3| 2020 - Der Paritätische
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Schwerpunkt
Inhalt
Editorial 3
Aus aktuellem Anlass
Frage an die Mitglieder: Was macht Corona mit Ihnen? 4
Corona: Das sagen unsere Landesverbände 6
Schwerpunkt: Queer
Erstes queeres Vernetzungstreffen unter dem Dach
des Paritätischen Gesamtverbandes 8
Drei Fragen an Henny Engels,
Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) 9
Interview mit Vava Vilde, Drag-Artist und Aktivistin 10
Drei Fragen an Heike Gronski, Deutsche AIDS-Hilfe 12
In Ordenstracht gegen HIV und Co. 13
Auf der Suche nach einem Zuhause 14
125
„Barrierefreiheit wird nicht mitgedacht“ 16
Wir helfen hier und jetzt – und das ist auch gut so! 18
Drei Fragen an Jörg Duden, Schwulenberatung Berlin 19
Queer im Alter:
Ältere Lesben und Schwule fordern Teilhabe 20
Trans-Coming Out: „Und plötzlich ist der Mann an
meiner Seite eine Frau.“/ Infokasten: LGBT...? Was steht
wofür?22
30 Jahre rat + tat in Rostock:
Angekommen in der Mitte der Gesellschaft 24
Drei Fragen an Malte Legenhausen, Queere Bildung e.V.26
Vorgestellt: Die Akademie Waldschlösschen! 27
Sozialpolitik & Verbandsrundschau
Aktuelle Forderungen / Corona FAQ 28
Verhaltensprävention gegen Corona 29
Frisch gebloggt: Das Soziale in der Krise 30
Frisch veröffentlicht / Aktion #LagerEvakuieren 31
COVID-19: Ältere Menschen schützen 32
Kinderschutz in Corona-Zeiten 33
Einblicke in den Fachtag „Paritätische
18 Freiwilligendienste für die Jugend von heute“
Kinderrechte ins Grundgesetz
Happy Birthday / Webzeugkoffer
34
35
36
Einkaufsvorteile nutzen! / Bildnachweise / Impressum 37
Aktuelles aus Verband
en auch auf
und Mitgliedsorganisation
der neuen Plattform
e und unter
ww w.wir-sind-paritaet.d
facebook.com/paritaet
itaet
bei Twitter unter @par
t
bei Instagram als paritae
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2 www.der-paritaetische.de 3 | 2020Editorial
Professor Dr. Rolf Rosenbrock,
Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbands
Liebe Leser*innen,
die Lage von queeren Menschen, also online offener über sich selbst berich-
von Personen, die nicht dem binären ten können, als es im analogen Leben
Mann-Frau-Schema entsprechen, hat möglich wäre. Gleichzeitig ist das In-
sich in den letzten Jahren und Jahr- ternet für Jugendliche, die nicht hete- zu fördern, das die Verschiedenheit der
zehnten in Deutschland entscheidend rosexuell sind oder sich selbst nicht als Menschen akzeptiert und Stigmatisie-
verbessert. Aber trotz besserer Gesetze cis-geschlechtlich identifizieren (deren rungen konsequent entgegenwirkt.
und breiter Aufklärungsarbeit zur Geschlecht nicht mit dem überein- Dazu muss auch die Bildungs- und
Vielfalt geschlechtlicher Identitäten stimmt, das ihnen bei der Geburt zu- Aufklärungsarbeit in den Schulen
und sexueller Orientierungen treffen gewiesen wurde), auch der Ort, wo sie noch stärker forciert werden.
queere Menschen nach wie vor vielfach Exklusion erfahren. Rund 88 Prozent Als Verband, der für Vielfalt, Respekt
auf offene und versteckte Ablehnung der Studienteilnehmenden geben an, und Offenheit steht, engagieren wir
und sind Diskriminierung ausgesetzt. im Internet mindestens einmal Diskri- uns fest an der Seite der Menschen, die
Zusätzlich befeuert werden Tendenzen minierung wegen ihrer sexuellen Ori- sich für die Gleichberechtigung von
der systematischen Ausgrenzung entierung bzw. geschlechtlichen Zuge- homo-, bi-, inter- und transgeschlecht-
durch das Erstarken rechtsextremer hörigkeit erfahren zu haben. lichen Menschen einsetzen. In diesem
Kräfte, die nicht-heterosexuelle sowie Heft geben wir einen Einblick in die
inter- und trans- Menschen als nicht Um die körperliche Erscheinung und Arbeit Paritätischer Mitgliedsorganisa-
gleichwertig betrachten. Funktion von intergeschlechtlichen tionen, die auf vielfältige Weise queer
Ein Blick in verschiedene Lebensbe- Kindern mit den binären Geschlech- lebende Menschen beraten und beglei-
reiche zeigt, wie stark die Kultur der terstereotypen in Einklang zu bringen, ten sowie gesellschaftliche Aufklä-
Zweigeschlechtlichkeit und der Hete- finden in Deutschland immer noch rungsarbeit leisten.
ronormativität immer noch die Gesell- geschlechtsverändernde Eingriffe an
schaft prägen und welche negativen ihnen statt. Eine medizinische Not- Kein Magazin in dieser Zeit ohne Co-
Auswirkungen dies auf queere Men- wendigkeit besteht dafür meistens rona: in dieser Ausgabe finden Sie
schen hat. nicht. Zum Schutz der bio-psycho-so- auch erste Berichte über Auswir-
Eine Studie des Deutschen Jugendin- zialen Unversehrtheit und der ge- kungen des Virus SARS-CoV-2 auf
stituts zeigt, dass das Internet für schlechtlichen Selbstbestimmung ist Einrichtungen der sozialen Arbeit,
queere Jugendliche während des Co- ein Verbot geschlechtszuweisender weltweites Engagement zum Schutz
ming-out-Prozesses durch Anonymität oder -verändernder Eingriffe bei inter- älterer Menschen und von Kindern in
und jederzeitigen Zugriff große Unter- geschlechtlichen Kindern notwendig, Corona-Zeiten.
stützung bietet. Sie nutzen das Web, wenn sie nicht medizinisch zwingend
um sich zu informieren, sich mit an- notwendig sind. Zeitgleich ist es unab- Herzlich, Ihr Rolf Rosenbrock
deren LSBTIQ-Jugendlichen (lesbisch, dingbar, u.a. den Beratungsanspruch
schwul, bisexuell, trans, inter, queer) und die Beratungsangebote zu ge-
zu vernetzen oder sich für ihre Belan- schlechtlicher Vielfalt auszudehnen.
ge zu engagieren. Es bietet ihnen auch Politik und Gesellschaft bleiben aufge-
die Möglichkeit, authentischer als im fordert, politische, rechtliche und sozi-
realen Leben aufzutreten, indem sie ale Voraussetzungen sowie ein Klima
www.der-paritaetische.de 3 | 2020 3Aus aktuellem Anlass
Frage an die Mitglieder: Was macht Corona mit Ihnen?
Die Corona-Pandemie stellt die Wohlfahrt auf den Kopf. Unsere 10.000 Mitgliedsorga-
nisationen müssen sich seit dem Shutdown Mitte März ganz neuen und ungeahnten
Herausforderungen stellen. Täglich staunen wir im Gesamtverband, wie viele diese mei-
stern. Anlass einmal nachzufragen: Wie geht Ihr Verband oder Ihr Verein mit Corona
um und was bedeutet es für die Menschen, die Sie vertreten? Bei uns geht es um zwei Gruppen Men-
schen: um die rund 2,9 Millionen Stu-
uns helfen wollen, haben Angst, uns
dierenden, und um die 20.000 Beschäf-
den Arm zu reichen.
tigten der Studenten- und Studieren-
Auch für uns als Verband ist die Epide-
denwerke. Die Studierenden versorgen
mie ein Stresstest. Veranstaltungen
wir mit aktuellen Informationen, vor
Wie unter einem Vergrößerungsglas werden abgesagt, Vorbereitungen rück-
allem zu hochschul-, arbeits-, sozial-
macht Corona überdeutlich, womit wir abgewickelt. Das macht keinen Spaß.
rechtlichen Themen und zum BAföG.
