Erwin Steinhauer: Jüdischkeit, Widerstand, Kunst - NU
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Ausgabe Nr. 67 (1/2017) · Adar/Nissan 5777 · € 4,50 · www.nunu.at Erwin Steinhauer: Jüdischkeit, Widerstand, Kunst
Leitartikel
Kommt die Gegen-
© MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER
Säkularisierung?
Jude, was ist das? gers und des Nationalsozialismus, die uns klargemacht haben,
Es gibt verschiedene Antworten darauf, wer ein Jude ist. dass wir einer Schicksalsgemeinschaft angehören, sondern
Nach den Regeln der jüdischen Religion sind es Menschen, auch der Aufklärung (Stichwort: Moses Mendelssohn), die der
deren Mutter Jüdin ist. Die Feinde der Juden hingegen geben europäischen Kultur des 20. Jahrhunderts nicht unbedeutende
eine ganz andere Antwort. Vom früheren Bürgermeister von „jüdische“ Züge verliehen hat. Wer die Botschaft verstanden
Wien und glühenden Antisemiten Karl Lueger ist der Satz hat, weiß, dass er gegen Diskriminierung, Rassenhass und Xe-
überliefert: „Wer ein Jud’ ist, bestimm i’“. In dieser Tradition nophobie eintreten muss. Wir sind Juden und lassen uns das
erfanden später die Nationalsozialisten eine eigene Skala des von Orthodoxen auch nicht untersagen.
Jüdisch-Seins, die auf eine angebliche rassische Zugehörigkeit Auch viele Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde ge-
abzielte. Von Religion war hier keine Rede. Eine dritte Position hören dieser Gruppe an, die man als „politische Juden“ bezeich-
sind Menschen, die sich als Juden verstehen, egal ob sie eine nen könnte. Bereits mit der Wahl Waldheims, insbesondere
jüdische Mutter haben oder nicht. Sie gehören einer verfolgten aber, als die schwarz-blaue Regierung im Jahr 2000 antrat, gab
Familie an und ziehen daraus einen politischen Auftrag. Und es viele, die sich neu in die Gemeinde einschreiben ließen, um
sie verstehen sich als Teil der jüdischen Kultur. ein Zeichen zu setzen. Neuerdings aber und ganz im Einklang
mit den Entwicklungen in Israel müssen wir politische Juden
Orthodoxie im Vormarsch uns die Frage stellen, ob wir tatsächlich mit der IKG die richtige
Diese autonome Form des Jüdisch-Seins und auch der Bei- Vertretung haben.
tritt via Religion werden in letzter Zeit immer mehr erschwert. Dazu muss man sich vergegenwärtigen, dass die IKG laut
Der Grund dafür sind Entwicklungen in Israel. Das Land hat „Israelitengesetz“ nichts als eine „anerkannte Religionsgemein-
die Trennung von Staat und Religion nie wirklich geleistet. schaft“ ist. Keine Rede von einer Vertretung der nichtreligiösen
Das hat lange Zeit keine Rolle gespielt, weil der Einfluss der Juden. Haben wir uns also in der falschen Institution organi-
Strenggläubigen unwesentlich war. Im Vordergrund standen siert? Sind wir mit unseren politischen Anliegen überhaupt
die Gepflogenheiten einer entwickelten Demokratie westlichen vertreten? Bisher konnte man einigermaßen den Eindruck
Zuschnitts, die es ihren Bürgern ermöglichte, mit einigen Ein- haben, dass die Führung der IKG auch die weltlichen Ange-
schränkungen, Stichwort Nicht-Anerkennung von Zivilehen, legenheiten in einem Geist behandelte, der uns alle vereint:
ein Leben nach ihren Vorstellungen innerhalb des Rechtssy- Gegen Unrecht in der Gesellschaft, für Demokratie, für einen
stems zu gestalten. Das ändert sich jedoch seit einigen Jahren. jüdischen Beitrag, der aus den Lehren der Geschichte resultiert.
Es ist in Israel heute eine Regierungsbildung ohne die Orthodo- Jetzt aber hat sich einiges geändert. Die Führung der IKG
xie nicht mehr möglich. Zu groß ist die Zahl der streng Religi- scheint ganz wie die Regierung in Israel der Orthodoxie das Ge-
ösen – und sie wächst dynamisch, weil die Geburtenrate dieser setz des Handelns zu überlassen. Wer nichtreligiöse Juden vor
Gruppe die aller anderen weit übersteigt. ein Rabbinatsgericht zitiert, wie es tatsächlich kürzlich in Wien
Das neue Machtverständnis der Politiker aus dem ortho- geschehen ist, hat sich vom Grundkonsens verabschiedet, dass
doxen Umfeld beginnt sich seit einiger Zeit auch auf Juden die Kultusgemeinde eine Vertretung aller, auch der politischen
außerhalb Israels auszuwirken. Bisher war es mit einigen Juden ist. Es ist anzunehmen, dass sich dieser Trend verstär-
Anstrengungen möglich, auch ohne jüdische Mutter ein von ken und die IKG zunehmend zu einer reinen Religionsgemein-
der Gruppe der Religiösen anerkannter Jude zu werden. Dazu schaft mutieren wird.
musste man bei einem örtlichen Rabbiner Lehrgänge besuchen Es scheint mir für alle, die sich dann nicht mehr vertreten
und das Bekenntnis zu einer religiösen Lebensführung glaub- fühlen können, die Zeit gekommen, nach Lösungen zu suchen.
haft machen. Seit einiger Zeit anerkennen führende israelische Wir, die nichtreligiösen Juden, müssen uns organisieren, sei es
Rabbiner solche Konversionen nicht mehr ohne weiteres. Der innerhalb der Gemeinde oder außerhalb, um nicht zu Handlan-
bekannteste Fall ist jener von Ivanka Trump. Ihr verweigerte gern einer orthodoxen Splittergruppe innerhalb des Judentums
eine rabbinische Vorinstanz aus Israel trotz Übertritts in den zu werden. In dieser Gruppe werden dann auch alle jene politi-
USA die Anerkennung als Jüdin. Diese enge Auslegung könnte schen Juden Platz finden, die auf keine jüdische Mutter, jedoch
zu einem ernsten Konflikt mit den für Israel so wichtigen ame- auf ein Bewusstsein im jüdischen Geist verweisen können. nu
rikanischen Juden werden.
Allen religiösen und nichtreligiösen Juden und allen ande-
Politische Juden ren Freunden rufe ich zu:
Was muss uns das in Österreich interessieren? Es gibt hier
viel mehr Menschen, die sich als Juden verstehen, als Mitglie- Pessach sameach!
der der jüdischen Religion. Das ist nicht nur das Erbe der Lue- Ihr Peter Menasse, Chefredakteur
1 | 2017 3Memos
© FAMILIE SUSCHITZKY
Staffel eins ist die Serie das bis heute
teuerste Projekt auf Netflix.
WIR EMPFEHLEN
das Buch Tiere für Fortgeschrittene
von Eva Menasse. Jahrelang hat die
NU-Autorin Tiermeldungen gesam-
melt, die ihr etwas über menschliche
Verhaltensweisen verraten haben.
