Mit Meerblick. Monatelang - Die Kreuzfahrtschi e sind weltweit ausgebremst. Viele Crew-Mitglieder warten ohne Arbeit zu Hause - manche an Bord ...
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MAGAZIN DER DEUTSCHEN SEEMANNSMISSION 2020 Mit Meerblick. Monatelang Die Kreuzfahrtschiffe sind weltweit ausgebremst. Viele Crew-Mitglieder warten ohne Arbeit zu Hause – manche an Bord. Die Seemannsmission ist für sie da
STATIONEN SEEMANNSMISSION WELTWEIT
Ankerplätze
In Deutschland ist die Deutsche Seemannsmission mit 16 Stationen
für Seeleute aus aller Welt da. Zudem engagieren wir uns in 17 Häfen
in Europa, Amerika, Afrika und Asien für die Würde der Seeleute.
Unser Motto: „support of seafarers’ dignity“
WELTWEIT
Amsterdam,
Niederlande
Rotterdam,
Niederlande
Antwerpen,
Großbritannien:
Belgien
Middlesbrough
London
New York, USA
Deutschland
Le Havre, Frankreich
Genua,
Italien
Piräus, Griechenland
Alexandria,
Ägypten
Lomé,
Togo
Douala,
Kamerun
Santos,
Brasilien
Valparaíso, Chile
Durban,
Südafrika
2 LASS FALLEN ANKERSEEMANNSMISSION WELTWEIT STATIONEN
IN DEUTSCHLAND
Sassnitz
Cuxhaven Kiel
Brunsbüttel Rostock
Lübeck
Wilhelmshaven Stade-Bützfleth
Hamburg-Altona
Emden Bremerhaven Hamburg (Krayenkamp)
Brake
Hamburg-Harburg („Duckdalben“)
Bremen
Duisburg
Hongkong,
China
Singapur
Die Adressen finden Sie auf
den Seiten 38–39
LASS FALLEN ANKER 3EDITORIAL
Liebe Leserin, lieber Leser,
„Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war . . .?“ Dieser Buchtitel
von Joachim Meyerhoff ging mir in den letzten Wochen oft durch
den Kopf. Ob nun in den Stationen und Seemannsclubs,
auf Kreuzfahrtschiffen oder in der Handelsschifffahrt – die Corona-
Pandemie hat auch für die Arbeit der Seemannsmissionen weltweit
dazu geführt, dass nichts mehr so ist, wie es noch vor wenigen
Christoph Ernst ist General
sekretär der Deutschen Monaten alltäglich war.
Seemannsmission mit Allerdings stellt sich immer mehr die Frage, ob die jetzige Unter-
Sitz in Hamburg.
brechung nicht auch eine heilsame Chance dafür sein kann, unsere
bisherige Normalität kritisch zu befragen. Zum Beispiel: Sollten
wir das Thema Kreuzfahrt noch einmal neu denken? Wie verhält es
sich mit der Abhängigkeit von globalen Lieferketten? Wie viele
klimabelastende Dienstreisen sind tatsächlich notwendig, wenn
man sich erst einmal an Videokonferenzen gewöhnt hat?
Das Redaktionsteam dieses Hefts hat intensiv über diese Fragen
diskutiert. Bei einer Publikation, die einmal jährlich erscheint, geht es
nicht nur um Tagesaktualität. Und wo wir in einigen Monaten oder
in einem Jahr mit unserer seemannsmissionarischen Arbeit stehen
werden, vermag heute, im Juni, kaum jemand zu beschreiben.
Das Konstante auch an diesem Heft ist sein Aufbau, mit dem wir an
das inzwischen bewährte Format der beiden letzten Ausgaben
anknüpfen: Das Schwerpunktthema, eine Reihe von Berichten aus
Stationen vor Ort, fachliche Kompetenz, theologische Vertiefung,
internationale Perspektiven, Interviews und Gesichter prägen auch
diese Ausgabe.
Hoffen wir, dass die Corona-Pandemie dazu führt, dass wir für
manches in unserer Welt eine Menge lernen können, gerade auch
Titelbild: Martina Platte / Foto: privat
zum Wohl der Seeleute. Und vielleicht wird es dann tatsächlich so,
wie es noch nie war . . .?
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!
Christoph Ernst
4 LASS FALLEN ANKERINHALT
TITELTHEMA
KREUZFAHRT
6 Bericht: Stephanie Noack möchte
endlich wieder arbeiten
8 Interview: Tino Hensel über die
Branche – und die Hoffnung auf den
Neustart
10 Seelsorge: Unterstützung für die
Besatzung in CoronaZeiten
12 Gesundheit: Nicht nur Passagiere
werden krank
14 Umwelt: Wir brauchen den emissi
onsfreien Antrieb, sagt der NABU
16 Geistliches Wort: Eine Bibel
auslegung von Martin Junge
17 Meldungen
18 Interview: Kapitän Björn Kropp über
die Zukunft der Seefahrt
20 Partnerorganisation Missão aos
Marinheiros und die evangelisch
lutherische Kirche in Brasilien
22 Geschäftsstelle jetzt in Hamburg
23 Personalnachrichten
24 Freiwillige Engagement in Rotter
dam, Amsterdam und Antwerpen 8 > 14 > 36 > 24
26 Lieferkettengesetz Fair Trade gilt
auch für Seeleute!
28 Krisenintervention 1 Nicht nur Scho
kolade für die „Mein Schiff 3“Crew
29 Krisenintervention 2 Das Havarie
kommando und die DSM arbeiten
zusammen
30 Station New York Die Stadt ist leer,
die Crews sind verunsichert
32 Station Durban Ron Küsel besucht
die Häfen in Südafrika
33 Station Emden Hoffentlich bald 8 Kreuzfahrten: Wann können wir endlich
Fotos: Martina Platte, privat
wieder ein Treffpunkt für viele wieder arbeiten?
34 Station Sassnitz Ab in den Wald! 14 Umwelt: Die Schifffahrt braucht
35 Meldungen, Impressum emissionsfreien Antrieb
36 Crews Eine Kapitänin steuert ihr 36 Crews: Mit Handschuhen und Maske
Schiff durch die CoronaKrise durch die CoronaKrise
24 Freiwillige: Junge Leute erzählen von
38 Kontakte und
ihren Erfahrungen in den Häfen
Ansprechpersonen
LASS FALLEN ANKER 5KREUZFAHRT
Traumjob auf
Traumreisen
Stephanie Noack ist Entertainment-Managerin an Bord der Hapag-Lloyd-Cruises-Flotte.
Normalerweise. Jetzt lebt sie schon seit Monaten an Land. Die Kreuzfahrtbranche
macht Zwangspause. Und die Mitarbeiter hoffen, dass sie sich bald wieder um ihre
Gäste kümmern können. Gern mit neuen Konzepten, gesünder, umweltfreundlicher
M
orgens in Singapur aufwachen auf der Brücke und im Maschinenraum, vom
und zwei Tage später in Borneo, Tellerwäscher bis zum Kapitän.
mit Stachelrochen vor Bora Bora Ein Kreuzfahrtschiff ist ein fahrendes Ho-
schnorcheln, in Neukaledonien am Strand tel, das zum großen Teil auf Selbstversorgung
liegen und in Sydney über die Harbour ausgerichtet ist. Hier bringt kein Postbote
Bridge spazieren. Das ist das Besondere an morgens die Zeitungen. Stattdessen werden
einem Job auf einem Kreuzfahrtschiff, den- sie jeden Morgen an Bord ausgedruckt und
ken viele. Ist es auch – aber nicht immer die großen Ausgaben sogar einzeln gebunden.
