Lücken in der deutschen Klimapolitik - Herausforderungen für eine wirksame Langfriststrategie

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Lücken in der
deutschen Klimapolitik
Herausforderungen für eine
wirksame Langfriststrategie
Stellungnahme der Wissenschaftsplattform Klimaschutz
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    Impressum
    Herausgeber                                                    Redaktion
    Wissenschaftsplattform Klimaschutz (WPKS)                      Geschäftsstelle der Wissenschaftsplattform Klimaschutz
    Geschäftsstelle der Wissenschaftsplattform Klimaschutz
    DLR Projektträger
    Sachsendamm 61                                                 Gestaltung
    10829 Berlin
                                                                   DLR Projektträger
    E-Mail: wpks@dlr.de
    wissenschaftsplattform-klimaschutz.de
                                                                   Stand

    Zitierhinweis                                                  März 2023

    Wissenschaftsplattform Klimaschutz (2023): Lücken in der
    deutschen Klimapolitik – Herausforderungen für eine wirksame
    Langfriststrategie. Stellungnahme der Wissenschaftsplattform
    Klimaschutz. Berlin

    Leitautorinnen und Leitautoren
    Timo Busch
    Ottmar Edenhofer
    Anita Engels
    Holger ­Hanselka
    Felix Christian Matthes
    Karen Pittel
    Ortwin Renn
    Sabine Schlacke

    Mitautorinnen und Mitautoren
    Katharina Bähr
    Julius Berger
    Christina Camier
    Hauke Hermann
    Boris Gotchev
    Tatjana Kiesow
    Cecilia Kilimann
    Dietmar Kraft
    Roman Mendelevitch
    Andrea Meyn
    Tanja Ohlson
    Kerstin Walz
    Helen Wentzien
    Wera Wojtkiewicz
    Simon Wolf
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    Mitglieder des Lenkungskreises                                      Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der
    Prof. Dr. Ottmar Edenhofer (Vorsitzender)                           Mitglieder des Lenkungskreises
    Professor für die Ökonomie des Klimawandels an der Techni-          Julius Berger
    schen Universität Berlin, Direktor des Potsdam-Instituts für Kli-   ifo Institut München
    mafolgenforschung (PIK) und Direktor des Mercator Research
    Institute on Global Commons and Climate Change (MCC)                Christina Camier
                                                                        Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit Helmholtz-Zentrum Pots-
    Prof. Dr. Sabine Schlacke (Vorsitzende)                             dam (RIFS)
    Professorin für Öffentliches Recht, insb. Verwaltungs- und Um-
    weltrecht und geschäftsführende Direktorin des Instituts für        Hauke Herrmann
    Energie-, Umwelt- und Seerecht (IfEUS) der Universität Greifs-      Öko-Institut e. V.
    wald und geschäftsführende Direktorin des Zentralinstituts für
    Raumplanung (ZIR) an der Universität Münster                        Cecilia Kilimann
                                                                        Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
    Prof. Dr. Timo Busch
    Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität           Dr. Roman Mendelevitch
    Hamburg                                                             Öko-Institut e. V.

    Prof. Dr. Anita Engels                                              Dr. Andrea Meyn
    Professorin für Soziologie an der Universität Hamburg               Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

    Prof. Dr.-Ing. Holger Hanselka (Stellvertretender Vorsitzender)     Dr. Tanja Ohlson
    Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und Vi-    Universität Hamburg
    ze-Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft für den Forschungs-         Kerstin Walz
    bereich Energie                                                     Universität Hamburg
    Dr. Felix Christian Matthes                                         Helen Wentzien
    Forschungskoordinator Energie und Klimaschutz am Öko-In-            Universität Greifswald
    stitut e. V.
                                                                        Dr. Wera Wojtkiewicz
    Prof. Dr. Karen Pittel (Stellvertretende Vorsitzende) Professo-     Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit Helmholtz-Zentrum Pots-
    rin für Volkswirtschaftslehre, insb. Energie, Klima und erschöpf-   dam (RIFS)
    bare natürliche Ressourcen an der Ludwig-Maximilians-Univer-
    sität München und Direktorin des Zentrums für Energie, Klima
    und Ressourcen am ifo Institut, München

    Prof. Dr. Ortwin Renn
    Ehemaliger wissenschaftlicher Direktor am Institut für Trans-
    formative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam –seit
    1.1.2023 Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit Helmholtz-Zent-
    rum Potsdam (RIFS) und Ordinarius emeritiert für Technik- und
    Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart

    Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der
    Geschäftsstelle
    Katharina Bähr
    Boris Gotchev
    Dr. Tatjana Kiesow
    Kathrin Krockenberger
    Dr. Dietmar Kraft
    Dr. Simon Wolf (bis Dezember 2022)
LÜCKEN IN DER DEUTSCHEN KLIMAPOLITIK    5

Die Wissenschaftsplattform Klimaschutz
Mit dem Klimaschutzplan 2050 hat sich die Bundesregierung erstmalig auf konkrete und ambitionierte Ziele zur Reduzierung von
Treibhausgasen in den Sektoren Energiewirtschaft, Industrie, Gebäude, Verkehr, Landwirtschaft sowie Landnutzung und Forstwirt-
schaft verständigt. In diesem Plan wurde auch die Bedeutung von Forschung und Innovation prominent verankert und ein breit
angelegter wissenschaftsbasierter Begleitprozess beschlossen. Die Wissenschaftsplattform Klimaschutz (WPKS) unterstützt die Bun-
desregierung bei der Umsetzung und Weiterentwicklung der deutschen Langfriststrategie zum Klimaschutz mit wissenschaftlicher
Expertise. Ausgewählte natur-, sozial-, rechts-, wirtschafts- und ingenieurwissenschaftliche Forschungseinrichtungen wirken interdis-
ziplinär zusammen und treten in einen regelmäßigen Austausch mit Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik, um zum Erreichen der
internationalen, europäischen und nationalen Klimaschutzziele beizutragen. Ein unabhängiger, interdisziplinär besetzter Lenkungs-
kreis angesehener Expertinnen und Experten steuert die Plattform. Dessen Mitglieder wurden vom Bundesministerium für Umwelt,
Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) berufen. Die Zuständig-
keit für die Wissenschaftsplattform Klimaschutz wurde in der 20. Legislaturperiode des Bundestages vom BMU an das Bundesminis-
terium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) übertragen.

Die Geschäftsstelle der Wissenschaftsplattform Klimaschutz wird nach Beschluss der Bundesregierung durch das Bundesministe-
rium für Wirtschaft und Klimaschutz und das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert.
7

Inhalt
1. Einleitung............................................................................................................................................................................................... 9

2. Langfristthemen der Klimapolitik ............................................................................................................................................ 1 1
   2.1 Sozial gerechter Klimaschutz und vorsorgende Sozialpolitik ..............................................................................................................1 1

   2.2 Akzeptanzsicherung durch Kommunikation und Partizipation ........................................................................................................... 1 3

   2.3 Industriepolitik und internationale Kooperation ................................................................................................................................ 1 5

   2.4 Nachhaltige Finanzwirtschaft für die Transformation..........................................................................................................................1 7

   2.5 Zukunftsfähiges Klimarecht................................................................................................................................................................2 0

   2.6 CO2-Entnahme aus der Atmosphäre.....................................................................................................................................................2 2

3. Langfristperspektiven der Klimapolitik................................................................................................................................. 2 7
   3.1 Resilienz in der Klimapolitik............................................................................................................................................................... 2 7

   3.2 Governance für eine langfristige Klimapolitik....................................................................................................................................2 9

4. Ausblick...............................................................................................................................................................................................3 3
1
LÜCKEN IN DER DEUTSCHEN KLIMAPOLITIK   9

