Investors' Outlook - Juli/August 2017 "Trumponomics" und Teuerung vorerst auf Eis gelegt - Vontobel

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Investors' Outlook - Juli/August 2017 "Trumponomics" und Teuerung vorerst auf Eis gelegt - Vontobel
Investors’ Outlook – Juli/August 2017
                                 «Trumponomics» und Teuerung
                                            vorerst auf Eis gelegt

  Abgleich Ausblick/
  Realität: Unsere
  Prognose für die
  US-Teuerung erweist
  sich als zu hoch

  Mario Draghi
  treibt auch die
  schwedische
  Krone nach oben

  Zeit frisst Geld: Wie
  Sie Ihre Bareinlagen
  vor Wertverlust
  schützen können
Ausgabe Private Banking
Investors' Outlook - Juli/August 2017 "Trumponomics" und Teuerung vorerst auf Eis gelegt - Vontobel
Inhalt

   6        Marktkommentar

            «Trumponomics» und Teuerung
            vorerst auf Eis gelegt
   8        Spezialthema

            Abgleich Ausblick/Realität: Unsere Prognose
            für die US-Teuerung erweist sich als zu hoch
12          Makro Highlights

            Von US-Mieten, europäischen Lohnrunden
            und chinesischen Preisblasen
14          Anleihen

15          Aktien

16          Rohstoffe

17          Währungen

18 Anlagen im Fokus
		Zeit frisst Geld: Wie Sie Ihre Bareinlagen
		vor Wertverlust schützen können
24          Prognosen

25          Marktdaten

28          Autoren

Impressum

Herausgeber:            Bank Vontobel AG, Gotthardstrasse 43, CH-8022 Zürich
Redaktion:              Investment Communications
Autoren*:               Stephan Arnold, CIWM, Leiter Multi Manager Solutions
		                      Christophe Bernard, Vontobel-Chefstratege
		                      Dr. Reto Cueni, Senior Economist
		                      Stefan Eppenberger, CFA, Investment & Commodity Strategist
		                      Andreas Nigg, CFA, Leiter Equity & Commodity Strategy
		                      Dr. Sven Schubert, Specialist Investment Strategy Currencies
		                      Dr. Ralf Wiedenmann, Leiter Economic Research
Weitere Autoren:        Lars Kalbreier, CFA, Chief Investment Officer Private Banking
Coverbild:              Masterfile
Erscheinungsweise:      Monatlich
Aktuelle Ausgabe:       Montag, 3. Juli 2017 (deutsche PDF-Version auf dem Portal und Versand per HTML)
Sprachen:               Deutsch, englisch und französisch
Bestellungen:           Direkt bei Ihrem Kundenberater
Redaktionsschluss:      Dienstag, 27. Juni 2017
Bemerkung:              *siehe Seite 26, «Rechtliche Hinweise»: Analystenbestätigung

2   Investors’ Outlook – Juli/August 2017
Investors' Outlook - Juli/August 2017 "Trumponomics" und Teuerung vorerst auf Eis gelegt - Vontobel
Makrosicht

Hinsichtlich der Schweizer
Wirtschaft sind wir
pessimistischer geworden

                                                                                         Konsens
Wirtschaftswachstum 2017                                                  unter                        über
                                                                        ––      –                  +          ++
Nach der Veröffentlichung eines enttäuschenden Schweizer
                                                                EWU*
Bruttoinlandprodukts für das erste Quartal haben wir die        USA
Wachstumsprognose zurückgenommen. Wir sind für den              Japan
«Heimmarkt» nun pessimistischer als die Mehrzahl der            EM**
Marktbeobachter und sehen eine Wachstumsrate von 1.2            CH
Prozent. Unter Konsens liegen wir auch bei Japan (1.2 Pro-      Konsens = Consensus Inc., London
zent) und Grossbritannien (1.3 Prozent).

                                                                                         Konsens
Inflation 2017                                                               unter                     über
                                                                        ––           –             +          ++
Aufgrund des rückläufigen Ölpreises – und der Herabset-
                                                                EWU*
zung der Prognose im Vergleich zum Vormonat – haben             USA
wir die Inflationsprognosen für die USA und die Eurozone        Japan
nach unten angepasst. Unsere Inflationserwartungen              EM**
stimmen inzwischen mit dem Konsens mehr oder minder             CH
überein.                                                        Konsens = Consensus Inc., London

                                                                                         Konsens

Notenbankzinsen (in drei Monaten)                                            unter                     über
                                                                        ––           –             +          ++
Die meisten Marktbeobachter erwarten, dass die amerikani-
                                                                EWU*
schen Leitzinsen nach dem Zinsschritt im Juni weiter steigen.   USA
Stützt man sich hingegen auf die Terminmärkte ab, dürfte das    Japan
US-Leitzinsniveau bis zum Jahresende annähernd stabil blei-     CH
ben. Die US-Notenbank Fed, die noch in diesem Jahr mit der      Konsens = Bloomberg
Bilanzreduktion beginnen will, hat mittlerweile Details zum
geplanten Abbau ihrer Anleihenbestände bekanntgegeben.
                                                                                         Konsens

Renditen zehnjähriger Staatsanleihen (in drei Monaten)                       unter                     über
                                                                        ––           –             +          ++
In Anbetracht der nur schrittweisen Normalisierung der
                                                                D
Geldpolitik rechnen wir nur mit einem geringen Renditean-       USA
stieg von rund 10 bis 20 Basispunkten in den Kernländern        Japan
und von 40 Basispunkten in sogenannten europäischen Pe-         CH
ripheriestaaten. Unsere Einschätzung stimmt damit weitge-       Konsens = Consensus Inc., London
hend mit jener der anderen Marktbeobachter überein.
                                                                 * Europäische Währungsunion
                                                                ** Emerging Markets –
                                                                		Schwellenländer

                                                                                                               Investors’ Outlook – Juli/August      3
Investors' Outlook - Juli/August 2017 "Trumponomics" und Teuerung vorerst auf Eis gelegt - Vontobel
Anlagestrategie

Öl zieht Energiepreise                                                               untergewichtet
                                                                                     stark   leicht
                                                                                                           neutral     übergewichtet
                                                                                                                       leicht  stark

nach unten, Rohstoff-                                                    Liquide
                                                                          Mittel
Position verringert
In Zeiten von rekordniedrigen Zinsen halten Marktteilneh-
mer fast sehnsüchtig nach Anzeichen für anziehende Teue-
rung Ausschau. Doch die Inflation will einfach nicht ansprin-
gen – nicht einmal in den Vereinigten Staaten, deren Wirt-
schaft sich seit einiger Zeit in guter Verfassung befindet.
Grund hierfür sind rückläufige Rohstoffpreise und der wei-
terhin ausbleibende Lohndruck. Für Anleger können dies al-
lerdings durchaus erfreuliche Nachrichten sein. Die wichtigs-           Anleihen
ten Notenbanken werden in einem solchen Umfeld die Zin-
sen kaum schnell oder stark erhöhen. Dies garantiert
weiterhin Unterstützung für risikoreiche Anlageklassen wie
Aktien.

  1             Bei liquiden Mitteln nehmen wir neu eine «leich-
                te Übergewichtung» ein.

   2            Keine Veränderung in unserer Positionierung bei
                Anleihen: Wir bleiben «leicht untergewichtet».
                                                                          Aktien
                Allerdings nehmen wir bei Schwellenländeranlei-
                hen in lokaler Währung erste Gewinne mit.

   3            Bei Aktien bleiben wir bei unserer neutralen Posi-
                tionierung. Neu halten wir eine bedeutende Posi-
                tion in japanischen Titeln. Auch den Posten Euro-
                zone-Banken haben wir erhöht. Veräussert ha-
                ben wir hingegen kanadische Aktien.                         Gold

   4            Auch bei Gold halten wir eine neutrale Gewich-
                tung für angebracht.

   5            Nachdem wir eine «leichte Übergewichtung» bei
                Rohstoffen aufgegeben haben, sind wir neutral
                                                                       Rohstoffe
                positioniert.

  6             An der «leichten Übergewichtung» der Anlage-
                klasse alternative Strategien hat sich nichts geän-
                dert.                                                 Alternative
                                                                       Strategien

                                                                                    Veränderungen zum Vormonat: gleich, erhöht, verringert.

4   Investors’ Outlook – Juli/August 2017
Investors' Outlook - Juli/August 2017 "Trumponomics" und Teuerung vorerst auf Eis gelegt - Vontobel
Liquide Mittel
                                                                                         negativ    neutral        positiv
Zu unseren Favoriten bei den Währungen gehört
                                                         CHF per EUR
weiterhin die schwedische Krone, in der wir unser
                                                         USD per EUR
Engagement im vergangenen Monat nochmals er-
                                                         CHF per USD
höht haben. Wir rechnen nach wie vor damit, dass
sich die schwedische Zentralbank bald von ihrer stark
expansiven Geldpolitik verabschieden wird. Dies
dürfte der Währung Auftrieb verleihen. Im Gegen-
zug haben wir die Position in der norwegischen Kro-
ne in unseren US-Dollar- und Euro-Portfolios ver-
kauft.

