Ferdinand Keller, Miriam Rassenhofer, Björn Nolting, Selma Koppmair & Renate Schepker
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Effektivität der Kurzinterventionen in
Traumaambulanzen
Ferdinand Keller, Miriam Rassenhofer,
Björn Nolting, Selma Koppmair &
Renate Schepker
Psychotherapeut
ISSN 0935-6185
Volume 66
Number 1
Psychotherapeut (2021) 66:54-61
DOI 10.1007/s00278-020-00469-z
1 23Your article is published under the Creative Commons Attribution license which allows users to read, copy, distribute and make derivative works, as long as the author of the original work is cited. You may self- archive this article on your own website, an institutional repository or funder’s repository and make it publicly available immediately. 1 23
Psychotherapeut
Originalien
Psychotherapeut 2021 · 66:54–61 Ferdinand Keller1 · Miriam Rassenhofer1 · Björn Nolting2 · Selma Koppmair1 ·
https://doi.org/10.1007/s00278-020-00469-z Renate Schepker3
Angenommen: 5. Oktober 2020 1
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm, Ulm, Deutschland
Online publiziert: 20. November 2020 2
© Der/die Autor(en) 2020 Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Klinikum Esslingen, Esslingen, Deutschland
3
ZfP Südwürttemberg, Ravensburg, Deutschland
Effektivität der
Kurzinterventionen in
Traumaambulanzen
Evaluation in Baden-Württemberg unter
Einbezug der Versorgungsbehörden
Das Sozialgesetzbuch XIV führt Trau- tes Angebot (in evidenzbasierten Ver- zogen. Einzig Franke et al. (2019) haben
maambulanzen (TA) ab dem Jahr fahren ausgebildete Psychotherapeuten Daten von Versorgungsbehörden anhand
2021 flächendeckend ein. In Ko- auch mit gutachterlicher Erfahrung, So- von – allerdings bereits anerkannten –
operation von Institutsambulanz zialarbeiter) und die Bereitschaft zu auf- OEG-Fällen nach Aktenlage untersucht.
und Versorgungsbehörde sollen suchenden Tätigkeiten (wie Begleitung Sie fanden als Prädiktoren für eine fort-
TA mit schneller psychotraumato- zur Gerichtsverhandlung, polizeilicher währende Berufstätigkeit einen niedri-
logischer Hilfe die Traumaverar- Vernehmung sowie auch Hausbesuche) gen Grad der Schädigungsfolgen (GdS,
beitung fördern und Grundlagen vor. eine geringere Schädigung anzeigend).
zur Bearbeitung des Opferentschä- Das Stellen eines Antrags gemäß dem Bei einem höheren GdS und einem hö-
digungsantrags generieren, um Opferentschädigungsgesetz (OEG) war heren Traumaschweregrad seien Anträ-
den Gesundungsprozess ohne be- Voraussetzung für die Teilnahme an der ge später gestellt worden: Die gefunde-
hördliche Retraumatisierung zu Studie und das Erhalten der garantierten ne durchschnittliche Dauer von 7 Jahren
stützen. Sitzungen. Die ersten 5 Sitzungen in der zwischen Gewalttat und Antragstellung
TA dienten der Sachverhaltsaufklärung wurde als zu lang befunden. Die gefunde-
Einführung und waren u. a. Grundlage der Versor- ne Häufigkeit von 90 % psychischer Stö-
gungsämter für die Beurteilung der psy- rungen spreche für das Etablieren spezi-
Die in vielen Bundesländern etablierten chischen Einschränkungen der Antrag- eller Therapieangebote.
TA bewährten sich gemäß einer Prä- steller. Bei Bedarf konnte die Behand-
post-Evaluation in Nordrhein-Westfa- lung über 10 zusätzliche Sitzungen fort- Methoden
len (Bollmann et al. 2012) und auch geführt werden, auch um für die Umset-
in einer bundesweiten Evaluation mit zung der Hilfe bei weitergehendem Be- Die untersuchten TA Aalen, Esslingen,
parallelisiertem Kontrollgruppendesign handlungsbedarf zu sorgen. Traumaam- Offenburg, Reutlingen und Schwetzin-
(Rassenhofer et al. 2016). Die „niedrig- bulanzen sollten somit letztlich den Be- gen hatten sich jeweils als Modellam-
schwellige Intervention durch trauma- hörden und den Betroffenen aufwendige bulanz beworben. Diese verfügen über
tologisch spezialisierte Mitarbeiter einer Begutachtungen ersparen. Ziel war, im traumatologisch ausgebildete Ärzte und
Traumaambulanz . . . ist der Behand- Rahmen des landesbezogenen Auftrags psychologische Psychotherapeuten – je-
lung im Rahmen der Regelversorgung unter Einbezug der Sicht der Betroffe- weils in traumafokussierter kognitiv-
überlegen“ (Amtliche Begründung zum nen und der Behörden die Effektivität der behavioraler Therapie (TF-CBT), Eye
Entwurf eines Gesetzes zur Regelung Frühintervention hinsichtlich der Entak- Movement Desensitization Reproces-
des sozialen Entschädigungsrechts, BT- tualisierung, des Symptomverlaufs, der sing (EMDR) oder in psychodynamisch-
Drucksache 19/13824, S. 185). Grund- Zufriedenheit mit der Kooperation und imaginativer Traumatherapie (PITT).
