Guten Morgen! - Deutscher Kulturrat
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
Logisch + überfällig Badhamia utricularis ist ein ungewöhnliches Lebewesen. Ein Schleimpilz, der kein Pilz ist, sondern eine Plasmodial-Amöbe, ein einzelliges orange-gelbes Riesenetwas, das locker ein viertel Quadratmeter groß werden kann und das in unseren Wäldern auf abgestorbenem Holz gar nicht so selten zu finden ist. In langsamen rhythmischen Kontraktionen bewegt sich dieser Einzeller über das tote Holz und überwuchert alles, was er verwerten kann. Welch faszinie- render Anblick, absolut alltäglich, doch den meisten Menschen vollkommen un bekannt. Die Umwelt, die uns umgibt, unsere Heimat hat noch viele Geheim- nisse, die gelüftet werden sollten. Längst haben bildende Künstlerinnen und Künstler die Plasmodial-Amöben als künstlerische Herausforderung entdeckt und setzen den Organismus z. B. in Kunstprojekten zur Entwicklung vernetzter Navigationsstrukturen ein. In den Kurzfilmen »Resilient Topographies« und »The Physarum Experiments« kann man diese Ideen verfolgen. Oder eine Gruppe schwedischer Tänzerinnen nutzt die amöbialen Bewegungen des Einzellers als Vorlage für ihre Chorografien. Naturbildung, also das Erkennen der uns umgebenden Umwelt, ist auch eine Dis ziplin der Kunst. Schon allein deshalb ist die fast manische Trennung von Kul- tur und Natur in unseren Schulen und unseren Hochschulen Unsinn und gehört endlich überwunden. Die Kooperation zwischen dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutsch- lands (BUND) und dem Deutschen Kulturrat, über die in diesem Dossier berichtet wird, ist deshalb logisch und war überfällig. Das Plasmodium von Badhamia utricularis mit seinen ineinanderfließen- den Plasmafortsätzen ist ein passendes Bild für Heimat, einer engen Verbin- dung zwischen Kultur und Natur. Nur erkennen müssen wir sie wollen. Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates und Herausgeber von Politik & Kultur.
Logisch + überfällig Handelt endlich! Inhalt OLAF ZIMMERMANN ——— 3 Eine starke Allianz HELENA MARSCHALL ——— 28 Die Brücke zwischen SUSANNE KEUCHEL ——— 8 Umwelt und Kultur JENS KOBER ——— 30 Natur ohne Kultur hat in einer Gesellschaft Das Ändern leben keine Perspektive HELENE HELIX HEYER ——— 34 HUBERT WEIGER ——— 10 Brauchen wir Heimat? Für ein gutes Leben THERESIA BAUER ——— 35 OLAF ZIMMERMANN ——— 12 Der Briefkasten im See Die querliegende Größe MARTIN HILBRECHT ——— 36 MARC-OLIVER PAHL ——— 15 Kann man Heimat bauen? Gesellschaftliche MICHAEL BRAUM ——— 39 Nachhaltigkeit Nachhaltigkeit als MARKUS KERBER ——— 17 Ergebnis von Baukultur Eine gerechte REINER NAGEL ——— 40 Gestaltung Neues Miteinander der Globalisierung in der Stadt HELGE BRAUN ——— 20 BRIGITTE DAHLBENDER ——— 43 Nachhaltigkeit im Land:Gut Anthropozän KLAUS-MARTIN BRESGOTT ——— 44 BERND SCHERER ——— 24 Grünes Band Urbane Akupunktur HUBERT WEIGER ——— 45 UWE SCHNEIDEWIND ——— 26 Heimatmarketing BJÖRN BOHNENKAMP ——— 46 4
