Kommunikation in der Praxis 2017

Die Seite wird erstellt Georg-Thomas Menzel
 
WEITER LESEN
Kommunikation in der Praxis 2017
4. quartal    das magazin der

2017          kassenärztlichen
              bundesvereinigung

Kommunikation
in der Praxis
Warum es oft schwierig ist,
einfache Worte zu finden.

   Bürokratieindex 2017              Reportage               Interview mit Prof.
KBV fordert 25 Prozent weniger    Die Campus-Praxis der   Dabrock: „Der Ethikrat ist
Schreibtischarbeit für Ärzte      Universität Münster     kein Moralgerichtshof.“
Kommunikation in der Praxis 2017
Editorial

    KBV Klartext
    Das Magazin der Kassenärztlichen
    Bundesvereinigung

    Erscheinungsweise:                                                 Liebe Leserin, lieber Leser,
    vierteljährlich

    Herausgeber:                                                     sicher kennen Sie den Satz „Man kann nicht nicht kommu-
    Kassenärztliche Bundesvereinigung                                nizieren“. Die Frage ist also weniger ob, sondern wie wir
    Dr. Andreas Gassen (Vorstandsvor-
    sitzender der KBV, V.i.S.d.P.)                                   kommunizieren. Dies gilt ganz besonders in der Arzt-Patien-
                                                                     ten-Beziehung. Zeitmangel, Erwartungsdruck sowie Fehlin-
    Redaktion:
    Alexandra Bodemer, Meike Ackermann,                              formationen aus dem Internet machen es der „sprechenden
    Kristin Kahl, Nicolas Ebert, Sarah
    Weckerling, Sophia Bruderhofer,
                                                                     Medizin“ oft nicht leicht. Warum ein gutes Arzt-Patienten-
    Corina Glorius, Lea Kuhn                                         Gespräch so wichtig ist und wie es trotz widriger Rahmen-
    Redaktionsbeirat:
                                                   bedingungen gelingen kann, lesen Sie in unserem Titelthema (ab Seite 4).
    Dr. Roland Stahl

    Redaktionsanschrift:
                                                   Ein Grund, warum Ärzte in der Praxis zu wenig Zeit zum Reden haben, ist die
    Kassenärztliche Bundesvereinigung              Bürokratie. Diese ist im zu Ende gehenden Jahr sogar leicht gestiegen, wie der
    Redaktion Klartext
    Herbert-Lewin-Platz 2, 10623 Berlin            Bürokratieindex 2017 zeigt. Zwar gibt es auch Erfolge bei dem Versuch, Verwal-
    Tel.: 030 4005-2205                            tungsarbeit in der Praxis zu reduzieren, das Ziel ist jedoch noch lange nicht
    Fax: 030 4005-2290
    E-Mail: redaktion@kbv.de                       erreicht (ab Seite 10).
    www.kbv.de

    Gestaltung:                                    Das Ziel einer engeren Verzahnung von Lehre und Praxis in der Medizineraus-
    malzwei Grafikdesign, Berlin                   bildung wird immer wieder angemahnt. In Münster gibt es ein Modellprojekt,
    Druck:                                         das schon Erstsemestern die Arbeit mit echten Patienten ermöglicht. Mehr dazu
    Druckerei Kohlhammer, Stuttgart                lesen Sie in unserer Reportage (ab Seite 12).
    Fotos:
    Titel: © iStock.com/OstapenkoOlena > S.2:
    © Lopata/axentis.de > S.3: © Michael Zell-
                                                   Ende November hat der Deutsche Ethikrat eine umfangreiche Stellungnahme
    mer, © iStock.com/Eva Katalin Kondoros >       zum Thema Big Data und Gesundheit veröffentlicht. Darin hat er auch den
    S.4: © iStock.com/ansonsaw > S.6: © privat
    > S.8: © iStock.com/Katarzyna Bialasiewicz
                                                   Vorschlag der KBV aufgegriffen, den Bürgern eine freiwillige „Spende“ ihrer Ge-
    > S.9: © iStock.com/Obencem > S.10:            sundheitsdaten zu ermöglichen. Lesen Sie mehr dazu und zur Rolle des Ethik-
    © iStock.com/Wavebreakmedia > S.12-15:
    © Nicolas Ebert > S.16: © iStock.com/Cen-
                                                   rates im Interview mit dessen Vorsitzenden, Prof. Peter Dabrock (ab Seite 18).
    tralITAlliance > S.17: © Lopata/axentis.de >
    S. 18: © Meike Ackermann > S.20: © Meike
    Ackermann > S. 21: © iStock.com/Manakin        Mit diesem Jahr geht die Kampagne „Wir arbeiten für Ihr Leben gern.“ der
    > S.22: © dpa/Picture-Alliance > S.23: ©       niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten zu Ende. Ihre Bilanz kann sich
    Sarah Weckerling > S.24: © malzwei > S.26:
    © Alexandra Bukowski > S.27: © Kristin Kahl    im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen (ab Seite 24).
    > S.28: © Shotshop.com/imagepointfr
    > S. 29 © iStock.com/Katarzyna Bialasiewicz
    > S.30: © iStock.com/GAPS > S.32: © Hans       Ich wünsche Ihnen eine informative und anregende Lektüre.
    Punz/Picture-Alliance; Herbert Pfarrhofer/
    Picture-Alliance > S.34: © Milles Studio/
    Fotolia > S. 35 © malzwei                      Ihr Dr. Thomas Kriedel,
                                                   Mitglied des Vorstandes

          www.twitter.com/kbv4u                             KBV klartext
                                                                                                        Die App KBV2GO!
                                                            kostenlos abonnieren
          www.youtube.com/kbv4u                                                                         kostenlos downloaden:
                                                            und downloaden:
                                                            www.kbv.de/klartext                         www.kbv.de/kbv2go
          www.kbv.de/praxisnachrichten

2   KBV Klartext > 4. Quartal 2017
Kommunikation in der Praxis 2017
Inhalt

Titel                                     Themen                                    Interview
                                          10   Bürokratieindex 2017: Arztzeit       18 Was der Ethikrat zur
4 Kommunikation:                               muss Behandlungszeit sein            	Digitalisierung im Gesundheits-
                                                                                       wesen und der gesetzlichen
Wie Arzt und Patient                      16   Ärztehonorare: Es muss sich          	Krankenversicherung sagt
sich besser verstehen                          etwas ändern

                                          22   Notfallversorgung: Reform?
                                               Ja. Nur wie?                         Gesundheit anderswo
                                          24   Erfolgreich: Kampagne                30   Österreich: Die E-Akte für alle
                                               „Wir arbeiten für Ihr leben gern.“        ist längst Realität
                                               geht zu Ende

                                          28 Psychotherapie: Neue
                                          	Ausbildungsform sorgt für                Kurz gefasst
                                          	Diskussionen
                                                                                    9    Meldungen aus dem Bund
                                          34 Bericht aus Brüssel: Digitale
                                          	Kompetenzen stärken                      21   Meldungen aus den Ländern

                                                                                    35   Angeklickt und aufgeblättert

                                          Reportage aus den KVen
                                          12   Westfalen-Lippe: Die Campus-Praxis
                                               der Uni Münster

           In der Nachwuchskampagne
            „Lass dich nieder!“ warben
            Medizinstudierende für das
          Berufsleben als eigener Chef,
              hier beim Fotoshooting zu
               einem Kampagnenmotiv.

                                                                                                   KBV Klartext > 4. Quartal 2017   3
Kommunikation in der Praxis 2017
titel

    Arzt-Patienten-Kommunikation:
    Warum einfach nicht immer
    einfach ist
    Das Arzt-Patienten-Gespräch ist wesentlicher Bestandteil einer erfolgreichen Behandlung.
    Doch die sogenannte sprechende Medizin hat es in der Praxis nicht immer leicht.
    Gründe sind Zeitmangel, finanzielle Fehlanreize und Erwartungsdruck auf beiden Seiten.
    Die gute Nachricht: Es gibt Rezepte dagegen.

4   KBV Klartext > 4. Quartal 2017
Kommunikation in der Praxis 2017
Weitere Informationen zur Fach-
                                                  tagung Gesundheitskompetenz:
                                                  www.kbv.de/html/30986.php

