Strom Linie - Oesterreichs Energie
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Strom
Linie
Das Magazin zur Energiewende
#3/2021
20 Jahre
Strommarkt
liberalisierung
Was wir aus
der Vergangenheit
für die Zukunft
lernen können
Vernetzung für
Netzbetreiber
Warum Verteiler-
netzbetreiber endlich
eine Vertretung auf
EU-Ebene haben
Strom-
Direktverkauf
Was steckt hinter
Power Purchase
Agreements
M
r.
Green
KEYWAN RIAHI: Warum der
renommierteste Klimaforscher der
Welt die Leistungen der heimischen
E-Wirtschaft für „europäische
Pionierarbeit“ hält.Editorial
Kann Markt
Klimaneutralität?
V
or zwanzig Jahren standen die österreichische und
die europäische E-Wirtschaft vor einer Zeitenwende:
Der Wettbewerb hielt Einzug und aus Gebieten wurden
Märkte, aus Stromabnehmern Kunden, aus integrierten Ver
sorgungsunternehmen wurden Stromerzeuger, Netzbetreiber,
Händler und Lieferanten. Die österreichische E-Wirtschaft hat
diesen Wandel mit großem Einsatz mitgestaltet und die Unter-
nehmen haben bewiesen, dass sie sich auch im europäischen
Wettbewerb behaupten können.
Nun steht die Branche vor einer ähnlichen Herausforde-
rung: In weniger als einem Jahrzehnt soll der Strom in Öster-
reich über das Jahr betrachtet vollständig aus erneuerbaren
Quellen stammen, bereits in zwei Jahrzehnten soll das gesamte
Land die Klimaneutralität erreichen. Dafür müssen wir in den
kommenden Jahren erneuerbare Erzeugungskapazitäten im
Ausmaß von 27 Terawattstunden errichten. Das entspricht
etwa der Stromproduktion von Dänemark. Wir müssen die
Netze ausbauen, Speicher schaffen und neue Marktteilnehmer
wie Energiegemeinschaften ins System integrieren.
Damit dieses Projekt gelingen kann, braucht es die richti-
gen Rahmenbedingungen – wir brauchen ausreichend geeig-
nete Flächen, auf denen Kraftwerke errichtet werden können.
Wir brauchen zügige und berechenbare Genehmigungsverfah-
ren, damit wir unsere Projekte in den wenigen verbleibenden
Jahren auch planen und umsetzen können. Wir brauchen
den Rückhalt der Öffentlichkeit – und wir brauchen ein zeit
gemäßes Marktdesign, das mittelfristig die richtige Balance
zwischen Kosteneffizienz und Zukunftsinvestitionen findet.
Dabei stellt sich die Frage, ob die Regeln des Wettbewerbs
auch die geeigneten Regeln für die Energiewende sind. Eines
SMART INFRASTRUCTURE ist jedenfalls klar: Wir werden neben dem Erneuerbaren-
Ausbau-Gesetz, das im Sommer beschlossen wurde, weitere
Schritte brauchen, damit wir die Ziele erreichen und der
Creating environments Strom nicht nur sauberer wird, sondern auch weiter sicher
und leistbar bleibt.
that care.
Smart Infrastructure verbindet auf intelligente Weise Energiesysteme, Gebäude Barbara Schmidt
und Industrien, um die Art, wie wir leben und arbeiten, weiterzuentwickeln und Generalsekretärin
zu verbessern. Gemeinsam mit unseren Kunden und Partnern schaffen wir
ein Ökosystem, das intuitiv auf die Bedürfnisse der Menschen reagiert und
Unternehmen dabei unterstützt, Ressourcen optimal zu nutzen. IMPRESSUM. Medieninhaber: Oesterreichs E-Wirtschaft, Brahmsplatz 3, 1040 Wien, presse@oesterreichsenergie.at Herausgeber: Christian Zwittnig
siemens.at/smart-infrastructure Redaktion: Klaus Fischer, Bernhard Fragner, Melanie Krenn, Rudolf Loidl (Chefredakteur), Daniela Purer, Ingrid Wunderlich Grafisches Konzept
und Design: buero8 Anzeigen: JU.connects, ju@juconnects.com Erscheinungsweise: 4-mal jährlich Druck: Ferdinand Berger & Söhne, Horn
StromLinie 03/2021 3Strom Inhalt
03/2021
Linie 6 WAS SEH‘ ICH DA?
40
26
MOMENTAUFNAHME
Am 6. Juli 2021 wurde die
überparteiliche Einigung beim
Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz
per Handschlag besiegelt.
8 BRIEFING
News und Fakten
aus der Energiewirtschaft
20 Jahre Strom- 12 GRAPHEN DES MONATS
marktliberalisierung
14 COVERSTORY: KEYWAN RIAHI 26 20 JAHRE STROMMARKT
Der weltweit meistzitierte Klima LIBERALISIERUNG
forscher im Interview über schlecht Ein Blick zurück &
Ein Rückblick, ein Ausblick verzinste Klimainvestitionen in was die Zukunft bringen wird.
und was prominente Akteure zum Europa – und warum wir trotzdem
Jubiläum zu sagen haben. voranschreiten müssen. 30 20 JAHRE - 20 STIMMEN
Prominente Akteure melden sich
20 „GUT UND SCHLÜSSIG“ anlässlich der 20 Jahre Strom-
Oesterreichs Energie ist mit marktliberalisierung zu Wort.
dem Paket um das Erneuerbaren-
Ausbau-Gesetz grundsätzlich 36 DSO ENTITY: ZUSAMMENARBEIT
zufrieden. Nun gilt es, AUF AUGENHÖHE
das Paket zügig umzusetzen. Seit Ende Juni haben die Verteiler-
netzbetreiber im Stromsektor eine
24 WAS IST EIGENTLICH PPA? gesetzliche Vertretung auf EU-
Sogenannte Power Purchase Agree- Ebene: eine erste Einschätzung.
ments (PPAs) erfreuen sich in der
Branche zunehmender Beliebtheit. 40 DIE STROMMACHER
Jörg Sollfelner, Geschäftsführer der Sie sorgen dafür, dass in
Energie Allianz Austria, erläutert Österreich die Lichter nicht
die Gründe. ausgehen. Eine Strommacherin
und ein Strommacher im Portrait.
8 42 SAVE THE DATE!
Die Veranstaltungsübersicht
von Oesterreichs Energie Akademie
50 LETZTE UNKLARHEIT
Unterfrequenz ist für das Netz
gefährlicher als Überfrequenz.
Warum eigentlich?
ADOBE STOCK, ELIA ZILBERBERG, ÖBB_KARO PERNEGGER
45 DOSSIER I: 48 DOSSIER II:
Dossiers
WASSERSTOFF VERBESSERUNG
ALS BAUSTEIN FÜR DER ZUSTANDSBEURTEILUNG
DIE ENERGIEWENDE VON MESSWANDLERN
Welche wesentlichen Anliegen MITTELS DGA
hat die E-Wirtschaft in der Welche Ursachen hat
Positionierung zu Wasserstoff die Konzentrationsabnahme
als zukünftigem Energieträger? spezifischer Gase?
4 StromLinie 03/2021 StromLinie 03/2021 5Momentaufnahme
Energiepolitik
Was seh’ ich da?
6. Juli 2021, im Presseclub Concordia
Drei Fäuste für ein Halleluja
Die Energiesprecherin Tanja Graf (ÖVP) und Energiesprecher Alois
Schroll (SPÖ) und Lukas Hammer (Grüne) feiern unter sichtlicher
MICHAEL GRUBER / APA / PICTUREDESK.COM
Freude von Umweltministerin Leonore Gewessler (im Hintergrund
rechts) und Staatssekretär Magnus Brunner (im Hintergrund links)
die überparteiliche Einigung beim Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz,
das am darauffolgenden Tag mit der nötigen Zweidrittelmehrheit im
Parlament beschlossen werden wird. Einige Teile des wichtigsten
Reformvorhabens im Energiesektor der letzten Jahrzehnte (eine
abschließende Analyse lesen Sie ab Seite 20) sind bereits kurz nach
Beschlussfassung im Bundesrat noch im Juli in Kraft getreten.
6 7Briefing
news+fakten Karl Markut, Wolfgang Gallant, Reinhold Molhofer,
Pater Marian, Bernhard Binder, Peter Ortolf, Hans Janker,
Thomas Ra, Eduard Streit (v. l. n. r.)