1.
Einleitung
Trotz mehrerer überlappender Krisen, insbesondere              mapolitik sollten mit einem starken Mandat ausgestattet
einer drohenden Energieversorgungskrise in Folge des           und einem wissenschaftlichen Politikberatungsgremium
russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, haben die         übertragen werden. Der Expertenrat für Klimafragen hat
Bundesregierung und die Europäische Union im vergan-           ein Mandat für die Abgabe von Stellungnahmen für die
genen Jahr wesentliche Weichen für den Klimaschutz bis         Ex-Post-Kontrolle der jährlichen Einhaltung der Jahres-
zum Jahr 2030 gestellt. Die Bundesregierung stand da-          emissionsmengen (‚Sektorziele‘) und für die bisherigen Ent-
bei vor der Herausforderung, tragbare Energiepreise, die       wicklungen der Treibhausgasemissionen – zu Letzterem
Versorgungssicherheit und das Erreichen der Klimaziele         soll der Lenkungskreis der Wissenschaftsplattform Klima-
miteinander zu verbinden. Doch damit der Kampf gegen           schutz einbezogen werden (BT-Drs. 19/30230, S. 22) – so-
den Klimawandel langfristig erfolgreich ist, muss die Poli-    wie für die Fortschreibung und den Beschluss von Kli-
tik bereits heute die notwendigen Schritte einleiten, um       maschutzprogrammen nach § 9 KSG. Für die Fortschrei-
die Klimaziele bis zu den Jahren 2030 und 2045 sowie da-       bung des Klimaschutzprogramms ist auch die Wissen-
rüber hinaus einhalten zu können.                              schaftsplattform Klimaschutz zu konsultieren (§ 9 Abs. 3
                                                               KSG). Die Mandate der beiden wissenschaftlichen Poli-
Der Lenkungskreis der Wissenschaftsplattform Klima-
                                                               tikberatungsgremien sind derzeit nicht ausreichend klar
schutz (WPKS) hat in dieser Stellungnahme sechs The-
                                                               voneinander abgegrenzt. Unter anderem um gegen-
men identifiziert, die für die mittel- und langfristige Kli-
                                                               über dem Europäischen Wissenschaftlichen Beirat für
mapolitik relevant sind und die Grundlage für eine Lang-
                                                               Klimawandel ein vergleichbar angemessenes nationales
friststrategie der deutschen Klimapolitik bilden können:
                                                               Politikberatungsgremium vorzuhalten, ist es sinnvoll, die
1. sozial gerechter Klimaschutz und                            Mandate zu konkretisieren und klar voneinander abzu-
   vorsorgende Sozialpolitik                                   grenzen oder in einem Gremium zu bündeln. Vorausset-
2. Akzeptanzsicherung durch Kommunikation                      zung einer Bündelung ist indes, dass das neue Experten-
   und Partizipation                                           gremium hinreichend interdisziplinär zusammengesetzt
                                                               wird. Alternativ könnte auch eine klare Zuständigkeits-
3. Industriepolitik und internationale Kooperation
                                                               aufteilung sinnvoll sein: So könnte der Expertenrat für Kli-
4. nachhaltige Finanzwirtschaft für die Transformation         mafragen für die reaktive Bewertung der Einhaltung der
5. zukunftsfähiges Klimarecht                                  Jahresemissionsmengen zuständig bleiben, beide Gre-
6. CO2-Entnahme aus der Atmosphäre.                            mien für die mittelfristige Perspektive bis 2030 (‚Klima-
                                                               schutzprogramm‘) und der Lenkungskreis der Wissen-
Ein besonderes Augenmerk legen die Autorinnen und              schaftsplattform Klimaschutz für die langfristige Perspek-
Autoren dabei auf eine zukunftsorientierte und effek-          tive, um insbesondere einen Dialog zur Langfriststrate-
tive Governance für den Klimaschutz. Daher liegt die-          gie für die Klimaneutralität 2045 zwischen Wissenschaft,
sen sechs Themen die Frage nach einem übergeord-               Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft zu gestalten und
neten Governance-Rahmen als Querschnittsperspek-               die Interaktion zwischen deutscher und europäischer Kli-
tive zugrunde. Darüber hinaus wird diskutiert, wie Kli-        mapolitik verstärkt in den Blick zu nehmen.
mapolitik gestaltet sein muss, sodass Staat und Gesell-
                                                               Im Folgenden werden kapitelweise die sechs Langfrist-
schaft nicht durch Krisen oder Schocks vom Pfad zur Kli-
                                                               themen und zwei Langfristperspektiven für die Klima-
maneutralität abgebracht werden können. Als zwei-
                                                               neutralität bis 2045 und darüber hinaus behandelt. Da-
te Langfristperspektive soll deshalb Resilienz als Bewer-
                                                               bei wird für jedes Thema zunächst die strategische und
tungsmaßstab der Klimapolitik zugrunde gelegt werden.
                                                               langfristige Bedeutung erläutert, danach werden Lücken
                                                               in Wissenschaft und Politik aufgezeigt, um abschließend
Anpassungsbedarf sieht der Lenkungskreis der Wissen-
                                                               drängende Fragen zu formulieren. Die Reihenfolge der
schaftsplattform Klimaschutz auch in der wissenschaft-
                                                               Langfristthemen impliziert keine Gewichtung ihrer Rele-
lichen Politikberatung zum Klimaschutz. Grundlegende
                                                               vanz oder Dringlichkeit. Die beiden Langfristperspektiven
und langfristige Fragen des Klimaschutzes und der Kli-
                                                               sind als Querschnittsthemen zu verstehen.
2
LÜCKEN IN DER DEUTSCHEN KLIMAPOLITIK   11

2.
Langfristthemen der Klimapolitik
2.1 S ozial gerechter Klimaschutz und                        Stärkung des Gemeinwesens zu beteiligen (Bor-
     vorsorgende Sozialpolitik                                mann et al. 2017).
                                                            • Bei steigenden kurzfristigen Belastungen durch den
Klimaschutz wird in den nächsten Jahren eine erhebliche
                                                              Klimaschutz untergraben starke Ungleichheitser-
Durchgriffstiefe erzielen müssen. Eine wichtige Grundla-
                                                              fahrungen und existenzbedrohende Belastungen
ge dafür ist, die Zustimmung der Bevölkerung sicherzu-
                                                              zudem langfristig die Demokratie.
stellen und die aktive Trägerschaft durch möglichst viele
gesellschaftliche Akteurinnen und Akteure zu fördern. Ex-   Die Vermeidung zu großer Ungleichheit und das Be-
treme Ungleichheit und eine übermäßige Belastung ver-       kämpfen von politischer Polarisierung tragen daher nicht
letzlicher Gruppen in der Gesellschaft erschweren diesen    nur zu einer gerechteren Gesellschaft bei, sondern er-
Prozess. Sozialpolitik kann diese Grundlagen sicherstel-    höhen auch die gesellschaftlichen Kapazitäten, eine resi-
len, wird jedoch bisher überwiegend getrennt von den        liente Transformation zur Klimaneutralität in der notwen-
Anforderungen des Klimaschutzes betrachtet. Langfris-       digen Tiefe und Schnelligkeit umzusetzen. Dies wird in
tig spricht vieles dafür, eine stärkere Verbindung von      den kommenden Jahren und Jahrzehnten umso notwen-
Klimaschutz und Sozialpolitik auf der nationalen Ebene      diger sein, da zur Erreichung ambitionierter Klimazie-
unter Berücksichtigung der europäischen Rahmenrege-         le deutlich höhere CO2-Preise erforderlich sind – beson-
lungen aktiv herbeizuführen.                                ders im deutschen Brennstoffemissionshandel und per-
Warum sind inklusive Gerechtigkeitsfragen                   spektivisch auch im neu beschlossenen europäischen
ein ­wichtiges Langfristthema?                              Emissionshandelssystem für Gebäude und Verkehr. Oh-
                                                            ne Kompensationen wirken die aus höheren CO2-Prei-
Resiliente Transformationspfade zur Klimaneutralität wer-
                                                            sen resultierenden Energiepreissteigerungen regressiv:
den erheblich erschwert, wenn eine Gesellschaft durch
                                                            Haushalte mit geringem Einkommen werden relativ ge-
eine als sehr unfair wahrgenommene Wohlstandsvertei-
                                                            sehen stärker belastet als wohlhabende Haushalte, da
lung, durch politische Polarisierung und mangelnde ge-
                                                            Niedrigverdiener generell einen höheren Anteil ihres Ein-
sellschaftliche Kohäsion geprägt ist, und wenn die ökono-
                                                            kommens für Energie ausgeben. Auch angesichts der be-
mische Ungleichheit zu sozialen Härten führt, die exis-
                                                            sonderen finanziellen Mehrbelastung bestimmter Haus-
tenzgefährdend sind:
                                                            halte (zum Beispiel einkommensschwache Pkw-Fern-
• Werden Krisen existenzbedrohend für bestimmte             pendlerinnen und -Fernpendler oder Haushalte mit Öl-
  Gruppen, ist auch deren Handlungsfähigkeit massiv         heizung) können sich durch die notwendige Erhöhung
  eingeschränkt; die Fähigkeit zu einer aktiven             des CO2-Preises soziale Härten ergeben, wenn die er-
  Trägerschaft der Transformation sinkt.                    zielten Einnahmen nicht zur Kompensation rückerstat-
• Verschärft sich der Kontrast zwischen einkommens-         tet werden.
  schwachen und einkommensstarken Haushalten                Warum gibt es hier bisher eine Lücke?
  erheblich, dann ist Fairness in der Wahrnehmung
                                                            Zwar wird national und im Rahmen der EU „Fit-for-55“-
  stark bedroht.
                                                            Regelungen ein sozialkompensatorischer Rahmen für
• Neben objektiven Unterschieden spielt auch die            Klimaschutzmaßnahmen angesetzt, jedoch behandelt
  subjektiv empfundene Ungleichheit eine zentrale           dieser Ansatz die ökonomischen Folgen für einkom-
  Rolle, das heißt inwiefern Lasten der Veränderun-         mensschwache Haushalte praktisch nachgelagert. Ob-
  gen als gerecht verteilt wahrgenommen werden.             wohl bereits im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundes-
• Für diese Wahrnehmung spielen sowohl das                  regierung die Einführung einer pauschalen Pro-Kopf-
  Verteilungsergebnis als auch der Verteilungsprozess       Rückerstattung in Form des ‚Klimagelds‘ geplant ist und
  und die Prinzipien, nach denen eine Verteilung von        eine Einigung im Koalitionsausschuss über einen geeig-
  Be- und Entlastungen erzeugt wird, eine große Rolle.      neten Auszahlungskanal über die Steuer-ID besteht, ist
• Bei steigender wahrgenommener Ungleichheit                der Zahlungskanal in Vorbereitung und noch nicht eta-
  nimmt die individuelle Bereitschaft ab, sich an der       bliert. Die drastischen Energiepreissteigerungen im Kri-
12

