Advent Syrien - (k)ein - 12I16 - Katholische Militärseelsorge

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Advent Syrien - (k)ein - 12I16 - Katholische Militärseelsorge
Soldat in Welt und Kirche        12I16

                                               Syrien – (k)ein
                                             Advent
© picture alliance / abaca
ISSN 1865-5149

                                   Militärbischof Overbeck   Beilage:
                                   in Potsdam                „Betreuung aktuell“
                                                             4/2016
Advent Syrien - (k)ein - 12I16 - Katholische Militärseelsorge
© KS / Doreen Bierdel
Editorial

                                                                                                                 Liebe Leserinnen und Leser!
                               Das Jahr 2016 neigt sich dem Ende zu. Für eine abschließen-         Staat wurde Georgien am 27. Januar 2016 der Gegenstand
                               de Jahresbilanz fehlen noch mindestens 30 Tage. Da könn-            einer Ermittlung des IStGH.
                               te noch so einiges passieren, was dringend in einer Bilanz
                               hervorgehoben werden müsste. Doch schon jetzt es hat den            Jetzt gesellt sich Russland ebenfalls zu den Staaten, die ih-
                               Anschein, als ob die Welt fortschreitend aus ihren Fugen gera-      ren Austritt forcieren: Russland erklärte – auch mit Blick auf
                               ten würde. Zur Vielzahl schlechter Nachrichten im nun fast ab-      die begonnenen offiziellen Ermittlungen in Georgien – am 16.
                               gelaufenen Jahr kommt seit Kurzem eine weitere hinzu: Dem           November 2016, es werde das IStGH-Statut nicht ratifizieren,
                               Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) mit Sitz in Den Haag       und zog seine Unterschrift, die es im Jahr 2000 geleistet hat-
                               wird durch das Verhalten von immer mehr Vertragsstaaten,            te, wieder zurück. Das russische Außenministerium erkläre
                               langsam aber sicher, der Boden unter den Füßen entzogen.            in diesem Zusammenhang, der IStGH arbeite ineffizient und
                                                                                                   einseitig. Was also in der Zeit zwischen 1998 und 2002 relativ
                               Zur Erinnerung: der ständige Internationale Strafgerichtshof        hoffnungsvoll begann, wird jetzt, nach knapp 15 Jahren, wie-
                               wurde durch das multilaterale Römische Statut vom 17. Juli          der zurückgedreht.
                               1998 geschaffen und nahm seine Tätigkeit am 1. Juli 2002
                               auf. Es ahndet Kernverbrechen des Völkerstrafrechts, nämlich        Der Internationale Gerichtshof ist durch einen völkerrechtli-
                               Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsver-         chen Vertrag als eine auf Dauer angelegte juristische Einrich-
                               brechen und Verbrechen der Aggression. Bislang sind 124             tung geschaffen worden. Er wird wirkungslos, wenn zuneh-
                               Staaten dem Rom-Statut zum IStGH beigetreten. Weitere               mend mehr Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen ihren
                               Staaten, die es nicht ratifiziert haben, sind die Volksrepublik      Rückzug ins Auge fassen. Wer könnte sie darin hindern, dem
                               China, Indien, Irak, Iran, Israel, Kuba, Nordkorea, Pakistan,       Beispiel Russlands, der USA und anderer Staaten in der Welt
                               Russland, Syrien, Saudi-Arabien, Sudan und die Türkei.              zu folgen? Die 15. Jahreskonferenz der Vertragsstaaten des
                                                                                                   IStGH, die am 24. November in Den Haag endete, stand ganz
                               Zu den schärfsten Kritikern des IStGH zählen die Vereinigten        im Zeichen der bisher größten Krise des Gerichts. Es kann
                               Staaten von Amerika. Zwar hat die US-Regierung im Jahr 2000         also gut sein, dass mit einer weiteren Schwächung des Inter-
                               das Statut des IStGH unterzeichnet, aber noch im selben Jahr        nationalen Strafgerichts diejenigen sicher sein und sich einer
                               die völkerrechtlich unübliche, jedoch zulässige Rücknahme           Strafverfolgung durch das Gericht entziehen können, die we-
                               der Unterzeichnung erklärt. Seitdem wird amerikanischen Be-         gen Kernverbrechen des Völkerstrafrechts angeklagt werden.
                               hörden eine Zusammenarbeit mit dem Gericht verboten. Im
                               Oktober 2016 gaben Südafrika, Gambia und Burundi ihren              Unseren Leserinnen und Lesern wünscht die Redaktion der
                               Austritt aus dem Internationalen Strafgerichtshof bekannt. Sie      Zeitschrift des Katholischen Militärbischofs eine besinnliche
                               begründeten ihren Austritt mit dem Hinweis, dass er bislang in      Zeit des Advents und gesegnete Weihnachten. Zugleich wün-
                               neun Staaten offizielle Ermittlungen durchführte, davon jedoch       schen wir Ihnen einen guten Start ins Neue Jahr.
                               acht in afrikanischen Staaten. Als erster nicht-afrikanischer                                          Josef König, Chefredakteur

                                    Impressum                               Herausgeber                                 dingt die Meinung des Herausgebers
                                    KOMPASS Soldat in Welt und Kirche       Der Katholische Militärbischof für die      wieder. Für das unverlangte Einsenden
                                    ISSN 1865-5149                          Deutsche Bundeswehr                         von Manuskripten und Bildern kann
                                                                                                                        keine Gewähr und für Verweise in das
                                    Redaktionsanschrift                     Verlag, Druck und Vertrieb                  Internet keine Haftung übernommen
                                    KOMPASS Soldat in Welt und Kirche       Verlag Haus Altenberg                       werden. Bei allen Verlosungen und
                                    Am Weidendamm 2                         Carl-Mosterts-Platz 1                       Preisausschreiben in KOMPASS Soldat
                                    10117 Berlin                            40477 Düsseldorf                            in Welt und Kirche ist der Rechtsweg
                                    Telefon: +49 (0)30 20617-421/-420                                                   ausgeschlossen.
                                    Telefax: +49 (0)30 20617-499            Leserbriefe
                                    E-Mail: kompass@katholische-            Bei Veröffentlichung von Leserbriefen       Internet
                                            soldatenseelsorge.de            behält sich die Redaktion das Recht auf     www.katholische-militaerseelsorge.de
                                                                            Kürzung vor.
                                    Chefredakteur Josef König (JK)                                                      Social Media
                                    Redakteur Jörg Volpers (JV)             Hinweis
                                    Bild, Layout und Satz Doreen Bierdel    Die mit Namen oder Initialen gekenn-
                                    Lektorat Schwester Irenäa Bauer OSF     zeichneten Beiträge geben nicht unbe-

                               2                            Kompass 12I16
Advent Syrien - (k)ein - 12I16 - Katholische Militärseelsorge
Inhalt
© Doreen Bierdel

                                                                                                                                       4
                        Titelthema                            Aus der Militärseelsorge                Rubriken
                        Syrien – (k)ein Advent

                        4   Adventsgruß des Militärbischofs   18 Zentraler Standortgottesdienst       15 Kompass Glauben
                                                                 in München
                        5   Syrien – Zahlen & Fakten                                                  16 Kolumne des Wehrbeauftragten
                                                              18 Friedenslicht aus Betlehem 2016
                        6   Bischöfe zur Situation im                                                 17 Neu – zum LKU: Ordnung
                            Mittleren Osten                   19 zebis-Symposium
                                                                                                      25 Auf ein Wort
                        8   Grundsatz von Kristin Helberg     20 Reportage vor Ort:
                                                                 Militärbischof Overbeck in Potsdam   26 Glaube, Kirche, Leben
                        12 Interview mit                                                                 • Hallo, hier ist Leni!
                           Prof. Dr. Udo Steinbach            22 Studienkreis Katholischer Offiziere      • adveniat-Aktion
                                                                                                         • Weltfriedenstag 2017
                        14 Kommentar zur Sache                22 Leitender Militärdekan Wagner
                           von Felizia Merten                    wird 50                              28 Medien
                                                                                                         • Filmtipp: PAULA
                                                              23 Justitia et Pax zum Weißbuch            • Buchtipps:
                                                                                                           Eine Reise …
                                                              23 Feldgottesdienst                          Umstrittene Religionsfreiheit
                   Titelbild: © picture alliance / abaca
                                                              24 St. Martin in den USA                30 Vorschau:
                                                                                                         Unser Titelthema im Januar 2017
                                                              30 Personalien
                                                                                                      31 Rätsel

