Werde ich Deinen Job wegnehmen oder werden wir zusammenarbeiten?

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Werde ich Deinen Job wegnehmen oder werden wir zusammenarbeiten?
Automatisierung – kein Jobkiller

                                   Werde ich Deinen Job
                                   wegnehmen …

                                                          … oder werden wir
                                                          zusammenarbeiten?
Juli 2018
Werde ich Deinen Job wegnehmen oder werden wir zusammenarbeiten?
Cover story
Automatisierung – kein Jobkiller

                Rund 250 Jahre nach der ersten
                industriellen Revolution stehen wir
                offenbar an der Schwelle eines neuen
                Zeitalters der Automatisierung, das
                sich durch komplexe Roboter und
                künstliche Intelligenz auszeichnet.
                In dieser Ausgabe untersuchen wir
                die Auswirkungen der kommenden
                Automatisierungswelle für Arbeit-
                nehmer, Industrie und die Gesellschaft.
                Unsere Branchenanalysten sind der
                Ansicht, dass Roboter menschliche
                Arbeitskräfte voraussichtlich eher
                unterstützen werden, als diese zu
                verdrängen, und auch die historische
                und ökonomische Betrachtungsweise
                lässt diesen Schluss zu.
Werde ich Deinen Job wegnehmen oder werden wir zusammenarbeiten?
Werde ich Deinen Job wegnehmen oder werden wir zusammenarbeiten?
Konzept

Editorial          In den letzten Jahren habe ich          auf das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit,
                   nie einen Hehl daraus gemacht,          das sich mit dem Ende der 1980er Jahre etabliert
                   dass meiner Meinung nach der            hat, zurückblicken werden. Endlich gewinnen die
                   Anstieg der globalen Erwerbs-           Arbeitnehmer einen Teil der Lohnsetzungsmacht
                   bevölkerung zwischen 1980               zurück.
                   und 2015 die Hauptursache für                 Trotz dieser optimistischen Einschätzung bin
niedrige Reallöhne, das niedrige Inflationsniveau,         ich in fast jedem Kundengespräch, in dem ich die-
hohe Unternehmensgewinne und sogar für die                 se Ansicht vertreten habe, auf eine entschiedene
Zunahme des Populismus war. Verstärkt wurde                Gegenmeinung gestoßen. Automatisierung und
diese Entwicklung dadurch, dass sich China zum             Robotik, so heißt es dann, würden die Situation
ersten Mal seit Jahrhunderten für die Weltwirt-            der Arbeitnehmer bald weiter verschlimmern. Die
schaft geöffnet hat, womit eine riesige Welle bil-         Menschen haben Angst davor, dass Löhne und
liger Arbeitskräfte in den globalen Arbeitsmarkt           Inflation strukturell niedrig bleiben. Diese Argu-
gespült wurde. Dies hat den Abwärtsdruck auf               mentation ist zwar nachvollziehbar, die Erfahrun-
Löhne und Gehälter einer zunehmend globalisier-            gen aus der Vergangenheit sprechen aber eher
ten Arbeitnehmerschaft verstärkt. Das Wachs-               dagegen. Die erste industrielle Revolution liegt
tum der Erwerbsbevölkerung in den wirtschaft-              250 Jahre zurück, mit Beginn etwa 1765. In der
lich bedeutendsten Regionen der Welt, auch                 Wirtschaftsliteratur ist zudem von einer zweiten
in China, flacht jedoch ab, in den kommenden               und dritten Revolution ab 1870 bzw. ab etwa 1969
Jahren und Jahrzehnten dürfte die Erwerbsbe-               zu lesen. Derzeit stellt sich die Frage: Stehen wir
völkerung voraussichtlich schrumpfen. Daher bin            an der Schwelle einer vierten industriellen Revo-
ich der Ansicht, dass wir eines Tages auf die Mit-         lution, die durch Roboter und Automation geprägt
te dieses Jahrzehnts als Wendepunkt in Bezug               ist? Falls dies der Fall ist, wird diese Revolution

Konjunkturzyklen wirken sich auf die langfristige Arbeitslosigkeit in
den USA    und Großbritannien
       Long-term                       aus
                 unemployment is impacted    – nicht
                                          by cycles      „arbeitsplatzgefährdende“
                                                    not ‘labour-destroying’ industrial revolutions
industrielle Revolutionen

        Beginn der 1. industriellen
               Revolution                      2.                                   3.             4.

30

25

20

15

10

  5

  0
  1755       1775       1795   1815   1835   1855   1875    1895   1915     1935   1955   1975   1995   2015

                                               Großbritannien         USA
Quellen: Deutsche Bank, GFD
Werde ich Deinen Job wegnehmen oder werden wir zusammenarbeiten?
Konzept

andere Auswirkungen für die Arbeitnehmer              Unser Leitartikel befasst sich mit der makroöko-
zeitigen als die vorherigen drei? Ein Blick auf die   nomischen Sichtweise. Als roter Faden zieht sich
Arbeitslosenzahlen großer Volkswirtschaften           durch diese Ausgabe der Argumentationsstrang,
für dieses Vierteljahrtausend legt nahe, dass die     dass Roboter und Automatisierung menschliche
endlosen (teils verblüffenden) Maßnahmen zur          Arbeitskraft ergänzen und so die Welt verändern
Einsparung menschlicher Arbeit keinen langfris-       können. Sie werden das Gefüge der Arbeitswelt
tigen strukturellen Einfluss auf die Arbeitslosen-    nicht zerstören. Betrachten wir einmal fol­gende
quote gehabt haben. Die Art der Tätigkeit mag         Zahlen: 1907 gab es auf britischen Straßen
sich verändern, was für die Betroffenen ver-          40.000 Autos. 1939 waren es bereits 2.000.000.
ständlicherweise eine Belastung darstellt, doch       Bis heute hat sich diese Zahl noch einmal ver-
die Automatisierung dürfte neue Arbeitsfelder         zehnfacht. Werden Roboter im 21. Jahrhundert
schaffen und der wirtschaftliche Fortschritt der      eine ähnliche Entwicklung durchlaufen wie das
letzten 250 Jahre wird wohl anhalten. Wenn die        Auto damals?
Prognose zutrifft, dass weniger Arbeitnehmer               Zur Einstimmung sind alle Artikel auf den
Teil dieses Fortschritts sein werden, dürfte dies     ersten Seiten kurz zusammengefasst. Wir wün-
zu einem strukturellen Anstieg der Reallöhne          schen Ihnen viel Freude bei der Lektüre dieser
führen.                                               Ausgabe. Im Herbst sind wir mit der nächsten
      Bei der kommenden Automatisierungs-             Ausgabe wieder für Sie da – vorausgesetzt, wir
Revolu­tion bestehen einige Unterschiede. Die         wurden bis dahin nicht von Robotern ersetzt.
heutigen Roboter dienen eher der Automatisie-
rung kognitiver Aufgaben als physischer Tätigkei-          Jim Reid
ten, wie in der Vergangenheit. Doch angesichts
der zahlreichen historischen Belege, die für die
Automatisierung sprechen, dürfte die Beweislast,
dass es diesmal anders kommen könnte, eher bei
den Skeptikern bezüglich der Wohlfahrtseffekte
der Automatisierung liegen als bei denen, die die
Automatisierung als einen Weg zur Verbesserung
des Lebensstandards begrüßen.
      Daher fordern wir Sie auf, Ihren Kollegen
Roboter, wenn schon nicht zu lieben, doch zu-
mindest wertzuschätzen. In dieser Ausgabe von
Konzept betrachten wir die Zukunft der Auto-
matisierung aus verschiedenen Blickwinkeln.

