Seminarzeitung - Welt Ohne Grenzen arbeiter im Weinberg - Priesterseminar Hamburg

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Seminarzeitung - Welt Ohne Grenzen arbeiter im Weinberg - Priesterseminar Hamburg
Seminarzeitung
                             Himmelfahrt
                                 Ostern 2021
                                         2020   Ausgabe 21
                                                        20

    Welt ohne Grenzen
      Arbeiter im Weinberg
      H e i k e S t r ob l

      G r e n z ü b e rw i n d u n g d u r c h
      Menschlichkeit
      Christian Lillicrap

      H a m b u r g o d e r S t u t tga rt –
      H au p t sac h e To r o n to
      Marcus Bohnen
Seminarzeitung - Welt Ohne Grenzen arbeiter im Weinberg - Priesterseminar Hamburg
Inhalt
                                               Editorial   3    Ulrich Meier

                                  Arbeiter im Weinberg     4    Heike Strobl

                   Grenzenlosigkeit als Grenzerfahrung     5    Matti Melchinger

                                  Grenzen niederreißen     7    Kalia d’Albuquerque Martins

                              Zwischen (griech.: meso)     8    Marta Świętochowska-Lackowska

        „Ich bin ich“ und das ist es, was mich erschafft   11   Lina Dvaranauskienė

               Grenzüberwindung durch Menschlichkeit       12   Christian Lillicrap

 Leben in Neuseeland – Priesterseminar in Nordamerika      14   Lesley Waite

         Hamburg oder Stuttgart – Hauptsache Toronto       16   Marcus Bohnen

             Grenzen überschreiten – Grenzen abbauen       19   Julian Rögge

Unterwegs sein – Wo auf der Erde finde ich den Himmel?     20   Lucienne van Bergenhenegouwen

                     Liebes Hamburger Priesterseminar!     23   Fritjof Winkelmann

            Stirb und Werde – Pflanzenmetamorphosen        24   Eva Bolten

                                         Spendenaufruf     26   Christian Scheffler
Seminarzeitung - Welt Ohne Grenzen arbeiter im Weinberg - Priesterseminar Hamburg
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Editorial
Liebe Freunde und Förderer des Hamburger Priesterseminars,

welche heilenden Initiativen schulden wir dieser Zeit mit der bereits ein Jahr
anhaltenden Pandemie, die durch ihre gesundheitlichen Gefahren und sozia-
len Folgeerscheinungen für Menschen auf der ganzen Welt heillose Gruppen-
bildung und zunehmend dramatische Vereinzelung mit sich bringt?

In der großen Redaktionsrunde der Vollzeitstudierenden vor den Semester­
ferien war das diesjährige Thema schnell und einvernehmlich verabredet: W
                                                                        ­ ELT
OHNE GRENZEN. Dabei stand uns das Ideal eines Christentums vor Augen, dem
die Ebenbürtigkeit nicht nur des Menschen mit dem Schöpfergott sondern auch
aller Menschen auf dieser Welt untereinander ein Herzensanliegen ist. Daraus
geht die Sehnsucht nach Bildung verschiedenartigster geschwisterlicher Ge-
meinschaften hervor, als Anfang und Ziel religiöser Erneuerung aus dem ei-
nenden Geist Christi.

Uns wurde bewusst, dass in der Gemeinschaft der mit dem Hamburger Pries­
terseminar derzeit Verbundenen – vor allem auch durch die immer wieder für
besondere Zeiten nach Hamburg reisenden berufsbegleitenden Seminaristen
aus dem europäischen Raum – ein weltweiter und weltoffener Atem in unseren
Räumen anwesend ist, den wir uns für die aktuelle Zeitung wünschten. Aus
den zahlreichen freudigen Zusagen auf unsere Anfragen hin ist in den letzten
zwei Wochen eine Komposition entstanden, die uns in ihrer Vielfalt wie auch
in dem gemeinsamen Geist berührt hat.

Sie finden in diesem Heft Beiträge von Studierenden und Priestern aus bzw. in
Australien, Brasilien, Deutschland, Finnland, Litauen, Österreich, Niederlande,
Neuseeland, Polen und Schottland. Unsere Autorinnen und Autoren schreiben
über Grenzen, deren Bedeutung und Überwindung, über innere und äußere
Reisen, das Unterwegssein in die Fremde und zu sich selbst – und dabei müs-
sen sie notwendig auch auf das Ich des Menschen zu sprechen kommen, das
Begrenztheit schaffen und zugleich aufheben kann.

Wir hoffen, dass sich durch die in dieser Seminarzeitung versammelten Ge-
schichten, Gedanken und Bilder etwas von dem als Anregung vermittelt, was
uns bei der gemeinsamen Vertiefung in religiöse Erfahrungen und im Zugehen
auf das angestrebte priesterliche Wirken in dieser Welt und der aktuell heraus-
fordernden Zeit während der Studienarbeit im Seminar bewegt hat.

Mit herzlichen Grüßen aus der Redaktion
Ihr
Ulrich Meier
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              Arbeiter im Weinberg
                                                Heike Strobl, Vollzeitstudium

    „T
             atkräftig“ nennt sich eine       des Lohnes. Am Abend fühlt man sich      nach bedarf es nur einer kleinen Be-
             Organisation in Hamburg,         innerlich leer, entkräftet und müde.     wegung, die sich von außen nach in-
             welche Menschen unter-           Sieht man dann noch, wie jemand für      nen hinwendet. Dort begegnen wir
    stützt, die aus unterschiedlichen         weniger Aufwand denselben Lohn er-       uns selbst und gleichzeitig auch Chri-
    Gründen auf Hilfe angewiesen sind.        hält, kann man vielleicht nicht um-      stus. Aus dieser Christusliebe heraus
    Auf Freiwilligkeit beruht diese Art der   hin, seinem Ärger auch sprachlich        kann es uns gelingen, Liebe zu un-
    Arbeit. Je nach Vorliebe kann man         Ausdruck zu verleihen.                   serer Arbeit zu entwickeln. Danach
    zum Beispiel Bäume pflanzen, Wän-           Zum Menschsein gehört, dass wir es     ist der Schritt zu unserem Nächsten
    de streichen oder Stühle anfertigen.      nicht immer schaffen, allem und je-      ein leichter, und wir können uns mit
    Am Ende eines solchen Tages geht          dem mit Liebe zu begegnen. Die Lie-      dem freuen, der denselben Lohn er-
    man nach Hause mit Erinnerungen           be im Menschen darf erst noch entwi-     hält – auch für weniger Arbeit. Ir-
    an wundervolle Begegnungen, einem         ckelt werden. Dies ist jedoch ein Vor-   gendwann gelingt es uns vielleicht,
    erfüllten Herzen und einem Hände-         gang der Langsamkeit, der nach und       weit über uns hinauszuwachsen,
    druck als Dank.                           nach seit der Erschaffung der Erde         ÜBER ALLE GRENZEN DER WELT.
      Anders bei dem Arbeiter am Wein-        vonstatten geht. Seien wir also ge-        Mit Liebe, die sich tatkräftig äu-
    berg, der für einen zuvor vereinbar-      duldig mit uns. Schauen wir auf uns      ßert, kann es gelingen!
    ten materiellen Lohn von früh mor-        mit einem liebenden Blick und neh-
    gens bis zum späten Abend arbeite-        men wir uns an – mit allem was zu          Aus dem sonnigen Süden Deutsch-
    te. Ich denke, jeder von uns weiß,        uns gehört. Dann kann Freude wieder      lands schicke ich herzliebe Grüße in
    wie sich ein Tag anfühlt, wenn eine       in unser Leben einziehen. Um dieser      alle Länder und zu allen Menschen
    Tätigkeit verrichtet werden muss, die     Lebensfreude Ausdruck zu verleihen,      nach Ost und West, nach Süd und
    man nicht gerne macht, nur wegen          ist Tanzen eine gute Möglichkeit. Da-    Nord.
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               Grenzenlosigkeit als
            Grenzerfahrung – eine Welt
                  ohne Grenzen
                                   Matti Melchinger, Teilzeit-in-Vollzeit-Studium