                            25                                                             17                                      28
                                                                                         NEU!
                                                                                                                                           © Pandora Film / Martin Menke
© Eirik Newth / flickr
Advent Syrien - (k)ein - 12I16 - Katholische Militärseelsorge
Liebe Leserinnen und Leser,
Adventsgruß

                  liebe Soldatinnen und Soldaten!
                  „Adventus Domini“ – Zeit der Ankunft des Herrn. In dieser Zeit stehen
                  wir gerade. Sie umschreibt für uns Christen einen jahreszeitlichen Ab-
                  schnitt, in dem wir uns vorbereiten auf das Fest der Geburt Jesu. An
                  den vier Sonntagen des Advents erinnern vier Kerzen auf den Advents-
                  kränzen an die Gelegenheit, besinnlich und nachdenklich zu werden,
                  sich zu öffnen für Gott. Allerdings – wir sehen es zur Genüge auf den

                                                                                                                              © KS / Doreen Bierdel
                  zahlreichen Advents- und Weihnachtsmärkten in unseren Städten –,
                  bleibt auch diese Zeit vor einer radikalen Kommerzialisierung nicht
                  verschont. Diesen Wirklichkeiten stellen wir uns, mühen uns aber
                  dennoch immer wieder neu um eine bewusste Gestaltung dieser be-
                  sonderen Zeit! Viele Menschen jedoch erleben diese Wochen, wie wir
                  wissen, unter schrecklichen Umständen.

                  „Syrien – (k)ein Advent“: Das Thema der Dezember-Ausgabe dieser Zeitschrift weist unumwunden darauf
                  hin. Was erhoffen sich Menschen in Syrien – und wahrscheinlich auch noch an vielen weiteren Orten
                  in der Welt, an denen Krieg, Leid und Zerstörung die bestimmende Lebenswirklichkeit sind –, wenn sie
                  Christen sind, von dieser Zeit, die wir als Advent bezeichnen? Mit Sicherheit nichts sehnlicher als das
                  Ende jeder Form von Gewalt, Leid und Zerstörung. In Syrien wütet seit 2011 ein Bürgerkrieg, der in seiner
                  Grausamkeit ein Maß angenommen hat, welches weit jenseits von allem sittlich und moralisch Erlaubten
                  liegt. Schon lange Zeit ist die Zivilbevölkerung direktes Ziel von Kriegshandlungen. Schulen, Krankenhäu-
                  ser und andere wichtige Einrichtungen für die Zivilbevölkerung werden direkt unter Beschuss genommen.
                  Dieses und weitere Kriegsverbrechen sind in keiner Weise zu rechtfertigen. Politisch und militärisch ist
                  immer noch kein Friedensabschluss in Sicht. Friedensethisch und völkerrechtlich ist zu sagen: Wir brau-
                  chen verstärkte Anstrengungen, die das Ziel verfolgen, die Gewalt zu beenden und die Kriegsverbrecher
                  dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zuzuführen. Auch das gehört zum Advent 2016. Die
                  Hoffnung auf Frieden darf nicht sterben. Dafür sollen alle Menschen beten und sich einsetzen. Denn der
                  Normalfall des Lebens ist der Friede, nicht der Krieg.

                  Weiteres liegt mir am Herzen: Am 26. Dezember begehen die Katholiken in Deutschland den „Gebetstag
                  für verfolgte und bedrängte Christen“, der seit 2012 jedes Jahr am zweiten Weihnachtstag stattfindet.
                  Der Festtag des heiligen Stephanus ist zum jährlich wiederkehrenden Gebetstag geworden. Im vergan-
                  genen Jahr haben wir die Situation und die Lage der Christen in Syrien zum Anlass genommen, beson-
                  ders für sie zu beten. In diesem Jahr werden wir die Lage der Christen in den Ländern der Arabischen
                  Halbinsel in den Blick nehmen. Ich bin sehr froh, wenn auch Sie sich an diesem Tag im Gebet mit den
                  verfolgten und bedrängten Christen verbinden.

                  Liebe Soldatinnen und Soldaten, Ihnen sage ich an dieser Stelle meinen Dank für Ihren Dienst, den
                  Sie oftmals in Grenzsituationen leisten und der uns allen sowie dem Frieden dient. Zugleich wünsche
                  ich Ihnen und Ihren Angehörigen und allen Menschen, die Ihnen nahestehen, eine besinnliche Advents-
                  zeit und gesegnete Weihnachtstage.
                                                                 Ihr

                                                                                                + Dr. Franz-Josef Overbeck
                                                                Katholischer Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr
                                                                                                                              © pixelio / Rainer Sturm

              4                   Kompass 12I16
Advent Syrien - (k)ein - 12I16 - Katholische Militärseelsorge
„ICH BETE, DASS CHRISTEN
                                                   NICHT GEZWUNGEN SIND,

                                                                                                                                                    Titelthema
                                                IM IRAK UND IM NAHEN OSTEN
                                                        AUFZUGEBEN.“
                                                                                                           Papst Franziskus am 28.10.2015

                                                                                          Syrien
© Wikimedia / CC BY-SA 3.0 (2)

                       Syrien – Zahlen & Fakten

                       •         Kontinent:
                                         Asien                                  Die beiden größten Agglomerationen in Syrien sind Aleppo
                       •         Fläche: 185.180 km2                            und die Hauptstadt Damaskus. In diesen beiden Regionen
                       •         Einwohner:
                                         22,8 Mio.                              leben 27 Prozent der Menschen des Landes
                       •         Präsident:
                                         Baschar al-Assad
                       •         Bevölkerung:
                                         ca. 86 % Araber,                       • Größte Städte:          Damaskus 1,5 Mio. Einwohner
                                         über 12 % Kurden (z. T. staatenlos),                             Aleppo 1,6 Mio. Einwohner
                                         2 % Armenier sowie Tscherkessen,                                 Homs 798.781 Einwohner
                                         Turkmenen, Türken u. a.                                          Latakia 347.026 Einwohner
                       • Amtssprache: Arabisch                                                            Rakka 182.394 Einwohner
                       • Staatsform:     Sozialistische Volksrepublik mit                                 (Berechnungen mit Stand 1.1.2006)
                                         Präsidialsystem
                       • Unabhängigkeit: 28.09.1941 nominell                    • Religionen:              87 % Muslime
                                         17.04.1946 de facto                                               (74 % Sunniten, 12 % Alawiten,
                                                                                                           1 % Ismailiten, Schiiten)
                       Der Staat Syrien ist Mitglied der Arabischen Liga,                                  10 % Christen
                       der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC)                                  3 % Drusen
                       und gehört zu den 47 asiatischen Mitgliedsstaaten der
                       Vereinten Nationen.                                                           Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Syrien

                                                                                                   Kompass 12I16                            5
Advent Syrien - (k)ein - 12I16 - Katholische Militärseelsorge
Titelthema

                                                                                              I n den Golfstaaten ist in den letzten Jahrzehnten eine leben-
                                                                                                dige und bunte Migrantenkirche entstanden. Christen stel-
                                                                                              len dort mittlerweile zwischen vier und fünfzehn Prozent der
                                                                                              Wohnbevölkerung, die Mehrheit davon gehört der katholischen
                                                                                              Kirche an. Sie kommen vor allem aus Indien oder den Philip-
                                                                                              pinen, weil sie auf der Arabischen Halbinsel Arbeit gefunden
                                                                                              haben. Meist bleiben die Arbeitsmigranten nur wenige Jahre in
                                                                                              diesen Ländern. Sie erhalten fast ausschließlich Zeitverträge
                                                                                              und zeitlich befristete Aufenthaltsgenehmigungen.

                                                                                              „Es gibt Kultfreiheit, aber keine Religionsfreiheit“, mit diesen
                                                                                              Worten hat Camillo Ballin, Bischof im Vikariat Nördliches Ara-
                                                                                              bien, die Situation der Christen in den Golfstaaten, d. h. die
                                                                                              Arabische Halbinsel ohne Saudi-Arabien und Jemen, zusam-
                                                                                              mengefasst. Ich traf ihn auf einer Reise, die ich im Februar
                                                                                              2016 mit einer kleinen Delegation in die Länder Katar, Bah-
                                                                                              rain, Vereinigte Arabische Emirate und Oman unternahm. Für
         © Pressestelle Erzbistum Bamberg

                                                                                              Saudi-Arabien hatte meine Delegation kein Visum erhalten.
                                                                                              Ziel meines Besuchs war, ein Zeichen der Solidarität mit den
                                                                                              Christen in dieser Region zu setzen und ihre Lebensumstän-
                                                                                              de kennenzulernen. Ich habe eine selbstbewusste, aktive und
                                                                                              junge Ortskirche kennengelernt, die ihre Handlungsspielräume
                                                                                              in einem mehrheitlich muslimischen Umfeld gut nutzt und von
                                                                                              den politischen Autoritäten zunehmend als Gesprächspartne-
                                                                                              rin wahr- und ernstgenommen wird. Ich habe erlebt, wie wichtig
                                                                                              die Kirche gerade in der Fremde ist, um Menschen Heimat zu
                                                                                              bieten: Die Kirchen sind nicht nur Orte des religiösen Lebens,
                                                                                              sie bieten Freizeitaktivitäten und helfen den oft sehr harten
                                                                                              Arbeitsalltag zu bestehen.