7,6               Minuten hat ein Hausarzt
                  in Deutschland pro Patient
                  zur Verfügung. Das ist
das Ergebnis einer Metaanalyse, die ein
                                               kompetenz der Deutschen – also die
                                               Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu
                                               finden, zu verstehen, zu beurteilen und
                                               anzuwenden, um im Alltag angemessene
                                                                                          Universität Bielefeld hat gezeigt, dass
                                                                                          54,3 Prozent der Bevölkerung eine einge-
                                                                                          schränkte Gesundheitskompetenz haben.
                                                                                          So würden beispielsweise 37 Prozent der
internationales Forscherteam in diesem         Entscheidungen zur Gesundheit treffen zu   Befragten Beipackzettel von Medikamen-
Herbst im Fachjournal „BMJ Open“ veröf-        können – dringend gestärkt werden muss.    ten nicht verstehen. Deshalb hat es sich
fentlicht hat. Weniger Zeit haben in den       40 Prozent der erwachsenen deutschen       die Allianz für Gesundheitskompetenz
europäischen Ländern nur slowenische,          Bevölkerung hat große Probleme, Texte      (siehe Kasten) zum Ziel gemacht, die Zu-
ungarische, serbische, österreichische         auf Grundschulniveau zu verstehen. Das     gangswege zu Informationen zu verein-
und slowakische Ärzte für ihre Patienten.      hat die Studie „Level-One Survey (leo)“    fachen und die Beurteilungsfähigkeit der
Unter dem hohen Zeitdruck leidet häufig        der Universität Hamburg im Jahr 2011       Patienten zu stärken.
die Arzt-Patienten-Kommunikation. Und          ermittelt. Kein Wunder also, dass über
zwar aus unterschiedlichen Gründen.            50 Prozent der Deutschen Gesundheits-      Aufgrund des Überangebotes im Internet
Mal gibt der Patient zu wenig von seinen       informationen nicht richtig verstehen      fällt es Patienten zunehmend schwer,
Problemen preis. Mal lässt der Arzt ihn        und umsetzen können. Eine Studie der       fundierte Gesundheitsinformationen
nicht ausreden. Dann versteht der Pati-                                                   herauszufiltern. „Man kann den Patienten
ent vielleicht nicht alles, vergisst aber                                                 heutzutage nicht mehr sagen ‚Gucken Sie
nachzufragen oder traut sich nicht. Und                                                   ja nicht ins Internet!‘“, betont von Hirsch-
manchmal verläuft das Gespräch zwar gut           Gesundheitskompetenz                    hausen, „viel günstiger fände ich es,
– dennoch kann sich der Patient vor der           verbessern                              wenn alle Ärzte in Deutschland wüssten,
Türe nicht mehr an die Worte des Arztes                                                   was die Top Ten evidenzbasierten, guten,
erinnern. Dabei ist eine gute Kommuni-                                                    werbefreien Internetseiten sind, die man
kation für die Behandlung und den Hei-            Das Bundesgesundheitsministe-           den Patienten tatsächlich empfiehlt.“ Das
lungsprozess extrem wichtig.                      rium (BMG) hat im Sommer 2017           unterstützt auch KBV-Chef Dr. Andreas
                                                  die „Allianz für Gesundheitskom-        Gassen: „Wir müssen uns damit auseinan-
                                                  petenz“ gegründet. Ihr gehören          dersetzen, was die Patienten sich im Netz
                                                  neben dem BMG die Organisatio-          zusammenklicken und seriöse Angebote
                                                  nen der ärztlichen Selbstverwal-        bereitstellen. Denn wenn man Google
Erst verstehen, dann schlucken                    tung (darunter die KBV), Patien-        nach Fieber fragt, landet man beim bösar-
                                                  tenorganisationen und Vertreter         tigen Tumor. Das ist nicht zielführend.“
„Die Worte, die ich zu einem Medikament           aus der Politik an. Ziel der Allianz
spreche, haben 30 bis 40 Prozent Macht            ist es, durch spezielle Maßnahmen
über die Wirkung des Medikaments. Wenn            die Gesundheitskompetenz der
jemand verstanden hat, warum er etwas             Deutschen zu verbessern. Dazu
nimmt, dann nimmt er es auch“, sagte der          gehört die Gesundheitsbildung           Diagnosen übersetzen
Arzt und Autor Dr. Eckhard von Hirsch-            in Schulen, Kitas und Betrieben.
hausen auf der Fachtagung Gesundheits-            Darüber hinaus ist ein nationales       Eine Website, die den Patienten das
kompetenz der KBV, die im Herbst in               Gesundheitsinformationsportal           medizinische Verständnis erleichtert, ist
Berlin stattfand. Doch offenbar verstehen         angedacht, auf dem geprüfte             beispielsweise www.was-hab-ich.de, die
viele Patienten nicht, warum sie ihre             Informationen und Anwendungen           auch von der KBV unterstützt wird. Hier
Pillen schlucken sollen: „Die Hälfte der          rund um die Gesundheit zu finden        übersetzen Medizinstudenten Arztbriefe in
verschriebenen Medikamente in Deutsch-            sein sollen. Ergebnisse einer vom       einfaches Deutsch. Ein Arztbrief ist zwar
land wird nie eingenommen. Das sind               BMG in Auftrag gegebenen Mach-          eigentlich ein Kommunikationsmittel
ungefähr 20 Milliarden Euro, die wir in           barkeitsstudie sind im kommen-          zwischen zwei Ärzten, doch der Patient
der gesetzlichen Krankenversicherung              den Jahr zu erwarten. In Österreich     fühlt sich trotzdem besser, wenn er weiß,
dafür ausgeben“, so von Hirschhausen.             gibt es ein solches Portal bereits      was sich hinter dem „Nachweis eines aus-
Hinzu kommt, dass die Gesundheits-                (siehe S. 33).                          geprägten Knochenmarködems an der >

                                                                                                          KBV Klartext > 4. Quartal 2017   5
Kommunikation in der Praxis 2017
titel                                                                                            Interview mit
                                                                                                     Prof. Attila Altiner

    „Die Fähigkeit, gut und professionell
    zu kommunizieren, muss man lernen,
    das ist nicht angeboren.“

    Was zeichnet ein gutes Arzt-                   zum Beispiel auf den Seiten der KBV           Unterrichtsformaten inzwischen sehr po-
    Patienten-Verhältnis aus?                      oder der DEGAM (Anm. d. Red.: Deutsche        sitiv gegenüber. Auch positiv ist, dass die
                                                   Gesellschaft für Allgemeinmedizin). Und       jungen Ärzte zunehmend erkennen, wie
    Wichtig ist, dass klar ist, was Arzt und       dann gibt es unmoderierte Foren, in denen     wichtig die interprofessionelle Kommuni-
    Patient voneinander erwarten und dass          wirklich nur krude Inhalte stehen. Ich wür-   kation in der Medizin ist – also die Kom-
    man eine Ebene findet, auf der man Ziele       de dem Patienten immer sagen: „Ich finde      munikation mit Vertretern anderer Gesund-
    definiert. Gut ist, wenn beide sagen kön-      es gut, dass Sie sich informiert haben.“      heitsberufe. Dennoch, echte Kompetenz in
    nen: „Das ist etwas, worauf wir hinarbei-      Wenn ein Patient darüber berichtet, was er    der Arzt-Patienten-Kommunikation kann
    ten wollen.“ Der Arzt muss sich überlegen,     gefunden hat, kann er sich in vielen Fällen   und muss vor allem in der Weiterbildung
    was er von dem, was sich der Patient           in den Behandlungsprozess einbringen          vermittelt werden. Hier stellen die neuen
    wünscht, tatsächlich im Rahmen seines          – gerade auch bei der Abwägung, welche        Kompetenzzentren für die Allgemeinme-
    Behandlungsauftrages erfüllen kann.            diagnostischen Maßnahmen und welche           dizinische Weiterbildung einen ersten
    Kurzfristig ist der Patient vielleicht nicht   Therapien sinnvoll sind. Insofern ste-        wichtigen Schritt dar.
    immer gleich zufrieden, wenn der Arzt ihm      cken in der selbstständigen Nutzung von
    kommunizieren muss, dass er bestimmte          entsprechenden Informationsangeboten                Die Fragen stellte Sarah Weckerling.
    Erwartungen möglicherweise gar nicht           jede Menge Chancen. Aber natürlich ist
    erfüllen kann oder will. Aber dadurch ist      es für den Arzt in seiner ohnehin schon
    das Verhältnis langfristig gut angelegt.       immer mehr verdichteten Arbeitszeit oft-
    Natürlich hat jeder Patient ganz individuel-   mals nicht möglich, gemeinsam mit dem
    le Vorstellungen und Werte. Dazu passt ein     Patienten die gefundenen Informationen
    „alter“ Spruch aus der hausärztlichen Ver-     systematisch zu bewerten. Deshalb gibt
    sorgung: Jeder Arzt bekommt die Patien-        es gerade in Bezug auf die Förderung von
    ten, die er verdient. Vielleicht umgekehrt     Gesundheitskompetenz noch viel zu tun.
    auch – in einem System, das die freie
    Arztwahl zulässt, können die Patienten mit     Was bringen Sie Ihren Studenten über
    denjenigen Ärzten zusammentreffen, die         die Arzt-Patienten-Kommunikation bei?
    eine gute gemeinsame Ebene finden. Noch
    ein Aspekt zu einem besonders guten Arzt-      Was wir in der Lehre vor allem tun kön-
    Patienten-Verhältnis: Manchmal gelingt es      nen, ist, Studenten für die herausragende
    sogar, eine gemeinsame Humorebene zu           Bedeutung der Arzt-Patienten-Kommuni-
    finden. Wenn Arzt und Patient auch einmal      kation zu sensibilisieren. Zum Beispiel:
    zusammen über etwas schmunzeln kön-            Wie fördere ich, dass sich ein Patient mit
    nen, kann so manche schwierige Situatio-       seinen Symptomen oder seiner Erkran-
    nen gemildert werden.                          kung auseinandersetzt. Oder: Wie gehe
                                                   ich damit um, wenn ich Konflikte erkenne
    Heutzutage kommt es öfter vor, dass Pati-      oder wenn ich mich vom Patienten unter
    enten zuerst ihre Symptome googeln und         Druck gesetzt fühle. Das sind Aspekte, auf
    dann zum Arzt gehen. Was müssen Ärzte          die Studierende und Ärzte in der Fach-
    beachten, wenn sie davon erfahren?             arztweiterbildung bisher nicht optimal            Prof. Attila Altiner ist Facharzt
                                                   vorbereitet werden, um es mal vorsichtig          für Allgemeinmedizin und Di-
    Ich glaube in solchen Fällen ist Professi-     auszudrücken. Die Fähigkeit, gut und pro-         rektor des Instituts für Allge-
    onalität auf Seiten des Arztes gefragt. Es     fessionell zu kommunizieren, muss man             meinmedizin der Universitäts-
    gibt durchaus Fälle, in denen Patienten        lernen, das ist nicht angeboren. Trainings        medizin Rostock. Einer seiner
    sehr gut und sehr systematisch recher-         mit Simulationspatienten können helfen,           Forschungsschwerpunkte ist die
    chieren. Wenn Sie sich die Qualität von Ge-    die Lücke zwischen Wissen und tatsächli-          Arzt-Patienten-Kommunikation.
    sundheitsinformationen im Netz anschau-        cher Kompetenz zu schließen. Studierende
    en, dann gibt es exzellente Informationen,     und Ärzte in Weiterbildung stehen diesen