D
       ie Welt ohne Grenzen mag          grenzenlos? Und die viel wesent-          will Karl Böhm mit diesem Satz errei-
       uns ja als etwas Scheinbares,     lichere Frage: Bedeutet Grenzenlo-        chen? Er wünscht sich ein Orchester,
       etwas utopisch Unumsetzbares      sigkeit gleich Freiheit?                  das spielt, als wäre die Musik nicht
im Herzen erscheinen. Wenn man da           Zu einem Orchester, vor dem er         im Moment entstanden, sondern als
den Weg der Meditation geht und          stand, sagte der Dirigent Karl Böhm       würde sie die hörbare Fortführung
die Worte: „Welt ohne Grenzen“ in        einmal „It’s allready played!“ Gestat-    des Unhörbaren sein. Letztendlich
sich bewegt, kann man erleben, wie       ten Sie mir eine freie Übersetzung:       ist das ein Inkarnationsgedanke. Ich
sich aus den inneren Bewegungen          „Es fand schon statt“, oder „es findet    bin mir sicher, dass ihm das nicht be-
Umkreise bilden möchten, welche          schon statt“. Er meinte damit den Be-     wusst war, aber es lässt sich doch so
in der Erdenwelt, in der wir leben,      ginn der Oper von Wolfgang Amadeus        erleben. Gerade wenn man diese Ou-
unweigerlich Grenzerfahrungen wer-       Mozart Le nozze di Figaro. Wem diese      vertüre hört. Eine irdische Inkarnati-
den müssen. Die Welt ohne Grenzen        Ouvertüre, und besonders der Beginn       on von musikalischen Gedanken fin-
ist also eine Grenzerfahrung in der      davon, ein Begriff ist, wird vielleicht   det da statt.
begrenzten irdischen Welt.               verstehen, was er gemeint hat. Denn         Was aber an diesem Beispiel so an-
  Ich möchte bewusst in diesem           es folgte dieser Satz nicht etwa aus      schaulich wird, ist, dass jegliches
kleinen Text nicht über die Situation    den Tiefen der „Erkenntniswelt Karl       in uns Inkarnierte sich ja ausbilden
schreiben, die uns gerade jetzt doch     Böhm“, vielmehr war es der letzte         möchte und diesem Ausbilden, die-
so sehr als Grenzerfahrung verbindet,    Versuch, den Musikern zu erklären,        sem Hörbar-machen, oft eine Tat vo-
jedoch möchte ich ein Wort voran-        was er meinte. Dem waren schon viel       rausgehen muss. Manchmal auch ei-
stellen, das mir in diesem Jahr der      Versuche der Erklärung durch rhyth-       ne Verzweiflungstat. In diesem Falle
Maßnahmen erfahrbar wurde:               mische, theoretische oder auch emo-       dieser wunderbare Satz. Jene Ausbil-
  Die Erweckung von Innen als Fol-       tional aufgeladene, fast schon wü-        dung der eigenen Kräfte und Wesen
ge der Welt begrenzender Vorgaben.       tende Vorgaben vorangegangen. Man         ist aber nicht etwa die Überwindung
  Dieses Wort kennzeichnet, so denke     kann sagen: Dieser Satz war eine Ver-     von Grenzen, sondern die Hineinver-
ich, die wesentlichste Fortführung, ja   zweiflungstat. Weil nicht in Worte zu     dichtung in die Wesenheit der irdisch
die das Menschenwesen am höchsten        fassen war, was er sagen wollte. Die      als Grenzerfahrung erlebbaren Gege-
bildende Folge-Möglichkeit der pan-      Worte waren begrenzt. Also ging er        benheiten. Die Welt ohne Grenzen
demischen Ereignisse. In meinem ge-      an den äußersten Rand der Gren-           kann sich also nur in uns selbst, in
samten Leben habe ich, einmal abge-      ze und formulierte diesen Satz. Ich       dem Christus ins uns, durch die Tat
sehen von den mir selbst gegebenen       kann seitdem nicht mehr aufhören,         des Sakramentes einstellen. Wollen
Grenzen, keine derartigen von außen      den Satz zu denken, wenn ich die-         wir dies in unseren begrenzten Zeiten
gegebenen Begrenzungen erlebt.           se Ouvertüre höre. Es ist im Übrigen      mutig und frei üben!
Und, wenn Sie eine freche Mutma-         genau das, was Musik kann: An den
ßung erlauben, gerade das hat gren-      äußersten Rand der irdischen Gren-
zenlose geistige Erfahrungen in mir      ze gehen. Ich vermute, dass sie nicht
begünstigt, vielleicht sogar erst er-    darüber hinaus gehen kann, jeden-
möglicht. Aber ist die geistige Welt,    falls habe ich das noch nicht erlebt.
wie sie hier genannt wurde, wirklich     Dies aber nur als Einwurf. Was aber
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          Grenzen niederreißen
             Kalia Cristyane d‘Albuquerque Martins, Vollzeitstudium und Studium für Berufstätige

G
       ibt es Grenzen überhaupt oder existieren sie nur in     kennen, dann können wir sie zugleich als Spiegel für indi-
       unserer Vorstellung der Welt? Eine provokante und       viduelle und kollektive Bewusstseinsstufen wahrnehmen.
       herausfordernde Frage, die man aus verschiedenen        Als z. B. die Mauer in Deutschland, die Berliner Mauer, er-
Blickwinkeln heraus betrachten kann. Was ist überhaupt         richtet wurde, hatte dies durchaus seinen Sinn und Zweck,
eine Grenze, eine Begrenzung oder das Ende?                    ohne dies jetzt bewerten zu wollen.
   Dafür ist es interessant und aufschlussreich, sich über        Der Fall der Mauer macht deutlich: Was früher möglich
die verschiedenen Möglichkeiten von Grenze klar zu wer-        und erlaubt war – auch gegen den Widerstand einiger – ist
den. An unserem physischen Körper können wir erkennen,         heute mittlerweile inakzeptabel geworden, weil es nicht
dass die Haut die erste große Begrenzung bildet. Sie ist       mehr der Entwicklung der Bewusstseinsseele entspricht.
da, wo ich aufhöre und die Welt anfängt. Schon die Pla-        Das lässt sich auch sehr gut ablesen an dem erfolgten
zenta markiert eine Grenze zwischen mir und der Mutter.        Stopp des Ausbaus der Grenze zwischen Mexiko und den
Sie trennt das Baby von der Welt, aber ernährt es doch         USA oder der Chinesischen Mauer, die sich von einem
von außerhalb, aus der Peripherie. Ohne Plazenta gäbe es       Schutzwall in eine touristische Attraktion gewandelt hat,
kein Leben.                                                    oder die Bemühungen in Europa im Rahmen der EU.
   Nach der klassischen Definition gibt es geografische           Ist aber auf der persönlichen, individuellen Ebene eine
Grenzen zwischen Städten, Regionen und Ländern, von            Welt ohne Grenzen und Abgrenzung möglich? Ja, aber …
denen man sagen kann, dass hier ein Gebiet, eine Stadt,        nur im gedanklich erfassbaren Ideal, in der wahrhaften
ein Land aufhört und auf der anderen Seite etwas neues         und wirklichen Begegnung der menschlichen Seele mit
beginnt. Wenn wir außer acht lassen, wie das zu bewer-         dem Christus. Damit dies geschehen kann, muss ich meine
ten wäre, ob es richtig der falsch ist, funktioniert das re-   eigenen Gedanken und Gefühle zurückstellen, dass heißt
lativ gut, aber eben nur eine begrenzte, ein kurze Zeit!       meine eigenen Grenzen zurücknehmen, um Platz für den
Es gibt geografische, politische, ökonomische und soziale      anderen Menschen und seine Gedanken zu schaffen. Die-
Veränderungen, die im wahrsten Sinne des Wortes Gren-          se Welt ist grenzenlos. Die Begegnung zwischen mir und
zen niederreißen.                                              dem anderen ist durchtränkt von Freiheit – von Ich zu
   São Paulo ist die größte Stadt Brasiliens, was sowohl       Ich, von Seele zu Seele –, die immer von dem Christus als
die Einwohnerzahl als auch die Fläche betrifft. Man kann       Brücke vermittelt ist, so wie er es selber ausgesprochen
São Paulo als die Hauptstadt der Region bezeichnen, aber       hat: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem
auch den Blick auf die Peripherie erweitern, dann spricht      Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Ju-
man vom GRAN SÃO PAULO, dem großen São Paulo, das in           an Ramón Jiménez beschreibt die Anwesenheit und Wir-
   A-,B- oder C-„Paulisten“ unterteilt ist:                    kung des Christus in der menschlichen Seele auf dichte-
   San Andrés                                                  rische Art:
   San Bernardo
   San Caetano                                                                   ICH BIN NICHT ICH.
   Dies sind die Randstädte an der Peripherie, die von Fir-
men und deren Arbeitern erbaut wurden und dem groß-                                  Ich bin jener,
en SAN PAULO sein Leben verleihen und es ihm geben. Es
handelt sich um drei kleinere Städte, die aber in den letz-    der an meiner Seite geht, ohne dass ich ihn erblicke,
ten 50 Jahren gewachsen sind und fast keine Trennungen,
keine Grenzen zueinander gebildet haben, zeigen und auf-                         den ich oft besuche,
weisen. Trotzdem sind sie notwendig, um soziale, ökono-
mische und politische Grenzen hervorzubringen.                                und den ich oft vergesse.
   Auf der einen Seite können wir also durchaus die Nütz-
lichkeit und Notwendigkeit von Trennungen und Gren-                Jener, der ruhig schweigt, wenn ich spreche,
zen erkennen. Ohne Grenzen wäre das menschliche Le-
ben nicht möglich. Angefangen vom Mutterleib bis hin zu              der sanftmütig verzeiht, wenn ich hasse,
Städten und Ländern erweisen sie sich als unabdingbar.
Der Fall von Grenzen vollzieht sich in Übereinstimmung                  der umherschweift, wo ich nicht bin,
mit einem Bewusstseinswandel. Wenn wir von der Grenze
ausgehen und sie in ihrem Wert für die Entwicklung aner-            der aufrecht bleiben wird, wenn ich sterbe.
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                  Zwischen (griech.: meso)
                     Marta Lackowska-Świętochowska, Studium für Berufstätige, polnische Gruppe