und ständig. Ein Bordredakteur schreibt das Programm für
In letzter Zeit war ich oft genervt an Bord. den Tag und für den jeweiligen Hafen, und
Viele Menschen auf engem Raum, wenig Frei- auch die Menükarten für die Restaurants wer-
Foto: Martina Platte (2), privat (3)
zeit und lange Arbeitstage. Arbeiten auf ei- den täglich auf Rechtschreibung überprüft
nem Kreuzfahrtschiff, das hört sich nach „gro- und korrigiert. Der Florist bindet eigenhän-
ßer Freiheit“ an, nach „Arbeiten, wo andere dig die Blumensträuße und Gestecke für das
Urlaub machen“. Aber es ist eben auch genau Schiff, und Brot, Brötchen und Kuchen werden
das: Arbeiten, während andere Urlaub ma- in der Nacht vom Bordbäcker gebacken. Ein
chen. An Bord läuft alles wie ein Uhrwerk, je- Großteil der Abläufe ist eingespielte Routine,
der hat seine Aufgaben, damit alles reibungs- trotzdem sind immer wieder Kreativität und
los funktioniert, in den Restaurants, in der Improvisationstalent gefragt. Zum Beispiel
Küche, beim Housekeeping, bei der Touristik, wenn an Heiligabend das Personal mit einem
6 LASS FALLEN ANKERKREUZFAHRT
Föhn und einem Eimer versucht, aus klein weise Bullaugen gibt es nur für Offiziere. Das
geschnittenen Servietten einen möglichst Badezimmer ist so klein, dass man duschen
fluffigen Kunstschnee zu produzieren. Oder könnte, während man auf der Toilette sitzt.
wenn schon ab dem frühen Morgen für das Auf einem Schiff ist kein Platz für viel Bewe-
Strand-Barbecue zwischen dem Schiff und gungsfreiheit oder Privatsphäre.
dem Strand mit Schlauchbooten hin und her Und doch gibt es kaum einen besseren
gefahren wird, um Tische, Tischdecken, Servi- Job auf der Welt, denke ich jetzt, da ich dank
etten, Grills, Essen und Getränke an Land zu Social Distancing und Corona-Beschränkun-
bringen und dort ein komplettes Open-Air- gen zumindest von Zweitem viel zu viel habe.
Restaurant aufzubauen. Wir kreieren jeden Seit Monaten sitze ich allein in meiner Woh-
Tag neue, einzigartige Momente für unsere nung, und was gäbe ich darum, jetzt in der
Gäste. Und darauf sind wir auch ein bisschen Crew-Bar zu sein, mit den philippinischen Kol-
stolz. Aber manchmal machen wir dann doch legen eine Karaoke-Party zu feiern oder an
lieber einen kurzen Mittagsschlaf in der Kabi- Deck mit Gästen eine Pool-Party.
ne, statt uns noch einmal Dubai anzusehen. Denn, und das wird mir mehr und mehr
Die Kabinen sind klein, es passt ein Eta- klar: Das Reisen mag sicherlich ein wichtiger
genbett hinein, einer liegt oben, einer unten, Anreiz sein, um auf einem Kreuzfahrtschiff
denn die meisten Kabinen werden geteilt. Ein zu arbeiten. Aber was einen dort hält, oft für
kleiner Tisch, ein Schrank. Fenster beziehungs- viele Jahre, sind die Freundschaften, die hier
entstehen, die Kollegen und diese ganz be-
sondere Gemeinschaft an Bord, in der „alle
in einem Boot“ sitzen. Wir arbeiten und wir
feiern zusammen, wir gehen durch Krisen
und meistern Notfälle, wir erleben zusam-
men die unwahrscheinlichsten Geschichten
an den entferntesten Plätzen der Welt. Das
schweißt zusammen, wie kaum ein anderer
Job es kann. Wir haben sogar unsere eigene
Stephanie
Sprache, in der „Dschingelings“ immer die
Noack liebt
ihren Job, auch
Währung sind, mit der wir gerade bezahlen,
den Freizeit- im Sinne von: „Hast du genug Dschingelings
aspekt daran. für das Taxi?“, und in der der Toaster, den man
Aber jetzt zur Reparatur in den Maschinenraum bringt,
würde sie gern nicht kaputt, sondern „kaputzki“ ist.
mal wieder Und wie schön ist es, um die Welt zu rei-
arbeiten . . . sen und seine Freunde immer dabei zu ha-
ben! Fremde Orte zu entdecken oder an im-
mer neuen Flecken der Erde am Strand zu
liegen, und wenn es nur für zwei Stunden ist.
Niemand hat so großartige und erlebnisrei-
Sicher, das Reisen che Mittagspausen wie die Crew eines Kreuz-
fahrtschiffes – so viel erlebnisreicher als hier
ist ein Anreiz. zu Hause auf der Couch vor dem Fernseher.
Aber was einen Wer weiß, wie lange es dauert, bis wir endlich
wieder alle an Bord gehen können, Crew und
dort hält, ist Gäste, und gemeinsam reisen können. Denn
die Gemeinschaft trotz aller Anstrengung und harter Arbeit ist
das Leben an Bord letztlich eben doch das:
an Bord die „große Freiheit“, nach der ich mich jetzt
so sehr sehne.
7AMKREUZFAHRT
WASSER SIMAGNAM ASPELITAS
„Wir kommen wieder!“
C Was bedeutet Corona für die
Wohin man blickt: ovid-19 ist für uns alle eine Heraus-
leere Balkons. Aber forderung, beruflich und privat. Der
weltweite Kreuzfahrtbranche?
das soll sich bald Virus hat alles verändert: unsere
wieder ändern Tino Hensel, Vizepräsident und Art zu leben, zu arbeiten, unsere Jobs, Be-
Personalchef von Carnival Cruises, dürfnisse, Ziele, Werte. Wir sorgen uns um
gibt Auskunft unsere Familien und unsere Freunde.
Auch in der Kreuzfahrtbranche ist jetzt
vieles anders. Ich glaube, ich übertreibe nicht,
wenn ich sage, dass dieses die schlimmste
Krise ist, die wir in den letzten Jahrzehnten
erlebt haben. Trotzdem, die Costa-Gruppe ist
stark und tut ihr Möglichstes. Die Reedereien
8 LASS FALLEN ANKERKREUZFAHRT
haben entschieden, ihren Betrieb bis auf weiteres einzustel-
len. Die meisten Schiffe liegen in Häfen, und nun sind unsere
„Das Wohlergehen
Hauptanliegen die Gesundheit und die Sicherheit unserer und die Sicherheit
Gäste und Seeleute. „People first“ ist in diesen Zeiten der
Unsicherheit das Motto, und wir arbeiten hart daran, das unserer Leute
Wohlergehen unserer Leute an Bord und an Land zu sichern.
In unserem Hamburger Hauptquartier konzentrieren wir
haben jetzt
uns vor allem darauf, unsere Crews nach Hause zu bringen. Priorität“
Und da ist im Moment jeder Schritt eine hochkomplexe Auf-
gabe. Weltweit ändern sich die Einschränkungen täglich,
oft gibt es gar keine Flüge. Einige Länder lassen ihre eige-
nen Bürger nicht einreisen, die Grenzen sind geschlossen,
damit sich der Virus nicht weiter verbreitet. Angesichts die-
ser Situation müssen wir internationa-
le Anstrengungen unternehmen, um die
Freiheit der Seeleute zu garantieren. IMO,
ILO und die EU-Kommission haben ent-
sprechende Statements abgegeben. Die
Schiffseignerverbände unterstützen und
begleiten diese Anstrengungen.
