HORCYNUS ORCA STEFANO D'ARRIGO - Was für ein Werk! Was für ein Roman! - Ein Jahrhundertbuch! - S. Fischer Verlage

Die Seite wird erstellt Hannelore Christ
 
WEITER LESEN
HORCYNUS ORCA STEFANO D'ARRIGO - Was für ein Werk! Was für ein Roman! - Ein Jahrhundertbuch! - S. Fischer Verlage
Horcynus Orca – Bollettino für Stefano D’Arrigo – No. 1 – S. Fischer

                        Was für ein Werk!
                      Was für ein Roman! –
                      Ein Jahrhundertbuch!

                   STEFANO D’A RRIGO
                        und sein
                   HORCYNUS
                     ORCA

H    orcynus Orca von Stefano D’Arrigo
     ist ein Roman des Meeres, von
einer langen und beschwerlichen Heim-
                                           Werke des 20. Jahrhunderts ist ein neu-
                                           er Name hinzuzufügen, eine neue To-
                                           pographie auch, beide haben bislang
kehr auch, und als solcher steht er als    darauf gefehlt. Der Name des Autors:
gleichwertige Fortschreibung aus der       Stefano D’Arrigo. Die Topographie sei-
Moderne neben den Klassikern der           nes Werkes: Kalabrien und Sizilien, die
Meeresliteratur, etwa des Moby Dick; or,   gegeneinander stehenden Meere in der
The Whale von Herman Melville, aber        Straße von Messina, das Tyrrhenische
auch in der Reihe der bedeutenden Ro-      und das Ionische Meer, zwischen Skylla
manwerke des 20. Jahrhunderts, dem         und Charybdis.
Ulysses und Finnegan’s Wake von James         Der Autor Stefano D’Arrigo hat mit
Joyce, der Recherche du temps perdu von    seinem Roman Horcynus Orca der Le-
Marcel Proust, mit Robert Musils Mann      serschaft ein Meisterwerk geschenkt, das
ohne Eigenschaften, Hermann Brochs         wir Ihnen, verehrte Leserin, geehrter Le-
Tod des Vergil u. a.                       ser, mit diesem Bollettino zu Leben und
   Auf der deutschsprachigen literari-     Werk des Autors und zu seinem Roman
schen Landkarte der großen epischen        vorstellen.
HORCYNUS ORCA STEFANO D'ARRIGO - Was für ein Werk! Was für ein Roman! - Ein Jahrhundertbuch! - S. Fischer Verlage
Dass die deutsche Übersetzung die                                          schichte und laden Sie zudem ein, durch
erste ist, in der dieser Roman außerhalb                                      kurze Leseproben den Gout des Werks,
Italiens in einer Übersetzung erscheint,                                      die Atmosphäre, die Landschaften zwi-
verdankt sich der glücklichen Tatsache,                                       schen Skylla und Charybdis und deren
dass der Übersetzer ein leidenschaftli-                                       Menschen, die Feminotinnen, Strand-
cher Kenner der italienischen Literatur                                       vagabunden, Pellisquadre und Kriegs-
ist und sich seit über dreißig Jahren                                         heimkehrer kennenzulernen.
mit ebendiesem Werk und seiner an-                                               Die Publikation des Romans im Feb-
spruchsvollen Lexik und Sprachartistik                                        ruar 2015, vierzig Jahre nach seinem Er-
befasst hat: Moshe Kahn.                                                      scheinen in Italien, ist ein Buch aus dem
   Wir stellen Ihnen im Rahmen dreier                                         S. Fischer Verlag, das ich Ihrer beson-
Bollettinos, bis kurz vor dem Erscheinen                                      deren Aufmerksamkeit mit Nachdruck
des Romans selbst, den Autor vor, das                                         empfehle.
Werk, dessen Genese und Rezeptionsge-                                                 Der Herausgeber, Egon Ammann

                                           © Maria Samminiatelli-Odescalchi

  2
HORCYNUS ORCA STEFANO D'ARRIGO - Was für ein Werk! Was für ein Roman! - Ein Jahrhundertbuch! - S. Fischer Verlage
Wer war
                   STEFANO D’A RRIGO ?