                                                              Wenn Sie Feedback geben oder mit den
                                                              Verfassern in Kontakt treten möchten, wenden
                                                              Sie sich bitte zunächst an Ihren Kundenberater
                                                              der Deutschen Bank oder schreiben Sie an
                                                              luke.templeman@db.com.
Werde ich Deinen Job wegnehmen oder werden wir zusammenarbeiten?
Konzept

    Inhalt
06  In Kürze
10	Die Roboter von morgen aus wirtschaftshistorischer
    Perspektive – Automatisierung ist kein Jobkiller
18  Industrie 4.0 – Chance oder Bedrohung
22	Automatisierung in China –
    Der Überalterung ein Schnippchen schlagen
28	Machine Vision –
    3D-Kameras haben schon die nächste Anwendung im Fokus
34	Automatisierung im Bergbau –
    Gerade erst in der Warmlaufphase
38  Klimawandel – Vollautomatisch in eine saubere Zukunft
42  Standorterhalt oder Abwanderung in Niedriglohnländer?
46  Robotersteuer und das Sozialsystem – Unterwegs nach Utopia
52  Wie passen Populismus und Automatisierung zusammen?
58	Freizeitproduktivität –
    Neue Bewertungskonzepte für den Tech-Boom
64	Von Robotern und Cobots –
    Wie Roboter Einzug in Schwellenländer halten
70  Japan – Vorreiter für komplexe Robotertechnologien
6   Konzept

In Kürze

              Konzept 13
Konzept 13 In Kürze                 7

       ie Roboter von morgen aus wirtschafts­
      D                                              dürfte die Nachfrage nach Automatisierungstech-
      historischer Perspektive – Automatisierung     nologien in absehbarer Zukunft steigen lassen.
      ist kein Jobkiller                             Man beachte, dass in China je 10.000 mensch-
      Jim Reid, Luke Templeman, Sahil Mahtani        lichen Arbeitern nur 68 Roboter im Einsatz sind.
      In den letzten Jahren hat sich die Angst       Selbst wenn China 30 bis 40 Prozent der welt-
breitgemacht, dass Automatisierung Arbeits­          weiten Produktion im Robotiksektor übernimmt,
plätze vernichtet und die Einkommen sinken lässt.    würde es zehn Jahre dauern, bis das Land eine
Für diese Bedenken gibt es, historisch betrachtet,   Roboterdichte von 200 erreicht, und selbst damit
jedoch kaum Belege. Durch Automatisierung            würde China weiterhin weit hinter Japan und
werden sowohl Arbeitsplätze vernichtet als auch      Südkorea mit einer Dichte von 300 bzw. 600
geschaffen. Menschen haben sich seit jeher an        zurückbleiben.
Produktivitätssteigerungen angepasst und Wege
gefunden, die maschinelle Arbeit zu ergänzen,               achine Vision – 3D-Kameras haben schon
                                                           M
was zu einer Verbesserung des Lebens geführt               die nächste Anwendung im Fokus
hat. Es mag wohl stimmen, dass die Automatisie-            Karen Lau
rung zu einer Erosion der Mitte führt, sowohl im           Wenn Roboter komplexere Aufgaben über­
Hinblick auf Arbeitsplätze als auch in Bezug auf     nehmen sollen, benötigen sie auch ein High-Tech-
Löhne und Gehälter, und gewiss ist das allge­        Augenpaar. Es handelt sich dabei um Kameras,
meine Gehaltswachstum nicht so stark, wie viele      die eine dreidimensionale Bilderfassung ermög-
es sich wünschen. Doch der sinkende Anteil           lichen und so das maschinelle Sehen auf ein ganz
der Arbeitseinkommen am Volkseinkommen ist           neues Niveau heben. Mit dem rund Zeh­nfachen
eher auf den Aufstieg Chinas, die zunehmende         des Preises einer Kamera für zwei­dimensionale
Konsolidierung der Märkte und teure Immobilien       Bilder ist diese Technologie nicht ganz billig. In
zurückzuführen als auf die Automatisierung.          Kombination mit Deep Learning-Technologien
                                                     ermöglicht sie jedoch den Robotern, Aufgaben zu
      Industrie 4.0 – Chance oder Bedrohung          übernehmen, bei denen Objekte keine standar-
      Felicitas von Bismarck                         disierte Form haben. Gesichtserkennung ist ein
      Anleger schwärmen häufig von den Effi­         wichtiger Anwendungsbereich, das Aussortieren
zienzsteigerungen, die die Autobranche über          defekter Produkte ein weiterer. Diese Technologie
die letzten Jahrzehnte durch Automatisierung         kommt insbe­­sondere in der Landwirtschaft zum
erfahren hat. Man darf hier allerdings nicht dem     Einsatz, wo es stark abweichende Erzeugnisse zu
Irrtum erliegen, dass sich diese Erfolgsgeschich-    identifizieren gilt.
te so einfach eins zu eins auf andere Branchen
über­tragen lässt. Betrachten wir zum Beispiel die         Automatisierung im Bergbau –
Lagertechnik in der Logistik. Der E-Commerce-              Gerade erst in der Warmlaufphase
Boom hat die Nachfrage nach durchdachten                   Matthew Greene
und effizienten Logistiklösungen enorm steigen              Der traditionelle Bergbau mit der Spitz­­
lassen. Der eigentliche Automatisierungsgrad in      hacke weicht zunehmend dem wie ein Videospiel
den meisten Lagerhäusern ist jedoch noch über-       anmutenden automatisierten Bergbau, bei dem
raschend gering – es ist häufig einfach zu teuer     fahrerlose Lastwagen und automatisierte Geräte
oder strukturell nicht zu rechtfertigen, die be-     von Technikern in klimatisierten Büros in weit
stehende Infrastruktur durch modernste Robotik       entfernten Städten ferngesteuert werden. Diese
zu aktualisieren. Die Maschinenbauer werden          Entwicklung steckt jedoch noch in den Kinder-
verstärkt auf mehr sensorengestützte Dienste wie     schuhen und es werden vermutlich noch Jahre
z.B. die eigentliche Datenanalyse setzen müssen,     vergehen, ehe sie Normalität wird. Die Vorlaufkos-
um mehr ihrer Kunden zu überzeugen.                  ten sind hoch und der Automatisierungsprozess
                                                     sorgt im laufenden Bergbaubetrieb für Störungen
       utomatisierung in China – Der Über­
      A                                              und Rentabilitätseinbußen. Paradoxerweise könnte
      alterung ein Schnippchen schlagen              ein Einbruch der Rohstoffpreise oder eine starke
      Zhiwei Zhang und Yi Xiong                      Konjunkturabkühlung in China die Entwicklung hin
      Die chinesische Erwerbsbevölkerung             zum automatisierten Bergbau beschleunigen.
schrumpft und die Lohnkosten steigen weiter.
Das Land setzt daher verstärkt auf Automatisie-
rung und Robotik, um seine Position im industri­
ellen Wettbewerb zu sichern. Das Land hat noch
einen weiten Weg vor sich und der Rückstand
gegenüber den weiter entwickelten Ländern
8                 Konzept

