Digital - Das Magazin 1.20 - Robert Bosch Stiftung
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DAS MAGAZIN
1.20
Editorial 3
Liebe Leserin, lieber Leser,
Einsen und Nullen bilden die Basis der digitalen Welt. Aus
ihnen setzen sich Bits und Bytes zusammen. Übersetzt in
elektrische oder optische Signale – Strom oder kein Strom,
Licht oder kein Licht – speichern und transportieren die
Einsen und Nullen heute unvorstellbare Datenmengen.
Für Einsen und Nullen, Strom und Licht gelten die Regeln
von Mathematik und Physik. Die Welt der binären Zahlen ist
zunächst eindeutig und logisch. Das gilt aber nur, bis der
Mensch dazukommt.
Die Digitalisierung macht die Welt für den Menschen
nicht einfacher und logischer. Im Gegenteil. Die Auswirkungen
von Big Data oder Algorithmen auf fast alle Dimensionen
unseres Lebens sind höchst ambivalent. Stärkt der unbe-
schränkte Zugang zu Informationen den mündigen Bürger?
Oder wird er durch Analyse seiner Daten zum manipulierbaren
Objekt? Was bedeutet das für die Demokratie? Fördern die
sozialen Medien weiterhin den Frühling der Zivilgesellschaft
wie vor ein paar Jahren in den arabischen Ländern? Oder
droht uns durch Gesichtserkennung und vollständige Erfas-
sung unserer digitalen Spuren die totale Überwachung? Hilft
digitale Bildung jedem Kind, sein volles Potenzial zu entfalten,
oder verstärkt sie die digitale Spaltung der Gesellschaft?
Ob sich eher die Potenziale verwirklichen oder die Risi-
ken, ist kein Schicksal. Wir müssen als Gesellschaft gemein-
sam die Regeln der Digitalisierung gestalten. Dafür braucht es
eine differenzierte Debatte mit einem starken Beitrag der
Zivilgesellschaft. Ein paar Anregungen dafür finden Sie hof-
fentlich in diesem Heft.
Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen.
Joachim Rogall, Sandra Breka, Hans-Werner Cieslik
Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung4 Inhalt Robert Bosch
Stiftung
06 10 18
6 10 18
Fakten Wahlkampf digital Debatte
Digitalisierung verändert Wie Wählerbeeinflus Die Digitalisierung bietet
unser Leben sung in den sozialen der Zivilgesellschaft
Medien funktioniert neue Werkzeuge –
8 und was das mit doch auch Möglichkeiten
Anfangen der Demokratie macht der Überwachung und
Das Projekt Kontrolle nehmen zu
GeschichtsCheck 16
entlarvt historische Infografik 24
Fake News im Netz Hinter Shitstorms Critical Mapping
steckt häufig keine große Bürger tragen Informati
Masse – sondern onen über ihre Stadtvier
eine laute Minderheit tel zu digitalen Karten
zusammen, um Verände
rungen anzustoßen.
Ein Beispiel aus Berlin
28
Essay
IT-Wissenschaftlerin
Catherine Mulligan über
digitale Ungleichheit,
Macht und Kryptowäh
rungenDAS MAGAZIN
1.20
5
30 44
30 44 Themen mit Bezug
Schule digital Hinter den Kulissen zur Coronakrise
Die Coronakrise traf die Wie die Forscherin Julia Die Coronakrise hat vielen Fragen rund
Schulen von heute auf Ebner undercover in um Digitalisierung eine neue Dringlichkeit
gegeben. An den folgenden Stellen im
morgen – Vorteile hatten rechtsextremistische Heft greifen wir solche Fragen auf:
die, die schon länger auf Onlineforen abtauchte Debatte über die Chancen und
digitales Lernen setzen Gefahren der Digitalisierung – Seite 18
46 Essay über die Ungleichheit beim
Zugang zu digitaler Technik – Seite 28
36 Angestiftet
Reportage über Unterricht
Stiftung der Zukunft Das MESH Collective während der Pandemie – Seite 30
Wir stellen die Themen bringt politische
vor, auf die sich unsere Themen dahin, wo
Bereiche Gesundheit, sie Jugendliche
Bildung und Bürger- erreichen: zu YouTube
gesellschaft künftig und Instagram
fokussieren werden
Illustration: Doreen Borsutzki
Impressum HERAUSGEBER Robert Bosch Stiftung GmbH, Heidehofstraße 31, 70184 Stuttgart, magazin@bosch-stiftung.de, www.bosch-stiftung.de |
GESCHÄFTSFÜHRUNG Prof. Dr. Joachim Rogall, Sandra Breka, Dr. Hans-Werner Cieslik | VERANTWORTLICH Stefan Schott, Bereichsleiter Kommuni-
kation | REDAKTIONSLEITUNG ROBERT BOSCH STIFTUNG Regina Mennig | REDAKTIONSLEITUNG VERLAG Martin Petersen, Nicole Zepter | VERLAG
TERRITORY Content to Results GmbH, Bei den Mühren 1, 20457 Hamburg, www.territory.de | GESCHÄFTSFÜHRERIN Sandra Harzer-Kux | PUBLISHING
MANAGEMENT Nicola Braun | ART DIREKTION Maja Nieveler, Anne Stiefel | BILDREDAKTION Vanessa Zeeh | DRUCK Merkur Druck GmbH, Oststraße 49,
22844 Norderstedt, merkur-druck.com ISSN-NR. 1865-0910 | COVERILLUSTRATION Tarek Mohamed Mawad6 Fakten
Wie Digitalisierung
unser Leben verändert
Acht Aspekte, die zeigen, dass Transparenz,
Freiheitsrechte und Teilhabe im digitalen Zeitalter
Mittlerweile leben mehr als die
neu verhandelt werden müssen. Hälfte aller weltweiten Internet-
nutzer im globalen Süden.
50 %
Nur knapp ein Viertel aller Die Internetfreiheit, die zum
Quellen: ICILS-Erhebung 2018, Digital News Report 2019 des Reuters Institute/ University of Oxford, ISD-Studie, Digital News Report 2019, CNBC 2019, US-Organisation Freedom House, Faz.net
deutschen Lehrer und Beispiel an der Zensur von
Schüler haben an ihren Schulen Inhalten oder Überwachung
Zugang zu WLAN.
gemessen wird, hat sich welt-
weit in 16 Ländern verbessert.
der Likes von
Hasskommentaren
33
auf Facebook
lassen sich auf nur
In
5% Ländern
der Accounts
zurückführen. hat sie sich verschlechtert.
2019 nutzten 34 %
69%
der Deutschen verfügen
der Deutschen soziale Medien über grundlegende digi-
als Nachrichtenquelle.
tale Fähigkeiten (E-Mails,
Websites aufrufen). Sie
2013 waren es 18 %.
Nach konservativen Schätzungen liegen damit über dem eu-
verdoppelt sich die global zur
Verfügung stehende Datenmenge Ersterer ist der niedrigste ropäischen Durchschnitt
alle 20 Monate. Wert in Europa. von 59 Prozent.DAS MAGAZIN
1.20
7
Weltweit überwachen
770 Millionen
Kameras
öffentliche Bereiche. Mehr als die
Hälfte davon steht in China – bezogen
auf die Einwohnerzahl weisen allerdings
die USA die höchste Dichte auf.
Text und Recherche: Jan Abele | Fotos: Kent Andreasen, Per Swantesson/Stocksy, Heinrich Holtgreve/OSTKREUZ, Getty ImagesTheo Müller
durchforstet als Wissenschaftler nicht nur das
Netz nach historischen Unwahrheiten – mit
der gebotenen Faktentreue treibt der 28-Jährige
gerade seine Dissertation an der Universität
Heidelberg und an der École des Hautes Études
en Sciences S
ociales in Paris voran.DAS MAGAZIN
1.20
Anfangen 9
Mit Fakten gegen den Unsinn
Der Historiker Theo Müller begegnet mit dem Projekt
GeschichtsCheck.de Internetnutzern, die historische Fake
News im Netz verbreiten.
