3.21 Schwerpunktthema Green Deal - Hintergründe zu Betriebsmittelverzicht, Schutzgebieten und Verkehrswende

 
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3.21 Schwerpunktthema Green Deal - Hintergründe zu Betriebsmittelverzicht, Schutzgebieten und Verkehrswende
3.21

                          ZEITSCHRIFT FÜR LÄNDLICHE ENTWICKLUNG

                                                                                         Schwerpunktthema
                                                                                         Green Deal
                                                                                         Hintergründe zu Betriebsmittelverzicht,
                                                                                         Schutzgebieten und Verkehrswende

                                                                                         Biodiversitätsschulungen
                                                                                         Naturschutzleistungen in Wert setzen
www.zukunftsraumland.at

                                                                                         Regionalentwicklung
                                                                                         Soziale Inklusion unterstützen

                                                                                         Earth Market am
                                                                                         Dorner Hof, Vorarlberg
                                                                                         Regionalität und Nachhaltigkeit
                                                                                         als Geschäftsmodell

                          Österreichische Post AG / 20Z042101 M
                          ARGE Vernetzungsstelle LE 14–20, Schauflergasse 6, 1015 Wien
                          Retouren an Postfach 100, 1350 Wien
3.21 Schwerpunktthema Green Deal - Hintergründe zu Betriebsmittelverzicht, Schutzgebieten und Verkehrswende
02                       Inhalt // Intro // Abbildungsnachweis

                                                                                                                                                                     Hausrucköl-Mühle:
                                                                                                                                                                     Seit Juli auch Futter­
                                                                                                                                                                     mittelproduktion

                                                                                                                                                                     Seit 2006 werden in der Haus­
                                                                                                                                                                     rucköl-­Mühle in Aistersheim Rapsöl
                                                                                                                                                                     und Rapskuchen aus österreichi­
                                                                                                                                                                     schem Raps erzeugt, seit 2015 sind
                                                                                                                                                                     die Produkte ­z­ertifiziert gentech­
		INHALT                                                                                                                                                             nikfrei. Im Juli wurde nun mithilfe
                                                                                                                                                                     einer LE-geförderten Investition
    02 _       Hausrucköl-Mühle produziert                                                                                                                           in eine Soja­toast- und Press­anlage
		             seit Juli auch Futtermittel //                                                                                                                        auch eine Futter­mittellinie für
		             Aus der Praxis der Netzwerkarbeit                                                                                                                     ­Rinder, Schweine und Geflügel
    03 _       LE konkret // Geleitwort //                                                                                                                            in Betrieb ­genommen. Die Ölmühle
		             281 österreichische Beiträge                                                                                                                           ist als AMA-Genuss­regionen-
		             zur Langzeitvision                                                                                                                                     Manufaktur anerkannt.
    04 _       Betriebsmittelverzicht:                                                                                                                                www.hausrucköl.at
		             Anreize und Leistungsabgeltungen
		             anstelle von Verboten!
    05 _       Außernutzstellungen:
		             Warum die Aufregung?
    06 _       Verkehr: Klimaziele sind ohne
		             Mobilitätswende nicht erreichbar!
    07 _       Übergang: Den Weg zu den Klimazielen
		             fair gestalten
    08 _       Biodiversitätsschulungen in Oberösterreich:
		             Naturschutzleistungen in Wert setzen //
		             Bewusstseinsbildung seit 20 Jahren
    09 _       Umweltgerechte Bewirtschaftung:
		             Fünf Factsheets // Verpflichtende ­

                                                                                Aus der Praxis der Netzwerkarbeit
		             Weiterbildung im ÖPUL
    10 _       Land- und Forstwirtschaft leisten
		             bereits Beiträge zu Green-Deal-Zielen! //
		             Pflanzenschutz-Warndienst: Ein Best-­                            Der „Green Deal“, das Großprojekt der                                 forum haben wir Stimmen aus der
		             Practice-Projekt // Bauen mit Holz: 		                           ­Europäischen Kommission für die nächsten ­                           ­Praxis, der Wissenschaft und Interessen-
		             71 Prozent weniger CO2-Emissionen                                 Jahre und Jahrzehnte, mag vielfach noch                                vertretungen gebeten, Antworten auf
     11 _      Energieeffizienz am Bauernhof sichert 		                          eine ­Unbekannte sein. Es wird aber Zeit, sich                         wesentliche Fragestellungen zu fi  ­ nden:
		             Zukunft // Bäuerliches Versorgungs­-		                            mit viel Energie damit auseinanderzusetzen,                            Was bedeuten diese Ziele für ­unsere
		             netzwerk Steiermark: Regionalität in 		                           greifen die geplanten Maßnahmen doch                                   ­bisherigen Wirtschaftsweisen, die
		             Großküchen umsetzen                                               hart in gewohnte Wirtschafts- und Lebens­                               ­Welternährung und das Preisgefüge
 12/ 13 _      Standpunkte: Unterschutzstellungen:                               abläufe ein. In dieser Ausgabe der Netz-                              bei Lebensmitteln?
		             Was geht und was geht nicht?                                      werk-Zeitschrift versuchen wir, Schlüssel­                         — Auf den Seiten 16 und 17 dürfen wir
    14 _       Soziale Inklusion durch Regional­	-		                             elemente des Green Deal zu analysieren:                               ­Ihnen eine bemerkenswerte Einzel­
		             entwicklung unterstützen                                          — Auf den Seiten 4 bis 7 befassen sich die                               initiative vorstellen. Der Dorner Hof in
    15 _       „Naturerlebnis für ALLE“: Barrierefreie 		                            Autorinnen und Autoren mit großen                                    Sibratsgfäll/Vorarlberg setzt konsequent
		             Wanderwege in Kärnten //                                              Konfliktthemen wie der Reduktion des                                 auf eine nachhaltige Zukunft – mit einer
		             Aus den LEADER-Regionen                                               Betriebsmitteleinsatzes in der Landwirt-                             klaren Vorgabe: Sie muss sich rechnen!
    16 _       Dorner Hof in Sibratsgfäll, Vorarlberg:                               schaft, der Außernutzstellung großer
		             Nachhaltigkeit als Geschäftsgrundlage                                 Landschaftsteile, der Umstellung der                            Freuen Sie sich auf eine spannende
     17 _      Schritt für Schritt: Kommentar //                                     ­individuellen und öffentlichen Mobilität                       Lektüre, und diskutieren Sie mit uns
		             Die Philosophie des Dorner Hofes:                                      sowie der Regelung des wirtschaftlichen                        bei der ­Netzwerk-Jahreskonferenz
		             Eine Außensicht                                                        und gesellschaftlichen Übergangs.                              weiter! Den Termin finden Sie demnächst
 18/ 19 _      Expertinnen- und Expertenforum:                                        Bei der Netzwerk-Jahreskonferenz im                            auf unserer Website!
		             Lebensmittelproduktion: Wie wirken sich                                November wollen wir diese vier Themen                          Ihr Netzwerkteam: Karl Bauer //
		             die neuen Anforderungen aus?                                           weiter vertiefen.                                              Luis Fidlschuster // Michael Fischer //
    20 _       Europa // Demnächst // Impressum                                  — Im Diskussionsforum STANDPUNKTE                                   Georg Keuschnigg // Gertraud Leimüller //
                                                                                      und im Expertinnen- und Experten­                             ­Gerald Pfiffinger // Johanna Rohrhofer

            ABBILDUNGSNACHWEIS Cover: photocase.de/willma … | Seite 2: Hausrucköl-Mühle | Seite 3: links oben: Achim Mandler, Porträt: BMNT/Paul Gruber | Seite 4: iStock/Irina_Strelnikova,
             ­Porträt: LKÖ | Seite 5: iStock/AscentXmedia, Porträt: Joseph Bramer | Seite 6: iStock/rungrote, iStock/Mari_C, Porträt: ÖAR/M. Kanizaj | Seite 7: iStock/Mari_C, P     ­ orträt: winnovation |
            Seite 8: oben: ­Meiser-Meindl, P   ­ orträt: Stollmayer | Seite 10: oben: agrarfoto.com, Porträt links: LKÖ, Porträt rechts: PEFC Austria | Seite 11: oben: agrarfoto.com, Porträt links: ÖBMV, Porträt
              rechts: BVN | Seite 12: iStock/jacquesvandinteren, Porträt oben: BMK/ William Tadros, Porträt unten: LKÖ | Seite 13: iStock/jacquesvandinteren, Porträt oben: privat, Porträt links unten:
            ­Erika Rogl, P­ orträt rechts: Nationalpark Hohe Tauern | Seite 14: oben: iStock/smartboy10, Porträt: Bärbl Weißensteiner | Seite 15: rechts: Stabentheiner/FHD, links unten: Lorenz Huter |
            Seite 16: Dorner Hof OHG, Porträt: p    ­ rivat | Seite 17: Dorner Hof OHG, Porträt oben: Pia Berchtold, Porträt unten: privat | Seite 18: oben: photocase.de/Gortincoiel, Porträt links: WIFO,
            Porträt rechts: Fachverband der Nahrungs- und Genussmittelindustrie/Wilke | Seite 19: oben: photocase.de/Gortincoiel, Porträt links: Pilo Pichler, Porträt rechts: LKÖ | Seite 20: iStock/
            republica, I­ llustration: iStock/FrankRamspott
3.21 Schwerpunktthema Green Deal - Hintergründe zu Betriebsmittelverzicht, Schutzgebieten und Verkehrswende
LE konkret // Aus dem Netzwerk // Geleitwort                                                                              03