Wirtschaft ist Heimat Politik & Kultur Dossiers erscheinen als Impressum Beilage zu Politik & Kultur, der Zeitung JOCHEN ROOSE ——— 48 des Deutschen Kulturrates, herausgegeben von Olaf Zimmermann und Theo Geißler. Zwischen Stabilitäts Erscheinungsort: Berlin Redaktionsschluss: 22. September 2020 sehnsucht und Kontakt: Deutscher Kulturrat e. V. Fortschrittsglauben Taubenstraße 1, 10117 Berlin Telefon: 030 . 226 05 28 - 0 TINA TEUCHER ——— 50 Fax: 030 . 226 05 28 - 11 post@kulturrat.de, www.kulturrat.de Labore der Redaktion: Olaf Zimmermann (Chefredakteur, V.i.S.d.P.), Nachhaltigkeitswende Gabriele Schulz (Stv. Chefredakteurin), Theresa Brüheim (CvD), Maike Karnebogen, MARIA BÖHMER ——— 52 Jens Kober Verlag: Das Potenzial der ConBrio Verlagsgesellschaft mbH Brunnstraße 23, 93053 Regensburg kulturellen Bildung Telefon: 0941 . 945 93 - 0 Fax: 0941 . 945 93 - 50 SUSANNE KEUCHEL ——— 54 info@conbrio.de, www.conbrio.de ISBN: 978-3-947308-26-2 Emotionale Zugänge ISSN: 1865-2689 BIRGIT ESCHENLOHR ——— 55 Illustrationen: Jan Steins, München Schnee zu Weihnachten! Gestaltung: 4S Design, Berlin KARSTEN SCHWANKE ——— 57 Druck: Freiburger Druck, Freiburg Motor der Veränderung Hinweise: Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben ERNST-CHRISTOPH STOLPER ——— 59 nicht unbedingt die Meinung des Deutschen Kulturrates wieder. Alle veröffentlichten Beiträge Brückenbau sind urheberrechtlich geschützt. Sollte in Bei- trägen auf das generische Femininum verzichtet OLAF ZIMMERMANN UND OLAF BANDT ——— 60 worden sein, geschah dies aus Gründen der besseren Lesbarkeit. Selbstverständlich sind immer weibliche als auch männliche Gruppen- Reise ins Glück angehörige einbezogen. JOCHEN DALLMER ——— 62 5
Jan Steins, der Illustrator dieses Dossiers, zeichnet regelmäßig für Zeitschriften und Magazine, immer auf der Suche nach überzeugenden Bildideen, die er in wechselnden Techniken umsetzt. Das Thema »Heimat & Nachhaltigkeit« war für ihn eine willkom- mene Herausforderung. Die Suche nach einem ent spannten Heimatbegriff, die kritische Betrachtung von Nation und eine freiere Interpretation von Identität finden sich oft in seiner Arbeit wieder. Der erzähleri sche Bogen in diesem Dossier stellt die Frage »Wie groß kann Heimat sein und wo fängt Nachhaltigkeit an?«. Ausgehend vom Geburtsort, dem Zuhause, von Land und Stadt, über Fragen der Nachhaltigkeit bis zu den weiten Erzählungen von Deutschland, Europa und unserem Heimatplaneten – versuchen die Zeichnungen sich dieser Thematik anzunähern. Heimat sind für Jan Steins ganz klar Freunde und Familie, wie er erfahren musste, als er von Berlin nach München zog. 7
SUSANNE KEUCHEL Eine starke Allianz N achhaltigkeit leitet sich aus der Forstwirtschaft ab: Es soll nicht mehr verbraucht werden, als jeweils nachwachsen und künftig wieder bereitgestellt wer- In Deutschland ist die Agenda 2030 noch nicht wirklich breit verankert. Umweltverbände wie der BUND setzen sich hier vorrangig ein, da die Agenda im Einklang mit den kann. den eigenen ökologischen Zielen steht. Warum kam es Nachhaltigkeit steht aktuell nicht im Einklang mit hier zu einem Bündnis zwischen BUND und dem Deut- ökonomischen Prinzipien der Globalisierung, die heu- schen Kulturrat? Und dann noch zu einem Projekt un- te im Kontext der internationalen Marktverflechtung ter dem für viele fragwürdigen Begriff der »Heimat«? weltweit gelten. Mit der Ökonomisierung nichtwirt- Heimat ist ein Singularetantum. Der Duden stützt schaftlicher, gesellschaftlicher Handlungsfelder ging den Einmaligkeitsaspekt durch Bedingungen wie »das parallel ein kultureller Wandel innerhalb unserer Ge- Land oder die Gegend, wo man geboren und aufge- sellschaft einher. Dieser manifestiert sich an Begrif- wachsen ist oder wo man sich zu Hause fühlt, weil man fen wie Selbstoptimierung, Effizienz, Individualisie- schon