Weltzeit - Meinung. Freiheit. Zukunft - Das Magazin der Deutschen Welle - DW
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Dass die DW just an dem Tag zu senden begann,
den die Vereinten Nationen zum Welttag der
Pressefreiheit ausgerufen haben, ist – wie wir in Ber-
lin sagen – ‚ein glücklicher Zufall‘. In 65 Jahren hat
die DW beharrlich das Recht auf uneingeschränkte
Meinungsfreiheit verteidigt und gefördert. Indem
wir jene schützen, die die Wahrheit sagen, setzt sich
die UNO – wie die DW – dafür ein, die Würde des
Menschen zu achten.«
Alison Smale, United Nations,
Under-Secretary-General for Global Communications
Politische Polarisierung und wachsende wirtschaftli-
che Ungleichheit drohen unsere Gesellschaften zu
spalten. Doch während Ungleichheit das Leben und die
Grundrechte von immer mehr Menschen einschränkt,
stehen zugleich Menschen auf, um mit Elan gegen die-
se Ungerechtigkeiten vorzugehen. Die Sehnsucht nach
einem chancenreichen Leben, frei von Unterdrückung
und Demütigung, teilen Milliarden Menschen. Jetzt ist
der Moment, sich für ihre Geschichten einzusetzen.«
Salil Shetty, Generalsekretär von Amnesty InternationalEditorial
©© DW/P. Böll
Es ist ein gutes Gefühl, auf 65 Jahre umgehungssoftware, immer auf der Höhe sie im nächsten Moment zu überschreiten.
Tradition im Journalismus blicken zu kön- der Zeit sein müssen. Wir wollen Menschen Nichts und niemand kann uns davon abhal-
nen. Wir bei der Deutschen Welle können dabei unterstützen, Zusammenhänge zu ten, die Wahrheit zu erzählen.
stolz sein auf das, was wir erreicht haben. verstehen und sich eine eigene Meinung Der Rückblick auf 65 Jahre ist kein Mo-
Vom Sendestart 1953 bis heute hat die DW zu bilden. Dazu leistet die DW einen wich- ment der Besinnung. Er ist uns Ermutigung,
enorme Veränderungen bewältigt. Vom tigen Beitrag. die Erwartung unserer Nutzer zu erfüllen,
Kurzwellenradio für Deutsche im Ausland sie zu begleiten und ihnen Inspiration zu
haben wir uns zum multimedialen Aus- geben. Aus unserer Geschichte leiten wir die
landssender der Bundesrepublik Deutsch- »Die Deutsche Grundlagen für verantwortlichen Journa-
land gemausert. lismus ab, der Teil unseres Selbstverständ-
Dabei spüren wir jeden Tag das Privileg Welle ist lebendig nisses ist. Die DW ist der Auslandsrundfunk
und die damit einhergehende Verantwor-
tung, im Chor der Weltsender die deutsche gewordener einer der stärksten Demokratien der Welt.
Einer Demokratie, die dazu steht, dass sie
Stimme sein zu dürfen. Für eine ständig
wachsende Zahl von Nutzerinnen und Nut-
Idealismus.« nicht frei ist von Fehlern.
Ermutigung und Inspiration – das sind
zern überall auf der Welt ist die DW eine zu- auch die Leitmotive in dieser Weltzeit. Es
verlässige Quelle für Informationen gewor- Die Digitalisierung hat uns neue Hori- geht um zentrale Aspekte und Ziele unseres
den. Wir bekämpfen die Unterdrückung der zonte eröffnet. Wir können heute deutlich täglichen Tuns. Nicht so sehr um den Blick
Meinungsfreiheit alltäglich mit Journalis- mehr Menschen eine Stimme verleihen zurück, vielmehr um Herausforderungen, de-
mus, der sich der freien Meinungsäußerung und sie am globalen Dialog teilhaben las- nen wir uns als weltweit präsentes Medienun-
verpflichtet hat. Ohne Einschränkungen. sen, als sich die Gründungsväter wohl hät- ternehmen stellen.
Die Wertschätzung, die wir dafür erhalten, ten träumen lassen. Unser Auftrag gönnt uns keine Pause,
ist ein enormer Ansporn. Ich darf jeden Tag mit hoch motivierten denn die Demokratie muss täglich bewahrt
Regime blockieren unsere Sendesignale Kolleginnen und Kollegen aus 60 Nationen werden.
und dennoch finden aufgeklärte Men- daran arbeiten, die Welt zu einem besseren
schen in Diktaturen Wege, unsere Beiträge Ort zu machen. Einem Ort, an dem die Mei- Ihre Ines Pohl,
zu lesen und mit anderen zu teilen. Für uns nung des Einzelnen zählt. Die DW ist leben-
bedeutet dies, dass wir auch technologisch, dig gewordener Idealismus. Wir mögen ge-
zum Beispiel beim Einsatz von Zensur- legentlich an Grenzen stoßen. Aber nur, um twitter.com/inespohl
Deutsche Welle 3MENSCHEN BEGEGNEN
©© DW
Julia Hahn berichtet für die DW aus Istanbul. bin ich gut vernetzt“, so Hahn. Das Büro unweit des
„Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen“, so die Taksim-Platzes ist mit modernster TV- und Kommu-
32-Jährige, die in Erfurt, Istanbul und Zürich Internatio- nikationstechnik ausgestattet und bietet einen weiten
nale Politik studierte und ihr Volontariat bei der DW Blick über die Dächer der Stadt.
absolvierte. Seither war sie als Reporterin unterwegs –
unter anderem in der Türkei – und als Nachrichten- Angesichts der schwierigen deutsch-türkischen Be-
moderatorin im Berliner Studio im Einsatz. Nachdem ziehungen und der Einschränkung der Pressefreiheit
die türkischen Behörden die notwendige Dauerakkre- in der Türkei seien internationale Sender umso mehr
ditierung ausgestellt hatten, konnte sie im Januar ihre verpflichtet, für eine objektive Berichterstattung über
Arbeit im neuen Korrespondentenbüro der DW an der die Entwicklungen im Land zu sorgen. Diese Mission
Nahtstelle zwischen Europa und Asien aufnehmen. hatte Intendant Peter Limbourg der Korrespondentin
„Istanbul ist meine zweite Heimat geworden, hier mit auf den Weg gegeben.
4 Weltzeit 1 | 2018Inhalt
MENSCHEN BEGEGNEN 18 Intendant im Interview
Peter Limbourg: „Wir sind die Stimme
6 Sharon Momanyi für ganz Deutschland“
Moderatorin im Paradies
20 Kontroverse
6 Ofelia Harms Journalismus und die Terror-Falle
Frieden als Herzensangelegenheit
22 Verifizierung
7 Jamshid Barzegar Sherlock Homes 4.0 mit Truly.Media
Farsi-Leiter mit starker Motivation
24 Digitalisierung
7 Rüdiger Rossig „Change is the new normal“
Balkanexperte mit Empathie
10 25 Starke Partner
AKTUELLES ERFAHREN 26 Testimonials
8 Projekt DW Freedom 28 China
Freiheitsrechte weltweit stärken Ritt auf dem roten Drachen
8 Newsroom eingeweiht 30 Radio für Myanmar
„Ein Symbol des Aufbruchs“ Revolution auf dem Land
9 Global Media Forum 32 DW Akademie
The place made for minds Meinungsfreiheit täglich erkämpfen
9 Firas unter Menschen 34 Afrika
Abenteuer Integration als Video-Reihe Im Dialog mit #The77percent
36 Arabische Länder
18
TITELTHEMA Vom Frühling in die Eiszeit
10 65 Jahre DW 38 Lateinamerika
Die fehlende Nachricht von einer Im öffentlichen Interesse
besseren Welt
39 Impressum
13 Programmauftrag
Wir sagen, was ist 40 Unternehmenskultur
Werte vermitteln – Werte leben
14 Westbalkan
Faktencheck gegen Stabilokraten
WELT ANSCHAUEN
16 Griechenland
Die Sendung der freien Raucher 42 Carolina Chimoy
Zwischen den Welten
30
Deutsche Welle 5MENSCHEN BEGEGNEN
Moderatorin im Paradies
©© DW
Als Journalistin hat sie sich Umweltthemen verschrieben: Sharon
Momanyi, mehrfach ausgezeichnet, lebt in Nairobi, wo sie für die
DW das Umweltmagazin Eco@Africa moderiert.
