KRISENZEITEN Zwischen heißem Herbst und kaltem Winter - 6 | BILDUNGSKONGRESS - Verband Deutscher Realschullehrer
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ISSN 2195-9277 Nr. 5–6/2022 Jahrgang 130
Das Magazin des Verbandes Deutscher Realschullehrer und der Lehrkräfte an Schulen im Sekundarbereich
KRISENZEITEN
Zwischen heißem Herbst und kaltem Winter
6 | BILDUNGSKONGRESS 15 | AUSZEICHNUNG 28 | BÖB-KONGRESS
Moderne Schulen schaffen Jürgen Böhm wird mit Ökonomische Bildung
Bundesverdienstkreuz gewürdigt qualitativ vertiefen
www.vdr-bund.de4
EDITORIAL...............................................................................................................................
IMPRESSUM............................................................................................................................ 4
EINBLICKE UND AUSBLICKE
Krisenschuljahr? Zwischen heißem Herbst und eiskaltem Winter ............................ 5
6
BILDUNGSKONGRESS: MODERNE SCHULEN SCHAFFEN.....................
BESCHULUNG UKRAINISCHER SCHÜLER IN DEUTSCHLAND........12
6 VDR-Bildungskongress: Neue Wege „DIE SCHULE IST NICHT REPARATURWERKSTATT
für eine bessere Bildungszusammenarbeit
EINER KAPUTTEN GESELLSCHAFT“
Jürgen Böhm im ZEIT ONLINE-Interview über Fachkräftemangel ....................... 14
BUNDESVERDIENSTKREUZ FÜR STÄRKUNG DER BILDUNG
Jürgen Böhm erhält das Verdienstkreuz am Bande
der Bundesrepublik Deutschland ............................................................................... 15
DIE BESOLDUNG IM LÄNDERVERGLEICH..................................................... 16
3 FRAGEN AN …
Thomas Leubner, Head of Siemens Professional Education at Siemens .............. 20
ENDLICH – ARBEITSWIRKLICHKEIT ANERKANNT!
28 Viel Neues in Präsenz auf Neuer Tarifabschluss für kommunale Beschäftigte
der didacta 2022
im Sozial- und Erziehungsdienst ................................................................................ 21
DIDACTA 2022
didacta 2022 findet wieder in Präsenz statt und sendet starkes Signal .............. 22
Die Podiumsdiskussionen – ein kleiner Auszug ....................................................... 24
Interview mit Andrej Priboschek und Jürgen Böhm . ............................................... 25
Didacta Verband wählt neuen Vorstand ................................................................... 26
ERSTER BUNDESWEITER BÖB-KONGRESS
Ökonomische Bildung muss alle Kinder und Jugendlichen erreichen!.................. 28
28 Fachleute aus Wissenschaft, Schule, VDR-LÄNDERSPIEGEL................................................................................................. 30
Foto Seite 1: Pixabay
Politik und Wirtschaft auf dem
ersten bundesweiten BÖB-Kongress VDRJUGEND-SEMINAR IN KÖNIGSWINTER
Gleiches unter Gleichen – VDRjugend nimmt Bedingungen zur Arbeit
als Lehrkraft der einzelnen Bundesländer unter die Lupe . ..................................... 32
2 BILDUNG REAL · 5–6/2022VDR-FRAUENVERTRETUNG
Fachtagung: Veränderungen erfolgreich bewältigen . .............................................. 33
MITGLIEDERVERSAMMLUNG DER
BUNDESINITIATIVE DIFFERENZIERTES SCHULWESEN
WÄHLT NEUE VORSITZENDE................................................................................. 34
AUS DEN LÄNDERN
37
Baden-Württemberg: Die Mitte macht’s ...................................................................
Nordrhein-Westfalen: Pacta sund servanda! ............................................................ 38
Bayern: Bildungspolitischer Empfang 2022 ............................................................. 39 32 Team VDRjugend, v. l. n. r.: Schriftführer
Nico Cordes (VRB RLP), stv. Vorsitzende
Rheinland-Pfalz: 10. Ingelheimer Fachkongress des VRB ...................................... 41 Tanja Heger (brlv), Vorsitzende Saskia Tittgen
(VRB RLP) und René Michel (SLV)
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Die Debeka-Gruppe
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Gemeinschaft zeigt sich
in schwierigen Zeiten.
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des öffentlichen Dienstes
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3Es bleibt ungewiss. Gewiss ist der Zusammenhalt.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, Auch unsere einzelnen Landesbünde konnten
wieder aktiv werden und ihre Forderungen in
das neue Schuljahr hat für alle begonnen und
Präsenz darlegen. Besonders wichtig war und
wir sind wieder mittendrin im Alltag. Ein All-
ist das in den Ländern, die mit ihren Landtags-
tag, der uns alle nach wie vor fordert. Mit dem
wahlen auch die bildungspolitische Richtung
1. Oktober kamen neue – oder doch alte – Maß-
vorgeben. Die Wahlen im Saarland, in Nord-
nahmen, die die Pandemie endgültig vertreiben
rhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein ha-
sollen. Wir werden abwarten müssen, wie wir
ben bereits bewiesen, dass unsere Arbeit in den
durch die nächste Zeit kommen werden und
Verbänden mit Nachdruck weitergeführt wer-
wie wir die Krisen im Land auch an den Schulen
den muss. Das wird sich auch in Niedersachsen
bewältigen werden.
zeigen.
Über den Sommer konnten wir zumindest im
Waltraud Eder, In den vergangenen Jahren konnten wir viel
Chefredakteurin „Bildung Real“ Verband wieder Fahrt aufnehmen und einige
bewegen und wurden sichtbar sowohl in den
Veranstaltungen erleben und stattfinden lassen.
Ländern als auch als Dachverband im Bund. Zu-
Unser Bildungskongress „Moderne Schulen sammenstehen und eine Linie bewahren wird
schaffen“ des VDR mit unseren Partnern, der weiterhin unser Motto bleiben.
Friedrich-Naumann-Stiftung und GermanU15,
Kurz: Wir lassen uns nicht beeindrucken von
unterstützt von der debeka und der BBBank,
politisch-ideologischen Ideen, sondern setzen
lockte in Berlin viele Bildungsinteressierte an
weiterhin auf Qualität, Leistung und Bildung in
und war bis auf den letzten Platz besetzt.
unserem Land.
Die didacta fand in Präsenz in Köln statt und wir
Ihre Waltraud Eder,
konnten zusammen mit unserem Landesver-
Chefredakteurin
band lehrerNRW und mit BSW vor Ort punkten.
IMPRESSUM
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Bildmaterial
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Soweit nicht anders gekennzeichnet, stammen Redaktions- und Anzeigenschluss
Dirk Meußer, Anna Katharina Müller
die Fotos aus dem VDR-Archiv. für die Ausgabe Nr. 1–2/2023
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben
ist der 18. Februar 2023
nicht in jedem Fall die Meinung des Heraus-
gebers oder der Schriftleitung wieder.
4 BILDUNG REAL · 5–6/2022Nein, es ist nach drei (!) Corona-Schuljahren nicht vorbei. Grundkonsens, dass sich Leistung und Arbeit lohnen, beginnt
Im Gegenteil – neben der Pandemie sind in den vergange- zu bröckeln. Es fehlen zunehmend klare, vielleicht auch unpo-
nen Wochen noch weitere Krisenherde hinzugekommen, puläre Entscheidungen und Botschaften der regierenden Politik.
Parteipolitisches Taktieren und das Verharren in ideologisierter
die das Bildungssystem in unserem Land extrem unter
Parteiprogrammatik, ob bei Ukrainehilfe, Energie- und Verkehr-
Druck geraten lassen. Ja, wir haben einen Krieg in Europa,
spolitik, innere Sicherheit oder Bildung helfen niemanden. Und
der viele Entwicklungen verschuldete und ja, wir stehen so ein „Rumgeeiere“ wie bei der Impfpflicht und den Coronamaß-
natürlich fest an der Seite der demokratischen Ukraine! nahmen können wir uns in dieser sich verschärfenden Situation
Das vorweg. definitiv nicht (mehr) leisten.
