EUROPA 2019 - Katholische Militärseelsorge

 
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EUROPA 2019 - Katholische Militärseelsorge
Die Zeitschrift des Katholischen Militärbischofs für die Deutsche Bundeswehr

                                        Soldat in Welt und Kirche                                        04I19

                                        EUROPA
                                        2019
 © Designed by rawpixel.com / Freepik

                                                 Reportage vor Ort:                            Lourdes-Wallfahrt:
ISSN 1865-5149

                                                 58. Woche der Begegnung                       Anmeldungen noch bis
                                                 „Veränderungen gestalten –                    Mitte April über Ihr
                                                 Schritt für Schritt                           Katholisches Militärpfarramt!
                                                 neue Wege wagen“
EUROPA 2019 - Katholische Militärseelsorge
Editorial
            © KS / Doreen Bierdel

                                                                                Liebe Leserinnen und Leser.
                  In der Zeit vom 7. bis 10. Juni 1979 fanden erstmals Di-                            Befürchtungen begründet, dass es auch dieses Mal nicht
                  rektwahlen zum Europäischen Parlament statt. Neun Mit-                              besser aussehen wird.
                  gliedstaaten bildeten damals die Europäische Union. 81
                  deutsche Abgeordnete, drei davon aus dem Berliner Abge-                             Wer die Gewinner und Verlierer bei einer niedrigen Wahlbe-
                  ordnetenhaus gewählt, zogen bei einer Wahlbeteiligung von                           teiligung sein werden, das wird sich am Wahlsonntag mit
                  65,7 % ins Parlament ein. Simone Veil, eine französische Po-                        der ersten stabilen Hochrechnung zeigen. Viele befürchten,
                  litikerin und Holocaust-Überlebende, wurde zur Parlaments-                          dass die Gewinner bei einer niedrigen Wahlbeteiligung die-
                  präsidentin gewählt.                                                                jenigen politischen Gruppierungen sein werden, die sich mit
                                                                                                      populistischen, rassistischen und antieuropäischen Positi-
                  Obwohl sich das Europaparlament Stück für Stück mehr                                onen an die Wählerinnen und Wähler wenden. Für viele Bür-
                  Rechte und Kompetenzen erkämpfte, sank die Wahlbeteili-                             gerinnen und Bürger ist die Europäische Union (EU) mit ihren
                  gung europaweit kontinuierlich, in manchen Mitgliedstaaten                          Organen und Institutionen nach wie vor ein „Buch mit sie-
                  drastisch. Bei den letzten, den achten Direktwahlen 2014,                           ben Siegeln“. Meist wird sie gleichgesetzt mit „sinnlosem
                  lag die Wahlbeteiligung bei 42,6 %. 28 Mitgliedstaaten um-                          Verwaltungs- und Regelungswahn“, mit „Wasserkopf“ und
                  fasste damals die Europäische Union, die sich mit dem Ver-                          „Wanderzirkus“. Das sind allesamt Bezeichnungen – beilei-
                  trag von Lissabon zeitgleich eine neue Grundlage schuf.                             be nicht vollständig – die nichts Gutes versprechen und we-
                                                                                                      nig Grund für eine optimistische Perspektive geben.
                  Am 26. Mai finden in Deutschland die inzwischen neunten
                  Direktwahlen zum Europäischen Parlament statt. Insgesamt                            Obwohl viele Bereiche unseres täglichen Lebens zwischen-
                  41 politische Vereinigungen, gemeinhin sind es Parteien,                            zeitlich durch Entscheidungen in Brüssel und Straßburg ge-
                  treten zur Wahl an. Umfragen der „Forschungsgruppe Wah-                             regelt werden und mithin auch bestimmen, genießen diese
                  len“ mit Sitz in Mannheim von Mitte März dieses Jahres zu-                          kaum wohlwollende Zustimmung. Als „zu fern und zu ano-
                  folge, könnte die SPD Verluste von knapp 10 % erleiden und                          nym“ empfinden viele Bürgerinnen und Bürger in den Mit-
                  die Partei „Bündnis 90 / Die Grünen“ einen Zugewinn von                             gliedstaaten der EU das politische Wirken der europäischen
                  gut 8 % gegenüber den Wahlen von 2014 erzielen. Wie hoch                            Institutionen. Wie immer auch der Ausgang der diesjährigen
                  die Beteiligung 2019 sein wird, das konnte die Forschungs-                          Wahlen sein wird – man wird wohl im neuen Parlament nicht
                  gruppe nicht ermitteln. Geht man davon aus, dass die Wahl-                          mehr darum herumkommen zu fragen, was aus Europa wer-
                  beteiligung seit 1979 kontinuierlich gesunken ist, sind die                         den soll.
                                                                                                                                       Josef König, Chefredakteur

                                    Impressum                                Herausgeber                                 dingt die Meinung des Herausgebers
                                    KOMPASS. Soldat in Welt und Kirche       Der Katholische Militärbischof              wieder. Für das unverlangte Einsenden
                                    ISSN 1865-5149                           für die Deutsche Bundeswehr                 von Manuskripten und Bildern kann
                                                                                                                         keine Gewähr und für Verweise in das
                                    Redaktionsanschrift                      Verlag, Druck und Vertrieb                  Internet keine Haftung übernommen
                                    KOMPASS. Soldat in Welt und Kirche       Verlag Haus Altenberg                       werden. Bei allen Verlosungen und
                                    Am Weidendamm 2                          Carl-Mosterts-Platz 1                       Preisausschreiben in KOMPASS. Soldat
                                    10117 Berlin                             40477 Düsseldorf                            in Welt und Kirche ist der Rechtsweg
                                    Telefon: +49 (0)30 20617-421                                                         ausgeschlossen.
                                    E-Mail: kompass@katholische-             Leserbriefe
                                            soldatenseelsorge.de             Bei Veröffentlichung von Leserbriefen       Internet
                                                                             behält sich die Redaktion das Recht auf     www.katholische-militaerseelsorge.de
                                    Chefredakteur Josef König (JK)           Kürzung vor.
                                    Redakteur Jörg Volpers (JV)                                                          Social Media
                                    Redakteurin Friederike Frücht (FF)       Hinweis
                                    Bildredakteurin, Layout Doreen Bierdel   Die mit Namen oder Initialen gekenn-
                                    Lektorat Schwester Irenäa Bauer OSF      zeichneten Beiträge geben nicht unbe-
EUROPA 2019 - Katholische Militärseelsorge
4

                                                 © Designed by rawpixel.com / Freepik

                                                                                                                                   Inhalt
Titelthema                                Rubriken
                                                                                          17
EUROPA 2019
                                          12 zum LKU: Charakterbildung
4   Bischof Overbeck sieht
    Vertrauenskrise in der EU             13 Kolumne des Wehrbeauftragten

5   Das EP ist zu wichtig, um es          18 Auf ein Wort
    Europagegnern zu überlassen
    von Thomas Giegerich                  20 Mutige Zeugen:
    und Katharina Koch                       Dr. Max Josef Metzger

7   Webtipp: Es ist Dein Europa.          22 Kompass Glauben
    60 gute Gründe
                                          23 Glaube, Kirche, Leben
9   Interview mit Olivier Poquillon OP,      • Misereor
    COMECE-Generalsekretär                   • Int. Soldatenwallfahrt 2019

10 Kommentar zur Sache                    24 Medien
   von Klaus Hänsch,                         • Filmtipp: Alfons Zitterbacke              Aus der Militärseelsorge
   ehemaliger EP-Präsident                   • Buchtipp: Jahrbuch Innere
                                               Führung 2018                              14 Reportage vor Ort:
11 Justitia et Pax: Europa muss              • „Lourdes App“                                58. Woche der Begegnung
   dem Gemeinwohl dienen                                                                    „Veränderungen gestalten –
                                          26 Vor 65 Jahren:                                 Schritt für Schritt neue Wege wagen“
11 ZdK startet Homepage zur                  Mangelndes Interesse an
   Europawahl                                NATO-Seelsorge-Büro                         17 Neues Soldaten-Gesangbuch

Titelbild:                                26 VORSCHAU:                                   19 Expertenworkshop:
© Designed by rawpixel.com / Freepik         Unser Titelthema im Mai                        Grundlagen ethischer Bildung in
                                                                                            der Bundeswehr
                                          27 Rätsel

                                               Suche Frieden
                                               und jage ihm nach! (Psalm 34,15)
                                               Die deutsche Katholische Militärseelsorge fährt auf Einladung des
                                               französischen Militärbischofs von Mittwoch, 15.5., bis Dienstag,
                                               21.5.2019, zur 61. Internationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes.
                                               Teilnehmen können Angehörige der Bundeswehr mit deren Familien
                                               sowie unter bestimmten Voraussetzungen Reservistinnen und Reser-
                                               visten zwischen 16 und 65 Jahren.
                                               In Lourdes erwartet Sie ein sowohl geistliches als auch kamerad-
                                               schaftliches Programm.
                                               Nähere Informationen zum Teilnehmerkreis und zur Anmeldung
                                               erfahren Sie nur beim für Sie zuständigen Katholischen Militärpfarr-
                                               amt! Weitere und stets aktualisierte Informationen im Internet unter
                                               www.kmba.de und www.katholische-militaerseelsorge.de.
                                                                                        Kompass 04I19                         3
EUROPA 2019 - Katholische Militärseelsorge
Titelthema

                 Bischof Overbeck sieht
                 Vertrauenskrise in der EU

                 D   er Vizepräsident der EU-Bischofskommission
                     (COMECE), Dr. Franz-Josef Overbeck, sieht
                 eine Vertrauenskrise in der EU. „Das europä-
                 ische Projekt scheint an Schwung verloren zu
                 haben, seit die gefühlte Gefahr von Krieg und
                 Zerstörung in immer weitere Ferne rückt“, sagte
                 Overbeck laut Redemanuskript am Donnerstag-
                 abend, 21. März, in Brüssel bei einer Diskussion
                 in der Landesvertretung Nordrhein-Westfalens.
                 Eine „traurige Spitze“ aller Vertrauenskrisen zei-
                 ge sich darin, dass mit dem Brexit erstmals in
                 der Geschichte der europäischen Integration ein
                 Land die Union verlassen wolle, so Overbeck.

