße haben sich die realen Einkommen der russischen
mit, so dass die Zinsstruktur zeitweise sogar invers Haushalte mit der jüngsten Aufwertung des Rubels
war. Dies deutet darauf hin, dass die chinesischen und dem damit verbundenen deutlichen Rückgang
Finanzmarktteilnehmer angesichts einer sowohl im der Inflation verbessert. Allerdings hat die russische
internationalen als auch im zeitlichen Vergleich sehr Zentralbank die Zinsen bislang nur vorsichtig gesenkt.
hohen Verschuldung bei den Unternehmen und einer Auch dürften neue Sanktionen, die insbesondere den
von staatlichen Impulsen gestützten konjunkturellen Energiesektor treffen, das Tempo der konjunkturellen
Expansion deutliche Risiken für die wirtschaftliche Erholung verringern. Alles in allem gehen die Institute
Entwicklung in China sehen. von einer moderaten Expansion der russischen Wirt-
Die Wirtschaft in Indien hat ein hohes Wachs schaft aus. Nach einer Stagnation im Vorjahr dürfte
tumspotenzial, wird derzeit aber durch kurzfristige die Wirtschaftsleistung im laufenden Jahr um 1,5%
negative Wirkungen von Reformen gebremst, mit und in den beiden Jahren danach nur wenig stärker
denen die wirtschaftliche Entwicklung auf längere zulegen.
Sicht gefördert werden soll. Nachdem gegen Ende des
Jahres 2016 eine Bargeldreform durchgeführt worden Wirtschaftspolitische Risiken haben abgenommen
war, hat im zweiten Quartal 2017 die Einführung einer
landesweit einheitlichen Mehrwertsteuer die Produk- Zwar bestehen viele der in vergangenen Gemeinschafts-
tion beeinträchtigt. Für das laufende Vierteljahr sind diagnosen angesprochenen geopolitischen Risiken fort
Belastungen aufgrund der in einigen Regionen katast- und mit der Zuspitzung des Nordkoreakonflikts ist ein
rophalen Monsunregenfälle zu erwarten, nicht zuletzt weiteres hinzugekommen. Allerdings haben sich die
weil sie die Ernte schmälern und die Nahrungsmittel- wirtschaftspolitischen Risiken in den vergangenen
preise steigen lassen. Mit Abklingen der temporären Monaten deutlich verringert, nachdem sie noch zu
negativen Einflüsse wird die indische Wirtschaft aber Jahresbeginn global sehr hoch gewesen waren.1 Diese
wieder deutlich rascher expandieren. Die Institute
rechnen mit einem Anstieg der gesamtwirtschaft- 1
Vgl. hierzu den auf der Auswertung von Medienbeiträgen basie-
renden globalen Unsicherheitsindikator von S. R. Baker, N. Bloom
lichen Produktion in den Jahren 2018 und 2019, der und S. J. Davis unter
mit um 7,5 bzw. 7,3% wieder deutlich höher liegt als www.policyuncertainty.com, der im Januar 2017 einen histori-
in diesem Jahr (6,3%). schen Höchststand erreicht hatte. Die Volatilitätsindikatoren
an den Finanzmärkten stiegen dagegen deutlich weniger an. Die
In Lateinamerika erholt sich die Konjunktur Finanzmarktteilnehmer scheinen angesichts der vergangenen Un-
nur zögerlich, nachdem im Vorjahr die gesamtwirt- sicherheitskaskaden mittlerweile stärker abgehärtet gegenüber
politischen Unabwägbarkeiten zu sein, oder ihre Risikoaversion
schaftliche Produktion in Argentinien und in Brasilien hat angesichts des aktuellen konjunkturellen Aufschwungs abge-
zurückgegangen war. Deutliche Impulse für die Region nommen.