©JMW/SONJA BACHMAYER Raupen, die sich ihr eigenes Grab Tudor-Hart war Peter Stephan Jungks
schaufeln, Haie, die künstlich be- Großtante. Der Schriftsteller und Fil-
WIR TRAUERN UM atmet werden, Enten, die noch im memacher versucht den verborgenen
Ari Rath, der als Arnold Rath im Jahr Schlaf nach Fressfeinden Ausschau Bereichen ihres Lebens, von denen
1925 in Wien geboren wurde. In seiner halten, Schafe, die ihre Wolle von selbst ihr nahestehende Menschen
Autobiografie Ari heißt Löwe, die 2012 selbst abwer- nichts wussten, auf die Spur zu kom-
erschien, schrieb er: „Wir waren eine fen. Jede von men – in Österreich, Großbritannien
typische moderne jüdische Familie Eva Menasses und Russland.
der dreißiger Jahre in Mitteleuropa. Erzählungen
Mein Vater hatte sich bereits voll- geht von einer UNS GEFÄLLT
ständig an die westeuropäischen kuriosen Tier- das Internationale Technik Summer-
Werte und Gebräuche angepasst, ob- meldung aus, camp BIG IDEA in Israel. Hunderte von
wohl er ursprünglich aus einer ange- widmet sich Kindern und Jugendlichen aus der
sehenen Rabbinerfamilie stammte.“ jedoch der Spe- ganzen Welt (über 40 Länder) kom-
Nach der Machtübernahme durch zies Mensch. men jeden Sommer nach Israel, um
die Nationalsozialisten wurde die (Verlag Kiepen- ihr technisch-fachliches Können in
Familie in alle Richtungen zerstreut. heuer&Witsch)
© BIG IDEA
Ari und sein Bruder Max konnten mit
Hilfe der Jugend-Alija nach Palästina WIR LESEN
auswandern. In Israel wurde Ari Rath Fürchtet euch und folgt uns. Die Po-
Journalist, Publizist und Friedensak- litik der Populisten von Michael La-
tivist. Zwischen 1975 und 1989 war er czynski. Der EU-Korrespondent der
Chefredakteur und Herausgeber der Tageszeitung Die Presse in Brüssel
Jerusalem Post. Im Jahr 2005 nahm und NU-Autor zeigt darin, wie Popu-
Rath neben der israelischen auch listen Ängste nutzen, um auf Stim-
wieder die österreichische Staatsbür- menfang zu
gerschaft an. Ein Interview über Ari gehen, wer die
Raths Jugend in Wien, seine Flucht Menschen sind, mehr als 30 verschiedenen Workshops,
vor den Nazis nach Palästina und die die ihnen ver- von Unternehmertum und Innovation
politische Verantwortung Österreichs trauen, und was bis zu Computertechnik und Design,
ist Teil der Dauerausstellung des Jü- gegen ihre Po- auszubauen. Sie erlernen neue Fähig-
dischen Museum Wien. litik unternom- keiten und erwerben im Camp nicht
men werden nur neues, wertvolles Werkzeug für das
WIR GRATULIEREN kann. Die Reise Leben, sondern auch gleichgesinnte
Peter Morgan zur Verleihung des führt von Lon- Freunde aus der ganzen Welt.
Golden Globes 2017 für Die Krone als don über Paris
die beste Serie. Sie widmet sich dem und das Brüs-
Leben der jungen britischen Königin seler Europaviertel bis in die Ghettos WIR STELLEN VOR
Elisabeth II. ab ihrer von Kopenhagen und die Vororte von Die Redaktionshündin
Hochzeit im Jahr Warschau. (Kremayr & Scheriau) Nunu. Sie kann man
1947. Weitere Staf- auf Facebook
feln sollen bis in die UNS INTERESSIERT bewundern:
Gegenwart führen, der Dokumentarfilm Auf Ediths Spu- www.facebook.com/
wobei jede Staffel ren von Peter Stephan Jungk. Er er- HundNUNU/
jeweils ein Jahr- zählt die wahre Geschichte der öster-
zehnt ihres Lebens reichischen Fotografin und KGB-Spio-
umfassen soll. Mit nin Edith Tudor-Hart, die maßgeblich
einem Budget von daran beteiligt war, dass Russland
bis zu 80 Millionen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg
© NU
US-Dollar für die in den Besitz der Atombombe kam.
© MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER
4 1 | 2017Inhalt & Impressum
© ABIR SULTAN/EPA/PICTUREDESK.COM
© STARPIX/PICTUREDESK.COM
IMPRESSUM
NU – Jüdisches Magazin für
Eric Pleskow Seite 10 Branko Lustig Seite 36
Politik und Kultur
Erscheinungsweise: 4 x jährlich
Auflage: 4.500
Nächste Ausgabe: Juni 2017
Leitartikel Zeitgeschichte
HERAUSGEBER UND MEDIENINHABER Kommt die Gegen-Säkularisierung? 3 Oscarpreisträger Branko Lustig –
Arbeitsgemeinschaft jüdisches Forum
von Auschwitz nach Hollywood 36
Gölsdorfgasse 3, 1010 Wien
KONTAKT Aktuell Entwurzelt, vergessen:
Tel.: +43 (0)1 535 63 44 Leo Perutz im Exil 40
Fax: +43 (0)1 535 63 46 Interview mit dem Höchstrichter aus
E-Mail: office@nunu.at
Michigan, Richard H. Bernstein 6
Internet: www.nunu.at
Jüdisches Leben
BANKVERBINDUNG Eric Pleskow über sein bewegtes
IBAN: AT78 1100 0085 7392 3300 Leben und jüdische Identität 10 Danielle Spera hat Fredi Brodmann
BIC: BKAUATWW in New York getroffen 42
SIE SIND AN EINEM
NU-ABONNEMENT INTERESSIERT? Unterwegs mit Warum das Café Kafka
Jahres-Abo (vier Hefte) inkl. Versand: so erfolgreich ist 46
Österreich: Euro 15,– Ausnahmekünstler
Europäische Union: Euro 20,– Erwin Steinhauer 14 Die Historikerin Fania
Außerhalb der EU: Euro 25,– Oz-Salzberger im Interview 48
ABO-SERVICE, VERTRIEB & ANZEIGEN
office@nunu.at Nachruf Alexander Zemlinsky –
ein Künstler mit Adelsprädikat 51
STÄNDIGES REDAKTIONSTEAM
David Rubinger, der bedeutenste
Richard Kienzl (Artdirector), Peter Menasse
(Chefredakteur), Vera Ribarich (Lektorat)
Fotograf Israels 20 Jazz-Pianist Leonid Chizhik 52
Ida Salamon (Chefin vom Dienst)
'UOC4GFʟGRQXCFKG)TCPFG
TITELBILD
© Milagros Martínez-Flener
Nahost Dame der Roma-Musik 54
SATZ & LAYOUT
Bericht über den
Wiener Zeitung GmbH, Maria-Jacobi-Gasse 1,
1030 Wien, www.wienerzeitung.at
„Jewish Media Summit“ 22 Standards
DRUCK
Wallig Ennstaler Druckerei Rätsel 45
und Verlag Ges.m.b.H. Gegendarstellung 26
Mitterbergstrasse 36, 8962 Gröbming Engelberg 56
OFFENLEGUNG GEMÄSS MEDIENGESETZ
Verein Arbeitsgemeinschaft jüdisches Nahost In eigener Sache 57
Forum mit Sitz in 1010 Wien, Gölsdorfgasse 3
Obmann: Martin Engelberg „Der Sechstagekrieg in Autoren 58
Obmannstellvertreterin: Danielle Spera Wort und Bild“ 29
Kassiererin: Ida Salamon Dajgezzen & Chochmezzen 59
Grundsätzliche Richtung: Was sind Alt-Oberösterreicher?
NU ist ein Informationsmagazin für Juden in Was ist Erinnern? 32
Österreich und für ihnen nahestehende, an
jüdischen Fragen interessierte Menschen. F-35 – der Kampfflieger
NU will den demokratischen Diskurs fördern. der Zukunft 34
1 | 2017 5Aktuell
Trump musste
nie kämpfen
Richard H. Bernstein, seit NU: Richter Bernstein, woher kam Ihre Detroit hat viele Hochs und Tiefs erlebt,
Familie in die USA? die Krise der Autoindustrie, und jetzt
2015 Richter am Höchstge-
Bernstein: Meine Vorfahren stam- kommt wieder ein Aufschwung.
richt des US-Bundesstaates men, glaube ich, aus Deutschland, Es ist eine wunderbare Stadt, mit
Michigan, kam blind auf aber wir sind schon lange in Detroit Menschen, die daran gewöhnt sind,
verwurzelt, meine Eltern, Großeltern, hart zu arbeiten. Eine Industriestadt.
die Welt. Er hat eine Mis-
auch meine Urgroßeltern. Wir lieben Die Stadt hat sich gut erholt. Es gab
sion: Die Welt für Menschen diese Stadt und ihre Community. Ich Ups and Downs, wie auch im Leben,
mit und ohne Behinderung bin Jude, aber nicht praktizierend, die Stadt war bankrott, derzeit erlebt
doch ich habe eine leidenschaftliche sie einen Höhenflug.
besser zu machen. Danielle
Verbindung zu Gott. Ich glaube daran,
Spera hat Richard Bernstein dass alle Dinge, die uns passieren, Detroit und Trump: Wie sieht man in
in Wien getroffen. einen Grund haben und in Wirklich- Ihrer Stadt den neuen Präsidenten?
keit auch immer alles gut ausgeht, ob- Ich muss hier in meiner Eigenschaft
wohl man vielleicht, während etwas als Höchstrichter antworten und nicht
FOTOS: MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER passiert, nicht daran glauben kann. als Privatperson, daher werde ich
Das ist die Natur des Lebens. einen Vergleich mit der Lebenserfah-
6 1 | 2017„Ich glaube daran, dass alle Dinge, die uns passieren, einen Grund
haben und in Wirklichkeit auch immer alles gut ausgeht, obwohl
man vielleicht, während etwas passiert, nicht daran glauben kann.
