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Der kritische Agrarbericht 2021
( Schwerpunkt »Welt im Fieber – Klima & Wandel«
Waldwende in der Wald- und Klimakrise?
Warum viele Forstakteure das Ökosystem vor lauter Bäumen nicht sehen (wollen)
von Pierre L. Ibisch und Jeanette S. Blumröder
Dem Wald in Deutschland geht es schlecht. Seit 2018 machen außergewöhnliche Wärme und Tro-
ckenheit vielen Bäumen zu schaffen. Von einem »Waldsterben 2.0« ist die Rede. Die Interpretationen
der Genese der aktuellen Waldkrise sowie die strategischen Ideen zu ihrer Bekämpfung gehen zwar
weit auseinander – aber die Einschätzung, dass die aktuelle Verkettung von extremen Witterungen
und die entsprechenden Konsequenzen in den Wäldern eine Zäsur darstellt, ist weitgehend Konsens.
Die zentrale Frage ist, ob die Krise Anlass zu einer tiefgreifenden Reflektion über das vorherrschende
Management der Waldökosysteme und eine entsprechende »Waldwende« gibt oder ob die aktu-
ellen Reaktionen von Politik und Forstwirtschaft sogar zur Verschärfung der Situation beitragen.
Die Ende 2019 bilanzierten, maßgeblich von Dürre sen flächiges Absterben von Bäumen zu verzeichnen
und Hitze getriebenen Schädigungen von Bäumen in war und auch hier größere Zusammenbrüche drohen
Wäldern und Forsten haben sich im Laufe des Jahres könnten.
2020 ausgeweitet. In weiten Teilen des Landes ist über
längere Zeiträume die klimatische Wasserbilanz stark Veritable Waldkrise
defizitär geblieben, d. h. die Verdunstung wurde nicht
durch entsprechende Niederschläge ausgeglichen. Im In keinem Fall handelt es sich aktuell um ein Waldster
Boden ist eine kumulative Austrocknung zu beob ben in dem Sinn, dass das gesamte Ökosystem in einen
achten, die durch einzelne Regenperioden kurzfris »Nicht-Waldzustand« kippt. Vielmehr ist vorerst wei
tig nicht ausgeglichen werden kann. Der permanent terhin in ganz Deutschland ein Waldpotenzial gege
aktuelle Daten zur Dürre bereitstellende Dürremoni ben, welches auch durch die erfolgreiche Verjüngung
tor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung etlicher heimischer Baumarten und eine nach Arten
(UFZ) ist zu einer wichtigen Quelle der Beurteilung und Standorten stark differenzierte Schädigung belegt
der klimawandelbedingten Gefahren für den Wald ist. Hieraus ist jedoch nicht abzuleiten, dass dieses
geworden.1 Er erlaubt eine zeitlich-räumliche Ri Waldpotenzial bei deutlichem Voranschreiten der Kli
sikoabschätzung in Bezug auf die Abweichung der makrise automatisch erhalten bleibt. Das flächige Ab
Bodenfeuchtigkeit vom langjährigen Mittel. In vielen sterben von Baumbeständen resultiert aus den großflä
Gebieten, die sich über längere Zeit durch schwe chig angelegten Monokulturen, in denen Bäume einer
re oder gar außergewöhnliche Dürre vor allem des einzigen Art in gleicher Weise betroffen sind. Ohne
Gesamtbodens bis 1,80 Meter Tiefe kennzeichneten, Zweifel kann vielerorts von einem »Forststerben« ge
zeigt sich eine schwere Schädigung vor allem in Na sprochen werden, wenn einer Definition von Forsten
delbaumforsten. gefolgt wird, die eine starke waldbauliche Steuerung
Schwer betroffen ist ein breiter Gürtel vom süd und Vereinfachung von Baumbeständen umfasst und
lichen Bereich des norddeutschen Tieflands bis zum die Prozesse der Selbstorganisation und Selbstregula
Alpenvorland. Die bezüglich ihrer Fläche größten tion, wie sie in naturnahen Wäldern auftreten, außer
Schäden wurden bislang in Nordrhein-Westfalen in Kraft setzen oder gar bekämpfen. Da sich die Schädi
Gebieten mit hohem Nadelbaum- und Privatwaldan gungen aber nicht allein auf extrem homogene Mo
teil verzeichnet. Die Situation in den Fichtenforsten nokulturen mit nicht standortgerechten Baumarten
ist aktuell noch weitaus kritischer als in den Kiefern oder naturferne Altersklassenwälder beschränken, ist
plantagen, wobei im Laufe des Jahres 2020 auch in die definitiv von einer veritablen Waldkrise zu sprechen.