lage der Arbeit einer TA ist ein Vertrag des Vermeidens weiterer Begutachtun- Oft liegen mehrere Methodenkompe-
mit der Versorgungsbehörde. Die Ver- gen zu evaluieren. tenzen vor. Prospektiv wurden alle die
träge sehen eine stetige Erreichbarkeit, Dadurch wurde erstmalig die Sicht der Ambulanz aufsuchenden Betroffenen
schnelle Terminvergabe, ein qualifizier- beteiligten Versorgungsbehörden einbe- angesprochen, die eine Gewalttat ge-
54 Psychotherapeut 1 · 2021mäß §1 des OEG erlitten hatten und psychosozialen Funktionsfähigkeit auf somit 122 Patienten, darunter 99 Frau-
die Einschlusskriterien (hinreichende einer Skala von 0–100 darstellt. Zu- en (81,1 %) und 23 Männer (18,9 %). Das
Deutschkenntnisse, OEG-Antrag ge- dem erstellten die Therapeuten nach Durchschnittsalter betrug 36,6 Jahre (SD
stellt, Einverständnis erteilt) erfüllten. der fünften bzw. der letzten Sitzung ± 13,6 Jahre, Altersbereich: 17 bis 94 Jah-
Die jeweiligen Therapeuten gingen, wie einen standardisierten Kurzbericht an re), im Median 33 Jahre (bei 5 [4,1 %]
jüngst empfohlen, individuumzentriert die Versorgungsbehörde und die Stu- fehlenden Altersangaben).
vor (Qi et al. 2016). Sie füllten mit dienzentrale mit (Verdachts-)Diagnose, Zum Zeitpunkt T2 (nach 5. oder letz-
Zustimmung der Teilnehmer nach der Behandlungsverlauf und Ausblick. ter Sitzung) standen Angaben von 90 Pa-
ersten Sitzung einen standardisierten Die Katamnese 6 Monate nach Thera- tienten (73,7 %) zur Verfügung. Die Ka-
Erhebungsbogen aus. Die Daten wur- pieende wurde in der letzten Therapiesit- tamnese konnte noch bei 32 Patienten
den der Versorgungsbehörde sowie mit zung vereinbart und die Patienten zum (26,2 %) erhoben werden, wobei aber zu
fortlaufender Chiffre anonymisiert der entsprechenden Zeitpunkt alternativ te- beiden Zeitpunkten keine vollständigen
Studienzentrale übermittelt. lefonisch oder schriftlich kontaktiert. Im Angaben in der GAF und insbesonde-
Methodisch handelt es sich um ein Interview (n = 32) durch den behandeln- re bei der PDS mehr vorhanden waren,
prospektives Prä-post-Design mit Ka- den Therapeuten wurden Angaben zur sodass der jeweils gültige Stichproben-
tamnese. Eine Kontrollgruppe war aus Befindlichkeit und zur Lebenssituation umfang bei den Auswertungen vermerkt
ethischen Gründen im Rahmen dieser erhoben und frei dokumentiert sowie er- ist.
Studie nicht angestrebt. Das Design lehnt neut PDS und GAF vorgelegt. Die qua- Um einen möglichen systematischen
sich an die Arbeit von Rassenhofer et al. litativen Angaben wurden in der For- Drop-out in der Stichprobe einschätzen
(2016) an; dort sind die verwendeten schungsgruppe in einfacher Operationa- zu können, wurden die 3 Teilnahmegrup-
Instrumente in ihrer Reliabilität und lisierung hinsichtlich wichtiger Kriterien pen (nur prä; prä und post; prä, post und
Validität beschrieben. wie weiterer Therapieverlauf, Berufstä- Katamnese) hinsichtlich Geschlecht, Al-
Zu Beginn der Intervention wurden tigkeit, Stabilisierungs- und Belastungs- ter, Zeitraum zwischen Tat und Vorstel-
durch den behandelnden Therapeuten faktoren kategorisiert. Bei Nichtüberein- lung, Art der Tat, Traumatyp und Schwe-
soziodemografische Daten, Traumaart stimmung wurde konsensorientiert ent- regrad (GAF zum ersten Zeitpunkt) ver-
(qualitativ analog zum Vorgehen der schieden. glichen. Bei keiner dieser Variablen zeigte
Versorgungsbehörden nach den Katego- Die Versorgungsbehörden übermit- sich ein signifikanter Unterschied, wes-
rien des Strafgesetzbuchs [StGB], ähnlich telten in einem standardisierten Erhe- halb von einer weitgehenden Vergleich-
Franke et al. 2019), Traumatyp (einmalig: bungsbogen Angaben zu endgültigem barkeit der 3 Gruppen ausgegangen wer-
Typ 1 oder sequenziell wiederholend: Bescheid, anerkannten Schädigungen den kann.
Typ 2 nach Terr 1991), Tatgeschehen und GdS, Gutachtenaufträgen (medizi-
sowie Zeitpunkt und Dauer der Trau- nisch oder psychiatrisch) und Zufrieden- Traumavorgeschichte
maerfahrung erfasst. heit mit der Zusammenarbeit (z. B. „Die
Die Teilnehmenden füllten in der Informationen seitens der TA waren für Von den Betroffenen benannten 36,1 %
ersten und der fünften Sitzung die Post- meine Arbeit an diesem speziellen Fall Körperverletzungen, 30,2 % Sexualdelik-
traumatic Diagnostic Scale (PDS) aus. hilfreich“, zu bewerten mit 1 bis 6 im te (21,0 % Vergewaltigungen), 13,4 % Ver-
Die von Foa et al. (1997) entwickelte PDS Schulnotensystem). letzungen mit Waffen, 7,6 % Übergriffe
ist ein aus 49 Items bestehender Selbst- Zur statistischen Auswertung wurden auf Nahestehende (Schockschaden) und
einschätzungsfragebogen mit Ereignis- mithilfe von IBM SPSS 23 deskriptive 12,6 % Bedrohungen (überwiegend mit
und Symptomteil. Die Symptombelas- Statistiken, χ2-Tests bei kategorialen Va- Waffen). Es gingen 69,3 % der Taten vom
tung wird auf einer 4-stufigen Likert- riablen und Varianzanalysen mit Mess- sozialen Nahfeld aus (38 % Familienan-
Skala erhoben und orientiert sich an wiederholung bei quantitativen Varia- gehörige, 32 % Bekannte). Nur 7 Patien-
den Kriterien des zu Studienbeginn gül- blen berechnet; der α-Fehler wurde auf tinnen (5,8 %) wiesen ein Typ-2-Trauma
tigen DSM-IV, dessen Kriterien einer 0,05 angesetzt. nach Terr (1991) durch wiederholte Er-
posttraumatischen Belastungsstörung eignisse über längere Zeit auf.
