Rezepte gegen den Corona-Blues - Mit Gaston und Caspar Martig, Antonio Colaianni, Claudio Del Principe, Fabian Fuchs, Richard Kägi, David Schnapp ...

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Rezepte gegen den Corona-Blues - Mit Gaston und Caspar Martig, Antonio Colaianni, Claudio Del Principe, Fabian Fuchs, Richard Kägi, David Schnapp ...
Sonderheft: Wein und Genuss

16. April 2020 – 88. Jahrgang

Rezepte gegen
den Corona-Blues
Mit Gaston und Caspar Martig, Antonio Colaianni, Claudio Del Principe,
Fabian Fuchs, Richard Kägi, David Schnapp u. a. m.
Rezepte gegen den Corona-Blues - Mit Gaston und Caspar Martig, Antonio Colaianni, Claudio Del Principe, Fabian Fuchs, Richard Kägi, David Schnapp ...
Die Souffleure des
intelligenten
Tischgesprächs
Jeden Donnerstag fundierte Recherchen und interessante Artikel aus
Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur.

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                                                                                                                                                                                                                                                                                  abonni
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                                  Nummer 11 — 12. März 2020 – 88. Jahrgang                                                   Nummer 13 — 26. März 2020 – 88. Jahrgang                                                                  Nummer 14 — 2. April 2020 – 88. Jahrgang
                                  Fr. 9.– (inkl. MwSt.) – Euro 6.90                                                          Fr. 9.– (inkl. MwSt.) – Euro 6.90                                                                         Fr. 9.– (inkl. MwSt.) – Euro 6.90

                                  Globalisierung am Ende?                                                                    Urkraft aus den Bergen                                                                                    Die Rache des Regenwalds
                                  Lehren aus der Corona-Krise.                                                               Wie die Schweiz der Corona-Krise trotzt: Gespräche und Befunde.                                           Indem wir die Natur zerstören, entfesseln wir die Reservoirs der Viren.
                                  Von Christoph Blocher und Paul Collier                                                     Von Franz und Benjamin Steinegger, Christoph Mörgeli, Roman Zeller und Roger Köppel                       Von James Hamilton-Paterson

                                             Zweikampf der Alphatiere                                                                                             Das chinesische Virus                                                                                           Pandemie der Panik
                                                 Warum der Streit zwischen Bundesanwalt Lauber und Aufseher Uster                                               Kampf der Systeme gegen den Erreger. Wer macht es besser?                                 Ist die Corona-Kur schlimmer als die Krankheit? Die Skepsis wächst.
                                                                            aus dem Ruder lief. Von Katharina Fontana                                                           Von Urs Gehriger, Peter Keller und Steve Bannon                                           Von Katharina Fontana, Beat Gygi und Martin van Creveld

                                                                        Don Juan Carlos:                                                                              «Wir brauchen                                                                                         «Schwarz und Frau?
                                                                                                                                                                                                                                  Go W

Die Weltwoche, die andere Sicht
                                                                                                                                                                                                                                    od o d W
                                                                                                                        de Z
                                                                                                                          n um Pete

                                                                                                                                                                                                                                      Ne ie F und

                                                                    König der Demokratie                                                                      eine globale Führung»                                                                                        Es war kein Nachteil»
                                                                                                                           Sc G r
                                                                                                                            Er eiz urts hse

                                                                                                                                                                                                                                        ws irm er
                                                                                                                             hw eb Bic
                                                                                                                              er ern tag l

                                                                                                                                                                                                                                           au a G tut
                                                                                                                                zä ih v

                                                                                                                                                                                                                                             s K len
                                                                                                                                  hlt r on

aus der Schweiz auf die Welt.
                                                  Was Europa dem spanischen Monarchen verdankt. Von Wolfgang Koydl                                                      Star-Historiker Harari im Gespräch. Von Pierre Heumann                                        Erfrischende Einsichten der neuen Deza-Chefin Patricia Danzi
                                                                                                                                                                                                                                                olu co
                                                                                                                                                                                                                                                   m re
                                                                                                                                        Le

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                                                                                                                                          be

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                                                                                                                                            n

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Rezepte gegen den Corona-Blues - Mit Gaston und Caspar Martig, Antonio Colaianni, Claudio Del Principe, Fabian Fuchs, Richard Kägi, David Schnapp ...
Intern: Ode an die Mamma, Gaston Martig, Antonio Colaianni                                            Inhalt

                                                    Koch ein Menü aus fünf Rezepten zum Nach­         04 Ode an die Mamma
                                                    kochen zusammengestellt und verrät, worauf        		  Kochbuch-Autor Claudio Del Principe
                                                    er auch am privaten Herd nicht verzichten         		 würdigt seine Mutter
                                                    kann. Seite 10                                    06 Rezepte gegen den Corona-Blues
                                                                                                      		 Home-Cooking mit Gaston Martig
                                                                                                       10 «Kräuteröl macht alles besser»
                                                                                                      		  Fabian Fuchs’ fünf Gerichte
                                                                                                      		 für zu Hause
                                                                                                       14 Pranzo bei Colaiannis
                                                                                                      		  Zu Gast bei der Mutter
                                                                                                      		 von Spitzenkoch Antonio Colaianni
                                                                                                       18 Die Smolinskys
                                                                                                      		  Familiäre Tradition auf der Sihlhalde
                                                                                                      20 Erinnerung an die Armut
                                                                                                      		 Foodscout Richard Kägi erzählt
                                                                                                      		 von seiner Kindheit
                                                                                                      22 Zigarren und Rum
Liebe zur Simplizität: Kochbuchautor                                                                  		  Armut für die Bevölkerung,
Claudio Del Principe in seinem Garten.                                                                		 Luxusgüter für den Export
                                                                                                      24 Eugénie Braziers Erbe
Der erfolgreiche Kochbuchautor Claudio Del                                                            		 Die Mutter der Spitzengastronomie
Principe schöpft für seine Gerichte und Ge-
                                                                                                      27 Krug-Chefin Henriquez im Gespräch
schichten immer wieder aus dem Kulturgut            Passion und Sinnlichkeit: Spitzenkoch
seiner italie­nischen Heimat und der Küche          Antonio Colaianni mit Mutter Maria.
­seiner Mutter. Er vermittelt in seinen Büchern
                                                                                                      Impressum
 Werte wie Sorgfalt, Achtsamkeit und Liebe zur      Spitzenkoch Antonio Colaianni gilt als bester
 Simpli­ zität. Gerade während der Corona-          italienischer Koch der Schweiz. Seine Krea­       Herausgeberin: Weltwoche Verlags AG,
 Quaran­täne entpuppt sich sein Bestseller «A       tionen sind voller Kraft, Passion und Sinnlich-   Förrlibuckstrasse 70, Postfach, 8021 Zürich
 casa» als Programm. Zu Hause bleiben und ko-       keit. Wie kaum ein anderer versteht er es, die    Die Weltwoche erscheint donnerstags.
                                                                                                      Redaktion: Telefon 043 444 57 00, Fax 043 444 56 69,
 chen! Plötzlich macht seine Philosophie des        präzise französische Hochküche mit der puris-     E-Mail-Adressen: vorname.name@weltwoche.ch,
 «Weniger ist mehr» mit Zeit als wichtigster        tischen italienischen zu verbinden. Der Sohn      leserbriefe@weltwoche.ch
                                                                                                      Verlag: Tel. 043 444 57 00, Fax 043 444 56 07,
 Zutat mehr Sinn denn je. In diesem Heft wür-       italienischer Einwanderer aus Apulien er­         E-Mail: verlag@weltwoche.ch
 digt er seine Mutter – ja überhaupt die cucina     kochte sich schon früh einen Michelin-Stern       Internet: www.weltwoche.ch
 della mamma, die – anders als die französische     und wurde vom «Gault Millau» mit 17 Punk-         Abo-Service: Tel. 043 444 57 01, Fax 043 444 50 91
                                                                                                      E-Mail: kundenservice@weltwoche.ch
 ­Haute Cuisine – hauptsächlich eine mündli-        ten bewertet. Als Fundament für seinen Erfolg     Jahresabonnement Inland Fr. 346.– (inkl. MwSt.)
  che Tradition hat. Seite 6                        sieht er aber nicht seine klassische Ausbildung   Schnupperabonnement Inland Fr. 38.— (inkl. MwSt.)
                                                    in französischer Küche, sondern die Selbst­       Weitere Angebote für In- und Ausland unter
                                                                                                      www.weltwoche.ch/abo
Als das Fotoshooting in Claudio Del Principes       sicherheit und Kreativität, die er aus der ein­
Garten wegen der Corona-Krise abgesagt              fachen Küche seiner Heimat schöpft. Und Hei-      Gründer: Karl von Schumacher (1894–1957)
                                                                                                      Verleger und Chefredaktor: Roger Köppel
­werden musste, machte sich unser Fotograf          mat, die findet Colaianni bei seiner Mutter.
                                                                                                      Mitglied der Chefredaktion: Beat Gygi (Wirtschaft)
 Caspar Martig kurzerhand selbst ans Werk. Er       Besuch bei Mamma Maria. Seite 14                  Produktionschef: Lukas Egli
 brauchte keine Minute, um seinen sechs­jäh­                                                          Layout: Daniel Eggspühler (Art-Director),
                                                                                                      Jasmin Karim (Bildredaktion)
 rigen Sohn Gaston zu motivieren, den Grill         Wer bei Lyon an Lyoner Wurst denkt, verpasst
 ­anzuzünden, um Del Principes Rezept nach­         vieles im Leben. Die französische Stadt im        Verlag:
  zukochen. Geht hier gerade der neuste Stern       Rhonetal habe kulinarisch mehr zu bieten als      Verlagsleiter: Sandro Gianini
                                                                                                      Anzeigenverkauf: Gabriel Lotti, Brita Vassalli
  am Kochhimmel auf? Vater und Sohn Martig          Paris – sagen zumindest die Einheimischen.        Anzeigen-Innendienst:
  ­jedenfalls schwärmen vom Resultat. Und von       Diese Tradition geht zurück auf die mères         Tel. 043 444 57 02, Fax 043 444 56 07
   ihrem perfekten Tag im Home-Schooling. Seite 7   lyonnaises, die seit dem 18. Jahrhundert eine     E-Mail: anzeigenid@weltwoche.ch
                                                                                                      Online-Vermarktung: GLA United
                                                    ­anspruchsvolle Küche pflegten, zuerst für die    Tarife und Buchungen: weltwocheAgla-united.com
Er lerne seinen Beruf gerade von einer neuen         lokalen Gäste, nach und nach auch für die aus-
Seite kennen, sagt Fabian Fuchs. Der 33-Jäh­         wärtigen Besucher auf gehobenem Niveau.          Betriebsleiter: Samuel Hofmann
                                                                                                      Druck: Print Media Corporation, PMC,
rige aus Zürich gehört zu den besten Köchen          Beispielhaft für diese Frauen war die Bauern-    Oetwil am See
einer neuen Generation in der Schweiz. In            tochter Eugénie Brazier (1895–1977), die erste
­seine Küche kommen nur regionale, meist             Köchin überhaupt mit sechs Michelin-Sternen      Die Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise
                                                                                                      oder in Ausschnitten, ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung
 biologische und fair gehandelte Zutaten.
 ­                                                   ausgezeichnet wurde (je drei in zwei Restau-     der Redaktion gestattet.
 Weil sein Restaurant «Equi-Table» zurzeit           rants) und es in die erste Garde der französi-   Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fotos wird keine
 geschlossen ist, kocht Fuchs wieder mehr zu         schen Spitzengastronomie schaffte. Ihr Leben     Haftung übernommen.
 Hause und entwickelt eine grosse Freude             liest sich wie eine Küchengeschichte mit den
                                                                                                      Der Weltwoche-Inhalt ist gedruckt auf Recyclingpapier,
 ­daran, wie er unserem Autor David Schnapp          feinsten Zutaten. Seite 24                       das aus 100 % Altpapier hergestellt wird.
  erzählt. Für dieses Heft hat der 17-Punkte-­                                       Ihre Weltwoche   Es schont Ressourcen, Energie und somit die Umwelt.