Das englischsprachige TV-Magazin ist eine in ihrer Art ein-
malige europäisch-panafrikanische Koproduktion: Seit 2016 produ-
ziert die DW Eco@Africa in Zusammenarbeit mit Channels TV in
Nigeria und dem kenianischen Sender Kenya Television Network
(KTN), ausgestrahlt wird es von allen drei beteiligten Partnern. In-
zwischen ging die 100. Ausgabe auf Sendung.
Das Magazin legt den Fokus auf ökologische Innovationen und
Best-Practice-Beispiele aus Afrika und Europa sowie auf Klima-
schutzideen aus aller Welt. Es geht vor allem um Lösungen, gemein-
sam präsentiert von Sharon Momanyi und Nneota Egbe, Moderator
auf Seiten des nigerianischen Partners Channels TV.
Sharon Momanyi hat in Nairobi Journalismus und Public Rela-
tions studiert und einen Master in Internationalen Beziehungen
erworben. Seit mehr als vier Jahren arbeitet sie bei KTN – als Nach-
richtenmoderatorin und Reporterin. Umweltberichterstattung ist
ihre Leidenschaft, Themen aus Gesundheit, Bildung und Entwick-
lung ihre weiteren Schwerpunkte. Sharon Momanyi
Sharon Momanyi gehört seit Herbst 2017 zum Eco@Africa-Team
und meint: „Das Magazin behandelt Schlüsselthemen auf innova-
tive Weise. Für eine engagierte Umweltjournalistin ist die Sendung dw.com/eco-africa
geradezu ein Paradies.“ twitter.com/dw_environment
Frieden als Herzensanliegen
Kolumbien, ein Land im Friedensprozess – ein attraktiver Stand-
ort für eine junge Korrespondentin: Ofelia Harms leitet das neue
DW-Büro in Bogotá. Von hier verstärkt sie die Berichterstattung
aus Lateinamerika.
Kolumbien sei ein „Symbol der Hoffnung für ganz Latein-
amerika und positives Beispiel für den Weg, durch zivile Konflikt-
lösung ein Ende der Gewalt anzustreben“, so DW-Intendant Peter
Limbourg Ende Februar bei der Eröffnung.
Ofelia Harms leitet das DW-Büro in Bogotá. Die 31-Jährige be-
richtet insbesondere für das spanische und das englischsprachige
TV-Programm. Gefragt sind Einschätzungen aus der gesamten
Region – aktuelle Beiträge ebenso wie Hintergrundberichte. Für
Harms ist es ein „Herzensanliegen“, gerade die Themen anzupa-
cken, die es oft nicht in südamerikanische Medien schaffen, etwa
Korruption und die Benachteiligung der indigenen Völker.
Die Journalistin kennt beide Welten – die europäische und die
lateinamerikanische. Ofelia Harms stammt aus Mexiko, wurde in
Puebla geboren. Dort studierte sie Kommunikationswissenschaften.
Mit 24 kam sie nach Bonn, wo sie ihren Master und anschließend
ein Volontariat bei der DW absolvierte. Seit 2015 arbeitet sie für die
©© DW/DW/B. Geilert
Spanisch-Redaktion in Berlin. Auch für die DW Akademie war sie
im Einsatz. Auf die Korrespondentin warten wichtige Termine: In
Kolumbien, Brasilien, Venezuela, Mexiko, Paraguay, Costa Rica und
Kuba wird bald gewählt.
Ofelia Harms mit ihrem Kollegen Aitor Saez
twitter.com/Oharruti
6 Weltzeit 1 | 2018Starke Motivation „Der deutsche Auslandssender hat eine lange und erfolg-
reiche Geschichte, er baut Brücken in die ganze Welt. Teil der DW-
Familie zu sein ist eine starke Motivation“, sagte Barzegar, der von
Jamshid Barzegar ist neuer Leiter der Farsi-Redaktion der der BBC in London kam, wo er zuletzt als Senior Iran Analyst und
Deutschen Welle. Der renommierte Journalist und promovierte Editor tätig war. Iran ist einer der am stärksten reglementierten Ziel-
Politologe will das Nachrichtenangebot der DW für Iran weiter märkte der DW. Dass die Regierung in Teheran das Internet-Angebot
ausbauen und insbesondere die Sozialen Medien nutzen. blockiere, sei „völlig inakzeptabel“, betonte Programmdirektorin
Gerda Meuer bei der Vorstellung Barzegars im Februar in Bonn.
„Die Nutzung von Zensurumgehungstools in der Bevölkerung ist
©© DW/B. Scheid
weit verbreitet und das Interesse an internationalen Informations-
anbietern hoch“, so Meuer. Für die DW sei es sehr wichtig, einen
Beitrag zur Verbesserung der Meinungsfreiheit in Iran zu leisten.
Jamshid Barzegar ist seit 30 Jahren als Journalist tätig. Bis 2001
arbeitete er für zahlreiche Printmedien in Teheran, anschließend
für die BBC in London und Wien. Nach zwei Jahren bei Radio Free
Europe/Radio Liberty kehrte er 2008 zur BBC zurück und verant-
wortete dort das persischsprachige Radio- und Online-Angebot.
Barzegar produzierte TV-Dokumentationen über sein Heimatland,
ist Autor mehrerer Bücher und war häufig als Experte in Fernseh-
und Radiosendungen zu Gast.
Jamshid Barzegar dw.com/persian
facebook.com/dw.persian
Balkanexperte
©© O. Stiebitz
mit Empathie
Rüdiger Rossig leitet seit 15. April die
DW-Redaktionen des Bereichs Bosnisch,
Kroatisch, Serbisch. Rossig, der bereits
seit einigen Jahren als Freier Autor für die
Westbalkan-Programme der DW arbeitete,
kommt von der „taz“.
Der 1967 in Mannheim geborene
Journalist, Buchautor und Dokumentar-
filmer war seit 1993 Redakteur bei der „taz“,
wo er insbesondere für den Balkan zustän-
dig war. 2013 war er am Aufbau des Ressorts
„taz.eins“ beteiligt. Rüdiger Rossig
Rossig studierte in Berlin Balkanologie
und Südosteuropäische Geschichte. 1987
begann er als Lokalreporter beim „Mann- Rossig hat sich stets auch für Menschen, „Rüdiger Rossig kennt Länder und Men-
heimer Morgen“. Nach einer Zeit als Freier die aus Jugoslawien und später den Nachfol- schen der Region seit Jahrzehnten“, so Adel-
Autor und ersten Jahren bei der „taz“ ging gestaaten nach Deutschland kamen, inte- heid Feilcke, Leiterin Europa-Redaktionen.
er zum Fernsehen der UN-Friedenstruppen ressiert. Seit den 1980er-Jahren begleitete er „Er bringt nicht nur die journalistische
UNTV in Zagreb, Kroatien, und von dort Gastarbeiter in der Bundesrepublik, in den Expertise, sondern auch viel kulturelle
als Radioproduzent zur UN-Polizeimission Kriegsjahren unterstützte er Flüchtlinge Sensibilität für ein von Krieg und Trauma
UNIPTF nach Sarajevo, Bosnien-Herzego- aus allen Teilen Ex-Jugoslawiens. Diese Er- geprägtes Zielgebiet mit.“
wina. Ende 1998 kehrte er zurück zur „taz“ fahrungen fasste er 2008 in dem Buch „(Ex-)
nach Berlin – als Redakteur für Meinungs- Jugos“ zusammen. Über die Lage in Bosnien ruediger-rossig.de
formate. 2006 war er zudem als Senior und Kosovo drehte er zusammen mit Regis- dw.com/bs | dw.com/hr | dw.com/sr
Editor am Aufbau der Monatszeitung „The seur Zoran Solomun den Dokumentarfilm
German Times“ beteiligt. „Europas vergessene Protektorate“.