LE konkret
Modernster Stall                                                             Teamwork organisieren
für 200 Milchziegen                                                          mit Maschinenring-App
Mit dem Aufbau einer Milchziegenhaltung                                      Eine neue App mit regionaler Suchfunktion
(Saanenziegen) in biologischer Wirtschafts-                                  haben die Maschinenringe entwickelt.
weise hat Josef Oschounig in Fürnitz                                         Damit können landwirtschaftliche
­(Kärnten) seinen Hof neu positioniert. Nach                                 ­Maschinen und agrarische Dienstleistungen

                                                                                                                                                                Geleitwort
 einer Brandkatastrophe 2018 wurde der                                        ­übersichtlich und tagesaktuell via App
 ­Ziegenstall für rund 200 Milchziegen nach                                    am Handy angeboten, vermietet und
  modernsten Gesichtspunkten neu errichtet.                                    ­abgerechnet, ­gesucht und gebucht werden.
  Der Mischbetrieb mit Mutterkuhhaltung                                         Damit hebt der Maschinenring eine
  und Forstwirtschaft ist 45 Hektar groß.                                       seiner Kernaufgaben ins digitale Zeitalter.                                     GAP – Österreichs erfolgreichen
  www.meinhof-meinweg.at/at/news/­                                              Mehr: www.maschinenring.at/maschinen-                                           Weg absichern
  milchziegenbetrieb-familie-oschounig                                          ring-teamwork.
                                                                                                                                                                Durch intensive Verhandlungen zur Ausgestal­
                                                                             Tourismus: Zwei Millionen                                                          tung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) konn­
                                                                             ­Gäste auf Bauernhöfen pro Jahr                                                    ten wir unseren österreichischen Weg erfolgreich
                                                                             11 Prozent des touristischen Bettenange­                                           absichern. Nach weiteren Arbeitsgruppen und
                                                                             botes in Österreich stehen auf Bauernhöfen                                         Diskussionsveranstaltungen geht die Erstellung
                                                                             zur Verfügung. ­Alles über die Organisation                                        des österreichischen GAP-Strategieplans in
                                                                             und Arbeits­weise des Clusters „Urlaub                                             die Schlussphase. Auf Basis der für Österreich
                                                                             am Bauernhof Österreich“ finden Sie im                                             sehr guten Ergebnisse zum finanziellen Rahmen
                                                                             ­Jahresbericht 2020. Die Coronapandemie                                            erarbeiten wir nun den Feinschliff eines Pakets,
                                                                              hat die 9800 vermietenden Betriebe                                                das die Entwicklung der Land- und Forstwirt­
                                                                              rund ein Fünftel der Nächtigungen gekostet.                                       schaft sowie der ländlichen Regionen für die
                                                                              Die Ausfälle konnten mit öffentlicher                                             nächsten Jahre forcieren wird.
                                                                              ­Unterstützung bewältigt werden.                                                             Wir haben uns beim GAP-Strategieplan
                                                                               www.uab-bv.at/_temp/_uab-jahresbericht/­­                                        von einem Mix von Maßnahmen leiten lassen,
                                                                               uab_clusterbericht_2020.pdf                                                      mit dem wir schon bisher erfolgreich waren:
                                                                                                                                                                ­Unterstützung der kleinstrukturierten, diver­
                                                                                                                                                                 sifizierten und ökologisch ausgerichteten Land­
                                                                                                                                                                 wirtschaft mit Direktzahlungen, einzelbetrieb­
Langzeitvision für den ländlichen Raum: 281 Stellungnahmen aus Österreich                                                                                        lichen und sektorbezogenen Investitionen
Ein „Pakt für den ländlichen Raum“, eine Beobachtungsstelle und ein Situationsbericht im Jahr                                                                    sowie Förderung von Bildung, Beratung und
2024 sind die ersten Maßnahmen der Europäischen Kommission bei der Umsetzung ihrer Lang­                                                                         ­Innovation. Wir wollen damit eine Dynamik
zeitstrategie für die ländlichen Räume Europas. Inhaltlich sind eine verstärkte D
                                                                                ­ igitalisierung                                                                  ­auslösen, die eine hohe Lebensqualität
und die Verbesserung der Verkehrsanbindungen die wichtigsten Ziele, die aus einer europaweiten                                                                     am Land sichert.
­öffentlichen Konsultation hervorgegangen sind. Aus Österreich sind dazu 281 Stellungnahmen                                                                                Bei der Umsetzung der Gemeinsamen Agrar­
 ­eingelangt – das sind nach Spanien die zweitmeisten Rückmeldungen. https://ec.europa.eu/info/                                                                    politik werden aber auch die Green-Deal-Ziele
strategy/priorities-2019-2024/new-push-european-democracy/long-term-vision-rural-areas_en                                                                          der EU eine Rolle spielen. Die Folgenabschätzung
                                                                                                                                                                   der Forschungsstelle der Europäischen Kommis­
400                                                                                                                                                                sion ist allerdings besorgniserregend. Unsere
                                                                                                                                                                   kleinstrukturierte Landwirtschaft und die
                                                                                                                                                                   ­Einkommensentwicklung dürfen durch den
300                                                                                                                                                                 Green Deal nicht zusätzlich geschwächt werden.
                                                                                                                                                                    Hier sind noch Nachschärfungen notwendig.
                                                                                                                                                                    ­Neben der ökologischen Komponente müssen
200                                                                                                                                                                  auch die ­ökonomische und die soziale Perspekti­
                                                                                                                                                                     ve näher b ­ eleuchtet und praxisgerechte
                                                                                                                                                                     ­Lösungen ­gefunden werden. Dafür setze
100                                                                                                                                                                   ich mich weiter mit aller Kraft ein.

                                                                                                                                                                Elisabeth Köstinger
  0                                                                                                                                                             Bundesministerin für Landwirtschaft,
                                                                                                                                                                Regionen und Tourismus
                                                                                                                                            CY
                                         EL

                                                                                                PL

                                                                                                     NL
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                                                                  IE

                                                                       EE

                                                                            SK

                                                                                 BG

                                                                                      SE

                                                                                           HU

                                                                                                          FI

                                                                                                               andere

                                                                                                                        DK

                                                                                                                             UK

                                                                                                                                  SI

                                                                                                                                       LT

                                                                                                                                                 MT

                                                                                                                                                      LU

                                                                                                                                                           NO
3.21 Schwerpunktthema Green Deal - Hintergründe zu Betriebsmittelverzicht, Schutzgebieten und Verkehrswende
04                 Schwerpunktthema Green Deal

Herausforderung Betriebsmittelverzicht:

Anreize und Leistungsabgeltungen
anstelle von Verboten!
            Die „Farm to Fork“- und die Biodiversitätsstrategie der Europäischen
            Kommission sind zwei Meilensteine auf dem Weg zu einem klimaneutralen
            ­Kontinent. Die Konsequenzen daraus sind aber vielfach nicht zu Ende
             gedacht. Andreas Pfaller