8 ifo Schnelldienst 19 / 2017 70. Jahrgang 12. Oktober 2017GEMEINSCHAFTSDIAGNOSE
Entwicklung betrifft sowohl die USA als auch Europa. Abb. 1.4
Mittlerweile hat sich herauskristallisiert, dass in den Welthandel und Investitionen
in Prozent
USA die republikanische Kongressmehrheit zum einen
sehr eigenständig gegenüber dem Präsidenten auftritt % Welthandel Investitionen
und zum anderen selbst politisch stark zersplittert ist. 6
Als Konsequenz werden die Absichten der Regierung 4
hinsichtlich Protektionismus, Steuerreform und Infra- 2
strukturinvestitionen nach Einschätzung der Institute 0
nur graduell umgesetzt. Das Ergebnis der letztendlich -2
ergriffenen Maßnahmen dürfte entsprechend weniger
-4
weit vom bisherigen Status quo entfernt liegen als bis-
-6
her erwartet.2 Des Weiteren haben Wahlniederlagen
-8
europakritischer Parteien in einigen EU-Ländern dazu
2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017
geführt, dass die Wahrscheinlichkeit einer politischen
Quartalsdaten, saisonbereinigt; Veränderung gegenüber dem Vorquartal,
Destabilisierung der Europäischen Union gesunken ist. gleitender Dreiquartalsdurchschnitt; Investitionen: Index der Investitionen von
Auch wird es nach den jüngsten Stellungnahmen der 47 Industrie und Schwellenländern gewichtet mit dem BIP zu Kaufkraftparitäten;
Welthandel gemäß CPB-World Trade Monitor.
britischen Regierung nach Einschätzung der Institute Quelle: CPB; nationale Quellen; Berechnungen der Institute. © GD Herbst 2017
wahrscheinlicher, dass sich der Austritt Großbritanni-
ens aus der EU mit einer ausgedehnten Übergangsfrist Handelsintensität bei Investitionsgütern wird die glo-
vollzieht, was abrupte Brüche vermeidet, aber auch die bale Investitionsschwäche als eine Ursache für den
Phase der Unsicherheit verlängert. geringen Anstieg des Welthandels in den vergangenen
Ein substantielles Risiko für die weltwirtschaft- Jahren angesehen.3
liche Entwicklung geht weiterhin von China aus. Die Besonders stark belebte sich der Außenhandel
Verschuldung im chinesischen Unternehmenssektor in den asiatischen Schwellenländern, der von China
ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen und dominiert wird.4 Die Entwicklung in dieser Länder-
liegt mittlerweile auch im internationalen Vergleich gruppe war wesentlich verantwortlich sowohl für die
auf einem sehr hohen Niveau. Dies wirkte zwar in der ausgesprochen schwache Zunahme des Welthandels
Vergangenheit stimulierend, ist aber nicht nachhaltig. von Mitte 2014 bis Mitte 2016 als auch für den kräf-
Je länger die chinesische Regierung mit einer Korrektur tigen Anstieg in jüngster Zeit (vgl. Abb. 1.5). Knapp zwei
ihrer Politik wartet, desto größer wird das Risiko eines Drittel des Anstiegs der Zuwachsraten seit der zweiten
krisenhaften Einbruchs. Jahreshälfte 2016 lassen sich auf höhere Importe die-
3
Vgl. Kose, M.A., F. Ohnsorge, L.S. Ye und E. Islamaj, »Weakness
ZUR JÜNGSTEN BESCHLEUNIGUNG DES in Investment Growth: Causes, Implications and Policy Respon-
ses«, Policy Research Working Paper 7990, 2017, und Bussière, M.,
WELTHANDELS G. Callegari, F. Ghironi, G. Sestieri und N. Yamano, »Estimating
Trade Elasticities: Demand Composition and the Trade Collapse
Der Welthandel ist seit dem Herbst 2016 wieder deut- of 2008–2009«, American Economic Journal: Macroeconomics 5(3),
2013, 118–151.
lich aufwärts gerichtet, nachdem er in den Jahren 4
Das CPB weist den Außenhandel Chinas nicht gesondert aus.
zuvor nur schwach gestiegen und zeitweise sogar rück- Die Größe der chinesischen Volkswirtschaft und der hohe Gleich-
lauf relevanter Indikatoren für China mit den CPB-Zahlen für diese
läufig gewesen war. Die Dynamik hat zwar im Frühjahr Region lassen aber auf die Dominanz der Entwicklung in China
2017 etwas nachgelassen, dennoch war das Volumen schließen.
