Queer Denken - bbzBerliner Bildungszeitschrift - GEW Berlin
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bbz
BERLIN
72. (87.) JAHRGANG
MAI 2020
Berliner Bildungszeitschrift
Queer
Denken
SCHULE GEWERKSCHAFT TENDENZEN
Tipps für mehr Mitbestimmung Ein halbes Jahr-
Ruhe im Unterricht in Corona-Zeiten hundert Theater
MAI 2020 | bbz SCHULE 1I I C A R T O O N D E S M O N AT S
I I KO L U M N E
Leider mangelhaft
men, mit denen man dem Lehrkräftemangel zu (und Ausgang aus) dem Berufsfeld
von Joshua Schultheis begegnen will, zu einem Prestigegewinn kombinieren würde, könnte man die Ar-
des Berufsstands beitragen, ist sehr zwei- beit vor der Klasse für viel mehr Menschen
felhaft. Die beiden Wege in den Job sind interessant machen. Dass sich die Attrak-
A ngesichts Zehntausender fehlender
Lehrkräfte setzt Berlin neben Querein-
steiger*innen auch auf sogenannte LovLs,
nämlich gleichermaßen unattraktiv: Entwe-
der man wird als Quereinsteiger*in mehr
oder weniger ins kalte Wasser geschmis-
tivität des Lehrer*in-Seins vor allem an der
Höhe der Besoldung und dem Beamtensta-
tus messen lasse, ist Unsinn. Solange die-
Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung. Bei- sen oder man muss sich, gerade aus der ser Beruf als lebenslange Verpflichtung
nahe zwei Drittel der eingestellten Lehr- Schule raus, sogleich für eine siebenjähri- ohne Widerruf einerseits und letzte Hoff-
kräfte im Jahr 2018 hatten keine pädago- ge Lehrer*innenausbildung entscheiden. nung verkrachter Existenzen andererseits
gische Ausbildung. Als weitere Maßnahme Wer daher nicht schon immer unbedingt erscheint, wird die Krise, in der er steckt,
hat Berlin die Studienplätze für Lehramts- Lehrer*in werden wollte, dem bleibt nur nicht bewältigt werden.
ZEICHNUNG: RAINER DEMATTIO
studierende kurzerhand verdoppelt, frei- die Alternative, sich entweder zu früh oder
lich ohne das Personal an den Universitä- zu spät für diesen Beruf zu entscheiden.
ten entsprechend zu erhöhen. Dabei bestünde vermutlich gerade jetzt Joshua ist Lehramtsstudent in Berlin.
Die Politik beteuert zwar stets, wie wichtig die Chance, den Lehrer*innenberuf neu zu In seiner Kolumne schreibt er über
es sei, das Ansehen des Lehrer*innenbe- definieren. Wenn man Jobgarantie und gu- Widersprüchliches und Kurioses in
rufs aufzupolieren; ob aber die Maßnah- tes Gehalt mit einem flexibleren Zugang der Lehrer*innen-Ausbildung
2 CARTOON DES MONATS I KOLUMNE bbz | MAI 2020I I S TA N D P U N K T
Digitale
Schulgemeinschaft
Die Schließungen in Folge der
Corona-Krise zwingen unsere Schulen
in ein unfreiwilliges Experiment
Lydia Puschnerus, Leiterin des Vorstandsbereiches
Schule in der GEW BERLIN
D igitalisierung als Notlösung? Digitales Arbeiten
als Selbstverständlichkeit! Das wäre auch schon
vor März schön gewesen, bevor plötzlich bundes-
Aber genau das ist der Horizont bisheriger Bemü-
hungen der Bildungsverwaltung und des Bundes.
Der Digitalpakt soll Schulen seit 2018 technisch auf
weit alle Schulen aufgrund der COVID-19-Pandemie den Weg bringen, mit Geldern für WLAN und Endge-
schließen mussten. Plötzlich kein Unterricht mehr, räte – exklusive Wartung versteht sich, und nur ge-
keine Postfächer im Kollegiumszimmer, kein Mittei- gen ein individuell ausgearbeitetes Medienkonzept.
lungsbuch, keine Aushänge – Traum oder Albtraum? Was den Schulen als Autonomie verkauft wird, ist
Schulgemeinschaften, die zuvor analog arbeiteten, nichts anderes als abgewälzte Mehrarbeit seitens der
fanden schnell Übergangslösungen, von Kommuni- Verantwortlichen. Auch bei der landeseigenen Lern-
kation per Mail-Verteiler und Schulhomepage, über plattform, Lernraum Berlin, besteht Nachbesserungs-
Koordination der Lerngruppen in Schulclouds, bis bedarf. Nutzer*innen klagen über umständliche Be-
zu Unterricht per Videokonferenz. Die Berliner Lehr- dienung und sorgen sich um langfristige Updates.
kräfte haben alles daran gesetzt, ihre Schützlinge Unter dem massiven Zulauf im Zuge der Schulschlie-
beim unfreiwilligen Selbststudium bestmöglich zu ßungen brach die Plattform zusammen. Zwar wur-
betreuen – freiwillig, denn eine arbeitsrechtliche den die Kapazitäten schnell angepasst. Das allein
Grundlage gibt es dafür nicht, von Dienstgeräten reicht jedoch nicht aus. Nicht ohne Grund nutzen
ganz zu schweigen. etliche Schulen lieber kommerzielle Angebote.
In dieser Ausnahmesituation hat ein ganzes Land,
das sich schon im Alltag 2.0 wähnte, bestehende
Lücken in der Digitalisierung verstärkt zu spüren
bekommen. Insbesondere staatliche Institutionen
N un gilt es, aus dem unvorhergesehen Stresstest
zu lernen, Lücken zu schließen und den Begriff
digitale Schule breiter zu denken – und entsprechen-
waren nicht auf das vorbereitet, was auch ohne Krise de Standards zu schaffen. Die Leitfrage muss lauten:
bereits Standard sein sollte – flächendeckend digital Worin liegt der Mehrwert der digitalen Erweiterung?
zu kommunizieren. Was die Schulgemeinschaften Eine Ausstattung mit mehr Klassen-PCs, Projektoren,
akut geleistet haben, darf nun nicht zur Lösung Lautsprechern und WLAN muss den Zugang zu In-
eines strukturellen Problems – frei nach dem Motto: halten vereinfachen, nicht zu mehr Wartung führen.
FOTO: FOTOSTUDIO CHARLOTTENBURG
»Geht doch!« – umetikettiert werden. Nach wie vor Schul-E-Mails müssen effizientere Kommunikation
braucht es mehr digitale Infrastruktur und geregelte und Kollaboration der Schulgemeinschaft ermöglichen,
Kommunikationskultur. Digital ist eben mehr als nur nicht mehr Post generieren. Nur wenn die Antwort
das interaktive Whiteboard und ein bisschen Lern- Entlastung und besserer Zugang zu Bildung lautet,
plattform. hat sich der Einsatz digitaler Lösungen gelohnt.
MAI 2020 | bbz STANDPUNKT 3TITELBILD: ADOBE STOCK / NITO; OBEN LINKS: ADOBE STOCK / CONTRASTWERKSTATT; OBEN RECHTS: ADOBE STOCK / ZERA RUZGAR; UNTEN LINKS: IMAGO IMAGES / JOCHEN TACK; UNTEN RECHT: PRIVAT
26 SCHULE Lärm ist eine große Arbeitsbelastung für
Pädagog*innen. Die Erkenntnis, dass mehr Schreien nicht zu mehr
Ruhe führt, brachte Amrei Bullerdiek dazu, Lärm mit anderen Augen
zu sehen. Seitdem sind ihre Schüler*innen ruhiger.
28 GEWERKSCHAFT
Seit Ausbruch der Corona- 32 TENDENZEN
Pandemie ist nichts mehr Seit über 55 Jahren schreibt
wie es war. Trotzdem geht Hans-Wolfgang Nickel
die Arbeit weiter; sowohl Theaterkritiken für die bbz.
in den Bildungseinrichtungen Jetzt will er den Staffelstab
der Stadt als auch bei den übergeben und sucht nach
Beschäftigtenvertretungen – einer Nachfolge. Im Interview
unter erschwerten Bedingungen. blickt er zurück.
