LÄUFT! Reparieren statt konsumieren - nachhaltig durch den Winter

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LÄUFT! Reparieren statt konsumieren - nachhaltig durch den Winter
HALLO NACHBAR · AUSGABE 04/2020

   LÄUFT!
   Reparieren statt konsumieren –
   nachhaltig durch den Winter

   REDEN IST EIN ANFANG
   Vier Ehrenamtliche schlichten bei Streitigkeiten in der Nachbarschaft
                                                                           AUSGABE 04/2020
   GLÜCKLICHE KINDHEIT
   Okitonga und Djamba Memba wuchsen im Märkischen Viertel auf
LÄUFT! Reparieren statt konsumieren - nachhaltig durch den Winter
INHALT                                                                                                                                                                                              EDITORIAL

                                               10
                                               ZU GUT ZUM
                                               WEGWERFEN
                                               Wer Haushaltsgeräte repariert, Lebens­mittel                                                                Liebe Leserinnen und Leser,
                                                rettet oder Kleidung gebraucht kauft,
                                                lebt nicht nur sparsamer im Alltag, sondern                                                                wussten Sie, dass das Prinzip der Nachhaltigkeit im
                                               schützt auch die Umwelt. Ein Bericht über drei                                                              18. Jahrhundert von einem Förster erfunden wurde?
                                               ­Initiativen, die das ermöglichen                                                                           Der Gedanke war einfach: In einem Wald sollen nur so
                                                                                                                                                           viele Bäume gefällt werden wie nachwachsen. Dann
                                                                                                                                                           bleibt der Wald erhalten.
                                                                                                                                                           Heute sind wir daran gewöhnt, kaputte Gegenstände
                                                                                                16 KIEZGESCHICHTEN                                         wegzuwerfen. Es können ja unbegrenzt neue produ-
                                                                                                      Thomas Worner töpfert mit Kindern und Erwach-        ziert werden. So wachsen die Müllberge, und es werden
                                                                                                      senen in einer Werkstatt in Pankow. Christian Fein   viele Ressourcen verbraucht. Dass man es auch anders
                                                                                                      und Heike Paulus kümmern sich in einer Initiative    machen kann, zeigen die Protagonist*innen unserer
                                                                                                      um Menschen, die an Feiertagen nicht allein sein     Titelgeschichte. Sie kaufen gebrauchte Kleider, reparie-
                                                                                                      wollen                                               ren den Toaster aus Studententagen und retten Lebens-
                                                                                                                                                           mittel vor der Mülltonne.
                                                                                                                                                           In der Redaktion erreichen uns viele Anrufe. Selten
                                                                                                04      BERLINER ZIMMER                                    sind die Anrufer*innen so Feuer und Flamme wie Oki-
                                                                                                                                                           tonga Memba. Ob wir nicht mit ihm durch seine alte
                                                                                                06      IN KÜRZE                                           Heimat, das Märkische Viertel, gehen wollten? Wäh-
                                                                                                                                                           rend eines Kiezspaziergangs zeigt er uns, wie großartig
                                                                                                18       OHNEN UND ARBEITEN
                                                                                                        W                                                  es dort immer noch ist.
                                                                                                                                                           Die Corona-Pandemie hat viele Auswirkungen. Die
                                                                                                        UNTER EINEM DACH                                   Solidarität der Mieter*innen in unseren Beständen
                                                                                                                                                           erfüllt uns mit Stolz. Aber natürlich ist das Zusammen-
                                                                                                24       ILFE FÜR GESCHUNDENE
                                                                                                        H                                                  leben nicht immer einfach. Und nicht immer gelingt es,
                                                                                                        FÜSSE                                              alleine eine Lösung für Probleme zu finden. Für diese
                                                                                                                                                           Fälle gibt es die Ehrenamtlichen des Schlichtungsbüros.
                                                                                                30      NEUES TEAM, NEUE ZIELE                            Sie stehen unseren Mieter*innen neutral und besonnen
                                                                                                                                                           zur Seite. Wie sie helfen, erfahren Sie auf Seite 21.
                                                                                                32      KLASSE STATT MASSE                                 Und dass man auch beim Weihnachtsbraten auf Nach-
                                                                                                                                                           haltigkeit achten kann, zeigen wir Ihnen auf Seite 33.
                                                                                                34      PREISRÄTSEL
                                                                                                                                                           Wir wünschen Ihnen und Ihren Angehörigen und
                                                                                                35      IMPRESSUM                                          Freunden trotz der Corona-Pandemie eine schöne Vor-
                                                                                                                                                           weihnachtszeit und erholsame Feiertage. Passen Sie auf
20                                                               26                                                                                        sich und andere auf, und bleiben Sie gesund!

DICKE LUFT                                         HOCHHÄUSER UND                                                                                          Viel Spaß beim Lesen!
Nachbar*innen sind sich nicht immer einig.
Mal stört laute Musik, mal Müll im Hausflur.
                                                      GRÜNE INSELN                                                                                         Ihr GESOBAU-Vorstand
                                                 Okitonga und Djamba Memba erinnern sich                         HINWEIS FÜR BLINDE UND
Vier Ehrenamtliche helfen, Konflikte in der
                                                an ihre Kindheit im Märkischen Viertel. Beim                     ­MENSCHEN MIT SEHBEHINDERUNG
Nachbarschaft zu lösen. Ein Treffen im GESO-                                                    PDF
                                                Kiezspaziergang zeigen sie, wo sie gelebt und                    Dieses Magazin gibt es auch
BAU-Schlichtungsbüro
                                                Sport getrieben haben. Und wo es den besten                      als barrierefreies PDF-Dokument:
                                               Döner und den schönsten Ort zum Chillen gibt                      www.hallonachbar.berlin                   Jörg Franzen und Christian Wilkens

2                                                                                                                                                                                                                3
LÄUFT! Reparieren statt konsumieren - nachhaltig durch den Winter
BERLINER ZIMMER

                  ZU BESUCH BEI
                  RITA HENTSCHEL
                  Mit vier Töchtern, 14 Enkel*innen,
                  15 Urenkel*innen und sogar einem
                  einjährigen Ururenkel ist Rita
                  Hentschel eines nie: allein. Im
                  Wechsel kaufen ihre Töchter für die
                  76-Jährige ein. Von dem leckeren
                  Essen schwärmt nicht nur „die
                  Kleene“, Hentschels jüngste Tochter
                  Karola, die ihre Mutter mindestens
                  dreimal in der Woche besucht. Ob
                  Hasenkeule in Rotwein, Wildgulasch
                  oder Bärlauchnudeln: Kochen ist
                  immer Sache der Familienchefin.
                  Auch die Dekoration ihrer Wohnung
                  liegt Rita Hentschel am Herzen – ganz
                  besonders natürlich zur Weihnachts-
                  zeit. In den letzten Jahren versam-
                  melte sich die ganze Familie im Eich-
                  horster Weg. Ihr Schwiegersohn baut
                  dann eine Winterwelt auf, durch
                  die eine Eisenbahn fährt. Im Wohn-
                  zimmer dreht sich die Weihnachtspy-
                  ramide. Und wer genau hinsieht,
                  entdeckt in jeder Ecke ein neues
                  Detail, das Rita Hentschels Zuhause
                  in ein Weihnachtswunderland ver-
                  wandelt.

                  Möchten auch Sie uns zeigen,
                  wie Sie leben? Dann bewerben
                  Sie sich für das „Berliner Zimmer“
                  und schreiben uns eine E-Mail an:
                  hallo.nachbar@gesobau.de

                  Bei unserem Besuch bringen wir
                  Ihnen ein kleines Dankeschön mit.
LÄUFT! Reparieren statt konsumieren - nachhaltig durch den Winter
IN KÜRZE                                                                                                                                                                                                            IN KÜRZE

                                                                                                                                                                           Wie digital ist die GESOBAU?
                                                                                                                                                                           Wir sind gut aufgestellt. Bereits heute laufen viele
                                                                                                                                                                           interne Prozesse digital, sodass der Wechsel vom
                                                                                                                                                                           Büro ins digitale Arbeiten während der Corona-­
                                                                                                                                                                           Pandemie für die Mitarbeiter*innen problemlos
                                                                                                                                                                           möglich war. Neben der Verbesserung der inter-
                                                                                                                                                                           nen Prozesse arbeiten wir stets auch daran, den
                                                                                                                                                                           Service für unsere Mieter*innen zu erhöhen. So
                                                                                                                                                                           hat die GESOBAU als erstes Wohnungsbauunter-
                                                                                                                                                                           nehmen 2011 eine App eingeführt, die dieses
                                                                                                                                                                           Jahr grundlegend überarbeitet wurde. Eine der
                                                                                                                                                                           wesentlichen Neuerungen ist, dass die Mieter*in-
                                                                                                                                                                           nen nun ihre Zählerstände für Heizung, Warm-
                                                                                                                                                                           und Kaltwasser einsehen und mit dem Vorjahr
                                                                                                                                                                           vergleichen können. Das hilft unseren Mieter*in-

                                                                                                              3FRAGEN AN:
                                                                                                                                                                           nen, Kosten zu sparen.