                                                                                                                  © KS / Doreen Bierdel
                 Viele Deutsche trauten derzeit keiner Partei zu,
                 für soziale Gerechtigkeit in Europa zu sorgen, so
                 Overbeck. „Die Welt ist zunehmend komplexer
                 und eine Rückkehr zu ehemals ‚Vertrautem‘ ist
                 faktisch ausgeschlossen“, sagte der Bischof.
                 Die einzige Möglichkeit, die bleibe, sei ein „Sich-
                 vertraut-Machen“ mit Veränderungen. Wie der
                 Glaube sei Demokratie etwas, das jede Genera-
                 tion neu und auf ihre eigene Weise leben und          „Die Welt ist zunehmend komplexer und
                 gestalten müsse.
                 Zudem braucht Vertrauen laut Overbeck konkre-         eine Rückkehr zu ehemals ‚Vertrautem‘
                 te Personen. „Die Gesichter der Integration sind
                 Konrad Adenauer und Robert Schuman, Helmut            ist faktisch ausgeschlossen.
                 Kohl und Francois Mitterrand, aber weniger An-
                 gela Merkel und Emmanuel Macron“, so der Bi-          Die einzige Möglichkeit, die bleibt,
                 schof.
                                                                       ist ein ‚Sich-vertraut-Machen‘ mit
                 Er forderte, dem Populismus „argumentativ“ ent-
                 gegenzutreten und nicht durch die Konstruktion        Veränderungen. In Europa scheint die
                 von Feindbildern. Andernfalls werde viel „Vertrau-
                 en in das zerstört, was Europa ist und was es         Zahl der Menschen und Gruppen zu
                 will“. Die katholische Kirche in Deutschland und
                 Europa verfolge nationalistische und populisti-       wachsen, die Mehrdeutigkeiten und
                 sche Tendenzen mit Sorge und wolle Verantwor-
                 tung übernehmen.                                      Komplexitäten lieber applanieren wollen.
                 Die Werte und Prinzipien der EU seien ein Schlüs-     Genau wie Glaube und Religiosität ist
                 sel zur Wiedergewinnung von Vertrauen und zur
                 Überwindung von ökonomischen und politischen          Demokratie jedoch etwas, das jede
                 Krisen, so Overbeck.
                                                                       Generation – in Erinnerung an das
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                                        Alle Rechte vorbehalten.       Gewesene und mit Blick auf das
                                                                       Kommende – neu und auf ihre eigene
                                                                       Weise leben und gestalten muss.“

             4                            Kompass 04I19
EUROPA 2019 - Katholische Militärseelsorge
Europawahl 2019:
                            Das Europäische Parlament ist zu wichtig,
                              um es Europagegnern zu überlassen

                                                                                                                                         Titelthema
                                    von Thomas Giegerich und Katharina Koch

W     enn es die Europäische Union (EU)
      nicht gäbe, müsste man sie erfin-
den. Denn sie bietet den im globalen
                                           bis hin zur Möglichkeit, sie durch ein
                                           Misstrauensvotum zur Amtsaufgabe zu
                                           zwingen. Die Eigenständigkeit des EP
                                                                                        zum Übergang von der ineffektiven Ein-
                                                                                        stimmigkeit im Rat mit ihren Vetospiele-
                                                                                        reien zur Beschlussfassung mit qualifi-
Maßstab kleinen europäischen Staa-         bewährt sich derzeit bei den Verfahren       zierter Mehrheit als Regelfall: Nur wenn
ten die einzige realistische Chance,       wegen Rechtsstaatsverstößen Polens           Mehrheitsbeschlüsse des Rates vom
in der globalisierten Welt des 21. Jh.     und Ungarns. Während die Kommissi-           Europäischen Parlament mitgetragen
ihre Werte und Interessen mit verein-      on nur gegen Polen vorgeht, hat das EP       werden, gewinnen sie demokratische
ten Kräften durchzusetzen. Von ihrem       ein Verfahren auch gegen Ungarn ein-         Legitimität gegenüber den Bürgerinnen
Erfolg hängen Frieden, Freiheit, Sicher-   geleitet.                                    und Bürgern der im Rat überstimmten
heit und Wohlstand von uns Unionsbür-                                                   Mitgliedstaaten. Denn die Europaab-
gerinnen und Unionsbürgern ab. Das         Anders als Rat und Kommission hat das        geordneten mit ihrem freien Mandat
Europäische Parlament (EP) wiederum        EP seinen Sitz nicht in Brüssel, sondern     vertreten alle Unionsbürgerinnen und
eröffnet uns die beste Möglichkeit, auf    in Straßburg, obwohl es mit beiden eng       -bürger in allen Mitgliedstaaten, gleich-
die politischen Entscheidungen der EU      zusammenarbeiten muss. Dies liegt da-        gültig wo sie gewählt wurden, welcher
Einfluss zu nehmen. Es ist 40 Jahre         ran, dass der Sitz der EU-Organe im Ein-     Partei sie angehören und welche Natio-
nach seiner ersten Direktwahl immer        vernehmen zwischen den Regierungen           nalität sie selbst besitzen.
noch das weltweit einzige direkt ge-       der Mitgliedstaaten bestimmt wird. Die
wählte überstaatliche Parlament – ein      französische Regierung hat immer auf                        Wahlrecht
Experiment in supranationaler parla-       Straßburg als Sitz des EP und Ort der        Das EP wird alle fünf Jahre in allgemei-
mentarischer Demokratie mit Vorbild-       monatlichen Plenartagungen beharrt.          ner, unmittelbarer, freier und geheimer
funktion für andere Weltregionen und       Demgegenüber tagen die Ausschüsse            Wahl gewählt. Die 9. Direktwahl findet
vielleicht sogar die Vereinten Nationen.   des EP, in denen die Sacharbeit geleis-      im Zeitraum vom 23. bis 26.5.2019
Denn das parlamentarische Verfahren        tet wird, sinnvollerweise in Brüssel. Ge-    statt. Sie wird von den Mitgliedstaaten
sorgt für größtmögliche Transparenz        gen dieses nationale Prestigedenken,         organisiert, die auch den konkreten
und Bürgernähe politischer Entschei-       das einen enormen Arbeits-, Zeit- und        Wahltag festsetzen, in Deutschland
dungsprozesse.                             Kostenaufwand verursacht („Wanderzir-        den 26.5. Das Europawahlrecht ist
                                           kus“), hat sich das EP bisher vergeblich     nur teilweise unionsweit harmonisiert.
              Strukturen                   gewehrt.                                     EU-Recht ordnet z. B. an, dass jeder
Gemeinsam mit dem Rat der EU, der                                                       Unionsbürger mit Wohnsitz in einem
aus einem Mitglied jeder nationalen        Im Laufe der Zeit ist das EP neben dem       Mitgliedstaat, dessen Staatsangehörig-
Regierung besteht, übt das EP auf Vor-     Rat zum weitgehend gleichberechtigten        keit er nicht besitzt, im Wohnsitzstaat
schlag der unabhängigen Kommission         politischen Hauptentscheidungsorgan          das aktive und passive Wahlrecht bei
Gesetzgebungs- und Haushaltsbefug-         der EU geworden. Im quasi-föderalen          den Europawahlen besitzt, jedoch nur
nisse aus. Es wirkt beratend an Än-        System der EU bildet es das Äquivalent       einmal wählen kann. Vorgegeben wird
derungen der europäischen Verträge         des Deutschen Bundestages, während           auch das Verhältniswahlsystem. Gro-
und bestimmend an der Neuaufnahme          der Rat dem Bundesrat entspricht, der        ße Teile des Europawahlrechts liegen
von Mitgliedstaaten mit. Es muss den       jedoch in Deutschland weniger Einfluss        aber noch in der Verantwortung der
Abschluss von Handels- und vielen an-      hat als der Rat in der EU. In der re-        nationalen Gesetzgeber, weil die Mit-
deren Abkommen der EU billigen, und        präsentativen Demokratie der EU, die         gliedstaaten die Kontrolle behalten
auch das Austrittsabkommen mit dem         unmittelbar berechtigend und verpflich-       wollen und eine Vollharmonisierung auf
Vereinigten Königreich (UK) unterliegt     tend auf die einzelnen Unionsbürgerin-       EU-Ebene nur einstimmig möglich wäre.
seiner Zustimmung. Darüber hinaus          nen und -bürger einwirken kann, wer-         In Deutschland gilt das Europawahlge-
wählt das EP auf Vorschlag des Euro-       den Entscheidungen in doppelter Weise        setz.
päischen Rates der Staats- und Regie-      demokratisch legitimiert – direkt durch
rungschefs den Kommissionspräsiden-        das gewählte EP und indirekt durch den       Das EU-Recht erlaubt den Mitgliedstaa-
ten. Es muss auch der Ernennung der        Rat, dessen Mitglieder ihrem jeweiligen      ten die Einführung einer Sperrklausel
übrigen Kommissare zustimmen und           nationalen Parlament verantwortlich          von nicht mehr als 5% der abgegebenen
übt die politische Kontrolle über die      sind. Der Machtzuwachs des EP verlief        Stimmen, verpflichtet aber nicht dazu.
Kommission als Exekutive der EU aus        aus demokratischen Gründen parallel          In Deutschland bestand traditionell
                                                                                                                                    >>