    S
         eit über zehn Jahren interes-        meinsamer Verantwortung besteht.             „Zwischen“ …
         siere ich mich für das Konzept       Die gemeinschaftsbildende Rolle des          … ist ein Wort, das in Zeiten der
         des Sozialkapitals – eine For-       Sozialkapitals manifestiert sich im       Pandemie so viel Bedeutung und Ge-
    schungskategorie, die schwer zu defi-     Aufbau von Brücken (Verbindungen,         wicht gewonnen hat. Was sich zwi-
    nieren oder zu messen ist und die sich    Beziehungen) unabhängig von Bluts-        schen Menschen ergeben kann, wird
    dem Auge des Betrachters entzieht.        verwandtschaft, Nationalität, Rasse       im öffentlichen Diskurs plötzlich als
    Sozialkapital ist eine Eigenschaft, die   oder Geschlecht. Es ist der Aufbau        Bedrohung aufgeladen – oft ver-
    nicht einem Individuum zugeschrie-        einer Gemeinschaft, die sich den Ge-      steckt, unsichtbar, lauernd im Schat-
    ben wird, sondern den Verbindungen        setzen der Vererbung entzieht, weil       ten von Unsicherheit und Angst um
    zwischen Menschen, sowohl denen,          sie aus der Freiheit ihrer eigenen Ent-   die eigene Gesundheit und die Ge-
    die integrierte Gemeinschaften bil-       scheidungen resultiert.                   sundheit der Angehörigen. Das „Zwi-
    den, als auch denen, die einander           Der so verstandene Begriff des So-      schen“, das anderthalb oder zwei Me-
    scheinbar fremd sind. Hinter dem          zialkapitals entspricht der Kategorie     ter groß sein muss und die oxymo-
    Konzept des Sozialkapitals steht die      des „Zwischen“ im Evangelium, das         ronische „soziale Distanz“ genannt
    Überzeugung, dass zwischenmensch-         wir zum Beispiel aus dem Wort Jesu        wird, als ob Distanz etwas mit Ge-
    liche Bindungen eine Ressource            Christi kennen: „Denn wo zwei oder        meinschaft zu tun hätte ... Das „Zwi-
    (Kapital) darstellen und die Lebens-      drei in meinem Namen versammelt           schen“, das sein Gesicht unter einer
    qualität und das Entwicklungstem-         sind, da bin ich mitten unter ihnen“      Maske verbergen muss, weil atmende
    po von bestimmten Gemeinschaften          (Mt 18,20). Der auferstandene Chris­      Gemeinschaft töten kann. Viele indi-
    bestimmen. Eine Verbindung, die als       tus zeigt sich den Jüngern ebenfalls      gene Kulturen betrachteten das Teilen
    Sozialkapital bezeichnet wird, ist        in dieser Sphäre: „Während sie so re-     des Atems als einen außergewöhn-
    eine Beziehung des Vertrauens, des        deten, stand er selbst mitten unter ih-   lichen Moment, als Beweis für höchs-
    Respekts oder der freundschaftlichen      nen und sagte zu ihnen: Friede sei mit    tes Vertrauen – man denke nur an den
    Zusammenarbeit.                           euch“ (Lk 24,36 und Joh 20,19 bzw.        Ausdruck „Rauchen der Friedenspfei-
       Es scheint auch, dass das Kon-         20,26). Im Altgriechischen taucht an      fe“ oder an das hawaiianische Wort
    zept des Sozialkapitals auf das religi-   diesen Stellen das Wort „meso“ auf,       „Ohana“, das „Familie“ bedeutet und
    öse Leben übertragen werden kann.         was „zwischen“, als „en meso“ auch        buchstäblich „die Gemeinschaft des
    Ziel der Entwicklung einer modernen       „in der Mitte“ bedeutet. Meso wird 30     Atems“ meint. Das Buch Genesis der
    christlichen Gemeinschaft ist es, so-     Mal in den Evangelien verwendet (Mt       Hebräischen Bibel spricht auch von
    wohl die zwischenmenschlichen Bin-        6; Mk 5; Lk 13; Joh 6), weitere 25        einem Hauch, mit dem geistiges Le-
    dungen zu vertiefen und zu veredeln       Mal in der Apostelgeschichte (10) und     ben in den Menschen aus Lehm kam:
    als auch sich nach außen hin zu öff-      den Apostolischen Briefen (15).           „Da bildete der HERR, Gott, den Men-
    nen und sich nicht vor Außenstehen-         Für eine christliche Gemeinschaft       schen ⟨aus⟩ Staub vom Erdboden und
    den zu verschließen. Die bloße Fes­       scheint es besonders wichtig zu sein,     hauchte in seine Nase Atem des Le-
    tigung und Vertiefung von nahen           einen Raum zwischen den einzelnen         bens; so wurde der Mensch eine le-
    Bindungen ohne Öffnung für andere,        Gliedern zu schaffen; einen Raum, der     bende Seele“ (1. Mose 2,7).
    uns unbekannte Menschen führt zu          strukturiert und nicht leer ist, son-        Unter einem solch rationalen Deck-
    clan-mafiösen Strukturen. Sich nach       dern mit einem subtilen Netz von ge-      mantel, voll von Rhetorik über sozi-
    außen zu öffnen, ohne neue Bezie-         genseitigen Beziehungen gefüllt ist.      ale Verantwortung, wird das heili-
    hungen zu pflegen und zu vertiefen,       Es ist dieser Raum, der der geistigen     ge „Zwischen“ zerstört. „Zwischen“,
    birgt die Gefahr der Anonymität und       Welt zugänglich sein kann – auf den       das ist das Sakrament der Begegnung
    Oberflächlichkeit. Die Öffnung mit        sich der Priester während der Men-        zwischen Menschen. Das „Zwischen“,
    gleichzeitiger Bewahrung der tie-         schenweihehandlung bezieht, wenn          in dem – wie er selbst angekündigt
    fen, nahen Bindungen ist vergleich-       er ausspricht: „Christus in euch!“ Wie    hat – Christus mit uns ist.
    bar mit dem Aufbau eines immer grö-       in den oben zitierten Passagen des           Kann das „Zwischen“ töten?
    ßer werdenden Netzes von gegensei-        Evangeliums wird der Raum zwischen           Diese Frage erinnert an den schwie-
    tigen Verbindungen. Ein Netzwerk,         den Menschen zur conditio sine qua        rigen Text von Janusz Korczak über
    das aus Vertrauen, Akzeptanz, Lie-        non dafür, dass Christus unter ihnen      das Recht des Kindes auf den Tod.
    be, Respekt, Verbundenheit und ge-        erscheinen kann.                          Korczak zeigt sehr schön, wie die
Seminarzeitung - Welt Ohne Grenzen arbeiter im Weinberg - Priesterseminar Hamburg
9