Geschichte arbeiten. Wir wollen Die Website ist über Schlagworte
E
zeigen, dass HistorikerInnen nicht bei Suchmaschinen leicht zu finden
nur in Archiven sitzen und Bücher und gibt den NutzerInnen ein Werk-
schreiben, die niemand liest, sondern zeug an die Hand, das sie befähigt,
ganz im Gegenteil einen wichtigen historische Tatsachen von Lügen zu
Beitrag für ein besseres Diskussions- unterscheiden. Wir durchleuchten
klima in unserer Gesellschaft leisten regelmäßig das Netz um zu sehen,
können. Mit einigem Eifer begannen welche historischen Verdrehungen
wir auf allen Kanälen mit unserer gerade verbreitet werden, und
Mission. Wir kommentierten, erklär- schreiben entsprechende Artikel,
ten, rückten Dinge zurecht. Ich begann die dann auf GeschichtsCheck.de
ein langes Streitgespräch auf Twitter erscheinen. Häufig geht es da um ganz
mit eben jenem User, der die These grundlegende Fragen; ob Deutschland
vom zuwanderungsfreien Wirtschafts- ein souveräner Staat ist, warum die
wunder vertrat, und stieß schnell an Europäische Union gegründet wurde
Grenzen. Sobald ich seine Argumenta- oder was der Begriff „rassistisch“
tion widerlegt hatte, konfrontierte eigentlich genau meint.
er mich mit neuen haarsträubenden Manchmal wird es aber auch
s war auf dem Höhepunkt der Behauptungen. Am Ende gab ich schwieriger. So verspüre ich gerade
sogenannten Flüchtlingskrise vor mit der ernüchternden Erkenntnis auf, in der letzten Zeit eine deutliche
etwa vier Jahren. In den sozialen dass es aussichtslos ist, die Netztrolle Zunahme bei antisemitischen Inhalten.
Medien registrierten wir eine neue selbst mit Argumenten zu überzeu- Wir versuchen, den oft aggressiven
Qualität an offenem Rassismus, gen. Aber wenn die Fakten nicht zu Verunglimpfungen mit Sachlichkeit zu
Hassreden und Agitationen. Viele den Verschwörungstheoretikern und begegnen, indem wir ihnen eine
der Verfasser untermauerten ihre Hetzern dringen, dann müssen wir faktengesicherte Antwort entgegen-
menschenverachtenden Argumenta- eben das mitlesende Publikum zu den stellen. Wir werden das Fake-News-
tionen dabei mit vermeintlich histori- Fakten holen. Auf GeschichtsCheck.de Problem nämlich nur dann wirksam
schen Zusammenhängen. Das gab stellen wir Faktenwissen für all bekämpfen, wenn wir dafür sorgen,
ihnen einen gefährlichen Anstrich jene zur Verfügung, die im Netz mit dass denjenigen, die Unwahrheiten im
von Seriosität. So begründete ein historischen Behauptungen kon- Netz verbreiten, der Nährboden
User seine ablehnende Haltung frontiert werden und wissen wollen, entzogen wird – weil die breite Öffent-
gegenüber der Zuwanderung damit, was wirklich dran ist. lichkeit einfach zu schlau für sie ist.
dass Deutschland sein Wirtschafts-
wunder in den 50er-Jahren schließ-
lich auch ohne Migranten verwirk-
licht habe. Das ist nur ein Beispiel für GeschichtsCheck.de und Das NETTZ
Text: Jan Abele | Foto: Anne-Sophie Stolz
viel historischen Unsinn, der in
Gegen hasserfüllte Kommentare, Verunglimpfungen und die Verbreitung von Fake News
dieser Zeit im Netz auftauchte und wirkt das Team von GeschichtsCheck.de nicht nur online. Das Projekt beinhaltet auch
den wir als HistorikerInnen so nicht analoge Workshops für Schulklassen, in denen Schüler und Schülerinnen lernen,
stehen lassen konnten. Aber was sich kritischer mit Netzinhalten auseinanderzusetzen. Die Ende 2017 gegründete Initiative
sollten wir tun? Das NETTZ – Vernetzungsstelle gegen Hate Speech unterstützt GeschichtsCheck.de und
„Wir“, das sind die Mitglieder andere Projekte und Initiativen, die sich für mehr gegenseitigen Respekt, Menschlichkeit
und eine positive Diskussionskultur im Netz engagieren. Förderer von Das NETTZ sind
des Vereins Open History, einem
die Robert Bosch Stiftung und die Stiftung Mercator.
Netzwerk von Menschen, die an
unterschiedlichen Orten an und mitDAS MAGAZIN
1.20
11
Wahlkampf findet, besonders in den USA, immer stärker in den sozi
alen Medien statt, die dafür maßgeschneiderte Werkzeuge liefern.
Ein Blick in den Werkzeugkasten der digitalen Wahlkampfindustrie –
und auf die Auswirkungen ihrer Methoden auf die Demokratie.12 Feature Robert Bosch
Stiftung
die Frage: SHOULD WE DEPORT ausgibt. Der Grund für diese Summe ist,
ILLEGALS?, am unteren wird dass wichtige Personen im Umfeld des
N
der Betrachter aufgefordert: HAVE US-Präsidenten überzeugt sind: Die
YOUR SAY. Wahl 2016 wurde nicht zuletzt über die
So sieht die erste von über sozialen Medien gewonnen. Eine
1.000 fast identischen Anzeigen der Einschätzung, die Facebooks Topma-
Kampagne aus. Die nächste ist ein nager Andrew Bosworth offenbar teilt.
Hochformat. Die Toilettenhäuschen „Er wurde gewählt, weil er die beste
sind abgeschnitten. Bei der dritten digitale Anzeigenkampagne geführt
ist der Text etwas anders: ANSWER hat, die ich je von einem Werbetreiben-
NOW steht nun unten. den gesehen habe“, schrieb der
Etwa 30.000 verschiedene Vertraute von Mark Zuckerberg in
Anzeigen, die sich teilweise nur in einem geleakten Memo an seine
winzigen Details unterscheiden, hat Mitarbeiter. Das Wahlkampfteam der
das Trump-Team im Rahmen diverser Gegenkandidatin Hillary Clinton von
Kampagnen allein im April 2020 den Demokraten hat, schenkt man
auf Facebook verbreitet. Die meisten Bosworth Glauben, sein Budget für
von ihnen erreichen nur wenige digitale Anzeigen weit weniger effektiv
Hundert Zielpersonen, doch jeder, eingesetzt. Mit Blick auf die Wahl 2020
ur Details unterscheiden die Anzei- der danach sucht, findet sie in Face- macht die Trump-Kampagne unge-
gen, die Donald J. Trump an einem Tag books Werbebibliothek, mit der das bremst dort weiter, wo sie vier Jahre
im April massenweise auf Facebook Unternehmen seit 2018 alle politischen zuvor Fahrt aufgenommen hat. Ihre
schaltet. Sie alle bestehen aus einem Werbeanzeigen transparent macht. unzähligen, fast deckungsgleichen
Bild mit darübergelegtem Text. Ein Knapp 38 Millionen US-Dollar hat Anzeigen mit der roten Mauer belegen
rot eingefärbtes Stück Mauer, wie es Donald J. Trumps Wahlkampfteam den massiven Einsatz eines Werkzeugs,
an der US-amerikanisch-mexikani- allein auf seiner Facebook-Seite in den das erneut den Unterschied machen
schen Grenze stehen könnte, ist der vergangenen zwei Jahren für Wahl- kann: Microtargeting.
