Obstanbau im Einklang mit der Natur - Obstparadies Staufen

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Obstanbau im Einklang mit der Natur - Obstparadies Staufen
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                            Obstanbau im
                       Einklang mit der Natur
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Obstanbau im Einklang mit der Natur - Obstparadies Staufen
Warum Obstanbau ohne Gift?
Der Behandlungsindex (BI) stellt die Anzahl        Das heist 31 Pflanzenschutzanwendungen pro Jahr.
der Pflanzenschutzanwendungen auf einer betrieb-   Herbizide, Fungizide oder Insektizide.
lichen Fläche dar.                                 Da sollten wir nicht so überrascht tun, wenn man-
Im Apfelanbau lag im Zeitraum von 2011 bis 2019    cherorts schon bis zu 80% der Insekten verschwun-
der durchschnittliche Behandlungsindex über 31.    den sind.

                                                                       Diese Zahlen kommen aus der
                                                                       Statistik des NAP (Nationaler
                                                                       Aktionsplan Pflanzenschutz)
                                                                       und basieren auf gesetzlichen
                                                                       Vorgaben der EU.

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Wikipedia definiert: „Ein Insektizid ist ein
   Pestizid, das zur Abtötung, Vertreibung
   oder Hemmung von Insekten und deren
   Entwicklungsstadien verwendet wird.“
   2017 wurden in Deutschland 17.652 Tonnen
   Insektizide abgegeben. Wie neueste Daten
   belegen, sind bis zu 80 Prozent der Insekten
   verschwunden. Wenn in Reihenkultur-Obstan-
   lagen zu Beginn der Obstsaison mit Insektiziden
   gegen Läuse gespritzt wird, werden nicht nur
   die Läuse, sondern auch die Nützlinge getötet.

Insektizide unterscheiden nicht zwischen
schädlichen und nützlichen Insekten.

Sie töten nicht nur die Obstschädlinge, sondern
auch die Insekten, die wir für die Blütenbestäubung
brauchen.
In unseren Breitengraden gibt es rund 550 ver-
schiedene Wildbienenarten. Wespen, Hummeln
und Hornissen sind die bekannteren Wildbienen-
arten. Aus der Sicht der Wildbienen ist unsere
moderne, industrielle Landwirtschaft eine einzige
Katastrophe.

                                                      Moderne Obstreihenkultu-
                                                      ren können systembedingt
                                                      weder konventionell noch
                                                      im Bioanbau ohne Pestizide
                                                      bewirtschaftet werden.

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Obstanbau ohne Einsatz von Gift!
    Der Marktanteil von ungespritztem Obst
    liegt in Deutschland nur bei 0,5 Prozent.
    Gleichzeitig würden laut Umfragen 85 bis
    93 Prozent der Bevölkerung gerne unge-
    spritztes Obst essen.

    Alle sagten: Das geht nicht.
    Dann kam einer, der wusste das nicht,
    und hat’s einfach gemacht.

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Junganlage mit Obstbäumen
2009 entstand die Idee, in Staufen viele verschie-    Obstbaubücher suchten, gab es immer dieselben
dene Obstarten ohne Einsatz von Herbiziden,           Hinweise: Obstbau ohne Spritzmittel geht nicht.
Fungiziden und Insektiziden anzubauen. Wir such-      Das hat in uns den Ehrgeiz geweckt, es einfach zu
ten Grundstücke und fingen an zu pflanzen. Wenn       probieren.
wir Rat bei Spezialisten oder in wissenschaftlichen

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Obstanbau im Einklang mit der Natur - Obstparadies Staufen
Die Lösung kommt aus einer Zeit,
als es noch keine Spritzmittel gab
Das Studium von alter Literatur aus der Zeit vor     Viele Dinge begreift man erst, wenn man beginnt,
1950 sowie das Beobachten der Natur und den Zu-      die Kreisläufe zu verstehen. Manche Dinge sind
sammenhängen sind heute die Grundlagen unserer       so komplex, dass wir sie vielleicht nie verstehen
neuen Obstanbauart.                                  werden.

Und es geht doch!
Mit einer Anbaufläche von über 20 Hektar und         Angebaut werden in unserem Weinbauklima neben
einem großen Anbauspektrum sind wir inzwischen       den Obstklassikern zahlreiche Wildobstarten sowie
ein landwirtschaftlicher Bioland-Vollerwerbs-        einige heimische Exoten.
betrieb. Dabei verzichten wir auf jegliche Art von
Spritzmitteln und auf chemisch-synthetisch her-
gestellten Stickstoffdünger.

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Obstanbau im Einklang mit der Natur - Obstparadies Staufen
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Obstanbau im Einklang mit der Natur - Obstparadies Staufen
Obstbau früher und heute
Um unser Tun zu verstehen, ist es wichtig, einen                  Bohnapfel, Champagner Renette, Williams Christ-
Rückblick in die Obstbaugeschichte zu machen.                     Birne und Pastorenbirne.
Obstsorten, wie Französische Renette, Gold-                       Damals war Obst ein exklusives Gut der wohl-
parmäne, Große Grüne Reneklode, Haferschlehe                      habenden Bevölkerung. Was nicht frisch verzehrt
oder die Mirabelle von Nancy wurden schon vor                     werden konnte, wurde zu Dörrobst, Mus, Obst-
über 400 Jahren angebaut. Alte leckere Sorten,                    wein oder Obstessig verarbeitet und somit haltbar
die wir heute noch gerne anbauen sind Rheinischer                 gemacht.

 Johann Martin Morat, Staufen (von Südwesten), um 1840, Gouache

Erst im 17. und 18. Jahrhundert entwickelt sich                   edler, seltener Obstarten und Obstsorten. Die Zeit
Obst zum Grundnahrungsmittel. Um die Dörfer                       zwischen 1830 bis 1950 gilt als die Zeit der großen
entstanden Streuobstbestände für die Selbstver-                   Sortenvielfalt. Bis 1950 gab es in Deutschland über
sorgung. Überschüsse wurden regional verkauft.                    1.000 Apfelsorten.
In barocken Gärten entstanden Sammlungen

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Obstanbau im Einklang mit der Natur - Obstparadies Staufen
Seit 1950 wurde Obst immer häufiger weltweit ge-               Massenerzeugung. Heute wird Obst überwiegend
handelt. Industrieller Anbau, vermehrter Spritzmit-            über die großen Einzelhandelsketten verkauft. Die
teleinsatz, bessere Lager- und Transportlogistik ver-          ursprüngliche Obstvielfalt stirbt aus.
änderten die Situation rasant. In der Nachkriegszeit           Weltweit werden noch etwa ein Dutzend Apfelsor-
wurden verstärkt Reihenkulturen angebaut. Für                  ten in großem Stil angebaut. Die Selbstversorgung
die Rodung der Streuobstbestände gab es Prämien.               mit Obst gehört der Vergangenheit an. Nur noch
Über Jahrzehnte setzte man auf Rationalität und                18 Prozent des Obstes, welches wir essen und

Johann Martin Morat, Staufen (von Norden), vor 1845, Gouache

trinken, wird noch in Deutschland angebaut.                    50 Prozent der Äpfel in China angebaut. Die land-
82 Prozent des Obstes wird importiert. Das größte              wirtschaftlichen Löhne in China liegen im Vergleich
europäische Apfelanbaugebiet liegt in Polen. Dort              zu uns bei lediglich fünf Prozent.
liegen die Lohnkosten gegenüber Deutschland bei
                                                               Bildnachweis: Augustinermuseum, Städtische Museen Freiburg
20 Prozent. Weltweit werden inzwischen fast                    Fotos: Axel Killian

                                                                                                                            9
Obstanbau im Einklang mit der Natur - Obstparadies Staufen
Natur beobachten, Prozesse und
     Wechselwirkungen verstehen
     Wenn ein großkroniger 70-jähriger Apfel-
     baum in einem Jahr 1.630 Kilogramm gesunde
     schmackhafte Saftäpfel hervorbringt, zeigt dies,
     dass es um mehr geht, als um die Technik, Äpfel
     anzubauen. Die Pflanzen und Tiere auf unseren
     Obstwiesen sind alle Teile eines großen Ganzen,
     sind Teil einer wunderbaren Schöpfung. Diese
     Wahrnehmung und Erkenntnis hat für unser
     Tun im Obstparadies weitreichende Folgen.

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Das Wurzelwerk der großkronigen Obst-
                                                        bäume ist gewaltig. Die Wurzelmasse im
                                                        Untergrund ist größer als der sichtbare Teil
                                                        des Baumes. Das Massenverhältniss Wurzel,
                                                        zu Mykorrhizapilze liegt bei ca. 20:80.