auch sonst zu tun haben: Parallel läuft die Beratung unter deut-
Gerade Studierende, denen wegen der
Epidemien rufen ein großes Informati- lich erschwerten Bedingungen weiter,
Corona-Pandemie die Nebenjobs weg-
onsbedürfnis hervor. Was ist mit Sexu- nur noch telefonisch bzw. per Mail und
brechen, geraten in finanzielle Nöte; für
alität? Steigert HIV das Risiko? Helfen nun auch zu Corona. Aber es lohnt sich,
sie setzen wir uns auf politischer Ebene
HIV-Medikamente gegen Covid-19? Wir die Ratsuchenden sind unglaublich
für eine Öffnung des BAföG oder einen
haben rasch ein Infoangebot geschaf- dankbar und die Resonanz auf Ange-
Notfonds ein. Die Studentenwerke
fen. bote wie unseren Corona-Ratgeber un-
mussten ihre ganze Hochschulgastro-
Ob Drogenkonsument_innen, Sexar- ter www.dbsv.org/corona.html ist über-
nomie praktisch stilllegen, dafür wer-
beiter_innen oder Migrant_innen ohne wältigend.
den ihre Beratungsangebote sehr stark
Aufenthaltspapiere: In unseren margi- Klaus Hahn, Präsident beim Deutschen
nachgefragt. Wir unterstützen sie mit
nalisierten Zielgruppen haben sich Not Blinden- und Sehbehindertenverband
Informationen, Handreichungen, Mu-
und Gesundheitsrisiken verschärft. Wir
ster-Aushängen – und wir setzen uns
drängen auf Lösungen – auch für die
bei den Ländern dafür ein, dass die Stu-
Zeit nach Corona.
dentenwerke von den staatlichen Ret-
Beim Datenschutz erleben wir in atem-
tungsschirmen profitieren.“
beraubendem Tempo Chancen und Ri-
Achim Meyer auf der Heyde,
siken. Wir treten ein für Modelle, die
Generalsekretär des Deutschen Studen-
Persönlichkeitsrechte achten. Was uns in diesen schwierigen Pande-
tenwerks (DSW), des Verbands der
Wie arbeiten wir in unserer Organisati- mie-Zeiten zusammenhält, ist der un-
Studenten- und Studierendenwerke:
on zusammen? Auch in dieser Frage bedingte Wille für die Menschen da zu
hat uns Corona zu Höchstleistungen sein, die von Rheuma betroffen sind.
getrieben. Manchmal überfordert uns Zusammen mit unseren medizinischen
das. Aber wir lernen täglich dazu. Beratern informieren wir zum Beispiel
Quantensprünge inklusive. regelmäßig auf www.rheuma-liga.de
Silke Klumb, Geschäftsführerin der über rheumaspezifische Aspekte von
Bei uns im Kinderschutzbund fallen
Deutschen Aidshilfe Corona-Themen. Ein regelmäßiges Up-
viele ehrenamtliche Kräfte aus, weil sie
date, ein Online-Expertenforum, der
sich selbst vor Ansteckung schützen
Aufbau von Online-Bewegungsangebo-
oder eigene Kinder betreuen müssen.
ten, regionalen Info-Hotlines und erste
Dennoch sind wir froh über viele Rück-
Selbsthilfetreffs per Videokonferenz
meldungen von Gliederungen, die ihre
sind dabei die Maßnahmen der Stunde.
Arbeit so gut es geht, aufrechterhalten.
Bundesweit arbeiten die Landes- und
Die Eltern- und Kindertelefone haben
Mitgliedsverbände der Rheuma-Liga
ihr Angebot ausgeweitet, die Kinder
zurzeit mit noch mehr Engagement
und Jugendlichen treffen sich mit
Blinde und sehbehinderte Menschen und Kreativität daran, für die Betrof-
den Sozialarbeiter*innen auf
sind auf das Tasten und oft auch auf fenen da zu sein. Diese Kraft und unse-
Instagram zur Foto-Chal-
körperliche Berührung angewiesen. re über 50 Jahre währende Verbunden-
lenge und manches The-
Deshalb treffen uns Kontaktbeschrän- heit wird uns – da bin ich mir sicher –
rapie-Gespräch wird
kungen und Abstandsvorschriften be- auch über diese weltweite Krise hinweg-
nun bei einem
sonders hart. Viele von uns trauen sich tragen.
Waldspaziergang ge-
nicht mehr vor die Tür, um ja nichts Rotraut Schmale Grede,
führt. Das alles sind
falsch zu machen. Und Menschen, die Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga
Angebote, um beste-
4 www.der-paritaetische.de 3 | 2020Aus aktuellem Anlass
hende Kontakte nach Möglichkeit nicht dass ihr jeder Zeit recht vernünftig schaft ein. Solidarität für den Schutz
zu verlieren. Sie sind selbstverständlich lebt.“ Das soziale Miteinander, das gera- von Menschen ist jetzt mehr denn je
nicht gleichwertig zu echten Gesprächen de unsere bundesweite Kneipp-Bewe- gefragt. Unsere Pflegekräfte leisten en-
oder regelhaften therapeutischen Ange- gung auszeichnet, muss jetzt für einige gagiert ihre verantwortungsvolle Arbeit
boten. Insofern hoffen auch wir, dass Wochen ruhen, so schwer das auch und pädagogische Fachkräfte unterstüt-
diese Krise bald überstanden ist, um fällt. Als Deutschlands größte private zen in anderen Bereichen. Unser fahr-
bald wieder in voller Stärke für die Kin- Gesundheitsorganisation müssen wir barer Mittagstisch wurde ausgebaut.
der da zu sein. unsere Werte wie Solidarität, Rücksicht- Wir haben Freiwilligen-Pools und Hil-
Heinz Hilgers, Präsident des nahme und Teamgeist unter Beweis fe-Hotlines eingerichtet und organisie-
Deutschen Kinderschutzbundes stellen und damit einen wirkungsvollen ren eine Spendenaktion für die von Iso-
Bundesverband (DSKB) Beitrag zum Meistern dieser gesell- lation betroffenen Pflegebedürftigen.
schaftlichen Krise leisten. Mit unserer Die Forderungen der Volkssolidarität
Bei allem Serie „Kneipp-Tipps für daheim“ (www. nach Schutzausstattung in der Altenpfle-
was wir tun kneippbund.de/wer-wir-sind/videos) ge- ge und gegen die Isolation von Älteren
hat die Ge- ben wir aktuell Anregungen, was jeder zeigen Wirkung. Unser Kampf gegen
sundheit selbst für die eigene Gesundheit tun Armut und soziales Auseinandertriften
und Sicher- kann. wird erheblich zunehmen.
heit unserer Freiwilligen und Klaus Holetschek, Dr. Wolfram Friedersdorff,
Mitarbeiter*innen oberste Priorität. Für Präsident
unsere konkrete Arbeit bedeutet das: Kneipp-Bund
Wir holen unsere Freiwilligen aus dem e.V.
Ausland zurück, haben Veranstal-
tungen, Seminare, Bildungstage für die Der Groß-
nächsten Wochen abgesagt und arbei- teil unserer Ehrenamtlichen ist älter Präsident der Volkssolidarität
ten aus dem Homeoffice. Wir nutzen und muss sich schützen. Lebensmittel-
digitale Alternativen, sei es für Vi-deo- spenden sind zwischenzeitlich wegen Die Mitgliedsorganisationen des bvkm
konferenzen oder bei der Umstellung Hamster-Käufen zurückgegangen. kämpfen mit vielfältigen Ängsten und
auf Online-Seminare. Den kommen- Gleichzeitig suchen wegen Kurzarbeit Sorgen. Sowohl in den Einrichtungen
den Zyklus unserer Freiwilligendienste oder Jobverlust mehr Menschen Hilfe als auch in den Familien fehlen ausrei-
planen wir sorgfältig optimistisch, freu- bei den Tafeln. Mit Unterstützung jün- chend Schutzmasken und -kleidung.
