GAZETTE - caritas-siegen.de

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GAZETTE - caritas-siegen.de
Nr. 10 - Jahrgang 2020
                                                                                                             kostenlos

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                                                                       Siegener Magazin zum Thema
                                                                             Migration & Integration

                                                          Eine Oma gegen rechts, Uschi Stemann, weitere Informationen auf Seite 28.

Veranstaltungen              Demokratie leben!                                    Vielfalt...
Preisverleihung (Seite 12)   Interkulturelle Filmwochen (Seite 6)                    ...geht durch den Magen (Seite 43)

                                                 1
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GAZETTE - Siegener Magazin zum Thema Migration & Integration

                                                                                              oder die „Omas gegen Rechts“ (siehe Bericht auf Seite
                                                                                              28) für eine „Partnerschaft für Demokratie“ in Siegen
            Editorial                                                                         engagieren.
                                                                                              Einen weiteren Schwerpunkt dieser Ausgabe bildet
            Liebe Leserin, lieber Leser,
                                                                                              das Thema Rassismus. Verstärkt durch die Black Lives
            wir freuen uns über Ihr Interesse an der zehnten Ausgabe                          Matter-Bewegung ist der Umgang mit Diskriminie-
            der MiGazette.                                                                    rung und alltäglichem Rassismus auch in Deutschland
                                                                                              wieder verstärkt ins gesellschaftliche Bewusstsein
      Auch wenn wir weiterhin täglich die Auswirkungen und                                    gerückt und fordert uns alle zur achtsamen Überprü-
      Einschränkungen durch die Coronavirus-Pandemie spüren,                                  fung unserer Denk-
      konnten doch im Sommer und Herbst erfreulicherweise                                     muster,      unserer    „Mit klaren Botschaften gegen
      einige integrative Veranstaltungen und Projekte stattfin-                               Sprache, unserer
      den. Im Vergleich zum Frühjahr haben sich inzwischen                                    Bilder und unse-
                                                                                                                   Rechts, für eine offene Gesellschaft
      viele Akteure auf die neuen Herausforderungen einstellen                                rem Wissen auf.                 Haltung zeigen.“
      können und haben kreative, digitale Projektideen entwi-                                 Neben Veranstal- www.siegen-steht-zusammen.de
      ckelt oder ihre Veranstaltungen mit geringerer Personen-                                tungshinweisen
      zahl durchgeführt. Das galt für das Programm der diesjäh-                               und interessanten Literaturempfehlungen zum Thema
                                        rigen Interkulturellen                                finden Sie auf Seite 14 auch einen Kommentar mit
   „Wer, wenn nicht wir!“               Tage genauso wie für                                  dem Titel „Was ist eigentlich Rassismus?“. Unbedingt
www.demokratie-leben-siegen.de die insgesamt 19 Pro-                                          aufmerksam machen möchten wir Sie in diesem Zu-
                                        jekte, die trotz des ver-                             sammenhang auf die Initiative www.siegen-steht-
      kürzten Durchführungszeitraum in diesem Jahr im Rah-                                    zusammen.de. Hinter der Idee steht eine Gruppe
      men des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ geför-                                      kreativer Siegener Werbeleute, die mit einer tollen
      dert werden konnten. Auch unsere jährliche Demokratie-                                  Plakataktion vor einem drohenden Rechtsruck in un-
      konferenz wird dieser Tage live im Internet übertragen.                                 serer Gesellschaft warnen und das Engagement für
      Alles Wissenswerte über die Umsetzung des Bundespro-                                    eine vielfältige und bunte Stadtgesellschaft sichtbar
      gramms in Siegen finden Sie ab Seite 4.                                                 machen wollen. Die Plakate gibt es kostenfrei als
            Wie wichtig ein breit aufgestelltes zivilgesellschaftliches                       Download.
            Engagement für Demokratie, Vielfalt und Chancengleich-                            Erfreulicherweise als Präsenzveranstaltung durchge-
            heit in unserer Stadt ist, zeigen die politischen Agitationen                     führt werden konnte am 02. Oktober die diesjährige
            der rechtsextremistischen Kleinpartei Der III. Weg, die im                        Verleihung für interkulturelles Engagement (Seite
            Sommer Büroräume in Siegen eröffnet hat und mit verba-                            12) und die MiGazette gratuliert Herrn Gedi Metan
            len Angriffen und offenen Provokationen versucht, natio-                          ganz herzlich zum Preisgewinn!
            nalsozialistische Ungleichheitsideologien zu propagieren.
                                                                                              Am 13. September fanden in Siegen neben den Kom-
            Vor diesem Hintergrund freuen wir uns, dass sich immer
                                                                                              munalwahlen auch die Wahlen für den neuen Integ-
            mehr neue Akteure wie z.B. das „Forum Hammerhütte“
                                                                                              rationsrat statt. 2.462 von insgesamt gut 20.000
                                                                                              wahlberechtigten Siegenerinnen und Siegenern ha-
                                                                                              ben von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Ur-
                                                                                              sprünglich wollten wir ihnen bereits in dieser Ausgabe
                                                                                              die gewählten Mitglieder der drei Wahllisten und die
                                                                                              gewählte Einzelkandidatin sowie deren Vorhaben und
                                                                                              Ziele vorstellen. Da die konstituierende Sitzung aber
                                                                                              auf den 09. Dezember verschoben werden musste
                                                                                              und damit nun erst nach unserem Redaktionsschluss
                                                                                              stattfindet, werden wir das neue Gremium in der
                                                                                              kommenden Ausgabe ausführlich vorstellen.
                                                                                              Wir bedanken uns für die zugesandten Beiträge und
                                                                                              wünschen Ihnen trotz der aktuellen Belastungen
                                                                                              durch die Corona-Pandemie ein schönes und friedli-
An dieser Ausgabe beteiligt waren: V.l. L. Mgaloblishvili (lm), M. Massenhove (mm),
L. Höfer (lh), L. Hartmann (lih), T. Büker (tb), G. Ditsch (gd) und E. Hokkaömeroglu (eh).
                                                                                              ches Weihnachtsfest und ein gesundes Jahr 2021.
Es fehlen: S. Simons (si), T. Bender (tob) und Micha Sommer (ms)            Foto: MiGazette                                   Ihr Redaktionsteam

                                                                                          2
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Thema: Inhaltsverzeichnis

        Inhaltsverzeichnis
        Editorial                                                  Arbeiten und Leben in Deutschland                  29
          Inhaltsverzeichnis                      3                Behörden-Formulare verstehen                       30
                                                                   5 Jahre Sprachcafé in der Friedrichstr.            31
        Demokratie leben!                         4-9
                                                                   Ein Leben ohne Gewalt ist
          19 Projekte werden 2020 gefördert_____4
                                                                   ein Menschenrecht                                  32
          Vielfalt ist doch das Beste am Menschen_5
                                                                   Beratung für Zugewanderte                          33
          Interkulturelle Filmwochen____________6
                                                                   Projekt School & Play®                             34
          „Platz für Toleranz“__________________7
                                                                   Ferienprogramm des Sprachcamps                     35
          Familien stärken-Kreative Werkstatt
                                                                   Wegweiser-Präventionsprogramm                      36
          für Kinder__________________________8
                                                                   Siegen is(s)t bunt                                 37
          Erinnern ohne Zeitzeugen-Erinnern
                                                                   work space-Perspektiven entwickeln                 38
          mit Zweitzeugen_____________________8
          Demokratiekonferenz_________________9                    Integration durch Sport                            39-41
                                                                   Kino auf Rädern                                    39
        Migrantenorganisationen_______________10-11
                                                                   TSG Siegen 1846 e.V.                               40
        Literaturcafé auf Wandertour____________10
                                                                   Sport-Atlas                                        41
        Litcafé in Litera________________________11
                                                               Allerlei Kulturelles                                   42-50
        Aktuelles                                  12-38
                                                                  Literaturempfehlungen                               42
          Preis für Interkulturelles Engagement zum
                                                                  Vielfalt geht durch den Magen                       43
          30. Mal verliehen                        12
                                                                  Plakat: Siegen steht zusammen                       44
          Music against rasicm                     13
          Was ist eigentlich Rassismus?            14          Wichtige Telefonnummern                                45
          Begriffe                                 15
                                                               Interkultureller Kalender                              51
          Für ein Selbststudium                    16
                                                               Impressum
          Plakat: Siegen steht zusammen            17          Herausgeber: Caritasverband Siegen-Wittgenstein e.V.
                                                               Redaktion: siehe Bildunterzeile Seite 2
          Schlagfertigkeit bei Stammtischparolen 18            Layout: Berners Büro
                                                               Copyright: MiGazette
                                                               Druck: Berners Büro
          „Unser Kreuz hat keine Haken“            19          Anschrift der Redaktion:
                                                               Caritasverband Siegen-Wittgenstein e.V.
          Wir sind so verschieden und doch                     Häutebachweg 5
                                                               57072 Siegen
          so ähnlich                               20
                                                               Auflage: 1.000
          Psychologie des Antisemitismus           21
                                                               Förderhinweis
          Eine-Welt-Arbeit                         22          Wir danken dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ für die finan-
                                                               zielle Förderung.
          Projekt Halt(e)stelle                    24          Stand: Dezember 2020
          Garten der Religionen                    25
          Programm „LehrkräftePlus Siegen“         26
          Omas Gegen Rechts                        28

                                                           3
GAZETTE - caritas-siegen.de
GAZETTE - Siegener Magazin zum Thema Migration & Integration                     Thema: Demokratie leben!