                                                                                                                                                                           Was sind für die GESOBAU in Zukunft
                                                                                                              Julia Eder, Referentin für die Digitali­                     wichtige Themen?
                                                                                                                                                                           In Zeiten einer Pandemie wird es immer wichti-
                                                                                                              sierungsstrategie bei der GESOBAU                            ger, die Unterzeichnung von Mietverträgen
                                                                                                                                                                           zu digitalisieren. Bislang wurden alle Verträge

                                                                                                               J  ulia Eder ist seit September Referentin für die
                                                                                                                  Digitalisierungsstrategie bei der GESOBAU. Im
                                                                                                                                                                           persönlich vor Ort unterschrieben. Wir arbeiten
                                                                                                                                                                           nun an einer Lösung, mit der künftig digital
                                                                                                               Interview erzählt sie, welche Themen sie künftig            unterzeichnet werden kann. So können wir die
                                                                                                               beschäftigen werden.                                        Gefahr einer Infektion für unsere Mietinteres-
                                                                                                                                                                           sent*innen und Mitarbeiter*innen verringern.
                                                                                                                Frau Eder, wie würden Sie Ihre Arbeit                      Wir testen aktuell außerdem den Einsatz von
                                                                                                               ­beschreiben?                                               elektrischen Schließsystemen für die Ein-
                                                                                                               Eine meiner ersten Aufgaben ist es, den Digitalisie-        gangstüren unserer Wohnhäuser. Als Mieter*in
                                                                                                               rungsgrad der GESOBAU zu untersuchen und daraus             der GESOBAU könnte man durch den Einsatz
                                                                                                               Handlungsempfehlungen abzuleiten. Dazu ist es               solcher Technologien eines Tages dem
                                                                                                               wichtig, dass ich mich im Unternehmen vernetze. Ich         Besuch von unterwegs die Wohnungstür öffnen.
                                                                                                               habe also täglich viele Termine. Zudem muss ich             Die Digitalisierung bietet also viele spannende
                                                                                                               mich in einem schnelllebigen Gebiet wie der Digitali-       Möglichkeiten für die GESOBAU und ihre
                                                                                                               sierung ständig über die neuesten Erkenntnisse und          Mieter*innen, und ich freue mich darauf, an
                                                                                                               Angebote am Markt informieren.                              ihrer Umsetzung mitzuwirken.

       NEUES WOHNQUARTIER
          IN HELLERSDORF
                                                                                                        FÜR MEHR TOLERANZ
           W
                     ohnen, Kultur- und Bildungsangebote, Gewerbe und Gastronomie: Rund um das
                     historische Stadtgut Hellersdorf ist eine Menge los. Auf den Grundstücksflächen
                     entlang der Zossener Straße und der Kastanienallee errichtet die GESOBAU ein
           Wohnquartier mit rund 1500 Wohnungen. Zu sozialverträglichen Mieten: Ein großer Teil
           wird dem Berliner Wohnungsmarkt als geförderte Wohnungen zur Verfügung stehen. Ein
                                                                                                        D   er GESOBAU werden in letzter Zeit mehr Streitig-
                                                                                                            keiten zwischen Nachbar*innen gemeldet. Wir
                                                                                                        meinen: Das muss nicht sein! Die Corona-Pandemie
                                                                                                                                                                    Manchmal nervt das. Wir bitten Sie trotzdem: In einer
                                                                                                                                                                    Zeit wie dieser müssen wir alle umsichtiger miteinan-
                                                                                                                                                                    der sein. Aber auch toleranter. Nur dann können wir
           weiterer Teil ist für Student*innen sowie Senior*innen. Aktuell befinden sich auf vier von   hat viele Aus­wirkungen – nicht nur auf die, die erkran-    diese Krise gemeinsam gut bewältigen. Sprechen Sie
           insgesamt sieben Baufeldern 943 Wohnungen in Bau.                                            ken. Viele verbringen mehr Zeit zu Hause als sonst.         uns an, wenn Sie Hilfe benötigen. Wie das Schlich-
                                                                                                        Da bleibt es nicht aus, dass man mehr von seinen            tungsbüro der GESOBAU helfen kann, das lesen Sie
                                                                                                        Mitmenschen mitbekommt, als einem lieb ist.                 ab Seite 21

6                                                                                                                                                                                                                                 7
LÄUFT! Reparieren statt konsumieren - nachhaltig durch den Winter
IN KÜRZE                                                                                                                                                                                                            IN KÜRZE

    ERGEBNISSE UNSERER MIETER*INNENBEFRAGUNG
    V    on Juli bis Oktober haben wir unsere diesjährige
         Mieter*innenbefragung durchgeführt. Dafür wurden
    über 9300 Fragebögen an zufällig ausgewählte Haus­halte
                                                                 sind es 95 Prozent der Befragten. 90,8 Prozent gaben an,
                                                                 sie hätten ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis, und
                                                                 90,3 Prozent loben das Magazin „Hallo Nachbar“.
                                                                                                                             MENTORINGPROGRAMM
    in den GESOBAU-Beständen verschickt, mit Fragen zur
    Wohnungsbaugesellschaft, zur Umgebung, zum Haus,
    zur Wohnung und zur Zufriedenheit mit uns. Die Beteili-
                                                                 Verbesserungsbedarf gibt es unter anderem hier: Nur
                                                                 71,8 Prozent der befragten Mieter*innen sind mit der
                                                                                                                                  FÜR AZUBIS
    gung war in diesem Jahr hoch: Fast die Hälfte aller kon-
    taktierten Mieter*innen nahm teil. Das ging digital oder
    per Post. Vielen Dank dafür.
                                                                 Sauberkeit der Außenanlagen zufrieden. Beim Thema
                                                                 Einbruchssicherheit der Haustür und des Kellers gab nur
                                                                 etwa die Hälfte der Befragten an, sich sicher mit den
                                                                                                                                 Z    wölf junge Menschen haben im August ihre Ausbildung bei der GESOBAU begonnen –
                                                                                                                                      ­damit bildet das Unternehmen insgesamt 31 Azubis aus. 27 von ihnen werden Immobilien-
                                                                                                                                 kauffrau oder -kaufmann, einer Veranstaltungskaufmann, und drei lernen alles übers Büro­
                                                                 Vorrichtungen zu fühlen. Diese Antworten nehmen wir             management. Auch ein duales Studium der BWL mit Fachrichtung Immobilienwirtschaft ist
    Seit Oktober liegen die Ergebnisse vor, hier eine Auswahl:   ernst. Aus den Ergebnissen werden geeignete Maß­                bei der GESOBAU möglich. Derzeit sind sechs Student*innen beschäftigt. Für die Zeit der Aus­
    89,8 Prozent sind mit dem Auftreten unserer Mitarbei-        nahmen abgeleitet und schrittweise umgesetzt.                   bildung oder des Studiums bekommen alle jungen Menschen eine Mentorin oder einen Mentor
    ter*innen zufrieden, 80,5 Prozent loben unsere telefoni-                                                                     zur Seite gestellt. Dabei geht es weniger um fachliches Coaching, sondern um Orientierung und
    sche Erreichbarkeit. Bei der letzten Befragung waren         Die Mieter*innenbefragung findet alle zwei bis drei Jahre       Motivation, die Spielregeln im Berufsalltag und die Stärkung der Persönlichkeitsentwicklung
    82 Prozent mit ihrer Wohnung zufrieden, in diesem Jahr       statt. 2017 wurden zuletzt Mieter*innen befragt.                der jungen Leute.

                                                                                                                                       „Ich möchte dem GESOBAU-Nachwuchs mit auf
                                                                                                                                      den Weg geben, dass ethische und moralische Werte
    MIETSENKUNGEN                                                                                                                     wie beispielsweise Höflichkeit, Ehrlichkeit, Fairness,
    BEI GERINGEREM                                                     STUDILEBEN IM                                                  Integrität, Vertrauen nicht altmodisch sind, sondern
                                                                                                                                     Grundlage für einen guten gesellschaftlichen Umgang.
    EINKOMMEN                                                          WOLLANK­KIEZ                                                 Außerdem ist es mir wichtig zu vermitteln, dass wir hier
       F   ür die Mieter*innen der sechs landesei-
           genen Wohnungsbaugesellschaften
       gibt es eine faire Regelung: Wer mehr
                                                                                                                                   immer positiv und konstruktiv – gern mit einer Portion
                                                                                                                                           Humor – an Probleme herangehen.“
       als 30 Prozent seines Haushaltsnettoein­
                                                                                                                                  Kerstin Damitz
       kommens für die Miete aufbringen muss,
                                                                                                                                  Kundencenterleiterin 4 Pankow-Zentrum, Mentorin
       ist geschützt. Betroffene können in diesem
       Fall von ihrer Wohnungsbaugesellschaft
       prüfen lassen, ob ein Härtefall vorliegt
       und die Miete gesenkt werden kann. Die
       Regelung gilt nur für Haushalte, die insge-
                                                                                                                                    „Frau Damitz hat mir schon häufig Tipps gegeben,
       samt unter einer bestimmten Einkom-                                                                                          die ich im Alltag gut gebrauchen konnte. Sie hat mir
       mensgrenze liegen. Diese entspricht der
                                                                                                                                           zum Beispiel vermittelt, wie man sich in
       des Wohnberechtigungsscheins:
       16 800 Euro pro Jahr für Singlehaushalte                                                                                       Konfliktsituationen verhält und dass man manchen
       und 25 200 Euro für einen Zweipersonen-
                                                                                                                                   Situationen am besten mit Gelassenheit begegnen sollte.
       haushalt. Die Einkommensgrenze erhöht
       sich, wenn weitere Personen im Haushalt                                                                                     Außerdem finde ich es toll, dass ich jederzeit, wenn ich
       leben: plus 5740 Euro für jeden Erwachse-
       nen und plus 700 Euro für jedes Kind. Auch
       die Wohnungsgröße spielt eine Rolle. Die
                                                                 I  m Stadtteil Gesundbrunnen hat die GESOBAU 62 neue
                                                                    Wohnungen für Student*innen gebaut. Unweit des
                                                                 S-Bahnhofs Wollankstraße bietet das Gebäude ab Dezem-
                                                                                                                                  etwas auf dem Herzen habe, zu ihr gehen kann und wir
                                                                                                                                          immer ehrlich miteinander sprechen.“
       Mietsenkung ist zunächst für maximal                      ber Platz für 158 junge Menschen. Die Wohnungen liegen           Michele-Marie Hanik
       zwölf Monate gültig. Dauert die schwierige                zentral, ein Zimmer kostet maximal 300 Euro warm. Für            Auszubildende zur Immobilienkauffrau im zweiten Lehrjahr, Mentee
       finanzielle Lage an, muss ein neuer Antrag                die Vermietung ging die GESOBAU erstmals eine Koopera-
       gestellt werden, zum Beispiel bei der oder                tion mit der Beuth Hochschule für Technik Berlin ein.
       dem Kundenbetreuer*in der GESOBAU.