Zunehmender Lehrkräftemangel aufgrund steigender Schüler- Was hat das alles mit Bildung zu tun? Alles.
zahlen (plus zehntausender Flüchtlingsschüler aus der Ukraine),
Wenn jungen Menschen suggeriert wird, dass der Staat es schon
fehlender Personalplanung und mangelnde Attraktivität des Lehr-
irgendwann richtet, wenn der Verdienst einer Tätigkeit nicht mehr
berufes lassen einige Länder und Schulformen zu Verzweiflungs-
reicht, das Leben abzusichern, wenn mir als Bürger vorgeschrie-
maßnahmen greifen. Stunden werden gekürzt, ja ganze Schultage
ben werden soll, wie ich die individuellsten Dinge des Lebens
sollen wie in Sachsen-Anhalt wieder aus der Schule ausgelagert
verrichten soll, warum sollte ich mich dann in der Schule anstren-
werden. Die Energiekrise in unserem Land lässt uns allen Ernstes
gen, Leistung bringen, eine berufliche Zukunft planen? Genau
darüber nachdenken, dass in Schulen und Universitäten die Tem-
dieser Haltung muss Bildung entgegenwirken. Leistung muss sich
peraturen in Räumen heruntergefahren werden – es wird über
lohnen und nicht nur akademische Bildung ist etwas wert. Eine
kältebedingte Schließungen fabuliert. Eine neue Qualität erhält
gesunde, leistungsfähige Gesellschaft baut auf dem beruflichen
der soziale Druck in der Gesellschaft, der durch steigende Inflati-
Mittelbau auf und der muss wertgeschätzt werden.
on, angeheizt (fast ein Wortspiel) durch die hohen Energie- und
Treibstoffpreise, ständig wächst. Viele Menschen stehen finanzi- Und abschließend: Bildung muss in beheizten Räumen statt-
ell mit dem Rücken an der Wand und das wirkt sich mit Sicherheit finden, in Präsenz – in entsprechend beheizten Schulen und
verheerend auf die Kinder und Jugendlichen aus. Und es trifft Universitäten! Das muss ein demokratischer Staat einfach leis-
eben nicht nur den unteren Rand der Gesellschaft, der durch ten – sonst geben wir uns auf und landen in der sozialen Kälte
großzügige Heizkostenübernahme, Wohngeld, Sozialleistungen (Wortspiel aus).
usw. relativ „abgesichert“ ist. Es trifft mit voller Wucht die Mitte
der Gesellschaft, die Fleißigen, die Leistenden, die Selbstständi-
gen … Text: Jürgen Böhm
info@vdr-bund.de
In dieser Situation ideologiegetriebene Energiepolitik umsetzen
zu wollen, Menschen vorzuschreiben wie sie sich fortzubewe-
gen, zu heizen, zu essen, zu waschen und zu denken hätten,
widerspricht jeglichen demokratischen Gepflogenheiten. Auch
die Motivation zur Leistungsbereitschaft sinkt in Richtung Ge-
frierpunkt (Wortspiel). Der soziale Kitt unserer Gesellschaft, der
5Im Meistersaal am Potsdamer
Platz veranstaltete der VDR
mit seinen Partnern Friedrich
Naumann Stiftung, U15,
BBBank und Debeka den
‚Bildungskongress Moderne
Schulen schaffen: Neue Wege
der Lehrkräftebildung
und Bildungszusammenarbeit‘.
An diesem historischen Ort
wurden schon vor über hun-
dert Jahren Kongresse und
Veranstaltungen zu politischen
Themen abgehalten, sowie
den Handwerksgesellen ihre
Meisterbriefe übergeben.
6 BILDUNG REAL · 5–6/2022Prof. Dr. Georg Krausch stimmten die-
sen Aussagen zu. Sie sahen auch in der
Selbstständigkeit und der Weiterbil-
dung der Lehrkräfte wichtige Themen,
die es zu beachten gilt. Zudem waren
sich alle einig, dass der Bedarf an Lehr-
kräften, besonders in den MINT-Fä-
chern nicht richtig eingeschätzt wur-
de. Besonders auffällig ist nach Böhm
auch, dass es zu einer Schwächung der
beruflichen Bildung und der dualen
Ausbildung gekommen ist. Die Qualität
der Abschlüsse an den Schulen sinke,
gleichzeitig würden zu viele Abiturien-
ten ausgebildet. „Leider studieren die
meisten nicht Lehramtsfächer“, stellte
er fest.
Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger und Karl-Heinz Paqué, Vorsitzender der Friedrich- Stärkung der
Naumann-Stiftung für Freiheit bei ihren Eröffnungsreden
beruflichen Bildung
und des
differenzierten
Schulwesens
Über 100 Jahre später finden nun, un- zentralen Orte dafür. Hier beginne das Ebenso seien die Aufstiegsmöglichkei-
ter ganz anderen Vorzeichen der Zeit, lebenslange Lernen und Lehrkräfte sei- ten für Lehrkräfte ein Problem. Des-
wieder Diskussionen statt, aber dies- en der Schlüssel. Dazu bedürfe es aber halb brauche es eine Exzellenzinitiative
mal suchen wir die Handwerksgesel- auch der Anerkennung von Heteroge- für die Lehramtsausbildung inklusive
len vergebens. Deutschland hat einen nität und Vielfalt, das Eingehen gelin- der Stärkung der beruflichen Bildung
Fachkräftemangel und sieht sich nun, gender Kooperationen zwischen den und des differenzierten Schulwesens,
anders als im industriellen Zeitalter, einzelnen Akteuren, die am Bildungs- damit den drängenden Problemen, wie
auch noch vor andere Herausforde- prozess beteiligt sind. dem Fachkräftemangel und der sinken-
rungen gestellt wie die Digitalisierung. den Qualität der Bildung Einhalt gebo-
EXZELLENZINITIATIVE
Aber was braucht die moderne Schule? ten werden könne.
FÜR LEHRKRÄFTE
ERÖFFNUNGSREDEN In dem sich anschließenden Talk Zeiten- Für die zweite Diskussionsrunde Neue
Karl-Heinz Paqué, Vorsitzender der wende in der Bildung: Herausforderungen Wege in der Lehrkräftebildung wurden
Friedrich Naumann Stiftung für die und Chancen verwies Prof. Dr. Georg Ferdinand Stipberger, Realschullehrer
Freiheit und auch Bundesbildungs- Krausch in seinen Eröffnungsworten und Berater für digitale Bildung für die
ministerin Bettina Stark-Watzinger darauf, dass einer Exzellenzinitiative in Oberpfalz, Preisträger des deutschen
suchten in ihren Eröffnungsreden der Ausbildung der Lehrkräfte bedarf. Lehrerpreises 2019 in der Kategorie
nach Antworten. Dabei spielten die Dem konnte auch Jürgen Böhm, Vor- „Unterricht innovativ“, Jan Wöpking,
Freiheit und Bildung eine zentrale Rol- sitzender des VDR, nur zustimmen, er Geschäftsführer German U15, Verena
le, denn beides sind unveräußerliche sagte, dass die „Lehrerausbildung an von Hugo vom Bündnis Ökonomische
Grundrechte und bedingen sich. Sie den Universitäten mehr Anerkennung Bildung und Prof. Dr. Freitag-Hild,
stützen die Persönlichkeitsrechte der für das Studium und den Lehrerberuf stellvertretende Direktorin des ZLB
heranwachsenden Generation, da sie schaffen muss. Die Ausbildung muss der Universität Potsdam, auf die Büh-
zur Entfaltung von Individualität, zur besser werden, ebenso muss sich die ne gebeten. Freitag-Hild betonte, dass
Mündigkeit und demokratischen Han- Praxis verbessern.“ Eine Kürzung des es an den Universitäten einen guten
deln beitragen. Aber diese Freiheit der Referendariats spiele gegen eine qua- Theorie-Praxis Bezug im Lehramts-
Bildung bedeutet auch Verantwortung, litative Lehrerbildung. Zudem brauche studium und Lehr-Lern-Labore gebe.