Nur noch halb so viel chemischer Pflanzen-       hersehbar und betreffen R   ­ egionen unter-           mit anderen Bereichen wie der Gemein­
schutz und 20 Prozent weniger Dünger –           schiedlich. Weitere pauschale Einschränkun-        samen Agrarpolitik kompatibel sein. Die
so lauten die Reduktionsziele für Betriebs-      gen können zu Ertragseinbußen bei den Be-          ­Eigenversorgung mit Lebensmitteln ist
mittel in der „Farm to Fork“- und der EU-­       trieben führen. Ungeachtet dieser neuen             als Ziel zu begrüßen. Die Produkte stehen
Biodiversitätsstrategie. Mit diesen ambitio-     Vorgaben wird die Stickstoff­effizienz laufend      auf den Märkten unter Wettbewerbsdruck.
nierten Vorgaben hat die EU-Kommission           weiter verbessert, zum ­Beispiel durch Inno-        Daher müssten die geforderten höheren
dargelegt, wie sie auf gemeinschaftlicher        vationen, die Züchtung angepasster Sorten           ­Umweltstandards auch für Agrarimporte
Ebene Lösungsansätze für einen besseren          und Kulturen sowie ­Digitalisierung.                 gelten. Notwendig wären auch einheitlichere
Klimaschutz, eine höhere biologische Viel-              Unrealistische Reduktionsziele im             Rahmenbedingungen im EU-Binnenmarkt.
falt, eine nachhaltigere Wertschöpfungskette     ­Pflanzenschutz machen es schwer, Versor-            Dies betrifft zum Beispiel auch die Redukti-
bei Lebensmitteln sowie eine produktive          gungssicherheit in der europäischen Lebens-          on von Eiweißimporten aus Übersee, was
­europäische Landwirtschaft entwickeln            mittelproduktion zu gewährleisten. Genauso          aber im Widerspruch mit dem Plan steht,
 möchte. Grundsätzlich ist dieses Bestreben       wie die Züchtung angepasster Kulturpflan-           weitere landwirtschaftliche Nutzflächen aus
 unterstützenswert. Wenn es um die Erzeu-         zen ist der Pflanzenschutz seit eh und je           der Produktion zu nehmen.
 gung qualitativ hochwertiger Lebensmittel        ­Bestandteil der Kultivierung von Pflanzen                 Jeder Bauer, jede Bäuerin will gesunde
 in k
    ­ leinen, krisensicheren Strukturen geht,      für die Lebens- und Futtermittelproduktion.        Böden an die nächste Generation übergeben.
 ist Österreichs Landwirtschaft Vorreiterin        In vielen Bereichen fehlen ­bereits jetzt          Über 80 Prozent der österreichischen Bäue-
 in Europa – und eine der nachhaltigsten           Werkzeuge zur Verhinderung von Resistenz-          rinnen und Bauern nehmen freiwillig an
 weltweit. Und trotzdem bedeutet                   bildung. Gerade im Zusammenhang mit                ÖPUL-Maßnahmen teil und leisten damit
 die ­Umsetzung der Zielvorgaben auch              Schadinsekten ist dies eine der größten Her-       ­einen großen Beitrag zu mehr Umwelt-,
 für die heimische Landwirtschaft eine             ausforderungen, die es in Zukunft zu lösen          ­Klima-, aber auch Biodiversitätsschutz. Das
 große ­Herausforderung.                           gilt. Viele Kulturen leiden bereits darunter,        ist in Europa einzigartig. Der erfolgreiche
      Düngemittel sind demnach um 20 Pro-          allen voran einige Öl- und Eiweißpflanzen,           Weg mit hohen Teilnahmequoten zeigt auf,
 zent beziehungsweise Überschüsse um               die zur Schließung der Eiweißversorgungs­            dass es auch in Zukunft wichtig sein wird,
 50 Prozent zu reduzieren. In der Praxis stößt     lücke so wichtig wären, aber auch Zucker­            auf starke Anreize und Leistungsabgeltun-
 man gerade aufgrund der Klimaänderungen           rüben und Kartoffeln haben in den letzten            gen statt auf Verbote zu setzen. q
 und der schwer vorhersehbaren Witterungs-         Jahren immens durch Schadinsekten ge­
 bedingungen schnell an Grenzen, die sich          litten; die wissenschaftliche ­Basis wird hier
 auf Erträge und Qualität der Ernteprodukte        oft der öffentlichen Meinung nachgereiht.         Andreas Pfaller ist Referatsleiter für pflanzliche
 auswirken. Gerade längere Trockenperioden              Die Maßnahmen beider EU-Strategien           Erzeugnisse in der ­Landwirtschaftskammer
 und Starkregenereignisse sind schwer vor-         müssen in sich widerspruchsfrei und              ­Österreich.
3.21 Schwerpunktthema Green Deal - Hintergründe zu Betriebsmittelverzicht, Schutzgebieten und Verkehrswende
Schwerpunktthema Green Deal                                05

Herausforderung Außernutzstellungen:

Warum die Aufregung?
            Eines der Ziele der EU-Biodiversitätsstrategie ist,
            dass 30 Prozent der europäischen Land- und Meeresgebiete
            zu wirksam gemanagten Schutzgebieten erklärt und
            10 Prozent unter strengen Schutz gestellt werden. Darüber
            sprachen wir mit Gerald ­Pfiffinger, Geschäfts­führer des
            ­Umweltdachverbandes.

   Wie sind diese Prozentzahlen aus               Wie hoch ist die Akzeptanz von
   ­österreichischer Sicht zu bewerten?           ­Außernutzstellungen bei Bewirt­
    28,8 Prozent der österreichischen Landes­      schafterinnen und Bewirtschaftern?
    fläche sind bereits Schutzgebiete –            Es gibt Außernutzstellungen, die bei
    es geht somit bloß um wenige zusätzliche       den Bewirtschaftenden hohe Akzeptanz
    Prozente. Die wären mit geringem Aufwand       ­genießen, etwa Naturwaldreservate.
    umsetzbar. Die Vorgabe von 10 Prozent           Für Bewirtschaftende ist entscheidend,
    strengem Schutz ist schon weit schwieriger      dass sie bei Fragen der Gebietsabgrenzung
    zu r­ ealisieren. Hier stellt sich auch die     miteinbezogen werden und dass sie
    Frage, welche Gebiete für die strenge           ­Ausgleichszahlungen erhalten.
    Schutz­kategorie ­anrechenbar sind –
dies soll bis Jahresende in einer Guideline        Können Sie Beispiele für eine erfolgreiche
der Euro­päischen Kommission geklärt               Etablierung von Schutzgebieten nennen?
­werden. Wir haben im Hinblick auf                 Zu nennen sind hier natürlich die öster­
 ­Österreichs ­Waldfläche aber bereits            reichischen Nationalparks. Ein weiteres
  13,1 Prozent Schutzwälder außer Ertrag.         ­positives Beispiel ist das Naturwald­
  Das 10-Prozent-Ziel wird daher die              reservateprogramm in Österreich. Aktuell
  ­forstwirtschaftliche Nutzung nicht             liefern bereits mehr als 191 Naturwald­
   wesentlich in Frage stellen.                    reservate mit einer Waldfläche von rund
                                                   8600 Hektar einen Beitrag zur Erhaltung
Wo macht Naturschutz, wo machen strenge            und natürlichen Entwicklung der
Schutzgebiete überhaupt Sinn?                      ­Bio­diversität. Auch die Wildnisgebiete
Strenger Naturschutz macht vor allem dort           sind eine Erfolgsgeschichte.
Sinn, wo Ökosysteme durch eine natürliche
Dynamik beherrscht werden, also etwa                Sollen Wälder aus Ihrer Sicht grundsätzlich
in Mooren, ­Urwäldern und urwaldnahen               außer Nutzung gestellt werden?
­Beständen s­ owie alpinen Regionen oberhalb        Nein, denn Wälder sind eine unverzicht­
 der Baumgrenze. In Wäldern beispielsweise          bare Rohstoff- und Energiequelle,
 ist ein kleiner, aber wesentlicher Anteil          wenn es um eine nachhaltige Transfor­
 ­gefährdeter Arten wie spezielle Totholz­käfer   mation des Wirtschaftssystems geht.
  oder ­Flechten auf Habitate mit hohem           Dennoch oder ­gerade deshalb ist Natur-
  Totholz­anteil angewiesen. Keinen Sinn          schutz auf bewirtschafteten Flächen
  ­machen Außernutzstellungen überall dort,       ­besonders wichtig, da diese für zahlreiche
   wo der naturschutzfachliche Wert des            gefährdete Arten geeignete Lebensräume
   ­Öko­systems durch extensive Bewirtschaf-       darstellen. Mit gezielten Naturschutz­
    tung ­aufrechterhalten werden soll, wie        maßnahmen kann man hier sehr viel
    zum ­Beispiel in lichtdurchfluteten Wäldern    ­bewirken: Das Belassen von Altholz
    oder bei artenreichem Grünland wie              in Wäldern oder das Anlegen von Amphi-
    ­Mager­wiesen, Trockenrasen etc., die unter   bienlaichgewässern können die Biodiver­
     anderem für Wildbienen überlebensnot­        sität auch in bewirtschafteten Gebieten
     wendig sind.                                 enorm steigern. q
3.21 Schwerpunktthema Green Deal - Hintergründe zu Betriebsmittelverzicht, Schutzgebieten und Verkehrswende
06                 Schwerpunktthema Green Deal

Herausforderung Verkehrswende:

Klimaziele sind ohne
Mobilitätswende nicht erreichbar!
            82 Einzelinitiativen enthält der Aktionsplan der Europäischen Kommission,
            der zu einer Verringerung des CO2-Ausstoßes beim Straßenverkehr
            führen soll. Auch für Österreich gilt: Ohne Veränderung des Mobilitätsverhaltens
            sind die Klimaziele nicht erreichbar. Karl Reiner­

Die Europäische Kommission hat 2020 eine          lichen Verursacher für die schlechte CO2-­        — ressourcensparende Raumplanung
Strategie für eine grundlegende Verkehrs-         Bilanz. Österreich hat die gesetzten Ziele            ­(massive Reduktion von Flächen­
wende und eine grünere, intelligentere            bisher nicht erreicht. Dies hat unter anderem       verbrauch und Versiegelung),
­Mobilität vorgelegt. Zusammen mit einem          mit der hohen Zunahme des Verkehrsauf-            — effizientere Mobilitätsinfrastrukturen
 82 Initiativen umfassenden Aktionsplan           kommens, aber auch mit dem relativ                  und Antriebssysteme (zum Beispiel
 soll das Dokument die Arbeit für die nächs-      hohen ­Anteil des Transitverkehrs zu tun.           ­umweltfreundlicherer Güterverkehr –
 ten Jahre vorgeben.                                                                                   Güter auf die Bahn, Ausstieg aus dem
 — Der Verkehrssektor in der EU-27                Mobilitätsmasterplan 2030                            Verbrennungsmotor, massiver Ausbau
      ­beschäftigt mehr als 10 Millionen          Zur Realisierung des Green Deal auf                  der Rad- und Fußwegeverbindungen),
       ­Personen und umfasst rund 1,1 Millionen   ­österreichischer Ebene wurde 2021 vom            — multimodale Mobilität mit Mobilitäts-
        Unternehmen.                               ­Bundesministerium für Klimaschutz (BMK)            zentralen und -beratung,
 — Der Verkehr ist der einzige Wirtschafts-         der Mobilitätsmasterplan 2030 publiziert.       — attraktive und nachhaltige Mobilitäts­
        sektor, in dem die Treibhausgasemissio-     Der Masterplan formuliert ein Leitbild 2040        angebote (Ausbau Bahn, mikro­
        nen höher sind als 1990. Aus diesem         und listet die relevanten Ziele und Maß­           öffentlicher Verkehr, „­ geteilte“
        Grund hat sich der Europäische Green        nahmen auf.2 Leitprinzipien sind Suffizienz,       ­Mobilitätsangebote – Shared Mobility
        Deal das Hauptziel gesetzt, die ver-        Konsistenz und Effizienz. Wichtigstes Ziel          und so weiter).
        kehrsbedingten Treibhausgasemissionen       bleibt weiterhin die Vermeidung von nicht
        bis 2050 um 90 Prozent zu reduzieren.1      notwendigem, vor allem ressourcenverbrau-       Die Umsetzung des Mobilitätsmasterplans
 — Nachhaltige, intelligente und resiliente         chendem Verkehr. Der Rest der Maßnahmen         2030 soll in einen gesamtgesellschaftlichen
        Verkehrsdienste und -infrastrukturen        soll sich auf Verlagerung (zu Fuß gehen,        Diskurs eingebettet werden. Zur Unter­
        sind für die Entwicklung der euro­          ­Radfahren, öffentlicher Verkehr), auf um-      stützung wurde das Nationale Forum Klima­
        päischen Regionen von entscheidender         weltfreundlichere Mobilitätsarten und          neutrale Mobilität (NFKM) eingerichtet,
        ­Bedeutung. Neue Technologien (zum           ­verbesserte, ressourcenschonende Techno­      das die Entwicklungspfade und Rahmen­
         Beispiel neue Antriebe wie E-Motoren)        logien konzentrieren.                         bedingungen für den notwendigen Transfor-
         spielen eine zentrale Rolle.                     Um die ehrgeizigen Ziele auf euro­        mationsprozess kritisch begleitet.
                                                      päischer und nationaler Ebene zu erreichen,        Fragen zu Zielen und Maßnahmen
Österreich hat das ehrgeizige Ziel, bereits           werden noch viele Maßnahmen realisiert        des Mobilitätsmasterplans sowie weitere
2040 C02-neutral zu sein. Dafür sind sofort           werden müssen:                                ­Informationen finden sich auf der Webseite
umfangreiche Maßnahmen notwendig.                     — verursachergerechte Bepreisung               des Ministeriums.3 q
­Gerade der Verkehr ist einer der wesent­                 des CO2-Ausstoßes,
                                                                                                    Karl Reiner ist Berater und Gesellschafter
                                                                                                    der ÖAR GmbH.
Treibhausgase: Straßenverkehr ist das Sorgenkind
Die gesamten Treibhausgasemissionen in der EU sind seit dem Jahr 1990 um
rund 1000 Millionen Tonnen auf rund 4000 Millionen Tonnen gesunken. Die Emissionen                  1 https://ec.europa.eu/transport/themes/
des Verkehrs sind dagegen in diesem Zeitraum um rund 270 Millionen Tonnen                             mobilitystrategy_en.
auf 1100 Millionen Tonnen gestiegen.⁴                                                               2 www.bmk.gv.at/themen/mobilitaet/­
     In Österreich haben sich in diesem Zeitraum die Treibhausgasemissionen von                       mobilitaetsmasterplan.
                                                                                                    3 www.bmk.gv.at/themen/mobilitaet/­
78,4 (1990) auf 79,8 Millionen Tonnen (2019) erhöht. Davon entfällt der über­wiegende
                                                                                                      mobilitaetsmasterplan/faq.html.
Teil auf den Verkehrsbereich (rund 30 Prozent).⁵                                                    4 Quelle: Verkehrsclub Österreich.
                                                                                                    5 Quelle: Umweltbundesamt.
3.21 Schwerpunktthema Green Deal - Hintergründe zu Betriebsmittelverzicht, Schutzgebieten und Verkehrswende
Schwerpunktthema Green Deal                                      07

Herausforderung Übergang:

Klimaziele sind nur zu
schaffen, wenn der Weg
dorthin fair gestaltet wird
              Der Transformationsprozess von Wirtschaft und
             Gesellschaft fordert die Regionen und Branchen unter­
             schiedlich heraus. Die Europäische Kommission hat
             ­Ausgleichsinstrumente ­vorgesehen, um einen fairen
              Übergang zu erreichen. Johanna Rohrhofer

Die Transformation zur Klimaneutralität                 2.   Eine spezielle Übergangsregelung im
­Europas bedeutet für die Regionen eine                      Rahmen von „InvestEU“ soll in Summe
 ­massive Veränderung in Wirtschaft und                      bis zu 46 Milliarden an Investitionen
  ­Gesellschaft. Der Veränderungsprozess                     mobilisieren. Unterstützt werden nach-
   trifft Branchen unterschiedlich: Für manche               haltige Investitionen in einem breiten
   ­Bereiche wie den Energiesektor birgt                     Spektrum, sofern sie dem gebietsspezifi-
    die ­Abkehr von fossilen Brennstoffen und                schen Plan entsprechen. Das können
    umweltverschmutzendem Handeln eine                       zum Beispiel Fernwärme- oder Diversifi-
    Chance. Andere wie zum Beispiel die Stahl­               zierungsprojekte der Wirtschaft sein.
    industrie sehen sich schier unüberwind­             3.   Eine durch den EU-Haushalt abge­
    baren Herausforderungen gegenüber. Für                   sicherte Kreditlinie bei der Europäi-
    alle ist jedoch die Transformation mit Kosten            schen ­Investitionsbank soll den öffent­
    verbunden. Diese sind unterschiedlich hoch,              lichen Sektor unterstützen. Zuschüsse
    denn nicht überall sind die Auswirkungen                 in Höhe von 1,5 Milliarden Euro aus dem
    auf Wirtschaft und Gesellschaft gleich.                  EU-Haushalt sollen mit 10 Milliarden
    Die Europäische Kommission wirkt der                     Euro Darlehen der Europäischen Investi-
    ­Ungleichheit entgegen und sieht Mechanis-               tionsbank öffentliche Investitionen im
     men für einen gerechten Übergang vor.                   Umfang von bis zu 30 Milliarden Euro
     Sie betreffen den Zeitraum von 2021 bis 2027            mobilisieren.
     und unterstützen besonders betroffene
     ­Regionen beim Transformationsprozess hin          Die Mittelzuwendung soll in Abhängigkeit
      zur Klimaneutralität. Diese Maßnahmen sind        von CO2-Ausstoß und Anzahl der Arbeits-
      mit 100 Milliarden Euro ausgestattet und          plätze in den betroffenen Regionen
      werden konkret in drei Säulen umgesetzt:          und Industrien erfolgen. 108 Regionen
      1. Der Fonds für einen gerechten                  der EU-Mitgliedstaaten sind laut Euro­
          ­Übergang, „Just Transition Fund“ (JTF)       päischer Kommission besonders benachtei-
           genannt, ist Fonds ist mit 17,5 Milliarden   ligt. Auch Österreichs Regionen werden
           Euro ausgestattet und dürfte Investitio-     ­profitieren. Im Länderbericht Österreich 2020
           nen in Höhe von etwa 30 Milliarden Euro       der E ­ uropäischen Kommission werden
           mobilisieren. Österreich wird aus dem         unter a  ­ nderem die Steiermark und
           JTF circa 53 Millionen erhalten. Der neu      ­Ober­österreich als besonders betroffene
           dotierte Fonds wird durch ­Mittel aus          ­Regionen identifiziert. Dort sind CO2-
           dem Euro­päischen Fonds für Regionale           intensive Wirtschaftszweige angesiedelt,
           Entwicklung (EFRE) sowie dem Europäi-           die sich in den nächsten Jahren drastisch
           schen S ­ ozialfond (ESF) ergänzt. Dieser       verändern werden. q
           Fonds soll vor allem jenen Regionen zur
           ­Ver­fügung stehen, in denen b ­ esonders
            viele Arbeitskräfte von der Klimawende      Johanna Rohrhofer ist Innovationsbrokerin
            betroffen sind.                             im Netzwerk Zukunftsraum Land.
3.21 Schwerpunktthema Green Deal - Hintergründe zu Betriebsmittelverzicht, Schutzgebieten und Verkehrswende
08                  Natur und Umwelt