des weltweiten internationalen
Güteraustauschs im Juni immer Abb. 1.5
noch um knapp 5% höher als Beiträge zur Expansion des Welthandels nach Regionen
ein Jahr zuvor. in Prozent
Für die Beschleunigung des Schwellenländer ohne Asien
%
Welthandels ist wohl vor allem 20 Asiatische Schwellenländer
die konjunkturelle Belebung 15 Fortgeschrittene Volkswirtschaften
der Weltwirtschaft verantwort- Insgesamt
10
lich. Insbesondere verstärkte
sich die Investitionstätigkeit 5
seit Mitte 2016 weltweit erheb- 0
lich (vgl. Abb. 1.4). Angesichts -5
der vergleichsweise hohen
-10
2
Vgl. Projektgruppe Gemeinschafts- -15
diagnose, Aufschwung festigt sich trotz
weltwirtschaftlicher Risiken, Gemein- -20
schaftsdiagnose Frühjahr 2017, Halle 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017
(Saale), 2017, S. 17 ff. für eine Diskus- Quartalsdaten, preis- und saisonbereinigt.
sion der wirtschaftspolitischen Pläne Welthandel: Importe.
der Administration Trump. Quelle: CPB; Berechnungen der Institute. © GD Herbst 2017
ifo Schnelldienst 19 / 2017 70. Jahrgang 12. Oktober 2017 9GEMEINSCHAFTSDIAGNOSE
ser Region zurückführen.5 Triebkraft ist wohl die durch ren auch durch Staatenteilungen in Osteuropa bedingt,
eine expansive Wirtschaftspolitik bewirkte Beschleu- in deren Folge bis dahin als Binnenhandel anzusehende
nigung der Konjunktur in China gewesen. Verflechtungen plötzlich als Außenhandel erfasst wur-
Allerdings dürfte sich die wirtschaftliche Dynamik den. Auch die im Zuge der Exploration von Schiefergas
in China und damit die Expansion des Handels im asia- gestiegene Eigenversorgung der USA mit Rohöl leistete
tischen Raum im Prognosezeitraum wieder etwas ver- einen – wenn auch kleinen – Beitrag zur Verlangsamung
langsamen. Seit einigen Jahren befindet sich die chine- des Welthandelswachstums.10
sische Volkswirtschaft in einem strukturellen Wandel. In der Folge all dessen hat sich die Produktions
Der Anteil der inländischen Wertschöpfung an den chi- elastizität des Welthandels, die im Zusammenhang mit
nesischen Exporten steigt bereits seit geraumer Zeit, der Ausweitung der globalen Wertschöpfungsketten
was die Expansion der Importe dämpft. Hinzu kommt auf ein im historischen Vergleich ungewöhnlich hohes
die Regierungsstrategie einer Abkehr von dem vom Niveau gestiegen war, wohl nachhaltig vermindert.11
Export getriebenen hin zu einem stärker von der inlän- Alles in allem rechnen die Institute damit, dass der
dischen Nachfrage getragenen Wachstum.6 Die Insti- Welthandel nach der zuletzt beobachteten, stark von
tute rechnen damit, dass die wirtschaftspolitischen zyklischen Faktoren getragenen Beschleunigung in
Anregungen in China mit der Zeit geringer werden und den kommenden Jahren mit etwas geringeren Raten
die Wirtschaft dort auf einen flacheren Expansionspfad von rund 3½% expandiert. Er dürfte damit immer noch
einschwenkt, der mit der Entwicklung des Produktions- etwas stärker zunehmen als die globale Produktion,
potenzials, ökologischer Nachhaltigkeit und finanziel- gestützt von einer anhaltend regen Investitionstätig-
ler Stabilität eher vereinbar ist. keit und unter der Annahme einer nur allmählichen
Zudem bleiben wichtige Faktoren bestehen, die Verlangsamung der konjunkturellen Dynamik in China.
bewirkt haben, dass sich die Dynamik des internatio-
nalen Warenverkehrs strukturell verlangsamt hat und EURORAUM IM AUFSCHWUNG
die Produktionselastizität des Welthandels nachhaltig
niedriger ist als in den beiden Dekaden vor der globa- Die Konjunktur im Euroraum hat erkennbar an Fahrt
len Finanzkrise.7 So gehen anders als in den Jahren vor gewonnen, das Bruttoinlandsprodukt expandierte in
der Finanzkrise keine Impulse mehr von der Liberali- den vergangenen zwölf Monaten mit Raten deutlich
sierung des Welthandelsregimes aus, und die Integra- über dem Potenzialwachstum. Impulse kamen dabei
tion von zuvor stärker abgeschotteten Ländern (China, sowohl vom Auslandsgeschäft als auch von der Bin-
Osteuropa) ist weit fortgeschritten. Seit der Großen nenwirtschaft. Der Aufschwung ist breit aufgestellt, die
Rezession haben sich vielmehr eher protektionistische Wirtschaft expandiert in nahezu allen Ländern dyna-
Tendenzen verstärkt. Auch wenn deren quantitative misch (vgl. Abb. 1.6).