     senjahr 2022 haben deutlich gemacht, dass ein solcher       Zukunft der existenzbedrohenden Wirkung steigender
     Zahlungskanal dringend etabliert werden muss, um die        Energiepreise für untere Einkommensklassen entgegen-
     relative Überbelastung einkommensschwacher Haushal-         zuwirken. Bei steigenden CO2-Preisen und einer geziel-
     te durch eine gezielte Rückerstattung kompensieren zu       ten Rückerstattung der generierten Einnahmen könn-
     können. Zudem sollte verstärkt diskutiert werden, ob und    te entsprechend direkt eine stärkere Berücksichtigung
     wie zielgruppenspezifische Instrumente bessere Anreize      von Gerechtigkeitsaspekten in der Klimapolitik erfolgen.
     zur Emissionsvermeidung setzen können. Dies betrifft ins-   Denn in einem solchen Transfersystem bedeutet ein hö-
     besondere auch einkommensstarke Haushalte, welche           herer CO2-Preis eine höhere Ausschüttung und damit
     die finanzielle Möglichkeit für hohe Emissionsminderun-     eine höhere Netto-Entlastung für diejenigen, die weni-
     gen haben.                                                  ger CO2 ausstoßen (Kalkuhl et al. 2021). Es ist Aufgabe
                                                                 der Politik, hierfür einen geeigneten Zahlungsmechanis-
     Langfristig bedarf es der besseren Fundierung der Kli-
                                                                 mus (zum Beispiel monatliche Ausschüttungen über die
     mapolitik in vorsorgenden sozialstaatlichen Grundlagen
                                                                 Familienkassen) aufzubauen (vgl. Kellner et al. 2022).
     in Deutschland (Reusswig und Schleer 2021, Bohnenber-
     ger 2022, Vobruba 2022, Barth und Lessenich 2022). Bis-     Verstärkt diskutiert werden aber auch CO2-Fußabdrü-
     lang lag der Fokus des Sozialstaats in Bezug auf Klima-     cke von Haushalten im oberen Einkommens- und Ver-
     schutzmaßnahmen auf nachsorgenden, abmildernden             mögensdezil. Dabei wird insbesondere symbolträchti-
     Maßnahmen, oft verbunden mit dem Ziel der Akzeptanz-        ger Konsum, der zu einem überproportional hohen Pro-
     erhöhung. Auch die systematische Betrachtung von Kli-       Kopf-CO2-Ausstoß führt, kritisiert (Chancel et al. 2023,
     ma- und Energiepolitiken zeigt, dass damit bislang selten   Barros und Wilk 2021, Gössling und Humpe 2020). Hie-
     positive soziale Auswirkungen einhergehen (Lamb et al.      runter fällt zum Beispiel der zuletzt in die öffentliche
     2020). Würde der Sozialstaat die sozialen Folgen von Kli-   Diskussion geratene Anstieg von Kurzstreckenflügen in
     mapolitik integriert und vorsorgend adressieren, würden     Privatjets. So sind die CO2-Emissionen von Privatjets in
     damit zugleich Teilhabe-Möglichkeiten unterschiedlicher     Europa zwischen 2005 und 2019 mit 31 % um fast ein
     Bevölkerungsgruppen gestärkt (Bohnenberger 2022),           Drittel gestiegen (Transport & Environment 2022). Auch
     denn die soziale Sicherung erweitert sowohl individuel-     wenn Flugemissionen nur mit 3 bis 4 % zur Klimaerwär-
     le als auch politische Handlungsräume (Vobruba 2022).       mung beitragen, verteilen sich diese sehr ungleich. So ver-
                                                                 ursachen 1 % der Menschen 50 % der globalen Flugemis-
     Gerade die erforderlichen umfassenden Transformations-
                                                                 sionen (Transport & Environment 2022). Die Wahrneh-
     prozesse sind auf eine zielgerichtete Sozialpolitik ange-
                                                                 mung, dass CO2-Bepreisung, unter der arme Bevölke-
     wiesen (Vobruba 2022: 287ff.). Die Energiepreiskrise des
                                                                 rungsschichten leiden, hier keinerlei Effekt zeigt, kann die
     letzten Jahres hat deutlich gemacht, dass der Aufbau von
                                                                 dringend erforderliche Unterstützung des Klimaschut-
     Direktzahlungskanälen zur Entlastung von Bürgerinnen
                                                                 zes unterminieren.
     und Bürgern für eine sozialgerechte Energiepolitik essen-
     ziell ist. Bisher mangelt es an der notwendigen Verwal-
     tungs- und Auszahlungsinfrastruktur sowie den entspre-
     chenden rechtlichen Rahmenbedingungen für direkte,                Welche Fragen müssen in die-
     gezielte Kompensationszahlungen. Eine entsprechende               sem Z­ usammenhang dringend
     Kompensationsstruktur ist besonders für Haushalte mit             ­beantwortet werden?
     niedrigen Einkommen entscheidend, da diese proportio-
                                                                       Damit geht ein umfassender Forschungsbe-
     nal zu ihrem Einkommen mehr Geld für Energiekosten
                                                                       darf einher, der die Expertisen von bislang
     ausgeben und damit relativ gesehen stärker unter ho-
                                                                       vorrangig getrennt untersuchten Herausfor-
     hen Energiepreisen leiden.
                                                                       derungen der sozialen und ökologischen Fra-
     Zwar wurden in der Energiepreiskrise in Folge des rus-            gen zusammenbringt. Unter anderem sollten
     sischen Angriffskrieges durch zeitlich befristete Ad-hoc-         folgende Fragen adressiert werden:
     Entlastungen und ein schwer durchschaubares Geflecht
     an Einzelmaßnahmen ebenfalls Entlastungen geschaf-                Wie können die Folgen und die Verände-
     fen. Durch die Zergliederung der Maßnahmen lassen                 rungen durch den Klimaschutz in den
     sich diese allerdings schwer an künftige Energiepreis-            Feldern der Erwerbslosigkeit, Grundsiche-
     steigerungen durch höhere CO2-Preise oder zukünftige              rung, Familienpolitik, Pflege und Alterssi-
     Krisen anpassen. Der Aufbau einer leicht zu adaptieren-           cherung integriert berücksichtigt werden
     den Kompensationsstruktur ist notwendig, um auch in               (Bohnenberger 2022), um die Teilhabe-
                                                                       möglichkeiten explizit zu fördern?
LÜCKEN IN DER DEUTSCHEN KLIMAPOLITIK     13