                                            „Trotz Einschränkungen                            Beeindruckt haben mich die Gottesdienste mit tausenden
                                                                                              Gläubigen aus der ganzen Welt. In der Kathedrale des Vikari-
                                                                                              ats Südliches Arabien in Abu Dhabi werden jedes Wochenen-
                                                 eine lebendige                               de heilige Messen in zwölf verschiedenen Sprachen gefeiert.
                                                                                              Ich bin unter anderem Indern, Philippinen, Europäern, Syrern
                                                                                              und Ägyptern begegnet und habe Gläubige kennengelernt, die
                                                Kirche am Golf!“                              dem römischen, dem koptischen, dem byzantinischen Ritus
                                                                                              und den verschiedenen indischen Riten angehören. Wie in
                                                                                              kaum einer anderen Region ist die katholische Kirche auf der
                                                                                              Arabischen Halbinsel eine Weltkirche, in der Menschen der
                                                                                              verschiedensten kulturellen und nationalen Hintergründe Gott
                                                Erfahrungsbericht der Solidaritätsreise von   suchen und verehren.

                                                       Erzbischof Dr. Ludwig Schick           Neben der Feier der Gottesdienste und den Begegnungen mit
                                                                                              den Gläubigen, ihren Priestern und den beiden Bischöfen,
                                                aus der Broschüre „Arabische Halbinsel“,      habe ich Gespräche mit Vertretern des Islam und mit den Re-
                                                                                              ligionsministern geführt. Die eingeschränkte Religionsfreiheit
                                                        Arbeitshilfen 290 der DBK             wurde bei diesen Gelegenheiten immer wieder angesprochen.
                                                                                              Gerade meine muslimischen Gesprächspartner verstanden
                                                                                              unter Religionsfreiheit häufig die friedliche Koexistenz der ver-
                                                                                              schiedenen Religionen und nicht die Freiheit des Einzelnen,

                                            6                     Kompass 12I16
Advent Syrien - (k)ein - 12I16 - Katholische Militärseelsorge
Titelthema
selbstständig über den eigenen Glauben und die eigene Reli-            Zur Lage im Mittleren Osten
gionszugehörigkeit entscheiden zu dürfen. Die Freiheit, von ei-
ner Religion zur anderen wechseln zu können, ist aber grundle-         „Die Lage im Orient wirft für viele in unserer Ge-
gender Bestandteil des Menschenrechts auf Religionsfreiheit.           sellschaft die Frage nach der Rolle des Islam auf.
Dieses Recht auf Konversion ist auf der Arabischen Halbinsel           Besonders verstörend wirkt es, dass Hunderte
nicht gegeben, Mission ist verboten.                                   Muslime, die in Europa gelebt haben, sich dem
                                                                       Kampf von ISIS und anderen militanten oder ter-
Besonders aufschlussreich waren die Gespräche mit Orga-                roristischen Organisationen angeschlossen haben.
nisationen wie dem „Center for Interfaith Dialogue“ in Katar           Die deutschen Bischöfe stellen sich auch weiterhin
oder dem Al-Amana Centre im Oman, die bereits seit Jahren              all jenen entgegen, die das Feindbild eines seinem
im interreligiösen Dialog aktiv sind. Nicht unproblematisch ist        Wesen nach gewalttätigen Islam propagieren. Islam
allerdings, dass dieser Dialog überwiegend auf internationalen         und ISIS sind nicht dasselbe.
Konferenzen geführt wird, weniger im Alltag und im Leben der           Vielmehr tobt in der muslimischen Welt selbst ein
Menschen. Für ein friedliches und gleichberechtigtes Mitein-           hitziger, manchmal erbarmungsloser und mörderi-
ander ist jedoch der „Dialog des Lebens“, der das gegenseiti-          scher Kampf um das rechte Verständnis der eige-
ge Kennenlernen der Gläubigen der verschiedenen Religionen             nen Religion, und zu Recht wird immer wieder auf
und Traditionen ermöglicht, besonders wichtig.                         die große Zahl der Muslime hingewiesen, die Opfer
                                                                       dieses Konflikts werden. Hier sind die muslimischen
Während der Reise waren Verletzungen von Menschenrechten               Religions- sowie Staatsführer in besonderer Weise
ausländischer Gastarbeiter immer wieder Thema. Internatio-             gefordert, Position zu beziehen. Dennoch: Die über-
nale Medien haben darüber oft berichtet, besonders im Zu-              wältigende Mehrheit der friedliebenden Muslime
sammenhang mit den Bauarbeiten für die Fußball-Weltmeis-               muss sich der Frage stellen, welche Faktoren den
terschaft in Katar 2022. Gerade in der Baubranche sind viele           beängstigenden Entwicklungen in der eigenen Reli-
Menschen aus Nepal, Pakistan und Indien unter Bedingungen              gionsgemeinschaft zugrunde liegen. Nur auf Fehler,
beschäftigt, die inakzeptabel sind. Hauptprobleme sind die             Versäumnisse und Schuld zu verweisen, die außer-
fehlende Arbeitssicherheit, unzulängliche Unterbringung in             halb der islamischen Kultur liegen, greift zu kurz.“
Wüstencamps, mangelnde medizinische Versorgung, das Ein-
behalten von Pässen und Löhnen und in manchen Fällen so-                   Auszug aus der Erklärung des Ständigen Rates
gar Freiheitsberaubung. Im Bereich der Haushaltsangestellten             der Deutschen Bischofskonferenz zur Situation im
arbeiten überwiegend philippinische Frauen und zunehmend                                  Mittleren Osten vom 25.8.2014
auch Äthiopierinnen. Es kommt zu sexuellen Übergriffen, die
Haushaltshilfen werden eingesperrt, ihr Lohn einbehalten.
Christen haben für diese Menschen eine besondere Verant-
wortung. Tatsächlich leisten die Kirchen Unterstützung bei der
Wahrung der Arbeitnehmerrechte, vermitteln juristischen Bei-       Die Arbeitshilfe 290 der DBK
stand und Kontakte zu den Botschaften der Entsendeländer           „Arabische Halbinsel“ erscheint am
und bringen das Thema immer wieder in die globale Öffent-          1.12.2016.
lichkeit.                                                          Sie ist dann genau wie die Arbeitshil-
                                                                   fe Nr. 277 „Syrien“, die vor einem Jahr
Die Internationalität und Offenheit der Kirche, die ich in den     ebenfalls in der Reihe „Solidarität mit
Golfstaaten kennengelernt habe, hat mich sehr angespro-            verfolgten und bedrängten Christen
chen. Trotz aller Unterschiede in Herkunft, Nationalität und Ri-   in unserer Zeit“ erschien, zu bezie-
tus bilden die Christen dort auf Grund ihres Glaubens eine Ge-     hen beim Sekretariat der Deutschen
meinschaft. Hiervon können wir in Deutschland lernen, denn         Bischofskonferenz unter dbk@azn.de
auch unsere Kirche wird durch den Zuzug von Migranten und          oder Tel. (0228) 103-111 bzw.
Flüchtlingen zunehmend internationaler.                            herunterzuladen als PDF-Datei unter
                                                                   www.dbk.de
                                  Erzbischof Dr. Ludwig Schick,
                                   Erzbischof von Bamberg und      Weitere Informationen:
                       Vorsitzender der Kommission Weltkirche      www.dbk.de/verfolgte-bedraengte-christen/
                              der Deutschen Bischofskonferenz

                                                                                 Kompass 12I16                           7
Advent Syrien - (k)ein - 12I16 - Katholische Militärseelsorge
Titelthema

             Syrien                                        – von der Revolution
                                                         zum Stellvertreterkrieg
                                                                                        von Kristin Helberg