Anleihen
                                                        Staatsanleihen              untergewichtet neutral übergewichtet
Im Juni haben wir uns von einem Teil unserer Positi-
on in Schwellenländeranleihen in lokaler Währung        Industrieländer

getrennt. Wir bleiben in diesem Segment jedoch          Schwellenländer (extern*)

leicht «übergewichtet». Einen wichtigen Bestandteil     Schwellenländer (lokal**)

des Portfolios stellen hingegen US-Staatsanleihen       Unternehmensanleihen

mit langen Laufzeiten dar. Aufgrund der deutlichen      Investment Grade

«Untergewichtung» europäischer Staatspapiere            High Yield

liegt unser Bestand an Anleihen dennoch insgesamt       * in Fremdwährungen
unter dem Wert des Vergleichsindexes.                   ** in Lokalwährungen

Aktien
                                                                                     untergewichtet neutral übergewichtet
Bei einer insgesamt neutralen Aktienquote engagie-
ren wir uns vornehmlich in zyklischen Aktien. Bezüg-     Industrieländer

lich der Themen stehen Banken in den USA und der         Schwellenländer
Eurozone, US-Technologietitel (leicht reduziert im
Juni), europäische Energieunternehmen und neu ja-
panische Aktien im Vordergrund. Weitere aktive Po-
sitionen sind «Clean-Tech»- und «Global-Leader»-
Aktien.

Gold
                                                                                     untergewichtet neutral übergewichtet
Wir halten an unserer neutralen Positionierung bei
Gold fest. Abnehmende politische Risiken in der Eu-      Gold

rozone, beispielsweise in Zusammenhang mit der
Wahl Emmanuel Macrons zum französischen Präsi-
denten, sprechen gegen ein höheres Engagement.

Rohstoffe
                                                                                     untergewichtet neutral übergewichtet
Die Aussichten für Rohöl sind ungewiss in Anbe-
tracht eines schleppenden Abbaus von Lagerbestän-        Rohstoffe

den sowie eines deutlichen Angebotswachstums im
Jahr 2018. Wir haben uns von unserer «übergewich-
teten» Positionierung im Juni verabschiedet.

Alternative Strategien
                                                                                     untergewichtet neutral übergewichtet
Diese Anlageklasse bleibt aus unserer Sicht aufgrund
                                                         Alternative Strategien
der eher teuren Bewertung verschiedener Aktien-
und Anleihenmärkte attraktiv. An unserer «leicht
übergewichteten» Positionierung halten wir fest.

                                                                                                              Investors’ Outlook – Juli/August      5
Investors' Outlook - Juli/August 2017 "Trumponomics" und Teuerung vorerst auf Eis gelegt - Vontobel
Marktkommentar

«Trumponomics» und Teuerung
vorerst auf Eis gelegt
Christophe Bernard
Vontobel-Chefstratege

                                                                                                                                                                    Foto: IStockphoto
Von heiss zu kalt: Im Zuge des Regierungswechsels in den USA erwarteten wir ein deutliches Anziehen der Inflation – nun entwickelt sich diese äusserst verhalten.

Donald Trumps erste 100 Tage im Amt waren von Aktivis-                       politischer Abschottung und einer Beschränkung der Migra-
mus geprägt. Eine ähnliche Hektik legen auch Notenbanken                     tion ergeben – zwei Kernthemen im Wahlkampf von Trump.
an den Tag, die sich seit Jahr und Tag bemühen, die Wirt-                    Angesichts der jüngsten Entwicklungen in Politik und Wirt-
schaft mit Liquiditätsspritzen zu unterstützen. Beides lässt                 schaft scheinen diese beiden Szenarien mindestens für 2017
eigentlich ein «Reflationsszenario» erwarten, also ein Um-                   einen Grossteil ihrer Relevanz verloren zu haben.
feld mit steigenden Preisen und günstigen Konjunkturaus-
sichten. Mittlerweile hat die neue US-Regierung indes viel                   Chaos im Weissen Haus
von ihrem ursprünglichen Schwung verloren und der Öl-                        Vor sechs Monaten stimmten uns Donald Trumps Ideen ei-
preis hat sich unerwartet verbilligt. Sowohl «Trumpono-                      nes ehrgeizigen Konjunkturprogramms für die US-Wirtschaft
mics» als auch Inflation sind somit vorerst auf Eis gelegt.                  zuversichtlich (siehe Dezember-Ausgabe 2016 des Investors’
                                                                             Outlook: Nach Brexit und Trump 2016: Was hält das Jahr
Gegen Ende des ersten Halbjahres 2017 ist es an der Zeit, die                2017 für uns bereit?). Die neue Regierung hat jedoch in die-
von uns im Dezember 2016 entworfenen Szenarien Revue                         ser Hinsicht ziemlich wenig erreicht. So kann sie ausser einer
passieren zu lassen. Unsere Prognosen beruhten auf der An-                   Absichtserklärung, die auf einer Seite Platz hat, keine Fort-
nahme, dass Trump seine Vorhaben mehr oder minder wür-                       schritte bei den Steuersenkungen vorweisen. Ebensowenig
de umsetzen können. Dies hätte zu einer Reflation oder eben                  sind Einzelheiten zum Infrastrukturprogramm bekannt.
einer Stagflation geführt. Ersteres – unsere bevorzugte Opti-                    Fairerweise muss man zugeben, dass die Regierungs-
on – wäre eingetreten, wenn die Steuersenkungen und die                      mannschaft bei der Deregulierung erheblich vorangekom-
Infrastrukturprogramme das reale Wirtschaftswachstum be-                     men ist, vor allem in den Bereichen Energie, Bauwesen und
feuert hätten. Die zweite Entwicklung hätte sich bei handels-                Versorgung. Demnächst wird auch die Bankenderegulierung

6   Investors’ Outlook – Juli/August 2017
Investors' Outlook - Juli/August 2017 "Trumponomics" und Teuerung vorerst auf Eis gelegt - Vontobel
in Angriff genommen. Diese Massnahmen und die Tatsache,           Grafik 1: USA: Haben Kerninflation und
dass Trump seinen handelsfeindlichen Äusserungen keine                      Lohnwachstum den Zenit überschritten?
Taten folgen lässt, haben zu einer anhaltend guten Stim-          In Prozent, Veränderung zum Vorjahr

mung unter den kleineren Unternehmen beigetragen. Trotz-          3.0

dem haben wir unsere Prognose für das BIP-Wachstum der            2.5
USA im Jahr 2017 von 2.5 Prozent (per Ende 2016) auf 2.2
Prozent gesenkt.                                                  2.0

                                                                  1.5
Inflation im Februar auf dem Höhepunkt
Vergangenen Dezember erwarteten wir einen Anstieg der             1.0
                                                                                2014                       2015               2016                 2017
US-Teuerung im Verlauf von 2017. Der Aufwärtstrend kam
                                                                              Durchschnittlicher Stundenlohn
jedoch im Februar ins Stocken. Von einem Wert von 1.8 Pro-
                                                                              Kerninflation (ohne Nahrungsmittel- und Energiepreise)
zent in jenem Monat sank die Kerninflation (ohne Nahrungs-
mittel- und Energiepreise) auf 1.4 Prozent im Mai. Trotz
Vollbeschäftigung scheint das Lohnwachstum bei rund 2.5           Quelle: Bureau of Labor Statistics, Bureau of Economic Analysis,
                                                                  Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management
Prozent gedeckelt (siehe Grafik 1). Ein abnehmender Preis-
druck in Bereichen wie Bildung, Neu- und Gebrauchtwagen
sowie Telekommunikationsdienstleistungen hat zu dieser            Grafik 2: Hochzinsanleihen: Energiesegment für
Entwicklung beigetragen. Mittlerweile hat die Preisschwä-                   Ölpreisausschläge besonders anfällig
che an den Rohstoffmärkten auf die Gesamtinflation durch-         In Prozent                                                             US-Dollar pro Fass