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LÄUFT! Reparieren statt konsumieren - nachhaltig durch den Winter
PANKOW

   ZU GUT
   ZUM WEG-
   WERFEN
                        Text: Karl Grünberg

    Jedes Jahr kurz vor Weihnachten steigt der Konsum
    deutlich an. Aber muss das sein? Man kann Lebensmittel
    retten, kaputte Geräte reparieren und Kleidung ge-        Kaputt ist nicht gleich kaputt:
                                                              Familienvater Timm möchte
    braucht kaufen. Das ist umweltschonend und spart eine     das Waffeleisen für seine
                                                              Kinder retten. Hobby-Tech­

    Menge Geld. Wie das im Alltag funktioniert, zeigen drei   niker Wolfgang hilft ihm dabei.
                                                              Gemeinsam tüfteln sie im
                                                              „Repair-Café“ im Stadtteil­
    Berliner Initiativen                                      zentrum Pankow
LÄUFT! Reparieren statt konsumieren - nachhaltig durch den Winter
PANKOW                                                                                                                                                                                                                        NACHHALTIG LEBEN

                                                                                                Dabei könnte man es noch reparie-                                                 Vier von fünf Geräten werden an         Reinickendorf kommen. Hier gibt

                                                                                                                                            „Sieben
                                                                                                ren. Doch das wird den Verbrau-                                                   diesem Nachmittag gerettet.             es Mäntel für Frauen, Hemden für
                                                                                                cher*innen nicht einfach gemacht:                                                                                         Männer und Schuhe für Kinder, aber
                                                                                                Entweder stellen Hersteller keine                                                 GEBRAUCHTE KLEIDUNG IST                 auch eine Puppenstube zum Spielen,
                                                                                                Ersatzteile zur Verfügung oder ver-
                                                                                                bauen Teile so fest, dass sie nur mit
                                                                                                Spezialwerkzeug zu lösen sind. Ohne
                                                                                                                                           von zehn                               GEFRAGT
                                                                                                                                                                                  Nicht nur Elektronik, auch Kleidung
                                                                                                                                                                                  landet häufig im Müll, obwohl Jacken,
                                                                                                                                                                                                                          Bücher für ruhige Winterstunden
                                                                                                                                                                                                                          und Decken zum Einkuscheln. Im
                                                                                                                                                                                                                          Regal stehen Teetassen, Thermos-
                                                                                                Vorwissen trauen sich viele eine
                                                                                                Reparatur nicht zu. Hajo, gelernter         Geräten                               Hosen und Hemden noch in einem
                                                                                                                                                                                  guten Zustand sind und anderen
                                                                                                                                                                                                                          kannen und Kaffee­maschinen.

                                                                                                                                            können
                                                                                                Medizintechniker, will genau dabei                                                Menschen passen würden. 4,7 Kilo-       Ursula ist die gute Seele des Ladens.
                                                                                                helfen – gemeinsam mit fünf weite-                                                gramm Kleidung entsorgt jede*r          Viele Kund*innen kennt sie mit
                                                                                                ren ehrenamtlichen Tüftlern und                                                   Bundesbürger*in im Jahr, von denen      Namen und plaudert mit ihnen. Eine

                                                                                                                                              wir
                                                                                                Bastlern vom „Repair-Café“ im Stadt-                                              nur 500 Gramm recycelt werden,          Frau kommt herein. Sie möchte die
                                                                                                teilzentrum Pankow.                                                               fand das nach­haltige Modelabel         Sachen ihrer großen Tochter spenden,
                                                                                                                                                                                  Labfresh aus den Niederlanden in        die von zu Hause ausgezogen ist.

Susanna öffnet das Gehäuse ih-
                                                                                                Susanna setzt sich zu Hajo an den
                                                                                                Tisch und gibt ihm das Tablet. Erst
                                                                                                öffnet Hajo mit einem Spezialwerk-
                                                                                                                                          reparieren“                             einer beauftragten Studie Anfang
                                                                                                                                                                                  2020 heraus. Fast fünf Kilogramm
                                                                                                                                                                                  Textilmüll – das entspricht einer
                                                                                                                                                                                                                          Etwas später betritt eine weitere Frau
                                                                                                                                                                                                                          den „Fairkaufladen“. Sie senkt ihre
                                                                                                                                                                                                                          Stimme. Ihre Mutter sei verstorben.
res Tablets. Auf YouTube hat sie                                                                                                                    WOLFGANG
dazu eine Anleitung gesehen. Im                                                                 zeug das Gehäuse, dann blicken er               REPAIR-CAFÉ PANKOW                ganzen Waschmaschinenladung voll.       Ob sie ihre Kleider und Hosen abge-
„Repair-Café“ bekommt sie das                                                                   und Susanna gemeinsam ins Innere                                                  Dass Kleiderspenden durchaus ge-        ben könne? „Na klar“, sagt Ursula
notwendige Spezialwerkzeug –
und eine zweite Meinung
                                                                                                des Gerätes. Ratlosigkeit. Doch Susan-                                            fragt sind, weiß Ursula Khalil, 68.     mitfühlend. Die Menschen bringen
                                                                                                na hat eine Idee. Auf YouTube hat sie                                             „Herzlich willkommen“, begrüßt sie      nicht nur Kleidung oder Gegenstände,
                                                                                                ein Video gesehen, in dem erklärt         Timm, der Familienvater mit dem         alle, die zu ihr in den „Fairkauf­      sondern auch ihre Geschichten mit.

        S
                                                                                                wird, dass man alle Steckverbindun-       Waffeleisen, setzt sich zu Wolfgang.    laden“ ins Märkische Viertel in         Ursula hört zu.
                                                                                                gen zur Festplatte trennen und dann       Zusammen schrauben sie erst die
                                                                                                wieder einstecken muss. „Dann startet     Vorderseite ab, dann die Rückseite,
                                                                                                es sich neu.“ „Aber erst müssen wir       bis sie nicht mehr weiterkommen.
                                                                                                den Akku ausbauen, sonst gibt es          Die Platten lösen sich nicht. „Puh,
                        usanna ist aufgeregt.        Elektronische Geräte selber reparie-       einen Kurzschluss“, sagt Hajo ruhig.      hartnäckiges Teil“, stöhnt Wolfgang
                        In der Hand hält sie         ren, gebrauchte Kleidung kaufen                                                      und schafft es irgendwann doch. Ein
                        ihr Tablet. „Das will ein-   oder Essensreste vor dem Mülleimer         Am Nebentisch sortiert Wolfgang, 72,      Stromkabel ist durchtrennt, das sie
                        fach nicht mehr ange-        retten: All das sind gute Wege, um im      sein Werkzeug. „Ich habe mein Leben       nicht austauschen können. „Leider
         hen, aber ich möchte es auch nicht          Alltag nicht nur die Umwelt, sondern       lang gebaut“, sagt er stolz. Früher       ist es zu fest eingebaut“, sagt Wolf-
         wegwerfen. Das wäre schade“, sagt           auch den Geldbeutel zu schonen. In         war er Tischler, seit vier Jahren hilft   gang. „Sieben von zehn Geräten
         die 32-Jährige. Deswegen steht sie          Berlin gibt es immer mehr Orte, an         er im „Repair-Café“. „Die meisten         können wir reparieren. Dieses Waf-
         vor dem „Repair-Café“ im Stadtteil-         denen vermeintlich Defektes oder           Sachen sind ja nicht wirklich kaputt“,    feleisen gehört nicht dazu.“
         zentrum Pankow. Sie will es selbst          Altes eine zweite Chance bekommt.          sagt er. Und landen trotzdem auf dem
         reparieren. „Allein würde ich mich          Denn kaputt ist nicht gleich kaputt,       Müll. Tatsächlich fällt in Deutschland    Vom Nebentisch hört man einen
         das nicht trauen, aber hier bekommt         gebraucht bedeutet nicht gleich „oll“,     jedes Jahr ziemlich viel Elektroschrott   Jubelschrei. Es hat geklappt, das
         man Hilfe“, erzählt sie. Hinter ihr         und ein Brot, das am Morgen geba-          an. 2018 waren es 853 124 Tonnen,         Tablet funktioniert wieder. Susanna
         steht Timm. Auch er braucht Unter-          cken wurde, schmeckt auch nach             ergab eine Erhebung des Umwelt­           reißt die Arme in die Luft. „Danke,
         stützung. Das Waffeleisen der Familie       Ladenschluss noch.                         bundesamtes. Viele Geräte landen auf      Hajo“, sagt sie. Auch bei den ande-
         funktioniert nicht mehr. „Die Kinder                                                   Mülldeponien in afrikanischen Län-        ren Besucher*innen geht es Schlag
         vermissen die heißen Waffeln. Ein-          MIT HILFE SELBER REPARIEREN                dern. Enthaltene Schwermetalle wie        auf Schlag: ein Toaster, der nur ge-
         fach ein neues kaufen will ich aber         „Das ‚Repair-Café‘ ist ein Ort der Hoff-   Blei und Quecksilber sind schädlich       reinigt werden musste. Eine Lampe,
         nicht“, sagt er. Es ist 17 Uhr, die Tür     nung“, sagt der 65-jährige Hajo und        für die Umwelt und die Menschen, die      bei der eine Sicherung im Dimmer
         zum „Repair-Café“ öffnet sich wie an        lacht. Wenn ein Gerät nicht mehr funk-     auf Schrottplätzen nach verwertbaren      defekt war. Ein Küchenmixer, bei
         jedem ersten Montag im Monat.               tioniert, wird es heute oft entsorgt.      Teilen suchen.                            dem sich die Kontakte gelöst hatten.                                                Ursula Khalil ist die gute Seele
                                                                                                                                                                                                                              des „Fairkaufladens“. Hier gibt es
                                                                                                                                                                                                                              Kleidung und Gegenstände aus
         12                                                                                                                                                                                                                   zweiter Hand                         13
LÄUFT! Reparieren statt konsumieren - nachhaltig durch den Winter
PANKOW                                                                                                                                                                                                                      NACHHALTIG LEBEN

