REVIEW-BERICHT FORSCHUNGS- UND TRANSFER PROJEKT RÜSTUNGSKONTROLLE UND NEUE TECHNOLOGIEN - Institut für Friedensforschung und ...

Die Seite wird erstellt Timo Weigel
 
WEITER LESEN
REVIEW-BERICHT FORSCHUNGS- UND TRANSFER PROJEKT RÜSTUNGSKONTROLLE UND NEUE TECHNOLOGIEN - Institut für Friedensforschung und ...
REVIEW-BERICHT
FORSCHUNGS- UND TRANSFER­PROJEKT
RÜSTUNGSKONTROLLE UND NEUE TECHNOLOGIEN
REVIEW-BERICHT FORSCHUNGS- UND TRANSFER PROJEKT RÜSTUNGSKONTROLLE UND NEUE TECHNOLOGIEN - Institut für Friedensforschung und ...
2
REVIEW-BERICHT FORSCHUNGS- UND TRANSFER PROJEKT RÜSTUNGSKONTROLLE UND NEUE TECHNOLOGIEN - Institut für Friedensforschung und ...
IFSH
Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik
an der Universität Hamburg

REVIEW-BERICHT
FORSCHUNGS- UND
 TRANSFERPROJEKT
 RÜSTUNGSKONTROLLE UND
 NEUE TECHNOLOGIEN
MAI 2021

             ifsh.de

                3
REVIEW-BERICHT FORSCHUNGS- UND TRANSFER PROJEKT RÜSTUNGSKONTROLLE UND NEUE TECHNOLOGIEN - Institut für Friedensforschung und ...
INHALT

Einleitung                                           7

1        Bisherige Projektarbeit 2019–2021           9
1.1      Management und Organisation des Projekts    9
1.2      Forschung                                  11
1.3      Vernetzung und Nachwuchsförderung          16
1.4      Wissenstransfer                            19

2        Zukünftige Projektarbeit                   24
2.1      Ordnungen                                  24
2.2      Neue Technologien                          26
2.3      Narrative                                  27

Schlusswort                                         31

Annex I: Projektpersonal                            33
Annex II: Projekt-Output                            35

                                               4
REVIEW-BERICHT FORSCHUNGS- UND TRANSFER PROJEKT RÜSTUNGSKONTROLLE UND NEUE TECHNOLOGIEN - Institut für Friedensforschung und ...
Der vorliegende Bericht wurde im Rahmen des vom Auswärtigen Amt initiierten Review-
Verfahrens zur Einschätzung des „Forschungs- und Transferprojekts Rüstungskontrolle und
Neue Technologien“ am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität
Hamburg (IFSH) vom IFSH-Projektpersonal erstellt. Weitergehende Informationen über das
Projekt finden sich in den dem Panel zugänglichen Dokumenten, welche unter Punkt 5 der
„Terms of Reference“ aufgelistet sind.

                                              5
REVIEW-BERICHT FORSCHUNGS- UND TRANSFER PROJEKT RÜSTUNGSKONTROLLE UND NEUE TECHNOLOGIEN - Institut für Friedensforschung und ...
EINLEITUNG
REVIEW-BERICHT FORSCHUNGS- UND TRANSFER PROJEKT RÜSTUNGSKONTROLLE UND NEUE TECHNOLOGIEN - Institut für Friedensforschung und ...
EINLEITUNG

EINLEITUNG

Als das „Forschungs- und Transferprojekt Rüstungskontrolle und
Neue Technologien“ im Januar 2019 seine Arbeit aufnahm, stellte
sich die Lage der internationalen Rüstungskontrolle und der deut-
schen Rüstungskontrollforschung wie folgt dar. Auf politischer Ebene
nahm die seit Jahren voranschreitende Erosion vertraglich vereinbar-
ter Rüstungskontrolle noch einmal an Fahrt auf. Nach einer ersten
deutlichen Schwächung zu Beginn des 21. Jahrhunderts – in Form
der US-amerikanischen Vertragskündigung des „Vertrags zur
Begrenzung von Raketenabwehrsystemen“ (ABM) und der russi-
schen Suspendierung des „Konventionelle Streitkräfte in Europa“
(KSE) Regimes – zeichnete sich unter der Regierung Trump eine
zweite Welle der Rüstungskontrollabkehr ab. Ins Blickfeld gerieten
dabei zunächst die Wiener Vereinbarung mit dem Iran (JCPoA) und
der „Mittelstreckenvertrag“ (INF-Vertrag).

Diese fortschreitende Erosion der institutionalisier-       Vor diesem Hintergrund entschied das Auswärtige
ten Rüstungskontrolle erhöhte gleichzeitig den              Amt (AA), vertreten durch den Planungsstab, am
Bedarf nach wissenschaftlich fundierter Expertise,          IFSH ein mehrjähriges Großprojekt zu „Rüstungs-
beispielsweise bei der Erforschung der Ursachen             kontrolle und Neuen Technologien“ zu fördern. Die
der Krise, wie auch den Bedingungen für erfolgrei-          über Jahrzehnte gewachsene und institutionalisier-
che Rüstungskontrolle im neuen Jahrtausend. Der             te Rüstungskontrollexpertise des IFSH, gerade
steigenden Nachfrage nach Forschung und der                 auch im Bereich der Naturwissenschaften, gaben
Vermittlung von Wissen in die Breite der Gesell-            dafür den Ausschlag.
schaft, stand in Deutschland eine seit Jahren
schrumpfende Rüstungskontroll-Community                     Der vorliegende Bericht gliedert sich in zwei Teile.
gegenüber. Gründe hierfür waren Verrentung                  Der erste Teil gibt einen Überblick über die bishe-
sowie geringe oder fehlende Finanzierung,                   rige Projektarbeit im Berichtszeitraum von Januar
gekoppelt mit verminderten Karrierechancen in               2019 bis Ende April 2021. Der zweite Teil gibt
der Rüstungskontrollforschung. Hinzu kam, dass              einen Ausblick auf zukünftige Forschungsfelder
die Rüstungskontrolle häufig nicht oder nur wenig           und Forschungsfragen der wissenschaftlichen
auf der internationalen Forschungsagenda stand              Projektarbeit, sowohl im noch verbleibenden Pro­-
und die deutsche Rüstungskontrollforschung                  jektzeitraum bis Ende 2022, als auch im Hinblick
weniger mit dem internationalen Forschungsfeld              auf die Entwicklung möglicher weiterführender
vernetzt war.                                               Fragestellungen über die Projektlaufzeit hinaus.

                                                        7
REVIEW-BERICHT FORSCHUNGS- UND TRANSFER PROJEKT RÜSTUNGSKONTROLLE UND NEUE TECHNOLOGIEN - Institut für Friedensforschung und ...
1
BISHERIGE PROJEKTARBEIT
2019–2021
REVIEW-BERICHT FORSCHUNGS- UND TRANSFER PROJEKT RÜSTUNGSKONTROLLE UND NEUE TECHNOLOGIEN - Institut für Friedensforschung und ...
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

Das „Forschungs- und Transferprojekt Rüstungskontrolle und Neue Technologien“ unter der Leitung von
Dr. Ulrich Kühn ist nicht nur das größte in Deutschland jemals geförderte Projekt im Forschungsfeld der
Rüstungskontrolle; es ist auch das größte geförderte Forschungsprojekt in der 50-jährigen Geschichte
des IFSH. Es schließt an die duale Tradition des IFSH an: das Projekt betreibt sowohl interdisziplinäre
Grundlagenforschung als auch aktiven Wissenstransfer in Politik und Gesellschaft und sieht eine ganze
Reihe für das IFSH neuer Transfermaßnahmen mit gesellschaftlichem und politischem Mehrwert vor. Im
Folgenden werden Management und Organisation des Projekts erläutert, sowie die bisherigen Maßnah-
men in den Bereichen Forschung, Vernetzung und Nachwuchsförderung sowie Wissenstransfer im
Zeitraum 2019 bis 2021 eingehender beschrieben.