geschlagen. Doch nicht nur die US-Teuerung verharrt auf           25                                                                                 120
                                                                                                  Hoher Stress bei                                   110
                                                                                                  unter 40 US-Dollar
niedrigem Niveau. Weltweit verhindern der technologische          20
                                                                                                                                                     100
                                                                                                                                                      90
Fortschritt und das globale Angebot an billigen Arbeitskräf-                                                                  Kein Stress bei Niveau 80
                                                                                                                              um 50 US-Dollar
ten einen Inflationsanstieg. Es versteht sich von selbst, dass    15
                                                                        Druck bei Ölpreis unter
                                                                                                                                                      70
                                                                        70 US-Dollar                                                                  60
unsere Prognose für die US-Inflation 2017 (3.2 Prozent per                                                                                            50
                                                                  10
                                                                                                                                                      40
Ende 2016) sehr unwahrscheinlich geworden ist.                                     Druck bei unter                                                    30
                                                                                     60 US-Dollar
                                                                   5                                                                                  20
                                                                          Jun 14    Dez 14        Jun 15     Dez 15    Jun 16   Dez 16      Jun 17
Was können wir im zweiten Halbjahr 2017 erwarten?
                                                                             Umlaufrendite von Hochzinsanleihen
Eine synchrone globale Erholung mit geringem Inflations-                     (Index: BoAML US High Yield Corporate Energy)
druck entspricht einem «Goldlöckchen»-Szenario: nicht zu                     Preis der Ölsorte West Texas Intermediate (rechte Skala)
heiss, nicht zu kalt. Dieses Umfeld dürfte bis zum Jahresende
anhalten, und die soliden Unternehmensgewinne sowie die
                                                                  Quelle: Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management
lockere Geldpolitik dürften die Finanzmärkte stützen.
     Werfen wir noch kurz einen Blick auf die Situation in Eu-
ropa. Es ist beruhigend zu sehen, dass sich die Lage nach der    um die breiten Anleihenmärkte (siehe Grafik 2) in Mitleiden-
Brexit-Entscheidung Grossbritanniens entspannt hat und die       schaft ziehen dürfte. Zudem könnte eine Beschleunigung
gegen die Europäische Union gerichtete Welle des Populis-        des Lohnwachstums in den Vereinigten Staaten zu einem
mus abgeebbt ist. Diese Entwicklung begann in den Nieder-        unerwartet schnellen Anstieg des US-Leitzinses und somit
landen, wo die rechtspopulistische «Partei für die Freiheit»     einer Marktkorrektur führen. Beide Szenarien sind jedoch bis
ein unter den Erwartungen liegendes Wahlergebnis erzielte.       zum Jahresende höchst unwahrscheinlich.
Darauf folgte der Sieg von Emmanuel Macron in den franzö-
sischen Präsidentschaftswahlen, der mit einem explizit euro-     Wie sind wir positioniert?
pafreundlichen Wahlprogramm angetreten war. Mittlerwei-          Wir halten an unserer neutralen Haltung für die Aktienmärk-
le haben wir infolge der anhaltenden globalen Erholung und       te fest und bevorzugen Banken sowie Unternehmen, die
des gesunkenen systemischen Risikos unsere BIP-Prognose          vom Wirtschaftswachstum profitieren. Zudem haben wir
2017 für die Eurozone von 1.6 Prozent (per Ende 2016) auf        unsere Rohstoffengagements zurückgefahren. Grund hier-
1.8 Prozent erhöht.                                              für ist, dass die mittelfristigen Ölpreisprognosen trotz der
                                                                 Förderkürzungen der Organisation erdölexportierender Län-
Risikofaktoren: von Öl bis Geopolitik                            der (Opec) und Russlands infolge des anhaltenden Überan-
Eine unerwartete Konjunkturabkühlung könnte zweifellos           gebots nach unten revidiert wurden. Wir sind in Unterneh-
die Unternehmensgewinne in einer Zeit belasten, in der sich      mensanleihen mit kurzen Laufzeiten und Lokalwährungsan-
die Aktienbewertungen auf einem historisch hohen Niveau          leihen aus den Schwellenländern nach wie vor «über-
befinden. Als mögliche Auslöser kommen Fehler der chinesi-       gewichtet», wenngleich weniger stark als bisher.
schen Führung oder verschärfte Spannungen auf der korea-
nischen Halbinsel in Frage. Zudem könnte ein möglicher Öl-
preisverfall auf unter 40 US-Dollar die Aussichten für die          Webcast: Hier geht's zum Marktkommentar-Video
Emittenten aus dem Energiesektor verdüstern, was wieder-

                                                                                                                            Investors’ Outlook – Juli/August      7
Investors' Outlook - Juli/August 2017 "Trumponomics" und Teuerung vorerst auf Eis gelegt - Vontobel
Spezialthema

Abgleich Ausblick/Realität:
Unsere Prognose für die
US-Teuerung erweist sich
als zu hoch
Dr. Reto Cueni, Senior Economist
Dr. Sven Schubert, Specialist Investment Strategy Currencies
Dr. Ralf Wiedenmann, Leiter Economic Research

Was zeigt ein «Rückblick auf den Ausblick 2017»? Die Erwartungen, dass Donald Trump seine Wahlversprechen umsetzten könnte, erfüllten sich zumeist nicht –

Prognosen sind das tägliche Brot der Ökonomen. Bei Aus-          Einen Anstieg der Inflation auf über 3 Prozent sahen wir in
sagen, die sich auf eine Jahresperiode beziehen, bieten          beiden Fällen als gegeben an. Im Reflationsszenario hätten
sich die Sommermonate für eine Zwischenbilanz an. Als            Steuersenkungen und Infrastrukturausgaben eine bereits
wir im Dezember den Ausblick für 2017 veröffentlichten,          auf Hochtouren laufende Wirtschaft weiter befeuert und zu
stützten wir uns stark auf die zukünftige Entwicklung der        Lohnerhöhungen geführt. Im Stagflationsszenario hätte die
amerikanischen Wirtschaft nach der Wahl Donald Trumps            Regierung Trump nicht nur die Steuern gesenkt und Infra-
ab. Unsere Grundannahme, dass die US-Inflation in jedem          strukturausgaben getätigt, sondern auch den Freihandel
Fall anziehen würde, hat sich seither als falsch erwiesen.       und die Migration beschränkt. Doch auch diese wachstums-
Einigermassen im Rahmen lagen wir bezüglich US-Wirt-             hemmenden Massnahmen hätten – so unsere Annahme –
schaftswachstum und -Leitzinsen. Für Japan und die Euro-         die Inflationsrate nach oben getrieben. Grund hierfür ist,
zone liegen wir im positiven Bereich des Spektrums unse-         dass beispielsweise die Anhebung von Importzöllen über
rer Wachstums- und Inflationsprognosen.                          höhere Preise für Einfuhren die Teuerung anheizt. Wie sich
                                                                 inzwischen herausgestellt hat, konnte die Regierung Trump
Trumps Wahlversprechen waren der Angelpunkt für unse-            (bisher) kaum ein Wahlversprechen umsetzen, deshalb ha-
ren Ausblick 2017 (siehe Investors’ Outlook vom Dezember         ben unsere Szenarien hier deutlich an Relevanz eingebüsst.
2016) und unsere zwei Ausgangsszenarien. Im Rahmen des
«Reflationsszenarios» nahmen wir an, dass nur die wirt-          Prognose auch für US-Renditen zurückgestuft
schaftsfreundlichen Ideen umgesetzt würden. Umgekehrt            Unsere US-Inflationsprognose für 2017 von 3.2 Prozent ha-
rechneten wir im Rahmen des «Stagflationsszenarios» da-          ben wir fortlaufend auf 2.4 Prozent verringert. Grund hier-
mit, dass der Regierungswechsel in den USA neben wachs-          für ist vor allem, dass Trump das Infrastrukturprogramm
tumsfördernden vor allem auch wachstumshemmende                  und die Steuerreformen dieses Jahr kaum mehr ankündigen
Konsequenzen haben könnte.                                       geschweige denn umsetzen kann. Auch unsere Prognose

8   Investors’ Outlook – Juli/August 2017
Wie sich unsere Makroszenarien für 2017 verändert haben

                                                                                                         Reflations- Stagflations- Prognose
                                                                                                                                                                 Vergleich
                                                                                                          szenario     szenario momentan
                                                                                                                                                                «alt»-«neu»
                                                                                                           («alt»)      («alt»)     («neu»)

                                                                                                                                                Innerhalb
                                                                                                          Prognose    Prognose    Prognose
                                                                                                                                             oder ausserhalb
                                                                                                          für 2017    für 2017     für 2017
                                                                                                                                              des Szenario-
                                                                                                         (Dez. 2016) (Dez. 2016) (Jun. 2017)
                                                                                                                                               rahmens?

                                                                                 Vereinigte Staaten
                                                                                 BIP-Wachstum               3.00%            1.80%           2.20%                innerhalb
                                                                                 Inflation                  3.20%            3.20%           2.40%               ausserhalb
                                                                                 Leitzinsen                 1.75%            1.25%           1.50%                innerhalb
                                                                                 Anleihenrendite            3.00%            2.70%           2.60%               ausserhalb

                                                                                 Eurozone
                                                                                 BIP-Wachstum               1.90%            1.20%           1.80%                innerhalb
                                                                                 Inflation                  1.70%            1.20%           1.60%                innerhalb
                                                                                 Leitzinsen                 0.00%            0.00%           0.00%                innerhalb
                                                                                 Anleihenrendite            0.80%            0.20%           0.80%                innerhalb

                                                                                 Japan
                                                                                 BIP-Wachstum               1.40%            0.70%           1.20%                innerhalb
                                                                                 Inflation                  0.70%            0.30%           0.50%                innerhalb
                                                                                 Leitzinsen                -0.10%           -0.10%           -0.10%               innerhalb
                                                                                 Anleihenrendite            0.20%            0.00%           0.10%                innerhalb

                                                                                 Schweiz
                                                                                 BIP-Wachstum               1.70%            1.30%           1.20%               ausserhalb
                                                                                 Inflation                  0.60%            0.60%           0.50%               ausserhalb
                                                            Foto: IStockphoto