auch die Versorgungsbehörden zugrun- Ergebnisse Die TA hatten 25 % der Inanspruch-
de legen (BMAS 2008). Es wurde die nehmenden innerhalb der ersten 9 Tage
deutsche Übersetzung von Ehlers et al. Stichprobe nach dem traumatischen Geschehen
(1996) verwendet. oder dessen Eröffnung (Anzeigeerstat-
Zusätzlich bewerteten die Therapeu- Es wurden 143 Erwachsene mit Hin- tung oder Schockschaden) aufgesucht;
ten zu Beginn und Ende der Therapie weis auf eine erlebte Gewalttat vorstel- 50 % (Median) nach 24 Tagen und 75 %
die „Global Assessment of Functio- lig. Davon lehnten 17 die Studienteilnah- des Gesamtkollektivs innerhalb von
ning“ (GAF) der Betroffenen. Bei der me ab; drei gaben die Fragebogen nicht 78 Tagen. Bei 7 Personen betrug der
GAF handelt es sich um ein weltweit zurück, bei einem Patienten waren die angegebene Abstand mehr als ein Jahr.
eingeführtes Instrument, das mit gu- Deutschkenntnisse nicht ausreichend. In Zuweisungen erfolgten zu 36,2 %
ter Interrater-Reliabilität das Maß der die Auswertung eingeschlossen wurden durch den Weißen Ring, zu 31,0 % durch
Psychotherapeut 1 · 2021 55Zusammenfassung · Abstract
Psychotherapeut 2021 · 66:54–61 https://doi.org/10.1007/s00278-020-00469-z
© Der/die Autor(en) 2020
F. Keller · M. Rassenhofer · B. Nolting · S. Koppmair · R. Schepker
Effektivität der Kurzinterventionen in Traumaambulanzen. Evaluation in Baden-Württemberg unter
Einbezug der Versorgungsbehörden
Zusammenfassung
Hintergrund. Baden-Württemberg hat ab Sitzungen umfassenden Frühinterventionen Schlussfolgerung. Der Zustand der
2014 fünf Modelltraumaambulanzen in hinsichtlich der Reduktion posttraumatischer Teilnehmer hatte sich nach der Kurzin-
Kooperation mit den Versorgungsbehörden Symptomatik und einer Verbesserung tervention zwar überwiegend gebessert,
prospektiv evaluieren lassen. des psychosozialen Funktionsniveaus der die Teilnehmer waren aber noch nicht
Ziel. Sowohl die Effektivität der Kurzinter- Patienten. Im Katamnesezeitraum traten bei gesundet. Eine enge Zusammenarbeit mit der
ventionen als auch die Zufriedenheit der allerdings geringer Ausschöpfung nur geringe Versorgungsbehörde ist unter Überwindung
Versorgungsämter mit der Kooperation sollten Verschlechterungen ein. Als problematisch von Datenschutzproblemen zu empfehlen.
untersucht werden. wurden Wartezeiten auf Anschlusstherapien, Das neue Opferentschädigungsrecht wird
Methode. Innerhalb des Erhebungszeitraums ausstehende Verhandlungen und unabge- helfen, erkannte Probleme der aktuellen
von 2014 bis 2017 konnten insgesamt 122 Pa- schlossene Opferentschädigungsgesetz(OEG)- Situation (z. B. Anerkennung als Gewalttat) zu
tienten eingeschlossen und zu 2 weiteren Verfahren benannt; eine berufliche Inte- verbessern.
Messzeitpunkten (post: n = 90; Katamnese: gration verhalf subjektiv zur Besserung.
n = 32) psychometrisch untersucht werden. Die Versorgungsbehörden waren bis auf Schlüsselwörter
Zur Katamnese fand auch eine qualitative die nichteingetretene Beschleunigung Verbrechensopfer · Frühintervention ·
Erhebung der Befindlichkeit der Teilnehmer der Bearbeitung mit der Kooperation sehr Opferentschädigungsgesetz · Versorgungsbe-
statt. zufrieden. Auch wurden psychiatrische hörden · Kontinuität der Patientenversorgung
Ergebnisse. Es zeigte sich eine gute Gutachten weiterhin in Auftrag gegeben.
Effektivität der im Durchschnitt etwa 5
Effectiveness of short interventions in trauma outpatient centers. An evaluation in Baden-
Württemberg including the victim compensation offices
Abstract
Background. From 2014 onwards Baden- Results. The early trauma-specific intervention Conclusion. A brief intervention can help to
Württemberg commissioned the prospective showed positive effects after an average of stabilize trauma patients but cannot achieve
evaluation of five model trauma outpatient five sessions in terms of reduction of posttrau- complete recovery in five sessions. Ongoing
services in cooperation with the victim matic symptoms and improved psychosocial psychological attendance should be provided
compensation offices. functioning. At follow-up (limited by a high in a continuity of care without long waiting
Objective. The focus of this study was on the drop-out rate) we found only minor declines periods. We recommend close cooperation
effectiveness of a brief intervention and the in posttraumatic symptoms. Participants with the victim compensation offices while
satisfaction of the healthcare authorities with primarily reported long waiting periods for overcoming data protection issues. Some of
the cooperation. the next psychotherapy as well as pending the problems mentioned by patients, such as
Methods. During the study period 2014–2017 court hearings and not finalized procedures the recognition of the traumatic situation as
a total of 122 patients could be included and under the Victim Compensation Act (OEG) as a violent crime, will be overcome by the new
were psychometrically assessed at 2 further major problems. The victim compensation OEG.
measurement points (post n = 90, follow-up offices rated the cooperation as highly
n = 32). During the follow-up a qualitative satisfactory, except for procedures taking too Keywords
evaluation of the mental state and everyday long. Additionally, a psychiatric expertise was Crime victims · Early interventions · Victim
life of the participants was carried out. often still necessary. Compensation Act · Victim compensation
offices · Continuity of patient care
medizinische Professionelle (Hausarzt, 5 Sitzungen (. Tab. 1); bei 31,8 % der Pa- Eine Verlaufsanalyse der GAF zu Be-
Therapeut, Klinik), zu 19,8 % durch die tienten wurden weniger als 5 Sitzungen ginn und am Ende der probatorischen
Polizei, zu 4,3 % durch ein Frauenhaus durchgeführt und bei 9 Patienten weitere Sitzungen (n = 68, 76 % der Ausgangs-
oder pro familia und zu 2,6 % durch Sitzungen. Der Mittelwert betrug insge- stichprobe) ergab eine Verbesserung
Rechtsanwälte; sieben Patienten (6,0 %) samt 5,2 Sitzungen. Es wurden 23 Pati- von M = 47,3 (SD ± 10,4) auf M = 60,5
waren Selbstmelder. enten (25,6 %) am Ende der Sitzungen (SD ± 14,7). Der Anstieg ist signifikant
als stabil eingeschätzt. Eine weitere, län- (F(1, 67) = 71,1, p < 0,001; eta2 = 0,51).