4 INHALT bbz | MAI 2020I I I N H A LT
Kolumne | Standpunkt | kurz & bündig |
Impressum | Leser*innenforum______________________________________________________________ 2-7/36
TITEL
Queer Denken ____________________________________________________________________________________________________ 8
Genderbewusste Pädagogik Petra Focks____________________________________________________________ 9
Intergeschlechtlichkeit in der Grundschule Yan Feuge _______________________________ 12
Freiwillig reicht nicht – Vielfalt gehört in den Unterricht Alexander Lotz_____ 14
Hilfe, wir haben queere Menschen unter uns Stefan Hierholzer____________________ 16
Jede Person hat ihre eigene Geschichte Sheikha Gross__________________________________ 18
Schleppende Inklusion geschlechtlicher Vielfalt Ryan Plocher____________________ 19
SENIORITA
Interview mit Dagmar Poetzsch: »Es dauerte einige Zeit,
bis alle ihren Platz gefunden hatten« D. Haase/K. Will___________________________________ 21
Zehn Jahre GEW-Chor und -Singkreis Monika Rebitzki____________________________________ 23
8 TITEL Obwohl sich Berlin dem Wer war Lotte Eifert? Klaus Will________________________________________________________________________ 24
Schutz sexueller und geschlechtlicher
Vielfalt verpflichtet hat, hapert es
SCHULE
oft an der Umsetzung. Das muss sich
ändern, sollen Schule und Kita diskri- Das Corona-Wunder Lenka Kersting___________________________________________________________________ 20
minierungsfreie Orte werden, an denen Querbesteiger*innen Ralf Schiweck___________________________________________________________________ 25
sich alle verwirklichen und entwickeln
Seid doch endlich leise! Amrei Bullerdiek__________________________________________________________ 26
können.
GEWERKSCHAFT
Wir arbeiten weiter Udo Mertens_______________________________________________________________________ 28
Alles anders mit Corona … Christiane Weißhoff________________________________________________ 29
INTERNATIONALES
Denk ich an Frankreich in der Nacht … Frank-J. Sutter__________________________________ 30
TENDENZEN
Interview mit Hans-Wolfgang Nickel:
»Lehrer*innen müssen erzählen können« Markus Hanisch___________________________ 32
Großwerden auf der Leinwand Joshua Schultheis ____________________________________________ 34
Der Lebensweg von Hermann Schulz Eckhard Rieke______________________________________ 35
SERVICE
Theater | Bücher | Materialien | Aktivitäten ____________________________________________________ 37
MAI 2020 | bbz INHALT 5I IK U R Z & B Ü N D I G
100 Millionen Euro in die Hand genom-
men werden, um die in der Corona-Krise
so wichtigen Online-Plattformen auszu-
bauen. Darauf haben sich die Länder und
das Bundesbildungsministerium geeinigt.
»Mit diesen Mitteln können die Länder
den schnellen Aufbau der Infrastruktur
und die Ausweitung des digitalen Unter-
richts in Zeiten bundesweit geschlosse-
ner Schulen umsetzen«, heißt es in einer
gemeinsamen Erklärung.
■■ Doreen Beer neue Anti-Mobbing-
Beauftragte
Die Psychologin und systemische Familien
therapeutin Doreen Beer ist Berlins erste
Antimobbing-Beauftragte der Senatsbil-
dungsverwaltung. Seit dem 1. April soll sie
gemeinsam mit dem Beschwerdemanage-
ment und dem Antidiskriminierungs be
auftragten »Beschwerden klären, nach den
■■ GEW betrachtet Fokus auf ■■ Hochschulen in Zeiten von Corona Ursachen von Mobbing suchen und Prob-
Prüfungen mit Sorge Die Berliner Hochschulen sind am 20. April lemlösungen für die Betroffenen finden«.
Die Senatsbildungsverwaltung setzt beim in die digitale Vorlesungszeit gestartet. Wir freuen uns sehr, dass unsere Redakti-
schrittweisen Neustart des Schulbetriebs Dabei unterstützt der Senat die Universi- onskollegin Doreen diese anspruchsvolle
vor allem darauf, die Prüfungen zu Abitur täten und Fachhochschulen mit einem und wichtige Stelle angetreten hat und
und MSA erfolgreich durchzuführen. Die Sofort-Programm in Höhe von zehn Milli- wünschen ihr in dieser herausfordernden
GEW BERLIN hält dieses Kurs für falsch. onen Euro. Dieses Geld ist unter anderem Tätigkeit viel Erfolg und Unterstützung!
»Auch wenn die Schule wieder startet, für zusätzliche IT-Infrastruktur wie neue
wird der Unterricht im herkömmlichen Server, Videokonferenzanlagen oder Soft-
Sinne nachrangig sein«, betonte Tom Erd- warelizenzen vorgesehen. Für die Studie- ■■ Kleidungsstil darf bei Uni-Prüfung
mann, Vorsitzender der GEW BERLIN. renden, Lehrenden und Beschäftigten nicht bewertet werden
»Viele Kinder und Jugendliche leben in verspricht die Politik ein größtmögliches Wegen ihrer Kleidung hat eine Berliner
schwierigen häuslichen Bedingungen. Es Maß an Verlässlichkeit und Planungssi- Jura-Studentin bei der Prüfung an einer
muss bei der Rückkehr in den Schulbe- cherheit. Unter anderem soll das Semes- Hochschule in Berlin Punktabzug in der
trieb in erster Linie darum gehen, alle ter nicht auf die Fachstudienzeit ange- Kategorie »Präsentation« bekommen. Das
Kinder und Jugendlichen wieder zu errei- rechnet werden. Die GEW BERLIN drängt Verwaltungsgericht hat diese Bewertung
chen. Es ist pädagogisch nicht vertretbar, darauf, dass die sozial- und arbeitsrecht- jetzt für unzulässig erklärt. Die Frau war
dass Frau Scheeres an die Schulen die lichen Herausforderungen durch die Co- in Jeans und gepunktetem Oberteil zur
Losung ausgibt, Prüfungen hätten Vor- rona-Pandemie für die Studierenden, die Prüfung erschienen. Laut Urteilsbegrün-
rang vor Unterricht.« Erdmann stellte in Beschäftigten und alle anderen Hoch- dung vom 19. Februar habe die Hoch-
einer Erklärung am 17. April klar: »Nach schulangehörigen keine negativen Folgen schule nicht dargelegt, inwiefern die Klei-
wie vor ermöglichen die geltenden Be- haben. Alle für das Sommersemester er- dung der Studierenden unangemessen
schränkungen keine vertretbaren fairen teilten Lehraufträge an den staatlichen gewesen sei. Eine Prüfung anhand der
und gleichwertigen Prüfungen. Viele Ju- und privaten Hochschulen sollen in vol- Kleidung zu bewerten, sei zwar nicht
gendliche konnten sich nicht ausreichend ler Höhe vergütet werden, auch wenn die grundsätzlich ausgeschlossen. Dies gelte
vorbereiten. Der Gesundheitsschutz der vorgesehenen Lehrveranstaltungen nicht aber nur für Fälle, in denen die Kleidung
Schüler*innen und der Lehrkräfte kann oder nicht in dem geplanten Umfang selbst Prüfungsgegenstand sei wie etwa
darüber hinaus nicht ausreichend ge- durchgeführt werden können. Zum Forde- im Fach Modedesign.
währleistet werden. Wir halten eine Absa- rungspapier der GEW: www.gew-berlin.de/
ge der Prüfungen in Abstimmungen mit corona-hochschulen
der Kultusministerkonferenz daher weiter ■■ Probejahr an Berliner Gymnasien
für den sinnvollen Weg. Wenigstens die wird verlängert
Prüfungen zum mittleren Schulabschluss ■■ Digitalpakt: Geld darf für Lern Wegen der Schulschließungen in der Co-
sollte für die zehnten Klassen abgesagt plattformen verwendet werden rona-Pandemie wird das Probejahr an
werden.« Zudem fordert die GEW BERLIN Für die »Verbesserung der digitalen Bil- Gymnasien für Berlins Siebtklässler*in-
mehr Schulautonomie bei der Frage, wel- dungsinfrastruktur« in Deutschland ste- nen verlängert. Dies teilte Bildungssena-
che Schüler*innen zuerst wieder in die hen mit dem Digitalpakt fünf Milliarden torin Sandra Scheeres mit. Zur Begrün-
Schulen zurückkehren sollen. Euro zur Verfügung. Davon sollen jetzt dung verwies die Senatorin darauf, dass
6 KURZ & BÜNDIG bbz | MAI 2020I IÜ B R I G E N S
Fernunterricht »natürlich etwas anderes
ist als Präsenzunterricht, gerade wenn es
um eine Bildungsgangempfehlung geht«.