                                                                                 Leitzinsen                -0.50%           -0.75%           -0.75%               innerhalb
                                                                                 Anleihenrendite            0.40%            0.10%           0.30%                innerhalb

                                                                                 BIP-Wachstum und Inflation: Jahresdurchschnitt; Leitzinsen und Obligationenrendite: Jahresende

                                                                                 Quelle: Vontobel Asset Management

			   mit entsprechenden Folgen für unsere Prognosen.

      für US-Staatsanleiherenditen ist mit 2.6 Prozent unter den                nanzkrise gefallene Arbeitslosigkeit ist nämlich nur bedingt
      zuvor abgesteckten Rahmen gefallen. Unsere Erwartung ei-                  aussagekräftig. Ein anderes Bild zeigt die Beschäftigungs-
      nes Wirtschaftswachstums von 2.2 Prozent ist näher am                     quote, also der Anteil der Beschäftigten an der Bevölkerung,
      Stagflationsszenario, bewegt sich aber immer noch inner-                  die sich zwar seit Oktober 2011 deutlich erholt, das Vorkri-
      halb der Spannbreite unserer damaligen Vorhersagen. An                    senniveau aber noch nicht erreicht hat (siehe Grafik 1, Seite
      unserer US-Leitzinsprognose halten wir derweil fest (siehe                10). Dieser Indikator fällt unter anderem deswegen etwas
      Tabelle). Die US-Notenbank Fed normalisiert die Geldpolitik               schwächer als die Arbeitslosenrate aus, weil er im Gegensatz
      weiter und beabsichtigt sogar, noch in diesem Jahr ihre An-               zur Arbeitslosenrate auch Personen im arbeitsfähigen Alter
      leihenbestände abzubauen (siehe auch Rubrik Anleihen,                     berücksichtigt, die sich nach vielen Absagen nicht mehr ak-
      Seite 14). Dies deutet darauf hin, dass die amerikanischen                tiv auf Stellensuche befinden.
      Währungshüter eher von einer steigenden Inflation ausge-
      hen, obschon die Teuerungsrate jüngst etwas zurückge-                     Eurozone wieder prosperierend und politisch stabiler
      kommen ist (siehe Marktkommentar, Seite 6). Auch wir                      Das Wachstum der Eurozone im ersten Quartal hat die Er-
      rechnen in Anbetracht der hohen Auslastung am Arbeits-                    wartungen etwas übertroffen und dürfte auch im restlichen
      markt mit einem Wiederanstieg der Lohn- und Preisinflation                Jahr kaum an Schwung verlieren. Unsere momentane Er-
      in den nächsten Monaten. Dieser dürfte allerdings gemäch-                 wartung einer Wachstumsrate von 1.8 Prozent beim Brut-
      lich ausfallen und das Fed folglich nicht zu schnelleren Zins-            toinlandprodukt für 2017 und von 1.6 Prozent bei der Ge-
      schritten zwingen (siehe auch Makro Highlights, Seite 12).                samtteuerung (siehe Tabelle) entspricht unserem positiven
           Ein weiterer Grund für die wohl eher langsame Gangart                Szenario vom Dezember. Insgesamt dürfte ein weiterhin
      der US-Notenbank liegt darin, dass der US-Arbeitsmarkt                    voranschreitender Rückgang der Arbeitslosigkeit das Lohn-
      noch nicht so stark angespannt ist, wie es auf den ersten                 wachstum sanft erhöhen. Demgegenüber sind die Anlei-
      Blick scheint. Die bereits unter das Niveau von vor der Fi-               henrenditen in der Eurozone (gemessen an den zehnjähri-

                                                                                                                                        Investors’ Outlook – Juli/August      9
Spezialthema

gen deutschen Bundesanleihen) mit 0.3 Prozent eher im                                      der Europäischen Zentralbank (EZB) unterstützt werden.
Stagflations- als im Reflationsszenario gefangen. Dies unter                               Aufgrund der starken Wirtschaft und der etwas anziehen-
anderem aufgrund der Verlängerung des Anleihekaufpro-                                      den Inflation dürfte die EZB zwar im Herbst eine schrittweise
gramms der Europäischen Zentralbank (EZB). Dieser Impuls                                   Reduktion ihres Anleihenkaufprogramms kommunizieren,
dürfte sich aber gegen den Herbst hin umkehren, da die EZB                                 doch sollte sie mit ihrer vorsichtigen Geldpolitik damit die
dann eine weitere Drosselung des Anleihenkaufprogamms                                      robust laufende Wirtschaft nicht abwürgen. Unterstützung
ankündigen dürfte. Ebenso haben die ausgebliebenen                                         kommt für die Ökonomie auch von anderer Stelle, beispiels-
Wachstumsimpulse der US-Regierung und die dadurch nied-                                    weise von den tendenziell steigenden Ausgaben der meis-
rigeren Anleihenrenditen in den USA zusätzlich zu niedrige-                                ten Regierungen der Eurozone und vom investitionsför-
ren Renditen in der Eurozone beigetragen.                                                  dernden «Juncker-Plan», benannt nach dem EU-Kommissi-
      Etwas überrascht haben uns das steigende Konsumen-                                   onspräsidenten Jean-Claude Juncker. Eine Sorge stellen
tenvertrauen und die anziehenden Detailhandelsverkäufe                                     nach wie vor die faulen Kredite in Europa dar. Falls diese
(siehe Grafik 2). Angesichts der Unsicherheit im Vorfeld der                               abgebaut würden, allen voran in Italien und Spanien, sähe
Urnengänge in den Niederlanden und Frankreich konnte                                       die Situation für die Banken der Eurozone noch deutlich
dies nicht erwartet werden. Offenbar zeigten sich die Kon-                                 besser aus. Voraussetzung hierfür ist jedoch eine weiterge-
sumenten aber relativ unbeeindruckt oder ignorierten die                                   hende Bereinigung im krisengeschüttelten Bankensektor
politische Unsicherheit sogar. Die EU- und Euro-freundli-                                  beider Länder.
chen Wahlresultate, von denen wir auch in unserem Refla-
tionsszenario ausgingen, haben seither den Ausblick für das
laufende Jahr deutlich stabilisiert. Hierzu trägt bei, dass die
ehemals aufstrebende EU- und Euro-feindliche Partei «Al-
                                                                                           In Europa haben sich
ternative für Deutschland (AFD)» in den Umfragen deutlich
unter die Marke von 10 Prozent gefallen ist. Dies schmälert
                                                                                           die Konsumenten
das Risiko für grössere Umwälzungen in der deutschen Po-
litik und reduziert damit die politische Unsicherheit in der
                                                                                           gegen die politische
Europäischen Währungsunion (EWU) und der EU weiter.
Zugleich haben die Brexit-Verhandlungen (noch) keinen                                      Unsicherheit
                                                                                           weitgehend immun
Schatten auf die europäische Wirtschaft geworfen. Der be-
vorstehende Austritt Grossbritanniens aus der Union scheint
die anderen EU-Länder gegenwärtig sogar eher zu einen als
zu entzweien. Dies war auch unsere Erwartung im wachs-
tumsstarken Szenario. Eine gewisse Gefahr aus politischer
                                                                                           gezeigt.
Sicht geht aber weiterhin von Italien aus. Ein Erfolg euro-
skeptischer Parteien an den bis spätestens im Mai 2018                                     Japans Inflation hinkt der Konjunktur hinterher
stattfindenden Parlamentswahlen könnte über Italien hin-                                   Ähnlich wie in der Eurozone hat die Wirtschaft auch in Ja-
aus für Turbulenzen sorgen.                                                                pan etwas stärker als erwartet zugelegt und dürfte 2017 um
      Auch für den Rest des Jahres dürften Wachstum und                                    rund 1.2 Prozent wachsen, was sich im Rahmen unseres Re-
Inflation weiterhin von der extrem expansiven Geldpolitik                                  flationsszenarios bewegt. Die momentane Entwicklung der

  Grafik 1: US-Beschäftigungsquote zwar deutlich erholt,                                    Grafik 2: Wachstum der Detailhandelsverkäufe dürfte
            aber noch nicht auf Vorkrisenniveau                                                       in der Eurozone weiter hoch bleiben

  In Prozent                                                In Prozent (Jahresvergleich)    In Prozent                                                                         In Prozent (Jahresvergleich)
  80                                                                                4.0     15                                                                                                                      4.0
                                                                                                                                                                                                                    3.0
                                                                                            10
  79                                                                                                                                                                                                                2.0
                                                                                    3.5
                                                                                             5                                                                                                                      1.0
  78                                                                                                                                                                                                                0.0
                                                                                             0
                                                                                    3.0                                                                                                                            -1.0
  77                                                                                         -5                                                                                                                    -2.0
                                                                                                                                                                                                                   -3.0
                                                                                    2.5     -10
                                                                                                                                                                                                                   -4.0
  76
                                                                                            -15                                                                                                                    -5.0
                                                                                    2.0                                                                                                                            -6.0
  75                                                                                        -20
                                                                                                                                                                                                                   -7.0
                                                                                            -25                                                                                                                    -8.0
  74                                                                                1.5
                                                                                              Mär 05