                                                                                  Eva Richter kommt regelmäßig                                                                 Vor der Mülltonne gerettet:       Natürlich kann man nicht alles retten
                                                                                  in den „Fairkaufladen“, wenn                                                                 Almut Wetjen holt übrig
                                                                                                                                                                                                                 oder reparieren – aber doch mehr, als
                                                                                  sie im Kiez spazieren geht. Hier                                                             gebliebenes Essen wie Suppe
                                                                                  findet sie gutes Gebrauchtes.                                                                im „Café fritz & friedrich“ ab.   man denkt. Es gibt viele Wege, seinen
                                                                                  Diesmal sind es zwei Matchbox-­                                                              Über die App „Too Good To         Alltag nachhaltiger und günstiger zu
                                                                                  Autos für ihr Enkelkind                                                                      Go“ hat sie das Café gefunden
                                                                                                                                                                                                                 gestalten. So wie Susanna, die vor die
                                                                                                                                                                                                                 Tür des „Repair-Cafés“ tritt und
                                                                                                                                                                                                                 strahlt. In der Hand hält sie ihr Tablet.
                                                                                                                                                                                                                 Es funktioniert wieder. „Hajo und ich
                                                                                                                                                                                                                 haben es zusammen geschafft“, sagt
                                                                                                                                                                                                                 sie. Timm muss sein Waffeleisen
                                                                                                                                                                                                                 leider wegschmeißen: „Ich kann aber
                                                                                                                                                                                                                 mit gutem Gewissen sagen, dass ich
                                                                                                                                                                                                                 alles probiert habe.“

                                                                                                                                                                                                                                            Am Abend wärmt Almut
                                                                                                                                                                                                                                            die Suppe aus dem Café
                                                                                                                                                                                                                                            für die Kinder noch mal auf

                                                                                                                         der Tonne retten. Eine nennt sich        tig über meine Pakete, und ich bin
                                                                                                                         „Too Good To Go“, was übersetzt „zu      froh, dass ich nichts wegschmeißen
                                                                                                                         gut zum Wegschmeißen“ bedeutet.          muss“, sagt sie. 50 Mahlzeiten konnte
Aber wie funktioniert der „Fairkauf-    im „Fairkaufladen“ vorbei.               Mann immer noch im Kiez. „Genau         Die Idee dahinter: Restaurants und       sie so schon retten.
laden“? „Das Konzept ist einfach“,      Hier kennt man sich, hier kann sie       hier wollte ich einen gemütlichen Ort   Supermärkte melden in der App
erklärt Ursula. Man könne vorbei-       ein bisschen reden und stöbern.          schaffen, der zu einem Treffpunkt für   Lebens­mittel oder Gerichte, die sie     Eine regelmäßige Nutzerin der App
bringen, was man nicht mehr             „Ein schöner Ort, nette Menschen,        die Menschen wird“, sagt sie. Bei ihr   nicht verkauft haben oder bereits        ist Almut Wetjen. Sie ist 38 Jahre alt
braucht. Einzige Bedingung: Alle        tolle Sachen“, sagt sie. Heute nimmt     gibt es Frühstück, Mittagsgerichte,     kleine Makel zeigen. Nutzer*innen        und Mutter zweier Kinder. „Ich pla-
Gegenstände müssen in einem guten       sie zwei Matchbox-Autos für ihren        Kuchen und Waffeln. Doch eine Sa-       können diese über die App reservie-      ne das richtig“, sagt sie. Zum Beispiel
Zustand sein, das heißt funktions-      Enkel mit.                               che wollte sie nicht: übrig gebliebe-   ren und für einen sehr günstigen         fürs Abendessen oder für Ausflüge
tüchtig, sauber, ohne Löcher oder                                                nes Essen wegschmeißen.                 Preis in einem vorgegebenen Zeit-        am Wochenende. Dann reserviert sie
Flecken.                                Felix Bergemann ist der Leiter des                                               fenster abholen. Bezahlt wird vorab      sich über die App eines der Überra-
                                        FACE Familienzentrums, zu dem der        Zwölf Millionen Lebensmittel landen     online.                                  schungspakete in ihrer Lieblingsbä-
Gegen ein faires Entgelt, etwa vier     „Fairkaufladen“ gehört. „Wir wollen      jedes Jahr im Müll, obwohl sie noch                                              ckerei. „Am nächsten Tag nehmen
Euro für eine Jacke oder drei Euro      hier etwas gegen die Wegwerfgesell-      genießbar sind, das sind 75 Kilo pro    Franziska Liebig hat sich mit ihrem      wir süße Teilchen, belegte Brötchen
für einen Rock, kann man die            schaft tun und gleichzeitig jenen        Kopf. Große Mengen werden regel-        Café bei der App als Partnerbetrieb      und Croissants mit auf unsere Tour.“
Sachen mitnehmen. Kindersachen          helfen, die nicht so viel Geld haben“,   mäßig in Bäckereien, Supermärkten       angemeldet und stellt nun jeden Tag      Vier Millionen Menschen haben die
kosten ein Euro pro Stück. Die Ein-     sagt er. Eine Bedürftigkeit müsse man    und Restaurants entsorgt. Mittler­      zwei Überraschungspakete ein: mit        App bereits genutzt und fünf Millio-
nahmen decken Unkosten wie Strom        aber nicht nachweisen. „Alle sind        weile gehen einige Initiativen in       allem, was sie am Tag nicht verkauft     nen Mahlzeiten vor der Mülltonne
und Ursulas Gehalt. Finanziell unter-   willkommen“, sagt er.                    Berlin gegen die Verschwendung von      hat. „Die Menschen freuen sich rich-     bewahrt.
stützt wird der Laden von der                                                    Lebensmitteln vor – und kommen
GESOBAU-Stiftung.                       LEBENSMITTEL RETTEN                      zu Lösungen. SirPlus etwa ist eine
                                                                                                                         INFORMATIONEN:
                                        Willkommen sind die Menschen auch        neu gegründete Supermarktkette mit
                                                                                                                         „Repair-Café“: Eine Liste von Repair-Cafés in Berlin und Deutschland gibt es hier: www.reparatur-initiativen.de
Nun betritt Eva Richter den Laden,      im „Café fritz & friedrich“ von Fran-    vier Standorten in Berlin, die nur
grüßt Ursula und geht zum Bücherre-     ziska Liebig, 32. Vor vier Monaten hat   übrig gebliebene Lebensmittel ver-      Den „Fairkaufladen“ finden Sie hier: Wilhelmsruher Damm 159, 13439 Berlin, Informationen unter: 030 9843 6645
gal. „Mal sehen, ob ich was Spannen-    sie sich mit der Eröffnung einen         kauft. Wer als Lebensmittelretter*in    oder unter: face-familienzentrum.de/fairkaufladen
des finde.“ Die Rentnerin lebt in der   Traum erfüllt. Sie ist in Heinersdorf    unterwegs sein möchte, kann sich bei    Mehr Informationen zu „Too Good To Go“, die App zum Lebensmittelretten, gibt es hier: toogoodtogo.de
Nachbarschaft und schaut auf ihrer      geboren und aufgewachsen und lebt        food­sharing.de anmelden. Und auch      oder im Google Play Store beziehungsweise im App Store
Runde durch den Kiez immer auch         heute mit ihren Kindern und ihrem        mit Apps lassen sich Lebensmittel vor

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LÄUFT! Reparieren statt konsumieren - nachhaltig durch den Winter
BERLIN KIEZGESCHICHTEN                                                                                                       PANKOW KIEZGESCHICHTEN                                                                KIEZGESCHICHTEN PANKOW

KEINER BLEIBT ALLEIN                                                                                                            EIN RAUM FÜR FANTASIE
     Christian Fein und Heike Paulus bringen                                                                                                                                                                              In seiner Werkstatt zeigt Thomas Worner
     Menschen zusammen, die an Feiertagen                                                                                                                                                                            Kindern, wie man Gefäße und Figuren aus Ton
     ­Gesellschaft suchen                                                                                                                                                                                             herstellt. Auch die Eltern können mitmachen

W
          eihnachten allein? Silvester ohne Gesellschaft?   Das hat auch Vorteile: Digitale Kommunikation ermöglicht