Das Wurzelwerk
Unsere Bäume sind zum Teil zehn Meter hoch und         Auch hier gibt es unsichtbare Wechselspiele.
haben Kronendurchmesser von zwölf Metern und           Mykorrhizapilze dringen in die Wurzeln lebender
mehr. Damit der einzelne Baum Wind und Wetter          Pflanzen ein. Sie holen sich Zucker von ihren Wirts-
standhält und jährlich Hunderte Kilo Obst tra-         pflanzen und können sich dann zu gigantischer
gen kann, braucht er ein stabiles Wurzelwerk. Bei      Größe ausdehnen. Der Pilz liefert den Wurzeln im
jedem Baum ist das Wurzelwerk im Untergrund            Gegenzug Wasser und Nährstoff. Die Wurzel allein
mächtiger als der Baum überirdisch. Die Wurzeln        wäre dazu nicht in der Lage. Ein Teelöffel Wald-
alleine sind aber trotz ihrer Mächtigkeit nicht dazu   boden enthält über einen Kilometer Pilzfäden.
in der Lage, den Baum mit seinen Blättern und das      Mykorrhizapilze verhelfen ihren Wirtsbäumen zu
Obst mit Wasser und Nährstoffen zu versorgen.          gewaltiger Widerstandskraft.

                                                        Hohe Temperaturen, Dürre, Nährstoff-
                                                        knappheit, niedriger Sauerstoffgehalt und
                                                        Überschwemmungen können so von
                                                        großen Bäumen besser verkraftet werden.
                                                        Je älter und größer die Bäume in unseren
                                                        Obstanlagen werden, desto weniger Pro-
                                                        bleme haben sie mit Mehltau- und Schorf-
                                                        pilzen.
                                                        Wie der Wassertransport in einem Baum
                                                        tatsächlich funktioniert, wissen wir bis heute
                                                        noch nicht genau. Umso größer wird unser
                                                        Respekt vor der Natur, wenn einzelne
                                                        Bäume immer wieder über tausend Kilo-
                                                        gramm gesunde Früchte hervorbringen.

                                                                                                         11
Unser Erdreich ist prallvoll mit
Leben. Es gehört zu den kostbarsten
Reichtümern dieses Planeten.
Das Wunder fruchtbare Erde                 Regenwürmer erzeugen Humus
In einem Liter fruchtbarer Erde existie-   Gerade im Herbst, wenn der Boden noch feucht vom Mor-
ren zahlenmäßig mehr Lebewesen,            gentau ist, finden wir oft Hunderte von Apfelbaumblättern
als Menschen auf der Erde leben. Der       zusammengerollt und senkrecht im Boden steckend. Mehltau-
Boden lebt und die Landwirtschaft hat      und Schorfpilze überwintern hauptsächlich auf dem Falllaub.
es in der Hand, ihn zu erhalten oder zu    Regenwürmer und viele andere Kleinstlebewesen können
zerstören.                                 heruntergefallenes Laub im Winter zu Humus umwandeln.
Viele der Bodenbewohner sind für unser     Dank der Regenwürmer wird so auch der Mehltau- und
normales Auge nicht sichtbar. Wenn         Schorfbefall in den Anlagen stark reduziert. Sind die pilz-
wir jedoch nur eine einzige Gruppe         befallenen Blätter allerdings bis zum Frühjahr nicht von den
innerhalb dieser Lebensgemeinschaft        Kleinstlebewesen verarbeitet, gelangen bei Regen von den
zerstören, ist das gesamte Gleichgewicht   vorjährigen Blättern neue Pilzsporen auf die tiefhängenden
gestört.                                   Triebe in den Obstanlagen.

     Tage hat es sanft geregnet, die Ameisen
     mussten es wissen, dass es so kommt.
     Vorsorglich haben sie mit vereinten Kräf-
     ten eine Festung gebaut. Nein, nicht eine
     Festung, sondern Hunderte …

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Das Wiesengras, das ein- bis zweimal im Jahr          geht es um die Wertschätzung der Schöpfung, die
gemäht wird, sowie die Blätter werden von den         uns heute und wenn möglich auch in Zukunft er-
unendlichen Mengen an Kleinstlebewesen zu Hu-         nährt.
mus - zu natürlichem Flächendünger - verwandelt.
Jegliche Art von Spritzmitteleinsatz, aber auch der
Einsatz von chemisch-synthetisch hergestelltem
                                                      Die Bedeutung der Ameisen
Stickstoffdünger würde viele solcher Prozesse, die    Die Ameisen holen unermüdlich Insekten aller Art
auf gesunden Böden Jahr um Jahr ablaufen, min-        von Bäumen und Sträuchern. Für die Aufzucht
dern oder gar verhindern.                             ihrer Brut benötigen sie Larven, Raupen, Insekten
Wir Menschen können immer wieder nur beobach-         und deren Eier.
ten und staunen. Das vielfältige Leben mit seinen     Verschiedene Spechtarten suchen auf den Bäumen
Kreisläufen belegt, dass das Ganze jeweils größer     unserer Streuobstwiesen nach Ameisen. Da wir
ist als die Summe seiner Teile. Wer behauptet, dass   auch die alten Bäume mit Baumhöhlen hegen und
er die Auswirkungen des Einsatzes der Insektizide,    pflegen, brüten Spechte in den Anlagen. Die Spech-
Herbizide und Fungizide abschätzen kann, irrt.        te suchen nicht nur die Baumstämme nach Ameisen
Es geht eben nicht nur um das Feststellen von         ab, sie fressen auch andere tierische Besucher, die
Grenzwertüberschreitungen im Obst. Inhaltlich         sich im Obstbaumholz niedergelassen haben.

     Das sanfte Glimmen der Glühwürmchen ist
     selten geworden. Es ist aber immer wieder
     eine große Faszination, wenn wir sie nachts
     gelegentlich auf unseren Wiesen entdecken.

                                                                                                     13
Die Blütezeit ist die schönste Zeit
im Obstparadies

                   Wenn Triebe sich zeigen, wenn Knospen
                   sprießen, wenn Blüten ihre volle Pracht
                   entfalten, dann entsteht etwas Wunderba-
                   res, etwas Neues. Aus Millionen von Blüten
                   wird wundervolles Obst, aus Tausenden
                   von Kaulquappen Frösche, aus Hunderten
                   von Raupen wunderschöne Schmetterlinge
                   und aus Hunderten von Vogeleiern Vögel,
                   die täglich zwitschern. Wir dürfen dies
                   immer wieder erleben. Immer wieder und
                   immer wieder. Dies ist es, was uns faszi-
                   niert, was uns an der Natur so beeindruckt
                   und antreibt.

14
Jede einzelne Blüte ist ein Wunderwerk der Schöpfung.
        Man kann sich kaum daran satt sehen.

                                                        15
Wir bewirtschaften Obstwiesen an acht verschie-
              denen Standorten. Die Flächen weisen eine unter-
              schiedliche Strukturvielfalt auf. Überall haben wir
              eine große artenreiche Pflanzen- und Tierwelt.

     Lebensgemeinschaft
     im Obstparadies

16
Diese Tiere - und noch viele mehr - haben in
unserem Obst­para­dies eine Heimat. Dazwischen
wachsen Jahr um Jahr die vielen leckeren
ungespritzten Obstarten.

                                                 17
Die Hundertjährigen
     im Obstparadies …
     ... könnten sie ihre Geschichten erzählen,
     würden wir uns nie langweilen.

18
Die Farben, das Licht der Jahreszeiten, der Duft,
die Tiere und das Leben. Ein Meisterwerk an
Wissen und Schönheit, welches alle Winkel unserer
Obstwiesen ausfüllt.

                                             19
Totholzplätze, Totholzbäume, Steinbiotope
 und Teiche bilden Inseln für eine Vielzahl von
 Käfern und Schmetterlingen, Blindschleichen,
 Ringelnattern, Kröten, Frösche, Salamander,
 Haselmäuse, Bilche, Siebenschläfer, Igel, Eich-
 hörnchen, Eidechsen und viele mehr. Sie alle
 haben auf den Obstparadies-Grundstücken eine
 Heimat.

20
Auch wenn Totholzbäume als Obstbäume aus-
gedient haben, dürfen sie zwischen den neu
gepflanzten Bäumen stehen bleiben. Sie wer-
den im Kreislauf der Natur zu Wohnungen für
viele unterschiedliche Tierarten.

