PRESS REVIEW Monday, May 31, 2021 - Daniel Barenboim Stiftung Barenboim-Said Akademie & Pierre Boulez Saal - Index of

 
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PRESS REVIEW

         Daniel Barenboim Stiftung
Barenboim-Said Akademie & Pierre Boulez Saal

          Monday, May 31, 2021
PRESS REVIEW Monday, May 31, 2021 - Daniel Barenboim Stiftung Barenboim-Said Akademie & Pierre Boulez Saal - Index of
PRESS REVIEW                                                         Monday, May 31, 2021

Rbb Kultur, PBS
Konzerte im Rahmen des Berliner Pilotprojekts „Perspektive Kultur“. Pierre Boulez Saal: Quatuor
Diotima

Der Tagesspiegel, PBS
Mit Schubert unterwegs in die Gegenwart: das Quatuor Diotima spielt im Boulez Saal vor Publikum

Der Tagesspiegel, PBS
Klassik vor Publikum im Pierre Boulez Saal

Berliner Zeitung, PBS
Volksmusik mit Symbolwert. Danish String Quartet im Boulez-Saal

Hundert 11, PBS
Frischdesolat: Quatuor Diotima im Boulezsaal

The New York City Jazz Record, PBS
„Love Longing Loss” At home with Charles Lloyd during a year of the plague. Directed by Dorothy Darr

Rhein-Neckar Zeitung, DIVAN, DB
Das Leben kehrt zurück in eine verwundete Stadt

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Das Beste in Hamburgs Oper seit Langem: Händels „Agrippina“ mit Julia Lezhneva

Die Welt
Sieben Mal musste die Premiere verschoben werden. Nun gab es wieder sprühenden Livetanz in
Hamburg: John Neumeiers „Beethoven-Projekt II“

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Das Mozartfest Würzburg wird hundert Jahre alt
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Frankfurter Allgemeine Zeitung
Die Konkurrenz von Beethoven Bavouzet erweckt sie neu

Berliner Morgenpost
Die Ausstellung „Scratching the Surface“ in den Rieck-Hallen am Hamburger Bahnhof

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Neoklassik gilt als Musik zum Meditieren. Künstler wie Robert Ames oder das Duo Grandbrothers
beweisen, dass es auch avancierter geht

Der Tagesspiegel
Digital ist schlechter: Eindrücke von den Preisverleihungen und dem Lesefest in Leipzig

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Die Buchmesse in Leipzig trotzt Corona
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31.5.2021                              Konzerte im Rahmen des Berliner Pilotprojekts „Perspektive Kultur“ - Pierre Boulez Saal: Quatuor Diotima | rbbKultur

Kultur erleben und Klassik hören   >   Programmübersicht   >   Sendeschema   >   Der Morgen

Mo 31.05.2021 | 08:10
Konzerte im Rahmen des Berliner Pilotprojekts „Perspektive Kultur“
Pierre Boulez Saal: Quatuor Diotima
Ein Gespräch mit Clemens Goldberg

Im Pierre Boulez Saal gibt es wieder Live-Musik vor Publikum: Mit zwei Konzerten beteiligt sich
der von Frank Gehry entworfene Saal am Berliner Pilotprojekt „Perspektive Kultur“. Das Danish
String Quartet mit Werken von Franz Schubert, John Adams, Marc-Antoine Charpentier, Felix
Blumenfeld und skandinavischer Volksmusik zu hören und das Quatuor Diotima mit Musik von
Pierre Boulez, Alban Berg und Franz Schubert.

Clemens Goldberg berichtet von diesen beiden Konzerten.

     Beitrag hören

https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/programm/schema/sendungen/der_morgen/archiv/20210531_0600/kultur_aktuell_0810.html                                  1/1
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Internet
Quelle:    Tagesspiegel online, Der vom 30.05.2021 (Internet-Publikation, Berlin)

                                             AÄW:            44.916 €
Visits:    67.373.531                        Reichweite:     2.245.784              Autor:   Ulrich Amling               Weblink

                    Meister in seinem Saal
                    Mit Schubert unterwegs in die Gegenwart: das Quatuor Diotima spiel im Boulez
                    Saal vor Publikum.

                     Seit 25 Jahren der Moderne auf der Spur: das Quatuor Diotima. FOTO: FRANÇOIS-ROUSSEAU

                    Noch findet, wer online nach dem Boulez Saal sucht, den Hinweis: vorübergehend geschlossen.
                    Die beiden Konzerte, die dort als Bruchteil der weitgehend abgesagten Quartettwoche stattfinden,
                    sind eine Ausnahme im Rahmen des. Es ist eine Übung für alle Beteiligten, wie man am zweiten
                    Abend mit dem Quatuor Diotima spürt. Ohne Geduld, Rücksicht und Verantwortung kann es keine
                    geschützten Räume geben, und das gilt auch, wenn das Virus einmal zurückgedrängt sein sollte.
                    Der Ruf eines Zuhörers zwischen Werken von Boulez und Berg macht es deutlich: „Behalten Sie
                    doch Ihre Maske auf, so wie alle anderen hier auch.“ Übereinkommen als Kulturleistung.
                    Die Dramaturgie des Abends stellt abermals ein Quartett-Großwerk von Schubert ins Zentrum des
                    Boulez Saals, doch anders als beim am vergangenen Mittwoch, folgt auf das Monument keine frei-
                    schwingende Folge von Tänzen. Das französische Quatour Diotima spielt das, wofür es seit nun-
                    mehr 25 Jahren bekannt ist: zweite Wiener Schule und Musik der Gegenwart. Das bringt naturge-
                    mäß eine andere Zuhörhaltung mit sich, denn nur wenigen zuckt bei Boulez‘ Livre pour Quatuor der
                    Fuß. Die aktuelle Programmumstellung, mit der Schubert aus dem Mittelteil an dem Kopf wandert,
                    verschärft diesen Kontrast zusätzlich.

                    Komprimierte Augenblicke und eine kühle Affäre
                    Schuberts „Rosamunde“-Quartett beginnt wie seine „Unvollendete“ mit geradezu filmischer Dichte
                    wie aus dem Nichts, es ist unmöglich, sich seiner Wirkung zu entziehen. Doch mit dem Voran-
                    schreiten, in den weiten Sangesbögen und jähen Abbrüchen, wird zunehmend offenbar, über wel-
                    che klanglichen Mittel die Interpreten eigentlich verfügen. Und hier wirkt das Quatour Diotima oft
                    blass und auch kurzatmig, so dass sich kaum Spannung aufbauen kann. Blitzlichtartig flackert das
                    tiefe Verständnis für harmonische Grenzgänge auf, die romantische Gesamtkonstruktion bleibt den-
                    noch unterbelichtet.
                    Die zerlesenen, von intensiver Beschäftigung gezeichneten Noten von Boulez‘ Livre pour Quatuor,
                    noch zusammen mit dem Komponisten erarbeitet, klingen unter den Händen des Quatour Diotima
                    mit Abstand am lebendigsten. Der „komprimierte Augenblick“, der Boulez vorschwebte – wurde er
                    für Augenblicke Klang. In Bergs Lyrischer Suite hingegen, als Psychogramm einer Affäre auf atem-
                    lose Steigerung angelegt, rieselt herbstliche Kühle ein. Wieder draußen auf der Straße kreisen Ge-
                    spräche um gastronomische Terrassen mit Heizstrahlern.

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31.5.2021                                      https://epaper.tagesspiegel.de//webreader-v3/index.html#/476517/24-25

       Samstag, 29.05.2021, Tagesspiegel / Kultur

       Wir sind wieder hier
       Klassik vor Publikum im Pierre Boulez Saal
       Von Frederik Hanssen

       Nein, das Stillsitzen haben sie nicht verlernt in den langen Monaten des Lockdowns. Die Besu-
       cherinnen und Besucher, die sich am Donnerstagabend im Pierre Boulez Saal versammelt ha-
       ben, um am Pilotprojekt zur Öffnung der Berliner Bühnen teilzunehmen – mit negativem Coro-
       natest und FFP2-Maske auch während der Darbietung –, sie umhüllen das Danish String Quartet
       geradezu mit ihrer Aufmerksamkeit, schaffen einen Kokon der kollektiven Konzentration.

       Schuberts letztes Streichquartett von 1826, ein monumentales Opus von 45 Minuten Spieldauer,
       gehen die Herren aus Kopenhagen ohne falsche Ehrfurcht an. Ein drängender Puls dominiert in
       den schnellen Sätzen, klares, nordisches Licht durchflutet das Stimmengeflecht. Aber wenn es
       leise wird, kann der warme, dichte Zusammenklang von Frederik Öland, Rune Tonsgaard Sören-
       sen, Asbjörn Nörgaard und Fredrik Schöyen Sjölin auch mal ganz hy ge werden.