     Klimawandel –                                           ie passen Populismus und Automatisie-
                                                             W
      Vollautomatisch in eine saubere Zukunft                rung zusammen?
      Caroline Cook und Tim Rokossa                          John Tierney
      Automatisierung bildet den Kern der Ent-               In den letzten Jahren sind in einigen Ländern
wicklung weg von fossilen Brennstoffen. Und            populistische Regierungen an die Macht gekom-
dies nicht nur durch die Unterstützung der Tech­       men. Obwohl sich diese Regierungen vorgeblich
nologie, sondern auch als Katalysator dafür, dass      für verdrängte Arbeitnehmer einsetzen, steht
die neuen technischen Möglichkeiten auch ge-           Populismus nicht zwangsläufig in Widerspruch zu
nutzt werden und wachsende Verbreitung finden.         Automatisierung. So haben sich viele Populisten
Zum einen kann durch automatisierte Sensoren,          sogar auf die Fahnen geschrieben, der breiten
die mit dem Internet der Dinge verbunden sind,         Masse Zugang zu den Vorteilen der Industrialisie-
die absolute Nachfrage nach Energie reduziert          rung und Automatisierung zu verschaffen. Sollte
werden. Zudem könnte durch die Technologie die         das Problem der Jobverluste jedoch zunehmen,
Nutzung autonomer Elektrofahrzeuge zunehmen,           muss unbedingt die Produktivität steigen, damit
da ein Auto im Durchschnitt nur etwa fünf Pro-         ausreichend Steuereinnahmen und finanzieller
zent der Zeit überhaupt genutzt wird. Um dies zu       Spielraum vorhanden sind, um die freigesetzten
fördern und den Menschen den Verzicht auf ein          Arbeitskräfte zu unterstützen. Die neue Auto-
eigenes Auto zu erlauben, muss es eine Plattform       matisierungswelle könnte dazu beitragen, das
geben, über die Fahrzeuge zu verschiedenen             Produktivitätswachstum zu steigern, das seit
Zwecken angefordert werden können.                     mehreren Jahrzenten hinter den historischen
                                                       Werten zurückbleibt.
       tandorterhalt oder Abwanderung in
      S
      Niedriglohnländer?                                      reizeitproduktivität – Neue Bewertungs­
                                                             F
      John Chou                                              konzepte für den Tech-Boom
      Angesichts der steigenden Lohnkosten in                Dominic Konstam
vielen Schwellenländern sehen sich die weltweit              Das Bruttoinlandsprodukt mag die gängige
größten Bekleidungsunternehmen gezwungen,              Kennzahl für das wirtschaftliche Wohlergehen
ihre Produktion zunehmend in Billiglohnländer          sein. Ein breiter ausgelegter Indikator ist jedoch
zu verlagern. Auch über die Aussichten auf ein         die ökonomische Wohlfahrt, bzw. die Summe aus
Reshoring, also die Rückverlagerung von Pro-           BIP und Konsumentenrente – der Differenz zwi-
duktionsstätten, wird häufig gesprochen, da die        schen dem Preis, den ein Verbraucher tatsächlich
jüngsten Entwicklungen in der Automatisierung          für ein Gut bezahlt, und dem Preis, den er dafür zu
den Bedarf an Arbeitskräften in der Produktion         zahlen bereit wäre. Automatisierung und verstärk-
sinken lassen. Dass Unternehmen in großem              ter Technologieeinsatz haben Unternehmen in die
Umfang von ihren bestehenden Standorten ab-            Lage versetzt, Profile ihrer Kunden zu erstellen
wandern, ist jedoch unwahrscheinlich.                  und so ihre Zahlungsbereitschaft zu bestimmen.
                                                       Auf diese Weise können sie die Konsumenten-
      obotersteuer und das Sozialsystem –
     R                                                 rente als Unternehmensgewinne abschöpfen. An-
     Unterwegs nach Utopia			                          gesichts derartiger Bedenken verliert man jedoch
     Sebastian Becker                                  nur allzu leicht die Tatsache aus dem Blick, dass
     Wie schon bei früheren Automatisierungs-          Automatisierung und technologischer Fortschritt
wellen hinterfragt die Gesellschaft derzeit zurecht,   voraussichtlich zu einer erheblichen Steigerung
ob der im Zuge der Automatisierung entstehende         des allgemeinen Wohlstands und einer deutlichen
Wohlstand auch tatsächlich der gesamten Gesell-        Verbesserung der Freizeitqualität führen werden.
schaft zugutekommt oder nur einigen wenigen.           In dem Maße, in dem es nicht zu einer Abschöp-
Für den letzteren Fall haben Unternehmenslenker,       fung der Konsumentenrente kommt, kann dieses
Ökonomen und Politiker bereits die verschiedens-       Konzept unter anderem Vorzeichen neu gedacht
ten Konzepte, die für eine gleichmäßigere Ein-         werden. Hierfür verwenden wir den Begriff
kommensverteilung sorgen könnten, in den Raum          „Freizeitproduktivität“.
geworfen. Eine Robotersteuer könnte die Auto-
matisierung bremsen, während durch ein bedin-
gungsloses Grundeinkommen sichergestellt wer-
den könnte, dass verdrängte Arbeitnehmer nicht
in Armut enden. Beide Konzepte haben jedoch
auch gravierende Nachteile, die sich negativ auf
die Produktivitätsentwicklung auswirken und den
Fachkräftemangel weiter verschärfen könnten.
Konzept 13 In Kürze   9

       on Robotern und Cobots – Wie Roboter
      V
      Einzug in Schwellenländer halten
      Michael Spencer
      Viele Menschen denken bei dem Wort Robo-
ter an riesige Industriemaschinen in Werkshallen.
„Cobots“ sind eine neue Generation von Robo-
tern, die entwickelt wurden, um in der unmittel-
baren Nähe von und gemeinsam mit Menschen
zu arbeiten. Die asiatischen Länder und insbe-
sondere China nehmen hinsichtlich Cobots eine
Vorreiterrolle ein und die frappierenden Parallelen
zur Entwicklung des Smartphones lassen darauf
schließen, dass kostengünstige Cobots zu einem
Technologiesprung in den Schwellenländern füh-
ren könnten, der möglicherweise die Produktivität
und das Produktionswachstum ankurbeln wird.
      Die Verbreitung der Robotik stellt also ent-
gegen der weitläufigen Meinung keine Bedro-
hung für die Schwellenländer dar, sondern viel-
mehr eine Chance für die künftige Entwicklung.

      Japan –
       Vorreiter für komplexe Robotertechnologien
       Takeshi Kitaura
      Japan hat sich am rasch wachsenden Markt
für Industrieroboter, für den in den kommenden
Jahren ein jährliches Wachstum von 16 Pro-
zent prognostiziert wird, an die Spitze gesetzt.
Dennoch ist Japan das einzige Land, in dem die
als Zahl der Roboter im Verhältnis zur Zahl der
Arbeitskräfte gemessene Roboterdichte seit der
Finanzkrise rückläufig ist. Paradoxerweise ist der
Grund für diese Entwicklung, dass Japan weitaus
produktivere Roboter entwickelt hat. In China
steigt mit der Umsetzung der „Made in China
2025“-Strategie der Bedarf an Robotern noch
weiter und Japan steht als wichtiger Exporteur
entsprechender Technologien bereits in den
Startlöchern.
10                        Konzept

Die Roboter von morgen
aus wirtschaftshistorischer
Perspektive – Automatisierung
ist kein Jobkiller
                                                            Die Angst vor Robotern, die Arbeitsplätze
                                                       vernichten, hat eine lange Geschichte. Bereits
                                                       1589 verweigerte Königin Elisabeth I. einem Er-
                                                       finder ein Patent auf eine mechanische Strick-
                                                       maschine, da sie befürchtete, die Strickerinnen
                                                       würden durch die Maschine arbeitslos werden.
                                                       Rund 400 Jahre später ist die Angst der Königin
                                                       immer noch gegenwärtig. Kein Tag vergeht ohne
                                                       Presseartikel über die Zukunft der Arbeit, die
                                                       wachsende Verbreitung prekärer Lebensverhält-
                                                       nisse und stagnierende Löhne. Kern der Befürch-
                                                       tungen ist, dass wir an der Schwelle zu einer
                                                       neuen Ära stehen, in der Roboter nicht nur die
                                                       physische Arbeitskraft des Menschen ersetzen

Anteil der US-Arbeitnehmer, die mangels Perspektive nicht aktiv einen
Arbeitsplatz suchen
              Anteil der US-Arbeitnehmer, die mangels Perspektive nicht aktiv einen Arbeitsplatz suchen

0,6%

0,5%

0,4%

0,3%

0,2%

0,1%

0,0%
   1994                           1999       2004                2009                 2014