Wein und Genuss 2020                                                                                                                                                 3
Cover und Bilder: Caspar Martig für die Weltwoche
Rezepte gegen den Corona-Blues - Mit Gaston und Caspar Martig, Antonio Colaianni, Claudio Del Principe, Fabian Fuchs, Richard Kägi, David Schnapp ...
Ode an die Mamma
Alle kochen jetzt daheim. Für Kochbuch-Autor Claudio Del Principe ist Zeit die wichtigste Zutat.
Viele seiner Rezepte gehen auf seine Mutter zurück, die aus den Abruzzen stammt.
Von Claudio Del Principe

Diese Leichtigkeit in der Küche. Diesen vor­           so viel wie nötig. Immer, wenn ich ein Rezept      und Digestifs. Irgendwann wurde es immer
ausschauenden Antrieb. Die Zuversicht, dass            meiner Mutter aufschreiben wollte und sie          schwieriger, ein Restaurant zu finden, das am
alles gelingt und dass immer genügend Zeit             nach der genauen Menge der Zutaten und Ge­         Sonntag überhaupt offen hatte. Anscheinend
für alles vorhanden ist. Die Freude an der          würze oder dem idealen Mischverhältnis ge­            brunchte man jetzt lieber sonntags. Was für
handwerk­lichen Arbeit. Die Poesie und Pas­         fragt habe, meinte sie trocken: «Wie meinst du        ein Horror. In Italien gab es eine ähnliche
sion des Kochens. Den Feinsinn, sich um das         das? Quanto basta!» Man könnte diese Mengen­          ­Entwicklung. Familien zerstreuten sich, die
leibliche Wohl der anderen zu kümmern. Die          angabe demnach auch so übersetzen: Schalte             Trattorie schlossen sonntags. Das führte zu
Fähigkeit, jemandem etwas abzuschauen und           deinen Grips ein! Es drückt perfekt aus, was           ­einer Leere. Einer Melancholie. Einer Sehn­
selbst umzusetzen. Das Geschichtenerzählen,         ­eine geübte Köchin von einem Anfänger unter­      sucht nach ebendiesen Heile-Welt-Essen,
während man das Essen zubereitet. Das alles          scheidet. Man soll sich nämlich nicht sklavisch   sonntags bei Mamma. Deshalb kamen nach
habe ich von meiner Mutter. Und dafür bin ich        an vorgegebene Grammaturen und Mengen­            und nach Gastronomen darauf, genau solche
ihr sehr, sehr dankbar.                              verhältnisse halten, sondern mit allen Sinnen     Sonntagsessen wie bei Mamma anzubieten.
  Ich bin süchtig nach Kochen, seit sie mir eine     selbst entscheiden, wann genug ist. Durch         Wie zum Beispiel das «Aromando Bistrot» in
Pfanne für meine Experimente auf den Herd            ­Riechen, Schmecken, Tasten und Beobachten.       Mailand, das vor über zwölf Jahren diesen
gestellt hat – da war ich vier. Sie hätte ja auch     Dafür braucht es natürlich Erfahrung. Des­       ­Gegentrend mit initiierte. Das Gastronomen-
sagen können: «Geh weg, ich muss kochen, geh          halb mein Tipp: üben, üben, üben. Bis wir         und Ehepaar Savio Bina und Cristina Aro­
spielen.» Hat sie zum Glück nicht. Obwohl sie         ­eines Tages selbst jemandem, der nach der        mando sind geradezu besessen davon, ihren
als Mutter von drei Kindern, berufs­tätig und          Menge fragt, antworten: Quanto basta!            Gästen ein zweites Zuhause zu bieten. Die Ein­
den Haushalt schmeissend, jeden Grund dazu                                                              richtung ist liebevoll mit geschmackvollen
gehabt hätte. Aber nein. Sie hat mich einbezo­      Heiliges Sonntagsessen                              ­Secondhand-Möbeln bestückt. Die Zutaten in
gen. Auch das habe ich ihr abgeschaut: Kinder       Ich war achtzehn, als meine Eltern in Frühpen­       Bioqualität kommen direkt von den Er­
muss man einbeziehen, nicht ausschliessen.          sion gingen, die Wohnung in der Schweiz auf­         zeugern. Die Suppe mit den hausgemachten
                                                    lösten und wieder zurück in ihr Dorf in den          Tortellini gibt es in der Vintage-Soupière, und
Was ist schon dabei?                                ­Abruzzen gingen. Ich zog zu Miriam. Sie ­wurde      man schöpft sich selbst. Wie daheim. Der
Für eine ganz bestimmte Haltung bin ich ihr          später meine Frau. Und mein grösstes Glück.         ­Geschmack und der Duft von Mammas Küche
besonders dankbar. Es ist der stärkste Motor         Bis zu diesem Zeitpunkt war der Sonntag hei­         ist eine Nabelschnur, von der sich Italiener nie
für meine Motivation in der Küche. Es ist ihr        lig. Ich konnte ausschlafen, und das Erste, was      lösen können.
Ausspruch: «E che ci vuole?» Das bedeutet so         mich weckte, war der betörende Duft aus der
viel wie: Was ist schon dabei? Oder banaler: Wo      Küche. Als Kind schlurfte ich in die Küche und    Wallfahrt des Schlemmens
ist das Problem? Kein Zeitfenster war ihr je zu      setzte mich an den Tisch, auf dem das Pastab­     Es gibt aber auch Rituale, die leider für immer
knapp, kein Aufwand zu gross, um nicht               rett lag. Ich schaute meiner Mutter zu, wie sie   verschwunden sind. Wie der Ausflug in die
schnell eine Pasta von Hand zu machen. «Wir          kochte und energisch Pasta knetete. Dabei         Berge zur Wallfahrtskirche «Santuario di
                                                                                                       ­
essen in einer Stunde, und du willst Gnocchi         deckte sie mich nicht nur mit Frühstück ein,      Monte Tranquillo» mitten im Nationalpark.
machen? E che ci vuole? Den Sugo hab ich bereits     sondern auch mit Geschichten. Meistens über       Das war jeweils der Höhepunkt meiner Som­
heute Morgen gemacht, und die paar Gnocchi           ihre Jugend. Über unsere Verwandten. Über das     merferien, die wir jedes Jahr in Pescasseroli,
sind doch im Handumdrehen gerollt. Deckt             Leben und die Kapriolen, die das Leben so         dem Dorf meiner Grosseltern, verbrachten. Zu
ihr schon mal den Tisch!»                            schlägt. Ich hätte stundenlang zugehört. Ab       diesem Pilgerzug machte sich das ganze Dorf
   Auch heute, mit 89 Jahren, kocht sie noch         und zu verschwand ganz unbemerkt ein roher        auf. Ende Juni wird die «Madonna di Monte
zweimal am Tag für sich allein. Sie ist eine         Kartoffelgnocco in meinem Mund. Das Essen         Tranquillo» zur Wallfahrtskirche hochgetra­
«Pasta Granny»! Vielleicht sollte ich mal die        wurde selbstredend in mehreren Gängen auf­        gen, um das schönste Sommerfest zu feiern.
britische Journalistin Vicky Bennison anrufen        getragen. Antipasto, Primo, Secondo, Frutta,      Natürlich, nicht ohne Proviant in masslosen
und ihr vorschlagen, meine Mutter zu filmen!         Dolce. Als ich älter war, kamen meine älteren     Mengen hochzukarren. Lange Kolonnen mit
Die Videos von Pasta machenden Grossmüt­             Geschwister mit ihrem Anhang zum Sonntags­        allen möglichen schwerbeladenen Zwei-,
tern aus ganz Italien auf ihrem Youtube-Kanal        essen, und man sah sich freudig wieder und re­    Drei-, und Vierrädern schlängelten sich berg­
und Instagram-Profil sind zurzeit der absolute       dete den ganzen Nachmittag.                       aufwärts. Auch Busse voller älterer Frauen, die
Renner. Letzten Herbst ist sogar ein Kochbuch                                                          Gesù und Maria besangen, ruckelten über die
daraus entstanden mit herzerwärmenden Por­          Rückbesinnung                                      Schotterpiste, was ihrem Chorgesang ein cha­
träts und den bizarrsten Pastaformen aus allen      Nachdem meine Eltern nach Italien gezogen          rakteristisches Tremolo verlieh.
Regionen Italiens. Ein wahrer Küchenschatz.         waren, lernte ich eine andere Art kennen, den         Die Vorfreude begann mit dem Durch­
                                                    Sonntag kulinarisch zu zelebrieren. Mein           streifen des Waldes zum Sammeln von Feuer­
Ominöse Mengenangabe                                Schwiegervater hat mich quasi mit Gastro­          holz. Die würzigen Lammkoteletts und salsicce
Was ich auch von meiner Mutter übernommen           nomie geimpft. Man fuhr, fast schon feierlich      musste man sich erst mal verdienen. Über
habe, ist die allerschönste aller Mengen­           herausgeputzt, in ein schönes Restaurant und       ­offenem Feuer knusprig gebraten und an der
angaben. In italienischen Kochbüchern wird          bestellte, als gäbe es kein Morgen. Die längsten    frischen Bergluft zwischen den Fingern ab­
sie schlicht mit «Q. B.» abgekürzt. Es bedeutet:    und schönsten Menüs und die besten Weine                                      ››› Fortsetzung auf Seite 6