                                                                                       Kompass 04I19                           5
EUROPA 2019 - Katholische Militärseelsorge
Fraktionen im Europäischen Parlament

                                                                                                                                           © Quelle: Europäisches Parlament, Stand 1.12.2016, www.bpb.de Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Titelthema

                                                Die Europaabgeordneten werden auf der Grundlage nationaler Parteilisten für fünf Jahre
                                                          gewählt und spiegeln im Idealfall das Parteiensystem des Heimatlands wider.
                                              Im Europäischen Parlament arbeiten sie gemäß ihrer politischen Orientierung zusammen.
             >>
             eine 5%-Klausel, die das Bundesver-       Wenn das UK wie geplant aus der EU       reich abgegebene, was die Gleichheit
             fassungsgericht 1979 gebilligt hatte,     ausscheidet, wird die Europawahl nur     der Wahl beeinträchtigt. Darin liegt
             2011 dann aber für nichtig erklärte.      in den 27 verbliebenen Mitgliedstaa-     aber ein unumgänglicher Ausgleich zwi-
             Die 3%-Klausel, die der deutsche Ge-      ten stattfinden. Es werden dann bloß      schen dem Interesse, die Größe des
             setzgeber daraufhin einführte, verwarf    705 statt derzeit 751 Abgeordnete        EP zur Wahrung seiner Arbeitsfähigkeit
             das Gericht im Februar 2014 ebenfalls.    gewählt. Die Unionsbürgerinnen und       zu begrenzen, und dem Interesse, dort
             Demgegenüber gilt für Wahlen zum          -bürger sind im EP degressiv-propor-     das parteipolitische Spektrum auch
             Bundestag weiterhin eine 5%-Klausel,      tional vertreten, mindestens jedoch      der kleineren Mitgliedstaaten abzubil-
             weil dessen Funktionsfähigkeit dem        mit 6 und höchstens mit 96 Abgeord-      den. Die darin liegende Benachteili-
             Bundesverfassungsgericht offensicht-      neten je Mitgliedstaat. In der Wahl-     gung der großen Mitgliedstaaten wird
             lich wichtiger erscheint als die Funk-    periode 2019–2024 werden z. B. auf       dadurch gemildert, dass sie im Rat bei
             tionsfähigkeit des Europäischen Par-      Luxemburg 6, auf Frankreich 79 und       Abstimmungen mit qualifizierter Mehr-
             laments. Bei der Europawahl 2014          auf Deutschland 96 Sitze entfallen.      heit (heute der Regelfall) ein erheblich
             gab es in Deutschland erstmals keine      Die bevölkerungsschwächeren sind         größeres Stimmgewicht haben als die
             Sperrklausel mehr. Infolgedessen sind     gegenüber den bevölkerungsstärke-        kleinen. Dieser Gesamtkompromiss
             vierzehn deutsche Parteien im EP ver-     ren Mitgliedstaaten überrepräsentiert:   soll den besonderen Bedingungen der
             treten, davon sieben mit je einem Ab-     Jeder in Deutschland und Frankreich      aus souveränen Staaten sowie Unions-
             geordneten. Auch bei der Europawahl       gewählte Abgeordnete vertritt mehr       bürgerinnen und -bürgern gebildeten
             2019 wird in Deutschland, anders als      als 800.000 Unionsbürgerinnen und        EU bestmöglich gerecht werden.
             in fast allen anderen Mitgliedstaaten,    -bürger, jeder in Luxemburg gewählte
             keine Sperrklausel gelten. Eine Ände-     dagegen weniger als 100.000. Eine in         Wahlkampf: Spitzenkandidaten
             rung des EU-Rechts, die den größeren      Luxemburg abgegebene Wählerstimme        Der Europawahlkampf leidet daran,
             Mitgliedstaaten eine 2%-Klausel bei der   hat folglich mehr als acht Mal so viel   dass er von nationalen Parteien über
             Europawahl verpflichtend vorgeben will,    Einfluss auf die Zusammensetzung des      nationale Themen und nicht von euro-
             ist noch nicht in Kraft.                  EP wie eine in Deutschland oder Frank-   päischen Parteien über europäische

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EUROPA 2019 - Katholische Militärseelsorge
Themen geführt wird. Die Europawahl      (SPE) – traten Jean-Claude Juncker und      rem Spitzenkandidaten Frans Timmer-
erscheint damit als zweiter Aufguss      Martin Schulz gegeneinander an. Die         mans in diesem Jahr gemeinsam kei-
nationaler Wahlen, was die sinkende      beiden Parteienfamilien erklärten im        ne absolute Mehrheit erzielen, sodass

                                                                                                                               Titelthema
Wahlbeteiligung miterklärt. Zwar gibt    Vorfeld, dass sie nur denjenigen von        sie anders als 2014 nicht unter sich
es längst europäische Parteienfamili-    beiden zum Kommissionspräsident             ausmachen können, wer Kommissi-
en, die auch die acht multinationalen    wählen wollten, dessen Parteienfami-        onspräsident wird. Es dürfte aber eine
Fraktionen im EP bilden, doch treten     lie die meisten Sitze gewinnen würde.       Einigung mit weiteren Parteienfamilien
sie im Europawahlkampf nicht als sol-    Wie erwartet, erreichten die beiden Par-    und ihren Fraktionen darüber zustande
che in den Vordergrund. Das muss sich    teienfamilien zusammen die Mehrheit         kommen, nur eine Person zum Kom-
dringend ändern, um die Eigenstän-       der Sitze und damit die „Präsidenten-       missionspräsidenten zu wählen, die
digkeit des europäischen politischen     mehrheit“ im EP. Zwar gab es Kritik im      als Spitzenkandidat bei der Europawahl
Prozesses von den mitgliedstaatlichen    Europäischen Rat an diesem Eingriff         angetreten ist. Der Europäische Rat
politischen Prozessen deutlich zu ma-    in sein Vorschlagsrecht, doch vermied       und das EP werden sich aufgrund der
chen. Bei der Europawahl 2014 ha-        man eine Kraftprobe mit dem EP und          Wahlergebnisse darüber verständigen
ben die europäischen Parteienfamilien    schlug Juncker vor, den das EP dann         müssen, welcher der Spitzenkandida-
aber erstmals Spitzenkandidaten für      erwartungsgemäß wählte.                     ten dies sein soll. Wahrscheinlich wird
das Amt des Kommissionspräsiden-                                                     es zu einer Paketlösung kommen, die
ten aufgestellt, um die Wahl zu perso-   Auch für die Europawahl 2019 sind wie-      auch die weiteren politischen Leitfigu-
nalisieren und politische Alternativen   der Spitzenkandidaten aufgestellt wor-      ren der EU einbezieht – den Präsiden-
klarer hervortreten zu lassen. Für die   den. Dahinter führt politisch kein Weg      ten des Europäischen Rates und den
beiden größten Parteienfamilien – die    mehr zurück. Nach derzeitigen Progno-       Hohen Vertreter der Union für Außen-
Europäische Volkspartei (EVP) und die    sen werden die EVP mit Manfred Weber        und Sicherheitspolitik.
Sozialdemokratische Partei Europas       als Spitzenkandidat und die SPE mit ih-                                         >>

                                                                   Webtipp
                                                                   Es ist Dein Europa – 60 gute Gründe
                                                                   Die „60 Gründe für die EU“ zeigen ganz konkret auf,
                                                                   was in Europa erreicht wurde und warum die EU auch
                                                                   in Zukunft noch wichtig ist – ohne Anspruch auf Voll-
                                                                   ständigkeit. Die „60 guten Gründe“ sind Kernstück
                                                                   der Kampagne „Es ist Dein Europa“.