Quellen: Haver Analytics, Deutsche Bank

Jim Reid, Luke Templeman, Sahil Mahtani
Die Roboter von morgen aus wirtschaftshistorischer Perspektive                    11

wie im 19. und 20. Jahrhundert, sondern auch            25-Jahres-Durchschnitts. Dies deutet darauf hin,
kognitive Fähigkeiten entwickeln, sodass immer          dass die Erwerbsbevölkerung sich bislang nicht
weniger Aufgaben für den Menschen bleiben.              von der Automatisierung entmutigen lässt.
      Diese weit verbreitete Meinung steht in star-           Doch gibt es auch Gründe für eine Automa-
kem Kontrast zu der von Historikern und Ökono-          tisierungsphobie, die einer realistischen Betrach-
men vertretenen Ansicht. Auch wenn sich diese           tung standhalten? Auch wenn die Zeit grund-
beiden Gruppen sonst eher uneins sind, herrscht         sätzlich für sie arbeitet, ist es doch verständlich,
in dieser Frage Einigkeit. Die einhellige Meinung       dass Arbeitnehmer Angst davor haben, dass ihre
lautet: Statt Arbeitsplätze zu vernichten, schafft      Arbeitsplätze wegrationalisiert werden oder sie
Automatisierung bessere Jobs, statt Löhne und           in neuen Arbeitsverhältnissen schlechter bezahlt
Gehälter zu drücken, sorgt Automatisierung für          werden. Begründen ließen sich diese Ängste mit
Lohnzuwächse. Da Automatisierung also viel bes-         Daten, die zeigen, dass die Reallöhne seit Jahren
ser ist als ihr Ruf, sollte man sie nicht verteufeln.   stagnieren. Auch angesichts der vielen Be­richte
      Unserer Ansicht nach ist diese Argumenta-         über neue Entwicklungen in den Bereichen
tion durchaus überzeugend, da im Zuge der Auto-         Robotik und künstliche Intelligenz in den Medien
matisierung Arbeitsplätze entstehen, die die von        scheinen diese Ängste durchaus eine gewisse
Robotern übernommenen Tätigkeiten ergänzen.             Berechtigung zu haben. Und schließlich gibt es
Anders ausgedrückt: Mit jeder Maschine, die             auch volkswirtschaftliche Studien, die zu dem
erfunden wird, wird der Mensch leistungsfähiger.        Ergebnis kommen, dass zwischen einem Drittel
Ein Finanzanalyst beispielsweise kann mit Micro-        und der Hälfte aller Arbeitsplätze in naher Zukunft
soft Excel oder Python ganz anders arbeiten.            automatisiert werden könnten.
      Zumindest sollte klar sein, dass einige der             In der Auseinandersetzung mit der Behaup­
schlimmsten Befürchtungen beim Thema Auto-              tung, die Hälfte aller Arbeitsplätze könnte durch
matisierung jeder Grundlage entbehren. In vielen        Automatisierung, Roboter und künstliche Intelli-
westlichen Ländern ist die Arbeitslosigkeit trotz       genz vernichtet werden, sollte man zunächst die
zunehmender Automatisierung und Technologi-             Annahmen prüfen, die diesen erschreckenden
sierung auf den niedrigsten Stand seit mehreren         Zahlen zugrunde liegen. In einer OECD-Studie
Jahrzehnten gesunken.                                   wurde kürzlich argumentiert, dass die meisten
      Würden Roboter tatsächlich zu einer end-          durch Automatisierung gefährdeten Arbeitsplätze
gültigen Vernichtung von Arbeitsplätzen führen,         mit zentralen Anforderungen noch immer weit
wäre die Arbeitslosigkeit deutlich höher. Immer-        außerhalb der Möglichkeiten einer Automatisie-
hin gibt es das Phänomen „Automatisierung“ in           rung liegen. In komplexen sozialen Beziehungen
der einen oder anderen Form bereits seit min-           zu stehen, kreativ zu sein oder in einem unstruk-
destens hundert Jahren. Beschäftigungsquoten,           turierten Arbeitsumfeld zu arbeiten, wird weiter-
die einen breiteren Blick auf Arbeitslosigkeit          hin nur Menschen möglich sein. Die OECD-Studie
ermöglichen als herkömmliche Maße, sind in den          basiert auf aktuellen Daten, bei denen die Unter-
OECD-Ländern seit der Finanzkrise rückläufig,           schiede zwischen Arbeitnehmern mit derselben
jedoch nicht niedriger als zu Beginn der 1990er         Jobbezeichnung berücksichtigt wurden, was die
Jahre (in einigen Ländern sind sie sogar gestie-        Ergebnisse glaubhaft macht. Unter Berücksichti-
gen; die britische Beschäftigungsquote hat den          gung dieses Aspekts werden in den kommenden
höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen           Jahren aller Voraussicht nach nur neun Prozent
1971 erreicht).                                         der Arbeitsplätze in den OECD-Ländern durch
      In den USA liegt die natürliche Arbeitslosen-     Automatisierung verloren gehen. Automatisierte
quote im Bereich ihres Allzeittiefs. Die Erwerbs-       Abläufe werden also die menschliche Arbeitskraft
beteiligung ist in den letzten zwanzig Jahren zwar      eher ergänzen als ersetzen und Arbeitnehmer
von 67 auf 63 Prozent gesunken, der Anteil der          produktiver machen.
Menschen, die mangels Perspektive nicht aktiv                 Exemplarisch wird dies an einer Entwick-
einen Arbeitsplatz suchen, liegt bei der Bevölke-       lung in Großbritannien deutlich: Dort hat sich der
rung über 16 Jahren jedoch nur bei 0,18 Prozent.        Anteil der Buchhalter an der Erwerbsbevölkerung
Diese Quote ist seit der Finanzkrise kontinuier-        laut Schätzungen von Deloitte in den letzten
lich gefallen und liegt nun im Bereich ihres            vierzig Jahren trotz der enormen Fortschritte
12                        Konzept

Veränderung      der Beschäftigtenanteile in Berufen mit niedrigen, mittleren
     Changes in occupational employment shares in low, middle and high wage occupations in 7 EU countries,
und hohen Löhnen und Gehältern1993-2010             in 7 EU-Ländern, 1993-2010

   15

  10

     5

     0
           Österreich           Frankreich         Deutschland             Italien           Niederlande            Spanien           Großbritannien
   -5

  -10

  -15                                 niedriges Lohnniveau          mittleres Lohnniveau          hohes Lohnniveau

Quelle: Goos, Manning und Salomons (2014, Tabelle 2)
Anmerkungen: Berufsgruppen mit hohen Löhnen und Gehältern sind Führungskräfte in Unternehmen; Physiker, Mathematiker und Ingenieurwissenschaftler;
Biowissenschaftler und Mediziner; sonstige Fachkräfte; Leiter kleiner Unternehmen; sonstige Fachkräfte in den Bereichen Physik, Mathematik und Ingenieur-
wesen; sonstige Fachkräfte; sonstige Wissenschaftler und verwandte Berufe. Berufe mit mittlerer Bezahlung sind Bediener stationärer und verwandter Anlagen;
Metallarbeiter, Mechaniker und verwandte Berufe; Fahrzeugführer und Bediener mobiler Anlagen; Büroangestellte ohne Kundenkontakt; Präzisionsarbeiter, Kunst-
handwerker, Drucker und verwandte Berufe; Mineralgewinnungs- und Bauberufe; Büroangestellte mit Kundenkontakt; Maschinenbediener und Montierer sowie
andere Handwerks- und verwandte Berufe. Niedriglohnberufe sind Hilfsarbeiter im Bergbau, Baugewerbe, Verarbeitenden Gewerbe und Transportwesen; perso-
nenbezogene Dienstleistungsberufe und Sicherheitsbedienstete; Models; Verkäufer und Vorführer; Hilfsarbeitskräfte im Verkaufs- und Dienstleistungsbereich.