Hingucker in der Bildmitte. Im werbung ausgegeben (Mai 2018 – Mai Gary Wright ist Experte für
Hintergrund eine Baustelle mit einer 2020). Das entspricht etwa der Summe, digitale Werbekampagnen. Mit einem
Reihe blauer Mobiltoiletten. Am die ein Konzern wie Google in Deutsch- kleinen Team der in Berlin ansässigen
oberen Bildrand thront in Fettschrift land pro Jahr für Onlinewerbung Nichtregierungsorganisation TacticalDAS MAGAZIN
1.20
13
„Die Branche
Technology Collective erforscht in Tausenden Varianten ausgespielt
er, welche politischen Akteure wird, analysiert ein Algorithmus,
welche Arten von Daten verwenden welcher Text, welche Farbe, welcher
und wie ihre verschiedenen Metho-
den funktionieren. Wrights Team
will die Zauber- Bildausschnitt für welchen Nutzer
am attraktivsten ist. Das trägt dazu
hat ermittelt, dass inzwischen nicht
weniger als 300 Unternehmen am
formel finden, bei, dass die Anzeige bei immer mehr
Zielpersonen zum erwünschten
digitalen Wahlkampf in den USA
beteiligt sind. Diese Firmen sind wie man die Ergebnis führt – bei der Kampagne
mit der roten Mauer ist es die Teilnah-
politische Prä-
spezialisiert auf das Sammeln und me an einer Umfrage, die auch die
Auswerten der Spuren und Informati- E-Mail-Adresse abfragt. Oft wird auch
onen, die jeder von uns im Internet die Telefonnummer übermittelt.
hinterlässt, auf das Erstellen von
Profilen und das Entwickeln und
ferenz eines „Gesteuert von erfahrenen Kampag-
nenmanagern ist dies ein mächtiges
Umsetzen von Strategien, diesen
Schatz an Daten in Wählerstimmen zu
Wählers ändern Tool“, sagt Wright. „Sobald Sie die
Kontaktdaten erfasst haben, können
verwandeln. „Die gesamte Branche
versucht, die Zauberformel zu finden, kann.“ Sie weitergehen und mit automatisier-
ten Telefonanrufen und direktem
wie man die politische Präferenz SMS-Kontakt beginnen.“
eines Wählers ändern kann“, sagt Das Kontaktdatensammeln
Wright – doch so direkt funktioniere lohnt sich doppelt, denn hat man eine
der digitale Wahlkampf nur in E-Mail-Adresse auf diesem Weg,
Ausnahmefällen. „Die überzeugten auf Wahlveranstaltungen, bei Unter-
Anhänger einer anderen Partei schriftenaktionen, über Newsletter
werden zunächst gar nicht ins Visier oder kostenlose Angebote erhalten,
genommen, weil es sich hierbei nicht lässt sich die Mobilisierung mithilfe
um eine effiziente Verwendung von Facebook und Google poten-
von Geld handelt“, erklärt er. Statt- zieren. „Wenn man eine Kontaktdaten-
dessen setzen die Profis der Trump- bank hochlädt“, erklärt Wright,
Kampagne – zumindest momentan – „schaut Facebook, ob es zu den Einträ-
auf andere Strategien. gen ein Profil kennt – was in der
Fotos: Hill Street Studios/Getty Images (M, vorherige Seite), Dan Thornberg/EyeEm (M), Zuma Press/action press (M)
Regel der Fall ist – und sucht dann mit
WÄHLER IDENTIFIZIEREN künstlicher Intelligenz nach ähnlichen
Profilen, basierend auf Eigenschaften,
UND MOBILISIEREN
„Die politische digitale Kampagnenar-
beit ist aus dem digitalen Marketing
hervorgegangen“, sagt Wright. „Hier
gilt das Prinzip: Je besser man seinen
Wähler kennt und versteht, desto
besser kann man Botschaften erstel-
len, die Reaktionen oder Aktionen
der Wähler hervorrufen.“ Im Vorder-
grund stehe dabei, die eigenen
Anhänger zu identifizieren und zu
mobilisieren. „Das kann ein Aufruf
zum Handeln sein, wie etwa zur Wahl
zu gehen, Geld zu spenden oder
sich als freiwillige Helfer zu melden.“
Wie das am besten gelingt,
zeigt das Beispiel mit dem roten
Mauerstück. „Jede Werbung auf
Facebook ist an sich schon ein
Mechanismus zur Datenerfassung“,
sagt der Social-Media-Experte.
Während die Anzeige automatisiert14 Feature Robert Bosch
Stiftung
die für das Auge nicht sichtbar sind.“ für Sozialforschung untersucht sie
Aus einer Zielgruppe mit 30.000 das Spannungsfeld zwischen Demo-
Kontakten werden so auf einen Klick kratie und Digitalisierung und hat
60.000. „Lookalike Audiences“ sich intensiv mit Microtargeting
heißt das Werkzeug auf Facebook, auf beschäftigt. „Wahlkämpfe sind
Deutsch etwa: optische Zwillinge. eigentlich darauf angelegt, dass man
Google hat ein vergleichbares Tool, bestimmten Versprechungen oder
„Similar Audiences“, das ebenso Aussagen auch widersprechen
funktioniert. können muss“, sagt sie. „Aber wenn
eine kritische Begleitung von politi-
DARK ADS, DIE FALSCH scher Werbung nicht mehr möglich
ist, weil sie gar nicht die Öffentlichkeit
INFORMIEREN
erblickt, dann haben wir ein Problem.
Wirkliche Kraft entwickelt das digitale Das ist schädlich, das beeinträchtigt
Wahlkampfmarketing dann, wenn den demokratischen Diskurs –
es um Mehrheitsentscheidungen nach gerade in Zeiten, wo es auf diesen
dem Prinzip „The winner takes it ankommt, weil er unsere Wahlent-
all“ geht, denn hier ist jede einzelne scheidung vorbereitet.“
Stimme besonders wertvoll. Das lässt
sich im US-Wahlkampf beobachten, ALGORITHMEN,
aber auch beim Brexit-Referendum
DIE POLARISIEREN
2016. Die Vote-Leave-Kampagne, die
sich für den Austritt aus der EU stark Bei Wahlen nach dem Verhältniswahl-
machte und deren Führungspersonen recht, wie sie in der EU die Regel
heute mehrere Schlüsselrollen in der sind, spielen die Tricks des digitalen
Regierung des Vereinigten König- Marketings eine deutlich geringere
reichs besetzen, hat über 98 Prozent Rolle. Zwar fließt auch in Europa
ihres Budgets für digitale Werbung mittlerweile viel Geld in digitale
ausgegeben, wie Kampagnenmanager Wahlwerbung. Zur Europawahl
Dominic Cummings in einem Beitrag zwischen März und Mai 2019 wurden
für den Spectator offenlegte. Mit dem EU-weit 17 Millionen Euro für ziel-
Geld von Vote Leave und anderen gerichtete politische Werbung
Pro-Brexit-Kampagnen wurden auch ausgegeben, 2,4 Millionen davon in
Dark Ads geschaltet, also Anzeigen, Deutschland. Doch massive Mobili
die über Microtargeting extrem sierungskampagnen wie im US-Präsi-
kleinen Zielgruppen angezeigt und dentschaftswahlkampf lassen sich
zunächst nicht öffentlich wurden. Das bisher nicht beobachten. Dark Ads mit
Recherchezentrum Correctiv hat die gezielten Falschinformationen, wie
Anzeigen analysiert, die Facebook zum Brexit-Referendum, sollen durch
nach langem Tauziehen mit dem Facebooks öffentliche Werbebiblio-
britischen Unterhaus 2018 offenlegte. thek und andere Maßnahmen der
Sie zeigen, wie die politische Forde- Vergangenheit angehören. „In
rung nach einem Ausstieg aus der EU unserem Wahlsystem“, sagt Hofmann,
an verschiedene Zielgruppen ange- „ist davon auszugehen, dass der
passt wurde und auch, dass darin Einfluss durch Microtargeting nicht
Falschmeldungen verbreitet wurden so groß ist.“
wie etwa ein bevorstehender EU- Was Politologen in Europa
Beitritt der Türkei. Die Wirkungen an der Wähleransprache über soziale
dieser einzelnen Maßnahmen lassen Medien stattdessen nachdenklich
sich nicht nachverfolgen, doch der stimmt, ist die Wirkung von Algorith-
Erfolg der gesamten Kampagne ist men auf die Meinungsbildung.
bekannt. „Jeder in der Forschung weiß“, sagt
Jeanette Hofmann ist Professo- Hofmann, „dass zum Beispiel bei
rin für Internetpolitik an der Freien YouTube Empfehlungsalgorithmen
Universität Berlin, unter anderem dort dazu führen, dass jemand, der
und am Wissenschaftszentrum Berlin rechtsradikale Inhalte anguckt, nochDAS MAGAZIN
1.20
15
„Aus Sicht der
rechtsradikalere Inhalte angeboten sozialen Netzwerke in den Dialog mit
bekommt, um ihn an das Medium Politik und Gesellschaft treten. Der
zu binden. Das ist für die Entwicklung Ort dafür könnte eine noch zu grün-
der Demokratie absolut schädlich.“
Aus demokratietheoretischer Sicht
Demokratie- dende Agentur sein, in der Plattform-
betreiber, Nutzerinnen und Nutzer
gehe es immer darum, so die Politolo-
gin, eine anspruchsvolle Öffentlich-
theorie geht sowie die Politik offen diskutieren und
Lösungsansätze ausarbeiten, um
keit zu schaffen, die sich ihre Mei-
nung bildet und dann wiederum es darum, eine die sozialen Medien und ihre Prinzipi-
en im Sinne der demokratischen
anspruchsvolle
auch einen Einfluss auf das politische Gesellschaft zu verbessern.
