P.b.b. Zulassungsnummer: 05Z036134M, Verlagspostamt: A-1090 Wien Chirurgie - Österreichische Gesellschaft für Chirurgie

 
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Chirurgie             Mitteilungen des Berufsverbandes Österreichischer Chirurgen (BÖC)
                      und der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie (ÖGC)

                      Penetrierendes Bauchtrauma
                      Intrakranielle Aneurysmen
                      Chirurgieverzicht beim Rektumkarzinom

                                                                                          4|2013
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Inhaltsverzeichnis

Inhalt
4    Editorial

5    Diagnose und Therapie bei penetrierendem Trauma
     Autor: S. Uranüs, Graz

10   Modernes Management intrakranieller Aneurysmen
     Autoren: C. Sherif, G. Kleinpeter; Wien

12

14
     Chirurgieverzicht beim Rektumkarzinom
     Autor: M. Zitt, Innsbruck

     Radikalitätsprinzipien bei Melanom
     Autor: F. Roka, Wien
                                                                                                      5
15   Historisches
     zur Kontinenzerhaltung beim Rektumkarzinom
     125 Jahre nach Hocheneggs Pionierleistung
     Autor: R. Schiessel, Wien

     ÖGC

                                                                                                10
19   ACO-ASSO - Preis 2014
     der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgische Onkologie (ACO-ASSO)

20   Kongressbericht 30. Jahrestagung der ACO-ASSO
     Autoren: Thomas Bachleitner-Hofmann, Thomas Grünberger, Wien

23   Kongressbericht American College of Surgeons
     Autoren: A. Tuchmann, B. Walzel, W. Feil, D. Öfer-Velano; Wien, Salzburg

26   In Memoriam
     Professor Dr. Alfred Priesching
     Autoren: R. Roka, A. Tuchmann, W. U. Wayand

27   In Memoriam
     Prim.Univ.Prof.Dr. Michael Gadenstätter MSc

                                                                                              28
     Autor: Prim. Univ. Prof. Dr. Peter Lechner

     BÖC Akademie
28   ÖCT Kongressbericht

29   Termine der BÖC Akademie

     Service
                                                                                                             Gedruckt nach der Richtlinie des Österreichischen

30   Ärzteservice Gesundheitsvorsorge GmbH
                                                                                                             Umweltzeichens „Druckerzeugnisse“

31   Ansprechpartner

32   Terminkalender

34   Impressum

                                                                                Chirurgie · Ausgabe 4/2013             3
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Editorial

                                 Sehr geehrte
                                 Kolleginnen und Kollegen!
                                 Bei der Übernahme des Generalsekretariats der Österreichischen Gesellschaft
                                 für Chirurgie vor einem halben Jahr habe ich mein 8-Punkte-Programm (siehe
                                 Zeitschrift Chirurgie, Mitteilungen des Berufsverbandes und der Österreichi-
                                 schen Gesellschaft für Chirurgie, Ausgabe 3/2013, Seite 34) vorgestellt, über
                                 das ich regelmäßig Rechenschaft ablegen kann und will.

                                 Insbesondere spielen darin die chirurgische Ausbildung und Facharztprüfung
                                 eine Hauptrolle. Die österreichische Gesellschaft für Chirurgie wird alles daran
                                 setzen, strukturierte Ausbildungsunterlagen zur Facharztprüfung anzubieten
                                 und auch die Facharztprüfung so zu gestalten, dass sie nach enstprechender
                                 Vorbereitung von den Kandidaten gut zu schaffen ist. Die Ausbildung zum Fach-
                                 arzt für Chirurgie erfolgt selbstverständlich an den chirurgischen Abteilungen/
                                 Kliniken, bei den Fortbildungsseminaren der ÖGC, Kongresse, Workshops, etc.

                                 Sowohl chirurgische Ausbildung als auch PR sollen in Zukunft zwischen den
                                 Gesellschaften (ÖGC, BÖC) harmonisiert werden zum Wohle aller Chirurginnen
                                 und Chirurgen.

                                 Internationalität, Standespolitik und Ökonomie werden eine noch größere
                                 Rolle spielen. So habe ich mit Vertretern der Industrie (Medizintechnik und
                                 Pharmaunternehmen) regelmäßige Treffen eingeführt, um die Standpunkte
                                 einander zu nähern und die wirtschaftlichen Grundlagen für die chirurgische
                                 Weiterbildung und Kongressgestaltung zu optimieren.

                                 Auf Kommunikation wird großer Wert gelegt. Im übertragenen Sinn besitze ich
                                 daher für Sie immer ein offenes Ohr. Nicht zuletzt deswegen hoffe ich auf gute
                                 Zusammenarbeit mit Ihnen allen, Berufsverband, assozierte Fachgesellschaf-
                                 ten, Industrie und jedem einzelnen Chirurgen/in.

                                 Ihr

                                 Prim.Prof.Dr. Albert Tuchmann, FACS
                                 Vorstand Chirurgische Abteilung
                                 SMZ Floridsdorf
                                 Hinaysgasse1, A-1210 Wien
                                 Telefon: +43-1/ 27522-4101
                                 Mobiltelefon: +43-664/ 21 21 994
                                 albert.tuchmann@wienkav.at
                                 Generalsekretär der Österreichischen
                                 Gesellschaft für Chirurgie

4   Chirurgie · Ausgabe 4/2013
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Traumatische Viszeralchirurgie

Diagnose und Therapie bei penetrierendem Trauma
Per definitionem handelt es sich bei                    etwa 5 %, in den USA sind 70 % aller                einiger Einschränkungen noch immer
penetrierendem Trauma um Verlet-                        Abdominaltraumen penetrierend. Bei                  das historische Postulat: „Jede pene-
zungen, welche die Körperoberfläche                     Todesfällen durch Trauma rangieren in               trierende Verletzung des Abdomens
durchdringen. Als Ursache kommen                        den USA penetrierende Verletzungen                  muss mittels Laparotomie exploriert
Schuss, Stich, Pfählung oder Explo-                     an zweiter Stelle (1).Aus viszeralchir-             werden“. Der große Unterschied von
sion in Frage. Penetrierende Traumen                    urgischer Sicht werden die Verletzun-               heute besteht darin, dass die Explo-
(PT) sind potenziell tödliche Verletzun-                gen in Abhängigkeit ihrer Lokalisation              ration nicht unbedingt durch eine
gen, diese müssen vorrangig, schnell                    in drei Regionen unterteilt: 1-Thorax,              Routinelaparotomie erfolgen muss
                                                        2-thorakoabdominell, 3-Abdomen                      (Abb. 2). Bereits 1978 wies Shah et al
                                                        (einschließlich der Flanken und des                 auf die Morbidität und Mortalität der
                                                        Dorsums). Die Ausdehnung des Abdo-                  negativen explorativen Laparotomien
                                                        mens reicht ventral von den Brustwar-               bei Traumen hin (2). Dieser Umstand
                                                        zen abwärts bis zu den Leisten und                  wurde jedoch, wegen fehlender
                                                        Os pubis, sowie dorsal von den Ska-                 genauer Diagnosemittel, trotzdem
                                                        pulaspitzen bis zu Beginn der Glute-                akzeptiert. Anfang der 80-iger Jahre
                                                        alfalten. Dementsprechend sollte bei                erfolgte die Einführung genauerer
                                                                                                                                                        S. Uranüs, Graz
                                                        Vorliegen von Penetrationen in diesen               Untersuchungsmethoden wie Ultra-
                                                        Gebieten eine Abklärung des Abdo-                   schall und CT (Tabelle 1). 1989 berich-
Abb. 1: Beispiel einer penetrierenden                   mens erfolgen. Grundsätzlich gilt trotz             teten Miller et al, dass ein Großteil der
Stichverletzung                                                                                             Routinelaparotomien nicht therapeu-
                                                                                                            tische Eingriffe waren, verbunden
                                  hämodynamisch
                                                                                                            mit einer signifikanten Komplikati-
                                      stabil                                                                onsrate (3). Nicht zuletzt mit dieser
                                                                                                            Publikation von Miller et al erfolgte ein
                                                                                                            Umdenken.
         Stichverletzung                                          Schussverletzung

                                                                                                            Derzeit richtet sich die Vorgehens-
                                                   Schrotkugeln                      Projektil              weise in erster Linie nach der Frage:
                                                                                                            „Liegt eine Penetration des Perito-
                                                                                                            neums und eine Therapie würdige Ver-
      thorako­                           Rücken /                            ventral
     abdominal
                     ventral
                                          Flanke
                                                               ventral
                                                                           oder dorsal
                                                                                            tangential      letzung vor?“ Zur Beantwortung dieser
                                                                                                            Frage stehen mit Sonographie und
    diagnostische
                       CT                                                                                   Computertomographie zwei wichtige
                  diagnostische               CT
    Laparoskopie
                  Laparoskopie                                                                              Untersuchungsmethoden mit hoher
                                                                                                            Sensitivität, Spezifität und negativ
                                   negativ           positiv                                                prädiktiver Validität zur Verfügung
                                                                                                            (Tab. 1). Ein weiteres diagnostisches
                                                                                                            Mittel ist Laparoskopie, welche im
                                  Observanz
                                                                                          diagnostische     Unterschied zu den zuvor genannten
                                                                                          Laparoskopie      Untersuchungsmethoden invasiv ist,
                                                                                                            aber die potenzielle Möglichkeit des        Autor:
        hämodynamisch
           instabil                                   LAPAROTOMIE                                           therapeutischen Einsatzes mit sich
                                                                                                            bringt (4).
                                                                                                                                                        S. Uranüs, Graz