1.1 MANAGEMENT UND ORGANISATION DES PROJEKTS

Eines der zentralen Anliegen des Projekts ist laut       Weitere Einstellungskriterien waren u.a. Interdiszi-
Zuwendungsantrag der erneute Aufbau internatio-          plinarität (v.a. aus den Naturwissenschaften),
nal anerkannter wissenschaftlicher Expertise im          Internationalität, die Förderung von Frauen und
Forschungsfeld „Rüstungskontrolle und Neue               eine Affinität für den Wissenstransfer.
Technologien“, einschließlich des Nachwuchsbe-
reichs. Folglich lag ein Hauptaugenmerk bei der          Mit über 150 Bewerbungen aus allen fünf Konti-
Rekrutierung des Projektpersonals auf Wissen-            nenten auf die zunächst acht ausgeschriebenen
schaftler*innen mit zeitnah abgeschlossenen oder         wissenschaftlichen Stellen fiel das internationale
abzuschließenden Promotionen.                            Echo sehr stark aus. Um nach dem Prinzip der
                                                         Bestenauslese die stärksten Kandidat*innen in das
                                                         Projektteam aufnehmen zu können, einigte man
                                                         sich in Einzelfällen auf einen teils späteren Stellen-
  LAUFZEIT UND ZIEL                                      antritt im Verlauf des Jahres 2019. Im vierten
  Projektlaufzeit: 2019–2022.                            Quartal 2019 war das wissenschaftliche Team,
                                                         welches zunächst aus drei Frauen und sieben Män-
  Oberziel:
                                                         nern – darunter vier Naturwissenschaftler*innen –
  „Deutsche Forschung sowie Außen- und
                                                         bestand, komplett. Darüber hinaus waren im
  Sicherheitspolitik spielen im Themenfeld
                                                         Projekt vier Nationalitäten vertreten. Das Personal
  Rüstungskontrolle, Abrüstung und
                                                         stieß aus renommierten Forschungsinstitutionen
  Risikotechnologien eine national und
                                                         aus u.a. Melbourne, Oxford, Paris, Prag, Princeton
  international bedeutende Rolle bei der
                                                         und St. Gallen zum IFSH. Um für die internationa-
  Analyse und Politikformulierung und leisten
                                                         len Kolleg*innen einen reibungslosen Arbeitsalltag
  so einen Beitrag zur Konfliktprävention und
                                                         garantieren zu können, wurden sämtliche Verwal-
  Friedenssicherung.“ (Zuwendungsantrag,
                                                         tungsprozesse des IFSH auch auf Englisch umge-
  „Log frame“, Januar 2019.)
                                                         stellt. Die Arbeitssprache im Projekt ist durchgän-
                                                         gig Englisch.

                                                     9
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

Der feierliche Projektbeginn fand im Mai 2019 im Hamburger Rathaus statt. V.l.n.r.: Staatsminister Niels Annen,
Prof. Dr. Ursula Schröder, Außenminister Lettlands Edgars Rinkevics, Bundesaußenminister Heiko Maas und
Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg Peter Tschentscher. © Michael Zapf

Als unabdingbar für die Arbeit erwiesen sich                   rument, welches, jeweils aktualisiert, Teil der
gerade anfangs engmaschige Steuerungs- und                     jährlichen Zwischenverwendungsnachweise ist.
Monitoringprozesse, wie ein wöchentlicher Jour
Fixe mit dem Projektteam, die Erstellung individu-
eller Arbeitspläne, ein zweitägiges Retreat zur                  FINANZEN UND OUTREACH
inhaltlichen Bestimmung im Oktober 2019 sowie
                                                                 Gesamtfördervolumen AA: 3.976.138,02 Euro
die gemeinsame Vorbereitung und Entwicklung
                                                                 zusätzliche Drittmittel BWFGB:
eines ersten Jahresprogramms für das Jahr 2020.
                                                                 450.000,00 Euro
Neben regelmäßigen persönlichen Besprechungen
zwischen Projektleitung und dem Planungsstab                     y Emailverteiler mit ~2.000 in- und ausländi-
des AA, wurde auch eine jährliche Planungssit-                     schen Adressen;
zung mit dem gesamten Team und dem Planungs-                     y Twitter-Accounts von @DrUlrichKuehn und
stab vereinbart. Darüber hinaus pflegt das Projekt                 @IFSHHamburg mit ~10.000 Follower*innen;
enge Arbeitsbeziehungen zur Fachabteilung im AA
                                                                 y mtl. englischsprachiger Projektnewsletter
(OR) und zu thematisch befassten Fachreferaten.
                                                                   mit ~1.800 Abonnent*innen;
Ein zusammen mit dem AA im Zuwendungsantrag
beschlossenes Dokument zur Ergebnisdokumenta-                    y Pflege einer Journalist*innen-Liste und ihrer
tion und -überprüfung („Log frame“) dient seit                      Twitter-Handles mit ~400 Namen.
Beginn des Projekts als zentrales Steuerungsinst-

                                                          10
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

Als neue Herausforderung erwies sich der erst­              erwies sich gerade in der Corona-Pandemie als
malige Aufbau und die Etablierung eines                     unerlässlich.
Berliner Büros des IFSH, welches laut Zuwen-
dungsantrag die Transferaktivitäten des For-                Um einerseits eine gemeinschaftliche Teamatmo-
schungsteams in Berlin bündeln und den regel­               sphäre auch räumlich herzustellen und anderer-
mäßigen Austausch mit Politik (v.a. AA und                  seits die begrenzten Raumkapazitäten des IFSH in
Bundestag), Zivilgesellschaft und Medien gestal-            Hamburg zu entlasten, wurden eigene Büroräume
ten soll. Die entsprechende Leitungsposition                für das Projekt in fußläufiger Nähe zum IFSH-
konnte zum September 2019 mit einer langjährigen            Hauptgebäude angemietet. Die dadurch anfallen-
Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag, Dr. Pia               den Kosten, sowie die Kosten für die Anmietung
Fuhrhop, besetzt werden.                                    des Berliner Büros wurden durch Ko-finanzierung
                                                            der Hamburger Behörde für Wissenschaft,
Für den reibungslosen und regelmäßigen Aus-                 Forschung, Gleichstellung und Bezirke (BWFGB)
tausch mit dem Berliner Büro, welches in seiner             abgedeckt. Sämtliche Projektprozesse im Bereich
Arbeit ebenfalls durch eine nicht-wissenschaftliche         Steuerung, Verwaltung und Monitoring werden
Mitarbeiterin unterstützt wird, wurde eine virtuelle        durch einen nicht-wissenschaftlichen Mitarbeiter
Video- und Konferenzumgebung beschafft. Diese               unterstützt.

1.2 FORSCHUNG

Laut Zuwendungsantrag sind für das Projekt vier             Friedens- und Sicherheitsordnung vorgesehen. Der
thematische Forschungsvorhaben zu Massenver-                wissenschaftliche Mehrwert besteht dabei gerade
nichtungswaffen, Neuen Technologien, konventio-             in der teils engen inhaltlichen Verzahnung der vier
neller Rüstungskontrolle und der europäischen               thematischen Vorhaben.

  INHALTLICHE STRUKTUR
  Vier Forschungsvorhaben:

  1.	„Nukleare Rüstungskontrolle und Massenvernichtungswaffen“,
  2.	„Emerging technologies und präventive Rüstungskontrolle“,
  3.	„Konventionelle Rüstungskontrolle“,
  4.	„Zukunftsfragen der europäischen Friedens- und Sicherheitsordnung“;
      Vorhaben 4 verortet die drei Rüstungskontrollvorhaben in den jeweiligen europäischen Institutio-
      nen (NATO, EU, OSZE).

