Ausgewählte Beiträge zur Schweizer Politik - Année politique Suisse
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Ausgewählte Beiträge zur
Schweizer Politik
Suchabfrage 19.12.2018
Thema Keine Einschränkung
Schlagworte Keine Einschränkung
Akteure Schwander, Pirmin (svp/udc, SZ) NR/CN, Schlüer, Ulrich (svp/udc, ZH)
NR/CN
Prozesstypen Keine Einschränkung
Datum 01.01.1997 - 01.01.2017
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17Impressum Herausgeber Année Politique Suisse Institut für Politikwissenschaft Universität Bern Fabrikstrasse 8 CH-3012 Bern www.anneepolitique.swiss Beiträge von Benteli, Marianne Bernath, Magdalena Brändli, Daniel Burgos, Elie Bühlmann, Marc Clivaz, Romain Denz, Andrea Eperon, Lionel Freymond, Nicolas Frick, Karin Giger, Nathalie Guignard, Sophie Hirter, Hans Hohl, Sabine Huguenet, François Käppeli, Anita Künzler, Johanna Mosimann, Andrea Rohrer, Linda Schnyder, Sébastien Schubiger, Maximilian Zumbach, David Bevorzugte Zitierweise Benteli, Marianne; Bernath, Magdalena; Brändli, Daniel; Burgos, Elie; Bühlmann, Marc; Clivaz, Romain; Denz, Andrea; Eperon, Lionel; Freymond, Nicolas; Frick, Karin; Giger, Nathalie; Guignard, Sophie; Hirter, Hans; Hohl, Sabine; Huguenet, François; Käppeli, Anita; Künzler, Johanna; Mosimann, Andrea; Rohrer, Linda; Schnyder, Sébastien; Schubiger, Maximilian; Zumbach, David 2018. Ausgewählte Beiträge zur Schweizer Politik: , 1997 - 2016. Bern: Année Politique Suisse, Institut für Politikwissenschaft, Universität Bern. www.anneepolitique.swiss, abgerufen am 19.12.2018. ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17
Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Chronik 1
Grundlagen der Staatsordnung 1
Politische Grundfragen 1
Verfassungsfragen 1
Nationale Identität 2
Image der Schweiz im Ausland 3
Rechtsordnung 3
Strafrecht 3
Grundrechte 4
Innere Sicherheit 4
Institutionen und Volksrechte 5
Bundesrat 5
Parlamentsmandat 6
Parlamentsorganisation 7
Organisation der Bundesrechtspflege 8
Föderativer Aufbau 9
Städte, Regionen, Gemeinden 9
Wahlen 10
Wahlen in kantonale Regierungen 10
Eidgenössische Wahlen 10
Aussenpolitik 12
Beziehungen zur EU 14
Beziehungen zu internationalen Organisationen 16
Zwischenstaatliche Beziehungen 19
Gute Dienste 19
Entwicklungspolitik 20
Landesverteidigung 20
Militäreinsätze 21
Militärorganisation 21
Ausrüstung und Beschaffung 23
Zivildienst und Dienstverweigerung 25
Wirtschaft 26
Wirtschaftspolitik 26
Strukturpolitik 26
Wettbewerb 27
Geld, Währung und Kredit 27
Geldpolitik 27
Börsen 27
Öffentliche Finanzen 28
Indirekte Steuern 28
Voranschlag 28
Finanzausgleich 29
Infrastruktur und Lebensraum 29
Verkehr und Kommunikation 29
Strassenverkehr 29
Raumplanung und Wohnungswesen 30
Wohnungsbau und -eigentum 30
Sozialpolitik 30
Bevölkerung und Arbeit 30
Arbeitnehmerschutz 30
Gesundheit, Sozialhilfe, Sport 30
Epidemien 30
Soziale Gruppen 32
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 IMigrationspolitik 32
Asylpolitik 32
Familienpolitik 33
Bildung, Kultur und Medien 33
Bildung und Forschung 33
Grundschulen 33
Kultur, Sprache, Kirchen 33
Kirchen und religionspolitische Fragen 33
Parteien, Verbände und Interessengruppen 34
Parteien 34
Grosse Parteien 34
Verbände 35
Überparteiliche politische Interessen / Think Tanks 35
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 IIAbkürzungsverzeichnis
EJPD Eidgenössisches Justiz- und Polizeidepartement
VBS Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und
Sport
UNO Organisation der Vereinten Nationen
SECO Staatssekretariat für Wirtschaft
KVF-NR Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrates
FK-NR Finanzkommission des Nationalrats
APK-SR Aussenpolitische Kommission des Ständerates
SiK-SR Sicherheitspolitische Kommission des Ständerates
AUNS Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz
NGO Nichtregierungsorganisation
RK-SR Kommission für Rechtsfragen des Ständerates
SiK-NR Sicherheitspolitische Kommission des Nationalrates
RK-NR Kommission für Rechtsfragen des Nationalrats
APK-NR Aussenpolitische Kommission des Nationalrates
IWF Internationaler Währungsfonds
EU Europäische Union
EVD Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
KFOR Kosovo Force
WPEG Bundesgesetz über die Wehrpflichtersatzabgabe
DEZA Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit
WAK-NR Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Nationalrats
EDA Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten
G20 Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer
UNHCR UN-Flüchtlingshochkommissariat
IK-NR Immunitätskommission des Nationalrates
VPM Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis
BAWI Bundesamt für Aussenwirtschaft
GuS Gemeinschaft Unabhängiger Staaten
NEBS Neue Europäische Bewegung Schweiz
IKRK Internationales Komitee vom Roten Kreuz
NFA Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung
KESB Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde
DFJP Département fédéral de justice et police
DDPS Département fédéral de la défense, de la protection de la population et
des sports
ONU Organisation des Nations unies
SECO Secrétariat d'Etat à l'économie
CTT-CN Commission des transports et des télécommunications du Conseil
national
CdF-CN Commission des finances du Conseil national
CPE-CE Commission de politique extérieure du Conseil des Etats
CPS-CE Commission de la politique de sécurité du Conseil des Etats
ASIN Action pour une Suisse Indépendante et Neutre
ONG Organisation non gouvernementale
CAJ-CE Commission des affaires juridiques du Conseil des Etats
CPS-CN Commission de la politique de sécurité du Conseil national
CAJ-CN Commission des affaires juridiques du Conseil national
CPE-CN Commission de politique extérieure du Conseil national
FMI Fonds monétaire International
UE Union européenne
DFE Département fédéral de l'économie, de la formation et de la recherche
KFOR Force pour le Kosovo
LTEO Loi fédérale sur la taxe d'exemption de l'obligation de servir
DDC Direction du développement et de la coopération
CER-CN Commission de l'économie et des redevances du Conseil national
DFAE Département fédéral des affaires étrangères
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 IIIG20 Groupe des vingt HCR Haut Commissariat des Nations unies pour les réfugiés CDI-CN Commission de l'immunité du Conseil national VPM Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis OFAEE Office fédéral des affaires économiques extérieures CEI Communauté des États indépendants NOMES Nouveau mouvement européen suisse CICR Comité international de la Croix-Rouge RPT Réforme de la péréquation et de la répartition des tâches APEA Autorité de protection de l'enfant et de l'adulte ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 1
Allgemeine Chronik
Grundlagen der Staatsordnung
Politische Grundfragen
Politische Grundfragen
GESELLSCHAFTLICHE DEBATTE Auch 2015 wird es zu einigen Jubiläen kommen, die sowohl hinsichtlich Organisation,
DATUM: 21.06.2014
MARC BÜHLMANN
aber auch bezüglich historische Deutung ihre Schatten ins 2014 warfen (Schlacht am
Morgarten 1315, Eroberung des Aargaus 1415, Schlacht bei Marignano 1515, Wiener
Kongress 1815 oder Ende des Zweiten Weltkrieges 1945). Die Festivitäten für die
Jubiläen werden bisher samt und sonders von Privaten oder den Kantonen geplant und
getragen. Der Bundesrat hielt sich bisher auffällig zurück. In ihren Antworten auf
entsprechende Interpellationen, die sich nach dem Einsatz des Bundes erkundigten,
erklärte die Regierung, dass sich die Eidgenossenschaft bei Erinnerungsfeiern für
historische Ereignisse bisher immer eher zurückhaltend gezeigt habe. Der Bund könne
aber eine koordinative Tätigkeit übernehmen und unterstütze die geplanten
Ausstellungen des Landesmuseums. Seitens des Bundes seien bisher lediglich drei
Jubiläen aktiv durchgeführt worden: 1891 (600 Jahre Eidgenossenschaft), 1941 (650
Jahre Eidgenossenschaft) und 1991 (700 Jahre Eidgenossenschaft). Hingegen hatte die
Regierung noch 2013 eine Motion Markwalder (fdp, BE) zur Annahme empfohlen, die
den Bund aufforderte, den vierzigsten Jahrestag der Ratifikation der Konvention zum
Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) gebührend zu feiern. In seiner
positiven Antwort bot der Bundesrat seine Beteiligung an verschiedenen Aktivitäten an,
bei denen die Bedeutung der EMRK bewusst gemacht werden soll, an denen aber auch
kritische Auseinandersetzungen mit der Konvention möglich sein sollen. Im Rat war die
Annahme allerdings von Schwander (svp, SZ) bekämpft worden. In eine ähnliche Kerbe
hieb das noch nicht behandelte Postulat Müller-Altermatt (cvp, SO), das einen Bericht
verlangt, mit dem die wichtigsten Ereignisse beschrieben werden sollen, die
verantwortlich sind für die Erlangung der bürgerlichen Freiheiten in der Schweiz. Für
die Willensnation Schweiz sei es zentral zu wissen, welche Grundwerte und Ereignisse
diese ausmachten. Der Bericht solle dann Grundlage bilden für Gedenkfeiern,
Kampagnen oder Schriftlichkeiten, mit denen die Kenntnisse über die Erringung der
bürgerlichen Freiheiten vertieft und die Willensnation Schweiz gestärkt werde.