en uns über Bewerbungen, verfolgen gerer Helfer*innen und Spenden orga- Viele Familien im bvkm stehen vor be-
aktuelle Entwicklungen jedoch genau. nisieren viele Tafeln Lieferdienste oder sonderen Herausforderungen, die sich
Auch wenn die Corona-Krise unsere Ar- die Abgabe von vorgepackten Tüten im durch die Schließungen von Schulen,
beit vor Herausforderungen stellt, ver- Freien. Aber nicht überall ist das mög- Werkstätten und anderen Angeboten
lieren wir nicht den Blick auf gesell- lich. Über 350 Tafeln sind noch ge- ergeben. Die Kontaktsperren stellen für
schaftliche Verhältnisse und Menschen, schlossen. Wir sind in Sorge um Men- Menschen mit Behinderungen eine
die ganz akut von der Krise bedroht schen, die sowieso schon wenig haben. starke Belastung dar.
sind. Familien müssen ihre Kinder vollstän- Unser Verband setzt sich auch in diesen
Katrin Bäumler, Geschäftsführerin dig zuhause versorgen, ältere Menschen herausfordernden Zeiten für die Inte-
Internationale Jugendgemeinschafts- vereinsamen. Wir brauchen jetzt poli- ressen seiner Mitglieder ein und hat ein
dienste (ijgd) – Bundesverein e. V. tische Unterstützung für bedürftige kritisches Auge auf die aktuellen politi-
Menschen, aber auch für die Tafeln. schen Entwicklungen.
Eigentlich sind wir Begegnungsorte Gemeinsam mit den Fachverbänden
und helfen nicht nur mit Lebensmit- für Menschen mit Behinderungen
teln, sondern auch gegen Einsamkeit. setzt sich der bvkm für eine stärkere
Jochen Brühl, Beachtung der Menschen mit Behin-
Vorsitzender der Tafeln derungen und ihrer besonderen Be-
Es ist aktuell noch zu früh, die dürfnisse bei allen politischen Vorha-
konkreten Auswirkungen auf Seit 75 Jahren vertritt die Volkssolidari- ben in dieser Krise ein. Darin werden
den Kneipp-Bund und die tät die Inte- wir auch bei allmählicher Rückkehr
über 500 Kneipp-Vereine ressen der zur Normalität nicht nachlassen!
abschätzen zu können. Mensc hen,
Um es mit Sebastian die bereits Helga Kiel, Vorsitzende des
Kneipp zu sagen: „Ich vor der Coro- Bundesverbands für körper- und
will euch nur auf- na-Krise benachteiligt wurden und mehrfachbehinderte Menschen e.V.
merksam machen, setzt sich für eine solidarische Gesell-
www.der-paritaetische.de 3 | 2020 5Aus aktuellem Anlass
Corona: Das sagen unsere Landesverbände
rg
Baden-Wür ttembe
Wie hilft der Paritätische in Ihrem Bundesland den Mitgliedsorgani-
sationen durch die Krise? Welche Besonderheiten gibt es vielleicht „Social Distancing“ und #Stayathome stellt Sozialunternehmen vor
vor Ort und was machen unsere 15 Landesverbande in Corona- neue akute Herausforderungen. Mit dem ersten sozialen 24-Stun-
Zeiten. Wir haben nachgefragt! den-Hackathon „Care hackt Corona“ unterstützen wir unsere
über 880 Mitgliedsorganisationen dabei, in interdisziplinären Teams
Weitere Beiträge zu Corona finden Sie auch unter „Sozialpolitik“ gemeinsam an innovativen Lösungen für die Betreuung und Beglei-
und „Verbandsrundschau“ ab Seite 28. tung von Klient*innen in Zeiten von Corona zu arbeiten.
Ursel Wolfgramm, Vorstandsvorsitzende des
Paritätischen Baden-Württemberg
Bayern Berlin
In Bayern arbeiten wir vor allem an zwei Baustellen: Erstens Die zuverlässige Finanzierung der sozialen Arbeit – egal in wel-
kämpfen wir für einen bayerischen Schutzschirm Soziales, damit chem Feld – muss auch in der jetzigen Zeit sichergestellt sein,
unsere Mitglieder in der Krise finanziell abgesichert sind. Zweitens denn die Arbeit wird ja erbracht, nur eben teilweise etwas anders.
dringen wir darauf, alle sozialen Dienste und Einrichtungen mit Extrem wichtig ist auch, dass alle sozialen Dienstleister ausrei-
dem notwendigen Infektionsschutz auszustatten. chend Schutzausrüstung bekommen. Dafür setzen wir uns konti-
nuierlich ein.
Margit Berndl, Vorstand Verbands- und Sozialpolitik Dr. Gabriele Schlimper,
des Paritätischen in Bayern Geschäftsführerin des Paritätischen in Berlin
Brandenburg Bremen
Wir kämpfen an verschiedenen Fronten für eine Belieferung der Die Corona-Epidemie stellt uns alle vor große Herausforde-
Pflegeeinrichtungen mit Schutzausrüstung. Wir haben uns an die rungen. Wir als Paritätischer Bremen helfen, die Krise zu mana-
Öffentlichkeit gewandt und drängten sowohl gegenüber der Lan- gen – für unsere Mitglieder und natürlich für die Menschen, die
desregierung wie auch den Kreisen/ Kommunen auf eine entspre- sie pflegen und betreuen. Schutzmaterialien, Kurzarbeitergeld,
chende Versorgung der Träger. Uns ist es in Eigenregie gelungen Sozialdienstleister-Einsatzgesetz, Handlungsanweisungen für Ein-
für 100.000 Euro zertifizierte Schutzmasken zu bestellen. richtungen... Das sind nur einige der vielen Themen, die wir klä-
Andreas Kaczynski, ren und abstimmen müssen.
Vorstandsvorsitzender des Paritätischen Brandenburg Wolfgang Luz, Vorstand Paritätischer Bremen
Hamburg Hessen
Fast rund um die Uhr stehen wir in Video- und Telefonkonfe- Soziale Fachkräfte und Unterstützung dorthin zu vermitteln, wo
renzen unseren Mitgliedern mit Rat und Tat zur Seite, v.a. bei sie jetzt dringend gebraucht werden – dafür haben wir eine Ver-
Fragen rund um Hygienemanagement, Schutzausrüstung und fi- mittlungsbörse gestartet. Manche Mitgliedsorganisationen haben
nanzielle Schutzschirme wie das SodEG. Trotz Social Distancing jetzt sehr viel, manche nichts zu tun. In der Corona-Pandemie ist
sind wir unseren Mitgliedern zurzeit besonders nah. Solidarität wichtiger denn je. Dazu kann auch gehören, dass Ein-
richtungen für andere Mund-Nasen-Bedeckungen nähen.
Kristin Alheit, Dr. Yasmin Alinaghi,
Geschäftsführerin des Paritätischen Hamburg Landesgeschäftsführerin des Paritätischen Hessen
6 www.der-paritaetische.de 3 | 2020Aus aktuellem Anlass
mmern Niedersachsen
Mecklenburg-Vorpo
Unsere wichtigste Aufgabe ist gerade die Information und Bera- Wir liefern unseren Mitgliedern die Informationen, die sie brau-
tung. Unsere Mitglieder brauchen schnelle und verlässliche Infor- chen. Wir zeigen Handlungsoptionen auf, wir helfen bei der Be-
mationen über aktuelle Erlasse, gesetzliche Regelungen und schaffung von Schutzausrüstung, und wir wirken erfolgreich auf
Hilfsprogramme. Darüber hinaus bündeln wir die Anliegen und die Politik ein, damit auch der soziale Bereich bestmöglichen Zu-
Fragen unserer Mitglieder zur Klärung mit der Landesregierung. gang zu existenzsichernden Fördermitteln erhält.
Christina Hömke, Landesgeschäftsführung des Birgit Eckhardt,
Paritätischen Mecklenburg-Vorpommern Vorsitzende des Paritätischen Niedersachsen
Nordrhein -Westfa
len d- Pfalz
Saarland/Rheinlan
Wie kommen unsere Träger an Schutzkleidung, wo muss das
Land dringend politisch nachsteuern, um drohende Insolvenzen Wir versuchen, der Krise immer einen Schritt voraus zu sein. Es
zu verhindern? Riesige Herausforderungen, stündlich ein neuer geht uns insbesondere darum, die Handlungsfähigkeit unserer
Stand, keine Auszeit am Wochenende: Dank des großen Engage- Mitglieder bestmöglich aufrecht zu erhalten und vor allem deren
ments unserer Kolleg*innen im Landesverband meistern wir das Fortbestand für die Zeit nach der Krise zu sichern.