Abb. 2: Algorithmus für Diagnose und Therapie beim penetrierenden Trauma

und zielgerichtet diagnostiziert und
therapiert werden (Abb.1). Die Inzi-                       Tabelle 1:
denz variiert abhängig von Ländern                         Aussagekraft der Untersuchungsmethoden in Bezug auf die Notwendigkeit
und Regionen. Während in Europa                            einer therapeutischen Intervention
penetrierende Traumen seltener
                                                                                                 LWE        US             CT            LPSK
vorkommen, zählen solche Verlet-
zungen in manchen amerikanischen                                  Sensitivität                   71       46 – 85          97          50 – 100
oder afrikanischen Regionen zum
täglichen Ereignis in den Notaufnah-                              Spezifität                     77       48 – 95          98           74 – 90
men. In städtischen Bereichen sind
penetrierende Verletzungen deutlich                               NPV                            79       78 – 100         98             100
häufiger als im ländlichen Bereich.
                                                           (LWE: lokale Wundexploration, US: Ultraschall, CT: Computertomographie,
In Zentraleuropa beträgt der Anteil                        LPSK: Laparoskopie, NPV: Negative prädiktive Validität) (modifiziert nach www.trauma.org)
der penetrierenden Verletzungen

                                                                                                                                             Chirurgie · Ausgabe 4/2013   5
P.b.b. Zulassungsnummer: 05Z036134M, Verlagspostamt: A-1090 Wien Chirurgie - Österreichische Gesellschaft für Chirurgie
Traumatische Viszeralchirurgie

                                                                                                                         und massiver Blut- und Blutderivat-
                                                                                                                         transfusion. In manchen Fällen kann
                                                                                                                         ein Abklemmen der Aorta infra- oder
                                                                                                                         supradiaphragmal notwendig werden.
                                                                                                                         Dadurch erreicht man eine verbesserte
                                                                                                                         Füllung des Herzens und eine signifi-
                                                                                                                         kante Reduktion der Blutung. Jedoch
                                                                                                                         muss rasch gehandelt und die Aorta
                                                                                                                         wieder freigegeben werden. Blutstil-
                                                                                                                         lung kann in den meisten Fällen durch
                                                                                                                         Ligatur der Gefäße erreicht werden
                                                                                                                         (Tabelle 2). Ein intravasculärer Shunt
                                                                                                                         über die Verletzungsstelle kann eine
                                                                                                                         sofortige Blutstillung unter Vermei-
                                                                                                                         dung zeitraubender Rekonstruktionen
                                                                                                                         herbeiführen sowie zu einer raschen
                                                                                                                         Reperfusion der betroffenen Organe
                                                                                                                         verhelfen. Der gesamte Eingriff wird
                       Abb. 3: Schussverletzung mit multiplen Dünndarmläsionen, die passagär nur mit Ligaturen
                       versorgt wurden
                                                                                                                         unter dem Motto „Damage Control Sur-
                                                                                                                         gery“ nach Tamponade aller vier Quad-
                                                                                                                         ranten mittels Tüchern mit temporärem
                       In Abhängigkeit des klinischen                  ad 1: Ein druckloser Patient mit einer            Bauchdeckenverschluss beendet. Die
                       Zustandes unterscheiden wir folgende            penetrierenden Verletzung muss ohne               möglichst anatomiegerechte Rekonst-
                       drei Kategorien:                                weitere Diagnostik und Zeitverlust noch           ruktion der Gefäße und weitere orga-
                                                                       im Schockraum oder im nächst gelege-              nerhaltende Eingriffe können zu einem
                       ǛǛ 1- Druckloser Patient mit nicht              nen Operationssaal operiert werden.               späteren Zeitpunkt nach Stabilisierung
                          tastbarem Puls                               Das oberste Ziel ist das sofortige Stop-          des Kreislaufs und Wiederherstellung
                       ǛǛ 2- Instabiler Patient                        pen der Blutung bei gleichzeitig mitlau-          der Körperphysiologie nach etwa 24
                       ǛǛ 3- Stabiler Patient                          fender medikamentöser Reanimation                 bis 36 Stunden vorgenommen werden.

                                                     European Society for Trauma and Emergency Surgery (ESTES),
                                                         European Association for Endoscopic Surgery (EAES)
                                                                         in co-operation with
                                                        Section for Surgical Research, Medical University of Graz

                          ACUTE CARE SURGERY COURSE ON VISCERAL & GASTROINTESTINAL
                                         EMERGENCIES (NON-TRAUMA)
                                                                              March 17-18, 2014
                             This workshop is designed to provide state-of-the-art information on the diagnosis and management of severely ill patients who
                          present with non-traumatic visceral and gastrointestinal emergencies. The course emphasizes direct involvement of the trainees in the
                         problem-oriented theory and hands-on lab sessions. Upon completion of the course, attendees will be well equipped to deal with these
                                                                  patients when they see them in the emergency room.

                               Course director: Prof.Dr. S. Uranues
                               Course language: English
                               Course location: Department of Surgery, Section for Surgical Research, Auenbruggerplatz 29, 8036 Graz, Austria
                               Registration fee: € 600.-, for members of ESTES and EAES € 550.-
                               Registration: i.prassl@medunigraz.at, Phone: +43(0)316 385 83232,
                                             Fax: +43(0)316 385 16845
                               Information: http://www.chirurgischeforschung.at/en/
                                             akutchirurgie--acute-care-surgery.html

6   Chirurgie · Ausgabe 4/2013
P.b.b. Zulassungsnummer: 05Z036134M, Verlagspostamt: A-1090 Wien Chirurgie - Österreichische Gesellschaft für Chirurgie
Traumatische Viszeralchirurgie

Ad 2: Ein Patient wird als instabil        Notwendige Resektionen und Ana-
bezeichnet, wenn eine hypotone             stomosen sollten aufgeschoben            Tabelle 2:
Kreislauflage und Tachykardie vorlie-      und zu einem späteren Zeitpunkt          Gefäßligatur und mögliche erwartete Nekroserate
gen. Patienten sind zentralisiert und      durchgeführt werden. Bei Vorlie-
bedürfen einer raschen Behandlung          gen schwerer parenchymatöser              Ligiertes Gefäß                   Erwartete Nekroserate
ihrer schweren inneren Verletzungen.       Organverletzungen sollten jedoch                                                      %
Neben der medikamentösen Reani-            arterielle und größere venöse Blu-
mation und Transfusion von Blut- und       tungen umstochen und danach eine          Truncus coeliacus                             95
fernt. Bei Schussverletzungen müssen       sein.
die Projektile bzw. Teile davon nicht                                                Arteria mesenterica superior                > 95
unbedingt vollständig entfernt wer-        Ad 3: Bei Kreislauf stabilen Patien-
den. Nur jene, die lebensgefährliche       ten ist bei Zeichen einer Peritonitis     Arteria mesenterica inferior                > 95
Verletzungen bzw. Blutungen verur-         und/oder Eviszeration der Bauch-
                                                                                     Arteria mesenterica distalis                > 50
sacht haben, sollten zur Durchführung      oder Thoraxorgane eine sofortige
der Blutstillung evakuiert werden.         Operation vorzunehmen (Abb.4).            Arteria colica sinistra                     < 25
Wenn die Blutungsquelle singulär           In anderen Fällen können die
ist, die Blutstillung rasch durchgeführt   Untersuchungen zur Feststellung           Arteria haemorrhoidalis
                                                                                                                                  0
und der Patient wieder stabilisiert wer-   der Notwendigkeit einer Operation         superior
den kann, können weitere reparative        fortgesetzt werden.
Maßnahmen vorgenommen werden.              Ziel bei perforierenden Verletzun-
Gastrointestinale Verletzungen sollten     gen ist die Identifizierung einer
mit Ligaturen, alternativ mit Hilfe von    Operationsindikation zur Vermei-
Hautklammern oder mit Klammernaht-         dung einer nicht therapeutischen
geräten einfach verschlossen werden,       Laparotomie (Tabelle 3).
um eine weitere Kontamination der
Körperhöhle zu verhindern (Abb.3).
                                                                                                                          Abb. 4: Eviszeration von
                                                                                                                          Omentum im Rahmen
                                                                                                                          einer Schussverletzung

Tabelle 3: Wertigkeit der bildgebenden Diagnostik beim penetrierenden Trauma

                Vorteile                                                            Nachteile

              kann im Schockraum auch bei instabilen Patienten rasch                Ungenau beim Erkennen der Verletzungen und ihrer Grade,
              und begleitend durchgeführt werden. Verhilft der Entschei-            in der Diagnostik des Retroperitoneums, Zwerchfells und
  Ultraschall dungsfindung durch Diagnose von freier Flüssigkeit, paren-            Magen- Darmtrakts
              chymatöser Organverletzungen, Flüssigkeit im Pleuraraum
              und im Herzbeutel.