                                                             rungsstelle zahlreiche Projektanträge ein, von denen der
„Demokratie leben!“:                                         lokale Begleitausschuss 15 Projekte zur Förderung durch
                                                             den Aktionsfonds ausgewählt hat. Außerdem werden vier
19 Projekte werden                                           Projekte von Jugendlichen durch den Jugendfonds geför-

2020 gefördert
                                                             dert. Die ausgewählten Projekte werden jeweils zu 100 %
                                                             gefördert. Insgesamt konnte so in diesem Jahr eine För-
                                                             dersumme von knapp 41.000 € bewilligt werden. Im Fol-
Die Universitätsstadt Siegen und der Caritasverband Sie-     genden werden die einzelnen Projekte kurz vorgestellt.
gen-Wittgenstein e.V. bilden gemeinsam die Koordinie-
rungsstelle der Partnerschaft für Demokratie in Siegen,      tob
die vom Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Minis-
teriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geför-      Weitere Informationen unter:
dert wird. Auch in diesem Jahr gingen bei der Koordinie-     www.caritas-siegen.de/demokratie-leben/

                                Projekte, die durch den Aktionsfonds gefördert werden:
Heimatverein Achenbach UG                                   KULTUREN KÜCHE 2020 – GEMEINSAM EINSTEHEN FÜR
                                                            LEBENDIGE STADTTEILE

Russisch-Deutsches Kulturzentrum Litera e.V.                FAMILIEN STÄRKEN!

Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Siegen-Wittgenstein/Olpe     WANDERAUSSTELLUNG „MEINE GESCHICHTE – DEINE
                                                            GESCHICHTE – UNSERE GESCHICHTE“
Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Sieger- NIEMAND REGIERT DIE WELT – POLITISCHE BILDUNG GE-
land e.V.                                                   GEN ANTISEMITISMUS UND VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN
                                                            IN SOZIALEN NETZWERKEN (LEHRER*INNENFORTBILDUNG)
Love-Storm e.V.                                             ZIVILCOURAGE UND DIGITALCOURAGE – TRAINING GEGEN
                                                            HASS IM NETZ
Internationales Zentrum Siegen e.V.                         VIELFALT IN SIEGEN

Verein für Soziale Arbeit und Kultur Südwestfalen e.V.      CHAMPS – AUFTAKT UND BEWERBUNG

Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Sieger- DER EXODUS DER JUDEN AUS DER ARABISCHEN WELT
land e.V.
Atatürkverein Siegerland e.V.                               CORONAPANDEMIE, NA UND?

Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Siegen-Wittgenstein/Olpe     HAMMERHÜTTE: UNSER QUARTIER – UNSERE HEIMAT

Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit         ERINNERN OHNE ZEITZEUGEN –
Siegerland e.V.                                             ERINNERN MIT ZWEITZEUGEN
Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Sieger- VORTRAG: BDS & CO. – BOYKOTTKAMPAGNEN GEGEN IS-
land e.V.                                                   RAEL UND IHRE FRAGWÜRDIGEN HINTERGRÜNDE
Katholisches Jugendwerk Förderband                          „AUF DEN KOPF GESTELLT – IN WIRKLICHKEIT IST DIE
Siegen-Wittgenstein e.V.                                    REALITÄT GANZ ANDERS!“
Caritasverband Siegen-Wittgenstein e.V.                     INTERKULTURELLE FILMWOCHEN

Caritasverband Siegen-Wittgenstein e.V.                     PLATZ FÜR TOLERANZ

                                Projekte, die durch den Jugendfonds gefördert werden:
Junges Theater Siegen e.V.                                  Max Frisch "Biedermann und die Brandstifter - reloaded"
JuPa Siegen                                                 Jugendforum 2020
Netzwerk gegen Antisemitismus                               Infomaterialien für Jugendliche
Netzwerk gegen Antisemitismus                              4Fortbildung „Antiimperialismus begegnen“
GAZETTE - caritas-siegen.de
Thema: Demokratie leben!

      Vielfalt ist doch das
                                                                                Abends auf den Punkt. Nachdem verschiedene Vertre-
                                                                                ter*innen der Einrichtungen und des ansässigen Gewer-

      Beste am Menschen
                                                                                bes gleich zu Beginn auf der Bühne klar machten, dass
                                                                                man sich ein Quartier wünsche, indem ein multikulturel-
                                                                                les, nachhaltiges und lebendiges Wohnen möglich sei,
      Bunte Vielfalt, Toleranz und gemeinschaftliches Engage-                   startete man in ein so genanntes „World Café“. Verschie-
      ment – das waren die Themen, die jetzt im Fokus des                       dene von der AWO moderierte Kleingruppen entwickelten
      „Forum Hammerhütte“ standen. Der AWO Kreisverband                         dabei Ideen, Denk- und Handlungsoptionen für ein buntes
      Siegen Wittgenstein/Olpe, der mit seiner Geschäftsstelle                  integratives Miteinander. Um das bürgerschaftliche Enga-
      an der Koblenzer Straße mit zum Quartier Hammerhütte                      gement rund um die Hammerhütte zu bündeln, müsse
      in Siegen gehört, hatte alle Anwohner*innen zu dieser                     zunächst ein „Kernteam“ in Form einer Arbeitsgruppe,
      Veranstaltung eingeladen.                                                 idealerweise ein Quartiersmanager gefunden werden. Im
                                                                                Anschluss daran, müsse man sich mit allen Akteur*innen
      Das Interesse war groß, viele Teilnehmer*innen waren in                   regelmäßig treffen und die Dinge vorantreiben. Dafür
      den Leonhard-Gläser-Saal der Siegerlandhalle gekommen,                    brauche man einen Ort der Begegnung im Quartier. Als
      um mit ihren Ideen und Anregungen dazu beizutragen, ein                   mögliche Option wurde die Nutzung von Räumen im KIQ
      Quartier „für alle“ zu schaffen. Schließlich ginge es in die-             KulturIntegrationQuartier (in der alten Hammerhütter
      sen Zeiten darum, alle Kräfte zu bündeln, damit Werte wie                 Schule) angeboten. Außerdem wurde auf die Möglichkeit
                                                                                hingewiesen, im Rahmen des Förderprogramms
                                                                                „Demokratie leben“, das 2014 vom Bundesministerium für
                                                                                Familie, Senioren, Frauen und Jugend ins Leben gerufen
                                                                                wurde, finanzielle Unterstützung zu erhalten. Ideen wie
                                                                                ein internationales Straßenfest, ein Spiel ohne Grenzen
                                                                                für Kinder, Sportveranstaltungen oder immer wieder
                                                                                stattfindende interkulturelle Kochevents unter der Nach-
                                                                                barschaft könnten so finanziell gestützt werden. Auch das
                                                                                Forum Hammerhütte wurde aus diesem Fonds finanziell
                                                                                gefördert. Damit alle Anwohner*innen die geplanten Akti-
                                                                                onen auch mitbekommen, müsse ein transparentes Netz-
                                                                                werk zum Beispiel in Form eines virtuellen Stammtisches,
                                                                                einer Quartierszeitung, einer Facebookgruppe, eines
                                                                                Newsletters oder einer mehrsprachigen Infotafel im Quar-
                                                                                tier geschaffen werden – so die Teilnehmer*innen. Viele
                                                                                Anwohner*innen wünschen sich auch, dass die Zugänge
                                                                                zur Sieg, die durch das Quartier fließt, frei gelegt und
                                                                                schöner gestaltet werden. Die Sieg müsse „erlebbar“ wer-
                                                                                den. Wünsche nach einer Erweiterung des Fuß- und Rad-
                                                                                weges sowie nach einer besseren Beleuchtung im Quar-
                                                                                tier wurden ebenfalls genannt. Auch der im Quartier vor-
                                                                                handene Spielplatz, Bürgersteige und Straßenbeläge
                                                                                müssten im Hinblick auf Barrierefreiheit dringend saniert
                                                                                und ausgebessert werden. Fazit: An guten Ideen und dem
                                                                                nötigen Engagement mangelte es den Teilnehmer*innen
                                                                                an diesem Abend nicht. Jetzt geht es darum, die stattge-
                                                                                fundene Auftaktveranstaltung zu nutzen, um ein selbst
                                                                                organisiertes Netzwerk zu schaffen, das die entwickelten
                                                                                Ideen und Maßnahmen auch umsetzt. Die AWO machte
                                                                                zum Schluss noch einmal deutlich, dass man die Quartiers-
                                                                                arbeit selbstverständlich weiterhin unterstütze, die ei-
                                                                                gentliche Initiative aber von den Anwohner*innen der
                                                                                Hammerhütte selbst kommen müsse.
„Dein Zuhause—Dein Quartier—Dein Beitrag“ Motto der Auftaktveranstaltung.
                                                     Foto: Matthias Hess                                                        Gilda Hey
                                                                                   Stabsstelle Marketing Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
      Toleranz und Vielfalt auch im Quartier gelebt werden kön-                 Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Siegen-Wittgenstein/Olpe
      nen, so der übereinstimmende Tenor. Niemand wolle eine
      homogene Gesellschaft – Vielfalt, das sei doch das Beste
      am Menschen, brachte ein Teilnehmer die Maxime des
                                                                            5
GAZETTE - caritas-siegen.de
GAZETTE - Siegener Magazin zum Thema Migration & Integration                                    Thema: Demokratie leben!