                                              21
Trockenheit und der damit
verbundene Wassermangel wird
künftig die größte Heraus-
forderung für die Landwirtschaft
                  Fast alle Obstparadies Grundstücke ver-
                  fügen über Bäche und Teiche. Die Teiche
                  wurden angelegt, um Oberflächenwasser zu
                  sammeln und zu speichern, damit Beeren
                  und Jungbäume in extremen Trockenphasen
                  gewässert werden können.

22
Auch die Tierwelt
braucht bei Hitze Wasser
In den Hitzemonaten kommen hier alle 2 – 3 Stun-    keit kreuz und quer über die Wasseroberfläche, um
den bis zu 50 Schwalben, um Wasser zu holen. Sie    im Flug Wasser aufzunehmen. Innerhalb weniger
segeln für ein paar Minuten in Höchstgeschwindig-   Sekunden sind sie dann wieder verschwunden.

     Honig- und Wildbienen, alle, die Durst
     haben, können in unseren Teichen Wasser
     holen. Wenn bei extremer Trockenheit die
     kleinen Bäche kein Wasser mehr führen,
     kommen auch große Vögel wie Rostgänse,
     Nilgänse, Fischreiher oder Störche immer
     wieder vorbei.

                                                                                                23
Unsere angelegten Teiche bringen die
     Vielfalt zum Explodieren. Zehntausende
     Kaulquappen, Frösche, Kröten, Ringel-
     nattern, Salamander, Molche, Wasserläufer
     und Wasserschnecken tummeln sich in und
     um diese Biotope.

                                                 Verschiedene Libellen, deren Flügel in der
                                                 Sonne glänzen, Gottesanbeterinnen und
                                                 Käfer aller Art. Die Seite würde nicht ausrei-
                                                 chen, wollten wir alle aufzählen. Je größer
                                                 die Gesamtvielfalt in den Anlagen, desto
                                                 stabiler das ökologische Gleichgewicht.

24
Obstparadies Teiche sind nicht nur
Lebensgrundlage für die Tierwelt.
Sie sind zu jeder Jahreszeit
auch eine traumhafte Augenweide.

                                25
Oft unscheinbar stehen sie in allen Wetterlagen auf unseren Wiesen.
Meist herrscht eine heute selten gewordene Stille   aller Art vorbei. Sie laben sich am Morgentau oder
in den Obstwiesen. Gelegentlich schauen Insekten    sind auf der Suche nach Nektar.

26
Wir haben schon Hunderte Blumenbilder in unseren Wiesen gemacht.
Mit der Vielzahl der Arten könnten wir ein eigenes Buch machen.
Sie sind klein, aber wunderschön. Manche dieser     farbenen Backen aufblähte. Ein Bild entstand, als
Blumenwiesenbilder entstanden in den Abend-         zwei Wildkatzen zehn Meter weiter durchs Gras
stunden, als sich eine Kumuluswolke mit pfirsich-   streiften.

                                                                                                    27
Der wiederkehrende Wandel der Jahreszeiten            Aura einzelner Pflanzen wie hier beim Rotklee
fasziniert uns immer wieder aufs Neue.                oder bei der Distel. Sie stehen zu Tausenden in
Oft ist es aber auch die Verwandlung, die sichtbare   unseren Anlagen.

28
Pflanzen nehmen ihre Umwelt sehr detail-           Daraufhin werden in den Blättern Gift und
liert wahr. Sie fällen Entscheidungen und          Bitterstoff angereichert, um diese für die
entwickeln dabei beeindruckende Lebens-            Tiere ungenießbar zu machen. Wissenschaft-
strategien. Es gibt Pflanzen, die sich mit         ler können längst belegen, dass Pflanzen
einem Nervengift in den Blättern schützen,         keinen festen mechanischen Abläufen ge-
damit sie nicht von Fressfeinden angeknab-         horchen, sondern hochkomplexe Lebe-
bert werden. Andere produzieren Duft-              wesen sind. Diese Phänomene gilt es in
stoffe, die Nützlinge anlocken, welche die         einer cleveren Landwirtschaft zu nutzen.
Feinde fressen. Es gibt Bäume, die Duftstof-
fe aussenden, um die Artgenossen in ihrer
unmittelbaren Nähe zu warnen.

                               Im Obstparadies stehen viele
                               Büsche, die den Vögeln Nahrung
                               und Schutz bieten. Es gibt viele
                               verschiedene Weiden, zum Teil
                               Frühblüher, die den ersten Insek-
                               ten nach der Winterruhe ein rei-
                               ches Nektarangebot darbieten. In
                               der tief stehenden Herbstsonne
                               sind es vor allem die Efeuplätze,
                               an denen sich die Insekten noch-
                               mals Nahrung holen können.

                                                                                                29
Wildbienen sind für uns systemrelevant. Viele der
 Wildbienen brauchen für die Brutablage hohle Stängel,
 Totholz, Lehm oder Sand. Unterstützend haben wir
 über 100 Wildbienenhotels unterschiedlichster Art ge-
 baut, aufgestellt oder in die Bäume gehängt.

     Neben der Honigbiene spielen die Wildbie-
     nen eine wichtige Rolle bei der Bestäubung.
     Die Honigbiene fliegt erst bei Temperaturen
     ab 12 Grad Celsius. Viele Wildbienen fliegen
     bereits ab 4 Grad Celsius. Fällt die Baum-
     blüte mit niedrigen Temperaturen zusam-
     men, sind die Wildbienen also besonders
     wichtig. Manche Obstarten brauchen, um
     eine gute Ernte zu erreichen, eine Schüttel-
     bestäubung. Diese übernehmen Hummeln
     besonders gut.

30
Oft klein und unscheinbar,
aber alle haben ihren Platz im
großen Ganzen.
Feine Düfte und unterschiedlichste Gerüche
locken sie an. Sie suchen Nahrung. Es sind
endlos viele, wenn man sie nicht ständig
mit Pestiziden reduziert.

                                             31
Die Schönheit der Schöpfung
in voller Pracht!
Libellen mit ihren schimmernden Flügeln im Mor-
genlicht. Schmetterlinge in der glühenden Sommer-
hitze. Oder Klatschmohnbesucher im Abendrot.
Immer sind es die besonderen Momente im Obst-
paradies. Wir sind der festen Überzeugung, dass
es besser ist, mit den Insekten zu leben, als sie mit
Herbiziden umzubringen.

32
Das Obstparadies – ein idealer
Lebensraum für Pflanzen und Tiere
Alle Busch- und Baumkulturen stehen auf Wiesen.
Die Wiesen werden sehr spät gemäht, damit die
zahlreich vorhandenen Blumen und Gräser aus-
blühen und sich vermehren können. Die Flächen
werden streifenweise zeitlich versetzt gemäht.
So können die unendlich vielen Kleinstlebewesen,
die die Wiese als Lebensraum brauchen, in der
Anlage bleiben.

                                             33
Wir erfreuen uns immer wieder über die vielen Vögel im Obstparadies. Sie
singen hauptsächlich bei Tagesanbruch, wenn es sonst noch eher ruhig ist.
Die kühle und feuchte Morgenluft kann ihre Gesänge und deren Bedeutung
weit über unsere Obstwiesen tragen.

                                                             Der Käfer wurde von einer
                                                             Neuntöterfamilie als Nahrungs-
                                                             konservierung zum Trocknen
                                                             aufgehängt. Dies Schauspiel der
                                                             Natur haben drei Praktikanten
                                                             erlebt und fotografiert. Fünf
                                                             junge Neuntöter suchten wie
                                                             ihre Eltern Käfer, um sie dann
                                                             aufzuspießen.

     Warum wir Vögel besonders fördern
     Ein Meisenpaar vertilgt mit seiner Brut im Lauf eines
     Jahres bis zu 75 Kilogramm Insekten. Die Vögel
     suchen die Sträucher und Bäume nach Insekten ab,
     um die hungrigen Mäuler ihrer Jungen zu stopfen.
     Viele Hundert Vogelnisthilfen geben unseren
     Vögeln Schutz und eine gute Nistmöglichkeit. Wir
     verwenden Holzbetonkästen mit einem speziellen
     Marderschutz. An einigen Plätzen füttern wir im
     Winter die Vögel.