                                                       11
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

          VORHABEN 1:                                         Beteiligung chinesischer, russischer und ameri-
  „NUKLEARE RÜSTUNGSKONTROLLE                                 kanischer Experten, veröffentlicht von Dr. Kühn.
 UND MASSENVERNICHTUNGSWAFFEN“                                Die Ergebnisse der Studie belegen einerseits die
                                                              technische Machbarkeit sog. strategisch/
In Vorhaben 1 fokussierte sich die Forschung des              sub-strategischer Misch-Obergrenzen. Anderer-
Teams im Berichtszeitraum u.a. auf die Themen                 seits verweisen die Autoren gleichzeitig auf die
Verifikation und Monitoring, Rüstungskontrolle                immensen politischen Hindernisse zur Errei-
zwischen den USA, Russland und China, und auf                 chung trilateraler Rüstungskontrolle.
Deutschlands Beiträge zur nuklearen Rüstungs-
kontrolle und Abrüstung. Mit der zusätzlichen
Anstellung von Dr. Oliver Meier, einem der führen-
den deutschen Rüstungskontrollexperten, konnte
das Themenportfolio um die Kontrolle chemischer
Waffen erweitert werden. Im Folgenden werden
einige ausgewählte Forschungsstränge in Vorha-
ben 1 und ihr wissenschaftlicher Mehrwert schlag-
lichtartig vorgestellt:

  Verifikation und Monitoring: Vor dem Hinter-
y	
  grund des Endes des INF-Vertrags stellt sich die
  politisch brisante wie technisch anspruchsvolle
  Frage, wie auch jenseits eines Vertrages ein
  Monitoring russischer INF-Raketen möglich ist.
  Hierzu entwickelte das Forschungsteam um den
  Physiker Dr. Moritz Kütt einen innovativen
  geographischen Monitoring-Ansatz, der auf
  satelliten-basierter Fernsensorik aufbaut. Eine           Der IFSH Research Report zur trilateralen Rüstungskont-
  Veröffentlichung der Ergebnisse dieser naturwis-          rolle mit Beiträgen chinesischer, russischer und amerikani-
                                                            scher Experten war der weltweit erste Forschungsbericht
  senschaftlich induzierten Grundlagenforschung,
                                                            zu diesem Thema. © IFSH
  die bereits vom AA angefragt wurde, ist für Ende
  2021 in einem referierten Fachjournal der
  Naturwissenschaften vorgesehen.                             Deutschlands Beitrag zur nuklearen Rüs-
                                                            y	
                                                              tungskontrolle: Gegenstand der Forschung
  Rüstungskontrolle zwischen den Großmäch-
y	                                                           waren hier sowohl Deutschlands Verhältnis zu
  ten: Mit dem heraufziehenden Großmächtekon-                 dem neuen Vertragsinstrument des Atomwaffen-
  flikt zwischen den USA und China stellt sich für            verbotsvertrags (AVV), die kritische Auseinander-
  die Forschung die Frage nach der Zukunft des                setzung mit Deutschlands Rolle in der erweiter-
  Prinzips „strategischer Stabilität“ und einer               ten Abschreckungsstrategie der USA, als auch
  möglichen vertraglichen Einbindung Chinas in                Berlins Beitrag in diversen neuen multi- und pluri-
  die bislang bilateralen nuklearen Rüstungskont-             lateralen Abrüstungs- und Rüstungskontrollfor-
  rollregime zwischen den USA und Russland.                   maten. Diverse Fachveröffentlichungen des
  Diesem Thema widmete sich die weltweit erste                Teams, u.a. in den von der Bundesregierung
  ausführliche und breit rezipierte Fachstudie unter          erbetenen Impulsen zum künftigen „Weißbuch

                                                       12
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

  Multilateralismus“, thematisierten dabei das
  Spannungsverhältnis zwischen Deutschlands
  Bündnisverpflichtungen in der NATO und den
  von Berlin initiierten multilateralen Abrüstungs-
  initiativen. Ein gemeinsam veröffentlichter Plan
  für ein „Aufrüstungsmoratorium“ für Europa
  wurde sowohl in deutschen wie englischsprachi-
  gen Fachpublikationen dargelegt.

            VORHABEN 2:
    „EMERGING TECHNOLOGIES UND
  PRÄVENTIVE RÜSTUNGSKONTROLLE“

In Vorhaben 2 liegt der Forschungsfokus des
Teams vor allem auf den Wechselwirkungen
zwischen der Nutzung neuer Technologien für
                                                             Neil Renics Monographie bei Oxford University Press
militärische Zwecke (bspw. von Künstlicher
                                                             fokussiert auf die sich verändernde Kriegsführung,
Intelligenz, teil- oder vollautonomen Waffensyste-           einschließlich des Aufstiegs unbemannter Drohnen und
men oder im Cyberbereich) und den etablierten                der Verlagerung auf distanzierte und scheinbar „risikolo-
Regeln und Normen humanitärer Rüstungskon­                   se“ Tötungsarten. © OUP
trolle. Im Folgenden werden einige ausgewählte
Forschungsstränge in Vorhaben 2 und ihr wissen-                Künstliche Intelligenz (KI) und militärische
                                                             y	
schaftlicher Mehrwert schlaglichtartig vorgestellt:            Nutzung: Der vermehrte Einsatz von KI für
                                                               militärische Zwecke verändert sowohl das
  Regulierung autonomer Waffensysteme und
y	                                                            militärische Einsatzverhalten als auch die
  weiterer „Neuer Technologien“: Teil- oder                    potenziellen Eskalationsgefahren in akuten militä-
  vollautonome Waffensysteme (LAWS) stellen die                rischer Krisen. Um zunächst einen besseren
  Staatengemeinschaft vor erhebliche Herausfor-                Überblick über die verschiedenen technischen
  derungen und drohen wichtige Prinzipien des                  Anwendungsbereiche von KI für militärische
  humanitären Völkerrechts zu unterminieren.                   Zwecke zu gewinnen, standen im Forschungsfo-
  Dr. Neil Renics Forschung konzentriert sich                  kus von Dr. Christian Alwardt im Rahmen eines
  des­halb auch auf die besonders entmensch­                   im Oktober 2019 gestarteten Projekts zu KI
  lichenden Aspekte gezielter Tötungen und das                 sowohl die Nutzungsanalyse einer wachsenden
  zunehmende Verwischen der vormaligen Krieg/                  Menge sensorgenerierter Daten als auch die
  Frieden-Distinktion. Ein weiterer Schwerpunkt                damit verbundenen Fähigkeiten moderner
  seiner Arbeit liegt auf der Erforschung des                  Waffenplattformen.
  rich­tigen Zeitpunkts für die erfolgreiche Regulie-
  rung neuer Kriegstechnologien durch die inter­-              Unregulierte Formen der Rüstungskontrolle
                                                             y	
  nationale Staatengemeinschaft. Dafür werden                  im Cyberspace: Unsicherheit im Cyberspace
  intensiv historische Vergleiche aus der präventi-            definiert sich häufig primär über die Unkenntnis
  ven Rüstungskontrolle, bspw. die erfolgreiche                potenzieller Angriffsvektoren. So wussten die
  Regulierung von Blend-Lasern, untersucht.                    infiltrierten US-Regierungsstellen nicht, dass die

                                                        13
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

  Systeme eines Zulieferunternehmens („Solar-                                       VORHABEN 3:
  Winds“) teils seit Jahren kompromittiert waren.                                 „KONVENTIONELLE
  Die Möglichkeiten der Rüstungskontrolle von                                   RÜSTUNGSKONTROLLE“
  Cyberwaffen in diesem Zusammenhang fristen in
  der Forschung noch immer ein Nischendasein,                         In Vorhaben 3 war der Forschungsfokus von
  auch da die klassischen Konzepte der Rüstungs-                      Dr. Alexander Graef zunächst v.a. auf die konzep-
  kontrolle oft nicht greifen. Im Rahmen ihrer                        tionelle Neugestaltung und Modernisierung der
  Forschung zu nicht-regierungsgesteuerten sog.                       krisenhaften Regimestruktur konventioneller
  „bottom up“ Initiativen zur gemeinschaftlichen                      Rüstungskontrolle im Rahmen der OSZE ausge-
  Identifizierung, Warnung und Schließung poten-                      richtet. Im Laufe des Jahres 2020 verlangte jedoch
  tieller Angriffszugänge durch die Zivilgesellschaft                 die unerwartet auftretende Krise des „Vertrags
  erforschte Jantje Silomon auch das damit                            über den Offenen Himmel“ („Open Skies“) eine
  theoretisch einhergehende Potenzial für Rüs-                        intensive Befassung und Beratung. Im Folgenden
  tungskontrolle im Cyberspace.1                                      werden einige ausgewählte thematische For-
                                                                      schungsstränge in Vorhaben 3 und ihr wissen-
                                                                      schaftlicher Mehrwert schlaglichtartig vorgestellt:
1 M
   it der Etablierung des ebenfalls vom AA geförderten For-
  schungsschwerpunkts „Internationale Cybersicherheit“ am               Auswertung und Visualisierung der „Open
                                                                      y	
  IFSH und der Vermeidung einer möglichen Doppelförderung,
                                                                        Skies“ Flugquoten: Der sich seit Ende 2019
  wurde die Arbeit zu Cyberthemen im hier vorliegenden Projekt
                                                                        andeutende Vertragsausstieg der USA aus dem
  ab Dezember 2020 eingestellt.
                                                                        Vertragswerk warf die Frage auf, inwieweit euro-
                                                                        päische Staaten und Deutschland ein Interesse
                                                                        an der Fortführung des Vertrags haben. Mittels
                                                                        eines neuartigen Visualisierungstools und