    Interkulturelle
                                        Gemeinsam Filme zu                         Den Abschluss bildete der Film „Die Blumen von gestern“.
                                        schauen, macht Freu-                       Der Holocaust-Forscher Totila Blumen steckt in einer Le-

    Filmwochen
                                        de. Filme berühren uns                     benskrise. Da taucht die französische Praktikantin Zazie
                                        mit einer allumfassen-                     auf. Die exzentrische Frau ist Enkelin eines Holocaust-
                                        den Sprache, sodass es                     Opfers, die ihre eigenen Ziele verfolgt, welche eng mit
    keine Rolle spielt, ob wir jung oder alt sind, ob wir gesund                   Totilas Herkunft verbunden sind. Totila und Zazie machen
    oder krank sind, woher wir kommen und wer wir sind.                            sich gemeinsam auf den Weg nach Riga, um den Spuren
    Filme zeigen uns andere Lebenswelten, bieten uns andere                        ihrer Großeltern zu folgen.
    Perspektiven und bewirken, dass wir mit den Protagonis-
    ten*innen mitempfinden.
    Filme dienten ebenfalls dazu, sich an einen Perspektiven-
    wechsel heranzuwagen und in die Sichtweise von anderen
    Menschen einzutauchen. Um darüber ins Gespräch zu
    kommen, haben die Integrationsagenturen der Arbeiter-
    wohlfahrt Kreisverband Siegen-Wittgenstein/Olpe, des
    Caritasverbandes Siegen-Wittgenstein e.V., der Diakonie
    in Südwestfalen Soziale Dienste gGmbH und des Vereins
    für soziale Arbeit und Kultur in Südwestfalen e.V. haben
    im Zeitraum 22. September - 06. Oktober jeden Dienstag
    zu den interkulturellen Filmwochen 2020 eingeladen.

                                                                                   Im Anschluss an die Filme wurde zu Gesprächen eingela-
                                                                                   den, um einen interkulturellen Austausch zu ermöglichen.
                                                                                   Die Veranstaltung wurde gefördert vom Bundesministeri-
                                                                                   um für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen
                                                                                   des Bundesprogramms „Demokratie leben!“.
Die Siegener Integrationsagenturen: Lali Mgaloblishvili, Lisa Höfer, Gül Ditsch,   Seit 2007 setzen sich Integrationsagenturen für das Zu-
Emetullah Hokkaömeroglu, Linda Hartmann (v.l. n. r.)                               sammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft ein. Das
                                                                                   bundesweit einzigartige Programm hat sich in seiner Initi-
    Es wurden Filme gezeigt, welche Migration/Integration,                         ativ-, Befähigungs- und Unterstützungsfunktion vorhande-
    Interkultur und Antisemitismus auf humorvolle, aber auch                       ner und zusätzlicher Integrationsförderpotenziale seit
    ernste Weise thematisieren.                                                    über 10 Jahren als besonders wirksam erwiesen. Die In-
    Den Anfang der Interkulturellen Filmwochen machte der                          tegrationsagenturen werden gefördert vom Ministerium
    österreichische Film „Womit haben wir das verdient?“. In                       für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes
    dieser Komödie wird die Wienerin Wanda, überzeugte                             Nordrhein-Westfalen.
    Atheistin und Feministin, von ihrer Teenagertochter Nina                                                                                lh
    überrumpelt als diese plötzlich mit Schleier vor ihr steht.
    Nina ist nämlich zum Islam konvertiert.
    Weiter ging es mit der in Frankreich spielenden Komödie
    „Zum Verwechseln ähnlich“. Das Ehepaar Paul und Sali
    lebt in Paris, hat dort gerade einen Blumenladen eröffnet
    und ist eigentlich ganz zufrieden. Die beiden haben einen
    Weg gefunden ihre aus dem Senegal stammend Familie
    mit hinreichender Traditionswahrung glücklich zu machen.
    Nur der Kinderwunsch, der erfüllt sich leider nicht. Ein
    Adoptionsantrag läuft und tatsächlich können Paul und
    Sali den kleinen Benjamin bei sich aufnehmen. Doch Ben-
                                                                                                              alle Fotos: Caritasverband Siegen-Wittgenstein e.V.
    jamin ist weiß …                                          6
GAZETTE - caritas-siegen.de
Thema: Demokratie leben!

                                                                                             Alle Fotos: Caritasverband Siegen-Wittgenstein e.V.

„Platz für Toleranz“                            „Platz      für
                                                Toleranz“ ist
                                                                       bei Aktionen/Veranstaltungen in der Innenstadt, ggf. in
                                                                       Jugendtreffs, Schulen etc. gestaltet werden und dort auch
eine Kampagne von youngcaritas. Die Bänke werden nach                  einen Platz finden. Ehrenamtliche, die bei youngcaritas
einem fertigen Bauplan gebaut. Anschließend werden sie                 Siegen aktiv sind, können die Aktionen bei Bedarf gerne
kreativ gestaltet, erhalten ein Logo (wie z.B. von der Ju-             begleiten.
gendwerkstatt, von youngcaritas und ggf. weiteren Mit-                 Aktuell interessiert sich ein DPSG-Stamm aus Siegen für
wirkenden) und werden zuletzt imprägniert. Danach kön-                 einen Bausatz. Die Bank soll dann in Gruppenstunden zu-
nen sie in einer Einrichtung stehen, oder davor. Die Bänke             sammengebaut und gestaltet werden und steht dem
haben Symbolcharakter und stehen für Toleranz, Gemein-                 Stamm anschließend als Sitzbank in oder vor den Räum-
schaft und Vielfalt. Besonders ist auch der kommunikative              lichkeiten zur Verfügung.
Aspekt. Sowohl während des Baus und der Gestaltung der                 Vor dem Hintergrund der stetig zunehmenden Präsenz
Bank, sowie durch die Einladung zum Hinsetzen verbindet                rechtsextremer Gruppierungen im Siegerland bieten sich
sie verschiedene Menschen und Gespräche entstehen.                     „Plätze für Toleranz“ an, um sich mit Kindern, Jugendli-
Werden die Bänke im öffentlichen Leben wahrgenommen,                   chen und jungen Erwachsenen auch auf kreative Weise
geht damit auch eine Beschäftigung mit ihrer Botschaft                 mit dem Thema zu beschäftigen und gleichzeitig sichtbare,
einher: Hier ist „Platz für Toleranz“. Ein zusätzliches Ziel ist       bleibende Zeichen zu setzen.
es, diese Botschaft weiterzuverbreiten. Deshalb können
alle Interessierten auf der Bank ein Foto oder ein Video               Diese Aktion wurde vom Bundesministerium für Familie,
machen und dieses mit dem Hashtag „platzfürtoleranz“                   Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundespro-
posten. Somit kann die Botschaft real und virtuell verbrei-            gramms „Demokratie leben!“ gefördert.
tet werden.
Bei dem Projekt handelt es sich um den Bau von 5 Bänken                Ansprechpersonen bei Interesse am
im Herbst/Winter 2020. Die Bänke werden von den Teil-                  Projekt und/oder einem Bausatz:
nehmenden der Jugendwerkstatt gebaut. Eine Bank wird                   Chiara Löhr und Anne Ploch
                                                von     diesen         E-Mail: young@caritas-siegen.de
                                                Jugendlichen           Instagram: youngcaritas_siegen
                                                komplett
                                                selbst gestal-         Weitere Informationen unter:
                                                tet und be-            www.caritas.siegen.de/young-caritas/
                                                kommt einen
                                                Platz vor der
                                                Jugendwerk-
                                                statt (siehe
                                                Fotos).    Die
                                                anderen Bän-
                                                ke     können
                                                                   7
GAZETTE - caritas-siegen.de
GAZETTE - Siegener Magazin zum Thema Migration & Integration                                    Thema: Demokratie leben!