der Coronavirus-Pandemie in Leistungs-
beziehungen stehen.
www.gew-berlin.de/aktuelles/detailseite/
G ewöhnungsbedürftige Zeiten. Alles
ist anders, häufig komplizierter,
aber trotzdem muss es irgendwie weiter-
Die Frage, um welchen Zeitraum das Pro- neuigkeiten/einsatzgesetz-fuer-soziale- gehen. Wie sicherlich einige von euch
bejahr verlängert wird, ist indes noch dienstleister auch hat die bbz-Redaktion sich im Um-
offen. Die Bildungsverwaltung behält es gang mit Telefon- und Videokonferenzen
sich vor, die Probezeit sogar um ein gan- ausprobiert.
zes Jahr auf das Ende der achten Klasse ■■ Neue Regeln zu Referendariat
zu verschieben. Im vergangenen Jahr er-
reichte die Zahl der Schüler*innen, die
wegen ihrer Leistungen vom Gymnasium
und Prüfung
Die Senatsbildungsverwaltung hat neue
Vorgaben an die Seminarleitungen her-
E s war sicherlich weniger Austausch
möglich als sonst. Wir sind es ge-
wohnt, auch mal wild durcheinander
auf die Integrierte Sekundarschule (ISS) ausgegeben, wie das Referendariat nach zu diskutieren. Das ist bei solchen
gewechselt sind, mit acht Prozent den den Osterferien weiterlaufen könnte. Dazu Konferenzen zu anstrengend, da muss
höchsten Wert der vergangenen Jahre. In gehören auch Änderungen bei den Staats es etwas gesitteter zugehen. Aber …
absoluten Zahlen haben von 9.967 Gym- prüfungen. Zuvor hatte sich die Kultus-
nasiast*innen 793 Schüler*innen das so-
genannte Probejahr in der 7. Jahrgangs-
stufe nicht bestanden.
ministerkonferenz (KMK) auf die Anerken
nung alternativer Prüfungsformen geeinigt.
Nach dem KMK-Beschluss stehen andere
W ir haben uns ausgetauscht und
bis auf einen waren auch alle
dabei. Wir hoffen, das Ergebnis gefällt
Prüfungsformate oder Prüfungsersatzleis- euch. Passt auf euch auf!
tungen der gegenseitigen Anerkennung CMdR
■■ Finanzielle Hilfen für Freiberufler der Abschlüsse zwischen den Ländern
*innen und Honorarlehrkräfte nicht entgegen. »Darüber hinaus haben die
Die GEW hat dringenden Handlungs- und Länder die Möglichkeit, für das Er gebnis
Regelungsbedarf für Einrichtungen und der Staatsprüfung Vorleistungen aus dem
Kurse der Integration sowie der Weiterbil- Vorbereitungsdienst stärker als bisher zu
VON MITGLIEDERN FÜR MITGLIEDER
dung ebenso wie Schutzmaßnahmen für berücksichtigen«, heißt es vom Senat.
die Honorarlehrkräfte angemahnt. Die In Die Redaktion freut sich über Beiträge zu
ter
vention hatte Erfolg: Die Träger der vielfältigen Themen, von jedem
Maßnahmen erhalten jetzt Zuschüsse von ■■ Finanzierungszusage für Kita- und GEW-Mitglied. Also schreibt für die bbz!
bis zu 75 Prozent, wenn sie Arbeitskräfte, Hortträger Schickt eure Texte an bbz@gew-berlin.de
Räume und Sachmittel zur Bewältigung Die Entgeltfinanzierung der freien Kita- und bringt euch ein!
der Corona-Krise zur Verfügung stellen und Hortträger ist trotz der Corona-Pan- REDAKTIONSSCHLUSS –
sowie neue Lernformen und digitale For- demie gesichert. Darauf haben sich die IMMER MITTWOCH
mate einsetzen. Die Träger haben zudem Senatsverwaltung für Bildung, Jugend Juli/August 2020: 27. Mai
die Möglichkeit, das Krisen-Kurzarbeiter- und Familie und die Senatsverwaltung für September 2020: 29. Juli
geld zu beantragen. Soloselbstständige Finanzen Ende März verständigt. Es sollten
Lehrkräfte können bei den Landesbanken daher keine Erzieher*innen Lohneinbußen
eine Soforthilfe von bis zu 9.000 Euro be- fürchten oder gar Kurzarbeit beantragen
kommen. Mehr: www.gew-berlin.de/ müssen.
aktuelles/detailseite/neuigkeiten/ I II M P R E S S U M
finanzielle-hilfen-fuer-freiberuflerinnen
■■ Offener Brief für Lehrbeauftragte Die bbz ist die Mitgliederzeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und
Wissenschaft, Landesverband Berlin, Ahornstr. 5, 10787 Berlin und
Die Corona-Krise stellt auch die Lehren- erscheint monatlich (10 Ausgaben) als Beilage der E&W. Für Mit
■■ Neues Einsatzgesetz für soziale den an den Berliner Hochschulen vor gro- glieder ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrag enthalten. Für Nicht
mitglieder beträgt der Bezugspreis jährlich 18 Euro (inkl. Versand).
Dienstleister ße Herausforderungen. In einem offenen Redaktion: Caroline Muñoz del Rio (verantwortlich), Markus
Für die Träger der sozialen Arbeit etwa in Brief hat eine Initiative von Professor*in- Hanisch (geschäftsführend), Janina Bähre, Doreen Beer, Josef Hof
man, Manuel Honisch, Antje Jessa, Arne Schaller, Ralf Schiweck,
der ambulanten Jugendhilfe zeichnet sich nen der Hochschule für Wirtschaft und Folker Schmidt, Joshua Schultheis, Bertolt Prächt (Fotos), Doreen
mit dem Sozialdienstleister-Einsatzgesetz Recht Berlin (HWR) und GEW BERLIN sich Stabenau (Sekretariat).
Redaktionsanschrift: Ahornstraße 5, 10787 Berlin, Tel. 21 99 93-46,
(SodEG) eine Auffanglösung durch die mit den Lehrbeauftragten solidarisiert
Fax –49, E-Mail bbz@gew-berlin.de
Bundesregierung ab: Alle Träger könnten und die Hochschulen aufgerufen, den Zu- Verlag: GEWIVA GmbH, erreichbar wie Redaktion.
Zuschüsse von 75 Prozent erhalten. Im satzaufwand, der den Lehrbeauftragten Anzeigen: bleifrei Medien + Kommunikation, info@bleifrei-berlin.de,
Tel. 030/613936-30. Es gilt die Preisliste Nr. 15 vom 1.11.2018
Gegenzug sollen die sozialen Dienstleis- durch die Umstellung von Präsenz- auf Satz, Layout und Konzept: bleifrei Texte + Grafik/Judith Miller/
ter bei der Krisenbewältigung mit den Online-Lehre entsteht, angemessen zu Jürgen Brauweiler, Erkelenzdamm 9, 10999 Berlin, Tel. 61 39 36-0,
Fax -18, E-Mail info@bleifrei-berlin.de
ihnen zur Verfügung stehenden Kapazi- vergüten; die Mindestteilnehmer*innen- Druck: Bloch & Co, Grenzgrabenstr. 4, 13053 Berlin
täten unterstützen. Die gesetzliche Rege- Zahl für Lehr veranstaltungen herab zu
lung umfasst alle sozialen Dienstleister setzen; Lehrveranstaltungen, die abgesagt ISSN 0944-3207 05/2020: 31.100
und Einrichtungen, die mit den Leistungs- werden müssen, dennoch zu vergüten und Unverlangt eingesandte Besprechungsexemplare und Beiträge
trägern im Zeitraum des Inkrafttretens von perspektivisch Maßnahmen einzuleiten, werden nicht zurückgeschickt. Die Redaktion behält sich bei allen
Beiträgen Änderungen vor. Beiträge nur per E-Mail einsenden. Die
Maßnahmen nach dem Infektionsschutz- die der Prekarität des Lehrbeauftragten- in der bbz veröffentlichten Artikel sind keine verbandsoffiziellen
gesetz zur Bekämpfung der Auswirkungen Status entgegenwirken. Mitteilungen, sofern sie nicht als solche gekennzeichnet sind.