Bis jetzt ist es uns gelungen, einen Teil
unserer Besatzungsmitglieder mit Char-
terflügen nach Hause zu bringen. Wir mi-
nimieren die Besatzungen an Bord auf die
Zahl, die man braucht, um den sicheren Tino Hensel
Betrieb und die Fahrbereitschaft ohne Pas-
sagiere zu gewährleisten. Wir limitieren die Crew-Wechsel International Association) auf ihrer Website
so weit wie möglich, und jedes neue Crew-Mitglied wird für schreibt: „Das Aussetzen des Kreuzfahrtbe-
14 Tage isoliert. triebs wird die globale Wirtschaft deutlich
Wir wissen, wie schwer es für die Seeleute ist, auch dann, beschädigen. Die Kreuzfahrtindustrie gene-
wenn sie wieder in ihrem Land sind. Zu Hause zu sein, darauf riert mehr als 150 Milliarden Dollar Umsatz
zu warten und zu hoffen, dass es endlich wieder losgeht, und jährlich und stellt 1,17 Millionen Jobs. Kreuz-
das ohne sicheres Einkommen – das ist schwierig. Wir wer- fahrten berühren fast jeden Sektor: Transport,
den sie unterstützen, so gut wir das unter den gegebenen Produktion, Landwirtschaft, Gastronomie,
Umständen können. Tourismus und vieles mehr. Wenn es an der
Zeit ist, die Anker zu lichten und wieder auf
AUCH DAS PERSONAL AN LAND ist schwer ge- Kreuzfahrt zu gehen, werden wir wieder ein
troffen. Wochenlang waren wir alle im Homeoffice. Seit dem wichtiger Teil der globalen Wirtschaft sein.“
4. Mai arbeiten wir mit einem Plan, nach dem jeweils 50 Pro- Also lassen Sie uns optimistisch in eine
Foto: Martina Platte, ostsee-zeitung.de
zent eines Teams im Büro sind – und jeden zweiten Tag wird freundliche Zukunft blicken, in der unsere
gewechselt. So wollen wir die Kontakte minimieren, weil das Branche einen soliden Beitrag zur wirtschaft-
Wohlergehen und die Sicherheit aller unserer Angestellten lichen Erholung leistet – weltweit. Wir alle
für uns Priorität haben. Es war nicht leicht, sich an diese Art hoffen, dass die Krise bald vorbei ist und wir
von Büroarbeit zu gewöhnen, wobei uns die Technik unter- allmählich zur Normalität zurückkehren kön-
stützt, mit virtuellen Meetings und Conference Calls. Aber nen. Wir freuen uns darauf, den Betrieb wie-
ich kann nicht leugnen, dass mir der persönliche Kontakt der aufzunehmen und endlich unsere Gäste,
fehlt, die Diskussionen face to face, die Brainstormings und die wir sehr vermissen, willkommen zu hei-
der direkte Austausch von Informationen. ßen. Auch wenn ich die Herausforderungen,
Die weltweite Wirtschaft erlebt eine sehr schwierige Zeit, vor denen wir alle in Zukunft stehen, nicht
und fast jeder Sektor ist betroffen. Wie es die CLIA (Cruise Lines unterschätzen will.
LASS FALLEN ANKER 9KREUZFAHRT
Wo andere je, da eine direkte Begegnung mit den
Crew-Mitgliedern aus Sorge, dass das
Virus an Bord getragen wird, in der Re-
Urlaub
gel nicht möglich ist.
IN NORMALEN ZEITEN engagie-
ren manche Reedereien für die Passagie-
machen, ist
re Bordseelsorgerinnen und -seelsorger,
die auf den Reisen unter anderem für
Gespräche zur Verfügung stehen. Nur
in besonders schweren Fällen – zum Bei-
das Leben
spiel dem Überbringen einer Todesnach-
richt – erhalten die Seelsorgerinnen und
Seelsorger auch die Erlaubnis, mit den
betroffenen Crew-Mitgliedern in Kon-
hart
takt zu treten. Dies bedarf allerdings im-
mer der ausdrücklichen Genehmigung.
Grundsätzlich steht also den Crew-
Mitgliedern an Bord von Kreuzfahrt-
schiffen kein professionelles soziales
oder seelsorgerliches Angebot zur Ver-
fügung. Nicht einmal ein vertraulicher
Arztbesuch ist unbemerkt von Vorge-
setzten möglich. Doch wohin mit den
Nöten und Sorgen, wenn man bis zu
Von: Olaf Schröder neun Monate an Bord des Schiffes lebt
und arbeitet?
Klar, es gibt andere Crew-Mitglieder,
Besonders betroffen von der Corona-Pandemie
denen man sein Herz ausschütten kann.
sind die vielen Crew-Mitglieder an Bord der Es gibt zudem die sozialen Medien, über
rund 500 Kreuzfahrtschiffe weltweit. Große die man, zumindest in den Hafenstäd-
existenzielle Sorgen bedrücken sie. Die Verträge ten, mit den Lieben daheim in Kontakt
treten kann. Was aber, wenn das alles
laufen aus, die Schiffe liegen fest. Was können
nicht hilft, wenn einem die Sorgen über
Seelsorger für die Menschen tun? Der Hamburger den Kopf wachsen? Wo bekommt die
Seemannsdiakon kennt ihre Nöte Crew professionelle und zugleich ver-
trauliche Unterstützung, wenn sie über
Monate an ihrem Arbeitsplatz fest ge-
bunden ist? Am Ende der langen Zeit
F
an Bord rettet man sich vielleicht mit
ür die Seemannsmission liegt schen Seemannsmission wie auch in der dem Gedanken an die bevorstehende
das besondere Augenmerk in „Maritime Labour Convention (MLC)“, Heimreise. Aber was, wenn Probleme
dieser schwierigen Zeit auf den dem internationalen Seearbeitsüber- schon am Anfang der Dienstzeit unlös-
Crew-Mitgliedern, deren „support“ wir einkommen, sind alle Menschen, die bar erscheinen?
uns auf die Fahnen geschrieben ha- auf Schiffen arbeiten, Seeleute. Dies
ben. Die Crew auf Kreuzfahrtschiffen aus dem einfachen Grund, dass sie alle IN ZEITEN VON CORONA ist
entspricht zu großen Teilen nicht der unter ähnlichen Bedingungen arbeiten nun auch noch der direkte Kontakt zu
klassischen Definition, mit der die meis- und so vergleichbare Bedürfnisse, Sor- Seelsorgerinnen und Seelsorgern der
ten Menschen Seeleute beschreiben gen und Nöte haben. Im Moment sind verschiedenen Seemannsmissionen in
würden. Im Sprachgebrauch der Deut- unsere Bemühungen schwieriger denn den Häfen weltweit untersagt. Neue
10 LASS FALLEN ANKERKREUZFAHRT
Onlineangebote wie das Chatforum geahnte Erleichterung bedeuten. Stark
https://dsm.care und virtuelle Gottes- hierarchische Strukturen und das stete
dienste, die wir in dieser Krisenzeit mit Arbeiten mit Abmahnungen erzeugen
Nachdruck an den Start gebracht haben, einen enormen Druck. All das führt zu
sind ein Weg. Die räumliche Distanz ist einer permanenten Müdigkeit, die von
aber immer noch eine große Hürde. Ge- Monat zu Monat zunimmt.
rade in Seelsorge und Beratung ist ein
anwesendes und am besten vertrautes DA IST ES NACHVOLLZIEH-
Gegenüber eine wichtige Voraussetzung BAR, dass an Bord eines Kreuz-
für Gespräche. fahrtschiffes die Nerven schon mal
Ja, Crew-Mitglieder kommen in der blankliegen und die Crew-Mitglieder
Welt herum und sehen mit etwas Glück sprichwörtlich in den Seilen hängen. Bei
auch ein wenig von den Orten auf der Problemen, die Besatzungen über die so-
Reiseroute. Die freie Zeit und das nötige zialen Medien von daheim mitbekom-
Geld für private Erkundungen aber feh-
len in der Regel. So verlassen die Crew-
Mitglieder nur selten den Schatten ihrer WAS DIE CREWS BRAUCHEN:
Schiffe.
