Willkommen in der Kunst - Christian Löffler Mit neuen Perspektiven - bunkverlag
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www.kulturnews.de
Christian Löffler
Mit neuen Perspektiven
in die Klassik
Kultur in Deutschland | Sonderausgabe 4/2021
Willkommen in der Kunst01-32_kulturnews_04_2021-jw-1k.qxp_01-32_kulturnews_04_2021 30.03.21 15:19 Seite 2
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April | Inhalt
Wissen allein reicht nicht
Wer etwas verändern will, muss zunächst verstehen, wie der Ist-Stand ist.
Dann geht es darum, was verändert werden soll. Erst danach geht es darum, wie
das gelingen kann und in welchem Zeitraum.
Dabei hilft auf jeden Fall: die Wissenschaft. Wissenschaftliche Expertise ist ein
wichtiges Instrument, wenn es um Erkenntnis geht. Wohlgemerkt: ein wichtiges –
jedoch nicht das einzige. Im Nachdenken über unsere postpandemische Gesell-
schaft hat auch die Kunst eine wesentliche Funktion. Denn: Wie soll sich das denn
anfühlen, was es zu erreichen gilt? Was macht der Weg dahin mit den Menschen?
Und kann man den Ist-Stand nicht um so präziser und eindrücklicher verstehen,
wenn man ihn auch emotional erlebbar beschreiben kann? Denn genau das kann
Kunst – in Bildern, Tönen, Worten. Sie kann übrigens auch die Wissenschaft
für sich nutzen. Lesen Sie dazu unser Interview mit der Konzeptkünstlerin
Swaantje Güntzel auf Seite 28.
4
Musik 12 Jazz
18 Literatur
21 Krimi
22 Film
26 Kunst
Titelfotos: Christian Löffler
kulturnews.de kulturmovies.de
Kultur bleibt sichtbar Das Kinoprogramm
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Musik | Christian Löffler
Die Rettung der Moldau
Foto: Christian Löffler
Christian Löfflers elektronische Verklärungen von Wagner, Beethoven und Co. begeistern auch
dann, wenn man von Klassik keine Ahnung hat. Kein Wunder: Bis vor kurzem ging es ihm ähnlich.
Christian, für „Parallels“ hast du alte Schellackplatten aus dem Archiv Hast du ihnen erzählt, dass du dich mit Klassik gar nicht so gut auskennst?
der Deutschen Grammophon verwendet. Welche Beziehung hast du zu Löffler: (lacht) Das habe ich natürlich geheim gehalten! Aber ich weiß gar
klassischer Musik? nicht, ob das eine große Rolle gespielt hätte, weil ich unbewusst mehr
Christian Löffler: Ganz ehrlich: Wenn, dann habe ich mich eher mit kannte, als ich gedacht habe. Natürlich waren viele berühmte Themen
Neoklassik beschäftigt. Meine Neugier für die Gegenwart, für das Hier dabei, aber genau deshalb habe ich eher nach Momenten gesucht, die
und Jetzt, hat mich immer zu sehr in Anspruch genommen. Als ich das nicht so bekannt, aber trotzdem sehr schön sind. Wie viel da drin steckt,
Material gesichtet habe – es war ja viel, 35 bis 40 Stücke –, habe ich hat mich sehr überrascht.
überlegt: Oh Gott, war es vielleicht ein Fehler, ja zu sagen? Obwohl ich Willst du mit dem Projekt lieber deine Fans motivieren, Klassik zu
selbst schon mit Streichquartett aufgetreten bin, war ich noch nie bei hören, oder Klassikfans für deine Musik interessieren?
einem klassischen Konzert gewesen! Nur an Wagner konnte ich mich Löffler: Gute Frage. Ich glaube, es ist mir eher ein Anliegen, meinen Fans
aus meiner Kindheit erinnern. Mir ist eingefallen, dass meine Mutter ihn mal die Klassik näherzubringen, weil ich nach Shows und Konzerten
damals sehr gern gehört hat. immer das Gefühl gehabt habe, dass sie glücklicherweise sehr offen für
Wie ist die Deutsche Grammophon auf dich zugekommen? Experimente sind. Auch jetzt habe ich sehr positive Rückmeldungen
Löffler: Ganz einfach per Anruf. Es war witzig: Im März 2020 war ich bekommen, obwohl es ja doch viele Momente ohne Beat hat und eher
gerade fertig mit meinem letzten Studioalbum, hatte nach Ambient klingt. Und die Klassikhörer*innen in
Auftritte in Istanbul und Athen absolviert. Danach der Elektronik? Klar! Ich freue mich über alle, die
sollte es weitergehen, aber das ist dann bekanntlich Interesse haben. Aber in erster Linie ging es darum,
alles ausgefallen. Es hat sich langsam herauskristalli- etwas zu schaffen, bei dem ich am Ende das Gefühl
siert, dass ich auf einmal viel Zeit haben würde. Ich habe: Das macht Sinn, damit habe ich etwas beige-
saß also im Studio herum, als mein langjähriger tragen, ohne mich zu wiederholen. Ein Fan hat mir
Freund und Manager angerufen hat: Die Deutsche zum Beispiel geschrieben, dass er „Die Moldau“ in
Grammophon hat sich gemeldet, die haben diese der Schulzeit etwa ein Jahr lang behandelt hat – da
Schellackplatten und würden sie dir gerne einmal hatte er also nicht unbedingt positive Erinnerungen
schicken. Es war schön, weil von Anfang an klar war, dran. Aber meine Version fand er richtig gut! Das ist
dass ich völlig frei bin und schalten und walten kann, natürlich ein schönes Gefühl.
wie ich möchte. Da sind die ersten Bedenken schon Parallels
einmal weggefallen. ist gerade erschienen Interview: Matthias Jordan
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Szene | Musik
NEIL YOUN
Y G
Positive Vibes WAY DOWN IN THHE RUST BUCKET
„Stell dir vor, ein Blues- und ein Popsong bekämen ein
sonnenfarbenes Baby“ – so beschreibt Jon Batiste
seine Single „I need you“. Man darf sich den Pianisten
dabei mit leuchtenden Augen und einem breiten
Foto: Justin French
Grinsen vorstellen. Batiste, geboren 1986, strahlt stets
positive Vibes und eine ungeheure Energie aus – was
ihn zum perfekten Bandleader in der Late Show von
Stephen Colbert macht. Weitere Gründe für seine
minütlich wachsende weltweite Popularität: seine
nahezu fanatische Liebe für alle Spielarten der Black Music, sein Kompositions-, Gesangs- und
sein instrumentales Talent. All das verschwindet beinahe hinter den vielen Stilen und Gästen auf
dem Album „We are“, hinter diversen Batiste-Familienmitgliedern und alten Kumpels wie
Trombone Shorty oder der Hot 8 Brass Band. „We are“ ist eine Gospel-Platte, die sich unter einer
Pophülle versteckt. Batistes Jazzwurzeln sind stets hörbar, plus Trap, Funk, Soul und Old-School-
Rap. Ein herrlich gut gelauntes Mixtape, mit dem Pharrell-Williams-Swing von „I need you“ als Unverzichtbarres Livealbum
Höhepunkt – vielleicht schon der Sommerhit 2021. jp der legendären Shoow mit Crazy Horse.