lange dort wohnt«. Kulturgeschichtlich war Hei- rung von Lebensstilen, Risikogesellschaft, hier auch, mat zunächst nicht an den Geburtsort gebunden, son- sich verantwortlich für die Umsetzung »seiner eige- dern an Fragen des Besitzes: Wer Grundeigentum in ei- nen Präferenzen« unter Wettbewerbsbedingungen zu ner Gemeinde hatte, kam automatisch in den Genuss zeigen. Dabei wird nach Andreas Reckwitz das Streben des »Heimatrechts« und erhielt damit die Erlaubnis nach dem »Einzigartigen«, »Singulären« kultiviert. Kul- zur Verheiratung – oder im Falle der Verarmung – die tur unterstützt so die Akzeptanz ökonomischer Prin- Versorgung durch die Gemeinde. Die Menschenrechts- zipien innerhalb der Gesellschaft, beispielsweise auch erklärung der UNO von 1948, die das Recht der Rück- mit dem »urbanen Konzept des Kosmopoliten«, mit sei- kehr in die jeweils eigene Heimat forderte, koppelte das nen bewusst ausgesuchten, authentischen Konsumgü- Heimatrecht an die Existenz der Person. »Heimat« als tern und Lebensgewohnheiten – für Reckwitz ein Aus- rückwärtsgewandter Begriff wurde vor allem vom Na- druck des »globalen Kulturkapitalismus«. tionalsozialismus in Deutschland befördert. Das »re- Mit Blick auf die Schattenseiten der Globalisierung, gressive« Moment von Heimat sollte als Rückzugsraum wie gesellschaftliche Spaltung, Zunahme rechtspopu- für jene dienen, die durch die Veränderungen der In- listischer Strömungen, nationale Abschottung oder dustriegesellschaft, wie Verstädterung, Marktwirtschaft brennende Fragen des Klimaschutzes, hat Nachhal- oder Verwissenschaftlichung, verunsichert worden wa- tigkeit als alternatives Steuerungsprinzip politisch ren. Flankiert wurde diese Orientierung durch Heimat- an Bedeutung gewonnen, so in der UN-Nachhaltig- filme oder Heimatromane. keitsagenda 2030. Nachhaltigkeit wird hier im Sinne Damit ist das Konzept »Heimat« Beispiel dafür, wie des Brundtland-Berichtes der Vereinten Nationen ver- sich Betrachtungsweisen durch gesellschaftlichen Wan- standen: die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedi- del, aber auch kulturelle Narrative, verändern. Inner- gen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen halb des gemeinsamen Projekts des Deutschen Kultur- zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedi- rates und des BUND wurden kulturelle, ökologische und gen. Die 17 Nachhaltigkeitsziele beziehen sich auf Fra- nachhaltige Perspektiven innerhalb des »Heimatkon- gen des Klima- und Umweltschutzes, aber auch auf Bil- zepts« diskutiert, so auch die Perspektive der »Heimat« dung, Städteentwicklung oder beispielsweise gute Ar- als lokale Ebene, als Gegenpol zum Globalen. beitsplätze. Zur Flankierung der Agenda 2030 wurde Der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger das Weltaktionsprogramm »Bildung für nachhaltige spricht von »Heimat als Nahwelt, als Rahmen, in dem Entwicklung« ins Leben geru- sich Verhaltenserwartungen stabilisieren, in dem sinn- fen, das sich in seiner Umset- volles, abschätzbares Handeln möglich ist«. Heimat Heimat ist ein zung auf die Säulen Ökonomie, bietet damit Chancen erlebter Einflussnahme, die es Singularetantum. Ökologie und Soziales bezieht. Kultur wird hier nicht explizit in komplexen globalen Welten vielfach nicht mehr gibt. So ist auch die aktuelle Demokratieverdrossenheit mit benannt. Auch wenn es immer darauf