  Biodiversitätsschulungen in Oberösterreich:

  Naturschutzleistungen
  in Wert setzen
                                                                                                                                 Artenreiche Böschung
                            Seit dem Jahr 2002 versuchen Land und LFI Oberösterreich                                             mit Blütenpflanzen
                                                                                                                                 für Insekten
                            mit einer langfristig angelegten Bildungsinitiative,
                            die ­Naturschutzleistungen in Wert zu setzen und damit
                            das Verständnis für die Biodiversität zu verbessern.
                            Ursula Meiser-Meindl

Biodiversität bedeutet biologische Vielfalt.            und ­abzurufen, sondern darum, Menschen           eine Pflanze den Menschen nicht. Der
Es geht um die Vielfalt der Pflanzen-                   andere Sichtweisen aufzuzeigen. Im Idealfall      Mensch hingegen braucht die Pflanzen und
und Tierarten, also auch um die genetische              entstehen daraus sogar neue ­Bilder und           das fein abgestimmte N  ­ atursystem sehr
­Vielfalt innerhalb einer Art, und um die               ­somit eine Anpassung der Bewirtschaftungs-       wohl, um überleben zu können. Da hilft uns
 ­Vielfalt der Lebensräume, auch Ökosysteme              maßnahmen mit Blick und mit Rücksicht            auch der ganze technische Fortschritt nichts.
  genannt. Die Schulung zum Thema                        auf die Natur.                                         Der Fokus der Bildungsmaßnahmen
  ­Bio­diversität ist ebenso vielfältig wie die               Halten wir uns doch vor Augen: Die Tier-    liegt daher auf der Naturvermittlung,
   ­Biodiversität selbst und umfasst ganz                und Pflanzenwelt sind gut aufeinander ab­        auf dem Verstehen von Zusammenhängen,
    ­unterschiedliche Ansätze und Zugänge.               gestimmt. So haben sich in den letzten           auf Schützen durch Nützen, auf dem
            In Oberösterreich gibt es eine langjähri-    100 Millionen Jahren Blütenpflanzen und          ­Wertschätzen der Vielfalt und dem gegen­
     ge Kooperation zwischen dem Ländlichen              ­Insekten in Wechselwirkung zueinander ent-       seitigen Austausch. Präsenzveranstaltungen
     Fortbildungsinstitut (LFI) der Landwirt-             wickelt. Der Homo ­sapiens als ein circa eine    wie Lehrgänge oder Schulungen werden
     schaftskammer und der Abteilung Natur-               Million Jahre altes Lebewesen spielt dabei       seit neustem durch „Farminare“ ergänzt,
     schutz des Landes: Seit 2002 läuft das               nur eine untergeordnete Rolle. Will heißen:      bei ­denen Inhalte direkt vor Ort im Freien
     ­Bildungsprojekt „Naturschutz – Landwirt-            Um sich fortpflanzen zu können, braucht          (auf der Wiese, im Naturschutzgebiet,
      schaft“ mit dem Ziel, über freiwillige
      ­Bildungsveranstaltungen Naturschutz­
       leistungen in Wert zu setzen beziehungs­
       weise über Multiplikatoren und Naturver­           Bewusstseinsbildung seit beinahe 20 Jahren
       mittlung die Zusammenhänge in der
       Natur verständlich darzustellen und
       so die Biodiversität zu erhöhen.                   In dem seit 2002 laufenden Bildungsprojekt „Naturschutz – Landwirtschaft“ wurden in Ko­
            Bildung enthält das Wort „Bild“. Es           operation der Abteilung Naturschutz des Landes OÖ und des LFI der Landwirtschaftskammer
       geht also nicht darum, wie im klassischen          OÖ 813 Veranstaltungen über Natur und Naturschutz mit 11.484 Teilnehmerinnen und Teilneh­
       Schulsystem Wissen einseitig vorzutragen           mern durchgeführt. Das entspricht 35.385 Teilnehmertagen oder 238.080 Teilnehmerstunden.
3.21 Schwerpunktthema Green Deal - Hintergründe zu Betriebsmittelverzicht, Schutzgebieten und Verkehrswende
Natur und Umwelt                    09

auf dem Feld etc.) anschaulich dargestellt          ­ amenpotenzial, das im ­Boden schlummert,
                                                    S
und erklärt und online übertragen werden.           wieder aktiviert werden kann, bleibt abzu-
        Die Rückmeldungen der Teilnehmerin-         warten. Mehrmaliges ­Mähen und Düngen             Umweltgerechte landwirtschaftliche
nen und Teilnehmer sind vielfältig. Eine            verringert die Artenvielzahl, auch wenn           ­Bewirtschaftung: Fünf Factsheets
Bäuerin und Kräuterpädagogin erzählt:               es die Futterqualität ver­bessert. Aber muss
„Mein Mann fragt vor dem Mähen inzwi-               das wirklich auf allen Flächen sein?
schen: ‚Kann ich schon mähen, oder willst                   Abhilfe schafft hier der abgestufte       Von der Verbesserung der Artenvielfalt auf
du noch was daraus essen?‘, bevor er wieder         ­Wiesenbau, denn – keine Frage – für genü-        Grün- und Ackerland über die Wasserqualität
alles ‚schön sauber‘ macht.“ Dabei ist es            gend Futter muss gesorgt sein. „14 Hektar        bis zu Boden- und ­Klimaschutz: Landwirtinnen
­genauso wichtig, abgestorbene Halme                 von meinen 20 Hektar brauche ich für             und Landwirte können durch nachhaltige
 ­einfach stehenzulassen, damit Wildbienen           meine Kühe, aber die 6 Hektar Nasswiese          ­Bewirtschaftungsmaßnahmen viel dazu bei­
  darin brüten können.                               sind Teil der Landschaft“, so ein engagierter     tragen, eine gesunde und lebenswerte Umwelt
        Ein angehender Naturvermittler will          Landwirt am Irrsee im Mondseer Land.              zu ­erhalten. Wie das funktioniert, zeigt das
  die Meinungen der Leute verändern. „Denn                  Eines ist klar: Nur wir können die         ­Netzwerk Z   ­ ukunftsraum Land jetzt mit fünf
  es kann nicht sein“, erzählt er, „dass eine        ­Entscheidung treffen, Blumenwiesen wieder         ­kompakten Factsheets, die in Kooperation mit
  Nachbarin zu mir sagt: ‚Ihr Naturgarten             bunter, Grünland wieder artenreicher,              dem Bundesministerium für Landwirtschaft,
  muss weg! Die vielen Bienen darin sind ja           Ackerland wieder bienenfreundlicher zu             ­Regionen und Tourismus erarbeitet wurden.
  für u­ nsere Kinder gefährlich!‘“                   ­machen. Um unterschiedliche Lebensräume            Prägnant und leicht ­verständlich eignen sich
        „Früher habe ich in der Böschung               für mehr Artenvielfalt zu schaffen, reicht         die Informationsblätter bestens als Leitfaden
  immer einen Wiesenblumenstrauß für                   es oft schon aus, Raine zwischen den Feldern       für eine nachhaltige ­und umweltfreundliche
  den Muttertag gepflückt. Jetzt ist das nicht         und Randflächen stehenzulassen, Hecken             ­Bewirtschaftung und zeigen mögliche praktische
  mehr m  ­ öglich. Warum ist das so?“, fragt          zu pflanzen, Flächen zu extensivieren,              Umsetzungsschritte auf.
  eine ­andere Teilnehmerin. Die Antwort ist           ­Totholz liegenzulassen, Mähzeitpunkte                  Die Factsheets stehen unter folgendem Link
  einfach: Die trockene Böschung sollte nur             zu verändern und Bewirtschaftungsformen            zum Download bereit:
  ­einmal ­gemäht und das Mähgut ­abgetragen            anzupassen. q                                      www.zukunftsraumland.at/seiten/201.
   werden. So kann auch wieder eine arten­
   reiche Blumenwiese ­entstehen, die wunder-       Ursula Meiser-Meindl ist Bildungsmanagerin
   schön aussieht, wenn sie blüht. Ob das           beim LFI OÖ.