Therapie und Prä-post-Verlauf gerfristige ambulante Behandlung wur- Analog zeigte sich für den Verlauf der
de 22 Patienten (24,4 %) empfohlen und posttraumatischen Symptomatik in der
Über die Hälfte der Patienten (57,6 %) 5 eine intensivere teilstationäre Therapie. PDS (n = 31, 34 % der Ausgangsstich-
erhielten genau die primär genehmigten probe) eine signifikante Verbesserung
56 Psychotherapeut 1 · 2021Tab. 1 Häufigkeiten für die genutzte Zahl Analog zeigt . Abb. 2 für die PDS die ohne Inhaltsangaben und Zwang“, „sehr
der Sitzungen (n = 85, 5 fehlende Angaben) zum jeweiligen Zeitpunkt vorhandenen geholfenhatdie wertneutrale Haltung der
Anzahl der Inanspruchnehmende Daten. Auch hier ergibt sich nach Ver- Therapeuten“. Zwei Patienten beklagten
Sitzungen Anzahl (n) Anteil (%) besserung von prä nach post eine etwa zu wenige Sitzungen. Nur eine Patientin
1 2 2,4 gleiche Symptomatik zum Katamnese- empfand den Besuch der TA als nicht-
2 7 8,2 zeitpunkt, die breiter streut. hilfreich.
3 12 14,1
4 6 7,1
Qualitative Angaben zum Sicht der Versorgungsbehörden
5 49 57,6
Katamnesezeitpunkt
Zu 62 Patienten (87 % Frauen) lag,
10 2 2,4 Die 32 Patienten (26,2 % der Untersu- teils aufgrund der langen Bearbeitungs-
12 1 1,2 chungsgruppe) machten folgende qua- zeiträume verspätet nach Studienende
15 6 7,1 litative Angaben zu ihrem Befinden: eingegangen, eine Rückmeldung durch
Die nach Selbsteinschätzung stabilen die Versorgungsämter vor. Die Zeiträume
Patienten (8) benannten als unterstüt- zwischen dem Stellen des OEG-Antrags
von M = 33,9 (SD ± 7,7) auf M = 24,7 zend Ausbildungs-/Arbeitssituation (7), und dem Bescheid durch die Versor-
(SD ± 13,2) im Prä-post-Vergleich (F(1, Umzug (4), stabile Partnerschaft (4) gungsbehörde (basierend auf n = 54)
30) = 29,5, p < 0,001; eta2 = 0,50). oder gutes soziales Umfeld oder Helfer- lagen für 25 % innerhalb der ersten
system (4) sowie den abgeschlossenen 188 Tage, für insgesamt 50 % innerhalb
Verlaufsanalysen über alle drei Gerichtsprozess (2). Die weiter in Be- von 343 Tagen und für 75 % innerhalb
Zeitpunkte handlung befindlichen Patienten (9) von 509 Tagen.
gaben an, sie seien in beruflicher Wie- Ein OEG-Antrag wurde 43-mal ab-
Die Katamnesegruppe umfasst 32 Perso- dereingliederung (3), im langsamen Wie- gelehnt, davon bei 31 Patienten, weil ei-
nen (26,2 % der Gesamtstichprobe). Wei- deranschluss an das soziale Umfeld (2), ne Gewalttat nach §1 OEG nicht nach-
tere 10 Personen waren unbekannt ver- in einer neuen stabilen Partnerschaft (4) weisbar gewesen sei (50 %), bei 2 Pati-
zogen, 14 lehnten ab, 2 befanden sich oder umgezogen (2), hätten neue Belas- enten wegen nachträglich festgestellter
noch in Behandlung der TA. Zu 52 % tungsfaktoren (2) oder seien belastet im Zuständigkeit der Berufsgenossenschaft
der Gesamtgruppe liegen somit Daten Kontext des Gerichtsverfahrens zu den (BG)/Unfallversicherung und bei 6 Pati-
bzw. Angaben zum Grund des Ausschei- auslösenden Ereignissen (5). Patienten entenaufgrund mangelnderKooperation
dens aus der Studie vor, die übrigen 48 % mit empfohlener, aber keiner aktuellen bei der Sachverhaltsaufklärung; in 4 Fäl-
konnten seitens der TA nicht kontaktiert Therapie (10) waren reduziert arbeitend len sei eine vorübergehende Schädigung
werden. oder in Umschulung (5), arbeitsunfä- mittlerweile abgeheilt. Vier Patienten zo-
Für alle 3 Zeitpunkte (prä, post, Ka- hig (4), erlebten Symptomverschlechte- gen den Antrag von sich aus zurück.