34
Diese Vogelarten
                                                                         sehen wir immer
                       Die „Vogelbistros“ helfen den Tieren vor allen    wieder in unseren
                       Dingen bei Schnee und Frost ausreichend Futter    Obstanlagen:
                       zu finden. Denn wenn eine Meise 24 Stunden
                       lang kein Futter findet, stirbt sie. In unseren   Amsel
                       Anlagen hängen rund 400 Nisthilfen für Vögel      Bachstelze
                       und Fledermäuse. Immer wieder staunen wir,        Bergfink
                       wie schnell die Nistkästen belegt sind. Damit     Blaumeise
                       die Vögel ihre Nester bauen können, brauchen      Buchfink
                       sie Moos, Stroh, Heu, Federn, Blätter oder        Buntspecht
                       kleine Zweige, all das finden sie in unseren      Dohle
                       Obstanlagen.                                      Dorngrasmücke
                                                                         Eichelhäher
                                                                         Elster
                                                                         Fasan
                       Weniger zu spritzen
                                                                         Feldsperling
                       oder statt chemisch-syn-
                                                                         Garten-
                       thetischer biologische
                                                                         rotschwänzchen
                       Wirkstoffe zu spritzen,
                                                                         Girlitz
                       ist oberflächlich betrach-
                                                                         Goldammer
                       tet ein Erfolg, führt aber
                                                                         Graureiher
                       nicht wirklich zum Ziel.
                                                                         Grünfink
                       Denn Insektizide, auch
                                                                         Grünspecht
                       die natürlichen, die im
                                                                         Haubenmeise
                       Bioanbau zugelassen
                                                                         Kleiber
                       sind, sollen Insekten
                                                                         Kohlmeise
                       töten. Möglichst schon
                                                                         Kuckuck
                       beim ersten Mal. An-
                                                                         Mauersegler
                       sonsten muss häufiger
                                                                         Mäusebussard
                       gespritzt werden. Die
                                                                         Mehlschwalbe
                       Folge: keine Insekten,
                                                                         Mittelspecht
                       keine Vögel.
                                                                         Mönchsgrasmücke
                                                                         Nachtigall
                                                                         Neuntöter
                                                                         Nilgans
                                                                         Pirol
                                                                         Rauchschwalbe
                                                                         Ringeltaube
                                                                         Rostgans
                                                                         Rotkelchen
                                                                         Rotmilan
                                                                         Saatkrähe
Sie reduzieren vor allem während der
                                                                         Schwarzkelchen
Brutzeit die sogenannten Obstschädlinge
                                                                         Schwarzspecht
wie Apfelwickler, Pflaumenwickler, Kirsch-
                                                                         Singdrossel
fruchtfliege, Kirschessigfliege, Walnussfrucht-
                                                                         Star
fliege und viele mehr. Uns ist es eine große
                                                                         Steinkauz
Freude, Tag für Tag die Vögel zu beobach-
                                                                         Stieglitz
ten. Was die Vögel tagsüber nicht vertilgen,
                                                                         Stockente
übernehmen in den Abendstunden die
                                                                         Storch
Fledermäuse. Auch sie fressen große Men-
                                                                         Türkentaube
gen von Insekten. In speziellen Fledermaus-
                                                                         Turmfalke
nisthilfen haben sie ebenso eine Heimat auf
                                                                         Wendehals
unseren Obstwiesen gefunden.
                                                                         Wiedehopf
                                                                         Zaunkönig

                                                                                             35
Sitzstangen und Nisthilfen für Raubvögel wie Eu-      Bei einer Übervermehrung fangen Wiesel mehr
len, Falken, Bussarde und Co. sind wichtig, um die    Mäuse, als sie fressen können. Da Feld- und Wühl-
Mäusepopulationen ganzjährig in Grenzen zu hal-       mäuse sich vegetarisch ernähren, sind sie für das
ten. Hierbei helfen auch Hermelin und Mauswie-        Wurzelwerk von Büschen und vor allem für Jung-
sel. Beide Wieselarten wohnen in eigens errichteten   bäume gefährlich. Aus diesem Grund werden im
Steinhaufen. Wiesel sind wichtige Gegenspieler von    Obstparadies alle Büsche und Baumwurzeln mit
Mäusen.                                               großem Aufwand unterirdisch mit Drahtkörben
                                                      geschützt.

36
Manchmal muss man mit der
Geduld, die aus dem Verständnis
heraus wächst, nur abwarten

              Im Obstparadies unterstützen Nützlinge
              In unseren Anlagen hängen Tausende von Ohrwurm-
              wohnungen, das sind umgekehrte Tontöpfe, gefüllt mit
              Holzwolle. Die nachtaktiven Tiere können sich dort
              tagsüber vor ihren Feinden, den Vögeln, verstecken. Der
              gemeine Ohrwurm ernährt sich räuberisch von Blatt-
              läusen und kleinen Schadinsekten. Er ernährt sich aber
              auch, wie etwa der Zweiundzwanzigpunkt-Marienkäfer
              von Mehltaupilzen. Weitere Gegenspieler verschiedener
              Läusearten sind Blumenwanzen, Weichwanzen, Kamel-
              halsfliegen, echte Netzfliegen, Florfliegen, Ahlenkäfer,
              gemeiner Weichkäfer, verschiedene Marienkäferarten,
              Blutlauszehrwespen, Erzwespen, verschiedene Blattlaus-
              schlupfwespen, räuberische Gallmücken, Schwebfliegen,
              Sperlingsvögel und Kohlmeisen. Eines haben alle diese
              Gegenspieler gemeinsam. Sie überleben keine Insektizid-
              spritzungen! Sind die Nützlinge weg, haben die Läuse
              einfaches Spiel. Vor allem in Monokulturen. Die Folge:
              Noch mehr Spritzungen

                                                                         37
Dies ist kein Ufo im Obstparadies.
                                                      Wir wissen wenig, viel zu wenig. In einem
                                                      unserer Sandflächen, die wir für Wildbienen
                                                      anlegten, fanden wir mehrere dieser kreis-
                                                      förmigen Strukturen. Kleine Tiere haben
                                                      Gräser in den Sand gezogen. Sind die Kreise
                                                      im Sand durch den Wind entstanden? Oft
                                                      stehen wir vor Rätseln ...

Florianne Koechlin                                   schen: es sind Methyljasmonate, die zum Beispiel
schreibt in einer ihrer vielen Veröffentlichungen:   auch in Parfums verwendet werden. Bei Experi-
                                                     menten an der Washington State University musste
Pflanzen „kommunizieren“                             Forschungsleiter Bud Ryan seinen Forscherinnen
                                                     vorschreiben, im Gewächshaus kein Parfum zu ge-
Wenn eine Tomate von einer Raupe angegriffen         brauchen - das hätte die Tomaten verwirrt.
und verletzt wird, dann beginnt sie sich zu wehren
und bildet zum Beispiel Toxine gegen die Raupe.
Die verletzte Tomatenpflanze tut aber noch mehr:
                                                     Pflanzen sind „sensibel“
Sie sendet einen SOS-Duftstoff aus und warnt         Heute wissen wir, dass Pflanzen mindestens 17 ver-
damit andere Tomatenpflanzen in der Umgebung,        schiedene Umweltvariablen wahrnehmen, also „er-
damit diese auch Abwehrstoffe zu bilden beginnen.    spüren“ können. Sie können chemische Duftstoffe
ForscherInnen kennen dieses SOS-Signal inzwi-        „riechen“ und Licht differenziert wahrnehmen.

38
„Jeder dumme Junge kann einen Käfer
zertreten. Aber alle Professoren der Welt
können keinen herstellen.“
Arthur Schopenhauer

Wer die Schönheit der Natur wahrnimmt und
beginnt sie zu begreifen, sieht die Welt mit anderen
Augen. Die Tarnung der Raupe oder des Rebhuhn-
weibchens sind hochinteressant. Wenn aus dem
Laich von Tausenden Froscheiern Kaulquappen
werden und daraus Frösche, offenbart sich etwas
Besonderes, etwas Einmaliges.

Die industrielle Landwirtschaft, auch der industri-
elle Bioanbau, gerät immer mehr in die Sackgasse.
Dafür gibt es endlos viele Belege. Zu viele Nebel-
bomben haben in der letzten Zeit die Sicht ver-
hüllt. Am Beispiel der blühenden Randstreifen,
die das Insektensterben aufhalten sollen, wird es
deutlich.
Es ist geradezu peinlich, sich für eine Insektenviel-
falt auf den blühenden Randstreifen zu beschrän-
ken. Alle wissen, danach kommt der Riesentraktor
mit gewaltigen Auslegern, der dann den Giftnebel
versprüht. Insektizide, die gerade die störenden
Insekten umbringen sollen, machen auch vor dem
Blühstreifen keinen Halt. Und wie sieht es nach
dem Giftregen mit der Kommunikation der Pflan-
zen und Tiere aus?