Treffsicher
Man durchdringt sie vielleicht nicht beim ersten
RHIANNON
N GIDDENS
Zuhören, die kompositorischen Ideen, die Piers
Faccini für sein neues Werk „Shapes of the Fall“ ent-
WITH FRANCEESCO TURRISI
wickelt hat. Aber es findet sich in jedem Song etwas,
Foto: Julien Mignot
an das man sich erst einmal anlehnen und dem man
konzentriert zuhören kann: zurückhaltende Streicher
im Opener „They will gather no Seed“, treibenden THEY‘RE CALLLING ME HOME
Rhythmus gepaart mit Call and Response in „Foghorn
calling“ oder die arabisch eingefärbten Oud-Klänge
und Vocals eines Songs wie „Dunya“. Neben dem marokkanischen Gnawa-Sänger Abdelkebir
Merchane hat auch Ben Harper seinem Freund Faccini die Stimme geliehen: Im Trio wird „All
aboard“ zu einem fast epischen Dreh- und Angelpunkt des Albums. Nordeuropäisch anmutende
Folkmelodien paart der anglo-italienische Songwriter so treffsicher mit nordafrikanischen Klängen,
dass an keinem Punkt der Eindruck entsteht, hier wolle jemand einfach nur mal ein bisschen
„Weltmusik“ machen. ron
FESTIVALTIPP
Land der Horizonte Die 6-fach Grammy-nominierte Sängerin
mit einem neueen Studioalbum.
Foto: Mat Hennek
Festivals können der Pandemie auf zwei Weisen be- Exzellenter Folk & Blues.
gegnen: stoppen, verschieben, alles so klein wie möglich
halten. Oder aufdrehen, vorausschauen, neue Konzepte
probieren. Das Schleswig-Holstein Musik Festival hat
sich für den zweiten Weg entschieden. 156 Konzerte
in 79 Spielstätten an 51 Orten in Norddeutschland sind für 2021 geplant. Coronabedingt liegt
der Fokus natürlich auf neu installierten Außenbühnen. Als musikalisches Zentrum dient die Musik
von Franz Schubert, als Künstlerin steht die Starpianistin Hélène Grimaud (Foto) mit elf Konzerten ERHÄLTLLICH ALS
im Fokus. Aber auch jenseits der Klassik gibt es Auswahl genug: Liedermacher wie Konstantin
Wecker und Jazzer wie Nils Landgren treten auf, mit dem „Werftsommer“ kommt sogar ein VINYL, CD, DOWNNLOAD & STREAM
brandneues Format für Popmusik hinzu. Zugegeben: Die Kapazitäten mussten ein wenig einge-
schränkt werden – die Wartelistenplätze werden also hart umkämpft sein! Das Festival dauert
vom 3. Juli bis zum 29. August. mj www.shmf.de
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The Dark Evets! Bis die Bourbongläser
Tenor
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21.12.21
bersten
Fabrik Seit dem Beginn ihrer Karriere in den 80ern hat sich
Hamburg Joanna Connor dem traditionellen Bluesrock ihrer Heimatstadt
Chicago verschrieben und offenbar nie größeres Interesse
verspürt zu experimentieren. So konzentriert sie sich immer
voll auf die beiden Dinge, die sie am besten kann: singen, bis
die Bourbongläser bersten, und Bottleneckgitarre spielen, bis
die Verstärker abrauchen. Diese Leidenschaft hat wohl einen
gewissen Joe Bonamassa dazu bewogen, das aktuelle Album
dieser hart schuftenden Bluesröhre zu produzieren und auf
seinem Label zu veröffentlichen. Neben Connors gewaltiger
Stimme dürfte ihn die Leichtigkeit beeindruckt haben, mit der
die Kollegin zur Sache geht. Im Video zur Single „I feel good“
wickelt Connor schnell noch eine neue E-Saite auf ihre ab-
Foto: Maryam Wilcher
gerockte Les Paul, und dann steht sie wie ein Fels auf der
Bühne eines verrauchten Clubs, mit der coolen Attitüde Sister
Rosettas und viel frechem Rotz in der Stimme. Diese
Atmosphäre durchzieht „4801 South India Avenue“, Connors
bislang stärkstes musikalisches Statement. ron
„Was, wenn das kein
Ende ist?/Sag’, wie viel
Willkommen steckt in
Goodbye?“
aus: „Willkommen Goodbye“
Gentleman
Foto: Paul Huettemann
Na klar, auch auf Joris’ drittem Studioalbum „Willkommen
07.11.21 Goodbye“ geht es ums Zwischenmenschliche. Aber gerade in
Sporthalle, Hamburg Zeiten des Lockdowns lässt sich das Persönliche nicht vom
Politischen trennen – und daher tut sein hoffnungsvoller
Seelenbalsampop jetzt besonders gut.
Kabellos glücklich
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6 | kulturnews
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Dry Cleaning | Musik
CHECKBRIEF
BANDMITGLIEDER
Florence Shaw (Gesang)
Tom Dowse (Gitarre)
Lewis Maynard (Bass)
Nick Buxton (Schlagzeug)
HERKUNFT London
GENRE Postpunk
KLINGEN WIE
Sonic Youth
AKTUELLES ALBUM
Das von John Parish
produzierte Debüt
„New Long Leg“
erscheint am 2. April
Zähne zeigen
Derzeit die coolste Band Englands: Dry Cleaning! Das liegt auch an den Lyrics von
Foto: Steve Gullick
Sängerin Florence Shaw. Dabei geht es in ihren Texten vor allem ums Essen.
Florence, Nick, Tom, habt ihr Dry Cleaning im Jahr 2017 wirklich Shaw: Wenn man ganz nah ranzoomt, schafft das einen Raum, in dem
nach einer Karaoke-Party gegründet? die Hörer*innen eine Verbindung herstellen können. Oft sind es gerade
Nick Buxton: Dieser Abend wird mehr und mehr zu einem Mythos ver- ganz private Details, die eine Tür öffnen.
klärt, aber tatsächlich hat er vieles angestoßen. Die Songauswahl war Dowse: Es sind ja meist ganz kleine Dinge, seltsame Beobachtungen im
sehr seltsam, alle waren sehr betrunken, und schließlich haben wir drei Detail, die Wahrheit in sich tragen. Was nützt ein großes Statement, das
Jungs einen Song von den Deftones gesungen. dann doch wieder zerfasert, weil es verallgemeinernd ist?
Mit den Deftones konntet ihr Florence überzeugen, bei Dry Cleaning Meine Lieblingszeile stammt ja aus dem Titelsong des Albums: „Would
als Sängerin mitzumachen? you choose a dentist with a messy back garden like that?“
Buxton: Eigentlich singe ich am liebsten Bruce Springsteen, aber da Shaw: (lacht) Da geht es ganz konkret um eine Zahnarztpraxis in der
bekomme ich immer Ärger mit den Partymachern, weil es zu professio- Nähe meiner Wohnung. Von außen sieht sie sehr professionell und auch
nell klingt. protzig aus, aber dann bin ich mal in einem Doppeldeckerbus an dem
Tom Dowse: Wenn ich nicht so betrunken bin wie an jenem Abend, ist Gebäude vorbeigefahren und konnte den total runtergekommenen Garten
meine Geheimwaffe ganz klar Jamiroquai. im Hinterhof sehen. Irgendwie hat mir das Angst gemacht, und ich bin mir
Florence Shaw: (lacht) Jamiroquai hätte mich viel schneller überzeugt als ganz sicher, dass dieser Zahnarzt noch sehr viel mehr zu verbergen hat.
die Deftones. In den Texten geht es auch andauernd ums Essen.
Florence, eigentlich bist du visuelle Künstlerin. Hast du gezögert, dich Shaw: Argh, mir ist das selbst gar nicht aufgefallen, aber ich werde jetzt
auf die Musikszene einzulassen? andauernd darauf angesprochen. Es ist mir fast ein bisschen peinlich.