236Wald
Die Genese der Baumschädigung ist divers und und angewandt wird. Die Diskussion hat sich bis
komplex, wobei die verschiedenen auftretenden lang stark auf die Frage der Baumartenwahl verengt,
Krankheiten und Schädlinge häufig nur die (prä-)ter während verkannt wird, dass trotz des fortschreiten
minalen Symptome einer tiefgreifenden Schwächung den Klimawandels unter anderem durch Landschaft
darstellen. In der öffentlichen Berichterstattung, aber stemperatur- und Wasserhaushaltsmanagement
auch in der Kommunikation vieler Forstakteure, er noch erhebliche Freiheitsgrade bewahrt oder entwi
folgte eine starke Fokussierung auf die Schädigung ckelt werden können. Erheblicher Aufklärungs- und
durch Borkenkäfer. Es wird nicht immer hinreichend Handlungsbedarf scheinen bezüglich der Relevanz der
thematisiert, dass die Schädigung der Bäume zudem Böden und des Bodenschutzes für die Wasserrück
durch weitere Stressoren beeinflusst oder bedingt wird. haltefähigkeit sowie die Wurzel- und Mikrobioment
Zu nennen sind etwa Extremhitzeereignisse durch un wicklung und damit das entsprechende Puffern von
zureichende Kühlung der Landschaften, die mit dem Dürreperioden zu bestehen.
Verlust von kühlenden Strukturen einhergeht, Randef In diesem Zusammenhang stellt der derzeitig groß
fekte von sich stark aufheizenden und austrocknenden flächig vorherrschende Ansatz der Räumung von sog.
Offenlandschaften, die Reduktion der Wasserrückhal Schadholz auf den Kalamitätsflächen die eigentliche
tekapazität der Böden und der Landschaft, die durch Forstkatastrophe dar. Viele Forstpraktiker haben zwar
Land- und Waldnutzung gesteigerte Verdunstung, die längst erkannt, dass unter den aktuellen Bedingungen
Schädigung von Böden und ihres Mikrobioms oder die Borkenkäferbekämpfung durch Räumung keine
der Anbau von nicht standortgerechten Baumarten. Chance hat. Dennoch werden aber, während noch (ver
mutlich vergeblich) nach den Superbäumen für die Wie
Unterkomplexe Problemanalyse – deraufforstung gesucht wird, durch die Großkahlschlä
fragwürdige Strategien ge irreversible Ökosystemschädigungen angerichtet.
Tatsächlich scheint die Problemanalyse seitens der Lückenhafte Waldzustandsberichte
Forstwissenschaften oftmals nicht hinreichend kom
plex zu sein, weil einzelne strategische Ansätze – ver Bezüglich der Krisenbetroffenheit verschiedener Bau
mutlich vor dem Hintergrund einer befürchteten und marten wird häufig sehr undifferenziert geurteilt oder
durchaus realistischen (Nadel-)Holzlücke und der In kommuniziert. Ein Beispiel dafür ist das Narrativ, dass
teressen des Holzmarktes – sehr stark in den Vorder nicht allein Monokulturen geschädigt seien, sondern
grund gestellt werden. Es überwiegen die Diskussion etwa auch »Buchen in stillgelegten Wäldern flächig
der klimatischen Eignung von einzelnen Baumarten abstürben«. In diesem Fall erfolgte die übliche Refe
sowie die Suche nach Nadelbäumen für den zukünf renz auf den Hainich-Nationalpark, der in einer stark
tigen Anbau. Auch waldbauliche Ansätze konzen von Dürre betroffenen Region liegt. Allerdings wurde
trieren sich stark auf Baumarten, ihre Mischung sowie regelmäßig vernachlässigt, dass es ab 2019 zu ausge
die Förderung von Einzelbäumen. Die Gefahr simp prägtem Buchensterben vor allem in Beständen auf
lizistischer Irrwege ist dabei durchaus groß. Die Tat flachgründigen Böden auf Muschelkalk in Südwest
sache, dass bestimmte eingeführte Baumarten wie die exposition kam, in denen auch historische forstliche
Douglasie in den letzten 100 bis 120 Jahren mit Erfolg Nutzung noch nachvollziehbar ist (z. B. Totholzarmut,
kultiviert wurden oder dass ihre natürlichen Standorte Stubben, Fehlen sehr alter Bäume).