                                                             die Nutzerinnen und Nutzer der Energie und die Anwoh-
     Wie kann eine leicht anpassbare Kompen-                 ner von neuen infrastrukturellen Anlagen auch aktiv mit-
     sationsstruktur für besonders betroffene                machen. Die Klimapolitik ist auf dieses Engagement der
     Gruppen der unteren Einkommensklassen                   Stakeholder und der Bevölkerung von Jahr zu Jahr immer
     aufgebaut und umgesetzt werden, die auch                mehr angewiesen, weil die Umsetzung der notwendigen
     bei zukünftigen Krisen greifen kann? Welche             Wenden (Energie, Verkehr, Ernährung) den individuellen
     Umweltauswirkungen gehen mit der                        und organisatorischen Akteuren eine stetig zunehmen-
     derzeitigen Sozialstaatsfinanzierung einher             de Veränderungsbereitschaft abverlangen wird. Schon
     (Bohnenberger 2022, von Jorck et al. 2018)?             jetzt sind viele Projekte der Energiewende ins Stocken
                                                             geraten, weil es vor Ort starke Widerstände gibt. Wenn
     Welche Ansätze einer ökosozialen Steuer-
                                                             sich die ‚gefühlten Zumutungen‘ in Zukunft noch weiter
     reform sollten weiterentwickelt werden
                                                             verstärken, braucht die Gesellschaft innovative, wirksa-
     (Barth und Lessenich 2022, Bohnenberger
                                                             me und mit den demokratischen Prinzipien vereinbare
     2022, Steenkamp 2021)?
                                                             Strategien für eine bessere Kommunikation und Mitwir-
     Wie kann das wohlfahrtsstaatliche Finanzie-             kung der Akteure und der Bürgerinnen und Bürger an
     rungsmodell langfristig nachhaltig weiter-              der Umsetzung der Klimapolitik.
     entwickelt werden (Barth und Lessenich                  Wie steht es mit der Akzeptanz und der
     2022, Büchs und Koch 2017, UBA 2018)?                   ­Zustimmung zur Klimapolitik heute?
     Wie kann die Resilienz sozialer Sicherungs-             In einer Mitte 2022 abgeschlossenen Untersuchung im
     systeme gegenüber der Klimakrise erhöht                 Rahmen des Ariadne Projektes (Wolf et al. 2022) befür-
     werden (Bohnenberger 2022)?                             worten drei von vier Deutschen (75 %) die Energiewen-
                                                             de (2021: 70 %). Ähnlich viele Befragte (73 %) sind der
     Welche sozialen Infrastrukturen sollten als             Auffassung, dass die deutsche Regierung zum Voran-
     Aufgabe des Wohlfahrtsstaates aus- und                  bringen der Energiewende weitere Maßnahmen ergrei-
     aufgebaut werden (Martin und Wissel 2018)?              fen sollte. Der Wunsch nach einer internationalen Vor-
                                                             reiterrolle Deutschlands wird von mehr als als der Hälf-
     Welcher sozialen Absicherung bedarf es,                 te der (57 %) geäußert (2021: 55 %). Die große Mehrheit
     um einen nachhaltigen Lebensstil führen                 der Bevölkerung steht auch grundsätzlich hinter dem Kli-
     zu können (von Jorck et al. 2018)?                      maschutzziel (87 %).

     Und wie kann insbesondere symbolträchti-                Bei der Bewertung der Umsetzung der Energiewende
     ger Konsum, der mit sehr hohen CO2-Emis-                wird aber überwiegend eine negative Bilanz gezogen.
     sionen einhergeht, zukünftig stärker in die             Die Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Fortschritt in
     Debatte einbezogen und sein Reduktions-                 der Energiewende ist 2022 gegenüber 2021 um weitere
     potenzial adressiert werden?                            sechs Prozentpunkte (2022: 58 % und 2021: 52 %) an-
                                                             gestiegen (Wolf et al. 2022). Somit ist mehr als jede und
                                                             jeder Zweite der Auffassung, dass die bisher erzielten
                                                             Fortschritte in der Energiewende unzureichend sind. In
2.2 Akzeptanzsicherung durch                                einer früheren Panel-Untersuchung des IASS Potsdam
     Kommunikation und Partizipation                         (Setton 2020) wurde der laufende Transformationspro-
                                                             zess mehrheitlich als chaotisch (61 %), ungerecht (51 %)
Warum sind Akzeptanz und Beteiligung
                                                             und elitär (47 %) eingestuft.
­wichtige Langfristthemen?
Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, die Energieversor-    Wovon hängt die Akzeptanz von
gung bis zum Jahre 2045 klimaneutral zu gestalten, das       ­Klimapolitik ab?
heißt, die gesamte Energie für Strom, Wärme und Mobi-        Akzeptanz ist demnach ein Schlüsselthema für die er-
lität von fossilen oder nuklearen auf erneuerbare Ener-      folgreiche Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen (Hil-
giequellen umzustellen. Die Umsetzung dieser Ziele er-       debrand und Renn 2019, Becker und Renn 2019). Man
fordert hohe Investitionen, organisatorisches Geschick,      kann Akzeptanz aufteilen in drei Stufen der Zustimmung:
Kooperationsbereitschaft unter den Beteiligten und in-       (i) Toleranz, (ii) positive Einstellung und (iii) aktives Engage-
novative politische Initiativen. Das wird schon schwer ge-   ment – auch Involvement genannt (Wissenschaftsplatt-
nug werden, aber das Ganze kann nur gelingen, wenn           form Klimaschutz 2022a). Insbesondere in der Klimapoli-
14