Entscheiden hat. „Das würde idealty- Im laufenden US-Wahlkampf
pischerweise bedeuten, dass wird währenddessen in den sozialen
nicht polarisiert, sondern informiert
abgewogen wird.“
Öffentlichkeit Medien weiter massiv aufgerüstet.
Schon jetzt ist klar, dass die kommen-
Dass auch in den Social-Me-
dia-Konzernen die gesellschaftlichen
zu schaffen.“ de Wahl noch einmal viel stärker
durch digitale Werbung beeinflusst
und politischen Auswirkungen ihres wird als alle Wahlen zuvor. „Aufgrund
Fotos: Melinda Nagy/Shutterstock (M), privat (abgebildete Grafik: Von der Vote-Leave-Kampagne ab dem 27.4.2016 geschaltete Facebook-Anzeige, veröffentlicht auf www.parliament.uk)
Angebots zunehmend ein Thema der Coronakrise gibt es jetzt einen
sind, belegen inoffizielle und offizielle gewaltigen Schub in Richtung digitale
Verlautbarungen. Facebooks CEO Medien“, stellt Gary Wright fest.
Mark Zuckerberg wünschte sich etwa Daneben, sagt er, sei auch eine
im Februar 2020 in einem Gastbeitrag zunehmende Bereitschaft aller Seiten
für die Financial Times mehr Regulie- zu beobachten, bei dieser Wahl so weit
rung durch die Politik, auch wenn wie möglich zu gehen, alle Register
das „kurzfristigen Schaden für die zu ziehen, um die richtigen Leute dazu
Geschäftstätigkeit“ des Unterneh- Unten zu bringen, aktiv zu werden,
mens bedeutete. Zugleich verteidigt Mit Anzeigen wie zu spenden und wählen zu gehen.
die Facebook-Unternehmensführung dieser hat die In der Facebook-Werbe-
die Grundlagen ihres Geschäftsmo- britische Vote-Leave- bibliothek lässt sich ablesen, dass
Kampagne gezielt
dells, zielgerichtete Werbung und zumindest die Trump-Kampagne
Falschinformationen
die dazugehörigen Instrumente – an vermutlich bereits in diesem Modus angekommen
inklusive der Algorithmen, die den dafür empfängliche ist und die Klaviatur der digitalen
Newsfeed speisen. Das Verbreiten von Wähler gesendet. Wähleransprache nach Kräften nutzt.
Falschmeldungen ordnen Zuckerberg
und seine Co-Geschäftsführerin
Sheryl Sandberg als Beitrag zur freien
gesellschaftlichen Debatte ein.
Für Jeanette Hofmann ist
angesichts der ideologischen Diffe-
renzen zwischen Europa und den
US-amerikanischen Plattformanbie-
tern wie Facebook und Google bei
Themen wie polarisierenden Algorith-
men und Datenschutz die Frage,
warum die Europäer das Feld der
sozialen Medien nicht selbst bestellen.
„Ich würde mir wünschen, dass
wir auf europäischer Ebene Geld in
die Hand nehmen und alternative
Angebote schaffen“, sagt die Forsche-
rin, „und zwar Angebote, die
nicht Top-down die Bürger beglücken,
sondern die unter Einbezug der
NutzerInnen wachsen.“
In jedem Fall, plädiert
Hofmann, sollten die bestehenden16 Infografik Robert Bosch
Stiftung
Der Post
Am 10.05.2018 postete der
AStA der Uni Köln auf Face-
book über Bauarbeiter in
Kleidung der rechten Szene.
Der Shitstorm
Der Post löste einen Shitstorm aus Hass,
abwertenden und relativierenden Kommenta-
ren aus. Diese negativen Kommentare
wurden 6.052 Mal gelikt.
52%
Likes von normal
aktiven Profilen
Laute
Minderheit
Philip Kreißel von der Aktivistengruppe #ichbinhier hat
18 Facebook-Shitstorms analysiert und festgestellt:
Eine kleine Gruppe, die negative Kommentare postet und = 250
Likes
Likes dafür vergibt, ist darin geradezu hyperaktiv.
Wir zeigen an einem Beispiel-Shitstorm, der von über
220.000 Menschen gesehen wurde, wie viel Lärm
= 250
diese Minderheit verursacht. ProfileDAS MAGAZIN
1.20
17
121 haben 6 bis 9 Likes verteilt
109 haben mind. 10 Likes verteilt
48%
Likes von
26 haben mind. 20 Likes verteilt
hochaktiven 136 waren auch in anderen
Profilen untersuchten Shitstorms aktiv
Die beteiligten 256
Hochaktive
Profile Profile*
Fast die Hälfte der Likes für negative
Kommentare kamen von einer
kleinen Gruppe hochaktiver Profile.
13%
Hochaktive
Profile*
87%
Normal aktive
Abgebildet sind alle Akteure, die im
Thread aktiv waren und nicht
Kreißels Gruppe #ichbinhier angehör-
Illustration: Josh Schaub
Profile ten, die, als der Shitstorm bereits
lief, ebenfalls in die Diskussion ein-
stiegen. #ichbinhier bemüht sich bei
* Hochaktive Profile sind solche, die mindestens doppelt Hasskonzentration im Netz um Ge-
so viel gelikt haben wie der Durchschnitt. genrede.18 Debatte Robert Bosch
Stiftung
Licht und Schatten
der DigitalisierungDAS MAGAZIN
1.20
19
Die beiden Perso-
nen, die wir hier in
einem Raum zeigen,
waren tatsächlich
an verschiedenen
Orten. Die Debatte
wurde per Video-
konferenz geführt.
Ein Gespräch mit dem deutschen Nachrichtendienst-
GESPRÄCH
Martin Petersen experten Thorsten Wetzling und dem in Hongkong tätigen
US-Journalisten David Bandurski zu den Vorteilen
ILLUSTRATIONEN
Studio Pong
und Gefahren der Digitalisierung für die Zivilgesellschaft.20 Debatte Robert Bosch
Stiftung
„Es gibt viele Tools, die von staat-
Widerstände und Anfechtungen
seitens der Zivilgesellschaft gibt.
Meiner Ansicht nach hat die
lichen und privaten Akteuren Digitalisierung daran einen Anteil.
für verschiedenste Zwecke Welche anderen digitalen Tools
haben sich für die Zivilgesellschaft
genutzt werden können − für als nützlich erwiesen?
Bandurski: Wenn ich kurz nach
gute und verwerfliche.”