– gemeinsam und pragmatisch!
Andrea Büngeler und Christian Woltering, Michael Hamm, Landesgeschäftsführer
Landesgeschäftsführung des Paritätischen NRW des Paritätischen Saarland/Rheinland-Pfalz
Sachsen Sachsen- Anhalt
Als Verband war es unser dringlichstes Anliegen, drohende Finan-
zierungsausfälle für die Träger abzuwenden und somit den Fort- Künftig wird es darauf ankommen, den sozialen Bereich als den-
bestand der Angebote zu sichern. Im guten Kontakt mit Politik jenigen wertzuschätzen und zu sichern, der für das Gelingen der
und Verwaltung konnten wir auf Regelungslücken hinweisen und bevorstehenden Lockerungen und wirtschaftlichen Gesundung
zu Lösungen beitragen. des Landes essentiell ist.
Michael Richter, Anja Naumann,
Landesgeschäftsführer des Paritätischen Sachsen Geschäftsführerin des Paritätischen Sachsen-Anhalt
Schleswig- Holstein Thüringen
Es gibt zwei große Handlungsstränge: den Erhalt der Arbeitsfä-
higkeit unserer Mitglieder und die Kommunikation mit den ver- Es geht um die Sicherung der sozialen Infrastruktur, darum, dass
schiedensten Akteuren, um perspektivisch die wirtschaftlichen wir alle in den Blick nehmen. Das heißt zur Not braucht es Indi-
Folgen kompensieren zu können. Wichtige Teile der sozialen In- viduallösungen für einzelne Träger, wenn andere Hilfen nicht grei-
frastruktur dürfen nicht wegbrechen, das wäre gerade jetzt für fen. Hier werden wir nicht lockerlassen.
unsere Gesellschaft fatal.
Michael Saitner, Stefan Werner,
Landesgeschäftsführung des Paritätischen Schleswig-Holstein Landesgeschäftsführer des Paritätischen Thüringen
www.der-paritaetische.de 3 | 2020 7Schwerpunkt
Erstes queeres
Vernetzungstreffen unter
dem Dach des Paritätischen
Gesamtverbandes Die Teilnehmer*innen
Mit 45 Teilnehmer*innen fand am 12. Die Paritätischen Verbandsgrundsätze • hoher Bedarf an niedrigschwel-
Februar 2020 das erste Vernetzungs- Vielfalt, Offenheit und Toleranz sind ligen Informationen, Angeboten,
treffen queerer Organisationen unter Auftrag und Kompass zugleich, was die Zugängen, Beratung für Betrof-
dem Dach des Paritätischen Gesamtver- Bearbeitung von queeren Themen in fene und Interessierte
bandes statt. Sowohl Vertreter*innen Paritätischen Strukturen anbelangt. • Strategien Öffentlichkeitsarbeit:
der bundesweit agierenden queeren In- Wobei in der inhaltlichen Auseinander- digitale Strategien, Bilder, Erzäh-
teressenvertretungen wie LSVD, Queere setzung schon deutlich wurde: Toleranz lungen, Beispiele, Role Models
Bildung, Trans* e.V., Lambda Jugend- allein reicht vielen queeren Menschen • hoher Qualifizierungsbedarf von
netzwerk, Akademie Waldschlösschen nicht. Es muss um Akzeptanz in allen Ausbildungsinhalten der sozialen
als auch Vertreter*innen der Paritä- Lebensbereichen und Lebenslagen ge- Arbeit, Pädagogik, Medizin, Psy-
hen. Da, wo es sie nicht gibt, braucht es chologie etc. und von Fachkräften
tischen Landesverbände, des ASB oder
aktiven Schutz vor Diskriminierung bis in den Regelstrukturen (Kita, Schu-
Pro Familia haben den Tag genutzt, um
hin zum Schutz vor Gewalt, die für viele le, Kinder- und Jugendhilfe, Ge-
gemeinsam zu überlegen, wie das The-
queere Menschen reale Erfahrung ist. sundheit, Migration, Psychothera-
ma rund um geschlechtliche und sexu-
Gute Soziale Arbeit heißt daher insbe- pie…)
elle Vielfalt in den Strukturen des Pari-
sondere auch hier der Einsatz für und • strukturelle und finanzielle Absi-
tätischen bearbeitet werden kann. Fo- cherung queerer Angebote, Schaf-
die Verwirklichung von Menschenrech-
kus waren die Bedürfnisse von queeren fung von Angeboten im ländlichen
ten. Unser Verständnis Sozialer Arbeit
Kindern, Jugendlichen und Eltern in Raum
ist geprägt von einer menschenrechtso-
der Sozialen Arbeit. Denn diese erfor- • Schutzräume schaffen
rientierten Haltung, die diskriminie-
dern ganz besonderer Sorgfalt. Das • Unterstützung in der Abwehr von
rende und menschenfeindliche Bezüge
kann Bereiche der Kinder- und Jugend- rechten und populistischen Hal-
ausschließt und wirksame Interventi-
hilfe, der psychosozialen Beratung so- tungen und Gewalt
onen ermöglicht.
wie der Jugendsozialarbeit und Kinder- • Anregung und Unterstützung von
und Jugendarbeit genauso betreffen, Forschung zu queeren Themen
Konkret wurden folgende Ideen für die
wie Angebote der Familienhilfe oder
Bearbeitung queerer Themen entwi-
der Frühen Hilfen. Queere Themen Nun gilt es, die an dem Fachtag entwi-
ckelt:
spielen überall dort eine Rolle, wo Kin- ckelten Ideen in die Paritätischen
• das Thema als Querschnittsthema
der, Jugendliche und Eltern sind – ganz Strukturen zu tragen, um gemeinsam
im Paritätischen (Bundesebene,
egal ob in der Kita, der Schule, dem Ju- mit den Mitgliedsorganisationen auf
Landesebenen) verankern (Kinder,
gendtreff, dem Sportverein, dem Bundes- und Landesebene die Veran-
Familie, Kinder- und Jugendhilfe,
Freund*innenkreis oder in der eigenen kerung von queeren Themen für Kin-
Gesundheit, Selbsthilfe, Migrati-
Familie, um nur einige Bereiche zu der, Jugendliche und Eltern in unseren
on, Behinderung, Pflege), in den Strukturen zu eruieren. Für uns steht
nennen. Mit Paritätischen Landesver- Arbeitskreisen als Querschnitts-
bänden, überregionalen Mitgliedsorga- fest, dass das Treffen am 12. Februar
thema etablieren 2020 der erste Schritt hin zu einer dies-
nisationen und Paritätischen Einrich- • weitere Vernetzung zu queeren bezüglichen Vernetzung ganz unter-
tungen wurde sich ausgetauscht, was es Themen innerhalb des Paritä- schiedlicher Organisationen im Paritä-
zu berücksichtigen gilt, wenn es um tischen tischen war.
Soziale Arbeit für und mit queeren Kin- • interne Weiterentwicklungsbedar-
dern, Jugendlichen und ihren Eltern fe identifizieren: Paritätische Leit- Wie sich die weitere Zusammenarbeit
geht. Wir fragten, zu welchen Themen bilder, gendergerechte Sprache und Vernetzung konkret ausgestalten
wir zukünftig zusammenarbeiten wol- und Kommunikation, Infrastruk- wird, daran wollen wir in den kom-
len. Unser erklärtes Ziel: Herauszufin- turausstattung etc. menden Monaten weiterarbeiten.
den, ob wir ein gemeinsames Verständ- • Paritätische Positionen und Stel- Juliane Meinhold ist Referentin für
nis von Sozialer Arbeit zu queeren The- lungnahmen zu queeren Themen, Kinder- und Jugendhilfe beim
men haben und woran wir uns im Pa- Kooperationen und Bündnissen Paritätischen Gesamtverband
ritätischen messen wollen. eingehen und unterstützen
8 www.der-paritaetische.de 3 | 2020Schwerpunkt
Drei Fragen an Henny Engels,
Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD)
Der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands wurde vor 30 Jahren am 18. Februar
1990 zunächst in der DDR gegründet. Bereits wenige Monate später war die DDR
Geschichte und der LSVD wurde Gesamtdeutsch.