       So aufgeklärt und geradlinig ist diese Schubert-Interpretation angelegt, dass im Andante selbst
       die Geisterstimmen, die im Hintergrund der Melodielinie beständig seufzen, pochen oder höh-
       nisch lachen, ihre Bedrohlichkeit verlieren und eher an das mittsommernächtliche Treiben von
       Kobolden erinnern.

       Weil die Dänen in ihrer Konzertpraxis festgestellt haben, dass Meisterwerke intensiver wirken,
       wenn sie für sich allein stehen, folgt im zweiten Teil des pausenlosen Abends kein weiterer Mei-
       lenstein der Quartettliteratur, sondern: Tanzmusik. Als geistreicher Mix, bei dem die vier Strei-
       cher zu Klassik-DJs werden. Musik aus vier Jahrhunderten haben sie in die traditionelle Form
       einer Suite gebracht, die ästhetisch aber alle Erwartungshaltungen sprengt. Barockes trifft auf
       Minimal Music, archaischer Tanzkapellenklang reibt sich an weihevoller Romantik, vertrackte
       Stolperrhythmen von John Adams wechseln mit dem strengen Tonsatz von Marc-Antoine
       Charpentier.

       Intelligent ist das gedacht und in der Live-Ausführung mitreißend gemacht. Ebenso wie die Ei-
       genarrangements skandinavischer und irischer Volksmusik, die als Finale folgen – und das zu-
       vor so fokussiert lauschende Publikum zum Jubeln, Johlen und Fußtrampeln bringen. Frederik
       Hanssen

https://epaper.tagesspiegel.de//webreader-v3/index.html#/476517/24-25                                                  1/1
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Quelle:       Berliner Zeitung vom 31.05.2021, S.15 (Tageszeitung / täglich ausser Sonntag, Berlin)
Auch in:      1 weitere Quelle »
                                                Reichweite:     177.545                           Ressort:       Feuilleton
Auflage:      82.579                            Autor:          Peter Uehling                     Quellrubrik:   Feuilleton

           Volksmusik mit Symbolwert
           Danish String Quartet im Boulez-Saal

           G ibtnormale
                   es nun doch noch ein bisschen
                         Konzert- und Opernsai-
                                                                das Konzert mit Schuberts letztem
                                                                Quartett in G-Dur, einem der epischs-
                                                                                                                       sein eigenes Idiom – und damit wären
                                                                                                                       wir beim Symbolwert des Konzerts:
           son? Am Donnerstag durfte der Pi-                    ten Werke der Gattung. Es spielt diese                 Das Danish String Quartet ist eines
           erre-Boulez-Saal seine Türen für ein                 fast orchestral verfasste Partitur virtu-              der Ensembles, die nicht länger nur
           Konzert des Danish String Quartet                    os und ein wenig kühl, und es wird                     Medium für Meisterwerke des Reper-
           öffnen.                                              nicht ganz klar, ob diese Kühle Inter-                 toires sein wollen, sondern deren Stil
              Es war ein Programm mit Symbol-                   pretation ist oder zusammenhängt                       produktiv wird.
           wert. Hervorragende Quartett-Forma-                  mit der leicht müffelnden Poetik des
           tionen gibt es mittlerweile in großer                Stücks.                                                Mitreißende Qualität
           Zahl, nun entsteht auf dem umkämpf-                     Die wesentlich interessantere zwei-                 Das zeigten einige Bearbeitungen
           ten Markt ein Repertoire-Problem.                    te Hälfte versammelte kurze Stücke zu                  skandinavischer Volksmusik, die das
           Jedes Ensemble wirft seine Beetho-                   einer "Alleged Suite", die in drei Tei-                Ensemble selbst erstellt und auf zwei
           ven-Box auf den Markt, danach ein                    len aus Stücken aus "John’s Book of                    CDs vorgestellt hat. In ihnen werden
           paar Schubert-Quartette, Mendels-                    Alleged Dances" von John Adams be-                     dem Quartettklang Facetten abgewon-
           sohns Opera 12 und 13 und je nach                    stand: Fulminante Musik, die den                       nen, die in neuer Musik, die den Dis-
           modernem       oder     romantischem                 Komplexitäts-Zwang der Gattung läs-                    kurscharakter der Gattung radikali-
           Selbstbild die Quartette von Bartók                  sig zur Seite schiebt und den Quartett-                siert hat, weitgehend brachlagen.
           und Berg oder die gerade etwas modi-                 Klang elegant zum Thema macht: Die                        Dieser hochdifferenzierte und zu-
           schen von Schumann; Haydn und                        begleitenden Akkorde der "Pavane:                      gleich materialgerechte Klang ist es,
           Mozart werden nach Bedarf dazu ge-                   She’s so fine" spielt das Danish String                der dem volkstümlichen Material und
           mischt: Das ist relativ vorhersehbar                 Quartet so sauber und idiomatisch,                     seiner schlagkräftig-einfachen Har-
           und ziemlich langweilig.                             dass man eine Mundharmonika zu                         monik eine verblüffend interessante
                                                                hören glaubt.                                          und dabei mitreißende Qualität ver-
           Fast orchestral                                         Die weiteren Stücke von Marc-An-                    leiht. Man möchte sich vorstellen,
           Das 2002 gegründete Danish String                    toine Charpentier übersetzt das En-                    dass sich aus solchen Stücken "das
           Quartet bedient zwar auch den klassi-                semble aus der barocken, für Gamben                    Quartett" – die musikalische Gattung
           schen Repertoire-Strang: Es begann                   gedachten Sprache geschmeidig in                       wie die Ensembles – erneuern könnte.

           Alle weiteren Quellen: Berliner Zeitung Online
           zum Anfang dieses Artikels                                                                                              zum Inhaltsverzeichnis

                                                                                                                                                                3
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31.5.2021                              Frischdesolat: Quatuor Diotima im Boulezsaal | Hundert 11 - Konzertgänger in Berlin

Hundert 11 – Konzertgänger in Berlin
mehr Ausdruck der Emp ndung als Kritik

              Frischdesolat: Quatuor Diotima im Boulezsaal

                                                                           Entcoronaisierung allüberall
                                                                           (ho nungsvoll), die Cafétische sind
                                                                           voll, die Parks sowieso, die Single
                                                                           gebliebenen Nachtigallen trällern
                                                                           sich die Seele aus der Brust – wer
                                                                           jetzt kein Weib hat, balzt sich keines
                                                                           mehr, schreibt Rilke, aber das
                                                                           wissen die Vögel ja nicht. Wir
                                                                           hingegen radeln beschwingt,
                                                                           frischgetestet und halbgeimpft zum
                                                                           Pierre-Boulez-Saal, wo
                                                                           pilotprojektweis‘ konzertiert wird.
                                                                           Großer Radlerpulk auf der noch
                                                                           immer peinlich radspurlosen
                                                                           Monsterfahrbahn Unter den Linden,
                                                                           einzig und allein der
                                                                           Tagesspiegelkritiker wartet
                                                                           gutbürgerlich aufs Ergrünen der
                                                                           ewig roten Ampel.
              Diotima ruft ihr Schnelltest-Ergebnis ab
              (zeitgenössische Darstellung)
                                                                           Das französische Diotima-Quartett
                                                                           ist vielgerühmte Expertin für neue
              Musik – und die erste Konzerterö nung nach langer Zeit mit Franz Schuberts
              „Rosamunde“-Quartett a-Moll grenzt an einen Missgri , einerseits
              programmplanerisch, andererseits auch interpretatorisch. Arg gep egt ießt
              der erste Satz dahin und zerfällt dadurch. Auch danach bleibts allzu behäbig,
              auch wenn der Klang leicht ist. Dann kanns gar nach Rokoko-Divertimento
              klingen, dieser Schubert ist verhalten in Verzwei ung wie Jubel und darum
              irgendwie kein Schubert. Es geht mir wie mit dem Beethovenspiel des großen
              Pierre-Laurent Aimard vor etwa zwei Jahren, ich emp nde es als Irrtum.

https://hundert11.net/frischdesolat/
PRESS REVIEW Monday, May 31, 2021 - Daniel Barenboim Stiftung Barenboim-Said Akademie & Pierre Boulez Saal - Index of
31.5.2021                              Frischdesolat: Quatuor Diotima im Boulezsaal | Hundert 11 - Konzertgänger in Berlin

              Alles vergessen, als wir den Tempelbezirk der weisen Diotima betreten! Bei
              Pierre Boulez kommt man mit dem (unvermeidlichen) akkuraten Abzählen
              weiter als bei Schubert. Sinnlichkeit ereignet sich dann von selbst. Anno 2018
              hörte ich am selben Ort die posthum komplettierte Endlos-Fassung von
              Boulez‘ Livre pour quatuor mit dem Arditti-Quartett, das grenzte damals an
              ehrfürchtige Quälerei. Ich schrieb ratlos: Erstaunlich, dass Boulez‘ hyperrationale
              Musik derart Vertrauenssache ist. Wer nicht gerade einen Serialismus-Lehrstuhl
              bekleidet, der kann nur darauf ho en, dass die vier Musiker nicht spaßeshalber alles
              von hinten nach vorn spielen. Oder aus Jux jeden siebten Ton weglassen. Doch beim
              Quatuor Diotima, das sich auf die Urfassung vulgo Keimzelle von 1948/49
              beschränkt, vertraut und glaubt man bedingungslos. Und genießt, gerade weil
              es unendlos ist.