                                                                   Die Vertretung der EU-Kommission in Deutsch-
                                                                   land hat anlässlich des Jubiläums der Unter-
                                                                   zeichnung der Römischen Verträge vor 60 Jahren
                                                                   diese Sammlung von 60 Gründen für das europä-
                                                                   ische Einigungswerk zusammengestellt: worauf
                                                                   Europa stolz sein kann, wie die EU die Wirtschaft
                                                                   stärkt und Konzerne kontrolliert und wie sich
                                                                   die EU für uns alle rechnet
                                                                   – auch hier in Deutschland.
                                                                   Die Zusammenstellung zeigt,
                                                                   wie die EU sich in der Welt
                                                                   engagiert, wie sie für innere
                                                                   Sicherheit sorgt und in der
                                                                   Flüchtlingskrise hilft. Außer-
                                                                   dem finden sich Argumente
                                                                   für die EU in den Bereichen
                                                                   Bildung und Forschung, Ver-
                                                                   braucher und Umwelt.

                                                                         https://bit.ly/2nLMznM

                                                                                    Kompass 04I19                          7
EUROPA 2019 - Katholische Militärseelsorge
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Titelthema

             Wie die politischen Systeme ihrer Mit-    blemlösungen nur auf überstaatlicher      Univ.-Prof. Dr. Thomas Giegerich, LL.M.
             gliedstaaten, so ist auch die EU unter    Ebene erfolgen können, müssen unse-       (University of Virginia), Lehrstuhl für
             den Druck populistischer Strömungen       re demokratischen Errungenschaften        Europarecht, Völkerrecht und Öffentli-
             geraten. Wahrscheinlich wird der Anteil   ebenfalls supranationalisiert werden:     ches Recht, Jean-Monnet-Professor für
             von erklärten Nationalisten und Geg-      Das EP beweist seit Jahrzehnten, dass     Europäische Integration, Antidiskrimi-
             nern der EU unter den Europaabgeord-      überstaatliche parlamentarische De-       nierung, Menschenrechte und Vielfalt,
             neten nach der Wahl 2019 weiter zu-       mokratie möglich ist.                     Direktor des Europa-Instituts, Rechts-
             nehmen. Hinzutreten äußere Gegner,                                                  wissenschaftliche Fakultät der Universi-
             die nach dem Prinzip des „Teile und       Es ist deshalb 2019 besonders wich-       tät des Saarlandes.
             herrsche“ agieren – neben dem Russ-       tig, dass wir alle an der Europawahl
             land Putins neuerdings auch die USA       teilnehmen und unsere Stimme Par-         Dipl.-Jur. Katharina Koch, LL.M, ist wis-
             Trumps. Darin liegt der unvermeidliche    teien geben, die das europäische Eini-    senschaftliche Mitarbeiterin und Dok-
             Preis des Erfolgs der EU. Dieser Druck    gungswerk in demokratischen Formen        torandin am Lehrstuhl von Univ.-Prof.
             sollte uns Europäerinnen und Europä-      engagiert weiterentwickeln wollen. Als    Dr. Thomas Giegerich und bei der Ge-
             ern nicht entmutigen, sondern Ansporn     wesentlicher Schritt muss das EP die      schäftsführung des Europa-Instituts.
             sein, unseren gemeinsamen Weg de-         noch fehlenden Kompetenzen insbe-         Parallel zum Studium des deutschen
             mokratischer „Einheit in Vielfalt“ noch   sondere im Bereich der Gemeinsamen        Rechts hat sie die Licence de Droit
             entschlossener fortzusetzen. Denn         Außen- und Sicherheitspolitik erhalten.   (Bachelor) am Centre Juridique Franco-
             eine wachsende Zahl von Herausfor-        Denn auch dort ist das parlamentari-      Allemand der Universität des Saarlan-
             derungen lässt sich auf nationalstaat-    sche Verfahren ein besserer Garant für    des erworben. Vor Ablegung der ersten
             licher Ebene offensichtlich nicht ef-     transparente und bürgernahe Lösun-        juristischen Staatsprüfung hat sie an
             fektiv bewältigen: Friedenssicherung,     gen als vertrauliche Regierungsabspra-    der University of Exeter (Vereinigtes Kö-
             Klimawandel, Migrationsdruck, inter-      chen. Für engagierte Europäerinnen        nigreich) einen LL.M. mit dem Schwer-
             nationaler Terrorismus, organisiertes     und Europäer innerhalb und außerhalb      punkt Internationaler Menschenrechts-
             Verbrechen. Wenn aber effektive Pro-      des EP bleibt also viel zu tun.           schutz erlangt.

                                                                                                                                             © Bundeszentrale für politische Bildung, www.bpb.de Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

                     Die Europäische Union greift in unser tägliches Leben ein und ist von daher für uns von unmittelbarer Bedeutung.

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EUROPA 2019 - Katholische Militärseelsorge
„Die europäischen Bischöfe erwarten,
                                                                                        dass die EU-Institutionen den Menschen

                                                                                                                                                                                                                                 Titelthema
                                                                                        wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Politik rücken.“
                                                                                        Interview mit Dominikaner-Pater Olivier Poquillon OP, Generalsekretär der
                                                                                        Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union (COMECE)

                                                                                  Kompass: Welche allgemeinen Erwar-          Europa steht vor mehreren Herausfor-       Kompass: Wie können Sie angesichts
                                                                                  tungen hat die katholische Kirche in        derungen: Zunächst erleben wir einen       der unterschiedlichen Situationen der
                                                                                  Europa an die bevorstehenden Direkt-        demografischen Winter, der nicht nur        Kirchen und der EU-Mitgliedstaaten
                                                                                  wahlen zum Europaparlament?                 auf niedrige Geburtenraten zurückzu-       dazu beitragen, dass keine unüber-
                                                                                  Pater Poquillon: Die Kirche ermutigt        führen ist, sondern auch auf die Ent-      brückbaren Widersprüche in Europa
                                                                                  Christen und alle Bürger nachdrück-         scheidung von Menschen, die ihr Land       und insbesondere in der Europäischen
                                                                                  lich, bei den Europawahlen im Mai           aufgrund fehlender Perspektiven ver-       Union entstehen?
                                                                                  2019 ihre Stimme abzugeben. Wäh-            lassen haben. Digitalisierung ist eine     Pater Poquillon: Die katholische Kirche
                                                                                  rend des Wahlkampfs hofft die COME-         weitere Herausforderung für das euro-      ist seit fast 2000 Jahren Teil des euro-
                                                                                  CE, dass sich die Debatte auf die EU-       päische Projekt. Es ist ein Phänomen,      päischen Projekts und trägt durch ihre
                                                                                  Politik und die Kompetenzen wie auch        das insgesamt eine „anthropologische       Soziallehre zu ihrer Entwicklung bei.
                                                                                  Visionen der Kandidaten konzentrieren       Revolution“, eine „Mutation“ ist, die      Um den Herausforderungen begegnen
                                                                                  wird und nicht nur auf parteipolitische     unsere Sicht auf den Menschen aufrüt-      zu können, denen sich Europa stellen
                                                                                  Streitigkeiten in den Mitgliedstaaten.      telt und politische, demokratische, so-    muss, kann die Kirche die EU daran
                                                                                  Integrität, Fachexpertise, Führung und      ziologische, aber auch wirtschaftliche     erinnern, ihre gemeinsame Identität
                                                                                  Engagement für das Gemeinwohl sind          und geopolitische Konsequenzen hat.        wiederzuentdecken und ihre Solidarität
                                                                                  für diejenigen, die ein Mandat auf EU-      An diesen Wahlen teilzunehmen, be-         untereinander zu stärken, um die so-
                                                                                  Ebene anstreben, unabdingbare Eigen-        deutet auch, Verantwortung für die         zialen Bindungen, die in den Ländern
                                                                                  schaften.                                   einzigartige Rolle Europas auf globaler    wie auch zwischen den Mitgliedstaaten
                                                                                  Diese Wahldebatte ist für Gläubige eine     Ebene zu übernehmen. Eine starke Uni-      bestehen, zu erneuern. Der Wiederauf-
                                                                                  gute Gelegenheit, Kandidaten zu ihrem       on auf internationaler Ebene ist in der    bau der Gemeinschaft in Europa ist
© Bundeszentrale für politische Bildung, www.bpb.de Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