Die Einrichtungen der Seemanns-
mission, am besten direkt am Terminal Kostenlose Internetnutzung an Bord
mit Platz zum Sitzen und Entspannen, Einen freien Tag pro Woche mit Möglich-
freiem WLAN für den Kontakt nach Hau- keit zum Landgang
se und kleinen Shops, in denen das Nö- Guten und ungehinderten Zugang zu gem Raum und durch die Ver-
tigste für den persönlichen Bedarf auf medizinischer Versorgung schmelzung von Lebens- und
kurzem Weg und für kleines Geld zu be- Niedrigschwelligen Zugang zu Seelsorge Arbeitswelt, kaum entziehen
kommen ist, haben sich bewährt. Und und Beratung kann. Probleme am Arbeits-
dann sind da die Mitarbeiterinnen und platz, mit Vorgesetzten und
Mitarbeiter der Seemannsmission, die Kollegen, dem Kabinenmitbe-
ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte men, sind sie oft Beobachter und kön- wohner, Streit, Mobbing, Reibungsflä-
der Crew-Mitglieder haben und über die nen nur tatenlos zusehen. In manchen chen aufgrund kultureller Unterschiede
Saison hinweg verlässlich vor Ort an- Fällen lassen sich Probleme mit Geld lö- innerhalb der Crew, Machtstrukturen
sprechbar sind. sen – wenn die medizinische Behand- innerhalb der Crew und speziell auch
lung der Großmutter bezahlt, das längst zwischen Männern und Frauen bis hin
AUF EINEM KREUZFAHRT- fällige Schulgeld für die Kinder überwie- zu sexuellem Missbrauch – all das zeigt:
SCHIFF zu arbeiten, bedeutet nicht sen werden muss. Das müssen die Be- Eine Crew braucht soziale und psycho-
selten einen Dienst von neun Monaten troffenen dann in der kurzen freien Zeit soziale Betreuung. Sie braucht Seelsorge
am Stück. In dieser Zeit wird sieben Tage im Hafen erledigen, was weiteren Druck und Beratung – gerade auch angesichts
in der Woche, oft mehr als zehn Stun- auf den Einzelnen ausübt. Ohnehin ist der vielen Suizidversuche und Suizide,
den am Tag und für einen Lohn von teils für viele der Druck, der große (finanzi- von denen wir oft erst im Nachhinein
unter zwei Dollar pro Stunde gearbeitet. elle) Heilsbringer für die Familie zu sein, hören.
Die Crew-Mitglieder wohnen meist zu auf den alle zu Hause bauen und hof- Das Coronavirus zwingt gerade die
zweit in engen Kabinen ohne Tageslicht. fen, der zu funktionieren hat und sich ganze Branche in die Knie. Ein wenig
Ohne Privatsphäre, immer präsent und für seine Familie in der Fremde aufop- mehr soziale Verantwortung für die
ansprechbar. Sie sind fast durchgehend fert, sehr groß. „I sacrifice my life for my Crew würde der Kreuzfahrtindustrie
Fotos: Martina Platte
unter Beobachtung und müssen, das ist familiy“, sagte mir ein Seemann. beim bevorstehenden Neustart sehr
eine Dienstanweisung, mit einem Lä- Zu den strukturellen Bedingungen gut zu Gesicht stehen. Für die struktu-
cheln auf den Lippen einen perfekten an Bord und den privaten Sorgen und rellen Probleme, aber auch die vielen pri-
Service für die Gäste liefern. Die Pflicht, Nöten kommen noch alltägliche zwi- vaten Nöte und Sorgen der Crew-Mit-
in Corona-Zeiten einen Mund-Nasen- schenmenschliche Probleme, denen glieder von Kreuzfahrtschiffen ist die
Schutz zu tragen, könnte hier eine un- man sich an Bord eines Schiffes, auf en- Seemannsmission auch weiterhin da.
LASS FALLEN ANKER 11KREUZFAHRT
W
Große Herausforde- ie kommt man als Kardiologin und Inter-
rungen hat sie erlebt, nistin mit diversen Zusatzbezeichnungen
medizinisch und dazu, zur See zu fahren? Durch eine An-
menschlich: zeige im „Deutschen Ärzteblatt“ . . .
Brigitte Fleischer-Peter Nach zehn Jahren Krankenhausarbeit als Internistin
ist Schiffsärztin. und Kardiologin und zusätzlich einem Jahr Chirurgie las
ich im „Deutschen Ärzteblatt“ eine Anzeige: Gesucht
wird ein Schiffsarzt für die „MS Europa“ von Hapag-
KREUZFAHRT Lloyd. Ich wurde unter 350 Bewerbern für diese Stelle ausgewählt. Im November
IN ZAHLEN 2018: 1990 ging es los – in Venedig. Es gab damals zwei Ärzte und drei Krankenschwes-
tern für 650 Passagiere und 350 Crew-Mitglieder.
Was hat mich vom ersten Tag an am Leben auf See fasziniert? Die versproche-
28,5 Millionen ne Freiheit ist in gewissem Maße eingetroffen. Allerdings lernte ich schnell, dass
Passagiere waren ohne eine Lobby auf dem Schiff, auch als Offizier, das Leben nicht einfach ist. Die
weltweit auf Kollegin, die mich als 2. Schiffsärztin begleitete, hatte schon ein wenig Erfahrung
Kreuzfahrtschiffen und beriet mich. Mein einziger Vorgesetzter war der Kapitän.
unterwegs Das Schiff und die Crew lernte ich schnell kennen. Da das Schiff unter deut-
scher Flagge fuhr, war die Besatzung überwiegend deutsch. So lernte ich auch
14,2 Millionen den Umgang mit einer deutschen Gewerkschaft kennen und damit die Möglich-
aus Nordamerika
1,77 Millionen Von: Brigitte Fleischer-Peter
aus Deutschland
1,177 Millionen
Crew-Mitglieder gab
es weltweit Ohnmächtig, veräng
Quelle: CLIA 2018 Von: Marcus Oldenburg
A
us infektiologischer Sicht stel- fahrtreedereien und Hafenbehörden ihren Anliegen, Sorgen und Nöten an
len Kreuzfahrtschiffe eine be- hatten gezielte Infektionsschutzmaß- Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der
sondere Herausforderung dar, nahmen ergriffen und zum Beispiel die Seemannsmissionen wenden konnten.
da viele Tausend Menschen auf be- Crew-Wechsel untersagt, woraus mehr- Corona hat auch gelehrt, dass selbst
schränktem Raum zusammenleben. monatige Kontraktverlängerungen re- einfache Atemwegserkrankungen in die-
Daher kam schon zu Beginn der Pande- sultierten. ser Zeit weitreichende Konsequenzen
mie den Maßnahmen zur Infektions- Für die Besatzungen ergaben sich haben können. Überhaupt ist die me-
verhütung auf den Passagierschiffen dadurch viele Probleme. Nicht zuletzt dizinische Versorgung und Betreuung
eine große Bedeutung zu. der Gedanke, dass sie ihren Familien auf Kreuzfahrtschiffen an ihre Grenzen
Viele Seeleute sorgten sich um ihre zu Hause nicht beistehen konnten, war gestoßen. Eine labortechnische Verifi-
körperliche und seelische Unversehrt- eine erhebliche Belastung für die See- zierung einer SARS-CoV-2-Infektion ist
heit, lebten in ständiger Angst vor ei- leute. Wer für eine zweiwöchige Qua- trotz höherer medizinischer Standards
ner Infektion aufgrund unvermeidbarer rantäne in der eigenen Kammer blei- auf Passagierschiffen nicht möglich.
Außenkontakte, waren in verschiede- ben musste oder Landgangverbot hatte, Die Situation spitzte sich besonders
nen Häfen mit unterschiedlichen In- fühlte sich isoliert, manchmal bis hin dann zu, wenn Anlaufhäfen keine Be-
fektionsschutzregularien konfrontiert zur Vereinsamung. Daher war es auch reitschaft zeigten, Personen aussteigen
und hatten keine Perspektive, wann sie aus medizinisch-präventiver Sicht wich- zu lassen, Infizierte an Land zu behan-
an Bord abgelöst werden. Einige Kreuz- tig, dass sich die Menschen an Bord mit deln oder wenn lange Odysseen drohten.
12 LASS FALLEN ANKERKREUZFAHRT
keit, Crew-Mitglieder krankzuschreiben und bei Überforderung aus dem Dienst Aktuell mache ich den längsten Törn
zu nehmen. Das habe ich nach Ausflaggen des Schiffes nicht mehr erlebt. Dann meines Lebens auf See: Wir fahren mit
bestand die Crew überwiegend aus nichtdeutschen Mitgliedern. der „MS Bremen“ von Neuseeland direkt
Mein erster Einsatz dauerte gleich fünf Monate. Unter deutscher Flagge hieß: nach Hamburg. Aufgrund der Corona-
bezahlter Urlaub und Wiedereinstieg nach zwei Monaten Pause. Krise lag das Schiff fest vor Auckland.