Erziehungsberechtigten, die auf das
körperliche Wohl des Kindes bedacht
sind und es vor Schaden bewahren
wollen, ihm dabei das Recht auf Le-
ben nehmen. „Nicht rennen, sonst
fällst du um“; „nicht im Schlamm
spielen, sonst erkältest du dich.“
Und paradoxerweise nehmen wir dem
Kind, indem wir ihm nicht das Recht
geben, zu sterben (sich zu verletzen,
krank zu werden), auch sein Recht
auf Leben – zu rennen, zu springen,
zu planschen. Der uralte Konflikt „Si-
cherheit versus Freiheit“ erscheint im
Leben eines kleinen Menschen ...
  Auch Erwachsene haben das Recht
zu sterben. Und voll zu leben, bevor
sie sterben. Jemandem die Freiheit
der Wahl zum Atmen unter dem Vor-
wand des allzu kurzen Versprechens
von Sicherheit (um Ansteckung und
Tod zu vermeiden) wegzunehmen, be-
deutet, das Recht wegzunehmen, zu
leben und zu sterben. Um ein erfülltes
Leben führen zu können, braucht man
„Zwischen“ …
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11

                 „Ich bin ich“
               und das ist es, was
                 mich erschafft
                                Lina Dvaranauskienė, Teilzeit-in-Vollzeit-Studium

M
       ein Körper definiert mich im Raum und vermittelt      sich in nachhaltig gesunden Selbst-Grenzen zu befinden
       mir das Wissen, dass ich existiere. Er lehrt mich     und kraftvoll nach diesem Bewusstseins- und Seelenzu-
       mit eigenen Sinnesorganen, die Welt um mich           stand zu streben.
herum und ihre Gesetze wahrzunehmen. Meine Sprache             Dennoch ist die Welt ein Ort der Polarität. So wie die
formt mich mit ihrem Klang, wenn es sonst nichts gibt.       wahren Formen der Dinge nur dann zum Vorschein kom-
Sie verleiht mir meine eigene, eigentümliche Form. Mit       men, wenn sich Licht und Dunkelheit begegnen, so kann
ihr kann ich mich zudecken wie mit einem bunten Schal.       der Mensch sein wahres Wesen nur in der Begegnung mit
Meine Nationalität schenkt mir die mich kennzeichnende       einem anderen Menschen erfahren. Erst dann, wenn sich
äußere Gestalt und bildet meine Wurzeln. Wurzeln, die        unsere persönlichen Grenzen berühren und überschnei-
in einem bestimmten Teil der Welt in den Boden hinab-        den, beginnt der Prozess der Erkenntnis und der kreativen
gelassen werden und zu denen ich immer wieder zurück-        Zusammenarbeit. In diesem Moment wird man zu einer
kehren kann, wenn es sonst nichts gibt. Dies sind meine      Veränderung ermutigt und bekommt Möglichkeit zu wach-
persönlichen leiblichen und seelischen Grenzen. Sie defi-    sen, weil man in lebendiger Kommunikation mit einem
nieren und identifizieren mich, sie geben mir Sicherheit     anderen steht. Und es ist ein kraftvoller Zustand des Zu-
und Vertrauen. Sie sind der Ausgangspunkt, von dem aus       sammenseins, wenn man sich eins fühlt, obwohl man zu
ich messen kann, wie weit oder nah ich einem anderen         zweit ist. Gemeinschaft gibt es auch dann, wenn es sonst
Menschen bin.                                                nichts gibt. Dies ist der Zustand eines lebendigen Orga-
  Natürlich gibt es auch andere Grenzen. Solche, die durch   nismus, der eine Grundlage für die Schöpfung von etwas
die Erwartungen und Ansprüche von anderen Personen ge-       Neuem ist, das wächst, sich vervielfältigt und ausbreitet –
schaffen werden. Von Eltern, die schon im ersten Moment      und das eine machtvolle Wirkung erzeugt: „Denn wo zwei
unserer Geburt persönliche Wünsche und Vorstellungen         oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich
davon haben, wie sich unser Leben entwickeln soll. Von       mitten unter ihnen“ (Mt 18,20).
„klugen“ Lehrern, die die Messlatte immer höher legen          Diese Worte Christi sind wie ein Leuchtfeuer, an dem
und uns nur dann akzeptieren, wenn wir bestimmte An-         wir die Fülle wahrer Gemeinschaft erfahren können. Erst
forderungen erfüllen. Soziale Normen passen uns an die       wenn ich dem anderen erlaube, meine persönlichen Gren-
Algorithmen der allgemein akzeptierten Verhaltensregeln      zen zu überschreiten, wenn ich die Grenzen der Angst,
sozialer Gruppen an. Aber diese Grenzen üben Druck auf       des Misstrauens und der Vorurteile aus dem Weg räume,
uns aus, lassen Angst und Misstrauen wachsen. Deshalb        wenn ich demütig annehme, was auf mich zukommt, dann
ist es wichtig, sich selbst zu reflektieren und zu fragen:   öffne ich mein Herz für die Zusammenarbeit und das Mit-
Wo bin ich jetzt? Sind diese Grenzen meine eigenen, oh-      einander. Dann öffne ich mein Herz für das Licht Christi.
ne die ich nicht existieren kann, die mich das Gefühl von    Für das Licht, in dem ich mich als Ich-Mensch verändern
„Ich bin ich“, Sicherheit und Vertrauen erleben lassen?      und Teil des allumfassenden seelisch-geistig-göttlichen
Jeder Mensch hat dieses ihm innewohnende Bedürfnis,          Wandlungsprozesses sein kann.
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       Grenzüberwindung durch
           Menschlichkeit
                                               Christian Lillicrap, Vollzeitstudium