die Bildung so zu gestalten, dass es mehr Fort- und Weiterbildung für die Sie sind eine gute Möglichkeit, um der
Kindern und Jugendlichen ermöglicht Lehrkräfte. Die Stärkung der diffe- Digitalisierung, sowie der Individualität
wird, frei und selbstbestimmt zu lernen renzierten Bildung, insbesondere der der Studierenden gerecht zu werden.
und für die folgenden Generationen Haupt- und Realschulen und des Leis- Der Ausbau von diagnostischen Kom-
und die Demokratie Verantwortung tungsgedankens, müssen dabei über- petenzen der Lehrkräfte spiele eine
zu übernehmen. Die Schulen und das geordnete Ziele sein, die es zu beleben immer wichtigere Rolle. Die Universi-
betonte auch Stark-Watzinger, sind die gilt. Bettina Stark-Watzinger und auch tät Potsdam und auch andere Univer-
7BILDUNGSKONGRESS: MODERNE SCHULEN SCHAFFEN
Deutscher Realschullehrerverband
fordert, die Attraktivität des Lehr-
berufs zu steigern, die Leistungso-
rientierung zu stärken und die Zu-
kunftsfähigkeit zu sichern.
„An den Universitäten muss die Lehrer-
bildung endlich aus dem Schattenda-
Jürgen Böhm im Pausengespräch mit der Bundesbildungsministerin sein des geduldeten Studienganges he-
raus!“, fordert der Bundesvorsitzende
des Deutschen Realschullehrerverbands
sitäten haben bereits verschiedene (VDR) Jürgen Böhm. Viele sähen den
Projekte ins Leben gerufen, mit denen Lehramtsstudiengang immer noch als
eine Verbesserung der Ausbildung, vor lästiges Anhängsel. Das liege häufig an
allem im Bereich der Medienbildung, der geringen Attraktivität des Berufes,
Digitalisierung und Inklusion erreicht an den teilweise überzogenen verwal-
werden soll. Im Mittelpunkt stehe Forderung nach tungsbezogenen, sozialen und vor allem
erzieherischen Anforderungen an die
dabei die Weiterentwicklung der Stu- Konzepten für die Lehrkräfte und an der ewigen Diskussion
diengänge und die Einbeziehung von
Schulen in die Forschungsvorhaben. kulturelle Heterogenität, über Beamtenstatus und Einstiegsbesol-
Die Zusammenarbeit zwischen den Digitalisierung dung.
Schulen und Universitäten sei essen- und Nachhaltigkeit „Die wichtigsten Kriterien sind jedoch
ziell, um die Qualität des Studiums und die über Jahre heruntergefahrene Qua-
des Unterrichts weiterzuentwickeln. lität der Ausbildung und der Status der
Abschließend resümiert Freitag-Hild, Lehrkräftebildung an den Universitäten.
dass es eine stärkere Anerkennung des Die 2015 gestartete Qualitätsoffensi-
Lehrberufes, mehr Kooperationen zwi-
schen den Bildungsinstitutionen und
Konzepte für die kulturelle Heteroge-
nität, Digitalisierung, Nachhaltigkeit,
aber auch Individualisierung geben
müsse. Jan Wöpking sieht ein Prob-
lem vor allem in der Heterogenität der
Lehramtsausbildung und spricht sich
für eine digitale Didaktik als ein Quer-
schnittsthema in den Universitäten
aus, um mehr Vernetzung und Koope-
rationen zwischen den Institutionen zu
schaffen. „Viele Schulthemen werden
immer noch schwarz-weiß gesehen“,
sagt er. „Hier sollte es eine Verände-
rung geben, mehr fächerübergreifend
zu arbeiten“. Die langsame Verände-
rung in den Lehramtsstudiengängen
sei sichtbar, vor allem die Praxisanteile
seien gestiegen. Werben möchte er
deshalb für die Qualitätsoffensive Leh-
rerbildung, da diese 2023 ausläuft und Von links: Ute Welty moderiert die erste Talkrunde mit Prof. Dr. Georg Krausch,
bisher ein gutes Projekt war. Bettina Stark-Watzinger und Jürgen Böhm
8 BILDUNG REAL · 5–6/2022ve Lehrkräftebildung war finanziell und lungsmöglichkeiten im Lehramt scheinen • Ausbau der Weiterbildungs- und Qua-
inhaltlich gesehen, gelinde gesagt, ein für junge Menschen oft begrenzt. Beför- lifikationsphase für Lehrkräfte als Be-
Witz!“, so Böhm. derungsmöglichkeiten sollten als Anreiz standteil der Unterrichtsverpflichtung.
auch im Schulbereich selbstverständlich
„Viele leistungsstarke Abiturientinnen Jürgen Böhm fordert ein schnelles Han-
sein.
und Abiturienten scheuen den Lehrbe- deln: „Das Jammern ist heute groß. Jeder
ruf, da die Orientierung an Leistung in Was wir für eine zukunftsorientierte Leh- scheint betroffen und überrascht. Doch
den vergangenen Jahren an den Schulen rerbildung brauchen, sind: nicht erst mit der neuen Flüchtlingswelle
zunehmend in den Hintergrund gedrängt • eine klare leistungsorientierte, diffe- aus der Ukraine war klar, dass unserem
wurde. Übertrittsbedingungen wurden renzierte, abschlussbezogene Lehrkräf- Land Lehrerinnen und Lehrer fehlen. Auf
eingeebnet, über die Rolle von Noten teausbildung, die Schulen werden massive Herausfor-
wurde immer mehr diskutiert und Schu- derungen zukommen, die nur durch ein
• Ressourcen für die zwei Phasen der
len mutierten zur Reparaturwerkstatt abschlussbezogenes, engagiertes, gut
Lehrkräfteausbildung,
der Gesellschaft. An Schulstrukturen ausgebildetes und qualifiziertes Lehrper-
wurde über Jahre herumexperimentiert. • Referendariat mit 24 Monaten, sonal bewältigt werden können.“
Statt Bildung und Inhalte standen oft • Inhalte in der Lehrkräfteausbildung, die Pressemitteilung Nr. 08/2022 des VDR
„pädagogische Spielwiesen und ideolo- sich an den Realitäten der modernen vom 22. April 2022
gische Steckenpferde“ im Mittelpunkt“, Welt orientieren, wie Digitalisierung,
stellt Böhm fest. ökonomische Bildung und nachhaltige
Entwicklung,
Ein klares Abschlussprofil der Schulen
sei oft nicht mehr erkennbar: Einheits- • Aufstockung des Ausbildungspersonals
schulen und der Drang nach „Abitur für an den Universitäten und im Vorberei-
alle“ wirken eher abschreckend auf jun- tungsdienst,
ge Menschen. Es gebe keine fassbaren • Möglichkeiten der Weiterentwicklung
Strukturen mehr, die Sicherheit und kla- oder auch des Ausstieges nach dem
re Linien bieten. Aufstiegs- und Entwick- Lehramtsstudium,
DIGITALE BILDUNG IN ALLEN wie Deutsch und Englisch seien hin-
STUDIENGÄNGEN ANBIETEN zugekommen. Stipberger kritisiert vor
Ferdinand Stipberger nimmt in seinen allem die Fort- und Weiterbildung der
Aussagen vor allem Bezug zur Digitali- Lehrkräfte, als auch die Ausstattung
sierung und das mit vollem Enthusias- der Schulen mit digitalen Endgeräten
Oft müssen Lehrkräfte in mus. Er hat mit Sebastian Schmidt ein und den Ausbau der digitalen Infra-
Lernbüro digital-kooperativ aufbereitet struktur. In den letzten zehn Jahren sei
ihrer Freizeit Weiterbildungen und dafür den Deutschen Lehrerprei- vieles versäumt worden. Er plädierte
besuchen, ohne ses 2019 in der Kategorie „Unterricht für mehr Anreize für die Lehrkräfte,
jegliche Anrechnung innovativ“ erhalten. Im Lernbüro wur- sich weiterzubilden. Oft müssten Lehr-
den anfangs Themen in 10-minütige kräfte in ihrer Freizeit Weiterbildungen
Erklärvideos für Mathematik aufberei- besuchen, ohne jegliche Anrechnung.