MAI 2020 | bbz KURZ & BÜNDIG 7Genderbewusste
Pädagogik
Kinder sind ständig und überall mit Geschlechterstereotypen konfrontiert.
Deshalb ist es umso wichtiger, individuelle Geschlechtsentwicklungen zu fördern
von Petra Focks
G eschlechtersymbole und Geschlechterstereotype
sind überall in gesellschaftliche Strukturen und
in Organisationen eingewoben und sie beeinflussen
reflektiert damit auseinandersetzen, reproduzieren
wir meist die vorherrschenden Geschlechterverhält-
nisse, ob wir wollen oder nicht. Dies führt jedoch
die Geschlechtsidentitätsentwicklung von Kindern häufig zu einer Einschränkung der Entfaltungsmög-
maßgeblich. Alle Menschen, die in dieser Kultur auf- lichkeiten von Kindern auf das, was jeweils als
gewachsen sind und leben, sind beeinflusst und ge- »weiblich« oder als »männlich« gilt. Außerdem füh-
prägt von den allgegenwärtigen Symbolen, Strukturen ren die herrschenden Geschlechterverhältnisse im-
und Identitätskonstruktionen von Geschlecht. Wie mer wieder zur Ausgrenzung von Kindern, die den
die Gesellschaft aufgebaut und strukturiert ist, Ver- geschlechtstypischen Vorgaben nicht entsprechen.
haltensweisen, Gefühlsäußerungen, Spielmaterial Die vorherrschende Geschlechterkonstruktion birgt
und vieles mehr ist »vergeschlechtlicht«. Wir sind außerdem soziale Ungleichheiten, wie beispielswei-
unausweichlich damit konfrontiert und zwar in allen se die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern
Lebensbereichen. Wenn wir uns nicht bewusst und und die Abwertung pädagogischer Berufe.
FOTO: ADOBE STOCK / SCOTT GRIESSEL
Eine Reihe von Definitionen wichtiger Fachbegriffe haben wir
der Seite www.genderdings.de entnommen und als Glossar
über den Themenschwerpunkt verteilt. Aus Platzgründen
konnten die Definitionen teilweise leider nur gekürzt wieder
gegeben werden, ein Nachlesen auf der Seite lohnt sich für
interessierte Leser*innen also unbedingt.
MAI 2020 | bbz QUEER DENKEN TITEL 9»Früher war mein Outing mit Ängsten verbunden.
Heute antworte ich, wenn mich Schüler*innen
fragen, ob ich einen Freund habe, ganz offen und
ehrlich, dass ich es bevorzuge, mit Frauen in einer
Partnerschaft zu leben. Ich möchte die Kinder
ermutigen, zu sich selbst zu stehen und ihnen das
Gefühl geben, dass sie richtig sind, so wie sie sind.«
Lydia Habertag, Erzieherin an der Jane-Goodall-Grundschule
vorstellungen und der alltäglichen Handlungspraxis,
der alte Geschlechterbilder innewohnen, kaum wahr.
Widerspricht zum Beispiel ein kleiner Junge den ge-
schlechtstypischen Vorstellungen in weiten Teilen,
indem er beispielsweise als ängstlich-unsicher wahr-
genommen wird, erhält das Kind besondere Auf-
merksamkeit. »Darüber hinaus ist teilweise auch
eine unterschwellige (und durchaus homophobe)
Form der Sexualisierung des Jungenverhaltens zu
konstatieren.«, so Hunger.
In zahlreichen Studien wird deutlich, dass Kinder,
die sich nicht den Geschlechterstereotypen entspre-
chend verhalten, zum Beispiel Jungen, die von ande-
ren für zu feminin und unmännlich gehalten werden
und Mädchen, die als jungenhaft gelten, häufig
schon auf dem Spielplatz Hänseleien aushalten müs-
sen. Auch Kinder aus sogenannten Regenbogenfami-
lien, also Familien in denen mindestens ein Eltern-
teil lesbisch, schwul, bisexuell oder trans* lebt, sind
trans* Kinder sind in ihren Lebenswelten von Anfang an Diskriminierungen ausgesetzt.
Trans* sind Menschen, überall mit Stereotypen konfrontiert, in der Familie,
deren Geschlechts in der Kindertagesstätte, im Kontakt mit anderen,
identität nicht dem
über Spielwaren, Kinderbücher und andere mediale Erwachsene haben Modellfunktion
Geschlecht entspricht,
Einflüsse.
das bei Geburt in ihre
Geburtsurkunde Wenngleich sich Eltern und pädagogische Fach- Neben Geschlechterstereotypen wird die Entwick-
eingetragen wurde. kräfte an Werten wie Gleichbehandlung und Indivi- lung von Kindern vor allem auch davon beeinflusst,
Das heißt beispielsweise: dualität orientieren, zeigen wissenschaftliche Studi- welche konkreten Verhaltensweisen von Erwachse-
Ein Mensch, der bei en, dass sie sich im konkreten Alltagshandeln den- nen sie beobachten. Kinder erleben, dass Frauen und
Geburt weiblich noch an traditionellen Geschlechterbildern orientie- Männer in unterschiedlichen beruflichen Bereichen
eingeordnet wurde und
ren. So zeigt eine Studie zur Körper- und Bewe- tätig sind. Sie beobachten, dass Frauen eher für den
später als Mann lebt,
gungssozialisation, dass Kinder geschlechtstypisie- Bereich der Pflege und der Erziehungsarbeit zustän-
ist ein trans* Mann.
rend ausgestattet werden. So werden beispielsweise dig sind, während Männer eher die entscheidenden
Kleidung, Spielsachen, Brotdosen, Getränkeflaschen Positionen in Politik, Kultur und Wirtschaft inneha-
oder Hausschuhe geschlechtstypisch ausgewählt. ben. Sie erleben immer auch, dass die Bereiche un-
Laut Ina Hunger realisiere sich die allgegenwärtige terschiedlich bewertet werden. Diese unterschiedli-
Symbolik »bei Jungen – neben klassischen Motiven che Bewertung erleben auch pädagogische Fachkräf-
wie Fußball, Feuerwehr – in Form von Figuren, wie te, indem sie mit hohen, immer neuen Anforderun-
Lighting MCQueen und Spider-Man sowie aus Moti- gen im Berufsalltag und zugleich mit den meist
ven von Star Wars, die jeweils Actionbereitschaft fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten, dem häufig ge-
und Stärke, Raumexploration und Wettbewerbsbe- ringen sozialen Ansehen und den niedrigen Gehäl-
reitschaft, Technik und Angriff symbolisieren. Bei tern umgehen müssen. Viele wünschen sich heute
Mädchen dominieren derzeit im späten Kindergar- die Balance zwischen Beruf und Familie, die Wirk-
tenalter abgebildete Motive, wie Prinzessin Lillifee, lichkeit sieht jedoch anders aus. So formulieren zu-
FOTO: BERTOLT PRÄCHT
Hello Kitty, Filly Minipferde, die in ihren prägenden nehmend mehr Männer in vielen Studien, dass sie
Eigenschaften jeweils Harmonie, Ästhetik und Phan- weniger Zeit für Lohnarbeit verwenden möchten und
tasie verkörpern.« Dabei nähmen die untersuchten diese Zeit stattdessen beispielsweise mit sich selbst,
Eltern den Widerspruch zwischen den von ihnen mit Freunden oder mit ihren Kindern verbringen
formulierten geschlechtsunabhängigen Erziehungs- wollen. Auch junge Frauen stehen heute enorm un-
10 TITEL QUEER DENKEN bbz | MAI 2020ter Druck, den ganzen Anforderungen zu entspre- Nachteile hatte ich aufgrund meines Geschlechts? Material
chen und sie fühlen sich bei der Vereinbarung von Zu Beginn wäre auch eine Bestandsaufnahme sinn- Die Broschüre »Murat
Beruf und Familie von Politik und Männern zu wenig voll: Was ist an Material in der Kita vorhanden? Wird spielt Prinzessin, Alex hat
zwei Mütter und Sophie
unterstützt. Kinder erleben diese Aufgabenvertei- die Vielfalt der Lebensweisen der Kinder in der Kita
heißt jetzt Ben. Sexuelle
lung auch dadurch, dass in Kitas oder dem Hort sichtbar? Werden alle Familienkulturen in der Ein-
und Geschlechtliche
kaum Männer als pädagogische Fachkräfte tätig sind. richtung einbezogen. Welche Klischees werden bei- Vielfalt als Themen früh-
Kinder müssen sich die Regeln der Geschlechterun- spielsweise von den vorhandenen Bilderbüchern kindlicher Inklusionspä-
terscheidung erst aneignen. Dies geschieht zunächst bedient? dagogik« der Bildungs
über äußere Symbolisierungen, wie etwa Spielmate- In der pädagogischen Arbeit mit Kindern ist es au- initiative QUEERFORMAT
rialien, Spielvorlieben, Kleidung, Schmuck, Frisuren ßerdem wichtig, »vergeschlechtlichte« soziale Prak- liefert viele praxisbezo-
gene Anregungen für die
und Farben. Die Differenzierung anhand von Ge- tiken zu vermeiden beziehungsweise bewusst mit
alltägliche Arbeit mit
schlechtersymbolen ist dabei typisch für die frühe diesen umzugehen. Beispielsweise sollten hand-
Kindern und auch ihren
Kindheit. Später geschieht dies zunehmend durch werkliche, technische oder sportliche Tätigkeiten Eltern.