     N
            ationale Grenzen verändern          terinnen. Die Christengemeinschaft        sie meist recht hart und immergrün.
            sich im Laufe der Zeiten,           ist in gewissem Sinne eine spiritu-       Devon hat vier ausgeprägte Jahres-
            abhängig von geografischen,         elle Gemeinschaft ohne Grenzen.           zeiten – in Sydney gibt es die sechs
     kulturellen und religiösen Gege-           Ja, es gibt die Grenzen der Sprache,      subtilen Winde und Veränderungen in
     benheiten. Sie können eine Gruppe          aber selbst mit diesen Grenzen wä-        der Umgebung, von denen die Abo-
     von Menschen anhand von Sprache,           re jemand, der mit der Menschenwei-       rigines sprechen. Angesichts dieser
     Bräuchen und Glauben definieren. Sie       hehandlung auf Deutsch oder Eng-          Unterschiede war es ein großer Trost,
     können aber auch willkürliche Tren-        lisch vertraut ist, in der Lage, bis zu   bald nach unserer Ankunft in Sydney
     nungen aufgrund von politischem            einem gewissen Grad demselben Ri-         in der Beattie Street in Balmain auf-
     oder finanziellem Druck darstellen.        tual auf Japanisch oder Russisch zu       zutauchen. Balmain, eine Halbinsel
     In mancher Hinsicht wirken sie ver-        folgen. Das Ritual und die Symbole        mit malerischen viktorianischen Häu-
     altet, und doch scheinen wir nicht in      bleiben dieselben, da sie auf zutiefst    sern aus Sandstein, Ziegeln und Holz,
     der Lage zu sein, ohne sie zu leben,       menschlichen Wahrheiten beruhen.          ist seit vielen Jahren die Heimat der
     selbst in dieser Zeit der weit verbrei-    Ich entdeckte dies für mich selbst,       Christengemeinschaft in Sydney.
     teten finanziellen Globalisierung. Mir     als ich im Jahr 2000 mit meiner Fa-         Damals war sie auf einem großen
     liegt am Herzen, soziale Strukturen        milie von South Devon nach Sydney,        Grundstück in einer Gegend mit meist
     zu schaffen und an ihnen festzuhal-        Australien, zog.                          sehr kleinen Blocks. Es gab ein altes
     ten, die diese Grenzen überschreiten          Obwohl in Australien wie in Groß-      Haus mit einer langen, schattigen Ve-
     und den Weg zu einer Bruder- und           britannien Englisch gesprochen wird       randa im Kolonialstil aus den 1870er
     Schwesternschaft aller Menschen            (wenn auch mit einem anderen Ak-          Jahren und darunter einen stufen-
     fortsetzen.                                zent!) und beide Orte hohe Nieder-        förmigen Garten, der ehemals drei
        Ich las zum ersten Mal die Worte        schlagsmengen und eine daraus resul-      Tennisplätze umfasste. In der Ecke
     „Die Christengemeinschaft“ auf ei-         tierende Üppigkeit aufweisen, gibt es     des Grundstücks stand eine verfalle-
     ner Anschlagtafel vor einem sehr ge-       grundlegende Unterschiede zwischen        ne Kapelle aus dem 19. Jahrhundert,
     wöhnlich aussehenden Vorstadthaus          den beiden Ländern. Devon hat eine        die schon lange nicht mehr genutzt
     aus den 1930er Jahren in Exeter,           geringe Bevölkerungsdichte – die von      wurde, an die aber vor einigen Jahr-
     England. Als ich auf dem Weg in die        Sydney ist hoch. Die Vögel singen in      zehnten ein Holzschuppen angebaut
     Stadt daran vorbeiging, fragte ich         Devon lieblich und sanft – in Sydney      wurde. Dies war die Kapelle der Chri-
     mich, was für eine Art von Kirche das      schreien und krächzen viele. Die Son-     stengemeinschaft, ein ausgedienter
     wohl sei, deren Gebäude wie ein Pup-       ne, wenn sie überhaupt da ist, ist in     Tennis-Pavillon. Am anderen Ende
     penhaus aussieht. Ich sollte es bald       Devon meist relativ sanft – in Syd-       des Gartens standen Bienenstöcke
     herausfinden. Nachdem ich mit mei-         ney kann sie so heftig sein, dass sie     und viele Arten von einheimischen
     ner Frau und meinen kleinen Kin-           Sie ins Haus jagt und, da sie natür-      Bäumen und Pflanzen sowie europä-
     dern einige Meilen umgezogen war,          lich auch tödlich in ihrer Kraft ist,     ische Zierpflanzen. Jenseits davon,
     um näher an der South Devon Stei-          Buschfeuer erzeugt. Die wilden Tiere      über den Dächern von Balmain, erho-
     ner School zu sein, entdeckten wir,        in Devon, wenn man sie denn sieht,        ben sich die schimmernden Wolken-
     dass die Exeter Christian Community        sind meist harmlos und gutmütig –         kratzer der Stadt. Es war ein absolut
     ebenfalls umgezogen war, nämlich in        in Sydney sind Kängurus und Walla-        bezaubernder Ort, der die Besucher
     unsere Nähe nach Buckfastleigh. Tat-       bys auch nicht aggressiv, aber es gibt    von den belebten Straßen in eine Oa-
     sächlich wurden wir bald in das Le-        einige Schlangen, Spinnen und Mee-        se der Ruhe einlud. Hier führte die
     ben der Christengemeinschaft dort          resbewohner, die einen töten kön-         damalige Pfarrerin Rosalind Pecover
     einbezogen. Elizabeth Roberts und          nen. Pflanzen sind in Devon weich         mich und meine Familie über mehre-
     dann Ann Klemm waren unsere Pries­         und sommergrün – in Sydney sind           re Jahre hinweg durch ihre Predigten
13
in das Verständnis der uns nun umge-      sind damit die älteste überlebende        im Hafen von Sydney, pflanzte er die
benden Natur ein. Ihre Bilder von den     Kultur der Welt. Ihre Spiritualität ist   Flagge der Aborigines am Strand un-
subtilen Veränderungen der Pflanzen,      reich und komplex und basiert auf         terhalb der White Cliffs of Dover und
den Rufen der Vögel, dem Spiel des        einer tiefen Verwurzelung mit dem         forderte Großbritannien für die Ab-
strahlenden Lichts auf den Wasserflä-     Land, den Pflanzen, den Tieren und        origines. Burnum Burnum besuchte
chen in und um Sydney ließen uns          dem Kosmos. Sie sind in vielen Ge-        auch die Christengemeinschaft in
zu einer tieferen Verbindung mit dem      genden Sydneys nicht so präsent und       Balmain. Ich stelle mir gerne vor, wie
finden, was so ganz anders war als        ihre Lehre ist nicht leicht zugäng-       er mit Rosalind spricht und sich die
das Land, das wir hinter uns gelas-       lich, obwohl die Stadt über riesige       Bienenstöcke ansieht.
sen hatten. Ermutigt durch Rosalind,      Gebiete mit einheimischem Busch-            Im Jahr 2011 wurde ich Mitglied der
die mich und meine Familie unter ih-      land verfügt. Die 200 Jahre der Kolo-     Christengemeinschaft. Bis zu diesem
re geistlichen Fittiche nahm, war ich     nialisierung haben in gewisser Wei-       Zeitpunkt war ich natürlich nicht auf
bald sehr engagiert, spielte Musik,       se die Kultur und die Gesellschaften      eine formale Mitgliedschaft bedacht,
ministrierte bei den Sakramenten,         der Aborigines verwüstet, aber kei-       aber als unsere Priesterin mich fragte,
brachte unsere Kinder zum Kinder-         neswegs zerstört. Ich bin kein Abo-       ob es mich interessiere, dass die
gottesdienst und später zum Konfir-       rigine. Ich wurde nicht in Australi-      Christengemeinschaft auch in zwan-
mandenunterricht. Die Leute kamen         en geboren. Ich kam als Einwanderer       zig Jahren noch existiere, wurde mir
aus ganz Sydney. Einige ältere Damen      in eine ursprünglich britische Stadt,     klar, dass es Zeit war, den Schritt zu
reisten zwei Stunden, um dorthin zu       die weit von Großbritannien entfernt      wagen. Von dieser Zeit an, ermutigt
kommen. Oft gab es Besucher aus           war und die jetzt sehr kosmopoli-         durch die australische und neuseelän-
dem Ausland, Priester oder andere,        tisch und vor allem nordasiatisch ist.    dische Lenkerin, Cheryl Nekvapil, und
die Vorträge und Workshops hielten.       Es war schwierig, sich mit dem Land       nachdem ich einige der Pro-Seminare
Es war ein belebter Ort, an dem ich       verbunden zu fühlen.                      von Lisa Devine und anderen besucht
mich sofort „zu Hause“ fühlte.               Die Christengemeinschaft und die       hatte, zog es mich zur Ausbildung für
   Die christlichen Jahresfeste in Aus-   anthroposophische Gemeinschaft ins-       das Priestertum, und jetzt befinde ich
tralien waren für mich „auf den Kopf      gesamt gaben mir einige Werkzeuge         mich in Hamburg.
gestellt“. Johannizeit ist mitten im      an die Hand, um zu beginnen, unter          Die Verbindungen, die ich durch
Winter, Weihnachten im Hochsom-           dem europäischen/asiatischen/ame-         die Christengemeinschaft und durch
mer. Das ist eine interessante He-        rikanischen Furnier zu kratzen und zu     meine Arbeit als Musiklehrer sowohl
rausforderung für jeden, der Jahr-        spüren, worum es in dem Land geht.        an der South Devon Steiner Schule als
zehnte in der nördlichen Hemisphäre       Obwohl ich ihn nie getroffen habe,        auch an der Glenaeon Rudolf Steiner
verbracht hat. Ich stellte fest, dass     liebe ich die Geschichten von Burnum      Schule in Sydney geknüpft habe, ha-
ich mich nicht einfach auf die ge-        Burnum, einem Ältesten, Aktivisten        ben es mir ermöglicht, mich als Welt-
wohnten Gefühle verlassen konnte,         und Schauspieler, der das erste Ab-       bürger zu fühlen, und mich ermutigt,
die durch eine Verbindung zwischen        origine-Mitglied der Anthroposophi-       hinter die oberflächlichen, aber kräf-
bestimmten Arten von äußeren Be-          schen Gesellschaft von Australien         tigen Unterschiede von Kultur, Spra-
dingungen und einem Fest entste-          wurde. Er sagte einmal: „Ihr Steiner-     che und sogar Religion zu schauen,
hen, zum Beispiel die „Gemütlich-         Leute seid die Aborigines des Univer-     um zu versuchen, das zu finden, was
keit“ von Weihnachten in der nörd-        sums“. 1988, am Tag des 200. Jahres-      uns alle wirklich verbindet, unsere
lichen Hemisphäre oder das Gefühl         tages der Ankunft der Ersten Flotte       Menschlichkeit.
des Erwachens, wenn das Wetter zu
Michaeli kühler wird. Der Versuch,
an den inneren Bildern der Heiligen
Nächte festzuhalten, wenn es drau-
ßen 40 Grad warm ist, ist sicher eine
gute Übung, mit der ich nicht immer
Erfolg hatte. In den letzten Jahren
hat Lisa Devine, die derzeitige Pfar-
rerin in Sydney, während der Heiligen
Nächte wunderbare Kurse für die Ge-
meinschaft gehalten. Von Anfang un-
serer Zeit in Australien an halfen die
Worte der Sakramente, die Farben,
die Gesten und die Predigten, mich
„geerdet“ zu halten, aber nicht ge-
trennt von der Realität der Erfahrung,
jetzt auf diesem Kontinent zu leben.
   Die Aborigines leben seit vielleicht
100.000 Jahren in Australien und
14

              Leben in Neuseeland –
          Priesterseminar in Nordamerika
                          Lesley Waite, Vorbereitungskurs Toronto Seminary in Spring Valley