Das ist die Natur des Lebens.“
rung eines Menschen anstellen: Je fen, die das Leben einzelner oder auch troffen. Es war enorm zeitaufwändig.
mehr Herausforderungen und schlim- vieler Menschen betreffen – manch- Als Kandidat kann man entscheiden,
men Erfahrungen sich ein Mensch in mal auch Entscheidungen über Leben welche Auswirkungen man auf das
seinem Leben stellen musste, desto und Tod. Wir Richter haben eine dicke Land und seine Bevölkerung haben
mehr Dankbarkeit für das selbst Er- Haut, wir sind den Umständen ge- möchte. Das sind übrigens sehr jüdi-
reichte und Mitgefühl für Schwie- wachsen und werden die Kritik des sche Fragen: Warum sind wir hier und
rigkeiten anderer Menschen wird er Präsidenten leicht verkraften. Wenn was können wir besser machen. Das
empfinden. Dies gilt besonders dann, ich Urteile schreibe, dann beeinflusst ist unsere Aufgabe, wie können wir
wenn man Entscheidungen zu treffen dies das Leben von elf Millionen die Welt verbessern. Wahlen sind das
hat, die Auswirkungen auf das Leben Menschen im Bundesstaat Michigan. perfekte Mittel dafür. Leider auch für
anderer Menschen haben. Wenn wir Daher sind wir in der Lage, dem Prä- das Schlechte. Der Kandidat hat es in
uns jemanden wie Trump ansehen, sidenten Paroli zu bieten und werden der Hand.
dann erkennen wir, dass seine Le- seine eigenwilligen Entscheidungen
benserfahrung nicht so geprägt ist. So ausbalancieren. Für uns ist das mehr Was hat Sie bewogen, sich dieser Wahl
wie er aufgewachsen und sozialisiert oder weniger „Business as usual“. zu stellen?
ist, konnte er keine Empathie, Sensibi- Ich habe mich entschlossen zu kan-
lität oder Verständnis für die Schwie- Wohin wird das führen? didieren, weil ich wollte, dass die Men-
rigkeiten oder Härten entwickeln, die Lassen Sie mich das folgenderma- schen ihre Perspektive auf Behinderte
das Leben vieler Menschen beeinflus- ßen beantworten: Die Amerikaner sind ändern. Ich wollte ihre Vorstellung von
sen. Er musste nie um etwas kämpfen, ein großes und gutes Volk, ich liebe blinden Menschen und Behinderten
Mühsal oder Not hat er nie gekannt. meinen Bundesstaat Michigan und die ganz allgemein zum Positiven verän-
Vermutlich fehlt ihm deshalb das Ein- Bevölkerung. Um das Amt, das ich in- dern und so die Lebensqualität von
fühlungsvermögen oder die Einsicht, nehabe, zu bekleiden, muss man vom Menschen mit Behinderung verbes-
auf andere Menschen einzugehen. Volk gewählt werden. Warum sage ich sern. Durch meine Kandidatur haben
Er hatte ein leichtes Leben, das heißt das: Ich musste das ganze Land berei- viele Menschen erstmals mit einem
aber nicht, dass er ein glücklicher sen, ich war in jeder Stadt, in jedem Blinden zu tun gehabt. Ich wollte mit
Mensch ist. Der Anlass, weshalb ich Dorf, habe alle Fabriken besucht und ihnen eine positive Verbindung her-
hier in Wien bin, ist die Zero-Project- die unterschiedlichsten Menschen ge- stellen. Und die Bevölkerung von
Konferenz der UNO. Hier haben wir die
Schicksale von Menschen besprochen,
die unter enorm schwierigen Bedin-
gungen leben. Sie meistern ihr Leben
vorbildlich und sind obendrein noch
warmherzig und frohen Mutes, denn
sie wissen zu schätzen, dass ihrem
Leben Sinn gegeben wurde. Diese Le-
benserfahrung kann einen Menschen
besser machen, Trump hat das sicher
nicht.
Wir sind jeden Tag von neuem erstaunt,
mit welchen überraschenden Schritten
Trump aufhorchen lässt.
Sie sprechen mit einem „sogenann-
ten“ Richter – so hat Trump unseren
Berufsstand bezeichnet. „Checks and
Balances“ ist das Grundprinzip der
Vereinigten Staaten. Die Judikative
wird eine enorm wichtige Rolle in der
weiteren Entwicklung einnehmen.
Richter in den USA müssen täglich
weitreichende Entscheidungen tref- Danielle Spera im Gespräch mit Richard Bernstein
1 | 2017 7„Je mehr Herausforderungen und schlimmen Erfahrungen sich ein
Mensch in seinem Leben stellen musste, desto mehr Dankbarkeit
für das selbst Erreichte und Mitgefühl für Schwierigkeiten anderer
Menschen wird er empfinden.“
Michigan hat einem blinden Men- wenn sie in einem Land als Minder- Wirkt es sich irgendwie aus, dass Trump
schen ein so hohes Amt anvertraut. heit leben, immer danach streben sol- auch jüdische Familienmitglieder hat?
Das ist eine starke Botschaft. Das war len, ein vorbildliches und makelloses Sicher nicht. Man kann ungehö-
noch ein Schritt mehr in Richtung In- Leben zu führen, speziell wenn man riges Verhalten niemals damit ent-
klusion und Gleichheit, als es bisher ein hohes Amt übertragen bekommt. schuldigen, nach dem Motto: Ich darf
der Fall war. Im mittleren Westen, wo ich kandi- das, ich habe eine jüdische Tochter
diert habe, war es für die Menschen und einen jüdischen Schwiegersohn.
Für Sie war es ein weiter Weg. Als Sie auf dem Land etwas Außergewöhnli- Das wäre, als hätte man einen behin-
Ihr Studium abschlossen, hat Ihnen nie- ches, einem jüdischen Kandidaten zu derten Menschen in der Familie und
mand einen Arbeitsplatz gegeben, trotz begegnen. Mein Credo ist, mein Bestes würde daraus das Recht ableiten, sich
hunderter Bewerbungen, heute sind sie zu geben. Nun bin ich für acht Jahre gegenüber Behinderten unfair zu ver-
Oberster Richter. gewählt und reise weiterhin durch Mi- halten.
Ja – und das ist etwas, das Donald chigan, weil ich finde, ich bin es den
Trump fehlt, die bitteren Erfahrungen Menschen, die mich gewählt haben, Was bedeutet Trumps Präsidentschaft
im Leben, die Herausforderungen des schuldig. Ich möchte mit ihnen in Ver- für Israel?