verschiedene Verhaltensweisen, Arten der Gefühls- nicht automatisch dem Kollegen, den Vätern oder
äußerung und Körperpraxen. Vor allem im Spiel er- den Jungen in der Gruppe zugewiesen werden. Auch
proben Kinder, was es heißt »männlich« oder »weib- sollte es regelmäßig Möglichkeiten geben, dass Kin-
lich« zu sein. Kinder achten dabei sehr auf ein »ge- der mit geschlechtsun-
schlechterangemessenes Verhalten« und zeigen da- typischen Spielen und
mit auch, dass sie gelernt haben, was in unserer Verhaltensweisen ex-
Gesellschaft als weiblich beziehungsweise männlich perimentieren können. »Die herrschenden Geschlechter-
gilt. Sie imitieren Gesehenes, übertreiben und setzen Dabei geht es nicht um
vor allem auch eigene Impulse. Kinder stellen dabei einen Rollentausch,
verhältnisse führen zur
bewusst im Alltag Geschlechterverhältnisse her, sie sondern darum, viele Ausgrenzung von Kindern, die
probieren und dramatisieren und schauen, was von Bereiche auszuprobie- den geschlechtstypischen
den Vorgaben ihren eigenen Interessen entspricht ren und dann zu er-
Vorgaben nicht entsprechen.«
und wie die Umwelt reagiert, wenn sie Geschlechter- fahren, was dem jewei-
zuweisungen überschreiten. Im Alter von vier bis ligen Kind entspricht.
fünf Jahren inszenieren sie »Weiblichkeit« und Um Kinder in ihrer
»Männlichkeit« besonders rigide. So wird beispiels- Vielfalt zu fördern ist es wichtig, Verallgemeinerun-
weise der Junge, der ein Kleid anzieht und tanzt, gen, wie »die Mädchen« beziehungsweise »die Jun-
von den anderen Kindern ausgelacht oder darauf gen« oder auch »typisch weiblich« beziehungsweise
hingewiesen, dass Jungen keine Kleider anziehen. »typisch männlich«, die meist unreflektiert verwen-
det werden, zu hinterfragen. Statt zum Beispiel zu
sagen: »Ich brauche drei starke Jungen, die mir hel-
Mit einer Bestandsaufnahme beginnen fen...« ist es besser zu fragen »Wer kann mir hel-
fen?«. Formulierungen wie »für ein Mädchen spielst
Gendersensible Pädagogik hat es zum Ziel, Kinder du sehr gut Fußball« oder »die Jungen sind jetzt mal
unabhängig von Geschlechterklischees in ihren indi- ruhig« sollten vermieden werden. Besser ist es, jene
viduellen Interessen und Fähigkeiten zu fördern. Kinder direkt beim Namen zu nennen.
Ziel ist es also, sie bei der Ausgestaltung ihrer indi-
viduellen Geschlechtsidentitäten zu unterstützen, Der Artikel wurde in ähnlicher Weise bereits veröffentlicht in:
unabhängig von den jeweils herrschenden Vorstel- Petra Focks (2016): Starke Mädchen*, starke Jungen*. Gender
bewusste Pädagogik in der Kita. Hier finden sich auch weitere Hin-
lungen was ein »richtiges Mädchen« oder ein »rich-
weise zur Umsetzung einer geschlechterreflektierten Pädagogik
tiger Junge« ist. Geschlechterreflektierte Pädagogik
sowie die Quellenangaben zu den Studien und zur Literatur.
beruht auf einer Haltung, die auf der Akzeptanz ver-
schiedener Lebensweisen basiert und Chancenge-
rechtigkeit und inklusive Ansätze betont.
Um die allgegenwärtigen Geschlechterstereotype Petra Focks,
nicht ungewollt zu reproduzieren, ist es notwendig Professorin für Soziale Arbeit an
sich bewusst damit auseinanderzusetzen: Wo nehme der Katholischen Hochschule für
ich Geschlechterstereotype im Alltag wahr? Wie bin Sozialwesen Berlin
ich aufgewachsen? Welche Vor- beziehungsweise
MAI 2020 | bbz QUEER DENKEN TITEL 11Intergeschlechtlichkeit
in der Grundschule
Kinder sollten bereits früh erfahren, wie vielfältig Geschlecht ist.
Das schafft mehr gesellschaftliche Akzeptanz und
stärkt Kinder bereits in jungem Alter
von Yan Feuge
I ch habe »sowohl etwas von einem Mädchen als
auch von einem Jungen« erklärt Bella am ersten
Schultag den Mitschüler*innen. Bella, mit dem selbst
sungsgerichts das Personenstandsgesetz ändern,
denn seit dem Jahr 2019 gibt es neben »männlich«
und »weiblich« auch den Geschlechtseintrag »divers«
gewählten Pronomen »er«, ist intergeschlechtlich. ( S. 19). Der zentrale Kampf einer stetig wachsenden
Und Hauptfigur des Kinderbuches »P.S: Es gibt Lieb- Zahl von Inter*Aktivist*innen und Inter*Organisati-
lingseis«, dem im Jahr 2019 das KIMI-Siegel für Viel- onen stößt jedoch auf den Beton eines patriarchalen
falt in Kinderbüchern verliehen wurde. Bellas erste Systems. Weiterhin behandeln und operieren Ärzt
inter* Schulwochen haben Höhen und Tiefen. Sowohl von *innen als intergeschlechtlich klassifizierte Kinder
Inter* sind Menschen, der Mädchen-, als auch Jungen-Toilette verjagen ihn bereits in einem nicht einwilligungsfähigen Alter.
die mit Variationen die Mitschüler*innen. Er erfährt aber auch solidari- Ziel ist, sie der Vorstellung eines »eindeutigen ge-
der körperlichen
sche Gemeinschaft, als alle Kinder die Abschaffung schlechtlichen Körpers« anzupassen. Diese Maßnah-
Geschlechtsmerkmale
der Geschlechtertrennung im Sportunterricht er- men sind zumeist rein kosmetisch. Verunsichert
auf die Welt kommen.