tet und auf die Lernplattform mebis Für ihn ist es entscheidend, die digi-
hochgeladen. Die Lernenden mussten tale Bildung in allen Studienfächern
dazu Hausaufgaben erledigen oder anzubieten oder zumindest als Er-
Klausuren schreiben. Mittlerweile be- weiterungsfach, denn sie wird in der
teiligen sich 36 Lehrkräfte aus sieben modernen Schule eine große Rolle
bayerischen Realschulen, auch Fächer, spielen. Entscheidend ist auch eine
9BILDUNGSKONGRESS: MODERNE SCHULEN SCHAFFEN
Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger und Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für Freiheit,
im Gespräch mit dem Vorstand des VDR
positive Fehlerkultur, die von Anfang
an in der Ausbildung stattfinden sollte. Warum der Lehrerberuf für viele unattraktiv ist
Hingegen brachte Verena von Hugo
in die Diskussion noch einen weite- Bis 2035 werden mindestens 23.800 Lehrkräfte fehlen,
ren Aspekt ein, nämlich die schlechte prognostiziert die Kultusministerkonferenz. Der Lehrerberuf
ökonomische Bildung und die Ausbil- scheint für die junge Generation unattraktiv – mangelnde
dung der Lehrkräfte in diesem Bereich. Flexibilität ist nur ein Grund.
Hierbei verwies sie auf die OeBiX-Stu-
Ulrike Bentlage, Beraterin, weiß: Junge Menschen wollten
die, die in ihren Ergebnissen nachwies,
dass in den meisten Bundesländern eher Abenteuer als Sicherheit, lieber Start-up als Schule.
die ökonomische Bildung kaum in den Sie glaubten, nach zwölf Jahren Schülerdasein wüssten sie,
Stundentafeln der allgemeinbildenden was die Arbeit der Lehrenden ausmacht, und das sei für
Schulen, als auch in der Lehrkräftefort- sie nicht attraktiv. Ihnen fehlten Flexibilität bei der Wahl des
bildung verankert ist. Verena von Hugo Arbeitsorts und bei der Einteilung der Arbeitszeit.
würde administrative Aufgaben für Sie fürchteten, inhaltlich in der Gestaltung des Unterrichts
Lehrkräfte bündeln. Zudem sieht sie zu sehr festgelegt zu werden.
in der ökonomischen Bildung und Di-
gitalisierung viele Berührungspunkte. Auch Aufstiegschancen oder die Möglichkeit, sich weiter-
Denn nach ihrer Auffassung werden zuentwickeln, sehen sie nicht; eher Ärger mit den Kolleginnen
Medienkompetenzen, Wertebildung und Kollegen und mit überambitionierten Eltern.
und eine grundständige Fachlichkeit
von angehenden Lehrkräften benötigt. Die Uni Potsdam hat intern ermittelt, dass nur fünfzig Prozent
Das Ziel sollte es sein, eine Chancen- der Studienanfänger bis zum Ende durchhalten.
gerechtigkeit herzustellen.
10 BILDUNG REAL · 5–6/2022MEINUNGSVIELFALT IN DER sie als Chance, da eine Lehrkraft digital nicht optional sein. Genauso müsse
DRITTEN DISKUSSIONSRUNDE mehrere Klassen unterrichten könnte. eine Anpassung der Ausbildung an die
An der letzten Diskussionsrunde Vom Prof. Dr. Robert Schwager blieb mit gesellschaftlichen Gegebenheiten vor-
Kooperationsverbot zum Kooperationsge- seiner Argumentation eher auf der genommen und der Ausbau von Auf-
bot nahmen Prof. Dr. Robert Schwager Mikroebene der Schulen. Ihnen soll- stiegsmöglichkeiten geschaffen wer-
Georg-August-Universität Göttingen, ten mehr Freiräume in der Gestaltung den. Es liege also in der Verantwortung
Ria Schröder MdB Bildungspolitische eingeräumt und den mehr Vertrauen der Bildungsinstitutionen und den po-
Sprecherin der FDP-Fraktion im Deut- und Anerkennung entgegengebracht litisch Verantwortlichen, ihren Beitrag
schen Bundestag und Wolfgang Percy werden. Besonders das selbstbe- für die moderne Schule von morgen zu
Ott, Vorsitzender der Expertengruppe stimmte und autonome Lernen seien schaffen, mit allem was nötig sei, um
„Intelligente Bildungsnetze“ im Digi- entscheidend. Die Länder sollten mehr die Freiheit der Bildung zu generieren.
tal-Gipfel der Bundesregierung, teil. miteinander zusammenarbeiten, Inno-
Der Bildungskongress hat eines ge-
Ihre Meinungen zum Thema differier- vationen schaffen und ihre Ergebnisse
zeigt: Wir alle sind gefragt, diesen Bei-
ten sehr. Ria Schröder nahm als erste stärker evaluieren, folgerte er. So ließe
trag auch zu leisten, denn jeder Teil
Stellung zur Frage des Kooperations- sich ein Kooperationsgebot herstellen.
des Ganzen wird entscheidend sein,
verbotes. Sie sieht das größte Prob- Am Ende waren sich Prof. Dr. Robert
die moderne Schule von morgen zu
lem im Bildungsföderalismus und der Schwager und Percy Ott einig: Eine
gestalten und den Fachkräftemangel
Rahmengesetzgebung, während Percy Verbesserung der derzeitigen Situation
zu beheben.
Ott versucht, die Frage damit zu be- an den Schulen würde nur mit attrak-
antworten, was die Wirtschaft der Bil- tiveren finanziellen Möglichkeiten und Anna-Katharina Müller und Waltraud Eder,
Fotos: Wolfgang Borrs
dungspolitik empfehlen kann, um eine Arbeitsbedingungen gelingen.
Infrastruktur zu etablieren. Für ihn ist
FAZIT
das wichtigste Thema der Digitalpakt.
Auf dem Bildungskongress waren sich
Seiner Meinung nach sollte es Re-
die Teilnehmer darüber einig, dass sich
chenzentren, offene Standards und am
Lehrkräfte zunehmend neuen Her-
Markt erprobte Systeme geben.
ausforderungen gegenübersehen. Er-
folgreich gelingen kann dies nur durch
Zeit, den Schulen Kooperationen zwischen den einzel-
Veränderungen zu nen Bildungsinstitutionen und mehr
Anerkennung für den Beruf, aber auch
ermöglichen.