                                                        39
Der Golden Delicious hatte in den 70er-Jahren bist zu zweidrittel
Marktanteil. Dies war nur mit extremem Pflanzenschutz möglich, da er
stark pilzanfällig ist.
Im Bild: Golden Delicious ohne Pflanzenschutz

Bei einer Untersuchung von 500 Markt- und          Aufgrund der einseitigen Züchtung mit wenigen,
Züchtungssorten, die nach 1920 entstanden sind,    zum Teil aber sehr krankheitsanfälligen Ahnen, ist
wurde der Golden Delicious 347-mal als Stamm-      es nicht verwunderlich, dass moderne, aber auch
sorte eingekreuzt. Weitere pilzempfindliche alte   Biosorten, intensiven Pflanzenschutz benötigen.
Sorten wie Jonathan, McIntosh, Red Delicious       Leider halten auch die pilzresistenten Sorten, die
oder James Grieve wurden ebenfalls sehr häufig     oft im Biobereich angebaut werden, nicht das, was
als Stammsorte bei der Züchtung verwendet.         sie versprechen. Wir haben einen großen Teil der
Quelle: Hans-Joachim Bannier                       modernen pilzresistenten Sorten, die wir zu Beginn
                                                   gepflanzt haben, wieder rausgerissen.

40
Alte ungespritzte Obstsorten
aus dem Obstparadies
Unsere angepflanzten alten Tafelobstsorten bie-        Die Geschmackspalette wird von rund 300 ver-
ten im Gegensatz zu den Supermarktsorten eine          schiedenen Aromen geprägt. Die wenigen moder-
unbeschreibliche, große Geschmacksvielfalt. Die        nen Supermarktsorten können geschmacklich nicht
Angebotspalette reicht von fein säuerlich bis saftig   ansatzweise mithalten. Zu einseitig waren die Züch-
süß, von würzig aromatisch bis herrlich fruchtig.      tungsziele der vergangenen Jahrzehnte.

                                                                                                     41
Obstparadies Äpfel und Birnen werden auf land-        mittel. Im Einklang mit der Natur arbeiten wir mit
schaftsprägenden großkronigen Bäumen erzeugt.         Mischkulturen. Die Bäume stehen auf Wiesen, die
Wir verzichten bewusst auf jegliche Art von Spritz-   vor der Ernte gemäht werden.

Je größer die Bäume, je tiefgründiger die Wurzeln.    besonderen Geschmacksnuancen in den Früchten.
Dadurch können die Bäume die Nährstoffe in sehr       Die Bewirtschaftung ist jedoch etwas anspruchs-
tiefen Schichten aufnehmen. Dadurch entstehen die     voller und geht nur mit viel Handarbeit.

42
Unsere Bäume, die auf großkronigen Unterlagen           mer schnelllebigeren Zeit. Wir bewirtschaften über
veredelt wurden, können bei Äpfeln bis 80 Jahre,        1000 Bäume in einer Altersstruktur von 30 – 120
bei Birnen bis 120 Jahre alt werden. Sie kommen         Jahre. Über 3000 Bäume haben wir die letzten 10
jedoch erst ab dem 10. Jahr langsam in Ertrag. Dies     Jahre veredelt und gepflanzt.
ist ein großer wirtschaftlicher Nachteil in einer im-

Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Bäume mit           sind sehr viele natürliche Wechselbeziehungen ver-
zunehmender Größe und zunehmmendem Alter                antwortlich. Es ist immer wieder faszinierend, dies
weniger anfällig für Blattkrankheiten sind. Dabei       beobachten zu dürfen.

                                                                                                       43
Wir erzeugen in unseren Baumobstgärten eine             sorten dazu. Zu Beginn leider erst in kleineren
Vielzahl unterschiedlicher alter Sorten. Viele Sorten   Mengen. Wir haben Sommer-, Herbst- und Winter-
ernten wir in größeren Mengen. Aufgrund der             äpfel. Sie finden bei uns im Herbst eine einzigartige
Neupflanzungen kommen immer mehr Liebhaber-             Apfel- und Birnensortenvielfalt.

44
Sie erhalten bei uns ungespritzte Tafeläpfel. Aber   für Apfelallergiker oder Diabetiker geeignet. In
auch Äpfel zur Verarbeitung. Besondere Sorten        unserer Obstparadies Manufaktur verwenden
zum Kuchenbacken, Kompott oder Trockenobst           wir die große Apfelvielfalt, um unterschiedlichste
herzustellen. Viele unserer alten Sorten sind auch   leckere Getränke herzustellen.

                                                                                                     45
46
Auch Birnen bauen wir in einer großen Sortenviel-      anonymen Verkaufsart kann der Handel im Obst-
falt an. Richtig reif könnte man viele von ihnen als   bereich keine optische und geschmackliche Vielfalt
die reinsten Aromabomben bezeichnen. Die Bild-         anbieten. Auch richtig reifes Obst, welches am
auswahl kann nur einen kleinen Ausschnitt zeigen.      leckersten schmeckt, fällt da raus. So sind viele der
Birnenzeit ist von August bis Oktober. Das Angebot     alten Birnen im Markt verschwunden. Dies ist der
variiert von Woche zu Woche. Unsere Äpfel und          Grund, warum 99,5% des konsumierten Obstes
Birnen sind ungespritzt und ungeschminkt. Sie kön-     intensiv gespritzt wird. Dies hat auch den Bioobst
nen deshalb nicht immer so makellos wie gespritz-      Handelsbereich längst eingeholt. Der Handel will
tes Obst aussehen. Sie variieren in Farbe, Form        makellose und möglichst immer gleich aussehende
und Größe und im Geschmack. Dies passt nicht in        Früchte.
die Struktur des heutigen Handels. Aufgrund der

                                                                                                         47
Um 1920 waren in Deutschland über 1000 Apfel-        Die ursprüngliche Geschmacks- und Sortenvielfalt
sorten bekannt. Heute finden wir in den Super-       ist fast verschwunden. Mit ihr die bei uns einst
märkten gerade noch ein Dutzend moderne              verbreitete Apfel- und Birnenkultur. Pomologen
Sorten. Es sind Züchtungen für den industriellen     (Sortenkundler), die sich im Pomologenverein zu-
Plantagenanbau. Wichtig sind gleiches Aussehen       sammengetan haben, versuchen die alten Sorten zu
und Transportfähigkeit.                              bewahren.

Der Pomologenverein organisiert Vereinstreffen,      Tübingen bis Heilbronn statt. Wir sind Mitglied im
Sortenausstellungen, Sortenbestimmungskurse,         Verein und daran interessiert, dass auch in unserem
Baumschnittkurse und vieles mehr.                    Raum mehr stattfindet.
Ein großer Teil der Vereinsaktivitäten der Landes-   Sollten Sie Interesse haben, melden Sie sich einfach.
gruppe Baden-Württemberg findet im Bereich           Internetadresse: www.obstparadies-staufen.de

48
Im März ist im Obstparadies Veredelungszeit.      Viele Sorten konnten wir nicht mehr als Jungbäu-
Wir haben einen Großteil unserer Neupflanzungen   me kaufen. Immer Ende November machen wir
die letzten Jahre selbst veredelt.                einen kleinen Pflanzenmarkt, an dem die eine oder
                                                  andere Rarität den Besitzer wechseln kann.
                                                  Die Termine werden auf unserer Internetseite ver-
                                                  öffentlicht.