     tik zeichnet sich die aktive Trägerschaft im Bereich Klima-   Will man diese vier Aspekte zugunsten einer größeren
     und Energiedienstleistungen als Option für mehr Invol-        Akzeptanz der Klimaschutzmaßnahmen beeinflussen,
     vement aus, bei der Akteure zum Beispiel über Energiege-      dann ist zumindest erforderlich, dass die Informatio-
     nossenschaften eingebunden sind. Für die politische Um-       nen und Kommunikationsangebote auf alle vier Aspek-
     setzung von Planungen reicht es in der Regel aus, wenn        te bezogen sind. Nur wenn man deutlich machen kann,
     die betroffenen Menschen die damit verbundenen Maß-           wie die geplanten Vorhaben den Nutzen für einen selbst
     nahmen und Anlagen in ihrem Lebensumfeld tolerieren.          und andere verbessern und in welchem Ausmaß positive
     Allerdings ist es für die Dynamik der Diskussion und für      Identifikation ermöglicht wird, kann mit höherer Akzep-
     die politische Willensbildung von zentraler Bedeutung,        tanz gerechnet werden.
     dass es Vertreter und Vertreterinnen mit einer positi-
                                                                   Wo bestehen die Lücken in unserem Wissen
     ven Einstellung sowie engagierte Bürgerinnen und Bür-
                                                                   um Akzeptanz?
     ger gibt, die sich für die Umsetzung der geplanten Maß-
     nahmen einsetzen. Von daher sind eine positive Einstel-       Die Wirksamkeit von Kommunikation zur Beeinflussung
     lung und ein aktives Engagement für die konkrete Um-          der Akzeptanz ist aber begrenzt. Vor allem wenn es um
     setzung von Klimaschutz- und Energiemaßnahmen för-            Vorhaben geht, die Belastungen für die Anwohnerinnen
     derlich, aber im Sinne der Akzeptanz ist es bereits aus-      und Anwohner mit sich bringen und bei denen der All-
     reichend, wenn die geplante Maßnahme toleriert wird.          gemeinnutzen gesellschaftlich umstritten ist, ist es nahe-
     Damit eine einschneidende Veränderung im eigenen Le-          zu unmöglich, allein durch Information und Kommunika-
     bensumfeld in diesem Sinne Akzeptanz erhält, sind vier        tion, auch wenn sie in Form eines Dialoges angeboten
     Voraussetzungen zu erfüllen (Wissenschaftsplattform Kli-      werden, eine Veränderung der Akzeptanz zu erreichen
     maschutz 2022a, Renn 2023: 220f.):                            (Benighaus und Renn 2016). Insofern ist es schon auf-
                                                                   grund der mangelnden Effektivität von Kommunikation
     • Orientierung und Einsicht: Liegt eine Einsicht in die       angebracht, den betroffenen Menschen größere Betei-
       Notwendigkeit der Maßnahme vor und steht man                ligungschancen einzuräumen, sodass sie selbst anhand
       hinter den mit den Maßnahmen angestrebten                   von unterschiedlichen Varianten entscheiden können, in
       Zielen und Mitteln, dann ist eher mit Akzeptanz zu          welchem Maße die vier Akzeptanzkriterien erfüllt sind.
       rechnen. Dazu gehört auch die Frage, ob Alternati-
       ven und eine transparente, das heißt nachvollzieh-          Mit Hilfe von Beteiligungsverfahren können die Folgen
       bare Argumentation verfügbar sind, wenn es um               und Implikationen, die mit den möglichen Handlungsop-
       die Begründung von Entscheidungen geht.                     tionen jeweils verbunden sind, gemeinsam bewertet wer-
                                                                   den. Diese Bewertungen bieten die Grundlage für weiter-
     • Selbstwirksamkeit: Menschen sind eher bereit,
                                                                   gehende Empfehlungen an repräsentative Gremien und/
       Eingriffen in ihre Lebenswelt zuzustimmen, wenn
                                                                   oder an Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungs-
       damit ihr eigener Handlungsrahmen erweitert
                                                                   träger in Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Die De-
       (mehr Möglichkeiten, Chancen oder Freiräume)
                                                                   mokratie braucht demnach keinen Ersatz für ihre reprä-
       oder zumindest nicht eingeschränkt wird.
                                                                   sentativen Gremien, sondern sie benötigt vielmehr eine
     • Positive Risiko-Nutzen-Bilanz: Akzeptanz ist umso           Funktionsbereicherung durch diskursive Formen direk-
       eher zu erwarten, je mehr die geplanten Energie-            ter Bürgerbeteiligung, die den repräsentativen Gremien
       und Klimaschutzmaßnahmen einem selbst oder                  wiederum in ihrem eigenen Streben nach Legitimation
       den Gruppen und Individuen zu Gute kommen, die              zugutekommen. Diese Bereicherung der Demokratie ist
       man besonders schätzt. Auch wenn durch Maßnah-              vor allem bei ehrgeizigen Projekten, wie solchen des Kli-
       men das Allgemeinwohl gestärkt wird, ist mit einer          maschutzes und der Energiewende, unerlässlich.
       höheren Akzeptanz zu rechnen.
                                                                   Damit Beteiligung gelingt, bedarf es kompetenter Planung
     • Identität: Je mehr man sich mit einer Maßnahme
                                                                   und professioneller Umsetzung der Beteiligungsverfah-
       auch emotional identifizieren kann, desto größer ist
                                                                   ren. Hierfür gibt es kein Allgemeinrezept (Lynn und Bu-
       die Akzeptanzbereitschaft. Im Rahmen der Energie-
                                                                   senberg 1995, Oppermann und Langer 2000, Nanz und
       wende sind etwa neue Betreibermodelle und
                                                                   Fritsche 2012, Benighaus und Renn 2016). Es hat sich je-
       Eigentumsoptionen zu nennen (wie Genossenschaf-
                                                                   doch gezeigt, dass vor allem zu Beginn des Verfahrens
       ten, Ausgabe von Anteilsscheinen, Gewinnbeteili-
                                                                   die zentralen Eckpunkte für alle Beteiligten transparent
       gung etc.), die über eine emotionale Bindung an
                                                                   gemacht werden müssen. Es bedarf Klarheit darüber, in
       Eigentum oder Nutzungsrechte Identifikation
                                                                   welcher Form und mit welcher Verbindlichkeit Bürgerin-
       schaffen können.
                                                                   nen und Bürger zum Gelingen des Verfahrens beitragen
LÜCKEN IN DER DEUTSCHEN KLIMAPOLITIK   15

können. Gleichzeitig muss aber auch ersichtlich sein, wo            Welche Formate und Instrumente der
die Grenzen des Verfahrens liegen. Dies zu kommunizie-              Beteiligung von Stakeholdern und betroffe-
ren, ist eine große Herausforderung, da schon im Vorfeld            nen Bürgerinnen und Bürgern haben sich
der Beteiligung klar Position bezogen werden soll. Früh-            bei komplexen Fragestellungen wie der
zeitige Kommunikation beugt aber auch der Gefahr von                Klimapolitik bewährt und wie können sie in
späterer Enttäuschung vor, wenn weniger Einfluss durch              das Gefüge der parlamentarischen Demo-
die Bürgerinnen und Bürger genommen werden kann                     kratie integriert werden?
als erhofft. Eine realistische und möglichst konkrete Vor-
stellung über die Möglichkeiten und Grenzen des Verfah-             Wie können in einer pluralen Wertegesell-
rens sind deshalb von zentraler Bedeutung für alle Be-              schaft Konflikte über klimapolitische
teiligten, um den Klimaschutz als zentralen Bestandteil             Maßnahmen friedlich, konstruktiv und fair
eines notwendigen gesamtgesellschaftlichen Transfor-                gegenüber allen betroffenen Menschen
mationsprozesses erfolgreich gestalten zu können.                   und Gruppen mit Hilfe von Beteiligungsver-
                                                                    fahren oder anderer gesellschaftlicher
Obwohl es weitgehend Klarheit darüber gibt, welche Kri-             Aushandlungsprozesse angegangen und,
terien Beteiligungsverfahren erfüllen müssen, fehlen bis            wo möglich, auch gelöst werden?
heute überzeugende Konzepte und erst recht empirisch
abgesicherte Ergebnisse, welche der vielen vorgeschla-
genen und zum Teil realisierten Verfahren diese Kriterien
erfüllen beziehungsweise bis zu welchem Grad sie diese
erfüllen. Einfache Lösungen wie die Einführung von Bür-        2.3 I ndustriepolitik und internationale
gerräten können dabei ein durchaus adäquates Modul                  Kooperation
in einer Beteiligungslandschaft sein, sie dürfen aber kei-     Warum sind internationale Kooperation und
nesfalls als Allheilmittel der Beteiligung in der Klimapoli-   Industriepolitik wichtige Langfristthemen?
tik angesehen werden.
                                                               Das Erreichen der im Pariser Abkommen festgeschriebe-
                                                               nen Klimaziele setzt eine möglichst schnelle Reduktion
                                                               der Emissionen in allen Ländern voraus. Ohne interna-
      Welche Fragen ergeben sich daraus                        tionale Kooperation ist das Erreichen dieser Ziele jedoch
      für die Langfristperspektive?                            nur schwer oder zumindest nur unter sehr viel höheren
                                                               Kosten vorstellbar. Dies betrifft sowohl eine Kooperation
      Welche Formen der Kommunikation und                      zwischen Hocheinkommensländern als auch die Unter-
      der Information haben das Potenzial, die                 stützung von Niedrigeinkommensländern bei der Aus-
      vier Akzeptanzkriterien effektiv und                     gestaltung von Klimapolitiken und technologischer Ent-
      adressatengerecht zu berücksichtigen und                 wicklung. Gleichzeitig scheint die Bereitschaft zu multila-
      welche Akteure können und sollen in                      teraler Kooperation auch in der Folge der Corona-Pan-
      diesen Kommunikationsprozess eingebun-                   demie und der aktuellen Energiekrise gesunken zu sein.
      den werden?                                              Nationale Politiken fokussieren stark auf die Förderung
                                                               und zum Teil auch Abschottung ihrer Wirtschaft.
      Welche institutionellen und kommunikati-
      ven Strategien erweisen sich als wirksam                 Als bisheriger Höhepunkt dieser Entwicklung wird häufig
      und handlungsleitend, um Menschen in                     der US-amerikanische Inflation-Reduction-Act (IRA) gese-
      Fragen des Klimaschutzes verlässliche,                   hen. Der IRA beinhaltet umfangreiche finanzielle Förde-
      zutreffende und überparteiliche Informati-               rungen emissionsarmer Technologien und Energien. Er
      onen zukommen zu lassen und sie gegen                    macht allerdings auch den Zugang zu Fördermitteln ab-
      ‚fake news‘ und Verschwörungsgeschichten                 hängig von einem Mindestanteil an lokaler Wertschöp-
      zu immunisieren?                                         fung. Dies weckt nicht nur in Europa und Deutschland
                                                               Ängste hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit der Indus-
                                                               trie und des Erhalts des Standorts.