     E
           s ist fast 33 Jahre her, dass die   Cook (höchster Berg Neuseelands).       „Nachholen“ von Taufen, Konfirmati-
           Christengemeinschaft in Austra-        Flüsse schlängeln sich von den       onen und Trauungen, Gedenkgottes-
           lien (Advent 1988) und Neusee-      Südalpen über die Ebenen der Süd-       diensten für die Verstorbenen und
     land (Michaeli 1989) gegründet wur-       insel Neuseelands. Das Wasser jedes     Beichtsakramenten nach Bedarf, so-
     de. Diese Gründungen vervollständig­      Flusses strömt über eine weite Flä-     wie der Menschenweihehandlung so
     ten den Eintritt der Bewegung für         che aus Grauwackeschotter, der aus      oft wie möglich. Jetzt ist der Rhyth-
     religiöse Erneuerung in die südliche      den Bergen herausgeschwemmt wur-        mus solcher Aktivitäten stetiger und
     Hemisphäre. Vorangegangen waren           de, aber wenn der Schnee im späten      webt sich durch die Feste in jedem
     die Gründung in Südamerika im Jahr        Frühjahr schmilzt und die Regenfälle    Jahr.
     1960 und Südafrika im Jahr 1965.          zunehmen, füllt sich die gesamte Flä-     An Zusammenflüssen sammelt
        Wenn man einen Globus betrach-         che mit schnell fließendem Wasser.      sich das Wasser in der Hauptströ-
     tet, ist der Südpol von einer großen         Der erste Besuch eines Priesters     mung und ermöglicht auch ruhige
     gefrorenen Landmasse bedeckt, der         (Eileen Hersey) in Neuseeland fand      Ansammlungen in kleinen Schleifen;
     amerikanische und der afrikanische        1968 statt und umfasste alle vier Ge-   nie ganz still ist das Wasser an einer
     Kontinent „tauchen“ mit ihren süd-        meinden, die heute von zwei aktiven     bestimmten Stelle, sondern ständig
     lichen „Spitzen“ in die ausgedehnten      Priestern – Hartmut Borries und Che-    in Bewegung. Ursprünglich lernte ich
     südlichen Gewässer ein. Australien        ryl Prigg – und zwei Priestern im Ru-   die Christengemeinschaft in Hawkes
     steht als die Terra Australis da, die     hestand – Kevin Coffey und Elke Bau-    Bay während Michael Tapps erstem
     von den europäischen Entdeckern ge-       blies – betreut werden. In Auckland,    Besuch in Neuseeland 1979 kennen;
     sucht wurde, während Neuseeland als       dem größten Ballungsraum, sind drei     1984 zog ich nach Christchurch um
     zwei lange, dünne Inseln erscheint,       dieser Priester zu Hause, und in ih-    und bereitete mich auf Julian Sleighs
     von denen wir heute wissen, dass          rem Kirchengebäude finden wöchent-      ersten Besuch vor. Jetzt lebe ich in
     sie die Kreuzung zweier großer tek-       lich zwei Gottesdienste statt. Die      Wellington und habe auch ein bis
     tonischer Platten überspannen: die        drei anderen Gemeinden in Hastings      zwei Jahre in Auckland verbracht, so
     Pazifische Platte, die sich von Kali-     (Hawkes Bay), Wellington und Christ-    dass ich seit den 1980er Jahren die
     fornien aus erstreckt, und die Indo-      church werden regelmäßig besucht;       Gelegenheit hatte, in jeder der vier
     Australische Platte, die sich an Asien    einer der pensionierten Priester lebt   Gemeinden mitzuarbeiten. Im Laufe
     reibt und den Himalaya bildet. Neu-       in Hawkes Bay.                          der Jahre umfasste meine Beziehung
     seeland liegt an der Spitze – so weit        Manchmal, wie die Flüsse, sind die   zur Gemeinde die Sekretariats- und
     östlich und so weit westlich, wie man     Gemeinden voller Aktivität, zu an-      Finanzverwaltung und die praktische
     nur kommen kann – seine Südalpen          deren Zeiten fühlen sie sich weniger    Unterstützung wie den Aufbau von
     markieren den Schnittpunkt der tek-       belebt an. Im Laufe der Jahre brin-     Altären, die Arbeit mit Kindern und
     tonischen Platten. Und der Tag, ge-       gen die besuchenden und entsandten      das Ministrieren bei Sakramenten. Als
     messen nach Greenwich Mean Time,          Priester, wie die Nebenflüsse eines     sich die familiären Verpflichtungen
     beginnt in den Gewässern des Pa-          Flusses, neue Impulse und Aktivi-       änderten und ich begann, Deutsch zu
     zifischen Ozeans direkt östlich von       täten, die in den Fluss der sakramen-   lernen, konnte ich von Oktober 2003
     Neuseeland.                               talen Feier in den Gemeinden aufge-     bis Juli 2004 das Seminar in Stutt­gart
        Der verzweigte Tasman River fließt     nommen werden. Vor der Gründung         besuchen. Eine weitere „­Schleife“,
     aus den Südalpen; rechts der Mt.          beinhalteten die Besuche immer ein      ein weiterer „Nebenfluss“ ergab sich,
Der verzweigte Tasman River fließt aus den Südalpen; rechts der Mt. Cook (höchster Berg Neuseelands).­­

als ich mich auf einen Master in Pä-      um mit einer geplanten Priesterweihe          dann nach Spring Valley im Bundes-
dagogik konzentrierte; dann wurde         dort im Advent besuchen sollte. Da            staat New York um und wurde dort
ich im Mai 2019 eingeladen, ein Stu-      die Grenzen geschlossen waren und             2011 wieder eröffnet. Erst im Sep-
dium zum „Working Priest – Retired“       sich nicht wieder öffneten, verlegte          tember 2019 zog das Seminar nach
(da ich jetzt über 65 Jahre alt bin)      einer der Leiter, Patrick Kennedy,            Toronto, Kanada, mit den Leitern Pa-
für Neuseeland in Betracht zu ziehen.     dieses Vorbereitungsstudium nach              trick Kennedy und Jonah Evans um.
Fast sofort schloss ich mich der Pro-     Spring Valley, USA, wo wir Mitte Ja-          Zurzeit, da die Grenzen nach Kanada
Seminar-Gruppe in Australien für ih-      nuar begannen. Wir sind eine Gruppe           geschlossen sind, sind die Lehrgrup-
re langen Wochenendkurse an, die im       von acht Frauen, die höchste Anzahl           pen auf Toronto mit Jonah Evans,
Juli und November 2019 und im Ja-         von Weihekandidaten, die je in Nord-          Hillsdale (bei Great Barrington, USA)
nuar 2020 stattfanden. Dort traf ich      amerika vorbereitet wurden. Das Stu-          und Spring Valley verteilt. Priester-
Liza Lillicrap (die in diesem Jahr in     dium mit Patrick wird vom örtlichen           weihen in Nordamerika wurden bis-
Berlin geweiht wurde) und Damien          Pfarrer, Paul Newton, und von ande-           her meist in der Passionszeit abge-
Gilroy aus Adelaide, der hofft, seine     ren nordamerikanischen Priestern un-          halten; für diese jetzige Gruppe wird
Vorbereitung im Jahr 2022 fortzuset-      terstützt, die für vier bis sechs Tage        es eine andere Gründungsgeste sein,
zen. Während des restlichen Jahres        während der Unterrichtswoche zu Be-           die Gewandfarben zu Himmelfahrt zu
2020 entwickelte und hielt Hartmut        such kommen. Oliver Steinrueck ge-            tragen. Der auferstandene Christus
Borries mit Cheryl Prigg in Auckland      lang kürzlich ein 10-tägiger Besuch           steht, wie die Berge, in Reinheit und
Wochenendkurse für eine sich ent-         und er hofft, zur nordamerikanischen          Licht im sakramentalen Vollzug der
wickelnde Pro-Seminar-Gruppe; wir         Synode in der zweiten Maiwoche zu-            Christengemeinschaft. Und wie der
schafften sechs Treffen während des       rückzukehren, mit Priesterweihen              Christus selbst, so sind auch die Sa-
Jahres.                                   über Christi Himmelfahrt vom 14. bis          kramente für die ganze Menschheit
  Ursprünglich war gedacht, dass ich      16. Mai.                                      da, die seine heilende Kraft erkennt.
das Toronto Seminary für ein abschlie-      Das North American Seminary be-
ßendes viermonatiges Intensivstudi-       gann 2003 in Chicago, Illinois, zog
Projekt
 Brückenbau
Was für eine schöne Idee: Ein Beitrag für die
Veröffentlichung des Stuttgarter-Hamburger
Priesterseminars, dessen erster Teil in der Ham-
burger Seminarzeitung veröffentlicht wird, ge-
folgt von dem zweiten Teil, der im Stuttgarter
Seminarbrief erscheinen soll. In der Anfrage
an die Redaktion schwang neben dem Enthu-
siasmus der Gemeinsamkeit über die Grenzen
der Seminare hinweg auch ein Schmunzeln bei
der Vorstellung mit, dass sich die Leserinnen
und Leser, die zuerst nur einen Teil zugeschickt
bekommen, vielleicht auch neugierig auf den
anderen Teil am anderen Ende der Brücke wer-
den, und sich womöglich auf den Weg machen.
Dank an Lisa, Eline und Marcus für die gute
Idee samt praktischer Ausführung!
Eure
Hamburger Seminarzeitungsredaktion
17
              Hamburg oder Stuttgart –
                Hauptsache Toronto
                                                  Brückenbau Teil I