                                                                                                                               I
          Trennung oder der Neubeginn in einer fremden      überregionale Gruppen. Diese werden wegen der Kontakt-                 m Keramikstudio von Thomas Worner sitzen zehn                Zu den Kindern, die regelmäßig in Worners Keramik-
          Stadt – es gibt viele Lebensphasen, in denen      beschränkungen immer wichtiger. „Schon jetzt haben wir                 Kinder und mehrere Erwachsene an verschiedenen               werkstatt kommen, gehören auch Nele und ihre Freun-
sich Menschen plötzlich allein fühlen, ganz unabhängig      viermal so viele Anfragen wie im vergangenen Jahr“, sagt               Tischen. Sie formen Gefäße, Tiere oder Teller aus Ton        din Hanna. Beide sind elf Jahre alt. Nele will an diesem
vom Alter. Auch Heike Paulus, 33, und Christian Fein,       Fein. „2019 hatten wir 60 000 Nutzer, viele haben sich dann         und malen sie bunt an. Thomas Worner ist immer mitten-          Nachmittag eine Spardose formen. Sie nimmt einen
35, erlebten Ende 2016 eine solche Lebensphase. Unab-       selbst vernetzt, etwa 3500 Menschen konnten wir zusammen­           drin, gibt Tipps und hilft, wenn es nötig ist. Später wird      Klumpen Ton und klopft ihn mit der Hand flach. Dann
hängig voneinander wurden sie aktiv. Heike schrieb          bringen.“ Nun erweitern sie ihr Projekt über Silvester hinaus.      er die fertigen Gegenstände in seinen beiden Spezialöfen        legt sie eine Pappscheibe auf den Ton und schneidet zwei
auf Facebook, dass sie Weihnachten nicht allein sein        Anknüpfungspunkte sind Karneval oder Ostern. Auch On-               brennen. Nach ein paar Tagen können die Kursteilneh-            kreisförmige Tonscheiben aus. Später kommen diese in
wolle, Christian suchte per Twitter Gesellschaft für        line-Stammtische sind denkbar. „Einsamkeit kann uns alle            mer*innen ihre Werke bei ihm abholen.                           eine Gipsform, sodass zwei Halbschalen entstehen. Die
Silvester. Die überwältigende Resonanz auf ihre Posts       betreffen, wird aber kaum wahrgenommen oder aber stig-                                                                              werden dann zu einer Spardose zusammengesetzt. Auch
zeigte ihnen, wie groß die Sehnsucht nach Begegnung         matisiert“, erklärt Paulus. „Das wollen wir ändern.“                Worner hat das Handwerk professionell erlernt: Er stu-          Hanna will so eine Dose herstellen. „Das ist ein schönes
unter 30- bis 50-Jährigen ist. Und wie groß gleichzeitig                                                                        dierte in den 1970er-Jahren „Formgestaltung“ in Berlin.         Weihnachtsgeschenk“, sagt sie.
die Bereitschaft ist, auf einsame Menschen zuzugehen                                                                            Seine Keramikkurse in Pankow sind ein Geheimtipp, ob-
                                                            INITIATIVE KEINER BLEIBT ALLEIN
und sie einzuladen.                                                                                                             wohl er sie für Kinder und Jugendliche schon seit vielen
                                                            Das Angebot ist seit diesem Jahr ausschließlich digital.
                                                                                                                                Jahren anbietet. Auch Eltern können an ihnen teilnehmen.
                                                            Gastgeber*innen und Gäste können sich mit Nachrichten
Heike Paulus und Christian Fein starteten ehrenamt­liche                                                                        Die sechsjährige Kira ist an diesem Nachmittag mit ihrer        KERAMIKWERKSTATT IM FORUM PANKOW
                                                            oder der Angabe ihrer Stadt anmelden über:
Initiativen, die sie 2017 bündelten. Paulus moderiert                                                                           Mutter gekommen. Beide sind unternehmungslustig und             Damerowstraße 8, 13187 Berlin
                                                            -- Facebook.com/groups/Weihnachten.Nicht.Allein/
von Berlin aus ihre Facebookgruppe „Weihnachten                                                                                 probieren gerne etwas Neues aus. „Ich habe schon eine Prin-
                                                            -- Twitter: KeinerBleibtAllein, #KeinerBleibtAllein                                                                                 Kurszeiten
(nicht) allein“. Fein nimmt von Mannheim aus unter dem                                                                          zessin, einen Fuchs und einen Elefanten aus Ton gemacht“,
                                                            -- Instagram: keinerbleibtallein, #KeinerBleibtAllein                                                                               Jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag
Aktions­namen #KeinerBleibtAllein per Twitter und Ins-                                                                          sagt Kira. „Den Fuchs habe ich meiner Oma geschenkt.“
                                                                                                                                                                                                15-18 Uhr für Kinder und Erwachsene
tagram Nachrichten an. Dann suchen sie passende Gastge-     www.keinerbleibtallein.net
                                                                                                                                                                                                ab 19 Uhr für Erwachsene
ber*innen und vernetzen sie mit Gästen für die Feiertage.   Um Missbrauch zu vermeiden, arbeiten die Mode-                      Wer einen Blick in die Regale wirft, die in Worners Werkstatt
                                                                                                                                                                                                Keine Anmeldung notwendig
                                                            rator*innen mit geschlossenen Gruppen. Die Teil­                    an den Wänden stehen, sieht schnell, welche Dinge bei den
Ging es bisher um persönliche Begegnungen, werden                                                                               Kindern besonders beliebt sind. Dort stehen jede Menge          Kursgebühren: 2 Euro pro Kurs für Kinder;
                                                            nehmer*innen müssen sich vorab anmelden. Beiträge
viele Treffen dieses Jahr aufgrund der Pandemie virtuell                                                                        Einhörner, Prinzessinnen und Pferde, aber auch fantasievoll     10 Euro für Erwachsene
                                                            werden geprüft und freigeschaltet.
stattfinden.                                                                                                                    geformte, bunt angemalte Tassen, Teller und Schüsseln.

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LÄUFT! Reparieren statt konsumieren - nachhaltig durch den Winter
WEISSENSEE                                                                                                                                                                                                                     NEUE WOHNIDEEN

                  WOHNEN UND ARBEITEN                                                                                             sind etwa Hausgemeinschaften mit
                                                                                                                                  gemeinsamen Hofanlagen, Atelier-
                                                                                                                                                                             ein Team aus Hebammen sind
                                                                                                                                                                             interessiert. Die Unternehmer*in-
                                                                                                                                                                                                                            Anfangs gab es beispielsweise die
                                                                                                                                                                                                                            Idee, Wohn- und Arbeitseinheiten

                   UNTER EINEM DACH
                                                                                                                                  wohnungen für Künstler*innen               nen haben Zugang zur gemein-                   auch räumlich zu verbinden. Vom
                                                                                                                                  oder Mehrgenerationenhäuser, in            schaftlich genutzten Remise, einem             Büro im Erdgeschoss sollte eine Trep-
                                                                                                                                  denen alte und junge Mieter*innen          zweigeschossigen Gebäude im Hof-               pe in die darüberliegende Wohnung
                                                                                                                                  sich einander unterstützen. Von            bereich mit Besprechungs- und                  führen. „Das ist aber rein vertrags-
                                                                                                                                  einer zusätzlich geschaffenen              Seminar­räumen. Damit fördert die              rechtlich gar nicht möglich, da
                                                                                                                                  Infrastruktur mit Cafés, Kitas oder        GESOBAU den Share-Economy-­                    wir unterschiedliche Verträge für
                                                                                                                                  Angeboten für ältere Menschen              Gedanken und bietet eine innovative            Wohnungen und Gewerbe haben“,
                                                                                                                                  profitieren auch alteingesessene           Lösung, um knappe und teure Res-               erklärt Viktoria Rein. Es ist ohne
                                                                                                                                  Bewohner*innen. Ihr Kiez verän-            sourcen wie Büroflächen effizient zu           Frage ein anspruchsvolles Projekt,
                                                                                                                                  dert sich – zum Positiven.                 nutzen.                                        die Herausforderungen sind viel­
                                                                                                                                                                                                                            fältig. Im Ergebnis verknüpft die
                                                                                                                                  MODERNES LEBEN IN WEISSENSEE               FLEXIBLE ARBEITSPLÄTZE IN                      GESOBAU modernes Wohnen mit
                                                                                                                                  Die GESOBAU beteiligt sich an dem          GEMEINSAMEN RÄUMEN                             inspirierenden Büro­flächen und
                                                                                                                                  Vorhaben mit einem Bauprojekt auf          Auch wer nur ab und zu einen                   kann damit einen Beitrag zu neuen
                                                                                                                                  dem Gelände der Langhansstraße 28          Arbeits­platz außerhalb der eigenen            zukunftsfähigen Wohnformen leisten.
                                                                                                                                  und Roelckestraße 9, 9A in Weißen-         vier Wände sucht, ist in der Lang­
                                                                                                                                  see. Die Idee: Gewerbetreibende            hans­straße willkommen. „Eine etwa             NEUE IDEEN FÜR PANKOW
                                                                                                                                  leben und arbeiten im selben Haus.         190 Quadratmeter große Gewer­be­               Ein ähnliches Projekt wie in der
                                                                                                                                  „Das hat viele Vorteile“, sagt Viktoria    einheit soll an einen Co-Working­              ­Langhansstraße plant die GESOBAU
                                                                                                                                  Rein, Projektmitar­beiterin bei der        Space-Anbieter vermietet werden“,               in Pankow. Baubeginn für das Haus
                                                                                                                                  GESOBAU. „Kurze Arbeits­wege ent-          erklärt Viktoria Rein. Damit ist ein            in der Mühlenstraße 24 ist 2021.
                                                                                                                                  lasten die Umwelt, bedeuten mehr           Büro gemeint, in dem Selbstständige             Auch dort sollen innovative Konzepte
                                                                                                                                  Flexibilität und eine bessere Verein-      und Student*innen tage- oder stun-              umgesetzt werden. Die Mieter*innen
                                                                                                                                  barkeit von Familie und Beruf.“            denweise einen Schreibtisch mit                 dürfen mitentscheiden, wie gemein-
Ein Trend für die Zukunft? In
Weißensee können Unterneh-                                                                                                                                                   Internetzugang mieten können, um                schaft­liche Mehrzweckräume genutzt
mer*innen bald Gewerbeflächen                                                                                                     Bei anderen Neubauten werden               ungestört zu arbeiten.                          werden könnten. Ideen gibt es bereits:
und Wohnungen im selben Haus
                                                                                                                                  Ladengeschäfte und Wohnungen                                                               Sie reichen von einer Bibliothek zum
mieten
                                                                                                                                  getrennt voneinander vermietet.            Momentan sucht die GESOBAU nach                 Tausch von Büchern über Gästezim-
                                                                                                                                  Bei diesem Projekt ist es anders:          einem Betreiber für den Co-Wor-                 mer bis hin zum Billardraum. „Durch
                                                                                                                                  Die GESOBAU sucht gezielt Unter-           king-Space. „Davon hängt ab, ob wir             diese Angebote soll die Hausgemein-
                                                                                                                                  nehmer*innen, die Wohnen und               diesen Plan wirklich umsetzen“,                 schaft stärker zusammen­wachsen.
                                                         Text: Judith Jenner                                                      Arbeiten an einem Ort vereinen             sagt Viktoria Rein. Überhaupt ist               Das Leben wird weniger anonym“,
                                                                                                                                  wollen. Das Haus wird im Frühjahr          die Planung dieses neuen Wohn-                  erläutert Viktoria Rein. Schließlich
                                                                                                                                  2021 fertig­gestellt, und es gibt be-      und Arbeitshauses ein dynamischer               macht auch eine gute Nachbarschaft
                         Mit dem stadtplanerischen Konzept „Urban Living“ sollen                                                  reits erste Anfragen: Eine Dolmet-         Prozess. Das Konzept wird immer                 das Wohnen in der Stadt lebens­
                                                                                                                                  scherin, Ergotherapeut*innen und           wieder angepasst.                               werter.
                         Arbeiten und Wohnen näher zusammenrücken. Das erste
                         GESOBAU-Projekt dieser Art ist bald bezugsfertig