Lebens. Wenn er das gehabt hätte, bindung bleiben und als Jude einen Ich bin sechsmal im Jahr in Israel
wäre sein Benehmen anders, er hätte perfekten Eindruck hinterlassen. Ich und berate dort die Armee im Umgang
sicher mehr Respekt. glaube fest daran, dass wir eine Ver- mit behinderten jungen Menschen
pflichtung haben, uns von unserer be- und deren Integration in die Streit-
Hat Ihr Judentum je eine Rolle gespielt? sten Seite zu zeigen. kräfte. Das ist ein großartiges Pro-
Juden sind in den USA sehr gut gramm. Es gibt Behinderte, die in die
in die Gesellschaft integriert. Mit Haben Sie jemals Antisemitismus er- Armee wollen. Dadurch, dass ich so
meinem Namen stand immer außer lebt? stark in Israel involviert bin, betrachte
Zweifel, woher ich komme. Bernstein Nein. Meine Behinderung war die ich das Land natürlich anders. In den
klingt geradezu wie eine Werbung für große Herausforderung. Dass ich Jude USA leben wir ein sehr komfortables
das Judentum. Ich liebe Amerika, aber bin, war dann vermutlich zweitrangig. Leben, in Frieden. Daher finde ich es
Juden dürfen nie vergessen, dass sie, unangebracht, wenn wir aus unse-
rer bequemen Position heraus einem
Land Ratschläge geben, das ständig
in einem Bedrohungszustand leben
muss. Jeder, der das kritisiert, soll
einmal in Israel leben. Ich unterstütze
alles, was Israel tut, um das eigene
Überleben zu sichern. Israel hat es
geschafft, eine bemerkenswerte Ge-
sellschaft aufzubauen, eine boomende
Wirtschaft und eine revolutionäre
Technologie zu entwickeln und trägt
zum Fortschritt im Leben der Men-
schen in aller Welt bei. Daher können
wir den Menschen in Israel vertrauen,
dass sie das Land gut verwalten.
In Europa wird das teilweise ganz anders
gesehen.
Auch hier geht es um das Thema
Erfahrungen. Die Israelis können nach
ihren Erfahrungen besser urteilen als
wir aus der Distanz. Ich treffe immer
wieder auch mit Opfern von Terroran-
„Mein Credo ist, mein Bestes zu geben, ich bin es den Menschen, die mich gewählt schlägen zusammen. Das sind Men-
haben, schuldig.“ schen, die völlig fit waren – und plötz-
8 1 | 2017„Israel hat es geschafft, eine bemerkenswerte Gesellschaft aufzu-
bauen, eine boomende Wirtschaft und eine revolutionäre Technologie
zu entwickeln und trägt zum Fortschritt im Leben der Menschen in
aller Welt bei.“
Seitdem bin ich unter größten Schmer-
zen drei Marathons gelaufen. Das war
meine größte Herausforderung, doch
ich habe dadurch meine Verbindung
mit Gott gefunden.
Im Leben gibt es zwei Kategorien
von Menschen: Jene, die ihr ganzes
Leben lang kämpfen müssen, und an-
dererseits Menschen, denen immer
alles glückt und die alles haben. Ich
hatte beides: Ich musste gegen Vor-
urteile kämpfen, hatte aber gleichzei-
tig eine Einbettung in eine liebevolle
Familie mit einem guten finanziellen
Hintergrund. Das hat mir unglaublich
viel Kraft gegeben. In den USA sind 85
Prozent aller blinden Menschen ar-
beitslos, und zwar nicht deshalb, weil
sie nicht hart arbeiten können oder
wollen. Ich hatte das große Glück, dass
ich in gute Schulen gehen und eine
„Laufen ist für mich essenziell. Es verbindet mich eher mit Gott als der Besuch in wunderbare Ausbildung genießen
einer Synagoge.“ konnte, sonst würde ich unter die 85
Prozent fallen. Meine Familie ist sehr
lich fehlen ihnen Gliedmaße, Arme der UNO-Konferenz, die ich gerade in optimistisch, voll Energie und Begei-
oder Beine, sie müssen erst lernen, mit Wien besuchte, hat Israel seine Tech- sterung für das Leben und hat immer
einer Behinderung zu leben. Ich habe nologie zur Hilfe für Behinderte vor- zu mir gehalten. Sie wussten, dass ich
so ein leichtes Leben, denn ich bin gestellt. Es ist unglaublich, was dort alles erreichen kann, wenn ich mich
kein Terroropfer. Ich arbeite mit ihnen, für Menschen mit Beeinträchtigung anstrenge. Ich arbeite ununterbro-
wie sie ihre nächsten Schritte in die- geschieht. Eine App beispielsweise, chen, meine Mitarbeiter lesen mir vor
sem neuen Leben als Behinderte ma- die Blinden jeden Text vorliest, viele und ich muss alles in meiner Erinne-
chen. Ich versuche, sie neu in die Ge- Dinge, die Behinderten das Leben er- rung behalten. Wenn ich reise, lesen
sellschaft zu integrieren. Sehr hart war leichtern. sie mir über Skype vor, das geht nur,
die Arbeit mit Frauen, deren Kinder bei weil ich meinen Glauben habe.
Terroranschlägen getötet worden sind. Sie arbeiten sehr intensiv, 15 Stunden
Diese Frauen haben ihre Kinder vor pro Tag, und Sie sind 18 Marathons ge- Sie reisen viel, wie ist das möglich?
ihren Augen sterben gesehen. Viele laufen, wie machen Sie das? Das ist nur möglich, weil ich all
dieser Frauen sagten zu mir: „Sie sind Laufen ist für mich essenziell. Es mein Geld für die Reisen ausgebe.
genau wie mein Sohn.“ Ich fragte mich, verbindet mich eher mit Gott als der Nach Israel oder jetzt zur Konferenz
wie können so viele Frauen das sagen? Besuch in einer Synagoge. Ich könnte nach Wien. Als Richter darf man sehr
Die Antwort der Sozialarbeiterin war: das Gebetbuch in Brailleschrift lesen, viel, allerdings darf man niemals Geld
„Diese Frauen sehen in Ihnen einen aber das stellt keine Verbindung her. annehmen, also zum Beispiel Hono-
jungen, glücklichen, gesunden Mann Die sportliche Herausforderung ist für rare für meine Reden oder für Auftritte.
voller Energie. So hätten sie ihre Kin- mich meine persönliche Verbindung
der gesehen, wenn sie älter geworden mit Gott. Es ist leicht, wenn es einem Ich glaube, Sie hätten Ihre Karriere auch
wären.“ Die Kinder waren aber schon gut geht, sich mit Gott im Einklang zu ohne den finanziellen Background Ihrer
als kleine Kinder getötet worden. befinden. Ich hatte einen schweren Familie geschafft.
Unfall, als ich vor fünf Jahren allein Vielleicht, aber es wäre sicher viel
Und die palästinensischen Opfer? im Central Park unterwegs war. Ein schwieriger gewesen. Ich bin jetzt 43,
Noch einmal: Israel muss selbst ent- Fahrradfahrer hat mich mit hoher vielleicht werde ich 100, ich hoffe, dass
scheiden, was es tut. Ich finde nicht, Geschwindigkeit niedergefahren. Da- meine gesammelten Flugmeilen noch
dass Israel unmoralisch handelt. Bei nach war ich zehn Wochen im Spital. so lange ausreichen. nu
1 | 2017 9Aktuell
Wien, ich komme!
Eric Pleskow, 92, heißt NU
© STARPIX/PICTUREDESK.COM
in seinem Apartment will-
kommen: Es ist Teil eines
komfortablen Retirement
Homes im US-amerikani-
schen Stamford, Connecti-
cut. Vom Bücherregal grü-
ßen einige der Oscars, die
Pleskow in seiner höchst
erfolgreichen Karriere als
Filmproduzent für Klassiker
wie „Amadeus“ oder „Einer
flog übers Kuckucksnest“
gewinnen konnte. „Der
Schiefe ist der ‚Rocky‘“,
klärt Pleskow den Gast
über einen verbogenen
Academy-Award auf, „der
is’ meiner Tochter runter- NU: Herr Pleskow, wie geht es Ihnen? Nein, das war Peter Marboe, der
Pleskow: Naja, wie’s einem halt damalige Kulturstadtrat. Vermittelt
gefallen.“ Und dann spricht
so geht in meinem Alter: Ich kann wurde das durch Gaby Flossmann,
der Viennale-Präsident in mich nicht beklagen, auch wenn mir die mich ja überhaupt erst nach Wien
bestem Wienerisch eine vor einiger Zeit ein Bein amputiert zurückgebracht hatte. Ich wollte von
wurde. Der Fuß ist weg, sonst läuft Wien eigentlich nichts mehr wissen.