                                                                                          Dank dem Projekt „Familien Stärken“ im Rahmen des Pro-
                                                                                          gramms „Demokratie leben!“ sind die Workshops mit
                                                                                          Grundschulkindern aus unterschiedlichen Stadteilen Sie-
                                                                                          gens möglich geworden. Die kompetenten Kursleiterinnen
                                                                                          förderten nicht nur das handwerkliche Geschick und die
                                                                                          Kreativität der Grundschüler, sondern entwickelten die
                                                                                          sozialen Kompetenzen der Kinder im Dialog miteinander
                                                                                          und stärkten das Umweltbewusstsein im Umgang mit den
                                                                                          Naturressourcen.
                                                                                                                                 Natalia Neumann

                                                                                                                               „Was kommt nach
                                                                                          Erinnern ohne                        den Zeitzeugen?“, das

                                                                                          Zeitzeugen –
                                                                                                                               fragte 2015 Josef
                                                                                                                               Schuster, der Präsi-

                                                                                          Erinnern mit
                                                                                                                               dent des Zentralrats
                                                                                                                               der Juden in Deutsch-

                                                                                          Zweitzeugen                          land. Zahlreiche Über-
                                                                                                                               lebende der Schoah
                                                                                                                               brachten und bringen
                                                                                          Kindern und Jugendlichen das damalige Geschehen auf
                                                                                          emotionaler Ebene näher, wenn sie ihnen persönlich be-
                                                                                          gegnen. Doch in absehbarer Zeit ist dies nicht mehr mög-
                                                                                          lich. Ihre einzigartigen Geschichten müssen dennoch wei-
Beim Projekt „Familien stärken“ wurde Kindern mit Migrationshintergrund und aus
verschiedenen Stadtteilen geholfen, sich hier einzuleben, Vorurteile abzubauen und        tergetragen werden, nicht nur schriftlich in Büchern oder
ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. Angesprochen wurden Kinder mit ihren Familien        als Film, sondern in Form persönlicher Begegnungen. Die-
aus z.B. Bulgarien, Rumänien, Weißrussland, Ukraine und Russland. Foto: Litera e.V.       ser Aufgabe hat sich der Verein Zweitzeugen e. V. mit sei-
                                                                                          nem didaktischen Konzept der Zweitzeugenschaft ange-
           Familien stärken -                                                             nommen. Dafür stehen z.B. Filme und eine Wanderaus-
                                                                                          stellung zur Verfügung. In Workshops können Kinder und
           Kreative Werkstatt                                                             Jugendliche ab 10 Jahren (Über-)Lebensgeschichten von
                                                                                          Zeitzeug*innen des Holocaust kennenlernen. Sie werden
           für Kinder                                                                     dadurch zu Zweitzeug*innen und erinnern so an die Zeit-
                                                                                          zeug*innen. Die Veranstaltung bietet Interessierten und
                                                                                          Kooperationspartner*innen die Möglichkeit sich informie-
           Mit Unterstützung des Bundesprogramms „Demokratie                              ren zu lassen und
           leben!“ startete in Litera im Herbst 2020 die Workshoprei-                     gemeinsam          zu
           he „Kreative Werkstatt für Kinder“. Die Litera-                                überlegen,       wie
           Künstlerinnen Natalia Dmitrienko und Yuliya Rastrossa                          das Thema weiter
           scheuten keine Zeit und Mühe, originelle Ideen und Inspi-                      ausgerollt werden
           rationen umzusetzen. Es wurde gebastelt und gemalt was                         kann.
           die Schere hält. Im ersten Workshop fertigten die kleinen                      Die Gesellschaft
           Handwerkerinnen und Handwerker bunte Futterglocken,                            für       Christlich-
           die nicht nur nützlich sind, sondern auch die Gärten und                       Jüdische Zusam-
           Terrassen in grauen Wintertagen verschönern. Weiter                            menarbeit Sieger-
           ging es mit den Handpuppen unter der Anleitung von Yu-                         land e.V. hat am 22.09.2020 zu dieser Veranstaltung ein-
           liya. Die Kinder lernten Umgang mit Faden und Nadel,                           geladen, die vom Bundesministerium für Familie, Senio-
           suchten Stoffe aus und nähten Puppen in traditionellen                         ren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundespro-
           russischen Kleidern. Eine Woche später widmete Natalia                         gramms „Demokratie leben!“ gefördert wurde.
           den ganzen Samstag dem Thema „Herbst“. Bunt, hell und
           wunderschön erschienen die Herbstdamen auf den Pa-                             Weitere Informationen unter: www.cjz-siegen.de
           pierblätter der kleinen Künstler*innen. Die Kinder stellten
           Collagen aus Blättern zusammen, wählten passende Töne
           und Farben für das Gesicht der herbstlichen Prinzessin.
           Jede von ihnen ist eine Herbstschönheit geworden!
                                                                                      8
GAZETTE - caritas-siegen.de
Thema: Demokratie leben!

         Textüberschrift...
 v.l.n.r.: Lisa Bleckmann und Tobias Bender (Mitarbeitende der externen Koordinierungs- und Fachstelle) gemeinsam mit Dr. Christian Zimmermann
                                                                                                                 alle Fotos: Caritasverband Siegen-Wittgenstein e.V.

         Digitale Demokratie-
                                                                                      Den Schwerpunkt des Abends bildete der Vortrag des Poli-
                                                                                      tikwissenschaftlers Dr. Christian Zimmermann von der

         konferenz am 24.11.2020
                                                                                      Universität Siegen. Er analysierte unter der Überschrift
                                                                                      „Am Abgrund oder im Aufbruch? Zur Zukunft der Demo-
                                                                                      kratie“ die scheinbar widersprüchliche Tendenz, dass de-
          Die jährliche Demokratiekonferenz im Rahmen von Demo-                       mokratische Werte wie Gleichberechtigung und Meinungs-
          kratie leben! ist ein wichtiger Bestandteil der Öffentlich-                 freiheit weltweit in hohem Ansehen stehen, andererseits
          keitsarbeit des Bundesprogramms. Wegen der Einschrän-                       Entwicklungen der Entdemokratisierung, wie etwa die
          kungen des öffentlichen Lebens durch die Corona-                            Verschiebung wichtiger, das Gemeinwesen betreffender
          Pandemie hat die Städtepartnerschaft für Demokratie in                      Entscheidungen auf übernationale Ebenen, die sich der
          Siegen in diesem Jahr ein neues Format ausprobiert. Die                     demokratischen Kontrolle weitgehend entziehen, zu beo-
          Veranstaltung wurde nicht, wie üblich, als Präsenzveran-                    bachten sind.
          staltung, sondern als Live-Stream über die Videoplattform
          Youtube durchgeführt. Ermöglicht hat dies das Technik-                      Ein wichtiger Aspekt der
          Team des Jugendtreffs Bluebox, das bereits Erfahrung mit                    Demokratiekonferenzen
          der Durchführung solcher Veranstaltungen gemacht hat                        ist die aktive Beteiligung
          und eine professionelle Live-Übertragung der Veranstal-                     der Teilnehmenden. Das
          tung sichergestellt hat.                                                    wurde auf der digitalen
                                                                                      Demokratiekonferenz
                                                                                      dadurch ermöglicht, dass
                                                                                      die virtuell Teilnehmen-
                                                                                      den während des Vor-
                                                                                      trags Fragen und Kom-
                                                                                      mentare schicken konn-
                                                                                      ten, auf die der Referent
                                                                                      im Anschluss an seinen
                                                                                      Vortrag eingegangen ist.
                                                                                      So konnte auch in Pan-
                                                                                      demiezeiten eine lebhaf-     Stellvertretender Bürgermeister Jens Kamieth
                                                                                      te Diskussion zu dem
                                                                                      aktuellen gesellschaftlichen Großthema „Demokratie“
                                                                                      ermöglicht werden.
Technik-Team des Jugendtreffs Bluebox
          Nach einer kurzen Einführung durch die Mitarbeitenden                       Der Livestream ist weiterhin auf dem Youtube-Cannel des
          der externen Koordinierungs- und Fachstelle des Caritas-                    Stadtjugendrings Siegen Bluebox abrufbar.
          verbandes Siegen-Wittgenstein e.V. betonte der stellver-
          tretende Bürgermeister der Stadt Siegen, Jens Kamieth,                      Weitere Informationen unter:
          die Bedeutung der verschiedenen über das Bundespro-                         www.caritas-siegen.de/demokratie-leben
          gramm geförderten Projekte für eine offene und bunte                                                                                            tob
          Stadtgesellschaft.                                       9
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GAZETTE - Siegener Magazin zum Thema Migration & Integration                  Thema: Migrantenorganisationen

                                                                                Sauerland gut wandern
                                                                                kann. In Drolshagen an
                                                                                den Listertalsperre befin-
                                                                                det sich der KuLTour
                                                                                Rundweg, welcher nicht
                                                                                nur eine schöne und
                                                                                sehr abwechslungsreiche
                                                                                Landschaft bietet, son-
                                                                                dern auch noch jede
                                                                                Menge Kunst und Kreati-
                                                                                vität. Hier mitten im
                                                                                Wald haben wir auch
                                                                                viele Gedichte entdeckt,
                                                                                passend zur Jahreszeit z.B. eine Strophe aus Rilkes 1902
                                                                                geschriebenem Gedicht „Herbsttag“:
                                                                                Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
                                                                                Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
                                                                                wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den
                                                                                Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter trei-
                                                                                ben.“