Am Ende der Vertragszeit – insgesamt drei Jahre – stand eine Reise nach Alaska Nun geht es zurück, das braucht 40 See-
über Japan. Im April 1992 ging es in Hongkong los. 36 Stunden nach dem Auslau- tage. Ich betreue 70 Crew-Mitglieder
fen hatten wir eine schwere Havarie: Das Frachtschiff „Incon Glory“ kollidierte mit und begleite sie alle gesund und sicher
uns und riss ein Loch von 7 × 12 Metern in den Rumpf. Zwei von sieben Sektionen nach Hause.
liefen voll, wir hatten einen Meter mehr Tiefgang und heftige Schlagseite! Mit dem Während meiner 30 Jahre auf See
anderen Schiff im steuerbordseitigen Heck konnten wir bis zum Abschleppmanö- habe ich alles erlebt, was medizinisch
ver 48 Stunden ausharren. Wir wurden nach Kaohsiung geschleppt, dort war die möglich ist. Die ganzen Erkrankun-
Werft, die unser Schiff wieder „geschlossen“ hat. Anschließend wurde die „MS Eu- gen, auch die schwersten, möchte ich
ropa“ weitere sechs Wochen in Singapur repariert. Dann ging es nach Hamburg, lieber gar nicht erwähnen. Das waren
mit 200 Arbeitern an Bord, die das Schiff innen instandsetzten. sehr große Herausforderungen. Und es
Dies war vorerst meine letzte Reise auf der „MS Europa“. macht mir immer noch Freude, zur See
Es folgten Einsätze auf dem 110 Meter langen viermastigen Segelschiff „Sea zu fahren.
Cloud“ und auf dem Forschungsschiff „Polarstern“. Bis heute fahre ich die Hälfte
des Jahres auf Schiffen, die andere Hälfte arbeite ich an Land.
ngstigt, isoliert
Die Corona-Pandemie hat der Kreuz-
schifffahrt eine Zwangspause verordnet.
Was bedeutet das für die Besatzungen?
Marcus Oldenburg ist Die EU-Forschungsgruppe Healthy unter Quarantäne gestellt wurden. In
Leiter der Arbeitsgruppe GateWays hat einige Empfehlungen der Folge hatten sich mehr als 700 Men-
Schifffahrtsmedizin von Schutzmaßnahmen zur Verhütung schen infiziert, elf starben. Beobachter
des Zentralinstituts von SARS-CoV-2-Infektionen auf Kreuz- und Wissenschaftler gehen davon aus,
für Arbeitsmedizin
fahrtschiffen formuliert, an denen sich dass dieser Verlauf hätte vermieden
und Maritime
Seeleute und Kreuzfahrtreedereien ori- werden können, wenn die Betroffenen
Medizin in Hamburg.
entieren sollen, wenn sich Infektions- an Land behandelt worden wären.
ausbrüche an Bord ereignen. Wenn eine Sinnvoll wäre es, die Verbreitung die-
Person an Bord unter Infektionsverdacht ses Virus auch auf Kreuzfahrtschiffen
steht, sollte diese sofort in der eigenen wissenschaftlich auszuwerten und in-
Fotos: privat, UKE Hamburg
Kammer isoliert werden. Aber eine ge- fektiologische Erkenntnisse für das ein-
nerelle Isolations-/Quarantäneregelung zigartige Setting an Bord zu gewinnen.
an Bord ist auch kritisch zu hinterfragen. So könnte man später auf erfahrungs-
So trat auf dem Kreuzfahrtschiff „Dia- basierte Pandemiepläne zurückgreifen.
mond Princess“ Ende Januar 2020 ein Denn es ist wichtig, aus den Erfahrun-
SARS-CoV-2-positiver Fall auf, der dazu gen der Vergangenheit zu lernen, um
führte, dass 3.711 Besatzungsmitglieder für die Zukunft besser gewappnet zu
und Passagiere am Pier von Yokohama sein!
LASS FALLEN ANKER 13KREUZFAHRT
Klare Luft, reines
Wasser!
Von: Sönke Diesener
Ein großes Kreuzfahrtschiff
verbraucht an einem normalen
Tag 150 Tonnen Schweröl. Das
sind mehr als fünf Tanklaster.
Das muss aufhören, findet
nicht nur der Naturschutzbund
Deutschland
W
ie geht’s der Antarktis? Antworten darauf su-
chen die Wissenschaftler auf der „Polarstern“
seit 1982 auf regelmäßigen Forschungsreisen.
Das Schiff ist mit Dieselöl unterwegs, nicht mit Schweröl
wie die meisten Kreuzfahrtschiffe. Schweröl ist ein sehr
umwelt- und gesundheitsschädliches Restprodukt der Öl-
industrie. Einen Stickoxidkatalysator und einen Rußparti- Anläufe im Jahr. Ein großes Kreuzfahrtschiff Zu Besuch
kelfilter – wie bei Diesel-Pkw oder -Lkw seit Jahren Stan- verbraucht an einem ganz normalen Tag 150 bei den
dard – sucht man meist vergebens. Die Branche hat jedoch Tonnen Schweröl. Das entspricht mehr als Pinguinen
eine besondere Verantwortung: Ihre Schiffe transportieren fünf Tanklastern. Das sind etwa fünf Tonnen in der
Menschen, sie liegen inmitten von Städten, und eine in- gesundheitsgefährlicher Stickoxide, die jeden Antarktis: das
Forschungs-
takte Natur ist das Kapital für den Urlaubstraum. Sauberes Tag ausgestoßen werden. Zum Vergleich: Ein
schiff
Wasser, weiße Eis- und Schneeflächen in der Arktis oder Pkw in Deutschland produziert pro Tag im
„Polarstern“
auch reine Luft in norwegischen Fjorden – all das verbindet Durchschnitt etwa 13 Gramm.
der Urlauber mit einer Kreuzfahrt. Und doch hat die stark Schiffe gehören zu den größten Emissi-
wachsende Anzahl der „Traumschiffe“ großen Anteil daran, onsquellen überhaupt. Schweröl hat hohe
dass genau diese Naturschätze in Gefahr sind. Anteile an Schwefel, Asche, Schwermetallen
Fotos: Mario Hoppmann, NABU
Die Kreuzfahrtbranche verzeichnet seit Jahren ein ste- und anderen giftigen Substanzen. Bei der Ver-
tiges Wachstum. Zwischen 2015 und 2020 haben allein die brennung entstehen hochgiftige Abgase, die
deutschen Reeder Schiffe im Gesamtwert von über fünf Mil- unter anderem Schwefeldioxid (SO2), Stick-
liarden Euro in Dienst gestellt. Entsprechend stark hat auch oxid (NOx) und Feinstaub (PM) enthalten. Zu
die Zahl der Schiffsanläufe in den beliebten Hafenstädten Letzterem gehören auch die besonders kli-
Hamburg, Warnemünde (Rostock), Kiel, Travemünde (Lübeck) ma- und gesundheitsschädlichen Rußparti-
und Bremerhaven in den letzten Jahren zugenommen. Wa- kel (engl. Black Carbon, BC). Der Ausstoß die-
ren es in Hamburg 2006 zum Beispiel noch rund 60 Kreuz- ser Luftschadstoffe muss umgehend streng
fahrtschiffsanläufe, stieg die Zahl auf mittlerweile etwa 200 begrenzt werden, so wie es an Land längst
14 LASS FALLEN ANKERKREUZFAHRT
steht eine neue, zusätzliche Umweltgefahr: riesige Mengen
Waschwasser. Es enthält etliche der Schadstoffe aus dem Öl
und landet in den meisten Fällen im Meer.
Die neuen Treibstoffregelungen IMO 2020 sind eine Vor-
bedingung, um wie an Land Partikelfilter und Katalysato-
Neue Schiffe ren zum Standard zu machen. Für neue Schiffe müssen aber
schon heute komplett emissionsfreie Antriebe und Treibstoffe
müssen in Anwendung gebracht werden, um neben der Luftreinhal-
tung auch die Klimaschutzziele erreichen zu können.
emissionsfrei Die Seeschifffahrt hat einen erheblichen Anteil an den
fahren. weltweiten CO2-Emissionen, Tendenz steigend. Ohne einen
tiefgreifenden Wandel bei Antriebstechnologien, Treibstof-
Die bestehende fen und der Energieeffizienz wird der Anteil der Schifffahrt
Flotte muss laut IMO von heute etwa drei bis 2050 auf etwa 17 Prozent
an den weltweiten CO2-Emissionen ansteigen.
umgerüstet Eine Kreuzfahrt, die am Ende einen positiven Einfluss auf
die Umwelt hat, wird es wohl nicht geben. Aber natürlich las-
werden sen sich die negativen Auswirkungen reduzieren.