Deutsche Welle 7AKTUELLES ERFAHREN
Freiheitsrechte weltweit stärken
Das neue Projekt „DW Freedom“ informiert
über weltweite Verstöße gegen Freiheits-
rechte und bietet eine Plattform zur
Vernetzung gegen Zensur.
Verurteilung wegen angeblicher Ver-
breitung von Propaganda, Ermordung eines
Journalisten, Einschränkung von Frauen-
rechten: Auf der Plattform DW Freedom
führt der deutsche Auslandssender die ak-
tuelle Berichterstattung sowie Hintergrund
berichte und Kommentare zur weltweiten
Entwicklung der Meinungs- und Pressefrei- dw.com/freedom
heit zusammen.
Das Projekt ist eng verknüpft mit dem
„Freedom of Speech Award“, den die DW seit
2015 jährlich auf dem Global Media Forum rechte weltweit stärken, demokratische schaftlern, Cartoonisten und Hackern fin-
in Bonn verleiht. Preisträger und ihre An- Werte vermitteln und den interkulturellen den sich sowohl auf der Webseite dw.com/
liegen werden auf DW Freedom vorgestellt, Dialog stärken. Themen, die in jüngster Ver- freedom als auch auf Twitter (@dw_free-
ihre Geschichten erzählt und die weltweite gangenheit erheblich an Relevanz gewon- dom) und Facebook (DW Freedom). In den
Solidarität gefördert – beispielsweise mit nen haben. „Jeder Journalist hat das Recht, Diskussionen der Nutzerinnen und Nutzer
Raif Badawi, dem Preisträger 2015, der wei- seine Arbeit zu tun. Jeder Künstler hat das geht es unter anderem um sichere Kom-
ter in Saudi-Arabien inhaftiert ist. Das Pro- Recht, sich auszudrücken. Und genauso munikation und Datenschutz. DW-Chef-
jekt DW Freedom ist zudem vernetzt mit sollte es das Recht eines jeden Menschen redakteurin Ines Pohl ist überzeugt: „Frei-
allen relevanten Organisationen, die sich sein, seine Meinung offen zu vertreten“, so heit ist das ultimative Menschenrecht – ob
diesem Thema widmen. Intendant Peter Limbourg zum Start von Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versamm-
Im 65. Jahr ihres Bestehens intensiviert DW Freedom. lungsfreiheit oder Religionsfreiheit.“
die DW mit diesem englischsprachigen Die jeweils aktuellen Beiträge und Analy-
Angebot ihre Kernaufgaben: die Freiheits- sen, die Interviews mit Aktivisten, Wissen- dw.com/freedom
„Ein Symbol des Aufbruchs“
©© DW/J. Röhl
Die DW hat im März an ihrem Standort in der Berliner Volta-
straße einen neu konzipierten Newsroom eingeweiht. Ein
weiterer Meilenstein auf dem Weg der DW zum integrierten
digitalen Medienhaus.
In einem über drei Etagen ausgelegten offenen Redaktions-
Raum arbeiten nun die Redaktion Politik und Gesellschaft, die Pla-
nung für die Nachrichtenredaktion und der Social-Media-Desk ge-
meinsam mit Redakteuren aus Wirtschaft, Kultur und Sport.
An der Einweihung der neuen Redaktionsräume durch Inten-
dant Peter Limbourg nahmen auch Mitglieder des Deutschen Bun-
destags sowie Vertreter von Ministerien teil.
Der Newsroom sei „ein Symbol des Aufbruchs“, so der Intendant.
Tempo und Wettbewerb im Informationsgeschäft hätten enorm zuge-
legt. Der neu konzipierte Newsroom bringe die DW entscheidend nach
vorn. „Mit der besseren Verzahnung der Redaktionen und Arbeitsab-
läufe können wir unsere Inhalte noch schneller für unsere Nutzer in
den verschiedenen Medien aufbereiten“, sagte Limbourg.
Peter Limbourg bei der Einweihung in Berlin
dw.com/news
8 Weltzeit 1 | 2018The place made for minds
Viele internationale Akteure aus Medien, Politik, Wirtschaft und Kultur haben sich Die Deutsche Welle, die DW Akademie
bereits zum Global Media Forum 2018 angemeldet. Leitmotiv der elften Ausgabe der und mehr als 60 Partnerorganisationen
Medienkonferenz der DW vom 11. bis 13. Juni in Bonn: Global Inequalities. bieten Talkrunden, Präsentationen, Work-
shops und interaktive Formate.
Die Deutsche Welle erwartet wieder und Gesellschaft. Darüber hinaus werden Ein Höhepunkt wird auch 2018 die Ver-
rund 2.000 Gäste aus über 100 Ländern. Kernthemen der journalistischen Arbeit leihung des „Freedom of Speech Award“
Unter ihnen Mariya Gabriel, EU-Kommis- wie die Berichterstattung über Terroran- sein. Die DW vergibt den Preis zum vierten
sarin für Digitalisierung, Hamid Karzai, schläge und der Umgang mit Cybermob- Mal im Rahmen ihrer Medienkonferenz.
ehemaliger Präsident von Afghanistan, bing kritisch reflektiert. Wie in den vergangenen Jahren werden zu-
Ebele Okobi, Facebook Afrika, Madhav Der dritte Tag der Konferenz, der Media dem kulturelle Beiträge das Treffen berei-
Chinnappa, Direktor für Strategische Be- Innovation Lab Day (MILD), widmet sich in chern – zum Beispiel ist die britische Poetin,
ziehungen bei Google, Wolfgang Ischinger, zahlreichen Workshops und Mindtalks den Songwriterin, Sängerin und Pianistin Anne
Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Herausforderungen der Digitalisierung. Clark zu Gast, ebenso wie die junge indische
und Colin Gonsalves, Menschenrechtsan- Internationale Experten präsentieren ihre Sängerin Ginni Mahi.
walt und Träger des Alternativen Nobel- Thesen und diskutieren mit dem Publikum: Das Global Media Forum ist zugleich
preises. Sie und viele andere werden im Wie können Journalisten das Darknet nut- eine Plattform, auf der sich die Gäste aus
World Conference Center zusammenkom- zen? Welche Risiken und Chancen bietet aller Welt vernetzen. Beispielsweise bie-
men, um die Rolle der Medien im Kontext künstliche Intelligenz? Welchen Einfluss tet die Konferenz-App Möglichkeiten zum
der Globalisierung zu diskutieren. hat die Digitalisierung von Newsrooms auf Matchmaking. So diskutieren Teilnehmerin-
Das Global Media Forum hat sich als die journalistische Arbeit? Der MILD bietet nen und Teilnehmer während der Konferenz
„The place made for minds“ etabliert, als zudem viele Möglichkeiten, neue Formate auch über Twitter. Via Livestream können
größte internationale Medienkonferenz und Technologien auszuprobieren. Es geht Interessierte, die nicht vor Ort sind, wichtige
in Deutschland. Das diesjährige Leitmotiv beispielsweise um Datenjournalismus, di- Veranstaltungen verfolgen.
„Global Inequalities“ wird aus unterschied- gitales Storytelling und Mobile Reporting.
lichen Perspektiven betrachtet – von Vertre- Ein News-Hackathon mit der BBC lädt zum dw.com/gmf/registration
tern aus Medien, Wirtschaft, Politik, Kultur Mitmachen ein.