     K
                                                                                                                                  NEUES WOHNKONZEPT IN WEISSENSEE
                                                                                                                                                                                                                                 INFOS ZUM PROJEKT
                                                                                                                                  Seit Frühjahr 2019 wird an der Langhansstraße 28 und Roelckestraße 9, 9A gebaut.
                                                                                                                                                                                                                                 Sie sind Unternehmer*in und
                                                                                                                                  Nach den Plänen des Berliner Architekturbüros Bollinger + Fehlig entsteht ein vier- bis
                                                                                                                                                                                                                                 interessieren sich für das
                                                                                                                                  fünfgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus mit einem zurückgesetzten Dachgeschoss.
                                                                                                                                                                                                                                 Projekt? Mehr Informa­tionen
                                                                                                                                  Das Besondere: Die Gewerbetreibenden sollen möglichst auch im Haus wohnen. Im
                                                                                                                                                                                                                                 zur laufenden Vermietung
                        urze Arbeitswege ha-     und Arbeiten näher zusammenrücken,     nachzugehen: Wie können in der            Erdgeschoss des markanten Eckgebäudes und teilweise auch im ersten Obergeschoss
                                                                                                                                                                                                                                 der Flächen und Wohnungen
                        ben während der Co-      ist ein Aspekt des Projektes „Urban    Innenstadt neue Wohnungen entste-         sind auf insgesamt 656 Quadratmetern 13 Gewerbeflächen in unterschiedlicher Größe
                                                                                                                                                                                                                                 bekommen Sie per E-Mail
                        rona-Krise viele zu      Living – Neues Wohnen in Berlin“. Es   hen, ohne dass die Lebensqualität         geplant. Alle 37 Wohnungen haben entweder eine Loggia, einen Balkon oder eine Ter-
                                                                                                                                                                                                                                 (gewerbe@gesobau.de) oder
                        schätzen gelernt. Wer    wurde 2013 von der Senats­verwaltung   darunter leidet, weil die Bevölkerungs­   rasse. Ein Drittel der Wohnungen wird barrierefrei sein. Auch die Lage ist attraktiv:
                                                                                                                                                                                                                                 auf unserer Website:
        von zu Hause aus arbeiten kann,          für Stadtentwicklung und Wohnen ins    dichte steigt.                            Der Weiße See mit Park und Strandbad ist nur knapp zwei Kilometer entfernt. Nahe
                                                                                                                                                                                                                                 www.gesobau.de/langhans-
        spart sich den Stau auf dem Weg zur      Leben gerufen, um gemeinsam mit                                                  gelegene Bus- und Straßenbahnstationen sorgen für eine schnelle Verbindung in die
                                                                                                                                                                                                                                 strasse
        Arbeit oder die Wege mit den öffentli-   den städtischen Wohnungsbaugesell-     Um die Wohnqualität zu halten,            City. Die ersten Mieter*innen können voraussichtlich im Sommer 2021 einziehen.
        chen Verkehrsmitteln. Dass Wohnen        schaften wie der GESOBAU der Frage     sind neue Konzepte gefragt. Denkbar

        18                                                                                                                                                                                                                                                      19
SCHLICHTUNGSBÜRO                                            GESOBAU-SCHLICHTUNGSBÜRO

                              DICKE
                              LUFT               Text: Judith Jenner

                   Das GESOBAU-Schlichtungsbüro ist Anlaufstelle,
                   wenn Nachbar*innen zerstritten sind. Vier Ehren-
                   amtliche helfen ihnen, eine Lösung zu finden

                   E              in wenig ist Dieter
                                  Rabe* der Ärger noch
                                  anzumerken, wenn er
                                  sich an den Streit mit
                   seinem Nachbarn erinnert. Im Be-
                   sprechungsraum der GESOBAU-Nach-
                   barschaftsetage im Märkischen Vier-
                   tel erzählt er, wie im Stockwerk über
                                                            FÜR EIN BESSERES MITEINANDER
                                                            Mit am Tisch saßen Dankwart Kirch-
                                                            ner und Thea Mir-Raissi. Beide sind
                                                            schon seit vielen Jahren Mitglieder
                                                            des Schlichtungsteams. Der Gruppen-
                                                            psychotherapeut Kirchner hat viel
                                                            Erfahrung im Führen von Konflikt­
                                                            gesprächen. Er ist seit der Gründung
                   ihm bis spät in die Nacht in voller      des Schlichtungsbüros 2006 dabei.
                   Lautstärke der Fernseher lief. Am        Damals war er gerade in den Ruhe-
                   frühen Morgen jammerten dann             stand gegangen und suchte nach
                   die Katzen des Bewohners, weil sie       einer ehrenamtlichen Tätigkeit, in die
                   nichts zu fressen hatten, vermutete      er seine beruflichen Erfahrungen ein-
                   Rabe. „Manchmal miauten sie eine         fließen lassen konnte. Er fand sie im
                   Stunde lang“, sagt der 72-Jährige.       Schlichtungsbüro, das kurz zuvor auf
                                                            Initiative der GESOBAU-Sozialmana-
                   Weil der deutlich jüngere Hausbe-        gerinnen Ilona Luxem und Andrea
                   wohner nicht mit sich reden ließ,        Scheel gegründet worden war. „Ich
                   wandte sich Dieter Rabe an das           hatte zu dieser Zeit meine Ausbil-
                   ­GESOBAU-Schlichtungsbüro. „Meine        dung als Mediatorin abgeschlossen“,
                    Hoffnungen hielten sich erst mal in     erinnert sich Ilona Luxem. „Dieses
                    Grenzen“, erzählt er. „Vor allem habe   Verfahren zur Beilegung von Konflik-
                    ich bezweifelt, dass sich der Nachbar   ten schien mir eine Chance, um Nach-
                    mit mir an einen Tisch setzt.“ Doch     barschaftsstreits zu schlichten.“ In
                    nach einem freundlichen Brief des       der Mediation suchen zwei Parteien
                    Schlichtungsbüros ließ der sich tat-    gemeinsam nach Kompromissen, um
                    sächlich darauf ein.                    ihr Problem zu lösen. Voraussetzung

                                                                                                     21
REINICKENDORF                                                                                                                                                                                                    GESOBAU-SCHLICHTUNGSBÜRO

                                                                                                                                                                                      Die Schlichter*innen der
                                                                                                                                                                                      GESOBAU (v. l. n. r.):
                                                                                                                                                                                      Dankwart Kirchner,
                                                                                                                                                                                      Thea Mir-Raissi,
                                                                                                                                                                                      Hans-Jürgen Weber und
                                                                                                                                                                                      Edith Spielhagen