                Die genaueste Untersuchungsmethode zur Diagnostik der               Stabilität der Verletzten ist eine Bedingung für die Durch-
                Organverletzungen und ihrer Grade. Kann Retroperitoneum,            führbarkeit. Die Patienten müssen meist in die radiologi-
                Pankreas, Nieren, Leber und Duodenum, aber auch bis zu              sche Abteilung gebracht werden, dadurch geht wertvolle
  CT            einem bestimmten Grad den Gastrointestinaltrakt abklären,           Zeit verloren. CT weist diagnostische Schwäche bei der Iden-
                sie ist Untersucher unabhängig und bei Verlaufskontrolle            tifizierung der Verletzungen am Zwerchfell, Mesenterium
                der Organverletzungen genauer. CT gibt eine exaktere Über-          und Magen-Darmtrakt auf.
                sicht über die freie Flüssigkeitsmenge.

                                                                                                                    Chirurgie · Ausgabe 4/2013       7
P.b.b. Zulassungsnummer: 05Z036134M, Verlagspostamt: A-1090 Wien Chirurgie - Österreichische Gesellschaft für Chirurgie
Traumatische Viszeralchirurgie

                             Besondere Vorsicht ist bei lokaler                unerkannt bleiben kann. Kleinere                  roskopisch therapiert werden. Die
                             Exploration geboten, da bei schrägen              Stichverletzungen des Darmes können               Technik der Trauma-Laparoskopie ist
                             Stichverletzungen die peritoneale                 sowohl der lokalen Wundexploration                in der aktuellen Literatur ausführlich
                             Penetrationsstelle viel weiter als die            als auch der CT-Diagnostik entgehen               angeführt (5).
                             äußere Einstichstelle liegen und somit            (Abb.5). Aus diesem Grund sollte bei              Für eine Traumalaparotomie sollte
                                                                               geringstem Verdacht die Möglichkeit               der Patient immer in Rückenlage mit
                                                                               einer diagnostischen Laparoskopie                 ausgestreckten Armen gelagert und
                                                                               ausgeschöpft werden (4). Laparos-                 vom Kinn bis unter die Leistenregion
                                                                               kopie beim perforierenden Trauma                  gewaschen und abgedeckt werden.
                                                                               dient in erster Linie der Feststellung            Die zielführendste Inzision ist eine
                                                                               einer möglichen Penetration des Peri-             mediane Laparotomie vom Xyphoid
                                                                               toneums sowie in zweiter Linie dem                bis zur Symphyse (6). Eine Trauma-
                                                                               Ausschluss einer gastrointestinalen               laparotomie sollte idealerweise nicht
                                                                               Verletzung. Solche Verletzungen kön-              länger als eine Stunde in Anspruch
                                                                               nen unter Umständen ebenfalls lapa-               nehmen.                             ■

                                                                                 Literatur:
                                                                                 1. http://www.cdc.gov/ncipc/wisqars
Abb. 5: Stichverletzung des Dünndarmes, die laparoskopisch diagnosti-            2. Shah R. (1978): Negative laparotomy: Mortality and morbidity among 100 patients. Am
ziert und therapiert wurde; zuvor entging die Verletzung der CT-Diagnostik           Surg 44(3):150-4.
                                                                                 3. Miller FB. et al. (1989): Negative findings on laparotomy for trauma. Southern Medical
                                                                                     Journal 82(10):1231-4.
                                                                                 4. Uranues S. et al. (2010): Laparoscopy in Abdominaltrauma. Eur J Trauma Emerg Surg
                                                                                     36(1):19-24
                                               Korrespondenzadresse:             5. Uranues S, Fingerhut A, Bergamaschi R. (2011) Laparoscopic Procedures in Trauma Care. In:
                                               Univ.-Prof. Dr. S. Uranüs             European Manual of Medicine. Head, Thoracic, Abdominal, and Vascular Injuries. Oestern
                                          Medizinische Universität Graz              H-J, Trentz O, Uranues S(ed.) Springer Berlin-Heidelberg
                                         Universitätsklinik für Chirurgie        6. Uranues S, Fingerhut A. (2011) Trauma Laparotomy: Indications, Priorities, and Damage
                                                                                     Control. In: European Manual of Medicine. Head, Thoracic, Abdominal, and Vascular
                                    Auenbruggerplatz 29, A-8036 Graz                 Injuries. Oestern H-J, Trentz O, Uranues S(ed.) Springer Berlin-Heidelberg
                               E-Mail: selman.uranues@medunigraz.at

                                                                   European Association for Endoscopic Surgery (EAES)
                                                               European Society for Trauma and Emergency Surgery (ESTES)
                                                               Section for Surgical Research Graz, Medical University of Graz
                                                                                  in cooperation with the
                                              International Association for the Surgery of Trauma and Surgical Intensive Care (IATSIC)

                                            Workshop on Trauma to Visceral & Gastrointestinal Organs
                                                   Definitive Surgical Trauma Care-DSTCtm
                                                                                    September 22-23, 2014
                                        The symposium provides an ideal mix of the traditional standard-of-care principles with cutting edge and forward-moving
                                     practices. It explores issues related to resuscitation and surgical technique. The workshop runs theory in the morning sessions and
                                            hands-on sessions in the afternoon. It provides in-depth and cutting-edge information in the field of visceral injuries

                                       Course director: Prof. Dr. S. Uranues
                                       Course language: English
                                       Course location: Department of Surgery, Auenbruggerplatz 29, 8036 Graz, Austria
                                       Registration fee: € 850.00; for members of ESTES and IATSIC member societies € 775.00
                                       Registration: e-mail to i.prassl@medunigraz.at, Fax: +43 (0) 316 385 16845
                                                     Information: http://www.chirurgischeforschung.at/en/visceraltrauma-ws.html

8    Chirurgie · Ausgabe 4/2013
P.b.b. Zulassungsnummer: 05Z036134M, Verlagspostamt: A-1090 Wien Chirurgie - Österreichische Gesellschaft für Chirurgie
P.b.b. Zulassungsnummer: 05Z036134M, Verlagspostamt: A-1090 Wien Chirurgie - Österreichische Gesellschaft für Chirurgie
Neurochirurgie

                            Modernes Management intrakranieller Aneurysmen
                            Intrakranielle Aneurysmen finden sich bei 3.5% der Bevölkerung. Circa jedes 400.-1000. Aneurysma platzt und führt
                            zu einer Subarachnoidalblutung mit einer Mortalität von ca. 40%. Die gebluteten Läsionen müssen so rasch als
                            möglich verschlossen werden, um eine Nachblutung zu vermeiden. Dies kann typischerweise durch ein operatives
                            mikrochirurgisches Aneurysmaklippung oder einen endovaskulären Verschluß geschehen. Bei zufällig gefundenen
                            Aneurysmen muss das Therapierisiko sorgfältig gegen das Risiko des natürlichen Verlaufs abgewogen werden. Für
                            diese Läsionen stellt die mikrochirurgische Klippung weiterhin den Goldstandard dar.