                                                                                  persönlichen Engagement zu befragen,        Tat auch notwendig, um die Menschen-       nicht nur für öffentliche und kirchliche
                                                                                  wie sie die Menschenwürde in Europa         würde in allen Bereichen zu fördern und    Institutionen, sondern für alle Bürger
                                                                                  schützen, Ideen zur Förderung eines         um einen soliden Beitrag der EU als        eine zentrale Aufgabe. Jeder von uns
                                                                                  christlichen Humanismus fördern und         multilateraler Akteur zu nachhaltigem      ist aufgerufen, seine Verantwortung zu
                                                                                  Grundrechte stärken möchten.                Frieden, globalgerechter Wirtschaft und    übernehmen.
                                                                                                                              integrativer Entwicklung zu leisten.                  Die Fragen stellte Josef König.
                                                                                  Kompass: Sie haben verschiedene Er-
                                                                                  wartungen angesprochen. Es gibt si-
                                                                                  cherlich einige, denen größere Priorität
                                                                                  eingeräumt werden sollte. Was ist die
                                                                                  vorrangige und wichtigste Erwartung
                                                                                  aus Sicht der Kirchen in Europa?
                                                                                  Pater Poquillon: Die europäischen Bi-
                                                                                  schöfe erwarten, dass die EU-Instituti-
                                                                                  onen in ihrer kommenden Amtszeit den
                                                                                  Menschen wieder in den Mittelpunkt
                                                                                  der öffentlichen Politik rücken. Dies be-
                                                                                  deutet insbesondere, junge Menschen
                                                                                  und Familien in ihren lokalen Gemein-
                                                                                  schaften zu stärken, damit sie ihre
                                                                                  Ziele und Talente auf allen Ebenen des
                                                                                                                                                                                                                      © COMECE

                                                                                  politischen, gesellschaftlichen und wirt-
                                                                                  schaftlichen Lebens voll verwirklichen
                                                                                  können.

                                                                                                                                                                        Kompass 04I19                            9
EUROPA 2019 - Katholische Militärseelsorge
„In fast allen Ländern treten Parteien oder
        Titelthema

                                  Bewegungen an, die eine Grundsatzreform
                                  der Union mit der Drohung eines Austritts
                                  erzwingen wollen.“

                                Die neunten Direktwahlen
                                zum Europäischen Parlament
                                                                 E   nde Mai werden sich die Bürgerin-
                                                                     nen und Bürger der EU-Mitglied-
                                                                 staaten zur Zukunft Europas äußern.
                                                                                                           Die Europäische Union stammt nicht
                                                                                                           von einem anderen Stern. Sie wurde
                                                                                                           von sehr irdischen Nationalstaaten
                                kommentiert deren                Sie entscheiden über die Zusammen-        geschaffen und von ihnen zu dem ge-
                                ehemaliger Präsident             setzung des Europäischen Parlaments,      macht, was sie heute ist. Sie kann also
                                (1994 bis 1997)                  das mit Mehrheit Gesetze beschließt,      gar nicht gegen das Nationale stehen,
                                Klaus Hänsch (SPD).              die für alle bindendes Recht sind. Das    das ihr inhärent ist. Aber sie steht gegen
                                                                 ist schon wichtig genug. Sie entschei-    das Neonationale, diese neue Feigheit
                                                                 den aber auch über Fortbestand oder       vor den Mühen von Verhandlungen und
                                                                 beginnenden Zerfall der Europäischen      den Zumutungen von Kompromissen,
                                                                 Union, der gleich doppelte Gefahr         und gegen diesen Fluchttrieb zurück in
                                                                 droht: Von innen durch einen syste-       die alten Sackgassen des Misstrauens
                                                                 mischen Neonationalismus und von          und der Ressentiments zwischen den
                                                                 außen durch dramatische Verschiebun-      Staaten und Völkern Europas.
                                                                 gen im Macht- und Sicherheitsgefüge
                                                                 der Welt.                                 Kritik an Politik und Krisenmanagement
                                                                                                           der Union ist nicht gleich antieuropä-
                                                                 In fast allen Ländern treten Parteien     isch. Sorgen um die Zukunft von Nation
                                                                 oder Bewegungen an, die eine Grund-       und Demokratie sind nicht nur natio-
                                                                 satzreform der Union mit der Drohung      nalistisch. Der Ruf nach Reformen in
                                                                 eines Austritts erzwingen wollen. Sie     Brüssel und Straßburg verdient ernst-
                                                                 werden zwar im Parlament keine Mehr-      hafte Antworten. Aber kein Fehler, kein
                                                                 heit bekommen, könnten aber Blocka-       Versäumnis, keine Unzulänglichkeit der
© Europäisches Parlament

                                                                 deminderheiten bilden. Es geht ihnen      Union rechtfertigt es, sie aufzugeben,
                                                                 nicht um eine neue Mehrheit für eine      zerfallen zu lassen oder gar zu zerstö-
                                                                 andere, bessere Union, sondern sie        ren. Vor der Klammer mit Kritik, Sorge
                                                                 wollen die bestehende durch Diskre-       und Forderung steht: Für die feste Uni-
                                                                 ditierung und Verächtlichmachung los-     on der Völker und Staaten Europas gibt
                                                                 werden.                                   es keinen Ersatz.

                                                                 Das Gründungsversprechen der eu-          Der innereuropäische Destruktivismus
                                                                 ropäischen Integration war ein kriegs-    der Orbans, Kaczynskis, Salvinis und
                                                                 freies Europa, von einem krisenfreien     mancher oppositionellen Partei oder
                                                                 war nie die Rede. Krisen, innere wie      Bewegung ist „pussycat“ verglichen
                                                                 äußere, gab es von Beginn an immer        mit den globalen Machenschaften, mit
                                                                 wieder. An mancher hätte die Einigung     denen Trumps America first, Putins
                                                                 Europas scheitern können. Sie hat sie     neues Großrussland und Xi Jinpings im-
                                                                 alle bewältigt oder durchgestanden.       periale Seidenstraße von außen auf die
                                                                 Die gegenwärtige Krise ist keine der      Einheit Europas einwirken. Sie sehen
                                                                 Institutionen in Brüssel und Straßburg,   in der Union nicht einen Partner auf
                                                                 auch keine der Politik, Wirtschaft oder   Augenhöhe (leider zu Recht), vielmehr
                                                                 Finanzen der Union, sondern eine in       ein Reservoir, aus dem sie sich einzel-
                                                                 den Köpfen vieler Europäer.               ne Mitgliedstaaten als Verbündete her-

                           10                    Kompass 04I19
Titelthema
                                           Europa muss dem Gemeinwohl dienen
                                           Justitia et Pax Europa hat vier Bereiche identifiziert, in denen die Regulierung
                                           des Binnenmarktes hinsichtlich der Werte und Prinzipien der Europäischen
                                           Union sowie der Soziallehre der Kirche nicht gut funktioniert.

auspicken können. Damit befeuern sie       1. Soziale Gerechtigkeit, weil die derzeitige ungerechte Verteilung von Chan-
den systemischen Neonationalismus in       cen und Reichtum, aber auch Armut und soziale Ausgrenzung im Gebiet des
Europa und machen es zum Spielfeld         Binnenmarktes und in den einzelnen Regionen zu negativen und grundlegen-
fremder Mächte. Das zu verhindern, ist     den demographischen, kulturellen und sozialen Folgen führt.
die neue Friedensbegründung für den
Fortbestand der Einigung Europas.          2. Sorge für die natürliche Umwelt aufgrund eines unannehmbar hohen Ma-
                                           ßes an Nahrungsmittelverschwendung, was auf die Dominanz eines Produk-
Je globaler die Welt wird, desto euro-     tions- und Konsummodells hinweist, das der Tugend der Mäßigung entgegen-
päischer muss Europa werden. Die           steht und der Umwelt schadet.
Union muss eine wirklich europäische
Strategie zu ihrer wirtschaftlichen, di-   3. Globaler Frieden wegen mehrfacher Waffenexporte in Gebiete, in denen
plomatischen und auch militärischen        Krieg und bewaffnete Konflikte herrschen, was im Widerspruch zu einem be-
Verteidigung entwickeln. Nicht nur hinkt   stehenden Abkommen zwischen den Mitgliedstaaten steht. Die EU ist mit
die Realisierung weit hinter dem Gebo-     einem Anteil von 24 % an den gesamten Waffenexporten der zweitgrößte Waf-
tenen zurück, es hapert sogar schon        fenexporteur der Welt.
bei der Einsicht in die Notwendigkeit.
Gerade auch in Deutschland. Die Ge-        4. Achtung der Menschenrechte, weil einige sehr große europäische Unter-
schlossenheit Europas ist wichtiger als    nehmen, die ihren Sitz im Gebiet des Binnenmarktes haben, auf der ganzen
ein Spaziergang auf einem deutsch-rus-     Welt in einer Art und Weise tätig sind, bei der Menschenrechtsverletzungen
sischen Sonderweg. Moralische Über-        auftreten können.
heblichkeit, etwa in Migrationsfragen                                                                   6. März 2019
oder Rüstungsexport, ist für die ande-
ren Europäer schwerer zu ertragen als
wirtschaftliche Überlegenheit. In dieser
Zeit die Union der 27 zusammenzuhal-
ten, ist das oberste nationale Interes-
se Deutschlands in Europa.