                                                                                Die Litera-Bibliothek hat im Oktober ein Buch erworben,
Impressionen von den literarischen Wanderungen.        Alle Fotos Litera e.V.   das uns bei den Herbstwanderungen sehr geholfen hat:
                                                                                „111 Orte in Siegen-Wittgenstein, die man gesehen ha-

           Literaturcafé auf
                                                                                ben muss“ (Verfasser Jörn Heller). Innerhalb eines Monats
                                                                                besuchten wir zahlreiche Orte sowohl in Siegen als auch in

           Wandertour
                                                                                der Umgebung: z.B. die Bärenwaldeiche in Freudenberg,
                                                                                den Großen Stein in Burbach, den Pfannenbergturm in
                                                                                Neunkirchen, die Kulturscheune Sonnenhof in Breiten-
           Seit tausend Jahren entwickelte sich in Europa eine beson-
                                                                                bach u.a. Wir haben in dieser Zeit sehr viel Neues ent-
           dere Wanderkultur. Die alten Germanen unternahmen
                                                                                deckt, mehrere Kilometer erwandert und nette Menschen
           sogenannte „Waldfahrten" zu heiligen Hainen. "Ab in den
                                                                                kennengelernt. Allgemein ist bekannt, dass ein entspann-
           Wald" heißt es heutzutage. Die umliegende Wälder und
                                                                                ter Spaziergang sowie das achtsame Eintauchen in die
           Täler verwandelten sich insbesondere im Pandemie-Jahr
                                                                                Waldatmosphäre helfen kann, die Immunzellen im Körper
           in Begegnungsorte auch für viele Kulturinteressierte.
                                                                                zu aktivieren. Viele unserer Wälder sind zur Zeit auch
                                                                                krank, aber die Natur regeneriert allmählich. Der Wald
         Die Besucherinnen und Besucher des Literaturcafés des
                                                                                ruht nicht. Er ist Symbol ein für ewig fortdauernde Leben-
         Kulturzentrums Litera entschieden sich, ihre Sommerakti-
                                                                                digkeit.
                                              vitäten in die Natur
       Das Russisch-Deutsche Kultur-
                                              zu verlegen. So fand
      zentrum Litera erwanderte sich schon im Mai die                           Doch hin und wieder braucht das unentwegt Tätige eine
       den „Rahrbacher Poesieweg“                                               Pause. Ergriffen vom Abendlicht über dem Thüringer Wald
                                              erste Wanderlesung
                                                                                schrieb Goethe an die Wand einer Jagdhütte am 6. Sep-
       und den „KulTour-Rundweg“              statt. Nach wenigen
                                                                                tember 1780 sechs Verse, die um die Welt gingen:
                                              Minuten Bahnfahrt
                                                                                                                 Über allen Gipfeln
         kam die kleine Gruppe am Rahrbacher Poesieweg an. Auf
                                                                                                                 ist Ruh‘,
         einer rund 8 km langen Rundtour fand man die himmli-
                                                                                                                 In allen Wipfeln
         sche Waldatmosphäre der rauschenden Nadel- und Laub-
                                                                                                                 spürest du
         wälder.    An    den    Verweil-Orten       "Kreuz-Wege",
                                                                                                                 Kaum einen Hauch;
                                    "Einstimmung", "Vergehen &
                                                                                                                 Die Vögelein schweigen
                                    Entstehen", "Lebensringe",
                                                                                                                 im Walde.
                                    "Ankommen" und "Ermuti-
                                                                                                                 Warte nur! Balde
                                    gung" gibt es neben der Poe-
                                                                                                                 Ruhest du auch.
                                    sie auch Informationen zur
                                    Natur und der Waldwirtschaft
                                                                                                                 Wir haben in Russland
                                    sowie interessante Impulse
                                                                                                                 diese Verse schon als
                                    zum Naturerlebnis.
                                                                                                                 Kinder auswendig ge-
                                                                                                                 lernt (Übersetzung von
                                             Es ist weit über die Region
                                                                                                                 Michail Lermontov):
                                             hinaus bekannt, dass man im 10
Thema: Migrantenorganisationen
                                                                          ben, seine sozialkritischen, sogar revolutionären Werke
    Горные вершины                                                        wurden jedoch schärfer. Mit dem Roman Jama (auch Die
    Спят во тьме ночной;                                                  Gruft 1909 bis 1915), einer Sittengeschichte, erregte
    Тихие долины                                                          Kuprin großes Aufsehen. Sehr freizügig und offen schildert
    Полны свежей мглой;                                                   er das Leben in einem Bordell in einer südukrainischen
    Не пылит дорога,                                                      Stadt. Er porträtiert die Bewohner und Besucher sehr ge-
    Не дрожат листы...                                                    nau; nicht die „Damen“ sind die zu Verurteilenden, son-
    Подожди немного,                                                      dern die nach außen hin ehrbaren Besucher und die sozia-
    Отдохнешь и ты.                                  Elena Groß           len Missstände, die die Frauen in diese Notsituation ge-
                                                                          bracht haben. Der Roman machte so viel Furore, dass
                                                                          noch Jahre danach Studenten auf die Straße gingen, um
                                                                          gegen diese sozialen Bedingungen aufzubegehren.
     Litcafé in Litera                                                    Nach der Oktoberrevolution floh Kuprin mit seiner Familie
                                                                          nach Finnland und von dort aus 1920 weiter nach Paris. Im
    Zum 150-jährigen Jubiläum von Alexander Kuprin und                    Pariser Exil ging es ihm so, wie vielen russischen, emigrier-
    Iwan Bunin veranstaltete das Kulturzentrum Litera am                  ten Schriftstellern, er war von seinen Wurzeln abgeschnit-
    7. Oktober einen literarischen Abend.                                 ten – für einen Russen eine besonders tragische Situation.
    Die Vereinsleiterin Elena Groß erzählte zuerst sehr aus-              Es sollte noch dreizehn Jahre dauern, bis Kuprin todkrank
    führlich über das Leben Alexander Kuprins. Kuprin wuchs               in seine Heimat zurückkam, weil er in der russischen Erde
    in sehr einfachen Verhältnissen auf. Seine Mutter stamm-              begraben sein wollte. Er starb am 25. August 1938 und
    te aus einem tatarischen, sehr berühmten, aber verarm-                wurde auf dem berühmten Wolkow-Friedhof in Leningrad
    ten Fürstengeschlecht. Sein Vater war ein kleiner Beam-               beigesetzt, dort, wo auch die von ihm bewunderten Klassi-
    ter, der schon ein Jahr nach Alexanders Geburt an Cholera             kerkollegen Saltykow-Ščedrin, Turgenew, Gontscharow
    starb und die Familie völlig mittellos zurückließ. Schon mit          und Leskow ruhten. Erst 1933 wurde Iwan Bunin als erster
    13 Jahren schrieb Alexander Gedichte. 1889 erschien die               russischer Schriftsteller mit dem renommierten Preis ge-
    erste Erzählung „Das letzte Debüt“ des neunzehnjährigen               ehrt.
    Autors. Er ging mit nur ein paar Rubeln in der Tasche nach
    Kiew, um sein Geld als Journalist zu verdienen. Dort veröf-           In zweitem Teil des Abends wurde dem Publikum ein Film-
    fentlichte er in den verschiedensten Zeitungen und Jour-              ausschnitt aus dem Literarischen Quartett über das Leben
    nalen seine Reportagen, Glossen, Theaterberichte, Kurz-               und Werke von Iwan Bunin präsentiert. Literaturkritiker
    geschichten, kurzum alles, was gerade anfiel. 1895 arbei-             Marcel Reich-Ranicki diskutierte in der Sendung mit sei-
    tete er in einem Moskauer Betrieb, der Ventilatoren her-              nen Gästen über den ersten russischen Literaturnobel-
                                             stellte, 1896 als            preisträger. Zwei Konstanten bestimmten Leben und
 Litera würdigte das 150 jährige Stahlgießer                  im          Werk Iwan Bunins: tiefe Verbundenheit mit Russland und
                                             hoch     industriali-        unstillbares Fernweh. Die Liebe zu seiner mittelrussischen
    Jubiläum der Schriftsteller
                                             sierten Donezbe-             Heimat – er wuchs als Kind in einer verarmten Adelsfami-
Alexander Kuprin und Iwan Bunin cken, kurz danach                         lie auf dem Land auf – steigerte sich zum Heimweh, als
    gründete er in Kiew eine „Athletengesellschaft“ und einen             der Schriftsteller nach der Oktoberrevolution ins Exil nach
    Zirkus. 1897 findet man ihn als Gutsverwalter und Vorsän-             Frankreich ging, wo er bis zu seinem Tod 1953 lebte. Ma-
    ger in der Kirche, danach machte er eine Ausbildung zum               xim Gorki schrieb über ihn: „Nehmen Sie Bunin aus der
    Zahnarzt, um dann doch 1899 einer Theaterwandertruppe                 russischen Literatur heraus und sie wird glanzlos, verliert
    beizutreten, der er neun Monate Treue hielt. Seine nächs-             ihren Regenbogenschein und
    ten beruflichen Stationen waren Sänger, Privatlehrer und              das Sternenlicht seiner einsa-
    zu guter Letzt beschließt er, Mönch zu werden. Kuprin                 men Wandererseele“.
    zieht 1901 dann doch nach St. Petersburg, um ausschließ-              Am Ende des Vortrags unter-
    lich Schriftsteller zu sein. Diese „Wanderjahre“ waren der            hielten sich die anwesenden
    „Fundus“, aus dem er Zeit seines Lebens Ideen und Inspi-              Gäste sehr rege über beide
    rationen schöpfte. Das brachte mit sich, dass er im Gegen-            Autoren und lobten die Litera
    satz zu den meisten Schriftstellern seiner Zeit kein bevor-           -Veranstaltung sehr.
    zugtes Hauptthema hatte, sondern er bediente sich aus
    der Reichhaltigkeit seiner Erfahrungen und hatte zu vielen            Elena Groß
    Bereichen des menschlichen und sozialen Lebens etwas zu
    sagen. Er selbst sagte einmal, dass alles, was er schrieb, er
    selbst erlebt hatte, dass sein ganzes Schaffen eine Auto-
    biografie sei.
    Mit offenen Armen wurde er von seinen Schriftstellerkol-
    legen, wie Anton Tschechov, Iwan Bunin und nicht zuletzt
                                                                                                          Elena Groß mit den Biographien der Schrift-
    Maksim Gorkij aufgenommen. Er blieb zwar seiner Grund-                                                steller Kuprin und Bunin. Foto: Litera e.V.
    einstellung treu, über alles, was er erlebt hatte, zu schrei-
                                                                     11
GAZETTE - Siegener Magazin zum Thema Migration & Integration                                                           Thema: Aktuelles