bei Automatisierung und Technologie in diesem                                   an die kognitive Leistungsfähigkeit stellen. Trotz
Sektor verdoppelt.                                                              der Fortschritte im Bereich künstliche Intelligenz
      Natürlich können Negativeffekte bei Unter-                                sind Maschinen hier immer noch kein adäquater
gruppen in den aggregierten Zahlen verschwin-                                   Ersatz.
den. Dies scheint jedoch nicht der Fall zu sein.                                      Von der Automatisierung am stärksten
Zum einen, weil bei vielen Arbeitsplätzen, die nur                              betroffen sind die Berufsgruppen mit mittlerer
eine geringe Qualifizierung erfordern und von                                   Qualifikation. So zeigen beispielsweise offizielle
stärker von Arbeitslosigkeit bedrohten Menschen                                 Statistiken, dass seit 2000 sieben Prozent der
in der Gesellschaft besetzt werden, eine Auto-                                  Arbeitsplätze in Verkauf und Büro (klassische
matisierung gar nicht zur Debatte steht. In den                                 Berufe der mittleren Qualifikationsebene) verloren
meisten Phasen seit 1979 haben Berufe mit gerin-                                gegangen sind. Das Stellenangebot im Dienst-
ger Qualifizierung sogar ein höheres Wachstum                                   leistungssektor (tendenziell Arbeitsplätze für
beim Beschäftigtenanteil erfahren als alle anderen                              Geringqualifizierte) sowie in Führungspositionen
Berufsgruppen, mit Ausnahme der am höchs-                                       (tendenziell Arbeitsplätze mit hohen Qualifika-
ten qualifizierten. In Europa beispielsweise sind                               tionsanforderungen) hat hingegen um 27 bzw.
zwischen 1993 und 2010 die Beschäftigtenzahlen                                  36 Prozent zugenommen. Angesichts dieser
in den Berufen am unteren und oberen Rand des                                   Erosion der Mitte sind mehr Arbeitnehmer auf
Lohn- und Gehaltsspektrums in nahezu jedem                                      der Qualifikationsleiter nach oben geklettert als
Land gestiegen. Verlierer waren hingegen die Be-                                abgerutscht.
rufe im Mittelfeld.                                                                   Doch drücken höhere Beschäftigtenzahlen
      Dies bedeutet, dass zumindest geringer                                    im Niedriglohnsegment nicht das Lohnniveau?
qualifizierte Beschäftigte ihre Arbeitsplätze                                   Dies ist eine sehr brisante Frage, insbesondere
vermutlich nicht aufgrund von Automatisierung                                   wenn die Erosion der Mitte zu einer Spreizung des
verlieren werden. Das andere Ende des Spek­                                     Lohnspektrums führt. Das Bild ist jedoch weitaus
trums bilden Menschen, die in hochqualifizierten                                gemischter.
Berufen arbeiten. Auch diese haben wenig von                                          Zwar hinkt die Lohnentwicklung im unters-
der Automatisierung zu befürchten, da sie in                                    ten Quintil durchaus der im obersten Quintil
Funktionen tätig sind, die hohe Anforderungen                                   hinterher. Zwischen 1979 und 2016 sind die realen
Die Roboter von morgen aus wirtschaftshistorischer Perspektive                  13

       Technologie und Automatisie-
    rung spielen zwar eindeutig eine
    wichtige Rolle für das aktuelle
    Wirtschaftswachstum, die
    Zahlen zum Kapitalstock deuten
    jedoch darauf hin, dass der
    jüngste Rückgang der Lohnquote
    nicht auf diese beiden Faktoren
    zurückgeführt werden kann.

Stundenlöhne für die untersten 20 Prozent um         Berufsgruppen-Perzentilen, ist der Konzentra-
ein Prozent gesunken, für die obersten 20 Prozent    tionseffekt weniger stark als bei den Lohngrup-
hingegen um 27 Prozent gestiegen.                    pen-Perzentilen, da sich die Spitzenverdiener auf
      Differenziert man nach Berufsgruppen-Per-      verschiedene Berufsgruppen verteilen.
zentilen, wird das Bild jedoch deutlich nuan-              Selbst wenn man die Automatisierung für
cierter. Arbeitsökonom David Autor ordnete alle      den beobachteten Lohnrückgang bei Berufen
Berufe nach ihrem anfänglichen Qualifikations-       mittlerer Qualifikation verantwortlich machen
niveau, gemessen an den durchschnittlichen           wollte, ist nicht von der Hand zu weisen, dass es
Stundenlöhnen für 1979, von unten nach oben in       in den Jahren von 1980 bis 2015 außerordent-
100 Perzentile. Dann verfolgte Autor die Verände-    liche Sondereffekte gab: Chinas Reintegration
rungen der Löhne und Gehälter in den folgenden       in die Weltwirtschaft, der Zusammenbruch der
Jahrzehnten. Während Löhne und Gehälter in           Sowjetunion und die wirtschaftliche Liberalisie-
den mittleren Berufsgruppen grundsätzlich lang-      rung in Indien seit 1991. Das Zusammenspiel
samer stiegen als im obersten Quintil, waren die     dieser drei Faktoren hat mehr als eine Milliarde
Lohnzuwächse im untersten Quintil in den Jahren      billige Arbeitskräfte in die globale Wirtschaft
zwischen 2007 und 2012 sowie zwischen 1989           gespült, den Wettbewerb am Arbeitsmarkt
und 1999 sogar stärker. Anders ausgedrückt: Die      verschärft und alles in allem die Löhne sinken
mittleren Berufsgruppen blieben zwischen 1979        lassen. In den oben genannten Daten den Effekt
und 2016 gegenüber dem obersten Quintil be-          der Automatisierung zu isolieren, gestaltet sich
sonders stark zurück, die Berufsgruppen am unte-     daher schwierig. Zumal die in die Weltwirtschaft
ren Ende der Skala verzeichneten hingegen nur        integrierte erwerbsfähige Bevölkerung Chinas
manchmal geringere relative Lohnzuwächse. Wie        in etwa der gesamten Erwerbsbevölkerung der
lässt sich dieser Unterschied erklären? Betrachtet   weiter entwickelten Welt zusammengenommen
man das Wachstum der Löhne und Gehälter nach         entsprach. Diese enorme Angebotsausweitung
14                        Konzept

Erwerbsbevölkerung in den entwickelteren Volkswirtschaften
(More Developed World, MDW) und China (in Mio.)

  2.000
                      15-64 J. MDW+China           15-64 J. MDW+China (China vor 1980 als geschlossene Volkswirtschaft)
  1.800
  1.600
  1.400
  1.200
  1.000
     800
     600
     400
     200
       -
            1950         1960         1970       1980    1990     2000      2010      2020     2030      2040      2050

Quellen: Deutsche Bank, UN Population Division

am Arbeitsmarkt hat zweifellos zu dem Rück-                               Befürchtungen einer zunehmenden Polari-
gang beim Anteil des Produktionsfaktors Arbeit                      sierung der Gesellschaft nach Berufsqualifikation
an der Wirtschaftsleistung in vielen Teilen der                     erscheinen daher überzogen. Zwar vollzieht sich
entwickelten Welt beigetragen. Dies war jedoch                      in der Tat ein Wandel bei den Berufen mit mittle-
ein Einmaleffekt und letztendlich dürfte sich die                   rer Qualifikation, die Lohnzuwächse am unteren
Globalisierung in den kommenden Jahren als                          Rand des Spektrums sind jedoch größer als in
Wachstumsfaktor erweisen, wenn das globa-                           allen anderen Gruppen, außer am oberen Rand.
le Angebot an Arbeitskräften zu schrumpfen                          Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird die Lücke
beginnt. Tatsächlich wird die Erwerbsbevölkerung                    zur Mitte nicht größer werden, sondern sich
Chinas zwischen 2015 und 2050 um rund 250                           wieder schließen.
Mio. Menschen schrumpfen.                                                 Ein Blick in die Geschichte liefert weitere
       Vor diesem Hintergrund erscheint die unter-                  Anhaltspunkte dafür, warum die Theorie von der
durchschnittliche Entwicklung der Löhne und                         ewigen Proletarisierung mit Vorsicht zu genießen
Gehälter in den Berufsgruppen mit mittlerer Qua-                    ist. Diese besagt, dass Automatisierung zwar zu
lifikation wenig verwunderlich und die überdurch-                   einem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Pro-
schnittliche Entwicklung bei Berufen geringer                       duktivität führen mag, aber Löhne und Gehälter
Qualifikation in den USA umso bemerkenswerter.                      stagnieren lässt und die Einkommensungleich-
Autor hält die überdurchschnittlichen Lohnzu-                       heit verstärkt, da die Gewinne zunehmend den
wächse bei geringer qualifizierten Arbeitnehmern                    Kapitaleigentümern zufließen.
im Vergleich zu Arbeitnehmern mit mittlerer                               Dieses Phänomen wurde erstmals 1845
Qualifikation aufgrund der Einkommenselastizi-                      von Friedrich Engels in seinem Werk über „Die
tät der Nachfrage nach manueller Arbeitskraft                       Lage der arbeitenden Klasse in England 1844“
für ein durchaus erwartbares Phänomen. Wenn                         beschrieben: „Die Lage der arbeitenden Klasse,
also die Automatisierung in einigen Bereichen                       das heißt die Lage der ungeheuren Majorität des
zu einem Anstieg der Einkommen führt, hat dies                      englischen Volks, die Frage: Was soll aus diesen
eine entsprechende Steigerung der Nachfrage                         besitzlosen Millionen werden, die heute das ver-
nach Dienstleistungen und damit auch des Lohn-                      zehren, was sie gestern verdient haben, [...] diese
niveaus in diesem Bereich zur Folge. Wo auch                        Frage ist seit der Reformbill die nationale Frage
immer die Ursachen für diese Entwicklung liegen                     geworden. [...] Aber bei alledem will die englische
mögen, Fakt ist, dass genau dies geschieht.                         Mittelklasse und namentlich die fabrizierende, die
Die Roboter von morgen aus wirtschaftshistorischer Perspektive                  15