                                                                                                       Mär 06

                                                                                                                Mär 07

                                                                                                                         Mär 08

                                                                                                                                  Mär 09

                                                                                                                                           Mär 10

                                                                                                                                                    Mär 11

                                                                                                                                                             Mär 12

                                                                                                                                                                      Mär 13

                                                                                                                                                                               Mär 14

                                                                                                                                                                                        Mär 15

                                                                                                                                                                                                 Mär 16

                                                                                                                                                                                                          Mär 17

   2008      2009      2010      2011        2012   2013   2014   2015      2016

            Beschäftigungsquote (Altersgruppe 25 bis 54 Jahre)
            Durchschnittsstundenlohn Privatindustrie                                                     Konsumentenvertrauen Eurozone (mittelwertbereinigt, linke Skala)
            (geglättet, rechte Skala)                                                                    Detailhandelsverkäufe Eurozone (rechte Skala)

  Quelle: Bureau of Labor Statistics, Thomson Reuters Datastream,
  Vontobel Asset Management                                                                 Quelle: Eurostat, Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management

10   Investors’ Outlook – Juli/August 2017
Inflation liegt im Land der aufgehenden Sonne hingegen                                 setzten, dass dem so bleibt. Zwar dürfte es in Chinas Füh-
genau in der Mitte zwischen unseren Szenarien. Dass die                                rungsriege zu Veränderungen kommen, doch sollten diese
Teuerung der robusten Wirtschaft hinterherhinkt, hat drei-                             aus unserer Sicht ohne grosse Spannungen vonstatten ge-
erlei Gründe. Trotz des weiterhin offiziellen Ziels der japani-                        hen. Viel hängt nun davon ab, wie sich die Situation in
schen Zentralbank (BoJ), über 80 Billionen Yen (momentan                               Nordkorea und im Südchinesischen Meer entwickelt. Im
umgerechnet etwa 725 Milliarden US-Dollar) pro Jahr in die                             schlimmsten Fall eines bewaffneten Konflikts dürften der
Finanzmärkte zu pumpen, musste BoJ-Chef Haruhiko Kuro-                                 globale Handel und damit die Gesamtwirtschaft massiven
da im Frühjahr zugeben, dass sich dieser Betrag auf jährlich                           Schaden nehmen. Momentan sehen wir aber noch keine
50 bis 60 Billionen Yen verringert hat (siehe Grafik 3). Dies                          Anzeichen für die Zuspitzung der Lage.
aufgrund der neuen Ausrichtung der Geldpolitik der BoJ, die
sich vor allem mit gezielten Anleihenkäufen auf die Kontrol-
le der Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen konzen-
triert. Allerdings sind die Möglichkeiten Kurodas beschränkt,
solange die Zinsen weltweit nicht wieder ansteigen. Ohne
den Aufwärtsdruck, der von globalen Renditeerhöhungen
ausginge, kann die BoJ nicht recht intervenieren. Solange
die BoJ an ihrer Zinskurvenkontrolle festhält, wird auch un-
sere Prognose einer konstanten Nullrendite japanischer
Staatsanleihen korrekt bleiben. Ein weiterer Grund für die
träge Inflation ist der Umstand, dass bedeutende zusätzli-
che fiskalische Impulse der japanischen Regierung bisher
ausgeblieben sind. Am schwersten wiegt jedoch, dass in Ja-
pan faktisch kein Arbeitsmarkt besteht (siehe auch Makro
Highlights, Seite 12). Daher kommt auch bei sehr geringer
Arbeitslosigkeit kaum Lohndruck auf.

China und aufstrebende Länder erfüllen Erwartungen
China – und die Schwellenländer insgesamt – haben sich im
Grossen und Ganzen entsprechend unserem Reflationssze-
nario entwickelt. Die kommunistische Führung in Peking
hat es bisher geschafft, das Wachstum konstant auf hohem
Niveau zu halten und dabei ein Platzen der Preisblasen, die

                                                                                                                                                                      Foto: IStockphoto
insbesondere den Häuser- und Wohnungsmarkt in den so-
genannten Tier-1-Städten bedrohen, zu verhindern (siehe
Grafik 4, auch Rubrik Makro Highlights, Seite 12). Ebenso
ist kein substantieller Anstieg von Zahlungsausfällen zu ver-
zeichnen. Vor dem nur alle fünf Jahre stattfindenden Partei-
tag im Oktober wird die Führung wohl auch alles daran                                  China: Ausblick stabil trotz Sorgen um Hauspreise (im Bild: Schanghai).

 Grafik 3: Ausmass der Obligationenkäufe                                                Grafik 4: Gefahr durch übermässig steigende
           in Japan nimmt ab                                                                      Häuserpreise scheint in China gebannt

 In Tausend Milliarden japanischer Yen                                                  In Prozent (Jahresvergleich)
 100                                                                                    35
                                                                                        30
  80                                                                                    25
                                                                                        20
  60                                                                                    15
                                                                                        10
  40
                                                                                         5
                                                                                         0
  20
                                                                                         -5
                                                                                        -10
   0
                                                                                              2008   2009    2010      2011   2012   2013    2014     2015     2016                2017

 -20                                                                                             Preise von Wohnimmobilien in China
       Mai 10   Mai 11    Mai 12     Mai 13   Mai 14    Mai 15    Mai 16 Mai 17
                                                                                                 Häuserpreise der wichtigsten chinesischen Städte («Tier 1»)

           Wertpapierkäufe der Bank of Japan                                                     Häuserpreise der zweitwichtigsten chinesischen Städte («Tier 2»)
           (Dreimonatsdurchschnitt der annualisierten Käufe, Approximation)                      Häuserpreise der übrigen Städte

 Quelle: Bank von Japan (BoJ), Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management    Quelle: Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management

                                                                                                                                            Investors’ Outlook – Juli/August              11
Makro Highlights

In China grassiert seit einiger Zeit die Angst vor Blasenbildung – aber nur in Bezug auf die Preise privater und gewerblicher Immobilien.

Von US-Mieten, europäischen Lohnrunden
und chinesischen Preisblasen
Dr. Reto Cueni, Senior Economist
Dr. Sven Schubert, Specialist Investment Strategy Currencies
Dr. Ralf Wiedenmann, Leiter Economic Research

In den USA stehen die Zeichen auf Normalisierung der                         Schweiz und Eurozone: Kerninflation sollte weiter anziehen
Geldpolitik. Einen solchen Kurs dürften später auch andere                   In der Schweiz hat die Kernteuerung jüngst die Nulllinie nach
Notenbanken einschlagen. Ob und wie es dazu kommt,                           oben durchbrochen. Da wir damit rechnen, dass sich der
hängt von der Inflationsentwicklung ab.                                      Schweizer Franken gegenüber dem Euro etwas abschwächt,
                                                                             sehen wir einen weiteren Anstieg der Kerninflation. Hierzu
Seit Januar ist die US-Kernteuerung, sprich der Preisanstieg                 trägt auch der robuste Arbeitsmarkt bei.
unter Ausklammerung von Energie und Nahrungsmitteln, von
2.3 Prozent auf 1.7 Prozent gesunken. Wir rechnen aber da-                   Auch in der Eurozone ist bei der Kernteuerung ein Aufwärts-
mit, dass die Kernteuerung wieder in Richtung 2 Prozent ten-                 trend absehbar. Wir erwarten hier ein gemächliches Anzie-
diert. Zwar weisen die Mieten (42 Prozent Gewicht) auf eine                  hen der Löhne im Zuge der rückläufigen Arbeitslosigkeit.
Stabilisierung der Mietpreisinflation auf hohem Niveau hin                   Dieser auch als Phillips-Kurve bekannte Zusammenhang.
(siehe Grafik 1). Sie folgen dem Leerwohnungsbestand, der                    dürfte im laufenden Jahr zwar erst wenig zum Tragen kom-
2009 mit 11 Prozent sein Maximum erreichte hatte und inzwi-                  men, dafür tendenziell 2018. Dies lässt uns für Ende 2017
schen auf 7 Prozent gesunken ist. Seit dem vierten Quartal                   und insbesondere für die Lohnrunden im Folgejahr mehr
2014 bewegt sich die Leerstandsquote seitwärts. Andere Fak-                  Lohndruck und damit eine höhere Kerninflation erwarten
toren sprechen dagegen für einen künftigen Anstieg der Kern-                 (siehe Grafik 2). In Japan ist hingegen kein Anziehen der
inflation. Angesichts der stetig steigenden Auslastung des Ar-               Preise auszumachen. Das Problem der kaum vorhandenen
beitsmarktes und damit der tendenziell anziehenden Löhne                     Kernteuerung geht vor allem darauf zurück, dass faktisch
dürften die Unternehmen versuchen, die Preise anzuheben.                     kein Arbeitsmarkt existiert (siehe auch Spezialthema ab Seite

12   Investors’ Outlook – Juli/August 2017
Grafik 1: Mieten in den USA dürften sich auf hohem
                                                                                    Niveau stabilisieren
                                                                          In Prozent                                                      In Prozent (Jahresvergleich)
                                                                           6                                                                                               5