              Vor Beginn des pandemiebedingt
              pausen- wie bu etlosen
              neunzigminütigen Konzerts bewunderte
              ich den Handwasch-Guide in der
              Boulezsaaltoilette, hyperdeterminiert
              wie eine serialistische Arbeit des
              kontrollwütigen Namenspatrons. Gut,
              nach des Maîtres hochrationalen Plings
              und Tupfs die intensiven o enen Linien
              von Alban Bergs sechssätziger Lyrischer
              Suite (1925/26) zu hören, Meisterwerk
              der vorwärtsschreitenden Wiener
              Moderne wie des rückwärtssüchtigen
              post- n-de-siècligen Liebeskummers!
              Oh, das Raunen und Wuseln des Allegretto
              gioviale, ah, das heftige Brodeln von Sehnen und Leiden im Adagio
              appassionato, oh, die Blitze im Presto delirando, als itzten und euchten die
              weißen Mäuse aus den Streichinstrumentkorpussen (und gleich hernach
              kröche das Gewürm) – und schließlich ah, das ins totale Verlöschen führende
              Largo desolato. Da merkt man dolle, was einem gefehlt hat in der konzertlosen
              Zeit, in jeder Faser von Körper und Seele. Ohne FFP2-Maske wärs noch feiner
              auf Dauer, aber irgendwann wird auch das wieder. Entcoronaisierung,
              allüberall, ho en wir fest drauf.

              Weitere Kritik: Tagesspiegel

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PRESS REVIEW Monday, May 31, 2021 - Daniel Barenboim Stiftung Barenboim-Said Akademie & Pierre Boulez Saal - Index of
ON SCREEN

                Love Longing Loss
             Directed by Dorothy Darr
                by Kevin Canfield

O ne day last spring, Charles Lloyd picked up a
saxophone and walked into the woods near his
California home, where he played some ruminative
notes for an audience of one: his wife Dorothy Darr,
an artist and filmmaker who’s been chronicling
Lloyd’s career for decades. Lloyd, a National
Endowment for the Arts Jazz Master who has
recorded dozens of albums as a leader, had planned
to conclude 2020 with two shows at Pierre Boulez
Saal in Berlin. Instead, the pandemic forced him to
stay home in Santa Barbara, playing and writing
music on the piano, the tenor saxophone, the bass
flute and the tarogato.
     Darr took the opportunity to make another in
her series of documentaries about Lloyd. Shooting
on a smartphone and other devices, she’s fashioned
an appealing film about creativity amid crisis, as
embodied by her 83-year-old husband.
     Commissioned by Pierre Boulez Saal, Love
Longing Loss: At Home with Charles Lloyd During a
Year of the Plague is a profoundly personal response
to a significant moment in human history—and a
movie with delightful footage of a robe-clad old-
timer annotating sheet music. “The plague is upon
us,” Lloyd says. He misses friends, fellow artists. He
replenishes himself by writing and playing pieces
that celebrate his ancestors. As a Black man who’s
“also a copper man”—some of his forbears were
Choctaw—Lloyd is moved to compose laments.
Standing before a large painting of musicians and
animals, he performs a powerful threnody on bass
flute and maracas, strands of white hair poking out
from beneath a knit cap. It’s a captivating scene,
sonically and visually. Darr amplifies the theme
with archival photos of racist crimes and segregated
schools, interspersing the appalling images with
footage of Marian Anderson, Rosa Parks and others
who refused to let the bigots win. The segment gives
way to footage of the Pacific lapping against a rocky
shore, apt imagery given the eternal resolve
demonstrated by those who’ve sought equal rights.
     Darr ’s winning nature scenes—along with the
briny edge of the continent, she takes us to grassy
meadows, sun-flecked hillsides and woodland
glades—speak to Lloyd’s reverence for the outdoors
and his engagement with other timeless sources of
inspiration, among them the music from his
Memphis childhood. “In our Black schools, every
morning in assembly we would sing ‘Lift Every
Voice and Sing’,” he recalls before giving an
impromptu vocal rendition of the James Weldon
Johnson composition. He stops after a few lines,
then changes his mind and finishes the first verse,
singing about the “rising sun” and the “new day”.
He leans gently from side to side. His voice is
hushed. It’s a wonderful sequence. Just an hour
long, this documentary has more than its share of
such moments.

For more information, visit boulezsaal.de. This film
streams through Jun. 11th.

                                                         THE NEW YORK CITY JAZZ RECORD | JUNE 2021   23
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Quelle:        Rhein-Neckar-Zeitung, Heidelberg vom 29.05.2021, S.12 (Tageszeitung / täglich ausser Sonntag, Heidelberg)
Auch in:       9 weiteren Quellen »
                                                Reichweite:    16.710                            Ressort:       Sonderseite / Aktuelles Thema
Auflage:       7.772                            Autor:         Schumacher                        Quellrubrik:   Heidelberger Nachrichten