Bedeutung bislang eher gering eingeschätzt wird,8 Auch die Beschäftigung steigt im Euroraum kräf-
stellen sie im gegenwärtigen weltpolitischen Klima ein tig, und die Arbeitslosigkeit sinkt. Bis zum Juli 2017
erhebliches Risiko dar. ist die Arbeitslosenquote auf 9,1% (ohne Deutschland:
Der Abbau von Handelshemmnissen hatte auch 11,3%) gefallen. Dabei zeigten alle 19 Mitgliedsländer
den Aufbau internationaler Wertschöpfungsketten einen rückläufigen Trend bei den Arbeitslosenzahlen.
unterstützt. Einzelne Arbeitsschritte der Produktion Besonders stark war er in Spanien, wo die Arbeitslosen-
wurden zunehmend international verlagert, um kom- quote innerhalb von zwölf Monaten um rund 2½ Pro-
parative Vorteile der Länder bereits bei der Erstellung zentpunkte sank. Aber auch in Irland, Portugal und
von Vorprodukten zu nutzen. Dieser Prozess der verti- Griechenland war der Rückgang mit knapp 2 Prozent-
kalen Spezialisierungen ist in den vergangenen Jahren punkten binnen Jahresfrist erheblich. In Frankreich
offenbar zum Stillstand gekommen, teilweise sogar und Italien ging die Arbeitslosigkeit hingegen bisher
zurückgeführt worden.9 nur leicht zurück.
Hinzu kommen eher technische Gründe. So war die Der inländische Preisauftrieb hat sich zuletzt im
hohe Expansion des Welthandels in den neunziger Jah- Einklang mit der konjunkturellen Erholung beschleu-
nigt. Ausgehend von ihrem Tiefpunkt von 0,6% Anfang
5
Die Berechnung der Expansionsbeiträge erfolgt auf Basis der
2015 stieg die Kerninflation bis August 2017 auf 1,3%.
globalen und regionalen Importe.
6
Vgl. Dorrucci, E., G. Pula und D. Santabárbara, »China’s econo- Die Verbraucherpreise insgesamt lagen zuletzt um
mic rebalancing«, ECB Occasional Paper Series No 142, February 1,5% höher als im Vorjahresmonat, nachdem die Rate
2013. oder Kang, J.S. und W. Liao, »Chinese Imports: What’s Be-
hind the Slowdown?«, IMF Working Paper 16/106, 2016. aufgrund der Energieverteuerung zu Jahresbeginn zwi-
7
Vgl. Haugh, D., A. Kopoin, E. Rusticelli, D. Turner und R. Dutu, schenzeitlich auf knapp 2% gestiegen war.
»Cardiac Arrest or Dizzy Spell: Why is World Trade So Weak and
What can Policy Do About It?,« OECD Economic Policy Paper No. 18,
10
September 2016. Vgl. RWI, Peak Trade? – Auswirkungen einer weltwirtschaftlichen
8
Vgl. IMF, World Economic Outlook, Chapter 2: Global Trade: Wachstumsverlangsamung auf das Exportland Nordrhein-Westfalen,
What’s behind the Slowdown?, Oktober 2016. RWI-Projektbericht, 17, RWI, Essen, 2016.
9 11
Vgl. Crozet, M., C. Emlinger und S. Jean, »On the gravity of world Vgl. Gangnes, B., A.C. Ma und A. Van Assche, »Global value
trade’s slowdown«, in: B. Hoekman, (Hrsg.), The Global Trade Slow- chains and the trade-income relationship: Implications for the
down: A New Normal?, Centre for Economic Policy Research (CEPR), recent trade slowdown«, in: B. Hoekman (Hrsg), The Global Trade
London, 2015, und EZB, »Gründe für die Schwäche des Welthan- Slowdown: A New Normal?, Centre for Economic Policy Research
dels«, Wirtschaftsbericht (3), 2015, 37–47. (CEPR), London, 2015.