Stunde lang aufgeräumt
es nicht schlecht. Natürlich fresse Sie sagte mir: Das ist jetzt eine an-
über sein bewegtes Leben, ich Pillen wie deppert, aber offenbar dere Generation, das sind ganz andere
jüdische Identität sowie ak- funktioniert’s. Menschen – und ich muss sagen, sie
hatte recht. Auch wenn es jetzt gerade
tuelle politische Fragen.
Sie sind nach wie vor Präsident der Vi- politisch wieder sehr mulmig wird,
ennale, die Sie zuletzt 2015 besucht aber nicht nur in Österreich, hier in
VON ANATOL VITOUCH haben. Wie sieht es für 2017 aus? den USA ja genauso.
Ja, 2015 war meine Betreuerin mit
mir in Wien, alleine kann ich nicht Haben Sie damit gerechnet, dass Trump
mehr reisen. Wenn es mir so geht wie die Präsidentschaftswahlen gewinnt?
jetzt, werde ich 2017 wieder nach Wien Ich hätte nie gedacht, dass in der
kommen, weil Hans Hurch sein letz- heutigen Zeit, wo es so viele Möglich-
tes Jahr als Chef der Viennale hat. Ich keiten zu Bildung und Information
habe zur selben Zeit begonnen wie er, gibt, so viele Menschen so vertrottelt
das ist jetzt fast zwanzig Jahre her. Ich sind. Man kann ihnen alles Mögliche
hab’ damals gefragt, was muss ich da erzählen, was überhaupt nicht stimmt,
machen, und man hat mir gesagt: ei- und sie glauben es. Bitte, mir wäre es
gentlich nix. Na, hab ich gesagt, dann ja wurscht – ich bin 92 Jahre alt. Aber
mach ich’s. ich habe Kinder und Enkelkinder. Und
wenn ich mir überlege, was für eine
Hat Ihnen damals Hans Hurch selbst die Welt ich ihnen hinterlasse, dann finde
Präsidentschaft angetragen? ich das alles nicht so lustig.
10 1 | 2017„Ich hätte nie gedacht, dass in der heutigen Zeit, wo es so viele
Möglichkeiten zu Bildung und Information gibt, so viele Menschen
so vertrottelt sind. Man kann ihnen alles Mögliche erzählen, was
überhaupt nicht stimmt, und sie glauben es.“
Viele Menschen ziehen angesichts des Zu einem Zeitpunkt, als der Zweite Welt- Trumps Schwiegersohn stammt: Der
Siegeszugs der Rechtspopulisten Paral- krieg schon in vollem Gange war. Vater ist wegen Steuerhinterziehung
lelen zum Aufstieg des Faschismus im Ja, ich war ja erst drei Tage vor im Gefängnis gesessen, hat seinem
20. Jahrhundert. Sehen Sie als Zeit- Kriegsausbruch aus Wien herausge- Schwager eine Prostituierte geschickt,
zeuge solche Parallelen ebenfalls? kommen. Zum Glück hatte ich mei- um dessen Ehe zu zerstören – aber
Ja, absolut. Nicht im Ausmaß, aber nen Vater überredet, nicht mit der ganz fromme Leute sind das, sehr vor-
in der Tendenz ganz eindeutig. Schon „Bremen“ in die USA zu fahren. Ich nehm, richtig „liab“.
seit einem Jahr sage ich meinen Kin- sagte zu ihm, wir gehen auf keinen
dern, dass mich vieles, was da passiert, Fall auf ein deutsches Schiff. Tatsäch- Wie ging man in Ihrer Familie mit jüdi-
an die 30er-Jahre erinnert. Alleine die lich kehrte die „Bremen“ um, und alle scher Tradition um, während Sie in Wien
hate crimes hier in den USA, deren Emigranten unter den Passagieren aufwuchsen?
Zahl nach der Wahl Trumps drama- landeten im KZ. Als meine Großeltern noch lebten,
tisch gestiegen ist. Wissen Sie, Clinton gingen meine Eltern zu den hohen Fei-
hat im Endeffekt circa zwei Millionen Mit welchem Schiff fuhren Sie und Ihre ertagen mit mir und meinem Bruder
Stimmen mehr bekommen als dieser Eltern? in die Synagoge. 1937 hatte ich dann
Typ. Aber dieses 300 Jahre alte Wahl- Mit einem holländischen Schiff, das meine Bar Mizwa, aber mein Bruder
männer-System ist leider als solches dann am 14. September 1939 in den war nur wenige Tage zuvor gestorben
vertrottelt. USA eintraf. Das Schiff war voll mit – er war leider schon von Geburt an
Deutsch-Amerikanern, die im Som- kränklich. Mein Vater hatte versäumt,
Überraschend war auch, dass selbst An- mer den Führer besucht hatten und mich rechtzeitig im Tempel im 20.
gehörige von Minderheiten zu einem gar nach Hause zurückkehrten. Schlechte Bezirk anzumelden. Ich bekam dann
nicht so geringen Anteil Trump gewählt Gesellschaft für jüdische Emigranten. halt ein bissl was zum Lesen und bin
haben, oder? natürlich steckengeblieben. Aber ich
Ja, auch die chassidischen Juden – Ist Religion heute für Sie persönlich von war umringt von alten Herren, also hat
vertrottelt. Wenn der Typ nicht zufällig Bedeutung? keiner was gemerkt.
einen frommen jüdischen Schwieger- Man sagt immer, im Alter wird
sohn hätte, dann könnte das für die man religiöser und konservativer. Das Stimmt es, dass Ihre Frau, die aus einer
Juden hier sehr unangenehm werden. scheint bei mir nicht so zu klappen. christlichen Familie stammte, zum Ju-
So sind es die amerikanischen Mus- Wenn ich mir die Religiösen anschaue, dentum konvertierte – aber erst Jahre
lime, die sich wirklich Sorgen machen ganz gleich welche: Das sind alles nach Ihrer Hochzeit und nachdem Ihre
müssen, wie es mit ihnen weitergeht. verlogene, grauenhafte Typen. Zum gemeinsame Tochter schon auf der Welt
Beispiel die Kushner-Familie, aus der war?
Sie emigrierten 1939 gemeinsam mit
ihren Eltern in die USA. Wie war es da- © DANIELLE SPERA
mals, als Jude nach Amerika zu kom-
men?
Das US-amerikanische Außenmi-
nisterium war total antisemitisch.
Die haben alles versucht, um Juden
die Einreise zu verunmöglichen, auch
wenn alle Papiere in Ordnung waren.
Es gab einen katholischen Priester,
der im Radio gegen Juden hetzte, und
den „Amerikadeutschen Bund“, eine
Nazi-Organisation. Auch in New York
sind die Nazis mit Hakenkreuzen her-
umgelaufen und am Madison Square
Garden aufmarschiert. Noch ein Jahr
nach meiner Ankunft in den USA bin
ich hier auf der Straße in eine Rauferei
mit ein paar Nazis geraten. Der schiefe Oscar ist der Rocky.
1 | 2017 11„Naja, seine Muttersprache verlernt man doch nicht, das ist halt wie
schwimmen. Wobei, unlängst habe ich den Henry Kissinger wieder
einmal gesehen, der ein Jahr älter als ich war, als er emigrierte.