Das heißt, sie ent kämpfen. Mit Unterstützung der Eltern von Bella durch Ärzt*innen und aus Angst vor Diskriminierung
sprechen nicht eindeutig begreifen alle, dass die Welt mit mehr als zwei Mög- in Kitas und Schulen willigen viele Eltern in die Be-
den medizinischen lichkeiten viel schöner ist. handlungen ein. Diese Eingriffe haben schwere kör-
Normen bezüglich Intergeschlechtliche Menschen werden mit Ge- perliche und psychische Auswirkungen und sind als
Anatomie, Hormonen schlechtsmerkmalen geboren, die sich nicht in die Verstoß gegen das Recht auf Unversehrtheit des Kör-
oder Chromosomen,
gängigen Kategorien von »männlich« und »weiblich« pers zu werten. Auch haben die traumatisierenden
die für das weibliche
einordnen lassen oder die zu beiden Kategorien ge- Operationen und nachfolgenden Behandlungen oft
und das männliche
Geschlecht festgelegt hören. Dies betrifft unter anderem Chromosomen, schlechtere Schulleistungen zur Folge. Zu den psy-
wurden. Die Eltern Genitalien oder auch die Hormone. Bei manchen chisch-emotionalen Belastungen kommen lange
entscheiden, welcher Menschen wird Intergeschlechtlichkeit bei der Ge- Fehlzeiten wegen Krankenhausaufenthalten oder
Geschlechtseintrag burt festgestellt. Bei anderen in der Jugend oder im mangelnde Erholung in den Schulferien. Schulische
vorgenommen wird. Erwachsenenalter oder nie. Den Vereinten Nationen Aufklärung über geschlechtliche Vielfalt kann dazu
zufolge sind knapp zwei Prozent aller Menschen in- beitragen, dass bald alle Kinder, wie Bella, ohne ge-
tergeschlechtlich. Das entspricht in etwa der Zahl an schlechtsnormierende Eingriffe selbstbestimmt auf-
Menschen, die Zwillinge sind. Die Vorstellung von wachsen können.
zwei Geschlechtern, zwischen denen eine klare bio- Lehrkräfte müssen davon ausgehen, dass in ihren
logische Grenze verläuft, wird durch neuere wissen- Klassen inter* Kinder anwesend sind. Auch wenn sie
schaftliche Studien widerlegt. Viele Biolog*innen meistens nicht geoutet und daher unsichtbar sind.
begreifen Geschlecht als Spektrum, in dem die zahl- Deswegen müssen proaktiv inklusive Räume ge-
reichen Formen von Intergeschlechtlichkeit ebenso schaffen werden. Hierzu fordert sogar der Rahmen-
wie Endogeschlechtlichkeit mögliche Varianten sind. lehrplan Berlin-Brandenburg auf, denn die Interes-
Übrigens: »Endogeschlechtlich sind Menschen, die sen von Jungen und Mädchen und weiteren Ge-
Material nie mit der medizinischen Norm konfrontiert wur- schlechtern sollen berücksichtigt werden. Alle Kin-
Zu dem Kinderbuch der den, dass ihr Körper nicht »männlich« oder »weib- der sollten spätestens in der Grundschule erfahren,
Autor*in Luzie Loda lich« einzuordnen sei. dass Geschlecht vielfältig ist. Dazu brauchen die
»PS: Es gibt Lieblingseis« Lehrkräfte Wissen und die Bereitschaft, sich mit den
gibt es Unterrichtsbau- eigenen Geschlechterbildern auseinanderzusetzen.
steine für die 1. und 2.
Menschenrechtswidrige medizinische Praxis Oft wollen Lehrkräfte Intergeschlechtlichkeit nur
Klasse, die kostenlos
thematisieren, wenn Kinder diese zum Thema ma-
heruntergeladen werden
können unter: Die gesellschaftliche Praxis bleibt weit hinter den chen. So wird die gesellschaftliche Tabuisierung von
www.queerformat.de/ biologischen Erkenntnissen zurück. Zwar musste die Inter* nicht durchbrochen. Inter* Kindern wird es
p-s-es-gibt-lieblingseis Bundesregierung auf Weisung des Bundesverfas- schwergemacht, über sich selbst zu sprechen. Nicht
12 TITEL QUEER DENKEN bbz | MAI 2020»Queer sein heißt Coming out. Ein Leben lang.
Queer denken heißt Fragen stellen, irritieren.
Ein Leben lang. Queer handeln heißt die Cis-
Heteronorm herausfordern und sichtbar sein.
Ein Leben lang. In der Gewerkschaft. In der
Schule. In der Senatsverwaltung.«
Conny-Hendrik Kempe-Schälicke, Referent*in für sexuelle
und geschlechtliche Vielfalt und Antidiskriminierung bei
SenBJF, Sprecher*in der AG LSBTI der GEW (Bund)
nur der Sachkundeunterricht verfestigt bisher die
Vorstellungen einer eindeutigen Aufteilung der Men-
schen in zwei Geschlechter. Dies ruft bei inter* Kin-
dern starke Gefühle von Scham und Selbstzweifel
hervor. Zuweilen wird von Pädagog*innen die Sorge
angegeben, dass Kinder mit dem Thema überfordert
seien. Dahinter verbirgt sich oft die Unsicherheit der
Erwachsenen. Kinder verstehen meist die Realität
von mehr als zwei Geschlechtern schnell. Lehrkräfte
sind hier in ihrer Vorbildfunktion gefragt, denn Stu-
dienergebnisse zeigen, dass die Akzeptanz für ge-
schlechtliche Vielfalt von Schüler*innen umso höher verzichtete ein Sportlehrer auf die Formulierung Die trans*Fahne enthält
ist, je häufiger diese im Unterricht thematisiert wird. »die Jungs gehen jetzt darüber und die Mädchen da- zwischen zwei rosa und
rüber«, sondern wird von einer Mutter so zitiert: zwei blauen Streifen,
den traditionellen Farben
»Wer jetzt in die Jungsumkleide geht, der geht bitte
für Jungs und Mädchen,
Empfehlungen für eine inter*inklusive Praxis hier lang und wer in die Mädchenumkleide geht, bit-
in der Mitte einen
te hier lang.« Hinterfragen Sie, ob die Angabe des weißen Streifen. Die
Kinderbücher wie »P.S. Es gibt Lieblingseis« können Geschlechts in Formularen notwendig ist. Wenn ja, Farbe weiß steht für alle,
dabei hilfreich sein. Die Thematisierung ist aber nur ist die Option »divers« vorhanden? Verwenden Sie die intersexuell sind,
Teil einer schulischen Praxis, die weitere Barrieren geschlechtergerechte Sprache: Genderstern* oder das Geschlecht ändern
für inter* aber auch für beispielsweise trans* ( S. 10) Gendergap _, denn sie machen Menschen sichtbar, oder sich keinem der
Geschlechter zuordnen.
und genderqueere ( S. 16) Kinder in den Blick neh- die nicht in die Schublade von »weiblich« oder
men muss. Informieren Sie sich selbst und das Kol- »männlich« passen. Arbeiten Sie im Unterricht mit
legium der Schule über Intergeschlechtlichkeit. Hilf- Materialien, in denen inter* Menschen selbstver-
reich können hier externe Expert*innen wie OII und ständlich vorkommen und über sich selbst spre-
QUEERFORMAT –
QUEERFORMAT sein. Berücksichtigen Sie unbedingt chen. Alle Aspekte des Menschseins sollten vorkom-
Fachstelle Queere
Vertraulichkeit, wenn Sie von der Intergeschlecht- men. Erfahrungen intergeschlechtlicher Menschen Bildung führt Fortbildun
lichkeit eines Kindes wissen. Überlassen Sie dem sind ebenso verschieden, wie die von endoge- gen zu sexueller und
Kind, welche Informationen es anderen über sich schlechtlichen Menschen auch. Unterschiede können geschlechtlicher Vielfalt
geben will. Verwenden Sie den Namen und Prono- individuell oder auch abhängig von anderen Un- durch. Zahlreiche Infor-
men, den die Kinder für sich selbst wählen (zum gleichheitsdimensionen wie Herkunft, Religion oder mationen, Unterrichts-
Beispiel sie, er, sie*er). Vermeiden Sie stereotype Behinderung sein. hilfen und Handrei-
chungen finden sich auf:
Rollenzuweisungen wie »Ich brauche vier starke Jun-
www.queerformat.de
gen, die mir helfen«. Widersprechen Sie, wenn Sie Ich danke Ev-Blaine Matthigack für die hilfreichen Hinweise zu
diese in der Schule mitbekommen. diesem Artikel.
Lassen Sie Kinder die Toiletten und Umkleideräume IVIM / OII Germany e.V.