                                                               Die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Bedeutung des
                                                               IRA variiert dabei durchaus. So betont Görg (2022), dass
                                                               allein der Umfang des NextGenerationEU-Programms
                                                               bezogen auf die jährliche Wertschöpfung größer als die
16

     finanziellen Anreize zu Investitionen in ‚Grüne Techno-        Bestehen auf kurze und lange Sicht Lücken
     logien‘ durch den IRA sei. Allerdings könnte der Umfang        in Politik und Wissenschaft?
     der tatsächlichen Förderung im Rahmen des IRA durch-           Die gesamtheitlichen Auswirkungen der Energiepreis-
     aus höher ausfallen als bisher geschätzt. Entsprechend         entwicklungen und der Förder- und Maßnahmenpake-
     stark wird auf EU-Ebene und in Deutschland diskutiert,         te der letzten Jahre sind schwer abschätzbar und bisher
     wie auf den IRA reagiert werden soll (EURACTIV 2023).          nicht umfänglich untersucht worden. Entsprechend ge-
     Der IRA stellt allerdings nur eine Komponente in der Dis-      ring ist das Verständnis nicht nur der Wirkungen, son-
     kussion um den Wettbewerbsstandort Deutschland und             dern auch der Maßnahmen, die geeignet wären, um mit
     Europa dar. So existiert zum einen eine Vielzahl weiterer      den aus den Förder- und Maßnahmenpaketen resultie-
     Programme und Maßnahmen, die die Wettbewerbsposi-              renden Herausforderungen umzugehen. Aktuell ist die
     tion heimischer Industrien beeinflussen wie zum Beispiel       Verunsicherung in Wirtschaft, Bevölkerung und Politik
     ‚US Bipartisan Infrastructure Law‘, ‚EU Green Deal‘, ‚EU       groß und Rufe nach einem Schutz der heimischen Wirt-
     Recovery‘ und ‚Resilience Facility‘. Zum anderen stellt sich   schaft durch Subventionierung und Abschottung werden
     die Frage, wie China aber auch Indien und Südkorea auf         konkreter. Die Dringlichkeit, Wissens- und Verständnis-
     den IRA und eine potenzielle Antwort der EU reagieren.         lücken über eine ökonomisch sinnvolle Reaktion auf den
                                                                    IRA zu schließen, liegt primär in den Pfadabhängigkeiten
     Auch für die Frage und Positionierung von Niedrigein-          begründet, die kurzfristige Investitionsentscheidungen
     kommensländern können die aktuellen Subventionie-              von Unternehmen für die kommenden Jahrzehnte ge-
     rungs- und Abgrenzungsbestrebungen massive Konse-              nerieren können. Gleichzeitig ist klar, dass die massiven
     quenzen haben – positiv wie negativ. Führt der IRA bei-        Unterstützungsmaßnahmen der aktuellen Energiekrise
     spielsweise zu substanziellen Kostensenkungen grüner           keine Blaupause für eine langfristige Strategie sein kön-
     Technologien, profitiert der globale Süden ebenso wie          nen. Zudem ist zu erwarten, dass unterschiedliche In-
     der globale Norden. Gleichzeitig können Kostensenkun-          dustriezweige, zum Beispiel die Automobil-, Chemie- und
     gen und Kapazitätsaufbau in den USA Entwicklungs- und          Stahlindustrie, sehr verschiedenen Herausforderungen
     Exportchancen von Niedrigeinkommensländern zunich-             gegenüberstehen und entsprechend auch die Reaktio-
     temachen. Dies gilt insbesondere, wenn Kostenvorteile          nen von Politik und Regulierung unterschiedlich ausfal-
     von Entwicklungsländern Nachteile, beispielsweise aus          len müssen.
     unsicheren institutionellen Rahmenbedingungen für In-
     vestitionen, ausgleichen. So können Standortvorteile,
     beispielsweise aus der kostengünstigen Herstellung grü-
     nen Wasserstoffs, erodieren. Für Deutschland könnten                Welche Fragen ergeben sich daraus
     im Falle neuer Marktkonzentrationen, zum Beispiel bei               für die Langfristperspektive?
     Klimaschutztechnologien oder emissionsarmen Energie-
     trägern, strategische Abhängigkeiten entstehen, die den             Der IRA gibt Anlass, die strategische Positio-
     Transformationspfad zur Klimaneutralität verlangsamen               nierung Deutschlands und Europas im
     oder sogar gänzlich zu gefährden drohen.                            globalen Wettbewerb zu reflektieren.
                                                                         Zeichnet sich ein Systemwettbewerb um die
     Nicht zuletzt wird, jenseits der Debatte um (und als Re-            Gestaltung des Wegs zur Dekarbonisierung
     aktionen auf) den IRA, die Verfügbarkeit günstiger Ener-            beziehungsweise um die Gestaltung von
     gien für Standortentscheidungen auch in Zukunft eine                Übergangs- und Umsetzungsstrategien ab?
     wichtige Rolle spielen. Hier hat Europa in der aktuellen
     Krise gegenüber den USA – aber auch teilweise Asien –               Deutschland und die EU könnten sich auf
     an Boden verloren, wobei die langfristigen Auswirkungen             ein Subventionsrennen und eine Abschot-
     dieser preislichen Verschiebungen nicht klar sind. Hohe             tungsspirale mit den USA oder auch
     Energiepreise fördern zwar Anstrengungen, in Energieef-             anderen Staaten einlassen. Wie ökono-
     fizienz und erneuerbare Energien zu investieren. Gleich-            misch sinnvoll wäre eine solche Politik?
     zeitig braucht die Umstellung auf CO2-arme Energie-
     und Produktionstechnologien jedoch Zeit. Die Implika-
     tionen dieser Entwicklungen für Deutschland und Euro-
     pa werden nicht nur von der industriepolitischen Reak-
     tion Europas, sondern auch von den internationalen Kli-
     maschutzbemühungen und damit der internationalen
     Kooperation abhängen.
LÜCKEN IN DER DEUTSCHEN KLIMAPOLITIK   17