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Rezepte gegen den Corona-Blues - Mit Gaston und Caspar Martig, Antonio Colaianni, Claudio Del Principe, Fabian Fuchs, Richard Kägi, David Schnapp ...
Grossmeisterin des Quanto basta: Autor Del Principe mit seiner Mutter Inelde.

Wein und Genuss 2020                                                            5
Bild: zVg
Rezepte gegen den Corona-Blues - Mit Gaston und Caspar Martig, Antonio Colaianni, Claudio Del Principe, Fabian Fuchs, Richard Kägi, David Schnapp ...
››› Fortsetzung von Seite 4
genagt, schmeckten sie wie keine anderen je­
mals. Oft wanderten wir auch hinauf, was ich
grossartig fand. Denn im Gegensatz zu mei­
nen Schulwanderungen in der Schweiz durfte
ich hier alles mitnehmen, was man als Bub so
braucht: Dolch, Steinschleuder, Feuerzeug,
Böller . . . Alles hatten wir dabei, was das Pick­
nicken zum Fest machte, inklusive grosser
Korbflaschen mit Wein und ausreichend gas­
sosa, um ihn damit aufzuspritzen. Dann ent­
fachten wir mit dem gesammelten Holz riesi­
ge Feuer und schlemmten bis zum Abend,
bevor wir satt und zufrieden mit geröteten
Bäckchen wieder talwärts marschierten.
  Heute ist dieses Gebiet in strikte Schutz­
zonen für die freilebenden Bären und Wölfe
eingeteilt. Strenge Parkwächter stellen sicher,
dass niemand motorisiert hochfährt. Offene
Feuer sind verboten. Die Prozession mit der
Madonna findet noch statt. Aber der Spass ist
vorbei. Wenn mich die Sehnsucht packt, lebe
ich diese Momente in unserem Garten nach
und bereite das zu, was meine Mutter immer
in die Rucksäcke und Picknickkörbe für den
Monte Tranquillo packte. Wir braten über der
offenen Feuerstelle Lammkoteletts, die mit
nichts als Meersalz gewürzt werden. Dazu ein
                                                             Leben
paar würzige salsicce. Peperoni aus dem Ofen,
eingelegt in Olivenöl, bestreut mit grobem                   Wenn uns die Sehnsucht packt
Meersalz. Ein einfacher Salat mit gekochten                  Fotograf Caspar Martig und sein Sohn Gaston
Borlottibohnen. Gutes Sauerteigbrot vom
Dorfbäcker Pinocchio. Seine Pizza bianca na­
                                                             liessen sich von Claudio Del Principes Schwelgerei
türlich! Oliven, etwas Pecorino und vielleicht               inspirieren. Es wurde ein toller Nachmittag
noch eine Frittata mit Zucchini, die kalt und                auf der Terrasse – und ein toller Znacht.
eingeklemmt in dem fantastischen Brot für
sich alleine schon eine gloriose Mahlzeit dar­
stellt. Dazu bechern wir Wein aus einfachen
Wassergläsern. Mit einem Zitronenschnitz
und einem Spritzer gassosa drin. So wie ihn
mein Grossvater, der Herrenschneider und
Hochzeitskoch, am liebsten trank.

Über Pasta parlieren
Wenn ich mit meiner Mutter telefoniere, ist
­Essen der gemeinsame Nenner und das Haupt­
 gesprächsthema. Italiener tauschen sich ja
 ­ostentativ über das Essen aus. Konstant. Nimmt
  jemand auf der Strasse einen Anruf entgegen,
  ist die erste übers telefonino gestellte Frage nicht:
  Wie geht es dir? Sondern: Was hast du gegessen?
  Nicht selten wird darüber diskutiert, welche
  Pasta man zubereitet hat. Oder welche man zu­
  zubereiten vorhat. Ob das eine gute Idee ist.
  Oder ob ein anderer vielleicht nicht doch die
  bessere Idee hätte. Dann versucht man natür­
  lich den Gesprächspartner auf seine Seite zu
  ziehen und zu überzeugen, dass er heute wohl
  besser von seiner Pasta absieht und die macht,
  die man ihm gerade vorgeschlagen hat. Das
  läuft auch so ab, wenn ich mit meiner Mutter
  telefoniere. Früher oder später fragt sie, was ich
  denn heute kochen würde. Und wehe, ich sage
                              ››› Fortsetzung auf Seite 9   Home-Cooking statt Home-Schooling: Caspar Martig mit seinem jüngsten Sohn Gaston . . .

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                                                                                                                                   Bilder: Caspar Martig für die Weltwoche
Rezepte gegen den Corona-Blues - Mit Gaston und Caspar Martig, Antonio Colaianni, Claudio Del Principe, Fabian Fuchs, Richard Kägi, David Schnapp ...
. . . bei der Zubereitung von Lammkoteletts nach Del Principe.

Wein und Genuss 2020                                             7
Rezepte gegen den Corona-Blues - Mit Gaston und Caspar Martig, Antonio Colaianni, Claudio Del Principe, Fabian Fuchs, Richard Kägi, David Schnapp ...
Gloriose Mahlzeit von der Feuerstelle.

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                                         Bilder: Caspar Martig für die Weltwoche
Rezepte gegen den Corona-Blues - Mit Gaston und Caspar Martig, Antonio Colaianni, Claudio Del Principe, Fabian Fuchs, Richard Kägi, David Schnapp ...
››› Fortsetzung von Seite 6
                                                                                               dann das Falsche! Wochentags Lasagne machen
                                                                                               ist undenkbar. «Wie bitte? Lasagne? Ja, ist denn
                                                                                               heute Sonntag bei dir?» Oder sonntags Pasta e
                                                                                               fagioli? «Was? Pasta e fagioli?! Aber heute ist
                                                                                               doch Sonntag!» Diese Welche-Pasta-an-wel­
                                                                                               chem-­­Wochentag-Regel entfällt aber komplett,
                                                                                               wenn man auswärts isst. Dann spielt es so gut
                                                                                               wie keine Rolle, was man bestellt. Da darf man
                                                                                               auch Tortellini in brodo schlürfen, obwohl das
                                                                                               zu Hause strengstens dem Sonntag vorbehalten
                                                                                               ist. Allerdings kann es gut sein, dass man in
                                                                                               Rom, beispielsweise, schräg angeschaut wird,
                                                                                               wenn man an einem x-beliebigen Tag in einer
                                                                                               Trattoria nach Gnocchi fragt. «Wie kommen Sie
                                                                                               denn bitte auf so etwas?» Gnocchi gibt es immer
                                                                                               am Donnerstag. «Giovedì gnocchi» – diese
                                                                                               ­Regel kennt in Rom jedes Kind. Plus: Noch nicht
                                                                                               mal den letzten Bissen vom Mittag­essen runter­
                                                                                               geschluckt, stellt sich einem schon die Frage:
                                                                                               Was essen wir heute Abend?