Unterschiedliche Geschichtsbilder und entsprechend unterschiedliche Betonungen der
verschiedenen Jubiläen lassen sich auf der Links-Rechts-Achse verorten. Während die
rechts-konservative Seite die alten Schlachten (Morgarten, Marignano) als wegweisende
Wurzeln der heutigen Schweiz ehren will, sieht die Linke hier eher zu dekonstruierende
Mythen. Gemäss der Linken seien die Wurzeln der Schweiz vielmehr in modernen
Ereignissen zu verorten, wie etwa der Gründung des Bundesstaates 1848 oder der sich
2015 zum 70sten Mal jährenden Befreiung Europas. Bei ihrer Delegiertenversammlung
im Juni in Winterthur begann die SP ein Jubiläum für das Oltener Aktionskomitee und
den Landesstreik von 1918 zu planen. 1
Verfassungsfragen
BUNDESRATSGESCHÄFT Am 18. April fand die Volksabstimmung über die neue, totalrevidierte Verfassung statt.
DATUM: 18.04.1999
HANS HIRTER
Mit Ausnahme von links- und rechtsextremen Kleinparteien (PdA, FP, SD) sprachen sich
alle nationalen Parteien und auch alle massgeblichen Interessenverbände für die neue
Verfassung aus. Unter den Regierungsparteien fiel der Entscheid bei der SVP am
knappsten aus: die von den Zürcher Nationalräten Hans Fehr und Schlüer angeführte
Opposition unterlag an der Delegiertenversammlung mit 185:92 Stimmen. Für die
rechtsbürgerlichen Kritiker ging die Reform über eine Nachführung hinaus. Sie sei
vielmehr Ausdruck eines unakzeptablen, von der politischen Mitte und der Linken
geprägten Politikverständnisses. Die Sektion Zürich der SVP und in ihrem Gefolge auch
diejenigen von Kantonen, wo die SVP erst in den letzten Jahren gegründet worden ist
(unter anderem BS, LU, SO, SG), gaben die Nein-Parole aus. Bei der SP, deren Fraktion
die neue Verfassung anlässlich der parlamentarischen Verhandlungen ebenfalls heftig
kritisiert hatte, entschied sich der Parteivorstand mit 34:3 Stimmen für die Ja-Parole.
Die von Nationalrat Rennwald (JU) formulierte Kritik bemängelte das Fehlen von linken
Politikinhalten, also gerade das Gegenteil von dem, was der Verfassung von SVP-Seite
vorgeworfen wurde.
In der Kampagne schlugen die Wellen nicht sehr hoch. Auf Befürworterseite fiel vor
allem der grosse Einsatz des aus dem Amt scheidenden Justizministers Koller auf. Im
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 2redaktionellen Teil der Presse war die Stimmung durchwegs positiv, hingegen waren
praktisch keine Inserate für die neue Verfassung auszumachen. Die nicht zuletzt in
Leserbriefen sehr aktiven Gegner behaupteten, dass sich die Schweiz mit der
Verfassung internationalem Recht unterstellen würde (weil darin der auch bisher
geltende Vorrang des Völkerrechts nun explizit erwähnt ist), sie zu einem Ausbau des
Sozialstaats führe und sich überhaupt die alte Verfassung bewährt habe. In den
Inseraten sprachen sie vor allem davon, dass die neue Verfassung eine „Liquidation der
Schweiz“ einleiten würde; zudem stellten sie darin auch eine ganze Reihe von schlicht
falschen Behauptungen auf (z.B. dass in der neuen Verfassung die Begriffe
„Schweizerische“ und „Eidgenössische“ gestrichen worden seien). Neben den
erwähnten SVP-Kantonalsektionen, der FP und den SD beteiligten sich auch weit
rechtsaussenstehende Organisationen wie der VPM (mit der ihm nahestehenden
Zeitschrift „Zeit-Fragen“) und „Pro Libertate“ an der Kampagne. Dieses über das übliche
Mass von Abstimmungspropaganda hinausgehende Verdrehen von Tatsachen durch die
Gegner rief in der letzten Woche vor der Abstimmung den Bundesrat mit einer
Gegendarstellung auf den Plan.
Volk und Kantone hiessen die totalrevidierte Bundesverfassung am 18. April mit einer
relativ knappen Mehrheit von 59,2% und bei 12 2/2 gegen 8 4/2 Ständestimmen gut.
Die Beteiligung fiel mit 35,9% recht mager aus; besonders niedrig war sie in der
Romandie, wo nur gerade 21,6% von ihrem Stimmrecht Gebrauch machten.
Mitverantwortlich dafür war sicher auch der Beschluss des Bundesrates, diese Vorlage
in Anbetracht ihrer besonderen Bedeutung allein, d.h. nicht im Multipack mit anderen,
für die Stimmbürgerinnen und -bürger attraktiveren Vorlagen zu präsentieren. Am
meisten Ja-Stimmen gab es in der französischen Schweiz (mit Ausnahme des Wallis)
und im Tessin. Ähnlich deutlich fiel die Zustimmung auch in den Grossstädten der
Deutschschweiz aus. Gegen die totalrevidierte Verfassung sprachen sich die kleinen
Kantone der Innerschweiz (ohne Zug), die Ostschweiz (ohne Graubünden) sowie der
Aargau und das Wallis aus.
Bundesbeschluss über die Neue Bundesverfassung
Abstimmung vom 18. April 1999
Beteiligung: 35,9%
Ja: 969'310 (59,2%) / 12 2/2 Stände
Nein: 669'158 (40,8%) / 8 4/2 Stände
Parolen:
– Ja: SP, FDP, CVP, SVP (8*), LP, LdU, EVP, EDU (1*); SGB, CNG, Vorort, SGV, SBV.
– Nein: FP, SD, PdA; Centre patronal.