10 ifo Schnelldienst 19 / 2017 70. Jahrgang 12. Oktober 2017GEMEINSCHAFTSDIAGNOSE
Abb. 1.6 Im Prognosezeitraum wird
Expansionsdynamik im Euroraum nach Ländern im 2. Quartal die Geldpolitik voraussicht-
in Prozent
lich einen weniger expansiven
Malta Kurs einschlagen, so dass die
Irland Finanzierungsbedingungen
Estland
der Unternehmen und Haus-
Slowenien
Lettland halte allmählich weniger güns-
Litauen tig werden. Angesichts einer
Niederlande
steigenden Auslastung der
Zypern
Luxemburg Produktionskapazitäten gehen
Slowakei die Institute davon aus, dass
Spanien
die EZB Anfang 2018 mit dem
Finnland
Portugal Ausstieg aus dem Anleihekauf-
Österreich programm beginnen und im
Euroraum
Laufe der zweiten Jahreshälfte
Deutschland
Frankreich keine Nettozukäufe mehr täti-
Italien gen wird. Im Jahr 2019 dürften
Belgien
dann die zunehmende Über-
Griechenland
auslastung der Produktionska-
0 1 2 3 4 5 6 7
Quartalsdaten; preis-, kalender und saisonbereinigt. Veränderung des Bruttoinlandsprodukts im 2. Quartal 2017 pazitäten und steigende Infla-
gegenüber dem Vorjahresquartal (Luxemburg: 1.Quartal).
tionserwartungen die EZB zu
Quelle: Eurostat; Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen; Berechnungen der Institute. © GD Herbst 2017
einem ersten Zinserhöhungs-
schritt veranlassen.12
Der Euro hat seit Beginn des Jahres gegenüber Die Reduktion der monatlichen Anleihekäufe
dem US-Dollar um gut 12% an Wert gewonnen. Dem seit April 2017 führt zusammen mit dem Anstieg des
war allerdings im Herbst 2016 eine 6%ige Abwertung Außenwertes des Euros schon in diesem Jahr dazu,
vorangegangen. Die Stärke des Euro seit Jahresbe- dass sich die monetären Rahmenbedingungen leicht
ginn dürfte die zunehmende Ernüchterung über die verschlechtern. Die Straffung der Geldpolitik in den
wirtschaftspolitischen Ankündigungen des US-Prä- kommenden beiden Jahren dürfte dazu führen, dass
sidenten, aber auch die überraschend kräftige Kon- die langfristigen Zinsen von derzeit etwa 1,1% auf
junkturdynamik im Euroraum widerspiegeln. Effektiv 1,8% zum Jahresende 2019 ansteigen. Da der Realzins
wertete der Euro gegenüber 18 Handelspartnern um auch dann noch nahe null liegen dürfte, bleiben die
reichlich 5% auf. Dies reduziert die Importpreise und Finanzierungsbedingungen günstig.
dämpft damit die Verbraucherpreisinflation. Zudem
dürfte die Exportdynamik dadurch etwas gemindert Finanzpolitik bleibt leicht expansiv
werden.
Das konsolidierte Budgetdefizit der Länder des Euro-
Expansive geldpolitische Impulse nehmen ab raums hat sich im vergangenen Jahr auf 1,5% des
Bruttoinlandsprodukts verringert (vgl. Tab. 1.4). Dies
Die Geldpolitik im Euroraum ist nach wie vor expansiv war auf die gute Konjunktur und die niedrigen Zinsen
ausgerichtet und trägt zur konjunkturellen Belebung zurückzuführen. Die Budgetsalden verbesserten sich
bei. Der Hauptrefinanzierungssatz der Europäischen in fast allen Ländern, wenngleich in unterschiedlichem
Zentralbank (EZB) liegt seit März 2016 bei 0%, der Einla- Ausmaß. Deutschland, die Niederlande, Griechenland
gensatz bei − 0,4% und der Spitzenrefinanzierungssatz und die baltischen Staaten verzeichneten Überschüsse.
bei 0,25%. Die EZB kauft seit April 2017 monatlich noch In Frankreich und Spanien lagen die Defizite dagegen
Anleihen mit einem Volumen von 60 Mrd. Euro, nach- mit 3,4 und 4,6% in Relation zum Bruttoinlandsprodukt
dem im Jahr zuvor monatlich Wertpapiere im Volumen weiterhin über der im Maastricht-Vertrag vereinbarten
von 80 Milliarden Euro gekauft worden waren. Insge- Obergrenze von 3%.