                            Epidemiologie und                        Bei rekonstruktiven Techniken wird        rekonstruktive Methode werden auch
                            Pathogenese                              das Aneurysma aus der Blutzirku-          sogenannte „Flowdiverter Stents“
                            Die Prävalenz intrakranielle Aneu-       lation ausgeschaltet, während das         implantiert. Diese Stents sind extrem
                            rysmen beträgt ca. 3.5% (6% bei          Trägergefäß rekonstruiert wird: Dies      engmaschig konstruiert, was zu einer
                            Frauen vs. 1,57% bei Männern).1 In       sind in erster Linie das mikrochirur-     Verlangsamung des Blutstromes im
                            Österreich sind also ca. 300.000         gisches Klipping. Hierbei wird das        Aneurysma und dadurch zu einem
                            Patienten betroffen! Die Gefahr der      Aneurysma mikrochirurgisch von            Stasethrombus führen soll. Für „Neck-
                            Aneurysmen liegt in deren Ruptur mit     außen mittels Klipp verschlossen          bridging –devices“ und Flowdiverter
                            konsekutiver Subarachnoidalblutung       (siehe Abb. 1). Größter Vorteil ist die   ist eine Thrombozyten blockierende
                            (aSAB). Die Inzidenz der SAB beträgt     minimale Tendenz von Aneurysmare-         Therapie mit Acetylsalicylsäure und
                            ca. 10/100.000/Jahr. Die Geschlechts-    zidiven 2 – 4%7 und die Möglichkeit       Clopidogrel zwingend notwendig. Für
                            verteilung der aSAB zeigt ebenfalls      auch Aneurysmen mit komplexen             beide Methoden besteht derzeit auch
                            2/3 Frauen und 1/3 Männer. Die           Geometrien gut verschließen zu kön-       eine vergleichsweise dünne bzw.
                            Gesamtmortalität der aSAB ist trotz      nen. Nachteile sind die zumindest im      sogar kontroversielle Datenlage (v.a
                            modernster medizinischer Methoden        kurzen Beobachtungszeitraum etwas         für Flowdiverter). Sie sollten also nur
                            und Therapien mit 40% weiterhin sehr     höhere Morbidität im Vergleich zur        in sehr ausgewählten Fällen bei zufäl-
                            hoch.2 Der volkswirtschaftliches Scha-   endovaskulären Therapie, v.a. im          lig gefunden Aneurysmen und dem
          C. Sherif, Wien
                            den ist enorm und wird meist massiv      Bereich der hinteren Zirkulation. Eine    Fehlen von sinnvolleren Alternativen
                            unterschätzt, da v.a. junge PatientIn-   weitere Option, v.a für Aneurymsen        angedacht werden.
                            nen betroffen sind. Obwohl die aSAB      mit einfacher Geometrie und in der
                            lediglich für 10% aller Schlaganfälle    hinteren Zirkulation ist die endovas-     Dekonstruktive Techniken
                            verantwortlich ist, führt sie zu mehr    kuläre Embolisation, typischerweise       Bei dekonstruktiven Techniken wird
                            als 25% aller Schlaganfallbezogen        mittels Mikrospiralen (Coiling). Dabei    das Trägergefäß verschlossen und
                            Folgekosten.3 In Deutschland sind        werden die Mikro-Coils im Aneurysma       somit indirekt das Aneurysma aus-
                            das mehr als 1,875 Milliarden Euro       abgesetzt und führen dort zu einer        geschaltet: Dies sind alleiniger Trä-
                            pro Jahr!4                               Verlangsamung des Blutstromes und         gergefäßverschluss (endovaskulär
                            Es handelt sich bei Aneurysmen in        in weiterer Folge zu einem Staseth-       oder chirurgisch) im Falle von guter
                            mehr als 95% der Fälle um erworbene      rombus (siehe Abb. 2). Dieser wird        Kollateralisation. Im Falle mangeln-
                            Läsionen. Als ursächliche Mechanis-      innerhalb der nächsten Wochen bis         der Versorgung über die anderen
                            men werden v.a. hämodynamischer          Monate in narbiges Gewebe umge-           Gefäße des Criculus arteriosus Wil-
               Autoren:     Stress zusammen mit inflammatori-        baut. Wesentlich ist dabei, dass die      lisi muss zusätzlich zum Trägerge-
         C. Sherif, Wien;   schen Aneurysmwandveränderungen          Coils nur das Aneurysma, nicht aber       fäßverschluss ein Bypass angelegt
     G. Kleinpeter, Wien    diskutiert.5 Bekannte Risikofaktoren     die Trägergefäße verschließen, was ja     werden, um einer sonst drohenden
                            sind generell ähnlich denen peripher     zu einem Insult führen könnte. Größ-      Unterversorgung des Hirnparen-
                            arteriosklerotischer Erkrankungen,       ter Vorteil des Coilings bei gebluteten   chyms vorzubeugen. Sehr selten
                            also v.a. Rauchen, hoher Blutdruck,      Aneurysmen ist die etwas erniedrigte      auch wird auch eine Flussmodifika-
                            aber auch Alkohol- und Kokain­           Morbidität/Mortalität im Vergleich zu     tion indiziert. Hierbei wird der Blutzu-
                            abusus.2                                 Klipping, zumindest im kurzen Beob-       strom zu Aneurysma gedrosselt. Dies
                                                                     achtungszeitraum. Größter Nachteil        kann chirurgisch mittels Turniquet-
                            Management                               ist die hohe Rate an Rezidivaneurys-      technik oder endovaskulärer mittels
                            Im Folgenden werden lediglich die        men in bis zu 25% der Fälle, mit bis zu   Teilverschluss des Trägergefäßes
                            häufigsten und klassischen Therapie-     7fach erhöhtem Nachblutungsrisiko         inkl. Heparinisierung erfolgen. Ziel
                            pfade besprochen, da eine detaillierte   verglichen zum mikrochirurgischen         ist ein langsamer Gefäßverschluss.
                            Beschreibung den Rahmen dieses           Klipping.7 Für Aneurysmen mit brei-       In der Zwischenzeit kann der Körper
                            Artikels bei weitem sprengen würde.      tem Hals und daher größerer Gefahr        eigenständig eine suffiziente Kollate-
                            Prinzipiell muss zwischen akut ruptu-    der Coilprotrusion ins Trägergefäß        ralisation aufbauen.
                            rierten und inzidentellen Aneurysmen     gibt es rezent weitere endovskuläre
                            unterschieden werden.                    Optionen: Der breite Aneurysmahals        Akut rupturierte Aneurysmen
                                                                     kann mittels sogenannter „Neck-           Diese stellen eine akute Pathologie
                            Rekonstruktive Techniken                 brigding-devices“ überbrückt wer-         dar und sollen so rasch wie möglich
                            Ferner muss zwischen rekonstrukti-       den, die die Coils dann im Aneurysma      an eine Spezialklinik mit multimo-
                            ven Techniken und dekonstruktiven        fixieren. Typischerweise sind dies        dalen Therapiemöglichkeiten trans-
                            Techniken unterschieden werden.6         weitmaschige Stents. Als neueste          feriert werden. Die Diagnose einer

10   Chirurgie · Ausgabe 4/2013
Neurochirurgie

aSAB erfolgt in der täglichen Praxis fast immer               Inzidentelle Aneurysmen
über ein natives CT inklusive CT-Angiographie.                Bei diesen zufällig gefundenen Läsionen stellt
In ausgewählten Fällen mit negativem CT/MRT                   v.a. die Therapieselektion die große klinische
und klinischem Verdacht kann eine Lumbal-                     Herausforderung dar. Diese kann auf Grund von
punktion durchgeführt werden. Die digitale                    CTA, MRA und/oder DSA durchgeführt werden.
Subtraktionsangiographie idealerweise mit                     Die richtige Selektion ist deshalb so wesent-
3D Rekonstruktion stellt weiterhin den diag-                  lich, da nämlich mit ca. 3–5% therapeutischer
nostischen Goldstandard zur OP bzw. Inter-                    Morbidität zu rechnen ist7, wir aber gleichzeitig
ventionsplanung dar. Danach wird gemeinsam                    wissen, dass nur eines von 400–1000 Aneurys-
von interventionellem Neurochirurgen/Neuro-                   men tatsächlich platzen wird.2 Die Risikoana-
radiologen und operativem Neurochirurgen                      lyse basiert derzeit v.a. auf epidemiologischen
die Therapieentscheidung zwischen Operation                   und Lebensstilfaktoren (Alter, Geschlecht, art.
oder endovaskulärer Embolisation gefällt. Nur                 Hypertonie, Rauchen, Alkohol, Familienana-                  Abb. 1: Der Klipp schaltet das Aneurysma dauerhaft
                                                                                                                          und sicher aus.
für Fälle, in denen beide Partner eine gleich                 mnese), der Aneurysmalokalisation und der
gute Behandelbarkeit des Aneurysma feststel-                  Geometrie (Länge >7mm, multilobulär, unre-
len, ist gemäß den ISAT Einschlusskriterien                   gelmäßig). Diese Parameter beschreiben zwar
das endosakkuläre Coiling – also der endo-                    sehr gut ein die Blutungswahrscheinlichkeit in
vaskuläre Verschluss des Aneurysmasackes                      einem Patientenkollektiv, erlauben aber nur
mit Mikrospiralen – zu bevorzugen.8 Im ISAT                   sehr beschränkt eine Aussage für den einzelnen
trial war dies lediglich bei 22,4% der Pati-                  Patienten. Daher sind in letzter Zeit immer mehr
enten der Fall! Sehr oft werden diese Daten                   individualisierte Risikoprognosen im Fokus der
jedoch als generelle Firstline Empfehlung für                 Wissenschaft. Hierbei beruht die Hoffnung
endovaskuläres Coiling missinterpretiert.                     auf patienten­spezifischen computerisierten
In sehr ausgewählten Fällen ohne sinnvolle                    Simulationen von Blutströmung und physika-
rekonstruktive Therapieoption kann nach der                   lischen Kräften, die innerhalb des Aneurysmas
kritischen klinischen Phase (v.a. Ende des                    wirken. Im Rahmen der Forschungstätigkeit der
Vasospasmus) auch eine dekonstruktive Tech-                   zerebro­vaskulären Forschungsgruppe Wien an                 Abb. 2: Die endovaskulären Coils verschließen das
                                                                                                                          Aneurysma von innen.
nik angewendet werden. Typischerweise ist                     der KAR beschäftigen wir uns intensiv mit die-
dies ein 2 zeitiges Vorgehen mit Anlage eines                 sen hoffentlich vielversprechenden Methoden
Bypasses von extracraniellen Gefäßen (z.B.                    (siehe Abb. 4).9 Bezüglich der Therapie ist hier
Art. temp. superficialis oder Art. occipit.) auf              bis dato das Klipping weiterhin die Therapie mit
oberflächliche Hirngefäße (z.B. Äste der Art.                 der besten Datenlage. Die endovaskulären The-
cerebri media oder posterior) mit nachfolgen-                 rapieoptionen, v.a. „Neckbdridging Devices“
derm endovaskulären Verschluss (typischer-                    und „Flowdiverter“, haben sicher das Potential,
weise Balloon) nach 48 – 72 Stunden.                          die Möglichkeiten der endovaskulären Thera-
                                                              pie wesentlich zu erweiteren.                 ■

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Korrespondenzadresse:
Priv. Doz. Dr. med. Camillo Sherif                                                                                        Abb. 4: Patientenspezifische Risikosimulation: Ba-
                                                                                                                          sierend auf einem 3D DSA Datensatz des Patienten.
Neurochirurgische Abteilung und zerebrovaskuläre Forschungsgruppe Wien
                                                                                                                          Die Falschfarben zeigen die Ausprägung der an den
Krankenanstalt Rudolfstiftung                                                                                             Gefäß-und Aneurysmwänden wirksamen Scherkräf-
Juchgasse 23, A-1090 Wien                                                                                                 te, die maßgeblich für die Aneurysmaentstehung
E-Mail: camillo.sherif@wienkav.at                                                                                         und Ruptur verantwortlich gemacht werden.