           Das Leben kehrt zurück in eine verwundete Stadt
           D kehrt
             ie Waffen schweigen. Das Leben
                   zurück. Doch auch wenn
                                                                    "Ich war nicht etwa eine Friedens-
                                                                stifterin. Ich habe ihn einfach geheira-
                                                                                                                          Ihren Ursprung hat die NGO in ei-
                                                                                                                       nem Dilemma. Die Balhas suchten für
           die Waffenruhe zwischen Israel und                   tet und zog zu ihm." Die Balhas haben                  ihren ältesten Sohn Noor einen Kita-
           der Hamas für einige Monate oder                     inzwischen drei Söhne und wohnen in                    Platz. "Gemischte Kindergärten gab es
           Jahre anhalten mag, ist Israelis und                 Jaffa. In dem historischen Stadtteil im                damals nicht", sagt Ora Balha. Tradi-
           Palästinensern bewusst, dass die Kon-                Süden von Tel Aviv leben Juden und                     tionell ist das Erziehungssystem in Is-
           fliktlinien im Nahen Osten längst                    Araber seit vielen Generationen zu-                    rael schon ab dem Kindergarten ge-
           nicht nur um die umkämpften Gren-                    sammen. Familien sowohl mit jüdi-                      trennt. Juden, Muslime und Christen
           zen zwischen Israel, dem Westjordan-                 schen als auch muslimischen Wurzeln                    haben ihre eigenen Einrichtungen. Al-
           land und Gaza verlaufen. Die Aus-                    gibt es jedoch nur ein paar wenige.                    so gründeten die Balhas eine neue Ki-
           schreitungen haben deutlich gemacht,                 Für ihre Familien in Jaffa und Galiläa                 ta mit zwei Kindern, zwei Sprachen
           dass die Gräben mitten durch die Ge-                 dauerte es lange, bis sie die Liebe der                und zwei Religionen. Heute betreibt
           sellschaft gehen.                                    beiden akzeptieren konnten. "Bei mei-                  die Organisation sechs gemischte Kin-
               Gerade in Tel Aviv wird dies beson-              nem Vater ist das Eis erst nach zehn                   dergärten in Jaffa und einen in Gali-
           ders deutlich. Israels Wirtschaftsmet-               Jahren gebrochen", erzählt die 45-                     läa. Sie betreuen 200 Kinder. "Etwa
           ropole, Kulturzentrum und Lebestadt                  Jährige. "Heute ist unser Verhältnis                   50 Prozent sind jüdisch, 40 Prozent
           wird von Einheimischen wie von Isra-                 aber umso enger."                                      muslimisch und 10 Prozent christ-
           elis aus anderen Landesteilen glei-                      Während der jüngsten Eskalation                    lich", sagt Balha. Nun hofft sie, in Zu-
           chermaßen als "HaBua", die Blase, be-                der Gewalt zwischen Israel und der                     kunft auch eine gemischte Schule auf-
           zeichnet – die Stadt, die vom ewig                   Hamas kam die in Jaffa oft unsichtba-                  machen zu können. "Bildung ist so
           schwelenden Konflikt oft wie durch                   re Kluft zwischen Menschen, die nicht                  entscheidend", sagt Balha. "Die ge-
           eine unsichtbare Trennwand abge-                     selten Tür an Tür nebeneinander le-                    trennte Erziehung hat so viel Hass er-
           schieden scheint. Die jüngsten Ereig-                ben, besonders schmerzhaft zum Vor-                    zeugt und so viele Menschen wurden
           nisse haben dieses Bild ins Wanken                   schein. Nicht nur hier, auch in ande-                  verletzt."
           gebracht. Nicht nur hatten mehr Ra-                  ren gemischtreligiösen Städten Israels
           keten der Hamas als je zuvor die Met-                wie Lod, Ramla und Akko kam es zu                      Der Musiker
           ropole zum Ziel und trafen in der Vor-               heftigen Ausschreitungen.                              Im Norden Jaffas scheint inzwischen
           stadt Ramat Gan auch einen Zivilisten                    "Was hier passiert ist – das ist                   wieder ein Stück Alltag zurück. In
           tödlich. Die Ausschreitungen in Jaffa                nicht Jaffa, wie wir es kennen", sagt                  dem Viertel haben die Bars und Res-
           erschütterten eine von Tel Avivs libe-               Ora Balha. "Wir haben Respekt vor                      taurants wieder geöffnet. Für Tom
           ralen und weltoffenen Bewohnern                      unseren Nachbarn. Die Demonstran-                      Betsalel ist es der erste Abend, an dem
           gern gepflegte Illusion. Ihre Stadt war              ten kamen von außerhalb, teils mit                     er wieder länger in Jaffa unterwegs
           plötzlich keine abgeschirmte Insel                   Bussen." Nur wenige Straßen von der                    ist. Der 34-jährige Musiker lebt seit
           mehr in einem tosenden Ozean un-                     Wohnung der Balhas im Ajami-Viertel                    sechs Jahren in Jaffa und arbeitet als
           zähmbarer innen- und außenpoliti-                    stießen rechtsextreme jüdische De-                     Pauker und Schlagzeuger im Orches-
           scher Wogen.                                         monstranten und Araber aufeinander.                    ter an der Israeli Opera in Tel Aviv.
               Unser Autor Win Schumacher traf                  "Wir konnten sie hier hören", sagt                     "Die letzte Zeit war nicht einfach",
           Menschen, die die Ausschreitungen                    Balha. Autos und Müllcontainer wur-                    sagt Betsalel. "Manchmal gibt es Situ-
           und Gewalt zwischen Juden und Ara-                   den in Brand gesetzt, Fenster einge-                   ationen, die Angst machen, etwa,
           bern aus unterschiedlichen Perspekti-                worfen und Geschäfte verwüstet. Die                    wenn man auf jugendliche Araber
           ven erlebt haben und die sich in ver-                Polizei warf Blendgranaten in Wohn-                    trifft, die gelangweilt auf der Straße
           schiedenen Projekten für ein Mitei-                  häuser. Nach Augenzeugenberichten                      herumlungern. Dann geht einem
           nander in sogenannten "gemischten"                   galten sie allein arabischen Bewoh-                    schon mal durch den Kopf, ob sie ge-
           Städten und Stadtteilen wie Tel Aviv-                nern. Etliche Menschen auf beiden                      walttätig werden könnten. Viele Fami-
           Jaffa einsetzen.                                     Seiten wurden verletzt. "Solch einen                   lien hier haben einen nicht einfachen
                                                                Ausbruch der Gewalt habe ich hier nie                  sozialen und wirtschaftlichen Hinter-
           Die Jüdin und der Muslim                             erlebt", sagt Balha. Doch die Balhas                   grund. Das geht mir aber auch nicht
           "Es war schlicht Liebe", sagt Ora Bal-               gehören zu denen in Jaffa, deren                       anders, wenn ich in einem armen
           ha und lacht. "Ich hatte keinerlei poli-             Hoffnung größer ist als die Ohnmacht                   Viertel meiner Heimatstadt Nahariya
           tische Agenda!" Alles begann vor                     angesichts eines aussichtslos er-                      auf jüdische Jugendliche aus einem
           sechzehn Jahren mit einem Urlaub                     scheinenden Konflikts. Mit ihrer Or-                   ähnlichen Umfeld mit fehlender Bil-
           auf der Sinai-Halbinsel. Sie verliebte               ganisation "Orchard of Abraham’s                       dung treffe."
           sich auf Anhieb in Ihab. Eine Ge-                    Children" setzen sie sich mit verschie-                    Betsalel spielt seit 2007 auch für
           schichte wie die von unzähligen Israe-               denen Begegnungs- und Bildungspro-                     das West-Eastern Divan Orchestra.
           lis – wäre Ora Balha nicht Jüdin und                 jekten für das Zusammenleben von                       Das 1999 von Daniel Barenboim, Ed-
           ihr Mann Ihab Muslim.                                Juden, Christen und Muslimen ein.                      ward Said und Bernd Kauffmann ge-
                                                                                                                       gründete Sinfonieorchester bringt

                                                                                                                                                                  5
Musiker aus Israel, den palästinensi-     fummel, bisweilen auch mit lässig sit-    Demonstranten versammelt. Sie hal-
schen Gebieten, etlichen arabischen       zender Soldatenjacke auf die Bühne.       ten violette Schilder hoch mit der Auf-
Ländern, Iran und Andalusien – Ju-        Die Politik wird auch in seinen Shows     schrift "Friede. Israel. Palästina" in
den, Christen und Muslime – zusam-        nie ausgespart.                           Hebräisch und Arabisch. Die Gras-
men und gastiert weltweit. "In dem           "Ich bin in Jerusalem aufgewach-       wurzelbewegung "Omdim B’Yachad"
Moment, wo man gemeinsam Musik            sen", erzählt Naveh, "aber die Stadt      (Wir stehen zusammen) hat Juden
macht, spielt alles andere keine Rolle.   wurde mit der Zeit immer bizarrer.        und Araber aufgerufen, für eine ge-
Religion, Nationalität, Herkunft – das    Das ständige Sperrfeuer aus Hass          meinsame Zukunft zusammenzukom-
alles bleibt außen vor", sagt Betsalel.   wurde unerträglich." 2010 zog er nach     men.
    Gewichtige Paukenschläge mögen        Tel Aviv, "eine Stadt, wo ich willkom-       Unter Ihnen ist auch Ahmad Nedal
sein Beruf sein – in der Politik des      men bin und es keine Rolle spielt, wer    Haj mit seiner deutschen Freundin
Nahen Ostens wünscht er sich jedoch       du bist."                                 Anna. "Es stimmt mich hoffnungsvoll,
leisere Töne. "Wir alle tragen Wunden        In der Pandemie waren die schil-       dass viele gekommen sind", sagt der
mit uns herum", sagt er. "Aber die        lernden Auftritte in vollgestopften       22-jährige Informatikstudent, "wenn
Menschen wollen verzweifelt zurück        Bars bis vor Kurzem unmöglich. Nach       ich auch noch mehr erwartet hätte."
zu einem Zusammenleben und gegen-         den enormen Impferfolg in Israel trat     Nedal kommt aus einem arabischen
seitigem Respekt."                        Galina endlich im April wieder auf, bis   Dorf bei Nazareth. Seit vier Jahren
                                          die Raketen der Hamas sie erneut          lebt er in Tel Aviv. "Florentin, wo ich
Die Drag-Queen                            stoppten. Eine große Show zum Euro-       lebe, ist ein liberales und vorurteil-
Im Zentrum von Tel Aviv, nur ein          vision Song Contest mit Drag-Künst-       freies Viertel", sagt er. "Ich fühle mich
paar Kilometer weiter nördlich,           lern aus Israel musste am Wochenen-       hier sehr sicher und willkommen."
scheint der Konflikt so fern wie die      de abgesagt werden.                       Viele würden ihn nicht sogleich als
Grenze zu Gaza. Die beängstigende            Die letzte Zeit war für Gil Naveh      Araber einordnen.
Leere, die während der strikten Lock-     und seine kleine Patchwork-Familie           Zuletzt holte ihn der Konflikt aber
down-Phasen und zuletzt während           mit seinem Partner und der Mutter         auch in Tel Aviv ein. Sein Cousin wur-
des Raketenalarms auf der breiten         seiner Töchter zermürbend. "Diese         de als Demonstrant in Jaffa festge-
Ibn-Gavirol-Straße    herrschte,    ist   Dreifachbelastung aus Corona, Eltern-     nommen und einen Monat unter
längst der üblichen Hektik gewichen.      sein und einem fordernden Job ist         Hausarrest gestellt. "Es muss einen
Die Straßencafés sind voll. Über einer    nicht einfach zu meistern", sagt er.      Wechsel geben. Wir müssen einen
riesigen Baustelle hinter der Arlozo-     Nun kam auch noch der Krieg hinzu.        Weg finden, dass unsere Stimme viel
rov-Straße hängt eine dichte Staub-          "Die Hälfte unseres Amnesty-           mehr gehört wird", sagt er, "Die Ge-
wolke.                                    Teams lebt in Jaffa", sagt Naveh. "Ich    setze und Medien sollten nicht in den
   In dem kleinen Histadrut-Park          bin traurig und außer mir, was ge-        Händen von Rechtsextremisten sein.
gleich daneben versucht Gil Naveh ei-     schehen ist, aber ich bin kein bisschen   Das Erziehungssystem sollte sowohl
ne Reihe an Telefonanrufen zu deich-      überrascht. Wir sagen auf Hebräisch:      von Arabern als auch von Juden kon-
seln, ohne seine beiden Töchter aus       "Wer Wind sät, wird Sturm ernten."        trolliert werden und nicht von Fanati-
den Augen zu verlieren. Der 37-jähri-     Er hält inne. "Von Wunden zu spre-        kern." In letzter Zeit überlegt er, mit
ge ist Sprecher von Amnesty Interna-      chen, ist ein Understatement. Etwas       seiner Freundin nach Berlin zu zie-
tional Israel. "Wir wohnen da drü-        hier ist zerbrochen. Selbst wenn die      hen. "Im Moment ist das aber noch
ben", sagt Naveh. "Seit dem Raketen-      Regierung wechselt, weiß ich nicht, ob    ein wenig weit weg. Jetzt muss ich
alarm will die Kleine nicht über die      eine andere die richtigen Schritte        erst mal mein Studium abschließen."
Straße kommen. Sie ist vier Jahre alt     geht, um diese Wunden heilen zu kön-         Am Ende des Abends sind es nach
und betreibt schon Risikomanage-          nen."                                     Angaben der Veranstalter Tausende,
ment".                                                                              die vom Rabin Square zum Habima-
   In der Tel Aviver LGBT-Szene ist       Der Student                               Theater ziehen. Juden und Araber. Sie
Naveh bekannt als Diva Galina Port        Auf dem zentralen Rabin Square ha-        alle wollen eine gemeinsame Zukunft.
De Bras. Mal tritt er im rosa Glitzer-    ben sich am Samstagabend hunderte
Alle weiteren Quellen: Luxemburger Wort • Rhein-Neckar-Zeitung - Bergstraße/Mannheim - Weinheimer
Rundschau • Rhein-Neckar-Zeitung - Eberbacher Nachrichten • Rhein-Neckar-Zeitung - Mosbacher
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                                                                                                                                6
31.5.2021                                             https://zeitung.faz.net/webreader-v3/index.html#/467043/13