Bürgermeister Steffen Mues (l.) überreichte gemeinsam mit dem stellv. Vorsitzenden des Integrationsrates, Veli Aydin (r.), den diesjährigen Preis für Interkulturelles
Engagement an Gedi Ali Metan (Mitte).                                                                                             Foto: Pressestelle der Stadt Siegen

      Preis für Interkulturelles
                                                                                      ranz und Weltoffenheit. So gehöre Siegen dem Städte-
                                                                                      bündnis der „sicheren Häfen“ und der Europäischen Städ-

      Engagement zum 30. Mal
                                                                                      tekoalition gegen Rassismus an. Dank Fördergelder aus
                                                                                      dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ konnten 15

      verliehen
                                                                                      Siegener Initiativen mit insgesamt 35.000 Euro unterstützt
                                                                                      werden, führte Mues aus. Zudem stelle die Stadt Siegen
                                                                                      für „integrative Akteure“ seit 2016 auch das „KIQ – Kultu-
      Preis für Interkulturelles Engagement zum 30. Mal verlie-                       rIntegrationQuartier“ im ehemaligen Schulgebäude in der
      hen. Es war ein „runder“ Festakt: Zum 30. Mal richteten                         Koblenzer Straße 90 zur Verfügung.
      der Integrationsrat und die Universitätsstadt Siegen jetzt
      (Freitag, 2. Oktober) die Verleihung des Preises zum                                      „Wir feiern drei Jahrzehnte, in denen sehr viele
      „Interkulturellen Engagement 2020“ aus, die coronabe-                                  eindrucksvolle Projekte vorgestellt werden konnten.
      dingt in diesem Jahr in den Gläsersaal der Siegerlandhalle                             Es gibt in Siegen unglaublich viele aktive Menschen,
      verlegt wurde. „Das ist ein beachtlicher Geburtstag, die                                   die sich in der Integrationsarbeit engagieren“
      Auszeichnung hat auch eine hohe symbolische Bedeu-
      tung“, sagte Bürgermeister Steffen Mues in seinem Gruß-                         Veli Aydin, stellv. Vorsitzender des Integrationsrates,
      wort. Die Feier bildete in diesem Jahr den Abschluss der                        dankte im Anschluss den scheidenden Mitgliedern des
      Interkulturellen Tage in Siegen.                                                Integrationsrates – der sich nach der Wahl in der konstitu-
      Preisträger in diesem Jahr ist Gedi Ali Metan, der gebürtig                     ierenden Sitzung im Dezember neu zusammensetzt – für
      aus Somalia stammt. Seit vielen Jahren kümmert er sich in                       die geleistete Arbeit aus und gratulierte den neu gewähl-
      Siegen um geflüchtete Menschen, dolmetscht bei Behör-                           ten Mitgliedern.
      dengängen und Arztbesuchen, leistet ehrenamtliche Fahr-                         Moderatorin Emetullah Hokkaömeroglu stellte in Form
      dienste, ist Vorsitzender des Somalischen Vereins und                           von kurzen Portraits die in diesem Jahr nominierten Per-
      betreut unter anderem zwei Fußballmannschaften. „Für                            sonen und Organisationen vor: die Gemeinnützige Weiter-
      manche Menschen mag es das Größte sein, beschenkt zu                            bildungsgesellschaft Achenbach, Volker Nöll, der Siegener
      werden. Für Herrn Metan ist es schön, anderen Menschen                          Künstler Thomas Kellner sowie die Veranstaltungsreihe
      zu helfen“, heißt es im Vorschlagsformular für den mit 500                      „Trialog der Religionen“. Die Nominierten erhielten für ihr
      Euro dotierten Preis.                                                           Engagement eine Anerkennungsurkunde der Stadt Siegen.
      „Wir feiern drei Jahrzehnte, in denen sehr viele eindrucks-                     Gedacht ist der „Preis für Interkulturelles Engagement“ als
      volle Projekte vorgestellt werden konnten. Es gibt in Sie-                      Auszeichnung und öffentliche Anerkennung für beispiel-
      gen unglaublich viele aktive Menschen, die sich in der                          hafte Aktionen und Initiativen, die sich für ein friedliches
      Integrationsarbeit engagieren“, betonte Bürgermeister                           Miteinander zwischen ausländischen und deutschen Mit-
      Mues in seinem Rückblick auf 30 Jahre Preisverleihung.                          bürger*innen in der Stadt Siegen engagieren.
      Mues skizzierte das Engagement der Stadt Siegen für Tole- 12                                                   Pressestelle der Stadt Siegen
Thema: Aktuelles

                                                                                                                 Fotos: Kinder– und Jugendtreff Geisweid

          Music against racism                                                 gendtreff Geisweid auf und begeisterte mit tänzerischem
                                                                               Können, Akrobatik und Breakdance.
                                                                               Den Abschluss machte die Rap-Gruppe, ebenfalls aus dem
           Unter dem Titel „Music against Racism“ setzten Kinder               Kinder- und Jugendtreff Geisweid, unter der Leitung des
           und Jugendliche in der städt. Kinder- und Jugendeinrich-            Siegener Rappers Benson. Mit selbstgeschriebenen Tex-
           tung Geisweid, mit musikalischen und tänzerischen Auf-              ten, die sich kritisch mit dem Thema Rassismus auseinan-
           tritten, erfolgreich ein Zeichen gegen Rassismus. Die Ver-          dersetzen, wusste die Gruppe sehr zu überzeugen und
           anstaltung wurde vom Bereich Kinder- und Jugendförde-               regte gleichzeitig das Publikum zum Nachdenken an. Ben-
           rung der Universitätsstadt Siegen, mit finanzieller Unter-          son sagte bereits zu Beginn des Auftritts, dass es eigent-
           stützung des Bereichs Integration, organisiert und fand             lich traurig sei, dass man zu einem solchen Anlass nach
           am 25.09.2020 auf dem Außengelände des Kinder- und                  wie vor zusammenkommen muss, da Rassismus eigentlich
           Jugendtreffs in Geisweid statt. Ursprünglich sollte die Ver-        längst überwunden sein sollte. Dass dem jedoch nicht so
           anstaltung bereits im März dieses Jahres, im Rahmen der             ist, brachte ein Mitglied der Rap-Gruppe in einem bewe-
           Internationalen Wochen gegen Rassismus, stattfinden.                genden Statement zum Ausdruck, an dessen Ende sie zu-
           Wie viele andere Veranstaltungen auch, musste sie jedoch            sammenfasste: „Rassismus gibt es seit vielen Jahren über-
           aufgrund der Corona-Pandemie im März ausfallen. Umso                all auf der ganzen Welt. Das Problem ist viel größer als die
           mehr freuten sich alle Beteiligten, dass die Veranstaltung          meisten von uns es sich vorstellen können. Wir sind alle
           nun, unter Berücksichtigung der Corona-Regelungen, doch             Menschen und gemeinsam können wir gegen Rassismus
           durchgeführt werden konnte. Insbesondere deshalb, weil              vorgehen.“ Wie man ein Zeichen gegen Rassismus setzen
           das Thema allen Beteiligten sehr am Herzen liegt. Schließ-          kann, haben die Kinder und Jugendlichen im September in
           lich werden leider nach wie vor viele Menschen in ihrem             Geisweid eindrucksvoll bewiesen.
           Alltag Opfer von Rassismus.                                                                                      Lukas Buchner
           Für gute Stimmung sorgte gleich zu Beginn der Veranstal-
           tung die Schulband der Realschule Am Schießberg, unter
           der Leitung von Barbara Holfeld. Den Jugendlichen war
           die Freude über ihren Auftritt nach langer (Corona-)Pause
                                                    deutlich      anzu-
   „Rassismus gibt es seit vielen Jahren
                                                    merken. Mehr-
überall auf der ganzen Welt. Das Problem
                                                    stimmiger Gesang
 ist viel größer als die meisten von uns es         und die gelunge-
    sich vorstellen können. Wir sind alle           ne     Darbietung
  Menschen und gemeinsam können wir                 anspruchsvoller
        gegen Rassismus vorgehen.“                  Rock-Cover-Songs
                                                    sorgte für viel
           Applaus vom Publikum. Im Anschluss trat die von Alexes
           Feelmo betreute Tanzgruppe aus dem Kinder- und Ju-