durch trockenes und wärmeres Klima geprägt sind, Für die bessere Beurteilung der Baum- und Wald
ist keine Evidenz dafür, dass sie zukünftig erfolgver schäden sowie geeigneter waldbaulicher Strategien
sprechend sind. Ebenso fragwürdig sind waldbauliche wäre es dringend erforderlich, dass die Berichterstat
Strategien, die auf Auflichtung von Beständen und tung (der Länder und des Bundes) zum Zustand der
Freistellung von Bäumen abzielen, weil dies in der Wälder nicht nur auf die prozentuale Betroffenheit
Vergangenheit dazu geführt hat, dass Einzelbäume von Baumarten abhebt, sondern vielmehr auch Be
einen größeren Wurzelraum und vorhandenes Bo standscharakteristika wie Kronenschluss, Biomasse,
denwasser besser nutzen konnten oder lichtbedürftige Altersstruktur, Makrostrukturvielfalt, Flächengrößen
Jungbäume schneller aufwachsen. In Zeiten kritisch und Randlagen berücksichtigt. Diese Waldeigenschaf
hoher Extremtemperaturen und monatelanger Dürre ten werden oft direkt durch forstliche Maßnahmen
können die mit der stärkeren Erwärmung einherge beeinflusst. Diesbezüglich sind die Waldzustandsbe
hende gesteigerte Verdunstung sowie individuelle Hit richte von Bund und Ländern deutlich defizitär. Vor
zeschäden allerdings überaus kontraproduktiv wirken. allem der Einfluss der Bewirtschaftung und ihrer In
Aktuell erscheint wichtig, dass endlich das gesamte tensität auf den Waldzustand ist herauszuarbeiten.
Spektrum der Steuerungsmöglichkeiten des (Wald-) Das sollte möglich sein, ohne dass die Datenerhebung
Ökosystemmanagements im Klimawandel erkannt wesentlich umfangreicher werden muss. Bedeutsam
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wäre, in diesem Zusammenhang auch die Verteilung bracht, aber nicht von der Gesellschaft honoriert wer
der Schäden im Raum und innerhalb der verschiede den, geradezu nichtig.
nen Eigentumsarten zu betrachten. Bei der Problem Gleichzeitig ist ebenso hervorzuheben, dass die ge
analyse und auf der Suche nach zukunftsweisenden nannten Erträge zwar Kosten wie z. B. den Aufwand
Strategien ist stärker darauf zu drängen, dass ein ohne für die Holzernte sowie Lohnkosten und Nebenkosten
Zweifel erforderliches adaptives Management zwin berücksichtigen, keinesfalls aber alle Kosten, die vor
gend bedeutet, dass auch Fehler dokumentiert und allem im Rahmen einer intensiveren Bewirtschaftung
analysiert werden, um aus ihnen zu lernen. Zur ak entstehen. Jegliche Wirtschaftsleistung trägt nicht nur
tuellen Wald- und Forstkrise gehört allerdings, dass zu einer Wert-, sondern auch einer Schadschöpfung
offenbar nicht alle Akteurinnen und Akteure bereit bei. Hierbei wären etwa die Verluste von Nährstof
sind, ergebnisoffen zu untersuchen oder darzulegen, fen, Bodenverdichtung, Biodiversität oder die Reduk
welche waldbaulichen Strategien sich als besonders tion von Erholungs- und Schutzleistungen wie etwa
riskant erwiesen haben. Grundwasserbildung zu berücksichtigen, die bislang
In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass nicht monetarisiert werden. Im Fall von Kalamitäten
selbst manche forstliche Behörden davon ausgehen, ergeben sich allerdings auch konkret berechenbare
dass Auskünfte zu Bestandsdaten und Eingriffen (vor allem volkswirtschaftliche) Kosten, etwa durch
nicht erteilt werden müssen, weil sie dem Betriebs die abgerufenen Fördermittel zur Räumung von Flä
geheimnis unterlägen. Selbst der explizite Bezug auf chen und Wiederbepflanzung oder auch Waldbrand
das Umweltinformationsgesetz und die zugrunde lie bekämpfung mit Feuerwehreinsätzen bzw. gar Stra
gende und von Deutschland 2007 ratifizierte Arhus- ßensperrungen und Evakuierungen. Problematisch
Konvention (die den Zugang zu Informationen, die ist, dass bestimmte Aspekte der Wert- und der Schad