Der Verband kann auf viele Erfolge zurückblicken. Bereits ab 1992 machte er sich stark
für eine komplette Gleichstellung in der Ehe von schwulen und lesbischen mit heterosexu-
ellen Paaren, die 2017 endlich erreicht wurde. Dennoch gibt es noch viel zu tun. Darüber
sprachen wir mit Henny Engels, Mitglied des Bundesvorstandes des LSVD.
Frau Engels, der LSVD feiert in diesem zweiter Klasse. Das wollten wir ändern.
Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Glück- Seit 2017 können Lesben und Schwule
wunsch noch einmal dazu. Warum hat sich nun heiraten. Ist damit die Gleichstellung
der Verband damals eigentlich gegründet? erreicht, für die der LSVD seit Jahren ge-
kämpft hat?
Herzlichen Dank für die Glückwün- liches Verbot der Diskriminierung we-
sche. Unser Verband hat sich 1990 in Unbestritten war die Öffnung der Ehe gen sexueller Identität verankert wird.
Leipzig als Schwulenverband in der ein unglaublich großer Schritt in Rich- Mal abgesehen vom Corona-Virus: Wel-
DDR (SVD) gegründet und sich kur- tung Gleichstellung. Ich muss daran ches Thema beschäftigt den Verband ge-
ze Zeit später in Schwulenverband in erinnern, dass nach der Einführung rade besonders? Was ist die größte Bau-
Deutschland umbenannt. Seine Wur- der Eingetragenen Lebenspartnerschaft stelle?
zeln hat er in der staatskritischen, un- 2001 die zunehmende Gleichstellung
abhängigen schwulen Bürgerrechtsbe- bspw. im Steuerrecht, im Erbrecht oder Corona beschäftigt uns natürlich auch
wegung der DDR – damals noch unter dem Adoptionsrecht in unendlich vie- – wir haben auf unserer Website Tipps,
dem Dach der evangelischen Kirche. len Schritten, zum Teil auch vor Ge- Hinweise und Links zu Beratungs- und
Die Ziele sind Akzeptanz von Vielfalt, richt, erstritten werden musste. Die Unterstützungsangeboten für LSBTI
volle gesellschaftliche Teilhabe und Öffnung der Ehe und damit die weit- und andere veröffentlicht.
Gleichberechtigung. Dafür leisten wir gehende Gleichstellung war das Ende Die größte Baustelle ist aus meiner
Überzeugungsarbeit, richten konkrete eines unwürdigen und ermüdenden Sicht die tatsächliche gesellschaftliche
Lösungsvorschläge an die Politik und Prozesses. Akzeptanz und Gleichstellung im All-
wollen dort Mehrheiten gewinnen. tag. Rechtliche Gleichstellung ist unbe-
Dieser Bürgerrechtsansatz war 1990 Aber es bleiben noch offene Baustel- stritten wichtig und richtig – aber sie
auch für viele westdeutsche schwule len, z.B. im Abstammung- und Fa- ist nicht alles. Um es mit einem Zitat
Aktivisten viel- und erfolgsverspre- milienrecht. Zwar gibt es jetzt das ge- eines schwulen Paares in der DDR zu
chend. Auf Initiative vieler engagierter meinschaftliche Adoptionsrecht, aber sagen „Das Gesetz war gnädig, die Ge-
Lesben wandelte sich der Schwulen- bei einem Kind, das in eine Zwei-Müt- sellschaft war es nicht“. Sätze wie „Nun
verband dann 1999 zum Lesben- und ter-Familie geboren wird, kann eine ge- sind wir Ihnen doch schon so weit ent-
Schwulenverband (LSVD). Seit über 20 meinsame rechtliche Elternschaft nur gegen gekommen…“ machen deutlich,
Jahren treten wir also gemeinsam für durch das langwierige Verfahren der dass LSBTI oft immer noch nicht als
Menschenrechte, Vielfalt und Respekt Stiefkindadoption erreicht werden. Ich gleichwertige Mitglieder dieser Gesell-
ein. sehe nicht, wie das dem Kindeswohl schaft wahrgenommen und akzeptiert
dienen soll. sind: Die rechtliche und gesellschaftli-
Warum die Verbandsgründung? Den- che Gleichstellung von LSBTI ist kein
ken Sie zurück: Vor 30 Jahren gab Das diskriminierende Transsexuel- Gnadenakt, sondern die Umsetzung der
es in der Bundesrepublik noch den lengesetz muss zugunsten echter Erkenntnis, dass die Würde aller Men-
menschenrechtswidrigen § 175 StGB. Selbstbestimmung abgelöst werden, schen und nicht nur die der Heterose-
Gleichgeschlechtliche Paare waren intergeschlechtliche Kinder müssen xuellen unantastbar ist. In Zeiten, in
rechtlos, sie wurden vom Recht wie vor medizinisch nicht notwendigen denen Rechtsextremisten in den Parla-
Fremde behandelt. Viele Positionen in geschlechtszuweisenden Operationen menten sitzen, Hetze und Hasskrimi-
Gesellschaft oder Politik waren offen le- geschützt werden. Der Diskriminie- nalität zugenommen haben, scheint mir
benden Lesben und Schwulen de facto rungsschutz im Allgemeinen Gleich- dies wichtiger denn je. Um Werte wie
verschlossen, es gab Berufsverbote, z.B. behandlungsgesetz (AGG) muss effek- Freiheit, Gleichheit und Respekt muss
für Schwule in der Bundeswehr. Wir wa- tiver werden und wir wollen, dass auch täglich neu gerungen werden.
ren rechtlich Bürgerinnen und Bürger im Grundgesetz endlich ein ausdrück- Die Fragen stellte Philipp Meinert
www.der-paritaetische.de 3 | 2020 9Schwerpunkt
Schwerpunkt
Interview mit Vava Vilde,
Drag-Artist und
Aktivistin
Vava Vilde beschreibt sich selbst als
ein reptiloides Drag-Alien aus dem
All. Ihre Looks sind futuristisch, fan-
tasievoll und beeindruckend. Vava
engagiert sich seit 2009 in der Initia-
tivgruppe Homosexualität Stuttgart
e.V., anfangs in der Jugendarbeit
mit Jugendgruppen und Schulaufklä-
rungsarbeit, zuletzt mehrere Jahre
als stellvertretender Vorsitzender.
Darüber besteht eine enge Ver-
knüpfung zum LSBTTIQ-Zentrum
Weissenburg Stuttgart. Seit 2011 ist
Vava im MSM-Präventionsteam der
AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. und seit ca.
3 Jahren hilft sie dort bei den mo-
natlichen HIV-Schnelltest-Aktionen.
Liebe Vava, Du warst Teilnehmerin und so- gen Kondome verteilt, Prävention be- möchten, ist die Frage. Allerdings ha-
gar Finalistin bei der Pro7-Sendung Queen trieben habe und so mit Menschen ins ben wir sehr viele Zuschriften von
of Drags. Wie kam es eigentlich dazu? Gespräch gekommen bin. Drag spielt Menschen bekommen, denen die
mit Identität und Geschlechterrol- Show Mut gemacht hat, denen unsere
Ich bin über Instagram von Pro7 kon- len, es muss also nicht unbedingt ein Geschichten neue Einblicke gegeben
taktiert worden, dass sie ein neues schwuler Mann sein, der auf der Büh- haben, oder die durch die Show zum
Format planten und ob ich nicht Inte- ne eine weibliche Diva darstellt. Jede*r ersten Mal mit ihren Familien über
resse hätte, mehr darüber zu erfahren. kann sich mit Drag kreativ ausleben LSBTTIQ-Themen sprechen konnten.