150 143,1
128,4
140,9 139,3 144,1
149,1
155,2
124,6
125 120,8 120,1
Kohle für die Energie 100
Ausgaben in der Energieforschung in
75
Millionen Euro in Österreich von 2011 bis 2020
Seit dem Jahr 2011 stiegen die Investitionen
50
öffentlicher Einrichtungen in die heimische
Energieforschung drei Jahre lang stetig an.
25
Gab es zwischen 2015 und 2017 noch deutliche
Unterschiede in den Ausgaben, so befindet
sich die Bereitschaft zur Förderung seit 2018 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020
wieder auf dem aufsteigenden Ast.
Quelle: BMK, Statista 2021
Von der Waißnixmühle
zum EVN-Kleinwasser-
kraftwerk
Wo sich früher große Mühlsteine drehten,
arbeitet jetzt eine Turbine zur Stromge-
Spatenstich des
winnung. Die Mühle beim Steg über die
Schwarza ist schon seit 1670 bekannt. In
dem damals unter dem Namen „Waißnix-
ersten Windparks in Kärnten mühle“ bekannten Gebäude wurde 1837
eine Maschine erfunden, mit der Gers-
tenkörner und Rollgerste verarbeitet wer-
den konnten. Nach einem verheerenden
Mit dem Spatenstich auf der Wind- so viel Strom erzeugen, wie sieben Brand 1871 wurde die Mühle wieder auf-
radbaustelle in St. Georgen im Prozent aller Kärntner Haushalte ver- gebaut. 1917 wurde der Mühlenbetrieb
Lavanttal starten offiziell die Bauar- brauchen. Darüber hinaus wird dabei eingestellt und im Jahr 1922 an die
beiten des ersten Kärntner Wind- jene Menge CO2 eingespart, die mehr Gemeinde Reichenau verkauft. Heute
parks. „Damit kann der Wind- als 11.000 Autos im Jahr ausstoßen.“ erzeugt die bereits 1929 eingebaute Fran-
kraftausbau in Kärnten, der mit zwei ECOwind ist ein Projektentwickler cis Schachturbine umweltfreundlichen
Einzelwindrädern am Plöckenpass und Generalunternehmer für Wind- und sauberen Strom für rund 150 Haus-
1997 und 2017 begonnen wurde, und PV-Projekte in Österreich und halte in der Region. EVN-Unternehmens-
endlich richtig starten“, freut sich Südost-Europa. Als Pionier der Wind- sprecher Stefan Zach: „Das Gebäude ist
Johan Janker, Projektbetreiber ECO- branche ist ECOwind seit Beginn der Modernisierung ein gutes Beispiel, wie sich die Entwick-
wind: „In Summe werden im nächs- Windkraftentwicklung in Österreich Klimaneutrale Region Burgenland: Johann Pluy, Vorstandsdirektor der ÖBB-Infra- lung den Erfordernissen der Jahrzehnte
ten Jahr acht Windräder errichtet, die an der Energiewende beteiligt. der eObus-Flotte struktur AG, Bundesministerin Leonore Gewessler und Stephan Sharma, Vorsitzen- angepasst hat, und auch ein schöner
der des Vorstands der Energie Burgenland (v. l.)
Nun erreichte auch der letzte von Beweis für die Beständigkeit dieser Form
sieben im Dezember 2019 bestell- der Energiegewinnung.“
Illwerke vkw steigt in Solarbranche ein ten eObussen das Betriebsge-
lände der Salzburg AG in der Energiereiches Bündnis
ELIA ZILBERBERG, EVN_VEITH, ADOBE STOCK, SALZBURGAG
Um die Klimaziele des Landes und des Bundes zu erreichen, soll der Aus- Alpenstraße. Zum Fuhrpark der
bau von Photovoltaik weiter vorangetrieben werden. Um das große Poten- Salzburg AG gehören 22 eObusse Um das Ziel, die erste klimaneutrale Region der Welt zu werden, zu
zial dieses Wachstumsmarktes noch besser nutzen zu können, beteiligt der Firma HESS. Weitere sieben erreichen, unterzeichneten die Energie Burgenland und die ÖBB-Infra-
sich die illwerke vkw AG an einem der renommiertesten Solartechnik- eObusse folgen im ersten Quartal struktur AG eine Kooperationsvereinbarung. Konkret soll der Bau von
Unternehmen Vorarlbergs. Die 1992 gegründete DOMA Solartechnik 2022. Die 18,7 Meter langen weiteren Wind- und Sonnenkraftwerken schneller realisiert werden.
GmbH befindet sich im Eigentum der Ernst Schweizer AG und beschäftigt Gelenk-eObusse bieten Platz für je Möglich sind Anlagen mit einer Leistung von insgesamt 250 GWh bis
am Standort Satteins rund 40 Mitarbeitende, davon gut 20 im Photovol- 155 Fahrgäste. Fast zwei Jahre sind 2025 – das ist der Jahresverbrauch von rund 70.000 Haushalten. Bereits
taik-Betrieb. Die illwerke vkw AG beteiligt sich am Photovoltaik-Betrieb die ersten 15 Fahrzeuge nun auch im kommenden Jahr sollen die ersten Projekte ans Netz gehen. „Wir
des Unternehmens, um den Ausbau von nachhaltigen Erzeugungsanlagen schon im Vollbetrieb auf Salzburgs wollen als Greentech-Unternehmen einen entscheidenden Beitrag am
in Vorarlberg zu intensivieren. Die Ernst Schweizer AG bleibt als Partnerin Straßen unterwegs. Die gesamte Weg zur Klimaneutralität leisten – mit grünen Produkten und Lösungen Beständigkeit der Energiegewinnung: Wo sich
im Joint-Venture und wird zudem am Standort Satteins weiterhin das Flotte läuft laut Salzburg AG mehr für unsere Partner und Kunden“, so Stephan Sharma, Vorsitzender des früher große Mühlsteine drehten, arbeitet jetzt
eine Turbine zur Stromgewinnung.
Geschäft mit Photovoltaik-Unterkonstruktionen betreiben. als zuverlässig. Vorstands der Energie Burgenland.
8 StromLinie 03/2021 StromLinie 03/2021 9Energiepolitik Briefing
70.000 kg CO2 will ein Nachtklub
Zahl des Monats im schottischen Glasgow einsparen,
indem er die Bewegungsenergie
der Personen auf der Tanzfläche in
elektrische Energie umwandelt. Die
Initiative und die Technologie des so
genannten Bodyheat-Systems wurde im
Rahmen der von der UN unterstützten
COP26-Klimakonferenz vorgestellt.
Energie AG: App ermöglicht
Sonnenstrom für jedermann
Um die Nutzung von Sonnenstrom in Oberösterreich voranzutreiben,
Strom kann jetzt grenzübergreifend fließen: möchte die Energie AG mit ihrer Initiative „E-Fairteiler“ einen Beitrag
LH Maurizio Fugatti, LH Günther Platter, LH Arno Kompatscher (v. l.) PERSONALIA leisten. Mit der dazugehörigen App und einem eigenen neuen
Tarifkonzept macht das Unternehmen PV-Strom auch für Menschen
ohne PV-Anlage auf dem eigenen Dach nutzbar. „Damit wird in
Symbolträchtiger Andreas Reinhardt Oberösterreich einmal mehr ein innovativer Schritt in Richtung
Der Leiter des Bereichs Ener- Energiezukunft gesetzt“, unterstreicht Wirtschafts- und Energie-
Stromzusammenschluss
giedienstleistungen bei der Bei der Präsentation der E-Fairteiler-App: Energielandes- Landesrat Markus Achleitner, Aufsichtsratsvorsitzender der Energie
Linz AG übernahm mit Anfang rat Markus Achleitner, Vorsitzender des Aufsichtsrates AG. Die E-Fairteiler-App unterstützt die praktische Umsetzung
August den Vorsitz im Bundes- der Energie AG, und Generaldirektor Werner Steinecker,
von erneuerbaren Energiegemeinschaften.
verband Elektromobilität Vorsitzender des Vorstandes der Energie AG (v. l.)