Verpflichtende Weiterbildung im ÖPUL
„Zusätzlich zu den freiwilligen Bildungsmaßnahmen konnte durch verpflichtende
­Weiterbildungen im Rahmen der Maßnahme UBB (Umweltgerechte und biodiversitäts­
 fördernde Wirtschaftsweise) im ÖPUL knapp 9000 Betrieben Oberösterreichs in fünf
 Unterrichtseinheiten mit einem ein­heitlichen Vortragsschema ein breiter Überblick
 über Biodiversität ­gegeben ­werden.“
                                 Josef Forstinger, Abteilung Naturschutz des Landes OÖ

Neuer Lehrgang „Natur am Hof“ am LFI OÖ
Was kann ich beziehungsweise mein Betrieb zur Artenvielfalt beitragen? In 120 Unter­
richtseinheiten werden Wege zu individuellen Naturkonzepten erschlossen. Ziel ist
es, den gesamten Betrieb mit anderen Augen zu betrachten und die Aufmerksamkeit
auf Flächen zu lenken, die meist wenig beachtet werden. Die Teilnehmenden erkennen,
wie viel sie bereits für die Natur geleistet haben, erhalten Anregungen und erarbeiten
­Verbesserungsvorschläge für Lebensräume und Bewirtschaftungsmaßnahmen am Hof.
 https://ooe.lfi.at/natur-am-hof-landwirtschaft-und-artenvielfalt+2500+2333005

Vogelgesang „wie Volksmusik“
„14 Hektar von meinen 20 Hektar brauche ich für Eiweißfutter, aber die 6 Hektar
­Nasswiese sind Teil der Vielfalt der Natur“, so ein engagierter Landwirt. „Da sind
 ­Insekten, Schmetterlinge und Vogerln drinnen, die sonst nirgends drinnen sitzen.
  Und wenn der Große Brachvogel dann zum ersten Mal im Frühling singt, dann
  ist das wie Volksmusik!“¹

1 Nachzuschauen im Farminar „Interessante Feuchtwiesen und ihre Bewohner“
  vom 26. Mai 2021 unter www.youtube.com/watch?v=1ANdFRij8wo.
3.21 Schwerpunktthema Green Deal - Hintergründe zu Betriebsmittelverzicht, Schutzgebieten und Verkehrswende
10                   Landwirtschaft

Land- und Forstwirtschaft
leisten bereits Beiträge
zu Green-Deal-Zielen!
Eine aktuelle Studie1 des wissenschaftlichen Dienstes der EU zeigt,
dass die Ziele des Green Deal ohne die Entwicklung zusätzlicher
­innovativer Ansätze negative Auswirkungen auf die Lebensmittel­
 versorgung und die bäuerliche Einkommenssituation haben werden.
 Die heimische Land- und Forstwirtschaft führen bereits heute vor,
 wie solche markt- und praxisgerechten Ansätze aussehen könnten.

1 Jesus Barreiro-Hurle u. a., Modelling environmental and climate ambition in the agricultural sector with the
  CAPRI model, Joint Research Centre 2021, https://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/handle/JRC121368.

              Pflanzenschutz-                                                                        Bauen mit Holz:
              Warndienst, ein                                                                        71 Prozent weniger
              Best-Practice-Projekt                                                                  CO2-Emissionen

Der Pflanzenschutz-Warndienst ist eine Onlineplattform, die Wis-                       Wachsende Bäume nehmen CO2 aus der Atmosphäre auf
senschaft, Beratung und Bildung verbindet und landwirtschaft­liche                     und wandeln es durch Fotosynthese in Kohlen­stoffverbindungen
Produzentinnen und Produ­zenten vor- und rechtzeitig über das                          um. So ist in einem Kubikmeter Holz rund eine Tonne
­Auftreten von ­Schaderregern informiert. Dies geschieht auf Basis                     CO2 gespeichert. Stirbt der Baum ab und verrottet, gibt
 von nationalen beziehungsweise regionalen Monitorings (tatsächli-                     er dieses Treibhausgas wieder frei. Für den Klimaschutz
 cher Befall am Feld) und Prognosen (Vorhersagen zum Befallsauftre-                    ist es daher besser, den Baum vor dem Verrotten zu ernten
 ten in den nächsten drei bis fünf Tagen). Die aus ­eigenen Beobach-                   und das Holz zu nutzen.
 tungen sowie aus Prognosemodellen resultierenden Daten werden                               Bauen mit Holz verlängert den Speichereffekt und zögert
 ausgewertet und der Praxis zeitnah in Form von Warnmeldungen                          den Ausstoß noch lange Zeit hinaus. Daher ist es wichtig,
 zur Verfügung gestellt. In der Ausbildung und in der Erwachsenen-                     durch eine aktive Waldbewirtschaftung die Aufnahme
 bildung wird das Wissen über Schaderreger, deren Auftreten                            von CO2 zu erhöhen und es anschließend in Holzprodukten
 und Entwicklung sowie Vermeidung und Bekämpfung ­vermittelt.                          zu speichern.
      Derzeit bietet die Plattform für 64 ausgewählte Schaderreger                           Eine weit größere Klimaschutzwirkung als die Speicherung
 34 hochwertige Prognosemodelle und 58 Monitoringkarten im                             hat die Substitution: Durch Verwendung von Holz anstelle fossiler
 Acker-, Gemüse-, Obst- und Weinbau sowie im Bereich Bienenschutz                      bzw. CO2-intensiver Materialien wird das Treibhausgas erst gar
 kostenlos und österreichweit an und registriert jährlich über                         nicht produziert. Zudem haben Untersuchungen gezeigt, dass
 628.000 Zugriffe.                                                                     im Vergleich zu anderen Baustoffen bis zu sieben Mal weniger
      Die Minimierung und Reduktion des Einsatzes von Pflanzen-                        LKW-Fahrten notwendig sind. Weiters kann das Gewicht auf zwei
 schutzmitteln, die Produktion von qualitativ hochwertigen                             Drittel reduziert werden, was zusätzliche CO2-Einsparungen im
 ­Produkten und Kosteneinsparungen sowie die Effizienzsteigerung                       ­Bereich Fundamentierung und Hebewerkzeuge bringt. Ein Öko­
  in der Pflanzenproduktion werden dadurch positiv beeinflusst                          bilanzvergleich beim Campus Kuchl/FH Salzburg hat ergeben,
  und stehen im Vordergrund dieser Serviceleistung für die Nutzerin-                    dass durch den Holzbau 71 Prozent weniger Treibhausgasemissionen
  nen und Nutzer. Der Warndienst leistet somit auch einen wichtigen                     ­entstehen als bei anderen vergleichbaren Bauweisen. Ü
                                                                                                                                             ­ brigens:
  Beitrag zum Erreichen der Green-Deal-Ziele. q                                          Die dafür benötigten 600 Kubikmeter Holz wachsen ­innerhalb
 https://warndienst.lko.at                                                               von 10 Minuten im österreichischen Wald nach. q

Vitore Shala-Mayrhofer ist Projektleiterin des Pflanzenschutz-­                        Thomas Leitner ist Mitarbeiter in der Forstabteilung
Warndiensts bei der Landwirtschaftskammer Österreich.                                  der Landwirtschaftskammer Österreich.
Landwirtschaft                       11

            Energieeffizienz                                                            Bäuerliches Versorgungsnetz­
            am Bauernhof                                                                werk Steiermark: Regionalität
            sichert Zukunft                                                             in Großküchen umsetzen