                                                                            Die Webseite openskies.flights von Alexander Graef
                                                                          visualisiert die Flugquoten der Teilnehmerstaaten des
                                                                                    „Vertrags über den offenen Himmel“. © IFSH

                                                                 14
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

 einer eigenen Informationswebseite gelang es               Vorhaben 4 und ihr wissenschaftlicher Mehrwert
 Dr. Graef in Kooperation mit Dr. Kütt, die länder-         schlaglichtartig vorgestellt:
 spezifischen Flugquoten exakt aufzuschlüsseln
 und somit argumentative Erkenntnisse über die                Forschung zu „strategischer Autonomie“:
                                                            y	
 fortdauernde vertrauensbildende Rolle des                    Vor dem Hintergrund der Debatte um Europas
 Vertrags zu gewinnen. National, als auch interna-            „strategische Autonomie“ stellt sich die For-
 tional generierte dieser Ansatz sowohl in der                schungsfrage nach den eigentlichen Partnern
 Fachcommunity, als auch in den Medien erheb-                 und ihren Interessen in Bezug auf eine mögliche
 liche Resonanz.                                              Stärkung europäischer Verteidigungspolitiken.
                                                              Dazu untersuchte Dr. Barbara Kunz in ihren
y	Zukunft konventioneller Rüstungskontrolle:                 Forschungen u.a. deutsch-französische Gemein-
   Vor dem Hintergrund der Erosion des KSE-                   samkeiten und Unterschiede. Ein Hauptaugen-
   Regimes und der gleichzeitigen Rückkehr konven-            merk lag dabei einerseits auf der noch immer
   tioneller Abschreckung in den NATO-Russland                vorrangigen Sicherheitsorientierung Europas an
   Kontaktzonen erforschte Dr. Graef den konkreten            den USA und andererseits auf den eher vagen
   Mehrwert von Transparenz- und Risikominimie-               französischen Vorschlägen für eine europäische
   rungsmaßnahmen im baltischen Raum. Eine aus                nukleare Abschreckung unter Führung Paris’.
   dieser Forschung resultierende kooperative Veröf-
   fentlichung mit einem Kollegen der „Hessischen             (Un)cancelling the Future: Die sich verstär­
                                                            y	
   Stiftung Friedens- und Konfliktforschung“ (HSFK)           kende Versicherheitlichung („securitization“)
   erscheint in der zweiten Jahreshälfte 2021.                außenpolitischer Diskurse – nicht nur in Europa
                                                              – und die damit einhergehende negative Wahr-
                                                              nehmung einer scheinbar immer unsicher
             VORHABEN 4:                                      werdenden Welt, waren der Ausgangspunkt
        „ZUKUNFTSFRAGEN DER                                   einer von Dr. Benjamin Tallis herausgegebenen
     EUROPÄISCHEN FRIEDENS- UND                               Sonderausgabe des internationalen Fachjournals
        SICHERHEITSORDNUNG“                                   „New Perspectives“. Aufbauend auf einer in
                                                              Hamburg ausgerichteten Konferenz zur
In Vorhaben 4 lag der Fokus auf der Analyse der               „(Un)Sicherheit“ in den internationalen Beziehun-
Möglichkeiten und Grenzen des Konzeptes einer                 gen, versammelten sich in dieser Sonderausga-
„strategischen Autonomie“ Europas. In Anbetracht              be v.a. jüngere Autor*innen und fokussierten u.a.
der schweren Fahrwasser, in die sich das transat-             auf neue Aspekte der Kriegsführung in sog.
lantische Verhältnis unter Präsident Trump bege-              „Grauzonen“ und die verteidigungspolitischen
ben hat, hat die ursprünglich vom französischen               Herausforderungen und Chancen Europas.
Präsidenten Emanuel Macron angestoßene
Debatte über die Notwendigkeit größerer europäi-
scher Unabhängigkeit in der Außen- und Sicher-                GESAMTE PUBLIKATIONEN
heitspolitik voll Fahrt aufgenommen. In diesem
                                                              y Wissenschaftliche Publikationen: 72
Kontext geht es nicht nur um die praktischen
Möglichkeiten und Hürden für mehr Kooperation in              y Referierte und „Web of Science“-gelistete
Europa, sondern auch um die Frage, wie die EU                    wissenschaftliche Publikationen: 24
eigene, möglicherweise stärker positiv konnotierte            y Sonstige Publikationen
Sicherheitsnarrative entwickelt. Im Folgenden                   (Policy Briefs, Reports, Op-eds): 80
werden einige ausgewählte Forschungsstränge in

                                                       15
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

Workshop-Teilnehmer*innen der Konferenz „Hamburg (Insecurity) Sessions“ im November 2019. © Katja Ruge

1.3 VERNETZUNG UND NACHWUCHSFÖRDERUNG

Laut Zuwendungsantrag besteht ein Kernanliegen             Fachpublikum vorzustellen, organisierte und
der Förderung des Projekts darin, die deutsche             veranstaltete das Projektteam zwei große Konfe-
Rüstungskontrollexpertise wieder stärker unterein-         renzen in Hamburg. Die im November 2019
ander und v.a. international zu vernetzen. Mittels         veranstalteten „Hamburg (Insecurity) Sessions“
wissenschaftlicher Konferenzen, kooperativer               waren eine zweitägige Konferenz an den Schnitt-
Forschungen und Antragsausarbeitungen, sowie               stellen von IB-Forschung und Policy-relevanter
durch neue Netzwerke und die gezielte Anbindung            Analyse. Dabei arbeiteten die über 100 nationalen
internationaler Wissenschaftler*innen an die Arbeit        und internationalen Teilnehmer*innen aus Wissen-
des IFSH soll so einer möglichen fachlichen                schaft, Politik, Medien und der Zivilgesellschaft in
Abkapselung der deutschen Rüstungskontrollfor-             diversen thematischen Workshops, u.a. zum Nexus
schung entgegengewirkt und der wissenschaftli-             zukünftiger Geopolitik und dem Einfluss „Neuer
che Mehrwert des Projekts erhöht werden. Gleich-           Technologien“. Um gezielt auch dem Nachwuchs
zeitig soll dabei insbesondere der Nachwuchs               eine Rolle bei der Konferenz zu geben, konnten
gefördert werden.                                          sich Doktorand*innen, Forschungsassistent*innen
                                                           und andere junge Expert*innen über einen „Future
Um das Projekt binnen kurzer Zeit einem mög-               Leaders“ Track im Vorfeld der Konferenz bewer-
lichst breiten nationalen und internationalen              ben, um dann als Diskutant*innen die verschiede-