Firas unter Menschen
©© DW/F. Alshater
Ein gebürtiger Syrer nimmt Eigenheiten seiner neuen Heimat
Deutschland unter die Lupe. Die Video-Reihe mit Firas Alshater
ist ein humorvolles Integrations-Abenteuer – auf Arabisch.
Der syrische Schauspieler und Journalist Firas Alshater lebt seit
fünf Jahren in Deutschland. In kurzen Videos zeigt der 26-Jäh- Firas Alshater
rige, was ihn in seiner neuen Heimat überrascht – im Biomarkt,
auf dem Recyclinghof oder am Arbeitsplatz. „Menschen in mei-
ner ehemaligen Heimat haben merkwürdige Vorstellungen von Firas Alshater hatte in Syrien für Demokratie und Meinungsfrei-
Deutschland, zum Beispiel, dass hier alle Mercedes fahren.“ Ge- heit gekämpft. Mehrfach wurde er verhaftetet und gefoltert. Er floh
gen solche Vorurteile setzt die Social-Media-Serie Aufklärung – in den Norden des Landes, wo ihn IS-Kämpfer gefangen nahmen.
mit einer Prise Humor. Schließlich kam er nach Deutschland.
Deutsche Welle 9TEXT JOHANNES HOFFMANN, LEITER DER INTENDANZ
Die fehlende Nachricht
von einer besseren Welt
Menschen in aller Welt freien Zugang zu verlässlichen Informationen verschaffen,
damit sie sich ihr eigenes Bild machen können: Das ist seit 65 Jahren zentrales Anliegen
der Deutschen Welle. Das galt zu Zeiten des Kalten Kriegs und der Teilung Deutschlands
insbesondere mit Blick auf Osteuropa. Das gilt bis heute angesichts zunehmender
Einschränkungen der Pressefreiheit in immer mehr Ländern.
D as russische Außenministeri-
um schäumte. Es sei „eine be-
sonders zynische und perfide
Form der Einmischung in die russische
Fernsehen und auf digitalen Plattformen.
Sie sind wirkungsmächtige Instrumente,
um Meinungen zu prägen und die Öffent-
lichkeit für sich zu gewinnen.
teuren Kurzwellenkapazitäten wirkten
wie aus der Zeit gefallen. Abbau war die
Devise. Die staatlichen Geldgeber hinter-
fragten die Legitimation.
Wahlsphäre“. Wenige Tage vor den Präsi- Am 3. Mai 1953 gegründet, ist die DW Der DW allerdings gelang ein kleines
dentschaftswahlen im März 2018 war ein ein Kind des Kalten Kriegs. Das mediale Zwischenhoch: 1992 startete sie aus der
Beitrag der Deutschen Welle Anlass für die Wettrüsten bis 1989 ließ auch Deutsch- Hauptstadt Berlin ein deutsches Aus-
Empörung in Moskau. Die Russisch-Re- lands Auslandssender prosperieren. Mit landsfernsehen via Satellit. Das wieder-
daktion hatte sich in dem Online-Artikel einem Radioprogramm auf Deutsch vereinigte Deutschland wollte sich der
mit Strategien von Protestverhalten im ging die DW erstmals auf Sendung. Doch Welt über die Kraft der Bilder präsentie-
Zuge der Wahlen befasst. Aus russischer schon bald wurde aus dem Service für ren, als weltoffene, friedliebende und
Sicht ein „eklatanter Verstoß gegen die die „lieben Landsleute in aller Welt“, europäisch geprägte Nation. Gleichzei-
journalistische Ethik und den Grundsatz wie der damalige Bundespräsident The- tig wurden die Angebote einiger Sende
der Nicht-Einmischung in die inneren An- sprachen der DW deutlich reduziert oder
gelegenheiten eines Staates“, so die Reak- eingestellt. So schienen Ungarisch, Tsche-
tion auf die DW-Analysen. »Werte stehen chisch und Slowakisch verzichtbar mit
Eine aggressive Rhetorik, die an längst
vergangene Zeiten erinnert: 30 Jahre nach in heftigem Blick auf die Entspannungspolitik, den
Prozess der europäischen Einigung und
dem Ende der Ost-West-Konfrontation
zeichnet sich ein neuer „Kalter Krieg“ ab. Widerspruch.« die – aus damaliger Sicht – irreversiblen
demokratischen Entwicklungen in Mittel-
Zwischen einem selbstbewusst-nationa- und Osteuropa.
listischen Russland auf der einen, den odor Heuss zum Sendestart sagte, ein Der Krieg im früheren Jugoslawien
erratisch agierenden USA auf der anderen vielsprachiges Programmangebot. 1962 riss Europa aus den Friedensträumen.
Seite – und einem verzagten, erodieren- schon 17 Sendesprachen, waren es vier Aufklärung durch Radioprogramme auf
den Europa dazwischen. Jahre später 28 und 1973 deren 33. Ent- Serbisch, Kroatisch, Mazedonisch und
Die Interessen und Ansprüche, Gesell- sprechend dynamisch wuchsen Etat und Bosnisch war bei der DW das Gebot der
schaftsmodelle und Wertvorstellungen Mitarbeiterzahl. Stunde. Spätestens mit dem Schock von
stehen international wieder in heftigem Der Fall des Eisernen Vorhangs in Eu- 9/11, den Kriegen in Afghanistan, Irak und
Widerspruch. Der Wettbewerb der Ideen ropa brachte 1989 einen Wendepunkt. Syrien zerschlugen sich wohl die letzten
und der Kampf um die Köpfe werden – wie Die international agierenden Sender er- Hoffnungen auf eine friedlichere Welt.
schon einst – auch und gerade über die fuhren schmerzhafte Einschnitte. Ihre na- Zur gleichen Zeit erfuhren weltweit
©© ESA/OHB
Medien ausgetragen. Heute zumeist im hezu erdumspannenden und ungemein die Medienmärkte einen dramatischen
Deutsche Welle 11TITELTHEMA
©© ESA/OHB
»Jede Investition in die DW ist
eine Investition in die Förderung
demokratischer Werte.«
Umbruch: Liberalisierung, Deregulierung dern, haben China, Russland und Iran in
und Digitalisierung brachten neue Akteure, der vergangenen Dekade die Instrumente
verschärften den Wettbewerb und verän- ihrer Auslandskommunikation professio-
derten binnen weniger Jahre das Nutzungs- nalisiert, ausgebaut und ideologisch in Stel-
verhalten in tiefgreifender Weise. Entwick- lung gebracht. Ob CGTN, RT oder Press TV –
lungen, die die Deutsche Welle – wie andere sie stehen für das Bemühen, Macht- und
Auslandssender – technisch, programmlich Außenpolitik medial zu flankieren. Mit Pro-
und mit Blick auf ihre Verbreitungswege be- paganda und Desinformation.
rücksichtigen musste. Die DW tritt dem mit umfassender Auf-
klärung entgegen, auf der Grundlage ihrer
Neuer Auftrag – neue Aufgaben journalistischen Werte und Qualitätsstan-
dards. Nur so kann sie den neuen „Kalten
Auch das 2005 novellierte DW-Gesetz trug Kriegern“ überzeugend Paroli bieten. Der
der neuen Zeit Rechnung: Ausdrücklich er- massive Anstieg der Nutzung ihres rus-
laubte es der DW nun auch die Nutzung von sischen und ukrainischen Angebots seit
„Telemedien“, um ihre Inhalte zu den Men- Beginn des Russland-Ukraine-Konflikts be-
schen zu bringen. legt eindrucksvoll, dass die DW bei vielen
Trotz nicht unerheblicher Budgetkür- Menschen bis heute als glaubwürdige und
zungen seit 1998 gelingt es der DW gleich- verlässliche Informationsquelle gilt.
wohl, international den Anschluss zu hal-
ten. Sparprogramme und die Umschichtung Aufklärung versus Propaganda
von Mitteln ermöglichen es, immer wieder
rasch auf politische Herausforderungen re- Um in einer volatilen weltpolitischen Ge-
agieren zu können. Als nach den Anschlä- mengelage im Interesse Deutschlands
gen vom 11. September 2001 in den USA die handlungsfähig zu bleiben, ist die Spra-
arabische Welt und Afghanistan in den Fo- chenvielfalt der DW essenziell. Immer neue
kus der Weltöffentlichkeit geraten, verstärkt politische Brandherde erfordern mediale
die DW auch für diese Regionen ihre Akti- Reaktionen. Seien es Flucht und Migrati-
vitäten. 2002 startet sie ein zweistündiges on nach Europa oder die Entwicklung der
TV-Fenster für Afghanistan – zum ersten Türkei hin zu einem autokratischen System.