* In Klammer Anzahl abweichender Kantonalsektionen 2
Nationale Identität
MOTION Die bereits 2013 eingereichte Motion Markwalder (fdp, BE), die eine
DATUM: 25.09.2015
MARC BÜHLMANN
öffentlichkeitswirksame Feier zum 40-jährigen Jubiläum der Mitgliedschaft der Schweiz
zur Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) gefordert hatte, wurde Ende
September abgeschrieben. Der Bundesrat hatte zwar bereits Ende 2013 die Annahme
der Motion beantrag; das Anliegen war aber von Pirmin Schwander (svp, SZ) bekämpft
worden, was die stillschweigende Annahme verhinderte und letztlich auch die Planung
einer entsprechenden Jubiläumsfeier und somit die Motion obsolet machte. 3
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 3Image der Schweiz im Ausland
BUNDESRATSGESCHÄFT Im Nationalrat unterlag zuerst ein Nichteintretensantrag Schlüer (svp, ZH), der
DATUM: 31.12.1999
HANS HIRTER
bemängelte, dass damit neben den schon bestehenden bundeseigenen oder
subventionierten Stellen, die sich mit der internationalen Verbreitung der Kenntnisse
über die Schweiz befassen (Pro Helvetia, Seco, Radio Schweiz International, Tourismus
Schweiz) noch eine neue Agentur geschaffen werden soll. Etwas knapper (94:63
Stimmen) wurde auch ein Rückweisungsantrag Kofmel (fdp, SO) abgelehnt, der die neue
Agentur über ein Globalbudget und einen Leistungsauftrag führen wollte und das
Schwergewicht der Tätigkeit der neuen PRS bei der Koordination der Aktivitäten der im
Antrag Schlüer erwähnten Institutionen sah. Nachdem in der Detailberatung noch
spezifiziert worden war, dass die PRS Kontakte mit schweizerischen Firmen im Ausland,
Auslandschweizerorganisationen und schweizerischen Delegationen bei internationalen
Organisationen pflegen muss, nahm der Nationalrat die Vorlage mit 106:17 Stimmen an,
wobei die Opposition aus dem Lager der SVP stammte. 4
Rechtsordnung
Strafrecht
MOTION Gegen den Widerstand der Linken überwies der Nationalrat eine Motion Joder (svp, BE)
DATUM: 03.06.2009
HANS HIRTER
für eine Verschärfung des Strafrahmens für vorsätzlich begangene Körperverletzung
(Mo. 08.3131). Der Bundesrat hatte vergeblich darauf hingewiesen, dass der Strafrahmen
für schwere Körperverletzung mit Strafen von minimal 180 Tagessätzen Geldstrafe bis zu
maximal zehn Jahren Freiheitsentzug eigentlich gross genug sei, von den Gerichten
aber nicht immer ausgeschöpft werde. Gerade bei Gewalt- und Sexualdelikten würden
gemäss Bundesrat nur selten die strengst möglichen Strafen ausgesprochen. Eine
Motion Fiala (fdp, ZH) für eine Verschärfung des Strafrahmens für Kinderpornografie
(Mo. 08.3609) wurde von der Regierung mit dem selben Argument bekämpft und vom
Nationalrat angenommen. Der Nationalrat überwies in der Folge ein Postulat Jositsch
(sp, ZH) (Po. 09.3366), das vom Bundesrat einen Bericht darüber verlangt, ob die
Gerichte den vom Gesetzgeber vorgesehenen Strafrahmen effektiv ausnutzen.
Gewalttaten mit schweren Körperverletzungen oder gar Todesfolgen sind in den letzten
Jahren oft von Jugendlichen begangen worden. Eine Motion Schlüer (svp, ZH) (Mo.
09.3314), der bei derartigen Fällen die Altersgrenze für die Beurteilung nach dem
Jugendstrafrecht vom vollendeten 19. auf das 16. Altersjahr senken wollte, scheiterte
jedoch mit 69 zu 114 Stimmen im Nationalrat. Nicht besser ging es einer analogen
Motion Reimann (svp, AG) (Mo. 09.3733) im Ständerat. Der Bundesrat hatte auch diese
beiden Vorstösse zur Ablehnung beantragt. Seine Ansicht begründete er u.a. auch in
seiner Antwort auf eine Interpellation Rickli (svp, ZH) (Ip. 09.3784). Eine Debatte über
die ungenügende Ausschöpfung des Strafrahmens durch die Gerichte fand auch in den
Medien statt. 5
BUNDESRATSGESCHÄFT Als Zweitrat befasste sich im Frühling 2016 der Nationalrat mit der Totalrevision des
DATUM: 18.03.2016
KARIN FRICK
Ordnungsbussengesetzes. Nachdem der Nichteintretensantrag der drei SVP-
Abgeordneten Yves Nidegger (svp, GE), Lukas Reimann (svp, SG) und Pirmin Schwander
(svp, SZ) chancenlos geblieben war, hatte sich die grosse Kammer in der Detailberatung
mit einem weiteren Minderheitsantrag aus der SVP-Fraktion zu beschäftigen. Die
Kommissionsminderheit um Andrea Martina Geissbühler (svp, BE) wollte, dass
Zuwiderhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz nicht mehr im
Ordnungsbussenverfahren geahndet werden können. Ausserhalb der SVP-Fraktion fand
das Anliegen allerdings keine Zustimmung und wurde klar abgelehnt. Abgesehen von
einer sprachlichen Änderung schuf der Nationalrat keine Differenzen und nahm die
Vorlage mit 167 zu 8 Stimmen bei 4 Enthaltungen an. Der Ständerat stimmte dieser
Anpassung stillschweigend zu und hiess den Entwurf in der Schlussabstimmung
einstimmig gut. Auch der Nationalrat sprach sich in der Schlussabstimmung mit sehr
grosser Mehrheit (182 zu 5 Stimmen bei 6 Enthaltungen) für die Gesetzesrevision aus. 6
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 4Grundrechte
INTERPELLATION / ANFRAGE Die SVP machte sich im Berichtsjahr grosse Sorgen um den Fortbestand der Grund- und
DATUM: 29.08.2007
HANS HIRTER
Menschenrechte in der Schweiz. In einer von 40 SVP-Nationalräten unterzeichneten
Interpellation wollte Schlüer (svp, ZH) vom Bundesrat wissen, ob er es für möglich halte,
dass in der Schweiz das islamische Rechtssystem Scharia eingeführt würde und ob dies
mit der Verfassung kompatibel wäre. Der Bundesrat gab zur Antwort, dass er und das
Parlament sich im Fall der Einreichung einer entsprechenden Volksinitiative dazu
äussern müssten, jetzt aber dazu kein Anlass bestehe. Die von der SVP in der
Herbstsession, also kurz vor den eidgenössischen Wahlen verlangte Diskussion über
dieses Thema wurde auf später verschoben. 7
Innere Sicherheit
BUNDESRATSGESCHÄFT Der Bundesrat beantragte dem Parlament die Genehmigung der Unterzeichnung eines
DATUM: 07.10.2005
HANS HIRTER
Abkommens zwischen der Schweiz und dem Europäischen Polizeiamt (Europol). Dieses
Abkommen war zwar bereits seit zwei Jahren unterschriftsbereit, die EU hatte die
Ratifizierung aber vom Abschluss der Abkommen mit der Schweiz über die
Zinsbesteuerung und die Betrugsbekämpfung im Rahmen der Bilateralen II abhängig
gemacht. Europol ist eine in den 90er Jahren von der EU geschaffene Institution zur
internationalen Zusammenarbeit in der Verbrechensbekämpfung. Diese hat sich
bisher auf die Sammlung und den Austausch von Daten beschränkt und verfügt über
keine eigene Ermittlungskompetenz. Mit dem Abkommen zwischen der Schweiz und
Europol wird der gegenseitige Datenaustausch über organisiertes Verbrechen und
Terrorismus möglich. Dieser geschieht allerdings nicht über den Direktzugriff auf die
Datenbanken, sondern über so genannte Verbindungsbeamte, welche vor Ort
stationiert sind. Das Abkommen geht damit materiell wesentlich weniger weit, als die
zwischen der Schweiz und einzelnen EU-Staaten abgeschlossenen bilateralen
Zusammenarbeitsabkommen; es deckt aber räumlich den ganzen EU-Raum ab. Der
Ständerat hiess die Vorlage einstimmig gut, im Nationalrat gab es in der
Schlussabstimmung eine Gegenstimme (Schwander, svp, SZ). 8
MOTION Die sicherheitspolitische Kommission des Nationalrats präsentierte zu Jahresbeginn
DATUM: 02.12.2005
HANS HIRTER
ihre Überlegungen zur Organisation und Beaufsichtigung des strategischen
Nachrichtendienstes. Sie kam dabei zum Schluss, dass die Kontrolle in erster Linie
Aufgabe der Regierung sein müsse. Die früher angestrebte Schaffung eines besonderen
parlamentarischen Aufsichtsgremiums erachtete sie nicht mehr als zweckmässig; diese
Arbeit solle weiterhin die Geschäftsprüfungsdelegation wahrnehmen, wobei deren
Ressourcen allerdings aufzustocken seien. Vom Bundesrat verlangte die
Nationalratskommission mit einer Motion, in einem Rahmengesetz die Aufgaben und
Verantwortlichkeiten der Nachrichtendienste klar zu regeln. Eine Zusammenlegung des
strategischen Nachrichtendienstes des VBS mit dem Dienst für Analyse und Prävention
des EJPD sei nicht zwingend, aber die Stellung des Nachrichtenkoordinators müsse
gestärkt werden. Der Nationalrat überwies diese Motion. Der Bundesrat gab sich
skeptisch gegenüber diesem Anliegen und beurteilte die Verpflichtung, ein
Rahmengesetz zu schaffen, für verfrüht und unüberlegt. Er beschloss, noch bevor sich
der Ständerat mit diesen Vorschlägen des Nationalrats befasst hatte, die Stelle des
Nachrichtenkoordinators abzuschaffen. An seiner Stelle sollen themenspezifische
Arbeitsgruppen geschaffen werden (so genannte Plattformen), welche die Aktivitäten
und Erkenntnisse der beiden Nachrichtendienste zu koordinieren haben. Die
Geschäftsprüfungsdelegation des Parlaments protestierte gegen diese Beschlüsse und
verlangte erneut eine gemeinsame Führung für die beiden Nachrichtendienste. Im
Ständerat unterstützte der Bundesrat den Antrag der ständerätlichen
sicherheitspolitischen Kommission, die Motion des Nationalrats in dem Sinn
abzuändern, dass die Regierung nicht ein Gesetz, sondern bis Ende 2006 bloss einen
Bericht über die Zweckmässigkeit einer Regelung auf Gesetzesstufe vorlegen muss.