                                                                                               Retten, was zu retten ist
                                                                                                Es ist einfach, die schönen Seiten der Dolce
                                                                                                ­Vita zu besingen und sich nur die guten Dinge
                                                                                                 an Italien herauszupicken. Vor allem, was die
                                                                                                 ­ku­linarische Kultur betrifft. Aber bei allem
                                                                                               ­Romantisieren der cucina della mamma, darf
                                                                                                  man die Realität nicht ausblenden. Und die
                                                                                                  sieht heute leider so aus, dass auch in Italien
                                                                                                  immer weniger gekocht wird. Berufsbedingt,
                                                                                                  aus Z   ­ eitmangel oder aus Desinteresse. Tra­
                                                                                                  diertes Wissen geht verloren. Die Generation
                                                                                                  der ­Frauen, die das Handwerk des Kochens im
                                                                                                  Schlaf beherrschen und das Wissen in der Fa­
                                                                                                  milie oder in der familiengeführten Trattoria
                                                                                                  weitergeben, schwindet allmählich. Wie das
                                                                                                  dann aussieht, führte mir eine Begegnung mit
                                                                                                  einer meiner Cousinen in Italien vor Augen.
                                                                                                  Sie schwärmte: «Claudio, die Fotos deiner
                                                                                                  ­Pasta auf Instagram sind der Wahnsinn, wun­
                                                                                                   derschön!» «Danke», entgegnete ich, «du
                                                                                                   machst bestimmt genauso schöne Pasta!» –
              Rezept: Knusprige Lammkoteletts                                                      «Ich? Ich mache doch keine Pasta. Ich habe
                                                                                                   noch nie selbst zu Hause Pasta gemacht.»
              Diese Koteletts sind weit, weit von dem entfernt,
                                                                                                        Ich war schockiert. Sie hat wie ich zwei Söh­
              wie Lammkoteletts heute serviert werden – innen zartrosa und saftig.
                                                                                                   ne. Und noch nie hat sie mit ihnen gemeinsam
              Aber obwohl sie gut durchgebraten sind,
                                                                                                   Pasta gemacht. Unglaublich. Ihre Mutter
              machen sie geschmacklich gewaltig Freude.
                                                                                                   machte wie alle meine Tanten jede Woche
                                                                                                   mehrmals selbst Pasta. Und jetzt? Das ganze
              Mehr als Salz brauchen sie nicht als Würze,
                                                                                                   Wissen um Handwerk und Tradition futsch?
              so viel Eigenaroma hat das Fleisch.
                                                                                                   Das Band der Weitergabe zerrissen? Niemand
              Und weil es so unglaublich knusprig ist,
                                                                                                   mehr da, um der nächsten Generation diese
              bekommt man fast nicht genug davon –
                                                                                                   besondere Gabe zu schenken? Das kann ich
              den Einkauf deshalb lieber großzügig bemessen.
                                                                                                   nicht schlucken. Meine Mission ist, dieses
              Und möglichst Bio-Lamm aus der Region kaufen.
                                                                                                   ­Wissen zu retten. Das ist auch die grösste
              Die Fleischqualität ist entscheidend für dieses Gericht.
                                                                                                    ­Motivation, Kochbücher wie «A casa» und «Al
                                                                                                     forno» oder das monothematische Pastabuch
              Grillrost über der heissen Glut platzieren und 10 Minuten heiss werden lassen.
                                                                                                     «A mano» zu schreiben. Ich finde, wir dürfen
                                                                                                     die Zubereitung unseres Essens nicht der
              Lammkoteletts beidseitig salzen und grillen, bis sich über dem Fett kleine
                                                                                                     ­Industrie überlassen. Ganz allgemein nicht
              Schaumkrönchen bilden und die Ränder dunkel und knusprig sind.
                                                                                                      und erst recht nicht bei so etwas Sinnlichem
                                                                                                      wie Pasta. Das sind wir unseren tüchtigen,
                                                                                                      ­mutigen und liebevollen Müttern schuldig. g

Wein und Genuss 2020                                                                                                                               9
Rezepte gegen den Corona-Blues - Mit Gaston und Caspar Martig, Antonio Colaianni, Claudio Del Principe, Fabian Fuchs, Richard Kägi, David Schnapp ...
«Kräuteröl macht alles besser»
Fabian Fuchs ist einer der besten Köche Zürichs. Sein Rezept: regionale, biologische
und saisonale Zutaten. Weil die Restaurants derzeit geschlossen sind, hat der 33-Jährige
fünf Gerichte kreiert, die sich leicht zu Hause kochen lassen. Von David Schnapp

«Mich hat eine gewisse Entschleunigung erfasst»: Küchenchef Fuchs.

Zeit zum Kochen zu finden, ist für einen Spit-      Michelin» mit einem Stern – damit gehört es      Spargeln: Das Arme-Leute-Gericht aus dem
zenkoch gar nicht so einfach. Jedenfalls dann,      zu den besten Adressen der Stadt.                Bündnerland wird beim Spitzenkoch zu einer
wenn es darum geht, zu Hause zu kochen. Der           Wie die meisten Berufsköche steht Fabian       knusprigen Draufgabe, welche die grünen,
33-jährige Fabian Fuchs ist seit sieben Jahren      Fuchs zurzeit aber nur am eigenen, privaten      bissfesten Gemüsestangen durch eine kont-
Küchenchef im Restaurant «Equi-Table» im            Herd. «So viel wie gerade jetzt habe ich zu      rastierende Textur gewinnbringend ergänzt.
Zürcher Kreis 4. Dort hat er ein einzigartiges      Hause noch nie gekocht», gibt der sympa­           Normalerweise koche er zu Hause kaum,
Konzept etabliert, das auf wenigen Eckpfei-         thische junge Mann zu. Dabei wende er die        gibt Fuchs aber auch zu. «Wenn ich fünf Tage
lern beruht: Die saisonalen Zutaten für die Kü-     gleichen Regeln an, die auch im Restaurant       unter grossem Druck im Restaurant gekocht
che müssen, wenn immer möglich, aus der Re-         gelten. «Die Produkte und die Ideen sind die-    habe, muss ich das nicht unbedingt zu Hause
gion kommen, biologisch produziert worden         selben, ob ich zu Hause oder im Restaurant         auch noch machen», erklärt er ziemlich ein-
sein oder aus fairem Handel stammen, wenn es      ­koche», sagt Fuchs und führt ein Beispiel an:     leuchtend. Ausserdem sei es schön, auch mal
um exotischere Produkte geht.                      «Ich will die Ressourcen sinnvoll einsetzen.      von seiner Partnerin bekocht zu werden. Oder
                                                   Wenn ich Spargeln im Wasser gare, kann ich        es reiche einfach eine Pizza aus dem Italiener
Ressourcen sinnvoll einsetzen                      dieses ­Wasser nachher verwenden, um aus den      im Dorf.
Mit diesem Rezept, das er mit ausreichend          Abschnitten und ein paar Spargeln mehr noch         Für dieses Themenheft hat Fabian Fuchs ein
Raffinement und viel Liebe zum Detail anrei-       ­eine S
                                                         ­ uppe zu kochen. Und mit altem Brot        Menü aus fünf Gerichten kreiert, das zu Hause
chert, hat es der Zürcher Koch mit dem              wird die Suppe gebunden.»                        für zu Hause entstanden ist. Es sei eine inter-
Jim-Morrison-Tattoo auf dem rechten Unter-            Aus den gekochten Kartoffeln von gestern       essante Erfahrung gewesen, weil er plötzlich
arm weit gebracht: Der «Gault Millau» bewer-        oder vorgestern, die er mit etwas Mehl zu Krü-   ohne Zeitdruck habe kochen können, «das war
tet das Restaurant mit 17 Punkten, der «Guide       meln verreibt, macht Fuchs Maluns zu den         eine Entdeckung für mich und hat mir ermög-