zurückzuführen, dass selbst auf der nationalen wieder Stimmen gibt, wie beispielsweise die UNESCO, Politikebene in einem globalisierten Zeitalter vieles die betont, dass keine Entwicklung ohne die Einbe- nicht mehr demokratisch mitgestaltet werden kann. ziehung der Kultur nachhaltig sein kann, mit dem Ar- Neben der gestalterischen Perspektive wird Hei- gument: »Kultur ist das, was wir sind und was unsere mat kulturell auch zu einem »Ort der Verbundenheit«, Identität formt«. durch kulturelle Narrative wie das Bergbaulied, das ört- 8
liche Volksfest, der historische Kern einer Gemeinde und anderen Besonderheiten des Ortes, die es zu ent- decken gilt. Die Kulturanthropologin Ina-Maria Gre- verus spricht davon, dass Heimat ein Raum ist, »den man sich durch einen schöpferischen Prozess aktiv an- eignen kann«. Mit dieser Aneignung von »Heimat« ergeben sich fol- gerichtig auch andere ökologische Ansprüche: Die ei- gene Heimat soll positiv gestaltet werden: Wir erleben hier Umwelt unmittelbar und setzen uns dafür ein, dass Atommüll nicht vor der Haustür gelagert, die Luft oder das Trinkwasser nicht mit Schadstoffen belastet wird. So könnte geschlussfolgert werden: Nachhaltigkeit braucht Heimat – hier auch im übertragenen Sinne – eine kulturelle Heimat, in Form kultureller Narrative und Gestaltungsvisionen für heutige und kommende Generationen! So erklärt sich anschaulich am Beispiel des Konzepts Heimat die Motivation eines Bündnisses zwischen dem BUND und dem Deutschen Kulturrat. Eine ökologische Betrachtung ermittelt anhand des Wechselspiels von Mensch und Natur Existenzbedin- eine ökologische Identität zu schaffen, wie beispiels- gungen. Negative Veränderungen der Umwelt führen weise die Philologische Bibliothek in Berlin, das soge- damit zwangsweise zu dem Schluss der Notwendigkeit nannte »Berlin Brain«, ein Bau, der Ästhetik mit Um- einer Verhaltensveränderung. Es muss weniger Wasser weltbewusstsein verbindet. verbraucht werden etc. So wird Nachhaltigkeit oft zu ei- Neben dem kulturellen Narrativ verweist das Archi- ner »lästigen« Pflicht. Denn Verzicht und Verbote sind tekturbeispiel noch auf einen weiteren gestalterischen für viele wenig motivierend, ihr Verhalten zu ändern, Aspekt der Künste: Künste als kreativer Motor für alter- sondern provozieren oft sogar eher Abwehrhaltungen. native Lösungswege. So wird beispielsweise im »Berlin Eine kulturelle gestalterische Perspektive begreift Brain« die komplette Elektro- und Heizungsanlage mit Nachhaltigkeit als Vision und nicht als Schadensbe- Rapsöl betrieben. grenzung. Die kulturelle Dimension, wie wollen wir in Und es gibt eine weitere kulturelle Dimension, die Zukunft leben und wie können wir erreichen, dass die- des kritischen Korrektivs der »Künste« durch Perspek- se Vision wahr wird, kann motivierender sein. Zugleich tivwechsel, gesellschaftliche Praxis infrage zu stellen. liegt das Potenzial der Künste in ihrer Ergebnisoffen- Dies kann sich aktuell auf ökonomische Prinzipien, aber heit und ihrem experimentellen Vorgehen – als Alter- beispielsweise auch auf Prinzipien einer nachhaltigen native gegenüber dem Ableiten von normativen Vorga- Gesellschaft in der Zukunft beziehen, um erneut Raum ben, aufgrund einer Ist-Bilanz. Oftmals entwickeln sich für alternative Werte und Gestaltungsfreiheit der Indi- hierdurch alternative Gestaltungswege, insbesondere viduen zu schaffen. Aber