 Der energie- und klimafitte Bauernhof der Zukunft legt                     Immer mehr setzen auch Großküchen vor allem im öffentlichen
 hohen Wert auf Energieeffizienz und produziert die Energie,                ­Bereich auf die Verwendung regionaler Produkte. Darauf haben
 die er b  ­ enötigt, am eigenen Hof. Er senkt dadurch seine                 die steirischen Lebensmittelproduzentinnen und -produzenten
 ­Betriebskosten und stärkt seine Wettbewerbsfähigkeit.                      mit der Gründung der Genossenschaft „Bäuerliches Versorgungs-
  Der Einsatz innovativer Energietechnologien schafft moderne                netzwerk Steiermark“ rasch reagiert. Der Verband steirischer
  Betriebe für nach­kommende Generationen. Das Themenfeld                    ­Obstbauern, der Landesverband steirischer Gemüsebauern, „Bio
  ­Energieeffizienz ist ­mindestens so vielfältig wie die land- und           Ernte Steiermark“ und Styriabrid haben das Netzwerk im Dezember
   ­forstwirtschaftliche P­ roduktion selbst.                                 2020 mit Unterstützung von Land und Landwirtschaftskammer
        Oft sind Energiesparmaßnahmen für die Betriebsführerin                aus der Taufe gehoben.
­beziehungsweise den Betriebsführer nicht unmittelbar sichtbar.                        Durch die Bündelung der Mengen sowie die gemeinsame
So unterscheidet sich zum Beispiel eine ­energieeffiziente Vakuum-            ­Verarbeitung und Logistik will das Netzwerk den Anteil an qualitativ
pumpe optisch nicht von einer ineffizienten. Darüber hinaus ist                hochwertigen, frischen und regionalen Lebensmitteln in den
eine Steigerung der Energieeffizienz mit der Änderung gewohnter                Küchen der Gemeinschaftseinrichtungen steigern. Für die Produ-
Verhaltensmuster verbunden. Genau an diesen Stellschrauben                     zentinnen und Produzenten sollen Verkaufsmengen und Preise
setzt das Projekt „Energieeffiziente Landwirtschaft: Sichert Zukunft.          ­optimiert und der Personaleinsatz gesenkt werden. Durch Effizienz
Spart Geld.“ an. In Zusammenarbeit der Landwirtschaftskammern                   kann auch der Einkaufspreis für die Großküchen moderat gehalten
Österreich, Steiermark, Niederösterreich, Tirol, Kärnten und Ober-              werden.
österreich wurden die Themen Energieeinsatz, -verbrauch und                            Im Mittelpunkt der Bemühungen steht das Erzielen eines
-effizienz in verschiedenen Produktionszweigen intensiv bearbeitet              hohen gesellschaftlichen Mehrwerts durch Produktionsstandards,
und für die zukünftige Beratungstätigkeit aufbereitet. Basierend                die sich an Tierwohl, Wasserschutz, Gentechnikfreiheit, Biolandbau
auf konkret realisierten Effizienzmaßnahmen liefert das Projekt                 und kurzen Transportwegen orientieren. Besondere Beachtung
das erste umfassende Informationspaket für h        ­ eimische Bäuerinnen       ­finden auch die gemäß EU-Herkunftsschutzsystem geschützten
und Bauern zum Thema Energieeffizienz in Form von Beratungs­                     ­Kulturen wie Steirische Käferbohne (geschützte Ursprungsbezeich-
broschüren und Videos. q                                                          nung, g. U.) sowie Steirischer Kren und Steirisches Kürbiskernöl
    https://stmk.lko.at/energieeffiziente-landwirtschaft+2500+3278608             ­(beide geschützte geografische Angaben, g. g. A.). q

Christian Metschina arbeitet im Referat für Energie, Klima                   Markus Weyer ist Geschäftsführer des Bäuerlichen
und Bioressourcen der Landwirtschaftskammer Steiermark.                     ­Versorgungsnetzwerks Steiermark.
12                                                          Standpunkte

Unterschutzstellungen:

Was geht und was geht nicht?
Der Green Deal der Europäischen Union sieht eine Unterschutzstellung
von 30 Prozent der Landes- und Meeresflächen vor, zehn Prozent
sollen streng geschützt werden. Netzwerk ­Zukunftsraum Land hat
fünf Meinungen zur Praktikabilität dieses Vorschlags eingeholt.

                             Wir müssen es schaffen: 60 Prozent der
                             ­weltweiten Ökosysteme sind geschädigt!
                             Wir Menschen sind in vielfacher Hinsicht abhängig
                             von gesunden, stabilen Öko­systemen. Laut Bericht des
                             Welt­biodiversitätsrates IPBES sind mehr als 60 Prozent
      Gabriele Obermayr,     der weltweiten Ökosysteme geschädigt und damit in
        ­Referentin in der   der ­Bereitstellung der l­ ebensnotwendigen Leistungen
         ­Abteilung V/10 –   für die Menschen massiv eingeschränkt. Dies ­betrifft
  ­Nationalparks, Natur-
                             ­unter anderem Nahrungsmittel, saubere Luft, sauberes
      und ­Artenschutz im
      Bundes­ministerium      Wasser, Baustoffe und den Schutz vor Naturgefahren.
          für Klimaschutz,    Die Wiederherstellung von geschädigten Ökosystemen
        Umwelt, Energie,      ist daher eine der Prioritäten der EU-Biodiversitäts­
    ­Mobilität, Innovation    strategie 2030 und somit des Europäischen Green D     ­ eal
  und Technologie (BMK)
                              sowie der nationalen Biodiversitätspolitik und des
                              neu geschaffenen n ­ atio­nalen B
                                                              ­ iodiversitätsfonds. Die
                              Europäische Kommission prüft derzeit verbindliche
                              EU-Ziele für die Wiederherstellung. Wiederherstellung
                              ist vor allem auch für den Klimaschutz von großer
                              ­Bedeutung. Der Schwerpunkt der EU-Vorgaben soll ­daher
                               auf Ökosystemen liegen, die auch für den Klimaschutz
                               und die CO2-Speicherung von Relevanz sind, wie zum
                               Beispiel Moore. Nicht zuletzt wurde 2021 bis 2030
                               von den ­Vereinten Nationen zur D  ­ ekade der Wieder­
                             herstellung ausgerufen und damit ihre Bedeutung
                             für den ­Erhalt der Biodiversität unterstrichen.

                             Außernutzstellung kein Allheilmittel                            ­ uwachsen o
                                                                                             Z              ­ ffener ­Flächen. Aufforstungen im
                             Viele schwärmen von der Wildnis, um den Biodiversi-             „Fit for 55“-­Paket sind daher primär für den
                             tätsverlust zu stoppen. Mittel­europa ist eine seit Jahr-       ­Klimaschutz gedacht. Auch die Außernutzstellung
                             tausenden von Menschen geprägte Kulturlandschaft.                von ­Wäldern führt zum ­Ausdunkeln licht- und
                             Der Wald wurde zurückgedrängt und i­ ntensiv genutzt.            ­wärme­bedürftiger Arten und zu einem Verlust der
        Martin Höbarth,      Die Artenvielfalt ist von diesen „Waldwildnis-Stö-                Arten­vielfalt. Um die Biodiversität in Mittel­europa
              Leiter der     rungseingriffen“ geprägt. Licht- und wärmeliebende             zu erhalten, bedarf es eines ­gezielten Habitat­
         Forstabteilung      Arten haben profitiert. Die größten Bedrohungen                managements und keiner flächendeckenden
   der Landwirtschafts­
                             für die Artenvielfalt in Mitteleuropa sind vor allem           ­Renaturierungen im Sinn von „Zurück zur Wildnis“.
     kammer Österreich
                             die Klimakrise, die Bodenversiegelung und das                   Dies gilt besonders für den Wald.
Standpunkte                        13

                            15 Prozent zusätzliche                           zeitnahen Maßnahmen g    ­ enutzt werden.
                            ­Renaturierung bis 2030 gehen –                  Das neue Gesetz muss grundlegende
                             und sind dringend nötig!                        ­Änderungen in der Land- und Meeres­
                            Das geplante EU-Gesetz zur Wiederher­             nutzung s­ owie im Management herbei­
                            stellung der Natur ist eine riesige Chance       führen, anstatt sich auf kleine schrittweise
            Laura Hildt,    für den Natur- und Klimaschutz, aber             Verbesserungen zu beschränken.
       Policy Officer for   auch dafür, dass Grundbedürfnissen               Das Gesetz sollte darauf ­abzielen, bis 2030
       ­Biodiversity and    wie der menschlichen Gesundheit auch             15 Prozent der EU-Land- und Meeresflächen
              EU Affairs,
                            ­zukünftig entsprochen werden kann. Diese        sowie der Flusskilometer zu renaturieren.
               European­
         Environmental       Chance muss mit angemessenen Zielen             Zudem ist es für den Schutz der Biodiversität
                 Bureau      im Hinblick auf das Ausmaß der Krise,           zentral, dass die neuen Ziele eindeutig
                             ­Synergieeffekten für Biodiversität,            über die bestehenden EU-Naturschutzver-
                              ­Klimaschutz und Klima­anpassung sowie         pflichtungen hinausgehen.