samt wurden bis August 2017 Käufe in Höhe von über Der strukturelle Budgetsaldo, der die gesamt-
zwei Billionen Euro getätigt. staatlichen Finanzierungssalden um konjunkturelle
Infolge der expansiven Ausrichtung der Geldpoli- und einmalige Effekte bereinigt ausweist, betrug im
tik sanken Kreditzinsen und Umlaufrenditen bis zum Euroraum insgesamt in den vergangenen drei Jahren
Ende des Jahres 2016 kontinuierlich, und sie verblie- jeweils − 1% in Relation zum Produktionspotenzial.
ben seitdem auf sehr niedrigem Niveau (vgl. Abb. 1.7). Der Rückgang der Zinsausgaben hat den Regierungen
Das Kreditvolumen steigt seit 2015, die Zuwachsraten
waren jedoch bis zuletzt niedriger als die des nomi- 12 Zur möglichen Ausgestaltung des Ausstiegs aus dem Anleihe-
nalen Bruttoinlandsprodukts. Damit geht das Kredit- ankaufprogramm und zur Reihenfolge weiterer geldpolitischer
Schritte siehe Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose, Aufschwung
volumen in Relation zur Wirtschaftsleistung weiter festigt sich trotz weltwirtschaftlicher Risiken, Gemeinschaftsdiagno-
zurück. se Frühjahr 2017, Halle (Saale), 2017, S. 27 ff.
ifo Schnelldienst 19 / 2017 70. Jahrgang 12. Oktober 2017 11GEMEINSCHAFTSDIAGNOSE
Abb. 1.7
Zur monetären Lage im Euroraum
Geldmarktzinsen Kapitalmarktzinsenᵃ
% % Staatsanleihen (AAA)
6 10
Eonia Staatsanleihen (Euroraum)
5 Eurepo 8 Unternehmensanleihen (AAA)
Euribor Unternehmensanleihen (BBB)
4 Hauptrefinanzierungssatz 6
3 Einlagesatz
Spitzenrefinanzierungssatz 4
2
2
1
0 0
-1 -2
2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017
Kreditzinsenᵇ Kreditbestände in Relation zum BIPᶜ
% Haushalte: Konsum % Unternehmen
10 Haushalte: Wohnungsbau 60 Haushalte: Wohnungsbau
9 Unternehmen Haushalte: Konsum
50
8
7 40
6
30
5
4 20
3
10
2
1 0
2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017
Veränderung der Kreditbeständeᵈ Veränderung der Euro-Wechselkurseᵉ
% Haushalte: Konsum % USD/EUR
20 40
Haushalte: Wohnungsbau GBP/EUR
15 Unternehmen 30
JPY/EUR
20
10
10
5
0
0
-10
-5 -20
Nominaler effektiver Wechselkurs
-10 -30
2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017
ᵃ Unternehmensanleihen = Renditen für Anleihen von Unternehmen mit höchster (AAA) bzw. mittlerer (BBB) Bonität und einer Restlaufzeit von 10 Jahren. Staatsanleihen =
Renditen für Anleihen vom gesamten Euroraum und von Ländern des Euroraums mit höchster Bonität (AAA) und einer Restlaufzeit von 10 Jahren.
ᵇ Zinsen für Kredite an nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften und für Kredite an Haushalte für Konsum bzw. für Wohnungsbau im Neugeschäft.
ᶜ Kreditbestände nichtfinanzieller Kapitalgesellschaften und von Haushalten für Konsum bzw. für Wohnungsbau (in Prozent des Bruttoinlandsprodukts, gleitender
Dreimonatsdurchschnitt , saisonbereinigt).
ᵈ Kreditbestände nichtfinanzieller Kapitalgesellschaften und von Haushalten für Konsum bzw. für Wohnungsbau ( gleitender Dreimonatsdurchschnitt der Veränderungen
zum Vormonat, in Prozent, annualisiert, saisonbereinigt ).
ᵉ Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent. Nominaler effektiver Wechselkurs für 38 Partnerländer des Euroraums.