Daraus entstand der Castingprozess, und sich seinen eigenen Superhelden Und ich denke damit allein, hat Queen
in welchem ich am Ende für die Show erschaffen. of Drags schon viel Positives bewirkt.
ausgewählt wurde. Wie Pro7 auf mich
aufmerksam wurde, kann ich nicht Durch die Show Queen of Drags haben Queen of Drags hat den Zuschauer*innen
genau sagen, da ich der breiten Masse queere Themen eine ganz neue Öffent- Mut gemacht, man selbst zu sein und sich
vor der Show vermutlich nicht geläufig lichkeit und Aufmerksamkeit bekommen zu zeigen. Bekommst Du Feedback, was
war. Mein Drag ist in seiner Art und und hoffentlich viele Berührungsängste die Show und Eure Performances bei Leu-
Qualität denke ich herausgestochen. abgebaut. Denkst Du Queen of Drags hat ten bewirkt haben?
neben dem gesteigerten Interesse auch
Seit wann machst Du Drag und wie bist das Verständnis für queere Menschen und Ja! Immer noch regelmäßig. Und das
Du dazugekommen? Was sollten unsere Themen erhöht? ist wundervoll zu hören, dass man Leu-
Leser*innen über Drag wissen? te erreicht und bereichert hat, ihnen
Queen of Drags ist eine Unterhal- durch die Show den Mut gegeben hat,
Ich habe 2011 über mein Ehrenamt bei tungsshow. Wie viele Menschen man mehr sie selbst zu sein, oder sich kre-
der AIDS-Hilfe mit Drag angefangen, damit erreicht, die sich mit queeren ativ auszuleben. Ich bekomme Nach-
indem ich als Vava auf Veranstaltun- Themen nicht auseinandersetzen richten von Kids, die sich zum ersten
10 www.der-paritaetische.de 3 | 2020Schwerpunkt
Mal gegenüber ihren Eltern öffnen Außerdem bist Du auch bei der AIDS-Hil- Auch beim Ehrenamt in der AIDS-Hil-
konnten, genauso wie von Eltern, de- fe Stuttgart e.V. aktiv. Wie bist Du zu Dei- fe sind alle immer dankbar, dass es die
nen die Show geholfen hat, ihre Kinder nem Ehrenamt gekommen? Angebote und Anlaufstellen für ihre
besser zu verstehen. Fragen und Probleme gibt.
Ich war vor der AIDS-Hilfe bereits in
Durch den Sender und die Sendezeit zur einer der Jugendgruppen der Initiativ- Wir im Verband setzen uns ja auch sehr
Primetime habt Ihr ganz neue Zielgrup- gruppe Homosexualität Stuttgart e.V. mit dem Thema Hate Speech und Hass auf
pen erreicht und begeistert. Wie hast Du und dadurch auch mit dem LSBTTIQ Social Media auseinander. Queere Men-
das wahrgenommen? Waren Zielgruppen Zentrum Weissenburg eng vernetzt, schen sind von negativen Kommentaren
darunter, die Dich besonders überrascht wo auch meine Dragfamilie House of und Drohungen auf Social Media beson-
haben? V die letzten drei Jahre ihre ausver- ders betroffen. Wie gehst Du mit Hass
kauften Shows veranstaltet hat. Dort auf Social Media um? Hat es sich nach der
Zum einen spricht eine Show über hat uns ein Mitarbeiter der AIDS-Hil- Show verändert?
Drag natürlich queeres und dragbe- fe deren Arbeit vorgestellt und für das
geistertes Publikum an, aber auch alle MSM-Präventionsprojekt gewinnen Vor der Show haben sich natürlich viel
drei Juroren haben ihre ganz eigenen können. Ehrenamt mit Feiern zu verbin- weniger Menschen für mich interes-
Fangemeinden und durch Pro7 sind den, war attraktiv. siert und in der Öffentlichkeit zu sein
noch viele weitere Menschen mit Drag macht angreifbar. Aber ich habe zur
in Berührung gekommen. Dass Queen Welche Auswirkungen, Deiner ehrenamt- Show hauptsächlich positive Rückmel-
of Drags viele heterosexuelle Frauen lichen Arbeit, spürst Du persönlich und dungen bekommen, vermutlich weil
und Teenies in der Findungsphase an- im Kontakt mit den Menschen, für die Du sich ganz andere Menschen von mir
spricht, habe ich erwartet, es zu erleben Dich engagierst? angesprochen fühlen. Insgesamt ver-
ist aber doch nochmal etwas anderes. suche ich, Hass humorvoll und aufklä-
Und ich war überrascht, wie jung man- Ich glaube, sich für andere einzusetzen rend zu begegnen, wenn er auf Unwis-
che Fans sind – also nicht nur Teenies ist nie verkehrt. Mit Drag und Vava hel- senheit beruht und die Menschen offen
sondern auch wirklich junge Kinder. fe ich Leuten glaube ich mehr, indem für Input sind. Ansonsten sollte man
ich inspiriere und eine Stimme gebe. auf Social Media aber nicht davor zu-
In Deinen Performances in der Show hast In der Jugendarbeit der ihs konnte ich rückschrecken, Hasserfülltes einfach
Du Statements zu Themen wie Feminismus, miterleben, wie sich queere Jugendli- zu blockieren. Insgesamt ist mir die
Zukunft und Verletzlichkeit gesetzt und in che entwickeln und aufblühen in ihrer Meinung solcher Leute vollkommen
den Interviews queere Themen immer wie- Identität, wenn man ihnen die Mög- egal, da sie keinerlei Einfluss auf mein
der in den Vordergrund gerückt. Wie wich- lichkeit zur Entfaltung gibt. Die ihs Leben hat. Ich umgebe mich lieber mit
tig war es Dir, neben der Unterhaltung den und Weissenburg bieten beispielsweise Menschen, die mein Leben bereichern.
Zuschauern auch Botschaften mitzugeben auch Beratungsangebote und Hilfe für
und diese Themen zu platzieren? Geflüchtete an. Da erlebt man im di- Wenn unsere Welt ein bisschen mehr sein
rekten Umgang mit den Menschen im- könnte wie Planet Vava, was wünscht Du
Von Anfang an war für mich ein Aus- mer, wie wichtig solche Angebote sind. Dir für die Zukunft unserer Gesellschaft?
schlusskriterium, ob unsere Identität
und Kunst wertschätzend behandelt Ganz salopp gesagt, würde ich mir we-
und ob queere Geschichten Gehör fin- niger Dummheit und Ignoranz wün-
den werden. Drag ist queere Kultur, schen. Weniger schwarz-weiß im Den-
ist politisch und gesellschaftskritisch. ken und Handeln, mehr Miteinander
Mir war wichtig, das zu zeigen, meine und Rücksicht aufeinander. Warum
Identität einfließen zu lassen und die nicht die Welt durch unsere kurze An-
Plattform positiv zu nutzen. Bei Drag wesenheit ein bisschen besser machen?
geht es nicht darum, die Schönste
zu sein oder die teuersten Kleider zu Das Interview führte Lena Plaut
tragen – Drag benötigt Kreativität,
Individualität und sich kritisch mit
seiner Identität und der Gesellschaft
auseinanderzusetzen. Durch Fernse-
hen Menschen „kennen zu lernen“ Weitere Informationen
und mit ihnen mitzufühlen bietet
die Chance, Verständnis für Lebens- Vava Vildes Instagram:
welten zu schaffen, mit denen man www.instagram.com/vavavilde
vorher keinerlei Berührungspunkte AIDS-Hilfe Stuttgart:
hatte. Und das wollte ich durch mei- www.aidshilfe-stuttgart.de
ne Teilnahme mit ermöglichen. Lena Plaut und Vava Vilde in Zivil
www.der-paritaetische.de 3 | 2020 11Schwerpunkt
Drei Fragen an Heike Gronski,
Deutsche AIDS-Hilfe
Die Deutsche AIDS-Hilfe wurde im Jahr 1983 gegründet. Sie ist ein Dachverband von
rund 130 Organisationen und Einrichtungen in Deutschland und vertritt die Interessen
von Menschen mit HIV/Aids in der Öffentlichkeit sowie gegenüber Politik, Wissenschaft
und medizinischer Forschung. Die AIDS-Hilfe bietet Unterstützung von Menschen mit
HIV/AIDS an und setzt auch auf Prävention, indem sie in Beratungsstellen anonyme
HIV-Tests anbieten.