Neben den Emissionen aus dem Schornstein, die Klima
und Gesundheit gefährden, belasten die immer größeren
Kreuzfahrtschiffe aber auch auf andere Weise die Umwelt.
Die Aufkommen an Abwasser und Müll sind gewaltig und
werden nicht überall auf der Welt sachgerecht behandelt
und entsorgt. Andererseits sind die neueren Kreuzfahrtschiffe
üblich ist. Aber die Emissionen der interna- technisch häufig deutlich besser ausgerüstet, um Umwelt-
tionalen Seeschifffahrt wurden lange viel zu schäden zu verringern. Aber auch in der Kreuzfahrtbranche
wenig reguliert. Dadurch verursachen Schif- ist da noch sehr viel Luft nach oben. Ein Schiff, das emissi-
fe einen großen und sukzessive steigenden onsfrei durchs Meer gleitet, muss das Ziel der Branche sein.
Anteil an den globalen Schadstoff- und auch Mit dem Einsatz von Brennstoffzellen, Batterien und etwa
Treibhausgasemissionen. der Nutzung von Wind kann viel erreicht werden. Natürlich
Die meisten Schiffsemissionen – insbe- werden auch weiterhin Kraftstoffe benötigt, sie müssen aber
sondere von Kreuzfahrtschiffen – entstehen auf regenerativer Energie basieren und weitgehend schad-
in unmittelbarer Küstennähe und in Häfen, stofffrei verbrennen.
von wo aus sie weit ins Landesinnere ge- Der Kreuzfahrtindustrie ging es bisher sehr gut. Es wurden
tragen werden. Global betrachtet werden Milliarden investiert. Leider blieb wirksame Umwelttechnik
zwei Drittel aller Schiffsemissionen in einer weitgehend auf der Strecke. Nur die wenigsten Schiffe ver-
Entfernung von bis zu 400 Kilometern zur fügen über Katalysatoren, auf keinem Schiff läuft ein Parti-
Sönke Diesener
Küste ausgestoßen. kelfilter. Diese Techniken sind an Land seit Jahrzehnten Stan-
ist Referent für
Seit dem Jahr 2020 müssen wenigstens dard. Der Kostenanteil umfassender Abgasnachbehandlung
Verkehrspolitik
beim NABU die Schwefelemissionen umfassend gesenkt an den Neubaukosten für ein Schiff liegt im Promillebereich,
Naturschutzbund werden. Hierzu ist der Umstieg auf schwefel- die größten Schiffe kosten immerhin über eine Milliarde Euro.
Deutschland. armen Kraftstoff nötig, so werden auch viele Dass die meisten Schiffe immer noch mit dreckigem Schweröl
andere Emissionen verringert. Leider haben betrieben werden, ist vor dem Hintergrund der werbewirk-
viele Reeder insbesondere in der Kreuzfahrt samen Lippenbekenntnisse zum Umweltschutz ein Skandal.
stattdessen in Schwefelwäscher, sogenannte Neue Schiffe müssen mit neuen Treibstoffen und Antrie-
Scrubber, investiert. Diese ermöglichen ih- ben gebaut werden, die komplett emissionsfrei sind. Die be-
nen, weiterhin das billige, aber gefährliche stehende Flotte muss sofort auf Schweröl verzichten und mit
Schweröl zu nutzen. Damit die Grenzwerte wirksamer Abgasreinigung nachgerüstet werden. Mittelfristig
eingehalten werden, wird der Schwefel nach- muss auch für die Bestandsflotte eine emissionsfreie Lösung
träglich aus dem Abgas gewaschen. So ent- gefunden werden.
LASS FALLEN ANKER 15GEISTLICHES WORT
Mehr als nur Land
würden, weil Paulus dazu berufen sei, Zeug
nis für seinen Glauben abzulegen. Weil er auf
Gottes Gegenwart und Wegweisung vertraut,
in Sicht kann Paulus das Handeln der Wächter und
der Crew beeinflussen, obwohl er eigentlich
ein Gefangener auf dem Schiff ist.
Von: Martin Junge Für Paulus selbst bedeutet die Tatsache,
heil an Land gekommen zu sein, vielleicht ent
gegen unseren Erwartungen, nicht, dass er
A
nun in Sicherheit ist. Vielmehr wird Paulus
m Ende der Apostelgeschichte (Ka dort an Land den Tod finden, auch wenn uns
pitel 27 und 28) lesen wir von ei die Apostelgeschichte davon nicht berichtet.
nem Segelschiff, das Schiffbruch Für viele von uns heute stehen weder Land
erleidet. An Bord dieses Schiffes war auch noch Meer für Sicherheit. Das Land steht für
der Apostel Paulus. Es geht in dieser Ge unerfüllte oder zerbrochene Träume oder für
schichte jedoch nicht nur um den Schiff das Fehlen einer Gemeinschaft, der wir uns
bruch, sondern einerseits auch darum, dass zugehörig fühlen können. Und in einer Pan
unsere vielen Erwartungen und Überzeu demie, wie wir sie gerade erleben, bedeuten
gungen und Träume oftmals auf den Kopf Land und der Kontakt zu anderen Menschen
gestellt werden und im wahrsten Sinne des sogar eine Gefahr. Derzeit versuchen wir alle,
Wortes irgendwo stranden, und anderer uns zu isolieren und uns physisch von ande
seits auch um unsere verlässlichste Veran ren Menschen zu distanzieren, um unsere
kerung. Nächsten und uns selbst vor der Ausbreitung
Die Geschichte ist ziemlich dramatisch, des Virus zu schützen.
denn es lauern viele Gefahren: zum Beispiel Was bedeutet es, in Sicherheit zu sein,
die Gefahren, die zu der damaligen Zeit mit und wo sind wir sicher? Das Ziel und die Hoff
einer Schiffsreise im Winter einhergehen, un Der Theologe
nung für unsere Reise sind nicht notwendi
erwartete Stürme, Vorboten auf andere Ge Martin Junge, 1961 in gerweise, das Land zu erreichen. Hoffnung
fahren, das Risiko, von der richtigen Fahrtrich Chile geboren, ist General gibt uns Gottes Verheißung, Gottes Gegen
tung abzukommen, der Verlust von Fracht, sekretär des Lutherischen wart, dass Gott uns den richtigen Weg weist,
extremes Fasten und um ein Haar der Verlust Weltbundes. auch wenn nicht klar ist, wo uns dieser Weg
von Leben. Es herrscht große Erleichterung, hinführen wird oder inwie
als endlich Land in Sicht ist. Aber dann läuft fern die vielen Hindernisse
das Schiff auf eine Sandbank auf, das Vorder und Umwege in unserem
schiff sitzt fest, und das Hinterschiff zerbricht täglichen Leben uns dabei
unter der Gewalt der Wellen. Trotzdem kom helfen werden, auf unserem
men schließlich alle heil an Land. Weg voranzukommen.