durch die Stärkung der universitären
Schnelle Veränderungen Ausbildung und der zweiten Lehrer-
wirken dysfunktional. bildungsphase. Mehr Ressourcen und
Personal für die Aus- und Weiterbil-
dung der Lehrkräfte an den Universi-
Prof. Dr. Robert Schwager findet die
täten sei anzustreben. Eine Weiterbil-
Autonomie der Schulen entscheidend Spannende und konstruktive
dung und Qualifizierung sollte Teil der
und den Abbau der Bürokratie. Ria Diskussionen boten
Unterrichtsverpflichtung werden und
Schröder stellte fest, dass sich das fö- die Panels auf dem Podium
derale System nicht einfach verändern
ließe. Es müsse eine Bildungsgerech-
tigkeit geben, auch im Bereich der Di-
gitalisierung. Percy Ott hingegen findet
es gut, dass sich die Bildungspolitik
nicht zu schnell, sondern langsam ver-
ändere. „Schnelle Veränderungen wir-
ken dysfunktional“, sagte er. Es braucht
Zeit, den Schulen die Veränderungen
zu ermöglichen. Digitale Bildung müs-
se gleichwertig werden und dürfe nicht
am Rande stehen. Das Bildungssystem
dürfe nicht komplett reformiert wer-
den, sondern auf die Veränderungen
reagieren. Die Datenschutzinterpreta-
tion sollte eher einheitlich werden. Ria
Schröder machte immer wieder deut-
lich, dass die Bildungsinstitution Schule
modern gestaltet und reformiert wer-
den müsse. Die Digitalisierung sieht
11UKRAINE
Beschulung ukrainischer Schülerinnen
und Schüler in Deutschland
Abb.1: Diagramm „Flüchtlingszahlen im zeitlichen Verlauf“
Seit dem 24. Februar tobt der Krieg in der Ukraine nach dem Einmarsch russischer Truppen. Ebenso lange fliehen Fa-
milien und Mütter mit ihren Kindern aus der Ukraine, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Kultusministerkonferenz
veröffentlicht seit dem 27. März wöchentlich die Zahlen der in Deutschland beschulten bzw. gemeldeten geflüchteten
Kinder und Jugendlichen. Zu Beginn der Sommerferien in Deutschland – nach knapp einem halben Jahr Krieg in der
Ukraine – waren es rund 150.000 Schülerinnen und Schüler.
In dieser Ausgabe wollen wir die Erfahrungen der Lehrkräfte wie- den Sommerferien. Mit dem Start des neuen Schuljahres in den
dergeben, Veränderungen im Umgang mit den ukrainischen Schü- Bundesländern werden noch mehr Ukrainerinnen und Ukrainer an
lerinnen und Schülern nachgehen und die Zahlen detaillierter be- den Schulen angemeldet. Die Tabelle (Abb. 2) zeigt die Zunahme
leuchten. Bereits am 14. März forderte der VDR, man müsse „den der Zahlen jeweils eine, zwei und drei Wochen nach dem Schul-
Realitäten ins Auge sehen“. „Eine falsch verstandene Integration beginn in jedem Bundesland im Vergleich zum 5. August 2022,
und ein Überstülpen unseres Bildungswesens sind jetzt völlig fehl als sich alle Bundesländer in den Sommerferien befunden haben.
am Platz. Wir brauchen jetzt klare Übersicht, Unterrichtsräume Bis auf wenige Ausreißer (Verdopplung in Bremen, nahezu kons-
und qualifiziertes Personal zur Beschulung!“ tante Zahlen in Rheinland-Pfalz) zeigt sich in den Wochen nach
Schulbeginn in allen Bundesländern das gleiche Bild: Innerhalb von
ENTWICKLUNG DER SCHÜLERZAHLEN
drei Wochen nach Schuljahresbeginn steigen die Schülerzahlen im
Im Diagramm (Abb. 1) ist die Entwicklung der gemeldeten ukraini-
Schnitt um ein Drittel – damit stoßen die einzelnen Schulen inner-
schen Flüchtlinge* aufgezeigt, wie sie die KMK wöchentlich veröf-
halb kürzester Zeit oftmals gleich wieder an die Belastungsgrenzen.
fentlicht. In die Grafik wurden wichtige Ereignisse im Verlauf des
Krieges vermerkt. Die Entwicklung der Zahlen geflüchteter ukrai- (Anm.: Hessen liefert seit 22.7. die gleichen Zahlen, Baden-Württem-
nischer Schülerinnen und Schüler erweckt den Anschein, dass die berg und Bayern befanden sich zu Redaktionsschluss erst am Ende der
aufgezeigte Zunahme weniger vom Kriegsverlauf als vielmehr von zweiten Schulwoche nach den Ferien und hatten noch keine Zahlen
den Schulferien in den einzelnen Bundesländern geprägt ist. Inte- geliefert, Bayern konnte eine Woche nach Schuljahresbeginn keine
ressant ist daher die prozentuale Zunahme der Jugendlichen nach Zahlen melden)
12 BILDUNG REAL · 5–6/2022KONZEPTE DER BESCHULUNG
Vergleicht man die Konzepte der Beschulung im neuen Schuljahr
mit denen des vergangenen Schuljahres, so stellt man fest, dass
es nur in ganz wenigen Fällen kleine Veränderungen gegeben
hat. Einzig das Bundesland Niedersachsen sein Konzept grund-
legend geändert: Statt der Beschulung in den regulären Klassen
wurden zum neuen Schuljahr zusätzlich zum bisherigen Angebot
auch Willkommensgruppen eingeführt. Ins Auge sticht dabei die
bausteinartige Zusammensetzung der verschiedenen Optionen:
Willkommensgruppen, Aufnahme in die Regelklasse und Sprach-
förderung sowie ggf. die Nutzung von Online-Angeboten aus der
Ukraine. (Abb.3)
Je nachdem, welchen Weg die einzelnen Bundesländer bei der Be-
schulung gehen, spielt der Anteil der Ukrainerinnen und Ukrainer Abb.2: Zunahme der Zahlen jeweils eine, zwei
und drei Wochen nach Schulbeginn
an der Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler eines Bundes-
landes eine Rolle bei der in den Klassen untergebrachten Jugend-
Abb. 3: Bausteinartiges Konzept aus Niedersachsen …
lichen bzw. bei der Anzahl der Willkommensgruppen. Aufgeschlüs-
selt nach den Bundesländern ergibt das in der Tabelle (Abb. 4)
dargestellte – aufgrund der fehlenden Meldungen nach den Ferien
noch unvollständige – Bild.
ERFAHRUNGSBERICHT EINER LEHRKRAFT**
„Im Schuljahr 2021/22 konnten an der Schule zwei Willkom-
mensklassen mit über 30 ukrainischen Schülern zwischen 12 und
19 Jahren gebildet werden. Deren Leistungsstand war sehr unter-
schiedlich und wurden von zwei ukrainischen Lehrern und den ei-
genen Lehrkräften in zwei Gruppen beschult. Abb. 3 a: … ausgehend von der Einrichtung von Willkommensklassen
Ziel war es, einen geregelten Tagesablauf sowie die begleitete
Erarbeitung ihres Unterrichtsstoffs zu ermöglichen und mit dem
deutschen Schulsystem vertraut zu machen sowie sie sukzessive
in die Regelschulklassen zu integrieren. Dieses Konzept deckte
sich auch mit den Hoffnungen und Erwartungen der Eltern sowie Abb. 3 b: … ausgehend vom Unterricht in Regelklassen
denen der Schüler, die sich voller Eifer und Ehrgeiz im Unterricht
einbringen wollten. Der Deutschunterricht, den die schuleigenen
Lehrkräfte bereitwillig übernahmen, half, die Sprachbarrieren ab-
zubauen und zu integrieren.
Viele Schüler und Lehrkräfte der Schule engagierten sich und
wollten helfen. Ukrainisch oder russisch sprechende Schüler un-
terstützten unermüdlich beim Übersetzen und waren gerne An-
sprechpartner. Das war ein Gewinn für die ganze Schulgemein-
schaft.
Abb. 3 c: … ausgehend von der Sprachintensivförderung
Auf der anderen Seite liegt die gesamte Verantwortung für das
Personal und die Umsetzung des Unterrichts ausschließlich im Be-
reich der Schule. Gleichzeitig erhöhen sich stetig die verwaltungs-
technischen Anforderungen an das eingesetzte Personal – die
einzelne Schule fühlt sich allein gelassen. Durch die bestehenden
und immer wieder auftretenden organisatorischen und personel-
len Probleme kann man den Kindern nicht immer im vollen Umfang
gerecht werden. Durch diese unklare Situation sowie die große
Verantwortung gelangen Lehrkräfte, Schulleitung und Verwaltung
immer wieder an ihre Grenzen.“
* Alle Zahlen umfassen Schüler sowohl aus allgemeinbildenden und
berufsbildenden Schulen, da die Kultusministerkonferenz die Zahlen erst seit
Ende Mai getrennt ausgibt. Außerdem werden stets die gemeldeten und
nicht die beschulten Schüler betrachtet, da davon auszugehen ist, dass auch
diese Schüler in den Schulen ankommen werden.