aus der Not der Arbeiter sich direkt bereichert,     befasste, fiel ihm auf, dass der Faktor Kapital in
nichts von dieser Not wissen.“                       der ersten Phase der industriellen Revolution –
      Mitte des 19. Jahrhunderts schien diese Be-    Engels' pause – im Vergleich zum Faktor Arbeit
obachtung mehr oder weniger den Tatsachen zu         nur einen geringen Stellenwert hatte, in der Phase
entsprechen. In all den Jahren seines noch jungen    des Lohn- und Gehaltswachstums jedoch an Be-
Lebens – Engels war erst 25, als er über die Lage    deutung gewann.
der englischen Arbeiterklasse schrieb – ist die            Nach Auffassung von Allen war dies auf
Arbeitsproduktivität in Großbritannien stärker       die geringe Substitutionselastizität von Kapital
gestiegen als das Lohnniveau. Zwischen 1760          und Arbeit in der ersten Phase der industriellen
und 1800 stiegen die Reallöhne in Großbritannien     Revolution zurückzuführen. Anders ausgedrückt
nur langsam (0,39 Prozent pro Jahr), gleiches galt   gab es in dieser Phase nicht genügend Spielraum
jedoch auch für die Arbeitsproduktivität (0,26       für Investitionen. Trotz der sinkenden Preise für
Prozent).                                            Produktionsfaktoren wie Baumwolle und Energie
      Zwischen 1800 und 1830 führten jedoch die      waren die Produktionsprozesse auf der Ebene
berühmten Erfindungen der industriellen Revo-        der einzelnen Fabriken noch nicht reif für die
lution zu einem Anstieg der Arbeitsproduktivität     Massenproduktion.
auf 0,63 Prozent, während die Reallöhne stag-              Erst später wurden zusätzliche Investitionen
nierten. Zwischen 1830 und 1860 kletterte die        in den Kapitalstock getätigt, was sich in steigen-
Arbeitsproduktivität auf 1,12 Prozent und auch die   der Produktivität der Fabrikarbeit niederschlug.
Reallöhne begannen schließlich zu steigen, auf       Damit begann der Siegeszug der Fabriken, die
ein Reallohnwachstum von 0,86 Prozent pro Jahr.      in großem Maßstab Handwerksbetriebe ver-
Erst danach, zwischen 1860 und 1900, waren die       drängten. Bis 1850 hatte sich Großbritannien zur
Reallohnzuwächse mit 1,61 Prozent dann höher         „Werkstatt der Welt“ entwickelt. In dieser Zeit
als das Produktivitätswachstum mit 1,03 Prozent.     wurde, wie Allen feststellt, der Grundstein für das
Es überrascht nicht, dass das Produktivitäts-        nachhaltigste Lohn- und Gehaltswachstum aller
wachstum, das zwischen 1800 und 1830 bei 0,69        Zeiten gelegt.
Prozent gelegen hatte, zwischen 1830 und 1860              Könnte es sein, dass wir heute etwas ganz
auf 0,94 Prozent stieg.                              Ähnliches erleben? In seinem 2013 erschienen
      Die ewige Proletarisierung war letztlich nur   Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ themati-
ein vorübergehendes Phänomen und die Arbeiter        siert Thomas Piketty in Bezug auf die vergange-
profitierten vom Wirtschaftswachstum. Seit-          nen 40 Jahre ähnliche Entwicklungen wie die,
her steigt die Produktionsleistung pro Stunde        die Allen bereits im Hinblick auf die erste Hälfte
mit der Produktivitätsentwicklung. Zwischen          des 19. Jahrhunderts aufgefallen waren: hohe
1760 und 1870 sank der Anteil des Produktions-       Produktivität trotz geringen Reallohnwachs-
faktors Arbeit an der Wirtschaftsleistung von        tums, Einkommensungleichheit und geringe
60 auf 45 Prozent. In den folgenden 30 Jahren        Investitionstätigkeit. Falls sich die Geschichte
stieg er jedoch wieder auf 60 Prozent. Sich so       wiederholt, werden die Jahre zwischen 1970 und
lange zu gedulden, dürfte selbst für Arbeiter mit    heute vielleicht eines Tages als „Pikettys Pause“
moderaten Ansprüchen etwas zu viel verlangt          bezeichnet werden.
sein. Große Unternehmen waren damals jedoch                Warum wird nicht ausreichend investiert?
noch ein Novum, und deren Eigentümer hatten          So plausibel wie die Beobachtungen von Engels
wesentlich mehr Macht und Einfluss als heut-         sind auch Pikettys Feststellungen. Pikettys Buch
zutage. Arbeitnehmer hatten kaum Rechte und          zeigt in erster Linie, dass der Anteil des Faktors
waren kaum geschützt, Betriebsräte gab es noch       Kapital an der Wirtschaftsleistung steigt. Sowohl
nicht und Gewerkschaften waren allenfalls eine       in Industrie- als auch in Schwellenländern ist der
Randerscheinung. Auch Tarifverhandlungen oder        auf den Faktor Arbeit (im Gegensatz zum Produk-
staatliche Sozialleistungen waren damals noch        tionsfaktor Kapital) entfallende Teil des Volksein-
Zukunftsmusik. Ironischerweise veröffentlichten      kommens in den letzten 30 Jahren kontinuierlich
Marx und Engels ihr Kommunistisches Manifest         zurückgegangen. Dies war auch im 19. Jahrhun-
1848 gerade zu einem Zeitpunkt, als sich die         dert der Fall.
Lücke zwischen den Anteilen der Produktions-               Dieser Trend setzte bereits weit vor der
faktoren Arbeit und Kapital am Volkseinkommen        Weltwirtschaftskrise ab 2007 ein. Der größte
allmählich schloss.                                  Bruch begann etwa in den 1970er Jahren. Zwi-
      Wo lagen Marx und Engels falsch? Als sich      schen 1947 (Beginn der Datenaufzeichnungen)
der Wirtschaftshistoriker Robert Allen, der den      und 1969 lag die durchschnittliche Lohnquote in
Begriff von „Engels' pause“ für den Zeitraum von     den USA bei 63,9 Prozent. In der Folgezeit sank
1800 bis 1830 prägte, mit dem Datenmaterial          sie auf einen Durchschnittswert von 59,9 Prozent.
16                        Konzept

Das Reallohnwachstum war während der ersten industriellen Revolution
     Pickup in real wages lagged productivity in the first industrial revolution 1770-1900
(1770-1900) geringer als der Produktivitätszuwachs
100=1850

180

160

140
                             Engels' pause (1800-1830), eine Phase, in der das
120
                             Produktivitätswachstum höher war als der Reallohnzuwachs

100

80

60

40

20

  0
      1770 1775 1780 1785 1790 1795 1800 1805 1810 1815 1820 1825 1830 1835 1840 1845 1850 1855 1860 1865 1870 1875 1880 1885 1890 1895 1900