Shaw: Anfangs habe ich mich schon gefragt, ob ich mich wirklich über (lacht) Bin ich eine Food-Fetischistin? Tatsächlich ist es ein gutes Tool,
Sound statt wie bisher mit Bildern ausdrücken will. Andererseits habe ich um ein Setting zu kreieren und es sehr konkret auszuleuchten.
auch schon immer viel mit Text gearbeitet. Aber diese Zweifel gab es nur Du flankierst den Postpunk der Jungs mit oft sehr wütenden und ver-
ganz am Anfang, als wir etwa noch die Frage diskutiert haben, ob wir zweifelten Texten, bleibst aber immer beim Sprechgesang. Hast du
überhaupt Konzerte spielen wollen. Als es dann so richtig losging, war nicht manchmal das Bedürfnis, einfach loszuschreien?
das kein Thema mehr. Shaw: Die Art meines Sprechgesangs ist ja sehr autoritär, er fühlt sich für
Deine Texte setzen sich aus sehr spezifischen Szenen zusammen, bei mich sehr lebhaft und kräftig an. Auch bei Konzerten empfinde ich mich
denen du dich auch von Kommentarspalten im Internet, Werbeslogans nicht als ruhenden Gegenpol zur Band. Auf der Bühne ist es ein sehr
und Alltagsgesprächen inspirieren lässt. Und dabei tauchen immer wieder körperlicher Einsatz, ich stehe die ganze Zeit unter Strom. Bislang ist es
Sätze auf, die unser gegenwärtiges Leben auf den Punkt bringen. mir jedenfalls noch nicht passiert, dass ich mich nach einem Konzert im
„Do everything, feel nothing“ etwa. Oder auch: „I’m smiling constantly Backstagebereich abreagieren musste.
and people constantly step on me.“ Interview: Carsten Schrader
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Musik | Szene
Muskelspiele
Da zieht sich einem ja alles zusammen:
Pudeldame. Ein Quartett aus Hamburg und
Lübeck, das sich ironiekompatibel hipsterig kleidet
und Musik zwischen Neuer Deutscher Welle
und Indiepop macht. Erschwerend kommt
hinzu, dass Schauspieler Jonas Nay als Sänger
einen Starstunt suggeriert. Es ist leicht,
Pudeldame und ihr Debütalbum „Kinder
ohne Freunde“ ungehört beiseite zu wischen.
Foto: Zoe Opratko
Sollte man aber nicht: Sie sind zwangloser
und laden mehr als all die anderen Neo-
schlagerprotagonist*innen zum Tanzen ein.
„Bei unserer Musik muss etwas mit meinen
Muskeln passieren“, sagt Nay selbst dazu,
Foto: Anne Wilk
„es muss eine körperliche Reaktion geben.“
Oarschlochsystem Vielleicht ist es daher auch gewollt, dass sich
einem erstmal alles zusammenzieht. jl
Keine Ahnung, ob Wiener als Melancholiker zur Welt
kommen – aber es scheint ihnen zu liegen, ständig auf
das große und kleine Elend der Welt zu blicken und
schulterzuckend die nächste Flasche aufzumachen. Strippenzieher
Max Hauer ist so einer, der sich gern im Themenkanon
der Schwarzseher verliert. Tänzelnd und schief lächelnd Aufgemerkt bei diesem glibberig grünen
seziert er das „Oarschlochsystem“ in seinen Song- Gebilde: Dahinter verbirgt sich das zweite
miniaturen, die er für „Wöd“ gesammelt und im sympa- Album der dänischen Band Communions,
thisch-minimalistischen Homerecording-Alleingang die mit zum Sterben schönen Refrains das
aufgenommen hat. Hauer firmiert hier unter dem Band- schwächelnde Genre Indierock am Leben
s
hinocero
namen Cler und kann sich wohl berechtigte Hoffnungen halten. Dazu überzeugen auf „Pure Fabri-
machen, das Material mit seinen Bühnenkollegen cation“ die Texte der Brüder Martin und
mbour
irgendwann auch live spielen zu können. Moment: Mads Rehof: Wer zieht bei uns eigentlich
Foto: Ta
Hoffnung? Ach was, wird doch ohnehin nichts bei all welche Strippen, damit wir in dieser Welt
dem Elend in der Wöd. ron bestehen können? cs
„I left my soul/on Californian soil/and I left my pride/
with that woman by my side/I never had a willing hand/
and I never had a plan/but I'm glad I found you here“
aus: „Californian Soil“
Nach vier Jahren nimmt es
Sängerin Hannah Reid auf
„Californian Soil“ mit der
eigenen Bandgeschichte von
London Grammar auf – und
mit der Frauenfeindlichkeit
der Musikindustrie, die
sie erfahren hat.
Foto: Alex Waespi
8 | kulturnews01-32_kulturnews_04_2021-jw-1k.qxp_01-32_kulturnews_04_2021 31.03.21 11:12 Seite 9
Foto: Warner Music Charlotte Cardin | Musik NEW ALBUM
Phoenix in die Bresche SCHILLER
Charlotte Cardins Texte sind krass. SUMMER IN BERLIN
Trotzdem funktioniert ihr Pop auch im Radio.
› Es ist eine zur Genüge bekannte Ge-
schichte: das Hadern mit dem Ruhm,
mit dem Bild in der Öffentlichkeit, mit sich
„Dieses Album hat zwei Jahre gebraucht, weil
ich zu Beginn des Schreibprozesses versucht
habe, die Kontrolle über das zu erlangen, was
selbst. Die gerade mal 26-jährige Singer/- ich zeigen will“, sagt Cardin über ihr erstes
Songwriterin Charlotte Cardin aus Quebec Album „Phoenix“, an dem sie bereits 2019 zu
modelt, seitdem sie 15 ist, und war das arbeiten begonnen hatte. „Am Ende wurde es
Gesicht für das namhafte Modehaus Chanel, jedoch offensichtlich, dass ich die wahren
für das sie auch heute noch als Markenbot- Impulse stärker zulassen muss, damit meine
schafterin tätig ist. Dass Cardin sich dennoch Musik – und mein Leben – irgendeinen Sinn
dazu entschlossen hat, ihr Innerstes mit der ergeben.“
Welt zu teilen, mutet zunächst ganz schlüssig
an. Models und Schauspieler*innen, die singen, Welche Früchte es trägt, wenn Cardin Ver-
sind schließlich nichts Neues. Auch ihre ziel- letzlichkeit und Widersprüchlichkeiten nicht
sichere, radiotaugliche Mischung aus Folk, nur zulässt, sondern ausstellt, zeigen zwei
R’n’B und Elektronika suggeriert nicht etwa, Songs, zwischen denen Cardin die ganze
dass eine Künstlerin hier auf Messers Schneide Ambivalenz einer Trennung aufspannt. „Halle-
zwischen Verletzlichkeit und Starstatus balan- lujah Baby, we’re no longer together“, singt sie
ciert. Stattdessen ließe sich beinahe denken, in „Passive aggressive“ und in „Meaningless“
dass die Musik für Cardin ein sicherer Schutz- dann: „I can arrange meeting a stranger, forget
raum ist, das Gegengewicht zum Modeln. you a day/but I can’t imagine what even hap-
pens beyond the pain.“ „Meaningless“ ist auch
Doch dieser Eindruck täuscht: Wer genauer der Song, in dem Cardin sich der Unsicherheit
hinhört, wird bemerken, dass Cardin ihre tat- nach der Trennung hingibt – und darin die
sächlichen Gefühle nicht hinter tausendmal Freiheit entdeckt: „See the sun leading us/to
gehörten Liebes- und Trennungsgeschichten the land of the lost and the reasonless/hear the
versteckt. Sie hat die vergangenen Jahre damit drum beating us/I forever surrender, the rest is
verbracht, die letzten Schutzmauern einzu- meaningless.“ Von wegen Schutzraum.
reißen, die nach ihren millionenfach gestream-
ten Debüt-EPs „Big Boy“ (2016) und „Main Jonah Lara Super Deluxe (2CD/2Blu-Ray),
Girl“ (2017) noch übrig geblieben waren. Phoenix erscheint am 9. April. Deluxe (2CD), Vinyl (2LP)
schillermusik.de
kulturnews | 901-32_kulturnews_04_2021-jw-1k.qxp_01-32_kulturnews_04_2021 30.03.21 15:20 Seite 10
Musik | Blackmore’s Night
Natürlich nostalgisch
Gemeinsam mit ihrem Mann CHECKBRIEF
Ritchie Blackmore musiziert GRÜNDUNG Nicht im
Candice Night als Blackmore’s Mittelalter, sondern relativ
spät, im Jahr 1997
Night im Stil der Renaissance. DEEP PURPLE Bei der legen-
dären Hardrockband war Ritchie
Die Moderne mag sie Blackmore bis 1975 Gitarrist
trotzdem lieber. ARBEITSTEILUNG Blackmore
spielt die Saiteninstrumente
und schreibt die Musik, Night
singt und schreibt die Texte
DISKOGRAFIE Mit
„Nature’s Light“ haben
Blackmore’s Night
Foto: Minstrel Hall Music / Michael Keel
mittlerweile elf Alben
unter dem Gürtel
KOSTÜME Bei ihren
Auftritten trägt die Band
historische Kleidung aus
dem Mittelalter
Candice, das neue Album „Nature’s Light“ soll der Natur Tribut zollen. Wir hätten keine Luft zum Atmen, kein Wasser. Die logische Entscheidung
Was bedeutet die Natur für dich? ist also, sie zu schützen und zu respektieren.