Öffentlichkeitsbeteiligung an Entscheidungsverfahren schöpfung an unterschiedlichen Orten sowie auch zu
und den Zugang zu Gerichten in Umweltangelegen unterschiedlichen Zeitpunkten zu verzeichnen sind.3
heiten regelt) genügten in etlichen Fällen nicht, dass Die Wirtschaftlichkeit kann deshalb z. B. nur über
entsprechende Informationen bereitgestellt wurden. angemessen lange Zeiträume betrachtet werden und
Es erscheint schlüssig, dass Waldbesitzerinnen und muss sämtliche volkswirtschaftlich wirksamen Kos
-besitzer in Zukunft deutlicher und gegebenenfalls ten berücksichtigen. Etliche Nadelholzplantagen
auch auf dem Rechtswege darauf hingewiesen werden konnten nur deshalb vorübergehend vermeintlich
müssen, dass sie im Rahmen der Bewirtschaftung ih wirtschaftlich betrieben werden, weil z. B. die Kosten
rer Flächen Veränderungen der Umwelt und des für der Neubegründung nicht einberechnet wurden oder
das Gemeinwohl relevanten Naturraumpotenzials versteckte Kosten etwa durch Beratung vom Steuer
sowie von Schutzobjekten (mit)bewirken, über die zahler getragen werden. Aktuell steht zu vermuten,
Rechenschaft abzulegen und Bericht zu erstatten sind. dass vor allem auf vielen Kalamitätsflächen – bei frag
würdigem ökologischen Ergebnis – deutlich mehr
Wert- und Schadschöpfung im Wald investiert wird, als jemals wieder als Ertrag durch
Holzernte erzielt werden kann, wenn die gepflanzten
Angesichts der dramatischen Kalamitäten vor allem Bäume überhaupt zur Erntereife gelangen. Auch in
in den Nadelholzmonokulturen und angesichts der diesem Kontext ist die Förderung und Ausnutzung
Fördermittel im Umfang von etlichen Hunderten von ökosystemaren Prozessen wie Sukzession und
Millionen Euro zur Unterstützung von Waldbesit Naturverjüngung zu diskutieren, die kostenlos durch
zerinnen und Waldbesitzern bei der Räumung von die Ökosysteme b ereitgestellt werden.
betroffenen Flächen und der Wiederaufforstung mit
potenziell oder real wieder absterbenden Jungbäumen Das Narrativ der Ökosystemleistungen
stellt sich zusehends die Frage der Wirtschaftlichkeit
der Forstwirtschaft. Die sog. Forstwirtschaftliche Ge- Da die Erträge durch die waldkrisenbedingten Kala
samtrechnung weist Werte zur Wertschöpfung und mitäten einbrechen und viele Forstbetriebe zukünftig
zu ausgewählten Kosten aus. Die Reinerträge von mit einer »Holzlücke« rechnen müssen, ist verständ
Forstbetrieben im engeren Sinn betrugen im Jahr lich, dass der Sektor zusehends das Narrativ der Öko
2018 (ohne Förderung) durch Holzprodukte, andere systemleistungen aufgegriffen hat, welches vor einigen
Erzeugnisse, Schutz und Erholung lediglich 41 Euro Jahren noch weithin unbekannt war. Dabei stehen
pro Hektar Holzboden (Eiche/Buche) bis 60 Euro pro insbesondere (vermeintliche) Klimaschutzleistungen
Hektar (Kiefer) bzw. 173 Euro pro Hektar Holzboden im Fokus. Da in diesem Bereich auch verbreitet auf
(Fichte).2 Diese Beträge erscheinen im Vergleich zu Grundlage von Halbwissen und unsicheren Annah
den Werten der ökologischen Funktionen bzw. Öko men etwa zur zukünftigen Produktivität von Wäldern
systemleistungen, die von Wäldern und Forsten er argumentiert wird, ist zu großer Vorsicht zu raten. Die
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Forderungen nach einer Flächenprämie unabhängig Behauptung, dass solche Kühlungsleistungen keine
von der tatsächlichen Qualität der zu finanzierenden Ökosystemleistungen darstellten, da sie gesellschaft
Wälder würden bedeuten, nicht vorrangig diejeni lich nicht nachgefragt würden. Dies möge den Bedarf
gen zu belohnen, die sich bemüht haben, Holz- und an der Bereitstellung von verfügbarem Wissen sowie
Kohlenstoffvorräte auf der Fläche zu entwickeln und der Förderung eines differenzierten forstökonomi
ökologisch wertvolle, stabilere Ökosysteme zu schaf schen Diskurses belegen.