                                   Marcus Bohnen, STUDIUM FÜR BERUFSTÄTIGE

„W
             issen Sie“, vermittelten mir verschiedene       rungsort lässt es sich gut verweilen und studieren.
             Pfarrer der Christengemeinschaft vor eini-         Doch ich lebe und studiere anders. Ich führe eine in-
             gen Jahren, „… das Studium für Berufstätige     nige Fernbeziehung mit meiner Seminarleitung und -ge-
am Priesterseminar im Hamburg ist sicherlich eine neue       meinschaft. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie
Möglichkeit. Wenn Sie aber wirklich gute Studienbedin-       denke, und sei es auch deswegen, weil ich zu Hause in
gungen haben wollen, dann sollten Sie am Priestersemi-       Krefeld am Niederrhein an meinen Studienaufgaben sitze
nar in Stuttgart in Vollzeit studieren, wo schon in fast     oder irgendwo in Deutschland mir während der Arbeit,
neunzigjähriger Tradition Priester ausgebildet werden“.      bezogen auf die Studieninhalte, schnell einen Gedanken
Ich habe mir die Worte der sehr geschätzten Pfarrer zu       oder eine Idee auf einen Zettel schreibe, der mir helfen
Herzen genommen und daraufhin im Frühjahr 2018 am            soll, mich nach Feierabend zu erinnern und in der Strö-
Priesterseminar in Stuttgart eine intensive Orientierungs-   mung meiner Ausbildung zu bleiben. Dann, wenn wir uns
woche erlebt. Es war schön, und ich fühle seither eine       alle in regelmäßigen Abständen aus den verschiedenen
starke Verbindung zu diesem spürbar traditionstragenden      Ländern Deutschlands und Europas aufmachen, um uns in
Ort und zu den Menschen, die dort klösterlich in enger       der Johnsallee 17 in Hamburg zum gemeinsamen Studium
Gemeinschaft leben, beten, arbeiten und studieren.           zu treffen, wird eindrücklich spürbar, wie sehr auch die-
  Februar 2021, an einem Freitag nach der Abendandacht       ser Ort in seiner Besonderheit uns immer wieder anzieht
in der Kapelle des Stuttgarter Priesterseminars. Ich ver-    und vereint, Kraft spendet und so die von uns gelebte be-
abschiede mich von der Seminarleitung und meinen Mit-        sondere Studienart rhythmisch formend wirken kann. Die
studierenden. Es war wieder eine intensive Studienwoche.     Begrüßung und der Abschied sind immer warm und herz-
Und obwohl ich der Einzige bin, der heute abreisen muss      lich. Letzte Blicke werden ausgetauscht, kurz gewinkt,
und das Stuttgarter Seminar verlässt, bin ich froh, mich     und wieder ist ein Wochenende oder eine der sogenann-
auch als Teil dieser Gemeinschaft zu fühlen. Alle sind       ten Langen Wochen, die drei- oder viermal im Jahr statt-
herzlich und verabschieden mich, als sei ich schon immer     finden, vorüber. Bei der Abreise wird deutlich, wie sehr
hier mit ihnen. Der Abschied fällt mir nicht schwer, denn    wir zusammengewachsen sind und uns zugehörig fühlen.
schon am nächsten Wochenende werde ich meine eige-           Jetzt geht es zurück an den jeweiligen Wohnort, und wir
ne Seminarleitung und -gemeinschaft wieder sehen am          sind frei in der Entscheidung, wie wir unser Studium in-
Hamburger Priesterseminar im Rahmen des Studiums für         nerhalb eines Ausbildungsmoduls individuell gestalten
Berufstätige, wo ich seit dem Wintersemester 2019/2020       und inhaltlich selbst weiter auffüllen.
studiere.                                                       So kam es, dass ich am Priesterseminar in Stuttgart per
  Es stimmt, seit meiner Orientierungswoche 2018 war         E-Mail anfragte, ob es für mich als Hamburger Student
ich noch mehrmals in Stuttgart. Entweder zu den Priester-    möglich sei, dort an einem Hauptkurs zum Sakrament der
weihen oder aus beruflichen Gründen. Egal aus welchem        Letzten Ölung teilzunehmen. Grund hierfür war, dass der
Grund ich dort bin, immer richte ich es so ein, dass ich     für den Kurs vorgesehene Dozent und Priester zuvor am
zur Spittlerstraße 15 hoch fahre oder gehe. Denn hier, im    Hamburger Seminar zum Sakrament der Beichte unterrich-
Nordosten der Stadt, auf einem Hügel, befindet sich das      tet und mich hierbei durch sein Wesen, seine Erfahrung
Gebäude und der zum Verweilen einladende Garten des          und sein Wissen beeindruckt hatte. Die bejahende Ant-
Seminars. Manchmal fahre oder gehe ich aus zeitlichen        wort aus Stuttgart kam schnell, und meine Freude war
Gründen nur langsam hier vorbei. An anderen Tagen habe       groß, wieder für eine Woche in das Stuttgarter Seminar-
ich eine Verabredung mit mir bekannten Studenten oder        geschehen eintauchen zu dürfen.
Dozenten und lasse mir bei einem Spaziergang im Garten          An der Außenalster in Hamburg herrscht insbesonde-
oder in einem in der Nähe des Seminars gelegenen Café        re bei schönem Wetter ein reger Betrieb auf dem Wasser
bei Tee und Kuchen erzählen, wie es ihnen in Stuttgart       und am Ufer. Es wimmelt nur so von Menschen, die ih-
so ergeht.                                                   ren unterschiedlichen Handlungsplänen folgend hier eine
  Die mir damals Rat gebenden Pfarrer hatten sicherlich      wuselige Menge bilden. An manchen solcher Tage kann
Recht. Hier an diesem Kraft-, Sehnsuchts- und Erinne-        man in der Menge Menschen ausmachen, die mitten in
schen dem Hamburger und dem Stuttgarter Priestersemi-
                                                              nar und erinnern uns daran, dass es ja auch noch das Prie-
                                                              sterseminar in Toronto/Kanada gibt. Wollen und ein Wort
                                                              prägen das Gespräch: Brückenbau.
                                                                Dann stellt sich mir die Frage: Was hat es Dir eigentlich
                                                              so leicht gemacht, Deine eigene Brücke von Hamburg nach
                                                              Stuttgart und zurück zu gehen? Und bist Du denn auch
                                                              über die Brücke gegangen, oder baust Du die Brücke ge-
                                                              rade mit auf? Worauf gründen eigentlich unsere geistigen
                                                              Brücken? Wo führt die Brücke hin? Ich sehe: Der Weg über
                                                              die Brücke nach Toronto ist ja auch gar nicht weit, und …
diesem Trubel zu zweit zusammenstehen und intensive             … Rilke dichtet1:
Gespräche führen oder einfach nur schweigen. Der Strom
der anderen Menschen fließt dann an ihnen vorbei, und
es scheint so, als hätte sich um die beiden eine vor dem      Sieh mich nicht als Stetes und Erbautes,
Gewimmel schützende Hülle gebildet. Wenn man dieses
an der Außenalster beobachtet und sich geduldig weiter        weder Brücke kann ich sein, noch Ziel.
umschaut und noch mehrere solcher Paare entdeckt, ist
die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich hier Studenten und     Höchstens Mund dem Wagnis eines Lautes,
Studentinnen des berufsbegleitenden Studiums des Ham-
burger Priesterseminars zu Gesprächspaaren zusammenge-        der mich unbedingter überfiel.
funden haben, die mit Hilfe von Leitfragen der Seminar-
leitung Studieninhalte besprechen oder aktives Zuhören
und Selbstreflexion üben.
   Geht man zu bestimmten Zeiten durch das Treppenhaus        Höchstens Wind in Deinem Blumengrunde,
des Stuttgarter Priesterseminars, ist es dort sehr ruhig,
und es scheint, man sei der einzige Mensch im ganzen          höchstens weichen Regens Niederfall –,
Gebäude und manchmal auch der ganzen Welt. In so ei-
ner Stimmung entdeckte ich auf einem Foto der Gründer         oder, plötzlich, in der freisten Stunde,
unserer Christengemeinschaft, das in der zweiten Etage,
links an der Wand neben dem „Blauen Saal“ hängt, Fried-       beides: Fangender und Ball.
rich Rittelmeyer. Guten Tag, sehr verehrter Herr Rittel-
meyer, lebten sie nicht lange in Stuttgart und starben
schließlich in Hamburg? Dort haben wir am Seminar einen         Eline ruft an. Sie ist Studentin in Stuttgart und im Re-
großen Saal, der zu Ihren Ehren nach Ihnen benannt ist.       daktionsteam für den Seminarbrief und fragt: „Wie geht
Er lächelt, und ich schaue mir in Ruhe die anderen Gründer    es mit Deinem Artikel für Hamburg – kannst du ihn mir
an. So viele – so jung – vor hundert Jahren – eine andere     schon schicken, damit Lisa und ich anknüpfen können?“
Zeit. Ich drehe mich um, und eine Mitstudentin aus mei-       „Sehr gerne“, sage ich. „Ich bin soweit“.
ner Hamburger Seminargruppe, Gabriella, steht vor mir.
Sie erprobt, ob sie hierher wechseln will. Wir freuen uns
über unser Wiedersehen, als eine weitere „Hamburgerin“,
Melina, die ebenfalls seit einigen Wochen hier in Vollzeit
studiert, beladen mit Büchern die Treppe hochkommt. Wir
lachen – ganz schön viele Nordlichter hier im Süden.
   Plötzlich wird es voll im Treppenhaus. Seminaristen sau-
sen treppauf, treppab mit Schläppchen an den Füßen und
in farbige Eurythmieschleier gehüllt zu ihrem Unterricht.
Wir Hamburger trennen uns, und ich beschließe noch ei-
nen Kaffee zu trinken, bevor es auch mit meinem Kurs
weitergeht. Auf dem letzten Treppenabsatz treffe ich Li-
sa, eine junge Niederländerin, die hier ebenfalls in der
Priesterausbildung ist und von der ich weiß, dass sie sich
unter anderem im Rahmen von campus A, einem freien
Zusammenschluss anthroposophisch orientierter Studi-
en- und Ausbildungsstätten in Stuttgart, engagiert. Ein
kurzes Gespräch mit ihr, und es wird deutlich, dass wir uns
                                                              1 Rainer Maria Rilke, „Für Heide“, Briefwechsel in Gedichten mit Erika
beide daran erfreuen, dass hier gerade eine seminarüber-      Mitterer, aus der vierten Antwort, Ragaz, 1./ 4. Juli 1924, Aus: Werke in
greifende Begegnung stattfindet. Wir sprechen über die        drei Bänden, Zweiter Band, Gedichte und Übertragungen, Insel Verlag,
Zusammenarbeit und den studentischen Austausch zwi-           Frankfurt am Main und Leipzig 1991, S. 222.
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                  Grenzen überschreiten –
                     Grenzen abbauen
                                          Julian Rögge, Priester in São Paulo