                                                                          13
GAZETTE - Siegener Magazin zum Thema Migration & Integration                                        Thema: Aktuelles

Was ist eigentlich
Rassismus? Ein Kommentar
von Jasmin Mouissi
Rassismus ist etwas Alltägliches, eine unsere Gesellschaft
durchziehende Struktur, ein Phänomen, das zu jeder Zeit
und weltweit existiert und funktioniert. Schwarze Men-
schen und People of Color machen jeden Tag Rassismus-
erfahrungen in Deutschland. Das Spektrum dabei reicht
von subtilen, mitunter schwer zu enttarnenden, Erlebnis-
sen bis hin zu offen, verbalen und physischen Angriffen.
Rassismus wirkt überall, in allen Strukturen, allen Instituti-
onen, allen Bereichen unserer Gesellschaft: an der Kasse
im Supermarkt, im Kreise der Familie, im Klassenzimmer,
beim Besuch von Kinderärzt*innen, im Rathaus, beim Kon-
takt mit der Polizei, am Arbeitsplatz… Rassismuserfahrun-
gen sind demnach keine Ausnahmeerscheinungen oder
Einzelfälle, sondern für viele Menschen in Deutschland
fester Bestandteil des Alltags, ein ständiger Begleiter, der
immer und immer wieder äußerst negative Erfahrungen
hinterlässt. Erfahrungen, die Menschen Fremdheit im ei-
genen Land zuschreiben, Erfahrungen die Menschen klar-
machen, dass sie hier nicht dazu-, nicht hingehören, dass
sie keine Deutschen sein können.

Etablierte Rassismusforscher*innen verorten den Beginn
von Rassismus in der Zeit der Aufklärung als Erfindung von
weißen Menschen. Die Zeitepoche, in der Freiheit, Gleich-
heit und Brüderlichkeit gepredigt und die allgemeinen
Menschenrechte deklariert wurden, aber gleichzeitig das
Zeitalter der Kolonialisierung Afrikas durch weiße christli-
                                                                                                                     Jasmin Mouissi
che Menschen. Die Erfindung von Menschenrassen bildete
die Legitimationsgrundlage für diese paradoxen Handlun-
gen. Das bedeutete, dass Nicht-Weißen Menschen das                    bei Rassismus oft an Gewalttäter*innen, an Nazis, an Ex-
Menschsein abgesprochen wurde. Durch diese Ent-                       tremismus. Hanau ist eines dieser erschütternden, extre-
menschlichung wurde legitimiert, dass Millionen von Afri-             men Beispiele und zeigt, dass rassistische und rechtsradi-
kaner*innen jahrhundertelang durch weiße Europä-                      kale Ideologien offen gezeigt werden und zu fatalen Hand-
er*innen auf grausamste, menschenverachtendste und                    lungen führen. Rassismus äußert sich viel zu häufig in die-
menschenunwürdigste Weise behandelt wurden. Sklave-                   ser sehr gefährlichen Form, dennoch umfasst er noch viele
rei und Kolonialisierung waren ein wesentlicher den euro-             andere Dimensionen.
päischen Wohlstand sichernder Faktor und auch Deutsch-
land hat eine schreckliche koloniale Vergangenheit, die bis           In einem alltagspraktischen Verständnis von Rassismus
heute tiefe Spuren hinterlassen hat. Natürlich handelt es             wird häufig davon ausgegangen, Rassismus bestünde nur
sich bei all den damals aufgestellten Rassentheorien um               in bestimmten gesellschaftlichen Schichten, habe etwas
eine Pseudowissenschaft. Außer dem Homo sapiens gibt                  mit der Intelligenz und dem Aussehen bzw. Kleidungsstil
es keine Menschenrassen! Aber bis in die Gegenwart hin-               von Menschen zu tun, beträfe nur die neuen Bundeslän-
ein hat dieses Gedankengut eine immense Wirkmacht.                    der oder ländlichere Regionen und rassistisches Verhalten
                                                                      müsse bewusst und mit dem Ziel das Gegenüber zu verlet-
Wir alle wurden in eine Welt hineingeboren, in der Rassis-            zen passieren. Dabei handelt es sich jedoch schlichtweg
mus in unseren Denkmustern, unserer Sprache, unseren                  um ein völlig falsches Rassismusverständnis, welches dazu
Bildern, unserem Wissen steckt. Dennoch – oder gerade                 führt, dass das Sprechen über Rassismus auf Abwehr und
deswegen – gibt es nur wenige Situationen, die eindeutig              vehementen Widerstand stoßen kann.
als rassistisch gekennzeichnet werden. Menschen denken
                                                                 14
Thema: Aktuelles

Wenn wir verstehen wollen, was Rassismus ist, wie er             nommen zu werden."
jede*n von uns betrifft und wie tief er tatsächlich in der       Quelle: Jamie Schearer, Hadija Haruna, Initiative Schwar-
Gesellschaft verankert ist, ist es hilfreich über rassistische   ze Menschen in Deutschland (ISD), Über Schwarze Men-
Sozialisation zu sprechen. Also über das eigene rassisti-        schen in Deutschland berichten, Blogbeitrag, 2013,
sche Wissen und Gedankengut, welches wir von Kindheit            http://isdonline.de/uber -schwarze-menschen -
an erlernt und verinnerlicht haben. Wir alle lernen von          indeutschland-berichten
Tag eins an, die Welt und die Menschen aus einer be-
stimmten Perspektive zu sehen, durch eine bestimmte,             People of Color / Menschen of Color ist "eine internatio-
unsichtbare Brille zu betrachten. Weil Rassismus also mit        nale Selbstbezeichnung von/für Menschen mit Rassis-
allen Menschen etwas zu tun hat, ist es wichtig, dass sich       muserfahrungen. Der Begriff markiert eine politische ge-
ganz viele Menschen mit diesem Thema auseinanderset-             sellschaftliche Position und versteht sich als emanzipato-
zen und nicht nur jene, die sich beispielsweise klar rechts      risch und solidarisch. Er positioniert sich gegen Spaltungs-
positionieren.                                                   versuche durch Rassismus und Kulturalisierung sowie
                                                                 gegen diskriminierende Fremdbezeichnungen durch die
Aus diesem Blickwinkel heraus denke, schreibe, forsche           weiße Mehrheitsgesellschaft."
und spreche ich in meiner Tätigkeit im rassismuskritischen
und diskriminierungssensiblen Bildungsbereich. Als For-          Quelle: Amadeu-Antonio-Stiftung, Glossar: Antisemitis-
scherin im wissenschaftlichen Kontext. Im Rahmen meiner          mus- und rassismuskritische Jugendarbeit, 2014,
Arbeit als Empowerment-Trainerin, in der ich sichere Räu-        www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/juan-
me des Austausches und der Vernetzung für Menschen,              faecher.pdf, S. 15
die durch Rassifizierung unterdrückt werden, schaffe. Räu-
me, in denen rassismuserfahrene Menschen als handeln-            "Weiß" und "Weißsein" bezeichnen ebenso wie
de Subjekte sichtbar gemacht und gehört werden, Unter-           "Schwarzsein" keine biologische Eigenschaft und keine
stützung bei der Entwicklung einer starken Identität erhal-      reelle Hautfarbe, sondern eine politische und soziale Kon-
ten und Ressourcen für Widerstand und Selbstbehaup-              struktion. Mit Weißsein ist die dominante und privilegier-
tung entdecken. Aber auch bei der Durchführung von Ver-          te Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus
anstaltungen für Menschen, die selbst keine Rassismuser-         gemeint, die sonst zumeist unausgesprochen und unbe-
fahrungen machen können. Wenn weiße Menschen sich                nannt bleibt. Weißsein umfasst ein unbewusstes Selbst-
wirklich auf den Weg begeben wollen und sich kritisch mit        und Identitätskonzept, das weiße Menschen in ihrer
Rassismus, Diskriminierung, Machtstrukturen, ihrer gesell-       Selbstsicht und ihrem Verhalten prägt und sie an einen
schaftlichen Positionierung und eigenen Privilegien ausei-       privilegierten Platz in der Gesellschaft verweist, was z.B.
nandersetzen wollen, müssen sie den Fokus auf sich selbst        den Zugang zu Ressourcen betrifft. Eine kritische Reflexi-
richten und den Fragen nachgehen, was Rassismus eigent-          on von Weißsein besteht in der Umkehrung der Blickrich-
lich mit ihrem Leben zu tun hat, wie Rassismus ihr Leben         tung auf diejenigen Strukturen und Subjekte, die Rassis-
geprägt hat, wie er ihr Denken, Sprechen und Handeln             mus verursachen und davon profitieren, und etablierte
beeinflusst und wie ein verantwortungsvoller Umgang mit          sich in den 1980er Jahren als Paradigmenwechsel in der
Privilegien aussehen kann. Ich begleite die Menschen auf         englischsprachigen Rassismusforschung. Anstoß hierfür
diesem Weg, versuche deren Perspektiven zu erweitern             waren die politischen Kämpfe und die Kritik von People of
und bereichern, um somit einen kritischen Lernprozess            Color.
anzustoßen.
                                                                 Quelle:
                                            Jasmin Mouissi       Wer anderen einen Brunnen gräbt … Rassismuskritik //
                         E-Mail: jasmin.mouissi@gmail.com        Empowerment // Globaler Kontext, Glossar, Blogbeitrag,
                                                                 https://weranderneinenbrunnengraebt.wordpress.com/