                                                                           7                                                                                               4

                                                                           8                                                                                               3

                                                                           9                                                                                               2

                                                                          10                                                                                               1

                                                                          11                                                                                               0

                                                                          12                                                                                           -1
                                                                          2000       2002        2004    2006      2008     2010    2012      2014      2016      2018

                                                                                     Leerstandsquote (ein Jahr Vorlauf, invertiert)
                                                                                     Mietpreisinflation (rechte Skala)

                                                                          Quelle: US Census Bureau, Bureau of Labor Statistics, Thomson Reuters Datastream,
                                                                          Vontobel Asset Management

                                                                          Grafik 2: Phillips-Kurve: Tiefe Arbeitslosigkeit sollte
                                                                                    mittelfristig höherer Inflation bewirken
                                                     Foto: Shutterstock

                                                                          Lohnwachstum Eurozone (Jahresvergleich pro Quartal, in Prozent)
                                                                          4.5
                                                                                                   Dez 08
                                                                          4.0

                                                                          3.5

                                                                          3.0
                                                                                                                                      Dez 11             Dez 12
                                                                                Dez 07
                                                                          2.5
                                                                                                   Jan 06                                      Jun 15
                                                                                                                   Dez 09
                                                                          2.0
8). Typischerweise «binden» sich japanische Arbeitnehmer                                                 Dez 10
                                                                                                                                      Dez 15
                                                                          1.5
an eine Firma, die ihnen im Gegenzug einen lebenslängli-                                                  Mrz 17                      Dez 14
                                                                          1.0
chen Arbeitsplatz verspricht. Sie werden fast ausschliesslich                                                                       Mrz 16              Dez 13
                                                                                                                   Dez 16
nach einem strengen Senioritätsprinzip entlohnt. Lohnstei-                0.5
                                                                                                                                    Jun 16
gerungen sind deshalb im Durchschnitt konstant und Lohn-                  0.0
                                                                               6.0        7.0           8.0         9.0       10.0        11.0           12.0       13.0
druck kommt nicht auf.                                                                                  Arbeitslosenrate Eurozone (in Prozent)

                                                                                       Zusammenhang Arbeitslosenrate/Lohnwachstum (Regressionsgerade)
China hat andere Probleme                                                            Erstes Quartal 2006 bis erstes Quartal 2017
Das Reich der Mitte hat ganz andere Inflationsprobleme.                              Aktueller Wert (Ende erstes Quartal 2017)

Hier versucht der Staat seit längerer Zeit, die boomende Bau-
                                                                          Quelle: Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management
konjunktur abzukühlen, indem er beispielsweise Refinanzie-
rungsmöglichkeiten für Bauträger deutlich kürzt. Die An-
strengungen scheinen sich auszuzahlen. Auch wenn die Prei-                Grafik 3: Rückläufige chinesische Investitionen,
se von privaten und gewerblichen Immobilien immer noch                              jedoch solider Konsum
mit einer Jahresrate von knapp über 10 Prozent wachsen, so                In Prozent (Jahresvergleich)                                    In Prozent (Jahresvergleich)

ist doch eine Verlangsamung auszumachen (siehe auch Spe-                  14                                                                                           20

zialthema ab Seite 8).                                                    12                                                                                           18

     Abgesehen davon hat die chinesische Wirtschaft in der                10                                                                                           16
ersten Jahreshälfte positiv überrascht. Nach einem Wachs-
                                                                           8                                                                                           14
tum von 6.7 Prozent über das ganze Jahr 2016 und 6.8 Pro-
                                                                           6                                                                                           12
zent im vierten Quartal 2016 dürfte nun im ersten Halbjahr
2017 eine Beschleunigung auf 6.9 Prozent verzeichnet wor-                  4                                                                                           10

den sein. Dies ist umso bemerkenswerter, als die chinesische               2                                                                                               8

Zentralbank vergangenen Herbst begonnen hatte, die Kre-                   0                                                                                                6
ditkosten im Interbankenmarkt zu straffen. Zwar dürfte sich               01/14          07/14      01/15       07/15       01/16       07/16        01/17

die chinesische Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte etwas                         Einzelhandelsverkäufe
abschwächen, jedoch nur moderat – schon nur aus politi-                              Industrieproduktion
                                                                                     Investitionen (rechte Skala)
schen Gründen: Schlechte Wirtschaftsnachrichten vor dem
Kongress der kommunistischen Partei im Oktober wären äu-
                                                                          Quelle: Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management
sserst unerwünscht.

                                                                                                                                     Investors’ Outlook – Juli/August      13
Anleihen

Bei Staatsanleihen sind Schwellenländer
attraktiver als Industrieländer
Dr. Ralf Wiedenmann
Leiter Economic Research

In den Vereinigten Staaten stehen die Zeichen immer deut-                               Ölpreis für Lokalwährungsanleihen wichtig
licher auf eine Normalisierung der Geldpolitik. Allerdings                              Über einen deutlichen Renditevorsprung verfügen hingegen
dürften die Renditen von Staatsanleihen insgesamt nur                                   Schwellenländeranleihen in Lokalwährungen: Sie weisen
langsam steigen. Dies untermauert unsere Empfehlung,                                    derzeit eine Rendite von mehr als 6 Prozent auf (siehe Grafik
solche Papiere zu meiden. Anleger tun aus unserer Sicht gut                             2). Der Renditeabstand zwischen Industrie- und Schwellen-
daran, stattdessen auf Schwellenländerobligationen in Lo-                               länderpapieren hat sich in den vergangenen Monaten insge-
kalwährungen zu setzen – trotz höheren Risiken.                                         samt verringert, was zu einer Outperformance der Schwel-
                                                                                        lenländerobligationen gegenüber den Industrieländerpen-
An ihrer jüngsten Sitzung hat die amerikanische Notenbank                               dants in jeweiliger Währung beigetragen hat. Natürlich gilt
den Leitzins erhöht und ihre Absicht bekundet, mit dem Ab-                              es wie bei allen Fremdwährungsengagements, die Wäh-
bau ihrer Anleihenpositionen noch in diesem Jahr zu starten                             rungsentwicklung im Auge zu behalten. Ein weiterer Rück-
(siehe Grafik 1). Die Mitglieder des Entscheidungsgremiums                              gang des Erdölpreises könnte den Schwellenländerwährun-
finden es des Weiteren für angemessen, die Leitzinsen über                              gen ebenso schaden wie ein starker Zinsanstieg in den USA
die nächsten zweieinhalb Jahre nur schrittweise zu erhöhen.                             (wie 2013). Wir rechnen aber nicht damit, dass diese Szena-
In Europa ist ein Leitzinsanstieg noch in weiter Ferne. Wir                             rien über die nächsten Monate eintreten.
rechnen damit, dass die Europäische Zentralbank im Herbst                                    Ausserdem haben sich die Leistungsbilanzen der
ankündigt, dass sie ihre Anleihenkäufe zurückfahren wird                                Schwellenländer verbessert, und die Währungen sind ge-
und möglicherweise einen Fahrplan bekanntgibt. Die Straf-                               messen an der Kaufkraftparität günstig bewertet. Zudem
fung der Geldpolitik in Japan dürfte noch viel länger dauern.                           rechnen wir für die aufstrebenden Volkswirtschaften insge-
     In einem solchen Umfeld dürften die Renditen für Staats-                           samt mit einer leichten Konjunkturbeschleunigung bei sta-
obligationen nur moderat ansteigen. Aus unserer Sicht sind                              biler Inflation. Alle drei Faktoren vermindern die Anfälligkeit
deshalb vor allem die europäischen und japanischen Staats-                              der Währungen auf Schocks.
papiere mit ihren immer noch äusserst niedrigen Renditen                                     Wir halten deshalb in unseren Musterportfolios an einer
für Anleger unattraktiv. Eine einigermassen erfreuliche Ren-                            leichten «Übergewichtung» von Schwellenländerobligatio-
dite von rund 2.7 Prozent bieten im Bereich Staatsobligatio-                            nen in Lokalwährung fest (siehe auch Währungen, Seite
nen lediglich US-Treasuries mit 30-jähriger Laufzeit. Wir ha-                           17). Dies hat uns aber nicht davon abgehalten, im Segment
ben in diesem Segment unsere Positionen denn auch Mitte                                 Lokalwährungsanleihen Gewinne mitzunehmen und die
Mai aufgestockt.                                                                        Position leicht zu verringern.