F   ortunato Stefano D’Arrigo wurde
    am 15. Oktober 1919 im heutigen
Alì Terme (damals Alì Marina), einer
                                              ßem epischem Atem beschäftigen. Im
                                              gleichen Jahr betreut er die Herausgabe
                                              eines Ausstellungskatalogs für seinen
kleinen Küstenstadt in der Provinz Mes-       Malerfreund Giovanni Omiccioli. In der
sina, geboren. In Milazzo besuchte er         Einleitung zu diesem Katalog findet sich
die Grundschule und das altsprachli-          nicht nur eine detailgenaue Darstellung
che Gymnasium. 1938 begann er seine           des harten Lebens der Fischer von Scilla,
Studien an der Universität von Messi-         dem antiken Skylla – echten ›Odyssi-
na und schloss diese mit einer Arbeit         den‹ (denn sie sind möglicherweise die
über Friedrich Hölderlin ab. Während          Nachkommen der Gefährten des home-
der Studienjahre wurde er zum Militär-        rischen Helden, die sich ins Wasser ge-
dienst eingezogen und leistete während        worfen haben, um dem Gesang der Sire-
des Zweiten Weltkriegs bis zur Landung        nen zu folgen) –, die dem Schwertfisch
der Alliierten auf Sizilien als Leutnant      unermüdlich nachsetzen und den Hun-
seinen Dienst in Palermo. 1946 über-          ger stillen wie eine »furchterregende
siedelte er nach Rom und arbeitete als        Reise der Erkenntnis«, eine Darstellung,
Kunstkritiker für verschiedene Zeitun-        die, aus der Nähe betrachtet, die künf-
gen und Zeitschriften. 1948 heiratete er      tigen ›Pellisquadre‹ (benannt nach ihrer
Jutta Bruto, wie er von der Ausbildung        von Salz und Sonne gehärteten Haut)
her Literaturwissenschaftlerin, die ihm       von Cariddi, dem antiken Charybdis,
bis zu seinem Tod 1992 zur Seite stand        abbildet, sondern auch den berühmten
und seine aufmerksame und kritische           Pentameter in nuce enthält, mit dem der
Gesprächspartnerin gewesen ist. Nicht         Horcynus Orca fünfundzwanzig Jahre
umsonst widmete er sein unvergleichli-        später abschließt: »begrenztes, doch ver-
ches Epos seiner Ehefrau, mit den Wor-        zweifeltes, weit ausgreifendes tägliches
ten: »Für Jutta, die es verdienen würde,      Abenteuer dieser Fischer, die gebeugt
auf der Titelseite zu stehen, mit ihrem       und gedankenverloren in einer strengen,
Stefano«.                                     nie sich ändernden Bewegung, in einem
   Das Jahr 1950 ist ein Jahr von beson-      immer wiederholten Versuch, das Boot
derer Bedeutung. Mit Freunden unter-          hinein, tiefer hinein zu rudern, wo das
nimmt er eine Reise an die Meerenge von       Meer Meer ist.«
Messina, und von dort kündigt er seiner          Etwa ab der Mitte der fünfziger Jahre
Frau Jutta in einem Brief an, er wolle sich   widmet sich D’Arrigo ausschließlich sei-
mit einem literarischen Werk von gro-         nem literarischen Schaffen. Er veröffent-

                                                                                  3
HORCYNUS ORCA STEFANO D'ARRIGO - Was für ein Werk! Was für ein Roman! - Ein Jahrhundertbuch! - S. Fischer Verlage
licht einen Lyrik-Band, Codice siciliano      mit der Überarbeitung des bisher Ge-
[Sizilianischer Kodex], der 1957 im Ver-      schriebenen. Im folgenden Jahr erschei-
lag Scheiwiller in Mailand veröffentlicht     nen zwei Kapitel in der dritten Nummer
wird (1978 wird dieser Band um eine           der Zeitschrift Menabò unter dem Titel
Vielzahl von Gedichten erweitert, in der      »I giorni della fera« [Tage der Fere].
Lyrik-Reihe ›Lo Specchio‹ des Verlags             Dennoch war D’Arrigo über die
Mondadori, Mailand, neu aufgelegt). Im        Veröffentlichung nicht glücklich: Vit-
darauffolgenden Jahr 1958 erhält er für       torini und Calvino wollten dem Text
seine Gedichte den Literaturpreis von         ein Glossar anfügen, das dem mit dem
Crotone. In der Jury sitzen u.a. Giuseppe     Sizilianischen nicht vertrauten Leser
Ungaretti und Carlo Emilio Gadda. Ne-         die Bedeutung einer Vielzahl dialek-
ben den Gedichten entsteht das schon          taler Ausdrücke verdeutlichen sollte.
vor langem konzipierte Werk ›von gro-         D’Arrigo dagegen war der Meinung, die
ßem epischem Atem‹, dem D’Arrigo den          von ihm in einer ganz bestimmten Wei-
Titel »La testa del delfino« [Der Kopf        se bearbeiteten und eingesetzten Aus-
des Delphins] gibt. Er schreibt die 600       drücke würden sich aus sich selbst und
Seiten in einem Wurf zwischen 1956            aus dem Zusammenhang erklären, und
und 1957. Dieses Werk ist die Urfassung       lehnte es ab, dieses Glossar zu erstellen,
des Romans, der später, nach zahllosen        denn er wollte nicht als ein Schriftstel-
Überarbeitungen und Ergänzungen, die          ler angesehen werden, der den Dialekt
sich an die zwanzig Jahre hinziehen, als      beliebig und oberflächlich verwendet.
Horcynus Orca erscheinen wird.                Die Episoden sind dann doch mit einem
   Im Verlauf des Jahres 1958 unterzieht      Glossar erschienen. D’Arrigo hat immer
D’Arrigo den Text von La testa del delfino    vermutet, dass sein Freund, der aus Sizi-
einer ersten Überarbeitung und schickt        lien stammende Maler Renato Guttuso,
zwei Episoden von insgesamt 100 Seiten        dieses Glossar für Vittorini und Calvino
an die Jury des Literaturpreises Cino del     erarbeitet hat.
Duca. Der Preis wird ihm zugesprochen,            Nach dieser Veröffentlichung im Me-
und dieses Ereignis verändert D’Arrigos       nabò erreichen D’Arrigo Angebote der
Leben, denn unter den Juroren ist Elio        Verlage Einaudi, Garzanti und Feltrinel-
Vittorini, der von diesem work in pro-        li, was für einen nahezu unbekannten
gress begeistert ist und D’Arrigo bittet,     Schriftsteller, der seine erste erzähleri-
diese Seiten in seiner Literaturzeitschrift   sche Arbeit vorgelegt hatte, ein unglaub-
Menabò veröffentlichen zu dürfen, die         licher Vorgang war. Er überarbeitet das
er gemeinsam mit Italo Calvino heraus-        Manuskript noch einmal, das er dem
gibt; der Verleger Arnoldo Mondadori          Verlag Mondadori laut Vertrag inner-
bietet ihm einen Vertrag für die Veröf-       halb kurzer Zeit in der endgültigen Fas-
fentlichung des gesamten Manuskripts          sung vorlegen soll. Der vorläufige Titel
an und setzt D’Arrigo gleichzeitig ein        lautet jetzt »I fatti della fera« [Geschich-
festes Monatsgehalt für die Dauer der         ten um die Fere], und das ›endgültige‹
Fertigstellung der Fassung aus. D’Arrigo      Manuskript von 1305 Seiten geht im
nimmt beide Angebote an und beginnt           September 1961 endlich an den Verleger.