tamnese) lagen von 24 Personen GAF- rung (5) – einmal nach einer nichttrau- Ein GdS wurde in 12 Fällen anerkannt,
Werte vor (75 % der Katamnesegruppe maspezifischen Behandlung. Sie litten an bei 6 Betroffenen (17 % von den 35 ent-
bzw. 20 % der Ausgangsstichprobe). Sie zusätzlichen Belastungen (2) und Verbit- schiedenen Fällen) mit einem rentenbe-
wiesen zu prä und post analoge Mittel- terung (2) infolge des Wartens auf einen rechtigendenGdS von30 oderhöher. Psy-
werte zur jeweiligen Gesamtgruppe auf Therapieplatz (2) oder des noch nicht chiatrische Gutachtenaufträge wurden in
(M = 49,2 bzw. M = 63,2), und zum Ka- abgeschlossenen Gerichtsverfahrens (2). 7 Fällen trotz Besuchs der TA erteilt,
tamnesezeitpunkt ergab sich ein Mittel- Nur 4 Patienten benannten stabilisie- d. h. bei den verbleibenden Fällen mit
wert von 66,4. Die Varianzanalyse ergab rende soziale Faktoren. Ein weiteres positiv vorliegendem Eingangskriterium
ebenso vergleichbare Signifikanzaussa- Leiden unter anhaltenden posttrauma- noch bei 19 %.
gen, sodass insgesamt auf eine deutliche tischen Symptomen gaben 10 Patienten Die Versorgungsbehörde bewertete
Verbesserung derpsychosozialenFunkti- (31 %) an. Die soziale Rehabilitation 59-mal die Zusammenarbeit mit der TA.
onsfähigkeit von prä nach post geschlos- war für 4 zufriedenstellend, teils unter Im Schulnotensystem erhielten die TA
sen werden kann, die zum Katamnese- Aufgabe des früheren sozialen Umfelds, allgemein durchschnittlich ein „Sehr gut
zeitpunkt stabil geblieben ist. Vollständi- wenngleich bei einigen mit weiterbeste- bis Gut“ mit 1,66. Die schlechteste Be-
ge Längsschnittdaten der PDS lagen nur hender Symptomatik. Insgesamt 19 % wertung erhielt das Item eines „schneller
von 6 Personen vor und werden hier nicht fühlten sich durch eine noch anstehende als herkömmlichen Fallabschlusses“ mit
berichtet. Gerichtsverhandlung belastet. 2,4; die beste die Schnelligkeit einer The-
Zur GAF zeigt . Abb. 1 die zum je- Kommentare zur TA besagten: „Die rapie für das Opfer mit 1,3. Insgesamt
weiligen Zeitpunkt vorhandenen Daten. TA war lebensrettend“ oder „überlebens- wurde bis auf 4 „Ausreißer“, davon 2 Fäl-
Nach dem Anstieg von prä nach post zeigt notwendig“ (3) – oder „sehr hilfreich“ (4) le auch mit somatischen Folgeschäden,
sich ein etwa gleicher Median zum Ka- „vor allem das Erlernen von Selbstberu- die Zusammenarbeit als qualitativ gut,
tamnesezeitpunkt, bei aber zunehmen- higung“ (3), „unmittelbar nach der Tat hilfreich in der Fallführung und sinnvoll
der Streuung. hat sie mir sehr geholfen, trauern dürfen bewertet.
Psychotherapeut 1 · 2021 57Originalien
Abb. 1 8 VerteilungderWerte derGlobal Assessment ofFunctioning(GAF)zu Therapiebeginn(prä,n = 108),zu Therapieende
(post, n = 73) und zum Katamnesezeitpunkt (n =31) als Box- und Whisker-Plots (die Boxen zeigen 25 %- und 75 %-Grenzen,
die „whiskers“ 10 % bzw. 90 %)
Diskussion nach regelhaft gewährtem Antrag weiter- gestellten Stichprobe zu 50 % innerhalb
behandelt werden. Die katamnestischen von 24 Tagen. Anhand der eigenen Da-
Interpretation der Studienergeb- Angaben belegen, dass sich ein knappes ten kann keine Aussage dazu getroffen
nisse und Literaturvergleich Drittel der Katamnesegruppe trotz The- werden, innerhalb welches Zeitabstands
rapieempfehlung nicht in Behandlung zu Trauma oder Eröffnung eine schnelle
Die vorliegende Untersuchung hatte die befand. Insgesamt gaben 31 % der Ka- Hilfe bessere Effekte zeigt, und auch
Evaluation der Modell-TA in Baden- tamnesegruppe trotz Frühintervention Qi et al. (2016) zeigen sich in ihrer
Württemberg zum Ziel. Vor der Dis- anhaltende posttraumatische Sympto- Übersicht hinsichtlich der Frühzeitig-
kussion der Ergebnisse ist zu erwähnen, me an, und 19 % fühlten sich durch keit skeptisch. Nach Qi et al. (2016) kann
dass, wie häufig in naturalistischen Stu- eine anstehende Gerichtsverhandlung vor allem CBT, vorzugsweise nach se-
dien, ein Datenverlust auftrat, der zwi- besonders belastet. Hier wäre sinnvoll, xuellen Übergriffen, die Symptomdauer
schen Beginn und vorläufigem Abschluss die Konsequenz einer niederschwellig für Monate und Jahre reduzieren, sollte
der Behandlung vertretbar (Drop-out: möglichen Fortsetzung der Kontakte, aber erst im zweiten Schritt und nur
26,3 %), aber zur Katamnese erheblich die Vorbereitung und Begleitung der bei symptomatischen Patienten einge-
ausfiel (Drop-out: 73,8 %). Verhandlung über eine Erweiterung der setzt werden – wobei sie sich auf einen
Es konnte die Effektivität der trau- Zahl der TA neu zu evaluieren, die ab Zeitraum von einen bis 5 Monaten nach
matherapeutischen Frühinterventionen 2021 flächendeckend vorgesehen sind. dem traumatischen Ereignis beziehen.