Heike Gronski ist Referentin „Leben mit HIV“ und beschäftigt sich seit langem mit der
Infektion und der Krankheit. Mit ihr haben wir über Veränderungen im Umgang mit der
Krankheit gesprochen.
Frau Gronski, sie sind seit 1998 bei der verhindert. mit HIV machen außerdem schlech-
Aidshilfe aktiv. Wie hat sich die Präventi- Zugleich sind die Testangebote besser te Erfahrungen bei der Partnersuche
onsarbeit in 22 Jahren verändert? geworden, so dass Menschen auch frü- und erleben Schuldzuweisungen im
Vor allem hat sich das Leben mit HIV her von ihrer Infektion erfahren, vor familiären Umfeld. Oftmals triggern
geändert. HIV ist eine gut behandelba- allem schwule Männer. Sich testen zu diese Situationen frühere negative Er-
re Infektion geworden. Menschen mit lassen ist leichter und unkomplizierter fahrungen, die jemand beim schwulen
HIV führen in der Regel ein Leben wie geworden: Es gibt vielfältige Angebote Coming-out oder aufgrund von Rassis-
andere Menschen auch: Sie arbeiten, in Beratungsstellen und Checkpoints. mus gemacht hat.
reisen, haben Sex, gründen Familien Beim Schnelltest bekommt man das Viele HIV-Positive verheimlichen da-
oder Firmen, machen Karriere, werden Ergebnis sofort vor Ort. Seit 2018 sind her ihre Infektion. Die Angst vor Ent-
alt und beziehen Renten. HIV-Tests auch in Apotheken und Dro- deckung ist ein dauerhafter Stressor
Auch beim Schutz vor der HIV-Über- gerien erhältlich und können selbst an- und wirkt sich negativ auf die Gesund-
tragung hat sich einiges getan: Mitt- gewendet werden. heit aus. Sie kann zu problematischem
lerweile gibt es drei Möglichkeiten. Ein weiterer Meilenstein war die Ein- Drogenkonsum oder Depressionen
Neben dem Kondom gibt es die vor- führung der PrEP, die seit 2019 auch führen.
beugende Einnahme eines Medika- Kassenleistung ist. Sie spricht ins- Zugleich trägt die Angst vor Zurück-
ments, die PrEP, und den „Schutz besondere die Menschen an, für die weisung und Abwertung dazu bei, dass
durch Therapie“. Bei medikamentöser durchgängiger Kondomgebrauch aus Menschen aus Angst vorm Ergebnis
Behandlung ist HIV nämlich nicht verschiedenen Gründen keine Option keinen HIV-Test machen. Noch immer
mehr übertragbar. ist und die daher zuvor ein sehr hohes wissen rund 11.000 in Deutschland
Das macht die Präventionsarbeit zwar Risiko hatten. nichts von ihrer Infektion. Sie laufen
anspruchsvoller, bietet aber vor allem Gefahr, schwer zu erkranken und HIV
neue Möglichkeiten und Freiheiten. bleibt bei ihnen übertragbar.
Sex ohne Kondom ist wieder ohne Risi- Welche Herausforderungen sehen Sie für Solange die Gesellschaft keinen ange-
ko möglich. Das schafft Entlastung und die Zukunft in Ihrer Arbeit? messenen und selbstverständlichen
trägt für viele zu einer erfüllten Sexua- All diese positiven Entwicklungen ha- Umgang mit HIV findet, fällt dies auch
lität bei. ben leider nicht dazu geführt, dass Dis- Menschen mit HIV schwer. Die Aids-
kriminierung im gleichen Maße abge- hilfen vermitteln Wissen und unter-
Die Neuinfektionen mit HIV gehen seit nommen hat. Immer noch haben viele stützen Menschen mit HIV dabei, ei-
2015 kontinuierlich zurück. Woran liegt völlig unbegründete Infektionsängste nen entspannten und offenen Umgang
das? und reagieren deswegen ablehnend, mit der Infektion zu entwickeln. Wir
Das hat verschiedene Gründe. Zum ei- wenn jemand sich als HIV-positiv ou- helfen dabei, mit Ablehnung umzuge-
nen wird seit 2015 empfohlen, schon tet. Das passiert zum Beispiel häufig hen und unterstützen Menschen mit
direkt nach der HIV-Diagnose mit ei- im Medizinsystem, etwa wenn HIV-po- HIV dabei, sich gegen Diskriminie-
ner Behandlung zu beginnen. Darum sitive Patient_innen einen Termin in rung zu wehren.
nehmen insgesamt immer mehr Men- der Zahnarztpraxis machen möchten.
schen mit HIV Medikamente. Da HIV Auch im Arbeitsleben kommt es im-
unter Therapie nicht übertragbar ist, mer wieder zu Benachteiligung, wenn Die Fragen stellte Philipp Meinert
werden so auch weitere Infektionen die Infektion bekannt wird. Menschen Weitere Infos auf www.aidshilfe.de
12 www.der-paritaetische.de 3 | 2020Schwerpunkt
In Ordenstracht gegen HIV und Co.
Die Aufklärung über Geschlechtskrankheiten, besonders HIV und AIDS, hat sich in den
vergangenen Jahren grundsätzlich gewandelt. In den Achtzigern, als HIV noch fast
zwangsläufig zu einer AIDS-Infektion und zum sicheren Tod führten, waren die Mittel
oft dementsprechend deutlich: Die ersten AIDS-Aktivist*innengruppen wie ACT UP
oder Queer Nation trugen in den USA Grabsteine mit den Namen von AIDS-Toten. In
den Neunzigern änderte sich wieder etwas im Erscheinungsbild. AIDS war nach wie vor
eine tödliche Krankheit, aber die Ansprache änderte sich. Humor war erlaubt. Hella von
Sinnen, die als schrille Kassiererin im Supermarkt mit ihrem Ausruf „Tinaaaa, wat kosten
die Kondome?“ einen verklemmten Kunden bloßstellte, ist bis heute bekannt.
Seit gut 20 Jahren ist HIV kontrollier- frühen Neunzigern diverse Orden in
bar. Zum Ausbruch von AIDS kommt Deutschland. 2013 gründete Sister
es mit den richtigen Medikamenten Mary Clarence das House of Queer Si-
nicht mehr und auch das Kondom ist sters 2013 in Berlin, mit dem heiligen mittelt das House of Queer Sisters auch
nicht mehr der einzige Schutz vor An- Segen einer Gründungsschwester aus Ärztinnen und Ärzte, die zum Beispiel
steckung. Das verändert auch die Prä- San Francisco. Beide Orden kümmern mal Blut für den HIV-Test abnehmen.
ventionsarbeit, besonders in der schwu- sich um den Bereich Gesundheitsprä- Aber warum der Habit, frage ich. Sie
len Community, nach wie vor eine vention, beim House of Queer Sisters könne doch auch ganz normal in Jeans
Gruppe, die durch Prävention beson- kommt noch Behinderten- und Flücht- und T-Shirt für einen Präventionsverein
ders angesprochen werden müssen. lingshilfe sowie der Bereich Menschen- arbeiten. Doch sowohl für Sister Mary
Selbstverständlich stellt HIV immer rechte hinzu sowie Bildung: „Wir bieten Clarence als auch die Klient*innen
noch eine große Bedrohung dar, aber auch Fortbildungen und Seminare an, habe der Look Vorteile, erklärt sie: „Es
die heutige Generation schwuler Män- bei denen Ärztinnen und Ärzte referie- ist leichter, im Habit und geschminkt
ner hat den AIDS-Schock nicht mehr ren zu den Themen HIV, AIDS, STIs auf die Leute zuzugehen. Mit der
erlebt. Beide Faktoren erlauben auch und Hepatitiden.“ Tatsächlich geht es Schminke verschwindet man in eine
trotz der Ernsthaftigkeit des Themas bei der Aufklärung nicht nur um die Rolle. Und anderen wiederum fällt es
eine niedrigschwellige und kreative An- nüchterne Erklärung medizinischer leichter, mit mir in Kontakt zu kom-
sprache. Fakten. men, weil man weiß nicht direkt, wer
unter der Schminke steckt“, erklärt sie.