I
     m Rückblick auf meine Weihe im       dieser Pandemie ist ein Thema, das       möglich abzubauen. Wie können wir
     vergangenen Jahr fühle ich: Mit      eher neue Grenzen schafft als alte       uns auf Augenhöhe, ohne unnötige
     der Priesterweihe habe ich eine      abbaut. In Brasilien und besonders       Grenzen, begegnen, auch wenn wir
Grenze überschritten. Dem folgten         in São Paulo sind auch viele soziale     verschiedene Aufgaben haben? Wie
viele Grenz-Erlebnisse: Das erste Zele-   Grenzen sichtbar. Wirtschaftliche und    können wir die verschiedenen Mei-
brieren der Menschenweihehandlung,        soziale Unterschiede, Diskriminie-       nungen, Überzeugungen und Lebens-
das erste Zelebrieren in einer Gemein-    rungen aufgrund von Hautfarbe und        weisen in der Gemeinde integrieren
de und die Entsendung in ein fernes       Geschlecht. Sie alle werden durch die    und fruchtbar zusammenarbeiten?
Land. Aber auch Grenzerfahrungen          Pandemie noch verstärkt.                 Wie schaffen wir es, dass Menschen
äußerer Art: Aufgrund der Corona-            Trotz aller neuen Grenzen hat das     aus verschiedenen sozialen Schich-
Pandemie stand plötzlich die Frage        vergangene Jahr aber auch deutlich       ten und mit unterschiedlichen kul-
im Raum, ob ich überhaupt nach Bra-       gezeigt: Die großen Herausforde-         turellen Hintergründen in der Chri-
silien würde reisen können. Noch nie      rungen der Menschheit machen vor         stengemeinschaft präsent sind? Mir
in meinem Leben habe ich Landes-          keiner Grenze halt und wir werden        scheint es wichtig, die Fähigkeit zu
grenzen so stark erlebt und noch nie      sie nur gemeinsam lösen können. Das      entwickeln und zu stärken, einander
fühlte sich die Entfernung zwischen       gilt für die Corona-Pandemie genau-      zuzuhören, ohne übereinander zu ur-
Europa und Brasilien so groß an. Die      so wie für die Fragen der Umwelt, der    teilen – selbst wenn man vielleicht
ersten Monate ruhte das Gemeinde-         Wirtschaft oder der sozialen Gerech-     nicht zu einer gemeinsamen Idee,
leben in São Paulo weitgehend. Was        tigkeit. So stellt sich mir für dieses   zu einer Meinung, kommen kann.
nicht online stattfinden konnte,          Jahr die Frage: Wie können wir alte      Das unbefangene Zuhören kann ei-
musste ausfallen, die Menschenwei-        und neue Grenzen überschreiten und       ne Kraft sein, um Brücken über Gren-
hehandlung wurde ohne die physische       abbauen? Technisch haben wir hier-       zen zu bauen. Brücken über Gren-
Anwesenheit der Gemeinde gefeiert.        zu Möglichkeiten, die vor zwei Jahr-     zen zwischen verschiedenen Meinun-
Die Pandemie schuf bisher unbe-           zehnten noch undenkbar waren. Wie        gen, Aufgaben, Kulturen und sozialen
kannte physische Grenzen zwischen         können wir diese auch seelisch und       Gruppen. Hoffentlich kann die Chri-
den Menschen. Dies fällt besonders        geistig begleiten und für unsere Ar-     stengemeinschaft einen Beitrag dazu
in einem Land wie Brasilien auf, wo       beit nutzen? Hier in Brasilien wurde     leisten, dass wir immer mehr zuhören
man sich normalerweise näher kommt        deutlich, das wir mit Online-Veran-      und dadurch Brückenbauer werden.
als in Deutschland. So fiel zum Bei-      staltungen Menschen erreichen kön-
spiel die sonst übliche Umarmung zur      nen, die aufgrund der räumlichen Ent-
Begrüßung plötzlich weg.                  fernung physisch nicht am Leben in
   Seit August vergangenen Jahres         einer Gemeinde teilnehmen können.
suchen wir in der Gemeinde unseren        Auch gibt es erste Online-Veranstal-
Weg in dieser veränderten Welt. Wel-      tungen der Christengemeinschaft, an
che Veranstaltungen sind möglich?         denen Menschen aus verschiedenen
Womit müssen wir noch warten? Wie         Ländern Südamerikas teilnehmen.
können wir die äußere Distanz inner-      Hier wird eine Herausforderung sein,
lich überwinden? Im Gemeindeleben         ein gesundes Gleichgewicht zwischen
werden neue Grenzen sichtbar: zwi-        der Arbeit in der Gemeinde und der
schen den verschiedenen Meinungen         Arbeit über die Gemeinde hinaus zu
über das Corona-Virus, zwischen Mas-      finden.
kenverweigerern und Maskenbefür-             Und in der Gemeinde selbst? Für
wortern, zwischen Menschen, die in        ein zeitgemäßes Gemeindeleben
die Gemeinde kommen und solchen,          scheint es mir wichtig zu sein, die
die es vorziehen, zuhause zu bleiben.     Grenzen zwischen den Priestern und
Die Frage des richtigen Umgangs mit       den Gemeindemitgliedern so weit wie
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