                                                                                                                                      Chirurgie · Ausgabe 4/2013            11
Kolorektale Chirurgie

                           Chirurgieverzicht beim Rektumkarzinom
                           Kurative Therapie des                      Rectal Cancer Study Group“ erwähnt,       Resttumor – erreicht worden ist oder
                           Rektumkarzinoms                            welche zeigen konnte, dass die neo-       nicht. Ein „pathologisch kompletter
                           Etwa ein Drittel aller kolorektalen Kar-   adjuvante Langzeit-Radiochemothe-         Response (pCR)“ – definiert als das
                           zinome sind im Rektum lokalisiert,         rapie (mit 5-FU) – verglichen mit der     Fehlen von restlichen vitalen Tumor-
                           wobei man zwischen Karzinomen des          postoperativen Radiochemothera-           zellen im Resektat – wird laut einem
                           oberen, des mittleren und des unte-        pie – eine bessere Compliance-Rate,       Review basierend auf Phase II und III
                           ren Rektumdrittels differenziert, was      eine geringere Lokalrezidivrate (6%       Studien zusammenfassend in 13.5%
                           für die therapeutische Strategie von       vs. 13%), eine geringere Toxizität und    der Fälle beobachtet (3), ist aber
                           essentieller Bedeutung ist. Nach stan-     eine höhere Sphinktererhaltungsrate       natürlich abhängig von der Tumor-
                           dardisierter Diagnostik (Endoskopie,       aufweist (2).                             biologie, vom verwendeten Thera-
                           Computertomographie des Körper-            Im Falle eines „low-risk“ T1-Karzinoms    pieschema und auch vom Intervall
                           stammes, Magnetresonanztomogra-            kann anstatt der radikalen Resektion      zwischen Vorbehandlung und Resek-
                           phie des kleinen Beckens; alternativ       eine limitierte Resektion mit inkom-      tion, sodass auch wesentlich höhere
                           oder additiv zur MRT die endorektale       pletter Entfernung des Lymphabfluss-      Raten an pCRs berichtet werden. In
                           Sonographie, insbesondere wenn es          gebietes, eine lokale Exzision ohne       einer „gepoolten“ Analyse von Stu-
                           sich um frühe Tumorstadien handelt)        Lymphadenektomie oder sogar eine          dien mit insgesamt über 3000 Pati-
                           muss das therapeutische Procedere          rein endoskopische Intervention (Poly-    enten mit Rektumkarzinom und neo-
                           im Rahmen eines interdisziplinären         pektomie, Endoskopische Mukosare-         adjuvanter Radiochemotherapie plus
                           Tumorboards festgelegt werden.             sektion oder Endoskopische Submu-         TME zeigt sich jedenfalls für Patienten
                           Die chirurgische Therapie stellt das       kosadissektion) in kurativer Intention    mit pCR ein signifikanter Vorteil im
                           zentrale Element in der Behandlung         durchgeführt werden. Ob und welche        „Langzeit-Outcome“ verglichen mit
                           des Rektumkarzinoms dar. Durch die         dieser onkologisch-limitierten Techni-    Patienten ohne pCR (4). Es stellt sich
                           Einhaltung der operationstechnischen       ken zum Einsatz kommt, muss in einer      nun also die Frage, ob Patienten mit
                           Prinzipien der Totalen Mesorektalen        interdisziplinären Tumorbesprechung       einer pCR überhaupt eine chirurgische
      M. Zitt, Innsbruck
                           Exzision (TME) konnte eine deutliche       Fall für Fall diskutiert werden.          Resektion benötigt hätten oder ob
                           Reduktion der Rate an lokoregionä-         Neben chirurgisch-onkologischen           man ihnen diese ersparen hätte kön-
                           ren Rezidiven erreicht werden (1).         Überlegungen mit den oben beschrie-       nen, noch dazu wo man weiß, dass
                           Während Karzinome des unteren und          benen Aspekten hinsichtlich operati-      die chirurgische Morbidität und Mor-
                           mittleren Rektumdrittels in jedem Fall     ver Radikalitätsprinzipien und multi-     talität sowie die Einschränkungen der
                           eine TME bedingen, herrscht breiter        modaler Behandlungskonzepte haben         Lebensqualität durch die Rektumchir-
                           Konsens darüber, dass Karzinome des        in den letzten Jahren vor allem Überle-   urgie beträchtlich sind.
                           oberen Rektumdrittels nach den Krite-      gungen zur Maximierung der Lebens-        Aufgrund dieser Überlegungen wird
                           rien der Partiellen Mesorektalen Exzi-     qualität Einzug gehalten. Dabei           nun also diskutiert, ob man Rektum-
                           sion (PME) operiert werden können.         spielen die Vorteile der zunehmend        karzinom-Patienten mit einem klinisch
                           Voraussetzung für einen potentiell         häufiger eingesetzten minimal-invasi-     kompletten Response (cCR) nach
                           kurativen Anspruch der Operation ist       ven Chirurgie ebenso eine große Rolle     Radiochemotherapie einer sogenann-
                           immer eine R0-Resektion (proximal,         wie „Nerven-sparendes Operieren“ im       ten „wait and see“ Strategie zuführen
                 Autor:    distal und zirkumferentiell) sowie die     Rahmen einer exakten TME oder der         und somit auf die Operation verzich-
     M. Zitt, Innsbruck    komplette Entfernung des regionalen        Erhalt des Sphinkters anstatt eines       ten kann. In einem rezent publizierten
                           Lymphabflussgebietes. Die Kombina-         definitiven Kolostomas oder eben          systematischen Review von Glynne-
                           tion aus diesen chirurgischen Prinzi-      auch Organ-erhaltende Techniken           Jones konnten von ursprünglich 980
                           pien und funktionellen Überlegungen        bei „low-risk“ T1-Karzinomen. In diese    Abstracts (1990–2011) zum Thema
                           bezüglich zu erwartende postopera-         Entwicklungen reiht sich nahtlos auch     „Radiochemotherapie beim Rektum-
                           tive Kontinenz entscheidet darüber,        die Diskussion ein, ob in speziellen      karzinom und Response“ 30 relevante
                           ob ein Patient einer Sphinkter-erhal-      Befundkonstellationen auf ein chirur-     Studien mit insgesamt 650 Patienten
                           tenden Rektumresektion oder einer          gisches Vorgehen gänzlich verzichtet      gefunden werden, welche genau diese
                           Abdomino-perinealen Rektumexstir-          werden kann.                              Fragestellung adressieren (5); frühere
                           pation zugeführt wird.                                                               Reviews erfüllen nicht die Kriterien
                           Beim lokal fortgeschrittenen (cT3/cT4)     „Chirurgieverzicht“ nach                  eines systematischen Reviews, Meta-
                           Karzinom des unteren und mittleren         Radiochemotherapie als                    analysen existieren bis dato keine.
                           Rektumdrittels ist in den letzten 20       kurative Alternative?                     Diese 30 Publikationen unterteilen
                           Jahren die alleinige Operation durch       Die chirurgische Resektion nach neo-      sich wiederum in 18 Berichte von der
                           multimodale Behandlungskonzepte            adjuvanter Radiochemotherapie gilt        Gruppe um Angelita Habr-Gama mit
                           bestehend aus neoadjuvanter Strah-         derzeit als Standardtherapie beim         insgesamt 361 retrospektiv analysier-
                           lentherapie (mit oder ohne beglei-         lokal fortgeschrittenen Karzinom des      ten Patienten zwischen 1991 und 2009
                           tende Chemotherapie) und konseku-          mittleren und unteren Rektumdrittels,     sowie in 12 Berichte anderer Gruppen
                           tiver Operation ersetzt worden, was        unabhängig davon ob durch die Vor-        mit insgesamt 289 Patienten (5). In der
                           die Rate an lokoregionären Rezidiven       behandlung ein „klinisch kompletter       ursprünglichen Serie von Habr-Gama
                           weiter senken konnte. Stellvertretend      Response (cCR)“ – definiert als das       et al. mit 118 Patienten (1991–1996),
                           dazu sei hier die Studie der „German       Fehlen von klinisch detektierbarem        welche bei „tiefem“ Rektumkarzinom