   4
HORCYNUS ORCA STEFANO D'ARRIGO - Was für ein Werk! Was für ein Roman! - Ein Jahrhundertbuch! - S. Fischer Verlage
© Gabinetto G. P. Vieusseux, Firenze

                                       Für Stefano D’Arrigo – in der Gewissheit – es Meisterwerk zu nennen –
                                       in Zuneigung – Arnoldo Mondadori – 6. Oktober 1971
                                       (Aufgenommen in D’Arrigos Wohnung in Rom, Via dell’Assietta 4)

                                                                                                               5
HORCYNUS ORCA STEFANO D'ARRIGO - Was für ein Werk! Was für ein Roman! - Ein Jahrhundertbuch! - S. Fischer Verlage
© Gabinetto G. P. Vieusseux, Firenze
   Alles scheint schnell voranzugehen,         Und aus den versprochenen vier-
denn bald darauf schickt der Verlag         zehn Tagen für die Korrektur der Fah-
D’Arrigo die Fahnen zu, die er, entspre-    nen werden annähernd vierzehn Jahre.
chend den vertraglichen Vereinbarun-        Die Arbeit ist mühselig und kostet ihn
gen, innerhalb eines Monats korrigiert      die Gesundheit, die körperliche ganz
zurücksenden soll. D’Arrigo ist absolut     sicher, aber auch irgendwie die geistige.
sicher, dass er es schafft, und lehnt die   In einem Brief an seinen Freund Zipel-
Mithilfe der Verlagslektoren ab. Er ver-    li gegen Ende des Jahres 1966 schreibt
spricht, die Fahnen in spätestens zwei      D’Arrigo: »… mein Verstand … viel-
Wochen korrigiert zurückzuschicken.         leicht wird er nie mehr wieder Verstand
   Unterdessen erscheint D’Arrigo in        sein … ich möchte nur, dass er noch
personam 1961 in Pier Paolo Pasolinis       durchhält … gerade so lange, um Ord-
Film-Erstling Accatone als Schauspieler     nung in die letzten Seiten meines Bu-
in einer kleinen Nebenrolle, derjenigen     ches zu bringen und es abzuschließen,
des Staatsanwalts.                          abzuschließen …« Noch 1972 schreibt

   6
Italo Calvino am 15. Juni in einem Brief     D’Arrigo stellt sich Folgendes vor: Eine
an Anna Scriboni über den »mythi-            Gruppe von Medizinern macht bei der
schen Stefano D’Arrigo, der seit Jahren      Einrichtung eines Museums für die Pla-
einen Roman zu Ende bringt, über den         centa die Entdeckung, dass die geneti-
man wie von einem italienischen Joyce        sche Struktur des Menschen Mörderele-
spricht, und doch kennt man von ihm          mente enthält, zum Beweis dafür, dass
nur die Seiten, die in Menabò 3 veröf-       der Tod aufs engste mit dem Leben bis
fentlicht wurden, und seitdem ist er der     in seine letzten und frühesten Veräste-
›Fall‹, der die italienische Literatur den   lungen hinein verbunden ist. In diesem
Atem anhalten lässt.«                        Sinn verhält Cima delle nobildonne sich
   Als der Roman endlich 1975 er-            thematisch spiegelbildlich zum Horcy-
scheint, ist die Kritik durchwegs enthu-     nus Orca, denn während der große Ro-
siastisch. Das Werk steht ganze elf Jahre    man Keime des Lebens im Triumph des
auf der Liste der fünfzig meistverkauf-      Todes findet, ist es jetzt der Keim des
ten belletristischen Bücher der Turiner      Todes, den man in der lebenspendenden
Tageszeitung La Stampa. Gleichwohl           Placenta findet.
fährt D’Arrigo bis zu seinem Tod 1992           Für die Festspiele im griechisch-
mit dem Feinschliff an diesem Werk           römischen Theater von Taormina stellt
fort und bringt weitere, wenn auch nur       D’Arrigo 1989 eine Bühnenfassung des
geringfügige Änderungen an. Die kriti-       Horcynus Orca her, die in der Inszenie-
sche Ausgabe von 2003, die Vorlage für       rung von Roberto Guicciardini mit gro-
die hier vorgelegte Übersetzung, darf als    ßem Erfolg vorgestellt wird.
die ›Fassung letzter Hand‹ betrachtet           Und noch einmal denkt er, trotz
werden.                                      seines bedenklichen Gesundheitszu-
   1985 veröffentlicht D’Arrigo, wieder      standes, an ein neues, großangelegtes
im Verlag Mondadori, seinen zweiten          literarisches Werk. In dem Brief vom
und letzten Roman, Cima delle nobil-         30. September 1991 an seinen Freund
donne [Die höchste der edlen Frauen],        Zipelli schreibt er, er beschäftige sich
ein Werk, das völlig anders ist als sein     mit dem Gedanken an »ein Werk, das
Vorgänger, nicht nur wegen der leichter      dem Horcynus Orca gleichkommt und
zugänglichen Sprache, auch wenn sie          doch verschieden« sei, auch wenn ihm
›hoch‹ und mitunter ›fachsprachlich‹ ist,    bewusst sei, nicht noch einmal zwanzig
was mit dem Thema zu tun hat, sondern        Jahre vor sich zu haben, wie er sie für
auch wegen seines reduzierten Umfangs        den ersten Roman brauchte, noch auch
von knapp 200 Seiten. Sein Ausgangs-         »jene Vitalität, jene Gesundheit«, die
punkt ist die ikonographische Verknüp-       dieser Roman gefordert und für immer
fung der Pharaonin Hatschepsut (deren        in sich aufgenommen habe.
Name ebendas bedeutet: Die höchste           Am 2. Mai 1992 stirbt Stefano D’Arrigo
der edlen Frauen) mit der Placenta.          im Schlaf in seiner Wohnung in Rom.