Nachdem der Ständerat dieser abgeschwächten Version zugestimmt hatte, wurde sie
auch vom Nationalrat übernommen. Eine Motion Schlüer (svp, ZH) für eine
Zusammenfassung der strategischen Nachrichtendienste des VBS und des EJPD wurde
vom Bundesrat bekämpft und vom Nationalrat abgelehnt. 9
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 5Institutionen und Volksrechte
Bundesrat
PARLAMENTARISCHE INITIATIVE Die SVP, welche beide Vorschläge der Regierung abgelehnt hatte, versuchte vergeblich,
DATUM: 31.12.1999
HANS HIRTER
ihr Konzept einer Volkswahl des Bundesrats in das Reformkonzept einzubringen. Keine
Zustimmung fand auch eine von Nationalrat Schlüer (svp, ZH) eingereichte
parlamentarische Initiative für die Einführung eines Referendums, welches es 50 000
Stimmberechtigten erlauben würde, eine Volksabstimmung über die Abwahl eines
amtierenden Regierungsmitglieds anzuordnen. Die Staatspolitische Kommission des
Nationalrats lehnte diesen Vorstoss mit 17:3 Stimmen ab und verurteilte ihn in
ungewohnt scharfen Worten als Teil der „rechtspopulistischen Versuche, das politische
System der Schweiz zu destabilisieren“. In der schriftlichen Begründung vermutete sie
hinter dem Vorstoss, der in die gleiche Kategorie einzuordnen sei wie die von den
selben Kreisen lancierte sogenannte „Maulkorbinitiative“, Bestrebungen zur Schaffung
eines plebiszitären Staatskonzepts, in dem „starke Männer“ mit Berufung auf das Volk
und unter Umgehung des Parlaments regieren würden. Das Ratsplenum schloss sich
dieser Ablehnung diskussionslos an. 10
ANDERES Dass der Nachfolger Schmids nicht aus der mit Eveline Widmer-Schlumpf bereits in der
DATUM: 08.12.2008
HANS HIRTER
Regierung vertretenen kleinen BDP kommen würde, war klar. An sich sprach für die
Vertreter von SP, FDP und CVP nichts dagegen, die SVP als stärkste Partei wieder in den
Bundesrat aufzunehmen. Noch bevor Schmid seinen Rücktritt bekannt gab, machte sich
allerdings der SVP-Präsident Brunner (SG) bereits für eine Kandidatur von alt Bundesrat
Christoph Blocher stark. Nur dieser sei fähig, das VBS wieder in „Ordnung“ zu bringen.
Der Plan der SVP-Parteileitung, Blocher als einzigen Kandidaten zu nominieren, stiess
aber in der dafür zuständigen SVP-Fraktion auf Widerstand. Diese sprach sich zwar für
eine Rückkehr in die Regierung aus, lehnte es aber knapp ab, sich auf Blocher als
einzigen Kandidaten festzulegen. Die Medien waren sich einig, dass Blocher im
Parlament keine echten Wahlchancen hatte und bezeichneten die SVP-Nationalräte
Amstutz (BE), Baader (BL), Maurer (ZH) und Zuppiger (ZH) als aussichtsreichste
Kandidaten. Obwohl FDP, CVP und SP mehrfach erklärt hatten, dass ihre Parlamentarier
Blocher nicht wählen würden, nominierte ihn der Vorstand der SVP des Kantons Zürich
mit 47 zu 1 Stimme zuhanden der Fraktion als Kandidat. Die Delegiertenversammlung
der Zürcher SVP bestätigte diesen Beschluss mit einem weniger deutlichen
Stimmenverhältnis (264 zu 45). Weitere von ihren Kantonalparteien an die Fraktion
gemeldete Kandidaten waren die Nationalräte Amstutz und Aebi (beide BE), Schwander
(SZ), Hurter (SH) und Baader (BL), Ständerat Germann (SH) und Regierungsrat Mermoud
(VD); zudem nominierten die SVP-Frauen die Zürcher Regierungsrätin Fuhrer und die
SVP-Bezirkspartei Hinwil (ZH) Nationalrat Zuppiger (ZH). Der Bauernverbandspräsident
und Nationalrat Hansjörg Walter (TG), der dem gemässigten Flügel der SVP angehört,
war ebenfalls im Gespräch gewesen, wurde aber von seiner Kantonalpartei nicht als
Kandidat ins Rennen geschickt.
Der Fraktionsvorstand der SVP empfahl ein Zweierticket mit Blocher, ohne einen
zweiten Namen zu nennen. Die Fraktion selbst hielt sich an diesen Vorschlag und stellte
neben Blocher den Zürcher Nationalrat Ueli Maurer auf, der bis Ende Februar
Parteipräsident gewesen war. Im Vorfeld der Wahlen zeigte sich, dass nicht nur die
Linke, sondern auch wichtige Exponenten der CVP und zudem einige Freisinnige sich
ebenso wenig für Maurer erwärmen konnten wie für Blocher. SVP-Präsident Brunner
rief ihnen – und auch den eigenen Parteiangehörigen – kurz vor der Wahl noch einmal
in Erinnerung, dass gemäss den neuen SVP-Statuten jeder automatisch aus der Partei
ausgeschlossen würde, der als nicht offizieller Kandidat die Wahl zum Bundesrat
annehmen würde. 11
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 6Parlamentsmandat
ANDERES Nach längerer Zeit hatte sich das Parlament wieder einmal mit Gesuchen um die
DATUM: 19.12.2007
HANS HIRTER
Aufhebung der Immunität seiner Mitglieder zwecks Eröffnung eines Strafverfahrens
auseinander zu setzen. Es ging zum einen um den Zürcher Nationalrat Schlüer (svp)
(06.088), der in dem von ihm als Chefredakteur geleiteten Blatt „Schweizerzeit“ eine
Person des Denunziantentums bezichtigt hatte und in der Folge von dieser angezeigt
worden war. Der Nationalrat beschloss gegen den Widerstand der Ratslinken, auf das
Gesuch einzutreten, es abzulehnen und damit die Immunität zu gewähren. Der
Ständerat teilte diese Haltung nicht, sondern folgte seiner Rechtskommission, welche
der Ansicht war, dass kein enger Zusammenhang zwischen dem nicht namentlich
gezeichneten Presseartikel und dem politischen Amt von Schlüer bestehe. Da damit die
Grundvoraussetzung für die Gewähr der Immunität nicht gegeben war, beschloss er mit
20 zu 7 Stimmen, nicht auf das Gesuch einzutreten und den Behörden freie Bahn für
ein Strafverfahren zu geben. Im September schloss sich der Nationalrat in der
Differenzbereinigung auf Antrag seiner Rechtskommission diesem Entscheid an.
Praktische Relevanz kommt ihm allerdings keine mehr zu, da Schlüer im Oktober als
Nationalrat abgewählt wurde und damit ohnehin kein Immunitätsprivileg mehr
geniesst.
In einem zweiten Fall ging es um Nationalrat Waber (edu, BE). Dieser hatte in einem
Zeitungsinterview im Zusammenhang mit der von ihm mitgetragenen Volksinitiative für
ein Minarettverbot den Islam und seine Vertreter massiv kritisiert und war deshalb von
einer Privatperson wegen Verstosses gegen das Antirassismusgesetz angezeigt worden.