Candice Night: Ich glaube, wegen der Pandemie kehren mehr und mehr Eure Musik ist nostalgisch, aber ihr wollt trotzdem eine moderne Band
Leute zur Natur zurück. Wir haben uns schon immer an die Magie der Natur sein. Wie geht das zusammen?
gewandt, um unsere Lebensgeister wieder aufzuladen. Indem wir einen Night: Wir bedienen uns gern bei Liedern, die vor Hunderten von Jahren
Waldspaziergang gemacht haben, konnten wir dem Alltagsstress entfliehen. geschrieben wurden. Den Geist dieser Originale versuchen wir zu erhalten,
Ein Sonnenuntergang, eine Sternennacht, das Gefühl von Wind in den indem wir Instrumente aus der damaligen Zeit in die Songs einbauen, die
Haaren, der Klang der Meereswellen – das alles konnte unendlich inspi- wir aus diesen Melodien machen. Also spielen wir etwa Schalmei, Rausch-
rierend sein. Aber seit so viele Menschen zu Hause festsitzen und sich ihr pfeife, Krummhorn oder Gemshorn, fügen aber auch moderne Instrumente,
Leben drastisch verändert hat, brauchen sie diese Waldspaziergänge, um neue Arrangements und neue Texte hinzu. Auf diese Weise bekommen
bei Verstand zu bleiben. Sie werden immer introspektiver, die Natur heilt die alten Lieder neues Leben eingehaucht, und hoffentlich können sich
einmal mehr ihre Seelen. Es ist eine der wenigen Sicherheiten, auf die Leute aus unserer Zeit in den Songs und Geschichten wiederfinden.
wir uns dieser Tage verlassen können. Als Frontfrau einer Rockband: Rock ist traditionell ein sehr männliches
Warum hat euch gerade die Musik der Renaissance inspiriert? Hatten Genre. Ist das in letzter Zeit besser geworden – und was können wir
die Leute früher eine bessere Beziehung zur Natur? machen, damit es noch besser wird?
Night: Es ist eine der besten Seiten, in der heutigen Night: Es hat schon immer Frauen gegeben, die in die
Zeit zu leben: Wir können die Früchte der Vergangen- männerdominierte Rockwelt vorgedrungen sind.
heit ernten und entscheiden, was davon in unser heu- Janis Joplin, Stevie Nicks, Tina Turner … Viele haben
tiges Leben passt. Ich liebe die Bilder von Jungfrauen, es geschafft, die Mauern einzureißen. Auch in anderen
die dem davonreitenden Ritter zum Abschied mit ihrem Genres, wenn man etwa an Dusty Springfield, Dolly
Taschentuch zuwinken, während Lagerfeuer die Parton, Cher oder Ronnie Spector denkt. Das mag
Silhouetten der Hügel zieren … Aber das ist nicht die nicht Rock gewesen sein, aber in der Industrie hat
Realität dieser Zeit. Trotzdem ist es meine Wahr- jede dieser Frauen ihre Spuren hinterlassen und war
nehmung, und ich ziehe meine Inspiration eben aus eine unabdingbare Wegbereiterin für die Frauen, die
einer Fantasie über diese Ära. Ich glaube, Menschen ihr nachgefolgt sind. Schwestern, Mütter, Großmütter:
aller Perioden haben eine gesunde Beziehung zur Wir sind alle verbunden, und der Kreis beginnt von
Natur. Anderen wiederum fehlt diese Beziehung – es neuem. Jede Frau macht es ein wenig leichter für die
kommt auf die Individuen an. So ist es bis heute. Nature’s Light nächste Generation.
Allerdings würden wir ohne die Natur alle sterben. ist gerade erschienen Interview: Matthias Jordan
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and I want you to come“ 21.12.21 Hamburg
aus: „Let me love you like a Woman“
... und weitere Ter
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Auf „Chemtrails over the Country Club“ wagt Lana Del Rey den Sprung
vom sonnigen Kalifornien in den ländlichen Mittwesten und gibt diesmal
den bodenständigen Folkie – ohne dabei auf die für sie typische,
prachtvolle Americana zu verzichten.
Alte Bekannte
08.10.21 Regensburg 21.11.21 Fulda
05.11.21 Mainz 27.11.21 Lüneburg
14.11.21 Stuttgart ... und weitere Ter
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Foto: Dudi Hasson
19.11.21 Potsdam
Durchhaltehymnen 24.11.21 Leverkusen n
Im Jahr 2017 tauchte die Produzentin, Sängerin und Rapperin aus 25.11.21 Leer
Tel Aviv erstmals auf dem Radar auf und thematisierte mit ihrem 26.11.21 Achim
Debüt den Krieg und die Konflikte ihrer Heimat. Noga Erez deutete 12.12.21 Hamburg
einen ganz und gar eigenen Sound zwischen Contemporary Pop,
22.12.21 Oberhausen n
HipHop und sperriger Elektronik an – nur hatte sie sich bei „Off the
Radar“ noch zu sehr auf Übersongs wie „Dance while you shoot“ ... und weitere Ter
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verlassen. Auf „KIDS“ ist die 31-Jährige mutiger, formuliert Ideen
radikaler aus – und kommt bei einem Album voller Stand-out-Tracks
an. Mit toxischen Beziehungen und Depression sind die Songs ver- www
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meintlich privater, und vielleicht hat ja auch ihre Mutter geholfen, die
Hotline 01806 700 73
33
per Sample fordert: „Can we get more sub so he can feel it?“ Zudem
0,20 € pauschal aus dem deutschen Festn
netz,
Alle Angaben ohne Gewähr
ist „KIDS“ auch Lockdown-kompatibel: „I don’t know what really, really aus dem Mobilfunknetz 0,60 €
happens at the End of the Road“, sprechsingt Erez – und wir tanzen
zu diesem niederschmetternden Eingeständnis. cs
kulturnews | 11 / reservix01-32_kulturnews_04_2021-jw-1k.qxp_01-32_kulturnews_04_2021 30.03.21 15:20 Seite 12
Musik | Jazz + Klassik
CHECKBRIEF
FRANCESCO TURRISI
GEBOREN 1977
CHECKBRIEF
KOMMT AUS Turin, Norditalien
LEBT IN Irland
RHIANNON GIDDENS
SPIELT Klavier, Akkordeon,
GEBOREN 1977
Laute und Trommeln
KOMMT AUS Greensboro, North Carolina
ENTDECKT die Musikgeschichte
LEBT IN Irland
ihrer beider Heimatländer
SPIELT Geige, Banjo, Bratsche
ARBEITET stets wohlüberlegt
ENTDECKT die Musikgeschichte ihrer
beider Heimatländer
ARBEITET am liebsten spontan
Sagt mal,
von wo kommt
ihr denn her?
Foto: Ebru Yildiz
Rhiannon Giddens und Francesco Turrisi haben auf den ersten Blick wenig gemein.