                                                                                               49
Alte Apfel-
und Birnensorten aus unserem
Obstparadies Erhaltungsprojekt

Über 300 Apfelsorten und über 200 Birnensorten haben        beerapfel, Himbeerapfel aus Holovous, Hochzeitsap-
wir inzwischen angepflanzt, um sie zu erhalten. Dies ist    fel. Holsteiner Cox, Holsteiner Splittapfel, Horneburger
eine Investition in die Zukunft. Die Bäume in unserem Er-   Pfannkuchenapfel, Idared rot, Ingrid Marie, Ivette, Jägers
haltungsgarten kommen nach und nach in Ertrag. Immer        Renette, Jakob Fischer, Jakob Lebel, James Grieve, Jo-
wieder sind wir von der Farbe, Form und Geschmacks-         nathan, Josef Musch, Kaiser Alexander, Kaiser Wilhelm,
vielfalt überrascht.                                        Kaiserkrone, Kanada Renette, Kandil Sinap, Kardinal
                                                            Bea, Karmeliter Renette, Karmijn de Sonaville, Große
Alte Apfelsorten:                                           Kasseler Renette, Käsapfel, Kermerrien, Klarapfel, Koh-
Adamsapfel, Adamsparmäne, Adersleber Kalvill, Allen-        lenbacher, Königsluike, Königin­apfel, Königlicher Kurz-
dorfer Rosenapfel, Alkmene, Altländer Pfannkuchen­          stiel, Konstanzer, Korbacher Edelrenette, Korbiansapfel,
apfel, Altländer Rosenapfel, Ananasrenette, Apfelberger     Körler Edelapfel, Kronprinz Rudolf, Krügers Dickstiel,
Zuckeräpfelchen, Badener Renette, Baumanns Renet-           Lanchester Greening, Landsberger Renette, Lanes Prinz
te, Bedan, Berner Rosenapfel, Biesterfelder Renette,        Albert, Langelandapfel, Lausitzer Nelkenapfel, Lavant-
Bischofs­mütze, Bismarckapfel, Bittenfelder, Birnenför-     haler Bananenapfel, Leckerbissen, Lichthardts Apfel,
miger Apfel, Blauacher, Blumberger Langstiel, Blutrote      Linsenhofer Renette, Links Rosenapfel, Litauer Pepping,
rheinische Renette, Boikenapfel, Böblinger Straßenapfel,    Luikenapfel, Lütticher Rambour, Luxemburger Renette,
Börtlinger Wein­apfel, Boskoop Quast, Boskoop Rot, Ro-      Maigold, Maren Nissen, Mantet, Martens Sämling, Mar-
ter Königsboskoop, Boskoop Schmitz Hübsch, Schöner          tini, Martinskracher, Mauks Apfel, Mc Intosh, Melodia,
von Boskoop, Weißer Königsboskoop, Bramleys Sämling,        Melrose, Metz­renette, Millicent Barnes, Minister Ham-
Brauner Matapfel, Brettacher, Burchardts Netzrenette,       merstein, Mohringer Rosenapfel. Morgenduft, Muskatel-
Bühler Erdbeerapfel, Burgundy, Champagner Renette,          lerluike, Mutsu, Nathusius Taubenapfel, Neujahrsapfel,
Chüsen­ rainer, Coulons Renette, Cornwalliser Nelken-       Neune­­schläfer, Notarisapfel, Oberländer Himbeerapfel,
apfel, Cox cherry, Cox orange, Transparent von Cron-        Oberlausitzer Muskatrenette, Obserlausitzer Nelkenap-
cels, Damasons Renette, Danziger Kant, Dithmarscher         fel, Oetwiler Renette, Öhringer Blutstreifling, Ontarioap-
Paradiesapfel, Doppelter Melonenapfel, Dundenheimer         fel, Orleansrenette, Orangenburg, Parkers Pepping, Pfir-
Schätzler, Dülmener Rosenapfel, Dülmener Renette,           sichroter Sommerapfel, Pojnik Apfel, Polierapfel, Pomme
Edelborsdorfer, Edelgrauech, Eierlederapfel, Eisbrucker,    d‘or, Porzen, Pommerscher Krummstiel, Princesse Noble,
Engelsberger Renette, Englische Spitalrenette, Englischer   Prinz Alb­­­­recht von Preußen, Prinzenapfel, Prinzessin Ire-
Prinzenapfel, Erbachhofer Weinapfel, Ernst Bosch, Erwin     ne, Purpurella, Purpurroter Agatapfel, Purpurroter Cou-
Baur, Evaapfel, Fantasia, Fey‘s Rekord, Fießers Erstling,   sinot, Ravensberger Renette, Red Merylinn, Reinette de
Finkenwerder Herbstprinz, Fraas Sommerkalvill, Fran-        France, Reitländer, Rheinische Schafsnase, Rheinischer
zösische Goldrenette, Freiburger Renette, Freiherr von      Bohnapfel, Rheinischer Krummstiel, Rheinischer Win-
Berlepsch, Friedberger Bohn, Freiherr von Trautenberg,      terrambour, Ribston Pepping, Riesenboiken, Römischer,
Fromms Goldrenette, Gaesdonker Renette, Gartenmeis-         Kikker, Roter Fresquin, Rote Sternrenette, Roter Astra-
ter Simon, Geheimrat Breuhahn, Geheimrat Dr. Olden-         chan, Roter Bellefleur, Roter Berlepsch, Roter Eiserapfel,
burg, Gelbe Königsrenette, Gelber Bellefleur, Gelber        Roter Herbstkalvill, Roter Jungfernapfel, Roter Kardinal,
Edelapfel, Gelber Richard, Gestreiter Herbstkalvill, Ge-    Roter Mond, Roter Sommercalville, Roter Trierer Wein-
strickte Renette, Gewürzluiken, Schweizer Glockenapfel,     apfel, Rotfleischiger aus Korna, Säfstaholms Rosenapfel,
Gloria Mundi, Gloster, Goldparmäne, Rote Goldparmä-         Schneiderapfel, Schöner aus Bath, Schöner von Herrnhut,
ne, Wintergoldparmäne, Goldrenette von Blenheim,            Schöner aus Nordhausen, Schöner von Wiltshire, Schwar-
Grahams Jubiläumsapfel, Graue Französische Renette,         zer Api, Schwarzwälder Renette, Schweizer Orangenap-
Graue Herbstrenette, Graue Portugiesische Renette, Gra-     fel, See­stermüher Zitronenapfel, Septer, Sertürners Re-
vensteiner, Alter Gravensteiner, Blutroter Gravensteiner,   nette, Siebenschläfer, Signe Tillish, Sommerananas­apfel,
Früher Gravensteiner, Roter Gravensteiner, Großherzog       Sommer­­­pfirsichapfel, Sonnenwirtsapfel, Spätlauber,
Friedrich von Baden, Grüner Fürstenapfel, Guillevic, Har-   Spencer Pepping, Sponheimer Flurapfel, Stahl‘s Winter-
berts Renette, Hagedornapfel, Halberstädter Jungfernap-     pinz, Stauferluike, Sternapi, Stirnbacher weiß, Strauwalds
fel, Hauxapfel, Herbstparmäne, Heslacher Gereutapfel,       Goldparmäne, Süße graue Renette, Tannenkrüger, Tul-
Hess. Tiefenblüte, Heuchelheimer Schneeapfel, Hilde,        penapfel, Thurgauer Weinapfel, Ulmer Polizeiapfel, Vir-
Hildesheimer Goldrenette, Himbacher Grüner, Him-            ginischer Rosenapfel, Wachsrenette von Benediktbeuern,

50
Werdersche Wachsrenette, Weiße Wachsrenette, Weißer             schnabelbirne, Stuttgarter Birne, Stuttgarter Geißhirtle,
Matapfel, Weißer Winterkalvill, Weißer Winter-taffetap-         St. Remy, Sülibirne, Wahre Susbirne, Tongern, Trummbir-
fel, Welschbrunner, Wettringer Taubenapfel, Winterba-           ne, Ulmer Butterbirne, Vereins Dechantsbirne, Wahl‘sche
nanenapfel, Wintergravensteiner, Winterhimbeerapfel,            Schnapsbirne, Weidenblättrige Herbstbirne, Weilersche
Winter­­z­itronenapfel, Wohlschmeckender aus Vierlanden,        Mostbirne, Wilde Eierbirne, Wildling von Einsiedel, Wil-
Zabergäurenette, Zimtapfel, Zitronenapfel, Zuccalmagli-         liams Christ, Winterdechant, Winternelis, Zitronenbirne,
os Renette, Züriapfel.                                          Zucker­birne von Montlucon, Zweibutzen.