Mal produziert sie ein Fernsehprogramm Auch den Menschen zwischen Bosporus
speziell für eine Krisenregion. Gleichzeitig und Anatolien bietet die DW Informations-
bildet die DW Akademie afghanische Jour- angebote: frei, unabhängig, vielfältig. Pläne,
nalisten aus. Wenige Monate später folgt gemeinsam mit anderen westlichen Aus-
ein dreistündiges TV-Angebot auf Arabisch. landssendern ein türkisches TV-Programm
Ein Beitrag zum Dialog mit der islamischen aufzulegen, werden zurzeit ausgearbeitet –
Welt – und zur Konfliktprävention. und könnten rasch starten.
Es sind globale Entwicklungen wie diese, Jede Investition in die DW ist eine Investi-
die die DW wieder stärker in das Blickfeld tion in die Förderung demokratischer Wer-
der Politik rücken. Regierung und Parla- te, des weltweiten Zugangs zu verlässlicher
ment erkennen zunehmend den Wert, den Information – als Voraussetzung für die
ein leistungsfähiger Auslandssender für Meinungsbildung – und des Dialogs.
Deutschland hat. TV-, Radio- und Online
angebote, Informationen in 30 Sprachen – dw.com/65jahre
ein wirkungsvoller Weg, deutsche und euro-
päische Positionen und Perspektiven inter-
national zu vermitteln.
Weitgehend unbeachtet von einer brei-
teren Öffentlichkeit in den westlichen Län-
12 Weltzeit 1 | 2018©© DW/S. Takato
Auch Tabuthemen diskutieren: Shababtalk
für das junge arabische Publikum
TEXT GERDA MEUER, PROGRAMMDIREKTORIN
»Fakten statt Fake,
Sagen, was ist Haltung statt Hass.«
Wir haben Breaking News, die die Welt bewegen. Wir bieten Media-Plattformen in öffentlichen Räu-
unzensierte Informationen, die in der Zielregion keiner hat. men, in denen nicht nur Journalistinnen
und Journalisten senden, sondern alle. Auch
Wir liefern die deutsche Perspektive zu einer Story, die unsere das Publikum, das früher nur empfangen
Nutzer interessiert. Wir informieren und hinterfragen, wir hat, sendet jetzt selbst. Das schafft Nähe,
legen dar und spitzen zu. Wir sind schnell und gründlich. weil wir in den direkten Austausch mit dem
Nutzer treten und unsere Angebote so bes-
Für all das stehen wir. Wir sagen, was ist. ser auf ihn zuschneiden können. Durch die
genaue Analyse von Erfolg und Misserfolg
einzelner Formate.
Sagen, was ist: Dieser Leitspruch für da sind. Für die Nutzer weltweit, die uns Was uns stark macht? Profilierte Pro-
Journalisten von „Spiegel“-Gründer Rudolf als überaus glaubwürdige Quelle schätzen. grammmacher, die agil die besten Wege
Augstein stammt noch aus der analogen Und die durch uns freien Zugang zu Infor- zum Publikum im Blick haben und erken-
Welt. Schon da war er wertvoll. Er ist es mationen haben und sich austauschen kön- nen, was eine gute Geschichte ist. Die vo-
erst recht in der digitalen Welt, in der alles nen mit anderen Menschen weltweit. rangehen, wo es möglich ist, die sich auch
gleichrangig scheint und nichts bewiesen. Die fruchtbaren Debatten, die unser Ara- korrigieren, wo es nötig ist. Und die damit
Die Welt, in der sich die Deutsche Welle im bisch-Programm auf den digitalen Platt- Vorbild sind für junge Kolleginnen und Kol-
Jahr 2018 dynamisch bewegt. Und selbst formen entfacht, die kontroversen Diskus- legen.
Akteur ist. sionen, die unsere afrikanischen Nutzer auf Unsere Programmziele für die kommen-
Weltweit befinden sich Gesellschaften Facebook führen, das große Engagement, den Jahre haben wir gemeinsam festgelegt.
durch das Netz in großer Gereiztheit. Unse- mit dem Redaktionen asiatischer Sprachen Noch digitaler wollen wir werden, fokus-
re Antwort darauf: große Aufmerksamkeit ihr Publikum in der digitalen Welt so überaus sierter, exklusiver. Mehr eigene Geschich-
und journalistische Sorgfalt. Bei der Arbeit erfolgreich ansprechen, die hohe Akzeptanz ten. Über allem aber steht: Was wir in die
an der sauber recherchierten Geschichte. des englischen TV-Kanals – diese und viele Welt senden, darf niemanden gleichgültig
Beim konfrontativ geführten Interview mit andere Beispiele stehen für die Wirkungs- lassen. Zuallererst uns selbst nicht. „In Dir
einem Politiker. Bei der bildstark erzählten macht der DW im 65. Jahr ihres Bestehens. muss brennen, was Du in anderen entzün-
Reportage aus einem Land, in dem Terror Es gibt einen entscheidenden Unter- den willst.“ Noch so ein Satz aus der analo-
herrscht. Zu bieten haben wir Fakten statt schied für die heutigen Programmmacher gen Welt, der auch in der digitalen gültig
Fake News, Haltung statt Hass, Austausch der Deutschen Welle im Vergleich zu frühe- bleibt. Der Journalismus, mit dem wir be-
statt Abschottung. Und zu gewinnen haben ren Zeiten: Wir bewegen uns auf Facebook, geistern wollen, muss uns weiterhin auch
wir: Wertschätzung von denen, für die wir Instagram, Twitter und anderen Social- selbst begeistern.
Deutsche Welle 13TITELTHEMA
TEXT ADELHEID FEILCKE, LEITERIN EUROPA
Mit Faktencheck
gegen Stabilokraten
Europa in der Krise! Krise der Demokratie! Schlagzeilen, die
immer wieder auftauchen. Nationalistische und populistische
Parteien haben Zulauf, der liberalgesellschaftliche Konsens
erodiert. Im Südosten des Kontinents haben sich viele dieser
Krisensymptome seit Jahren entwickelt, ausgeprägt und gefähr-
lich verfestigt. Eine Demokratie- und Europamüdigkeit breitet
sich aus. Die DW hält im 65. Jahr ihres Bestehens dagegen, gibt
kritischen Köpfen und anderen Sichtweisen Platz.