             D    er Syrien-Konflikt ist so kompliziert, dass er gerne ein-
                  fach erklärt wird – mit Religion oder Terrorismus, mit
             Regimewechsel von außen, Ressourcen oder westlichen
                                                                             Bashar öffnete das Land wirtschaftlich. Private Banken wur-
                                                                             den zugelassen, Staatsbetriebe privatisiert, ausländische
                                                                             Investitionen erleichtert und staatliche Subventionen abge-
             Interessen. Dabei geht es in Syrien bis heute darum, dass       baut. Im syrischen Klientelismus entwickelte sich daraus
             Menschen in Würde und Freiheit mit wirtschaftlicher Chan-       ein unsozialer neoliberaler Kurs, der die Gesellschaft in
             cengleichheit leben wollen.                                     Gewinner und Verlierer spaltete. Die Geschäftselite wurde
                                                                             noch reicher. Beamte und Angestellte mussten sich we-
             Warum, das zeigt die Vorgeschichte des Konflikts. Unter          gen steigender Lebenshaltungskosten weitere Nebenjobs
             Hafiz al-Assad, dem Vater des heutigen Präsidenten, entwi-       suchen. Und wer schon vorher wenig hatte – als Arbeiter,
             ckelte sich Syrien zu einem autoritär geführten Einparteien-    Bauer, Kleinunternehmer, Handwerker oder Tagelöhner –,
             Regime. Politische Vielfalt und Meinungsfreiheit wurden von     kämpfte für die Zukunft seiner Kinder.
             den Geheimdiensten erstickt, die Medien gleichgeschaltet,       Der jahrzehntealte Gesellschaftsvertrag in Syrien – politi-
             jeder bespitzelte jeden. Auf der Straße, bei der Arbeit und     sche Unfreiheit gegen eine gesicherte Existenz – war so-
             in den Behörden drohte staatliche Willkür. Die Menschen         mit außer Kraft. Das Regime verlangte Loyalität und Unter-
             duckten sich weg, Angst lähmte ihr Denken und Handeln.          ordnung, ohne der Mehrheit etwas dafür zu bieten. Aber
                                                                             warum sollten Syrer, deren Alltag ein einziger Überlebens-
             Syrien wurde ein Land im Privatbesitz eines mafiaähnlich         kampf geworden war, weiterhin staatliche Willkür, Korrup-
             organisierten Clans mit einem gewieften Präsidenten an          tion und tägliche Erniedrigungen ertragen? Bashar selbst
             der Spitze, für den nur eines zählte: Loyalität. Sie war und    hatte den Boden für gesellschaftlichen Unfrieden bereitet.
             ist bis heute das wichtigste Prinzip Assadscher Herrschaft.
             In der Praxis wurde daraus Totalitarismus. Wer Assads           Es waren die Verlierer seiner Politik, die im Frühjahr 2011
             Macht stützte, wurde belohnt – mit politischen Ämtern, mi-      den Mut hatten, auf die Straße zu gehen. Die lokalen Pro-
             litärischen Führungspositionen, geschäftlichen Deals – und      teste wurden vom Regime brutal niedergeschlagen, mit
             zwar unabhängig von Religion. Zum engsten Führungskreis         jedem erschossenen Demonstranten solidarisierten sich
             zählten neben Alawiten auch Sunniten und Christen. Wer          Menschen anderswo. Bis zum Sommer 2011 hatte die
             jedoch die Führung Assads grundsätzlich in Frage stellte,       Revolution viele Städte und Orte erreicht, Millionen Syrer
             wurde verfolgt, verhaftet und mundtot gemacht – egal ob         demonstrierten friedlich.
             Kommunist oder Liberaler, Sunnit, Alawit oder Christ, säku-
             larer Aktivist oder Islamist, Araber oder Kurde. Die Mehrheit            Flickenteppich ohne nationale Dynamik
             der Syrer arrangierte sich mit Assads Herrschaftsanspruch
             und konnte so ein unfreies, aber geordnetes Leben führen.       Assad weigerte sich, diese Realität im Land anzuerkennen
                                                                             und entwarf von Anfang an ein Gegen-Szenario, in dem er
                            Assads Verlierer stehen auf                      Syrien vor Terroristen und ausländischen Verschwörern ret-
                                                                             tete. Sein oberstes Ziel wurde es, dieses Narrativ wahr
             Ab Sommer 2000 modernisierte Sohn Bashar das Land,              werden zu lassen. Dazu bediente er sich einer Dreifach-
             ohne es zu reformieren. Seine Macht basierte weiterhin          Strategie: brutale Gewalt gegen jeden, der mitmacht und
             auf dem Militär, den Geheimdiensten und der Baath-Partei.       seine Herrschaft in Frage stellt, gezielte Diskreditierung
             Weil diese von den Assads über Jahrzehnte als Stützen           und Unterwanderung der Bewegung und scheinbare Refor-
             der eigenen Herrschaft etabliert wurden, fungieren sie in       men in Kombination mit leeren Versprechungen und peinli-
             der aktuellen Krise als persönliche Machterhaltungs-Instru-     cher Propaganda.
             mente des Präsidenten. Weder das Militär noch die Polizei       Deserteure der syrischen Armee, die sich weigerten, auf
             oder die Geheimdienste spielen in Syrien eine unabhängi-        ihre Landsleute zu schießen, gründeten im Sommer 2011
             ge Rolle, auch deshalb ist Assad noch im Amt.                   die Freie Syrische Armee (FSA). Sie kehrten in ihre Heimat-

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Titelthema
© SYRIAN FREEDOM / flickr

                                    Demonstration am 6. Mai 2011 in Banyas (Syrien) gegen die Drangsalierung des Volkes durch den Geheimdienst

                           orte zurück und schlossen sich dort mit freiwilligen Kämp-   soll auf keinen Fall eine Alternative zu seiner Herrschaft
                           fern zu lokalen Brigaden zusammen. Aus dem Flickentep-       entstehen, Assads Raketen zerstören deswegen gezielt In-
                           pich des zivilen Widerstands wurde ein Flickenteppich des    frastruktur: Krankenhäuser, Schulen, Marktplätze, Bäcke-
                           bewaffneten Aufstands.                                       reien. Unpräzise Fassbomben verbreiten zusätzlich Terror.
                           Indem das Regime die Proteste vor Ort mit aller Härte be-    Im Laufe der Jahre gewinnt Assad mit dieser „Ergebt euch
                           kämpfte, verhinderte es eine nationale Dynamik. Die loka-    oder sterbt“-Strategie mancherorts die Kontrolle zurück.
                           len Komitees waren mit der Versorgung ihrer Kommunen
                           beschäftigt, die jeweiligen Rebellengruppen mit der Abwehr           Mit den Radikalen gegen alles Gemäßigte
                           von Regimeangriffen und der Beschaffung von Waffen. Den
                           Demonstranten fehlte eine politische Führung, den Rebel-     Um die Revolution zu schwächen, spaltete Assad die Ge-
                           len ein zentrales Kommando.                                  sellschaft entlang ethnischer und konfessioneller Linien.
                                                                                        Dafür bediente er sich seiner beiden langjährigen inter-
                           Aber das Regime konnte nicht überall gleichzeitig sein. Ab   nen Feinde: der Islamisten und der Kurden. Islamische
                           Herbst 2011 galten immer mehr Regionen als „befreit“ –       Extremisten sollten den Volksaufstand kapern und einen
                           vor allem im Umland von Damaskus, im Nordosten und           Dschihad daraus machen. Bis Herbst 2011 entließ As-
                           Süden des Landes. Dort herrschte Aufbruchsstimmung.          sad 1.500 Salafisten und Al Qaida-Anhänger aus den
                           Lokale Räte, die zum Teil demokratisch gewählt wurden,       Gefängnissen, die die Bewegung in ein radikales Licht
                           übernahmen staatliche Funktionen. Anwälte planten den        rückten. Die Kurden sollten sich heraushalten und natio-
                           Aufbau eines unabhängigen Justizsystems, Aktivisten ver-     nalistische Interessen verfolgen, weswegen Assad gleich
                           anstalteten Kulturfestivals, Lehrpläne wurden umgeschrie-    zu Beginn 200.000 staatenlose Kurden einbürgerte und
                           ben, oppositionelle Zeitungen veröffentlicht. Studierende,   ab 2012 in der Partei der Demokratischen Union (PYD)
                           Anwälte, Frauen und Journalisten gründeten neue Verbän-      einen pragmatischen Partner fand, dem es nicht um ei-
                           de.                                                          nen Machtwechsel in Damaskus, sondern die Rechte der
                           Assad reagierte mit noch mehr Gewalt. Seit Februar 2012      Kurden insgesamt geht. Dadurch schadeten beide Grup-
                           lässt er Wohngebiete aus der Luft bombardieren und mili-     pen der Revolution, denn statt ihre Kräfte zu bündeln, be-
                           tärisch abriegeln, um Rebellen und Zivilisten auszuhungern   kämpfen sich Islamisten und Moderate, Kurden und Ara-
                           und zur Aufgabe zu zwingen. In den „befreiten“ Gebieten      ber gegenseitig – und Assad ist der lachende Dritte. >>