  Grafik 1: US-Notenbank zeichnet den Weg zur                                            Grafik 2: Renditen von Schwellenländeranleihen
            Verkürzung der Bilanz vor                                                              schlagen jene der Industrieländer deutlich

  In Milliarden US-Dollar                                                                Rendite in Prozent
  5000                                                                                   8
          QE1     QE2       QE3 Tapering              Voraussichtliche Verringerung
                    Operation                               der Bilanzsumme              6
  4000
                      Twist

  3000                                                                                   4

  2000                                                                                   2

                                                                                         0
  1000

                                                                                         -2
      0
                                                                                              2010      2011       2012       2013          2014    2015   2016
           2010        2012       2014       2016   2018     2020       2022
                                                                                                 «Emerging Markets»-Lokalwährungsanleihen:
               Von der US-Zentralbank gehaltene Wertschriften                                    (Rendite des Anleihenindexes GBI-EM Diversified von JPMorgan)
               QE 1 bis 3 und «Operation Twist»: ausserordentliche                               US-Staatsanleihen (zehnjährige Laufzeit)
               (Liquiditäts-)Massnahmen
                                                                                                 Deutsche Staatsanleihen (zehnjährige Laufzeit)
               «Tapering»: Fed reduziert monatliche Anleihenkäufe                                Schweizerische Staatsanleihen (zehnjährige Laufzeit)

  Quelle: U.S. Federal Reserve, Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management    Quelle: JP Morgan, Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management

14   Investors’ Outlook – Juli/August 2017
Aktien

Niedrige Inflation als Kurstreiber für
sogenannte defensive Aktien
Andreas Nigg, CFA
Leiter Equity & Commodity Strategy

Wachsen die Gewinne der Unternehmen, ist dies in der                                     verse Korrelation (siehe Grafik 1)? Hierzu muss man einen
Regel gut für die Aktien. Doch es gibt auch andere Kurs-                                 Blick auf die Finanzkennzahlen werfen. Defensive Unterneh-
treiber. Jüngst haben insbesondere Aktien aus sogenann-                                  men verfügen in der Regel über stabile und vorhersehbare
ten defensiven Sektoren von einer niedrigen Inflation pro-                               Cashflows. Diskontiert man die künftig erwarteten Geldfüsse
fitiert. Doch die Ruhe könnte trügen, die Volatilität wird                               ab, fällt deren Gegenwartswert umso höher aus, je niedriger
kaum so tief bleiben.                                                                    der Zins ist. Entsprechend hoch ist gegenwärtig das Kurs-Ge-
                                                                                         winn-Verhältnis solcher Aktien. Ein höherer Wert wurde nur
Eine anziehende Konjunktur und die Entwicklung der Unter-                                1998 verzeichnet (siehe Grafik 2). Als Beispiel kann das Nah-
nehmensgewinne gehen vielfach Hand in Hand. Insofern er-                                 rungsmittelunternehmen Nestlé dienen, dessen Titel seit ge-
staunt es nicht, dass das global wieder etwas robustere Wirt-                            raumer Zeit deutlich vom Tiefzinsumfeld profitieren.
schaftswachstum die Aktien beflügelt, seit einiger Zeit auch
in Europa. Einzig in den USA hinkt die Wirtschaftsentwick-                               Risiken in der zweiten Jahreshälfte
lung den Erwartungen hinterher, was auch auf die zu opti-                                Eine Garantie auf weiterhin günstige Voraussetzungen für
mistischen Annahmen der Ökonomen nach der Wahl von                                       die Aktienbörsen gibt es natürlich nicht. Auf politischer Ebe-
US- Präsident Donald Trump zurückzuführen ist. Die gute                                  ne besteht Unsicherheit über den Ausgang der Parlaments-
Performance gewisser zyklischer Sektoren und von soge-                                   wahlen in Italien, die bis zum Mai 2018 durchgeführt wer-
nannten Wachstumstitel aus dem Technologiesektor passen                                  den müssen. Gewinnen euroskeptische Parteien, dürften
gut ins Bild einer besseren globalen Wirtschaftsdynamik.                                 europäische Aktienkurse unter Druck kommen. Des Weite-
                                                                                         ren spielt der Ölpreis eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ein
Höherer Gegenwartswert künftiger Cashflows                                               weiteres Abgleiten der Notierungen wäre möglicherweise
Doch es ist nicht nur die Gewinndynamik, die die Aktienkurse                             für US-Energiefirmen ein Warnsignal. Kämen diese unter
bestimmt. Für sogenannte defensive Unternehmen wie Nah-                                  Druck, könnte dies auch den von ihnen genutzten Markt für
rungsmittel und Pharmafirmen, deren Geschäftsverlauf                                     Hochzinsanleihen belasten. Solche Turbulenzen könnten in
kaum von der Wirtschaftsentwicklung abhängt, spielen Zin-                                der Folge auch auf die Aktienmärkte übergreifen, wie dies
sen eine entscheidende Rolle. Tendieren diese nach unten –                               Anfang 2016 bereits einmal geschehen ist. Unabhängig da-
angesichts des jüngsten unerwarteten Preisverfalls des Erdöls                            von entwickeln sich die Börsen im Herbst oft schwächer. Zu-
ist dies gegenwärtig der Fall – werden solche Aktien aus An-                             dem ist die Investorenstimmung gegenwärtig (zu) positiv,
legersicht in der Regel attraktiver. Weshalb besteht diese in-                           was die Gefahr von Rückschlägen erhöht.

 Grafik 1: Niedrige Zinsen beflügeln sogenannte                                           Grafik 2: Aktien von «defensiven» Unternehmen
           defensive Sektoren                                                                       sind teuer bewertet

 Relative Performance in Prozent                                       Zins in Prozent    Kurs-Gewinn Verhältnis (KGV)
 2.6                                                                              1.0     30
                                                                                  1.5     28
 2.4
                                                                                  2.0     26
 2.2
                                                                                  2.5     24
 2.0                                                                              3.0     22

                                                                                  3.5     20
 1.8
                                                                                  4.0     18
 1.6
                                                                                  4.5     16
 1.4                                                                              5.0     14

                                                                                  5.5     12
 1.2
          2004     2006       2008      2010      2012      2014       2016               10
                                                                                            87   89   91   93    95      99    01   03   05    07     09     11    13      15 17
          Aktien von Nahrungsmittel- und Getränkeindustrieunternehmen
          verglichen mit dem MSCI-Welt-Index                                                      KGV von globalen Nahrungsmittel- und Getränkeindustrieaktien
          Zins zehnjähriger US-Staatsanleihen (rechte Skala, invertiert)                          Langfristiger Durchschnitt

 Quelle: Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management                            Quelle: Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management

                                                                                                                                              Investors’ Outlook – Juli/August      15
Rohstoffe

Weshalb der Erdölpreis fällt und wo sich
der Schlüssel zur Wende befindet
Stefan Eppenberger, CFA
Investment & Commodity Strategist

Am «schwarzen Gold» hängt ein grosser Teil der Weltwirt-                                 Kernproblem. Unseres Erachtens sollte das starke Konsum-
schaft. Heftige Preisbewegungen, wie sie momentan zu be-                                 wachstum dieses Jahr zwar das Produktionsplus übersteigen
obachten sind, können deshalb globale Folgen haben. Ent-                                 und die Ölbestände absenken. Im nächsten Jahr wird dieser
gegen unseren Prognosen haben sich die Ölnotierungen                                     Effekt allerdings ausbleiben (siehe Grafik 2). Zum einen ist
nicht erholt. Grund hierfür sind die anhaltend hohen Lager-                              die Schieferölproduktion in den USA wieder angesprungen,
bestände und die längerfristigen Entwicklungen bei Ange-                                 zum anderen erhöht sich das Erdölangebot aus anderen erd-
bot und Nachfrage. Angesichts der jüngsten Preisschwäche                                 ölfördernden Regionen. Grund hierfür sind die bereits vor
und der latenten Unsicherheit haben wir unsere «Überge-                                  dem Einbruch der Ölpreise im Jahr 2014/2015 begonnenen
wichtung» von Rohstoffen aufgegeben.                                                     Projekte in Staaten ausserhalb der Opec, die 2018 abge-
                                                                                         schlossen werden (siehe Investors‘ Outlook vom Mai 2017).
Der deutliche Rückgang der Notierungen unter das Niveau                                  Mehr Öl wird primär in der Nordsee, in Kasachstan und in
von 50 US-Dollar pro Fass ist umso erstaunlicher, als die gros-                          Brasilien gefördert werden.
sen Fördernationen den Preis zu stabilisieren versuchen. Die
Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und Nicht-                                Wie wird die Opec auf den Preisverfall reagieren?
Opec-Mitglieder wie Russland haben am 25. Mai beschlos-                                  Die erhoffte Preisstabilisierung hängt massgeblich von der
sen, bestehende Beschränkungen der Fördermengen zu ver-                                  Reaktion der Opec ab. Möglich erscheint eine erneute Ver-
längern. Allerdings ist diese Massnahme zur Preisstützung                                längerung oder eine Verschärfung der Produktionskürzun-
gründlich misslungen. Bereits am Tag der Bekanntgabe fiel                                gen (siehe Investors‘ Outlook vom Juni 2017). Allerdings
der Preis für ein Fass der Marke Brent um gut 3 US-Dollar. Im                            könnte die Opec ihre Taktik auch ändern und einen neuen
Juni erfolgte dann ein noch stärkerer Preisverfall aufgrund                              «Angriff auf das US-Schieferöl» starten. Vor einiger Zeit hat-
von Daten, die auf einen hartnäckig hohen Lagerbestand von                               ten die grossen Fördernationen bereits einmal versucht, über
Erdöl und Benzin in der Vereinigten Staaten hinwiesen. Sofort                            Fördererhöhungen die Ölpreise so weit nach unten zu drü-
kamen Sorgen auf, dass der Abbau der Öllager global ins                                  cken, bis die US-Schieferölfirmen aus dem Markt gedrängt
Stocken geraten könnte. Dies liess die Erdölpreise auf ein Ni-                           würden. Zwar ging die Rechnung damals nicht auf. Dennoch
veau von bis zu 45 US-Dollar pro Fass sinken (siehe Grafik 1).                           besteht die Möglichkeit eines erneuten Preiskriegs, weshalb
                                                                                         wir Rohstoffen gegenüber nur noch eine neutrale Haltung
Nächstes Jahr wird mehr gefördert                                                        einnehmen. Gleichzeitig haben wir unser langfristiges Preis-
Der stockende Abbau der Lagerbestände ist jedoch nicht das                               ziel für Erdöl auf 50 von 60 US-Dollar gesenkt.