Quelle: Europäische Zentralbank; Thomson Reuters; Berechnungen der Institute. © GD Herbst 2017
zusätzlichen Spielraum verschafft, die konjunkturelle demnach in den vergangenen beiden Jahren leicht
Erholung mit expansiven Maßnahmen zu unterstüt- expansiv ausgerichtet.
zen. Der Effekt der Niedrigzinsen auf die Budgetdefizite Auch in diesem Jahr dürfte der strukturelle
dürfte sich im Verlauf des Prognosezeitraums jedoch Primärüberschuss im Euroraum noch geringfügig
allmählich abschwächen, da immer weniger hochver abnehmen. Das Budgetdefizit wird aufgrund des Auf-
zinsliche Anleihen ersetzt werden und der Tiefpunkt schwungs auf 1% in Relation zum Bruttoinlandspro-
bei den Zinsen nun wohl durchschritten ist. Der struk- dukt zurückgehen. Dabei dürften die Budgetdefizite in
turelle Primärüberschuss, der den strukturellen Saldo Frankreich und Spanien unter 3% sinken, so dass die
abzüglich des Zinsaufwands abbildet, ist im Euroraum Defizitverfahren für diese Länder wohl im kommenden
von 1,6% in Relation zum Produktionspotenzial im Jahr Jahr eingestellt werden. Unter den größeren Ländern
2014 bei unverändertem strukturellem Saldo auf 1,2% werden Deutschland und die Niederlande weitere Bud-
im vergangenen Jahr gesunken. Die Finanzpolitik war getüberschüsse erzielen.
12 ifo Schnelldienst 19 / 2017 70. Jahrgang 12. Oktober 2017GEMEINSCHAFTSDIAGNOSE
Tab 1.4 besserten sich harte, nicht auf
Finanzierungssalden der öffentlichen Haushalte in den Ländern des Euroraums Umfragen basierende Indikato-
in Prozent des nominalen Bruttoinlandsproduktsa ren wie die Einzelhandelsum-
2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 sätze, die Auftragseingänge im
Deutschland – 0,2 0,3 0,7 0,9 0,9 1,1 1,2 Verarbeitenden Gewerbe sowie
Frankreich – 4,0 – 3,9 – 3,6 – 3,4 – 2,9 – 2,7 – 2,4 die Industrie- und die Baupro-
Italien – 2,9 – 3,0 – 2,7 – 2,4 – 1,8 – 1,7 – 1,7
Spanien – 7,0 – 6,0 – 5,1 – 4,5 – 2,9 – 2,0 – 1,4 duktion in der ersten Jahres-
Niederlande – 2,4 – 2,3 – 2,1 0,4 1,3 1,8 2,0
Belgien – 3,1 – 3,1 – 2,5 – 2,6 – 1,7 – 1,8 – 1,7 hälfte merklich.
Österreich – 1,4 – 2,7 – 1,1 – 1,6 – 0,7 – 0,1 0,1
Irland – 5,7 – 3,7 – 5,2 – 0,6 0,3 0,5 0,7
Für das zweite Halbjahr
Finnland – 2,6 – 3,2 – 2,7 – 1,7 – 1,1 – 0,5 – 0,1 2017 rechnen die Institute mit
Portugal – 4,8 – 7,2 – 4,4 – 2,0 – 1,3 – 1,3 – 0,3
Griechenland – 13,1 – 3,7 – 5,9 0,7 – 1,8 – 0,9 – 0,3 ähnlich kräftigen Expansions-
Slowakei – 2,7 – 2,7 – 2,7 – 1,7 – 1,3 – 0,6 0,1
Luxemburg 1,0 1,4 1,4 1,6 0,1 – 0,1 0,1 raten wie in der ersten Jahres-
Slowenien – 15,1 – 5,4 – 2,9 – 1,8 – 0,5 – 0,3 0,5 hälfte (vgl. Abb. 1.8). Im weite-
Litauen – 2,6 – 0,7 – 0,2 0,3 0,0 0,5 0,0
Lettland – 1,0 – 1,6 – 1,3 – 0,1 – 0,3 – 1,0 – 0,6 ren Prognosezeitraum dürfte
Estland – 0,2 0,7 0,1 0,3 0,7 0,8 0,5
Zypern – 5,1 – 8,8 – 1,2 0,4 0,6 1,2 0,9 sich das konjunkturelle Tempo
Malta – 2,6 – 2,0 – 1,3 1,0 1,5 1,8 1,8 etwas verringern und allmäh-
Euroraumb – 3,0 – 2,6 – 2,1 – 1,5 – 1,0 – 0,7 – 0,5 lich der Potenzialwachstums-
a
Gemäß der Abgrenzung nach dem Vertrag von Maastricht. b Summe der Länder; gewichtet mit dem Bruttoin-
landsprodukt.