                                                      16
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

Die Veranstalter*innen der Konferenz „Nuclear Studies Research Initiative“, v.l.n.r. Prof. Dr. Jane Vaynman, Dr. Ulrich Kühn,
Ehrengast Prof. Wolfgang Ischinger, Prof. Dr. Francis Gavin. © Sonja Objartel/IFSH

nen Panel zu bereichern. Ein Ergebnis der Konfe-                  jüngerer Wissenschaftler*innen ihre gerade
renz war die bereits erwähnte Journal-Sonderaus-                  begonnenen Dissertationsvorhaben. Dabei trat
gabe „(Un)cancelling the Future“, die gerade auch                 unter anderem zu Tage, wie stark die Forschungs-
Beiträge der Nachwuchswissenschaftler*innen                       perspektiven von Nuklearexpert*innen in Europa
aufgriff.                                                         und in den USA im Hinblick auf die Bedeutung
                                                                  nuklearer Abschreckung divergieren.
Die renommierte und an der „Johns Hopkins
University“ institutionell verankerte Konferenzserie              Der gezielten Förderung und Vernetzung junger
der „Nuclear Studies Research Initiative“ kam im                  postgraduierter Nachwuchswissenschaftler*innen
Dezember 2019 erstmals nach Europa ans IFSH.                      widmet sich ebenfalls ein vom Projektpersonal
Die rund 50 führenden Wissenschaftler*innen aus                   zusammen mit der OSZE und drei weiteren
dem In- und Ausland diskutierten unter der Über-                  internationalen Partnerinstituten initiierter
schrift „Rethinking the Nuclear Future: Perspecti-                Essay-Wettbewerb zu Fragen der konventionellen
ves from Europe and America“ über die wissen-                     Rüstungskontrolle und Vertrauensbildung. Auf-
schaftlichen und politischen Herausforderungen                    grund des hohen internationalen Zuspruchs des
im Forschungsfeld nuklearer Rüstungskontrollpoli-                 Wettbewerbs in 2020 mit über 90 eingereichten
tik. Ein Hauptaugenmerk der Konferenzorganisa-                    Essays der unter 35-jährigen Teilnehmer*innen,
tion lag ebenfalls auf der Einbindung des Nach-                   bat die OSZE um eine Neuauflage des Wettbe-
wuchses – so präsentierten eine ganze Reihe                       werbs in 2021. Unter Leitung von Dr. Graef

                                                             17
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

entsteht darüber hinaus momentan ein neues                Im Rahmen der 2020 vom Bundesministerium für
Netzwerk junger Wissenschaftler*innen im                  Bildung und Forschung (BMBF) ausgeschriebenen
Forschungsfeld konventioneller Rüstungskontrolle.         Vernetzung der deutschen Friedens- und Konflikt-
Mit Dr. Graef wurde auch ein Teammitglied in die          forschung beteiligte sich das Projektpersonal an
renommierte Nachwuchsförderung der                        insgesamt vier kooperativen Antragsprojekten2, die
„Arms Control Negotiation Academy“ der Harvard            ebenfalls noch anhängig sind. Von diesen vier
University aufgenommen. Weiterhin befindet                Anträgen haben drei einen dezidiert interdiszipli­
sich die Projektleitung in Gesprächen mit der             nären Forschungsansatz mit stark naturwissen-
Hertie School in Berlin über den Aufbau eines             schaftlicher Komponente (darunter auch ein
deutschen Netzwerks junger Wissenschaftler*in-            kooperativer Antrag mit dem Forschungsverbund
nen im nuklearen Forschungsfeld. Auch im Projekt          Naturwissenschaft, Abrüstung und internationale
selbst wurden mit Maren Vieluf (in 2020) und              Sicherheit, FONAS). Ein mit der Körber-Stiftung im
Tim Thies (ab August 2021) zwei talentierte               März 2020 gestartetes Projekt zur Erforschung des
postgraduierte Nachwuchswissenschaftler*innen             Prinzips „strategischer Stabilität“ unter multipola-
angestellt, um ihre Forschungen zum AVV und zu            ren Bedingungen, und unter Einschluss chinesi-
hypersonischen Flugkörpern weiterentwickeln zu            scher Expert*innen, wird in 2021 abgeschlossen
können.                                                   werden. Dagegen war eine kooperative Antrags-
                                                          stellung mit der „Norman Paterson School of
Um die weitere wissenschaftliche Vernetzung des           International Affairs“ der Carleton University in
Projektteams voranzutreiben, entwickelte das              Ottawa für einen „Partnership Development Grant“
Projektpersonal eine Reihe kooperativer For-              des „Canadian Social Sciences and Humanities
schungsprojekte und erarbeitete entsprechende             Research Council“ leider nicht erfolgreich.
wissenschaftliche Förderanträge. Dabei stand
gerade die naturwissenschaftliche Komponente
                                                          2 A
                                                             ntragspartner sind dabei u.a. das German Institute for Global
der Rüstungskontrollforschung am IFSH im
                                                            and Area Studies (GIGA), der Forschungsverbund Naturwis-
Zentrum. Ein von Dr. Alwardt erarbeitetes For-              senschaft, Abrüstung und internationale Sicherheit (FONAS),
schungsprojekt zum Thema „KI“ wurde vom                     die HSFK, der Lehrstuhl Wissenschaft und Technik für Frieden
Oktober 2019 bis März 2021 von der „Deutschen               und Sicherheit (PEASEC) der Technischen Universität Darm-
Stiftung Friedensforschung“ (DSF) gefördert und             stadt, das Carl Friedrich von Weizsäcker-Zentrum für Natur-
beschäftigte einen Informationstechniker.                   wissenschaft und Friedensforschung der Universität Hamburg
                                                            (ZNF), die Universität Gießen und die Deutsche Akademie der
Gleichsam fördert die DSF ein naturwissenschaft-
                                                            Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissen-
liches Forschungsprojekt von Dr. Kütt zur                   schaften.
Sprengkopf­authentifizierung (Förderzeit: März
2021 bis Februar 2023). In diesem Projekt wurde
mit Christoph Fichtlscherer ein junger Physiker im
Zusammenhang mit seiner gerade begonnenen                    FORSCHUNGSVERNETZUNG
Doktorarbeit angestellt. Ebenfalls erfolgreich war
                                                             y Forschungsanträge (abgeschlossene,
ein Projektantrag von Dr. Meier bei der DSF zur
                                                                laufende und beantragte): 9
Ahndung von Chemiewaffeneinsätzen (Förderzeit:
Februar 2021 bis April 2022). Ein gleichsam bei              y Konferenzteilnahmen: 169
der DSF beantragtes Pilotprojekt von Dr. Graef zur           y Vorträge: 124
Analyse der jüngeren russischen Rüstungskontroll-            y Kooperative Veröffentlichungen: 24
Community ist noch anhängig.

                                                     18
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

Darüber hinaus hielten die Wissenschaftler*innen          Physiker – konkret zu Fragen der erweiterten
des Teams diverse Vorträge und nahmen an einer            Abschreckung, der Vulnerabilität russischer und
Vielzahl Konferenzen teil – darunter so renommier-        amerikanischer Zweitschlagsysteme, zur Stärkung
te Veranstaltungen, wie die Jahresversammlungen           des Chemiewaffenübereinkommens, zu europäi-
der „International Studies Association“, die              schen Sicherheitsdiskursen und zum Forschungs-
Münchner Sicherheitskonferenz oder die aller zwei         feld „Neuer Technologien“. Die Corona-Pandemie
Jahre stattfindende naturwissenschaftliche Tagung         verhinderte ab Frühjahr 2020 den weiteren physi-
„Science · Peace · Security“ (veranstaltet von der        schen Aufenthalt neuer Fellows am Institut. Der
Technischen Universität Darmstadt). Aufgrund der          Pandemie fielen auch die vorgesehenen Rotatio-
Corona-Pandemie fanden in 2020 und 2021 fast              nen des wissenschaftlichen Projektpersonals in
alle Teilnahmen und Vorträge virtuell statt. Neben        die politischen Abteilungen und den Planungsstab
diversen kooperativen Veröffentlichungen arbeite-         des AA vorläufig zum Opfer.
ten mehrere Teammitglieder u.a. an der Herausga-
be einer für Ende 2021 avisierten Sonderausgabe
der „Zeitschrift für Friedens- und Konfliktfor-
schung“ zur Krise der Rüstungskontrolle, die                FELLOWSHIP-PROGRAMM UND
Forscher*innen fast aller deutschen Friedens- und           ROTATIONEN INS AA
Konfliktforschungsinstitute versammelt.
                                                            y Insgesamt sechs vergebene Fellowships
                                                              an Wissenschaftler*innen aus den USA,
Schließlich sieht der Zuwendungsantrag vor, dass
                                                              Russland, Großbritannien, Kanada und
im Rahmen eines „International Visiting Research
                                                              Rumänien;
Fellowships” international renommierte Wissen-
schaftler*innen für mehrere Monate ans IFSH                 y Aufgrund von Corona bisher keine Rotatio-
kommen. Im Berichtszeitraum forschten die                     nen ins AA
internationalen Fellows – darunter auch ein