Hongkong wechseln darf: Hier sehen
wir, wie clever die bestehenden
technischen Mittel oft eingesetzt
Thorsten Wetzling werden. So suchte die Polizei
beispielsweise nach Leuten, die auf
Telegram sichere, verschlüsselte
Weltweit macht die digitale Entwick- mit einer Staatsführung zu tun, die Nachrichten schrieben – eine solche
lung rasante Fortschritte. Wo liegt nicht nur Informationen kontrollieren Telegram-Gruppe kann beispiels-
der größte Nutzen für die Zivilge- will, sondern auch die Zivilge- weise 20.000 Menschen umfassen,
sellschaft? sellschaft einschränkt. An sozialen aber man braucht ein sichtbares
Wetzling: Zivilgesellschaftlichen Medien gibt es in China Weibo und Admin-Konto. Also wurde ein Bot
Organisationen, der Wissenschaft und WeChat. Beide sind höchst effektive geschaffen, der den Host dieses
anderen Akteuren bieten sich gute Tools, sowohl zur Überwachung Telegram-Netzwerks quasi anonym
Möglichkeiten, sich schneller zusam- als auch zur Interaktion. Deshalb macht. Selbst Apps wie Tinder, die wir
menzutun und gemeinsam an Aufga- sind sie so außerordentlich problema- eigentlich nicht als Tools für die
ben zu arbeiten. Das gilt zum Beispiel tisch. Wenn wir aber schauen wollen, Zivilgesellschaft betrachten, oder? –
für unser eigenes Projekt, bei dem wie Chinesen durch den Einsatz
verschiedene digitale Tools zur von Interaktionstechnologie in – Tinder ist eine Dating-Plattform –
besseren Koordinierung der Arbeit gewisser Weise vorankommen, ist Bandurski: – In Hongkong wurde
mit unseren Forschungspartnern die feministische Bewegung ein gutes diese Plattform genutzt, um beispiels-
in Paris und London zum Einsatz Beispiel. Hier wird im Prinzip weise Termine für Demonstrationen
kommen. Zudem höre ich, dass interessenbasiert genetzwerkt, aber zu veröffentlichen. Es gibt also diese
zivilgesellschaftliche Gruppen sich ohne dass sich eine NGO gründet Art heimlichen Einsatzes von Tech-
auch in virtuellen Foren treffen, um oder sich das Netzwerk auf andere nologien, die im Westen weit verbreit-
strategische Prozesse zu führen, zum Weise verstetigt, denn die Kommunis- et sind. Ein weiteres gutes Beispiel
Beispiel gegen Sicherheitsgesetze. tische Partei Chinas lässt nicht ist die Verwendung von grünen
Wenn die Befürchtung besteht, ein zu, dass dauerhafte, echte Netzwerke Laserpointern. Damit lässt sich die
Staat sei bei der Beschneidung der entstehen. Gesichtserkennung überlisten. Die
Bürgerrechte zu weit gegangen, lassen Protestierenden richten die Laser-
sich mit digitalen Tools effektiver Wie kann die Zivilgesellschaft die pointer auf die Kameras und machen
nationale Vergleiche anstellen oder Möglichkeiten der Digitalisierung sie so weitgehend wirkungslos. Hier
Experten aus dem Ausland konsultie- künftig noch besser nutzen? in Hongkong herrscht ein ständiges
ren. Wir können auch gemeinsame Wetzling: Mit dem Blog aboutintel.eu Katz-und-Maus-Spiel, bei dem
Datenbanken für Journalisten und versuchen wir zum Beispiel gerade, technische Mittel sowohl zur Überwa-
zivilgesellschaftliche Organisationen die Online-Debatte zum Thema chung eingesetzt, aber auch von
schaffen, in denen Studien und andere Überwachung unter verschiedenen Aktivisten für ihre Zwecke genutzt
Quellen leichter zu finden sind. Interessengruppen zu fördern. werden. Hongkong ist für mich ein
Das Thema ist keineswegs auf Asien guter Lackmustest für das, was uns in
Herr Bandurski, welche Vorteile beschränkt, denn auch in Europa anderen Kontexten erwarten könnte.
bringt die Digitalisierung für Initia- gilt es zu bedenken, dass viele Tools Wir beobachten die Verwandlung von
tiven und Bewegungen in aller Welt? von staatlichen und privaten Akteuren Hongkong und die Erosion seiner
Bandurski: Im Rahmen unseres für verschiedenste Zwecke genutzt Freiheiten, der wahren Grundlage der
China Media Projects arbeiten wir werden können – sowohl für gute als Zivilgesellschaft, die auf Rechtsstaat-
mit Journalisten, Intellektuellen und auch für verwerfliche. Allmählich lichkeit, Schutz und Bürgerfreiheiten
Akademikern in China zusammen. stellen wir fest, dass die Dialogbereit- beruhen muss. Deshalb spielt die
Allerdings haben wir es stets – mittler- schaft der Regierungen zunimmt, Technologie hier jetzt vielleicht eine
weile schon seit mehr als 20 Jahren – weil es inzwischen mehr koordinierte größere Rolle als früher.DAS MAGAZIN
1.20
21
Sehr interessante Beispiele.
Herr Wetzling, was sind Ihrer An-
sicht nach die größten Gefahren
der Digitalisierung für die Zivilge-
sellschaft?
Wetzling: Wir erleben eine rasche
Entwicklung der Überwachungstech-
nologie. Vor Snowden ahnte man,
dass viele Daten erfasst werden, aber
mit der biometrischen Überwachung,
Stimmen- und Gesichtserkennung
gibt es jetzt eine Vielzahl neuer
technologischer Möglichkeiten und
zahlreiche Gefahren für die etablier-
ten Rechte und demokratischen
Grundsätze wie etwa eine effektive,
unabhängige Aufsicht und Transpar-
enz. Bei der Entwicklung und
Konzeption von Technologien werden
rechtsstaatliche Verfahren und
Grundrechte nicht immer angemes-
sen berücksichtigt. Vielmehr heißt
es oft: Hey, hier gibt es neue Daten –
die sollten wir nutzen.
Droht uns eine weltweite Zunahme
von staatlicher Überwachung und
Kontrolle?
Wetzling: Wohin man auch schaut,
aktuell sieht man in allen Ecken
der Welt Gefahren für die
demokratische Praxis. Ich möchte
nur einige herausstellen: In Israel
beispielsweise erfolgt eine Videoüber-
wachung der gesamten Bevölkerung.
In Ungarn oder anderen Ländern
wurde als Reaktion auf die Corona- Dr. Thorsten Wetzling wicklung der Technologie, die
krise der Notstand ausgerufen, und leitet die Forschung nicht Hand in Hand mit Schutz-
die Macht, die sich die Regierungen im Bereich Über- maßnahmen geht. Zudem brauchen
wachung, Grundrechte
damit gesichert haben, geben sie wir strategische Prozessführung,
und Demokratie der
vielleicht nicht ohne Weiteres wieder Stiftung Neue Verant-
wir brauchen Menschen, die an
her. Man darf nicht vergessen, wie wortung in Berlin. die Bürgerrechte denken und hinter-
lange es in manchen Ländern gedau- Er ist Chefredakteur fragen, ob ein Gesetz wirklich das tut,
ert hat, bis Grundrechte und Freiheit- von aboutintel.eu und was es soll. Wir brauchen präzisere
en gesichert waren, und wie rasch Gründer des European Gesetze, die durch Sanktionen
Intelligence Oversight
diese wieder verschwinden können. geschützt sind, für den Fall, dass
Network (EION).
die Regierung ihre Befugnisse
Außerdem ist er
Was sollten wir tun? Principal Investigator überschreitet. Und das lässt sich nur
Wetzling: Wir brauchen eine starke im gemeinschaftlichen erreichen, wenn die Berichtspflichten
Zivilgesellschaft, wir brauchen Forschungsprojekt strenger durchgesetzt werden.
Abgeordnete, denen Fachwissen zur GUARDINT, das sich Berichte seitens der Regierung und
mit der Kluft zwischen
Verfügung steht, damit sie für gesetz- der Sicherheitsdienste sind wichtig,
transnationalen Über-
liche Sicherungsmaßnahmen sorgen aber auch Berichte von Aufsichts-
wachungspraktiken
können, bevor sie neue Gesetzes- und nationalen Rechen- gremien über die Instrumente, die sie
entwürfe annehmen. Eine große schaftsmechanismen einsetzen, um die Exekutive zur
Gefahr besteht in einer Weiterent- befasst. Rechenschaft zu ziehen.22 Debatte Robert Bosch
Stiftung
Die Europäische Union und ihre
Mitgliedsstaaten gelten als strenge
Verfechter des Datenschutzes.
Werden sie diesem Ruf gerecht?
Wetzling: Auch in Europa gibt es
eindeutig große Risiken. Bei uns gibt
es zwar eine Datenschutzrichtlinie,
und wir haben Datenschutz-
maßnahmen in unseren Gesetzen in
größerem Umfang festgeschrieben als
andere Länder, doch das heißt noch
lange nicht, dass dies in der Praxis
umgesetzt wird oder dass die eu-
ropäischen Regierungen nicht
versucht sind, beispielsweise die
Verbreitung verschlüsselter Kommu-
nikation einzuschränken.
Wie weit gehen die EU-Staaten,
um aktiv Daten ihrer Bürgerinnen
und Bürger zu sammeln?
Wetzling: Ich will nicht behaupten,
dass jeder Verstoß gegen unsere
Rechte mit finsteren Absichten
erfolgt, aber natürlich haben zahlre-
iche Akteure – sowohl auf Unterneh-
mens- als auch auf Regierungsseite –
nachweislich Interesse daran,
so viele Daten der Bevölkerung zu
erfassen, wie es legal möglich ist.