10                                                                                                                                 Wein und Genuss 2020
                                                                                                                          Bilder: Caspar Martig für die Weltwoche
licht, mein Handwerk wieder einmal aus einer                                                     ist.» Er habe sich als Koch immer wieder neu
anderen Perspektive zu sehen», so Fuchs.                                                         gefunden und orientiert, im Moment ent­
   In einer Restaurantküche arbeite man unter                                                    decke er gerade die Freude am Kochen neu:
permanentem Zeit- und Erwartungsdruck, «es                                                       «Ich kann mich an einem ganz simplen Kohl-
ist nicht immer nur schön, in einem ­Restaurant                                                  rabi-Salat freuen, nur weil ich ihn für uns zu
zu kochen», gibt Fuchs zu. Nicht zuletzt, weil                                                   Hause zubereitet habe.»
es oft um vieles andere gehe als um das Kochen:                                                     Mit geübten Handgriffen stellt Fuchs jetzt
Personalplanung, Bestellungen, Administrati-                                                     sein Spargelgericht fertig, das auch zu Hause
on sind notwendige Arbeiten in einem kleinen                                                     leicht nachzukochen sei. Die mit etwas Speck
Betrieb, aber keine Tätigkeiten, bei denen ein                                                   knusprig gebratenen Maluns stellt er zunächst
kreativer Kopf neue kulinarische Eingebungen                                                     à part in einem separaten Schälchen bereit,
generiert. In einem hochbewerteten Restaurant                                                    entscheidet sich dann aber doch, sie direkt
würden die Gäste ausserdem zu Recht ein ge-                                                      über den Spargel zu geben. «Das ist schlichter
wisses Mass an P ­ erfektion erwarten, zu Hause                                                  so», sagt er.
hingegen gehe er das entspannter an. «Da kann                                                       Bei einem anderen Gericht lässt er die dekora-
ich auch am Tisch noch nachwürzen oder sogar                                                     tive Brunnenkresse weg, um die Zubereitung
etwas M­ ayonnaise auf den Teller geben, wenn                                                    zu vereinfachen, und gibt zu, dass es gerade für
es hilft, etwas besser zu machen», sagt Fuchs                                                    einen jungen Koch nicht immer einfach sei,
­lachend.                                                                                        Dinge wegzulassen. «Aber es fällt mir je länger,
                                                    Blumenkohl-Wirz-Suppe
                                                                                                 je leichter», so Fuchs. Diese Entwicklung müsse
Geheimwaffe Thermomix                               Für 4 Personen                               jeder Koch durchmachen. Als junger Berufs-
Manchmal holt den Profi aber auch die Re­           1 Blumenkohl                                 mann wolle man zeigen, was man könne, ent-
staurant-Realität ein. «Auf bestimmte Dinge         1 Wirz                                       sprechend kompliziert würden manche Teller.
will ich nicht verzichten, deshalb habe ich zum     1 Zwiebel                                    Mit der Erfahrung wachse aber auch die Fähig-
Beispiel angefangen, Fond zu kochen.» Es ma-        1 Knoblauchzehe                              keit der Fokussierung auf das Wesentliche.
che geschmacklich viel aus, wenn er zu den          1 l Geflügelfond (oder Gemüsebrühe)
Spargeln noch einen Suppenlöffel Gemüse-            1/2 l Rahm                                   «Riesenschwein gehabt»
fond geben könne, um sie zusammen mit               1/2 l Milch                                  Er sei zwar nicht der Bub gewesen, der seine
­etwas Butter vor dem Servieren zu glasieren,       1 dl Weisswein                               Zeit bei der Mutter in der Küche verbracht
 erklärt Fuchs.                                     100 g Butter                                 ­habe, aber dennoch war Koch «der perfekte Be-
     Neben einem Gemüsefond, den man schon                                                        ruf für mich», sagt Fuchs heute. «Ich habe
 aus einigen Abschnitten und Schalen von Ka-        Den Blumenkohl und den Wirz in gleich         während der Sommerferien meine Lehrstelle
 rotten, Zwiebeln, Sellerie und ein paar Kräu-      kleine Stücke schneiden.                      gefunden, die ich gleich nach den Ferien ange-
 terstängeln kochen kann, empfiehlt Fuchs             Zwiebeln und Knoblauch in feine Würfel      treten habe. Das war keine durchdachte Ent-
 grüne Kräuteröle für den Hausgebrauch. Der         schneiden.                                    scheidung, aber ich habe sie nie bereut. Der Be-
 Profi stellt das Würzmittel im Thermomix her,        Die Zwiebeln und den Knoblauch in 50 g      rufsberater fand alles besser als Koch, er sah
 wo zum Beispiel zwei Bund Petersilie, Schnitt-     Butter andünsten.                             mich als Webdesigner oder Programmierer»,
 lauch oder Basilikum mit einem neutralen             Den Blumenkohl und den Wirz dazu­           beschreibt der 33-Jährige seinen Werdegang.
 Sonnenblumen- oder Rapsöl bei 50 gC auf ho-        geben und kurz mitdünsten.                       «Die Energie in der Küche hat mir schon in
 her Stufe gemixt werden. Danach durch ein            Mit Weisswein ablöschen und auf die         den ersten Tagen meiner Lehre gefallen», sagt
 feines Sieb passieren und sofort kühlen. «Wer      Hälfte einkochen. Fond, Rahm und Milch        Fabian Fuchs, der seine Ausbildung im da­
 keinen Thermomix hat, kann auch einfach das        dazugeben. 30 Minuten auf niedriger Stufe     maligen Restaurant «Wine & Dine» in Zürich
 Öl in einem Topf erwärmen und dann mit den         köcheln lassen.                               Höngg absolviert hat und es heute als «Riesen-
 Kräutern lange mixen. «Kräuteröle machen             Zum Schluss mixen und mit der restli-       schwein» bezeichnet, dass er die richtige Wahl
 einfach alles besser», sagt Fuchs auf die Frage,   chen Butter aufmontieren.                     getroffen habe. An anderer Stelle seiner Lauf-
 warum man diese Zutat überhaupt im Haus                                                          bahn ist Fuchs dann Nenad Mlinarevic begeg-
 haben sollte.                                      Schnittlauchöl                                net; beim späteren «Koch des Jahres 2016» ha-
     Zu den Basiszutaten, die der Koch für jede     100 g Schnittlauch                            be er eine inspirierende Hingabe an diesen
 Küche empfiehlt, gehören ausserdem ein             100 g Sonnenblumenöl                          Beruf erlebt, die ihn geprägt habe, so Fuchs.
 ­Sauerteig, die koreanische Fermentationstech-                                                      Zurück im Hier und Jetzt, geht es nun um ein
  nik Kimchi sowie haltbar gemachtes Gemüse,        Alles zusammen 8 Minuten bei 50 gC im         Gericht aus Linsen, Radieschen und Siedfleisch.
  das sauer-salzig eingemacht wurde. Dafür          Thermomix auf höchster Stufe mixen.           Fuchs nimmt dafür Kalbsbrust, legt sie in Lake
  kocht man das Gemüse, wenn es Saison hat,         Durch ein Passiertuch abtropfen lassen und    ein, kocht das Fleisch dann langsam, lässt es
  knapp gar und füllt es mit einem Fond aus Salz,   kühl stellen.                                 wieder abkühlen und schneidet es schliesslich
  Wasser und Essig in Gläser, die anschliessend                                                   dünn auf. Daraus entsteht eine Art Salat – rusti-
  im Steamer oder im kochenden Wasser nach­         Fabian Fuchs’ Tipp: Um ein reines Öl zu       kal, aber raffiniert. «Mich hat eine gewisse Ent-
  sterilisiert werden. «So habe ich immer Gemüse    erhalten, muss es von der übrig bleibenden    schleunigung erfasst», sagt Fuchs und gewinnt
  zur Verfügung, das zum bestmöglichen Zeit-        wässrigen Flüssigkeit getrennt werden.        der Temporeduktion, die der Corona-Alltag
  punkt eingemacht wurde», erklärt Fuchs.           Dafür eignet sich ein Spritzsack: Das Öl      mit sich bringt, positive Seiten ab. Ein Stück
     Sein Gemüse holt Fabian Fuchs zurzeit am       einfüllen und den Sack aufhängen. Die         Fleisch über drei Tage zuzubereiten, gehört
  liebsten beim Biobauern, bei dem er auf lan-      Flüssigkeit setzt sich unten ab und kann      ­dazu, aber auch die Erkenntnis, dass der Koch
  gen Spaziergängen mit seinem Hund vorbei-         dann über ein kleines Loch, das man in den     das zu Hause tun kann, «aber nicht muss».
  kommt. «Was er hat, legt der Bauer auf grossen    Sack schneidet, abgelassen werden.
  Tischen aus, dann koche ich mit dem, was da                                                    Weitere Rezepte auf den folgenden Seiten

Wein und Genuss 2020                                                                                                                            11
Die Linsen 4 Stunden in Wasser einweichen
                                                                                                   und quellen lassen. Die Zwiebel im Rapsöl an-
                                                                                                   dünsten, die Linsen dazugeben und kurz mit-
                                                                                                   dünsten. Mit der Bouillon ablöschen und
                                                                                                   weich kochen. Die Flüssigkeit sollte dabei fast
                                                                                                   komplett verdampfen. Die Linsen auf eine
                                                                                                   Platte oder ein Blech geben und den Balsami-
                                                                                                   co darüberträufeln und 10 Minuten ziehen
                                                                                                   lassen. Vor dem Servieren die Linsen leicht er-
                                                                                                   wärmen, abschmecken und den Schnittlauch
                                                                                                   daruntermischen.