Am Brenner ist im wahrsten Sinne werk Edyna am Brenner ein Spezi- Österreich (BEÖ). Reinhardt
des Wortes der Funke überge- altransformator installiert, um eine folgt auf Ute Teufelberger, die
sprungen. Erstmals seit 60 Jahren Vereinbarkeit der unterschiedli- den Vorsitz in den letzten drei
sind die Stromnetze zwischen chen Betriebsspannungen in Nord- Jahren innehatte und die
Geschäftsführung der neu
Nord- und Südtirol mit der Wieder- und Südtirol herzustellen. „Mit der
Fachtagung EAG
gegründeten E-VO eMobility
herstellung der Leitungsverbindung Fertigstellung und Inbetriebnahme GmbH übernommen hat.
zwischen den Netzbereichen Nord- des Umspannwerks durch den
und Südtirol im Umspannwerk italienischen Netzbetreiber TERNA Michael Woltran
Edyna wieder verbunden. Für den kann der Strom künftig wieder Nach fünf Jahren als Vorstands- Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz und seine
Auswirkungen auf die österreichische E-Wirtschaft
Zusammenschluss waren der Neu- grenzüberschreitend fließen und mitglied der AGGM Austrian
bau und die Erweiterung von die Sicherheit der Stromversorgung Gas Grid Management AG
schied Edwin Kaufmann Anfang
Umspannwerken und Hochspan- wird weiter erhöht“, informiert
Juni 2021 aus dem Unterneh-
nungsleitungen im Wipptal in Nord- Erich Entstrasser, Vorstandsvorsit- men aus und stellt sich neuen
und Südtirol erforderlich. Zudem zender der TIWAG-Gruppe und beruflichen Herausforderun-
wurde im neu gebauten Umspann- zugleich TINETZ-Aufsichtsratschef. gen. Michael Woltran wurde
vom Aufsichtsrat als Nachfol-
ger bestellt und wird für die
Bereiche Gasflusssteuerung &
Optimierung sowie Finanzen &
Services verantwortlich sein.
Ansage des Monats Michael Woltran wird das
Unternehmen gemeinsam mit
„Die Zukunft muss Vorstand Bernhard Painz leiten.
inklusiv sein – die Einbindung
Hauke Hinrichs
von Frauen ist ein Muss.
ENERGIE AG, ADOBE STOCK, BEOE/TOM SON
Ab Oktober ist Hauke Hinrichs
Sonst wird auch die digitale Allein-Geschäftsführer von
SMATRICS. Hinrichs hat an der
Bis 2030 soll der Strombedarf über das Jahr betrachtet vollständig aus nach-
haltigen Energiequellen gedeckt werden. Im Rahmen dieser Fachtagung werden
Transformation nicht gelingen.“ Rheinisch-Westfälischen Tech-
das EAG und seine vielfältigen Auswirkungen auf alle Bereiche der österreich-
nischen Hochschule Aachen
(RWTH) Wirtschaftsingenieur- ischen E-Wirtschaft beleuchtet. Hochkarätige Vortragende skizzieren hierbei
wesen mit Schwerpunkt Elek die Kernthemen und stellen diese zur Diskussion.
trische Energietechnik stu-
CINDY CHIN, Unternehmerin und Wirt- diert und am Imperial College Erfahren Sie mit welchen Anpassungen Sie rechnen müssen, welche Chancen
Jetz
anmeldte
schaftsstrategin, beim neuen Event-Format London zum Thema Energie das neue Gesetz eröffnet und was sich bei der Umsetzung der entsprechenden
politik geforscht. Verordnungen noch ergeben kann.
„#DIEZUKUNFT TRIFFT“ der Salzburg AG
n!
6. Oktober 2021 | Radisson Blu Park Royal Palace Hotel Vienna, 1140 Wien akad
oesterre emie.
10 StromLinie 03/2021 ichsene
rgie.atGraphen des Monats Energiepolitik
So entwickeln sich Emissionen
und Klima bis 2100*
Der Weltklimarat (IPCC) hat 5 narrative Szenarien entwickelt, welche die wichtigsten demographischen,
technologischen, politischen, sozioökonomischen, institutionellen und Lebensstil-Trends im Rahmen dieser
sozioökonomischen Entwicklungspfade (Shared Socioeconomic Pathways) beschreiben.
*aus der aktuellen Veröffentlichung des UNO-Klimarates IPCC, der Anfang August für Schlagzeilen sorgte, Quelle: IPCC (2021)
Mögliche Entwicklung der CO2-Emissionen bis 2100 Erderwärmung bis 2100
In Gigtatonnen CO2/Jahr in den fünf Szenarien des Weltklimarates (IPCC) in °C in den fünf Szenarien des Weltklimarates
140
Was die Szenarien beschreiben
120
SSP5-8.5
5 SSP1
Diese beiden Szenarien sind am ehesten mit dem Ziel des Pariser
Klimaschutzabkommens vergleichbar, das vorsieht, die Erderwärmung SSP5-8.5
bis 2100 auf unter 2 °C zu begrenzen.
100
SSP2
Dieses Szenario könnte eintreffen, wenn die aktuellen klimapolitischen
4
SSP3-7.0
Ziele weltweit wie geplant umgesetzt werden. SSP3-7.0
80 SSP5
Diese Szenario bildet den klimapolitischen Worst Case.
Dabei wird ein weitgehendes Scheitern aller klimapolitischen
3 Ambitionen und ein sehr hohes globales Wachstum
60 auf Basis von fossilen Energieträgern angenommen.
SSP2-4.5
40 2
SSP1-2.6
20 SSP1-1.9
SSP2-4.5 1
0
SSP1-2.6
SSP1-1.9 0
–20
2015 2050 2100 1915 2015 2050 2100
Das braucht es für den Eintritt des Best-Case-Szenarios Wie uns die Technologie bei der Zielerreichung hilft
Die notwendige Transformation des globalen Stromerzeugungsmixes zur Erreichung
des 1,5-Grad-Zieles bis 2050. Angaben in TWh, Quelle: IRENA (2021) Batteriepreise für E-Fahrzeuge Entwicklung der Stromgestehungskosten
Angaben in US-Dollar/kWh, Quelle: BloombergNEF (2020) Angaben in US-Dollar/MWh, Quelle: IRENA (2021)
EE*:90 %
FEE**: 63 %
1.100 150
75.000
Sonstige Nuklear Kostenbereich
Windkraft Gas 1.000 für fossile Brennstoffe
60.000 PV Öl
100
Biomasse/Biogas Kohle 800
45.000 Wasserkraft
(ohne Pumpspeicher) Wind
600 Offshore
EE: 25 %
30.000 FEE: 10 %
–50 %
400 50 PV
–55 %
ADOBE STOCK
15.000 Wind
200
Onshore
–45 %
0
2018 2050 *EE: Erneuerbare ** FEE: Fluktuierende Erneuerbare 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2019 2025 2030
12 StromLinie 03/2021 StromLinie 03/2021 13Energiepolitik
„Energieversorger
können Verhinderer sein
– oder Treiber“
Der Grazer Klimaforscher Keywan Riahi über die
Pionierleistung der heimischen E-Wirtschaft, schlecht verzinste
Klimainvestitionen in Europa – und warum er allen Unkenrufen
zum Trotz zuversichtlich ist, dass die Menschheit die schlimmsten
Auswirkungen der Klimakrise abwenden können wird.
Vor einigen Wochen wurde der neue „Die wirtschaftlichen bereit wären.“ Gerade für entwi-
IPCC-Bericht zur Erderwärmung ckelte Industrienationen sei eine
veröffentlicht, der für ziemliches Auswirkungen der Umstellung dramatisch günstiger.
Aufsehen gesorgt hat. Haben Sie Emissionsvermeidung Warum?
RIAHI: Wenn Sie die Emissionsvermei-
daran direkt mitgearbeitet?