** Name der Lehrkraft der Redaktion bekannt
Text: Bernd Bischoff Abb.4: Anteil der ukrainischen Schülerinnen
bernd.bischoff@vdr-bund.de und Schüler in den Klassen
13Jürgen Böhm über Fachkräftemangel:
An Gymnasien werde das Potenzial künftiger Fachkräfte verschwendet, sagt der Vorsitzende des Ver-
bands Deutscher Realschullehrer: „Das fällt uns jetzt auf die Füße.“
ZEIT ONLINE: Herr Böhm, in Deutschland fehlt es fast verschwendet und auch die Arbeitshaltung lässt dann oft
überall an Fachkräften. Immer weniger Jugendliche ent- zu wünschen übrig. Man hat über Jahre hinweg formale
scheiden sich für eine Ausbildung. Was läuft in den Schu- Abschlüsse mit Qualität verwechselt. Wir haben immer
len eigentlich falsch? bessere Abiturschnitte und das bedeutet vor allem: Das
Niveau ist gesunken.
Jürgen Böhm: Die Schulpolitik hat sich in den letzten Jah-
ren immer nur darauf konzentriert, die Abiturquote zu
erhöhen. Das halte ich für grundsätzlich falsch. Wir ha-
Drang zum Abitur
ben vergessen, die Bildungswege über den Hauptschul- ist ein Fehlanreiz der OECD
abschluss und den Realschulabschluss hin zur beruflichen
Auch Abiturienten könnten eine Ausbildung machen. Was
Bildung besser zu bewerben. Das ist für mich der Grund-
spricht dagegen?
fehler. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder
hat kürzlich einen Tag des Handwerks für alle weiterfüh- Ich sehe das einfach als verlorene Zeit. Warum sollen sich
renden Schulen gefordert. Ich kann dazu nur sagen: An einige Schüler noch zwei oder drei Jahre bis zum Abitur
den Realschulen findet jeden Tag ein Tag des Handwerks quälen, um dann in eine duale Berufsausbildung zu ge-
statt. hen? Das können sie auch mit dem Realschulabschluss
machen und wären dann vielleicht besser vorbereitet auf
Derzeit machen in Deutschland nur etwa 19 Prozent der
den Beruf. Dieser Drang, alle zum Abitur zu bringen, ist
Jugendlichen eine Lehre, die Gesamtzahl der Auszubil-
ein Fehlanreiz der OECD.
denden ist rückläufig. Die Anzahl der Abiturienten liegt im
bundesweiten Durchschnitt dagegen bei über 50 Prozent; Halten Sie es denn für realistisch, dass die Realschulen
und die Mehrheit von ihnen studiert. Warum sehen Sie tatsächlich gestärkt werden, wo der Trend doch in eine
diese Entwicklung kritisch? ganz andere Richtung geht - nämlich auf Gesamtschulen
und eine steigende Abiturientenquote zu setzen?
Eine hervorragend ausgebildete Fachkraft oder ein Hand-
werker ist ökonomisch sehr viel besser ausgestattet als Das ist für mich eine ideologische Fehlsteuerung, nur auf
manche akademischen Berufe, die völlig unterbezahlt Gesamtschulen zu setzen. Man hat im Prinzip vermittelt:
werden. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir Wir bilden eine Schule, wo die Schüler jeden Abschluss
natürlich eine gewisse Quote an Abiturienten brauchen, erreichen können. Die Frage ist, welche Qualität das Ab-
die dann auch, wenn sie die Fähigkeiten mitbringen, stu- itur auf einer Gesamtschule noch hat. Dass die Stärkung
dieren und in die Wirtschaft gehen. Aber wir verlieren zu der Mittleren Bildungsabschlüsse ausgeblieben ist, fällt
viele junge Menschen auf dem Weg zur Hochschule; ei- uns jetzt auf die Füße.
nige von ihnen brechen das Studium ab, weil sie an ihre Das ganze Interview können Sie hier lesen.
Grenzen kommen. Und die Studienabbrecher, die mit Das Interview führte Dr. Hannah Bethke.
Mitte zwanzig eine duale Ausbildung machen wollen, sind Wir danken ZEIT ONLINE für die freundliche
Abdruckgenehmigung.
zu spät dran. Dann sind zehn Jahre verloren, Potenzial ist
14 BILDUNG REAL · 5–6/2022Bundesverdienstkreuz für
Stärkung der Bildung
Jürgen Böhm erhält das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland
ein, die den individuellen Bedürfnissen jedes einzelnen jungen
Menschen gerecht wird. Besonders die Realschule mit ihrem aus-
gewogenen Angebot an Theorie und Praxis, einer außergewöhn-
lichen Werte- und Demokratieerziehung und einer realitätsnahen
Alltagsbildung stehen dabei im Fokus von Böhms Bemühungen.
Weiterhin wird damit sein Engagement bei der Stärkung der Di-
gitalisierung und der ökonomischen Bildung in ganz Deutschland
geehrt.
In der Würdigung
durch den Bundes-
präsidenten heißt
es ferner: Jürgen
Böhm zeichnet sich
dadurch aus, dass er
bildungspolitische
Foto: Chris Eberhardt
Weichenstellungen
in Bund und im Frei-
staat Bayern stets
konstruktiv, zielfüh-
rend und an der Sache orientiert mitgestaltet. Mit seiner hohen
Im Rahmen der 70-Jahrfeier des Bayerischen Realschul-
fachlichen Expertise trägt er maßgeblich dazu bei, den Verant-
lehrerverbands (brlv) würdigte der bayerische Minister- wortlichen in Politik, Verwaltung und Wissenschaft gute und im
präsident Dr. Markus Söder den Pädagogen und verlieh Sinne der gesamten Schulfamilie orientierte Lösungen und Wei-
ihm die Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland, terentwicklungen des Bildungssystems auf den Weg zu bringen.
die vom Bundespräsidenten vergeben wird.
„Ich nehme diese Ehrung natürlich auch für meine Kolleginnen
Böhm erhielt die hohe Anerkennung für sein herausragendes und Kollegen entgegen, die tagtäglich – auch teilweise unter
bundesweites Engagement für die Bildung. Der Bundesvorsit- schwierigen Rahmenbedingungen – um beste Bildung kämpfen“,
zende setzt sich hierbei besonders für eine differenzierte Bildung so Böhm nach der Ehrung.
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15Am Dienstag, 20. September 2022 Verbeamtete Lehrkräfte erhalten kein Ge-
titelt lehrer nrw in seiner Presse- halt oder Entgelt für ihre Arbeit, sondern
mitteilung „Der Einsatz hat sich ge- Bezüge. Grundlage der Besoldung ist das
Alimentationsprinzip. Der Dienstherr ist
lohnt“. Zum Bundesrealschultag am
verpflichtet, dem Beamten im aktiven
Anfang April in Mannheim hat Sven
Dienst, bei Invalidität und im Alter einen
Christoffer, Landesvorsitzender von dem Amt angemessenen Lebensunterhalt
lehrer nrw die Kampagne „Ich ver- zu gewähren. Die Besoldung besteht da-
diene A13!“ vorgestellt. Unzählige bei aus dem Grundgehalt und wird durch
Kolleginnen und Kollegen schickten den Familienzuschlag oder weitere Zula-
die knallgelbe Postkarte an Minister- gen ergänzt.
präsident Hendrik Wüst. Dieser zeig- Angestellte Lehrkräfte sind in den meis-
te sich bereits Ende April erstaunt ten Bundesländern eher die Minderheit.