6   KBV Klartext > 4. Quartal 2017
Kommunikation in der Praxis 2017
ventralen Zirkumferenz des Humerus-          Gespräch einbeziehen, wenn man sie           Warum ist es für mich wichtig, das zu
kopfes“ verbirgt. Eine „Flüssigkeitsein-     erzählen lässt und nonverbal ermuntert,      tun? Wer also mit dem Ziel zum Arzt geht,
lagerung, die sich vorn im oberen Ende       weiterzureden.“ Auf diese Weise erhalte      Antworten auf diese Fragen zu erhalten,
des Oberarmknochens befindet“, klingt        der Arzt in relativ kurzer Zeit meistens     fragt vermutlich eher nach, wenn er etwas
da schon ganz anders. Das finden auch        mehr Informationen, als durch reines         nicht ganz verstanden hat.
85 Prozent der Website-Nutzer. Sie sagen:    Abfragen. Anschließend sortiere und
„Die Befundübersetzung hat mir Mut           priorisiere er das Gehörte und entscheide,
gemacht, meiner Erkrankung mit mehr          was heute und was beim nächsten Termin
Entschlossenheit entgegenzutreten.“          besprochen wird. So könne man sich auf
                                             einen Aspekt konzentrieren und intensiver    „Nichtstun“ muss sich lohnen
Doch im Idealfall ist eine Übersetzung       nachhaken. „Es ist wichtig, anschließend
der Informationen nach dem Arztbesuch        nachzufragen, was der Andere verstanden      Die gute Kommunikation nutzt übrigens
durch Dritte erst gar nicht notwendig.       hat“, weiß Schwantes, „am besten fordert     nicht nur dem Patienten. Denn gerade
Ein gutes Arzt-Patienten-Gespräch sollte     der Arzt den Patienten auf, mit eigenen      weil Ärzte nur sehr wenig Zeit für jeden
ausreichen. „Wenn man am Anfang den          Worten zu wiederholen, wie er das Bespro-    Einzelnen zur Verfügung haben, ist
Patienten einmal ausreden lässt, wird        chene verstanden hat.“                       ein strukturiertes Gespräch besonders
das gesamte Gespräch besser“, sagt von                                                    wichtig. „Wenn ich nach jedem Gespräch
Hirschhausen. Wesentlich länger dauert       Auch Patienten können aktiv zu einer         zufrieden mit dem Verlauf bin, kann ich
der Patientenbesuch dadurch trotzdem         erfolgreichen Kommunikation beitragen.       mit diesem Patienten abschließen und
nicht, betont der Facharzt für Allgemein-    Und das mit nur drei Fragen. Die „Ask        mich unbelastet dem Nächsten zuwen-
medizin und Ausbilder für Arzt-Patienten-    me 3“-Methode aus den USA verfolgt den       den“, sagt Schwantes und rät: „Wer als
Kommunikation, Prof. Ulrich Schwantes:       Ansatz, Patienten zu motivieren, bei jedem   Arzt sein eigenes Burnout vermeiden will,
„Wir haben Untersuchungen durchge-           Kontakt mit dem Arzt folgende Fragen         pflegt eine gute Kommunikation.“ Um den
führt und festgestellt, dass Patienten den   zu stellen: Was ist mein gesundheitliches    Zeitdruck in der Praxis zu entschärfen, ist
Arzt nach circa 60 Sekunden wieder ins       Problem? Was kann ich dagegen tun?           zudem gute Teamarbeit unerlässlich. >

    neue Broschüre: Patienten kultursensibel behandeln

    Die Arzt-Patienten-Kommunikation         Jugendärztin sowie ein Psychiater
    wird vor besondere Herausforderun-       schildern ihre Erfahrungen. Anre-
    gen gestellt, wenn sprachliche oder      gungen kommen von der Integra-
    kulturelle Barrieren hinzukommen.        tionsbeauftragten der Bundesre-
    Denn so unterschiedlich die Her-         gierung und von einer Professorin
    kunftsländer und Kulturen der Pati-      mit Schwerpunkt Gesundheitskom-
    enten sind, so verschieden können        petenz. Darüber hinaus bietet die
    ihre Erwartungen und Bedürfnisse         Broschüre Serviceinformationen
    beim Arztbesuch sein. Auf diese          für den Praxisalltag, wie Hinweise
    Vielfalt in der Praxis macht die KBV     auf die Patienteninformationen in
    mit der gleichnamigen Broschüre          Fremdsprachen. Die Broschüre
    aufmerksam. Das Heft bietet Infor-       „Vielfalt in der Praxis“ kann kosten-
    mationen und Tipps zum kultursen-        frei per E-Mail an versand@kbv.de
    siblen Umgang, unter anderem von         bestellt werden und steht online
    einem niedergelassenen Kardiolo-         in der KBV-Mediathek unter www.
    gen mit syrischem Migrationshin-         kbv.de/html/publikationen.php als
    tergrund. Auch eine Kinder- und          barrierefreie Webversion bereit.

                                                                                                          KBV Klartext > 4. Quartal 2017   7
Kommunikation in der Praxis 2017
titel

                                                                    „Die sogenannte ‚sprechende Medizin‘
                                                                    ist nur leistbar, wenn dem Arzt in der
                                                                    Praxis der Rücken freigehalten wird. Und
                                                                    zwar auch mit speziell fortgebildeten
                                                                    Praxisassistentinnen, die routinemäßige
                                                                    Hausbesuche übernehmen können, um
                                                                    den Arzt zu entlasten“, betont KBV-Chef
                                                                    Gassen. Kommunikationstraining ist also
                                                                    nicht nur für die Ärzte, sondern auch für
                                                                    Praxismitarbeiter und Pflegekräfte wichtig.

                                                                    Abschließend lässt sich festhalten:
                                                                    Die Rolle des Arztes als Übersetzer von
                                                                    Gesundheitsinformationen ist nicht zu
                                                                    unterschätzen. „Wir brauchen mehr ‚spre-
                                                                    chende Medizin‘, das ist ganz klar. Aber
                                                                    eine ärztliche Vergütung, die sich immer
                                                                    mehr in Pauschalen abspielt, erlaubt
                                                                    dafür nur einen begrenzten Spielraum“,
                                                                    sagt Gassen. Das sieht auch von Hirsch-
                                                                    hausen so: „Es fehlt, brutal gesagt, das
                                                                    Geschäftsmodell. Es fehlt der finanzielle
                                                                    Anreiz. Salopp gesagt, Nichtstun muss
                                                                    sich wieder lohnen. Im Sinne von nicht
                                                                    röntgen, keinen Katheter schieben, keine
                                                                    OP anzetteln, sondern zuhören, sprechen,
                                                                    erklären, Lebensziel ändern.“

                                                                                             Meike Ackermann

                                                                        Kommunikationstipps
                                                                        zum Anschauen

                                                                        KV-on, das Web-TV der Kassen-
                                                                        ärztlichen Vereinigungen,
                                                                        hat in einem Video dargestellt,
                                                                        worauf es bei der Arzt-Patienten-
                                                                        Kommunikation ankommt.
                                                                        www.kbv.de/html/30300.php

                                                                        Im Rahmen der Fachtagung
                                                                        Gesundheitskompetenz hat
                                                                        der Arzt und Autor Dr. Eckhard
    „Wenn man den Patienten am                                          von Hirschhausen KV-on
                                                                        Rede und Antwort gestanden:
    Anfang einmal ausreden lässt, wird                                  www.kbv.de/html/31042.php

    das gesamte Gespräch besser.“
                                     Dr. Eckhard von Hirschhausen