Ein Versuch, Europa neu zu konstruie-
ren, eine Neugründung der Union gar,
wäre der kürzeste Weg in den Ruin. Bes-       ZdK startet Homepage zur Europawahl
ser ist es, sich auf eine neue Begrün-
dung für ihren Fortbestand zu besinnen:       Mit seiner neuen Homepage www.europa-stimmt.eu wirbt das
In der Mitte des vorigen Jahrhunderts         Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) bis zur Wahl zum
ging es darum, die Völker in Europa           Europäischen Parlament am 26. Mai 2019 dafür, sich mit seinem
gegen die weitere Selbstzerstörung            Engagement, mit seinen Ideen und nicht zuletzt mit seiner Stimme
Europas zu einigen. Das ist gelungen.         für ein starkes und geeintes Europa einzusetzen.
Heute geht es darum, die europäischen         Die auf der Homepage gesammelten Beiträge aus Verbänden, Ini-
Völker für ihre Selbstbehauptung in der       tiativen, Bistümern und Gemeinden sollen ermutigen, mitzuma-
Welt zusammenzuhalten: zu Nutz und            chen, Ideen aufzugreifen und sich anzuschließen – und natürlich
Schutz aller Europäer und als ein Bei-        wählen zu gehen und für die EU, für Demokratie und Rechtsstaat-
spiel für Recht und Freiheit, Demokratie      lichkeit zu stimmen.
und Gerechtigkeit in der Welt.

                                                                                Kompass 04I19                          11
Moral und Persönlichkeit:

                         Cha·rak·ter·bil·dung                                                               [die]
zum LKU

          „Stets gern für Sie beschäftigt …”, eine Firmenphilosophie, die sich auf den Geschäftsbriefen des ehemaligen Erfurter
          Traditionsunternehmens „Topf & Söhne“ findet und die an die Bauleitung von Waffen-SS und Polizei in Auschwitz gerichtet

 G
          war. Die Maschinenfabrik konstruierte, produzierte und verkaufte damals Öfen für den Massenmord. „Topf & Söhne“ war
          nicht irgendeine Ofenbaufirma, das Unternehmen gehörte zu jenen Betrieben, die mit Know-how die Vernichtung der Juden
          technisch möglich machten.

          Bereits in der Weimarer Republik entwickelten Topfs Ingenieure, Zeichner und Mechaniker mit hoher Fachkompetenz effizien-
          te Methoden der Entsorgung, von der hygienischen Abfallbeseitigung über die massenhafte Verbrennung von Tierkadavern
          bis hin zur würdevollen Einäscherung des menschlichen Leichnams in kommunalen Krematorien. Dass der damalige verant-
          wortliche Ingenieur, Kurt Prüfer, gerade für die Einäscherung strenge Maßstäbe ansetze, lässt ethisches Bewusstsein vermu-
          ten: Die aufwendigen technischen Konstruktionen für die Heißluftöfen mit rund 1.000 °C Einäscherungstemperatur und die
          Nichtvermischung der Asche der Verstorbenen wurden von ihm mit dem Argument von „Hygiene und Pietät“ gerechtfertigt.
          In seinem moralischen Urteilsvermögen unterschied er klar zwischen Mensch und Tier, noch 1931 plädierte er ausdrücklich
          dafür, die „Feuerbestattung nicht auf die Stufe der Kadaverbeseitigung“ sinken zu lassen. Dieses ethische Bewusstsein
          findet man im genannten Zeitraum nicht nur bei ihm, dem Ingenieur, sondern auch beim verantwortlichen Geschäftsführer,
          Ludwig Topf sen. In ihrem fundierten und überaus aufschlussreichen Werk schreibt die Initiatorin des „Erinnerungsort Topf
          & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz“, Dr. Annegret Schüle: „Kurt Prüfer und Ludwig Topf hatten sich als entschiedene
          Befürworter einer würdevollen Feuerbestattung hervorgetan und als Experten profiliert, die bei der Entwicklung technischer
          Möglichkeiten der Verbrennung weder Kosten noch Mühen scheuten, um die Würde und Individualität des Menschen nach
          seinem Tode zu wahren.“

          Vielerlei, heute bekannte Gründe mögen dazu beigetragen haben, dass
          nicht nur Topfs Erben ab dem Jahre 1935, sondern auch Personen wie
          der Oberingenieur Prüfer ab einem gewissen Zeitpunkt keine Skrupel mehr
          kannten, das Gesetz (Feuerbestattungsgesetz von 1934) grob zu missach-
          ten und zu brechen, indem sie mit ihrer Fachkompetenz den Massenmord
          in den Konzentrationslagern technisch ermöglichten.

          Wie aber ist diese ethische Kompetenzüberschreitung zu erklären? Geht es
          hier gar um einen Akt von „Willkür“ (vgl. Kompass. Soldat in Welt und Kirche
          02/19, S. 14)? In welcher Weise hatte die Moral der Zeit dazu beigetra-
          gen, dass in Erfurt ein weiterer „Fachmann auf dem Gebiet für Brenntech-
          nik“, der Oberingenieur Fritz Sander, „auf eigene Initiative“ einen Wettstreit
          um Fachkompetenz initiierte, indem er einen „kontinuierlich arbeitenden                Eine Anregung für Militärseelsorger:
          Leichen-Verbrennungsofen für Massenbetrieb“ entwickelte und seine Erfin-                Wie die „nationalsozialistische
          dung der Geschäftsführung zum Patent anzumelden empfahl?                               Moral“ einst auf die Persönlich-
                                                                                                 keitsentwicklung junger Menschen
          Allein mit dem Blick auf sogenannte „Handlungskompetenz“ sind die weit-                einwirkte, welche zentrale
          reichenden ethischen Fragen diesbezüglich nicht zu beantworten, denn                   Bedeutung die Frage nach „Erfolg“
          damals wie heute ging und geht es nicht nur um „Erfolg“, sondern um                    oder „Charakter“ dabei hat, das
          Charakter! Charakterbildung, das wird am Beispiel „Topf & Söhne“ mehr                  zeigt sehr eindrücklich der Spielfilm
          als deutlich, bedarf vor allem der „ethischen Führung“ – denn sie stellt               „Napola“ (2004, 115 Min), zu finden
          eindringlich auch die Frage nach Moral und Charakter und führt auf diese               im Didaktik-Portal.
          Weise den Fachmann oder die Fachfrau gewissenhaft an die eigentliche
          Masterfrage der so notwendigen Berufsethik heran: Was ist meine Kompe-
          tenz und wo sind deren Grenzen?
                                                                     Franz J. Eisend,
                                                  Wissenschaftlicher Referent, KMBA

          12                         Kompass 04I19
des Wehrbeauftragten
Für einen Militärrabbiner
Bis zur Aussetzung der Allgemeinen Wehrpflicht 2011 galt

                                                                                                                                                           Kolumne
die Praxis, Wehrpflichtige jüdischen Glaubens nicht gegen
ihren Willen einzuziehen. Eine „unzumutbare persönliche
Härte“ sei das, angesichts von Nazi-Diktatur, Holocaust
und Wehrmachtsverbrechen. Umso bemerkenswerter,
wenn sich junge Deutsche jüdischen Glaubens dennoch
freiwillig für den Dienst in der Bundeswehr entscheiden.
Heute gibt es Schätzungen zufolge 150 bis 300 jüdische
Bundeswehrsoldaten.

Vor etwas mehr als zwei Jahrhunderten begann Schritt für

                                                                                                                           © Guido Heitkoetter / flickr / (CC BY-ND 2.0)
Schritt die rechtliche Gleichstellung der deutschen Juden
in den Streitkräften der deutschen Teilstaaten. Ab 1812
wurden Juden in weiten Teilen Preußens erstmals wehr-
pflichtig. Im Ersten Weltkrieg standen in den deutschen
Armeen 100.000 Juden unter Waffen. 12.000 fielen für
Kaiser und Vaterland.

Das klingt nach „Normalität“, war es aber mitnichten.
1916 – mitten im Krieg – veranlasste das preußische
Kriegsministerium eine Judenzählung in der Armee. Hin-
tergrund: In der Bevölkerung herrschte die Ansicht, dass
wehrpflichtige Juden sich drückten.