Allerdings möchte ich auch sagen,
dass oft die Prämisse gesetzt
wird, dass Europa sich selbst keinen
Gefallen tut, wenn es so viel in
den Datenschutz investiert, weil Coronapatienten. Interessanterweise
dieser viele Dinge erschwert. Diese hat die Regierung irgendwann
Prämisse halte ich für falsch, da angehalten und verkündet, sie habe
Datenschutz und Effizienz keine ihre Ansicht geändert. Obwohl man
Gegensätze sind. Es sind viele bereits in die Entwicklung einer App
interessante Fortschritte möglich, investiert hatte, die auf einen zen-
und wir haben bei der Entwicklung David Bandurski
tralen Server setzte, wurde die Arbeit
einiger Apps gesehen, dass es einen ist Forscher und daran eingestellt. Jetzt konzentriert
ganzen Markt für von Grund auf Lehrbeauftragter am man sich auf eine Lösung mit lokal
eingebauten Datenschutz gibt und für Journalism and Media gespeicherten Daten, die dem
die Nutzung von digitaler Technolo- Studies Centre (JMSC) Datenschutz hoffentlich angemessen
der Universität
gie unter Bedingungen, bei denen Rechnung tragen wird. Zumindest
Hongkong und
die Nutzer eigene Entscheidungen gab es Gesprächsbereitschaft, einen
ehemaliger Richard von
treffen und Mitsprache haben. Weizsäcker Fellow der gemeinsamen Lernprozess und ein
Robert Bosch Academy offenes Ohr für verschiedene Argu-
Können Sie uns ein positives in Berlin. Seit über zwölf mente, und wenn das so läuft, sind wir
Beispiel nennen, bei dem Jahren leitet er das alle hinterher stärker.
Datenschutz und Effizienz zusam- unabhängige China
Media Project, eine
menkommen? Herr Bandurski, Herr Wetzling hat
weltweit führende
Wetzling: In Deutschland gab es zum Institution zur bereits erwähnt, dass alle Staaten
Beispiel eine heiße Debatte über Medienlandschaft Interesse an der Erfassung von
die Entwicklung der Tracking-App für Chinas. Daten ihrer Bürger haben. KönnteDAS MAGAZIN
1.20
23
man noch einen Schritt weiter gehen Wie wird der Einsatz all dieser bewerten und die Nachteile nicht zu
und argumentieren, die Daten- Technologien in der Bevölkerung beachten. Wir in unseren offenen
analyse sei für eine Gesellschaft aufgenommen? Gesellschaften sehen vermutlich eher
generell von Vorteil? Bandurski: Wir müssen uns vor Augen die dunkle Seite, die Möglichkeiten
Bandurski: Das behaupten die führen, dass China einen gewaltigen des Missbrauchs. Aber da es keine
chinesischen Behörden jede Sekunde Sprung gemacht und sich direkt in Diskussion gibt und die Mechanismen
eines jeden Tages. Ich würde sagen, eine mobilfunkgesteuerte Ära fehlen, von denen Thorsten gespro-
Chinas größtes technisches Projekt katapultiert hat. Verbraucherkredite, chen hat, sehen die Menschen diese
ist die Kontrolle der Information und Einkäufe mit dem Handy, all diese Gefahren häufig nicht. Sie kennen sich
der öffentlichen Meinung – und das Dinge sind hier auch im Jahr 2020 damit nicht aus. Das soll nicht heißen,
verkauft man der Öffentlichkeit als immer noch neu und aufregend. Und dass wir in Deutschland oder in
Vorteil für die Gesellschaft. China die Chinesen weisen zu Recht darauf Europa oder in den USA sehr viel
hat noch zwei andere große Projekte: hin, dass ihr Leben in gewisser besser Bescheid wüssten, aber
Das eine heißt Sharp Eyes, im Chine- Hinsicht besser ist. Sie können sich zumindest gibt eine Diskussion
sischen wird es als Projekt Dazzling äußern, und das meine ich im grund- darüber. Um auf das zurückzukom-
Snow bezeichnet. Dabei handelt es legendsten Sinne, sie können eigene men, was Thorsten gesagt hat: Vieles
sich um ein Projekt für den ländlichen Inhalte erstellen, und sei es in Tik- davon fand ich sehr ermutigend. Wir
Raum mit dem Ziel, etwa 200 Mil- Tok-Videos oder in Chats, in denen sie in unseren Gesellschaften sollten
lionen Kameras zu installieren. Für berichten, was sie sich tagsüber unbedingt zeigen, wie wir mit diesen
den städtischen Raum gibt es noch gekauft haben. Alle haben das Gefühl, Technologien bessere und effektivere
ein weiteres Projekt namens Skynet. weitaus mehr Möglichkeiten zu haben demokratische Systeme schaffen
Man hat die Absicht, die Überwa- als jemals zuvor, und daraus entsteht können.
chungskameras mit Gesichtserken- der sehr, sehr starke Impuls, Technik
nungstechnologie zu verknüpfen – als unter dem Strich positiv zu Was kann die Zivilgesellschaft
in manchen Städten wie Shenzhen ist Ihrer Ansicht nach tun, um den
das bereits geschehen – und so eine dunklen Seiten der Digitalisierung
landesweite Datenbank zu schaffen. entgegenzuwirken?
Wetzling: Man kann viel tun, wenn
Gibt es eine Erklärung für diese man sich die unterschiedlichen
Maßnahmen? Bereiche der Politik anschaut und sich
Bandurski: Der Grund liegt darin, zum Beispiel fragt, was man aus der
dass die Polizeibehörden wissen Buchprüfung in der Bankbranche
wollen, was an jedem Ort und zu jeder lernen kann. Im Bereich Polizei und
Zeit geschieht. Und eine Sache, die Nachrichtendienste gibt es in ver-
sie realisiert haben, um, wie sie sagen, schiedenen Gesellschaften ähnliche
effektiv auf Covid-19 zu reagieren, Herausforderungen, man muss also
war die polizeiliche Überwachung das Rad nicht immer neu erfinden.
von Covid-19-Patienten mithilfe eines Manchmal gibt es für ein Problem
Rastersystems, das bereits für andere Lösungen, die weniger in die
allgemeine soziale Überwa- Grundrechte eingreifen, und diese
chungsmaßnahmen, Sicherheits- müssen gefunden werden. Doch es
zwecke und zur Stabilisierung des
Regimes landesweit eingeführt
„In Hongkong gibt so viel Juristensprache, so viele
technische Dokumente, dass nur
worden war. Für dieses Überwa-
chungssystem wird das Land im wurde Tinder wenige Leute das alles richtig
entschlüsseln können. Hier hat die
genutzt, um
Prinzip in übersichtliche Raster Zivilgesellschaft meiner Ansicht nach
aufgeteilt, die vor Ort von Menschen die Aufgabe, komplizierte politische
kontrolliert werden. Neben den Fragen aufzuschlüsseln und in einer
Gesichtserkennungskameras instal-
lieren die Behörden auch Scanvor-
Termine für De- Sprache zu veröffentlichen, die jeder
versteht, sodass die Bürger sich
richtungen für Mobiltelefone. Insge-
samt handelt es sich also um eine
monstrationen direkter an offenen Gesprächen über
den besten Weg in die Zukunft
Kombination aus dem Einsatz von
Digitaltechnik und dem bestehenden zu verbreiten.“ beteiligen können.
menschlichen Überwachungs- und Herr Bandurski, Herr Wetzling,
Rastersystem. David Bandurski vielen Dank.24 Feature Robert Bosch
Stiftung
Legende
Anzahl der Ereignisse,
die an dem Ort mindestens
dreimal vorgekommen sind
seit Januar 2010
(Stand 6. Mai 2020).