Der Nationalrat erkannte einen engen Zusammenhang zwischen dem politischen Amt
von Waber und dem Interview und trat deshalb auf das Gesuch der Zürcher
Staatsanwaltschaft zur Aufhebung der Immunität ein. Auf Antrag seiner
Rechtskommission beschloss er dann ohne Gegenstimme, dem Gesuch keine Folge zu
geben. Gemäss der Argumentation der Rechtskommission sei die freie
Meinungsäusserung des Politikers Waber in diesem Fall höher zu werten als die nicht
besonders schwerwiegenden Anschuldigungen. 12
ANDERES Im Oktober 2016 entschied sowohl die Immunitätskommission des Nationalrates (IK-
DATUM: 24.10.2016
MARC BÜHLMANN
NR) (mit 5 zu 3 Stimmen bei einer Enthaltung) als auch die Kommission für Rechtsfragen
des Ständerats (RK-SR) (mit 8 zu 3 Stimmen ohne Enthaltung), auf das Gesuch um die
Aufhebung der Immunität von Nationalrat Pirmin Schwander nicht einzutreten. Der
Schwyzer SVP-Nationalrat soll eine Mutter bei der Entführung ihrer Tochter, mit
anschliessender Flucht, finanziell unterstützt haben. Das Mädchen wurde der Kindes-
und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Biel entzogen. Weil Schwander bei der
Einvernahme durch die Kantonspolizei geschwiegen und sich auf seine
parlamentarische Immunität berufen hatte, habe die Staatsanwaltschaft des Kantons
Bern die Aufhebung der Immunität beantragt, respektive angefragt, ob es sich hier um
einen Anwendungsfall einer solchen Immunität handle, wie beide Kommissionen in
ihren Berichten ausführten. Schwander habe der Kommission vorgetragen, dass er als
Parlamentarier sowohl auf kantonaler als auch auf nationaler Ebene zahlreiche
Anstrengungen unternehme, um die Qualität der Kesb zu verbessern. Er werde in dieser
Rolle häufig von Direktbetroffenen kontaktiert. Im Falle besagter Mutter habe er Geld
für die Anwaltsbetreuung überwiesen.
Die Kommissionen sähen keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der
inkriminierten Handlung und der Stellung als Nationalrat, weshalb sie nicht auf das
Gesuch einträten. Es sei denkbar, dass auch eine Person, die nicht der
Bundesversammlung angehöre, ähnlich im Bereich der Kesb tätig sein könnte wie
Schwander. Das Nationalratsmandat sei keine Bedingung dafür. Die meisten
Parlamentarierinnen und Parlamentarier würden mit verschiedensten Anliegen aus der
Bevölkerung konfrontiert. Dabei entstehe aber kein unmittelbarer Zusammenhang zu
ihrer amtlichen Stellung. Bei einer so weitgreifenden Auslegung parlamentarischer
Immunität wäre kaum mehr ein Fall denkbar, wo Immunität nicht gegeben wäre. Zudem
sei die 2011 durchgeführte Revision der Immunitätsbestimmungen auch im Hinblick auf
eine restriktivere Anwendung vorgenommen worden. Es handle sich hier also nicht um
einen Anwendungsfall der relativen Immunität, womit sich eine Diskussion um die
Aufhebung derselben erübrige und das Strafverfahren seinen gewohnten Lauf nehmen
könne. Schwander kann sich also nicht auf seine Immunität berufen. Ob sein Verhalten
strafrechtliche Konsequenzen haben wird, ist deshalb folglich eine Frage der Justiz. 13
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 7Parlamentsorganisation
PARLAMENTARISCHE INITIATIVE Gemäss einer vom Nationalrat auf Antrag seiner SPK gutgeheissenen parlamentarischen
DATUM: 18.12.1998
HANS HIRTER
Initiative Schlüer (svp, ZH) soll die Information über allfällige Interessenbindungen der
Parlamentarier verbessert werden. Erfasst werden sollen zukünftig auch für den Bund
durchgeführte Experten- und Beratungstätigkeiten eines Parlamentariers oder einer
Firma, an welcher dieser massgeblich beteiligt ist. Zudem müssten vom Bund direkt
oder indirekt mitfinanzierte Auslandreisen aufgeführt werden. 14
PARLAMENTARISCHE INITIATIVE Die Anfang 1998 auf Verlangen der SP-Fraktion einberufene Sondersession des
DATUM: 08.06.1999
HANS HIRTER
Parlaments zum Thema Unternehmenszusammenschlüsse veranlasste Nationalrat
Schlüer (svp, ZH) zur Forderung, dass die Voraussetzungen für die Einberufung von
Sondersessionen verschärft werden. Das jetzige Quorum von 50 Nationalräten erlaube
es einer einzelnen Fraktion, allein aus wahlkampftaktischen Gründen Sondersessionen
einzuberufen. Sein Vorschlag, dieses Quorum auf 100 zu erhöhen, wurde jedoch auf
Antrag der Staatspolitischen Kommission diskussionslos mit 73:28 Stimmen abgelehnt.
Auf Antrag der Tessiner Ratsmitglieder beschloss das Parlament, die Frühjahrssession
des Jahres 2001 im Kanton Tessin durchzuführen (99.3202). Zur letzten auswärtigen
Session, die 1993 in Genf stattfand, siehe hier. 15
STUDIEN / STATISTIKEN Das von Sotomo auf der Grundlage von Abstimmungen durchgeführte
DATUM: 25.11.2014
MARC BÜHLMANN
Nationalratsrating für das dritte Jahr der laufenden Legislatur zeigte eine Spannweite
zwischen -9,4 – die Extremposition, die sich Carlo Sommaruga (sp, GE) und Susanne
Leutenegger Oberholzer (sp, BL) teilen – und +9,9, gehalten von Pirmin Schwander (svp,
SZ). Das Rating zeigt Unterschiede zwischen den Sprachregionen. Die mittlere Position
aller französischsprechenden Nationalrätinnen und Nationalräte lag bei -1,4 während
die Deutschschweizer Vertreterinnen und Vertreter im Schnitt bei 0,5 zu liegen kamen.
Interessant war der seit ein paar Jahren anhaltende Rechtsrutsch der acht Nationalräte
aus dem Kanton Tessin, welche die Deutschschweiz 2014 rechts überholten. Eine
markante Entwicklung über die Zeit lässt sich auch hinsichtlich der Harmonisierung
innerhalb der Parteien feststellen. Die mittleren Positionen verschoben sich zwar
marginal – vor allem bei den Polparteien in Richtung Extreme – die Spannweite
innerhalb der Parteien nahm aber seit 1996, also seit dem ersten derart bestimmten
Rating stark ab. Die innerparteiliche Homogenität und die Abstimmungsdisziplin
scheinen also stärker geworden zu sein. 16
STUDIEN / STATISTIKEN Im September präsentierte die NZZ das von Sotomo errechnete Parlamentarierrating
DATUM: 08.09.2015
MARC BÜHLMANN
2015. Die ideologische Ausrichtung aller Parlamentsmitglieder wird mit Hilfe paarweiser
Vergleiche aller Parlamentarierinnen und Parlamentarier hinsichtlich ihres
Abstimmungsverhaltens berechnet. Die Skala reicht von -10 (ganz links) bis +10 (ganz
rechts). Die rechte Extremposition wurde im Rating 2015 von Pirmin Schwander (svp, SZ)
und Lukas Reimann (svp, SG) besetzt. Am linken Rand fand sich mit einem Wert von -9.5
Christine Häsler (gp, BE).
Am deutlichsten rechts und zwar ohne Überschneidung mit anderen Fraktionen stand
die SVP, deren Mitglieder zwischen 6.3 (Jean-Pierre Grin, VD) und 10 positioniert
wurden. Die FDP-Mitglieder schwankten zwischen 1.6 (Christa Markwalder, BE) und 4.1
(Hans-Peter Portmann, ZH) und überschnitten sich damit sowohl mit der BDP (0.9:
Rosmarie Quadranti, ZH bis 2.1: Urs Gasche, BE) als auch teilweise mit der CVP, bei der
Gerhard Pfister (ZG) und Ruedi Lustenberger (LU) mit dem Wert von 3.0 den rechten
und Jacques Neirynck (VD) mit -1.6 den linken Rand abdeckten. Die beiden EVP-
Vertreterinnen, die der CVP-EVP-Fraktion angehören, waren dabei pointierter links (-
2.8) als der Rest der CVP-Fraktion. Die GLP-Fraktion zeigte sich ziemlich geschlossen
und links der Mitte. Bei den Grünliberalen wurden die Extreme von Thomas Böhni (TG,
-1.7) und Martin Bäumle (ZH, -1.2) eingenommen. In ihrem Gesamtwert von -8.0
deckungsgleich zeigten sich die Grünen und die SP. Während die Genossinnen und
Genossen Extremwerte zwischen -9.1 (Carlo Sommaruga, GE und Susanne Leutenegger
Oberholzer, BL) und -5.7 (Daniel Jositsch, ZH) einnahmen, fanden sich bei den Grünen
Christine Häsler (-.9.5) und Yvonne Gilli (SG, -6.8) an den Fraktionspolen.