Begriffe                                                         glossar/

                                                                 Die genannten Begriffe sowie weitere Definitionen sind
                                                                 auf der Seite www.amnesty.de/2017/3/1/glossar-fuer-
Schwarze Menschen ist eine Selbstbezeichnung und be-             diskriminierungssensible-sprache zu finden
schreibt eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche
Position. "Schwarz wird großgeschrieben, um zu verdeutli-
chen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster
handelt und keine reelle 'Eigenschaft', die auf die Farbe
der Haut zurückzuführen ist. So bedeutet Schwarz-Sein in
diesem Kontext nicht, einer tatsächlichen oder angenom-
menen 'ethnischen Gruppe' zugeordnet zu werden, son-
dern ist auch mit der gemeinsamen Rassismuserfahrung
verbunden, auf eine bestimmte Art und Weise wahrge- 15
GAZETTE - Siegener Magazin zum Thema Migration & Integration                                   Thema: Aktuelles

                                                                   Allein im Jahr 2019 wurden drei Filme mit dem Thema
                                                                   Rassismus für den besten Film des Jahres für den Oscar
Für ein Selbststudium -                                            nominiert: der bereits genannte „BlacKkKlansman“,
                                                                   „Black Panther“ (2018) und der Sieger „Green Book —
für winterliche Nächte                                             Eine     besondere      Freundschaft“     (2018).    Auch
                                                                   „Moonlight“ (2016) bekam 2017 den Oscar. Neben den
Als im Frühsommer 2020 die Welt einer gewalttätigen und            beiden letztgenannten Filmen schildern auch die Serie
mörderischen Machtausübung eines US-Polizistens an                 „Pose“ (seit 2018) und die Dokumentation „Disclosure
Georg Floyd zusah, ging noch einmal der Satz Black Lives           Hollywoods Bild von Transgender“ (2020) Zusammenhän-
Matter um die Welt. Menschen, Medien, jeder, der diese             ge zwischen Rassismus und dem Gender-Diskurs.
Tat mitbekam, reagierte. Man protestierte, äußerte sich,           „Dear White People“ (seit 2017) ist ebenfalls sehr emp-
schrieb darüber. Im Nachhinein stellten unterschiedliche           fehlenswert. Die Serie stellt das Leben Schwarzer Studie-
Medienkanäle Film– und Literaturlisten zusammen, um                render an einer fiktiven Universität in den USA dar und
mit diesen Medien Informationen über das Thema Rassis-             thematisiert das Geschehen aus verschiedenen Perspekti-
mus zugänglich zu machen.                                          ven.
Rassismus und Diskriminierung sind nicht von der Welt zu           Auch über die Geschichte Schwarzer Frauen ist in einigen
schaffen, so auch erst einmal nicht die Corona-Pandemie.           Filmen vieles herauszufinden: „The Help“ (2011), „Hidden
So können wir diese Zeit nutzen und uns an langen Win-             Figures“(2016), „Self Made“ (2019).
terabenden, in unseren behaglichen Häusern, gemütlich              Immer mehr Filme und Serien erscheinen in den letzten
auf die Couch lümmeln und Filme schauen oder Bücher                Jahren auf privaten Streaming Kanälen rund um das The-
lesen. Die Liste dieser Angebote ist sehr lang: in vielen          ma Rassismus.
fiktionalen und nichtfiktionalen Filmen, Serien und Bü-            Übrigens, wie in „Spider Man a new universe“ (2018) be-
chern setzt man sich intensiv mit diesem Thema auseinan-           kommt dieses Jahr - zum erstes Mal in der Geschichte -
der. Hier geben wir einen kurzen Überblick über die vielen         der Zeichentrickfilm „Lucky Luke“ einen Schwarzen
Angebote.                                                          Hauptdarsteller.
Erste Beispiele sind aus den 1960er Jahren zu nennen. Die          Von den Bürgerrechtsbewegungen der 1960er Jahren bis
Spielfilme „Wer die Nachtigall stört“ (1962) (auch als             zu Beyoncés und Michelle Obamas mächtiger Präsenz in
Buch erhältlich), „In der Hitze der Nacht“ (1967) und „Rat         den Dokumentarfilmen „Homecoming“ (2019) und
mal, wer zum Essen kommt“ (1967) thematisierten das                „Becoming – Meine Geschichte“ (2020), zeigen diese Fil-
Leben der Schwarzen Menschen im Süden der USA oder                 me und Serien nur eine kleine Facette, des sehr breiten
der dortigen Lebensweisen der unterschiedlichen Schich-            Spektrums von Rassismus: seiner
ten.                                                               Wurzeln, seines Grunges, seiner            #Black Lives Matter
In den 1980er Jahren kam dank Spike Lee das New Black              Strukturen und seiner Nuancen.
Cinema auf die Filmbühne. In seinen Spiel- und Dokumen-            In Europa, inklusiv Deutschland, hat Rassismus ein ande-
tarfilmen, u.a. „Malcolm X“ (1992), „4 Little Girls“, (1997),      res Gesicht als in den USA. In solche Gesichter ‚blicken‘,
„BlacKkKlansman“ (2018), zeigt er die Perspektive afro-            kann man in dem französischen Film „Die Wütenden - Les
amerikanischer Mitbürger*innen. In diesen Filmen wer-              Misérables“ (2019), im deutschen Film „Aus dem
den die Bürgerrechtsbewegung aus den 1960er Jahren in              Nichts“ (2017) oder in „Angst essen Seelen auf“ (1974).
den USA thematisiert, wie auch die Verbrechen des
rechtsextremistischen und rassistischen Ku-Klux-Klans              Es gibt zudem ausreichend Lesestoff auf Deutsch in Sa-
gegenüber den Schwarzen Menschen.                                  chen Rassismus. Hier nur paar Beispiele, die ein Muss
Auch Ava DuVernay prägt das US-amerikanische Kino mit              sind: „Exit Racism“ (Tupoka Ogette), „Deutschland
starker antirassistischer Stimme. Sie verfilmte 2014               Schwarz-Weiß“ (Noah Sow), „Was weiße Menschen nicht
„Selma“ - den Aufstand und Kampf von Martin L. King für            über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ (Alice
die Gleichberechtigung , wofür ihm sein Leben genommen             Hasters), „Gegen den Hass“ (Carolin Emcke), „Farbe be-
wurde. 2016 folgte der Dokumentarfilm „Der 13“, in dem             kennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Ge-
sie rassistische Strukturen des US-amerikanischen Rechts-          schichte“ (bei Orlanda Frauenverlag), „Warum ich nicht
systems aufdeckt. Der Dokumentarfilm zeigt die Geschich-           länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ (Reni Eddo-
te rechtlicher Legitimation von der Unterdrückung der              Lodge), „Eure Heimat ist unser Albtraum“ (bei Ullstein
Schwarzen Menschen, trotz der Abschaffung der Sklave-              fünf), „Schwarzsein in einer rassistischen Welt“ (Ijeoma
rei. In der Miniserie „When they see us“ (2019) erzählt sie        Oluo), ebenfalls die Bücher von Chimamanda Ngozi Adi-
über den Vorfall aus dem Jahr 1989 im Central Park, New-           che, David Mayonga, Mo Asumang, Toni Morisson und
York, wo eine 28-jährige Joggerin vergewaltig wurde. Bis           und und…
Anfang der 2000er Jahren waren fünf junge Schwarze                 Einige der hier genannten Titeln sind in der Mediathek
Männer inhaftiert, die zu Unrecht beschuldigt wurden. Bei          gegen Rassismus und Diskriminierung erhältlich.
der Inhaftierung waren sie zwischen 14 und 16 Jahre alt.           Weitere Informationen unter: https://www.mediathek-
Die Serie zeigt einen rassistischen Spalt im System, sowohl        siegen.de/
in der Polizei als auch in der Justiz.                        16                                                         lm
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