                                                                                 7
MOSHE KAHN
                          der Übersetzer
1942 in Deutschland geboren; Emigra-
tion mit den Eltern in die Schweiz.
   Studium der Altorientalistik, Philo-
sophie und Rabbinischen Theologie in
Deutschland, Italien und Israel; Promo-
tion in Altorientalistik.
   Regieassistent an der Deutschen Oper
am Rhein, Düsseldorf; Übersiedlung
nach Rom; Regieassistent für Oper und
Schauspiel, u. a. bei Luchino Visconti,

                                                                                      © privat
Giuseppe Patroni Griffi, Mauro Bologni-
ni, Dimitris Rondiris.
   Universitätslektor in Rom und Cata-    von Romanen, Essays, Lyrik und Hör-
nia für Hebräisch und Deutsch; Ende       spielen aus dem Italienischen, Engli-
der sechziger Jahre Beginn der über-      schen/Amerikanischen, Französischen
setzerischen Tätigkeit: ausgewählte Ge-   tätig. Autoren: Andrea Camilleri, Luigi
dichte von Paul Celan ins Italienische    Malerba, Primo Levi, P. P. Pasolini, Ro-
(1976, A. Mondadori, Mailand).            berto Calasso, Beppe Fenoglio, Dacia
   Gründung einer eigenen Dokumen-        Maraini, Marcy Kahan, Israel Horovitz,
tar-Filmproduktion in New York und        Paul Steinberg, Martin Page u. a.
Rom, mit Victor von Hagen – Doku-            Gilt als einer der bedeutendsten Über-
mentarfilme über literarische, archäo-    setzer, ein Ruf, den er sich als ›Bezwin-
logische und historische Themen der       ger‹ unübersetzbarer Werke, namentlich
antiken Welt.                             aus dem Italienischen, erworben hat.
   Seit 1987 überwiegend als Übersetzer   Lebt heute in Berlin.

  8
Zum Roman

D     ie Geschichte spielt an fünf Tagen,
      vom 4. bis zum 8. Oktober 1943.
Die Alliierten sind kurz zuvor auf Sizi-
                                             befahren die See – endlich doch dort
                                             ankommt, muss er erkennen, dass der
                                             Krieg alle Menschen tiefgreifend verän-
lien gelandet, unaufhaltsam setzen sie       dert hat, die er bei seiner Einberufung
sich auf der Insel fest, während letz-       zurückgelassen hatte, auch seinen Vater
te Einheiten der Wehrmacht sich aufs         und seine engsten Freunde. Es herrscht
Festland zurückziehen. Die Hauptfigur        Resignation, Misstrauen und Trauer,
des Romans ist der Oberbootsmann             über allem aber kreist die ungewis-
’Ndrja (die sizilianische Form für den       se Frage, wie es weitergehen soll, ohne
italienischen Männernamen ›Andrea‹)          Boote, die für die Fischer lebenswichtig
Cambrìa, der seine Einheit im Hafen          sind, die Arbeit und Brot versprechen.
von Neapel verlässt, da die italienischen       Urplötzlich erscheint an der Küste
Kriegsschiffe, die dort noch vertäut sind,   von Cariddi eine durch eine schwere
weder Treibstoff noch Munition oder          Verletzung lädierte Orca, ein urweltli-
Kampfaufträge haben, die italienische        ches Meeresmonstrum von gigantischen
Kriegsmarine hat aufgehört zu exis-          Ausmaßen, das von den Küstenbewoh-
tieren. So macht sich der Seemann            nern als morte marina bezeichnet wird.
ohne Schiff als Deserteur zu Fuß auf         Diese Orca ist für sie gleichbedeutend
den Weg nach Hause, stets südwärts           mit dem Tod, denn wo sie auftaucht und
durch das gesamte Kalabrien, um sein         durchkommt, bleibt nichts zurück als
Dorf Cariddi (Charybdis) auf der sizi-       Verwüstung. Ein langes Sterben dieses
lianischen Seite der Straße von Messina      Urtiers beginnt an ihrer Küste, während
zu erreichen.                                die Fischer auf dessen Tod warten, um
   Als er nach vielen abenteuerlichen        sein Fleisch, das sie vorher nie ihrer Be-
Begegnungen mit sonderbarsten Men-           achtung wert gefunden haben, verkau-
schen, mit den selbstbewusst starken         fen zu können. Mit dem Sterben und
Feminotinnen aus dem südlichsten             dem Tod des Tiers wird deutlich, wie
Kalabrien, mit Strandvagabunden und          sehr die einst stolzen Fischer durch die
heimstrebenden anderen Deserteuren,          Kriegswirren verkommen sind.
und überwundenen Prüfungen – es gibt            Die Briten sind selbst in diesen
keine italienischen Schiffe mehr, auch       schwierigen Zeiten sportbeseelt, und so
die Fischer haben ihre Boote verloren,       wird von ihnen ein Ruderwettkampf auf
die auf der Straße von Messina ver-          offenem Meer ausgelobt, bei dem ’Ndrja
kehren, nur noch alliierte Kriegsschiffe     im Fall eines Sieges eine Geldsumme