•   Daran anknüpfend stellt sich die Frage,
    welche Rolle Industriepolitik und staatlichen   2.4 N
                                                         achhaltige Finanzwirtschaft für die
    Eingriffen in die Märkte auf dem Weg zur            Transformation
    Klimaneutralität zukommen soll. Welche          Warum ist die Investition in die Transforma-
    Rolle sollten die EU und die einzelnen          tion zur Klimaneutralität ein Langzeitthema?
    Mitgliedstaaten (soweit EU-rechtlich mög-
                                                    Das Investitionsvolumen in ‚nachhaltige‘ Anlageproduk-
    lich) spielen?
                                                    te steigt seit Jahren, wie zum Beispiel das Forum Nach-
    Es ist kaum vorstellbar, dass Industrien        haltige Geldanlage (FNG) jedes Jahr erneut feststellt (FNG
    langfristig durch Subventionierung in           2022). Ein Grund hierfür ist sicherlich das generell ver-
    Europa gehalten werden können. Sollte sich      stärkte Interesse an dem Thema bei institutionellen aber
    die Förderung der Dekarbonisierung bereits      auch vermehrt bei privaten Investoren. Dass viele In-
    heute auf Branchen und Unternehmen              vestoren primär eine finanzielle Materialitätssicht ver-
    konzentrieren, die langfristig wettbewerbsfä-   folgen, statt im Sinne der ‚double materiality‘ gleichbe-
    hig sein können? Inwieweit kann die Wettbe-     rechtigt auch eine Materialitätssicht zu verfolgen, die fi-
    werbsfähigkeit im Jahr 2030 oder 2045           nanziell (zumindest derzeit) nicht relevante Nachhal-
    bereits heute prognostiziert werden? Gibt es    tigkeitsaspekte ebenso berücksichtigt, kann ein weite-
    Branchen und Unternehmen, die aus               rer Grund hierfür sein. Bei einer finanziellen Materialitäts-
    strategischen Gründen in Europa gehalten        sicht wird Nachhaltigkeit primär als Hebel für die Risiko-
    werden sollten?                                 minimierung oder Profitmaximierung betrachtet. Aller-
                                                    dings stehen bei einem derartigen Verständnis Themen
    Die G7 haben Ende 2022 die Einrichtung          wie Transformation der Wirtschaft oder Klimaneutrali-
    eines Klimaclubs beschlossen. Auch der          tät nicht im Vordergrund. Für die Erreichung der Klima-
    Sachverständigenrat zur Begutachtung der        schutzziele bis 2030 oder der Klimaneutralität bis 2045
    gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2020)       kann so zumindest kein wesentlicher Beitrag des Finanz-
    und weitere Akteure aus Wissenschaft und        marktes erwartet werden.
    Politik wiesen bereits auf Vorteile eines
                                                    Die EU hat sich im Rahmen des Aktionsplans für nachhal-
    solchen Clubs hin, insofern er die größten
                                                    tiges Wachstum als Ziel gesetzt, den Finanzsektor stär-
    CO2-Emittenten und wichtigsten EU-Handels-
                                                    ker für die Transformation der Realwirtschaft zur Klima-
    partner zusammenbringt. Welche Auswir-
                                                    neutralität zu mobilisieren. Eine wichtige Komponente
    kungen haben die aktuellen Entwicklungen
                                                    dieses Plans ist die sogenannte EU-Taxonomie. Wenn
    auf die Wahrscheinlichkeit, dass Klimaclubs
                                                    die derzeitigen, auf Klimawandel fokussierten Kriterien
    zu einer substantiellen Steigerung der
                                                    der EU-Taxonomie für ‚grüne‘ Unternehmensaktivitäten
    Emissionsminderungen beitragen können?
                                                    als Messgrundlage verwendet werden, gelten weniger
    Welche Rolle können bi- und multilaterale       als 1 % des gesamten Marktes als nachhaltig und damit
    Handelsabkommen im Umgang mit Maß-              als investierbar nach grünen Kriterien (ESMA 2022). Mit
    nahmenpaketen wie dem IRA spielen?              einer Erweiterung der Taxonomie auf andere Umwelt-
    Sollten Deutschland und die EU sich in          ziele dürfte dieser Anteil zwar ansteigen, allerdings hat
    diesem Zusammenhang verstärkt für eine          dieser Ansatz eine klare Limitation: die Investitionen flie-
    Wiederaufnahme der Verhandlungen zum            ßen in bereits ‚grüne‘ Unternehmen. Unternehmen, die
    Transatlantischen Freihandelsabkommen           sich auf dem Weg hin zu mehr Klimaschutz befinden und
    TTIP einsetzen?                                 für den entsprechenden Umbau ihrer Produktionsanla-
                                                    gen frisches Kapital benötigen, werden hierbei nicht er-
    Als positive Auswirkung des IRA ist zu          fasst. Es wird somit deutlich, dass die Grundlage für die
    erwarten, dass es zu erheblichen Kostensen-     notwendigen Transformationsfinanzierungen noch nicht
    kungen bei Dekarbonisierungstechnologien        ausreichend gegeben ist. Hier bedarf es einer Langfrist-
    kommt, die nicht nur dem Klimaschutz in         strategie, um die Kräfte der Finanzwirtschaft als wichti-
    den USA zugutekommen. Welche Auswirkun-         gen Hebel für die Transformation zur Klimaneutralität ef-
    gen für die Geschwindigkeit in den deut-        fektiv zu entfalten.
    schen aber auch globalen Dekarbonisie-
    rungsbemühungen können
    daraus resultieren?
18

     Welche Lücken bestehen in Politik und                          Messmethoden. Dies betrifft insbesondere die ganzheit-
     Wissenschaft?                                                  liche und kontextualisierte Erhebung und Berichterstat-
     Die Transformation der Gesamtwirtschaft zur Klimaneut-         tung von Wirkungsdaten. Konkret bedeutet dies zum Bei-
     ralität und der Ausbau der hierfür benötigten Infrastruk-      spiel, es sollte im Rahmen einer Investitionsentscheidung
     tur wird nicht durch ein Schwarz-Weiß-Denken in ‚(be-          nicht der derzeitige CO2-Fußabdruck von Unternehmen
     reits) grüne‘ und ‚braune‘ Unternehmen beziehungswei-          (klassischerweise basierend auf Daten des zurückliegen-
     se Wirtschaftsaktivitäten erfolgen. Vielmehr werden ef-        den Handelsjahres) betrachtet werden. Vielmehr kommt
     fektive Transformationsinvestitionen benötigt, und dies        es darauf an, wie effektiv ein Unternehmen in der Lage
     möglichst bald, damit langfristig die angestrebten Ziele er-   ist beziehungsweise in die Lage versetzt wird, signifikan-
     reicht werden können. Hierfür existiert derzeit kein ad-       te CO2-Reduktionen über die Zeit zu erzielen.
     äquates Klassifikationsschema oder entsprechende               Unterschiedliche Anlageklassen haben dabei ein unter-
     Kennzeichnung von Anlageprodukten, welche Investoren           schiedliches Wirkungspotenzial (Caldecott et al. 2022).
     die Möglichkeit gibt, das Transformationspotenzial einer       Während bei direkten Investitionen und Mehrheitsbetei-
     Investition abzuschätzen. Entsprechende Klassifikatio-         ligungen an nicht-börsennotierten Unternehmen durch-
     nen und Produktkennzeichnungen sollten daher entwi-            weg ein hohes Wirkungspotenzial attestiert werden kann,
     ckelt werden. Der Climate Transition Benchmark (CTB)           spielt besonders das Shareholder-Engagement für die
     sowie der Paris-Aligned Benchmark (PAB) der EU kön-            Wirkung bei Investitionen in Wertpapiere von börsenno-
     nen dabei als möglicher Ausgangspunkt genutzt werden.          tierten Unternehmen eine wichtige Rolle. Durch die ak-
     Der Finanzmarkt kann so eine wichtige Rolle einnehmen,         tive Auseinandersetzung von Investoren mit dem Unter-
     um mögliche Finanzierungslücken zu schließen und               nehmensmanagement, etwa durch direkte Dialoge oder
     staatliche Finanzierungsprogramme zu unterstützen be-          im Rahmen der Stimmrechtsausübung auf Jahreshaupt-
     ziehungsweise zu entlasten. Hierfür benötigen Anleger          versammlungen, können Investoren eine Wirkung erzie-
     und Investoren nicht nur Transparenz über mögliche An-         len. Allerdings muss hierbei berücksichtigt werden, dass
     lageprodukte, sondern auch verlässliche Informationen          nicht jedes Engagement auch immer zu einem Erfolg
     über klar erkennbare Transformationspfade in der Real-         führt. Dies gilt vor allem, wenn man als einzelner Investor
     wirtschaft. Eine Studie zu Brückentechnologien aus Sicht       auftritt. Daher ist der Austausch mit und der Zusammen-
     der nachhaltigen Finanzwirtschaft hat ergeben, dass In-        schluss von einzelnen Investoren sehr wichtig. Während
     vestoren bei Investitionsentscheidungen auch das Ende          kollaborative Engagements von mehreren Anlegern na-
     der Brückentechnologie, also den nächsten Schritt nach-        turgemäß wirkungsvoller sein können (zum Beispiel Sla-
     dem die ‚Brücke‘ nicht mehr benötigt wird, schon im Rah-       ger et al. 2022), finden diese in Deutschland bisher prak-
     men der Investitionsplanung und -evaluation im Blick ha-       tisch nicht statt. Hier arbeitet der Sustainable Finance-
     ben (Busch et al. 2023). Gerade bei kapitalintensiven In-      Beirat bereits an einer Plattform, um es Anlegern und As-
     vestitionen, wie zum Beispiel im Energiesektor, erfordert      set Managern zu erleichtern, ihre Kräfte zu bündeln. Es
     dies daher schon frühzeitig verlässliche, regulatorische       erscheint dabei besonders wichtig, dass der Staat durch
     Rahmenbedingungen für einen längerfristigen Planungs-          die Beseitigung von regulatorischen und systemischen
     horizont. Wenn diese Transformationspfade erkennbar            Barrieren, insbesondere durch eine klare Abgrenzung
     und verlässlich sind, könnten Anleger und Investoren           von erlaubtem Engagement zu verbotenem ‚acting in
     einen wichtigen privatwirtschaftlichen Beitrag zur Finan-      concert‘, dazu beiträgt, kollaborative Engagements auch
     zierung der Transformation leisten.                            in Deutschland zu fördern und zu erleichtern.