12   Chirurgie · Ausgabe 4/2013
Kolorektale Chirurgie

radiochemotherapiert wurden, zeigte             Daten komplett fehlen. Zudem zeigen       Befundung plus histologischer Siche-
sich eine cCR-Rate von 30.5%, wobei             die erwähnten Serien eine beträchtli-     rung) und im engmaschigen intensi-
die cCR durch die klinische Untersu-            che Heterogenität in Bezug auf nahezu     ven Follow-Up, vor allem innerhalb
chung, die radiologische Bildgebung             alle relevanten Aspekte: initiale         der ersten 12 Monate, um einen fort-
(transrektaler Ultraschall, Becken-CT)          Behandlungsstrategie; Art, Dosierung      währenden cCR zu beweisen. Es ist
und eine negative Biopsie evaluiert             und Dauer der Chemotherapie; Dosis        allerdings in meinen Augen keines-
wurde. Eine „Salvage-Operation“ war             und Fraktionierung der Strahlenthera-     falls gerechtfertigt, diese Ergebnisse
bei 8 dieser 30 Patienten aufgrund              pie; Patientenselektion; bildgebende      auf größere lokal fortgeschrittene
eines Lokalrezidivs innerhalb von 3             Methoden zur Responsebeurteilung;         (und dadurch per se oft Lymphkno-
bis 14 Monaten notwendig, die restli-           Art der Einschätzung und Definition       ten-positive) Tumore zu übertragen,
chen Patienten hatten vergleichbare             des cCR; Follow-Up Schema. Selbst die     da diese Situation in den bisherigen
Langzeitergebnisse (medianes Follow-            verschiedenen Publikationen von der       Daten nicht abgebildet wird. Zudem
up von 36 Monaten) wie diejenigen               Gruppe um Habr-Gama lassen doch           ist nach wie vor ungelöst, auf Basis
Patienten, welche nach Radiochemo-              eindeutige Unterschiede erkennen,         welcher Kriterien mit welchen bildge-
therapie operiert wurden und eine               beispielsweise wenn man den Zeit-         benden Methoden die Lymphknoten
pathologische komplette Remission               punkt betrachtet, wann von einer fort-    hinsichtlich Response verlässlich eva-
(pCR) hatten (6). In den weiteren               währenden cCR gesprochen werden           luiert werden können.
Serien dieser Gruppe zeigten sich               kann oder wenn man den Einsatz der
(nach 12 Monaten fortwährende)                  Magnetresonanztomographie analy-          Fazit
cCR-Raten von 27%–39% bei „Fol-                 siert. Das größte Problem hinsichtlich    Aufgrund der derzeitigen Datenlage
low-up“ Perioden von median zirka               Vergleichbarkeit mit anderen Studien      bleibt die neoadjuvante Vorbehand-
60 Monaten. Die Lokalrezidiv-Raten              scheint die Tatsache zu sein, dass        lung gefolgt von der chirurgischen
pendelten sich zwischen 3% und 6%               Habr-Gama et al. eher kleine Tumore       Resektion in Form einer exakt durch-
ein, das 5-Jahres krankheitsfreie Über-         (mediane Tumorgröße von 3.7cm2) des       geführten TME die Therapie der Wahl
leben betrug 72% bis 92%, die 5-Jah-            unteren Rektumdrittels (7cm ab Anal-      beim histologisch verifizierten lokal
res Gesamt-Überlebensrate 93% bis               rand) in die Studien eingeschlossen       fortgeschrittenen Adenokarzinom des
100% (7–10); die größte Serie von 361           haben, während es sich in anderen         mittleren und unteren Rektumdrittels.
Patienten beinhaltete dabei Tumore in           Studien um unselektionierte Patien-       Bei exakt selektionierten Patienten
den klinischen Stadien cT2 bis cT4 (9).         ten mit teilweise fortgeschritteneren     mit eher kleineren, Lymphknoten-
Von den „Nicht Habr-Gama“ Studien               Tumoren handelte und das Follow-Up        negativen Tumoren im unteren Drittel,
erbrachte lediglich eine zwar pros-             zudem weniger engmaschig war, was         welche eine genau definierte cCR nach
pektive, aber kleine niederländische            die insgesamt schlechteren Ergeb-         Radiochemotherapie aufweisen, kann
Studie (21 Patienten) vergleichbare             nisse logisch erscheinen lässt.           der „Chirurgieverzicht“ in Erwägung
Ergebnisse, nach einem medianen Fol-            Alles in allem können aber Habr-Gama      gezogen werden. Prinzipiell sollte man
low-up von 25 Monaten: cCR-Rate von             et al bisher als einzige Gruppe nach-     diese Strategie im kurativen Setting
11%, Lokalrezidiv-Rate von 5% (11).             weisen, dass selektionierte Patienten     auf Einzelfälle limitieren, am ehesten
Andere retrospektive Studien zeigten            durch alleinige Radiochemotherapie        dann, wenn eine chirurgische Resek-
wesentlich höhere Lokalrezidiv-Raten            effektiv und sicher behandelt werden      tion zu riskant erscheint oder der Pati-
von 23% bis 83% (5).                            können, wenn dies in einem für diese      ent die Operation ablehnt. Im Falle des
Wenn man die Daten dieses systema-              Strategie erfahrenen Setting durchge-     Chirurgieverzichtes ist ein intensives
tischen Reviews (5) allerdings kritisch         führt wird. Die Stärke der brasiliani-    engmaschiges Follow-Up unabding-
beleuchtet, so muss man seine Aus-              schen Daten liegt dabei in erster Linie   bar. Die Frage, ob in Zukunft eine allei-
sagekraft insgesamt doch als limitiert          in der strengen Selektion von Patien-     nige Radiochemotherapie bei einem
ansehen, da sie auf lediglich 650 Pati-         ten mit tiefsitzenden (gut zugängli-      Teil der Rektumkarzinompatienten als
enten beruht, die Daten zum größten             chen) Karzinomen, in der akribischen      Standardtherapie angesehen werden
Teil retrospektiv erhoben wurden                Methodik hinsichtlich des Definierens     kann, müssen weitere groß angelegte
und mehrheitlich von einem einzigen             eines cCR (mittels exakter klinischer,    Studien zeigen.                       ■
Zentrum stammen, und randomisierte              radiologischer und endoskopischer

 Literatur:
 1 Heald R.J.et al. (1998): Arch Surg 133:894-899
 2 Sauer R. et al. (2004): N Engl J Med 351:1731-1740
 3 Hartley A. et al. (2005): Brit J Radiol 78:934-938
 4 Maas M. et al. (2010): Lancet Oncol 11:835-844                                         Korrespondenzadresse:
 5 Glynne-Jones R. et al. (2012): Brit J Surg 99:897-909                                  Ass.-Prof. Priv.-Doz. Dr. M. Zitt
 6 Habr-Gama A. et al. (1998): Dis Colon Rectum 41:1087-1096                              Medizinische Universität Innsbruck
 7 Habr-Gama A. et al. (2004): Ann Surg 240:711-717                                       Department Operative Medizin
 8 Habr-Gama A. et al. (2005): J Gastrointest Surg 9:90-109                               Univ.-Klinik für Visceral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie
 9 Habr-Gama A. et al. (2006): J Gastrointest Surg 10:1319-1328                           Anichstrasse 35
 10 Habr-Gama A. et al. (2011): Semin Radiat Oncol 21:234-249                             A-6020 Innsbruck
 11 Maas M. et al. (2011): J Clin Oncol 29:4633-4640                                      E-Mail: matthias.zitt@i-med.ac.at

                                                                                                                          Chirurgie · Ausgabe 4/2013          13
Radikalitätsprinzipien

                          Radikalitätsprinzipien bei Melanom
                          Das Melanom der Haut ist der Hauttumor mit der höchsten Metastasierungsrate und für mehr als 90 % aller Sterbe-
                          fälle an Hauttumoren verantwortlich. Das kumulierte Risiko, vor dem 75. Lebensjahr an einem malignen Melanom zu
                          erkranken, lag 2010 bei etwa 1,2% (Statistik Austria). Aufgrund der verbesserten Frühdiagnose und damit der Iden-
                          tifikation von prognostisch günstigeren Tumoren, ist die Mortalitätsrate trotz steigender Inzidenz über die letzten
                          Jahrzehnte stabil geblieben. Eine chirurgische Behandlung ist nach wie vor die Therapie der Wahl im Stadium des
                          Primärtumors, bei Vorliegen von Lymphknotenmetastasen und bei ausgewählten Patienten mit Fernmetastasen. Die
                          chirurgischen Leitlinien für das kutane Melanom beruhen auf der TNM-Klassifikation der AJCC aus dem Jahr 2009 (1).