        F.A.Z. - Feuilleton                                                                                        Montag, 31.05.2021

                                    Verlier den Thron, nicht dein Herz
                     Das Beste in Hamburgs Oper seit Langem: Händels „Agrippina“ mit Julia Lezhneva

        In der Liebe gibt es keine Lüge, die nicht sogleich durchschaut und an die nicht doch sofort geglaubt
        wird. Aus diesem Wechselspiel von Irrungen und (Ver-) Wirrungen entwickelt sich Georg Friedrich
        Händels Oper „Agrippina“. Um ihren Sohn Nerone mit der Kaiserkrone zu schmücken, spielt die Titelfi-
        gur, alle Mittel von List und Lüge einsetzend, ihre Widersacher gegeneinander aus.

        Eine Satire auf den päpstlichen Hof vermutete Reinhard Strohm („Händel und seine italienischen
        Operntexte“) in dieser Komödie. Wie gut sie als Satyrspiel auf Polit-Theater schlechthin zu verstehen
        ist, haben der schottische Regisseur David McVicar in Frankfurt und New York (2006 und 2019) und
        nun Barrie Kosky gezeigt, dessen Inszenierung von München über London und Amsterdam den Weg
        nach Hamburg gefunden hat.

        Wer einen steilen Jux erwartet hatte, für den Händels Opern lange herhalten mussten, wurde ange-
        nehm enttäuscht. Auch die grell-pop-kulturellen Assoziationen, die der Regie-Virtuose nicht aussparte,
        standen im Dienst einer Tragikomödie über eine verderbte Gesellschaft. Agrippina ist eine skrupellose
        Intrigantin, ihr Gatte Claudio ein aufgeblasener Popanz, Nerone ein haltloses Jüngelchen mit gestörtem
        Selbstbild, Poppea ein betörendes Flittchen. Inmitten steht, als einziger Mann von Ehre, Ottone, der um
        der Liebe willen auf die Macht verzichtet.

        Die mehr als drei Dutzend Arien der Oper sind Wunschbilder echter Empfindungen, die für den
        Zuschauer jedoch durch beiseite gelieferte Kommentare relativiert werden – ein dramaturgischer
        Kunstgriff wie der von Francis Underwood, der sich in „House of Cards“ direkt an den Zuschauer
        wendet. Diese ariosen Gefühlsbilder dürfen nicht affekt-gestisch zum „Ausdruck“ gebracht werden,
        sondern sind mit rein gesanglichen Mitteln darzustellen, besser: zu vermitteln mit der üppig-ornamen-
        talen Formelsprache der Barockoper. Nur als Gesangs-Oper kann „Agrippina“ für eine nachhaltige
        Wirkung sorgen.

        Ob der vielgerühmte Reiz der Kastraten-Stimme durch Counter-Tenöre heraufbeschworen werden
        kann, ist schwer zu beantworten. Sie, die modernen Falsettisten, waren Vorboten der Diversität. Der
        vexatorische Reiz ihrer Stimmen liegt, wie im Begriff „Heldensoprane“ angedeutet, in einer (sexuellen)
        Zweideutigkeit, die vor einem halben Jahrhundert noch verpönt war. Aber wie kann es einen Ersatz
        geben für Stimmen, die wir nie haben hören können? In der Rolle des Ottone gelang es dem Franzosen
        Christophe Dumaux, die langen Phrasen von „Voi, che udite“ – ein Lamento darüber, dass es schwerer
        sei, sein Herz zu verlieren als den Thron – mit der Halbstimme zu singen, mit einem herzbewegenden
        Schmerzensklang. Aber wie beseelt sein durch zärtliche Schleifen veredeltes Cantabile, so wurde der
        Klang in Rezitativen und in raschen Parlando-Passagen eckig und manchmal auch scheppernd (gleich
        dem Klirren von Eis in einem Becher). Franco Fagioli, der Sänger der für einen Sopran-Kastraten
        geschriebenen Partie des Nerone, gehört zu den überragenden Vertretern seines Fachs. Dass ihm essen-
        tielle Fertigkeiten eines Belcantisten – Tonschönheit, portamento-basiertes Legato, geschmeidige Kolo-
        ratur – zur Verfügung stehen, ist ebenso dokumentiert wie seine athletische Energie im virtuosen
        Passagenwerk. In der Aufführung aber war er weniger als Belcantist zu erleben denn als Darsteller, der
        die Klanggestalten seines Singens der Körpersprache eines hysterisch-überaktiven oder manisch-
        depressiven Jünglings anpasste: mit wie im Schnellfeuer ratternden Koloraturen und jähen, pop-virtuo-
        sen Akzenten. In der Dacapo-Gleichnis-Arie „Come nube che fugge del vento“ mit ihren Ketten von
        Sechzehnteln war ein Rausch der Geschwindigkeit zu erleben, kulminierend in einem trompetenhaft
        geschmetterten Spitzenton. Imponierend zwar als affektive Gestik, weniger aber als musikalischer
        Ausdruck der Exaltation.

https://zeitung.faz.net/webreader-v3/index.html#/467043/13                                                                              1/2
31.5.2021                                             https://zeitung.faz.net/webreader-v3/index.html#/467043/13

        Trotz des Namens „Agrippina“ hat die Oper zwei Protagonistinnen. Die zweite ist Poppea, die im Text-
        buch (Carlo Grimani) nicht die verruchte Hetäre ist wie eine halbes Jahrhundert zuvor in Monteverdis
        „L’incoronazione di Poppea“. Sie lebt offenbar nach der Maxime, dass eine schöne junge Frau zwar ohne
        Liebe leben kann, aber nicht ohne Liebhaber. Mit der Hamburger Aufführung muss die russische
        Sopranistin Julia Lezhneva vierhundert neue Liebhaber (mehr Zuschauer gab es nicht) erobert haben.
        Was sie in ihren sieben Arien darbot – sublime Kantilenen mit wie Silberfäden eingewirkten Ornamen-
        ten, trampolin-federnde Staccati und ebenmäßig schwingenden Trillern –, sorgte für helles Entzücken.
        Noch eindringlicher, wie sie die messa di voce, das An- und Abschwellen des Tons, als Ausdruck seeli-
        schen Bebens einzusetzen verstand. Im ersten Teil des langen Abends (rund dreieinhalb Stunden)
        schien es, es würde die junge Russin mit ihrer funkelnden Virtuosität und ihrer Anmut der Protagonis-
        tin Anna Bonitatibus die Show stehlen. Nur ging es nicht um Show.