durch eine signifikante Reduktion der Während im vorliegenden Setting Erneut, wie bei vorherigen Evalua-
posttraumatischen Stresssymptomatik das Stellen des OEG-Antrags ungefähr tionen von TA (Bollmann et al. 2012;
und die Verbesserung des psychosozia- dem Zeitpunkt des Erstkontakts zur TA Rassenhofer et al. 2016), stellten sich
len Funktionsniveaus gezeigt werden. gleichkam, waren die von Franke et al. Betroffene im Langzeitverlauf zwar als
Das bedeutet allerdings nicht, dass die (2019) untersuchten Betroffenen bereits durchschnittlich gebessert hinsichtlich
Patienten die TA mehrheitlich gesund anerkannt und hatten keine anstehen- des psychosozialen Funktionsniveaus, je-
verlassen konnten. Nur 26 % wurden als den Verfahren mehr. Bei ihnen setzte doch überwiegend nicht als symptomfrei
stabil entlassen, lediglich 10,7 % konnten die gesetzlich vorgesehene Hilfe zu 50 % dar. Schwere Verläufe und rentenberech-
aus Kapazitätsgründen innerhalb der TA innerhalb eines Jahres ein, in der vor-
58 Psychotherapeut 1 · 2021Abb. 2 8 VerteilungderPosttraumatic-Diagnostic-Scale(PDS)-Selbsteinschätzungenzu Therapiebeginn(prä,n =79),zu The-
rapieende (post, n = 34) und zum Katamnesezeitpunkt (n = 15) als Box- und Whisker-Plots (die Boxen zeigen 25 %- und 75 %-
Grenzen, die „whiskers“ 10 % bzw. 90 %); gestrichelte Linie „Cut-off“-Wert für klinisch bedeutsame Symptomatik
tigende GdS-Bescheide können mithilfe guten bis sehr guten fallbezogenen Be- nen Anträgen unabhängig von Zustän-
der TA nicht gänzlich vermieden werden. wertungen fielen deutlich positiver aus digkeit und juristisch parallel zur Ar-
Anders als bei Bollmann et al. (2012) als erwartet, trotz des für die Studie nö- beit der TA geprüftem Vorliegen einer
waren nur in wenigen nachträglich neu tigen Eigenbeitrags der teilnehmenden Straftat nach §1 OEG aus. Die Ableh-
zugeordneten Ausnahmen die Unfallver- Behörden. Eine Verkürzung der Bearbei- nungsquote betrug 2017 in Baden-Würt-
sicherungen oder BG zuständig, d. h., es tungsdauer konnte, anders als beabsich- temberg nur 39 % (Weißer Ring 2020).
entstand kein Selektionsbias hinsichtlich tigt, jedoch nicht objektiviert werden. Die Möglicherweise ist diese Diskrepanz da-
erfolgter Traumatisierungen mit relativ festgestellten Bearbeitungszeiträume der durch bedingt, dass sich viele Betroffene
guten Risiken. Typ-2-Traumatisierungen OEG-Anträge sind sehr lang. Laut den an die TA wendeten, ohne dass vorher
(sequenziell und lang dauernd) mit wie- Versorgungsbehörden liegt ein Grund in eine polizeiliche Anzeige erfolgte. Zwar
derum schlechterer Prognose fanden sich noch nicht abgeschlossenen Gerichtsver- ist die Anzeige keine Grundvorausset-
in deutlicher Minderzahl im vorliegen- fahren und dem damit zusammenhän- zung für die Bewilligung von Leistungen
den Ausgangskollektiv. genden längeren Zeitraum der Sachver- nach dem OEG, allerdings ist es für die
Die von Franke et al. (2019) vermerk- haltsklärung. Dies ist durch die Arbeit Versorgungsbehörden ohne Anzeige sehr
te positive Prädiktorwirkung des (niedri- der TA nicht zu beeinflussen. Einen ge- schwierig zu überprüfen, ob tatsächlich
gen) GdS auf die Berufstätigkeit lässt sich wissen Einfluss hat auch die Zeit einer eine Gewalttat im Sinne des OEG er-
an den Katamnesen nachvollziehen: Von Gutachtenerstellung. Andererseits konn- folgt ist. Die Ablehnungsquote für Opfer
denjenigen, die sich als stabil bezeichne- ten teilweise sehr schnelle Bearbeitungs- von bisher nicht vom OEG §1 erfass-
ten, waren deutlich mehr beruflich inte- zeiten verzeichnet werden (14 % der Ent- ten Straftaten, wie Stalking, wird nach
griert als von denjenigen, die von andau- scheidungen erfolgten innerhalb von 3 dem neuen SGB XIV künftig geringer
ernden Beeinträchtigungen/Belastungen Monaten). werden. Rentenberechtigende Bescheide
berichteten. Interessant ist die mit 78 % Ablehnun- (GdS >30) lagen bei 17 % der infrage
Erstmals untersucht wurde die Ko- gen aus den rückgemeldeten Fällen ho- kommenden Fälle mit Zuständigkeit der
operation aus Sicht der Versorgungsbe- he Ablehnungsquote der OEG-Anträge Versorgungsbehörde und erfülltem Ein-
hörden. Für diese war die Zusammen- im vorliegenden Kollektiv, geht man von gangskriterium nach §1 OEG vor. Das
arbeit mit TA neu. Die durchschnittlich allen gestellten und nichtzurückgezoge- neue SGB XIV mit stufenweisem Inkraft-
Psychotherapeut 1 · 2021 59Originalien
treten bis 2024 sieht für Gewaltopfer mit stichprobe erreicht). Ein systematischer bei, führen aber nicht zur völligen
psychischer Störung eine niederschwelli- patientenbedingter Ausfall erscheint Gesundung der Patienten.
gere Anerkennung vor. Die enge Zusam- dennoch nicht gegeben, da 75 % der Ka- 4 Eine engere Zusammenarbeit mit
menarbeit der TA mit dem zuständigen tamnesegruppe aus einer TA stammten. der Versorgungsbehörde empfiehlt
Versorgungsamt hat sich im vorgestellten Dies könnte die Repräsentativität der sich, resultiert aber weder in einer
Projekt bewährt und sollte künftig nicht Katamnesedaten zwar einschränken; es Verkürzung der – die Betroffenen
durch Datenschutzfragen beeinträchtigt sind aber eher organisatorische Gründe belastenden – Bearbeitungsdauern
werden, sodass mit Schweigepflichtent- als Patientenvariablen als ursächlich für noch in weniger psychiatrischen
bindung in beide Richtungen den Ambu- den hohen Drop-out zu vermuten, da Begutachtungen.
lanzen künftig Feedback zur getroffenen in 4 der insgesamt 5 TA nur sporadisch
Entscheidung gegeben werden könnte. Katamnesen erhoben werden konnten.