                          Bei Verdacht auf das Vorliegen eines     der Akren kleinere Sicherheitsab-         werden (3). Somit ist die SNB beim
                          Melanoms ist primär eine vollständige    stände durchaus vertretbar sind,          Melanom bis zum Vorliegen dieser
                          Exzision des Tumors unter Einschluss     solange eine R0- Resektion mittels        Endergebnisse weiterhin primär als
                          eines subkutanen Fettgewebsanteils       3-D-Histologie bestätigt ist. Insbeson-   staging- Methode einzustufen.
                          durchzuführen. Größere Sicherheits-      dere sollte eine (Teil-)amputation von
                          abstände und Lappenplastiken sind        Zehen oder Fingern bei subungualen        Bei einem positiven SNB-Befund ist
                          zu diesem Zeitpunkt zu vermeiden,        Melanomen nur bei fortgeschrittenen       die komplettierende Lymphadenekto-
                          damit Lymphabflusswege bei einer         Verläufen erwogen werden (2).             mie nach wie vor Therapie der Wahl.
                          eventuell späteren Wächterlymphkno-
                          tenbiopsie nicht artifiziell verändert   Bei der Lentigo maligna im Gesichts-      Eine therapeutische Lymphadenekto-
                          werden. Ist eine primäre diagnosti-      bereich ist aufgrund der oft subklini-    mie bei isoliertem Lymphknotenrezi-
                          sche Exzision z.B. bei flächigen Tumo-   schen Größenausdehnung ein zwei-          div ist ein potentiell therapeutischer
                          ren oder im Bereich der Akren nicht      zeitiges Vorgehen mit histologischer      Eingriff (5-Jahres-Überleben ~ 50%)
                          möglich, kann zur Diagnosesicherung      Schnittrandkontrolle sinnvoll.            wenn eine R0-Resektion erzielt wird.
                          und Feststellung der Ausbreitung eine                                              Präoperativ ist jedenfalls eine bild-
                          Probebiopsie bzw. ein „mapping“          Lokoregionäre                             gebende Diagnostik mittels CT oder
                          durchgeführt werden, ohne dass hier-     Melanommetastasen                         MR und/oder die histopathologische
          F. Roka, Wien
                          für eine schlechtere Prognose für die    Zu unterscheiden sind hier (sub-)         Verifizierung (Feinnadelpunktion,
                          Patienten besteht.                       kutane Metastasen im Bereich des          LK-Biopsie) zu fordern.
                                                                   unmittelbaren Lymphabstromgebie-
                          Zur Vermeidung eines Lokalrezidivs       tes (Satellitenmetastasen, in transit-
                          sollte nach der Diagnosesicherung        Metastasen, subkutane Metastasen)
                          in Abhängigkeit von der Tumordicke       und regionäre Lymphknotenmetasta-         Im Kopf-Hals-Bereich wird bei Vorlie-
                          des Melanoms eine Nachexzision mit       sen infolge einer Lymphgefäßinvasion.     gen eines positiven zervikalen Wäch-
                          1 oder 2 cm seitlichem Sicherheits-                                                terlymphknotens von den meisten
                          abstand durchgeführt werden (siehe       Einzelne kutane Metastasen sollten        Autoren eine selektive neck dissection
                          Tab.1). Bei Tumoren >1mm- 2mm wer-       unter einem kurativen Gesichtspunkt       unter Aussparung des Level V empfoh-
                          den aufgrund unklarer Datenlage          radikal mit histologischer Schnit-        len, beim zervikalen Lymphknotenre-
                          Sicherheitsabstände von 1 oder 2 cm      trandkontrolle exzidiert werden. Bei      zidiv hingegen die modifiziert radikale
                          empfohlen, je nach anatomischer          Vorliegen multipler Metastasen kön-       neck dissection der Level I–V mit oder
                Autor:    Machbarkeit. Nachexzisionsgrenzen        nen auch andere Verfahren wie Elek-       ohne laterale Parotidektomie. Okzipi-
         F. Roka, Wien    über 2 cm, welche jahrzehntelang         trochemotherapie,     Kryochirurgie,      tal gelegene Melanome erfordern eine
                          durchaus üblich waren, zeigten in        Strahlentherapie oder die intratu-        posterolaterale neck dissection mit
                          keiner Studie Überlebensvorteile und     morale Behandlung mit Interleukin-2       Ausräumung der retroaurikulären und
                          sind daher als obsolet zu bezeichnen.    zur Anwendung kommen. Bei inope-          subokzipitalen Lymphknoten sowie
                                                                   rabler, diffuser Hautmetastasierung       des seitlichen Halsdreiecks.
                          Wichtig ist zu beachten, dass an         im Bereich einer Extremität ist die
                          bestimmten Lokalisationen wie z.B.       hypertherme Extremitätenperfusion/-       Im Rahmen einer axillären komplet-
                          im Gesicht, den Ohren oder im Bereich    infusion an spezialisierten Zentren       tierenden Lymphadenektomie bei
                                                                   Therapie der Wahl.                        positivem SLN ist nur eine Dissektion
                                                                                                             der Level I und II indiziert, da nur in
Tabelle 1:                                                         Seit der Einführung der Wächterlymph-     etwa 3% positive Lymphknoten im
                                                                   knotenbiopsie (SNB) ab einer Tumordi-     Level III vorliegen. Bei klinisch posi-
                                     Sicherheitsabstand            cke von 1mm wird die Mehrzahl der         tivem Befund in der Axilla sind posi-
                                                                   regionären Lymphknotenmetastasen          tive Lymphknoten im Level III jedoch
 LM/Melanoma in situ                      0.5 cm                   in einem bereits frühen Stadium dia-      in knapp 20% der Patienten zu erwar-
                                                                   gnostiziert. In der 3. Interimsanalyse    ten und eine ausgedehntere Lymph-
 Tumordicke ≤ 1 mm                           1 cm                  der bisher größten Studie zur SNB         adenektomie daher indiziert (4).
                                                                   beim Melanom konnte für Patienten         Bei metastatischem Befall mehrerer
 Tumordicke > 1– 2 mm                     1 – 2 cm                 welche zur SNB randomisiert waren         Lymphknotenregionen infolge eines
                                                                   zwar eine Verminderung der Lymph-         Primärtumors am Stamm oder Arm-
 Tumordicke > 2 mm                          2 cm
                                                                   knotenrezidive, nicht jedoch ein sig-     Schulter-Bereich müssen gegebenen-
                                                                   nifikanter Überlebensvorteil gezeigt      falls kombinierte Verfahren gewählt

14   Chirurgie · Ausgabe 4/2013
Radikalitätsprinzipien · Historisches

werden, wie z.B. die Durchführung           bis zu 40% außerdem iliakale Metas-           Metastasen, maximal 2 betroffenen
einer axillären Lymphadenektomie            tasen vorliegen (5), sind diese Pati-         Organsysteme, langes Rezidiv-freies
mit selektiver neck dissection oder         enten einer geeigneten Bildgebung             Intervall) ein chirurgisches Vorgehen
mit einer erweiterten radikalen neck        und eventuell einer ilio-inguinalen           mit dem Ziel einer R0-Resektion, sinn-
dissection.                                 Lymphadenektomie zuzuführen. Auf-             voll (6). Liegt eine palliative Situation
                                            grund der hohen Frühmorbidität nach           vor, sollte die Entscheidung nach
Für komplettierende inguinale Lymph-        inguinaler Lymphadenektomie mit               Diskussion in einer interdisziplinären
adenektomien gilt als Standardeingriff      Auftreten von Lymphzysten und –fis-           Tumorkonferenz und in Abstimmung
die oberflächliche (Oberschenkelfas-        teln in bis zu 70% ist die Indikation zu      mit dem Patienten erfolgen.            ■
zie als Resektionsgrenze) inguino-          einer Sartorius-Muskellappen-Plastik
femorale Lymphadenektomie des               großzügig zu stellen.
Trigonum femorale unterhalb des
Leistenbandes unter Mitnahme der            Fernmetastasen                                Korrespondenzadresse:
proximalen Vena saphena magna bis           Angesichts der Tatsache, dass                 ao. Univ.-Prof Dr. F. Roka
zu ihrer Einmündung. Proximal sollte        auch moderne systemische Thera-               Medizinische Universität Wien,
das subkutane Fettgewebe bis unter-         pieschemata nur in einem kleinen              Universitätsklinik für Dermatologie
                                                                                          Abteilung für Allgemeine Dermatologie
halb der Spina iliaca anterior supe-        Teil der Patienten zu einem objekti-          Währinger Gürtel 18-20
rior reseziert werden. Da bei klinisch      ven Ansprechen führen, ist bei einer          A-1090 Wien
positiven Lymphknotenmetastasen in          potentiell kurativen Situtation (wenige       E-Mail: florian.roka@meduniwien.ac.at

Historisches
zur Kontinenzerhaltung beim Rektumkarzinom
125 Jahre nach Hocheneggs Pionierleistung
Es ist heuer 125 Jahre her, dass in         Chloroformnarkose durchgeführt. Der           keln in der Wiener klinischen Wochen-
der Wiener Klinischen Wochenschrift         postoperative Verlauf war durch eine          schrift in ihrem Gründungsjahr 1888.
eine für die damalige Zeit sensa-           vorübergehende Fistelbildung im Sak-          Hochenegg beschrieb darin seine
tionelle Operation veröffentlicht           ralbereich gestört. Jedoch konnte die         Erfahrungen mit dem sakralen Zugang
wurde (1). – Hochenegg (Abb.1) war          Patientin bereits am 10. Juni 1887 in         nach Kraske. Bei diesem Zugang
der erste Chirurg, dem die Schließ-         der Gesellschaft der Ärzte vorgestellt        wurde die ursprüngliche Methode
muskelerhaltung bei einer Paten-            werden. Sie war danach voll arbeits-          von Lisfranc (2) modifiziert, der rein
tin mit Rektumkarzinom gelang. Er           fähig und wurde einige Monate spä-            perineal den Analbereich umschnitt
führte am 12.05.1887 bei einer 32           ter schwanger. Der Tumor war sieben           und von hier aus Tumoren des unteren
jährigen Frau eine Rektumresektion          Zentimeter ab ano lokalisiert gewe-           Rektums entfernte. Wegen der gerin-
mit primärer Anastomose durch,              sen. Ein derartiger Eingriff war vorher       gen Übersichtlichkeit wurde dieser          R. Schiessel, Wien
wobei der damals übliche sakrale            keinem anderen Chirurgen gelungen.            Zugang von Kraske zum Os Sakrum
Zugang gewählt wurde. Die Opera-            Die Publikation seiner Fälle mit Rek-         hin erweitert mit Entfernung des Os
tion wurde in Linksseitenlage und in        tumkarzinom erfolgte in mehreren Arti-        Coccygis und unterer Anteile des
                                                                                          Sakrums (Abb.2). Dies ermöglichte
                                                                                          eine bessere Übersicht und die Ent-
                                                                                          fernung auch höher gelegener Tumore
                                                                                          des Rektums. Hochenegg hatte schon
                                                                                          sehr früh die Idee bei höher gelege-
                                                                                          nen Tumoren den Schließmuskel zu
                                                                                          erhalten, da es damals üblich war eine
                                                                                          Rektumresektion mit einer perinealen
                                                                                          Colostomie zu beenden. Dies war für
                                                                                          die Patienten ein extrem belastender
                                                                                          Zustand. Deshalb konstruierte Hoch-         Autor:
                                                                                          enegg auch einen Verschlussapparat          R. Schiessel, Wien
                                                                                          für diese Form des Stomas.
Abb. 1: Julius von Hochenegg Abb. 2: Der ursprüngliche Zugang zum Rektum war perineal,
(1859 – 1940)                um eine Laparotomie zu vermeiden. Die Übersicht war jedoch
                             beschränkt, sodass eine Erweiterung zunächst nach sakral
                             und schließlich nach abdominal notwendig war.