Alte Birnensorten:                                              Viele Kollegen aus dem Pomologenverein haben
Alexander Lucas, Alexandrine Douillard, Ananas                  uns bei der Sortensuche unterstützt und bei der Sorten-
de Courtrai, Anjou, Apfelbirne, Auringer Winter-                bestimmung geholfen. Ein besonderer Dank gilt hier dem
birne, Badische Weinbirne, Bamberger Kugelbirne, Bar-           Birnenspezialist Hermann Schreiweis (Bild), Hans-Thomas
dowieker Sommerbergamotte, Baronin von Mello, Bay-              Bosch, Herr Dr. Mayr vom KOB, Hans-Joachim Bannier,
rische Weinbirne, Berner Dornbirne, Betzelsbirne, Beu-          Werner Nussbaum, Jan Bade, Dr. Norbert Clement, Ka-
ckes Butterbirne, Bimmbirne, Binibolbirne, Blumenbachs          rin und Meinolf Hammerschmidt, Konrad Hauser, Ru-
Butterbirne, Blutbirne, Bosc‘s Flaschenbirne, Brunnen-          dolf Thaler, Heinrich Niggemeyer und vielen mehr. Ihre
birne, Bunte Julibirne, Champagner Bratbirne, Clapps            Arbeit hat einen unschätzbaren Wert für die künftigen
Liebling, Condo, Conference, Denkinger Zuckerbirne,             Generationen.
Deutsche Nationalbergamotte, Diels Butterbirne, Di-
rektor Hardy, Doppelte Philippsbirne, Dr. Jules Guyot,
Dr. Martin, Edelcrassane, Esperens Bergamotte, Esperine
Butterbirne, Ettenbirne, Fässlesbirne, Feigenbirne von
Alencon, Fellbacher Weinbirne, Feuchtwanger Butter-
birne, Flachsbirne, Frankelbacher Weinbirne, Frankfurter
Birne, Französische Blutbirne, Frühe große Muskateller,
Frühe von Trevoux, Geddelsbacher Mostbirne, Gelbe
Koresser, Gelbe Wadelbirne, Gelbe Sommerherrenbirne,
Gelbmöstler, Gellerts Butterbirne, Gensbirne, Gieser Wil-
demann, Gewürzbirne, Goldschwänzchen, Gräfin von
Paris, Großer Katzenkopf, Grüne Hoyerswerder, Grüne
Sommermagdalene, Guenette, Gute Graue, Gute Luise,
Gwährbirne, Hänserbirne, Hanslibirne, Harigelbirne,
Herbstfeigenbirne, Herbstforellenbirne, Herzogin Elsa,
Hochfeine Butterbirne, Hofratsbirne, Hopfenbirne, Hol-
ländische Feigenbirne, Jaköble, Jeanne d‘Arc, Jeremias
Runde, Josephine von Mecheln, Junker Hans, Kaiser-
birne mit dem Eichblatt, Karcherbirne, Kieffers Sämling,
Kirchensaller Mostbirne, Kleine Muskatellerbirne, Knaus-
birne, König Karl von Württenberg, Köstliche von Char-
neux, Lämmerwäsele, Latschenbirne, Lebruns Butterbirne,
Lübecker Prinzenbirne, Luxemburger Mostbirne, Madam
Favre, Madame Verte, Mauswedel, Melonenbirne, Met-
zer Bratbirne, Minister Dr. Lucius, Mollebusch, Muskatel-
ler, Napoleons Butterbirne, Nägelesbirne, Nordhäuser
Winterforelle, Noraire Lepin, Oberösterreichische Wein-
birne, Offenbacher Rote, Oligbirne, Olivenbirne, Oliver
de Serres, Owener Frühbirne, Palmischbirne, Pastorenbir-
ne, Paulsbirne, Petersbirne, Pfirsichbirne, Pflästerlesbirne,
Pfullingerbirne, Präsident Drouard, Prinzessin Marianne,
Professor Großdemanche, Punktierter Sommerdorn, Rei-
herlingsbirne, Remele, Robert de Neufville, Röhrlesbirne,
Römische Schmalzbirne, Rote Lederbirne, Rotholzbirne,
Rote Williams Christ, Rousselet de Reims, Säckinger Bir-
ne, Salzburger Birne, Santa Maria, Scheiberling, Schlan-
kelesbirne, Schneebirne, Schöne von Pleystein, Schweizer
                                                                Viele der sehr seltenen Birnensorten wurden von
Hose, Schweizer Wasserbirne, Seckelsbirne, Seitersbirne,
Sieben ins Maul, Sierra, Sievenicher Mostbirne, Sipplin-        Herrmann Schreiweis (Bild) wiederentdeckt. Über
ger Klosterbirne, Solaner, Sommerapothekerbirne, Som-           40 von ihm gefundene verschiedene Birnen konn-
merblutbirne, Sommereierbirne, Sommerfeigenbirne,               ten bisher nicht zugeordnet werden. Diese werden
Sommer Muskateller, Spaichinger Wegbirne, Sparbirne,            jetzt im Obstparadies unter Arbeitsnamen kulti-
Späte Muskateller, Staffelsteiner Beckenbirne, Storch-          viert und erhalten.

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Ein italienisches Sprichwort sagt:
     „Kirschen sind wie Küsse.
     Man kann nicht genug davon
     bekommen.“
     Die Sommerfrucht ist lecker, fruchtig und
     gefüllt mit vielen wertvollen, gesundheits-
     fördernden Inhaltsstoffen. Auch Kirschen-
     plantagen werden landauf, landab aufgrund
     von Kirschessigfliege und Kirschfruchtfliege
     mit Insektiziden behandelt. Wir kultivie-
     ren frühe Sorten. So können wir in einem
     kleinen Zeitfenster leckere Tafelkirschen an-
     bieten. Bei uns wachsen unterschiedlichste
     Sorten ohne Verwendung von Insektiziden.
     Ein großer Teil geht in unsere Saftverarbei-
     tung.

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Neben den saftigen Süßkirschen bauen wir
auch verschiedene Sauerkirschsorten für die
Verarbeitung an. Eine weitere Besonder-
heit sind unsere Wildkirschenbäume. Ein
Sämling, den wir weiter kultiviert haben,
ist die Grundlage für unsere Wildkirschen-
ernte. Frisch vom Baum verzehrt, sprach
eine brasilianische Praktikantin mit funkeln-
den Augen von einem göttlichen Genuss.
Daraus entstand die Idee des „Nikolausi“.
Vielen Weihnachtsmarktbesuchern bekannt.
Heißer, brillant leuchtender Wildkirschlikör
mit Sahnehäubchen. Der Nikolausi erfreut
immer wieder die Besucher unserer Weih-
nachtsmarktstände. Aber auch wenn Sie
Gäste bekommen oder vor dem brennen-
den Kamin ist der Nikolausi in der Vor- und
Nachweihnachtszeit etwas Besonderes.

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Walnüsse gehörten früher zur regionalen
     Selbstversorgung dazu. Heute sind einhei-
     mische Früchte rar geworden. Aufgrund der
     eingeschleppten Walnussfruchtfliege wird
     von den Obstbauberatern empfohlen, die
     Bäume mit Insektiziden zu behandeln. Wir
     setzen auch hier keine Pestizide ein. Schwar-
     ze Nüsse werden aufgelesen und entsorgt.
     Ein maschinelles Auflesen fällt somit aus.
     Auch hier haben wir viel Handarbeit. Wir
     verkaufen die luftgetrockneten Walnüsse
     vor allem in der Vorweihnachtszeit für die
     Weihnachtsbäckerei. Walnüsse gelten als
     sehr gesundheitsfördernd. Sie liefern die
     gesunden Omega-3-Fettsäuren. Sie senken
     den Cholesterinspiegel und ihr Eiweiß ist
     besser verwertbar als tierisches Eiweiß. In
     der Obstparadies Manufaktur entstehen
     auch Delikatessen, die aus grünen Walnüs-
     sen gefertigt werden.

     Unsere Vorfahren schätzten die Haselnüsse
     als energie- und eiweißreiches Nahrungsmit-
     tel. 100 Haselnusssträucher, 10 verschiedene
     Sorten reichen bei uns leider nur aus, um
     Spezialitäten wie den legendären Haselnuss-
     likör herzustellen.

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Im Obstparadies haben sie wieder goldene Zeiten.       Die Quitte braucht viel Sonne und dankt es uns
Die Rede ist von Quitten, die vollreif bei der         mit ihrem fantastischen Geschmack. Sie wird in
Ernte schier blenden. Eine fast vergessene herrliche   der Obstparadies Manufaktur in der Verarbeitung
Frucht. Wir kultivieren Apfel- und Birnenquitten,      vielseitig verwendet. Aufgrund ihres betören-
insgesamt 20 verschiedene Sorten. Darunter seltene     den Duftes wurde sie früher im Volksmund auch
Sorten wie die Muskat- oder Zitronenquitte.            Schmeckbirne genannt.

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Die Vielfalt unseres Pflaumenanbaus ist groß.       Wunder der Natur. Eines haben sie alle gemein-
Verschiedene Zwetschgen, Löhrpflaumen, verschie-    sam. Mit jedem Sonnentag, den die Früchte länger
dene Renekloden, Haferpflaumen, verschiedene        an den Bäumen verbringen dürfen, nehmen die
Mirabellen, Schlehen, Zibarten und Blutpflaumen.    Geschmackserlebnisse beim Genuss zu.
Die Vielfalt in Form, Farbe und Geschmack ist ein

56
Immer mehr Kunden schätzen es, dass sie im Obst-   Lange Wege und der Handelswunsch nach langer
paradies ausgereiftes Obst kaufen können. Gerade   Haltbarkeit bestimmen so über süß oder sauer und
bei Zwetschgen und Mirabellen wird der Unter-      über den Geschmack. Viele Spezialitäten wie die
schied im Geschmack erlebbar. Oft sieht man im     Löhrpflaume, sind aufgrund des kleinen Lagerzeit-
Handel unreife Früchte in den Auslagen liegen.     fensters vom Markt verschwunden.