Korrespondenzadresse
Einige Teilnehmer gaben katamnes- Zusätzlich ist limitierend, dass die
tisch fortbestehende Belastungen durch Einschätzungen der GAF von den be- Prof. Dr. Ferdinand Keller, Dipl.-Psych.
anstehende Verhandlungen oder durch handelnden Therapeuten vorgenommen Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/
Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm
noch laufende OEG-Anerkennungsver- wurden, was eine mögliche Verzerrung
Steinhövelstr. 5, 89075 Ulm, Deutschland
fahren an. Diese Teilnehmer haben mög- – allerdings in beide Richtungen – ge- ferdinand.keller@uniklinik-ulm.de
licherweise Bedarf an weiterer Behand- nerieren kann.
lung, und eine Veränderung des Vorge- Die an die Versorgungsämter über- Funding. Open Access funding enabled and organi-
hens der TA hin zu einer Begleitung bis mittelten Diagnosen zum Zeitpunkt zed by Projekt DEAL.
nach der Verhandlung, ggf. mit einer Pau- des Therapieendes wurden nicht ausge-
se nach der 5. Sitzung, wäre zu disku- wertet. Einerseits waren es noch über-
tieren. In einigen Fällen wurden weitere wiegend versorgungsmedizinische Ver- Einhaltung ethischer Richtlinien
Sitzungen für diese Zwecke anberaumt. dachtsdiagnosen, da jede Diagnose zur
Der weiterhin hohe Anteil an beauf- Rentenberechtigung eine 6-monatige Interessenkonflikt. F. Keller, M. Rassenhofer, B. Nol-
tragten psychiatrischen Gutachten mit Symptomdauer aufweisen muss. Ande- ting, S. Koppmair und R. Schepker geben an, dass kein
17 % liegt auf dem Niveau der bekannten rerseits ist eine akute Belastungsreaktion, Interessenkonflikt besteht. Diese Veröffentlichung
beruht auf Vorarbeiten im Rahmen eines durch das
Daten aus der Region. So teilen 2 große die sehr häufig vorlag, auf eine 4-wö- Land Baden-Württemberg geförderten Evaluations-
Versorgungsbehörden, die an der Studie chige Dauer begrenzt. Vergleiche mit berichts.
beteiligt waren, je nach Jahrgang eine versorgungsmedizinisch anerkannten
Für die vorliegende Studie liegt eine positive Einschät-
Rate an neurologisch-psychiatrischen Diagnosen (Franke et al. 2019) können zung der Ethikkommission der Universität Ulm vor.
Gutachten zwischen 9 und 17 % der daher nicht gezogen werden.
Erstanträge mit12. Diese könnte viel- Open Access. Dieser Artikel wird unter der Creative
Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz
leicht durch aussagefähigere Berichte als Ausblick veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung,
den hier vorgegebenen „Kurzstandard“ Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jegli-
reduziert werden. Ob sich die Wider- Mögliche Vorteile der TA sind wissen- chem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die
ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsge-
spruchsquote der Betroffenen gegen den schaftlich noch nicht systematisch er- mäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz
Bescheid analog der Studie in NRW fasst worden. So könnte der Prädiktor- beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenom-
(Schürmann 2010) halbiert hat (dort wert einer frühen, hier unmittelbar er- men wurden.
7,3 %ige vs. 16,8 %ige Widerspruchsquo- folgenden Erfassung der Schwere der pe- Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges
te gegen die Erstbescheide), wurde nicht ritraumatischen Dissoziation prospektiv Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten
untersucht. für gezielte, intensivere Interventionen Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbil-
dungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das be-
zur Traumaverarbeitung und Verhinde- treffende Material nicht unter der genannten Creative
Limitationen der Studie rung von Traumafolgestörungen oder so- Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung
gar eine Täter-Opfer-Umkehr (Tschöke nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für
die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Ma-
Einschränkungen der vorgelegten Daten et al. 2019) genutzt werden. Es könnten terials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers
bestehen im eingangs der Diskussi- der Einfluss der Nähe zu Tätern noch sys- einzuholen.
on erwähnten Datenverlust bezüglich tematischer untersucht sowie Reaktionen
Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der
der Katamnese (26,2 % der Ausgangs- der Umgebung gezielter in hilfreiche und Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/
weniger hilfreiche eingeordnet und ka- licenses/by/4.0/deed.de.
nalisiert werden.
1
Metz D (2019) Persönliche Mitteilung über
OEG-Fälle und Begutachtungen im Versor-
gungsamt Aalen. E-Mail vom 18.02.2019. Fazit für die Praxis Literatur
2
Stritt B (2019) Persönliche Mitteilung über BMAS (Bundesministerium für Arbeit und Soziales)
4 Fünf Sitzungen in einer Traumaam-
neurologisch-psychiatrische Gutachten und (2008) Rundschreiben vom 2.12.2008, Az 65-
Erstanträge im Versorgungsamt Rottweil. E-Mail bulanz tragen zur Stabilisierung 50122-2/38: Ärztlicher Sachverständigenbeirat
vom 17.01.2019. Versorgungsmedizin beim BMAS. Beschluss zu
60 Psychotherapeut 1 · 2021Fachnachrichten
posttraumatischer Belastungsstörung – Klinik Was der Psyche im Lockdown helfen könnte
und Begutachtung, 6.–7. November 2008
Bollmann K, Schürmann I, Nolting B et al (2012) Die Covid-19-Pandemie wirkt sich auf die psychische Gesundheit aus. Doch was
Evaluation der Traumaambulanzen nach dem genau belastet die Menschen und was hilft ihnen, einen Lockdown zu überstehen?
Opferentschädigungsgesetz in Nordrhein-
Westfalen. Z Psychosom Med Psychother Eine neue Studie unter der Leitung von Forschenden der Universität Basel ging
58:42–54 dieser Frage anhand von Daten aus 78 Ländern nach.