KEYWAN RIAHI: In dem ersten Teil des
in Prozent vom Brutto- dungskosten verschiedener Regionen
Berichts der IPCC geht es um Klima- sozialprodukt sind in vergleichen, schneiden jene Länder, die
projektionen – daran war ich nur indi- Europa halb so hoch fossile Energie exportieren, natürlich
rekt beteiligt, weil darin die von uns viel schlechter ab. Wir haben schlicht
modellierten Klimaszenarien Verwen-
wie im globalen geringere Stranded Costs – und einen
dung finden. Zwei meiner Kollegen hier Schnitt.“ doppelten Gewinn, wenn wir das Sys-
in Laxenburg waren daran übrigens Riahi über die Kosten von Klimawandel tem vollständig reformieren, weil wir
sogar federführend beteiligt. Direkter schäden im Vergleich zu Vermeidungskosten das Geld, das wir für Erdöl und Erdgas
Mitautor bin ich im Teil 3, dem Vermei- ausgeben, anderweitig investieren
dungskapitel des IPCC-Berichts, der im können. Ein Gewinn, selbst wenn die
März erscheinen wird. Wertschöpfungskette der Bereitstellung
empirische Daten zu den lokalen und der lokalen Energie teurer ist. Die Keywan Riahi: Der
Im Bericht selbst, der jetzt schon regionalen Auswirkungen auf die Häu- Vermeidungskosten in Prozent vom Mathematiker leitet das
für 2030 eine Erderwärmung von figkeit von Extremereignissen. Wir Energieprogramm des
1,5 Grad vorhersagt, wird vermerkt, haben ebenso verbesserte Modelle, die Internationalen Instituts für
dass nichts von dem, was man über aus den globalen Szenarien auch regio- angewandte Systemanalyse
den Klimawandel weiß, neu ist. nale Extremereignisse erarbeiten. Das und ist seit Jahren einer
Was ist die eigentliche Bedeutung bedeutet, wir können heute viel besser der führenden Autoren des
der Veröffentlichung?
RIAHI: Wir wissen seit langem sicher,
abschätzen, was die Auswirkungen des
Klimawandels auf die Menschen sind.
Zur Person UNO- Weltklimarates IPCC.
dass der Temperaturwandel in den Der Grazer Keywan Riahi ist laut Reuters
der einflussreichste Klimaforscher der
nächsten Jahrzehnten je nach globaler Klar ist: Nichts von dem, was wir Erde. Im Brotberuf leitet der Mathematiker
Reaktion zwischen 1,5 und 5 Grad sein derzeit als Klimawandel spüren, das Energieprogramm des Internationalen
wird. Wo der Bericht einen Quanten- wird rückgängig zu machen sein. In Instituts für angewandte Systemanalyse
sprung darstellt, ist das Wissen, wie einem Interview haben Sie zuletzt und ist seit Jahren einer der führenden
FOTOS: MATTHIAS HESCHL
Autoren des UNO-Weltklimarates IPCC.
sich dieser Temperaturwandel in die gesagt: „Wir können für die Zukunft
Im August hat der Weltklimarat mit einem
Häufigkeit und Intensität von Extre- wählen, ob wir Vermeidungskosten aufrüttelnden Bericht über den fortschrei
mereignissen umwandelt. Wir haben in Kauf nehmen oder weitere Kli- tenden Klimawandel, an dem Riahi mit
viele neue Studien und bessere, neue maänderungskosten zu zahlen gearbeitet hat, für Schlagzeilen gesorgt.
14 StromLinie 03/2021 15Energiepolitik
Bruttosozialprodukt sind in Europa RIAHI: Da gibt es ein riesiges Potenzial,
halb so hoch wie im globalen Schnitt, etwa durch Kleinproduzenten, die zu
im Nahen Osten und Russland doppelt gleichwertigen Marktteilnehmern wer-
so hoch – und in Afrika, Asien, und den. Aber fast genauso wichtig ist es
Lateinamerika rund am globalen sicherzustellen, dass die großen Unter-
Durchschnitt. nehmen für ihre Resilienz als Dienst-
leistung vom Staat unterstützt werden.
Was sind denn die Kosten in Prozent Ich bin überzeugt, dass in der Zukunft
vom Bruttosozialprodukt? Elektromobilität: Ein neues dienstleistungsorientiertes Mobilitätssystem die EVUs mehr Resilienzmanager des
RIAHI: Da schwanken die Annahmen wird sich nur durchsetzen, wenn es für den Verbraucher mehr Nutzen hat Systems als große Stromproduzenten
natürlich aufgrund der Komplexität als der eigene Wagen, meint Riahi. sein werden. In Österreich wahrschein-
sehr stark, zwischen ein und bis zu 10 lich in etwas geringerem Maße als
Prozent des globalen Bruttosozialpro- „Wir werden niemals Ein Kraftakt, der Netzausbau, Netz international – dies vor allem wegen
dukts. Unter der Annahme, dass wir umbau und unzählige große und des großen Wasserkraftpotenzials. In
global kollaborieren und tatsächlich vom Auto auf ein kleine Projekte mit unheimlich lan- Ländern, die von einem System kom-
dort Maßnahmen setzen, wo sie global schlechteres System gen Verfahrensdauern beinhaltet. men, das sehr auf fossile Strombereit-
am günstigsten sind, zeigen die ein- Gerade da hakt es. Viele Experten stellung setzt, wird das System wohl
schlägigen Studien einen Mittelwert
umsteigen.“ sagen: Großprojekte wie die Donau- noch viel radikaler umgebaut werden
von 3–4 Prozent GDP-Loss zur Errei- Riahi über Mobilitätskonzepte der Zukunft kraftwerke, die für die positive müssen als hierzulande. Wenn wir
chung des 1,5-Grad-Szenarios. Es ist Klimabilanz Österreichs verant- Elektrifizierung der Bedarfssysteme
aber klar: Hier geht es nur um die Ver- wortlich sind, wären heute gar nicht schaffen, wird es nicht dazu führen,
meidungskosten. Die Kosten des Wenn es um die Umsetzung von Kli- umsetzbar. Können partizipative dass Strom ein schlechteres Geschäft
Nichtstuns, also die Kosten, die uns maschutzmaßnahmen geht, scheint Demokratien große Systemumstel- für EVUs wird. Jemand muss sicher-
durch Klimaänderung ökonomisch ent- Österreich im Vergleich mit anderen lungen, die so schnell gehen müssen, stellen, dass Strom zu jedem Zeitpunkt
stehen, sind weitaus höher. Und nicht EU-Staaten ziemlich im Hintertref- überhaupt stemmen? jederzeit gedeckt werden kann. Die
• Kunststoffkabel 1 bis 36 kV
monetär bewertbare Faktoren sind da fen zu sein. Noch gibt es keine natio- RIAHI: Absolut. Nur die Zielkonflikte Resilienz als Dienstleistung anzubie-
nicht eingerechnet: Was ist der Wert nale CO2-Bepreisung, auf das Ener- müssen transparent als diese diskutiert ten, können nur die Großen, es wird • Kabelgarnituren - Raychem
einer Spezies, die nicht zur Landwirt- gieeffizienzgesetz wartet die werden. Nicht jedes Wasserkraftwerk nicht immer ökonomisch sein – und
schaft beiträgt, beispielsweise? E-Wirtschaft seit langem. Warum wird gebaut werden können. Ich glaube, genau da muss und wird es auch Unter-
• Kabelschutzmaterial
ist Österreich so langsam? es ist auch gar nicht notwendig, auf eine stützung von der Politik geben. • Hauff-Technik Kabel- u.
Sie sagen, dass die Maßnahmen dann RIAHI: In vielen Bereichen ist Österreich Produktionsexplosion – also den riesi- Rohrdurchführungen
am effizientesten sind, wenn sie dort auch führend, nur nicht bei den Klima- gen Ausbau der Produktionssysteme Wenn Sie den CEO eines großen EVU
vorgenommen werden, wo sie den maßnahmen. Im Bereich ökologischer – hin zu planen. Wir müssen neben der beraten müssten, was würden Sie • Horstmann-Kurzschlussanzeiger
meisten Nutzen stiften. Das ist Landwirtschaft, bei den Luftreinhalte- Umstellung im Produktionsbereich auch ihm strategisch raten?