Wenn der Deutsch redet, ziagt’s ma ois z’samm.“
Ja, das war eine interessante Ge- um dort für das Team der USA Fußball beiden zu Kriegsausbruch wegen ihrer
schichte. Als mein Vater starb, war ich zu spielen. Normalerweise wird so ein Nationalität gemeinsam in London in-
beruflich gerade in Paris stationiert Großvater wie ich ja am Dachboden terniert worden waren.
und hatte dort keinerlei Verbindung versteckt.
zur jüdischen Gemeinde. Ich wollte Und Sie wären Frau Kösten als Schwie-
das Trauerritual vollziehen, aber ich Was ich mich schon anlässlich Ihrer gersohn lieber gewesen?
konnte weder zehn Juden noch einen Wien-Besuche gefragt habe: Wie haben Sicher, Claires Bräutigam war
Rabbiner auftreiben. Schließlich fand Sie Ihr Deutsch und insbesondere Ihre ja etwa gleich alt wie ihr Vater. „Du
ich einen algerischen Rabbiner. Der markante Wiener Sprachfärbung über kommst zu spät“, sagte sie vorwurfs-
erklärte mir, dass er zu einer moder- so viele Jahrzehnte so ungebrochen be- voll zu mir. Ich habe dann versucht,
nen Synagoge gehörte und meine Frau wahrt? ihr zu erklären, dass ich als Soldat im
also mittrauern konnte. Nun, sagte ich Naja, seine Muttersprache ver- Krieg gewesen war, und nicht auf Ur-
ihm, das wird leider nicht gehen, sie ist lernt man doch nicht, das ist halt wie laub.
nämlich keine Jüdin. schwimmen. Wobei, unlängst habe ich
den Henry Kissinger wieder einmal Und Ihre andere Schulfreundin?
Und das war dann der Anlass für ihren gesehen, der ein Jahr älter als ich war, Das war die Lilly Schornstein. Die
Übertritt? als er emigrierte. Wenn der Deutsch flüchtete mit ihren Eltern nach Tou-
Nein. Der Rabbiner besorgte mir redet, ziagt’s ma ois z’samm. Sein Eng- louse und kehrte später mit der Mut-
dann die notwendigen zehn Juden. lisch ist aber auch sehr bescheiden. ter nach Wien zurück. Mit ihr hab ich
Aber er ließ meiner Frau ein paar Bü- den Kontakt wieder aufgenommen, als
cher da, und sie begann, sich mit dem Sie haben gesagt, dass Sie mit Wien ich nach Wien kam. Wir trafen uns im
Thema auseinanderzusetzen. Später eigentlich abgeschlossen hatten, bevor Café Mozart, und als ich hereinkam,
ist sie dann übergetreten, ohne dass Gaby Flossmann Sie zu einer Rückkehr saß eine furchtbar hässliche Frau am
ich sie dazu irgendwie gedrängt hätte. überreden konnte. Gab es Freunde aus Nebentisch. Oh Gott, dachte ich, das
Wir mussten natürlich noch einmal Ihrer Kindheit, die Sie damals wiederge- kann ja nicht wahr sein. Sie war es
heiraten. Die Synagoge in Paris, in sehen haben? auch nicht, sie kam ein paar Minuten
der wir heirateten, wurde später von Ich hatte in Wien zwei gute Schul- zu spät: Ein Wiener „Muatterl“ mit Hut
den Arabern gesprengt. So wie die freundinnen, eine davon war die Cla- und langem Mantel.
Synagoge in Wien, wo ich meine Bar rissa Kösten. Clarissa, die später nach
Mizwa hatte, von den Nazis gesprengt London emigrierte und sich Claire Haben Sie mit den beiden noch Kontakt?
worden war. Wo ich eine Synagoge be- nannte, hatte noch einen kleinen Bru- Leider sind beide inzwischen schon
trete, kommt irgendwie nichts Gutes der, Little Freddy. Im Augarten hab’ verstorben. Aber Little Freddy lebt
heraus. ich den Little Freddy immer vor den noch, in London, der ist inzwischen
anderen, größeren Buben in Schutz 88 Jahre alt und ein wunderbarer Typ.
Spielt für Ihre Kinder die jüdische Her- genommen, auch um seiner Schwe- In Wien sind meine Bekannten mitt-
kunft heute noch eine Rolle? ster ein bisschen näher zu kommen. lerweile alle viel jünger als ich – und
Meine Tochter musste dann ja erst Mit Claire hielt ich später von den die lassen mich nicht aus. Als ich Vi-
konvertiert werden, als sie drei, vier USA aus per Brief Kontakt. Als ich ennale-Präsident wurde, hieß es, das
Jahre alt war. Sie hat heute einen jü- sie nach Kriegsende in London besu- machst du drei Jahre lang, dann is’ es
dischen Mann und drei Kinder und hat chen wollte, öffnete ihre Mutter, Frau erledigt.
ihrer Familie eine jüdische Tradition Kösten, die Tür und sagte: „Du bist an
gegeben. Mein Sohn hingegen fühlt allem schuld!“ Inzwischen ist zu Ihren Ehren eine Brief-
jüdisch, wenn es um die Wirklichkeit marke erschienen, ein Saal des Wiener
geht, aber er ist überhaupt nicht reli- Woran waren Sie schuld? Metro-Kinos wurde nach Ihnen benannt.
giös. Und mit meinen beiden Enkel- Frau Kösten hatte irgendwie damit Ja, und Ehrenbürger der Stadt Wien
söhnen ist es so: Sie sind in Kalifornien gerechnet, dass die Lilly und ich heira- bin ich auch – dafür muss ich ja was
an eine Jesuitenschule gegangen. Ich ten würden. Aber wir waren halt erst tun. Ich kann den Hurch nicht im Stich
habe das bezahlt, weil es dort nicht vierzehn, als wir durch die Flucht ge- lassen, er hat das mit dem Programm
viele gute Mittelschulen gibt. Aber trennt wurden. Als ich sie dann besu- immer sehr gut gemacht, das ist nicht
dann kamen die Maccabi-Spiele. Und chen wollte, war sie gerade mit einem leicht bei so einer Größenordnung.
da gruben die zwei ihren jüdischen Exil-Österreicher durchgebrannt, den Also in diesem Sinne: Ich komm’. nu
Opa aus und fuhren nach Jerusalem, ihr Vater kennengelernt hatte, als die
12 1 | 2017Unterwegs mit
14 1 | 2017Café in der
Josefstadt
Erwin Steinhauer ist ein lungen. „Leere Kaffeehäuser, leere Vergangenheit sollten dem Kleinen
Kinos, das ist so meins.“ Aber hallo. Was nicht zum Schaden werden. Aber so
Ausnahmekünstler, der
ist mit leeren Theatern? „Wenn mir die einfach ist es ja nie. Der Sohn erzählte
sich in vielen Genres von Prinzipale meine Gage zahlen, können im katholischen Internat zu viel von
Kabarett über Theater und die Säle gerne leer bleiben“, meint er Besuchen am jüdischen Friedhof. Und
schmunzelnd. Ja, er wisse schon, ob er auch der Widerstandsgeist war ihm
Film bis hin zur Musik
vor einem leeren oder vollen Saal spielt, wohl eingepflanzt worden, jedenfalls
bewegt und in jedem über- auch wenn die Scheinwerfer blenden. wurde er von der Schule gewiesen. Der
zeugt. Peter Menasse hat Das spüre man auf der Bühne. Ganz so 14-Jährige wollte es jetzt genau wissen
egal dürfte es ihm also doch nicht sein. und konfrontierte den Vater: „Ich kenne
ihn „unterwegs“ im Kaffee-
mich nicht aus, was ist los mit uns?“
haus getroffen. „Was ist los mit uns?“ Der Vater begann zu reden, und was
Erwin Steinhauer ist von seiner er da erzählte, hat Erwin Steinhauer
Großmutter, der Emmi, aufgezogen politisch bis heute geprägt. Da waren
FOTOS: MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER worden. Sie war die Mutter seines Va- einmal die jüdischen Wurzeln von
ters, des Feuerwehrmanns und Malers Oma Emmi. Ihr Vater Eduard Just war
Wolfgang Steinhauer. Die Eltern waren ein aus Bukarest stammender Jude, der
Eine längere Wanderung durch voll damit ausgelastet, in der schwieri- von den Nazis ins Konzentrationslager
Wien, oder auch nur ein kleiner Spa- gen Zeit nach dem Krieg den Lebens- Theresienstadt verschleppt wurde.
ziergang, ist es nicht geworden. „Un- unterhalt zu verdienen, die Großeltern Franz, ihr Mann, wiederum war Sozial-
terwegs mit Erwin Steinhauer“ fand kümmerten sich um das Kind. Die Ge- demokrat, der sich auch nach dem Ver-
im Kaffeehaus statt. Angenehm für schichte der Familie während der Nazi- bot der Partei 1934 politisch betätigte.
ihn, angenehm für den Begleiter. Nicht Zeit wurde lange von Erwin ferngehal- Er arbeitete in der Hauptfeuerwache
so wirklich unterwegs, aber guter Es- ten. Wie so viele Eltern wollten auch Floridsdorf unter dem Kommandan-
presso. die Steinhauers ihr Kind schützen. ten Georg Weissel. Am 13. Februar 1934
Steinhauer wird im Gespräch dann Jüdische Wurzeln und revolutionäre bewaffneten sich die Feuerwehrleute,
auch einmal sagen, dass er nie so
wirklich sportlich begabt war und das
anhand seiner Bemühungen um den
Eislaufsport erläutern. „Ich habe Kind-
heitserinnerungen an das Eislaufen.