Doch mit ihrer Mischung aus italienischem, amerikanischem und irischem Folk
überwinden sie Zeit und Raum.
Rhiannon, für „They’re calling me home“ hast du zum zweiten Mal mit leben, wenn man die Möglichkeit nicht mehr hat, jederzeit nach Hause
deinem Partner Francesco Turrisi zusammengearbeitet. Wie habt ihr zu fahren. Vieles an meiner Heimat wusste ich erst zu schätzen, nach-
euch kennengelernt? dem ich sie verlassen hatte – das erhält jetzt ganz andere Dimensionen.
Rhiannon Giddens: Francesco hat meine Band, die Carolina Chocolate Wir haben versucht, uns unsere Heimat nach Irland zu holen. Ich habe
Drops, schon vor Jahren kennengelernt. Er hat mich kontaktiert, weil er gelernt, Gerichte aus dem Süden zu kochen, und Francesco hat sich eine
der Meinung war, dass unsere Musik gut zusammen funktionieren Espressomaschine gekauft, um sich ein Little Italy zu erschaffen. (lacht)
würde, und weil wir beide in Irland leben. Aber daraus hat sich zunächst Das gleiche haben wir mit der Musik gemacht: Wir haben uns an unsere
nichts weiter ergeben. Vor etwas über drei Jahren hat er sich dann wieder musikalischen Anfänge zurückerinnert.
bei mir gemeldet, und diesmal standen die Sterne wohl einfach richtig. Dabei seid ihr auf Songs wie „O Death“ gestoßen, die sehr alt sind –
Ihr beide setzt euch schon lange intensiv mit ganz unterschiedlichen und die doch nahtlos an die Welt anschließen, wie wir sie heute erleben.
Musiktraditionen auseinander. Was habt ihr gemeinsam? Glaubst du, Folkmusik hat ein größeres Potenzial dafür, Menschen mit-
Giddens: Im Bezug auf die Stile, die wir spielen, und einander zu verbinden?
unsere Biografien gibt es eigentlich gar keine Ge- Giddens: Ja, absolut. Zum einen, weil sie Melodien
meinsamkeiten. Aber unter anderen Gesichtspunkten und Strukturen enthält, die überall auftauchen und
haben wir doch sehr viel gemein: Wir haben etwa so viel beeinflusst haben. Zum anderen, weil sie
beide an Musikhochschulen studiert – er Jazz, was Themen anspricht, die zeitlos sind und uns mit-
mein kultureller Background ist, und ich italienische einander und auch mit unserer Vergangenheit ver-
Oper, was ja eigentlich sein Ding ist. Für uns ist es binden. Dabei muss ich an einen Song von „They’re
aber weniger wichtig, was wir spielen. Was zählt, ist calling me home“ denken: „Waterbound“, ein
die Herangehensweise und die Absicht. Traditional aus dem Amerikanischen Süden.
Heimat ist ein zentrales Thema auf „They’re calling Francesco und ich haben es zusammen mit Niwal
me home“. In der Pandemie hat Heimat allerdings gespielt, unserem Gitarristen, der aus dem Kongo
auch eine ganz neue Bedeutung bekommen. stammt und auch in Irland lebt: wir drei, zusammen
Giddens: Ja. Durch die Pandemie hat sich unser auf einer Insel, von der niemand von uns stammt.
Verhältnis zu unserer Wahlheimat Irland grundlegend They’re calling me Home
verändert: Es ist etwas ganz anderes, woanders zu erscheint am 9. April Interview: Jonah Lara
12 | kulturnews01-32_kulturnews_04_2021-jw-1k.qxp_01-32_kulturnews_04_2021 30.03.21 15:20 Seite 13
Jazz + Klassik | Musik
Nik Bärtsch
Entendre
ECM
SOLO PIANO „Ich wollte mich ambitionslos
hingeben“, sagt Nik Bärtsch. „Es ging nicht
darum zu zeigen, dass ich Klavier spielen
kann.“ Eine solche Leistungsschau wird sicher keiner von einem
Pianisten verlangen, der bereits zwölf erfolgreiche Alben veröffentlicht
hat. Der Schweizer hat sich im Quartett Ronin einen Namen gemacht,
erweitert um ein Streicherensemble heißt die Band Mobile. Nun
erscheint sein erste Soloalbum: Der hypnotische „Zen Funk“, der mehr
von Minimal Music als vom Modern Jazz zehrt, profitiert von dem
natürlichem Raumklang des Konzertsaals, in dem „Entendre“ in first
takes aufgenommen wurde. Der Pianist zeigt sich hier eingedampft
auf die Essenz. Die kühle Repetition, die finster-groovende Ekstase,
der perkussiv eingesetzte Flügel: Bärtsch hypnotisiert mit scheinbar
einfachsten Mitteln – und zeigt gerade so seine Meisterschaft. jp BALMORHEA
the WIND
Jazzrausch Bigband
HI
GHLI Téchne
R G
ACT D a s n e u e A l bu m d e s h o ch ge l o b t e n
HÖ
HT
BIGBANDTECHNO Dieser Band fehlt D u o s a u s Te x a s
#4
nur eines: Publikum. Zuhörmusik für
/2021
couch potatoes war noch nie die Sache
der Jazzrausch Bigband – der Sound der Münchner taugt allein zum
Abkochen auf der Tanzfläche. Da macht das neue Album „Téchne“
keine Ausnahme: Wuchtige Technobeats und opulent arrangierte
Bläsersätze zeichnen das Lockdown-Werk des Jazzrausch-Kollektivs aus.
In die Band haben sich ein paar illustre Namen aus der ACT-Familie
eingereiht: Nils Landgren und Viktoria Tolstoy sind ebenso am Start
wie Gitarrist Kalle Kalima und Drummer Wolfgang Haffner. Textlich
sorgen die betörend zu Werk gehenden Sängerinnen Nesrine und Jelena
Kuljic für jene Portion Anspruch und Niveau, die das Hirn beim Zappeln
weder über- noch unterfordert. Aufgenommen hat das Ensemble den
aktuellen Longplayer im Technoclub Harry Klein – allerdings ohne
schwitzende Leiber und Stroboblitze. ron
WeNeT
Neue Heimat
Lakeland Records
PROGJAZZ Es ist dieser schmatzende Schwulst
der Hammondorgel, der wohl jede Musik-
produktion mit dem Ausnahmeinstrument in ein ganz spezielles Licht
taucht. Aber halt: „Neue Heimat“ ist kein Orgelalbum. Trioleader ist
ganz klar der Leipziger Gitarrenprofessor Werner Neumann, der in Ve r e i n t A m b i e n t , K l a s s i k u n d
seinen Kompositionen feinfühlig Jazz- und Fusiontraditionen der 70er
zelebriert. Mit flinker Finger führung auf Akustikinstrumenten und Amer icana auf T h e W i n d
E-Gitarrenpassagen von clean bis extrem effektgetränkt gönnt sich
Neumann vertrackte Uptemponummern – und doch ist da auch viel
Raum für Lyrisches. Nie bekommt der Zuhörer nur das eine oder das
andere: Dieses Trio ist viel zu kreativ, um sich mit dem Konzept „ein
Song, eine Stimmung“ abzufinden. Wer Prog und Jazzrock aus der E RHÄLTLIC H AB
Oldschool mag, findet hier eine neue Heimat. ron
09 APRIL 2021
kulturnews | 13
store.deutsche-gr ammophon.com01-32_kulturnews_04_2021-jw-1k.qxp_01-32_kulturnews_04_2021 30.03.21 15:20 Seite 14
Musik | Platten
Die beste Musik
# 4/2021
Floating Points
Pharoah Sanders
+ The London Symphony Orchestra
Promises
Luaka Bop/!K7
ELEKTRONIKA Ein kurzes, fragendes
Motiv aus sieben Noten ist das erste,
was wir hören. Es kehrt immer wieder,
zieht sich wie ein Puls durch das neue
Album von Floating Points und Pharoah
Sanders. In Wahrheit ist „Promises“ aller-
Foto: Moritz Hagedorn
dings eine lange Komposition, die neun
Foto: Iiri Poteri
Teile gehen nahtlos ineinander über.