8   KBV Klartext > 4. Quartal 2017
Kommunikation in der Praxis 2017
meldungen aus dem bund

 Telematik-Ausstattung steht
 Die gematik (Gesellschaft für Telematikanwendungen
 der Gesundheitskarte mbH) hat die ersten technischen
 Geräte und Dienste für die Anbindung der Praxen an die
 Telematikinfrastruktur (TI) zugelassen. Dazu gehören
 der Konnektor, ein E-Health-Terminal sowie der VPN-
 Zugangsdienst. Die letzte Komponente ist der elektro-
 nische Praxisausweis. Hier hat die Bundesdruckerei          Mehr Geld für Arzneimittel
 als erster Anbieter den Zuschlag erhalten. Das geschah
 zunächst nur für die Vertragszahnärzte, Anfang Dezem-       Das Ausgabenvolumen für Arzneimittel in der vertrags-
 ber konnte die KBV auch die Zulassung für die Vertrags-     ärztlichen Versorgung steigt im kommenden Jahr um
 ärzte und -psychotherapeuten erteilen. Die technischen      3,2 Prozent. Darauf haben sich der Spitzenverband der
 Komponenten sind notwendig, damit die Praxen – so           gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-SV) und die KBV
 wie gesetzlich vorgesehen – ab 1. Januar 2019 mit dem       bei den Verhandlungen zu den entsprechenden Rahmen-
 Versichertenstammdatenmanagement beginnen können.           vorgaben geeinigt. Das für Arzneimittel vorgesehene
 Den eAusweis benötigen Praxen zur Registrierung als         Ausgabenvolumen erhöht sich damit um rund 1,2 Milliar-
 medizinische Einrichtung, damit der Konnektor eine          den Euro. Grund sind vor allem steigende Ausgaben für
 Verbindung zur TI aufbauen kann. Die KBV hat auf ihrer      neuartige Arzneimittel, unter anderem in der Krebsthe-
 Website eine Übersicht der für die Praxen zugelassenen      rapie. Da diese vermehrt ambulant stattfindet, steigen
 Komponenten erstellt, die regelmäßig aktualisiert wird:     die Ausgaben in den Praxen. Kostensteigernd wirkt sich
 www.kbv.de/588030. (abo)                                    außerdem die neue Verordnungsfähigkeit von Cannabis
                                                             aus. Für den Bereich Heilmittel vereinbarten KBV und
                                                             GKV-SV ein Plus von 3,9 Prozent. Das entspricht einer
                                                             Summe von etwa 230 Millionen Euro. Darin enthalten
                                                             ist unter anderem die zum 1. Januar 2018 vorgesehene
                                                             Einführung der Ernährungstherapie in den Heilmittel-
 Psychotherapie: Terminservice                               katalog. Die bundesweiten Rahmenvorgaben bilden die
 auch für Probatorik                                         Grundlage für regionale Verhandlungen der Kassen-
                                                             ärztlichen Vereinigungen mit den Krankenkassen. Dort
                                                             werden noch zusätzliche Faktoren wie Alter und Anzahl
 Die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereini-      der Versicherten berücksichtigt. (abo)
 gungen müssen künftig auch Termine für probatorische
 Sitzungen bei Psychotherapeuten und damit letztlich
 auch für die anschließende Richtlinien-Psychotherapie
 vermitteln. Das hat das Bundesschiedsamt für die ver-
 tragsärztliche Versorgung am 7. November beschlossen.
 Voraussetzung ist, dass der betroffene Patient zuvor die    Digitale Chancen nutzen
 Sprechstunde besucht, der Therapeut dort einen drin-
 genden Bedarf festgestellt und diesen bescheinigt hat.      Die KBV hat gemeinsam mit der Bundesvereinigung
 Der Beschluss des Bundesschiedsamtes sieht außerdem         Deutscher Apothekerverbände einen sogenannten Letter
 vor, dass die Terminservicestellen dem Versicherten         of Intent zur Digitalisierung im Gesundheitswesen un-
 einen weiteren Termin für eine probatorische Sitzung        terzeichnet. Die Spitzenorganisationen bekunden darin,
 bei einem anderen Therapeuten vermitteln müssen, falls      den Prozess der Digitalisierung gemeinsam gestalten
 sich das Verhältnis zum ersten als nicht tragfähig für      und dabei die Chancen neuer Technologien für Patien-
 eine weitere Behandlung erweist. Der Spitzenverband         ten und Heilberufe so gewinnbringend wie möglich
 der gesetzlichen Krankenversicherung hatte ursprüng-        nutzen zu wollen. Dazu gehört auch das Entwickeln
 lich gefordert, dass die Servicestellen Termine für sämt-   und Umsetzen einer gemeinsamen „digitalen Agenda“.
 liche psychotherapeutische Behandlungen vermitteln          Wesentliche Punkte umfassen die Datensouveränität,
 müssen – also auch für solche, die nicht zeitnah erfor-     Datenschutz und Datensicherheit. „Gemeinsam mit der
 derlich sind. Die KBV hingegen sieht den gesetzlichen       Politik müssen wir eine übergreifende E-Health-Strategie
 Auftrag der Terminservicestellen als durch das bisherige    für die Gesundheitsversorgung entwickeln“, betonte Dr.
 Angebot – nämlich die Vermittlung eines Erstgespräches      Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV. (abo)
 sowie der Akutbehandlung – bereits erfüllt an. Sie er-
 wägt eine Klage gegen den Beschluss. (abo)

                                                                                               KBV Klartext > 4. Quartal 2017   9
Kommunikation in der Praxis 2017
T hema

     „Arztzeit ist Behandlungszeit
     und nicht Schreibtischzeit“
     Der aktuelle Bürokratieindex zeigt einen leichten Anstieg der Bürokratiebelastung in den
     deutschen Arztpraxen. Ziel der KBV ist es, den Aufwand um ein Viertel zu reduzieren.

     D        ie bürokratische Gesamtbelastung
              der Praxen ist im Jahr 2017 leicht
              gestiegen – und zwar um 0,21
     Prozent. Das sind rund 115.000 Netto-
     arbeitsstunden mehr als im Jahr zuvor.
                                                   Projektes „Mehr Zeit für Behandlung“,
                                                   das im Jahr 2013 ins Leben gerufen wurde.
                                                   Insgesamt wenden die Niedergelassenen
                                                   aktuell etwa 54 Millionen Stunden im Jahr
                                                   für Bürokratie der Selbstverwaltung auf
                                                                                                werden jedoch insbesondere durch den
                                                                                                vermehrten Aufwand bei der Verordnung
                                                                                                von Krankenbeförderungen aufgehoben.
                                                                                                So sind Krankentransporte um über zehn
                                                                                                Prozent gestiegen und umfassen mittler-
     Dies ergab der Bürokratieindex (BIX) für      Bundesebene auf. Das wiederum bedeutet:      weile rund 51 Millionen Fälle pro Jahr.
     Vertragsärzte und -psychotherapeuten,         Praxen arbeiten im Durchschnitt 60 Tage
     den die KBV mit der Fachhochschule des        lang Informationspflichten der gemeinsa-     Eine weitere Erklärung für den gestiege-
     Mittelstandes ermittelte. Der BIX wurde       men Selbstverwaltung ab. „Bürokratieab-      nen Aufwand ist die zum 1. April 2017 im
     analog zum Bürokratiekostenindex (BKI)        bau ist oft eine Sisyphusarbeit: Während     Rahmen der Reform der Psychotherapie-
     des Statistischen Bundesamtes konzipiert,     sie an einer Stelle erfolgreich verringert   Richtlinie neu eingeführte Informations-
     mit dem der beim Bundeskanzleramt             wird, entstehen an anderer Stelle neue       pflicht „Individuelle Patienteninformation
     angesiedelte Nationale Normenkontrollrat      Belastungen“, sagt Dr. Thomas Kriedel,       Psychotherapie“. Unter der Annahme von
     (NKR) die Bürokratiekosten misst und          Vorstandsmitglied der KBV.                   jährlich rund 788.000 Fällen bedeutet
     kontrolliert. Der BIX stellt transparent                                                   diese eine beachtliche Belastung für die
     dar, wie viel Zeit die niedergelassenen       Eine deutliche Reduzierung der Bürokratie    Psychotherapeuten von rund 223.000 zu-
     Ärzte und Psychotherapeuten im Jahr für       konnte dieses Jahr zum Beispiel mit der      sätzlichen Nettoarbeitsstunden. Insgesamt
     Verwaltungsarbeit aufwenden. Die Unter-       Vereinfachung der Chronikerbescheini-        konnte durch die Reform der Psychothe-
     suchung basiert auf den Ergebnissen des       gung erreicht werden. Die Entlastungen       rapie-Richtlinie der Bürokratieaufwand

10   KBV Klartext > 4. Quartal 2017
für die Praxen aber deutlich reduziert                 „Unser Ziel von 25 Prozent Bürokratieab-
werden. „Die Niedergelassenen wünschen                 bau muss verbindlich per Gesetz veran-
sich mehr Zeit für ihre Patienten. Das                 kert werden“, betont Kriedel, „Arztzeit ist
zeigen alle Befragungen. Deshalb darf die              schließlich Behandlungszeit und nicht
Belastung durch Bürokratie in den Praxen               Schreibtischzeit“. Mit dieser Reduzierung
das notwendige Maß nicht überschreiten“,               um 25 Prozent würden den niedergelassen
erklärt Kriedel.                                       Ärzten über 13 Millionen Stunden pro Jahr
                                                       zusätzlich für die Patientenversorgung zur
                                                       Verfügung stehen.

                                                       Aus Sicht der KBV stellt die Digitalisie-
Mehr als vier Milliarden Euro                          rung eine große Chance dar, diesem Ziel
                                                       näher zu kommen. Dennoch reduziert sie
Bereits in einer im August 2015 vom NKR                nicht zwangsläufig die administrativen
veröffentlichten Erhebung, beliefen sich               Aufgaben für Praxen. Bei der Planung
die jährlichen Kosten durch die zahlrei-               und Umsetzung der Digitalisierung in der
chen Informationspflichten und Verwal-                 vertragsärztlichen Versorgung sollte daher
tungsvorgaben auf mehr als vier Milliarden             das Augenmerk stärker auf das Potenzial
Euro. Daraus gingen 20 Handlungsempfeh-                für die Entlastung von Bürokratie gerichtet        Weitere Informationen zum BIX
lungen hervor. Im Oktober 2017 zogen der               werden, meint die KBV.                             sowie detaillierte Empfehlungen
NKR, die KBV und die anderen Projekt-                                                                     für den Bürokratieabbau in der
partner nun ein positives Fazit – von den              Aus diesem Grund appellierte sie auch an           ärztlichen Versorgung unter:
13 Handlungsempfehlungen für den ver-                  die Politik, bei den gesundheitspolitischen        www.kbv.de/html/bix.php
tragsärztlichen Bereich sind zehn bereits              Vorhaben in der nächsten Legislaturpe-
umgesetzt oder stehen kurz davor.                      riode darauf zu achten, dass Ärzte und
                                                       Psychotherapeuten nicht mit weiterer
Insbesondere durch den demografischen                  Bürokratie belastet werden. Denn Versor-
Wandel ist auch für die Zukunft mit stei-              gung funktioniert nur, wenn Ärzte und
genden Behandlungszahlen zu rechnen.                   Psychotherapeuten die Zeit haben, das zu
Es wird daher zu einem weiteren Anstieg                tun, was sie am besten können: sich um
der bürokratischen Belastung für Pra-                  die Gesundheit ihrer Patienten kümmern.
xen kommen, wenn der administrative
Aufwand nicht reduziert wird. Die beim                                              Nicolas Ebert
BIX betrachteten Informationspflichten
beruhen auf Vorgaben der gemeinsamen
Selbstverwaltung. Die KBV selbst plädiert
schon lange dafür, diese zurückzufahren:

                                                                                              Die Veränderungen von
Bürokratische                                                 400.000
                                                                                              über 100.000 Stunden
Be- und Entlastungen 2017                                                                     haben sich entscheidend
                                                Stunden

                                                                                              auf die Entwicklung des
in Stunden                                                    300.000                         Indexes ausgewirkt

 belastungen                                                  200.000
1.	Verordnung Krankenbeförderung
2.	Individuelle Patienteninformation Psychotherapie            100.000
3. Präventionsempfehlung Erwachsene
4.	Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit auf Muster 1                      1.   2.   3.   4.   5.
5.	Dokumentation DMP COPD                                            0
                                                                          1.   2.   3.   4.   5.     6.

 Entlastungen                                                 - 100.000

1. Patientenaufklärung bei Überschreitung der Festbetragsgrenze
2.	Bescheinigung dauerbehandelte Krankheit                   - 200.000
3.	Erhebung Daten im Ersatzverfahren
4.	Antrag auf Fortsetzung der Behandlung (Psychotherapie)
5.	Antrag Kurzzeittherapie (mit Gutachterverfahren)          - 300.000
6.	Ausstellen von Überweisungen
                                                             - 400.000

                                                                                                                        KBV Klartext > 4. Quartal 2017   11
R eportage aus den K ven

     Hand in Hand mit der Lehre
     Sie ist ein Paradebeispiel, wie Lehre und praktisches Tun im Medizinstudium
     verknüpft werden können: Die Campus-Praxis in Münster bietet Medizinstudierenden
     die Chance, den allgemeinmedizinischen Praxisalltag unmittelbar kennenzulernen.
     Schon Erstsemester können hier das Arztsein trainieren.

12   KBV Klartext > 4. Quartal 2017
An diesem Vormittag
                  unterstützt Student Matthias
                    Hamatschek das Team der
                  Münsteraner Campus-Praxis.

V       iel spürt er nicht mehr an seinen
        Füßen: Im linken hat er kaum
        noch Gefühl, im rechten fühlt
er an diesem Novembertag nichts. Die
Allgemeinmedizinerin Dr. Nicola Knob-
                                                 Münster betrieben. Sie soll die Allgemein-
                                                 medizin am Standort stärken und noch
                                                 mehr Studierende für das Fach begeis-
                                                 tern. Die angehenden Mediziner können
                                                 sich sehr früh ein Bild machen, wie das
                                                                                                der Umgebung gut etablieren und hat sich
                                                                                                bereits bewährt.“ Die Zusammenarbeit mit
                                                                                                Münsteraner Studierenden, die ihre Kennt-
                                                                                                nisse vor dem abschließenden Praktischen
                                                                                                Jahr oder im Rahmen von Praktika in ihrer
lauch setzt die Stimmgabel ab und trägt          Tätigkeitsfeld eines niedergelassenen          Praxis vertiefen möchten, sei für sie eine
die Werte in die Patientenakte ein. Ihr          Allgemeinmediziners aussieht und wie der       schöne und bereichernde Erfahrung.
Patient Herr K. leidet schon länger unter        Praxisalltag heutzutage aussieht. Im Fo-
einem diabetischen Fuß-Syndrom infolge           kus dieses Modellprojektes steht die enge
seines Altersdiabetes. Während ihrer             Verzahnung von wissenschaftlicher Lehre
Untersuchung erklärt die Ärztin ihre             und praktischer Tätigkeit. Dafür bietet
Behandlungsschritte – aber nicht nur für         die Campus-Praxis in der sechsten Etage        „Nicht nur Schillers Gedichte“
Herrn K. Auch Medizinstudent Matthias            eines Ärztehauses, das sich neben einem
Hamatschek ist im Behandlungszimmer              Drogeriemarkt, einem Baumarkt, einem           Auch K. empfindet die Gegenwart des
dabei. Er hört heute zum ersten Mal, dass        Lebensmittelmarkt und einem Altenpfle-         Studenten als wunderbare Sache. „Ich
ein Arzt mithilfe eines Stimmgabeltests          gewohnheim befindet, ideale Vorausset-         unterstütze alles, was mit Wissen und
das Ausmaß der Empfindungsstörung der            zungen bei der Anbindung. Eine Apotheke        Bildung zu tun hat. Das sind eben nicht
Füße überprüfen kann. So bekommt der             sowie weitere Praxen von Fachärzten und        nur Schillers Gedichte“, so der 70-Jähri-
Student die Chance, das medizinische             anderen Gesundheitsberufen befinden            ge. Er war schon Patient in der Praxis,
Handwerkszeug am Patienten eigenstän-            sich im selben Haus. Das Unigelände ist        bevor Knoblauch sie übernahm. Einmal
dig auszuprobieren. Für Hamatschek ist           nicht weit entfernt.                           pro Quartal kommt er im Rahmen des
das keine Selbstverständlichkeit. Er hat                                                        Disease-Management-Programmes (DMP)
sein Humanmedizinstudium an der West-            Seit einem Jahr leitet die Ärztin Dr. Nicola   zur Untersuchung. „Patienten wie K. sind
fälischen Wilhelms-Universität Münster           Knoblauch mit ihrer Kollegin Dr. Alexand-      bei uns über den hausärztlichen Bereich
(WWU Münster) erst vor ein paar Wochen           ra Brauer die Campus-Praxis. Nach erfolg-      gut in das DMP eingebunden. Wir können
begonnen und weiß den Praxiseinblick             reicher Pilotphase folgte Anfang März die      ihn hier sehr gut beobachten – das gilt,
zu diesem frühen Zeitpunkt zu schätzen.          offizielle Einweihung. „Es war uns wichtig,    wie in seinem Fall, besonders für Patien-
                                                 erst einen Patientenstamm aufzubauen           ten mit mehreren Krankheitsbildern“, sagt
Möglich macht dies die Campus-Praxis             und Vertrauen zu den Menschen zu ge-           Knoblauch. Dem stimmt K. zu: „Die gute
Allgemeinmedizin. Die am Rande des               winnen. Heute haben wir vor allem einen        Betreuung und Überwachung geben mir
Stadtteils Gievenbeck gelegene Hausarzt-         hohen Zulauf von Akutpatienten“, sagt          Sicherheit.“                              >
praxis wird vom Medizinischen Versor-            Knoblauch, „die Praxis konnte sich in den
gungszentrum des Universitätsklinikums           vergangenen Monaten als Terminpraxis in

                                                 „Wir wollen dieses interessante
                                                 Berufsfeld sichtbar machen.
                                                 Die Campus-Praxis bietet sich
                                                 dafür hervorragend an.“
                                                                                                         Dr. Ralf Jendyk