1.4 WISSENSTRANSFER

Der gesellschaftliche und politische Mehrwert des         „politische Berlin“ nicht mehr über eine breit
Projekts soll sich laut Zuwendungsantrag v.a.             aufgestellte und prominent vertretene Rüstungs-
aus den Aktivitäten im Bereich Wissenstransfer            kontroll-Community.
ergeben. Konkret heißt das, dass die Forschungs-
ergebnisse und Erkenntnisse des wissenschaftli-           Zu den Empfänger*innen der Transfermaßnahmen
chen Projektpersonals als Informationsgrundlage           des Projekts gehören deshalb explizit politische
und Orientierungswissen für Politik und Gesell-           Entscheider*innen und Fachexpert*innen im
schaft bereitstehen sollen. In den vergangenen            Bundestag, in den Ministerien (hier v.a. das AA),
Jahren ist auch die politische Expertise zu               sowie Vertreter*innen von Medien, Denkfabriken,
Rüstungskontrolle (gerade im Bundestag) konti­            der Zivilgesellschaft und allgemein der interessier-
nuierlich zurückgegangen. Heute verfügt das               ten Öffentlichkeit. Im Folgenden werden einige

                                                     19
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

Transferformate und inhaltliche Transferschwer-             Auch die in Hamburg ansässigen Mitglieder des
punkte des Projekts und ihr gesellschaftlicher und          Teams kamen ihrem Transferauftrag nach und
politischer Mehrwert kurz beleuchtet und bewertet.          führten Fach- bzw. Hintergrundgespräche mit
Die prominenteste Projektmaßnahme zum                       politischen Entscheider*innen in den Ressorts
Wissenstransfer ist ohne Zweifel die Etablierung            bzw. in Fraktionsarbeitskreisen, Ausschüssen und
und die daraus entstandene Arbeit des Berliner              Unterausschüssen des Bundestags und beantwor-
Büros des IFSH. Unter der Leitung von Dr. Fuhrhop           teten schriftlich oder mündlich kleinere themati-
fokussierte sich das Büro auf die Organisation und          sche Anfragen. Für das AA organisierten die
Ausrichtung diverser öffentlicher Fachveranstaltun-         Teammitglieder im Rahmen der „Rethinking Arms
gen (aufgrund der Pandemie überwiegend virtuell             Control“ Konferenz-Serie in 2020 ein eigenes
abgehalten), auf nicht-öffentliche Informationsver-         thematisches Panel mit stark naturwissenschaft-
anstaltungen für Mitglieder und Fachreferent*in-            lich-technischem Fokus. In diesem diskutierten
nen des Bundestags, auf die Bearbeitung und                 rund 60 internationale Teilnehmer*innen zu den
Beantwortung vertraulicher Fachanfragen aus dem             sich bietenden Chancen „Neuer Technologien“ für
AA und anderen Ministerien und auf die generelle            Rüstungskontrollverifikation.
Kontaktpflege zu Vertreter*innen von Medien,
Think Tanks, politischen Stiftungen und der Zivilge-        Der konkrete politische Mehrwert dieser Transfer-
sellschaft. Um eine möglichst breite Öffentlichkeit         arbeit zeigte sich exemplarisch an drei spezifi-
zu erreichen, baute das Berliner Team zunächst              schen Forschungsthemen. Ein von Dr. Kütt
eine umfassende Datenbank zur Versendung von                kooperativ mit der „American University“ und der
Einladungen und Informationsmaterialien auf.                naturwissenschaftlichen Forschungsgruppe der
Gleichzeitig führte die Berliner Leitung gerade in          „Princeton University“ entwickeltes Virtual-Reality-
der Anfangszeit diverse vertrauliche Gespräche              Tool (VR) macht die Entscheidungsfindung des
und nahm an Konferenzen und Fachtagungen teil,              amerikanischen Präsidenten über einen möglichen
um somit auch im persönlichen Kontakt das Büro              nuklearen Vergeltungsschlag und dessen massiv-
in der „Berliner Szene“ bekannt zu machen.                  letale Konsequenzen virtuell erlebbar.

  TRANSFERMASSNAHMEN                                          TRANSFERMASSNAHMEN DES
  BERLINER BÜRO                                               HAMBURGER TEAMS
  y direkte Austausche mit                                   y Fach- und Hintergrundgespräche: 89
    Vertreter*innen des politischen Raums                     y kleinere thematische Anfragen
    und der Fachöffentlichkeit: 51                              aus Ressorts und Bundestag: 15
  y Anfragen aus dem politischen Raum: 8                     y Hintergrundgespräche und Interviews mit
  y eigene oder kooperativ organisierte                         deutschen und internationalen Medien: 152
    Veranstaltungen: 14                                       y eigene organisierte Veranstaltungen,
                                                                 kleinere Workshops und Konferenzpanel: 34
                                                              y Multimediale Formate
                                                                (Videos, Podcasts, Webseiten): 26

                                                       20
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

Moritz Kütt und Sharon Weiner bei der Präsentation ihrer VR-Simulation auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2020.
© Moritz Kütt (privat)

Das auf der „Münchner Sicherheitskonferenz                   Diese Vorschläge generierten im politischen Raum
2020“ vorgestellte Projekt generierte eine breite            sowohl prominenten Zuspruch als auch Kritik
Medienresonanz, v.a. bei deutschen Leitmedien,               (u.a. aus dem Auswärtigen Amt). Konkret griffen
welche die Simulation zum Anlass nahmen, die                 einzelne Politiker*innen aus der SPD-Fraktion und
Öffentlichkeit kritisch über die Konsequenzen                aus Bündnis 90/Die Grünen den Vorschlag eines
eines massiven Nuklearwaffeneinsatzes zu infor-              Moratoriums auf. Um die häufig nur unzureichend
mieren.                                                      auf Fakten basierende Debatte für die interessierte
                                                             Öffentlichkeit transparenter zu machen, entwickel-
Im Zusammenhang mit der in der ersten Jahres-                te Dr. Kütt in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stif-
hälfte 2020 aufgekommenen innenpolitischen                   tung eine Webseite zu den technischen, politi-
Diskussion über Deutschlands Zukunft in der                  schen und rechtlichen Grundlagen der nuklearen
nuklearen Teilhabe der NATO veröffentlichten                 Teilhabe.
Dr. Fuhrhop, Dr. Kühn und Dr. Meier gemeinschaft-
lich eine Reihe konkreter Vorschläge für einen               Die Arbeiten Dr. Graefs zur Krise des „Open Skies“
möglichen Abzug der U.S.-Atomwaffen aus                      Regimes wiederum dienten als direkte Informa-
Deutschland und ein damit verbundenes „nuklea-               tionsgrundlage für eine breite Medienberichter­
res Aufrüstungsmoratorium“ zwischen der NATO                 stattung in Deutschland, Russland und dem
und Russland (u.a. veröffentlicht in „Der Spiegel“).         englischsprachigen Ausland (u.a. in „Frankfurter

                                                        21
BISHERIGE PROJEKTARBEIT 2019–2021

Animiertes Erklär-Video zu der Frage „Was ist ein Wettrüsten?“ © IFSH

Allgemeine Zeitung“, „Deutschlandfunk“, „NDR“,                Um schließlich auch die interessierte Öffentlichkeit
„Neue Zürcher Zeitung“, „The Economist“, „Kom-                und hier v.a. jüngere Menschen mit den For-
mersant“ und „RIA Novosti“). Auch der Bundestag               schungsthemen des Projekts zu erreichen, wurde
wurde vom Projektteam in zwei eigens anberaum-                eine Reihe von Videoclips und Podcasts veröffent-
ten Briefings über die Entwicklungen zum Vertrag              licht. Gerade die aufwendig produzierten und
informiert. Dr. Graefs Forschung fand im Jahr 2020            animierten Erklär-Videos zu Themen wie „Was ist
ihren politischen Niederschlag zunächst in direk-             ein Wettrüsten“, „Fluch oder Segen autonomer
ten Zitationen seiner Arbeit in einer Anhörung des            Waffen“ und „Folgen eines Atombombenabwurfs“
britischen „House of Lords“ und in einem Antrag               erfreuen sich online einer stetig wachsenden
der Fraktion „Die Linke“. Seine Vorschläge zum                Beliebtheit – so generierte der Clip über einen
Umgang mit der Krise fanden sich dann, fast                   virtuellen Atombombeneinsatz über Hamburg
unverändert, in einem Antrag der großen Koalition             bisher über 5.000 Klicks. Die entsprechenden
zu „Open Skies“ und in einem Brief des Unteraus-              Multimediaprodukte des Teams wurden mittels
schusses an die Mitglieder des US-Senats und des              eigener Pressemitteilungen des IFSH und via
Repräsentantenhauses wieder.                                  Social-Media-Kanäle breit beworben.