Das klingt fast wie das wunderbare Ende Aus dieser faszinieren
von etwas, das genauso gut in einer Tragödie den Geschichte über den
hätte enden können. Aber wir müssen uns ein Schiffbruch lernen wir, dass
paar Details genauer anschauen. Paulus war uns Gott in jedem Ereignis –
ein Gefangener auf diesem Schiff. Er sollte egal ob auf See oder an Land
nach Rom gebracht werden, um dort vor dem – eine Gelegenheit gibt, Ver
Kaiser vor Gericht gestellt zu werden. Paulus trauen zu üben. Jedes Ereig
hatte die Besatzung des Schiffes davor ge nis bietet uns die Möglich
Foto: Albin Hillert
warnt, die Segel zu setzen, denn er hatte die keit, zu entdecken oder zu
schweren Stürme vorhergesehen. Als sie dann erkennen, was Gott durch
mitten in den Stürmen sind, spricht Gott zu die Beziehungen zwischen
ihm und sagt ihm, dass alle überleben und Menschen, durch unerwar
sicher an ihrem Bestimmungsort ankommen tete Gemeinschaft und Ver
16 LASS FALLEN ANKERSIMAGNAM ASPELITASMELDUNGEN
AM WASSER
bundenheit, durch die Güte und Großzügig
keit von Menschen bewirken will. Schokoloade fragt nicht. Schokolade
Wo sind wir zu Hause? Wo gehören wir versteht! Ein wichtiges Motto, denn
hin? Wir gehören weder dem Land noch dem in der CoronaZeit sind Seeleute
Meer, sondern – um es mit den Worten des (viel mehr als sonst schon) nahezu
Paulus zu sagen: „Denn diese Nacht trat zu gefangen an Bord. Für sie ist es in
mir der Engel des Gottes, dem ich gehöre und normalen Zeiten schon schwierig,
dem ich diene“ (Apg 27,23). Wir gehören Gott. aber nun ist es vielen verboten,
Gott ist unser Zuhause. Gott ist unser Anker. ihr Schiff zu verlassen. Deswegen
Es gibt keinen anderen. Selbst inmitten eines erreichen uns bei der Seemannsmis
wilden Sturms auf dem Meer oder wenn un sion Cuxhaven per Mail und Telefon
ser Herz erfüllt ist von Unsicherheit und Un Anfragen von Bord, ob wir nicht
gewissheit, ist Gott bei uns. Wenn alles aus ein paar Besorgungen machen könn
den Fugen geraten ist, wenn uns nur noch ten. Auf den meisten Einkaufslisten
Chaos umgibt, wenn die Wellen heftig an das steht haufenweise „Seelenfutter“ –
Schiff schlagen, lässt Gott uns nicht allein. Schokolade und Chips.
Gott bietet uns unablässig einen sicheren Ha Das wissen ja sogar Landratten:
fen, der uns Vertrauen und Zuversicht gibt, Mit einem Stückchen Schoki sieht
so dass wir unsere Augen und Herzen öffnen die Welt gleich ein bisschen besser
und die Schönheit und Güte Gottes um uns aus! Entsprechend groß sind Freude
herum wahrnehmen können. und Dankbarkeit, wenn wir die
Einkäufe zum Schiff bringen.
Am Ostersonntag fuhren Seelsorge in Douala Ein Piraten
Stefanie Zernikow und ihr überfall ist eine furchtbare
Seemannsmissionsteam im Erfahrung. Die Kriminellen sind
Rostocker Hafen von Schiff zu gut informiert, schwer bewaffnet
Schiff und feierten – weil die und gehen strategisch vor. Auf
Seeleute wegen der Corona einem Schüttgutfrachter zeigte der
Regeln nicht weit von Bord Chief den Leuten von der Seemanns
durften – auf den Piers oder mission das Einschussloch einer
vor dem Schiff auf Wunsch Gottesdienste. Im Anschluss wurden kleine Kalaschnikow. Zwei Wochen lang
Geschenke an die Besatzungen verteilt. Dieses besondere Osterfest werden war das Team der Seemannsmission
Fotos: DSM Cuxhaven, DSM Rostock, DSM Douala
die Seeleute und auch das Rostocker Team in guter Erinnerung behalten. mindestens eine Stunde täglich
zur Krisennachsorge an Bord. Vier
Betroffene sprachen offen über
ihre Erfahrungen und Ängste. Zwei
wurden auf eigenen Wunsch
frühzeitig nach Hause rückgeführt.
Die anderen blieben, weil ihre
Familien die Heuer benötigen. Von
der 22 Mann starken Besatzung
war die Hälfte entführt worden. Die
fehlenden Crewmitglieder wurden
ersetzt. Die Seemannsmission hat
die so entstandene Mannschaft bei
teambildenden Aktivitäten begleitet.
LASS FALLEN ANKER 17INTERVIEW
bekommen, ohne irgendjemanden vor den Kopf zu
stoßen. Ich möchte die Menschen und ihre Probleme
bei allen kulturellen Unterschieden ernst nehmen. Wir
bemühen uns, Brücken zu bauen. Im Kleinen, indem
man gemeinsame Grillfeste feiert, zusammen Bas
„Die Menschen ketball spielt oder ein Kickerturnier veranstaltet. Ins
gesamt bemühen sich alle, für Wohlbefinden zu sor
ernst nehmen“
gen. Gutes Essen ist wichtig! Alles, was möglich ist . . .
Traut der Kapitän seinen Leuten auch ein
Stück Mitdenken zu?
Das ist manchmal nicht einfach. Allerdings ist das Sys
tem Schiff so komplex, dass es ohne das Mitdenken
HapagLloydKapitän Björn Kropp aller einfach nicht geht. Bei allen Unterschieden: Wir
über das Miteinander an Bord, sitzen alle sprichwörtlich im selben Boot. Alle mitzu
die Folgen der Digitalisierung und nehmen, um möglichst viel unterschiedlichen Input
die Grenzen des Wachstums zu nutzen ‒ das ist immer wieder ein Thema in vielen
Lehrgängen, die wir absolvieren müssen.
Sie gehören noch immer zu den jüngeren
Kapitänen und haben noch über
20 Jahre Arbeit vor sich. Wie sehen Sie die
Zukunft der Seefahrt?
Björn Kropp, 41, Hier oben auf der Brücke Das ist schwer zu sagen. Ich bin
hat das Sagen haben Sie den Überblick. kein Digitalisierungsskeptiker. Ich
auf der „Callao Aber auch viel Verantwor- glaube, dass auf der großen Fahrt
Express“, einem tung. Wie geht es Ihnen die Automatisierung Einzug hält
Container zwischen Routine und und unsere Arbeit entlastet. Dass
schiff von
Krisenmomenten? die Schiffe vollautomatisch über
333 Metern
Gott sei Dank sind Krisenmomen die Weltmeere fahren werden,
Länge,
te sehr selten. Die meiste Zeit sehe ich aber noch nicht. Wer soll
Heimathafen:
Hamburg. läuft ja alles rund. Den Druck in im Notfall eingreifen, falls es auf
Stresssituationen wie Fahrplan hoher See zu Problemen an Bord
verzögerungen muss man aushal kommt? Beispiele in den letzten
ten. Man muss versuchen, Ruhe Jahren haben ja gezeigt, dass
auszustrahlen gegenüber seiner Besatzung. Es gibt Mannschaften an Bord durch schnelles Eingreifen,
keinen anderen, der Entscheidungen treffen kann. zum Beispiel bei Bränden, Schäden an Schiffen und
Also muss man sie selbst treffen und dazu stehen, Ladung verhindern beziehungsweise verringern konn
auch wenn sie sich nachher möglicherweise als falsch ten. Außerdem müssten ja alle Arbeiten, die nicht an
herausstellen. Für Unfälle haben wir Notfallpläne. Bord durchgeführt werden, durch Serviceunterneh
An ihnen kann man sich entlanghangeln. Das bringt men im Hafen erledigt werden. Zudem brauchen die
Sicherheit im Handeln. Außerdem erhalten wir in Schiffe in Hafennähe sowieso Besatzungen, um fest
solchen Situationen Unterstützung durch unsere machen zu können. Das würde automatisch nicht ge
Reederei. hen. Es wird sicherlich Entlastung an der einen oder
Fotos: privat, hapaglloyd.com
Kapitäne, Offiziere, Kadetten aus Deutsch- anderen Stelle geben, die uns bei Entscheidungsfin
land, die Crew von den Philippinen, aus der dungen hilft. Ein anderer Punkt ist, dass die Seefahrt
Ukraine oder Polen – wie gelingt es Ihnen, auf jeden Fall sauberer werden wird. Die Schiffe wer
Brücken zu bauen? Wo sind Grenzen, wo gibt den auf Erdgas oder BioFuels umrüsten. Da ist eine
es auch Chancen dieses Miteinanders? Entwicklung angestoßen worden, die langsam, aber
Die Kulturen und auch die Ausbildungssysteme der sicher voranschreitet.
verschiedenen Nationen an Bord sind zum Teil sehr Welche Auswirkungen hat die fortschreitende
unterschiedlich. Das muss man schon unter einen Hut Automatisierung auf die Arbeit? Wird es
18 LASS FALLEN ANKERINTERVIEW
„Wir brauchen
das Handwerk
weiterhin.