                                                                                                                KBV Klartext > 4. Quartal 2017   13
R eportage aus den K ven

     Zum Schluss der Untersuchung misst             interessante Berufsfeld sichtbar machen.       Die Praxis schließt an diesem Freitag
     Knoblauch seinen Blutdruck. Student            Die Campus-Praxis bietet sich dafür            bereits um 12 Uhr. Für Nachwuchsmedizi-
     Hamatschek verfolgt aufmerksam jede            hervorragend an“, sagt er. Im Laufe des        ner Hamatschek heißt das: Den ersten Teil
     Handlung der Ärztin, auch wenn ihm             Semesters bekommt jeder der zwölf Stu-         seines Tagesprogrammes hat er gemeis-
     dieser Teil nicht neu ist. Vor seinem Medi-    denten die Möglichkeit, eine der beiden        tert. Der zweite Teil folgt am Nachmittag.
     zinstudium absolvierte er eine dreijährige     Ärztinnen für einen halben Tag bei ihren       Neben dem Praktikum organisieren Maisel
     Ausbildung zum Rettungsassistenten.            Sprechstunden zu begleiten.                    und Jendyk für das Hausärztliche Projekt
     Auch danach blieb er im Rettungsdienst                                                        schon länger ein Gruppentraining mit
     tätig und überbrückte so die Wartezeit         Jendyk kennt die Praxis sehr gut. Bevor        Nahtkurs am Schweinefuß sowie eines zur
     auf das Studium. „Durch die mittlerweile       Knoblauch und Brauer deren Leitung             Blutabnahme – in diesem Semester kann
     sechs bis sieben Jahre auf der Rettungswa-     übernahmen, arbeitete der Mediziner und        es erstmalig in der Münsteraner Campus-
     che Beckum konnte ich viele spannende          Dozent dort einige Monate mit und half,        Praxis stattfinden.
     Einblicke in die Notfallversorgung gewin-      die Praxis aufzubauen. Hin und wieder
     nen. Mein Wunsch, Medizin zu studieren,        besucht er die Räumlichkeiten noch – wie
     hat sich dadurch nur noch verstärkt“, sagt     auch an diesem Vormittag. Den Patien-
     Hamatschek.                                    ten K. hat er selbst schon behandelt. Vor
                                                    einer Weile nahm ihn Jendyk sogar mit zu       Übung macht den Meister
     Um mehr Facetten der medizinischen             einem Kurs an der Uni. „Der interaktive
     Versorgung kennenzulernen, entschloss          Austausch mit Patienten kann für Medi-         Pünktlich um 14 Uhr erscheinen Hamat-
     er sich im ersten Semester zur Teilnahme       zinstudenten nicht früh genug beginnen.        schek und seine Kommilitonen in der
     am Projekt „Hausärztliche Versorgung“.         Daher ist es toll, wenn sich Freiwillige wie   Praxis. Doch bevor sie sich auf die
     „Es gab auch noch andere Projekte, zum         Herr K. bereit erklären, mit in die Uni zu     Schweinefüße und die Kanülen stürzen,
     Beispiel Transplantation oder Psychia-         kommen“, so Jendyk. Auch K. erinnert sich      bittet Maisel die Studenten, im Warte-
     trie, zwischen denen wir im Rahmen des         noch gut: „Ich habe mich bei den 30 bis        zimmer Platz zu nehmen. „Bevor es ans
     vorklinischen Kurses ‚Einführung in die        35 Studenten gut aufgehoben gefühlt. Das       Eingemachte geht, würde ich gern die
     klinische Medizin‘ wählen konnten“, so         habe ich gern gemacht.“                        Kurzreferate hören, die Sie hoffentlich vor-
     der 26-Jährige. Mit ihm entschieden sich                                                      bereitet haben“, sagt Maisel. Ein selbstver-
     zwölf der 140 Studienanfänger dafür, zu-       Genau wie heute – zufrieden verlässt K.        ständliches Nicken zieht sich durch den
     nächst die hausärztlichen Tätigkeitsfelder     mit einem neuen Termin die Praxis. Für         Halbkreis. Zu zweit oder alleine stellen
     besser kennenzulernen.                         Hamatschek war der Vormittag eine inte-        die Teilnehmer in fünf- bis zehnminütigen
                                                    ressante und wertvolle Erfahrung. „Der         Vorträgen Themen wie Blutdruck, EKG
     „Normalerweise kommt die allgemein-            Arzt-Patienten-Kontakt hier in der Praxis      und Wunden vor. Das für das Training
     medizinische Versorgung in einer Praxis        ist schon besonders. Im Rettungsdienst         umgebaute Wartezimmer bietet für Maisel
     nicht vor am Klinikum“, sagt Dr. Ralf          kommt der leider aufgrund der vielen           und seine Kleingruppe ausreichend Platz
     Jendyk, wissenschaftlicher Mitarbeiter         Notfälle zu kurz.“ Facharzt für Allgemein-     für das Seminar. Genauso gut könnten
     des Centrums für Allgemeinmedizin der          medizin zu werden, kann er sich durchaus       die Vorträge zwar in einem Lehrraum an
     Medizinischen Fakultät der WWU Müns-           vorstellen, allerdings sei es noch zu früh,    der Universität abgehalten werden, doch
     ter. Zusammen mit Prof. Peter Maisel, der      sich festzulegen, so Hamatschek. Jendyk        ein Blick in die Gruppe zeigt: Die Campus-
     das Centrum leitet, veranstaltet er das        weiß jedoch aus jahrelanger Erfahrung,         Praxis hat ihren eigenen Charme und
     Lehrprojekt „Hausärztliche Versorgung“.        dass die Chancen nicht schlecht stehen.        verschafft den Referierenden eine lockere
     Jendyk ist selbst Facharzt für Allgemein-      „Studenten, die bereits viele Kenntnisse       Atmosphäre. Maisel zeigt sich von den
     medizin, nicht nur deshalb ist es ihm          über die medizinische Versorgung ins           Vorträgen beeindruckt: „Man merkt, dass
     wichtig, den Erstsemestern das Fach            Studium mitbringen, bleiben oft in der All-    viele von Ihnen mit Vorerfahrung ins Stu-
     näherzubringen. „Wir wollen dieses             gemeinmedizin hängen“, verrät er freudig.      dium kommen.“ Er nutzt die Zeit zwischen

     „Ich finde es toll, dass wir hier
     die Gelegenheit bekommen, das
     Nähen zu üben. Das lernt man
     am besten in der Praxis.“
                                                   Matthias Hamatschek

14   KBV Klartext > 4. Quartal 2017
den Referaten für kurze Ergänzungen
oder stellt der Gruppe Fragen zum Thema.
So möchte er beispielsweise wissen,
welcher Tierbiss die höchste Infektions-
rate mit sich bringt. Die Gruppe guckt sich
kurz fragend an. „Katze“, vermutet eine
Teilnehmerin. „Es ist kein Tier, es ist der
Mensch“, verrät der Allgemeinmediziner
zur Verwunderung aller, „Katze ist aber
auch nicht ganz falsch“.

Für das anstehende Gruppentraining ist
nun der Umgang mit Nadel und Faden
gefragt. Im Nebenraum sind mehrere
Schweinefüße vorbereitet. In einem zwei-
ten Raum steht eine Liege zum Blutabneh-
men bereit. Bevor Maisel die Studierenden
in zwei Gruppen teilt, weist er sie in die
jeweilige Übung ein. Er fängt im Raum
                                                                                             Studentin Lisa Meyer
mit den Schweinefüßen an und erklärt die                                                     übt das Blutabnehmen an
Vorgehensweise: vom lokalen Anästheti-                                                       ihrem Kommilitonen.
kum, der Auswahl der Fadenstärke, über        alle, so wie es der Professor vorgemacht
die richtige Technik mit dem Nadelhalter      hat, mit Ringfinger und Daumen. Mit der
bis zur Entfernung des Fadens. Maisel gibt    anderen Hand führen sie die Nadel. An-
den Erstsemestern mit auf den Weg: „Sei-      fangs geht der ein oder andere Blick noch
en Sie mit Ihrem Faden ja sparsam, sonst      zum Nachbarn oder zu Maisel. Für viele
meckert später die Schwester. Vor allem,      ist das Nähen noch ungewohnt. Doch mit
wenn der Faden 6,50 Euro kostet, Ihnen        jedem Stich werden die Erstsemester siche-
aber als niedergelassenem Arzt durch-         rer. So auch Hamatschek: „Ich finde es toll,
schnittlich 4,50 Euro für die Behandlung      dass wir hier die Gelegenheit bekommen,
zur Verfügung stehen“, sagt Maisel und        das Nähen zu üben. Das lernt man am
sorgt damit einmal mehr für Irritation        besten in der Praxis.“ Zustimmung erhält
unter den Teilnehmern. „Alter Kassenarzt-     er von seinem Nebenmann: „Das stimmt.
witz“, löst er die Situation schnell auf.     Zudem ist es eine schöne Abwechslung zu
                                              Chemie und Physik.“
Nun geht es geschlossen zur nächsten
Station, der Blutabnahme. Maisel spielt       Als alle ihre Naht wieder gezogen haben,
zuerst selbst das Versuchskaninchen und       wechselt die Gruppe um Hamatschek in
legt sich auf die Liege. Die Studierenden     den Raum zur Blutabnahme. Den Anfang
versammeln sich um ihn. Während Anne-         machen Hamatschek und seine Kommili-
gret Timpe – medizinische Fachangestellte     tonin Lisa Meyer. Diese geht mit Bedacht
in Professor Maisels Gemeinschaftspraxis      vor. „Es ist das erste Mal, dass ich jeman-
im niedersächsischen Emsbüren – den           dem Blut abnehme: ein wenig aufregend.“
Arm fixiert, die Stelle an der Armbeuge       Arm stauen, desinfizieren, Nadel in die
desinfiziert und schließlich mit der Nadel    Vene einführen und schließlich das Blut
zusticht, erklärt der Professor wieder die    abziehen – jede Bewegung sitzt. Mulmig
richtige Vorgehensweise. So sei es zum Bei-   war Hamatschek während der Übung
spiel nach der Desinfektion wichtig, dass     nicht zumute. „Ich finde, sie hat das prima
die Stelle einigermaßen trocken ist. Sonst    gemacht.“ Auch bei den nächsten Zweier-
könne es ein unangenehmes Brennen beim        Teams verlaufen die Übungen nahezu
Patienten verursachen, so Maisel.             reibungslos. Am Ende des Workshops
                                              sind sich die Nachwuchsmediziner einig:
Nun teilt er die Studierenden in zwei         Solche Nachmittage wie in der Campus-
Gruppen: Die eine Hälfte übt das Blutab-      Praxis dürfte es nach ihrem Geschmack
nehmen. Der Rest geht mit Maisel zum          öfter geben. Doch fürs Erste steht Montag
Nahtkurs. Sofort wollen sie das Gelernte in   wieder Chemie auf dem Lehrplan.
die Tat umsetzen – von Berührungsängs-
ten keine Spur. Den Nadelhalter halten                                      Nicolas Ebert

                                                                                                              KBV Klartext > 4. Quartal 2017   15
T hema

     Ärztehonorare:
     Kein „Weiter so!“
     Nach den Honorarverhandlungen mit den Krankenkassen und vor der
     Bildung einer neuen Bundesregierung hat der Vorstand der KBV einer
     alten Forderung neues Gewicht verliehen: der Abschaffung der Budgets.
     Vorschläge, wie das gelingen kann, liefert die KBV gleich mit.