ist, dass sich beide Seiten freiwillig     dern stammen, abends häufig länger       ZUHÖREN UND IMPULSE GEBEN               zu laut ist?“ Oder: „Wie wäre es für   tet, auf dem die Mieter*innen ihre              hinsichtlich der Fernseherlautstärke
darauf einlassen. Zu Lösungen sollen       draußen. Sie sind es so gewohnt, weil    Für Edith Spielhagen ist es immer       Sie, ein Klingelzeichen zu vereinba-   Anliegen und einen Kontakt hinter-              konnten sie sich einigen. Zum
sie eigenständig kommen. Die Media­        es in der alten Heimat tagsüber oft zu   wieder spannend, sich in beide          ren?“ „Wir sind da aber sehr           lassen können. Ein Teammitglied                 Schluss gaben sich die beiden Nach-
tor*innen begleiten den Prozess.           heiß ist zum Spielen. Viele behalten     Seiten hineinzuversetzen, sich nicht    zurückhaltend“, räumt Dankwart         meldet sich dann zurück. Persönlich             barn sogar die Hand darauf. Daran
                                           die gewohnten Ruhe- und Schlaf­zeiten    von Sympathien leiten zu lassen und     Kirchner ein. „Auf keinen Fall soll    können Mieter*innen zur Sprech-                 erinnert sich Dankwart Kirchner
Von Anfang an stand fest: Die Leitung      aus ihrer Kindheit bei, erklärt Thea     neutral zu bleiben – eine große         sich eine Seite überrumpelt fühlen     stunde donnerstags von 16 bis                   noch ganz genau, denn solche
des Schlichtungsbüros sollten Ehren-       Mir-Raissi. „Indem man darüber           Her­ausforderung, pflichten ihr die     und nur dem Schlichter zuliebe         18 Uhr ins Schlichtungsbüro kom-                Momente gehören zu den schönsten
amtliche übernehmen. „So finden die        spricht, ist oft schon viel gewonnen“,   anderen Teammitglieder bei. „Im         einem Vorschlag zustimmen.“            men, auch ohne Termin.                          seiner Arbeit. „Das rührt mich
Gespräche auf Augenhöhe statt“,            meint sie.                               ersten Moment hören wir die Ge-                                                                                                wirklich sehr“, gibt er zu.
meint Ilona Luxem. Über Anzeigen                                                    schichte ja nur von einer Seite, näm-   Mieter*innen wenden sich bei Ärger     Eine Einschränkung gibt es: Ist ein             * Name von der Redaktion geändert
und das Ehrenamtsbüro Reinicken-           Einmal monatlich setzen sich Thea        lich von der Person, die sich an uns    mit Nachbar*innen oft als erstes       Konflikt so stark eskaliert, dass
dorf fand sie die ersten Mitglieder für    Mir-Raissi und Dankwart Kirchner         wendet“, gibt sie zu bedenken. „Von     an die Kundenbetreuer*innen der        bereits eine Anzeige bei der Polizei
das Team, die sich für eine gute und       mit Edith Spielhagen und Hans-­          dieser einen Darstellung dürfen wir     GESOBAU. Diese verweisen dann ans      erstattet oder ein Rechtsanwalt                 DAS SCHLICHTUNGSBÜRO
friedliche Nachbarschaft einsetzen.        Jürgen Weber zusammen. Edith Spiel-      uns aber nicht vereinnahmen las-        Schlichtungsbüro. „Der Austausch       eingeschaltet wurde, nehmen die                 Vier Mediator*innen arbeiten ehren-
                                           hagen ist Kulturwissenschaftlerin,       sen.“ Edith Spielhagen kann sich        mit der GESOBAU ist sehr wichtig       Schlichter*innen den Fall nicht                 amtlich für die GESOBAU und helfen
KULTURELLE UNTERSCHIEDE                    Hans-Jürgen Weber Jurist, sie machen     als Mieterin gut in viele Situationen   und geht in beide Richtungen“,         mehr an. Auch rechtliche Tipps                  Mieter*innen, die im Streit mitei-
Thea Mir-Raissi kam etwa zehn Jahre        das Team komplett. Etwa zehn Anfra-      hineinversetzen. Sie sagt: „Wir         ­betont Hans-Jürgen Weber. „Wir        dürfen sie nicht geben. Deshalb ist es          nander liegen. Die Schlichtung ist
später ins Team. Sie ist ebenfalls Rent­   gen pro Monat gehen im Schlichtungs-     kennen alle Konflikte auch aus unse-     sprechen auch mit den Kunden­         wichtig, die zerstrittenen Parteien             kostenlos und beinhaltet in der Regel
nerin und wohnt im Märkischen Vier-        büro ein. „Im Winter sind es mehr        rem Umfeld, sie erzeugen teilweise       betreuer*innen oder Sozialmana-       möglichst frühzeitig an einen Tisch             ein Treffen mit beiden Konfliktpartei-
tel. Weil hier viele Menschen auf          als im Sommer“, so Thea Mir-Raissi.      seelisches und körperliches Leid.        ger*innen, wenn wir von ihrer Seite   zu bringen.                                     en. Mieter*innen erreichen das Team
engem Raum zusammenleben, gibt es          „Da verbringen die Menschen viel Zeit    Deshalb ist es so wichtig, dass sich     Handlungsbedarf sehen.“ Aus die-                                                      telefonisch unter 030 41508588 oder
mehr Konflikte als anderswo. „Meis-        zu Hause und fühlen sich leichter        die Streitenden wieder annähern.“        sem Grund versucht Ilona Luxem        Im Fall von Dieter Rabe und seinem              jeden Donnerstag persönlich von 16
tens geht es in den Streitig­keiten um     gestört.“ Während der Corona-Zeit im                                              regelmäßig, an den Teamsitzungen      Nachbarn gelang es, Regelungen zu               bis 18 Uhr in der GESOBAU-Nachbar-
laute Kinder oder anderen Lärm“,           März und April gab es besonders viele    Wenn zwei Parteien im Gespräch           der Schlichter*innen teilzunehmen.    finden, mit denen beide leben kön-              schaftsetage im Märkischen Viertel
berichtet sie. Manchmal haben diese        Anrufe. Da Schlichtungen durch ein       keine Lösung finden, geben die                                                 nen: So vereinbarten sie, dass die              am Wilhelmsruher Damm 124, 13439
Konflikte mit kulturellen Unterschie-      persönliches Gespräch zu dieser Zeit     Mediator*innen Impulse. „Könnten        FRÜHZEITIG AN EINEN TISCH              Katzen morgens als erstes gefüttert             Berlin. Eine Terminvereinbarung ist
den zu tun. So bleiben einige Kinder,      nicht möglich waren, zogen sich diese    Sie sich vorstellen, dass Ihr Nachbar   Im Schlichtungsbüro ist rund um die    werden, damit sie sich nicht so laut            nicht notwendig.
deren Familien aus wärmeren Län-           bis in den Herbst hinein.                Sie kurz anruft, wenn der Fernseher     Uhr ein Anrufbeantworter geschal-      bemerkbar machen müssen. Auch

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E
      PANKOW                                                                                                                                                                 GESOBAU-STIFTUNG

                                                                                                                                                                                    Lucie-Marie Wirth ist eine
                                                                                                                                                                                    von sieben ehrenamtlichen
Obdachlose haben oft nur ein                                                                                                                                                        Fußpflegerinnen im Fran-
Paar Schuhe, das sie durch alle                                                                s ist ein besonderer Ort   Menschen in Not.“ Gleich neben dem                        ziskanerkloster Pankow
Jahreszeiten bringt. Ihre Füße                                                                 inmitten der lärmen-       Fenster steht ein spezieller Fußpfle-
leiden darunter sehr
                                                                                               den Großstadt. Wie         gestuhl.
                                                                                               eine friedliche Oase
                                                                                 liegt das Franziskanerkloster in der     Doch warum ist die Fußpflege über-
                                                                                 Wollankstraße 19. Wir ­betreten eine     haupt so ein wichtiges Angebot?
                                                                                 parkähnliche Anlage mit mächtigen        „Viele Obdachlose sind den ganzen
                                                                                 Bäumen. Darin stehen zwei altehr-        Tag unterwegs, bei Wind und Wetter.
                                                                                 würdige Häuser und ein moder-            Wegen der Kälte behalten sie oft
                                                                                 nes, lichtdurchflutetes ­Gebäude: der    auch nachts ihre Socken und Schuhe
                                                                                 Speisesaal.                              an“, erzählt Backhaus. „Außerdem
                                                                                                                          müssen sie dann keine Sorge haben,
                                                                                 Ein großer Mann mit Brille steht in      dass ihnen die Schuhe geklaut wer-
                                                                                 der Tür. Es ist Bernd Backhaus, der      den.“ Doch unter diesen Umständen
                                                                                 Leiter der Suppenküche. Wenn er          kommt es leicht zu Entzündungen.
                                                                                 spricht, Leute begrüßt und uns durch
                                                                                 die Räume führt, klingt er sanft und     Manchmal können die Folgen
                                                                                 ruhig. „Es sind die Ärmsten der          schwerwiegend sein. Wichtig sei
                                                                                 Gesellschaft, die zu uns kommen“,        deshalb, die Menschen für dieses
                                                                                 sagt er. Die einen sind obdachlos        Angebot zu gewinnen. „Niemand
                                                                                 oder schon seit vielen Jahren ohne       spricht gerne über solche Beschwer-
                                                                                 Arbeit, andere müssen mit einer          den, weshalb wir generell sehr be-
                                                                                 winzigen Rente über die Runden           hutsam mit allen umgehen, die zu
                                                                                 kommen, wieder andere leiden un-         uns kommen“, so Backhaus. Zum
                                                                                 ter psychischen Erkrankungen. Für        Glück kennen die Mitarbeiter*innen
                                                                                 sie ist die Suppenküche meist der        des Klosters die meisten schon län-     „Geschundene Füße sind besonders
                                                                                 erste Anlaufpunkt. Zwischen 180          ger. „Das hilft, denn der persönliche   anfällig für alle möglichen Krankheits-
                                                                                 und 400 Menschen bekommen hier           Kontakt baut Hemmschwellen ab.“         erreger“, sagt Sindy Burow. „Infolge
                                                                                 pro Woche ein warmes Mittagessen.                                                mangelhafter Pflege können sich so-
                                                                                                                          Sindy Burow und Catrin Räther sind      gar offene Wunden bilden, die sich
                                                                                 „Unser Ziel ist es, die Würde der        Podologinnen, medizinische Fuß­         schnell zu einem größeren medizini-
                                                                                 Menschen zu schützen“, sagt Back-        pflegerinnen. Sie sind es, die den      schen Problem entwickeln.“ Manch-

                     HILFE FÜR
                                                                                 haus. Dazu gehören die regelmäßi-        Betroffenen bei ihren Beschwerden       mal sind dann auch die Beine und
                                                                                 gen Mahlzeiten oder warme                maßgeblich helfen. „Füße haben es       andere Körperteile betroffen.
                                                                                 ­Kleidung für den Winter. Ein würde-     schwer“, sagt Sindy Burow. Sie ist
                                                                                  volles Leben heißt aber auch, du-       35 Jahre alt, lacht viel und strahlt    Damit das gar nicht erst passiert,

                ­GESCHUNDENE FÜSSE
                                                                                  schen zu können und medizinische        Geborgenheit aus. „Gerade im Winter     kommen Sindy Burow, Catrin Räther
                                                                                  Hilfe zu bekommen. Auch darum           bekommen sie oft zu wenig Luft und      und Lucie-Marie Wirth in Zukunft
                                                                                  kümmern sich Mitarbeiter*innen          Pflege.“ Die beiden Frauen wollen       einmal in der Woche ins Franziskan-
                                                                                  des Klosters. Im ersten Stock stapeln   nicht nur in einer Praxis arbeiten,     erkloster.
                                                                                  sich Seifen und Cremes, dort begrü-     sondern sich auch für Menschen in
                                        Text: Karl Grünberg                       ßen zwei Mitarbeiterinnen den           Not engagieren. Vor Kurzem wurde
                                                                                  nächsten Gast und erklären ihm,         das Team um fünf weitere Fußpflege-     Die GESOBAU-Stiftung setzt sich
                                                                                  wo die Duschen sind. In diesem Jahr     rinnen erweitert, unter ihnen auch      für soziale Ziele ein und fördert
                Menschen, die ohne Obdach sind und unter schwierigen Bedin-       müssen natürlich alle die besonde-      Lucie-Marie Wirth. Sie verzichtet wie   jedes Jahr zahlreiche Vorhaben
                                                                                  ren Corona-Regeln beachten.             alle anderen auf ein Gehalt. Das da-    und Einrichtungen gemeinnütziger
                gungen auf der Straße leben, haben mit vielen gesundheitlichen                                            für eingeplante Geld „spenden“ die      Träger. Sie hilft mit unbürokra­

                Problemen zu kämpfen. Das Franziskanerkloster in Pankow          Seit Kurzem gibt es ein neues An­        Frauen für weitere medizinische         tischer finanzieller Hilfe in den
                                                                                 gebot, berichtet Bernd Backhaus:         Anschaffungen. Ihr Engagement           Quartieren, in denen die Mieter*in-
                bietet ihnen eine medizinische Fußpflege an                      „Einmal in der Woche bieten wir          wird für ein Jahr von der GESO-         nen der GESOBAU zu Hause sind.
                                                                                 hier eine medizinische Fußpflege für     BAU-Stiftung unterstützt.