Die Schiffe rosten
auch in Zeiten der
Digitalisierung!“
immer mehr Arbeit am Bildschirm sein? Oder Sicherlich gibt es irgendwo eine wirtschaftliche und
gibt es noch Handwerk? technische Grenze für die Größe der Schiffe. Wo die
Es wird definitiv mehr Arbeit am Bildschirm geben. Für liegt, kann ich allerdings nicht sagen. Und es wird si
die Offiziers und IngenieursDienstgrade bedeutet cherlich immer Routen auf den Weltmeeren geben, auf
dies eine Umstellung – und zum Teil höhere Ansprü denen sehr, sehr große Schiffe unterwegs sind. Und es
che. Aber das Handwerkliche wird nicht vollständig wird auch Häfen geben, die mit diesen Schiffen sicher
abgeschafft werden können. Die Schiffe müssen in erreicht werden. Ebenso auch Häfen, die nur für klei
stand gesetzt werden. Die Schiffe rosten auch in Zeiten nere Schiffseinheiten zu erreichen sind. Grundsätzlich
der Digitalisierung! Das muss alles in Schuss gehalten gilt: Wenn die Schiffe gut ausgelastet werden können,
werden. Eine Leine bleibt eine Leine. Die muss womög spricht nichts gegen größere Einheiten.
lich gespleißt werden. Das sind einfach handwerkliche Stichwort Klimawandel. Werden sich die
Grundlagen, ohne die wird es nicht funktionieren. Auch Schifffahrtsrouten und Warenströme zukünf-
wenn wir nicht mehr nach den Sternen navigieren . . . tig ändern? Werden Sie eines Tages vielleicht
Sie teilen die Sorge nicht, dass es auf Sicht „obenrum“ fahren, wenn die Polkappen
weniger Arbeitsplätze für Seeleute geben wird? schmelzen?
Auf so einem großen Schiff hat man zwei Möglichkei Theoretisch ist das möglich. Aber es ist zumindest
ten: Man fährt die Besatzung runter und sourct alles für den Containertransport momentan nicht attrak
aus an Land. Das halte ich für viel zu teuer. Die ande tiv. Da oben gibt es einfach nichts, was wir abliefern
re Möglichkeit ist: Ich fahre mit einer entsprechenden oder mitnehmen könnten. Wenn wir jetzt nach Süd
Besatzung und warte das Schiff an Bord. Ich glaube ostasien oder nach China fahren, laufen wir auch Hä
aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, dass sich fen im Mittelmeer, im Roten Meer, auf dem indischen
Outsourcing nicht lohnt. Das sind alles alte Ideen, die Subkontinent sowie Singapur an. Das sind alles große
schon einmal in den 70er, 80er und 90er Jahren da Häfen mit großem Ladevolumen. Man könnte „oben
waren. Das hat sich alles nicht rentiert. Es mag auch rum“ fahren, um zum Beispiel nach Japan zu kommen.
jetzt einige Versuche geben, aber ich glaube, da rudert Aber dann würden andere Häfen nicht mehr bedient
man bald wieder zurück. werden können. Ich glaube nicht, dass sich das für
Beim Blick nach vorne ahnen wir alle, dass es die Containerschifffahrt ändern wird. Für andere Ge
nicht unbegrenzt so weitergehen kann. Gren- schäftsfelder, BulkSchifffahrt zum Beispiel, ist das
zen des Wachstums – gibt es etwas, was dem eventuell eine Option.
Kapitän in Seefahrt und -handel zu weit geht? Interview: J. Janssen und B. Reichelt
LASS FALLEN ANKER 19PARTNERORGANISATION
„Den Seeleuten in ihrem
Alltag nahe sein“
Im Hafen von Santos, zwei Autostunden von São Paulo entfernt,
arbeitet die DSM eng mit der lutherischen Kirche Brasiliens
zusammen. Ein Gespräch mit Synodalpastor Marcos Jair Ebeling
Herr Ebeling, Sie leiten als Synodalpastor eine den Blick zu schärfen für ihre eigenen Aufgaben am
der 18 Synoden der evangelisch-lutherischen Ort. Ganz konkret wird das gemeinsame Handeln
Kirche Brasiliens. Welche Bedeutung hat die von Ortsgemeinde und MM in der lobenswerten Ar
Deutsche Seemannsmission für Ihre Kirche beit bei der Prävention von Kinderprostitution – ein
und Synode? besonders schwieriges Arbeitsfeld auch im Alltag
Marcos Jair Ebeling: Die Seemannsmission heißt des Hafens.
in Brasilien „Missão aos Marinheiros“ (MM) und Santos ist der größte Hafen Südamerikas. Wo
Marcos Jair stellt einen wichtigen Arbeitsbereich der lutherischen können wir als Lutherische Kirche und Deut-
Ebeling Kirche im Südosten Brasiliens dar. Zum einen gibt es sche Seemannsmission noch enger zusam-
in Santos eine lutherische Gemeinde. Zum anderen menarbeiten?
weiten die Präsenz und die Partnerschaft mit MM un Wir können die institutionellen Beziehungen und die
ser christliches Handeln. Wir beschränken uns nicht Partnerschaft zwischen der Deutschen Seemannsmis
nur auf unsere Kerngemeinde, sondern die Seeleute sion und der SüdostSynode weiter verbessern. Auch
aus aller Welt öffnen uns neue Horizonte und Visio sollten wir Partnerschaften mit öffentlichen Einrich
nen des christlichen Glaubens – den leben wir ja nicht tungen und maritimen Unternehmen vorantreiben,
nur innerhalb einer Ortsgemeinde. Wichtig ist auch, um MM den Zugang zu Seeleuten auf den Schiffen zu
dass das Evangelium und die Kirche fest in das soziale erleichtern. Wichtig wäre es, spezielle Trainings für die
Umfeld eingebettet sein müssen. In Santos bietet uns Mitarbeitenden zum Beispiel für Notfälle oder Kon
der Hafen den Raum dazu. Dort mit humanitären Ak flikte anzubieten und Teams von Ehrenamtlichen für
tionen und mit Einladungen zum Glauben präsent zu die Arbeit der Seemannsmission zu bilden – immer
sein, ist für unsere Kirche von unschätzbarem Wert. mit Blick auf ihr Ziel „support of seafarers’ dignity“.
Was sind die Ergebnisse unserer bisherigen Heute liegt der Schwerpunkt auf der Bereitstellung
Zusammenarbeit? humanitärer Hilfe durch MM vor Ort. Aber ich will
Meiner Meinung nach gibt es einige Punkte, die man daran erinnern, dass zur täglichen Lebenserfahrung
hervorheben muss, denn es sind Früchte der bishe auch ein lebendiger Glaube gehört. Daher ist es wich
rigen Partnerschaft! Zunächst natürlich die Betreu tig, dass wir bei Onlinegottesdienst und Seelsorge
ung, die wir mit dem gemeinsamen Projekt MM den angeboten vorankommen, um für die Seeleute auch
Seeleuten in ihren verschiedenen Gesundheits, Le dann präsent zu sein, wenn sie auf dem Meer sind.
bens und Arbeitssituationen anbieten. Weiterhin Denn das ist der Ort, an dem sich das Leben der See
Fotos: privat, DSM Santos
fördern wir mit MM die ökumenische Partnerschaft, leute abspielt, und es ist der Ort, an den sie sich be
insbesondere mit der katholischen Schwesterorga rufen fühlen. Seeleuten in ihrem Alltag nah zu sein,
nisation Stella Maris. Wir leisten auch in der lokalen das ist unsere Aufgabe.
Nachbarschaft große Hilfe, sowohl bei humanitären Wir wissen, dass die politischen und wirtschaft
als auch in seelsorglichen Notlagen. Diese Verbindung lichen Verhältnisse im Hafen nicht immer fair sind.
der lokalen und der globalen Dimension der Kirche Wir wissen nicht, inwieweit wir sie verändern kön
trägt dazu bei, der lutherischen Gemeinde in Santos nen. Aber wir müssen, gerade als lutherische Kirche
20 LASS FALLEN ANKERSie können auch lesen