        Im Verlauf des Abends bewies die italienische Mezzo-Sopranistin eminente Qualitäten – grandios in der
        Arie „Pensieri, voi mi tormente“, dem Seelenbild einer von Angst und Schuldgefühlen geplagten Frau.
        In der Arie „Hò un non sò che“ brillierte sie ebenso wie die vier Solo-Instrumentalisten des superben
        Ensemble Resonanz, das unter Leitung von Riccardo Minasi alle Zärteleien „historisch-informierter“
        Darstellungen vergessen ließ und zeigte, wie „aktuell“ die Barock-Oper sein kann. Einhelliger Jubel für
        die beste Aufführung der Hamburger Oper seit vielen Jahren. Jürgen Kesting

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22 FEUILLETON

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            s existiert kein Einreisever-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            auch fast ein Abgesang auf den Alpin-
            bot nach Obervellach für                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 western.
            Pia Hierzegger. Sagt Pia                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    Anderthalb Jahre sind seit der letz-
            Hierzegger. Obervellach ist                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              ten Klappe von „Waidmannsdank“ ver-
            ein staatlich anerkannter                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                gangen. Ihren Film jetzt zu sehen, sagt
Luftkurort in Kärnten – 2.200 Einwoh-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Pia Hierzegger, ist ein bisschen wie
ner, eigentlich idyllisch im Mölltal an                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              Kinderfotos schauen nach dem Erwach-
den Fuß der Hohen Tauern gekuschelt.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 senwerden.
Pia Hierzegger ist preisgekrönte                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        Früher, sagt die Lebenspartnerin des
Schauspielerin, Regisseurin, Dreh-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   Kabarettisten Josef Hader, die seit 1993
buchautorin.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         am Grazer Off-Theater im Bahnhof
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     spielt und inszeniert, war man sich halt
           VON ELMAR KREKELER                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        sicher, hat geglaubt zu wissen, was
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     kommt, wie was abläuft. Jugendliche
   Und sie hat in „Waidmannsdank“, der                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Naivität fast. Die Sicherheit hat man
erfolgreichsten aller bisher 19 Folgen                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               jetzt nicht mehr. Man kann nichts pla-
der vom ZDF koproduzierten „Landkri-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 nen. Man weiß nicht, wie’s kommt.
mi“-Reihe des ORF, nicht nur die                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        Das wusste man vorher eigentlich
Hauptrolle einer aufs Dorf verschickten                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              auch nicht. Hat es nur geglaubt. Die
LKA-Kommissarin gespielt, sie hat                                                                                                               „Knochenmann“, „Nacktschnecken“ und                                                                                                                                                                                                                  Pandemie hat wie ein Mikroskop ge-
„Waidmannsdank“ auch geschrieben –                                                                                                                 „Wilde Maus“: die Schauspielerin und                                                                                                                                                                                                              wirkt. Beim Blick auf die Gesellschaft
Obervellach ist da ein im permanenten                                                                                                              Autorin Pia Hierzegger, unten mit der                                                                                                                                                                                                             im Allgemeinen. Und auf die Kultur im
Saisonende gefangener Ort, der ohne                                                                                                          Kollegin Jutta Fastian in „Waidmannsdank“                                                                                                                                                                                                               Besonderen, auf die prekären Verhält-
Alkohol und dem dort anscheinend                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     nisse gerade unsubventionierter, freier
nicht seltenen Genuss von Haschkeksen                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Künstler, deren Lage, sagt Hierzegger,
nur schwer zu ertragen ist.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          eigentlich immer schon unangenehm
   Eigentlich, lässt Hierzegger in „Waid-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            war, jetzt aber drohte, unerträglich zu
mannsdank“ die Dorfpolizistin Martina                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                werden.
Schober darin sagen, sind sie alle ganz                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Immerhin hätten sie, sagt Hierzeg-
nett in Obervellach. Die Strecke, die am                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             ger, in Österreich in Andrea Mayer eine
Ende verblasen werden könnte, um in                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Kulturstaatssekretärin, die verstanden
der Jagdsprache zu bleiben, sagt etwas                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               habe, die Strukturen kenne und die La-
anderes. Eine Art Endkampf des alpinen                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               ge der Kulturschaffenden. Ob sich, was
Machismo hat stattgefunden. Es ging                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  nötig wäre, etwas ändert, hänge jetzt
                                              PICTURE ALLIANCE / GEISLER-FOTOPRESS/CLEMENS NIEHAUS/GEISLER-FOTOPRESS

um alte (Liebes-)Rechnungen, Väter                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   wie immer vom Geld ab.
und Söhne, Korruption, Landflucht,                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Sie selbst hat die anderthalb Jahre
Wilderei. Vier Männer liegen am Ende                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 weitgehend unbeschadet überstanden.
in ihrem Blut, alle sind sie nicht sehr ge-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          Sie – sie pendelt zwischen Wien und
plant gestorben.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     Graz – hat viel geschrieben. Ein biss-
   Was ausgesprochen nicht daran liegt,                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              chen was ging auch am Grazer Theater.
dass Pia Hierzegger, sagt sie selbst, jeg-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Am Anfang, im ersten Lockdown, waren
liche kriminelle Energie abgeht. Wenn                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                sie in Kurzarbeit. Später haben sie eini-
sie sich, sagt sie, Verbrechen ausdenkt                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              ge Streaming-Produktionen gestemmt,
und ihren Freunden davon erzählt,                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    in der Lockdown-Pause im September
schauen die immer so traurig.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        haben sie kurz regulär gespielt.
   Das große Blutvergießen von Ober-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    Die Unzufriedenheit damit, sagt sie,
vellach hat sie übernommen aus Alexan-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               dass in der Pandemie die Kultur immer
dra Bleyers gleichnamigem Roman. Da                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  als Erstes zu und als Letztes aufgesperrt
steht eigentlich schon alles drin. Und                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               wurde, ist zwar groß unter ihren Kolle-
Pia Hierzegger könnte jede Schuld von                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                gen. Aber es gebe auch viel Verständnis
sich weisen am jägergrünen Abbild der                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                dafür, dass zum Schutz der Zuschauer
Obervellacher Dorfgemeinschaft im                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    Theateraufführungen abgesagt werden.
finsteren Tal, um das herum die Gegen-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Das müsse halt erklärt und den Kultur-
wart samt ihrer Innovationszüge augen-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               schaffenden im Fall von Schließungen
scheinlich seit mindestens dreißig Jah-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              und Absagen geholfen werden.

                                                                                                                       Endkampf des Alpenmachismo
ren einen weiten Bogen gemacht hat.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     Gedreht hat die Meisterin des mimi-
   Tut sie aber nicht. Sie hat „Waid-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                schen Minimalismus wenig. 2020 gar
mannsdank“ lange mit sich herumgetra-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                nichts, was nur bedingt an Corona lag.
gen. Der Film – abgedreht im Herbst                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Gerade hat sie zwei Kinofilme in den

                                                                                                                       Als Schauspielerin ist Pia Hierzegger eine österreichische Meisterin des Minimalismus. Aber für den
2019 – hat eine fast fünfjährige Ge-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Kasten bekommen. War ein bisschen
schichte. Es war ihre erste Literaturver-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            seltsam, die Arbeit unter Corona-Bedin-