                                      D       ie Verhandlungen waren zäh,
                                              am Ende musste der Schlichter
                                              entscheiden. Der Spitzenverband
                                      der gesetzlichen Krankenversicherung
                                      (GKV) und die KBV konnten Ende Septem-
                                                                                   ursprünglich eine Anhebung des Orien-
                                                                                   tierungswertes um 2,4 Prozent gefordert.
                                                                                   Begründet hatte sie dies vor allem mit
                                                                                   steigenden Praxiskosten, insbesondere
                                                                                   beim Personal. Der GKV-Spitzenverband
                                      ber keine Einigung über die vertragsärzt-    war zunächst gegen eine Erhöhung. Die
                                      lichen Honorare 2018 erzielen. Die von den   Entscheidung fiel im Erweiterten Bewer-
                                      Kassen geforderte Nullrunde konnte zwar      tungsausschuss (dem Gremium, das tätig
                                      abgewendet werden, dennoch war der Vor-      wird, wenn es im Bewertungsausschuss
                                      stand der KBV alles andere als zufrieden     keine Einstimmigkeit gibt), gegen die
                                      mit dem Resultat.                            Stimmen der KBV. Außerdem müssen die
                                                                                   Krankenkassen rund 80 Millionen Euro
                                                                                   zusätzlich bereitstellen, um den durch
                                                                                   Demografie und Krankheitslast steigenden
                                                                                   Behandlungsbedarf der Versicherten zu
                                      Verhandlungsergebnis 2018                    decken. Des Weiteren müssen die Kassen
                                                                                   den Kassenärztlichen Vereinigungen für
                                      Der Orientierungswert für die vertrags-      2015 weitere 8,5 Millionen Euro nach-
                                      ärztliche Vergütung steigt im Jahr 2018 um   zahlen, da der Behandlungsbedarf von
                                      1,18 Prozent. Das entspricht einer Hono-     Akuterkrankungen wie Grippe in eini-
                                      rarerhöhung von etwa 438 Millionen Euro.     gen Regionen stärker gestiegen war als
                                      Damit entspricht ein Punkt im Leistungs-     erwartet. Insgesamt erhöht sich damit die
                                      verzeichnis des Einheitlichen Bewertungs-    Gesamtvergütung im nächsten Jahr um
                                      maßstabes ab dem 1. Januar 2018 einem        rund 525 Millionen Euro. Aktuell beträgt
                                      Wert von 10,6543 Cent. Die KBV hatte         sie rund 37 Milliarden Euro.

16   KBV Klartext > 4. Quartal 2017
Ein weiterer Beschluss betrifft die haus-       nerationen sicherstellen wolle, könne dies
ärztliche Vergütung. Ab 2018 sollen die         nur erreichen, wenn medizinische Leis-
Gelder für den Einsatz nichtärztlicher Pra-     tungen zu festen Preisen ohne sachfremde         Der von der KBV geforderte Um-
xisassistenten (NäPAs) bei Hausärzten in        Mengensteuerung vergütet würden.                 bau des Vergütungssystems zu
die morbiditätsbedingte Gesamtvergütung                                                          einem nicht budgetierten umfasst
überführt werden. Nicht verbrauchte Mit-        Die KBV hat bereits ein Konzept entwi-           unter anderem folgende Elemente:
tel sollen so für andere hausärztliche Leis-    ckelt, wie die Budgetierung im ambulan-
tungen verwendet werden können. Dies            ten Bereich schrittweise abgelöst werden         > Variable Faktoren wie demo-
hatte die KBV schon wiederholt gefordert.       könnte. Sie sieht hierzu ein zweistufiges        grafische Entwicklung und tech-
Hintergrund ist, dass das seit 2015 zur         Verfahren vor. Kurzfristig könnten zu-           nischer Fortschritt sollen durch
Verfügung stehende Finanzvolumen zur            nächst diejenigen Leistungen ausbudge-           Anreizwirkungen so ausgeglichen
Vergütung der NäPAs in Höhe von jährlich        tiert werden, bei denen die Gefahr einer         werden, dass das System insge-
118 Millionen Euro bundesweit nicht voll        nicht sachgerechten Mengenausweitung             samt stabiler wird.
ausgeschöpft wird. Die KBV hatte im Lauf        gering ist. Dies betrifft vor allem die so-
der Verhandlungen neue strukturelle             genannten Grundleistungen in der haus-           > Risikoadjustierte Pauschalen
Förderungen vorgeschlagen, etwa bei der         beziehungsweise fachärztlichen Versor-           sollen sowohl Unterversorgung
Behandlung von chronisch Kranken sowie          gung, welche die Ärzte heute schon zu            als auch Risikoselektion vermei-
multimorbiden Patienten. Diese hatte die        einem großen Teil in Form von Pauschalen         den helfen.
Kassenseite jedoch abgelehnt.                   abrechnen. In einem zweiten Schritt will
                                                die KBV das jetzige Vergütungssystem zu          > Im Gegenzug soll eine bessere
                                                einem nicht budgetierten umbauen und             Kontrolle der Fixkosten erfolgen.
                                                hat bereits damit begonnen, ihre Vorschlä-
                                                ge mit anderen ärztlichen Verbänden zu           > Bestimmte Leistungen werden
Ablösung der Budgets                            erörtern. Rückendeckung für das große            weiterhin als Einzelleistungen
                                                Ziel „weg mit den Budgets“ dürfte ihr            vergütet.
Der Vorstand der KBV machte keinen Hehl         sicher sein.
aus seinem Missfallen. Angesichts spru-                                   Alexandra Bodemer
delnder Krankenkasseneinnahmen und
hoher Rücklagen sei es weder den Ärzten
noch den Patienten zu vermitteln, dass
zwanzig Prozent des ärztlichen Tuns nach
wie vor nicht bezahlt werden, kritisierte er.
Wer die Versorgung auch für künftige Ge-

                                                Drei Fragen an ... DR. andreas Gassen
                                                Vorsitzender des Vorstandes der KBV

                                                abschreckend auf den ärztlichen Nach-         tigen Koalitionspartnern diesen Punkt mit
                                                wuchs und ist frustrierend für die Kollegen   auf den Weg zu geben.
                                                in der Praxis.
                                                                                              Aber das System muss dennoch bezahl-
                                                Warum erneuern Sie Ihre Forderung nach        bar bleiben …
                                                Abschaffung der Budgets gerade jetzt?
                                                                                              Selbstverständlich. Deshalb schlagen wir
Die Budgetierung der vertragsärztlichen         Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Zum      ja auch ein Mischsystem vor aus Pauscha-
Vergütung soll helfen, die Kosten im            einen die jüngste Erfahrung der Honorar-      len als mengenbegrenzende Maßnahme
Rahmen zu halten. Wo ist das Problem?           verhandlungen. Salopp gesagt: Die Kran-       und Einzelleistungsvergütung. Wir haben
                                                kenkassen sitzen auf einem Sack voll Geld     das Ganze auch schon einmal näherungs-
Natürlich wissen wir auch, dass der Him-        und sind dennoch nicht bereit, mit uns        weise durchgerechnet. Der Mehrbedarf für
mel in diesem Bereich nicht nach oben           über sinnvolle Strukturverbesserungen zu      den fachärztlichen Versorgungsbereich
offen ist. Dennoch kann es nicht sein,          reden. Der zweite Grund ist, dass wir vor     etwa würde in der ersten Ausbaustufe
dass Ärzte und Psychotherapeuten einen          der Bildung einer neuen Bundesregierung       unseres Vergütungskonzeptes einen nied-
messbaren Anteil ihrer Arbeit nicht bezahlt     stehen. Gesundheitspolitik hat sowohl im      rigen mittleren dreistelligen Millionen-
bekommen. Der Bäcker gibt Ihnen ja auch         Wahlkampf als auch in den Verhandlungen       betrag beanspruchen. Zur Erinnerung:
nicht jedes fünfte Brötchen gratis. Dieses      danach keine allzu große Rolle gespielt.      Ende 2016 hat die GKV 25 Milliarden Euro
finanzielle Korsett wirkt nachweislich          Für uns ist das ein Grund mehr, den künf-     auf der hohen Kante gehabt.

                                                                                                             KBV Klartext > 4. Quartal 2017   17
i n tervie w

     „Wir sind nicht der
     Moralgerichtshof der Republik.“
     Professor Peter Dabrock ist Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. Im Klartext-Interview erklärt er,
     warum der Datenschutz im Gesundheitswesen neu definiert werden sollte und warum das System
     der gesetzlichen Krankenversicherung einen befriedenden Einfluss auf die Gesellschaft hat.