Damals hat man noch keine Kanadier
gehabt, sondern Schuhe mit Zacken
vorne zum Bremsen. Diese Zacken
waren mein Unglück, weil ich bin pau-
senlos gestürzt, immer auf den Hinter-
kopf gefallen und habe dann, wenn ich
aufgestanden bin, Sternderln gesehen.
Das wollte ich schließlich irgendwann
nicht mehr“.
Das Café Eiles ist es geworden, weil
Erwin Steinhauer ein Stück die Straße
hinauf, im Theater in der Josefstadt,
spielt und früher auch oft im nahege-
legenen Tonstudio Holly Aufnahmen
machte. Heute taugt es ihm nicht so
sehr. Das Lokal ist bummvoll und er
mag keine großen Menschenansamm- Erwin Steinhauer und Peter Menasse: Alle Wege führen ins Kaffeehaus
1 | 2017 15die dem Schutzbund angehörten, unter
Weissels Führung, um für eine demo-
kratische Republik zu kämpfen, wurden
aber verraten und von einem Standge-
richt des Dollfuß-Regimes zum Tode
verurteilt. Weissel wurde zwei Tage
später im Landesgericht Wien hinge-
richtet. Die anderen Feuerwehrleute,
darunter auch Steinhauers Großvater,
wurden begnadigt. „Man hat sie dann
durch die ‚Salzergasse‘ geschickt. Das
war ein Spalier von Heimwehrlern, die
mit Gewehrkolben die Durchlaufenden
auf die Schädel geschlagen und man-
chen davon zertrümmert haben.“
Nach der Machtübernahme der
Nationalsozialisten versteckten sich
die jüdischen Mitglieder der Familie.
Emmi lebte im Keller einer Lebensmit- „In der Löwengrube war mein Herzensstück.“
telhandlung in Schwechat und konnte
so überleben. Ihr Vater Eduard Just und
sein Enkelsohn Wolfgang, der Vater Einmarsches der Hitlertruppen noch Stadträten und ihre Gesprächspart-
von Erwin Steinhauer, kamen in einer ‚die Politische‘ kassiert hat, das war ner an den Tischen in den Fenster-
Kleingartensiedlung in Meidling unter. der illegale Beitrag für die SPÖ, stand nischen, ein paar Touristen auf den
Doch 1943 wurden sie verraten und ver- dann am nächsten Tag, als mein Vater unbequemen Plätzen in der Mitte des
haftet. gerade von der Schule heimgekom- Lokals und die üblichen Gruppen von
Eduard wurde nach Theresienstadt men ist, neben meiner Großmutter am Jugendlichen, die auch nach vielen
verbracht, der 16-jährige Wolfgang kam Gehsteig und hat mit der umgebunde- Stunden gemeinsamen Schulbesuchs
ins Gestapo-Hauptquartier am Mor- nen SA-Binde darauf geachtet, dass sie nicht voneinander lassen wollen und
zinplatz. Dort hieß es zynisch, dass er, den Gehsteig in der Schloßhoferstraße das Erwachsenenleben im Kaffeehaus
der „Mischling zweiten Grades“, vom auch ordentlich putzt. Dadurch haben ausprobieren. Erwin Steinhauer würde
Führer noch eine Chance bekäme. Er wir immer eine sehr kritische Distanz in der Intimität der Plüschecke, in der
könne entweder der SS beitreten oder zur SPÖ gehabt. Ich war dann sogar wir sitzen, unbeachtet bleiben, wäre da
an die Front gehen. Wolfgang ließ sich kurz Mitglied dieser Partei, weil ich nicht das Problem unserer Fotografin
nicht vereinnahmen und wählte den einer Kollegin bei ihrer Magisterarbeit Mili, die mit der Spiegelung der Stein-
harten Weg, die Front. Bereits drei Wo- geholfen habe, damit wir in die Archive hauerschen Brillengläser kämpft. „Da
chen später kam er verwundet wieder hineindürfen. Als sie aber dann 1983 lässt sich was machen“, meint er dazu
zurück. Auch Eduard überlebte und hat mit den Blauen koaliert haben, bin ich und nimmt die Brille ab. Steinhauer ist
noch bis 1954 gelebt. Erwin Steinhauer eines Tages am Weg ins Burgtheater freundlich und charmant, das sei zwi-
besucht bis heute das Grab seines Ur- in der Löwelstraße in die SPÖ-Zentrale schendurch erwähnt.
großvaters am 4. Tor. gegangen und habe mein Parteibuch Wie aber steht es mit der Politik
Auf die Frage, was aus der Famili- zurückgegeben. Sechs Jahre später hat heute, ist die SPÖ immer noch ein rotes
engeschichte ihn mehr geprägt habe, mir der Poldi Gratz geschrieben und ge- Tuch, frage ich ihn. Seine Antwort ist
der sozialistische Widerstand oder fragt, ob ich es mir nicht noch einmal fast so was wie ein Appell: „Jahrelang
die jüdischen Wurzeln, erzählt Stein- überlegen will.“ hat man immer wieder, als wir schon
hauer eine Geschichte aus dem Jahr längst die Grünen gewählt haben, über
1938, die sein Verhältnis zur Sozialde- Ist die SPÖ immer noch ein rotes die SPÖ als das kleinere Übel gespro-
mokratie bestimmt: „Mein Vater und Tuch? chen, das man wählen müsse. Jetzt
seine Eltern haben im Jahr 1938 in der Das Café Eiles ist noch immer allerdings habe ich ein bisschen das
Schloßhoferstraße in Floridsdorf ge- bummvoll. Da gibt es die ernst bli- Gefühl, dass es in Anbetracht der glo-
wohnt. Der Mann, der am Vorabend des ckenden Pressesprecher von Wiener balen und gesamteuropäischen Situa-
Eine längere Wanderung durch Wien, oder auch nur ein kleiner
Spaziergang, ist es nicht geworden. „Unterwegs mit Erwin Steinhauer“
fand im Kaffeehaus statt. Angenehm für ihn, angenehm für den
Begleiter. Nicht so wirklich unterwegs, aber guter Espresso.
16 1 | 2017und darunter vielleicht zehn wichtige.
Man bekommt auch weiterhin Engage-
ments, wenn man konsequent absagt.
Es ist schwieriger, du hast viel Exi-
stenzangst, es ist eine Nervensache, du
wirst nicht reich, aber du kannst in den
Spiegel schauen und weißt, warum du
etwas machst.“
Eine Alzheimer-Geschichte
Gefragt nach Lieblingsrollen, erzählt
Steinhauer von zwei für ihn beson-
deren Stücken: „Ich habe gerne eine
Rolle gespielt, die der Otti Schenk nicht
übernehmen wollte, eine Auftragspro-
duktion für die Josefstadt, die dann im
Volkstheater gelandet ist: In der Löwen-
grube von Felix Mitterer. Das war auch
„Meine Vorbilder sind Künstler, die es geschafft haben, in Würde alt zu werden.“ die Zeit 1997, wo mein Vater gestorben
ist, der mein Lebensmensch war. Er hat
es noch gesehen und hat es sogar noch
tion doch auch zu einem Wiedererstar- dass er an der Akademie scheel ange- in einer Zeitschrift des Bunds sozialde-
ken der sozialdemokratischen Ideen schaut wurde, nach dem Motto: ,Da ist mokratischer Freiheitskämpfer bespro-
kommt, in Deutschland zum Beispiel einer, der nur halbert Maler ist und ei- chen. Das war mein Herzensstück. Ich
durch Martin Schulz; und bei uns hat gentlich ein Feuerwehrmann.‘ Ich hatte bin aber kein typischer Schauspieler
Christian Kern etwas vorgelegt, das die dieses Sicherheitsdenken nicht. Mein mit Wunschrollen. Mir war immer die
Hoffnung leben lässt, dass die Partei Vater hat nie verstanden, warum ich Rolle, die ich gerade gespielt habe, die
sich vielleicht wieder auf ihre Wurzeln später ein fixes Engagement am Burg- wichtigste. Zum Beispiel zuletzt bis
und auf ihre eigentliche Aufgabe be- theater hergegeben habe. Er hat gesagt: zum Juni vorigen Jahres habe ich Vater
sinnt, und nicht auf die Aufgabe, die ,Hearst Erschel, du bist ein Beamter, des gespielt, eine Alzheimer-Geschichte.