                                                         22
2
ZUKÜNFTIGE PROJEKTARBEIT
ZUKÜNFTIGE PROJEKTARBEIT

ZUKÜNFTIGE PROJEKTARBEIT

Die bisherige Projektarbeit hat gezeigt, dass in Deutschland ein hoher Bedarf an Forschung und Transfer
zu den Themen „Rüstungskontrolle und Neue Technologien“ besteht. Gleichzeitig wird dieser Bedarf
umso dringender, je mehr globale und technologische Veränderungen auch eine Anpassung der Rüs-
tungskontrolle verlangen. In der bisherigen Forschung des Projekts wurden vor allem die Auswirkungen
ordnungspolitischer und technologischer Veränderungen auf das Feld der Rüstungskontrolle untersucht.
Die fortwährende und noch nicht abgeschlossene Erforschung der Krise der Rüstungskontrolle ist dafür
ein passendes Beispiel.

Um Rüstungskontrollforschung jedoch auch zukünftig relevant zu halten, muss sie stärker in den Blick
nehmen, wie Maßnahmen der Rüstungskontrolle selbst internationale Strukturen beeinflussen können.
Dafür muss sie sich einerseits stärker den neuen multilateralen Elementen ordnungspolitischen Fort-
schritts (wie bspw. dem AVV) zuwenden und andererseits im Hinblick auf die zukünftige Verregelung
technologischen Fortschritts verstärkt konzeptionell tätig werden. Zu guter Letzt sollte zukünftige
Rüstungskontrollforschung auch nicht die normativ-argumentative Auseinandersetzung mit den wieder-
erstarkenden Narrativen klassischer Verteidigungs- oder Suprematiepolitik scheuen.

In der noch verbleibenden Laufzeit sollen die bereits bestehenden inhaltlichen Stränge des Projekts
nicht ersetzt, dafür aber stärker auf drei Problemebenen – zu Ordnungen, Neuen Technologien und
Narrativen – gebündelt werden. Aus einer solchen Fokussierung wiederum ergeben sich eine Reihe
neuer Forschungsfragen, denen sich das Team in den noch verbleibenden eineinhalb Jahren interdiszi-
plinär widmen wird. Gleichzeitig weist die Komplexität der im Folgenden skizzierten Probleme und
Fragen aber auch über die Projektlaufzeit hinaus und eröffnet erste Perspektiven auf die notwendige
Forschung nach 2022.

2.1 ORDNUNGEN

In der bisherigen Forschung des Projekts wurde                ment oder verweigern sich neuen Vertragswerken.
vor allem zu den Ursachen der Krise der Rüstungs-             Andererseits hat der allgemeine Abschwung in den
kontrolle, zur Analyse ihrer kurz- bis mittelfristigen        Großmachtbeziehungen bei vielen Staaten, die mit
Auswirkungen und zu möglichen Regimeadaptio-                  der zunehmenden Ignoranz, mit der Großmächte
nen geforscht. Diese Analysen sind vor dem Hinter-            internationale Institutionen behandeln, erhebliche
grund zunehmender Großmachtkonkurrenz und                     Unzufriedenheit hervorgerufen. Während mehrere
beginnender Rüstungswettläufe nach wie vor                    Anzeichen auf eine neue multi- oder vielleicht
relevant und sollen in den verbleibenden einein-              bilaterale Ordnung hindeuten, deutet ein umge-
halb Jahren fortgesetzt werden.                               kehrter Trend auf einen verstärkten Willen vieler
                                                              Staaten hin, multilaterale „Governance“ zu betrei-
Dabei zeigen sich seit einigen Jahren zwei gegen-             ben. Dieser umgekehrte Trend wurde durch das
läufige Trends auf der Ebene internationaler                  schiere Ausmaß einiger globaler Probleme wie
Ordnungen. Einerseits ziehen sich Großmächte,                 dem Klimawandel ausgelöst, ist aber auch ein
wie die USA, Russland und China in verstärktem                Ausdruck dafür, dass Staaten versuchen, sich dem
Maße aus bestehenden Instrumenten multilateraler              Konkurrenzsog zu entziehen, den Großmachtbezie-
Rüstungskontrolle zurück, verringern ihr Engage-              hungen zunehmend ausüben.

                                                         24
ZUKÜNFTIGE PROJEKTARBEIT

Diese Entwicklungen eröffnen ein reiches Feld für           fung von Atomwaffenprogrammen und die Festle-
die zukünftige Rüstungskontrollforschung. Diesem            gung entsprechender Implementierungsfristen, die
will sich das Projekt mit einem spezifischen                während des ersten Treffens der Vertragsstaaten
Augenmerk auf Ordnungen widmen. Mit „Ordnun-                beschlossen werden sollen. Zu den geplanten
gen“ sind hier sowohl die systemweite Verteilung            Veröffentlichungen gehören ein Bericht für das
von Macht und Einfluss als auch die Institutionen,          Europäische Parlament (in Zusammenarbeit mit
welche rechtliche, politische und ethische Ordnun-          dem „Stockholm International Peace Research
gen im Bereich der Rüstungskontrolle aufstellen             Institute“) über Optionen für europäische Institutio-
und absichern, gemeint.                                     nen, ein IFSH-Forschungsbericht über konkrete
                                                            Optionen für Deutschland, ein Artikel für die
                                                            Zeitschrift „Friedens-Warte“, ein Buchkapitel für
                BIS ENDE 2022                               einen Bericht des AA und ein Artikel über Imple-
                                                            mentierungsfristen für die Beseitigung taktischer
In den verbleibenden eineinhalb Jahren wird sich            Nuklearwaffen in einer referierten Fachzeitschrift.
die Forschung des Teams in verstärktem Maße
neuartigen multilateralen Prozessen und noch                Neben dem AVV, der eine konkrete Regulierungs-
fehlenden aber dringend benötigten multilateralen           lücke multilateraler Rüstungskontrollordnung
Prozessen zuwenden. Damit rückt Deutschlands                schließt, besteht auch auf weiteren Sicherheitsfel-
Rolle noch stärker ins Zentrum der Projektarbeit.           dern zunehmender Regulierungsbedarf. So
Berlin hat sich gemeinsam mit anderen Mittel-               verschärft die zunehmende Großmachtkonkurrenz
mächten – insbesondere europäischen Partnern                auch die militärischen Spannungen auf den
– für solche Prozesse eingesetzt, um auf den                Weltmeeren. Vor dem Hintergrund anhaltender
Rückzug der USA und Russlands zu reagieren und              Spannungen in der Ostsee, dem Schwarzen Meer
die negativen Auswirkungen des geopolitischen               und dem südchinesischen Meer, stellt sich die
Wettbewerbs abzumildern. Die zunehmende                     Forschungsfrage, welche militärischen Kapazitäten
Abwesenheit der Großmächte von bestimmten                   von zukünftiger mariner Rüstungskontrolle adres-
multilateralen Rüstungskontrollinstitutionen wirft          siert werden müssten. Seit den Washingtoner
die Frage nach deren tatsächlicher Effektivität             Flottenkonferenzen der 1920er Jahre gab es keine
auf. Gerade im Hinblick auf Deutschlands zuneh-             signifikante multilaterale Rüstungskontrolle zur See
mendes Engagement in multilateralen Prozessen               mehr. Entsprechende Ergebnisse der gerade
stellen sich Forschungsfragen nach den Potenzia-            begonnenen Grundlagenforschung von Dr. Graef
len, Optionen und Grenzen deutscher Politik in              werden noch vor Ende der Projektlaufzeit in einer
multilateralen Rüstungskontrollinstitutionen.               referierten Fachzeitschrift und, vorab, als Ideen-
                                                            papier für das AA veröffentlicht.
Besonders virulent ist dieser Aspekt im Zusam-
menhang mit dem AVV, dem Deutschland bisher
fernblieb. Aufbauend auf der bisherigen Forschung                              NACH 2022
zum AVV werden Dr. Meier und Dr. Kütt in ihren
Arbeiten die jeweiligen Optionen für Deutschland            Über die Projektlaufzeit hinaus wäre es wichtig,
und seine europäischen Partner analysieren und              eine größer angelegte Forschungs­studie anzule-
sich mit dem neuen Abkommen und Fragen der                  gen, die vergleichend die Potentiale, Ergebnisse
Implementierung des Vertrags beschäftigen. Dazu             und Synergien der diversen von Deutschland mit
gehört beispielsweise auch die verifizierte Abschaf-        initiierten multi- und plurilateralen Rüstungs­

                                                       25
ZUKÜNFTIGE PROJEKTARBEIT

kontrollinitiativen untersucht. Im Forschungsfokus          vielversprechend, zu analysieren, was die Interes-
müssten Initiativen, wie die „Stockholm Initiative“,        sen potentieller Partner (und „Blockierer“)
die „Gruppe der Freunde konventioneller Rüs-                spezifischer deutscher Rüstungskontrollinitiativen
tungskontrolle“ oder die „Nichtverbreitungs- und            sind und wie diese wiederum deutsche Handlungs­
Abrüstungsinitiative“ stehen. Dabei wäre es                 optionen beeinflussen.