                                                                                                   Siedfleisch
                                                                                                   500 g Siedfleisch (Kalbsbrust, pariert)
                                                                                                   3 l Wasser
                                                                                                   2 stk Zwiebel
                                                                                                   1 stk Lauch
                                                                                                   1/2 Knollensellerie
                                                                                                   Lorbeer
                                                                                                   Pfeffer
                                                                                                   Salz

                                                                                                   Das Gemüse kleinschneiden und im Wasser
                                                                                                   30 Min. köcheln lassen. Das Fleisch kalt ab-
                                                                                                   spühlen, trockentupfen und in die Bouillon
                                                                                                   geben. Es sollte vollständig von der Flüssig-
                                                                                                   keit bedeckt sein und während 2 Stunden
                                                                                                   knapp unter dem Siedepunkt garen. Es ist
                                                                                                   zart, wenn man mit einer Fleischgabel hin-
                                                                                                   einstechen kann, und das Fleisch leicht von
 Spargel mit Maluns                              geben und die Sauce mit der gebräunten Butter     der Gabel rutscht. Das Fleisch herauszuneh-
 und Dill-Limonensauce                           mixen.                                            men und über Nacht kühlstellen. Die Bouil-
 Für 4 Personen                                                                                    lon durch ein Sieb abgiessen und ebenfalls
                                                 Maluns                                            kühlstellen. Vor dem Servieren das Fleisch in
 Grüner Spargel                                  4 mehlig kochende Kartoffeln                      dünne Scheiben schneiden und mit der Siedl-
 2 Bund grüner Spargel                           50 g Mehl                                         feischvinaigrette marinieren.
 100 g Butter                                    50 g geräuchter Speck, in Würfel geschnitten
 10 g Salz                                       10 g Butter                                       Siedfleisch-Vinaigrette
 5 g Zucker                                      Salz, Pfeffer, Muskat                             100 g Siedfleischfond (s. oben)
 2 l Wasser                                      Bergkäse                                          5 g Meerrettich
                                                                                                   50 g Butter
 Die holzigen Enden der Spargeln abschnei-       Die Kartoffeln in der Schale weichkochen. Aus-    50 g Apfelessig
 den und die Blatttriebe entfernen. Wasser zu-   dampfen lassen und über Nacht kühlstellen.        50 g Creme Fraiche
 sammen mit den Spargelabschnitten, Butter,      Schälen und auf einer Röstiraffel raffeln. Das    10 g Schnittlauchöl (wenn vorhanden)
 Salz und Zucker aufkochen und Spargeln da-      Mehl dazugeben und mit den Händen ver­            Salz
 zugeben. 3 Minuten köcheln lassen, dann die     reiben. In einer beschichteten Pfanne mit etwas   Pfeffer
 Spargelstangen herausheben.                     Butter und den Speckwürfelchen goldgelb bra-
                                                 ten. Zum Anrichten die Spargeln mit der Sauce
 Dill-Limonensauce                               in einen tiefen Teller geben, die Maluns darü-
 1 Zwiebel                                       berstreuen und etwas Bergkäse darüberhobeln.
 1 Knoblauchzehe
 200 g Rahm                                      Siedfleischsalat mit Linsen
 30 g Limonensaft                                und Radieschen
 100 g Spargel Wasser                            Für 4 Personen
 100 g Braune Butter
 1 Bund Dill, die Spitzen fein gehackt           Linsen
 Salz                                            200 g Berglinsen aus dem Albulatal
                                                 1 Zwiebel, fein gewürfelt
 Zwiebel und Knoblauch andünsten, mit dem        20 g Rapsöl
 Spargelfond (Kochwasser) ablöschen.Rahm         20 g alter Balsamico
 dazugeben, salzen und 10 min köcheln lassen.    1 l Gemüsebouillon
 Limonensaft dazugeben. Gehackter Dill dazu      1 Bund Schnittlauch

12                                                                                                                                   Wein und Genuss 2020
                                                                                                                            Bilder: Caspar Martig für die Weltwoche
Die Äpfel schälen und das Kerngehäuse ent-
                                                 fernen. In 1 Zentimeter dicke Scheiben schnei-
                                                 den. Die Äpfel beidseitig in etwas Butter
                                                 ­anbraten. Den Zucker dazugeben und kara-
                                                  mellisieren lassen. Die Butter dazugeben und
                                                  mit Weisswein ablöschen. Die Äpfel in dem
                                                  Fond weichkochen. Die Äpfel herausnehmen
                                                  und den Fond reduzieren, bis ein dickflüs­
                                                  siger Karamell entstanden ist. Vor dem An-
                                                  richten die Äpfel in dem Karamell leicht er-
                                                  wärmen.

                                                 Karamell-Popcorn
                                                 20 g Zucker
                                                 50 g Popcornmais
                                                 Salz

                                                 Den Zucker in einem Topf hell karamellisie-
                                                 ren lassen. Den Popcorn-Mais hineingeben
                                                 und den Topf mit einem Deckel schliessen.
                                                 Auf niedriger Stufe das Popcorn puffen las-
                                                 sen, dabei den Topf zwischendurch etwas
                                                 ­rütteln. Das Popcorn herausnehmen und mit
                                                  etwas Salz abschmecken. Zum Anrichten
 Den Meerrettich fein raffeln und mit dem ge-     kann man das Popcorn mit etwas gerösteten
 kühlten Fond, der Crème fraîche und dem Es-      Haselnüssen mischen.
 sig mischen und leicht erwärmen. Mit der
 Butter aufmontieren und mit Salz und Pfeffer
 abschmecken. Zum Schluss allenfalls Schnitt-
 lauchöl dazugeben und vorsichtig umrühren.

 Eingelegte Radieschen
 10 Radieschen mit Grün
 50 g Wasser
 25 g Zucker
 25 g Apfelessig
 2 Lorbeerblätter                                                                                 Die Kunst zu geniessen.
 2 g Wacholder
 2 g Senfsamen                                                                                    Einer der besten Weissweine der Region
                                                                                                  Languedoc-Roussillon. Mit intensiven
 Für den Pickelfond alle Zutaten ausser den                                                       Aromen von reifen Quitten und Honig,
 Radieschen einmal aufkochen. Das Radies-                                                         dezenten Holznoten und charaktervol-
 chengrün waschen und in feuchtes Küchen-                                                         lem Körper mit kräftiger Struktur. Ideal
 papier eingewickelt im Kühlschrank auf­                                                          zu Fisch, Meeresfrüchten und hellem
 bewahren. Die Radieschen vierteln, in den                                                        Fleisch.
 Pickelfond geben und mindestens einige
 Stunden ziehen lassen. Zum Anrichten die
 Linsen in einen Teller geben, das marinierte
 Siedfleisch darauflegen, etwas Sauce darüber-                                                    CIGALUS BLANC AUDE
 geben und mit den eingelegten Radieschen
 garnieren. Das Radieschengrün mit etwas                                                          HAUTERIVE IGP GÉRARD
 ­Essig, Öl, Salz und Pfeffer marinieren und
                                                 Honig-Glace
                                                                                                  BERTRAND, 75 CL
  ebenfalls anrichten.
                                                 200 g Milch

                                                                                                  27.95
 Apfel, Popcorn und Honigglace                   200 g Rahm
 Für 4 Personen                                  60 g Eigelb
                                                 125 g Honig
 Karamellisierte Äpfel                                                                            (10 cl = 3.73)
 4 Süss-säuerliche Äpfel                          Alle Zutaten miteinander vermengen und          Preisänderungen sind vorbehalten. Coop verkauft keinen
                                                                                                  Alkohol an Jugendliche unter 18 Jahren.
 50 g Zucker                                      unter ständigem Rühren auf 84 gC erwärmen       Erhältlich in grossen Coop Supermärkten sowie unter
 2 dl Weisswein                                  (zur Rose kochen). Abkühlen lassen und in        coopathome.ch und mondovino.ch
 30 g Butter + etwas mehr zum Braten             ­einer Glacemaschine gefrieren.

Wein und Genuss 2020
Pranzo bei Colaiannis
Antonio Colaianni gilt als bester italienischer Koch der Schweiz. Wie kaum ein anderer versteht er es,
die Präzision der französischen mit der Einfachheit der italienischen Küche zu vermählen.
Ein Besuch bei seiner legendären Mutter, die immer noch mitwirkt. Von Claudio Del Principe

Seine Kreationen sind voller Kraft, Passion        Orecchiette mit getrockneten Erbsen. 2002          zeugen konnten, doch wieder zurück in die
und Sinnlichkeit. Auch im letzten Menü, das        kehrte sie mit ihrem Mann zurück nach Ita­         Schweiz zu kommen. Irgendwann war es ihr
Antonio Colaianni für Freunde und Stamm-           lien, um ihren Lebensabend zu geniessen. Lei-      zu einsam und die Sehnsucht nach ihren
gäste gekocht hat, bevor das Zürcher Spitzen-      der verstarb Antonios Vater ein Jahr danach,       ­Kindern, Enkeln und der Urenkelin zu gross.
restaurant «Gustav» Ende 2019 Geschichte           und es dauerte lange, bis ihre Kinder sie über-     So kam sie 2018 zurück. «Nun hat sie quasi de
war, gab es neben auserlesenen Delikatessen
ein simples Pasta-Gericht mit Mamma Marias
handgemachten Orecchiette. Und unisono
stimmten alle überein: «Danke, lieber Toni. Es
war alles super, wie immer. Aber das Beste
­waren die Orecchiette!»
   «Essen ist pure Emotion.» Davon ist Co­lai­
anni überzeugt. Und tatsächlich versteht er es
wie kaum ein anderer, die präzise französische
Hochküche mit der puristischen italienischen
cucina della mamma zu verbinden und seine
Gäste damit glücklich zu machen.
   Die ganze Gourmet-Gemeinde der Schweiz
und die Colaianni-Fans sowieso sind fassungs-
 los, dass das beliebte Restaurant «Gustav» an
 der angesagten Europaallee geschlossen wur-
 de. Nach nur vier Jahren, siebzehn Gault
 Millau-Punkten und einem Michelin-­Stern.
 Antonio Colaianni war anfangs eigentlich nur
 als externer Gastroberater auf Zeit einge-
 sprungen, weil der Laden nach einem Jahr
 noch immer nicht brummte. Er wechselte so
 gut wie das ganze Küchen- und Serviceperso-
 nal aus, baute ein Top-Team auf und machte
 das «Gustav» innert kurzer Zeit zu einem Hot
 Spot der Zürcher Gastroszene. Klar, dass sie
 ihn dann nicht mehr gehenlassen wollten.
 Und zum Glück liess er sich dazu überreden,
 zu bleiben.