Ausführliche weiterführende Informationen, Hinweise für die
nutzen, die für sie selbst stimmig sind. Stellen Sie Die Internationale Verei-
pädagogische Arbeit und den Unterricht finden Sie in dem neuen
nach Möglichkeit die Nutzung einer Einzelkabine zur nigung Intergeschlecht
Informationsportal zu Intergeschlechtlichkeit unter:
Wahl. Richten Sie zusätzlich zu Mädchen- und Jun- licher Menschen ist eine
inter-nrw.de/category/educators
Inter* Menschenrechts-
FOTO: BERTOLT PRÄCHT
gen-Toiletten Unisex-Toiletten ein, die alle Menschen
organisation und bietet
benutzen können.
Beratungen und Fort
Vermeiden Sie Einteilungen in Jungen und Mäd- Yan Feuge, Bildungsreferent*in von bildungen zum Thema
chen. Suchen Sie nach individuellen Lösungen, die QUEERFORMAT Fachstelle Queere Bildung, Intergeschlechtlichkeit:
inter* Kinder nicht in einen Zwiespalt bringen. So Lehrkraft für Biologie und Französisch www.oiigermany.org
MAI 2020 | bbz QUEER DENKEN TITEL 13D er Rahmenlehrplan für Unterricht und Erziehung
in der Berliner Schule unterstreicht schon seit
dem Jahr 2001, dass »offen homosexuell lebende
Lehrkräfte und deren Akzeptanz im Kollegium […]
zu einer schulischen Atmosphäre bei[tragen], die die
sexuelle Identitätsentwicklung von Schüler*innen
erleichtert« und betont damit deren Vorbildcharak-
ter. Dennoch gehören offen queere Pädagog*innen
fast 20 Jahre später noch immer nicht selbstver-
ständlich zum Schulalltag.
In einer Befragung der Antidiskriminierungsstelle
des Bundes aus dem Jahr 2017 gaben nur etwa elf
Prozent der befragten queeren Lehrkräfte an, dass
»mehr oder weniger alle« Schüler*innen wüssten,
dass sie queer leben. Knapp ein Viertel gab an, dass
dies zumindest ein Teil der Schüler*innen wüsste.
Die Mehrheit der befragten Lehrkräfte verheimlicht
ihre geschlechtliche Identität und/oder sexuelle Ori-
entierung vor den Schüler*innen. Als häufigste
Gründe für diese Entscheidung nannten sie unter
anderem Unsicherheit, Angst vor Stigmatisierung
und Respektverlust.
Aktuelle Zahlen zur Situation von queeren Schü-
ler*innen gibt es derzeit nicht. Die letzten Daten für
Berlin stammen aus dem Jahr 1999. Zwar hat die
Senatsbildungsverwaltung vor drei Jahren eine ent-
sprechende Befragung von Lehrkräften in Auftrag
gegeben, eine Veröffentlichung der Ergebnisse steht
»Schule soll ein geschützter Raum für aber noch aus. In einer Befragung des Deutschen
alle Schüler*innen sein und ein solcher Raum Jugendinstitutes aus dem Jahr 2015 gab fast die
Hälfte der befragten Jugendlichen an, in der Vergan-
kann nur ein queerer Raum sein! Warum?
genheit Diskriminierung aufgrund der sexuellen Ori-
Na, weil nur in einem queeren Raum nicht entierung oder geschlechtlichen Identität im Bil-
diskriminiert wird und alle Menschen so dungs- oder Arbeitskontext erlebt zu haben.
angenommen werden, wie sie sind, ohne auf Vor dem Hintergrund dieser Zahlen stellt sich die
ihre Sexualität oder geschlechtliche Identität Frage, warum sich für queere Pädagog*innen wie
auch queere Schüler*innen offenbar so wenig getan
reduziert zu werden.«
hat, in einer Zeit, in der die Ehe für gleichgeschlecht-
Martin Helbig, Lehrer an der Jane-Goodall-Grundschule, liche Paare geöffnet worden ist, in der in der Bun-
AG Schwule Lehrer desrepublik nach §175 Strafgesetzbuch verurteilte
schwule Männer rehabilitiert worden sind und in der
ein dritter Geschlechtseintrag im Personenstands-
recht eingeführt worden ist.
Eine Antwort auf diese Frage lässt sich vermutlich
am besten finden, wenn man sich die Situation an
queer
konkreten Beispielen ansieht: Als ich vor sechs Jah-
Heute bezeichnen sich viele
Menschen als queer, ren an eine Sport-Eliteschule in Köpenick versetzt
die in ihrer sexuellen Orien- werden sollte, fragte mich die Schulleiterin beim
tierung und/oder ihrer Kennenlerngespräch, ob »wir die Sache soft ange-
Geschlechtsidentität von hen« könnten. Vor allem die Fußballer brächten doch
der Norm abweichen und so viel Homophobie aus dem Stadion mit. Wenig
sich nicht in die vorgege-
FOTO: BERTOLT PRÄCHT
später kam es in einer Chemiestunde dazu, dass ge-
benen Schubladen – wie
nau diese Schüler ganz viele Fragen von sich aus
Mann oder Frau, hetero
sexuell oder homosexuell – zum Thema Homosexualität, Coming out und so
einordnen wollen oder weiter stellten, die ich ihnen beantwortete. Dem
können. Klassenlehrer berichteten sie anschließend ganz be-
14 TITEL QUEER DENKEN bbz | MAI 2020Freiwillig reicht nicht
Immer noch hängt es von einzelnen engagierten Lehrkräften und Schulleitungen ab,
ob und wie sexuelle Vielfalt unterrichtet und gelebt wird
von Alexander Lotz
geistert von dieser Unterrichtsstunde. Vor einiger Lebensweisen Teil der in der Schule gelebten und
Zeit traf ich zufällig eine Mutter eines Schülers aus positiv besetzten Vielfalt sind.
einer anderen Fußballer-Klasse, die sich bei mir da- Das Schulgesetz für das Land Berlin in §2 legt in-
für bedankte, dass ich so offen mit meinem Schwul- zwischen fest, dass alle Schüler*innen ein Recht auf
sein umgegangen sei. Als ich dann drei Jahre später diskriminierungsfreie Bildung und Erziehung unab-
an eine Gemeinschaftsschule in Kreuzberg versetzt hängig von Geschlecht, Geschlechtsidentität und
wurde, war ich wieder meines Wissens nach der ein- sexueller Orientierung haben. Auch der aktuelle Rah-
zige, offen schwul lebende Lehrer. Eine Kollegin menlehrplan regelt in Teil B hinsichtlich der über-
greifenden Themen, dass Akzeptanz von Vielfalt ein
wesentliches Bildungs- und Erziehungsziel in allen
Unterrichtsfächern darstellt. Aber in fast allen Un-
»Schüler*innen bedanken terrichtsfächern fehlt es an verbindlichen Vorgaben
sich bei mir dafür, dass ich mein zu den entsprechenden Inhalten. Der Handlungsrah-
Schwulsein nicht verstecke.« men Schulqualität berücksichtigt die Dimension se-
xuelle und geschlechtliche Vielfalt nicht obligato-
risch. In den Modulen des Vorbereitungsdienstes ist
warnte mich noch: »Oute dich nicht! Ein anderer Kol- die Behandlung nur fakultativ festgelegt, wenige
lege wurde so stark von den Schüler*innen gemobbt, Seminarleiter*innen bieten freiwillig zu belegende
dass er die Schule verlassen musste.« Ich outete Wahlbausteine dazu an. Auch für die Ausbildung in Material
mich natürlich trotzdem. Dabei machte ich überwie- den Fachseminaren gibt es so gut wie keine verbind- Die Handreichung
gend positive Erfahrungen mit den Schüler*innen, lichen Vorgaben diesbezüglich. Der Orientierungs- »Diversität im Klassen-
zimmer: Geschlechtliche
die ich selbst unterrichtete. Bis heute bedanken sich und Handlungsrahmen »Sexualerziehung/Bildung zu
und sexuelle Vielfalt in
immer wieder Schüler*innen bei mir dafür, dass ich sexueller Selbstbestimmung« als Nachfolger für den
Schule und Unterricht«
mein Schwulsein nicht verstecke. Allerdings belei- Rahmenlehrplan zur Sexualerziehung aus dem Jahr gibt einen Überblick
digte mich ein Schüler gleich zu Beginn meiner Tä- 2001 ist seit mehr als vier Jahren Bearbeitungszeit über Begriffe, Rahmen
tigkeit an der Schule so heftig, dass die Schulleitung immer noch nicht veröffentlicht. bedingungen und pä
gemeinsam mit mir Strafanzeige gestellt hat. Zudem Die Bildungsverwaltung und Bildungspolitik soll- dagogische Richtlinien
wurde er als Ordnungsmaßnahme von der Schulauf- ten das Recht auf diskriminierungsfreie Bildung und und zeigt, wie die Akzep-
tanz von geschlechtlicher
sicht an eine andere Schule versetzt. Erziehung für queere Schüler*innen, aber auch das
und sexueller Vielfalt
Meine »schwule« Lehrerbiografie zeigt relativ Recht auf einen diskriminierungsfreien Arbeitsplatz
in Schule und Unterricht
deutlich, dass Outing im schulischen Rahmen immer für queere Pädagog*innen nicht nur fordern, son- gefördert werden kann.