                                                                                                         Kompass 12I16                          9
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Titelthema

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             Während das Regime alle gemäßigten Akteure brutal ver-
             folgte, ließ es die Extremisten gewähren – vor allem die bei-   Die USA konzentrieren sich auf den IS. Was Assad und sei-
             den von außen nach Syrien drängenden Al Qaida-Ableger:          ne Verbündeten machen, wird verurteilt, aber ignoriert. Die
             die Nusra-Front (inzwischen Fatah al-Sham-Front) und den        als Beleg für eine scheinbare Strategie des regime change
             „Islamischen Staat“ (IS), der sich im Sommer 2013 von           herangezogene amerikanische Unterstützung von Rebellen
             Al Qaida lossagte und sein Kalifat ausrief. Assad braucht       ist so planlos und inkonsistent, dass sie vielen Syrern als
             die Dschihadisten, um sich als „geringeres Übel“ zu prä-        Beweis für das Gegenteil gilt: Washingtons Einverständnis
             sentieren. Als der IS in den „befreiten“ Gebieten gegen         mit Assad. Tatsächlich war die amerikanische Nahost-Po-
             FSA-Rebellen und Aktivisten vorging, kam das Assad sehr         litik der vergangenen 15 Jahre für Syrien verheerend. Der
             gelegen. Syrische Aufständische kämpfen seitdem an zwei         interessengeleitete Interventionismus des George W. Bush
             Fronten: gegen Assad und gegen den IS.                          hat „Al Qaida im Irak“ den Boden bereitet, die krampfhaf-
                                                                             te Nichteinmischung des Barack Obama hat die Expansion
             Neben größtmöglicher Gewalt und der Zersplitterung der          des daraus entstandenen IS nach Syrien ermöglicht und
             Revolution bleibt als letztes Element der erwähnten Drei-       Islamisten erstarken lassen, weil gemäßigte Gruppen stets
             fach-Strategie Assads öffentliches Auftreten: Pseudo-Re-        unterlegen waren. Ob Donald Trump in Syrien etwas ändern
             formen und das Gerede von Dialog, Versöhnung und na-            wird, bleibt abzuwarten. Sollte der künftige US-Präsident
             tionaler Einheit gepaart mit dreisten Lügen. Was Assad in       auf Moskau zugehen, um gemeinsam den IS zu bekämp-
             Damaskus erklärt und beschließt, erscheint völlig abgekop-      fen, würde er Putin und Assad das Feld überlassen.
             pelt von den Ereignissen anderswo im Land.
                                                                             Russland verfolgt in Syrien drei Ziele, die im Grunde er-
             Syrien löst sich auf – in multiple Realitäten, deren Grenzen    reicht sind: Es will als Weltmacht auf Augenhöhe behandelt
             dynamische Frontverläufe sind und die sich vereinfacht vier     werden, sich im Nahen Osten als Ordnungsmacht etablie-
             Akteuren zuordnen lassen: den Assad-Loyalisten, dem IS,         ren und russische Militärbasen in Syrien sichern. Präsident
             der PYD und den Rebellen. Sie alle begehen Verbrechen,          Putin geht es nicht um die Person Assads, er weiß, dass
             aber Assads Verbrechen sind systematisch. Ein ganzer            dieser ohne ausländische Unterstützung am Ende wäre
             Staatsapparat ist mit der Vernichtung von Menschen be-          und das Land nicht komplett zurückerobern kann. Was
             schäftigt – das erklärt, warum 92 Prozent der getöteten         Russland fehlt, ist eine akzeptable Alternative zu Assad –
             Zivilisten nach Angaben des Syrischen Netzwerks für Men-        diese verhindert das Regime jedoch effektiv.
             schenrechte auf das Konto des Regimes gehen.
                                                                             Iran dagegen kann im Falle eines Machtwechsels in Syrien
             Dieser Staatsterror ist ausführlich dokumentiert, Strafjuris-   nur verlieren. Denn der schiitische Halbmond, der von Te-
             ten früherer Kriegstribunale sprechen von einer erdrücken-      heran über Bagdad und Damaskus nach Beirut reicht und
             den Beweislast. Was fehlt, ist ein zuständiges Gericht. Und     der für Irans Bemühen steht, seine islamische Revolution
             der Wille, Zivilisten zu schützen. Denn das einzig sinnvolle    in Länder mit großen schiitischen Bevölkerungsgruppen
             militärische Engagement in Syrien müsste angesichts der         zu exportieren, wäre unterbrochen. Da es in Syrien kaum
             Opferzahlen der völkerrechtlich verankerten responsibility      Schiiten gibt, wird kein Nachfolger derart enge Verbindun-
             to protect, der internationalen Schutzverantwortung, die-       gen nach Teheran aufrechterhalten wie Assad. Für den Iran
             nen. Stattdessen bombardiert in Syrien jeder, wen er will.      steht folglich Grundlegendes auf dem Spiel.                   © Kurdishstruggle / flickr

                                                                                  Kämpfer der kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG)
             10                         Kompass 12I16
Titelthema
Irans Einfluss in Nahost zurückzudrängen, ist wiederum
das Hauptanliegen Saudi-Arabiens. In Syrien stärkt Riad
deshalb wie Katar sunnitische Gruppen, darunter auch
Salafisten. Die Golfstaaten wünschen sich in Damaskus
eine islamisch geprägte Regierung, jedoch keine interna-

                                                                               © Jan Kulke / photoartberlin.de
tional operierenden Dschihadisten – diese könnten ihnen
schließlich selbst gefährlich werden.
Die Türkei unterstützt die Opposition gegen Assad, wichti-
ger ist für Ankara jedoch, den Einfluss der syrischen Kur-
den zu beschränken, genauer der PKK-Schwesterpartei
PYD, die im Nordosten Syriens ein autonomes Gebiet kon-
trolliert. Seit August 2016 greift Ankara direkt militärisch
ein, um einen zusammenhängenden Kurdenstaat entlang
der türkischen Grenze zu verhindern. Mit der Unterstüt-
zung arabischer und islamistischer Rebellengruppen gegen
den IS will Präsident Erdogan sicherstellen, dass die US-
gestützten und kurdisch dominierten Syrian Democratic
Forces (SDF) die zurückeroberten IS-Gebiete nicht für sich
beanspruchen.                                                                Zur Autorin: Kristin Helberg, geb. 1973 in
Die Europäer, die angesichts der Flüchtlingskrise ein mas-                   Heilbronn, studierte Politikwissenschaft und
sives Interesse an einer Lösung des Syrien-Konflikts ha-                      Journalistik in Hamburg und Barcelona. Ab
ben, treten uneins und zögerlich auf. Für die Einrichtung                    1995 arbeitete sie beim NDR in Hamburg.
von Schutzzonen pochen sie auf ein UN-Mandat, Luftan-                        2001 ging sie nach Damaskus, wo sie lange
griffe und Aufklärungseinsätze gegen den IS fliegen sie in                    Zeit die einzige offiziell akkreditierte westli-
Syrien jedoch ohne ein solches.                                              che Korrespondentin war. Bis 2008 berichte-
                                                                             te sie von Syrien aus über die arabische und
     Zivilisten schützen, Machtwechsel verhandeln,                           islamische Welt für die Hörfunkprogramme
                      IS bekämpfen                                           der ARD, den ORF und das Schweizer Ra-
                                                                             dio und Fernsehen SRF sowie verschiedene
Um Syrien zu befrieden, müsste nacheinander dreierlei                        Printmedien.
passieren. Erstens müssten Zivilisten konsequent humani-                     Heute arbeitet sie als freie Journalistin und
tär versorgt und vor Luftangriffen geschützt werden. Die UN                  Nahost-Expertin in Berlin. 2012 erschien
sollten ihre Zusammenarbeit mit dem Regime an die Bedin-                     von ihr „Brennpunkt Syrien. Einblick in ein
gung knüpfen, auch die Menschen in den von Assad bela-                       verschlossenes Land“ (seit 2014 in aktua-
gerten Gebieten erreichen zu können. Ohne freie Fahrt für                    lisierter 2. Auflage), im Sommer 2016 kam
UN-Konvois keine Millionen mehr für Regime-Programme.                        „Verzerrte Sichtweisen – Syrer bei uns. Von
Wer bei der Einrichtung von Flugverbotszonen die Konfron-                    Ängsten, Missverständnissen und einem
tation mit Russland scheut, könnte ein Bombenverbot für                      veränderten Land“ heraus, beide im Herder
Helikopter verhängen, damit träfe man nur das Regime und                     Verlag.
würde den international geächteten Abwurf von Fassbom-
ben sanktionieren. Auch ein konsequentes internationales
tracking könnte helfen, denn sobald klar ist, wer wo fliegt,    stärken. Denn solange sich die internationale Gemein-
lassen sich Luftangriffe und deren Opfer eindeutig zuord-      schaft in Syrien auf den sunnitischen Extremismus kon-
nen und verurteilen.                                           zentriert und dabei den ersten schiitischen Dschihad der
Die Bereitschaft des Westens, sich in Syrien für den Schutz    Geschichte – die Mobilisierung ausländischer schiitischer
von Zivilisten (und nur dafür) auch militärisch zu engagie-    Milizionäre auf Seiten Assads – ignoriert, befördert sie die
ren, würde das notwendige Kräftegleichgewicht herstellen,      IS-Propaganda vom „Kampf der Sunniten gegen den Rest
das es für eine Verhandlungslösung braucht. Putin könn-        der Welt“.
te Assad zum gesichtswahrenden Rückzug bewegen, da-
mit der bereits im Dezember 2015 per UN-Resolution be-         Ohne ein Ende des Staats-Terrors Assads kein Sieg über
schlossene geordnete Machtwechsel in Gang käme.                den IS-Terror, so die bittere Erkenntnis nach fast sechs
                                                               Jahren Syrien-Konflikt. Selbst wenn es aus westlicher Sicht
Erst dann, also wenn eine politische Lösung auf dem Weg        bequemer scheint, sich mit Assad zu arrangieren – die Sy-
ist, lässt sich der IS in einem dritten Schritt effektiv be-   rer werden in ihrer Mehrheit nicht ruhen, bis dieses Un-
kämpfen. Bis dahin wird man ihn mit militärischer Über-        rechtsregime beseitigt ist. Der Preis, den sie bereits ge-
macht in den Untergrund drängen, dabei aber ideologisch        zahlt haben, ist schlicht zu hoch.