                                                    Reales BIP pro Kopf                Reallöhne

Quelle: Bank of England

Seit 1990 liegt sie im Durchschnitt bei nur mehr                            Lohnentwicklung der Produktivitätsentwicklung.
57,9 Prozent. Genau wie im 19. Jahrhundert war                              Dieser Anteil ist jedoch zurückgegangen. Wäre
die Produktivitätssteigerung pro Kopf größer als                            der Wert unverändert geblieben, hätten ame-
das Reallohnwachstum.                                                       rikanische Arbeitnehmer heute USD 1 Bill. pro
      Die USA sind dabei kein Einzelfall. In Studien                        Jahr mehr in der Tasche. Stattdessen fließt das
zu anderen Ländern wurde ein ähnlicher Rück-                                Geld den Kapitaleigentümern zu, die besonders
gang der Lohnquote festgestellt. Zwischen 1990                              am oberen Ende des Einkommensspektrums zu
und 2009 sank der Median der Lohnquote in den                               finden sind.
OECD-Ländern von 66 auf 62 Prozent. Selbst                                        Warum ist der Anteil des Produktionsfak-
in den Schwellenländern, bei denen größere                                  tors Arbeit rückläufig? Häufig wird behauptet,
Diskrepanzen in puncto Lohnquote bestehen, ist                              diese Entwicklung sei auf die Auslagerung
der Trend seit den 1990er Jahren, d.h. seit Daten                           von Teilen der Produktion in Niedriglohnländer
verfügbar sind, klar rückläufig.                                            zurück­zuführen. Der sinkende Anteil der Arbeits­
      Der sinkende Anteil des Produktionsfaktors                            einkommen am Volkseinkommen ist jedoch
Arbeit an der Wirtschaftsleistung ist der Haupt-                            ein globales Phänomen, das nicht nur im Nord­
grund für die sinkenden Reallöhne. Mathema-                                 atlantik-Raum zu beobachten ist, sondern auch
tisch gesehen ist das Reallohnwachstum eine                                 in China. Zudem ist die Lohnquote sowohl im
Funktion von zwei Faktoren: Veränderungen der                               Sektor für handelbare als auch für nicht handel-
Produktivität und Veränderungen des Anteils                                 bare Güter gefallen. Produktionsverlagerungen in
des Produktionsfaktors Arbeit an der nationalen                             Niedrig­lohnländer können also nicht die Haupt-
Wirtschaftsleistung.                                                        ursache sein. Von anderer Seite wurden die
      Bleibt der Anteil des Produktivitätsfaktors                           rückläufigen Mitgliedszahlen der Gewerkschaften
Arbeit an der Wirtschaftsleistung gleich, folgt die                         als Ursache mit ins Feld geführt, empirische
Die Roboter von morgen aus wirtschaftshistorischer Perspektive                        17

Studien fanden hierfür jedoch keine ausreichen-             Neben der Kreditvergabe durch Banken sind
den Belege.                                           die Vorschriften, die eine Angebotsausweitung
      Da scheint es dann doch naheliegender,          am Wohnungsmarkt beschränken, ein wichtiger
die Automatisierung dafür verantwortlich zu           Faktor für steigende Immobilienpreise in vielen
machen. Wie jedoch Matt Rognlie, Volkswirt            Städten. Dieser regulatorische Rahmen zemen-
an der Northwestern University, festgestellt          tiert hohe Immobilienpreise und mehrt damit das
hat, machen Roboter und Automatisierung – im          Vermögen einer bestimmten Kategorie von Kapi-
weitesten Sinne – mit maximal 15 Prozent nur          talinhabern – Eigentümer teurer Immobilien.
einen winzigen Teil des Wertes des Kapitalstocks            Der Anstieg der Immobilienpreise in den
der US-Wirtschaft aus, und dieser geringe Anteil      Städten hat auch zu neuen Entwicklungen in
ist seit einigen Jahrzehnten mehr oder weniger        der Arbeitsmigration geführt. Die Volkswirte
stabil. Der Wert von Immobilien – Wohnhäuser,         Peter Ganong und Daniel Shoag zeigten in einer
Wohnungen, Büroräume – entspricht hingegen            Forschungsarbeit, dass Hausmeister in New York
175 Prozent der Wirtschaftsleistung. Auch wenn        nach Bereinigung um Wohnungskosten sieben
Arbeit und Kapital Stromgrößen und Immobilien         Prozent weniger verdienen als ihre Kollegen
Bestandsgrößen sind, legt die enorme Diskre-          in den US-Südstaaten. Dies steht in starkem
panz zwischen dem automatisierungsbezogenen           Kontrast zu Daten aus den 1960er Jahren, aus
Kapitalstock und dem in Immobilien gebunde-           denen hervorgeht, dass Hausmeister in New
nen Kapital doch nahe, dass Roboter nicht als         York, ebenfalls nach Bereinigung um Wohnungs-
Hauptursache für den rückläufigen Trend in der        kosten, 70 Prozent mehr verdienten als Hausmeis-
Lohn- und Gehaltsentwicklung gesehen werden           ter in den Südstaaten. Hohe Wohnungskosten
können. Technologie und Automatisierung spielen       sorgen effektiv für eine Verdrängung geringer
zwar eindeutig eine wichtige Rolle für das aktuelle   qualifizierter Arbeitnehmer aus Regionen mit
Wirtschaftswachstum, die Zahlen zum Kapital-          hohem Einkommensniveau und reduzieren so die
stock deuten jedoch darauf hin, dass der jüngste      Arbeitskräftemobilität.
Rückgang der Lohnquote nicht auf diese beiden               Waren im 19. Jahrhundert Know-how-Defi-
Faktoren zurückgeführt werden kann.                   zite die großen Investitionshemmnisse, so sind es
      Eine bessere Erklärung für den rückläufi-       heutzutage mangelnder Wettbewerb und starre
gen Anteil des Produktionsfaktors Arbeit an der       Immobilienmärkte, die verhindern, dass sich mehr
Wirtschaftsleistung sind der wachsende Wett-          Menschen in Ballungsräumen ansiedeln können.
bewerbsdruck am Arbeitsmarkt infolge der oben         Die Automatisierung für stagnierende Reallöh-
beschriebenen Integration von einer Milliarde         ne und die Verdrängung einiger Berufsgruppen
Menschen, aber auch der schwächere Wettbe-            verantwortlich zu machen, greift daher zu kurz.
werb und steigende Immobilienpreise.                  Bedenklich stimmen vielmehr andere Faktoren
      Der schwächere Wettbewerb unter den             wie internationale politische Entscheidungen
Unternehmen war bereits Thema früherer Kon-           im Zuge der Globalisierung, Wettbewerb und
zept-Ausgaben1. Nur wenige Menschen kommen            insbesondere die nicht nachhaltigen Strukturen
jedoch auf den Gedanken, dass ihre eigenen vier       am Immobilienmarkt. Es ist daher wichtig, dieses
Wände etwas mit stagnierenden Löhnen zu tun           Wirkungsgefüge zu verstehen, damit die Politik
haben könnten. Daher wollen wir diesen Zusam-         auch an den richtigen Problemen ansetzt. Gewiss
menhang kurz etwas näher beleuchten. Die direk-       muss die Automatisierung vernünftig geregelt
te Inflationssteuerung durch die Zentralbanken in     werden. Den technologischen Fortschritt künst-
den 1990er Jahren, die anhaltend geringe Infla-       lich zu erschweren wäre jedoch kontraproduktiv
tion und davor die wirtschaftliche Liberalisierung    und gleichbedeutend mit Maßnahmen gegen
der Kreditvergabe durch Banken in den 1980er          einen steigenden Lebensstandard.
Jahren haben insgesamt positive geldpolitische
und gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen
für den Immobilienerwerb geschaffen. Dies hat
den Boden dafür bereitet, dass in der Folgezeit
Immobilien einen maßgeblichen Anteil an der
steigenden Kapitalquote hatten. Sowohl Mietern
als auch Hauskäufern ist bekannt: Je höher die
finanzielle Belastung durch Miete oder Darlehen,
desto weniger Einkommen steht zur freien Ver-
fügung. Der Anteil von Wohnimmobilien an der          1	 Siehe: „Beyond QE – the resilience of corporate
gesamten Wirtschaftsleistung ist heute dreimal          America“, Oktober 2017, und „From concentrate –
so hoch wie in den 1950er Jahren.                       America’s diluted competition“, Juni 2015.
18               Konzept