                                                                                  9
gewinnen und mit der er den Bau eines      zoologische Bezeichnung des Mör-
neuen Fischerboots in Auftrag geben        derwals, der hier als Metapher für den
könnte, um damit seine Existenz und        Tod erscheint. Der Roman behandelt in
die seiner engsten Freunde zu sichern.     fünfzig zusammenhängenden episoden-
Er nimmt die Herausforderung an, be-       haften Erzählungen das uralte homeri-
reitet sich auf den Wettbewerb vor, und    sche Thema der Heimkehr, weshalb man
während einer Übungsfahrt tötet ihn        den Horcynus Orca neben dem Ulys-
eine verirrte Kugel aus einem Gewehr,      ses von James Joyce auch als eine mo-
das von einem britischen Kreuzer abge-     derne ›Odyssee‹ bezeichnet hat. Doch
feuert worden ist.                         im Gegensatz zu Homer, der nach der
   Die Geschichte von ’Ndrjas Rückkehr     Heimkehr seines Helden die Ordnung
spielt sich als moderne Gestaltung einer   wiederhergestellt sieht, ist im Horcynus
Vielzahl antiker Mythen ab, deren Folie    Orca mit dem Tod des Protagonisten das
für den mit diesen Mythen Vertrauten       Ende offen, eine Wiederherstellung der
im Hintergrund immer wieder durch-         alten Ordnung, was in der Antike mög-
scheint.                                   lich war, ist in der Moderne nicht mehr
   Namengebend für den Roman ist die       erreichbar.

  10
Textbeispiele aus dem Buch

  1. Beginn (Seite 11 und 12)                ersten sich quälenden Schlangen aus
                                             Abwässern und Abfällen, riesigen Mu-
                                             ränen ähnlich, die er, mit seinem Ken-

D     ie Sonne ging auf seiner Reise vier-
      mal unter, und am Ende des vierten
Tags, welcher der vierte Oktober neun-
                                             nerblick, an der unterschiedlichen Fär-
                                             bung ausmachte, wie von bemoostem
                                             Stein, eiskalt und schauerlich. Das war
zehnhundertdreiundvierzig war, er-           mithin, nachdem die Inseln vor seinem
reichte der Matrose ’Ndrja Cambrìa,          Blick hinter dem Kap von Milazzo ver-
einfacher Oberbootsmann der ehemali-         schwunden waren und Stromboli, Vul-
ge Königlichen Marine, den Landstrich        cano und Lipari, die er nun zum ersten
der Feminoten an den Meeren zwischen         Mal aus der Ferne und vom Land aus
Skylla und Charybdis.                        sah, nachdem er sie immer nur von der
   Es dämmerte zusehends, und ein            Palamitara aus gesehen hatte, wenn er
leichter Wind hauchte vom Meer, dessen       den Golfo dell’Aria hinaufgerudert war,
Gegenströmung eingesetzt hatte, auf das      in der Sonne zu dampfen schienen wie
niedrige Vorgebirge. Den ganzen Tag          Gerippe von Walen, die bei windstiller
über hatte das Meer sich zur großen          See erlegt worden waren.
gleichmäßigen Stille weiter geglättet,          Während er nun zur äußersten Spit-
unter einem Schirokko, der ohne die ge-      ze des feminotischen Vorgebirgs ging,
ringste Veränderung seit dem Aufbruch        wechselte der Himmel vor ihm über
von Neapel angedauert hatte: aus Ost,        der Meerenge von purpurner Glut zu
aus West und Ost, gestern, heute und         teer-durchsprenkeltem Nebeldunst. Als
morgen, dazu das mattmatte Wogen der         er vor dem Meer stand und man wegen
grauen, der silbernen oder der ehernen       einiger perlmuttener Lichtzuckungen
Welle, die sich wiederholte, soweit das      in der Luft noch deutlich sehen konnte,
Auge reichte.                                brach die mondlose Nacht unvermit-
   Erst seit ein paar Stunden hatte die      telt herein, mit jenem jähen und wind-
Hitze, wiewohl der Schirokko unverän-        schnellen Wechsel von Licht zu Dunkel,
dert geblieben war und sogar die Was-        mit dem die Neumondnächte auch im
serfläche erwärmt hatte, unmerklich          hellsten Sommer herabfallen. Rauchige
begonnen, ihr löwenmähniges Haupt            Wolkenschwaden hatten, als wälzten sie
zu schütteln. Das war eben, als die Ge-      sich von den Höhen des Aspromonte
genströmung wieder eingesetzt hat-           und des Antinnamare herunter, die of-
te, verschlungen und giftend bei den         fene Durchfahrt zwischen den beiden