                                                                                                      Kompass 12I16      11
„Genauer gesagt handelt es sich um zwei
Titelthema

                         Kriege: einen gegen den IS und einen um
                         die Zukunft des Regimes in Syrien.“
                         Interview mit Prof. Dr. Udo Steinbach,
                         dem ehemaligen Direktor des Deutschen Orient-Instituts, Hamburg

             Kompass: Seit gut fünf Jahren tobt ein     Kompass: Russland und die Verei-            diesem Chaos gibt sich Israel zwar als
             Bürgerkrieg in Syrien. Zwischenzeitlich    nigten Staaten sind zwischenzeitlich        unparteiisch aus; aber wir dürfen sehr
             ist die politische und militärische Lage   auch intervenierende Mächte. Ebenso         wohl davon ausgehen, dass man in Je-
             mehr als unübersichtlich geworden.         mischt sich die Türkei ein. Welche Inte-    rusalem die Entwicklungen sehr genau
             Worum geht es Ihrer Meinung nach ei-       ressen und Ziele verfolgen diese Staa-      verfolgt. Eine Situation, in der Israel
             gentlich in Syrien?                        ten in der Region?                          feindliche Kräfte die Oberhand gewin-
             Udo Steinbach: Der Ausbruch des Kon-       Udo Steinbach: Die drei genannten           nen würden, wird man dort schwerlich
             flikts in Syrien im März 2011 war Teil      Staaten haben sehr unterschiedliche         tatenlos hinnehmen. Angesichts der
             der „arabischen Revolte“, die im De-       Interessen, die sie auf syrischem Bo-       Diffusität der oppositionellen Kräfte auf
             zember 2010 in Tunesien begonnen           den austragen. Die USA sind nur noch        der einen und der Entschlossenheit der
             und die den ganzen arabischen Raum         halbherzig bei der Sache, seit Obama        Pro-Assad Kräfte auf der anderen Seite
             von Marokko bis zum Indischen Ozean        seine Entschlossenheit bekundet hat,        konnte Assad – z. B. im Falle Aleppos
             – allerdings in sehr unterschiedlichen     die USA nicht mehr im Nahen Osten mi-       – seine militärische Position festigen.
             Formen und Ergebnissen – erfasst hat-      litärisch zu engagieren. Für das Russ-
             te. Es handelt sich also wie in Tunesi-    land Putins ist der Konflikt in Syrien       Mit der Gründung des Islamischen Ka-
             en, Ägypten, Jemen und anderswo um         eine goldene Gelegenheit, Russland          lifats ist zudem eine weitere Heraus-
             einen Aufstand eines Teils des Volkes      als Nahostmacht – die es seit dem 18.       forderung aufgetreten. Die von ihm
             gegen den Despoten. Als dieser nicht       Jahrhundert gewesen ist – wieder in die     ausgehende terroristische Bedrohung
             gehen wollte, entwickelte sich der Pro-    Region zurückzubringen. Auch in Anka-       – insbesondere auch in westlichen, na-
             test zu einem bewaffneten Konflikt.         ra träumt man alte post-osmanische          mentlich europäischen Gesellschaften
             Dieser nahm eine besondere Härte an,       Träume. Nachdem die internationale          – hat dem Kampf gegen diese Priorität
             da eine religiöse Minderheit, die Ala-     Gemeinschaft ErdoÀan die Unterstüt-         erwachsen lassen. Das aber bedeutet
             witen, den Kern des politischen Regi-      zung verweigerte, militärisch zu interve-   ipso facto, dass der Sturz Assads auf
             mes und der Armee bilden. Nach Jahr-       nieren, hat er sich in einem Dschungel      der politischen Agenda der internatio-
             zehnten des Aufstiegs müssen sie bei       obskurer politischer und militärischer      nalen Gemeinschaft in den Hintergrund
             dem Verlust der Macht einen Rückfall       Allianzen verwickelt. Gegenwärtig geht      getreten ist.
             in jene Marginalisierung, ja Unterdrü-     es ihm zuvorderst darum zu verhindern,
             ckung fürchten, die ihre Stellung in der   dass aus einem Staatszerfall Syriens        Kompass: Unter welchen Bedingun-
             Gesellschaft Syriens über Jahrhunderte     die Kurden als Gewinner hervorgehen.        gen und Voraussetzungen kann dieser
             gekennzeichnet haben. Hinzu kommt,                                                     grausame Krieg in Syrien Ihrer Mei-
             dass in Syrien nicht jene Massenmobi-      Das Problem freilich geht über die ge-      nung nach beendet werden? Bleibt
             lisierung stattgefunden hat, wie wir sie   nannten drei Staaten hinaus. Denn           Assad als Staatspräsident in Syrien an
             in anderen arabischen Ländern erlebt       Syrien ist längst zu einer Bühne von        der Macht? Gibt es eine Lösung ohne
             haben. Die christliche Minderheit etwa,    Stellvertreter-Auseinandersetzungen         ihn?
             immerhin mehr als 10% der Bevölke-         geworden. Die Tatsache, dass der schi-      Udo Steinbach: Genauer gesagt han-
             rung, konnte in einem säkularen Sys-       itische Iran das Regime in Damaskus         delt es sich um zwei Kriege: einen Krieg
             tem relativ unbehelligt leben. Ab 2012     intensiv und wirkungsvoll unterstützt,      gegen den „Islamischen Staat“ (IS;
             griffen von außen kommende Gruppen         hat das sunnitische Saudi-Arabien auf       oder das „Islamische Kalifat“) und ei-
             islamistischer Extremisten und Dschi-      den Plan gerufen, das sich auf die Sei-     nen Krieg um die Zukunft des Regimes
             hadisten ein. Das wachsende Chaos          te islamistischer Organisationen ge-        in Syrien. Beide hängen miteinander
             ließ schließlich ein Vakuum entstehen,     schlagen hat. Andere arabische Länder       zusammen. Für den Krieg gegen den
             in dem sie im Sommer 2014 ein „Isla-       – unter ihnen das winzige, aber reiche      IS gibt es nur eine militärische Lösung.
             misches Kalifat“ ausrufen konnten.         Katar – haben sich eingemischt. In          Dabei konnte nie zweifelhaft sein,

             12                        Kompass 12I16
Diese Geschichte der arabischen
                                            Welt behandelt den Zeitraum des
                                            20. Jahrhunderts, vom Beginn des