Sehnsucht nach Enkeln und Urenkeln
Die Lobeshymnen auf seine signature dishes wie
die einzigartige, tiefaromatische Bouilla­
baisse, den Raviolo mit flüssigem Eigelb,
­Spinat und weissem Trüffel, das raffinierte Ta-
 tar mit Kartoffel-Espuma, die virtuosen sea
 food-Kompositionen, die lauwarmen gefüllten
 Artischockenböden oder den lackierten, knus-
 prig-zarten Schweinebauch klangen bezir-
 zend. Was nach dem «Gustav» kommt, weiss
 keiner. Auch der fünfzigjährige Colaianni
 weiss noch nicht, wohin es ihn zieht. Ob er
 ­etwas Eigenes macht oder eines der vielen An-
  gebote als Küchenchef in einem neuen Restau-
  rant annimmt, die sich bei ihm türmen.
     Wir treffen ihn in Laupen und besuchen
  ­seine Mutter, Signora Maria. Sie wohnt jetzt
   wieder in der Schweiz, in einer grosszügigen,
   modernen Wohnung. Heute bereitet sie für
   uns eines von Antonios Lieblingsgerichten zu:   Alle kamen, um das kleine ­Paradies zu inspizieren: Spitzenkoch Colaianni mit Mutter Maria.

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                                                                                                                              Bild: Caspar Martig für die Weltwoche
Foifer und s Weggli», sagt Antonio, «geniesst den    jüngste von vier Kindern in Wabern. Die             weiter beim FC Wabern und brachte es dann
Winter hier und den Sommer dort.» In der             ­Mutter arbeitete als Schneiderin, der Vater als    immerhin in der Schweizer Nationalmann-
ganzen Wohnung hängen gerahmte Fotos der              Bauarbeiter. Mittags waren die Kinder auf sich    schaft der Fussballköche zu Ruhm und Ehre.
schönen Familie. Alle, die Antonio kennen,            gestellt. Antonio kochte für seinen Bruder und    Trotz unscheinbarer Grösse und Übergewicht.
kennen Antonios Mutter. Zumindest vom                 die beiden Schwestern, aber deren Begeiste-       «Lass dich mal nicht täuschen. Wenn Antonio
­Hörensagen. Sie ist die, die schon seit Jahren     rung hielt sich in Grenzen. Heute sieht das         am Ball ist, hast du kein Brot, vergiss es!», be-
 für Antonios Restaurants jeweils die traditio-     freilich ganz anders aus!                           zeugen selbst die ziemlich sportlichen Team-
 nellen Pasta-Sorten aus Apulien von Hand zu-           Nach einer Schnupperlehre als Bäcker und        kollegen, Spitzenkoch Tobias Funke und
 bereitet hat. Dieses Versprechen gibt Colaianni    als Coiffeur und drei Schnupperlehren als           Heinz Rufibach. «Ich wusste meine Defizite
 nicht ohne Stolz ab.                               Koch entschied er sich mit sechzehn für eine        schon als Kind zu kompensieren. Als mich
                                                    Kochlehre im Gasthof «Maygut». Der Start der        meine Mitschüler als Tschinggeli hänselten, be-
Ende der Fussballkarriere                           Lehre bedeutete allerdings auch das Ende            folgte ich den Tipp meines älteren Bruders
Für ihn war immer schon klar, dass er Koch          ­seiner vielversprechenden Fussballkarriere in      und hab jedem eine verpasst, der frech war. Bis
werden wollte. Aufgewachsen ist er als das           der zweiten Liga der AS Italiana. Er kickte aber   zur fünften Klasse hatte jeder mal eine von mir
                                                                                                        kassiert. Danach wuchsen mir alle über den
                                                                                                        Kopf, liessen mich aber in Ruhe, die hatten
                                                                                                        ­ihre Lektion gelernt.»
                                                                                                           Nach Stationen als Commis in zwei weiteren
                                                                                                         Betrieben war die Zeit im damals besten Res-
                                                                                                         taurant in Lugano, «Al Portone», die Etappe,
                                                                                                         die Colaianni entscheidend prägte. «Da gin-
                                                                                                         gen mir die Augen auf in Bezug auf Produkt-
                                                                                                         qualität, Raffinesse und Menükompositionen.
                                                                                                         Der Küchenchef Roberto Galizzi hat mich ge-
                                                                                                         fördert und meine Motivation angetrieben.»
                                                                                                         Danach zog es ihn nach London ins legendäre
                                                                                                         «Le Gavroche». «Ich dachte zu der Zeit, ich sei
                                                                                                         ein gestandener Koch. Aber da kam ich massiv
                                                                                                         auf die Welt! Wir ackerten sechzehn Stunden
                                                                                                         am Tag. Ohne ein ‹Danke› oder ein ‹Guten
                                                                                                         Morgen› vom legendären Küchenchef Michel
                                                                                                         Roux jr. Schon Marco Pierre White oder Gor-
                                                                                                         don Ramsay gingen durch diese harte Schule.
                                                                                                         Aber so war seine eiserne Einstellung. Erst

                                                                                                        Antonio kochte für seinen Bruder
                                                                                                        und die beiden Schwestern – deren
                                                                                                        Begeisterung hielt sich in Grenzen.

                                                                                                        wenn ein Koch drei Monate lang die Tortur
                                                                                                        übersteht, verdient er es, am Morgen vom
                                                                                                        ­Küchenchef gegrüsst zu werden!»

                                                                                                        Everybody’s darling in Zürich
                                                                                                        Zurück in der Schweiz, trat er seine erste
                                                                                                        ­Stelle als Küchenchef im Restaurant «Wiesen-
                                                                                                         tal» an und erkochte sich fünfzehn Gault-
                                                                                                         Millau-Punkte. Später, im «Schloss Rappers-
                                                                                                         wil», wurde die Kochkunst des damals knapp
                                                                                                         Dreissigjährigen bereits mit einem Miche-
                                                                                                         lin-Stern ausgezeichnet, und der «Gault
                                                                                                         Millau» erhöhte auf siebzehn Punkte. Auch
                                                                                                         im «Casale», Wetzikon, wurde der Stern be-
                                                                                                         stätigt. Mit nur einem Jahr als Küchenchef
                                                                                                         war die Zeit im «Clouds» die kürzeste Anstel-
                                                                                                         lung. «Auch die am wenigsten befriedigende.
                                                                                                         Ich konnte ­meine Ideen zu wenig umsetzen.»
                                                                                                         Während der drei folgenden Jahre war das
                                                                                                         «Mesa» in Zürich, ebenfalls mit einem
                                                                                                         Michelin-­Stern ausgezeichnet, die Adresse
                                                                                                         numero uno für a­ lle, die seine kreative, hoch-
                                                                                                         stehende Küche mit authentischer italieni-
                                                                                                         scher Seele lieben. Vor a­ llem machte er sich

Wein und Genuss 2020                                                                                                                                  15
schon sehr früh einen N   ­ amen mit seinen aus-
geklügelten vegetarischen Menüs. Die Lust
der Restaurant-Inhaberin auf einen Konzept-
wechsel und die Suche Colaiannis nach einer
neuen Herausforderung führten dann leider
zum Ende der eigentlich erfolgreichen Zu-
sammenarbeit. Definitiv zu everybody’s darling
avancierte der sympathische Berner Spitzen-
koch schliesslich während der vier Jahre im
«Gustav», welches mit siebzehn Gault-
Millau-Punkten und einem Michelin-­Stern
ausgezeichnet war. Nun wäre ­vielleicht tat-
sächlich ein guter Zeitpunkt, der eigene Chef
zu werden. Lassen wir uns über­raschen.
     Aber wie setzt man eigentlich die Einfach-
heit, für die die italienische Küche bekannt ist,
auf ein höheres Level, ohne dass sie banal
wirkt, wie in manchen Sternerestaurants?
«Durch Sorgfalt, Präzision und indem man sie
nicht ihrer Seele beraubt. Ein italienisches Ge-
richt muss für mich authentisch sein», erklärt
Colaianni. «Ich bin ja ausgebildeter Koch in
klassischer französischer Küche. Mit diesem
erlernten Handwerk koche ich in meinem
­Beruf. Zu Hause hingegen koche ich so italie-
 nisch, wie ich es von meiner Mutter gelernt
 ­habe. Mit der Zeit sind diese beiden Kochstile
  automatisch miteinander verschmolzen. Be-
  reite ich ein typisches Gericht wie Orecchiette
  mit Cime di rapa im Restaurant zu, so ver­
  arbeite ich das Gemüse sowohl ganz wie auch
  zu einer feinen Creme, ich kombiniere kon-
  fierte Tomaten dazu, frittierte Brotbrösel. Je-
  der Schritt erfolgt so präzise und sorgfältig
  wie möglich, damit jede Zutat dem Gericht
  den intensivsten Geschmack beisteuert.»
     Die Aromen seiner Kindheit hat Antonio tief
  gespeichert. «Diese Passata mit vollreifen
  ­Tomaten aus dem eigenen Garten! Die ganze

Zu spüren, wann der Orecchiette-
Teig die richtige Konsistenz hat,
ist die grosse Kunst.