  Grafik 1: Die Opec kämpft vorerst vergebens                                             Grafik 2: Erdölangebot dürfte in den nächsten
            für einen höheren Ölpreis                                                               Quartalen kontinuierlich steigen

  In US-Dollar                                                                            In Millionen Fass pro Tag
  58                                                                                      102
                       Opec-Beschluss über die Verlängerung
                                    von Ölförderkürzungen
  56
                                                                                          100
  54                                                                                                                                                               nd
                                                                                                                                                               Tre
  52                                                                                       98
                                                                                                                                                     Vontobel-Prognose
  50                                                                                                                  Trend
                                                                                           96
  48

  46                                                                                       94

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                                                                                           92
  42
  22.03.17     06.04.17     21.04.17         06.05.17   21.05.17   05.06.17   20.06.17     90
                                                                                           Dez 13          Dez 14       Dez 15         Dez 16        Dez 17          Dez 18
             Preis der Erdölsorte Brent in US-Dollar pro Fass
             Preis der Erdölsorte WTI in US-Dollar pro Fass                                         Jährliches globales Angebot an Rohöl

                                                                                          Quelle: Energy Information Administration, Thomson Reuters Datastream,
  Quelle: Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management                           Vontobel Asset Management

16   Investors’ Outlook – Juli/August 2017
Währungen

Mario Draghi treibt auch
die schwedische Krone nach oben
Dr. Sven Schubert
Specialist Investment Strategy Currencies

EZB-Chef Mario Draghi hat sich jüngst zuversichtlich hin-                           gen dürften, könnten aufwerten. Die Schweizerische Natio-
sichtlich einer nachhaltigen Konjunkturerholung gezeigt.                            nalbank dürfte hingegen mit einer Normalisierung der Geld-
Dies nährt die Hoffnung auf eine «normalere» Geldpolitik                            politik zuwarten, um der Frankenaufwertung die Spitze zu
in der Eurozone – gute Nachrichten für den Euro und andere                          brechen. Wir sehen in den kommenden Monaten einen An-
europäische Währungen wie die schwedische Krone.                                    stieg des Euro auf ein Niveau von rund 1.11 Franken.

Die wirtschaftlichen Fundamentaldaten in Schweden sind                              Britisches Pfund mit Potenzial, Risiken bleiben bestehen
aus unserer Sicht intakt und die Sveriges Riksbank (Noten-                          Im Anschluss an das Wahldebakel der Konservativen Partei in
bank) dürfte ihre extrem lockere Geldpolitik demnächst be-                          Grossbritannien ist Premierministerin Theresa May immerhin
enden. Der erwartete Auftrieb für die schwedische Krone hat                         die Bildung einer Minderheitenregierung gelungen. Trotz der
uns jüngst zu einer Aufstockung dieser Position veranlasst.                         bestehenden Unsicherheiten sind die Aussichten für eine Er-
Fast zeitgleich haben wir die Bestände in norwegischen Kro-                         holung des britischen Pfunds intakt. So ist die Bewertung
nen abgebaut. Dieser «Ölwährung» droht eine weitere Kor-                            günstig und das Leistungsbilanzdefizit des Landes hat sich
rektur, da die Konjunktur mit einer Verzögerung auf den ge-                         stabilisiert. Ausserdem mehren sich die Stimmen innerhalb der
genwärtigen Rückgang der Ölpreise reagieren dürfte.                                 Bank of England, die eine Zinserhöhung befürworten. Falls die
    Die mögliche Kursänderung in Schweden steht in engem                            Brexit-Gespräche mit Brüssel einvernehmlich verlaufen, wäre
Zusammenhang mit erwarteten Schritten der Europäischen                              dies jedoch der wichtigste positive Impuls für das Pfund.
Zentralbank (EZB). Deren Präsident Mario Draghi hat sich
auf dem Zentralbanktreffen im portugiesischen Sintra hin-                           Schwellenländerwährungen noch ohne «Ölsorgen»
sichtlich der Konjunkturaussichten der Eurozone recht opti-                         Die Ölnotierungen sind für den gesamten Devisenmarkt re-
mistisch gezeigt. Dies hat auch der schwedischen Krone ge-                          levant. Fiele das «schwarze Gold» unter die Marke von 40
holfen. Unsere Annahme, dass die EZB im September in Aus-                           US-Dollar pro Fass – was wir nicht glauben – wäre dies auch
sicht stellt, ab Anfang 2018 die monatlichen Anleihenkäufe                          für Schwellenländerwährungen ein Alarmsignal. Momentan
zu verringern, sehen wir bestätigt. Allein die Ankündigung                          bleiben deren Aussichten nach unserem Dafürhalten aber
dürfte die Eurozonen-Renditen anheben und die Vorausset-                            günstig. Trotz einer möglichen Konjunkturverlangsamung in
zung für eine nachhaltige Erholung des Euro schaffen (dies                          China in den kommenden Monaten gehen wir für 2017 von
suggeriert auch Grafik 2). Auch die Währungen Polens,                               einer moderaten Erholung der Wirtschaft in den Schwellen-
Tschechiens und Ungarns, deren Notenbanken der EZB fol-                             ländern aus.

 Grafik 1: Euro, Franken und schwedische Krone als 		                                Grafik 2: Wir sehen lediglich kurzfristig
           stärkste Währungen im Jahr 2017                                                     Rückschlagpotential für den Euro

 Veränderung gegenüber Schweizer Franken in Prozent seit Jahresanfang                US-Dollar per Euro
                                                                                     1.70
 -5.1                                                        US-Dollar
                                                                                     1.60
             -3.4                                            Kanadischer Dollar      1.50

               -3.1                                          Norwegische Krone       1.40

                                                                                     1.30
                        -1.8                                 Pfund Sterling
                                                                                     1.20
                            -1.3                             Japanischer Yen         1.10

                                                                                     1.00
                               -0.9                          Neuseeländ. Dollar
                                                                                       2008   2009    2010   2011 2012     2013    2014 2015        2016 2017         2018
                                   -0.5                      Australischer Dollar
                                                                                               Spotpreis          Kurzfristiger «fairer» Wert
                                      -0.3                   Schwedische Krone                 Prognose gemäss Modell

                                                       1.6   Euro                              Unser Finanzmarktmodell besteht aus Zinsdifferenzen, relativen
                                                                                               Aktienpreisen, Risikoprämien der Eurozone und einem Volatilitätsmass.

 Quelle: Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management                       Quelle: Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management

                                                                                                                                        Investors’ Outlook – Juli/August      17
Anlagen im Fokus

Zeit frisst Geld: Wie Sie Ihre Bareinlagen
vor Wertverlust schützen können
Lars Kalbreier, CFA
Chief Investment Officer Private Banking

                                                                                                                                                     Foto: IStockphoto

Ein gangbarer Weg für Investoren: Spezielle Fonds, die eine möglichst sichere Anlage überschüssiger Barmittel und eine moderate Rendite anstreben.

Seit Jahren laufen die Notenpressen der führenden Zentral-                 Seit einigen Jahren ist nicht Inflation das Problem, sondern
banken heiss. Der damit verbundene Fall vieler Zinsen un-                  eher Deflation. In jüngster Zeit scheint sich bei den Preisen
ter die Nulllinie hat für Anleger unangenehme Konsequen-                   jedoch da und dort ein Aufwärtstrend abzuzeichnen. Dass
zen. Bargeld wird praktisch nicht mehr verzinst und unter                  Sorgen über deflationäre Tendenzen nun langsam in den
dem Strich resultiert ein Wertverlust. Gleichzeitig steigt bei             Hintergrund treten, lässt sich beispielsweise an der Straffung
Anleihen das Zinsänderungsrisiko umso stärker, je kleiner                  der US-Geldpolitik absehen. Das Fed, die wichtigste
das Schreckensszenario einer Deflation wird. Einen Ausweg                  Zentralbank der Welt, hat im Juni die Zinsen zum vierten Mal
aus diesem Anlagenotstand können aus unserer Sicht aus-                    seit dem Ausbruch der Finanzkrise angehoben. Allerdings
gewählte Fonds bieten.                                                     gehen Janet Yellen und ihre Kollegen äusserst behutsam vor,

18   Investors’ Outlook – Juli/August 2017
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