     Der Deutsche Ethikrat befasst sich mit       Kategorie haben wir die Möglichkeit,           Jahre später – nahezu eins zu eins vom
     einer großen Palette gesellschaftlich        mit einer Ad-hoc-Empfehlung kurzfris-          Bundesverfassungsgericht aufgegriffen
     relevanter Fragen. Nach welchen Krite-       tig zu reagieren. Dies war zum Beispiel        worden.
     rien wählen Sie Ihre Themen?                 der Fall bei dem Thema Beschneidung.
                                                  Ausschlaggebend für die Themenwahl             Im Bereich Gesundheit hat der Ethikrat
     Vorrang haben zunächst einmal diejeni-       ist nicht unbedingt, dass möglichst viele      das Thema „Big Data“ zu einem Arbeits-
     gen Themen, mit denen uns die Bundesre-      Leute betroffen sind. Es kann durchaus         schwerpunkt erklärt. Warum?
     gierung oder der Bundestag beauftragen.      sein, dass an Fragen, die vermeintlich nur
     Das betrifft vor allem ethische Fragestel-   wenige Menschen betreffen, etwas sehr          Wir haben uns für den Schwerpunkt „Big
     lungen aus dem Bereich der Lebenswis-        Grundsätzliches deutlich wird. Das gilt        Data und Gesundheit“ entschieden, weil er
     senschaften und damit auch der Medizin.      etwa für das Thema Intersexualität. Der        eine wichtige Brücke darstellt. Zum einen
     Wenn wir selbst ein Thema wählen, so         Ethikrat hat bereits im Jahr 2012 eine Stel-   ist die Gesundheit ein Thema, das viele
     unterscheiden wir zwischen solchen, die      lungnahme zum Umgang mit Menschen              Menschen sehr grundlegend beschäftigt.
     „jetzt dringlich“ sind und solchen, die      mit unklarem Geschlecht verfasst. Diese        In der Kombination mit Big Data machen
     „bleibend wichtig“ sind. In der ersten       Empfehlungen sind jetzt – mehr als fünf        wir darauf aufmerksam, dass längst alle

18   KBV Klartext > 4. Quartal 2017
Lebensbereiche von der Digitalisierung         Wenn der Patient diese Datensouverä-           Blick auf die Position „dafür“ und „dage-
durchdrungen sind. Das bedeutet eine ent-      nität behalten oder erlangen soll, muss        gen“. Man entschied sich, die Argumente
scheidende Veränderung für das persön-         er wissen, wann wo welche Daten vor-           beider Seiten offenzulegen, ohne dem
liche und gesellschaftliche Verständnis        handen sind. Ist das nicht der eigentliche     Bundestag oder der Öffentlichkeit eine ab-
von Gesundheit und Krankheit. Für mich         Knackpunkt?                                    schließende Empfehlung zu geben. Auch
ist hierbei das Faszinierende, dass wir an                                                    mit einem solchen Vorgehen kann man
einem für die Menschen enorm wichtigen         Im Grunde gibt es zwei Sphären, in denen       erheblich zur Entscheidungsfindung jedes
Themenfeld zugleich, quasi paradig-            die Frage von Big Data und Gesundheit          Einzelnen beitragen.
matisch, etwas noch Grundsätzlicheres          relevant wird. Zum einen der eher offene
thematisieren. Deshalb ist es zu dieser        Bereich, der etwa in den sogenannten           Ich nenne Ihnen jetzt zwei Aussagen.
Zeit das geradezu perfekte Thema für den       Wearables genutzt wird, der nicht den          Erstens: Neue Technologien müssen ma-
Ethikrat.                                      klassischen Medizinstandards entspricht.       ximal genutzt werden – nur so ist echter
                                               Hier geht es vor allem darum, die Men-         medizinischer Fortschritt überhaupt
Zu welchem Ergebnis sind Sie bei               schen im Sinne einer digitalen Bildung         möglich. Zweitens: Technische Machbar-
Ihren Beratungen gekommen?                     dafür zu sensibilisieren, dass sie kritisch    keit allein darf kein Freifahrtschein sein.
                                               mit diesen ganzen Mustererkennungen            Beide Positionen lassen sich ethisch
Zunächst einmal erkennt der Deutsche           umgehen und dass eine App auf Kau-             begründen, oder?
Ethikrat an, dass wir in einer digitalen       gummiautomatenniveau nicht ernsthaft
Gesellschaft leben. Das heißt, wenn wir        für medizinische Fragen herangezogen           Absolut. Ich komme noch einmal auf das
die Vorteile von Big Data im Gesundheits-      werden sollte. Der andere Bereich ist die      Beispiel Big Data zurück. Einerseits muss
bereich nutzen wollen, dann müssen             medizinisch-relevante Forschung. Auch          man sich fragen, um welcher Ziele Willen
wir uns eingestehen, dass wir mit dem          dort müssen Patienten und Probanden die        man diese Technologien nutzt. Man muss
gut bewährten Paradigma der informa-           Möglichkeit haben, die Nutzung ihrer Da-       sich zweitens fragen, ob diese Technolo-
tionellen Selbstbestimmung und der             ten weiterverfolgen zu können. Sie sollten     gien nicht bereits ein so intrinsischer Teil
alten Datenschutzprinzipien nicht mehr         sich außerdem proaktiv als Proben- oder        unserer Lebenswelt geworden sind, dass
einfach fortfahren können. Der effektive       Datenspender einsetzen können. Für den         ein Sich-zurückbeamen-wollen in eine
Datenschutz – gerade im Umgang mit             Ethikrat spielt in diesem Zusammenhang         „Vor-Big-Data“-Zeit einfach nicht realis-
hochsensiblen Daten – würde dadurch            auch der Gedanke der Solidarität eine          tisch ist. Und eine Ethik, die wirklichkeits-
geschwächt. Wir schlagen deshalb vor,          große Rolle. Wir brauchen eine Transfor-       fremd ist, muss sich fragen, ob sie ihrer
vom „Datenschutz“ auf ein neues Konzept        mation des alten „informed consent“, also      Aufgabe gerecht wird. Drittens muss man
der „Datensouveränität“ umzusteigen. Wir       der informierten Einwilligung. Hierfür         schauen, welche allgemeinen Normen
nennen das „informationelle Freiheitsbe-       machen wir in unserer Stellungnahme            und Grundrechte durch den Einsatz einer
stimmung“. Um diese Datensouveränität          einen entsprechenden Vorschlag.                bestimmten Technologie tangiert sind.
des Einzelnen zu gewährleisten, müssen                                                        Das sind für mich die drei entscheidenden
neue technische Möglichkeiten geschaffen       Der Ethikrat hat 26 Mitglieder mit unter-      Fragen: Was sind die Ziele? Wie realistisch
werden – etwa Schnittstellen, die es dem       schiedlichem professionellem Hinter-           ist das Ganze? Welche Grundrechte sind
Einzelnen erlauben, in den Verwertungs-        grund. Sie selbst sind Theologe und Phi-       betroffen? Die Frage, ob wir eher Fort-
prozess seiner persönlichen und vor allem      losoph. Liegen Sie oft mit den Medizinern      schrittsgläubige oder Technikfeinde sind,
gesundheitsbezogenen Daten jederzeit           in Ihrem Gremium „über Kreuz“? Wie             würde ich demgegenüber als sekundär
eingreifen zu können, also eine Kontroll-      kommen Sie trotzdem zu gemeinsamen             betrachten.
möglichkeit zu besitzen.                       Stellungnahmen?
                                                                                              Wenn Patienten heutzutage in die Pra-
Zum anderen weisen wir darauf hin, dass        Der Ethikrat soll die Pluralität der Gesell-   xis kommen, haben sie oft schon ihre
sich im Kontext von Big Data die klassi-       schaft widerspiegeln. Deswegen wäre            Symptome gegoogelt oder konfrontieren
sche Unterscheidung von Medizinbereich         es geradezu alarmierend, wenn es keine         ihren Arzt mit Werten einer Gesundheits-
und Nichtmedizinbereich verflüchtigt.          Kontroversen gäbe. Wir sind nicht der Mo-      App. Ist das aus Ihrer Sicht ein Risiko
Aus jedem Datum kann ein gesundheits-          ralgerichtshof der Republik. Wir sind dazu     oder eine Chance für die Arzt-Patienten-
relevantes Datum werden. Ein Beispiel:         da, ethische Kontroversen aufzudecken          Beziehung?
Facebook arbeitet an einem Tool, mit dem       und zu debattieren. Dort, wo es mög-
aus der sozialen Kommunikation eines           lich ist, versuchen wir sozusagen einen        Patienten, die mit einem „gesunden Halb-
Nutzers identifiziert werden kann, ob          Korridor der Orientierung anzubieten, in       wissen“ daher kommen, sind vielleicht
jemand eine Neigung zu Depressionen hat        dem durchaus unterschiedliche Positionen       schwieriger zu behandeln als andere.
oder gegebenenfalls sogar suizidgefährdet      zum Tragen kommen können. Um das zu            Aber es bringt nichts, sich nach einer Zeit
ist. Soll man ein solches Tool installieren,   erreichen, ringen wir bei jeder Stellung-      zurückzusehnen, die es nicht mehr gibt,
oder ist das etwas, was zu stark in die Per-   nahme, manchmal bis wenige Minuten vor         sondern man muss mit dieser Situation
sönlichkeitssphäre des Einzelnen eintritt?     Verabschiedung des endgültigen Textes.         umgehen. Patienten, die eine seltene
Dabei stellt sich auch die Frage, welche       Natürlich versuchen wir, eine möglichst        Erkrankung haben, und sich etwa in einer
Daten werden wie miteinander vermischt         hohe Gemeinsamkeit zu erzielen, weil           Selbsthilfegruppe organisieren, sind oft
und dürfen miteinander vermischt wer-          das schon ein starkes Signal ist. Aber wir     exquisite Experten. So etwas sollte man
den? Bei Big Data geht es ja darum, Muster     trachten nicht nach Konsens nur um des         als Arzt dankbar zur Kenntnis nehmen
zu erkennen. Das kann gravierende Folgen       lieben Friedens willen. Nehmen wir die         und das eigene Tun noch dialogischer
für den Einzelnen haben. Deshalb ist die       Stellungnahme zur Präimplantationsdia-         gestalten. Was die anderen betrifft: Ja, es
Qualität der Daten so wichtig, damit nicht     gnostik aus dem Jahr 2011. Der damalige        wird sicher anstrengender für den Arzt.
falsche Schlüsse gezogen werden.               Rat war quasi „fifty fifty“ aufgeteilt mit     Dessen Kompetenz wird sich auch daran >

                                                                                                              KBV Klartext > 4. Quartal 2017   19
Sie können auch lesen