Auch nach dem Krieg, in der Republik, wurde es nicht
viel besser. 1920 schlossen sich jüdische Soldaten im
„Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ zusammen. Sie ta-
ten das nicht aus Freude an der Kameradschaft. Der Bund     Also alles gut? Eine Studie der EU-Grundrechteagentur
verstand sich vielmehr als Interessenvertretung gegen an-   zeichnete Ende 2018 ein beunruhigendes Bild: 41 Prozent
tisemitische Hetze und Verleumdungen.                       der in Deutschland befragten Juden gaben an, in den letz-
                                                            ten zwölf Monaten Antisemitismus erlebt zu haben. Auch
Dann tilgten die Nazis jede Erinnerung an die jüdischen     in meinen Jahresberichten dokumentiere ich immer wieder
Soldaten. Deutsche Juden wurden vom Wehrdienst aus-         Fälle von Antisemitismus in der Truppe. Konsequent sank-
geschlossen, auch die Ausnahmen für ehemalige jüdische      tioniert die Bundeswehr diese – bis hin zur Entlassung aus
Frontkämpfer fielen bald weg. Entrechtung, Verfolgung, Er-   dem Dienst wegen mangelnder charakterlicher Eignung.
mordung: Die Geschichte jüdischer Soldaten in deutschen
Armeen sollte ausgelöscht werden – so wie die Existenz      Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland,
der Juden in Europa überhaupt. Der Kulturbruch.             Josef Schuster, schrieb in einem Beitrag in der FAZ, solche
                                                            Fälle seien Kratzer, die das positive Image der Bundes-
„Das Trauma dieser Entrechtung großer und wichtiger         wehr nicht in Gänze in Frage stellten. Das ist eine versöhn-
Bevölkerungsteile in deutschem Namen ist Teil des ge-       liche Einordnung aus berufenem Munde.
meinsamen gesellschaftlichen Gedächtnisses der Deut-
schen und ihrer Streitkräfte geworden“, schrieb 2007 der    Der Zentralratsvorsitzende hat darüber hinaus in diesem
damalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang         Artikel einen bemerkenswerten Vorschlag erneuert: „Die
Schneiderhan. Das drückt sich in einem entsprechenden       jüdische Gemeinde macht der Bundeswehr das Angebot
ethischen und rechtlichen Rahmen aus. Toleranz und Ach-     einer eigenen Militärseelsorge. Eine jüdische Militärseel-
tung gegenüber anderen Religionen sind Prinzipien des       sorge auf Basis eines Militärseelsorgestaatsvertrages.
Konzepts der „Inneren Führung“.                             Ein symbolträchtiger Schritt auf dem Wege zur Normalisie-
                                                            rung“, schrieb Schuster.
Durch ihre Militärseelsorge und durch ihr Engagement in
der ethischen Bildung tragen die christlichen Kirchen we-   Ich unterstütze diese Forderung. Es ist an der Zeit, die
sentlich dazu bei. Und mehr noch. Die Bundeswehr pflegt      Institutionalisierung einer jüdischen Militärseelsorge wie
bewusst das Erbe und das Gedenken an die jüdische Tra-      übrigens auch einer entsprechenden Regelung für die
dition. Die Julius-Schoeps-Kaserne in Hildesheim erinnert   Muslime in unserer Bundeswehr in Angriff zu nehmen.
an einen preußischen Offizier, Truppenarzt im Ersten Welt-
krieg, 1942 gestorben im Ghetto Theresienstadt. Reser-                                        Dr. Hans-Peter Bartels,
visten und aktive Soldaten pflegen jüdische Friedhöfe.                   Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages

                                                                             Kompass 04I19                           13
„Veränderungen gestalten
Reportage vor Ort

                                                  – Schritt für Schritt neue
                                                  Wege wagen“
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                                                                                                   58. Woche der Begegnung
                                                                                                                                         für Sie vor Ort: Josef König

                                                                                        Unter dem Leitthema „Veränderungen gestalten – Schritt für Schritt neue Wege
                                                                                        wagen“ fand vom 17. bis 22. März 2019 die „58. Woche der Begegnung“ in der
                                                                                        Katholischen Akademie Stapelfeld in Cloppenburg mit der Vollversammlung des
                                                                                        Katholikenrates beim Katholischen Militärbischof (KR) und Bundeskonferenz der
                                                                                        Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS) statt.

                                             A    m 2. Fastensonntag eröffnete in
                                                  Vertretung von Militärgeneralvikar
                                             Monsignore Reinhold Bartmann der Ka-
                                                                                              Partnerschaft und Familien
                                                                                                     verändern sich
                                                                                        Die Zunahme der vielfältigen Lebensfor-
                                                                                                                                   Kirche und Gesellschaft insgesamt zu
                                                                                                                                   ziehen sind, stieß zum Ende seines
                                                                                                                                   Vortrages auf großes Interesse unter
                                             tholische Leitende Militärdekan des Mi-    men mit Blick auf das Zusammenleben        den Delegierten der Vollversammlung.
                                             litärdekanats Kiel, Monsignore Rainer      von Männern und Frauen, dem Wunsch
                                             Schadt, mit einem Gottesdienst in der      nach Kindern oder einer ungewollten              Ehrenamt in Zukunft kürzer
                                             Heilig-Kreuz-Kirche die diesjährige Wo-    Kinderlosigkeit und ihre Auswirkungen      Zunehmend mehr Menschen werden
                                             che der Begegnung.                         auf die (familien-)pastoralen Heraus-      sich zwar freiwillig ehrenamtlich enga-
                                                                                        forderungen standen im Mittelpunkt         gieren, aber dafür zeitlich kürzer. Da-
                                                        Rede und Antwort                des Vortrags von Dr. Peter Wendl. Als      bei ist nach Auffassung Wendls fest-
                                             Zu Beginn der Vollversammlung des Ka-      katholischer Diplom-Theologe, Einzel-,     zustellen, dass es einen klaren Trend
                                             tholikenrats standen die leitenden Mili-   Paar- und Familientherapeut sowie sys-     zu einem zeitlich befristeten und auf
                                             tärdekane Monsignore Rainer Schadt,        temischer Berater, engagiert er sich       ein konkretes Projekt und Vorhaben
                                             Stephan van Dongen und Artur Wag-          als Projektleiter am Zentralinstitut für   bezogenes Ehrenamt gibt. Welche Fol-
                                             ner, sowie Prof. Dr. Thomas Elßner, als    Ehe und Familie in der Gesellschaft an     gerungen in diesem Kontext für ein
                                             zuständiger Referatsleiter in der Kurie    der Katholischen Universität Eichstätt-    ehrenamtliches Engagement im Laien-
                                             des Katholischen Militärbischofs, den      Ingolstadt bereits seit längerem in der    apostolat und in den Strukturen der
                                             Delegierten Rede und Antwort. Dabei        Katholischen Militärseelsorge.             Pfarrgemeinderäte zu ziehen sind, war
                                             standen Fragen nach der Zukunft des                                                   Gegenstand einer längeren Diskussion,
                                             Lebenskundlichen Unterrichtes (LKU),       Er erforscht seit 2002 beziehungssta-      die weitergehen wird.
                                             den die Militärseelsorger der beiden       bilisierende bzw. -destabilisierende
                                             Kirchen im staatlichen Auftrag in der      Faktoren für Partnerschaft und Familie              Berichte aus der Arbeit
                                             Truppe durchführen, und die Absicht,       im Kontext von Mobilitätsanforderun-                  des Laienapostolat
                                             die ethische Bildung in einer eigenen      gen. Mit im Blick seines Vortrags stan-    Im weiteren Fortgang der Vollversamm-
                                             Dienstvorschrift regulatorisch neu zu      den dabei die fortschreitende und sich     lung galt es, sich einer Vielzahl von
                                             fassen, im Fokus. Weitere Aspekte der      ausdifferenzierende Etablierung neuer,     Berichten zu widmen, die allesamt
                                             seelsorglichen Begleitung sowie Veran-     solidarischer Wohn- und Lebensfor-         Auskunft über das Engagement der
                                             staltungen der Militärseelsorge für die    men im Alter. Welche Folgerungen und       Laienvertreter in der Katholischen Mi-
                                             Familien der Soldatinnen und Soldaten      Konsequenzen für ein ehrenamtliches        litärseelsorge gaben. Zumeist war es
                                             ergänzten die weiteren Informationen.      Engagement und für das Ehrenamt in         Aufgabe, dieses im Rückblick in Erin-