                                                                                                                                       Titelthema
                                            Ersten Weltkriegs bis zum Ausbruch
                                            des Arabischen Frühlings ab 2011.
                                            Im Mittelpunkt der Darstellung steht
                                            die Entwicklung aller 22 Mitglieds-
                                            länder der Arabischen Liga. Die
                                            Einzeldarstellungen sind in die po-
                                            litischen, wirtschaftlichen, kulturel-
                                            len und religiösen Zusammenhänge
                                            innerhalb der arabischen Welt als
                                            ganzer sowie in den Kontext der in-
                                            ternationalen Politik seit dem Ende
                                            des Zweiten Weltkriegs eingebet-
                                            tet. Ein eigenes Kapitel ist der Rol-
dass dieser auch besiegt und aufge-         le Deutschlands im Nahen Osten
löst würde. Die Frage war nur, wer die      gewidmet. Ein Ausblick auf das 21.
Streitmacht stellen würde, sie zu ver-      Jahrhundert „der Araber“ projiziert
wirklichen. Im Irak folgte seit etwa ei-    die Ergebnisse der historischen Un-
nem Jahr eine Offensive der nächsten.       tersuchung in die Zukunft.
Die gegenwärtige in Mosul dürfte das                    ISBN 978-3-17-021157-5
Schicksal des IS auf irakischem Boden
besiegeln. In Syrien liegen die Dinge                                        Professor Dr. Udo Steinbach war von 1976 bis 2007
schwieriger, da nur eine Koalition loka-                                     Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg.
ler Milizen in der Lage sein wird, den IS                                        2007–2010 lehrte er an der Universität Marburg
                                                                       Politik und Gesellschaft des Nahen und Mittleren Ostens.
zu besiegen. Da spielen die syrischen
Kurden eine besondere Rolle. Gegen
diese freilich wendet sich jetzt die        gelingen, Aleppo in seine Hand zu be-        litärische Unterstützung der Russen für
Türkei in der Befürchtung, die Kurden       kommen, bedeutete dies eine deut-            Assad. Jetzt hieß es in westlichen
könnten in Syrien einen eigenen Staat       liche Stärkung auch seiner Position          Hauptstädten, ein militärisches Enga-
anstreben (und damit die Kurden in der      bei künftigen Verhandlungen und eine         gement könnte eine größere internati-
Türkei ermutigen, Ähnliches zu tun).        Weichenstellung für sein politisches         onale Konfrontation provozieren. Ohne
Deshalb scheint die türkische Staats-       Überleben. Warum sollten er – und sei-       eine starke Entscheidung in Washing-
führung nunmehr entschlossen, den           ne russischen Verbündeten – sich auf         ton blieb die internationale Gemein-
Kampf gegen den IS selbst zu führen.        einen Waffenstillstand einlassen, der        schaft führungslos. Sie wurde zum Zu-
                                            seine militärischen Gegner möglicher-        schauer und begnügte sich mit hilflosen
Ein Sieg über den IS freilich bedeute-      weise wieder stärken könnte?                 Appellen für humanitäres Engagement.
te noch nicht, dass damit das Phäno-                                                     Dies auch noch, als die Flüchtlinge
men des extremistischen Islams auf          Kompass: Warum sah und sieht die             nach Europa kamen. Russland konnte
syrischem Boden, also auch die Bedro-       Völkergemeinschaft bislang so taten-         zum Nulltarif seine Muskeln in Syrien
hung Europas durch diesen, erledigt         los zu? Warum lässt sie es zu, dass          spielen lassen. Die letzte Antwort auf
wären. Die Zukunft dieses Phänomens         Aleppo gleichsam zerbombt wird?              die gestellte Frage aber liegt im deso-
wird am Ende mit der Frage verknüpft        Udo Steinbach: Eine kluge militärische       laten politischen und moralischen Zu-
sein, ob es gelingt, in Damaskus ein        Intervention der internationalen Ge-         stand der Europäischen Union und in
Regime zu etablieren, das in den Au-        meinschaft in 2012/2013 wäre mög-            seiner Handlungsunfähigkeit nach in-
gen einer Mehrheit der Bevölkerung als      lich gewesen. Eine Flugverbotszone           nen wie nach außen. Europa hat keine
legitim wahrgenommen würde. Genau           für syrische Kampfflugzeuge und eine          Führungspersönlichkeit, die Charisma
hier scheiden sich die Geister. Soll        Schutzzone an der türkisch-syrischen         und Stärke hätte, die Prinzipien der Hu-
Assad weiterhin an der Macht bleiben?       Grenze hätten seinerzeit eine mobilisie-     manität und der Menschenrechte, die
Soll er nur übergangsweise an der           rende Wirkung auf jene Teile der syri-       man als Lippenbekenntnisse ständig
Macht bleiben? Oder ist künftig nur ein     schen Bevölkerung ausgeübt, die noch         vor sich her trägt, in der Politik auch zu
Syrien ohne Assad denkbar? Bei dem          zögerten, dem Assad-Regime den Rü-           bewähren. Und was die Flüchtlinge be-
kriegerischen Geschehen geht es also        cken zu kehren. Dass sich dafür ange-        trifft – ein Folge der Tatenlosigkeit –, so
wesentlich um die künftige Stärke am        sichts des russischen Vetos im UN-Si-        kann keine „Lösung“ billig genug sein
Verhandlungstisch. Zwischen den Pro-        cherheitsrat kein Mandat erhalten ließ,      – auch nicht ein „Deal“ mit der Türkei,
tagonisten der unterschiedlichen Ant-       war eine bequeme Ausrede für jede            einem Land, das in hohem Maße Teil
worten auf diese Fragen wird Aleppo         Form einer militärischen Hilfestellung       des Problems geworden ist.
zerrieben. Sollte es dem Assad-Regime       für die Opposition. Dann begann die mi-                  Die Fragen stellte Josef König.