eigentlich das Argument der Gegner gesetzen und der Wasserqualität ist den Konsum durch Digitalisierung opti- RIAHI: Ich würde raten, den Umbau zu
• Lemp-Werkzeuge 1000 V isoliert
der höchst ambitionierten Klima- Österreich unter den Weltführern – nur mieren. Datenflüsse zwischen allen ein- einem Resilienzunternehmen vorzu- • Schaltanlagen (SF6)
schutzmaßnahmen in Europa. Ein wenn es um die Leistungen in einem zelnen Endnutzungsgeräten müssen nehmen. Es wird auch notwendig sein,
eingesetzter Euro Investition ist in treibhausgasneutralen Umfeld geht, komplett friktionsfrei sein: Jedes Auto viel enger mit der Bedarfsseite zusam- • Guro-Mastklemmkästen
Europa viel schlechter verzinst, als passiert da nicht viel. Dafür gibt es muss wissen, wie viel der Strom kostet, menzuarbeiten, um ein optimales Pro-
• Verbindungstechnik
wenn er in Afrika oder Asien inves- einige Gründe: Zum einen starten wir der gerade geladen wird, muss verbun- duktions- und Demand-Management
tiert wird. Was ist Ihr Gegenargu- von einem relativ hohen Niveau, etwa den sein mit öffentlichem Verkehr, der betreiben zu können. Hierzu muss die • Flach- u. Runderder
ment? im Elektrizitätsbereich. Da leisten wir die Frequenz darauf aufbaut, wo die Datenvernetzung der verschiedenen
RIAHI: Um das Klima global zu stabili- – auch aufgrund des hohen Wasserkraf- Menschen hinwollen. Dann wird man es Akteure im Stromsystem forciert wer- • Seile u. Fahrdrähte
sieren, benötigen wir Nullemissionen. tanteils – für das Ziel der Klimaneutrali- schaffen, besseres Service mit einem den. Da werden die EVUs eine ent- • Mastfüße u. Zubehör
Um das zu erreichen, braucht es einen tät in Europa gerade Pionierarbeit. Aber Bruchteil der derzeitigen Infrastruktur scheidende Rolle spielen – und somit
fundamentalen strukturellen Wandel. das größte Potenzial, was zusätzliche und des derzeitigen Energiebedarfs • Freileitungsmaterial
Man muss in jenen Ländern, in denen Klimamaßnahmen anbelangt, wird bereitzustellen.
Innovationskraft und die Kapazität national nicht im Stromsektor zu holen „Auch wenn Klimamaßnahmen • Stromzähler (Smart Meter)
vorhanden ist, zeigen, dass dieser Wan- sein – das wird im Transport und im Kaum eine andere Branche hat das, in den Entwicklungsländern • Verteilerschränke u. Zubehör
del durchführbar ist. Erst dann, wenn Industriesektor passieren müssen. Wir was Sie für die Zukunft fordern,
Lösungen bug-free sind, können sie müssen das zweischneidige Schwert nämlich Sharing Economy, so stark günstiger sind, müssen wir hier • Sowie weitere Energie-
global umgesetzt werden. Aber es scharf schleifen und die Bedarfssysteme für die Zukunft gesetzlich geregelt die Lösungen erfinden und verteilungsprodukte und Zubehör
macht natürlich durchaus Sinn, erneu- so rasch wie möglich elektrifizieren. wie die Energiewirtschaft: soge- bug-free bekommen, um sie
erbare Energien in Afrika auszubauen nannte Energiegemeinschaften, also
und sich das als Teil der eigenen Kli- Österreich hat sich das Ziel gesetzt, eine Gruppe, die den Strom, den sie global umsetzen zu können.“
maschutzaufwendungen gutschreiben bis 2030 nur noch Strom aus nach- erzeugt auch selbst verbraucht. Ist Riahi über das Argument, Klimainvestitionen seien in Europa
zu lassen. haltigen Quellen zu produzieren. das die Zukunft? weniger effizient eingesetzt Tel: + 43 (0)1 405 15 97
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entweder ein Teil der Lösung oder des Menschen, die keinen Führerschein „Wichtig ist es Eine Abschlussfrage: Wenn ich Sie
Problems werden. Das ist die strategi- mehr haben, stark steigt. Und für viele richtig interpretiere, setzen Sie vor
sche Entscheidung. Menschen in Städten ist es – auch sicherzustellen, dass allem auf technologische Innovation
wenn die Verkaufszahlen der großen die großen Unterneh- und Disruption, um den Klimawan-
Hersteller noch anderes erzählen –
Ihre Kollegen in der Klimawissen-
schaft gehen davon aus, dass es mittlerweile ein wenig peinlich, einen
men der E-Wirtschaft del zu bekämpfen – und weniger auf
politische Maßnahmen?
gerade in entwickelten Volkswirt- SUV zu fahren… für ihre Resilienz als RIAHI: (lacht) Ich glaube, da interpre-
schaften durchaus auch Emissions- Dienstleistung vom tieren Sie mich völlig falsch. Ich bin
senker, also als Negativ-Emittenten, Sehen Sie bei Elektromobilität nicht sehr optimistisch, was die technologi-
geben müssen wird. Sehen Sie Unter- auch Nachfrageprobleme? Wie man Staat unterstützt schen Fähigkeiten und den Werkzeug-
nehmen der Energiebranche auch in Strom als Energieträger der Zukunft: Riahi setzt auf die hört, werden etwa in China bei- werden.“ kasten betrifft, der uns zur Verfügung
dieser Rolle? komplette Elektrifizierung des Transportsektors. spielsweise E-Mobilitätspläne Riahi über die Rolle der Energieversorger im steht. Und die gute Nachricht: Es gibt
RIAHI: Natürlich ist das denkbar. Es gibt zurückgefahren, weil die Versor- Zusammenspiel mit Energiegemeinschaften viele Alternativen, nicht nur einen
ein großes Portfolio von Maßnahmen, Die Umstellung unseres Transport- gung von ganz China mit entspre- richtigen technologischen Weg. Was
mit denen man CO2 aus der Atmosphäre
„Im Energiebereich systems wird wohl ohne Verzicht chenden Starkstromleitungen zu ich allerdings glaube, ist, dass es weit-
entnehmen kann: Diese reichen von der leisten wir für das Ziel nicht gehen … Kupferengpässen führen würde … pungen kommen – aber wenn man aus mutigere Politikmaßnahmen
Aufforstung bis zur Energieerzeugung der Klimaneutralität RIAHI: Genau das glaube ich eben RIAHI: (lacht) Der Mining-Sektor ist etwas aus der Geschichte des System- braucht als jene, die wir derzeit set-
durch Biomasse, wo CO2 aus dem nicht. Wir werden niemals, um ein Bei- nicht der innovativste. Wenn wir uns die wandels lernen kann, ist es das, dass die zen: Wir haben das in den 60er- und
Rauchgas entnommen wird und wieder in Europa gerade spiel zu nennen, vom Auto auf ein Historie der Ressourcen anschauen, Ressource-Constraints nicht den Aus- 70er-Jahren gekonnt – und damals das
in Lagerstätten gepumpt wird; oder Pionierarbeit.“ schlechteres System umsteigen. haben wir letztendlich immer mehr Res- schlag geben, sondern die Innovations- jetzige Energiesystem aufgebaut. Eine
etwa Direct CO2 Capture, wo das CO2 Riahi über das 100-Prozent-Ziel der sourcen abgebaut als angenommen. kraft und Richtung. Somit ist die Frage entscheidende Frage ist, ob die Politik
direkt aus der Atmosphäre entnommen E-Wirtschaft 2030 Wie kann denn so ein besseres Sys- Sobald Mineralien oder Rohstoffe wich- eher, welches Material in der Zukunft heute auf ähnliche Weise die Rahmen-
und gelagert wird. Technologisch wird tem für Menschen aussehen, die tig wurden, fanden wir Wege und Inno- den Kupfer oder andere knappe Materia- bedingungen für die neue, verbesserte
in diesem Bereich intensiv geforscht ihren Wagen als Ausdruck persönli- vationen, sie zu schürfen. Möglicher- lien ersetzen kann – das ist aus heutiger und klimafreundliche Infrastruktur
und einige Pilotprojekte werden bereits cher Freiheit oder Ausdruck indivi- weise wird es zu kurzfristigen Verknap- Sicht schwer vorherzusehen. setzen kann.
gebaut. Ich persönlich denke, es wird duellen Wohlstands sehen?
Nischenmärkte geben – wie groß diese Technologie lernt, hängt maßgeblich RIAHI: Das ist die große Herausforde-
werden, wird davon abhängen, wie davon ab, wie groß die Stückzahl ist. rung: Wie können wir ein neues dienst-
erfolgreich wir darin sind, die Sektoren Elektromobilität hat den großen Vor- leistungsorientiertes Mobilitätssystem
zu dekarbonisieren und wie hoch der teil, mittlerweile ein Massenprodukt zu so designen, dass es für den Verbrau-
Preis für den letztlich verbleibenden sein. Der Preisverfall und die Innova cher mehr Nutzen hat? Wenn es ein
CO2-Anteil ist, den wir abbauen müssen. tionen im Batteriespeicherbereich sind System gibt, das einen von A nach B
Es kann durchaus sein, dass da die Auf- derzeit so stark, dass dieser Vorteil von günstiger und mit einer besseren Mobi-
forstung reichen wird. der Brennstoffzelle vielleicht nicht
mehr aufgeholt werden kann.
litätsqualität befördern würde, ist der
Umstieg vom Auto kein Verzicht. Ver- Wir nutzen den Wind
für Veränderung.