Familie half jeweils mit, und der Vorrat reichte
für ein ganzes Jahr. Der Duft aus der Küche,
wenn meine Mutter kochte. Es ist erstaunlich,
wie stark ich das vermisse, je älter ich werde,     Wenn seine Mutter kocht, hält sich Antonio Colaianni raus.
und wie sehr ich heute die Küche meiner Kind-
heit schätze.» Sein Vater war ein passionierter     bei, irgendwann konnte ich ihn auch nicht             tigkeit, mit dem Messer ein kleines Teigstück
Gärtner und verbrachte jede freie Minute bei        mehr sehen. Vielleicht, nachdem mein Vater            über die Arbeitsfläche zu ziehen und zu einem
den mustergültig angelegten Beeten. «Damals         fand, es sei an der Zeit, dass ich selbst mal eines   perfekten Öhrchen umzustülpen. Eines gleich
schon natürlich, nachhaltig und biodyna-            schlachtete. Irgendwie ging es, aber der Hop-         wie das andere. «Meine Mutter beherrscht das
misch. Brennnesseln liess er im Wasser stehen       pelhase hat mir schon sehr leidgetan.»                im Schlaf. Für ein Kilo frische Orecchiette be-
und verwendete das als ­Dünger.» Alle kamen                                                               nötigt sie etwa zwei Stunden. Stell dir vor, die
vorbei, um das kleine P ­ aradies zu inspizieren    Zwei Stunden für ein Kilo frische Pasta               wären unbezahlbar, wenn ich einen meiner
und ihm anerkennend Respekt zu zollen.              Wir schauen Mamma Maria über die Schulter,            Köche daransetzte. Und der wäre ja nicht mal
«Das war sein Heiligtum. Ich fand das damals        wie sie wunderschöne Orecchiette und                  halb so schnell fertig damit.» Manchmal pro-
alles andere als cool. Ich musste wässern und       Macche­roncini aus ihrer apulischen Heimat            duzierte auch Antonios Schwester Rosetta
Unkraut jäten, während meine Freunde Fuss-          formt. Seelenruhig, zügig, akribisch. Der Teig        ­Pasta für das Restaurant. «Ein sehr bekannter
ball spielen gingen!» Da war auch der Sonn-         besteht nur aus Hartweizendunst und Wasser.            Berufskollege sagte mal: ‹Dass du den Mut
tagsbraten. Kaninchen. Auch die lieferte der        Zu spüren, wann er die richtige Konsistenz             hast, so etwas Einfaches wie Orecchiette mit
Vater aus eigener Zucht. «Den liebte ich! Wo-       hat, ist die grosse Kunst. Und natürlich die Fer-      Sugo di polpette zu servieren?› Aber für mich

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                                                                                                                               Bilder: Caspar Martig für die Weltwoche
ter sie isst, vertrage ich sie allerdings nicht.»
                                                                                                     Nach den Orecchiette gibt es als Secondo
                                                                                                     hausgemachte Focaccia, Peperonata und Cime
                                                                                                     di rapa. Colaianni liebt die typischen Gemüse
                                                                                                     Apuliens. «Manchmal esse ich einen Teller
                                                                                                     nur von diesen Erbsen. Oder einfach in Oli-
                                                                                                     venöl geschwenkte Cime di rapa. Eines mei-
                                                                                                     ner absoluten Lieblingsgerichte ist La Ma­
                                                                                                     renna. Ein grandioses Reste-Essen. Als Kind
                                                                                                     habe ich es gehasst, heute bin ich ­verrückt da-
                                                                                                     nach. Altbackenes Brot wird im Olivenöl
                                                                                                     geröstet und dann mit den Erbsen-­Resten auf-
                                                                                                     gewärmt. Perfetto!»

                                                                                                     Mutters Stolz
                                                                                                     Wenn seine Mutter kocht, hält sich Antonio
                                                                                                     raus. «Weisst du, ein Profikoch zu Hause, das
                                                                                                     ist eine Katastrophe. Wenn ich anfange, die
                                                                                                     Pfannen zu schwenken und es nur so spritzt,
                                                                                                     sagt meine Mutter: ‹Danke, jetzt brauch’ ich
                                                                                                     dreimal so viel Zeit, um die Küche wieder
                                                                                                     ­sauber zu kriegen.›» Seine Mutter wiegelt ab:

                                                                                                     «Es gibt Sachen,
                                                                                                     die bekomme ich nicht so gut hin
                                                                                                     wie meine Mamma.»

                                                                                                     «Nooo, lui e più bravo di me!» Sie ist megastolz
                                                                                                     auf ihren Sohn und liebt seine Gerichte. «Es
                                                                                                     gibt allerdings Sachen, die bekomme ich echt
                                                                                                     nicht so gut hin wie meine Mamma, das nervt
                                                                                                     mich schon ein bisschen. Frittierte Zucchini­
                                                                                                     blüten zum Beispiel. Ich schaffe es nicht, sie so
                                                                                                     leicht und knusprig hinzubekommen wie sie.
                                                                                                     Das bleibt ein geheimer Mamma-Trick. Genau
                                                                                                     wie die Pita di patate. Zwischen zwei Schichten
                                                                                                     gebackene Kartoffeln kommt eine Lage ge­
                                                                                                     röstete Brotbrösel und dazu ein Tomatensugo
                                                                                                     mit Kapern. Einfach, aber umwerfend gut.»
                                                                                                     Und selbst die Orecchiette schmeckten anders,
                                                                                                     sagt er. Man kann ja auch hochwertige, hand-
                                                                                                     gemachte Orecchiette aus Apulien kaufen.
                                                                                                     «Aber hol’s der Teufel, sie schmecken nicht
                                                                                                     halb so gut wie die von ihr.»
                                                                                                         Gibt es ein «Bestes Essen, das ich jemals
                                                                                                     ­hatte»? «Ja. Das war im ‹El Racó de Can Fabes›
                                                                                                      bei Santi Santamaria. Einem Autodidakten,
                                                                                                      der als erster katalanischer Koch für seine
                                                                                                      Kochkunst von Michelin mit drei Sternen aus-
ist genau das der wahre Luxus: etwas zu servie-    Die Orecchiette serviert Signora Maria mit         gezeichnet wurde. Es war alles absolut perfekt.
ren, das in Handarbeit hergestellt wurde. Und      ­getrockneten Erbsen. Die schmecken ganz           Die Ambiance, der Service und natürlich das
noch etwas ist wichtig: Gäste verstehen diese       anders als frische Erbsen. «Wie alles, was man    Essen. Ich erinnere mich an eine lackierte Reh-
Küche. Sie erkennen, was sie essen, finden den      trocknet», erklärt Colaianni. Die Erbsen wer-     schulter. Santamaria präsentierte sie persön-
Geschmack jedoch selten in dieser Perfektion.     den über Nacht wie andere Hülsenfrüchte             lich am Tisch. Dann strich er das Fleisch mit
Spitzenküche in Ehren, aber man kann Gäste        eingeweicht. Dann kocht man sie weich, bis          einem Löffel vom Knochen, verteilte es auf die
mit Tüpfli und Schümli auch überfordern. Am       einige zerfallen und sich eine cremige Konsis-      Teller und vollendete es mit einem göttlichen
Ende weisst du gar nicht, was du eigentlich ge-   tenz bildet, aromatisiert sie mit etwas Kno-        Jus und frischgehobeltem schwarzem Trüffel.
gessen hast, wenn zu viele kleine Komponen-       blauch und Olivenöl und vermengt sie mit            Etwas Besseres habe ich in meinem Leben
ten auf dem Teller sind.» Auch ein gewisses       den Orecchiette. So simpel, so einfach und so       nicht gegessen! Und ich habe weiss Gott schon
sättigendes Gefühl sei wichtig für ihn. «Und      mollig, um­    armend und tröstend, wie ein         in den besten Restaurants der Welt gegessen.
wenn es nur die Seele ist, die befriedigt vom     ­Essen nur sein kann. «Würzen kann jeder            Das ist eine meiner grössten Leidenschaften.»
Tisch geht, weil man etwas Herzhaftes ge­          selbst, mit Peco­rino, gerösteten Brotbröseln      Und die Küche seiner Mutter? «Die ist natür-
gessen hat.»                                       und Peperoncino. So scharf, wie meine Mut-         lich unschlagbar. Die beste, die es gibt.»    g
Wein und Genuss 2020                                                                                                                               17
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