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Wildpflaumen werden in manchen Südländern als          von Rottönen, verschiedene Blautöne, Violetttö-
Frischobst verkauft. Wir kultivieren unterschied-      nen und schwarz. Manche auch gelb, auf der Son-
lichste Sorten. Eine Pracht sind die verschiedensten   nenseite rot oder gesprenkelt. Wildpflaumen haben
Farben der Wildpflaumen. Von Zitronengelb über         als säuerliche, erfrischende Frucht einen festen Platz
Goldgelb bis hin zu Orangetönen. Über alle Arten       in unserem Anbau und in unserer Verarbeitung.

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Wildobst
 kannten bei uns schon
 die Kelten!

 Wir kultivieren sie wieder: Berberitzen,
 verschiedene Sorten der nordischen
 Zitrone, Apfelbeeren (bekannt unter
 Aronia), Ölweiden, verschiedene
 Sorten der Kornelkirsche, Felsenbirne,
 Mispeln, Speierling und Ebereschen.

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Wildobst kultivieren wir überwiegend als Busch-       der menschlichen Ernährung. Wir verwenden viele
form in Reihen. Diese umzäunen oft unsere An-         der gesunden Früchte in der Verarbeitung. Einige
lagen. Wildobst ist seit tausend Jahren Bestandteil   haben es schon in die Verkaufshitliste gebracht.

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Die cremefarbigen, angenehm herb riechenden      busch gibt es viele Mythen. In keinem alten Heil-
Blütendolden werden direkt nach der Ernte ver-   mittelbuch durften die Holunderblüte und Holun-
arbeitet. Blütenauszüge machen den Holunder      derbeere fehlen. Der Holunder gilt von alters her
geschmacklich interessant. Über den Holunder-    als Heilmittel.

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Wie viel ärmer wäre die Welt
ohne Rosen?     Mehrere Hundert Meter Wildrosen haben
                wir auf verschiedenen Grundstücken stehen.
                Zuerst erfreuen uns ihre Blüten, später im
                Herbst die Vielzahl von unterschiedlichsten
                Hagebutten.

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Die Magie der Rosen
Mit ihren zartduftenden Blüten ist die Rose eine       Wild- und Duftrosen gepflanzt. Eine Augenweide,
Blume, die von zahlreichen Geschichten, Mythen         aber auch der Lieblingsplatz vieler Insekten. Wenn
und Sagen umrankt ist. Als symbol- und geschichts-     wir die Rosenblütenblätter in den frühen Mor-
trächtige Blume hat die Rose seit jeher Menschen in    genstunden ernten, sind die Insekten noch nicht
ihrer Kulturgeschichte begleitet und fasziniert. Mit   unterwegs. Dafür ist der Rosenduft in der Frühe am
ihrer Schönheit, ihren Formen und ihren endlos         intensivsten. Bei den Wildrosen lassen wir für die
vielen feinen Farbnuancen. Den Rosenduft präzise       Insekten immer ein Drittel der Blüten stehen. Die
mit Worten zu beschreiben ist kaum machbar. An         Rosenernte ist für uns immer wieder ein Genuss
verschiedenen Plätzen haben wir über 100 Sorten        mit allen Sinnen.

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Jede Sorte hat ihr eigenes Duftspektrum. Manche   Rosenblütenblättern seit Jahrhunderten positiv hei-
Sorten verwenden wir sortenrein. Andere werden    lende Wirkungen zu. Wir verarbeiten die Rosen in
zu Duftkombinationen gemischt. Die unendlich      unserer Obstparadies Manufaktur. Die Feinheit der
wirkende Vielzahl der Aromen ist beeindruckend.   Aromen können in den entstandenen Produkten
Neben ihren Dufteigenschaften spricht man den     ihren Ursprung nicht verleugnen.

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Das Flair der Provence ist auch im Obstparadies an-   Lippenblütler. Lavendel enthält viel ätherisches Öl.
gekommen. Wir lieben den herb-aromatischen Duft       Der intensive Duft macht ihn für unsere Verarbei-
des Südens. Ein Teil der Blüten wird geerntet, der    tung interessant. So entsteht daraus unter anderem
andere verbleibt für die Tierwelt in den Anlagen.     unser alkoholfreier Paradies-Prickler Mostbirne-
Lavendel ist ein wahrer Magnet für Schmetterlinge.    Lavendel.
Auch Hummeln und Bienen lieben den Nektar der

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Die ersten Versuche, Aprikosen und Pfirsiche an-      hielten nicht, was die Pflanzenprospekte ver-
zubauen, sind nicht zufriedenstellend gelaufen.       sprachen. Wir sind auf der Suche nach alten
Ein großer Teil der Pflanzen sind eingegangen. Die    unempfindlichen Sorten und Sämlingen. Ein
modernen Züchtungen gehen nur mit intensivem          größeres Projekt, welches wir noch vor uns haben.
Pflanzenschutz. Auch die pilzresistenten Sorten

                                          Das Klima wird sich
                                          ändern. Deshalb
                                          laufen bei uns immer
                                          wieder neue Anbau-
                                          versuche. Derzeit
                                          stehen versuchsweise
                                          auch Feigen, Nashi,
                                          Mandeln, Maronen
                                          und Milchorangen in
                                          unseren Anlagen.

                                                                                                    67
Diese heimischen Exoten gehören schon dazu.        den Anbau gut geeignet. Einige Pflanzen stehen seit
Kiwi, Minikiwi, Indianerbananen, Kaki, weiße und   zehn Jahren. Eine größere Menge haben wir in den
schwarze Maulbeeren. Unser Weinbauklima ist für    letzten Jahren nachgepflanzt.

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Überwiegend für den Frischverzehr bauen wir         schon anders aus. Die gibt es ab Ende Oktober/
die Früchte mit dem südländischen Flair an. Die     Anfangs November im Frischverkauf. Die Kaki ist
Indianerbananen haben wir in großem Stil nach-      eine wohlschmeckende, gesunde Frucht mit einem
gepflanzt. Sie wachsen sehr langsam. Die Bäume      hohen Vitamin- und Mineralstoffgehalt. Ein Teil der
können 80 Jahre alt werden. Kleine Mengen           Ernte wird als Fruchtaufstrich verarbeitet.
können wir bereits ernten. Bei den Kakis sieht es

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Im Obstparadies
gibt es das ganze
Jahr viel Arbeit
Die wandelnden Jahreszeiten und das Wetter
geben bei den Arbeiten den Takt vor. Von Mai bis
November wird geerntet. Dazwischen werden die
Wiesen gemäht. Im November bis Februar wird
gepflanzt. Wenn die Blätter gefallen sind, werden
bis zur Blüte die Büsche und Bäume geschnitten.
Dazwischen werden die Anlagen und die Nisthilfen
gepflegt. Es wird veredelt, umgetopft und gegos-
sen. Wir haben viel Handarbeit. Der Maschinen-
einsatz beschränkt sich auf das zweimalige Mähen.
Deshalb haben wir einen sehr niedrigen Energiever-
brauch und eine zukunftsweisende CO2-Bilanz.

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Die Haupterntezeit ist August bis Oktober. Bei
schönem Wetter sind wir oft von morgens, wenn
es hell wird, bis abends, wenn die Sonne unter-
geht, auf unseren Obstwiesen, um die vielen ver-
schiedenen Kulturen zu ernten. Es braucht danach
kein Fitnessstudio mehr. Ein guter gesunder Schlaf
ist nach dem Ernten ebenfalls garantiert. Viel Obst
wird mit Leitern geerntet. Verarbeitungsobst wird
oft auch mit Stangen geschüttelt. Es ist eine befrie-
digende, wunderbare und vor allem eine system-
relevante Arbeit.

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Der Spruch: „Die süßesten Früchte hängen ganz          noch gerne hilft. Sie zählt zu den ausdauerndsten
oben.“ Aber auch das Gesetz der Schwerkraft, „die      Mitarbeiterinnen. Bei einer Kaffeepause meinte sie:
geschüttelten Früchte liegen weit unten“, gelten ge-   „Ich weiß auch nicht, warum ich wie Leder bin“.
nauso im Obstparadies. Weil das Ernten sehr müh-       Wir diskutierten mit jungen Studenten über Ernte-
sam ist, gilt ein besonderer Dank all unseren Mit-     leistung. Fürwahr, sie hat manchem Studenten, was
arbeiterInnen, PraktikantInnen und HelferInnen.        Zähigkeit, Schnelligkeit und Ausdauer anbelangt,
Im Bild Marija, die mit stolzen 83 Jahren immer        schon gelegentlich das Fürchten gelehrt.

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