Der Median des gesamten Nationalrats lag bei 0.8; das Parlament politisierte also leicht
rechts der Mitte. Die Studie stellte bei der Analyse der gesamten 49. Legislatur
allerdings im Vergleich mit der 48. Legislatur einen Linksrutsch fest. Insbesondere in
der Verkehrs- und Energiepolitik habe Mitte-Links erfolgreich koaliert.
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 8Erstmals konnte aufgrund der neu eingeführten elektronischen Stimmanlage auch der
Ständerat vermessen werden. Insgesamt zeigte sich in der kleinen Kammer eine
wesentlich schwächere Polarisierung als bei der Volksvertretung. Zwar gab es auch im
Ständerat Extrempositionen – Robert Cramer (gp, GE) mit -9.6 zur Linken und Peter
Föhn (svp, SZ) mit 9.6 zur Rechten –, die überwiegende Mehrheit der Ständerätinnen
und Ständeräte fanden sich aber zwischen den Werten -4 bis +5. 17
STUDIEN / STATISTIKEN Ende November erschien das NZZ-Parlamentarierrating 2016 und bildete das erste
DATUM: 30.11.2016
MARC BÜHLMANN
Jahr nach den Wahlen 2015 ab. Der Rechtsrutsch der Wahlen zeichnete sich im Rating
deutlich ab. Der Median der Positionen aller Parlamentarierinnen und Parlamentarier,
die aufgrund paarweiser Vergleiche des Abstimmungsverhaltens während der vier
vergangenen Sessionen errechnet werden, rückte auf der Skala von -10 (absolut links)
bis + 10 (absolut rechts) von 0.8 (2015) auf 1.7. Gleich drei SVP-Fraktionsmitglieder
nahmen die rechte Extremposition (10) ein: Marcel Dettling (SZ), Erich Hess (BE) und,
wie bereits 2015, Pirmin Schwander (SZ). Lisa Mazzone (gp, GE) positionierte sich mit
einem Wert von -9.6 am linken Extrempol.
Vom Rechtsrutsch habe – gemessen an der Anzahl gewonnener Abstimmungen im Rat –
vor allem die FDP, kaum aber die SVP profitiert, so die Studie. Bei den Parteien zeigten
sich insgesamt nur leichte Verschiebungen. So hatte sich die SVP noch einmal nach
rechts verschoben und nahm insgesamt den Wert 8.0 ein (2015: 7.7.). Jean-Pierre Grin
(VD) besetzte mit 6.3 die moderateste Position in der Volkspartei. Damit war er
dennoch ziemlich weit vom am meisten rechts stehenden FDP-Fraktionsmitglied
entfernt: Bruno Pezzatti (ZG) erreichte einen Wert von 3.4. Den linken Rand der FDP,
die sich im Vergleich zu 2015 nicht verändert hatte und fraktionsübergreifend konstant
bei 2.2 blieb, nahm erneut Christa Markwalder mit 1.4 ein. Damit war die Bernerin leicht
linker positioniert als Daniel Fässler (AI), der mit 1.9 den rechten Rand der CVP besetzte.
Den Gegenpol bei den Christlichdemokraten nahm Barbara Schmid-Federer (ZH) mit
-0.9 ein. Auch die CVP blieb im Vergleich zu 2015 konstant bei 0.6. Innerhalb des
Spektrums der CVP-EVP-Fraktion fand sich die BDP (0.9: Hans Grunder, BE bis -0.5:
Rosmarie Quadranti, ZH), die leicht nach links gerutscht war (0.2). Deutlich am linken
Rand der CVP-Fraktion positionierte sich die EVP mit Maja Ingold (ZH, -2.8) und
Marianne Streiff-Feller (BE, -3.1). Einen Linksrutsch verzeichnete auch die GLP, die sich
bei -2.7 positionierte und sich wie schon 2015 sehr geschlossen zeigte. Nur gerade 0.5
Skalenpunkte trennten Kathrin Bertschy (BE, -2.8) von Martin Bäumle (ZH, -2.3). Etwas
geschlossener als 2015 zeigte sich auch die SP, die fraktionsübergreifend bei -8.3 zu
liegen kam. Chantal Galladé (ZH, -6.6) fuhr dabei den sozialliberalsten Kurs. Gleich drei
Fraktionsmitglieder positionierten sich beim linken Extremwert der SP, bei -9.1: Bea
Heim (SO), Susanne Leutenegger Oberholzer (BL) und Silvia Schenker (BS). Die Grünen
schliesslich positionierten sich insgesamt bei -9.0 und die Fraktionsmitglieder
überlappten sich stark mit der SP: Daniel Brélaz (VD, -7.9) zeigte sich dabei sogar noch
etwas rechter als die gesamte SP.
Die Forschungsstelle Sotomo, welche das Rating durchführte, wertete auch 2016 den
Ständerat aus. Erneut zeigte sich eine geringere Polarisierung als in der grossen
Kammer. Zwar lagen auch in der kleinen Kammer die Extremwerte weit auseinander,
Lilian Maury Pasquier (sp, GE, -9.5) und Peter Föhn (svp, SZ, 9.8) fanden sich aber
ziemlich alleine auf weiter Flur. Alle anderen Ständeratsmitglieder befanden sich
zwischen -6.2 (Christian Levrat, sp, FR) und 7.3 (Hannes Germann, svp, SH). 18
Organisation der Bundesrechtspflege
MOTION Nach siebenjähriger Untersuchung schloss die Bundesanwaltschaft die Ermittlungsakte
DATUM: 05.07.2010
MARC BÜHLMANN
gegen den Bankier Oskar Holenweger und klagte ihn wegen Geldwäscherei an. Der Fall
hatte sich zu einem eigentlichen „Politkrimi“ entwickelt, in dem der Rücktritt von
Valentin Roschacher und die mutmasslich damit verbundene Abwahl von Bundesrat
Blocher die Höhepunkte darstellten. Der mit diesem Fall beklagte Vertrauens- und
Glaubwürdigkeitsverlust löste im Parlament Vorstösse und Interpellationen vor allem
seitens der SVP aus, die sich nach dem Fall Roschacher eingehend mit der Institution
Bundesanwaltschaft auseinandergesetzt hatte (z.B. die Frage Schlüer (svp, ZH)
(10.5200). Allerdings scheiterte die Motion der SVP-Fraktion, die ein Verfahren wegen
Amtsgeheimnisverletzung einleiten wollte, im Nationalrat relativ deutlich. 19
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 9PARLAMENTARISCHE INITIATIVE Auch im Nationalrat gab der Entwurf der RK-SR über die Einführung einer Möglichkeit
DATUM: 05.05.2015
MARC BÜHLMANN
für Abgangsentschädigungen für von der Bundesversammlung gewählte Personen in
der Sondersession im Mai zwar zu reden, letztlich wurde aber sowohl die Verordnung
über Entschädigungen bei Auflösung des Arbeitsverhältnisses (mit 134 zu 49 Stimmen)
als auch das revidierte Bundesgesetz über das Bundesverwaltungsgericht (mit 131 zu 48
Stimmen) deutlich angenommen. Zu reden gegeben hatte ein Nichteintretensantrag
einer vor allem aus SVP-Mitgliedern bestehenden Kommissionsminderheit: Das
Parlament sei Wahlbehörde und man könne – einmal gewählt – nicht immer neue
Forderungen stellen, so das zentrale Argument. Auf eine Abgangsentschädigung habe
man 2005 bei der Diskussion um das Bundesgerichtsgesetz bewusst verzichtet. Pirmin
Schwander (svp, SZ) machte als Fraktionssprecher den Alternativvorschlag, die
Gesamterneuerungswahlen vom Herbst in den Sommer zu verlegen, damit bei einer
allfälligen Nichtwiederwahl sogar sechs und nicht nur vier Monate Zeit blieben, um eine
neue Beschäftigung zu suchen. Die restlichen Fraktionen gaben zu bedenken, dass es
für eine Person in den Ämtern, um die es bei der Revision gehe, generell nicht einfach
sei, eine neue Stelle zu finden, auch nach einem halben Jahr nicht, weswegen eine
Abgangsentschädigung entrichtet werden soll. Bundesrätin Simonetta Sommaruga wies
zudem darauf hin, dass die neue Entschädigungsregelung auch einen Beitrag zur
Unabhängigkeit der Gerichte und der Bundesanwaltschaft leiste: wer finanziell
abgesichert sei, müsse seine Entscheidfindung nicht oder zumindest weniger stark im
Hinblick auf eine allfällige Wiederwahl ausrichten.