                                                                              11
Meeresufern in ein einziges schwarzes       um zu wenden. Die Piloten aus England.
Gebrodel getaucht und eingeebnet.           Diese Schwuljungs. Sie nutzten diesen-
   Etwas auf Sizilien drüben, das wegen     Augenblick aus. Ihre Bomben versenk-
seiner violetten, vom Wasser widerge-       ten sie in den Schornsteinen. Mit eige-
spiegelten Färbung wie ein großer Bou-      ner Hand. Und rauchten eine Zigarette.
gainvilleastrauch über der Grenzlinie       Sanfte, friedvolle Kaiks. Als Panzerschif-
der beiden Meere zu hängen schien,          fe betrachtet. Focu, focu. Die schönen
glänzte für den Bruchteil einer Sekun-      Fährboote verdampften in Meeren aus
de mitten aus den Nebelschwaden auf,        Gischt. Mit Warenzügen und Reisezü-
dann erlosch es, und ihm folgte, ganz       gen. Umgestürzt auf den Gleisen. Mit
kurz nur, ein steinweißer Glanz, und        so viel schöner Ware auf Wagen und in
genau in dem Augenblick, als es wieder      den Waggons. Mit so viel Reichtum in
im Dunst verschwand, erkannte er den        Koffern, an Hälsen. Mit Kleidern, Juwe-
korallenen Sporn, der von ihrem Mee-        len und Geld. Mit kleinen und mit gro-
resufer herüberbugte, ziemlich genau in     ßen Leuten. Festlandsmenschen. Schutz
der Mitte, wie um sie aufzuteilen in Tyr-   suchten sie und schlitterten rein. Einige
rhenisches Meer hüben und Jonisches         retteten sich, einige nicht. Das Fährboot,
Meer drüben.                                nie rettete es sich. Nicht eines nicht ei-
                                            nes nicht eines rettete sich. Uns in den
                                            Arsch gingen sie, diese Engländer, diese
   2. Fast eine Totenklage, über die        Amerikaner. Sie seiften uns den Arsch
gesunkenen Fährschiffe (Seite 55 ff.)       ein. Aber wollen wir ihnen die Schuld
                                            geben, jetzt? Mussten sie uns erst ins
                                            Gesicht schauen? Die schauten nach Ka-
»… kostbar, sie …«                          nonen aus und nach Maschinengeweh-

E    ine Stimme hatte noch nicht aufge-
     hört, zu sprechen, schon setzte eine
andere ein, das Ohr hatte weder Zeit, sie
                                            ren. Kanonen und Maschinengewehre
                                            standen sichtbar auf den Fährbooten.
                                            Das da kann niemals ein Fährboot sein,
auseinanderzuhören, noch, die Pausen-       mussten sie sich justament sagen. Das ist
pünktchen zwischen der einen und der        ein umgebautes Schlachtschiff. Nieder-
anderen zu setzen. Eigentlich hätte diese   trächtig, ruchlos jene, die es umrüste-
Wehklage eine einzige im Namen und          ten zur Schlacht. Pirdeu, pirdeu, mit
im Sinne aller wie ihre eigene hinaus-      Kanonen und Maschinengewehren. Die
rufen können, und dem Wahrnehmen            Fähren im Krieg. Allesamt eingesalzen
nach wirkte es auch nur wie eine einzige,   mit unserem Salz. Mit der Aspromon-
die sie hinausrief, alleinstimmig:          te. Oh, ihr gewaltig Gehörnten. Mit der
   »Oh, Freundinnen, wie ins Meer sie       Aspromonte, dachten sie, könnten sie
glitten. Vor diesen unseren Augen. Im-      Malta erobern. Focu, focu, sie bauten
mer, wenns zum Hafen hinausging.            Feuerwehrleitern ein. So klettern sie
Hinternhecks. Sich bugwärts wendend.        auf die Felsen von Malta. Was brauchte
Pickerkaiks, nicht Schiffe. Mattmußig,      es schon, Malta einzunehmen? Die As-
geschäftig. Spille und Wille brauchte es,   promonte und Feuerwehrleitern. Jener

  12
© Gabinetto G. P. Vieusseux, Firenze

                                       Heutige Fähre auf der Straße von Messina, betrieben von der Schifffahrtsgesellschaft
                                       ›Caronte‹ (Charon) Ferryboats