B esonders in den Staaten des West-
balkans – Albanien, Bosnien-Her-
zegowina, Kroatien, Kosovo, Ma-
zedonien, Montenegro und Serbien – ist die
Demokratie scheint lediglich Mittel zum
Zweck, nicht das Ziel zu sein. Sie nutzen die
demokratischen Instrumente und setzen
diese gleichzeitig de facto außer Kraft, um
Euphorie des demokratischen Aufbruchs einen Elitenwechsel zu verhindern.
längst der Ernüchterung und Stagnation Die sukzessive Aushöhlung des Rechts-
gewichen. Dort hält sich eine Klasse aus staats durch „Justizreformen“ hat sogar in
Politikern mit populistischen und nationa- scheinbar schon gefestigten Demokratien,
listischen Parolen an der Macht, die vielfach etwa in Polen und Ungarn, aufschrecken
tief in Korruption und Vetternwirtschaft lassen. Auch in Rumänien versucht die Re-
verstrickt ist. Eine Perspektive auf Verände- gierung, die Kontrollstrukturen auf Kurs zu
rung ist für die Bevölkerung nicht absehbar. bringen. In den Staaten des westlichen Bal-
Deshalb stimmen die Menschen mit den kan besteht der Rechtsstaat vielfach nur auf
Füßen ab. Kein Wunder, dass der Migrati- dem Papier.
onsdruck aus den EU-Ländern im Südosten
des Kontinents wie auch den Beitrittsstaa- Zugriff auf kritische Medien
ten vom westlichen Balkan anhält. Wer ir- öffentlichkeit
gend kann, versucht, die als hoffnungslos
erlebte Heimat zwischen Adria und Donau Dort, wo die Gewaltenteilung den immer
zu verlassen, um in einem westeuropäi- autoritärer agierenden Machthabern im
schen Land eine bessere Zukunft zu finden. Wege steht, ist auch der Zugriff auf eine
Denn in den Balkanstaaten grassiert eine kritische Medienöffentlichkeit nicht weit.
©© Fotolia/Oleksandr
neue Herrschaftsform nach dem Muster: Durch vielerlei legalistische Tricks und po-
autoritär führen, nationalistisch argumen- litisch unterstützte wirtschaftliche Verdrän-
tieren, neoliberal wirtschaften. Die Herr- gungsprozesse werden unliebsame Stim-
schenden, die sogenannten Stabilokraten, men ausgeschaltet oder marginalisiert. Auf
zeichnet ein Machtpragmatismus nach Art der aktuellen Rangliste für Pressefreiheit
des türkischen Präsidenten Erdogan aus – der Organisation Reporter ohne Grenzen
14 Weltzeit 1 | 2018Balkan: Das Leben der anderen
Soziokulturelle Facetten des Balkans neu entdecken und Vorurteile abbauen: Darum
geht es im multimedialen DW-Projekt „Balkan Booster“. Beteiligt sind Jungjourna-
listinnen, Aktivisten, Autoren und Karikaturistinnen. Gemischte Teams aus Albanien,
Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Mazedonien und Serbien besuchten einander und
nahmen – und gewährten – Einblick in den jeweiligen Alltag. Sie entdeckten Ähnlich-
keiten und Unterschiede, setzten sich mit Vorurteilen auseinander, die in der Region
unterschwellig noch immer vorhanden sind.
Mit Unterstützung des Auswärtigen Amts haben Journalistinnen und Journalisten
der Westbalkan-Redaktion der DW die Reisen begleitet und die Facebook-Nutzer teilha-
ben lassen – mit Textbeiträgen, Bildergalerien und rund 240 Videos in fünf Sprachen der
Region – Albanisch, Bosnisch, Kroatisch, Mazedonisch und Serbisch.
multimedia.dw.com/balkan-booster
»Durch vielerlei Tricks werden
unliebsame Stimmen ausgeschaltet
oder marginalisiert.«
sind Bulgarien (Rang 109), Mazedonien (111) nalisten der DW berichten, genießt hohe
und Montenegro (106) traurige „Spitzenrei- Glaubwürdigkeit und hat Gewicht, immer
ter“ in Europa. wieder auch als Korrektiv von gezielten
Umso wichtiger ist es und wird es in Falschmeldungen. Die kleinen Redaktions-
Zukunft sein, neben den lauten Stimmen teams schaffen dies durch innovative For-
der regierungstreuen Medien, die die po- mate und gut platzierte Expertise. Mit
pulistischen Botschaften der Regierungs- Partnerschalten in reichweitenstarken TV-
politiker hinausposaunen, auch kritischen Sendern sind wir in Albanien, Bulgarien,
Köpfen und anderen Sichtweisen auf Le- Serbien, Kosovo und Bosnien-Herzegowina,
benswirklichkeit und Zivilgesellschaft Platz in Kroatien, Mazedonien, Rumänien und
zu geben. Die Deutsche Welle ist in den Län- der Republik Moldau in den Landessspra-
dern Südosteuropas vielerorts das einzige chen vor Ort Teil des Diskurses.
Medium aus dem westlichen Europa, das Mit dem wöchentlichen Webvideo-For-
weiterhin Angebote in den Regionalspra- mat #DE_Facto sowie dem Dialog-Format
chen macht – RT, Sputnik, Al Jazeera haben „Balkan Booster“ sprechen die Westbalkan-
hingegen in den vergangenen Jahren ihre programme der DW gezielt die Jugend an
Angebote in der Region drastisch ausgebaut und laden auf Facebook zum Faktencheck
und befeuern kräftig den antieuropäischen sowie zum Dialog mit jungen Menschen aus
und antidemokratischen Diskurs. der Region. Beide Formate haben im ver-
gangenen Jahr mehrere Millionen Aufrufe
Als Stimme für Meinungs und Tausende von Reaktionen generiert.
vielfalt unverzichtbar Im 65. Jahr ihres Bestehens ist die DW in
Südosteuropa jung, frisch und präsent. Sie
Seit den Jahren der Jugoslawien-Kriege hat ist als Stimme für Chancen- und Meinungs-
sich die Deutsche Welle als ein „ehrlicher vielfalt und somit für eine demokratische
Die Farben des Protests: Monument in
Makler“ und als Stimme der Vernunft eta- Zukunft in Europa unverzichtbar.
Skopje, Mazedonien, nach einer Demons-
bliert. Ob auf Bosnisch, Kroatisch, Serbisch,
tration im August 2016
Albanisch oder Mazedonisch: Was die Jour-
Deutsche Welle 15TITELTHEMA
TEXT SPIROS MOSKOVOU, LEITER DER GRIECHISCH-REDAKTION
Sie hören die Sendung der freien Raucher
Die Präsenz der DW in Griechenland ist geschichtsträchtig. Kampfes gegen die Diktatur geschaffen hat,
Sternstunden erlebte das Griechisch-Programm während der war eine moralische und politische Investi-
tion Deutschlands in Griechenland. Bis heu-
Militärdiktatur Ende der 1960er-Jahre. Millionen Griechen te symbolisiert die DW das Vertrauen der
saßen jeden Abend an den Radiogeräten, begierig darauf zu Griechen in die deutsche Demokratie.“ Eine
erfahren, was tatsächlich in ihrem Land vor sich ging. Diese hervorragende Leistung, wenn man be-
denkt, welche Verwüstungen Nazi-Deutsch-
Reputation als glaubwürdige, verlässliche Informationsquelle land in Griechenland hinterlassen hatte.
hat die DW bis heute gewahrt. Dieses historische Vermächtnis erklärt
auch die Renaissance des griechischen
DW-Programms 1989, als in Griechenland
Ende Januar veröffentlichte die DW auf Kurzwelle verpönt war. Die Deutsche zum ersten Mal der private Rundfunk zu-
einen Bericht zur desolaten Lage am grie- Welle wurde zum kollektiven Erlebnis, wo- gelassen wurde. Dutzende lokale Sender
chischen Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosigkeit ran sich viele Griechen bis heute erinnern. in Athen und der landesweit empfangbare
war zwar von 27 auf 20 Prozent gesunken, Umfassend berichtete die DW über die Premium-Partner SKAI übernehmen seit-
doch sechs von zehn Arbeitnehmern sind Aktivitäten des Widerstands, der sich im dem das griechische Hörfunkangebot der
nur teilzeitbeschäftigt und müssen oben- Ausland formierte. Die Menschen erfuhren Deutschen Welle, inzwischen erweitert
drein im Durchschnitt sechs Monate lang zum ersten Mal vom Schicksal der Wider- um Online-Angebote und TV-Schalten aus
auf ihr Gehalt warten. Der Bericht wurde standskämpfer in Griechenland – von Ver- Bonn. Die Marke DW steht in Griechenland
zu einer Zeit publiziert, als die Regierung haftungen und Folterungen. Über ein weit- stets für Seriosität und Zuverlässigkeit.