Was wird der Energieträger der zichtvermeidung funktioniert nur,
Zukunft sein? Was bedeutet das für den Energie- indem man ein besseres System
RIAHI: Wasserstoff kann durchaus träger „grüner“ Wasserstoff? Um schafft. Ein neues Mobilitätssystem ist
auch ein Energieträger der Zukunft für den großen, industriellen Ein- keinesfalls Straßenbahn für alle.
sein – aber, und ich glaube ich verrate satz – etwa zur Stahlproduktion, wo Zusätzliche Infrastrukturmaßnahmen
Ihnen da nichts Neues: Strom dürfte man hunderttausende Tonnen benö- müssen z. B. ein dichtes Ladenetz zur
sich als der wichtigste Energieträger tigt – zur Verfügung zu stehen, Verfügung stellen, um bequemes und
der Zukunft durchsetzen. Wenn wir braucht es ja eine Kommerzialisie- rasches „Auftanken“ zu ermöglichen.
unser Transportsystem komplett elek rungsphase … Langfristig braucht es innovative
trifizieren, dann haben wir ein sehr RIAHI: Wasserstoff wird seine Nischen- Lösungen, wie zum Beispiel induktives
sauberes System. märkte haben. Wasserstoff kann von Aufladen des E-Autos während der
jedem Synthesegas erzeugt werden Fahrt. Dann würde das E-Auto eindeu-
Das bedeutet, Sie sehen Wasserstoff, und ist somit auch gut kombinierbar tig besseren Service bieten. Wenn wir
also die Brennstoffzelle, im Mobili- mit CO2-Abscheidung. Er kann auch auch eine Sharing-Economy ermögli-
tätsbereich nicht als Zukunftstech- durch die Elektrolyse aus erneuerbaren chen, hätten wir den zusätzlichen
nologie? Quellen erzeugt werden. Die vielen Benefit einer höheren Lebensqualität,
RIAHI: Wenn Sie mich vor 20 Jahren Erzeugungsmöglichkeiten und die gute da wir Flächen, auf denen wir uns
gefragt hätten, hätte ich gesagt: „Oh Speicherbarkeit sind die Stärke von heute stauen oder die wir verparken,
doch.“ Damals habe ich sogar ein ziem- Wasserstoff. Eine industrielle Verwen- mit Leben füllen können. Aber ich
lich bekanntes Paper zu dem Thema dung scheint mir daher durchaus sinn- glaube, wir sind die ersten Schritte Damit wir die Klimaziele erreichen, brauchen wir in den kommenden Jahren mehr Strom aus erneuerbaren
verfasst, das noch immer zitiert wird. voll und möglich. Im Transportsektor dieses Weges schon unterwegs: Die Quellen. Dafür investieren unsere Unternehmen laufend in die Stromerzeugung aus Wind, Wasser und
BEIGESTELLT
Aber mein Verständnis aus der Techno- halte ich das jedoch für eher unwahr- Möglichkeit, in der Stadt autofrei zu Sonne. So schaffen wir Wertschöpfung, sichern die Energieversorgung und schützen das Klima.
logiediffusion sagt mir: Wie stark eine scheinlich. leben, führt dazu, dass die Anzahl der
18 StromLinie 03/2021
Österreichs E-Wirtschaft investiert nachhaltig.Energiepolitik Energiepolitik
„Gut und schlüssig“
Oesterreichs Energie ist mit dem Paket um das
Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) grundsätzlich
zufrieden, obwohl es einige kritische Punkte enthält.
Nun gilt es, das Paket zügig umzusetzen.
E
s freut uns, dass Regierung und Opposi- die Wasserkraft. Sie bedauert allerdings die Einfüh-
tion an einem Strang gezogen und am rung zusätzlicher ökologischer Kriterien für die För-
Ende ein auf den ersten Blick gutes und derbarkeit – umso mehr, als bekanntlich in den Ge-
schlüssiges Gesetz verhandelt haben.“ So nehmigungsverfahren die Umweltverträglichkeit der
beurteilt Michael Strugl, der Präsident jeweiligen Projekte umfassend geprüft wird. Bei der
von Oesterreichs Energie, das Paket um das Erneu- Photovoltaik wurden gegenüber dem Ministerialent-
erbaren-Ausbau-Gesetz (EAG), das am 27. Juli im wurf vom März des heurigen Jahres nicht zu unter-
Amtsblatt der Republik Österreich veröffentlicht schätzende Verbesserungen erzielt. Mithilfe der zu er-
wurde und seit dem 28. Juli in weiten Teilen in lassenden Verordnungen erscheint es möglich, noch
Kraft ist. Eine der wesentlichsten Bestimmungen, bestehende Unebenheiten zu glätten, etwa hinsicht-
die Neuregelung der Ökostromförderung mit Markt- lich der Standortdifferenzierung für die Windkraft,
prämien, bedarf indessen der Genehmigung seitens also der Kompensation der wirtschaftlichen Nachteile
der EU-Kommission. Nach Aussagen der Bundesre- weniger ertragreicher Standorte. Erfreulich sei aus
gierung sind die Verhandlungen im Gange. Wann Sicht von Oesterreichs Energie weiters „die Förderung
die Genehmigung erfolgt, ist jedoch nicht abzuse- von Wasserstoff im Interesse der Sektorkopplung“.
hen. Auch in Österreich selbst ist noch mancherlei
zu tun: Es gilt, eine Reihe von Ausführungsgesetzen Kritische Punkte
zu beschließen sowie Verordnungen zu erlassen. Einige Punkte sieht die Branche indessen kritisch.
Ferner müssen die Bundesländer ihre energierechtli- Zu den wichtigsten davon gehören die Bestimmun-
chen Bestimmungen an das Paket anpassen. Strugl gen hinsichtlich der Erneuerbaren-Energie-Gemein-
mahnt daher: „Der erste Schritt ist gemacht, weitere schaften. Diese Gemeinschaften werden von Oester-
müssen nun folgen. Wir brauchen eine zügige Notifi- reichs Energie als Instrument zur Schaffung von
zierung des Pakets durch die EU, eine rasche, prag- Akzeptanz für Infrastrukturprojekte begrüßt, weil
matische Umsetzung der entsprechenden Verord- die Bürger selbst auf den unteren Netzebenen als
nungen und eine positive Stimmung für die Errich- Erzeuger auftreten können. Kritisch gesehen werden
tung der notwendigen Infrastruktur.“ die ihnen eingeräumten Vorteile von den günstige-
ren Netztarifen bis zu den Förderungen für selbst
Vieles zu begrüßen nicht verbrauchten Strom. Nicht gut gelungen sind
Zu begrüßen seien laut Strugl insbesondere die „diffe- aus Sicht der E-Wirtschaft auch die Bestimmungen
renzierte Förderkulisse, die Definition technologiespe- zur Förderung von Wasserstoff: Insbesondere ist es
zifischer Ausbaupfade, die einen gleichzeitigen Aus- nachteilig, dass Einspeisung in die bestehende Gas-
bau aller Erzeugungsformen sicherstellt, und die Ein- infrastruktur nicht zulässig ist. Auch die Fördermit- „Der erste Schritt ist
führung einer wettbewerbsorientierten Marktprämie“. tel wurden im Vergleich zum Ministerialentwurf
Positiv beurteilt die Branche weiters die „umfassende von 50 auf 40 Millionen Euro verringert. Nachste- gemacht, weitere müssen
und treffsichere Gestaltung des Förderrahmens“ für hend die Analyse des EAG-Pakets.
nun folgen.“
Michael Strugl, Präsident von Oesterreichs Energie
ADOBE STOCK
20 StromLinie 03/2021 StromLinie 03/2021 21Energiepolitik Energiepolitik
Steckbrief:
Das Erneuerbaren- Thema Geregelt in Anmerkungen
Ausbau-Gesetz Entfernung von Doppelbelastungen für
systemrelevante Flexibilitätsressourcen
§ 73 EAG positiv
■ Entfall doppelter Netzentgeltgebühren für Pumpspeicher
und Elektrolyseure für 15 Jahre
negativ
■ keine generelle Ausnahme aller Speichertechnologien von
Das bedeutet das EAG für die Energiewirtschaft den Netzgebühren
Kostenbefreiung für einkommens- § 72 und § 72a EAG positiv
schwache Haushalte ■ Für Haushalte mit geringen Einkommen sind die Ökostrombeträge
mit 75 Euro gedeckelt. Mehrkosten werden sozialisiert.