                                                                                                         Nationalpark schafft
                                                                                                         Arbeitsplätze
                                                                                                         Im Kärntner Anteil des Natio-
                                                                                                         nalparks Hohe Tauern haben
                                                                                                         wir in der letzten Periode mit
                                                                                      Peter Rupitsch,    Unterstützung aus dem Pro-
                                                                                         Direktor des    gramm für ländliche Entwick-
                                                                                     Kärntner ­Anteils   lung ein ehrgeiziges National-
                                                                                   des Nationalparks
                                                                                                         park-Infrastrukturprogramm
                                                                                        Hohe Tauern
                                                                                                         realisieren können: die Aus-
                                                                                                         stellung „univerzoom national-
                                                                                                         park“ mit den Ranger-Labs
                                                                                                         im Besucherzentrum Mallnitz,
                                                                                                         den Neubau der Parkdirektion
                          Für unsere periphere Region                                                    in Großkirchheim und das
                          ist der Nationalpark ein Gewinn                                                „Haus der Steinböcke“, ein
                          Außernutzstellungen sind für praktizierende                                    ­Informationszentrum mit
                          Bäuerinnen und ­Bauern immer ein kritisches                                     ­Ausstellung, Nationalparkshop,
                          Thema. Nach dreißigjähriger Erfahrung                                            örtlichem Tourismusbüro
   Klaus Unterweger,      mit dem Nationalpark Hohe Tauern können                                          und angeschlossenem Café in
 ­langjähriger Grund­     aber auch wir Bäuerinnen und Bauern                                              ­Heiligenblut. Diese Projekte
besitzervertreter im      ­behaupten, dass dieses Konzept für unsere                                        schaffen neue und hochwertige
    ­Tiroler Anteil des
                           periphere R   ­ egion ein ­Gewinn ist. Wir kön-                                  Arbeitsplätze im Mölltal und
­Nationalparks Hohe
       ­Tauern, Kals am    nen und wollen hier nicht für den Weltmarkt                                      sind für die Umsetzung unse-
          Großglockner     produzieren. Für unsere Regionen brauchen                                        rer vielfältigen Umweltbil-
                           wir eine ­bäuerlich geprägte Kreislaufwirt-                                      dungsaktivitäten unerlässlich.
                           schaft, die nach ökologischen Grundsätzen                                        Darüber hinaus sind diese
                           arbeitet. Wir erbringen damit Leistungen                                         ­zeitgemäßen Besuchereinrich-
                           für Natur, Umwelt und Lebensraum, die                                             tungen ein wesentlicher Be-
                           ­Anspruch auf eine faire Abgeltung haben.                                         standteil des touristischen
                            Dieser ­gesellschaftliche Konsens wurde auf                                      ­Angebots der Nationalpark­
                            kooperative Weise ­umgesetzt, sodass wir                                          region. Ein gut betreuter und
                            heute sagen können, dass dieses Modell                                            ausgestatteter Nationalpark
                            ­eines Nationalparks in enger Zusammen­                                           ist daher keine Beschränkung,
                             arbeit mit der ansässigen Bevölkerung                                            sondern eine Bereicherung
                             ­funktioniert! Entscheidend ­dabei ist, dass                                     für die betreffende Region.
                              auf der Seite der Nationalparkverwaltungen
                              Leute agieren, die die bergbäuerliche
                              ­Wirtschaft verstehen und mit Augenmaß
                               vorgehen.
14                 LEADER

Soziale Inklusion durch
Regionalentwicklung unterstützen
            Innovative Modelle können die soziale Inklusion von Menschen
            mit Behinderungen und älteren Menschen fördern und
            so für mehr Lebensqualität sorgen. Die Regionalentwicklung
            könnte dazu maßgeblich beitragen. Franz Wolfmayr

Diversität und soziale Inklusion sind                gelingen kann. Es geht hier nicht um einen               I­ nfrastruktur von Gemeinden bieten sich
­Themen der Regionalentwicklung. In Projek-          Ausbau des Sozialsystems, sondern um                      Ansätze wie zum Beispiel sozialwirt-
 ten der Regionalentwicklung geht es dabei           ­Prävention, Haltungen und lokale Strukturen              schaftliche Unternehmen an. Jedes
 aber meist um Frauen, um junge Menschen,             dafür, die durchaus auch große wirtschaft­               ­dritte in der EU heute gegründete Unter­
 um Flüchtlinge. Dass in allen Regionen               liche Bedeutung entwickeln können,                   nehmen ist sozialwirtschaftlich und
 ­Menschen isoliert leben und nicht mehr            wie unter anderem Studien über die „Silver             verfolgt gesellschaftliche Ziele, reinves-
  ­teilhaben können, wird oft übersehen. Denn       Economy“ zeigen. Ich rege an, diesen                   tiert Gewinne und wird oft in neuen
   häufig funktioniert die Trennung immer           ­Zielgruppen in der kommenden LEADER-­                 ­(alten) Gesellschaftsformen wie etwa
   noch: alte Menschen in Altenpflegeheime,          Periode mehr Aufmerksamkeit zu widmen.                 ­Genossenschaften erbracht, an denen
   Menschen mit Behinderung in Behinderten-                                                                  sich Menschen beteiligen, weil sie
   organisationen, Menschen mit psychischen         Wie das gehen kann?                                      von den Produkten und Dienstleistungen
   Erkrankungen in psychiatrische Einrichtun-       — Schon heute werden in Regionen                         der Genossenschaft profitieren. Die EU
   gen. Sie werden häufig aus unserem Leben           ­Modelle regionaler und lokaler                   setzt in diesen Sektor große wirtschafts-,
   entfernt oder müssen ihr Zuhause verlassen,         ­Teil­habeplanung angewandt. Solche              arbeitsmarkt- und sozialpolitische
   weil sie auf sich allein gestellt den Alltag         ­Modelle müssen entwickelt und                  ­Erwartungen.
   nicht meistern können. Wer trotzdem zu                ­organisatorisch und finanziell verankert    — Sozialpolitik, Arbeitsmarktpolitik und
   Hause bleibt, hat oft keine Möglichkeit mehr,          werden. Sie setzen ein wesentliches            Gesundheitspolitik in solche Projekte
   am Leben in der Gemeinde teilzunehmen.                 Prinzip sozialer Inklusion um, wenn            integrieren. Am besten funktionieren
         Laut Eurostat berichten 14 Prozent der           sie die Betroffenen aus der Gemeinde/          Modelle sogenannter „Integrated
   europäischen Bevölkerung im arbeitsfähigen             Region miteinbeziehen, weil es immer           Care“, in deren Rahmen es gelingt,
   Alter von solchen Einschränkungen in ihren             auch um individuelle Lösungen                  Unter­stützung nicht erst bereitzustellen,
   täglichen Aktivitäten. Auch wenn wir uns               für ­individuelle Bedürfnisse geht.            wenn ein Pflegefall eingetreten ist,
   wünschen, dass so ein Schicksal an uns vor-      — Inhalte solcher Planungsprozesse sind              ­sondern schon beim Leben in der
   beigeht: Einschränkungen und Barrieren                 vorerst das Auffinden und Beseitigen            ­Gemeinde. Die Menschen sind ­gesünder,
   treffen fast alle von uns entweder selbst oder         von Barrieren und, wo das nicht möglich          leben oft selbstständiger und haben eine
   über Eltern und andere Angehörige. Unter               ist, die Bereitstellung individueller            höhere ­Lebensqualität, weil viele Älter-
   den 1,25 Millionen Menschen, die in Öster-             ­Formen der Unterstützung durch soge-              werdende Wohnheime nur zur Kurz­
   reich von Einschränkungen betroffen sind,               nannte Unterstützerkreise. In diesem              zeitpflege brauchen. Die Angehörigen
   könnte jede oder jeder von uns sein. Sie                Bereich finden sich oft Lösungsansätze,           ­werden mit unterstützt, und das Ganze
   ­fallen oft nicht auf, weil sie aus dem Leben           die gar nichts oder nur wenig kosten.              ist nicht teurer. q
    verschwinden oder in Einrichtungen über-               Entscheidend ist, dass die Region regel-
    siedeln (müssen).                                      mäßige Evaluierungen der Wirkungen         Franz Wolfmayr ist Senior Advisor von
         Und das, obwohl es wirkungsvolle                  der getroffenen Maßnahmen und der          EASPD (www.easpd.eu) und Geschäftsführer
    ­Ansätze gibt, mit denen das Leben für alle            ­Lebensqualität durchführt.                der Zentrum für Sozialwirtschaft GmbH
     lebenswerter werden und soziale Inklusion      — Zur Verbesserung der notwendigen                (www.zfsw.at ).
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