Tsipras verstärkt Erfolgsmeldungen zu ihrer gespanntes Netz von Informanten sammelte In all diesen Jahren, auch beim leisesten
Arbeitsmarktpolitik verbreitete. Daraufhin und verbreitete die Griechisch-Redaktion Anzeichen einer Einschränkung der bür-
schrieb ein konservativer Politiker in einer alle wichtigen Meldungen, die unter die Zen- gerlichen Freiheiten, beruft man sich auf
Athener Zeitung in einem Gastbeitrag: „Wie sur der Obristen fielen. Die damaligen Kolle- die alte Instanz. Sogar als die griechische
©© DW
damals, zur Zeit der Diktatur, als wir still gen geißelten aus Köln unmissverständlich Regierung 2002 das erste – später allerdings
blieben und die Deutsche Welle hörten.“ das Regime in Athen. gescheiterte – Rauchverbot in öffentlichen
Auch heute, so meinte der griechische Poli- Gebäuden und Restaurants ankündigte, re-
tiker, seien seine Landsleute auf den deut- Die alte Instanz agierte eine große griechische Tageszeitung
schen Auslandssender angewiesen, wenn mit dieser Karikatur: Ein in seiner Woh-
sie die Wahrheit über die Situation im Lan- Seit dem Sturz der Junta 1974 gilt die DW als nung verbarrikadierter Grieche sitzt ver-
de erfahren wollten. der wichtigste deutsche Beitrag zur Wieder- zweifelt rauchend vor seinem Radio. Und
In der Zeit der Militärjunta war die DW herstellung der Demokratie. Der Schriftstel- hört schließlich erleichtert: „Hier ist die
eine der wenigen freien Informationsquel- ler und Journalist Alexander Skinas, einer Deutsche Welle. Sie hören die Sendung der
len in einem Land, in dem es keine Presse- der Hauptkommentatoren der griechischen freien Raucher.“
freiheit mehr gab. Radio als Aufklärung und DW-Sendung, formulierte in einem spä-
Freiheitsübung unter den Augen der Dikta- teren Interview diesen Beitrag so: „Was die dw.com/greek
tur, in der das Hören von fremden Sendern Deutsche Welle in diesen sieben Jahren des
Tolle Griechen erfolgreiche Griechen in Deutschland vor, Moskovou. „Viele waren verletzt und be-
darunter ein Kardiologe aus Berlin, eine leidigt, dass deutsche Medien ein Bild des
Von Facebook ins Frühstücksfernsehen: Sopranistin aus Wuppertal, ein Fischhänd- faulen und verschwenderischen Griechen
Reporter des Griechisch-Programms der ler aus Köln und eine 90-jährige Ballerina zeichnen.“ Das DW-Projekt habe der griechi-
DW drehten eine Porträtreihe über erfolg- aus Stuttgart. schen Seele geschmeichelt. So war das Inte-
reiche Griechen in Deutschland – und Pre- Die Serie mit dem Titel „Die tollen Grie- resse auch jenseits der Social-Media-Com-
mium-Partner SKAI TV strahlte sie aus. chen“ stieß auf viel Interesse, auf der On- munity geweckt: Der größte Privatsender
line-Seite ebenso wie auf der Facebook- und langjährige DW-Partner SKAI TV in
Als Ergebnis des Mobile-Reporting-Ein- Seite. „Die Schuldenkrise hat den Griechen Athen nahm die Reihe in sein populäres
satzes stellt die Redaktion ein Dutzend sehr zugesetzt“, erklärt Teamleiter Spiros Morgenmagazin.
16 Weltzeit 1 | 2018Meinungsfreiheit füttern
In einer Zeit, in der autokratische Re-
gierungen die Pressefreiheit aus-
höhlen und die wahrheitsgemäße Be-
richterstattung torpedieren, um zu
verhindern, dass ihre Verfehlungen öf-
fentlich gemacht werden, steht die DW
weiter für professionellen Journalis-
mus in vielen Sprachen. Wir sind stolz
darauf, dass die DW seit vielen Jahren auf
Recherchen und Analysen von Human Rights
Watch als glaubwürdige Quelle zurückgreift. Von der
weltweiten Verbreitung durch die DW profitieren auch wir.«
Kenneth Roth, Direktor Human Rights Watch
Meinungsfreiheit ist kein natürli-
cher Zustand. Sie muss gefüttert
werden mit Literatur, Wissenschaft
und Philosophie. Diese intellektuelle
Versorgung ist in der Türkei gefährdet.
Deshalb ist es umso wichtiger, dass die
DW und andere Stimmen von außen ei-
nen intensiven Dialog mit der laizisti-
schen türkischen Zivilgesellschaft führen.«
Tarik Günersel, türkischer Schriftsteller, Drehbuchautor,
Schauspieler und Regisseur (PEN Türkei)
Cuny TV zeigt eine Reihe von DW-Programmen, darunter die
News und Features, die Talksendung Quadriga und die Maga-
zine Euromaxx, Fokus Europa und Global 3000. Diese Informa-
©© Pixabay/Walkerssk
tions-, Bildungs-, und Unterhaltungsformate werden von unserem
Publikum sehr geschätzt, wie das positive Feedback zeigt.«
Oksana Israilova, Cuny TV, New York
Indische Musik hat eine über Jahr-
tausende gewachsene und bis
heute lebendige Tradition. Ihre
Lebenskraft speist sich daraus, dass es
immer wieder Freidenker gibt, die
»Bis heute symbolisiert keine Barriere zwischen Tradition und
Aufbruch sehen. Der Kompositionsauf-
die DW das Vertrauen trag der DW im Rahmen des Beethoven-
fests Bonn befördert diese Freiheit.«
der Griechen in die
Rakesh Chaurasia, indischer Flötist und Komponist
deutsche Demokratie.« für das Campus-Projekt 2018
Deutsche Welle 17TITELTHEMA
FRAGEN VON CHRISTOPH JUMPELT
„Wir sind die Stimme
für ganz Deutschland“
Die Deutsche Welle blickt auf 65 Jahre bewegte Geschichte zurück – und steht vor zahlreichen
Herausforderungen. Intendant Peter Limbourg erläutert, warum Deutschland seine mediale
Präsenz in der Welt weiter stärken muss.
Worin sehen Sie heute die größte He- wir selbstverständlich, Regierung und Op- leistet ihren Beitrag dazu, indem sie über
rausforderung für ein international tätiges position gleichermaßen zu Wort kommen Medien Menschen erreicht, die Deutschland
Medienhaus im Vergleich zu früher? zu lassen. sonst nicht erreichen würde.