                                                                                                                       „Landkrimi“ hat sie ein Drehbuch geschrieben, an dessen Ende vier Männer in ihrem Blut liegen
drehbuchung. Sie musste Bleyers Buch                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 gungen, mehr oder weniger abgeschot-
für den Film und für sich erst mal kna-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              tet, dauergetestet, umgeben von Leuten
cken, sagt sie. Hat lange gedauert.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  mit Maske dazustehen und zu spielen.
   Sie hat Figuren umbesetzt, die Kom-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Glich noch mehr als vorher einem Ab-
missarin, die sie spielt, war ursprüng-                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              tauchen in eine fast absurde, andere
lich ein dauerknarzender älterer Herr.                                                                                                                                                                                                                 Brand herausgekommen, der ohne Bit-                                                               mer noch auf Ibiza und in ganz Öster-       Realität außerhalb der Zeit.
Überhaupt hat sie eigentlich erst die                                                                                                                                                                                                                  terstoffe der Heimeligkeit, der Heimat-                                                           reich. Und darüber hinaus. Eigentlich          Die Wahrnehmung verändert sich,
Geschlechterschlucht eröffnet, die sich                                                                                                                                                                                                                tümelei auskommt und über eine herr-                                                              ist Obervellach überall.                    man schaut anders auf die Welt. Auf
in „Waidmannsdank“ auftut.                                                                                                                                                                                                                             liche Restsüße von Humor verfügt. Ein                                                                Das heißt: Die Berge sind es natürlich   das, was man im Fernsehen sieht. Pia
   Zwischen den entsetzlich traurigen,                                                                                                                                                                                                                 aus regionalen Ingredienzen hergestell-                                                           nicht. Die haben sich als ziemlich hart-    Hierzegger ertappt sich immer wieder
saufenden, prügelnden, jagenden Ker-                                                                                                                                                                                                                   ter Hochprozenter mit hoher Allge-                                                                näckig erwiesen. Aller drohender Berg-      dabei, wie sie erschrickt darüber, dass
len und den Frauen von Obervellach,                                                                                                                                                                                                                    meingültigkeit.                                                                                   doktorkitschhaftigkeit hatten sie sich      da im Film Menschen zu nah beieinan-
die dem Treiben erschüttert zusehen,                                                                                                                                                                                                                      Sie glaube nämlich nicht, sagt Pia                                                             eigentlich dadurch entziehen wollen,        derstehen. Und ohne Maske. Und will
alles Zickenkriegerische überwinden,                                                                                                                                                                                                                   Hierzegger, die zwar Städterin ist, das                                                           dass sie die Dreharbeiten ans Ende des      sie warnen.
sich näherkommen, sich als krisenfes-                                                                                                                                                                                                                  Kärntner Landleben aber kennt, weil ihr                                                           Oktobers verlegten. Erdig sollte das           Das wird sich legen. Man wird wei-
ter, lebendiger, lebensfähiger erweisen                                                                                                                                                                                                                Vater von dort stammt und sie seit ihrer                                                          aussehen, dunkel.                           terdrehen. Vielleicht – die Ahnung ei-
als die Männer. Und sie tauschen sich –                                                                                                                                                                                                                Kindheit viele ihrer Ferien dort ver-                                                                Dann kam der schönste Herbst seit        nes Cliffhangers gibt es am Ende von
ein Höhepunkt dieses Fernsehjahres –                                                                                                                                                                                                                   bracht hat, dass es anderswo in Öster-                                                            Menschengedenken über das Tal. Man          „Waidmannsdank“ – auch wieder in
über die Folgen ihrer Menopause aus.                                                                                                                                                                                                                   reich sehr anders sei.                                                                            kann es sich nicht aussuchen. „Waid-        Obervellach. Das ist noch nicht auser-
   Pia Hierzegger hat verdichtet, hat die                                                                                                                                                                                                                 So eine „b’soffene G’schicht“, wie ei-                                                         mannsdank“ hat es trotzdem nicht ge-        zählt. Und ein Einreiseverbot existiert
                                                       ZDF/ HELGA RADER

Geschichte reduziert, zugespitzt. Man                                                                                                                                                                                                                  ner mal in „Waidmannsdank“ die tödli-                                                             schadet. Die Berge überm Nebelmeer          ja nicht.
muss sich, sagt sie, die Arbeit am Buch                                                                                                                                                                                                                chen Eskalationen vom Rand des Natio-                                                             sind herrlich. Was sich in den klandesti-
vorstellen wie das Schnapsbrennen. Am                                                                                                                                                                                                                  nalparks Hohe Tauern in Heinz-Christi-                                                            nen Kammern der Kerle abspielt, ist den     T „Waidmannsdank“:
Ende ist ein erstklassiger Heimatkrimi-                                                                                                                                                                                                                an-Strachescher Manier nennt, geht im-                                                            Gipfeln sehr egal. „Waidmannsdank“ ist      ZDF, heute, 20.15 Uhr

Der Pandemie abgetrotzt

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Sieben Mal musste die Premiere verschoben werden. Nun gab es wieder sprühenden Livetanz in Hamburg: John Neumeiers „Beethoven-Projekt II“
      ohn Neumeier rastet und rostet          Generalprobe fand am 4. Dezember                                                                  den mit bespieltem Flügel; dem ausge-                                                                  hen trippelnde Hélène Bouchet – neuer-                                                            ter aufgeboten ist, die Waldstein-Sonate    tem Bücherwurm oder eine Beethoven-
      nicht. Elf Tage nachdem er letzten      statt, doch dann musste der 82-jährige                                                            dünnten, hinter dem Proszenium einge-                                                                  lich die ferne Geliebte?                                                                          als die Motive einmal mehr repetieren-      Banane schälend. Mal mit abgeknickten
      September sein eindrücklich-be-         Neumeier ein halbes Jahr warten und                                                               rahmten Philharmonischen Orchester;                                                                       Das verheddert und verfängt sich,                                                              der und bündelnder Abschluss des ers-       Turnübungen, expressivem Radschla-
rührendes Corona-Stück „Ghost Light“          sieben Mal den Premierentermin ver-                                                               und dahinter einem weiteren Podest                                                                     kommt nicht richtig in Fluss, bleibt                                                              ten Teils, sie alle stammen aus der Zeit    gen. Ein dauernder, höchst wechselhaf-
uraufgeführt hatte (das inzwischen            schieben, bis das Gesundheitsamt grü-                                                             samt betanzbarem Flügel zwischen                                                                       Stückwerk – viel konfuser als das be-                                                             der beginnenden Taubheit Beethovens         ter Coitus interruptus, kein auf die Apo-
auch schon wieder überarbeitet und auf        nes Spiellicht gab.                                                                               Scheiben- und Rechteckelementen.                                                                       wusst aus Mosaiksteinchen zusammen-                                                               und der Niederschrift des (in Hamburg       theose oder wenigstens Ekstase zusteu-
DVD erschienen ist), begann Hamburgs             Mit feuchten Augen und brechender                                                              Hinreißend edel gelungen sind hinge-                                                                   gesetzte, mit der sozialen Distanzie-                                                             aufbewahrten) „Heiligenstädter Testa-       ernder orgasmischer Höhepunkt.
Ballettchef im gründlich desinfizierten       Stimme stand der Prinzipal nun auf der                                                            gen die monochrom farbig leuchtenden,                                                                  rung arbeitende „Ghost Light“, die jetzt                                                          ments“. Doch Neues, Aufregendes hat            Der wird höchst hektisch absolviert.
Probensaal mit seinem Opus 164.               leeren, den Orchestergraben überde-                                                               bei den Damen raffiniert geschnitten                                                                   im fast beängstigend engen Tanz wieder                                                            Neumeier trotz immer neuer Verkno-          Bis zum abrupten Schluss samt Black-
                                              ckenden Vorbühne der Hamburgischen                                                                flatternden, bei den Männern auch mal                                                                  aufgehoben ist. Die Sonate, der Arien-                                                            tungen von Menschen und Material            out, nachdem Martínez mit Héléne
            VON MANUEL BRUG                   Staatsoper und sprach noch einmal sein                                                            sinnlich in Lederoptik oder transparent                                                                ausschnitt „Meine Seele ist erschüttert“                                                          nicht wirklich zu sagen.                    Bouchet auf dem Arm weiterkreiselt.
                                              Credo: „In der Kunst nimmt etwas eine                                                             eng anliegenden Kostüme. Für die                                                                       aus dem selten zu hörenden Oratorium,                                                                Auch die sinfonische Großform wird       Zuvor aber sind zu viel Zettelkästen und
   Das hätte eigentlich, als Abschluss        Form an. Das kommuniziert mit dem                                                                 konnte einmal mehr der zurückhaltend-                                                                  für den extra Startenor Klaus Florian                                                             später absolviert, nicht bewältigt. Jeder   Versatzstücke zu erleben. Könnerische
des Beethoven-Jahres zu dessen 250.           Publikum und löst bei ihm etwas aus.                                                              perfektionistische Schweizer Akris-De-                                                                 Vogt samt dem jetzt sichtbaren Orches-                                                            der ersten drei Sätze hat ein anderes So-   Fingerübungen. Einzig das versonnene,
Geburtstag und als Fortführung seines         Das uns bewegt. Solches ist nun wieder                                                            signer Albert Kriemler gewonnen wer-                                                                                                                                                                     listenpaar an der Spitze, vor einer wech-   prozessionshafte Allegretto für Anna
„Beethoven-Projekts“ von 2018, die            möglich. Ich freue mich.“                                                                         den.                                                                                                                                                                                                     selnden Gruppe von sechs bis vier Paa-      Laudere und Edvin Revazov atmete die
Transformation der 9. Sinfonie auf die           Was dann in den nächsten zwei Stun-                                                               Also wieder Aleix Martínez, sich win-                                                                                                                                                                 ren in stark kontrastierenden Kostü-        versonnene, hier aber ruppigere Pas-de-
Tanzbühne sein sollen. Doch die anhal-        den zu sehen ist, gelingt freilich weni-                                                          dend, ausbrechend wollend, stumm am                                                                                                                                                                      men. Die Männer im Vivace-Auftakt tra-      deux-Traumschönheit früherer Zweier-
tende Pandemie ließ auch solches nicht        ger kohärent als seine erste, dramatur-                                                           Flügel präludierend, diesmal an ein                                                                                                                                                                      gen beispielsweise auf Hans van Ma-         beziehungen dieses Choreografen.
zu: Ein Orchester samt Solisten, Chor         gisch klug in der 3. Sinfonie gipfelnde,                                                          noch muskulöseres Alter Ego in Jeans                                                                                                                                                                     nens „Große Fuge“-Choreografie ver-            Das mit immerhin 400 Fans, Ham-
und Ballett auf der Szene, das ist in         auch musikthematische Recherche über                                                              (Jacopo Bellussi) prallend. Manieriert                                                                                                                                                                   weisende schwarze Röcke. Im Finale          burgs Bürgermeister und Kultursenator
Deutschland nach wie vor nicht er-            Ludwig van. Die biografischen Ein-                                                                entfaltet sich das bereits musiklos Auf-                                                                                                                                                                 sind dann weit über 40 Tänzer auf der       bestückte Auditorium jubelte. Zu schön
laubt.                                        sprengsel, symbolisch in der abstrakten,                                                          stellung nehmend, noch bevor Mari Ko-                                                                                                                                                                    viel zu engen Bühne.                        war es ja, wieder energetischen, sprü-
   Und so griff Plan B, das kleiner be-       halb nackten Beethoven-Geniusfigur                                                                dama und Anton Barachovsky die 7. Vio-                                                                                                                                                                      John Neumeier scheint aus der von        henden Livetanz zu sehen. Aber viel-
setzte „Beethoven-Projekt II“, Kam-           des     gedrungen-muskulösen       Aleix                                                          linsonate intonieren dürfen. Zudem                                                                                                                                                                       Kent Nagano luftig schnittig, festlich      leicht hätte John Neumeier doch war-
mermusik und ein Ausschnitt aus dem           Martínez vereint, bleiben diesmal un-                                                             sind vier Dienerfiguren mit Kopfbinde                                                                                                                                                                    aber auch neutral interpretierten Sieb-     ten sollen, bis es Zeit und Möglichkeit
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          © KIRAN WEST