Industrie 4.0 –
Chance oder Bedrohung

     Möbel nach Anleitung aufzubauen hat              Automatisierung, Digitalisierung und allgemeiner
vermutlich schon unzählige Menschen zur               ‚Industrie 4.0‘ eröffnen.
Verzweiflung gebracht. Zukünftig könnte uns                 Und das Konzept scheint auch ungeahnte
dieser Frust erspart bleiben, denn Ingenieure der     Effizienzsteigerungen zu versprechen: Digital
Nanyang Technological University in Singapur          vernetzte Maschinen kommunizieren miteinander
haben einen Roboter entwickelt, der einen             und interagieren ohne viel menschliches Zutun.
Ikea-Stuhl in nur 20 Minuten alleine zusammen-        Die potenziellen Vorteile sind also relativ schnell
baut. Für den Hausgebrauch ist das natürlich          gefunden in weniger Fehlern und Materialver-
noch Zukunftsmusik. In der Logistik und Lager-        schwendung, schnelleren Durchlaufzeiten und
technik ist es allerdings schon häufig Realität und   passenderem Service sowie weniger Energiekos-
manche Unternehmen profitieren schon jetzt sehr       ten. Die Umsetzbarkeit dieser Konzepte ist
davon. Für andere jedoch hat dieser Fortschritt       allerdings häufig sehr viel schwieriger als gedacht
durchaus seine Schattenseiten.                        und der tatsächliche kommerzielle Gewinn für das
     Zu der Wertschöpfungskette der Logistik          Unternehmen häufig sehr viel geringer.
und Lagertechnik zählen wir vor allem Logistik-             Der Trugschluss, der oft übersehen wird, ist
dienstleister, Maschinenbauer und Software-           der, dass schlauere Maschinen und größere
unternehmen. Alle drei betonen sehr gerne,            Effizienz für den Kunden zugleich sinkende
welche Chancen sich für sie durch                     Nachfrage für den Maschinenbauer bedeutet. Das
                                                      Technologieunternehmen ABB beispielsweise
                                                      schätzt das Umsatzpotenzial von Digitalisierungs-
Felicitas von Bismarck                                technologien auf rund USD 20 Mrd. Gleichzeitig
Industrie 4.0 – Chance oder Bedrohung                  19

könnten sich aber die operativen Kosten der           der Gewinn- und Verlustrechnung der On-
Kunden jährlich um USD 1 Bill. reduzieren. Damit      line-Händler. Damit steigt die Nachfrage nach
bricht für den Maschinenbauer ein sehr viel           einer möglichst effizienten Bearbeitung der
größerer Teil der Nachfrage weg, als durch die        Paketsendungen und somit auch nach automati-
Digitalisierung entsteht. Der Kuchen wird also        sierten Lagerhäusern.
kleiner und der Wettbewerb dafür größer,                    Jetzt stellen sich hier die Anleger aber häufig
insbesondere wenn neue Akteure von der                ein komplett unabhängig arbeitendes Lager vor
Software-Seite auftauchen.                            (lights-out-warehouse), in dem selbstfahrende
      Betrachten wir zunächst die potenziellen        Gabelstapler herumsausen und eigenständig die
positiven Effekte, sollten sie auch häufig über-      Bestellungen zusammenstellen, die sie direkt aus
schätzt sein. Anleger orientieren sich hier oft an    dem Internet ziehen, um sie dann in einem
der Automobilbranche, in der die Automatisie-         hübschen Karton auf einem Fließband zu einem
rung der Produktion zu enormen Effizienzsteige-       wartenden LKW zu schicken. Manchmal läuft es
rungen geführt hat. Das ist auch sehr beeindru-       auch tatsächlich so ab. In den allermeisten Fällen
ckend, allerdings ist es schwierig, diese             aber sieht die Realität leider noch ganz anders
Erfolgsgeschichte eins zu eins auf alle Branchen      aus. In vielen Lagerhäusern ist der Automatisie-
zu übertragen, sodass früher oder später alle         rungsgrad sogar noch ziemlich gering. Wir haben
Prozesse ohne menschliches Zutun ablaufen.            zum Beispiel einige sehr moderne Lagerhäuser
      Kommen wir zu dem Beispiel der Lagertech-       besichtigt und waren wirklich enttäuscht, als sich
nik, wo die Automatisierung gleich durch zwei         herausstellte, dass die autonomen Gabelstapler
strukturelle Faktoren vorangetrieben wird: Die        meistens gar nicht autonom sind, sondern sich in
Digitalisierung, wie wir Dinge kaufen, und die        Wirklichkeit auf festen Bahnen sehr langsam
Digitalisierung, wie wir Dinge erhalten. Der Boom     durch die Gebäude bewegen und bei jedem
im E-Commerce führt zu einer viel stärkeren           kleinsten Hindernis ruckartig stehen bleiben.
Fragmentierung der Logistikketten. Es gibt auch             In manchen Märkten wird der geringe
viel mehr, viel kleinere Pakete als vorher. Um es     Automatisierungsgrad voraussichtlich auf einem
sehr vereinfacht zu veranschaulichen: Vor zehn        niedrigen Niveau bleiben, da die Investitionen zu
Jahren ging ein Kunde in ein physisches Geschäft      teuer sind und sich strukturell nicht lohnen. Und
und kaufte sich – nach reiflicher Überlegung – ein    in anderen Märkten wird volle Automatisierung
Paar blaue Schuhe. Damit das Geschäft immer           auch nur sinnvoll sein, wenn bestimmte Hinder-
ausreichend Schuhe verfügbar hatte, bestellte         nisse beseitigt sind.
das Logistiksystem alle vier Wochen ein großes              Zum ersten Punkt: Ein Lager vollständig zu
Paket mit hunderten Paar Schuhen bei einem            automatisieren ist eigentlich nur dann sinnvoll,
Lagerhaus. Aufgrund der langen Lieferzeiten           wenn eine große Zahl gleicher und leicht zu
änderte sich das Produktangebot eher selten,          greifender Produkte bearbeitet werden, wie zum
und für kleinere Läden war es schwierig, sich         Beispiel in der Automobilbranche. Der Erfolg hier
gegen die großen etablierten Wettbewerber zu          war nämlich so durchschlagend, weil täglich
behaupten.                                            tausende Autos vom Band laufen. Online-Händler
      Heutzutage sind wir es gewohnt, Schuhe im       für Bekleidung hingegen müssen ihre Kollektio-
Internet zu bestellen. Fallende Anfangsinvestitio-    nen häufig, manchmal sogar wöchentlich
nen haben den Weg für tausende neue Anbieter          wechseln. Es wäre völlig unsinnig, diese jeweils
geöffnet und das Angebot wechselt viel schneller      irgendwo in einem Hochregallager zu verstauen
als früher, um die Kunden bei der Stange zu           und bei Bestellung von einem hochmodernen
halten. Der Kunde bestellt jedoch normalerweise       selbstfahrenden Gabelstapler mit Roboterarm
nicht nur dieses eine Paar blaue Schuhe im            holen zu lassen, der im Zweifelsfall je nach
Internet, sondern auch ein Paar hellblaue und ein     Produktlinie ständig neu programmiert werden
Paar dunkelblaue und alle drei in Größe 37 und        müsste. Stattdessen ist es hier in der Tat wirt-
38. Das macht sechs Päckchen insgesamt. Fünf          schaftlich am sinnvollsten, dass ein Mitarbeiter
davon werden wahrscheinlich wieder zurückge-          mit einem Headset zu einer Großen Box läuft, die
sendet oder auch im Geschäft abgegeben und            Bestellung, z.B. ein Paar rote Socken und eine
müssen wieder transportiert, organisiert,             Hose, heraussucht und in einem Karton verpackt.
überprüft und neu verpackt werden. Der gesamte        Die anschließenden Etikettierungs- und Trans-
Prozess muss schnell und unkompliziert ablaufen,      portprozesse können hingegen wieder meist
denn sonst besteht die Gefahr, dass der Kunde         vollautomatisch ablaufen.
das nächste Mal bei einem anderen der unzähli-              Zum zweiten Punkt, was die Hindernisse
gen Konkurrenten bestellt.                            für eine stärkere Automatisierung anbelangt: Die
      Die logistische Komplexität hat also massiv     meisten Investoren denken automatisch an die
zugenommen und die Ausgaben hierfür sind              großen Online-Giganten wie Amazon, Asos und
infolgedessen häufig einer der größten Posten in      Alibaba. Online-Händler von dieser Größe sind
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