rate nähern. Im kommenden
Jahr dürfte dafür vor allem das
Quelle: Eurostat; Europäische Kommission; 2017, 2018, 2019: Prognose der Institute. GD Herbst 2017
wegen der Aufwertung des Euro
weniger lebhafte Auslandsge-
In den beiden kommenden Jahren dürfte der schäft verantwortlich sein. Die Investitionen und der
strukturelle Primärüberschuss nochmals leicht abneh- private Konsum werden dagegen in wenig veränder-
men und die Finanzpolitik somit die Konjunktur weiter tem Tempo zunehmen (vgl. Tab. 1.5).13 Der Zuwachs
etwas anregen. Der Finanzierungssaldo der öffentli- des Bruttoinlandsprodukts wird im laufenden Jahr
chen Haushalte im Euroraum wird sich konjunkturell wohl 2,2% und in den kommenden beiden Jahren 2,0%
voraussichtlich auf − 0,7% (2018) und − 0,5% (2019) (2018) und 1,8% (2019) betragen. Der Auslastungsgrad
verbessern. der Wirtschaft im Euroraum dürfte im laufenden Jahr
Normalniveau erreichen und in den Folgejahren etwas
Ausblick: Gesamtwirtschaftliche Kapazitäten im darüber steigen.
Euroraum zunehmend ausgelastet Mit der sich fortsetzenden konjunkturellen Erho-
lung wird sich die Lage am Arbeitsmarkt weiter ver-
Frühindikatoren deuten darauf hin, dass die Konjunk- bessern. Die Arbeitslosenquote dürfte im Durchschnitt
turdynamik am aktuellen Rand hoch geblieben ist. Der des laufenden Jahres voraussichtlich auf 9,2% und in
Einkaufsmanagerindex ist in den vergangenen zwölf den kommenden beiden Jahren auf 8,6% bzw. 8,2%
Monaten deutlich gestiegen und lag im September mit sinken. Die Inflationsrate wird im Durchschnitt des
56,7% weit im expansiven Bereich. Der Economic Sen- laufenden Jahres bei 1,5% liegen. Da die Energie- und
timent Indicator der Europäischen Kommission stieg Lebensmittelpreise bei den der Prognose zugrunde
zuletzt auf den höchsten Wert seit der Finanzkrise. Vor liegenden Annahmen 2018 anders als in diesem Jahr
allem das Konsumentenvertrauen hat in den vergan- nicht deutlich steigen werden, wird die Inflationsrate
genen Monaten markant zugenommen. Zudem ver- für das Gesamtjahr auf 1,4% sinken. Die Kerninflati-
onsrate nimmt aber allmählich
Abb. 1.8 weiter zu, so dass der Preisauf-
Reales Bruttoinlandsprodukt im Euroraum trieb 2019 mit 1,6% wieder
Saison- und kalenderbereinigter Verlauf
etwas höher ausfallen dürfte.
Index, 1. Quartal 2014 = 100 %
114 2,0
laufende Rateᵃ
1,8%
Jahresdurchschnittᵇ
111 1,5
Volumen 2,0% 13
Die statistische Erfassung von In-
vestitionen im Euroraum wird derzeit
108 1,0 stark von großen Veränderungen in
2,2%
Irland verzerrt. Dort haben multinati-
1,9% 1,8%
105 0,5 onale Unternehmen geistiges Eigen-
tum in großem Umfang ihren irischen
Tochtergesellschaften überschrieben.
102 0,0 In der irischen Volkswirtschaftlichen
1,4% Gesamtrechnung wurde dies als
Investitions- und Importzuwachs ab-
99 -0,5 gebildet. Daraus erklärt sich, dass die
2014 2015 2016 2017 2018 2019 Institute für die Investitionen im Euro-
a Veränderung gegenüber dem Vorquartal in %. b Zahlenangaben: Veränderung gegenüber dem Vorjahr. raum für das Jahr 2017 eine geringere
Quelle: Eurostat; Berechnungen der Institute; Zuwachsrate prognostizieren als für
ab 3. Quartal 2017: Prognose der Institute. © GD Herbst 2017 das Jahr 2016.
ifo Schnelldienst 19 / 2017 70. Jahrgang 12. Oktober 2017 13Sie können auch lesen