über die große Zahl der Karten und Oft haben diese Personen die Prüfung
würdigte diese kreative Aktion. Am der gesundheitlichen Eignung nicht be-
Rande des Arbeitnehmerempfangs standen oder sind nach Überschreiten der
in Dortmund bekräftigten auch die Höchstaltersgrenze, die je nach Bundes-
land zwischen 40 (Mecklenburg-Vorpom-
anderen Parteien, dieses Thema in zeitgleich auf die Beamten übertragen
mern) und 50 Jahren (Hessen) liegt, nicht
der folgenden Legislaturperiode an- und bilden für die einzelnen Finanzminis-
verbeamtet worden. Bei den Angestellten
zugehen. Nach der Wahl in Nord- ter Möglichkeiten, Finanzmittel einzuspa-
muss berücksichtigt werden, dass sie sozi-
rhein-Westfalen standen die Zeichen ren. Während in den meisten Bundeslän-
alversicherungspflichtig sind (vgl. Abb. 2).
dern die jeweils aktuelle Erhöhung zum
bereits im Juni für eine Besoldungser-
1. Januar 2021 stattgefunden hat, haben SONDERSTELLUNG BERLIN
höhung nicht schlecht, Ende Septem-
sich die Niedersachen zwei, das Saarland Mittlerweile verbeamten alle Bundes-
ber veröffentlichte die schwarz-grü- drei und Mecklenburg-Vorpommern und länder ihre Lehrkräfte wieder. Das Bun-
ne Staatsregierung den Stufenplan Schleswig-Holstein sogar fünf Monate mit desland Berlin hat seit dem Jahr 2004
zur Überführung der Eingangsbesol- der Übertragung der Ergebnisse auf die auf eine Verbeamtung verzichtet. Im Juli
dung für alle Lehrämter nach A13. Beamten Zeit gelassen (vgl. Abb. 1). dieses Jahres wurden – aufgrund des
Dies geschieht in jährlichen Schritten chronischen Lehrermangels in der Haupt-
Bundesland gültig seit
zu je 115 Euro bis zum August 2026. stadt – erstmals wieder 220 Lehrkräfte
Baden-Württemberg 01.01.2021 verbeamtet, die neu in den Schuldienst
Wie sich die Erhöhung in vier Jahren
Bayern 01.01.2021 eingestellt wurden. Aufgrund der Sonder-
auswirken wird und wo sich die Lehr-
Brandenburg 01.01.2021 situation in Berlin bestand der Versuch,
kräfte im Bundesvergleich einordnen,
Bremen 01.01.2021 herauszufinden, wie geplant ist, bislang
zeigt dieser Vergleich.
Hamburg 01.01.2021 angestellte Lehrkräfte ins Beamtensys-
Hessen 01.01.2021 tem zu überführen. Mehrere Anfragen an
GEHALT UND BESOLDUNG das Berliner Bildungsministerium durch
Nordrhein-Westfalen 01.01.2021
Mit der im Jahr 2006 durch Bundestag den VDR blieben jedoch unbeantwortet.
Rheinland-Pfalz 01.01.2021
und Bundesrat auf den Weg gebrachte Da die Verbeamtung zum aktuellen Zeit-
Sachsen 01.01.2021
Föderalismusreform sind die einzelnen punkt jedoch nur 220 von knapp 35.000
Sachsen-Anhalt 01.01.2021
Bundesländer selbst für das Dienstrecht Lehrkräften betrifft, wird in dieser Zusam-
sowie die Besoldung der Beamten zu- Thüringen 01.01.2021
menstellung auf die Darstellung von Berlin
ständig. In der Regel werden die Tarif- Niedersachsen 01.03.2021
verzichtet.
abschlüsse aus den Verhandlungen des Saarland 01.04.2021
öffentlichen Dienstes auf die Beamten Mecklenburg-Vorpommern 01.06.2021 REFERENDARIAT:
übertragen. Um Geld in den Bundeslän- Schleswig-Holstein 01.06.2021 LÄNGE UND BESOLDUNG
dern einzusparen, werden die Abschlüsse Abb. 1: Zeitpunkt der Umsetzung der letzten In Zeiten des akuten Lehrermangels ist
aber oftmals nicht inhaltsgleich und nicht Besoldungserhöhung in den Bundesländern es spannend, zu sehen, ob ein kürzeres
16 BILDUNG REAL · 5–6/202235 40 45 50
Berlin 35 40 45 50 Referendariat tatsächlich mehr Lehrkräf-
Hessen
Berlin te ins System spült. Aber genau das Ge-
Brandenburg
Hessen genteil scheint der Fall zu sein. Gerade
Sachsen
Brandenburg in den Ländern mit den kürzesten Refe-
Thüringen
Sachsen
rendariaten scheint die Not am größten.
Bayern
Thüringen
In Brandenburg sind knapp 15 Prozent der
Bremen
Bayern
Bremen Lehrkräfte Seiteneinsteiger und der An-
Hamburg
Hamburg
Niedersachsen
teil unter den Neueinstellungen liegt bei
Niedersachsen
Rheinland-Pfalz
32,5 Prozent. In Sachsen-Anhalt liegt die
Rheinland-Pfalz
Saarland
Unterrichtsversorgung beim Schulstart in
Saarland dieses Schuljahr bei gerade einmal 92 Pro-
Sachsen-Anhalt
Sachsen-Anhalt
Schleswig-Holstein zent! Auch die Bezahlung der Referendare
Schleswig-Holstein
Baden-Württemberg
Baden-Württemberg
stellt sich in den Bundesländern ganz un-
Mecklenburg-Vorpommern
Mecklenburg-Vorpommern terschiedlich dar, wie die Grafik zeigt (sie-
Nordrhein-Westf
Nordrhein-Westfalen
alen he Abb. 3 und 4).
Höchstaltersgrenze fürfür
Höchstaltersgrenze diedie
Verbeamtung
Verbeamtung WEIHNACHTSGELD
Abb.
6 2:
Abb. 2: Letzte
LetzteMöglichkeit
Möglichkeitder12
Verbeamtung in den Bundesländern
der 18
Verbeamtung in den Bundesländern 24 Die meisten Bundesländer zahlen mit den
Bayern Dezemberbezügen kein Weihnachtsgeld
6 12 18 24
Thüringen mehr aus. Vielmehr ist diese Sonderzah-
Bayern
Hessen lung – meistens ab dem Jahr 2017 – in
Thüringen
Baden-Württemberg
Hessen das Grundgehalt integriert worden. Nur
Berlin
Baden-Württemberg Bayern hält an der 65 %-igen Sonderzah-
Bremen
Berlin lung fest, in Mecklenburg-Vorpommern
Hamburg
Bremen sind es noch knapp 30 Prozent, in anderen
Mecklenburg-Vorpommern
Hamburg Bundesländern Pauschalbeträge in Höhe
Mecklenburg-Vorpommern
Niedersachsen von ein paar hundert Euro (Niedersachsen
Niedersachsen
Nordrhein-Westf alen 300 Euro, Sachsen-Anhalt 400 Euro). Egal
Nordrhein-Westfalen
Rheinland-Pfalz wie die Bundesländer mit der Jahresson-
Rheinland-Pfalz
Saarland derzahlung umgehen, ist sie in die Dar-
Saarland
Sachsen stellungen eingerechnet und auf die zwölf
Sachsen
Schleswig-Holstein
Schleswig-Holstein Monate umgelegt worden.
Sachsen-Anhalt
Sachsen-Anhalt
Brandenburg
Brandenburg EINSTIEGSAMT UND
Dauer
Dauerdes
desReferendariats in Monaten
Referendariats in Monaten
EINSTIEGSBESOLDUNG
Abb.