Als Nonne in der queeren Szene Auch Geflüchtete gehören zur Außerdem sei sie sowieso schon immer
So macht es Sister Mary Clarence, und Community jemand gewesen, der sich sehr gerne
zwar in Gestalt einer Ordensschwester. Die Queer Sisters stellen auch ein An- schminkt. Das Schöne mit dem Nütz-
Dabei trägt sie dabei einen Habit, eine gebot dar für diejenigen, die sie nicht in lichen verbinden, also.
Nonnentracht. Allerdings keine klas- den Treffpunkten der Szene finden. Ge-
sische schwarzweiße Tracht, sondern rade queere Geflüchtete sind oft noch Keine Probleme mit Katholik*innen
einen bunten, oft glitzernden Habit mit besonderen Repressionen ausgesetzt, Aber wie kommt ihr Outfit eigentlich
zahlreichen Ansteckern verziert, dazu auch durch die eigenen Landsleute. Für bei gläubigen Katholik*innen an, die so
ein weiß geschminktes Gesicht. Natür- queere Geflüchtete betreibt unter ande- etwas als Beleidigung empfinden
lich ist sie keine katholische Geistliche, rem die Schwulenberatung eigene Un- könnten? „Bis heute haben wir mit den
die in einem Kloster lebt, sondern als terbringungsmöglichkeiten. Die Pro- katholischen Ordensschwestern keine
queere Nonne in der Berliner Szene un- bleme fangen da oft schon mit der An- Probleme gehabt,“ meint Sister Mary
terwegs. Die Idee, in dieser Form Auf- sprache an: „Vielen muss vorher gesagt Clarence. Und bei einigen Ordens-
klärung zu betreiben, entstand bereits werden, dass sie zu uns, also zur schwestern sei es ja so, dass sie in Kli-
in den späten Siebziger Jahren in San LGBTIQ-Community gehören. Die niken oder Hospizen arbeiten und so
Francisco, als sich die Sisters of Perpe- können nicht einfach sagen, dass sie auch Menschen mit HIV/AIDS betreu-
tual Indulgence gründeten. „Wir haben schwul oder lesbisch sind“, erklärt Sister en. So weit weg ist man da gar nicht
uns entschieden, die Attribute der Or- Mary Clarence. Ein Outing ist in vielen vom historischen Vorbild. Und wenn
densschwestern zu übernehmen, die Herkunftsländern keine Selbstver- doch jemand frage warum, werde die
bei Ihrem Gelübte versprochen haben ständlichkeit. „Für viele ist auch schwie- Absicht erklärt und man gehe mit
für Menschen da zu sein, die Hilfe und rig, einfach zur AIDS-Hilfe zu gehen, einem Lächeln auseinander.
Geborgenheit brauchen“, erklärt Sister wenn sie sich testen lassen wollen. Es Philipp Meinert
könnte sie ja einer ihrer Landsleute da- Weitere Informationen:
Mary Clarence an Antrieb für ihre Ar-
bei beobachten, wie sie reingehen“, er- www.house-of-queer-sisters.org und
beit. Als Schwestern der Perpetuellen
klärt Sister Mary Clarence. Daher ver- unter info@house-of-queer-sisters.org
Indulgenz gründeten sich auch ab den
www.der-paritaetische.de 3 | 2020 13Schwerpunkt
Auf der Suche nach einem Zuhause
Unter dem Motto „Ohren auf! Herzen auf! Türen auf!“ hat der Paritätische Oberbayern
zusammen mit fünf Mitgliedsorganisationen eine Wohnungskampagne für LGBTI*(lesbisch,
schwul, bisexuell, transgender und intersexuell)-Geflüchtete gestartet.
Damit sollen alle Menschen angesprochen werden, die über Wohnraum verfügen und
bereit sind, anerkannte lesbische, schwule und trans* Geflüchtete in München und Um-
land zu unterstützen.
Immoscout ist das Portal auf dem sich fürchtete dort um Leib und Leben:
Hanaa am häufigsten einloggt. Seit ih- „You homosexuals have to be killed!“,
rer Anerkennung als Geflüchtete sucht schrie sie einer ihrer Mitbewohner an.
die 26jährige Transfrau aus Tansania Ihr Zimmer wurde verwüstet. Doch
verzweifelt eine Wohnung in Mün- das Wachpersonal war keine Hilfe und
chen. In der teuersten Metropole zeigte selbst homophobe Tendenzen.
Deutschlands ist das kein leichtes Un- Hanaa musste deshalb hart für eine
terfangen – nicht mal für Urbayern mit Verlegung kämpfen. Im Münchner Os-
geregeltem Einkommen. Im Moment ten ist es ein bisschen besser, denn
lebt Hanaa in einer Flüchtlingsunter- hier muss sie sich das Zimmer immer- (Name von der Redaktion geändert)
kunft im Münchner Osten, aber das hin nicht mehr mit heterosexuellen ein Lied singen. Er lebt mit drei hete-
gestaltet sich schwierig – vor allem, Männern teilen. Sie kann jetzt mit ei- rosexuellen Männern in einem win-
weil sie demnächst eine Hormonbe- ner Freundin zusammenwohnen. zigen Raum, obwohl er bereits seine
handlung beginnen will, um auch äu- Trotzdem bleibt die Angst. Dabei wä- Anerkennung hat und bis zur Corona-
ßerlich mehr zur Frau zu werden. Da- ren die Voraussetzungen für eine er- Krise in der Lebensmittelindustrie be-
für braucht sie viel Ruhe. Abgesehen folgreiche Wohnungssuche gar nicht schäftigt war. Seit über einem Jahr
davon, hat sie Angst, dass mit ihrer so schlecht: das Jobcenter hat ihr 600 sucht er vergeblich nach einer Woh-
äußerlichen Veränderung die Belästi- bis 700 Euro monatlich für die Miete nung und könnte sich diese sogar lei-
gungen durch heterosexuelle Campbe- bewilligt, doch Hanaa wird gar nicht sten. Streng genommen müsste er
wohner wieder zunehmen. „Früher litt erst zu den Besichtigungsterminen längst aus der Gemeinschaftsunter-
ich an Depressionen und habe mich eingeladen. Allerdings weiß sie nicht, kunft ausziehen, doch er findet in
selbst geschnitten“, erzählt sie. Vor ih- was dabei die größere Rolle spielt, dass München und Umgebung kein Apart-
rer Zeit im Münchner Osten wohnte sie aus Afrika kommt oder dass sie ment. Hamid kommt ursprünglich aus
sie in einer Unterkunft im 40 Kilome- eine Transfrau ist. Sansibar und lebte dort in ständiger
ter entfernten Fürstenfeldbruck und Angst, wegen seiner Homosexualität
Doppelt gestraft bei der ins Gefängnis zu müssen oder verprü-
Wohnungssuche gelt zu werden. Nach einer Odyssee
Annika Brose-Görl, Beraterin beim über Tansania und den Oman kehrte
Schwulen Kommunikations- und Kul- er zurück nach Sansibar und beantrag-
turzentrum SUB in München, kennt te dort ein Visum für Deutschland.
die Problematik. An sie wenden sich Noch immer leidet er unter einer post-
oft schwule Geflüchtete, die bereits an- traumatischen Belastungsstörung und
erkannt sind und zum Teil schon einen chronischen Angstzuständen. Dass
Job haben, aber trotzdem noch in der zwei seiner Mitbewohner kein Eng-
Asylbewerber-Unterkunft leben müs- lisch sprechen und er sich mit ihnen
sen, weil sie keine Wohnung finden. nicht verständigen kann, macht die
Viele sind „doppelt gestraft“ sagt sie, Situation noch schwieriger.
denn „sie trauen sich nicht ihre sexu-
elle Identität auszuleben und müssen Vermieter*innen gezielt ansprechen
gleichzeitig noch Angst vor Übergrif- Das SUB betreut jährlich 250 Men-
fen haben, wenn die meist heterosexu- schen wie Hamid. Annika Brose-Görl
ellen Mitbewohner entdecken, dass sie unterstützt die Betroffenen, indem sie
schwul sind“. Davon kann auch Hamid ihnen Tipps bei der Wohnungssuche
14 www.der-paritaetische.de 3 | 2020Sie können auch lesen