fen, sondern auch jene Waldbesitzer und Waldbesit
zerinnen, die in der Vergangenheit ihre Wälder über Waldkrise – auch eine Wissenskrise
nutzten, bereits entsprechende Gewinne erzielten und
damit zum schlechten Zustand der Wälder betrugen. Die erwähnten unzureichend bearbeiteten oder rezi
Eine eindimensionale Betrachtung der Kohlenstoff pierten Wissensbereiche – wie etwa die Schadschöp
speicherung in Holz und Holzprodukten bei gleichzei fung durch nicht nachhaltige Waldbewirtschaftung
tiger Unterschätzung von Kohlenstoffverlusten in Bö und die gesamtökonomische sowie gesamtökologische
den und verbleibenden Beständen durch Übernutzung Bewertung von Wäldern einschließlich der Quantifizie
sowie Überschätzung der sog. Substitutionseffekte der rung von regulierenden Ökosystemleistungen – stellen
Holznutzung führt leicht zu falschen Rückschlüssen. eine Facette der aktuellen waldbezogenen Wissenskrise
Angesichts der Tatsache, dass der anthropogene Treib dar. Weitere beziehen sich auf Bewertung der Gründe
hauseffekt im Wesentlichen durch die Nutzung fossi für den schlechten Waldzustand sowie das Potenzial
ler Energieträger sowie Landnutzungsveränderungen ökoystembasierter Ansätze bei der Wiederherstellung
hervorgerufen wurde und wird, ist die Intensivierung von geschädigten Flächen. Es ist zu konstatieren, dass
der Waldnutzung eine aktionistische Scheinlösung, größere Wissensbereiche, die für das Verständnis der
welche dem Forst- und Holzsektor vermeintlich eine Funktionalität bzw. Resilienz und Anpassungsfähig
größere gesellschaftliche Aufmerksamkeit verschaffen keit von Waldökosystemen von zentraler Bedeutung
soll. Sie wird das Problem aber nicht lösen, sondern sind, in forstwissenschaftlichen Betrachtungen keine
eher vergrößern. Der Wald in Deutschland befindet Rolle spielen.4 Der Vorsitzende des Wissenschaftlichen
sich durch die historische und aktuelle Nutzung in Beirats für Waldpolitik des Bundeslandwirtschafts
einem »juvenilen« und damit relativ biomasse- bzw. ministeriums (BMEL) und Professor für Waldbau Jür
kohlenstoffarmen Zustand. Erlaubte man dem Öko gen Bauhus bezeichnete z. B. die »Selbstheilungskräfte
system zumindest auf den existierenden Waldflächen der Natur« gar als evidenzfreies Narrativ.5
seine Kohlenstofftragfähigkeit zurückzuerlangen bzw. Deshalb existiert die Forderung, ein umfassendes
zu entwickeln, würde dadurch eine historische Koh nationales Waldgutachten zu erstellen im Sinne eines
lenstoffschuld der Waldnutzung kompensiert – nicht interdisziplinären ecosystem assessment unter Beteili
weniger, aber auch nicht mehr. gung auch von nicht forstlich arbeitenden Biologen,
Dringend ist geraten, vor allem den waldsichern Ökologen, Ökohydrologen, Pedologen und Klima
den ökologischen Funktionen, die als regulierende tologen sowie auch Sozialwissenschaftlern, die für eine
Ökosystemleistungen auch den Menschen direkt und breitere und innovative Betrachtung von Leistungen
andere Landnutzungen begünstigen, mehr Beachtung des Waldes sowie auch des partizipativen Waldöko
zu schenken. Zu nennen sind in erster Linie Was systemmanagements stehen. Es geht hier um die Kor
serspeicherung, Grundwasserneubildung und Land rektur und Ergänzung der zu einseitig auf Holzpro
schaftskühlung. Diese Leistungen korrelieren positiv duktion fokussierenden Forstwissenschaften.