Oratorium „Christus am Ölberg“, was           deutlich, der Abend zerfällt krass in                                                             (eine Anspielung auf den viel späteren                                                                                                                                                                   ten choreografisch dauernd ausbrechen       für eine wirklich ausgereifte Neunte
nach der Pause in die dynamische 7. Sin-      zwei Hälften.                                                                                     Selbstmordversuch des Beethoven-Nef-                                                                                                                                                                     zu wollen. Mal mit folkloristisch anmu-     gibt? Der Zauber des Machens und der
fonie mündet; von Richard Wagner et-             Heinrich Tröger hat dafür ein aus-                                                             fen?), drei Herren in verspielten Frä-                                                                                                                                                                   tenden Bewegungen bis hin zum               Elan des Zupackens trotz alledem, er
was einengend und zu oft zitiert als          tauschbares, dreifach gestaffeltes Büh-                                                           cken nebst Damen zugegen. Und die                                                                      Ida-Sofia Stempelmann und Atte Kilpinen                                                           Stampfreigen. Mal mit Tanztheater am        wollte sich bei dieser neuerlichen Ur-
„Apotheose des Tanzes“ gepriesen. Die         nenset gebaut – aus vorderem Tanzbo-                                                              einsam ihre Runden auf Spitzenschu-                                                                    im „Beethoven-Projekt II“                                                                         Klavier, mit Alexandr Trusch als bebrill-   aufführung nicht einstellen.

                                                                                                                                                                   © WELTN24 GmbH. Alle Rechte vorbehalten - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exclusiv über https://www.axelspringer-syndication.de/angebot/lizenzierung
31.5.2021                                              https://zeitung.faz.net/webreader-v3/index.html#/467043/9

        F.A.Z. - Feuilleton                                                                                        Montag, 31.05.2021

                                        Ganz, als seien nur wir gemeint
        Das Mozartfest Würzburg wird hundert Jahre alt, aber es feiert durch sein Programm
        und eine fantastische Ausstellung nicht sich selbst, sondern seine größte Inspiration –
        die Musik von Wolfgang Amadé Mozart.

        Rau und rissig wie die Hand einer greisen Bäuerin oder die Rinde einer wettergegerbten Ulme ist der
        Klang von Wolfgang Amadé Mozarts eigener Bratsche, als Gérard Caussé sie spielt. Mozarts originale
        Violine dagegen klingt in den Händen von Renaud Capuon so strahlend jugendlich, als schrieben wir
        noch immer das Jahr 1764, in dem sie gebaut wurde. Als sich beide in der innig bebenden Kadenz des
        todtraurigen Mittelsatzes von Mozarts Sinfonia concertante KV 364 vereinen, wird das seltsame Wech-
        selspiel von Ferne und Nähe dieser Musik zu einem dichten Gleichnis: Das Alte, das die Spuren der Zeit
        trägt, spricht als Versehrbares ebenso zu uns wie die scheinbar alterslose Schönheit, die über die Jahr-
        hunderte hinweg redet, als hätte sie nie andere Adressaten gehabt als uns.

        Natürlich sind diese alten Instrumente, die hier zum Eröffnungskonzert des Würzburger Mozartfestes
        im Kaisersaal der Residenz erklingen, Berührungsreliquien. Aber sie sind es eben nicht nur darin, dass
        sie sich berühren lassen, sondern auch dadurch, dass sie uns durch Mozarts Musik und die Kunst der
        Solisten, die hier von der Camerata Salzburg und dem äußerst achtsamen Dirigat von Jörg Widmann
        getragen werden, berühren. Es sind klangliche Ikonen, die darauf achten, wie wir leben. Wir müssen
        uns ihnen, nicht sie uns gegenüber verantworten.

        Seit hundert Jahren gibt es das Mozartfest in Würzburg, fast genauso lange wie die Salzburger Festspie-
        le. Hermann Zilcher hatte es gegründet. Vom Dirigenten Karl Böhm und der Sängerin Maria Cebotari
        an über den Geiger Yehudi Menuhin bis zum Pianisten Alfred Brendel ist Würzburg ein Jahrhundert
        lang ein Ort exzellenter Auseinandersetzung mit Mozart gewesen. Diese lange Beschwörung von Gegen-
        wart darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um „ein fragiles Gut“ handele, merkte Würz-
        burgs Bürgermeister Christian Schuchardt in seiner Eröffnungsrede an, die einen Satz enthielt, der aus
        dem Mund eines aktiven Politikers schwer wiegt: „Ein Bekenntnis bleibt wertlos, solange der politische
        Wille nicht in Taten mündet.“

        Der ebenfalls redende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, in dessen Gefolge sich irritierender-
        weise Gerhard Schröder befand, hatte es da bequemer, weil er es beim Bekenntnis belassen und die
        politischen Taten anderen überantworten konnte: „Ohne Mozart und seine Musik würde unserem
        Selbstverständnis, unserem Weltverständnis und unseren Möglichkeiten, einen Ausdruck dafür zu
        finden, etwas Wesentliches fehlen.“ Aber Evelyn Meining, die Intendantin des Festivals, spürt natürlich
        die Erschütterungen, die durch unser Land gehen: den zunehmenden politischen Rechtfertigungsdruck
        für „Hochkultur“ durch Exklusivitätskampagnen, das schikanöse Klima im öffentlich-rechtlichen Rund-
        funk, die Zurücksetzung der Kultur in der Pandemie, die sich bei allen Öffnungsszenarien immer hinter
        dem Einzelhandel und den Friseuren anzustellen hat.

        Und weil Evelyn Meining sich eben nicht ausruhen will bei Konzerten unter Tiepolo-Fresken, bei der
        Bespielung einer touristisch attraktiven Immobilie also, hat sie die vier Wochen Konzert-Programm, die
        nun folgen, durchzogen mit Widerhaken. In der Reihe „Wie viel Mozart braucht der Mensch?“ äußern
        sich Wissenschaftler, Politiker, Künstler und Wirtschaftsfachleute zur Frage nach Sinn und Zukunft von
        „Hochkultur“. Die Dichterin Ulla Hahn geht gemeinsam mit dem Pianisten Kit Armstrong der „Sehn-
        sucht nach der Anderswelt“ in Zeiten der Künstlichen Intelligenz mit dem Anspruch auf künstlerische
        Autorschaft nach.

        Genau darin berührt sich Ulla Hahn mit Valie Export, deren 2010 entstandene Videoinstallation
        „Anagrammatische Komposition mit Würfelspiel“ in der Jubiläumssausstellung „Mozart Bilder“ im

https://zeitung.faz.net/webreader-v3/index.html#/467043/9                                                                               1/2
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