Messer & Toto Belmont Fünf Jahre haben Sam Shepherd alias
Floating Points, bekannt für seine elek-
tronischen Jazzcollagen, und Saxofon-
No Future Dubs Postpunksounds für Messer und durchschritt legende Sanders daran getüftelt. Heraus-
Trocadero persönliche Erinnerungen anhand räumlicher gekommen ist ein Stück, das den unein-
Haltegriffe: eine Kartografie der Vergangenheit. deutigen Charakter der Anfangsfigur auf-
DUB Vorschlag für einen Selbstversuch: Legt Diese Haltegriffe werden hier nun ganz in greift und über 47 Minuten in der
euch auf eure Couch oder einen Teppich, aber einem Dub aufgelöst, in dem Postpunk nur Schwebe hält. Obwohl auch das London
nicht aufs Bett – der Ort muss unvertraut sein. noch spurenhaft enthalten ist. Übrig bleiben Symphony Orchestra mit ein paar
Schließt eure Augen und hört Messers viertes die Gefühle, die das Schwesteralbum herauf- Streichern zu hören ist, vermeidet
Album „No Future Days“. Dann versucht einzu- beschworen hat – in Reinform. Damit schaffen „Promises“ die gängigen Neoklassik-
schlafen. Wenn ihr daraufhin Messer nicht nur das schier klischees, indem sich – außer besagtem
träumt, wird sich dieser Traum so Unmögliche, indem sie mit Motiv – fast nichts wiederholt. Statt-
anfühlen, wie „No Future Dubs“ weniger Kohärenz und fetzen- dessen ergänzen Sanders’ Improvisatio-
klingt, das Remixalbum, das hafteren Texten noch transporta- nen und Shepherds ausgeklügelte Klang-
Messer gemeinsam mit ihrem bler werden. Sie gehen zugleich teppiche sich zu einem erstaunlich orga-
finnischen Produzentenfreund den nächsten Schritt nach ihrer nisch klingenden Ganzen: Wenn „Parallels“
Toto Belmont gezaubert haben. kartografischen Erinnerungs- in der Mitte zu einem schwelgerischen
„No Future Days“ war die Erkun- aufarbeitung: ein Heimkommen, Höhepunkt anschwillt, fühlt es sich fast
dung eines neuen, dubaffinen bei dem doch alles anders ist. jl an wie ein lebendes, atmendes Wesen. mj
Xiu Xiu beschissenen Menschen bei 60/40 liegt, und
nicht, wie ich immer geglaubt habe, bei 1/99.“
Oh No Wirkliche Ausreißer stehen allerdings nicht auf der
Polyvinyl Gästeliste: am ehesten noch George Lewis Jr. alias
Twin Shadow – doch auch den holen sie mit der
NOISEPOP Seit vielen Jahren verstecken sie ganz angeschrägten Pathoshymne „Saint Dymphna“
große Popmomente hinter verzerrten Gitarren und auf die dunkle Seite. Wie erwartet sind „Sad
nervenzersägender Elektronik. Und weil Mezcalita“ mit Sharon Van Etten und „I dream of
Xiu Xiu nun ein Dutzend Veröffentlichungen voll- someone else entirely“ mit Owen Pallett matches
bracht haben, gönnt sich die kalifornische Band made in hell. Und dann ist ist da auch noch diese
ein Album voller Duette. Für Mastermind Jamie großartige Coverversion von „One Hundred Years“:
Stewart ist das durchaus auch mit einem thera- Im Verbund mit Chelsea Wolfe vervielfachen
peutischen Effekt verbunden: „Unsere Gäste haben Xiu Xiu die abgründige Dringlichkeit des Cure-
mir gezeigt, dass das Verhältnis von schönen zu Klassikers. cs
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Platten | Musik
Godspeed You!
Black Emperor
G_d’s Pee AT STATE’S END!
Constellation
POSTROCK In einer Zeit, in
der man jedes einzelne selbst-
ernannte Corona-Statement
eines Künstlers oder einer
Künstlerin fürchten muss, sind
Godspeed You! Black Emperor eine seltene Ausnahme. Zum einen,
weil die Band es sichtlich ernst meint: Schon seit dem Debütalbum
von 1997 hat ihr dystopischer Postrock eine politische Dimension.
Ein Statement zur Lage der Nation (oder deren Ende) ist für sie kein
hohler Opportunismus. Zum anderen: Weil ihre Musik instrumentell
ist, kommen sie ohne Klischees oder Verkürzungen aus – bei Stücken,
die sich regelmäßig auf eine Länge von 15 bis 20 Minuten einpen-
deln, ist eher das Gegenteil der Fall. Und daher ist „G_d’s Pee AT
STATE’S END!“ auch so eine willkommene, ja, herbeigesehnte Platte.
Die neue politische Realität und ihre Unsicherheiten haben Godspeed
You! Black Emperor neu belebt. So ist ihr nunmehr siebtes Studio-
album vor allem auf seiner ersten Hälfte deutlich reduzierter und rok-
kiger als bisher – und allen Widrigkeiten der Gegenwart zum Trotz
lädt die zweite, triumphal orchestrale Hälfte mehr als alle bisherigen
Alben der Quebecer*innen dazu ein, hoffnungsvoll in eine bessere
Zukunft zu blicken. jl
OPTIMISTISCH NACH VORN
The Antlers
Green to Gold
Transgressive
SLOWCORE Mit „Hospice“ aus
dem Jahr 2009 haben The
Antlers die wohl traurigste Platte
aller Zeiten veröffentlicht, und
auch nach dem Konzeptalbum
über Tod und Verlust ging es in den Texten von Sänger Peter Silberman
ans Eingemachte – wurde aber vom immer erhabeneren Songwriting
und unwiderstehlichen Melodien abgemildert. Wie übergroß wird nun
also das Drama, wenn die New Yorker Band nach sieben Jahren
zurückkehrt und Silberman in dieser Zeit mit einem schweren
Hörsturz, Stimmproblemen und Schreibblockaden zu kämpfen hatte?
Tatsächlich ist „Green to Gold“ aber eine Aussöhnung, die die Schwere
der Vergangenheit nicht leugnet und all jenen Hörer*innen einen
optimistischen Blick nach vorn anbietet, die auch nach mehr als zehn
Jahren noch den Schmerz von „Hospice“ fürchten. Sicher, es braucht
den Mut des Älterwerdens, um sich bei „Just one Sec“ und „It is what
it is“ an Americana anzulehnen oder den sanft groovenden Lauf der
Jahreszeiten im siebenminütigen Titelstück zu verfolgen. Und ganz
ohne Tränen geht es auch nicht – ganz besonders dann, wenn sich
Silberman in „Solstice“ an einen unbeschwerten Sommer seiner
Jugend erinnert. cs
kulturnews | 1501-32_kulturnews_04_2021-jw-1k.qxp_01-32_kulturnews_04_2021 30.03.21 15:20 Seite 16
Musik | Plattenchat
SOUND OF KULTURNEWS
listen on kulturnews.de
Auflegen oder aufregen?
Platten, die man im April hören muss – oder eben nicht.