Modernisierung
Neubau
Leerstand
Eigentümerwechsel
Ferienwohnung
TEXT
Nicole Zepter
Neuer Blick
auf die Stadt
ILLUSTRATION
Doreen
Borsutzki
-
Warum Bürgerinitiativen auf digitale Karten setzen –
ein Beispiel für Critical Mapping aus Berlin.DAS MAGAZIN
1.20
25
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Wo
des26 Feature Robert Bosch
Stiftung
D
nutzen Nachbarschaftsinitiativen
inzwischen das Kartieren, um Ent-
wicklungen in ihrem Umfeld visuell
aufzuzeigen und damit Veränderun-
gen anzustoßen. Das Forschungs-
projekt „Critical Mapping in Munici-
palist Movements“, angesiedelt am
Institut für Stadt- und Regionalpla-
nung der Technischen Universität
Berlin und gefördert von der Robert
ie meisten Mieter wissen nicht, wer ihr Bosch Stiftung, untersucht die Effekte
Hausbesitzer ist“, sagt Susanne Torka. des digitalen Kartierens. Neben Berlin
Die 67-Jährige sitzt im B-Laden, einem stehen auch Belgrad und Barcelona im
Büro für Nachbarschaftshilfe in der Fokus des Forschungsteams. „Uns
Lehrter Straße in Berlin. Sie ist interessiert, was diese Werkzeuge für
Mitbegründerin der Initiative „Wem die sogenannten Municipalist Mo-
gehört Moabit?“, die das Ziel hat, vements bedeuten, also Bürgerinitiati-
so viel Transparenz wie möglich über ven, die eine Stadt auf lokaler Ebene
die Wohnsituation im Viertel zu auch abseits der großen Politik und
schaffen. Der Bauboom der letzten etablierter Parteien gestalten wollen“,
20 Jahre hat das Stadtbild in Moabit erklärt Projektleiter Andreas Brück.
verändert, es wurden Häuser moder- Es gehe darum, zu erforschen, welches
nisiert und verkauft, was Mieter und Potenzial Critical Mapping haben
Inhaber von alteingesessenen Läden kann: „Wir wollen urbane Transforma-
verunsichert. Der Nachbarschaftsla- tion, aber auch strategisches Gegen-
den von Susanne Torka ist deshalb steuern der Initiativen verstehen.“
Anlaufzentrum für Mieter, ob Zugezo- Karten sind nie neutral,
gene oder Alteingesessene. sondern bilden Machtstrukturen ab.
Die Initiative basiert auf Bürgerbeteili- Lange waren sie das Vorrecht einiger
gung: Jeder ist eingeladen, seine weniger Mächtiger, die über Grenzen
Wohnsituation mitzuteilen. So verhandelten und Infrastrukturen
entsteht ein Bild, wie die Eigentümer- festlegten. Heute sind Karten allge-
struktur in der Nachbarschaft ist – genwärtig: Wir haben sie mit unseren
welche Häuser Wohnungsbaugesell- Handys immer dabei, mithilfe von
schaften, internationalen Fondsgesell- GPS-Daten werden ständig Karten
schaften, Genossenschaften oder erstellt. Dazu braucht es keine
Einzeleigentümern gehören. 2009 Kenntnisse der Landvermessung
verteilte Torka mit der Initiative noch mehr, das Erstellen von Karten ist
Tausende Fragebögen. Sie legten demokratisiert. Bei Susanne Torka
offen, wo Modernisierungen und hohe ist es eine kostenlose Onlineplattform,
Preissteigerungen dazu führten, crowdmap.com, auf der jeder User
dass Mieter wegziehen mussten. Es Informationen einstellen kann. Torka
entstanden Arbeitsgruppen, eine prüft die Eingänge und gibt diese
Wohnungsbaugenossenschaft wurde dann online frei. Es gehe um das, was
gegründet. Heute ist es eine digitale in den Häusern des Viertels passiert:
Karte, die als Informationswerkzeug Wie wird mit Mietern umgegangen,
genutzt wird. Mit der Karte begann werden Wohnungen an Feriengäste
eine neue Form von Bürgerbeteili-
gung. Bewohner können die Verände-
rungen in ihrem Viertel nun direkt
selbst verzeichnen.
Städte verändern sich, sie sind
wirtschaftliche Motoren und Innovati-
onszentren. Vor allem aber sind sie „Karten sind nie neutral,
sie bilden Machtstrukturen ab.“
Lebensräume, in denen Bewohner ihr
Leben gestalten. In vielen LändernDAS MAGAZIN
1.20
27
vermietet, gibt es Leerstand? Bislang bewerteten Eigentümern nicht
sind es vor allem die Mitglieder eingezogen sind.
der Initiative selbst, die die Einträge Critical Mapping kann helfen,
vornehmen. „Oft sammeln wir Probleme zu lokalisieren, zu visuali-
Informationen auf Infoständen und sieren und verständlich zu vermitteln.
tragen diese dann auf der Karte Und es kann ein breites Spektrum
nach“, erzählt Torka. Sie wünscht sich, an Themen abdecken: Es gibt Initiati-
dass noch mehr Nachbarn die Karte ven, die Leerstand kartieren, um
nutzen. „Dafür müssen wir mehr Zwischennutzungen zu ermöglichen
Werbung machen.“ Doch es ist jetzt und einen erhitzten Immobilienmarkt
schon eine Arbeit, die anderen hilft: konkret in der eigenen Nachbarschaft
Es gab Fälle, in denen Mieter in sichtbar machen. Andere Engagierte
Wohnungen mit auffallend schlecht markieren Orte in der Stadt, an denen
Menschen sich unsicher fühlen,
wieder andere Initiativen machen
Vorschläge für den öffentlichen
Nahverkehr.
Das Forschungsteam von
„Critical Mapping in Municipalist
Movements“ beobachtet unterschied-
liche Themen, die von Initiativen
aufgegriffen und kartiert werden –
das Thema Wohnen ist dabei der
zentrale Aspekt. Alle drei untersuch-
ten Städte, Barcelona, Belgrad und
Berlin, seien von Auseinandersetzun-
gen um Wohnraum betroffen, erzählt
Projektleiter Brück und ergänzt:
„Wohnen hat derzeit die Dynamik,
Menschen zu mobilisieren. Wir ver-
stehen dabei unter Wohnen einen
weiter gefassten Begriff, der über die
Behausung hinausgeht und die Sorge
um den täglichen Lebensunterhalt
der Menschen umfasst.“ Dabei wird
der Zugang zu Bildung oder Erho-
lungsmöglichkeiten ebenso unter-
sucht wie das Verhältnis zwischen
Einkommen und Mietausgaben einer
Person. Auch Räumungen oder das
Problem, dass viele Wohnungen heute
an Touristen vermietet werden, sind
Fragen, mit denen sich Initiativen
beschäftigen, um an Alternativen zu
arbeiten.
Daten in Exceltabellen einzu-
pflegen, hätte lange nicht den Nutzen,
den eine sichtbare, interaktive Karte
hat, sagt Susanne Torka von der
Nachbarschaftsinitiative in Moabit.
Doch der Wandel hänge immer
auch von den Menschen ab. „Die Karte
ist ein Informationswerkzeug. Nur
wenn sich MieterInnen auch zusam-
menschließen, kann dieses Werkzeug
etwas erreichen.“28 Essay Robert Bosch
Stiftung
Beteiligung für alle
Wir übertragen die Ungleichheit der Welt in den digitalen Raum,
sagt IT-Wissenschaftlerin Catherine Mulligan. Und fordert Mut
zu neuem Denken.
Das Jahr 2020 markiert einen Wendepunkt, an dem die sich auf die Ungleichheit zwischen Kapital und Arbeitskraft
globale digitale Ungleichheit deutlich zum Vorschein kommt. stützt, auf der unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten beruht.
Aufgrund von Covid-19 können Millionen von Kindern nicht So nimmt man beispielsweise an, dass wir die
zur Schule gehen, während andere digitalen Unterricht Ungleichheit in Bezug auf Datenspeicherung aus den ver-
bekommen. Eine Kluft tut sich auch auf zwischen denen, die schiedensten Gründen akzeptieren müssten, was zur
von zu Hause aus arbeiten können und anderen, für die Entstehung von Datenmonopolen in einer kleinen Anzahl
das nicht möglich ist. Bislang galt digitale Exklusion häufig von Unternehmen und Nationen geführt hat.
als Thema, das man auch später noch angehen kann. Die Abbildung der physischen Welt in der digitalen
Doch die letzten paar Monate haben gezeigt, dass die digitale Welt hat nicht funktioniert – so ist eine überaus anfällige
Ungleichheit in fast jedem Land der Welt ein sehr reales Wirtschaft entstanden, die stark von Zentralisierung und
Problem darstellt. multinationalen Konzernen abhängt und zum Stillstand
Als wir den Bericht über digitale Kooperation für das kommt, sobald einer ihrer Bestandteile versagt. Das wird
High-Level Panel der UN verfassten, ahnten wir nicht, welche oft als unvermeidlicher, natürlicher Prozess dargestellt,
Relevanz der Teil zur digitalen Inklusion bald bekommen doch das entspricht nicht der Wahrheit. Die Grundlagen der
sollte. Unsere Empfehlung, jeder Erwachsene solle Zugang zu physischen Wirtschaft – Land, Kapital und Arbeitskraft –
digitalen Netzwerken sowie zu digital gestützten Finanz- haben im digitalen Raum nicht die gleiche Bedeutung, doch
und Gesundheitsdienstleistungen haben, findet nun großen das findet keine Beachtung.