Die Deutsche Welle hat in ihrer Geschichte
schon viele Aufgaben erfüllt. Zum Beispiel, Die Deutsche Welle wird aus Steuer- Die journalistischen Aufgaben, denen
Stimme der Heimat zu sein, Stimme der- mitteln finanziert. Was hat der Steuerzah- sich die DW stellen muss, werden nicht
jenigen, die fernab der Heimat waren und ler, der das Angebot im Inland nicht nut- geringer. Welche Argumente sprechen für
sich auf Nachrichten aus Deutschland ver- zen kann, davon, dass es die DW in dieser eine nachhaltige bessere Ausstattung des
lassen wollten. Heute ist die DW ein inter- Form gibt? Senders?
nationaler Sender, der in 30 Sprachen alle Deutschland ist international erfolgreich. Wir haben in der Vergangenheit gezeigt,
Sendewege bedient, von Radio über TV bis Die Deutsche Wirtschaft ist in hohem Maße dass wir mit unseren Mitteln effektiv um-
Social Media. Natürlich liefern wir der Welt vom Export abhängig. Deutschland ist der gehen, dass wir Neues wagen und dass wir
weiterhin ein umfassendes Bild davon, Welt zugewandt und ist umso erfolgreicher, damit sehr erfolgreich sind. Nicht nur, was
wofür Deutschland steht. Aber unser Pro- je weltoffener es ist. Ein Zeichen unserer die Reichweite anbelangt, sondern auch,
gramm wendet sich viel stärker als früher was Innovation im Programm betrifft und
an Nutzer in aller Welt. Wir wollen im Dialog die konsequente Digitalisierung innerhalb
sein mit unserem Publikum. Da hat sich in »Der Bedarf an der DW. Wir sind in bestimmten Regionen
den vergangenen Jahren viel getan. Wir set- überaus erfolgreich, beispielsweise im ara-
zen auf Koproduktionen mit Partnern und objektiver Bericht bischen Raum, in Lateinamerika und Afrika.
entwickeln unseren Ansatz weiter, der die
Nutzer und unsere Partner einbezieht. Heu- erstattung ist Da können wir noch enorm viel erreichen.
In unseren Angeboten auf Russisch und
te orientieren wir unser Programmangebot
stärker daran, was für unsere Nutzerinnen
weiterhin riesig.« Ukrainisch haben wir nach der Annexion
der Krim schnell und umfassend berichtet
und Nutzer relevant ist. und objektive Informationen in die Region
Weltoffenheit ist, dass wir ein realistisches gesendet. Das sind Beispiele dafür, dass die
Kann die DW ihre Agenda unabhängig Bild von Deutschland und Europa zeichnen. DW ihr Handwerk versteht. Wir machen das
umsetzen? Und dass wir unzensierte Informationen in gut und der Bedarf an objektiver Berichter-
Es ist unsere große Stärke, dass wir unab- schwierigen Regionen zur Verfügung stel- stattung ist weiterhin riesig.
hängig berichten können und dass wir frei len. Es ist wichtig, dass die Werte unseres Wir sind gut beraten, diesem Bedürf-
von staatlicher Einflussnahme sind. Wir Grundgesetzes – Toleranz, Freiheit, Demo- nis und dieser Nachfrage zu entsprechen.
sind ein Medienhaus, das in Deutschland kratie und sozialer Ausgleich – erklärt wer- Deswegen glaube ich, dass wir noch viele
sowohl Regierung und Opposition betrach- den. Denn in vielen Ländern der Welt sind zusätzliche Nutzer gewinnen können. Auf
tet als auch alle Strömungen in der Bevöl- diese Werte in Gefahr. Es belastet am Ende die großen Themen unserer Zeit – Krieg,
kerung einbezieht. Im Gegensatz zu vielen uns alle, wenn Regionen von Krieg und Ter- Terror, Flucht, Migration und Propaganda
staatlichen Sendern sind wir eben nicht die ror beherrscht werden oder wenn Hungers- – müssen wir Antworten finden. Wir tragen
Stimme der Regierung, sondern wir sind nöte ausbrechen, weil schlecht regiert wird. dazu bei und wollen hier auch stärker mit
die Stimme für ganz Deutschland. Das un- Oder wenn Menschen nur noch Propaganda unseren europäischen Partnern wie Frank-
terscheidet uns deutlich. Wir machen Jour- ausgesetzt sind. Der deutsche Steuerzahler reich und Großbritannien kooperieren. In
nalismus und keine PR. Auch in den Zielre- hat ein Interesse an einer friedlichen und Anbetracht der Tatsache, dass Freiheit und
gionen, über die wir berichten, versuchen gerechteren Entwicklung in der Welt. Die DW Demokratie zunehmend bedroht werden
18 Weltzeit 1 | 2018©© DW/M. Magunia
„Wir wollen stärker mit unseren europäischen
Partnern kooperieren“: Intendant Peter Limbourg
und dass Autokratie und Diktatur auf dem Politik vergegenwärtigen muss, dass das ak-
Vormarsch sind, muss ein mediales Gegen-
gewicht entstehen. »Die DW wünscht tive Blockieren von Informationen ganz klar
als unfreundlicher Akt einzustufen ist.
In Ländern wie China, Iran oder eini- sich weiterhin diese Was wünscht sich die DW zum 65. Ge-
gen afrikanischen Staaten wird der Emp-
fang von journalistischen Inhalten der
Unterstützung burtstag?
Wir haben eine sehr gute Situation mit ei-
DW aktiv blockiert. Ist das für Sie auch
eine Form der Wertschätzung für die jour-
und berechenbare ner breiten Unterstützung in der Politik.
Die Deutsche Welle wünscht sich weiter-
nalistische Arbeit, wenn Regime den Emp-
fang behindern?
Zusagen.« hin diese Unterstützung und berechenbare
Zusagen als Ausdruck des Wohlwollens
Man kann es als Wertschätzung sehen. Aber gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und
es ist meiner Ansicht nach ein Skandal und langfristig auszahlen wird, wenn man weiter Mitarbeitern und ihrer tollen Arbeit.
ein Zeichen der Schwäche, dass diese Länder beharrlich versucht, mit objektiven Infor-
offenbar so wenig Selbstbewusstsein haben, mationen in diese blockierten Märkte zu
dass sie kritische Stimmen verbieten. In die- kommen. Wir sind da teilweise erfolgreich
sen Ländern wird versucht, den Menschen über Umgehungssoftware und lokale Maß-
Informationen über Demokratie und über nahmen. Ich bin allerdings der Auffassung,
Menschenrechte, über Pressefreiheit vorzu- dass man sich bei allen Kontakten mit die-
enthalten. Wir sind überzeugt, dass es sich sen Ländern auf allen Ebenen der deutschen
Deutsche Welle 19©© picture alliance/Michael Kappeler/dpa
Terrorschauplatz und mediale Bühne:
Breitscheidplatz Berlin im Dezember 2016
TEXT CHRISTIAN F. TRIPPE, LEITER SICHERHEITS- UND GESELLSCHAFTSPOLITIK
Journalismus und
die Terror-Falle
Der 11. September 2001 markiert eine tiefgrei- ereignis, das musste auch ein Spielfilm widerspiegeln. Die Bilder
fende Zäsur – auch für die journalistische Be- der einstürzenden Doppeltürme hatten globalen Nachrichtenwert,
sie entfalteten eine Wirkung, die die Terroristen sicherlich einkal-
richterstattung. Bald 17 Jahre und ungezählte kuliert hatten.
Terrorakte später denken Medienmacher und In der Diskussion über das Verhältnis von Terrorismus und Jour-
Medienkritiker noch immer über das Verhält- nalismus wird immer wieder eine „symbiotische Beziehung“ be-
klagt, eine ungesunde, ja gefährliche Wechselwirkung. Wer wollte
nis von Terrorismus und Journalismus nach. bestreiten, dass Berichte über Akte extremer politischer Gewalt gut
sind für Quote und Auflage?
Die Fragen, die sich dem Journalismus stellen, wiegen schwer:
Bieten Journalisten den Terroristen die mediale Bühne, ohne die ein
I m Spätsommer 2002 begannen die Dreharbeiten zum Spiel-
film „September“. Der deutsche Regisseur Max Färberböck
wollte die Terroranschläge des 11. September filmisch verar-
beiten. Gedreht wurde unter anderem in der Berliner Voltastraße,
Terrorakt gar nicht erst ausgeführt würde? Machen sich die Medien
durch eine sensationsheischende und emotionalisierte Bericht-
erstattung zu Komplizen? Al-Kaida-Pate Ayman al-Sawahiri sagte
es 2004 ganz unverblümt: Der dschihadistische Kampf werde zur
im News-Studio der Deutschen Welle. Denn 9/11 war ein Medien Hälfte auf dem Medienschlachtfeld ausgetragen.
20 Weltzeit 1 | 2018Sie können auch lesen