                                       Küchenkaik, auf dem wirs uns bequem          lich. Ganz Gewohnheit und Freiheit un-
                                       machten. Mit Salz, Orangen, Korneln          serer Feminotinnen. Auf dem Schwar-
                                       und Liparoten. Jener schlichte Riesen-       zen Meer verlor sich das Konto meiner
                                       kaik löste all ihre Probleme. Mit Feu-       Regeln. Jawohl, auf diesem Fährschiff,
                                       erwehrleitern und Feuerwehrleuten.           auf der Aspromonte, in einer Ecke der
                                       Sie hatten die Lösung gefunden. Sie er-      Latrine im Innersten hielt ich ein Krei-
                                       oberten Malta. Sie gewannen den Krieg.       destück und markierte meine Fällig-
                                       Diese Abartigen. Diese Bombenwerfer.         keiten. Ich bewahrte das Konto meiner
                                       Diese Geifernden. Sie verloren Panzer-       Tage auf der Fähre Skylla auf: ja, wirk-
                                       schiffe, Kreuzer, Zerstörer. So dachten      lich, in der Latrine der Heizer. Ich mar-
                                       sie uns die Fähren zu nehmen. Sie nah-       kierte meine Regeln, bis sie zu Ende gin-
                                       men unsere Aspromonte aufs Korn. Sie         gen, stets auf der Reggio. Altes Fährboot
                                       schickten sie dann nicht mehr nach Mal-      und alte Feminotin. Ich dagegen ver-
                                       ta. Viel zu leicht war Malta für sie. Für    traute mich meines ganz eignen Kalküls
                                       sie, das mächtige Panzerschiff. Hierher,     wegen lieber dem Fährboot Charybdis
                                       einen Schritt weit entfernt, schickten sie   an, diesem hocheleganten, diesem verlo-
                                       die gepanzerte Aspromonte? Ach, woher        ckenden. Und auch ich, zusammen mit
                                       denn, Malta, ach Malta. Schwarzes Meer,      Rosa, verkehrte in der Latrine der ersten
                                       Schwarzes Meer. Dort konnte sie wun-         und zweiten auf der Charybdello, Risiko
                                       derbar sinken. Und dort versank sie. Ein     oder nicht, entweder versorgte ich mich
                                       schwarzer Sarg war für die Aspromon-         da oder nirgends. Auch ich, zusammen
                                       te das Schwarze Meer. Was sollte sie im      mit Rosa und Paola, fand mein Gere-
                                       Schwarzen Meer denn schon laden? Die         geltes und mein Gepflegtes auf dieser
                                       Hörner etwa, die im Lauf des Krieges         blankglänzenden Kleinen. Auf ihr folgte
                                       verloren gegangen? Focu focu focu. Wo        ich meinen Tagen und auf ihr toilettier-
                                       unser Riesengigant hinfuhr, um auf den       te ich mich. Heh, wer erlitt denn keine
                                       Grund zu sinken. Dienstbar. Bequem-          Qualen um ihr Siluettchen? Waren wir

                                                                                                                       13
denn nicht alle hier wie Verlobte? Und       ser Fährfrachter uns übers Meer, übers
doch wars eine verdammt unbequeme            Meer setzte. Ihn uns aus dem Leben
Minjone. Eine Brücke auf einer Mist-         zu reißen. So jugendjung. So schön. Er
barke. Man saß eng an eng, Ellbogen an       nahm unsere Monate mit sich. Unsere
Ellbogen auf ihr. Und der Schiffsbauch?      Fälligkeitsberechnungen. Und wie ver-
Da passte mit aller Knappheit just ein       stand ers, sich zu schmücken auch noch
Triebwagen rein. Zwei Stücke Schienen.       im Sterben. Wie war er geistreich auch
Just für das kleine Luxuszüglein. Keine      noch im Lebewohl. Wie beduftete er
Waggons oder Wagen für uns. Keine            sich mit dem letzten Gedanken. Er be-
Trittbretter und keine Aborte, um uns        schloss, sich zu reinigen. Vom Rauch der
einzuschließen und heimlich an Bord          Schornsteine. Vom Schwarzrauch der
zu gelangen. Wir mussten in Sichtweite       Züge. Vom Ammoniak der Latrinen. Er
derer von der Quästur und von der Fi-        löste sich auf in einem großen Geist der
nanz sein. Man riskierte den Tagesver-       Orangen von Paternò und von Lentini.
dienst. Man riskierte die Freiheit. Völlig   Er hatte nur diesen Güterzug, der drin-
anders als diese Riesen von Aspromonte       nen zusammengefaltet war. Er setzte
und Mongibello, ums nur mal zu sa-           keine Küstenzugwaggons über, an dem
gen. Vor allem die mächtigen Höhlen,         Tag. Die Reisenden nach Rom setzten
alle wunderbar durchtunnelt. Angefüllt       im Zug nach Villa über. Dort stand der
mit dunklen Bauschungen, Verstecken.         Schnellzug, der war von Reggio gekom-
Doch der Charybdello, der brachte un-        men. Der Charybdello war ein einziger
ser Blut in Wallung. Seine Fehler, über      Orangenhain. Dichtdicht verstaut. Diese
die gingen wir hinweg. So sind wir ge-       Güterzüge aus drei Waggons. Aus vier
macht, wir feminotischen Frauen. Wir         Waggons. Aus fünf Waggons. Aus sechs
vergucken uns in einen Verschwender          Waggons. Aus Waggons und Aberwag-
ohne Sinn und Verstand. In einen mit         gons. Voll mit Tonnen und Abertonnen
dem Pfeifen im Mund. Der Nelke hin-          von Portoghallern, Orangen. Blutoran-
term Ohr. Und der schiefsitzenden            gen, Portoghalloni sanguigni, eine um
Schiebermütze. Einen, der Spiegel ver-       die andere handverlesen. Ähnlich aus-
braucht, um sich das Lippenbärtchen          sehende Orangen, nie vorher haben un-
glattzustreichen. Einen Schwerarbeiter       sere Augen solche gesehen. Und werden
im Bett. Macht er aber von der Figur her     sie nachher nie wieder sehen. Orangen,
auch eine gute Figur? Sitzt der Schwung      Portoghaller, bestimmt für Menschen
oberhalb der Hüften? Schwingts da? Der       im Norden. So reich, dass sie sich den
ists, den wir suchen. Focu focu. Was         Luxus eines Baums in Sizilien und der
sind wir für niedliche Äser. Einer bringt    Frucht auf dem Tisch im Norden leis-
unser Blut in Wallung? Geben wir doch        ten können. Und diese Orangen hat er,
unser Blut für ihn hin. Und das Fährboot     der Fährfrachter Charybdello … Als
Charybdello brachte unser Blut in Wal-       die Bomben ihn zerfetzten und er in die
lung. Wir nahmen ihn zur Überfahrt. Er       Tiefe sank, was tat er da? Er spielte mit
verzauberte uns wie Schulmädchen. Es         dem Aufsprudeln. Er befleißigte sich am
herrschte Freude allgemein, wenn die-        Heck und am Bug. Er sank und stieg