negativ
■ Komplexe Herausforderungen bei der Abrechnung
Thema Geregelt in Anmerkungen
Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften § 79 und § 80 EAG positiv
§ 16b und § 16c ElWOG ■ Einbindung der Bevölkerung in die Energiewende
Ausbauziel für erneuerbaren Strom § 4 EAG positiv ■ Contracting- und Leasingmodelle zulässig
11 TWh PV, 10 TWh Windkraft, 5 TWh ■ klares Gesamt-Ausbauziel von 27 TWh zur Erreichung ■ Mitgliedschaft mit einer Verbrauchs- oder Erzeugungsanlage
Wasserkraft, 1 TWh Biomasse des 100 %-Ziels an mehr als einer gemeinschaftlichen Erzeugungsanlage,
■ ausgewogene Aufteilung auf einzelne Technologien BEG oder EEG erst ab 1. 1. 2024
negativ
Vom Ausbauziel abgeleitete jährliche § 4 EAG, § 49 EAG, § 50 EAG positiv ■ Wettbewerbsverzerrungen durch günstigere Netztarife sowie
Vergabevolumina für jede Technologie, ■ vom Gesamtziel abgeleiteter linearer Ausbaupfad mit jährlichen Marktprämien für nicht selbst verbrauchten Strom
die die langfristige Zielerreichung Vergabemengen je Technologie
sicherstellt ■ Abweichung von Ausbaupfad nur, wenn 1 Mrd. Förderkosten Stromkennzeichnung und Herkunfts- § 78 ElWOG positiv
p.a. dauerh. überschritten nachweise ■ weniger Angaben auf der Rechnung, mehr im Internet
■ S tehen temporär zu wenige Projekte zur Verfügung, werden ■ Übergangsfrist für einen Teil der Neuerungen bis 1. 7. 2024
Vergabemengen auf nächsten Call, nächstes Jahr o. andere negativ
Technologien übertragen. ■ Ausweis des Ausmaßes des gemeinsamen Handels von Strom
negativ und Herkunftsnachweisen
■ Bei Wasserkraft könnte das jährliche Mindestvergabevolumen
(100 MW) zu gering sein, um das Ausbauziel von 5 TWh zu Vereinfachter Netzzugang und Netzzu- § 17a ElWOG positiv
erreichen. Kann erhöht werden. tritt für kleinere Ökostromanlagen ■ grundsätzliche Geltung für Anlagen aller Technologien bis 20 kW
■ Bei Biomasse könnte der Brutto-Zubau von mindestens 1 TWh ■ Nur für PV-Anlagen mit bestehendem Anschluss: Recht auf Ein
wegen außer Betrieb gehender Anlagen unzureichend sein, speisung der eigenerzeugten Energie in das Netz im Ausmaß von
um einen Netto-Zubau von 1 TWh zu erreichen. bis zu 100 % des vereinbarten Ausmaßes der Netznutzung
negativ
Förderung mittels Marktprämie §§ 9 – 17 EAG, §§ 49 – 53 EAG, positiv ■ vorgeschlagene Absenkung der Leistungsgrenze/Rückeinspeisung
und bei Bedarf Investitionsförderungen §§ 59 – 63 EAG ■ Forderungen von Oesterreichs Energie im Wesentlichen erfüllt wurde nicht berücksichtigt
als Alternative
Datenaustausch durch Netzbetreiber § 19a ElWOG positiv
Mobilisierung aller Potenziale ökologische Kriterien für die positiv (neu gegenüber ■ Die Netzbetreiber dürfen zur Koordinierung der gemeinsamen
der jeweiligen Technologien und Förderung von Wasserkraft- ■ Bestandserhalt bei Wasserkraft und Biomasse grundsätzlich möglich Ministerialentwurf) Datenkommunikation gemeinsam eine dritte Person mit der Daten-
Verzicht auf kategorische Ausschlüsse anlagen: ■ Förderfähigkeit aller genehmigten PV-Anlagen größenunabhängig verwaltung beauftragen. Faktisch gesetzliche Verankerung des EDA
(„Jede kWh zählt!“) § 10 EAG und ohne zusätzliche Öko-Kriterien
■ Förderung von Wasserkraftanlagen aller Größen möglich; Unabhän- Transparenz bei nicht ausreichenden § 20 ElWOG neutral
gig von Gesamtleistung werden die jeweils ersten 25 MW gefördert. Kapazitäten ■ Die Netzbetreiber haben verfügbare und gebuchte Kapazitäten
kritischer Punkt je Umspannwerk (Netzebene 4) zu veröffentlichen und pro Quartal
■ ökologische Kriterien für die Förderung bei der Wasserkraft zu aktualisieren.
Diese werden bereits im Genehmigungsverfahren berücksichtigt.
Allgemeine Anschlusspflicht § 46 ElWOG positiv
Berücksichtigung der spezifischen § 43 EAG (Standortdifferen- positiv ■ Verankerung realistischer Fristen für den im Netzzugangsvertrag
Kosten und Erlöspotenziale von zierung Windkraft), § 56 EAG ■ Regelungen zu Repowering bei Windkraft, Wasserkraft und anzugebenden Zeitpunkt für die Inbetriebnahme der Anlage des
Projekten und Standorten Biomasse (inkl. Bestandserhalt) ermöglichen die weitere Nutzung Netzzugangsberechtigten
bestehender Infrastruktur.
■ nach Art (Neubau, Revitalisierung…) und Größe differenzierte Netzzutrittsentgelt § 54 ElWOG negativ
Förderung bei Wasserkraft ■ Auf den Netzebenen 3 bis 7 ist nach Engpassleistung gestaffeltes,
■ Für PV wird für landwirtschaftliche und Grünflächen Abschlag pauschales Netzzutrittsentgelt zu verrechnen. Klare Definition
von 25 % treffsicherer gestaltet, viele Flächen ausgenommen. entsprechend der Netzebenen für Eigentumsgrenze/
negativ Anschlusspunkt fehlt.
■ 25 %-Abschlag für die PV zu hoch ■ Die Bestimmung, dass Erzeugungsanlagen auf ein Ausmaß von
■ bei Windkraft nur optionale Standortdifferenzierung, Parameter 1 % der Maximalkapazität am Netzanschlusspunkt eingeschränkt
unterschiedlich bzw. unzureichend werden dürfen, ist zweckwidrig.
Ansätze zur Förderung § 59ff. EAG positiv Starkstromwegerecht § 3 und § 20a positiv
von Sektorkopplung ■ Investitionsförderung für die Erzeugung von grünem Wasserstoff Starkstromwegegesetz 1968 ■ elektrische Leitungsanlagen bis 45.000 Volt (aber nicht Frei
und Biogas (auch für Anlagen-Umrüstung) leitungen über 1.000 Volt), Kabelauf- und abführungen sowie
negativ Freileitungstragwerke von Bewilligungspflicht ausgenommen
■ Einspeisung von Wasserstoff ins Gasnetz ausgeschlossen ■ Beiziehung nicht amtlicher Sachverständiger in Verfahren zulässig
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■ 50 % der Förderungen für Wasserstoff zulasten der Stromkunden
■ Grüngas-Förderung verschlechtert die Wettbewerbssituation der Allgemeine Geschäftsbedingungen nicht enthalten negativ
für die Versorgungssicherheit notwendigen Gaskraftwerke. ■ weiter keine Rechtssicherheit für die E-Wirtschaft und ihre Kunden
22 StromLinie 03/2021 StromLinie 03/2021 23Energiepolitik Energiepolitik
Insiderwissen
Was ist eigentlich Zugang zu den einschlägigen Kapital-
märkten. Bei PPAs kann all dies
Berücksichtigung finden: Der Kunde
derhandel sowie Marktmanipulatio-
nen unter empfindliche Strafen. Fer-
ner sind bei Termingeschäften an
Eine Kurzcharakteristik
Im Zuge von PPAs wird ein Fixpreis für den Bezug
ein PPA?
von Strom aus erneuerbaren Energien über einen längeren
weiß genau, aus welchem Kraftwerk Strombörsen die Bestimmungen der
der von ihm bezogene Strom stammt. „Markets in Financial Instruments Zeitraum vereinbart.