2.2 NEUE TECHNOLOGIEN

In der bisherigen Forschung des Projekts wurden             letalautonomer Waffensysteme – dass die zustän-
„Neue Technologien“ und ihre Auswirkungen auf               digen multilateralen Gremien (z.B. das Waffenüber-
die Rüstungskontrolle zunächst eher anhand                  einkommen der Vereinten Nationen mit den
einiger ausgewählter Technologien erforscht                 dazugehörigen Protokollen) signifikante Fortschrit-
(bspw. für LAWS und KI). Darüber hinaus stellen             te bei der Regulierung oder dem Verbot solcher
rapide technologische Veränderungen in ihrer                Systeme machen.
Gesamtheit eine Herausforderung für die unter-
schiedlichen Bereiche internationaler Rüstungs-             Zusätzlich komplex wird die Lage dadurch, dass
kontrolle dar, was vom Projekt so noch nicht                einige der wichtigsten „Neuen Technologien“, wie
beforscht wurde. Angesichts immer wieder                    z.B. KI-Anwendungen im militärischen Kontext,
aufkommender tagesaktueller Politikdebatten, wie            häufig auch zivile Anwendungen haben. Das
jüngst um die Beschaffung bewaffneter Drohnen,              Phänomen sog. „Dual Use“ Technologie ist zwar
und der Geschwindigkeit technologischen Wan-                nicht neu, aber heute sind eher zivile Unternehmen
dels ist dieser Fokus nachvollziehbar und ent-              – nicht mehr das Militär – treibende Kraft hinter
spricht dem Transferauftrag des Projekts.                   Innovationen. Damit kommen neue Akteure ins
                                                            Spiel, die auch für die Rüstungskontrollpolitik,
Ein wichtiges Forschungsfeld ist dabei ein Ver-             insbesondere im Bereich der Nichtverbreitung,
gleich der Herausforderungen „Neuer Technolo-               zunehmend relevant werden.
gien“ auf strategische nukleare Rüstungskontrolle
zwischen den USA, Russland (und im zuneh­                   In der internationalen Forschung wurden die
menden Maße auch China) einerseits und für die              Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Interaktionen
humanitäre Rüstungskontrolle andererseits. So ist           dieser Herausforderungen für die strategische Rüs-
bspw. im Bereich der humanitären Rüstungs­                  tungskontrolle und die humanitäre Rüstungskont-
kontrolle zu erwarten, dass einige der gleichen             rolle bisher nicht in ihrer Gesamtheit, und systema-
Technologien, die die strategische Stabilität               tisch, erforscht. Damit gibt es aber auch keine
gefährden oder stärken (je nach Sichtweise), eine           holistische Analyse, die es rüstungskontrollinteres-
Reihe von humanitären Prinzipien wie „Verhältnis-           sierten Staaten wie Deutschland erlauben würde,
mäßigkeit“, „Unterscheidbarkeit“ oder „Vorsorge“            eine bessere Einschätzung über die tatsächlichen
in Frage stellen. Gleichzeitig verhindern die               Risiken „Neuer Technologien“ für etablierte
strategischen Interessen der USA, Russlands,                Rüstungskontrollprinzipien zu gewinnen und davon
Chinas und anderer Staaten an der Weiterentwick-            ausgehend den jeweiligen Regulierungsbedarf zu
lung moderner Waffenplattformen – wie etwa                  priorisieren.

                                                       26
ZUKÜNFTIGE PROJEKTARBEIT

                 BIS ENDE 2022                                nächsten eineinhalb Jahren unter Verwendung
                                                              einer sog. „Monte-Carlo-Partikel-Transport“
Die sich hieraus ergebenden Forschungsaufgaben                Software zur Simulation bestehender Detektorsys-
werden in den verbleibenden eineinhalb Jahren                 teme, die Möglichkeit erforschen, Kernwaffen oder
von Marina Favaro, Dr. Kühn und Dr. Renic anhand              deren Abwesenheit durch passive Neutronen- und
einer breit angelegten vergleichenden Studie zu               Gammamessungen nachzuweisen. Solche Verifika-
den Herausforderungen „Neuer Technologien“                    tionsansätze könnten bspw. bei der Beseitigung
für strategische Stabilität und für zentrale Prinzipi-        oder Konversion von Kernwaffenprogrammen in
en humanitärer Rüstungskontrolle erforscht.                   Kernwaffenstaaten, wie sie im AVV angestrebt wird,
Methodisch wird die Studie auf einer iterativen               zum Einsatz kommen.
Umfrage unter technischen Expert*innen (u.a.
auch aus der Privatwirtschaft) aufbauen, um somit
Daten über die Anwendung „Neuer Technologien“                                    NACH 2022
für militärische Zwecke zu gewinnen. Ziel ist es,
herauszufinden, welche spezifischen Technologien              Jenseits der momentanen Projektlaufzeit wäre es
das größte Risiko für etablierte Rüstungskontroll-            lohnenswert, erstmalig ein umfassendes Mapping
prinzipien darstellen und daher einer Regulierung             und damit einhergehend eine Kategorisierung der
bedürfen.                                                     positiven Auswirkungen „Neuer Technologien“ für
                                                              die Rüstungskontrolle zusammenzutragen. Ein
Neue Technologien spielen aber auch in der                    solches Kompendium müsste sich insbesondere
naturwissenschaftlichen Forschung des Projekt-                auf die positiven Aspekte in den Bereichen
teams weiterhin eine bedeutende Rolle. Für die                Verifikation, Transparenz und Monitoring konzent-
naturwissenschaftliche Rüstungskontrollforschung              rieren (bspw. mittels verbesserter Satellitenbilder,
besteht nach wie vor konkreter Bedarf im Bereich              „crowd-sourced data“ oder „Open Source“
der Verifikation, und besonders bei der nuklearen             Software) und könnte die bereits geleistete
Abrüstungsverifikation. Aufbauend auf bereits                 Projektarbeit im Rahmen der AA-Konferenzreihe
geleisteter Arbeit wird das Projektteam in den                „Rethinking Arms Control“ weiterentwickeln.

2.3 NARRATIVE

In der bisherigen Forschung des Projekts kamen                Vergangenheit zu gestalten.“ Die meisten Kol-
politische Narrative und ihre Bedeutung für                   leg*innen des Projektteams verbinden konkrete
Rüstungskontrollpolitik häufig implizit vor. Laut             Rüstungskontrollvorschläge mit Narrativen der
S. Shenhav (2006) dienen politische Narrative                 „kooperativen Sicherheit“ und setzen sich kritisch
„der Formulierung und Aufrechterhaltung von                   mit politischen Weltbildern auseinander, die die
Weltbildern, [deren Essenz] gleichsam als effekti-            aktuelle Skepsis gegenüber der Rüstungskontrolle
ves Mittel zum Herunterbrechen komplexer                      befördern. Inwieweit politische Narrative aber
Situationen in Ereignisketten dient“. Narrative               aktuelle Sicherheitsfragen beeinflussen und
„entsprechen der politischen Logik des Versuchs,              welcher gesellschaftspolitische Mehrwert sich
die Gegenwart im Lichte der Lehren aus der                    durch eine Veränderung des Blickwinkels ergibt,

                                                         27
Sie können auch lesen