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Titelthema

                                                                              © a.anis / GORAN TOMASEVIC / flickr
                                                                                                                   Militärische Logik
                                                                                                                   anstatt
                                                                                                                   Menschlichkeit
             I n Syrien, insbesondere in der einstigen Metropole Aleppo,
               wird militärische Logik über die Menschlichkeit gestellt.
             Politisches Kalkül und Machtinteressen scheinen die Huma-
                                                                                                                   len Strafgerichtshof geahndet werden müssen“, so auch der
                                                                                                                   SPD-Vorstand in einem Beschluss Mitte Oktober. Berichte
                                                                                                                   von Amnesty International bestätigen derweil die schlimms-
             nität abgelöst zu haben. Die Weltgemeinschaft scheitert an                                            ten Befürchtungen über die Katastrophe und die Kriegsver-
             ihrer Diplomatie und bleibt handlungsunfähig.                                                         brechen in Aleppo. Demnach sollen zwischen 18. September
                                                                                                                   und 1. Oktober 2016 „mehr als 110 zivile Gebäude beschä-
             Seit fünf Jahren herrscht der Bürgerkrieg in Syrien, an dem                                           digt oder zerstört“ worden sein. Satellitenbilder würden be-
             sich vor allem Russland und die USA militärisch beteiligen.                                           weisen, dass sich keiner der angegriffenen Orte in der Nähe
             Die ehemalige Wirtschaftsmetropole Aleppo gehört dabei                                                militärischer Ziele befände. „Syrische Regierungstruppen mit
             zu den am stärksten umkämpften Gebieten und wird mitt-                                                Unterstützung Russlands haben unnachgiebig Angriffe ge-
             lerweile zum Symbol für Unmenschlichkeit, Zerstörung und                                              startet, die die grundlegenden Regeln des humanitären Völ-
             Kriegsverbrechen. „Es ist ein Spiel mit dem Feuer zwischen                                            kerrechts eklatant vernachlässigt haben“, so Lynn Maalouf
             Russland und Amerika“, kritisierte der griechisch-katholische                                         vom Amnesty International-Regionalbüro Beirut.
             melkitische Erzbischof von Homs, Jean-Abdo Arbach den Bür-
             gerkrieg, der sich mittlerweile zu einem Stellvertreterkrieg                                          Es braucht ein deutliches Ultimatum durch die UN-Mitglieder,
             ausländischer Akteure entwickelt hat. Bereits 8 Millionen                                             das Syrien, Russland und Rebellengruppen auf eine längere
             Menschen mussten seit Ausbruch ihre Heimat verlassen.                                                 Feuerpause verpflichtet. Solange es nur kurzzeitige Bombar-
             4,5 Millionen Menschen leben laut Caritas International je-                                           dierungsstopps gibt, können die eingekesselten Menschen
             doch weiterhin in für humanitäre Hilfe schwer erreichbaren                                            weder aus den Gebieten fliehen noch mit dem Nötigsten ver-
             Gebieten. Besonders brenzlig ist die Situation in Aleppo, wo                                          sorgt werden. Die Weltgemeinschaft darf bei derartigen Ver-
             bereits seit Sommer 2012 Rebellengruppen und Regierungs-                                              letzungen gegen die Menschlichkeit nicht weiterhin zusehen
             militärs um die Vorherrschaft kämpfen. Das syrische Regime                                            und muss statt Worten und Verhandlungen Taten und ein-
             unter Baschar al-Assad versucht mit der Unterstützung rus-                                            deutige Forderungen folgen lassen. „Die Welt schaut einfach
             sischer Militärs mit aller Kraft die Stadt zurückzuerobern und                                        nur zu und verliert mit jeder Minute, die verstreicht, ohne
             macht dabei nicht vor starken Bombardierungen halt. Die Op-                                           dass die Bombardements gestoppt werden, ein wenig von
             fer der Angriffe sind meistens Zivilisten.                                                            ihrer Moral“, kritisiert auch der französische Ordensmann
             Seit Sommer 2016 hat sich die Lage noch weiter zugespitzt,                                            Jacques Mourad, der 2015 selbst Geisel des „IS“ war. Dass
             da die Rebellengruppen im Ostteil der Stadt eingekesselt                                              der zuletzt geplante Hilfs- und Evakuierungseinsatz für die
             sind; mit ihnen schätzungsweise 300.000 Zivilisten. Im                                                Menschen in Aleppo an den Widerständen von Regime- und
             September hat die Armee unter Assad und Russland eine                                                 Rebellenseite gescheitert ist, zeigt, dass mahnende Worte in
             umfassende Gegenoffensive gestartet, um Aleppo endgültig                                              diesem Krieg nicht mehr ausreichen. Es braucht eine gemein-
             zurückzugewinnen. Die Offensive habe bisher rund 500 Men-                                             same Syrien-Resolution, die die Kriegsparteien auf eine Waf-
             schen getötet und ungefähr 2.000 verletzt, so UN-General-                                             fenruhe verpflichtet. Der Hilfsplan der UN sollte eigentlich ver-
             sekretär Ban Ki Moon. In dem Dauerbeschuss wurde zuletzt                                              letzte und kranke Menschen aus den umkämpften Gebieten
             auch einer der wenigen Hilfskonvois des Deutschen Roten                                               transportieren, scheiterte aber schon in den Verhandlungen.
             Kreuzes zerstört. 20 Zivilisten und 12 Helfer sind bei dem An-                                        Die Menschen vor Ort sind sich weiterhin selbst überlassen.
             griff auf die 31 Fahrzeuge getötet worden. US-Außenminister                                           „Wieder einmal haben die politische und militärische Logik
             John Kerry machte Russland für den Angriff verantwortlich                                             in Syrien über die elementare Menschlichkeit gesiegt“, so
             und kündigte Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen an. „An-                                             Stephen O´Brien, der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe ist.
             griffe auf die Zivilbevölkerung, der Einsatz von Fassbomben                                           Gegen militärische Logik sollte aber die Weltgemeinschaft für
             in bewohnten Gebieten und die Anwendung von chemischen                                                Menschlichkeit auf der Welt sorgen.
             Kampfstoffen sind Kriegsverbrechen, die vom Internationa-                                                                                             Felizia Merten,
                                                                                                                                                           Herder Korrespondenz

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Kompass Glauben
(Denk-)Wege zu Gott II:
Nur der größere Gott ist

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der wirkliche Gott

„Allahu akbar!“ – „Gott ist größer!“ In diesem kurzen Be-       Wie lässt sich von hierher der Glaube vom Missbrauch Gottes
kenntnis ist verdichtet, was Hingabe an Gott meint: Gott        unterscheiden? Zunächst: Nur dort bezieht sich ein Mensch
im eigenen Leben als den anzuerkennen, der größer ist als       auf Gott (und nicht auf einen selbstgemachten Götzen), wo
alles andere und der allein Ganzhingabe verdient. Dieses        dieser in seiner Unbedingtheit und Unüberbietbarkeit aner-
Bekenntnis ist in Verruf geraten: Die Attentäter vom 13. No-    kannt wird. Gott kann dann nicht einfach mit einer religiösen
vember 2015 eröffneten mit dem Ausruf „Allahu akbar!“ in        Vorstellung identifiziert werden. Die Wahrheit einer Religion,
der Pariser Diskothek Bataclan das Feuer und richteten ein      ihres Gottesverständnisses und ihrer Dogmen zeigt sich
Blutbad an. Die Hingabe an Gott ist offenbar gefährlich und     vielmehr darin, dass sie den Menschen in die Beziehung zu
hoch ambivalent. Wie lassen sich denkend Unterscheidun-         diesem größeren Gott rückt. Nur dieser dem menschlichen
gen treffen?                                                    Zugriff entzogene, wirkliche Gott kann das sein, „wofür du
                                                                leben kannst, und groß genug, um dafür zu sterben“ (Dag
„Allahu akbar“ entspricht genau einer Formel, die im 11.        Hammarskjöld, UN-Generalsekretär 1953–61).
Jahrhundert der Mönch Anselm von Canterbury geprägt hat
und die als „ontologischer Gottesbeweis“ in die Lehrbücher      Ein Gott, der die Gläubigen in einen heiligen Krieg führt, um
der Philosophie eingegangen ist: „Gott ist das, worüber hin-    seine Feinde und eine dekadente und gottlose Welt zu ver-
aus Größeres nicht gedacht werden kann.“ Diese Kurzformel       nichten, wäre dagegen ein zutiefst widersprüchlicher Gott, der
versteht Anselm als angemessenen Ausdruck des christli-         mit seiner Schöpfung im Krieg liegt und der zur Gewalt greifen
chen Glaubens, zugleich aber als ein vernünftiges Argument,     muss, um seinen Willen durchzusetzen. Es wäre ein Gott, den
um Nicht-Glaubenden die Existenz Gottes aufzuweisen und         der Mensch in seiner Vernunft ablehnen muss.
um den Glauben vor einem Missbrauch des Gottesnamens
zu schützen. Ich beschränke mich auf wenige Grundzüge           Gott ist größer: Er kann sich selbst und seiner Schöpfung
der Argumentation.                                              nicht widersprechen. Seine Größe zeigt sich gerade darin,
                                                                dass er der Schöpfung eigenständigen Raum gewährt und
Der Ausgangspunkt dürfte einsichtig sein: Das Wort ‚Gott‘       dem Menschen Freiheit schenkt, auch dort, wo diese in Wi-
bezieht sich in Sprache und Denken auf eine Wirklichkeit,       derspruch zu Gott tritt und Böses geschieht. Eine Macht, die
über die hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. In         nichts neben sich duldet, ist geringer als die Macht, in der
der Idee Gottes zielt menschliches Denken auf ein Unbeding-     Gott den Geschöpfen ihre Freiheit schenkt und zumutet, mit
tes und Höchstes, das nicht aus anderem abgeleitet werden       der er ihre Eigenständigkeit achtet und begleitet. Mit Juden
kann. Anselm behauptet nicht, dass wir Gott zureichend          und Muslimen bekennen die Christen Gott daher als den, der
denken oder positiv beweisen können. Er argumentiert ne-        in seiner Macht barmherzig ist und in seiner Gerechtigkeit
gativ: Wird Gott als reines Produkt des Denkens verstanden,     geduldig. Dem christlichen Glauben zeigt sich die Größe Got-
dem keine Realität außerhalb des Gedachten zukommt, so          tes gerade darin, dass er in Christus Mensch wird, dass er
ist dies nicht „worüber hinaus Größeres nicht gedacht wer-      das Böse mit einer Liebe überwindet, die bis zur Hingabe am
den kann“. Das Denken gerät in einen Widerspruch. Ebenso        Kreuz reicht. Christen bekennen hierin eine Liebe, wie sie grö-
wenig aber kann die Vernunft Gott zureichend denken. Nur        ßer nicht geschehen kann und die eine Hoffnung begründet,
wenn Gott größer ist als alles Gedachte, ist er „das, worüber   die stärker ist als der Tod. Der Glaube an diesen Gott führt
hinaus Größeres nicht gedacht werden kann.“ Gott kann im        in die eigene Verantwortung, um im Handeln dieser Liebe zu
Denken nicht ohne Selbstwiderspruch verneint, aber eben-        entsprechen. Spätestens hier wird das Denken Gottes zur
so wenig positiv bewiesen werden. Das Denken rückt in eine      persönlichen Herausforderung.
Beziehung zum Unbedingten, das es voraussetzt und das                                               Prof. Dr. Martin Kirschner,
sich seinem Zugriff zugleich entzieht.                                              Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

                                                                                    Kompass 12I16                            15
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