Das Interesse an solchen Modellen ist Directive“ (MiFID-Richtlinie) einzu-
Sogenannte „Power Purchase Agreements“ (PPAs) gerade bei international tätigen Kon- halten. Mit beiden Vorgaben will die Alternativ zu einem Fixpreis kön- kauft der Produzent auf dem
zernen erheblich. Seitens der Energie- EU-Kommission die Transparenz der nen Preisober- bzw. Untergren- Großhandelsmarkt, der Kunde
erfreuen sich in der Branche zunehmender Beliebtheit. Allianz sind diesbezügliche Gespräche Energiemärkte erhöhen. zen festgelegt werden. Unter- kauft sie dort ein. Erzielt der Pro-
Jörg Sollfelner, Geschäftsführer der EnergieA llianz im Gange. Innerhalb der nächsten PPAs sind aufgrund der vielfältigen schieden wird je nach Kunde zwi- duzent einen Preis, der über dem
Austria, erläutert die Gründe. Jahre wird die EAA weitere PPA-Pro- Ausgestaltungsvarianten hinsichtlich schen „Corporate PPAs“ vereinbarten Fixpreis liegt, gibt
jekte mit Kunden umsetzen. REMIT beziehungsweise MiFID immer (endverbrauchende Unterneh- er die Differenz an den Kunden
S
im Einzelfall zu beurteilen. Bei der menskunden) und „Utility PPAs“ weiter. Gelingt es dagegen dem
ogenannte „Power Purchase „Market Sandbox“ REMIT-Verordnung kommt es dabei (bei denen der Energieversorger Kunden, den Strom zu Kosten un-
Agreements“ (PPAs) sind in PPAs sind eine Weiterentwicklung des unter anderem auf die Größe des End- oder -händler als Kunde fungiert). ter dem Fixpreis zu erwerben,
der europäischen Energie- Strommarktes, ob man das nun als kunden an und die Verwendungsab- Die EnergieAllianz Austria ver- schuldet er die Differenz dem
wirtschaft derzeit en vogue. Fortschritt oder als Rückschritt anse- sicht, also ob der Kunde seine Energie wendet für ihr Modell den Begriff Produzenten.
In Österreich gehört die hen will. Nicht zuletzt im Zusammen- selbst verbraucht oder weiterverkauft. „Peer-to-Peer-PPA“, grob über- Im Vertrag kann eine Min-
EnergieAllianz Austria (EAA) zu den hang mit dem kürzlich beschlossenen Im konkreten Fall des PPAs der setzt: Direktverkauf vom Produ- destabnahmemenge („Take-or-
Pionieren, was PPAs betrifft. Im Zuge Paket um das Erneuerbaren-Ausbau- EAA mit der Raiffeisen Ware Austria zenten an den Kunden. pay-Klausel“) verpflichtend fest-
der landesweit ersten derartigen Ver- Gesetz (EAG-Paket) ist von „Regula- und der Garant haben EAA und RWA Bei „Direct PPAs“ erfolgt die- geschrieben sein. Nutzt der Kun-
einbarung unterstützt sie die Raiffei- tory Sandboxes“ die Rede, also „von bereits lange Zeit zusammengearbeitet se ohne Nutzung eines öffentli- de weniger Strom, muss er eine
sen Ware Austria (RWA) dabei, deren regulatorischen Freiräumen zur Erpro- und die Idee, ein PPA abzuschließen, chen Stromnetzes. Im Zuge von Mindestmenge bezahlen. Auch
Tochterfirma, die Garant Tiernahrung bung innovativer Ideen im Bereich gemeinsam entwickelt. Das ist natür- „Sleeved PPAs“ dagegen läuft sogenannte „Take-as-produced“-
GmbH mit Sitz in Aschach, mit Öko- erneuerbarer Energien“. Bei den PPAs lich hilfreich. Wird ein PPA zwischen der Strombezug über ein öffentli- Bestimmungen, in denen der
strom aus einer Aufdach-Photovoltaik- handelt es sich gewissermaßen um einem Produzenten und einem Kunden ches Netz. Bei „synthetischen“ Kunde eine vom Produzenten er-
anlage im rund 30 Kilometer entfern- Der Experte
„Market Sandboxes“, selbstverständ- abgewickelt, die vorher noch nie mitei- PPAs, die auch als „bilanzielle“ zeugte Strommenge abnehmen
ten Traun zu beliefern. Die RWA Jörg Sollfelner, geboren 1974, lich unter Einhaltung aller gesetzli- nander zu tun hatten, ergeben sich oder „finanzielle“ PPAs bezeich- muss, sind gängig. Geregelt wer-
besitzt und betreibt diese Anlage, die ist seit 2015 Geschäftsführer der chen Vorgaben. Als Marktteilnehmer verständlicherweise Diskussionen über net werden, findet keine physi- den kann dabei auch, wer die
EAA wickelt die Stromlieferung an die EnergieAllianz Austria und Prokurist probieren wir etwas aus und schauen, die Haftung bei Liefer- bzw. Zahlungs- sche Stromlieferung statt. Produ- Überschuss- bzw. Fehlmengen
der EVN Energievertrieb GmbH &
Garant über das öffentliche Netz ab. wie es sich entwickelt. Es ist jedes Mal ausfällen. Derartige Befürchtungen zent und der Kunde vereinbaren auszugleichen hat.
Co KG. Zuvor leitete er die
PPAs sind – etwas überspitzt for- Geschäfte der EVN ein neues Erlebnis, wie man den Kun- gibt es in diesem Fall nicht. einen Fixpreis für eine bestimmte
muliert – als „Ab-Hof-Verkauf“ von in Bulgarien. den mit dem Produzenten zusammen- Strommenge. Diese Menge ver-
(elektrischer) Energie zu verstehen: bringt und welche Usancen sich ein-
Letzten Endes geht es um die direkte stellen. Deshalb ist eine Systematisie-
Beziehung des Stromerzeugers mit rung von PPAs, wie sie bisweilen von
dem Stromkunden. Diese kann, wie im Beratungsunternehmen vorgenommen
konkreten Fall, von einem Lieferanten wird, zumindest bis auf Weiteres
wie der EAA vermittelt werden. Und schwierig. Es gibt eine unüberschau-
das hat mehrere Vorteile: Wer Strom bare Vielfalt an Modellen mit sehr
direkt über die Börse bezieht, muss mit spezifischen, auf die wechselseitigen
den dort angebotenen standardisierten Es kann speziell für große, inter- Bedürfnisse des Stromproduzenten
Produkten vorliebnehmen. Im Rahmen nationale Industriekunden wünschens- und des Strombeziehers abgestimmten
eines PPAs kann der Produzent dage- wert sein, im Detail offenzulegen, aus Details. Der PPA-Bereich muss sich
gen auf die individuellen Bedürfnisse welchen Quellen der von ihnen ver- einige Jahre ausbilden, bevor es Sinn
des Kunden eingehen, das Strompro- wendete Strom stammt. Das gilt umso ergibt, ihn zu reglementieren und zu
dukt also quasi „maßschneidern“. mehr, als Investoren bei ihren Beurtei- systematisieren.
Außerdem lässt sich ein Fixpreis über lungen von Unternehmen immer häufi- Ein Kritikpunkt in Hinblick auf
ENERGIEALLIANZ AUSTRIA, ADOBE STOCK
eine vergleichsweise lange Vertrags- ger auf Nachhaltigkeitscharakteristika die PPAs ist die angeblich mangelnde
laufzeit von mehreren Jahren verein- wie die ESG-Kriterien (Environment, Transparenz, weil die Details der Ver-
baren und es ist möglich, die Herkunft Social, Governance) Wert legen. Dies träge nicht öffentlich zugänglich sind. Weitere Informationen:
des Stroms noch besser bzw. eben betrifft etwa die Vermeidung von CO2- Bekanntlich gilt seit 2011 die EU- energieagentur.nrw/finanzierung/stromvermarktung/
„individueller“ zu dokumentieren, als Emissionen oder die Einhaltung Verordnung über die Integrität und power_purchase_agreements
dies mit dem österreichischen Her- arbeitsrechtlicher Standards. Wer sich Transparenz des Energiegroßhandel-
pwc.de/de/energiewirtschaft/erneuerbare-energien/
kunftsnachweis-System erfolgen kann. an solche Kriterien hält, hat auch marktes (REMIT). Sie stellt den Insi-
power-purchase-agreements-ppa.html
24 StromLinie 03/2021 StromLinie 03/2021 25Sie können auch lesen