  14
wieder hoch. Er leerte die Waggons,         Gott nannten sie den Charybdello. Und
und die Portoghaller schwammen oben.        war er denn keiner? Verdiente ers nicht?
Was für ein Anblick war das! Oh, Cha-       Er verdiente es, französischer Gott ge-
rybdello, wenns eine Gerechtigkeit gäbe,    nannt zu werden. Denn wie ein franzö-
hättest du Augen haben müssen, ums zu       sischer Gott wurde er schwanzwütig im
sehen. In all der Zerstörung des Krie-      äußersten Fall. Wider sein Unglück. Wi-
ges. Du hast unsere Augen erfreut mit       der das unsere. Unser Unglück. Unglück
dem Anblick eines orangenen Meeres.         der Feminotinnen. Wer war auf dieser
Unter so viel Gestank von Tieren und        letzten Fahrt des Charybdello? Wer hat-
Christenmenschen, der uns den Magen         te dieses unvergleichliche Glück? Ich
umstülpte. Du hast die Luft über der ge-    war da. Ich hatte das unvergleichliche
samten Straße von Sizilien mit Düften       Glück. Und ich. Und ich. Und ich. Die
erfüllt. Atmete man sie, kräuselte sich     Leute stiegen schon in die Boote, und
die Nase. Sie gab uns Erquickung. Über      wir immer noch da. Einige standen,
Tage und Nächte blieb das Meer verpor-      einige gingen herum. Stumm, stumm.
toghallt. Ein grünliches Meer unten, ein    Eingesalzen. Mit der Hand am Mund
in Gold getauchtes oben. Ein Meer von       gingen wir dahin und sahen uns um.
Orangenhainen. Und die Orangen wur-         Brücke, Treppen, Schiffsbauch, Salonre-
den von der Strömung hier und auch          staurant, Bar, Küchenequipage, Maschi-
da zerfleddert. Sie überschwemmten          nenraum, gar noch die Steuerradkabine.
jonische Strände und Küsten, und auch       Unsere Blicke kommentarierten. Passt
tyrrhenische. Die niederen Leute taten      auf, es sinkt auf den Grund. Passt auf,
sich gütlich, statt der oberen. Das hung-   wir verlieren uns. Wie muss unser Herz
rige Kleinvolk im Elend. Nicht wissend,     sein, wenn wirs verlassen? Dann rief je-
woher sie kamen. Sie nahmen sie in die      ner Zweite Offizier aus Paradiso zu uns
Hand. Sie betrachteten sie. Sie glaubten    herüber. Was macht ihr da, ihr wacke-
nicht an ihre Echtheit. Und als sie dann    ren Frauen? Wollt ihr mit dem Fähr-
in die Schale bissen. Und diese bitter      boot versinken anstelle des Kapitäns? Er
schmeckte nach Salz. Da sagten sie: Gott    kannte uns von alters her, der Paradisot.
sandte uns dieses bittere Manna. Einen      Er kannte uns im Innersten nahezu alle.

                                                                               15
Primo Levi zum Horcynus Orca

… Dann triffst du auf den Horcynus Orca, und alles ist anders, alles löst sich in Wohl-
gefallen auf: Es ist ein überschäumendes, ein kraftstrotzendes Buch, grausam, ins
Mark treffend, bombastisch; es breitet eine Geste, eine Bewegung über zehn Seiten
aus, oft muss es wie etwas Archaisches genau betrachtet und entschlüsselt werden,
und doch mag ich es, ich werde nicht müde, es wieder und wieder zu lesen, und jedes
Mal ist es neu …
                                                     aus: La ricerca delle radici. 1981

                                  Stefano D’Arrigo
                                   Horcynus Orca
                                       Roman
                      Aus dem Italienischen von Moshe Kahn
                              ca. 1.472 Seiten, Leinen
                             ISBN 978-3-10-015337-1
                            ca. € (D) 58,00 · € (A) 59,70
                            Auch als E-Book erhältlich
                           Lieferbar ab 19. Februar 2015

                                 S. Fischer Verlag
                                Hedderichstraße 114
                              D-60596 Frankfurt a. M.
                               www.fischerverlage.de
Sie können auch lesen