Rechten rechts zu überholen.“ kaunst do net mochn.‘ Ich habe ihm Diese Rolle hat mich vollkommen aus-
Unterwegs in der Geschichte und gesagt, dass mir der Otti Schenk ein gefüllt und beschäftigt. Wenn ich Thea-
in der Politik ist uns die Schauspiele- Engagement am Theater in der Josef- ter spiele, kann ich auch nichts Ande-
rei verloren gegangen. Das wäre bei stadt angeboten hat. Das war ihm auch res annehmen. Der Typ, der unter Tag
einem Spaziergang aus konditionellen suspekt, weil das ja ein konservatives dreht und am Abend ins Theater rast,
Gründen möglicherweise ein Problem Haus sei.“ bin ich nicht.
geworden. Im Kaffeehaus beweisen wir Als Schauspieler hat Erwin Stein- Ich war vor vier Jahren beim Fringe-
aber Riesenkondition und schreiten in hauer eine eindrucksvolle Liste von Festival in Edinburgh. Da lebt ja die
unserer „Tour de Steinhauer“ elegant vollkommen unterschiedlichen Rollen ganze Stadt. Alles ist auf der Straße:
weiter zur Kunst. gespielt. „Ich lasse mich nicht gern in Jongleure, Feuerspucker, Sänger,
Schon Vater Wolfgang war Künstler ein Ladl hineinstecken. Wenn du ein- Bands, alles. Irgendwann stand ich in
gewesen. Er hatte bei Josef Dobrowsky mal Erfolg hast, wollen sie dich gleich einer Menschenmenge und sehe einen
an der Akademie der bildenden Künste immer in ähnlichen Rollen sehen. Das Mann die Straße entlangkommen, in
Malerei studiert, malte in einem Atelier erste Mal war das bei mir mit Der Sonne einem gestreiften Pyjama mit zwei Ta-
am Tiefen Graben und übte doch durch- entgegen, meiner ersten großen Fern- feln, hinten und vorne, dem aber, wie
gehend den Beruf eines Feuerwehr- sehserie. Da hat man mir jahrelang nur beim Näherkommen zu erkennen war,
manns aus. „Er hat eine Sicherheits- den lustigen Dicken angeboten. Das die rechte Hand marschiert ist und der
variante gewählt, hat aber sein ganzes hat mich absolut nicht interessiert. Trenzerling aus dem Mund kam. Ich
Leben lang gemalt. Meine Wohnung ist Mein Weg ist also gekennzeichnet von war entsetzt, dass man einen Men-
wie ein Museum, da hängen seine Bil- meinen Absagen. Ich stehe auch dazu. schen mit einer so offensichtlichen
der an allen Wänden. Ich stelle mir vor, Ich habe ungefähr 150 Filme gemacht Behinderung Werbung machen lässt.
Die Geschichte der Familie während der Nazi-Zeit wurde lange von
Erwin ferngehalten. Wie so viele Eltern wollten auch die Steinhauers ihr
Kind schützen. Jüdische Wurzeln und revolutionäre Vergangenheit sollten
dem Kleinen nicht zum Schaden werden.
17 1 | 2017 17 1 | 2017Erwin Steinhauer ist heuer in die „Route 66“ des Lebensalters eingebogen.
Selbst auf dem Plüsch der Kaffeehausbank strahlt er eine große Präsenz
und eine von einem offenem Lachen geprägte Freundlichkeit aus.
Als er ganz in der Nähe war, sagte er so schlecht und abfällig behandelten, geistern. Später, ich war zwölf, kam
zu mir: ,Wollen Sie einen Abend mit nur weil sie in einer anderen Welt lebt.“ mein Onkel Emil Perlmutter auf mich
Demenz verbringen?‘ Es stellte sich Unser erster Ober hat längst abkas- zu. Seine Familie war verwandt mit der
heraus, dass er selbst in einem nahe- siert, der zweite bringt uns weiteren Familie Blaha. Der Ernstl Blaha, der ein-
gelegenen Theaterraum einen Kranken Kaffee, während wir den Weg zum mal Mitarbeiter in der Kultusgemeinde
spielte und jetzt auf der Straße für sich letzten Thema, der Musik, beschreiten. war, war so etwas wie ein Nennonkel
selber Werbung machte. Ich habe es mir Steinhauer hat eine erste unglückliche meines Vaters und sein bester Freund.
dann angeschaut und seitdem war das und eine zweite glückliche Begegnung Der Perlmutter hat gesagt ,Pass auf, ich
für mich das Thema schlechthin. Der mit Instrumenten: „Meine Eltern woll- mache dir ein Angebot. Wenn du mit
Schauspieler hat mir erzählt, dass man ten immer, dass ich Klavier lerne. Sie mir zwischen Weihnachten und Neu-
bei einer dementen Frau nach ihrem haben mir nach langem Sparen einen jahr am Tivoli meine Glücksbringer
Tod im Nachtkastl ein Gedicht gefun- Stutzflügel gekauft und ich habe fünf, verkaufst, schenke ich dir ein Instru-
den hat. Zwei Seiten lang, wunderbar sechs Stunden mit einer Lehrerin ment.‘ Ich bin dann wirklich vom 27.
gereimt, wo sie sich darüber aufregt, wie geübt. Dann war es aus. Man konnte bis 31. Dezember gestanden und habe
sie dazu käme, dass die Menschen sie mich für dieses Instrument nicht be- verkauft. So mit Sprüchen wie ,Vier
mal neun ist Donnerstag, gehen Sie
nicht an Ihrem Glück vorbei.‘ Und dann
hat mir der alte Perlmutter eine Wan-
derklampfen gekauft, von der ich nicht
mehr lassen konnte. Mit diesem Instru-
ment habe ich begonnen, mir selbst das
Spielen beizubringen und so bin ich zur
Musik gekommen.“
Steinhauer spielt weiterhin Theater
und er hat gerade einen neuen Polt ab-
gedreht. „Die Serie ist interessant, weil
sie außerhalb des Mainstreams ist. Als
wir begonnen haben, war diese Art des
Filmens noch gänzlich neu: Der Mut
zu langen Einstellungen, vorsichtige
Schnitte, große offene Landschafts-
bilder, Porträts in Nahaufnahme. Die
Erzählweise ist so, dass manche be-
haupten, die DVDs mit den Polt-Filmen
werden bald in der Apotheke als Schlaf-
mittel verteilt werden.“
Erwin Steinhauer ist heuer in die
„Route 66“ des Lebensalters eingebo-
gen. Selbst auf dem Plüsch der Kaffee-
hausbank strahlt er eine große Präsenz
und eine von einem offenem Lachen
geprägte Freundlichkeit aus. Vorbilder,
so sagt er auf meine Nachfrage, seien
ihm „Künstler, die es geschafft haben,
in Würde alt zu werden, wie etwa Gene
Hackman“. So viele würden Theater
spielen und vollkommen vergessen,
wie alt sie sind, wo sie herkommen und
was sie sich zutrauen können.
Weit sind wir gekommen mit un-
serem Gespräch, wenn wir auch nicht
weit unterwegs waren. Herr Ober, zah-
len bitte. Herr Steinhauer muss eilig ins
„Wenn ich Theater spiele, kann ich auch nichts Anderes annehmen.“ Theater. nu
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