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                                                                                                                     KIEZSPAZIERGANG

KIEZSPAZIERGANG

HOCHHÄUSER UND                                                                                                  kitonga Mem-
                                                                                                                ba legt den Kopf
                                                                                                                in den Nacken.

GRÜNE INSELN
                                                                                                                „Dort oben im
                                                                                           siebten Stock rief meine Mutter im-
                                                                                           mer aus dem Küchenfenster, wenn
                                                                                           wir zum Essen kommen sollten“, er-
                                                                                           innert sich der 34-Jährige, den sei-
                                                                                           ne Freunde nur Oki nennen. Die El-
                                                                                           tern kamen Anfang der 80er-Jahre
                                                                                           aus der Demokratischen Republik
                                                                                           Kongo nach Deutschland und hatten
                                                                                           hier, in der Finsterwalder Straße 7,
                                                                                           ihre erste Wohnung im Märkischen
                                                                                           Viertel: in einem Hochhaus zwi-
                                                                                           schen Einfamilienhäusern auf der
                                                                                           einen und Kleingärten auf der an-
                                                                                           deren Seite. Mit Bolzplatz direkt vor
                                                                                           der Tür. Dort verbrachten Okitonga
                                                                                           Memba und seine vier Brüder einen
                                                                                           Großteil ihrer Kindheit.

                                                                                           Das Leben im Märkischen Viertel
                                                                                           war für die Kinder ein großer Spaß.
                                                                                           Es gab immer andere, mit denen sie
                                                                                           Fußball spielen konnten, ein bunter
                                                                                           Mix an Nationen und sozialen Hin-
                                                                                           tergründen. „Die Gemeinschaft in
                                                                                           unserem Haus war einfach wunder-
                                                                                           bar“, schwärmt Okitongas vier Jahre
                                                                                           älterer Bruder Djamba.

                                                                                           Er erinnert sich an Silvesterpartys,
                                                                                           bei denen ein langer Tapetentisch in
                                                                                           den Hausflur gestellt wurde und alle
                                                                                           Nachbar*innen etwas zu essen mit-
                                                                                           brachten. Wenn der einzige Fahr-
                                                                                           stuhl im Haus kaputt war, half man
                                                                                           sich beim Hochtragen der Einkäufe.

                                 Text: Judith Jenner                                       Doch ohne Konflikte lief das Zusam-
                                                                                           menleben im Märkischen Viertel
                                                               Okitonga (links) und sein   auch nicht ab. „Wir waren die erste
                                                               Bruder Djamba (rechts)      schwarze Familie im Kiez“, erinnert
                  Okitonga und Djamba Memba wuchsen im         in der Finsterwalder        sich Okitonga Memba. „Mit den
                                                               Straße 7. Im siebten
                  Märkischen Viertel auf. Beim Spaziergang     Stock des Hochhauses        meisten Nachbarn gab es keine
                                                               wohnten sie mit ihren       Probleme, aber es gab auch rechte
                  durch ihren Kiez zeigen uns die Brüder die   Geschwistern und Eltern
                                                               bis 1999
                                                                                           Gruppen, die uns wegen unserer

                  wichtigsten Orte ihrer Jugend                                            Hautfarbe beleidigten. Das tat
                                                                                           weh. Aber wir lernten, damit um­
                                                                                           zugehen.“

   26                                                                                                                              27
MÄRKISCHES VIERTEL                                                                                                                                                                                                       KIEZSPAZIERGANG

                               Bei „Pia Bistro“ (links)
                               gibt es den besten
                               ­Döner, sagt Okitonga.                                                                                                                                                                     Auf dem Fußballplatz fühlen
                                Vor dem Sportjugend-                                                                                                                                                                      sich die Brüder wohl. In ihrer
                                club (Mitte links)                                                                                                                                                                        Jugend kickten sie im Viertel
                                treffen die Brüder Sozi-                                                                                                                                                                  jeden Samstag mit bis zu
                                alarbeiter Jons Jakstat,                                                                                                                                                                  40 ­Kindern aus ganz Berlin
                                den sie noch aus ihrer
                                Kindheit kennen

                                                                                                                               SPORT ALS VENTIL
                                                                                                                               Vorbei an der Trainingsanlage der
                                                                                                                               Baseballmannschaft Berlin Flamin-
                                                                                                                               gos geht es weiter zum Seggeluch­
                                                                                                                               becken, einem Teich mit einer Was­
                                                                                                                               serfontäne in der Mitte. Schwäne
                                                                                                                               ziehen ihre Runden. Mitten im
                                                                                                                               Märkischen Viertel kommt Kuror-
                                                                                                                               tidylle auf. Am Senftenberger Ring
                                                                                                                               entlang führt der Weg zum Bolzplatz
                                                                                                                               an der Calauer Straße.

                                                                                                                               Dort kickten samstags bis zu 40 Kin-
                                                                                                                               der und Jugendliche. Sie kamen aus     Okitonga Memba. In der wenige          um Aggressionen und Frust loszu-
                                                                                                                               ganz Berlin, um die Fußballer*innen    hundert Meter entfernten Turnhalle     werden. Etwa über soziale Ungleich-
                                                                                                                               aus dem Märkischen Viertel her­        der Chamisso-Grundschule lernte        heiten, die er im Viertel spürte,
 MEHR PLATZ ALS IN DER                                                                                                         auszufordern. „Teilweise begannen      er das Boxen. Rückblickend war der     oder bürokratische Hindernisse.
­I NNENSTADT                                                                                                                   hier Profikarrieren“, erinnert sich    Sport für ihn ein wichtiges Ventil,
Entlang des viel befahrenen                                                                                                                                                                                  Für die Familie Memba spielte
Wilhelms­ruher Damm führt der Weg                                                                                                                                                                            Bildung immer eine wichtige Rolle.
an der sogenannten Papageiensied-                                                                                                                                                                            „Um Punkt 18 Uhr wurden die
lung vorbei. Sie trägt ihren Namen                                                                                                                                                                           Hausaufgaben gemacht, da kannten
wegen der bunten Häuserfassaden.                                                                                                                                                                             unsere Eltern kein Pardon“, sagt
Hier lebt Okitongas Bruder Djamba                                                                                                                                                                            Okitonga Memba. Als Erster in sei-
mit seiner Freundin und zwei Kin-                                                                                                                                                                            ner Familie schaffte er das Abitur.
dern. „In der Innenstadt ist es mir zu          brunnen. Das Veranstaltungshaus mit    zufällig den Sozialarbeiter Jons                                                                                      Seine jüngeren Brüder folgten sei-
eng“, sagt er. „Hier gibt es viel Grün          dem abwechslungsreichen Kultur-        ­Jakstat. Die Wiedersehensfreude auf                                                                                  nem Beispiel.
und alles, was man braucht.“ Zum                programm ist weit über die Grenzen      beiden Seiten ist groß. Erinnerungen
Beispiel einen richtig guten Dö-                des Märkischen Viertels bekannt.        an Basketballspiele und gemeinsame                                                                                   Als Okitonga auch den Bachelorab-
ner-Imbiss. Am Märkischen Zentrum               Okitonga erinnert sich an eine Dino-    Bekannte werden ausgetauscht. „Die                                                                                   schluss in der Tasche hatte, zog er
stehen die Kund*innen vor dem „Pia              saurierausstellung, die er dort als     Sportangebote unseres offenen Ju-                                                                                    aus dem Märkischen Viertel nach
Bistro“ Schlange. Okitonga Memba                Kind besucht hat. Westlich davon        gendclubs sind eine Möglichkeit, die                                                                                 Charlottenburg. Dass ihm seine
bestellt Falafel – der junge Vater will         beginnt der grüne Teil des MV, wie      Kids von der Straße zu holen“, er-                                                                                   Wurzeln immer noch wichtig sind,
gesünder leben und ernährt sich seit            das Märkische Viertel von vielen        zählt Jons Jakstat. Jugendliche kön-                                                                                 zeigt das Logo seiner Firma. Schild
einigen Monaten vegetarisch.                    Bewohner*innen abgekürzt wird.          nen sich im Tischtennis messen oder                                                                                  und Speer stehen darin für seine
                                                                                        Fußball spielen. Dafür arbeitet der                                                                                  afrikanischen Wurzeln, die Umrisse
Eine enge Passage führt direkt zum              Auf dem Weg dorthin, vor dem            Jugendsportclub auch mit dem Kiez-                                                                                   der Türme des Märkischen Viertels
Fontane-Haus. Davor sprudelt der                Sportjugendclub Reinickendorf,          verein MSV Normannia 08 nebenan                                                        Idylle mitten im Märkischen   für den Ort, an dem er eine glückli-
Fontanebogen, ein massiver Bronze-              treffen Okitonga und Djamba Memba       zusammen.                                                                              Viertel: Am Seggeluchbecken   che Kindheit erlebte.
                                                                                                                                                                               kehrt Ruhe ein

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