noch großen Mut erfordert, die überwiegende Mehr- dern müssen auch dessen Umsetzung sicherstellen.
heit der Schüler*innen aber sehr positiv und offen Dies kann nur dann funktionieren, wenn die dafür
darauf reagiert. Außerdem ist die persönlich und notwendigen Schritte nicht ausschließlich auf Frei-
öffentlich versicherte Unterstützung der Schullei- willigkeit beruhen. Eine möglichst diskriminierungs-
tung eine ganz wichtige Stütze für offen queere freie Schule darf nicht überwiegend vom Mut und
Lehrkräfte an Schulen und trägt maßgeblich zu ihrer dem Engagement einzelner Lehrkräfte und Schullei-
Akzeptanz bei. Leider hängt die Unterstützung quee- tungen abhängen, sondern ist eine Aufgabe, der sich AG Schwule Lehrer
rer Lehrkräfte durch die Schulleitung maßgeblich alle an Unterricht und Erziehung Beteiligte zu stellen Die Kollegen der AG
von deren persönlicher Haltung ab. Ähnliche haben. Schwule Lehrer in der
Schlussfolgerungen können für die Situation von GEW Berlin treffen sich
queeren Schüler*innen gezogen werden. Ob queere während der Schulzeit
Themen expliziter wie auch impliziter und damit Alexander Lotz, alle 14 Tage mit um
AG Schwule Lehrer der die 20 Kollegen. Wir
selbstverständlicher Bestandteil der Unterrichtsin-
freuen uns jederzeit
halte sind, hängt vom Engagement einzelner Lehr- GEW BERLIN über weitere Kollegen,
kräfte ab. Von ihnen, aber auch von den Schulleitun- die mitmachen wollen.
gen hängt es auch ab, ob queere Identitäten und www.schwulelehrer.de
MAI 2020 | bbz QUEER DENKEN TITEL 15Hilfe, wir haben queere
Menschen unter uns Schulhöfen. Dieser Um-
stand fördert nicht gerade
ein Miteinander. Denn die
hinter diesen Begriffen
Schulsozialarbeit kommt eine wichtige Rolle für die Erarbeitung liegenden Beleidigungen
einer gemeinsamen schulischen Praxis geschlechtlicher Vielfalt zu wiegen schwer, da sich
Kinder und Jugendliche in
schulischen Kontexten zu-
meist in der Pubertät und
von Stefan Hierholzer damit in der Selbstfin-
dung befinden. Jene, die
sich nicht den so mit
I n der Schule kommen Menschen aus verschiede- geprägten Normen unterwerfen, können verunsichert
nen Ethnien, Milieus, Schichten und kulturellen werden oder sich nicht zugehörig fühlen. Wie weit
Hintergründen zusammen. Kurz gesagt: Schule ist diese Verunsicherung geht, zeigen Studien, die auf
ein pluraler Ort. Die aktive Teilhabe am gesellschaft- eine bis zu achtfach erhöhte Selbstmordrate bei
lichen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen queeren Jugendlichen verweisen.
Leben ist durch die Schule zu fördern. Diese, vom Queere Lebensweisen sind im schulischen Kontext
Gesetzgeber geforderte Teilhabe ist aber nicht häufig direkten Anfeindungen ausgesetzt oder sie
durchgängig für alle am Schulleben Beteiligten glei- sind unsichtbar und damit tendenziell von kulturel-
chermaßen möglich. Für queere ( S. 14) Personen ler Teilhabe ausgeschlossen. Gerade der Umstand
liegt das unter anderem an den heteronormativen nicht vorzukommen und damit unsichtbar zu sein,
Lebensgewohnheiten der Allgemeinbevölkerung. Das stellt sich als äußerst prekär für die betroffenen Kin-
meint, dass Heterosexualität die Norm darstellt und der und Jugendlichen dar. Auch im unterrichtlichen
als Lebensstandard verstanden wird. Kontext findet ihre Art zu leben und zu lieben kaum
An einem Beispiel wird die Wirkungsmacht von Anklang. So zeigt eine Untersuchung der GEW, dass
genderqueer/ heteronormativen Standards deutlich. Paul, 16 Jahre, queere Lebensweisen in Schulbüchern höchst mar-
nicht-binär wird von seinem Onkel gefragt, ob er schon eine ginal vorkommen. Unsichtbar machen ist ebenfalls
Genderqueer ist eine Freundin hat. Der Onkel geht automatisch davon eine Form heteronormativer Machtrepräsentation. In
Geschlechtsidentität. aus, dass Paul heterosexuell sein muss. Paul, der Studien wird deutlich, dass sich queere Jugendliche
Genderqueere Menschen
vielleicht gar nicht heterosexuell orientiert ist, kann oft einsam und alleine fühlen, da in ihrer näheren
identifizieren sich weder
durch diese Frage in eine unangenehme Situation Umgebung scheinbar keine gleichgesinnten Perso-
als männlich, noch als
weiblich, sondern geraten und sich zum Outen gezwungen fühlen. Pauls nen anzutreffen sind.
dazwischen oder ganz Patenonkel hätte schlicht eine Brücke bauen können,
anders. indem er gefragt hätte: »Na Paul, wie sieht's aus, bist
du schon vergeben?« Queere Menschen sichtbar machen
Das eigentliche Problem besteht nicht in der Exis-
tenz von Heteronormativität, sondern im Konglome- Entscheidend ist, dass sowohl Lehrende als auch
rat von heteronormativer Annahme und Abwer- Schulleitungen nicht wegsehen, wenn die Würde des
tungsmechanismen des »Andersseins«. Knapp ein Einzelnen herabgewürdigt oder ganze Personengrup-
Drittel der Bundesbürger*innen stimmen der Aussa- pen unsichtbar gemacht werden. Ein Klima des Res-
ge zu, dass sie gleichgeschlechtlich liebende Men- pektes und der Anerkennung von Diversität muss
schen nicht beim Küssen sehen wollen. Zeitgleich ist gelernt werden. Zu begreifen, dass Vielfalt keine
»schwul« beziehungsweise »Schwuchtel« immer noch Bedrohung, sondern Bereicherung ist, muss trainiert
eines der häufigsten Schimpfwörter auf deutschen und letztlich durch die Akteur*innen der Schule ver-
innerlicht werden.
Laut Schulgesetz liegt die Verantwortlichkeit für
alle schulischen Belange bei den Schulleitenden. Sie
müssen dafür Sorge tragen, dass alle am Schulleben
beteiligten Personen gleichwertige Chancen zur Teil-
habe und Sichtbarkeit im schulischen Kontext ha-
ben. Die Schulleitungen sind selbstverständlich
FOTO: BERTOLT PRÄCHT
nicht alleine bei der Bewältigung des Schulalltages.
Im Gegensatz zu den Lehrenden hat Schulsozial-
arbeit die Möglichkeit, Lernende ohne Leistungsbe-
urteilung kennenzulernen. Die stärkere Gleichwertig-
keit der Akteur*innen nimmt erste Berührungsängste.
16 TITEL QUEER DENKEN bbz | MAI 2020Sie können auch lesen