mit Biomassevorräten und humusreichen Böden im Überaus problematisch ist das Ausblenden von
Ökosystem – und damit auch mit der ökosystemaren ökologischen Risiken durch die nunmehr immer
Kohlenstoffspeicherung. Die einseitige Bevorzugung großflächigeren Kahlschläge auf Kalamitätsflächen.
der holzproduktegebundenen Kohlenstoffspeiche Es muss deshalb auch intensiver untersucht werden,
rung hingegen birgt erhebliche Risiken nicht nur für wie durch die Praktiken der intensiven Räumung von
die Kohlenstoffgesamtbilanzierung, sondern auch sog. Schadholzflächen gegen geltendes Umwelt- und
für die Funktionalität von Waldökosystemen. Wie Naturschutzrecht verstoßen wird. Fragen werfen hier
schnell nicht nachhaltig bewirtschaftete Forsten von auch politisch veranlasste Förderprogramme auf, die
einer Kohlenstoffsenke zur Quelle werden können, ist entsprechende Anreize bieten oder gar massive Öko
aktuell zu beobachten. Kurzfristig steht deshalb an, systemschädigung erst ermöglichen. Das Urteil des
regulierende Ökosystemleistungen jenseits der Koh Oberverwaltungsgerichts in Bautzen zu den forstlichen
lenstoffspeicherung – wie vor allem Kühlung und Ab Eingriffen in den Leipziger Auwald6 weist den zu be
senkung der Verdunstung – zu quantifizieren und in schreitenden Weg auf: Die Forstwirtschaft wird mit ju
Wert zu setzen. Noch in jüngster Zeit verstiegen sich ristischen Mitteln zu zwingen sein, die Nichtschädlich
auch Forstökonomen renommierter Institutionen zur keit ihrer Maßnahmen in Vorabprüfungen plausibel
239Der kritische Agrarbericht 2021
zu machen. Dies gilt allemal in Natura-2000-Gebieten, Primats. Es wird der Gesellschaft vorgegaukelt, dass
aber ist auch auf allen anderen Waldflächen relevant. eine Nachhaltigkeit der Waldnutzung zwischen öko
Auf konzeptioneller Ebene gehört das vorherr nomischen, ökologischen und sozialen Dimensionen
schende forstwirtschaftliche Selbstverständnis auf den ausbalanciert und ausgehandelt werden könnte. Dies
Prüfstand gestellt. Es muss verstärkt für die Einsicht ist ein folgenschwerer Irrtum.
geworben werden, dass eine Waldbewirtschaftung Eine durchaus offene Frage betrifft die zukünftige
scheitern muss und aktuell auch scheitert, die das Holzverfügbarkeit und die entsprechenden Konse
ökologische Primat nicht anerkennt. Es sind die öko quenzen für Markt und Konsum. Dringend bedarf
logische Funktionstüchtigkeit und Leistungsfähigkeit es im Holzkontext einer Suffizienzdebatte und eines
der Wälder, die darüber bestimmen werden, welche überaus kritischen Hinterfragens der gerade auch von
Produkte in welchem Umfang ökonomisch genutzt staatlicher Seite geförderten bioökonomischen Mo
werden können. Keinesfalls darf weiterhin zugelassen delle, die auf eine Steigerung von Holzkonsum und
werden, dass die Nachfrage des Marktes darüber be -produktion setzen.
stimmt, wie mit Waldökosystemen umgegangen wird. Ein ganzheitlicheres Verständnis der Waldökosys
Auch diverse vermeintlich naturnahe Ansätze der temleistungen und ihrer Potenziale in der Klimakrise
Forstwirtschaft sowie Zertifizierungen wie PEFC oder eröffnet auf der anderen Seite gänzlich neue Mög
FSC stehen für eine Missachtung des ökologischen lichkeiten, mit Waldökosystemen zu wirtschaften. In
diesem Zusammenhang werden neue Impulse und
Geschäftsmodelle erwartet, die eine Waldwende er
Folgerungen & Forderungen leichtern könnten.