In den Schlussabstimmungen, die in der Sommersession stattfanden, passierten die
beiden Vorlagen den Nationalrat unter Opposition der SVP mit 140 zu 54 Stimmen bei
einer Enthaltung (Verordnung) bzw. mit 139 zu 54 Stimmen bei einer Enthaltung
(Gesetz). Im Ständerat waren die entsprechenden Stimmenverhältnisse 42 zu 3 und 41
zu 3 (bei einer Enthaltung). 20
Föderativer Aufbau
Städte, Regionen, Gemeinden
MOTION Im Rahmen der Beratung der Totalrevision der Bundesverfassung beantragte
DATUM: 18.12.1998
HANS HIRTER
Ständerätin Spoerry (fdp, ZH) zudem, beim Finanzausgleich nicht nur die besonderen
Lasten der Berggebiete sondern auch diejenigen der städtischen Agglomerationen zu
berücksichtigen. Dieser Vorschlag wurde von Abgeordneten aus den Berggebieten
bekämpft und unterlag mit 19:13 Stimmen. Im Nationalrat scheiterte ein entsprechender
Antrag Gysin (sp, BS) ebenfalls, nachdem Bundesrat Koller zugesichert hatte, dass ein
Entwurf zu einer Neuordnung des Finanzausgleichs, der unter anderem auch auf dieses
Anliegen eingeht, noch vor Jahresende in die Vernehmlassung gegeben werde. Gysin
vertrat seine Forderung auch mit einer Motion. Der Entscheid über diesen Vorstoss
musste verschoben werden, nachdem Schlüer (svp, ZH) seine Opposition dagegen
angemeldet hatte. 21
MOTION Der Nationalrat überwies zwei sozialdemokratische Motionen (eine der Fraktion
DATUM: 06.12.1999
HANS HIRTER
(97.3662) und eine von Gysin, BS) in Postulatsform, welche eine Berücksichtigung der
Zentrumslasten der Städte bei der Konzeption des „Neuen Finanzausgleichs“
verlangen. Der Vorstoss Gysin war – auch als Postulat – von Schlüer (svp, ZH) bekämpft
worden, welcher befürchtete, dass damit die Grundlagen für neue Bundessubventionen
geschaffen würden. 22
BUNDESRATSGESCHÄFT Das Parlament ratifizierte im Berichtsjahr die Europäische Charta der kommunalen
DATUM: 15.12.2004
HANS HIRTER
Selbstverwaltung. Wie bereits in der Vernehmlassung bei den Kantonen war sowohl im
Nationalrat als auch im Ständerat die grundsätzliche Frage umstritten, ob der Bund
überhaupt berechtigt sei, mittels internationaler Verträge in die
Organisationsautonomie der Kantone einzugreifen. Die Befürworter der Charta
machten geltend, dass bei Bestimmungen, die materiell einen Eingriff in die
Kantonskompetenzen bringen würden (z.B. bei der geforderten vermehrten Zahlung von
nicht zweckgebundenen Subventionen an die Gemeinden) die Schweiz einen Vorbehalt
bezüglich ihrer Verbindlichkeit gemacht hat. Nichteintretensanträge von Schlüer (svp,
ZH), unterstützt von der SVP-Fraktion, im Nationalrat, und Schmid (cvp, AI) im
Ständerrat wurden mit 120 zu 38 resp. 26 zu 11 Stimmen klar abgelehnt. 23
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 10Wahlen
Wahlen in kantonale Regierungen
WAHLEN Bei den Regierungsratswahlen im Kanton Schwyz trat die CVP mit ihren drei bisherigen
DATUM: 16.03.2008
SABINE HOHL
Regierungsräten Kurt Zibung, Georg Hess und Lorenz Bösch an. Die SVP, die bisher mit
Walter Stählin einen Sitz in der Regierung besetzte, strebte eine bessere Vertretung in
der Exekutive an und wollte der CVP einen Sitz abjagen. Es war parteiintern umstritten,
wie viele Kandidaten die SVP aufstellen sollte. Als Pirmin Schwander, Präsident der
Schwyzer SVP, sich äusserte, er könne sich eine Kandidatur als einer von vier SVP-
Kandidaten vorstellen, stiess dies auf den Widerstand von Walter Stählin. Dieser drohte,
in jenem Fall würde er als unabhängiger Kandidat antreten. Die SVP entschied sich
schliesslich für eine Zweierkandidatur mit Walter Stählin und Andreas Barraud (neu).
Die SP nominierte ihren bisherigen Regierungsrat Armin Hüppin. Mit einer
unangenehmen Situation konfrontiert war die FDP. Einer ihrer zwei Regierungsräte,
Alois Christen, kündigte erst spät an, dass er nicht mehr zur Verfügung stehe. Die Partei
musste rasch einen neuen Kandidaten finden. Ihre Wahl fiel auf den 38-jährigen Kaspar
Michel, der neben dem Bisherigen Peter Reuteler nominiert wurde. Das Kandidatenfeld
wurde komplettiert durch den parteilosen Wirt des Hölloch-Restaurants im Muotathal,
Bruno Suter. Dieser war in der Vergangenheit bereits mehrmals angetreten und hatte
die Wahl vier Jahre zuvor nur knapp verpasst. Ein Unterschied zu vergangenen Wahlen
war, dass das absolute Mehr neu auf Grundlage der gültigen Kandidatenstimmen
berechnet wurde. Wegen der leichteren Erreichbarkeit des absoluten Mehrs fiel die
Entscheidung bereits im ersten Wahlgang. Alle Kandidaten erreichten das absolute
Mehr. Gewählt wurden alle Bisherigen und der neue SVP-Kandidat Andreas Barraud. Am
meisten Stimmen erhielt Stählin (svp) vor Zibung (cvp), Bösch (cvp), Barraud (svp),
Hüppin (sp) und Reuteler (fdp). Äusserst knapp war das Rennen zwischen Hess (cvp) und
Michel (fdp). Hess lag am Ende 246 Stimmen vor Michel, dieser schied als überzählig aus
und die FDP verlor damit einen ihrer zwei Sitze. Die SVP erreichte so zwar ihr Ziel eines
Sitzgewinns, aber nicht wie erwünscht auf Kosten der CVP, sondern der FDP. 24
Eidgenössische Wahlen
WAHLEN Im Kanton Zürich kam es, wie bereits bei den kantonalen Wahlen vom Frühjahr, zu einer
DATUM: 21.10.2007
SABINE HOHL
grossen Niederlage der SP. Deren Wähleranteil ging von 25,7% auf 19,8% zurück. Die SP
verlor dadurch 3 Sitze, drei bisherige SP-Nationalrätinnen (Müller-Hemmi, Hubmann
und Marty Kälin) wurden abgewählt. Die FDP verlor ebenfalls einen Sitz, ihr Wähleranteil
ging von 16,2% (2003) auf 13,2% zurück. Die SVP stagnierte trotz eines leichten Anstiegs
ihres Wähleranteils (+0,5 Prozentpunkte auf 33,9%) bei 12 Sitzen. Die Grünliberalen
erreichten mit einem Wähleranteil von 7% auf Anhieb 3 Sitze. Auch die Grünen legten
zu, sie steigerten sich mit einem Wähleranteil von 10,4% von 3 auf 4 Mandate. Die EDU
verlor ihren 2003 gewonnen Sitz wieder, Markus Wäfler wurde abgewählt. Dasselbe
Schicksal ereilte den bekannten SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer. Neu gewählt wurden
Alfred Heer (svp), Natalie Rickli (svp), Doris Fiala (fdp), Barbara Schmid (cvp), Daniel
Jositsch (sp), Bastien Girod (gp), Marlies Bänziger (gp), Tiana Angelina Moser (glp) und
Verena Diener (glp), für letztere konnte nach deren Wahl in den Ständerat Thomas
Weibel (glp) nachrücken. Im Gegensatz zu 2003 waren SP und Grüne im Kanton Zürich
zusammen angetreten. FDP und SVP waren ebenfalls eine Listenverbindung
eingegangen, nachdem die FDP längere Zeit gezögert hatte. 25
WAHLEN Im Kanton Zürich wurden insgesamt 30 Listen eingereicht, auf denen sich 275
DATUM: 23.10.2011
MARC BÜHLMANN
Kandidatinnen (34,3%) und 527 Kandidaten um die 34 Zürcher Nationalratssitze
bewarben. Damit war die Zahl der Listen im Vergleich zu den eidgenössischen Wahlen
2007 (29 Listen) wieder angewachsen, hatte die Rekordzahl von 34 Listen aus dem Jahr
1991 aber nicht überboten. Die Zahl der Kandidierenden war marginal tiefer als 2007
(804) und wesentlich tiefer als 2003 (964). Ebenfalls weiterhin rückläufig war der
Frauenanteil unter den Kandidierenden, der 2003 noch 38,4% betragen hatte (2007:
37,7%). Sowohl die SP als auch die SVP starteten mit Listen für Auslandschweizerinnen
und -schweizer. Neu traten die BDP und zahlreiche Kleinstparteien an, darunter etwa
die Anti PowerPoint Partei, die Narrenpartei oder eine Liste mit Parteilosen. Anders als
2007 kam keine grosse Listenverbindung der Linken mehr zustande: SP, Grüne und CSP
verbanden sich auf der einen und AL, Piraten und Konfessionslose auf der anderen
Seite. In der Mitte verbanden sich die CVP, die BDP, die EVP, die GLP und die Tierpartei.