INTERNATIONAL MUSIC CHANTAL ACDA SERPENTWITHFEET
TITEL TITEL TITEL
Ententraum Saturday Moon Deacon
VÖ VÖ VÖ
23. 4. gerade erschienen gerade erschienen
Jonathan: Ich verneige mich vor der abge- Jonathan: Das Album strahlt für mich insge- Jonathan: Hier fällt es mir irgendwie schwerer,
drehten Kreativität – sowohl lyrisch wie auch samt eine getragene Eleganz aus, harmonisch eine Verbindung herzustellen. Ich kann die
musikalisch. Dass der Ententraum vor Referenz- durchsetzt von melancholischen wie auch Scheibe problemlos hören, aber sie ist fast
und Inspirationsvielfalt nur so sprüht und das verspielteren Momenten. Als Hörer finde ich in schon zu locker und leicht, was die Arrange-
Ganze mit einem Augenzwinkern präsentiert, jedem Stück genug Raum, um die Gedanken ments betrifft … oder vielleicht trifft es „zu
ist sehr charmant. Aber ich ziehe surreale schweifen zu lassen, mich auf den Song ein- minimalistisch“ besser? Hängen bleibt wenig.
Bilder (auch im Museum) einer entsprechend zulassen und Chantal Acda auf dieser Reise Carsten: Anfangs dachte ich auch, mir würden
anmutenden Musik vor. Deshalb überlasse ich zu begleiten. Aber es ist keine Platte, die ich die Abgründe vom Debüt fehlen – aber genau
es meinen Mitchattenden, ob die Band hier immer, sondern nur in passenden Momenten dieser Verzicht ist seine Selbstermächtigung.
den träumenden Vogel tatsächlich abschießt. hören würde. Josiah Wise feiert schwule Liebe mit wunder-
Mitja: Also ich reiche die Vogelflinte weiter nach Verena: Ich höre ja wirklich gerne und viel schönen R’n’B-Songs wie „Hyancinth“ oder
hinten durch, International Music sprechen Folk, auch den, der eher gestrig als retro ist, „Amir“, und für mich ist in diesem Monat
mich überhaupt nicht an. Was ist das über- aber Chantal Acdas musikalischer Ansatz niemand schöner.
haupt für Musik? Altherren-Psychrock? Sorry, erschließt sich mir null. Kaum zu glauben, Verena: Mir geht es wie Jonathan, das zweite
aber mein Humor ist das nicht. dass sie mit Nils Frahm und Peter Broderick Album des New Yorkers löst nicht wirklich
Verena: Mich verbindet mit den gebürtigen zusammengearbeitet hat und hier so ein post- etwas bei mir aus. Das ambitionierte Konzept
Essenern eine leidenschaftliche Hass-Liebe: folkrockig unausgegorenes Werk präsentiert – hinter der Platte ist super, aber das ausge-
den vermeintlichen Apfel der Erkenntnis auf und wer bitte erlaubt noch minutenlang nerven- rechnet mit mittelmäßigem 90er-R’n’B zu tun,
dem Cover präsentieren und ihn dann mit de Gitarrensoli. Für mich leider nur langweilig. den selbst Blackstreet mitreißender hinbekom-
einem schrägen Mix aus Intellektpop und Carsten: Ich mag „Disappear“ trotz Gitarren- men haben … Schade, aber Harmlosigkeit
Postschlagerpunk zerlegen. Respekt! Keine gegniedel – weil Mimi Parker von Low mitsingt. kann ja auch betören.
Ahnung, ob ich hier grässlich unterhalten oder Und in schwachen Momenten bin ich auch Mitja: Wie meint Jonathan das bloß? Ein „zu
herrlich verarscht werde. Ziemlich gut das! für das schmonzige „The Letter“ anfällig. minimalistisch“ gibt es für mich eigentlich gar
Carsten: Bin da bei Verena. Inhaltlich unter- Mitja: Nach einer Ladung Tune-Yards ist das nicht. Hatte wie Verena ein bisschen die
stütze ich „Spiel Bass“, weil ich mich schon hier gut zum Runterkommen. Aber wenn Befürchtung, dass mir das alles zu aufgesetzt
so lange mit einem Bassisten verpartnern parallel nicht die Tune-Yards drohen, vermisse ist. Aber 90er und Blackstreet? Ich finde, Wise
möchte. Musikalisch liegt mir aber eher die ich diese Platte auch nicht. Da bin ich dann holt den R’n’B absolut ins Jetzt. Also feier ich
„Insel der Verlassenheit“. Noch Fragen? ganz bei Verena und tue diese Platte als lahmes mit Carsten die Platte ab. Gut, dass wir das
Gedudel ab. Schlusslied auflegen!
16 | kulturnews01-32_kulturnews_04_2021-jw-1k.qxp_01-32_kulturnews_04_2021 30.03.21 15:20 Seite 17
Plattenchat | Musik
GASTHÖRER
Foto: Elisabeth Graf Gatterburg
Foto: privat
Foto: privat
Foto: privat
VERENA REYGERS MITJA STEFFENS CARSTEN SCHRADER JONATHAN GESCHWILL
hat so viel Aufregung wie in ist genervt, dass immer noch weitet ab einer Inzidenz von verstärkt das kulturnews-Team seit März
dieser Chatrunde lange nicht der Corona-Blues gespielt 350 seine Verpartnerungsliste als Sales Manager im Bereich Urbane
erlebt: Sind International Music werden muss. Aber wie sagte aus: Neben den üblichen Kultur. Hier und jetzt wagt er sich aber
doof oder genial, klingt Indie- schon Franz Schubert? „Wer Bassisten stehen da dann aus seinen eigenen musikalischen
Ikone Jenn Wasner wie eine die Musik liebt, kann nie ganz auch Josiah Wise und Wohlfühlnischen heraus und schaut,
kanadische Pianofee, und darf unglücklich werden.“ Jenn Wasner drauf. Und ob es etwas Neues zu entdecken gibt.
auch schwule Liebe einfach Passend dazu kann man dank Mitja – wenn er sich einen
nur langweilig sein – wer Plattenchat nun auch zu Hause Bass besorgt :)
braucht noch Netflix, wenn mit Modeselektor feiern.
er den Chat haben kann? Es geht also aufwärts!
FLOCK OF DIMES TUNE-YARDS MODESELEKTOR
TITEL TITEL TITEL
Head of Roses Sketchy. Extended
VÖ VÖ VÖ
gerade erschienen gerade erschienen 9. 4.
Jonathan: Irgendwie hatte ich bei Flock of Jonathan: Oooookay, das ist ungewöhnlich. Jonathan: Dieses „Mixtape“ hat mir viel Freude
Dimes und Chantal Acda das Gefühl, dass Definitiv experimentell, mit einem Schuss bereitet. Elektronische Klangwelten, bei denen
sich die Platten ähneln. Nicht zwingend musi- Funk hier und einer Prise Soul da (unter man sich treiben lassen kann. Modeselektor
kalisch, sondern eher von der Intention und anderem). Die Songs haben mich ab und zu können kurz und lang, ambient und aggro
Motivation her, solche Alben entstehen zu lassen zum dezenten Kopfnicken eingeladen, und ich und die ganze Palette dazwischen. Hut ab vor
(dem eigenen Instinkt folgen) – aber musika- würde sogar sagen, dass die Platte für die diesen gelungenen Soundtüfteleien.
lisch könnte man Parallelen bei den ruhigeren Tanzfläche taugt. Mitja: Wenn ich Modeselektor höre, muss ich
Stücken sehen. Jenn Wasner weiß jedenfalls Carsten: Für mich haben Merrill Garbus und unweigerlich an eine meiner schönsten Klub-
mit ihrer ganz eigenen Eingängigkeit zu gefallen. Nate Brenner vor drei Jahren ihr Meisterwerk nächte überhaupt denken: im Club 11 zum
Oh, und an vereinzelten Stellen habe ich mich veröffentlicht – was neben den politischen Sonnenaufgang über den Dächern Amsterdams.
an Sarah McLachlan erinnert gefühlt. :-) Texten vor allem auch am Popappeal gelegen Der rohe Mixtape-Charakter bringt einiges
Verena: Äh, Jonathan – von welchem Planeten hat. Das hier ist nicht so ganz mein Sound, vom Charme der älteren Alben mit, das gefällt
genau hast du dich zugeschaltet? ;) Jenn Wasner trotzdem funktioniert der Anschluss für mich, mir. Ist sauber zusammengemixt und somit
überzeugt nicht nur als Multiinstrumentalistin weil sich die beiden so wunderbar verdreckt optimal für die Party daheim.
und bessere Hälfte des Indieduos Wye Oak, und eben unberechenbar auf rockigen Carsten: Schon, allerdings komme ich mit der
auch solo finde ich sie großartig. Auf ihrem Retrosoul beziehen. Tanzt du mit, Mitja? Mixtape-Idee nicht so gut klar. 27 Stücke in
zweiten Album sogar noch mehr, was sicherlich Mitja: Eigentlich ja, aber meistens driftet mir 66 Minuten. Ich warte da wohl eher auf die
daran liegt, mit welcher Hingabe sie Lärm mit das zu sehr ins abgedrehte Geplärre ab. So nun folgenden monatlichen EPs mit Remixen,
Intimität verbindet. Und dank Sylvan-Esso- auch hier: Was wäre „hold yourself“ doch für Vertiefungen und sicherlich spannenden Gästen.