                                                                                                                         Chirurgie · Ausgabe 4/2013        15
Historisches

                          Da die Wiederherstellung der Konti-       war die Anastomosendehiszenz bei         und neoadjuvanter Therapie ist die
                          nuität nach Rektumresektion durch         der Wiederherstellung der Kontinui-      Kontinenzerhaltung in 80% der Pati-
                          eine zirkuläre Anastomose häufig          tät bei höhersitzenden Karzinomen.       enten zum Standard in den letzten
                          durch Dehiszenzen mit nachfolgender       Dabei kam es häufig zu sakralen Fis-     Jahren geworden. (7).
                          Sepsis kompliziert war, entwickelte er    teln und Sepsis. Mit der Durchzugs-
                          1889 die sogenannte Durchziehme-          methode konnte Hochenegg offenbar        Biografie von J.v.Hochenegg
                          thode, bei der der orale Darmschen-       dieses Problem in den Griff bekom-       Julius von Hochenegg, geb.1859
                          kel durch den Analkanal durchgezo-        men, sodass nur wenige Fisteln beob-     stammte aus einer angesehenen
                          gen wurde (3). Dadurch wurde eine         achtet wurden. Sein Schüler Finsterer    Wiener Familie. Sein Vater war Jurist,
                          stabilere Anastomose geschaffen.          verfolgte die Idee der Schließmuske-     sein Bruder Carl war Techniker und
                          Diese Technik entspricht in entfernter    lerhaltung konsequent weiter, wen-       maßgeblich an der Elektrifizierung der
                          Weise etwa der heutigen coloanalen        dete jedoch die Durchzugsmethode         Wiener Straßenbahn und Stadtbahn
                          Anastomose (Abb.3).                       nicht weiter an da er mit den funkti-    beteiligt. Er war Professor an der tech-
                                                                    onellen Ergebnissen nicht zufrieden      nischen Hochschule in Wien und auch
                          Hochenegg wurde 1904 nach Gus-            war. Er entwickelte die abdominosa-      deren Rektor. Julius von Hochenegg
                          senbauer Nachfolger von Theodor           krale Rektumresektion, bei der eine      sollte primär Jus studieren, entschied
                          Billroth als Vorstand der II. Chirurgi-   End- zu Endanastomose von einem          sich aber bald für die Medizin. Schon
                          schen Universitätsklinik in Wien. Hier    sakralen Zugang durchgeführt wurde       während der Studienzeit arbeitete er
                          baute er ein großes Krankengut mit        (2). Das Risiko der Anastomosende-       als Demonstrator am anatomischen
                          Rektumkarzinomen auf und perfekti-        hiszenz wurde durch eine protekive       Institut. Nach der Promotion war er
Abb. 3:                   onierte seine Methode. Seine Klinik       Kolostomie reduziert. Die konse-         zunächst aushilfsweiser Operations-
Die „Durchzieh­methode“
nach Hochenegg (3)
                          entwickelte unter Mandl und Fins-         quente Beibehaltung der Sphinkte-        zögling bei Billroth, später erhielt er
                          terer die schließmuskelerhaltende         rerhaltung an der Hocheneggschen         eine Assistentenstelle an der I. Chir-
                          Chirurgie beim Rektumkarzinom zu          Klinik ist insofern bemerkenswert, als   urgischen Universitätsklinik bei Edu-
                          weiterer Perfektion mit ausgezeich-       die im Jahre 1908 erschienene Arbeit     ard Albert. Er machte dort eine rasche
                          neten Resultaten. Dies ist besonders      von Ernest Miles mit der Forderung,      Karriere und wurde schließlich erster
                          bemerkenswert, da durch die Arbei-        dass bei jedem Rektumkarzinom eine       Assistent. 1891 wurde er Abteilungs-
                          ten von Ernest Miles die Schließ-         abdominoperineale Rektumresektion        vorstand in der Wiener Poliklinik.
                          muskelerhaltung       jahrzehntelang      durchgeführt werden müsse, die Lite-     1904 wurde er Nachfolger von Karl
                          verpönt war. Miles hatte ja gefor-        ratur über Jahrzehnte dominierte.        Gussenbauer an der II. Chirurgischen
                          dert, dass jedes Rektumkarzinom           Auch wenn die Hypothese von Miles,       Universitätsklinik und somit indirek-
                          unabhängig von seiner Lokalisation        dass das Rektumkarzinom sowohl           ter Nachfolger von Theodor Billroth.
                          einer Rektumamputation zugeführt          nach oral als auch anal metastasiert,    1909 gründete er zusammen mit
                          werden müsse. Er hatte festgestellt,      relativ bald von Westhues und Dukes      Eiselsberg die erste Unfallstation der
                          dass mit dem damals geübten rein          (1930) widerlegt wurden, hatte die       Welt am Allgemeinen Krankenhaus
                          perinealen Zugang die Lokalrezidiv-       Erhaltung des Schließmuskels sehr        in Wien. 1910 gründete er zusam-
                          rate beim Rektumkarzinom bei 95%          lange den Anstrich einer unradikalen     men mit Paltauf und anderen Fakul-
                          lagen. Trotz einer Operationsletalität    Operation mit schlechten funktionel-     tätsmitgliedern die österreichische
                          von anfänglich 36% setzte sich das        len und onkologischen Ergebnissen        Krebsgesellschaft. Der Anlass war
                          Verfahren langfristig durch. Auch als     (2). Schon 1951 konnte Goligher (5)      die triste Situation von Patienten mit
                          seine Hypothese, dass das Rektum-         nachweisen, dass eine anal gerich-       fortgeschrittenem Karzinom. Er hatte
                          karzinom nach oral und anal lympho-       tete lymphogene Metastasierung           ein klares Konzept für die Versorgung
                          gen metastasiert, längst widerlegt        nur in 2% der Patienten vorkommt.        von Krebskranken und die Errichtung
                          war, wurde die abdominoperineale          Trotzdem dauerte es noch viele Jahre     eines Krebsspitales und dafür auch
                          Methode als einzige sichere Methode       bis sich die Erhaltung des Schließ-      die Unterstützung des Kaisers und
                          anerkannt.                                muskels durchsetzte. Eine wirkliche      vermögender Patienten, scheiterte
                                                                    Akzeptanz auf breiter Basis wurde        zunächst an bürokratischen Hür-
                          Mandl hat 1929 die Ergebnisse der         erst erzielt, als Pollett und Nicholls   den und schließlich am Ausbruch
                          Hocheneggschen Klinik veröffent-          (6) 1983 nachweisen konnten, dass        des 1. Weltkrieges. Er wurde zum
                          licht (4) (Tabelle). Auffällig ist das    der distale Resektionsrand nicht län-    Generalstabsarzt ernannt und setzte
                          große Krankengut von 1000 sakralen        ger als 1cm sein muss. – Bis dahin       seine Assistenten in einer mobilen
                          Resektionen. Eine Schließmuskeler-        waren bis zu 5cm gefordert worden.       Feldchirurgentruppe an allen Fron-
                          haltung war immerhin bei 24% mög-         Im eigenen Bereich an der I. Chirur-     ten ein. Nach dem Krieg konzentrierte
                          lich, wobei die Durchzugsmethode          gischen Universitätsklinik in Wien       sich seine Tätigkeit auf die ärztliche
                          zur Wiederherstellung der Kontinuität     wurde im Jahr 1965 nur bei 20% der       Ausbildung und die Wiederherstel-
                          des Darmes angewendet wurde. Die          Patienten mit Rektumkarzinom der         lung der medizinischen Versorgung.
                          Kontinenzrate bei diesen Patienten        Schließmuskel erhalten. Bis in die       Der Krieg hatte nicht nur viele seiner
                          wurde mit 60% angegeben. Dabei            80er Jahre wurde dieser Prozentsatz      Pläne zunichte gemacht sondern
                          ist zu berücksichtigen, dass die Kri-     auf etwa 40% gesteigert. Mit der         ihm auch seinen schwersten Verlust
                          terien für die Beurteilung der Konti-     Anwendung neuerer Techniken wie          zugefügt: 1914 fiel sein einziger Sohn
                          nenz nicht angegeben wurden. Das          Stapleranastomose, coloanaler Ana-       Rudolf. – Ein Schicksalsschlag, den er
                          Hauptproblem in der damaligen Zeit        stomose, Intersphinktärer Resektion      nicht verkraften konnte.

16    Chirurgie · Ausgabe 4/2013
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