                                             14                        Kompass 04I19
Reportage vor Ort
                            nerung zu rufen und mit Blick auf die      Soldaten setzen Nachbarschaftshilfe         derung in „Gemeinschaft Katholischer
                            weiteren Planungen auf den Prüfstand                     in Mali fort                  Soldatinnen und Soldaten“ bei den zu-
                            zu stellen.                               Die Nachbarschaftshilfe der katholi-         rückliegenden Konferenzen keine Mehr-
                                                                      schen Soldatinnen und Soldaten ist           heit fand und es bei der Bezeichnung
                                     „Tage der Begegnung“             eine sozial-karitative Aktion für notlei-    „Gemeinschaft Katholischer Soldaten“
                            Oberstleutnant Gereon Gräf, seit 2017     dende Menschen in Krisengebieten.            bis auf Weiteres bleibt. Mit Blick auf die
                            Vorsitzender des Katholikenrats, in-      „Beschäftigung junger Menschen – ein         Zukunft der soldatischen Verbandsar-
                            formierte in seinem Bericht, dass es      Schlüssel zum Frieden in Mali“ – so lau-     beit rückte Quirin die Gewinnung neu-
                            aufgrund von deutlichen Struktur- und     tet das neue Vorhaben, das in Zusam-         er Mitglieder in den Mittelpunkt seines
                            Anpassungsprozessen in den Streit-        menarbeit mit CARITAS INTERNATIONAL          Berichts.
                            kräften, auch zu Veränderungen in der     bis 2021 gefördert wird. Nachdem
                            Arbeitsweise der Laienarbeit in der       Stabsfeldwebel Andreas Schmidt über                 Soldaten engagieren sich im
                            Katholischen Militärseelsorge kommt.      die Ziele informiert hatte, stimmte dem            Zentralkomitee der deutschen
                            Beginnend im Jahr 2020 wird die bis-      die Vollversammlung zu. Zukünftige Kol-                   Katholiken (ZdK)
                            lang so bezeichnete „Woche der Begeg-     lekten sollen dem Projekt zugutekom-         Oberst i. G. Dr. Köster, Oberstleutnant
                            nung“ verkürzt. So wird es zukünftig in   men. Zugleich gilt es, so die Auffassung     Dr. Lippert, Oberst Attermeyer und
                            „Tagen der Begegnung“ darum gehen,        der Delegierten, die Militärpfarrämter in    Generalleutnant Dr. Rieks vertreten in
                            die inhaltliche Arbeit zu straffen, um    die Lage zu versetzen, das Vorhaben          ihrer Verantwortung als Soldaten die
                            so den Delegierten – insbesondere ak-     erfolgreich zu unterstützen.                 Anliegen der Katholischen Militärseel-
                            tiven Soldatinnen und Soldaten –, die                                                  sorge im ZdK, dem Zusammenschluss
                            Teilnahme zu ermöglichen.                     Aus der Arbeit der Gemeinschaft          von Vertretern der Diözesanräte und
                            Im Bezug auf das ministerielle Vorha-            Katholischer Soldaten (GKS)           der katholischen Verbände sowie von
                            ben, die ethische Bildung in der Bun-     In Vertretung des Bundesvorsitzenden         Institutionen des Laienapostolates und
                            deswehr neu zu regeln, erinnerte er an    der GKS, Oberst Rüdiger Attermeyer,          weiteren Persönlichkeiten aus Kirche
                            die positiven Rückmeldungen aus den       informierte Stabshauptmann Andreas           und Gesellschaft. Als einzige Uniform-
                            Reihen der Soldatinnen und Soldaten,      Quirin über die zurückliegenden Ak-          träger im ZdK stoßen sie, nach eigener
                            die an Veranstaltungen des Lebens-        tivitäten und zukünftigen Vorhaben.          Erfahrung, weniger auf Ablehnung als
                            kundlichen Unterrichts (LKU) teilnah-     Stabshauptmann Quirin erklärte zu-           vielmehr auf ein hohes Informationsin-
                            men.                                      gleich, dass der Antrag auf Namensän-        teresse. Generalleutnant Dr. Rieks, der
                                                                                                                   zugleich engagiert im Sachbereich „Po-
                                                                                                                   litische und ethische Grundfragen“ des
                                                                                                                   ZdK mitwirkt, hat es sich, eigenen An-
                                                                                                                   gaben zufolge, in der zurückliegenden
                                                                                                                   Zeit zum Anliegen gemacht, ethische
                                                                                                                   Fragen in der rapide fortschreitenden
                                                                                                                   Technologieentwicklung in den enge-
                                                                                                                   ren Fokus zu rücken. In seinem Bericht
                                                                                                                   hob er abschließend die demokrati-
                                                                                                                   sche Willensbildung in den Sach- und
                                                                                                                   Personalfragen hervor, die die Arbeits-
                                                                                                                   weise nach dem Prinzip „Mehrheit/
                                                                                                                   Minderheit“ bestimmen. Er empfahl
                                         Rede und Antwort – zu aktuellen Fragen         Dr. Wendl bei seinem       den Delegierten zugleich die Lektüre
                                                         in der Militärseelsorge                      Vortrag      der ZdK-Publikation „Salzkörner“, in der
                                                                                                                   Autoren- und Namensbeiträge zu Sach-
                                                                                                                   themen veröffentlicht werden.

                                                                                                                      Militärbischof: Auch für Gläubige
                                                                                                                             ist Neues angesagt
                                                                                                                   Am Hochfest des hl. Josef feierte Mili-
© KS / Doreen Bierdel (5)

                                                                                                                   tärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck in
                                                                                                                   der Heilig-Kreuz-Kirche, zusammen mit
                                                                                                                   den Delegierten und den hinzugekom-
                                                                                                                   menen Delegierten der Bundeskonfe-
                                                                                                                   renz der Gemeinschaft Katholischer
                                                                                                                   Soldaten (GKS), die ihre Beratungen
                                                                                                                   am darauffolgenden Tag aufnahmen,
                                 Oberstleutnant Gräf    Generalleutnant Dr. Rieks    Stabsfeldwebel Schmidt        ein Pontifikalamt.                    >>

                                                                                                                  Kompass 04I19                           15
Reportage vor Ort

                    >>
                    Es bot sich an, die Lieder für das Pon-
                    tifikalamt erstmalig aus dem neuen
                    Gebet- und Gesangbuch zu singen.
                    Militärbischof Overbeck rückte in sei-
                    ner Predigt das Wirken des heiligen Jo-
                    sef in den Mittelpunkt. Wörtlich führte
                    Overbeck aus: „Josef ist ein Mensch
                    der Wachheit, der Bereitschaft und des
                    Mutes, um zu finden, was Gott ihn zu
                    suchen heißt.“ Mit Blick auf das Motto
                    der diesjährigen Woche der Begegnung
                    fügte er hinzu: „So gelesen ist der hl.
                    Josef ein Kommentar zum Motto der
                    58. Woche der Begegnung: Verände-
                    rung gestalten – Schritt für Schritt neue
                    Wege wagen. Es ist offensichtlich, dass
                    wir in einer kirchlichen Situation leben,
                    in der nicht nur für die Priester und die,
                    die Seelsorge verantworten und ge-

                                                                                                                                                       © KS / Doreen Bierdel (4)
                    stalten, Neues angesagt ist, sondern
                    ebenso für alle Gläubigen.“

                      Militärbischof stellte sich den Fragen
                        und dankte den Soldatinnen und
                           Soldaten für ihr Engagement
                    Ein fester Bestandteil der inhaltlichen
                    Arbeit während einer Vollversammlung                                                       Zu „Organisiertes Laienapostolat –
                    ist, dass zum Ende hin Militärbischof        Lingen fort. Als „synodaler Weg“ wird es       quo vadis?“ hielt der Direktor i. K.
                    Dr. Franz-Josef Overbeck die Gelegen-        nach der Erarbeitung der praktischen         Manfred Heinz, Geschäftsführer des
                                                                                                              Katholikenrats, einen Impulsvortrag.
                    heit nutzt, um mit den Delegierten über      Grundlagen für die Konzeption des
                    grundsätzliche und aktuelle Fragen des       eingeleiteten innerkirchlichen Prozes-
                    kirchlichen Lebens und des Wirkens           ses darum gehen, Fragen nach einer
                    der Kirche insgesamt ins Gespräch zu         zukünftigen Sexualmoral, dem Priester-     legte Militärbischof Overbeck Wert auf
                    kommen. In diesem Jahr rückte der            bild und Grundfragen nach Macht und        die Einordnung dieses Prozesses in ein
                    Militärbischof die unterschiedlichen         Gewaltenteilung auch mit Blick auf den     mit Spiritualität geerdetes Handeln,
                    Entwicklungen seit dem Pontifikat des         Umgang mit sexuellem Missbrauch auf-       das sich zugleich den Bedingungen der
                    Heiligen Vaters, Papst Franziskus, und       zuarbeiten. In diesem Zusammenhang         Postmoderne stellen muss.
                    den von ihm eingeschlagenen Weg zur
                    Bewältigung der zahlreichen Heraus-
                    forderungen in den Mittelpunkt seines
                    Vortrags. Zuvor jedoch dankte er für
                    das Engagement und den Dienst der
                    in der Regel ehrenamtlich engagierten
                    Frauen und Männer in den jeweiligen
                    Organisationsformen, sei es im Katho-
                    likenrat oder der Gemeinschaft Katholi-
                    scher Soldaten.

                    Overbeck führte seine Überlegungen
                    mit Blick auf die Aufarbeitung des sexu-
                    ellen Missbrauches in der Katholischen                                                                     Weitere Berichte,
                    Kirche in Deutschland mit der Erläu-                                                                        die Predigt und
                    terung der zurückliegenden Beschlüs-                                                                         Bilder unter:
                    se der Frühjahrsvollversammlung der           In Gruppen berieten sich die Delegierten zum Thema:         www.katholische-
                    Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in                   „Organisiertes Laienapostolat – quo vadis?“       militaerseelsorge.de
                                                                                                                             oder www.kmba.de

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