     Neben diesen langfristig verlässlichen Rahmenbedin-            Welche Fragen müssen in diesem
     gungen ist es elementar, die Wirkung, die durch ent-           ­Zusammenhang beantwortet werden?
     sprechende Investitionen erreicht wird (auch als ‚Im-          Die Schaffung eines Klassifikationsschemas beziehungs-
     pact‘ bezeichnet), systematisch zu messen. Nur so kann         weise einer Kennzeichnung für transformative Anlage-
     die Effektivität unterschiedlicher Transformationsinves-       produkte sollte in der Gesetzgebung, insbesondere auf
     titionen bestimmt werden. Hierfür sollten die zugrunde         EU-Ebene, verankert werden. Falls auf dem bestehen-
     liegenden Wirkungsmechanismen besser erforscht                 den Konzept des EU-Benchmarks aufgebaut werden soll,
     werden. Auch in akademischen Kreisen wird noch                 müssten zukünftige Transformationspotenziale stärke-
     kontrovers diskutiert, ob und wie Investoren auf Se-           re Berücksichtigung finden. Hier stellen sich Fragen nach
     kundärmärkten überhaupt einen Impact generieren                klaren Zielvorgaben für Geschwindigkeit und Transfor-
     können. Ebenso bedarf es einer Standardisierung der            mation sowie deren Überprüfung sowohl für Unterneh-
LÜCKEN IN DER DEUTSCHEN KLIMAPOLITIK   19

men der Realwirtschaft, als auch für transformative An-         sung, Analysen zu Wirkungsmechanismen und insge-
lageprodukte im Finanzmarkt. Dabei ist eine der Haupt-          samt einem besseren Verständnis, welchen Effekt nach-
schwierigkeiten, dass die Transformation von Sektor zu          haltige Geldanlagen auf Klimaziele, aber auch auf Biodi-
Sektor und selbst von Unternehmen zu Unternehmen                versität und Ressourcenverbrauch haben. Hier ist zu-
unterschiedlich ablaufen kann.                                  nächst zu fragen, wie die dafür notwendige Datenquali-
                                                                tät verbessert werden kann. Im nächsten Schritt stellen
Um den Markt für Transformationsprodukte als nachhal-
                                                                sich dann Fragen dazu, wie Wirkungsmechanismen ge-
tige Geldanlagen aufzubauen und darüber einen Anreiz
                                                                fördert werden können, die stärker zur Zielerreichung –
für Transformationsprojekte und -ziele für Unternehmen
                                                                also zur Transformation der Realwirtschaft – beitragen.
zu setzen, stellen sich Fragen dazu, wie Transformations-
                                                                Dabei ist auch wichtig, besser zu verstehen, wie sich ein-
pfade für den Finanzmarkt mit einer langfristigen Pers-
                                                                zelne Bereiche wechselseitig beeinflussen, zum Beispiel
pektive aufgearbeitet und kommuniziert werden sollten,
                                                                wie sich Verbesserungen im Bereich Biodiversität auf Kli-
und wie mit kurzfristig notwendigen Änderungen oder
                                                                maschutzbemühungen auswirken können.
Anpassungen an veränderte Rahmenbedingungen um-
gegangen werden sollte. Gerade weil nachhaltigkeits-
orientierte Investoren oft das Ziel haben, Geschäftsprak-
tiken und -modelle zu verändern, zum Beispiel der Wech-
                                                                     Konkret sollten die folgenden Fra-
sel von Kohle auf erneuerbare Energien, benötigen wir
                                                                     gen bearbeitet werden:
ein besseres Verständnis dafür, wie die Transformation
langfristig geplant und wie dies glaubhaft an Investoren             Wie sollten Zielvorgaben nicht nur für das
kommuniziert werden kann. Dabei erscheint es elemen-                 Endziel der Transformation, sondern bereits
tar, dass die Weiterentwicklung von alternativen Techno-             für den Transformationsprozess (auf
logien oder die (im Verlauf notwendige) Reaktion auf ge-             Sektor- und Unternehmensebene) gestaltet
änderte Rahmenbedingungen nicht behindert werden.                    werden, und wie sollte dabei mit kurzfristig
Hier bestehen Anknüpfungspunkte zu anderen Lang-                     notwendig werdenden Änderungen oder
fristthemen und zu Regulierungen der Realwirtschaft,                 Anpassungen an veränderte Rahmenbedin-
insbesondere Fragen zur Beschleunigung von Projek-                   gungen umgegangen werden?
ten, zu Akzeptanz oder zu technologischen Entwicklun-
gen, um Transformationspfade langfristig verlässlich ab-             Wie sollten Transformationspfade der
bilden zu können.                                                    Realwirtschaft für den Finanzmarkt
                                                                     aufgearbeitet und kommuniziert werden,
Darüber hinaus stellen sich Fragen, inwiefern Anleger,               und wie können entsprechende Informati-
insbesondere bei Investitionen in börsennotierte Wert-               onen in ein Klassifikationsschema bezie-
papiere, auf Unternehmen einwirken können, um die                    hungsweise eine Kennzeichnung für
Transformation zu fördern. Insbesondere sollten hier                 transformative Anlageprodukte integriert
Fragen zur Abgrenzung von verbotenem ‚acting in con-                 werden?
cert‘ und erlaubtem Shareholder-Engagement in Kolla-
boration mit mehreren Anlegern beantwortet werden.                   Welcher regulatorischen Änderungen
So ist derzeit für Anleger eine ungeklärte Frage, wie sie si-        bedarf es, damit anhand von kollektivem
cherstellen können, dass ihr Engagement nicht im Nach-               Shareholder-Engagement die Akteure des
hinein doch als unerlaubtes ‚acting in concert‘ ausgelegt            Finanzmarkts stärker als Impulsgeber und
werden kann. Denn gerade kollaboratives Shareholder-                 Beschleuniger der Transformation
Engagement ist ein wichtiger Hebel für Anleger, um auf               auftreten?
Unternehmen einzuwirken und diese zu nachhaltigeren
Geschäftspraktiken zu bewegen. Der bereits im Sustai-                Wie können Wirkungsmechanismen besser
nable Finance-Beirat der Bundesregierung diskutier-                  verstanden und gezielt gefördert werden,
te Aufbau einer Engagement-Plattform ist deshalb ein                 sodass Investoren zu einem zentralen Hebel
wichtiger Schritt, um auch in Deutschland eine aktivere              für das Erreichen von Klimazielen werden?
Rolle von Anlegern auf Sekundärmärkten zu etablieren.

Um langfristig die Transformation durch die Finanzwirt-
schaft zu fördern, ist es nötig, das Thema Wirkung zu
forcieren. Dies betrifft Methodiken zur Wirkungsmes-
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