Abb.3:3:Zwischen
Zwischen12 12
undund
24 Monaten dauertdauert
24 Monaten die zweite Phase Phase
die zweite
Während sich im Referendariat die Un-
der Ausbildung im Referendariat. Was ist ausreichend?
der Ausbildung im Referendariat. Was ist ausreichend? terschiede zwischen den Bundesländern
noch weitgehend in Grenzen halten, so
wird die unterschiedliche Umsetzung der
Übertragung der Tarifergebnisse auf die
Beamten vor allem beim Einstiegsgehalt
SH: 1.537 EUR sehr deutlich. Bei allen Betrachtungen
HB: 1.464 EUR
+ 1,5 % wurde ein fiktiver Berufseinstieg mit 27
- 4,4 % MV: 1.503 EUR
- 0,8 %
Jahren in die unterste Erfahrungsstufe
HH: 1.525 EUR der regulären Besoldungsgruppe der Re-
Abb. 4: Besoldung der Referendare
+ 0,7 %
als Beamte auf Widerruf ent- alschullehrkräfte bzw. Sekundarschul-
NI: 1.439 EUR sprechend des Eingangsamtes im lehrkräfte zugrunde gelegt. Dabei ist es
- 5,0 % jeweiligen Bundesland zunächst einmal entscheidend, welche
BB: 1.509 EUR
die unterste Erfahrungsstufe in der Ent-
ST: 1.501 EUR - 0,4 %
NW: 1.500 EUR - 0,9 %
geltgruppe ist und aus wie vielen Stufen
- 0,9 % die Besoldungsordnung besteht. Ver-
SN: 1.595 EUR
TH: 1.503 EUR + 5,3 %
gleicht man z. B. die Bundesländer Rhein-
HE: 1.560 EUR - 0,7 % land-Pfalz (Einstiegsbesoldung A13 Stufe
+ 3,0 % 3, Endstufe 12) und Bayern (Einstiegsbe-
Referendariat
Durchschnitt soldung A13 Stufe 5, Endstufe 11), so er-
RP: 1.487 EUR
- 1,8 %
1.514 EUR
reichen Lehrkräfte in Rheinland-Pfalz die
Endstufe nach 29 Dienstjahren, in Bayern
SL: 1.448 EUR BY: 1.618 EUR jedoch schon nach 21 Jahren. Im bun-
- 4,4 % BW: 1.526 EUR + 6,9 % desweiten Durchschnitt verdienen Lehr-
+ 0,8 %
kräfte in Deutschland 4.243 Euro brutto
pro Monat. Die Unterschiede sind jedoch
immens, liegen zwischen den Bundeslän-
17DIE BESOLDUNG IM LÄNDERVERGLEICH
SH: 4.334 EUR SH: 5.685 EUR
HB: 4.389 EUR HB: 5.673 EUR
+ 2,2 % + 0,3 %
+ 3,4 % MV: 4.228EUR + 0,1 % MV: 5.722 EUR
- 0,4 % + 1,0 %
HH: 4.360 EUR HH: 5.522 EUR
Bundesland
+ 2,8 % - 2,6 %
Brandenburg
NI: 3.779 EUR NI: 5.224 EUR
Hessen
- 10,5 % - 7,8 %
BB: 3.817 EUR BB: 5.166 EUR Mecklenburg-Vorpommern
ST: 4.281 EUR - 10,0 % ST: 5.766 EUR - 8,9 % Hamburg
NW: 3.824 EUR + 0,9 % NW: 5.241 EUR + 1,7 % Schleswig-Holstein
- 9,9 % - 7,5 %
SN: 4.259 EUR SN: 5.943 EUR Sachsen-Anhalt
TH: 4.268 EUR + 0,4 % TH: 5.812 EUR + 4,8 % Bremen
HE: 4.314 EUR + 0,6 % HE: 7.762 EUR + 2,5 % Bayern
+ 1,7 % + 1,7 %
Berufseinstieg Familie Nierdersachsen
27 Jahre, unverheiratet 47 J., verh., 2 Kinder
RP: 4.107 EUR Durchschnitt RP: 5.793 EUR Durchschnitt Nordrhein-Westfalen
4.243 EUR 5.667 EUR Saarland
- 3,2 % + 2,2 %
Baden-Württemberg
SL: 4.180 EUR BY: 4.896 EUR SL: 5.678 EUR BY: 6.075 EUR Thüringen
- 1,5 % BW: 4.587 EUR + 15,4 % + 0,2 % BW: 5.955 EUR + 7,2 % Sachsen
+ 8,1 % + 5,1 %
Rheinland-Pfalz
Mittelwert
Besoldung Berufseinsteigerinnen und -einsteiger Besoldung Familien
Abb. 5: Die größten prozentualen Abweichungen der Bundes- Abb. 6: Höhere Familien- und Kinderzuschläge lassen die Abstände
ländern vom bundesweiten Durchschnitt findet sich bei den zwischen den Bundesländern etwas abschmelzen …
Berufsanfängern
dern über 1.000 Euro brutto pro Monat gen in etwa gleich auf, die Unterschiede derzuschläge etwas niedriger als bei der
(vgl. Abb. 5) betragen nur wenige Euro. Beim Kinder- Betrachtung der Familien (vgl. Abb. 8).
zuschlag sind die Unterschiede deutlich
FAMILIENZUSCHLAG BEFÖRDERUNGSÄMTER
größer. Hier liegt Rheinland-Pfalz mit über
Heirat, Kinder, Familie – auch in der Be- Einstiegsgehalt, Erfahrungsstufe, Kinder-
210 Euro pro Kind weit vor den anderen,
soldung macht sich das bemerkbar. Und und Familienzuschlag sind nicht die einzig
Hessen und Mecklenburg-Vorpommern
natürlich finden sich auch hier große, aber ausschlaggebenden Komponenten der Be-
mit 120 Euro pro Kind auf den letzten
nicht gravierende Unterschiede zwischen soldung. Für die einzelnen Landesverbän-
Rängen. Ausschlaggebender beim Brut-
den Bundesländern. In der Übersicht wird de sind auch die Möglichkeiten der Beför-
togehalt sind bei den Familien eher die
eine Lehrkraft betrachtet, die zwanzig derung im Bundesland ausschlaggebend.
Besoldungsstufe und die bereits erreichte
Dienstjahre ohne Beförderungsamt abge- Folgende Fragen interessieren dabei: Gibt
Erfahrungsstufe (vgl. Abb. 6 und 7).
leistet hat, verheiratet ist und zwei Kinder es funktionslose Beförderungsämter?
hat. Insgesamt lässt sich feststellen, dass ENDSTUFE Wie viele Stellen werden gehoben? Wie
in diesem Fall der Unterschied zwischen Mit sechzig Jahren sollten die Lehrkräfte groß ist der Abstand zu den funktions-
den Bundesländern nicht mehr ganz so in allen Bundesländern bei einem regulä- gebundenen Beförderungsämtern? Wie
groß ist, wie bei beim Berufseinstieg. Zwi- ren Eintritt in den Schuldienst jeweils die viele Personen sind Mitglied in der Schul-
schen den Bundesländern mit der größten höchste Erfahrungsstufe erreicht haben. leitung und wie ist die Führungsspanne?
Spreizung (Brandenburg – Bayern) liegen Die Kinder sind aus dem Haus und die Wie viele Beförderungsmöglichkeiten gibt
„nur noch“ rund 900 Euro Bruttoeinkom- Kinderzuschläge fallen weg. In der Grafik es außerhalb der Schule, also z. B. bei der
men pro Monat. Unterschiede ergeben wird jeweils eine verheiratete, 60-jährige Schulaufsicht oder bei Landesinstituten?
sich auch in der Höhe des Familienzu- Lehrkraft zugrunde gelegt, die sich noch
schlags und des Kinderzuschlags. Einzig im Eingangsamt aber in der höchsten Er- UNTERRICHTSPFLICHTZEIT
Brandenburg verzichtet auf den Famili- fahrungsstufe befindet. Insgesamt sind Auch die Unterrichtspflichtzeit der Lehr-
enzuschlag, in Rheinland-Pfalz beträgt er die Bruttobezüge mit Kinderzuschlag und kräfte kann für die Landesverbände – eher
nur ca. fünfzig Prozent der anderen Bun- Familienzuschlag trotz einer höheren Er- noch als die Beamtenbesoldung – großes
desländer. Alle anderen Bundesländer lie- fahrungsstufe durch den Wegfall der Kin- Thema sein, werden Lehrkräfte durch eine
18 BILDUNG REAL · 5–6/2022Sie können auch lesen