Wie in den meisten anderen Kantonen, in denen die EDU antrat, verband sie sich auch
in Zürich mit der SVP. Vier der 34 Sitze wurden frei. Insbesondere die SP, die sieben
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 11Sitze innehatte und von der drei Nationalrätinnen und Nationalräte zurücktraten (Mario
Fehr, Christine Goll, Anita Thanei), hatte einen Aderlass zu verkraften. Den vierten
vakanten Sitz (Hans Rutschmann) hatte die SVP zu verteidigen.
Die grossen Gewinnerinnen im Kanton Zürich waren die BDP und die GLP, die
sozusagen Heimvorteil genoss: Die Grünliberalen hatten sich im Kanton Zürich 2004
von den Grünen getrennt und konstituiert. Die drei bereits 2007 eroberten, allesamt
aus Zürich stammenden GLP-Mandate konnten 2011 nicht nur verteidigt, sondern um
einen weiteren Sitz ausgebaut werden. Zu den drei Bisherigen wurde neu Thomas Maier
in den Nationalrat gewählt. Der Wählerzuwachs um 4,5 Prozentpunkte auf 11,5% wurde
nur noch von der BDP überflügelt, die in Zürich auf Anhieb auf 5,3%
Wählerstimmenanteil kam und damit zwei Sitze eroberte. Für die BDP schickten die
Zürcher Wahlberechtigten Lothar Ziörjen und Rosmarie Quadranti-Stahel nach Bern.
Die Sitzgewinne von BDP und GLP gingen auf Kosten der SVP, der CVP und der GP, die je
einen Sitz abgeben mussten. Die SVP fiel auf 29,8% Wähleranteil (-4,1 Prozentpunkte)
und 11 Sitze zurück. Der Sitz von Hans Rutschmann konnte damit nicht verteidigt
werden. Christoph Blocher schaffte es wieder in den Nationalrat. Nicht er, sondern
Natalie Rickli bekam allerdings die meisten Wählerstimmen (145'776). Neu für die SVP
wurde Hans Egloff gewählt. Abgewählt wurden somit Ernst Schibli und Ulrich Schlüer,
der bereits 2007 abgewählt worden, aber wieder nachgerutscht war. Die CVP, die ihren
2007 eroberten Sitz wieder abgeben musste (neu: 2 Sitze) kam noch auf 5%
Wähleranteil (-2,6 Prozentpunkte). Für die CVP nicht mehr wiedergewählt wurde Urs
Hany. Die Grünen mussten einen Verlust von zwei Prozentpunkten hinnehmen und
kamen mit neu 8,4% Wähleranteil auf drei Sitze. Neu gewählt wurde Balthasar Glättli,
der auch von seiner Ständeratskandidatur profitiert haben dürfte. Abgewählt wurden
hingegen Marlies Bänziger und Katharina Prelicz-Huber. Die SP (19,3%, -0,5
Prozentpunkte, 7 Sitze), die FDP (11,6%, -1,6 Prozentpunkte, 4 Sitze) und die EVP (3,1%,
-0,6 Prozentpunkte, 1 Sitz) konnten ihre Sitze trotz Verlusten halten. Die SP konnte
damit alle drei vakanten Sitze verteidigen und wurde neu von Thomas Hardegger,
Jacqueline Badran und Martin Naef vertreten. Bei der FDP und der EVP wurden die
Bisherigen bestätigt. Über 1% der Stimmen erhielten auch die EDU (1,9%) und die
Alternative Liste (1%). Die Piratenpartei war mit 0,9% elftstärkste Partei. Alle drei
blieben allerdings ohne Sitz. Der Kanton Zürich wird nach den Wahlen 2011 mit 10
Frauen und 24 Männern in Bern vertreten sein. Der Frauenanteil nahm damit im
Vergleich zu 2007 von 35,3% auf 29,4% ab. Die Stimmbeteiligung im Kanton Zürich
betrug 46,8% und war damit über zwei Prozentpunkte tiefer als noch 2007. 26
WAHLEN Entgegen dem nationalen Trend verringerte sich im Vergleich zu 2011 die Zahl der
DATUM: 18.10.2015
ANDREA DENZ
Kandidierenden für die Nationalratswahlen im Kanton Schwyz. Waren es damals noch
deren 64, versuchten 2015 nur noch 50 Bewerberinnen und Bewerber ihr Glück. Sie
taten dies auf insgesamt 13 Listen (2011: 17). Der Frauenanteil hingegen stieg auf 36%
(2011: 32.8%) und kam beinahe an den Rekordwert von 37.5% aus dem Jahr 2007 heran.
In der abgelaufenen Legislatur wurde die Schwyzer Bevölkerung durch eine
ausgeglichene Delegation aus je einem Mitglied der SVP, der FDP, der CVP und der SP
vertreten. Die FDP hatte 2011 – nach 8-jähriger Absenz – mit einem denkbar knappen
Resultat ihren Sitz von der SVP zurückgeholt. Somit bot sich für die aktuellen Wahlen
eine spannende Ausgangslage. Eine breite bürgerliche Allianz wurde zwar von der SVP
forciert, stiess bei der CVP und der FDP aber auf wenig Gehör. Gerade weil im
Ständeratswahlkampf ein Angriff auf die beiden amtierenden SVP-Vertreter zu erwarten
war, betrachtete man eine Listenverbindung mit der SVP als nicht vertretbar. Somit
verbanden sich die grossen bürgerlichen Parteien nur intern – jeweils mit ihren
Jungparteien und Nebenlisten (FDP Gewerbeliste, CVP Frauen). Die SP war in der
komfortablen Ausgangslage, dass sie mit den Grünen und den Grünliberalen gleich zwei
Listenpartner gefunden hatte. Für die Verteidigung des Mandats von SP-
Fraktionspräsident Andy Tschümperlin rechnete man sich deshalb beste Chancen aus.
Für die FDP und Petra Gössi sah die Lage weniger gut aus. Mit dem Nichtantreten der
BDP fiel eine Listenpartnerin weg, welche entscheidend zum knappen Erfolg vor vier
Jahren beigetragen hatte. Die CVP hingegen erreichte damals das mit Abstand beste
Parteiresultat hinter der SVP. Aus diesem Grund wurde CVP-Nationalrat Alois Gmür
etwas weniger oft zum Kreis der von der Abwahl Gefährdeten gezählt. Nur gewinnen
konnte auf der anderen Seite die SVP. Mit 38% Wähleranteil war einerseits das Mandat
von Nationalrat Pirmin Schwander absolut ungefährdet – andererseits musste dadurch
das Ziel der Rechtspartei klar die Rückeroberung ihres verlorenen, zweiten Sitzes sein.
ANNÉE POLITIQUE SUISSE — AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE DER SCHWEIZER POLITIK 01.01.97 - 01.01.17 12Sie können auch lesen