Produzent Nick Sanborn ist „Head of Roses“ ein schöner Retrohit, sogar mit Saxofon. Aber Verena: Hm, mittanzen würde ich derzeit
auch noch eine extrem tanzbare Platte. zum Ende hin wird es mir zu virtuos. Und überall, aber nicht zu jeder Musik. Und obwohl
Mitja: Ich stimme Verena zu: eine starke Platte. andere Tracks gehen ja direkt so wild los, ich als Technolaie Modeselektor durchaus
Manche Songs erinnern mich an Imogen Heap, dass ich Herzrasen bekomme. schätze, scheint mir die Mixtape-Idee aus der
aber Wasner offenbart viel mehr Persönlichkeit. Verena: „Sketchy“ überrascht mich mit orga- Coronanot geboren. Für mich ergibt sich kein
Carsten: Das sehr heterogene Album hat nischem Alternativerock-HipHop-Funk, in dem homogenes Set, sondern sehr isoliert und
auch Hänger, aber „Price of Blue“ reicht für sich Garbus und Brenner bei aller Toserei monoton gehaltene Beats, die mir außerdem
mich schon fast an den Wye-Oak-Überhit überzeugend eingerichtet haben. Ganz groß- zu hart und nüchtern sind. Wenn wieder
„Civilian“ ran. artig auch der Jazzschwenk in „Hypnotized“ Klubs, dann bitte aus dem Vollen schöpfen.
mit bestehend eingängiger Hook.
kulturnews | 1701-32_kulturnews_04_2021-jw-1k.qxp_01-32_kulturnews_04_2021 30.03.21 15:20 Seite 18
Buch | Literatur
Abb.: Hanser Verlag
Hasst du dich lieb, Charlie Kaufman?
Mit Drehbüchern wie „Being John Malkovich“ hat er das Kino revolutioniert.
Jetzt nimmt sich Carlie Kaufman die Literaturwelt vor – und erzählt in seinem Debütroman
von einem weißen alten Mann.
› „Being John Malkovich“, „Vergiss mein nicht!“,
„Synechdoche, New York“: In den Nullerjahren
war der Drehbuchautor und Regisseur Charlie Kaufman
Exkursen unterbrochen wird, sondern mit fortschrei-
tender Handlung auch immer mehr zerfasert. Wenn
Rosenberg versucht, seine Erinnerung mit Hilfe von
nicht nur Kritikerliebling, sondern auch an der Kinokasse Psychiatrie und Hypnose anzukurbeln, nimmt die
sehr erfolgreich. Doch weil die Studios immer weniger Handlung vollkommen aberwitzige Wendungen und
bereit sind, abgedrehte und kostspielige Filme zu wagen, verlagert sich an obskure Schauplätze wie Hirn-
weicht der 62-jährige New Yorker jetzt auch auf die windungen, Himmelsleitern und geheimnisvolle
Literatur aus, wo er keine Budgeteinschränkungen Höhlen. Wer aber ist dieser neurotische Intellektuelle
fürchten muss und komplett frei drehen kann: Sein B. Rosenberg, der einem Woody-Allen-Film entsprungen
Debütroman kommt auf stolze 864 Seiten. Und der sein könnte? Rosenberg brüstet sich nicht nur ständig
Plot toppt den Irrsinn seiner Drehbücher, während er mit der Tatsache, dass er eine afroamerikanische
zugleich vertraute Motive aufgreift wie etwa das Freundin hat, sondern er weiß auch ganz genau, wie
Löschen und Wiederholen von Erinnerungen. Antiheld er sich bezüglich Identitätspolitik und Diversity zu ver-
von „Ameisig“ ist der Endfünfziger B. Rosenberg, ein halten hat. Lacht der alte weiße Leser, wenn Diskurse
Filmfreak, der abseitige Kritiken und Bücher schreibt, Charlie Kaufman Ameisig über genderneutrale Sprache immer wieder auftauchen
die kaum jemand liest, und der sich als Dozent so Hanser, 2021, 864 S., 34 Euro und karikiert werden? Dann bleibt ihm das Lachen im
gerade eben in New York über Wasser halten kann. Aus d. Engl. v. Stephan Kleiner Halse stecken, denn Rosenberg schont auch sich
Als er für eine Recherche nach St. Augustine reist, lernt selbst nicht und stellt in seinen Monologen die eigene
er den 119-jährigen Afroamerikaner Ingo Cutbirth Erbärmlichkeit offen aus. Natürlich hadert er mit dem
kennen, der seit 90 Jahren an einem Film arbeitet. Rosenberg wittert die Verfall der Kunst; zugleich ist er ein Opportunist, der sich die Haltungen
Chance seines Lebens: Womöglich ist das dreimonatige Epos der wich- aneignet, die es vermeintlich braucht, um innerhalb des Kulturbetriebs
tigste Film aller Zeiten! Tatsächlich erklärt Cutbirth sich bereit, ihm das doch noch Anerkennung zu finden. Woran glaubt er wirklich, wem fühlt er
Werk vorzuführen – doch dann verstirbt der Regisseur während der Vor - sich verpflichtet und was befeuert seine Leidenschaft? Kaufman nutzt den
führung. Rosenberg hält sich nicht an die Absprache, den Film nach des- Erzähler auch als Vehikel für seinen Selbsthass und lässt Rosenberg über
sen Tod zu zerstören. Wie gebannt schaut er ihn bis zum Ende und ist das filmische Schaffen eines gewissen Charlie Kaufman ätzen. Ein Begreifen
immer euphorisierter. Doch als er das Werk für weitere Sichtungen nach gibt es in „Ameisig“ nicht. Mit fast 900 Seiten ist Kaufmans Debütroman
New York überführen will, geht der Laster mit dem hochsensiblen mit all den aberwitzigen Exkursen, Referenzen und narrativen Brüchen ein
Material in Flammen auf. Zudem erleidet Rosenberg bei seinem nahezu unendlicher Spaß. Den alten weißen Männern, dem Problem der
Rettungsversuch heftige Brandverletzungen und fällt in ein mehrmonati- kulturellen Aneignung und den vielen Fragen der Identitätspolitik kann der
ges Koma. So ist nicht nur das vermeintliche Meisterwerk verloren, son- Roman mit neuen Antworten nicht beikommen – wohl aber mit neuen
dern auch Rosenbergs Erinnerung an den Inhalt. Perspektiven aus den absurdesten Blickwinkeln. Zwischen Selbsthass und
Kulturkritik verliert sich der Roman analog zum Hauptplot in erkenntnis-
Soweit der zentrale Plot, der nicht nur von dem unfassbar geschwätzigen reicher Uneindeutigkeit. Was nicht schlimm ist, denn am Ende kann uns ja
Protagonisten immer wieder mit seitenlangen und oft brüllend komischen immer noch die Apokalypse retten. Carsten Schrader
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