Ehlers A, Steil R, Robins LN et al (1996) Deutsche
Übersetzung der Posttraumatic Stress Diag- Zu Beginn der Covid-19-Pandemie war wenig hingegen berichteten signifikant weniger
nostic Scale (PDS). Department of Psychiatry, bekannt, wie sich ein staatlich angeordneter negative Emotionen (negativer Affekt) als im
University of Oxford, Oxford
Foa EB, Cashman L, Jaycox L et al (1997) The validation
Lockdown auf die Bevölkerung auswirken Durchschnitt der Länder.
of a self-report measure of posttraumatic stress würde. Was man wusste, stammte aus frühe- Diese Unterschiede zwischen den Ländern
disorder: the posttraumatic diagnostic scale. ren Beobachtungen im Rahmen von Quaran- gehen wahrscheinlich auf eine Mischung aus
Psychol Assess 9:445–451
tänen kleiner Personengruppen. «Einerseits Zufall, länderspezifische Reaktionen auf die
Franke S, Kalweit C, Frey A et al (2019) Opfer von
Gewalttaten im Verfahren nach dem Opferent- können sich solche drastischen Veränderun- Pandemie, kulturelle Eigenheiten sowie die
schädigungsgesetz. PsychotherPsychosomMed gen im Tagesablauf negativ auf die psychi- politische Situation zurück. Darüber hinaus
Psychol 69:105–113
sche Gesundheit auswirken», erklärt Prof. Dr. kommen auch Faktoren zum Tragen, die die
Qi W, Gevonden M, Shalev A (2016) Prevention of post-
traumatic stress disorder after trauma: current Andrew Gloster von der Universität Basel, Co- Forschenden als zentral für die psychische
evidence and future directions. Curr Psychiatry Leiter der jetzt in «PLOS One» veröffentlich- Gesundheit in der Pandemie identifizierten.
Rep 18:20
ten Studie. «Da aber bei einem Lockdown So waren der Verlust von finanziellem Ein-
Rassenhofer M, Laßhof A, Felix S et al (2016) Effektivität
der Frühintervention in Traumaambulanzen. die gesamte Bevölkerung mehr oder weniger kommen im Vergleich zu dem Niveau vor
Ergebnisse des Modellprojekts zur Evaluation gleichmässig betroffen war, blieb unklar, ob dem Lockdown sowie ein fehlender Zugang
von Ambulanzen nach dem Opferentschädi-
dieser Effekt hierbei genauso eintritt.» zur Grundversorgung mit einem schlechteren
gungsgesetz. Psychotherapeut 61:197–207
Schürmann I (2010) Projektbericht Evaluation der psychischen Zustand verbunden. Faktoren,
Traumaambulanzen in NRW. https://www.lwl. Welche negativen Auswirkungen hat die den psychischen Zustand durchweg ver-
org/lwl-versorgungsamt-download/Antraege_
der Lockdown auf die Psyche? besserten, waren soziale Unterstützung, ein
und_downloads/Projektbericht-MAGS.pdf. Zu-
gegriffen: 8. Febr. 2020 Um diese Frage zu klären, führten Gloster und höheres Bildungsniveau und die Fähigkeit,
Terr L (1991) Childhood traumas: an outline and seine internationalen Kolleginnen und Kol- flexibel auf die Situation zu reagieren und
overview. Am J Psychiatry 27:96–104
Tschöke S, Steinert T, Bichescu-Burian D (2019) Causal
legen eine Online-Umfrage in 18 Sprachen sich anzupassen.
connection between dissociation and ongoing durch. Fast 10.000 Menschen aus 78 Ländern
interpersonal violence. Neurosci Biobehav Rev nahmen daran teil und gaben Auskunft über Akzeptanz- und Commitment
107:424–437
Weißer Ring (2020) Staatliche Opferentschädigung in
ihre psychische Gesundheit sowie ihre all- -Therapie in Fokus
Deutschland im Jahr 2017. https://weisser-ring. gemeine Situation während des Covid-19- »Initiativen im Bereich der öffentlichen Ge-
de/media-news/publikationen/statistiken-zur- bedingten Lockdowns. sundheit sollten sich vor allem an Menschen
staatlichen-opferentschaedigung. Zugegriffen:
8. Febr. 2020
Einer von zehn Befragten gab einen schlech- ohne soziale Unterstützung richten sowie an
ten Zustand der eigenen psychischen Ge- diejenigen, deren finanzielle Situation sich
sundheit an – einschließlich negativen Wohl- durch den Lockdown verschlechtert. Basie-
befindens, Stress, depressivem Verhalten und rend auf diesen Ergebnissen sind Maßnah-
pessimistischer Sicht auf die Gesellschaft. men wie die Akzeptanz- und Commitment-
Weitere 50 Prozent sahen ihre psychische Ge- Therapie vielversprechend, die psychologi-
sundheit zwar nur mäßig beeinträchtigt, dies sche Flexibilität fördern, um die Auswirkun-
hat sich aber in anderen Studien bereits als gen der Pandemie und eines Lockdowns zu
Risiko für weitere Komplikationen erwiesen. mildern», so Gloster.
Unterschiedliche Wohlbefinden Originalpublikation: Andrew T. Gloster et
Insgesamt war die Tendenz der Antworten al: Impact of COVID-19 pandemic on mental
in den untersuchten Ländern weitgehend health: An international study;
ähnlich. Obwohl sich kein Land über alle Er- PLOS One (2021), doi: 10.1371/jour-
gebnisse hinweg als durchweg besser oder nal.pone.0244809
schlechter herausstellte, zeigten sich doch
einige Unterschiede. Teilnehmende in Hong-
kong und der Türkei hatten mehr Stress als Quelle:
diejenigen aus anderen Ländern; die USA www.unibas.ch/de/Aktuell/News/Uni-
berichteten mehr depressive Symptome; Research/Was-der-Psyche-im-
und das Wohlbefinden war in Hongkong Lockdown-helfen-koennte.html
und Italien am niedrigsten. Teilnehmende [07.01.2021])
in Österreich, Deutschland und der Schweiz
Psychotherapeut 1 · 2021 61Sie können auch lesen