Anklang. Denn die Verwerfungslinien der digitalen Ungleich- Für die digitale Welt ist ein neuer Gesellschaftsvertrag
heit ziehen sich durch alle Länder, vom globalen Süden nötig – ein Vertrag, der angesichts der Tatsache, dass so
über Europa bis in die USA. Unser Bericht schlug vor, dass viele unserer Daten zu wirtschaftlichen Zwecken genutzt wer-
der private Sektor, Regierungen, NGOs und die Zivilgesell- den, eine neue Sichtweise auf Arbeit verlangt. Gesetzgeber
schaft zusammenarbeiten sollten, um für umfassende konzentrieren sich bislang auf kleinere, wenn auch wichtige
digitale Inklusion zu sorgen. Nun ist es wichtiger denn je, uns Aspekte wie den Datenschutz, während die umfassenderen
zu fragen: Was bedeutet umfassende digitale Inklusion? Auswirkungen der Digitalisierung unbeachtet bleiben.
Digitale Ungleichheit wurzelt in der Ungleichheit an Deshalb stolpern wir immer weiter in eine immer größere
sich – und in unseren vorgefassten Meinungen darüber, wie digitale Ungleichheit – paradoxerweise gerade deshalb, weil
die Welt funktioniert. Wir akzeptieren es als Normalzustand, wir das Richtige tun wollen.
dass manche Menschen und Länder weniger bekommen, Die digitale Ungleichheit ist komplex. Wer keinen
andere dagegen mehr. Dies setzt sich nun in der digitalen Welt Zugang hat, befindet sich in der Regel in einem Nexus
fort und hindert Menschen und Nationen daran, digitale der Exklusion. Technischer Zugang allein garantiert noch
Technologien umfassend zu nutzen. lange nicht, dass jemand über den Strom oder über
Wir Menschen neigen dazu, industrielle und gesell- Bildung und Fähigkeiten verfügt, mit denen eine effektive
schaftliche Revolutionen auf den Lauf der Geschichte Nutzung möglich ist.
zurückzuführen – als seien wir dem ausgeliefert. Doch die Wird nicht das gesamte Spektrum der digitalen
digitale Revolution liegt in unseren Händen. Dazu müssen Ungleichheit berücksichtigt, verstärkt sich die Auswirkung
Text: Catherine Mulligan | Foto: privat
wir uns der Herausforderung stellen, nicht nur anders zu der digitalen Exklusion weiter. So hat man vielleicht Zugang
denken, sondern auch anders zu handeln. Um die digitale zur digitalen Welt, aber nur als Teilnehmer, der den Monopo-
Ungleichheit zu überwinden, müssen wir bestimmte Aspekte listen in anderen Ländern Daten liefert, ohne selbst wirt-
der Ungleichheit an sich überwinden; das lässt sich nicht schaftliche und gesellschaftliche Vorteile ausschöpfen zu
voneinander trennen. können. Bei der Beurteilung der digitalen Ungleichheit ist das
Seit Anbruch des Informationszeitalters in den 1960er- Gleichgewicht der digitalen Macht ein wichtiger Aspekt.
Jahren bilden wir mit der digitalen Welt die bestehende Viele Narrative unterscheiden zwischen „fortschrittlichen“
physische Wirtschaftswelt nach; eine Wirtschaftswelt, die und „hilfsbedürftigen“ Ländern. Das kann zu einer ArtDAS MAGAZIN
1.20
29
„Um die digitale digitaler Kolonialisierung führen. Ein entscheidender Punkt,
den Regierungen, der Privatsektor und die Zivilgesellschaft
Ungleichheit zu über- sorgfältig berücksichtigen müssen: Wie sieht der globale
Gesellschaftsvertrag für die digitale Welt aus?
winden, müssen
Wenn ich diesen Punkt anspreche, werden häufig
Kryptowährungen als vermeintliche Beweise dafür ange-
führt, dass der Durchschnittsbürger in der digitalen Welt
wir bestimmte Aspekte nicht nur Teilnehmer, sondern auch „Gewinner“ sein kann.
Aber stimmt das wirklich?
der Ungleichheit an Bitcoin ist in der Finanzkrise im Jahr 2008 entstanden.
Mit der ersten echten Peer-to-Peer-Währung skizzierte
sich überwinden; „Satoshi Nakamoto“, so das Pseudonym des Erfinders von
Bitcoin, eine Möglichkeit, wie Banken beim Tausch von
das lässt sich nicht von- Werten zwischen Einzelpersonen überflüssig werden
können. Die größte Leistung von Bitcoin ist das dahinterste-
einander trennen.“
hende Gedankenexperiment. Satoshi bildete nicht einfach
das bestehende Finanzsystem mit einer zentralen Kontrolle
durch Regierungen und große Unternehmen nach, sondern
nutzte die umfassenden Möglichkeiten der digitalen Welt,
um eine Währung von Menschen für Menschen zu schaffen.
Es war eine gewagte Idee, mit der manche Leute
sehr reich geworden sind. Allerdings hat dies bislang nicht
entscheidend dazu beigetragen, die Ungleichheit zu über-
winden – sei es im digitalen Bereich oder anderswo. Kryp-
towährungen zeigen deutlich, wie engstirnig rund um digitale
Technologien oft gedacht wird. Technologie bewegt sich
nicht im luftleeren Raum, sie muss durch ein komplexes Netz
aus politischen und unternehmerischen Interessen navigieren.
Ein dezentralisierter Ansatz löst häufig Unbehagen aus –
besonders unter denjenigen, die großes persönliches Interes-
se am Fortbestand unseres jetzigen Wirtschaftssystems haben.
Vor diesem Problem stehen auch viele der Lösungen,
die zur Überwindung der digitalen Ungleichheit vorgeschla-
gen werden: Es geht nicht um technische Fragen, sondern
um politische. Die Vorstellung, dass Menschen aller Länder
über digitale Technologien vollkommen gleichberechtigt
Zugang zum Wirtschaftssystem bekommen, weckt oft
genauso großes Unbehagen wie die Dezentralisierung. Wir
brauchen eine neue Sicht auf die Kräfte, die dem Eigentum
an Daten und anderen digitalen Werten zugrunde liegen,
sowie neue Normen für die Interaktion. Für manche Men-
schen wird das einen Machtverlust bedeuten, deshalb ist zur
Umsetzung ein starker politischer Wille erforderlich.
Eine digital gestützte Dezentralisierung kann nicht
nur Geld neu definieren, sondern uns die Möglichkeit geben,
eine andere Welt zu gestalten. Mit einer digital koordinierten,
Dr. Catherine Mulligan
ist Honorary Senior Research Associate für
dezentralisierten Wirtschaft könnten wir ein Gleichgewicht
Informatik am University College London und zwischen lokalem Wirtschaftswachstum und Globalisierung
Co-Direktorin des Forschungszentrums für schaffen, das für alle von Vorteil ist. Eine Wirtschaftsweise,
Kryptowährung am Imperial College London. in der der Einzelne mit den Daten, die er generiert, seinen
Sie war Mitglied des High-Level Panels für Einfluss erhöht und die Wirtschaftsleistung seiner Nation
digitale Zusammenarbeit, das von UN-Gene-
– und nicht nur den Profit einzelner Datenmonopolisten.
ralsekretär António Guterres einberufen wurde.
Es wird Mut und gründliches Nachdenken erfordern, unsere
Die Expertengruppe hat Empfehlungen erarbei-
tet, wie die digitale Zukunft zum Wohl aller bisher etablierten Vorstellungen von digitaler Ungleichheit
und im Sinne der nachhaltigen Entwicklungs- zu überwinden. Es ist die große Herausforderung unserer
ziele der UN gestaltet werden kann. Generation.Sie können auch lesen