■ Klimabedingte Waldschäden finden sich überwie
Anmerkungen
gend (aber nicht ausschließlich) in strukturarmen 1 Der UFZ-Dürremonitor liefert täglich flächendeckende Informa
und homogenen Monokulturen mit nicht standort tionen zum Bodenfeuchtezustand in Deutschland. Auf den
gerechten Baumarten oder naturfernen Alters Karten sieht man den tagesaktuellen Dürrezustand des Gesamt
klassenwäldern. bodens und des Oberbodens, der schneller auf kurzfristige
Niederschlagsereignisse reagiert, sowie das pflanzenverfüg
■ Ein Großteil des aktuellen Waldkrisendiskurses ist von
bare Wasser im Boden (www.ufz.de/index.php?de=37937).
einer unterkomplexen Problemanalyse geprägt, die 2 BMEL: Tabellen zur Forstwirtschaft und Holzwirtschaft, hier: Be
einseitig unter anderem auf Borkenkäfer und Baum triebsergebnisse in Forstbetrieben nach Baumarten (www.bmel-
artenwahl fokussiert. Es fehlt häufig die Bereitschaft, statistik.de/forst-holz/tabellen-zu-forst-und-holzwirtschaft/).
3 P. L Ibisch: Die Grundlage: Ökosysteme und Ökosystemmanage
über ökosystembasierte Möglichkeiten zur Verringe
ment. In: P. L. Ibisch et al. (Hrsg.): Der Mensch im globalen
rung der Anfälligkeit von Wäldern zu diskutieren. Ökosystem. Eine Einführung in die nachhaltige Entwicklung.
■ In den Waldzustandsberichten von Bund und Ländern München 2018, S. 129–154.
ist in Zukunft nicht nur die Betroffenheit der einzel 4 P. L. Ibisch und J. S. Blumröder: Waldkrise als Wissenskrise als
nen Baumarten, sondern neben standörtlichen Fak Risiko. In: Universitas 888 (2020), S. 20–42.
5 Süddeutsche Zeitung vom 2./3./4. Oktober 2020, Nr. 228, S. 37.
toren auch der Einfluss der Bewirtschaftung und ihrer 6 Vgl. z. B. www.baumann-rechtsanwaelte.de/2020/06/16/oberver
Intensität auf den Waldzustand herauszuarbeiten. waltungsgericht-bautzen-stoppt-forstwirtschaft-im-leipziger-
■ Regulierende Ökosystemleistungen der Wälder, auwald/.
wie Kühlung oder Stabilisierung des Landschafts
wasserhaushalts, sind dringend zu quantifizieren, zu
bewerten und in Wert zu setzen. Dies muss auch im
Rahmen von vollständigeren gesamtökonomischen Prof. Dr. Pierre L. Ibisch
Rechnungen der Forstwirtschaft erfolgen, die Wert- Professor für Naturschutz am Centre
und Schadschöpfung durch forstliche Nutzung an- for Econics and Ecosystem Management der
Hochschule für nachhaltige Entwicklung
gemessen betrachten.
Eberswalde.
■ Das vorherrschende forstwirtschaftliche Selbstver
ständnis gehört auf den Prüfstand gestellt: Es liegt pibisch@hnee.de
»in der Natur der Sache«, dass jede Form der Wald
bewirtschaftung, die das ökologische Primat nicht
anerkennt, zum Scheitern verurteilt ist. Jeanette S. Blumröder, M.Sc.
■ Die zum Teil auch staatlicherseits geförderte Steige Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre
rung von Holzproduktion und -konsum ist zu hinter for Econics and Ecosystem Management
der Hochschule für nachhaltige Entwicklung
fragen. Es braucht eine gesamtgesellschaftliche
Eberswalde.
S uffizienzdebatte über die Wald- und Holznutzung.
jeanette.blumroeder@hnee.de
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