damit die Zukunftsvision ei- wenn diese nicht nur ökologische Perspektiven, sondern ner nachhaltigen Gesellschaft Realität wird, bedarf es weitere, wie die humane, mit einbeziehen. zunächst starker Allianzen für Nachhaltigkeit, wie die Kultur kann also diverse Beiträge zur Nachhaltigkeit zwischen Kultur und Umweltschutz. und speziell zu ökologischen Herausforderungen leis- ten: Sie kann innerhalb der eigenen Organisation ei- Susanne Keuchel ist Präsidentin nen konkreten Beitrag zum Klima- und Umweltschutz des Deutschen Kulturrates. leisten, beispielsweise bei Fragen des Catering bis hin zur Mobilität. Kultur ist aber auch selbst produzierend tätig, z. B. im Kontext des Modedesigns oder der Architektur. Hier geht es nicht nur um Fragen des ökologischen Produ- zierens, sondern auch darum u lturelle Narrative für 9
Natur ohne Kultur hat in einer Gesellschaft keine Perspektive HUBERT WEIGER E s war Mord! Am Abend noch krähte der Hahn Marcel unbeschwert auf dem Mist- haufen, am Morgen lag er erschlagen im Natur und Kultur nicht als Gegensätze, son- dern als gegenseitige Durchdringung zu be- handeln, ist eine zentrale Aufgabe, der sich Garten. Der Täter war schnell gefunden. Ein der BUND und der Deutsche Kulturrat in ih- Nachbar war genervt gewesen vom stän- rer Kooperation angenommen haben. digen Krähen des Federviehs. Diese klei- Denn auch wenn das Gesicht einer Land- ne Geschichte hat in Frankreich eine hef- schaft durch natürliche Faktoren wie Geolo- tige Diskussion über das Landleben losge- gie oder Klima bedingt ist, es ist auch immer treten. Denn das ist nicht so ruhig und idyl- das Ergebnis eines jahrhundertelangen Kul- lisch, wie es die nach Erholung suchenden turprozesses. Natur und Kultur gehören zu- Städter sich wünschen. sammen. Auch die Geschichte des Umwelt- Die ländlichen Traditionen sind in Ge- und Naturschutzes ist die Geschichte gesell- fahr, denn in den Sommermonaten und Fe- schaftlicher und kultureller Entwicklungen. rien kommt es immer wieder zu einer Art Die Wurzeln des Naturschutzes sind im Kulturkampf. Urlauber aus den Metropolen Landschaftsschutz zu suchen. Beziehungen fallen in die kleinen, landwirtschaftlich ge- zur Ästhetik und zum Heimatschutz lassen prägten Gemeinden ein, auf der Suche nach sich zurückführen auf die idealisierte, sen- Ruhe und Erholung. Was sie finden, ist aber timentale Landschaftsmalerei des 16. und nicht das erhoffte Idyll, sondern die Reali- 17. Jahrhunderts. Um 1800 wurde der Begriff tät auf dem Lande: arbeitende Menschen, Naturdenkmal durch Alexander von Hum- krähende Hähne, ratternde Traktoren oder boldt in Reisebeschreibungen aus Amerika laut muhende Kühe. Nicht alle gehen dage- geprägt. Betont wurden Gefühlsstärke und gen so rabiat vor wie im Fall Marcel. Aber Heimatbewusstsein, was 1836 zur Auswei- oft landet der Streit vor Gerichten. Nun for- sung des ersten amtlichen Schutzgebietes dert der Bürgermeister der kleinen Gemein- in Deutschland führte, des Drachenfelsens. de Gajac im Département Gironde, das Krä- Heute ist Natur unter unseren mitteleu- hen der Hähne, Kläffen der Hunde, Muhen ropäischen Bedingungen kaum noch etwas der Kühe oder das Blöken der Schafe zum Ursprüngliches, sondern etwas vom Men- nationalen Kulturerbe zu erheben. Dann schen gestaltetes, eine Kultur- und keine wäre es den lärmempfindlichen Städtern Naturlandschaft. Die Wahrnehmung von nicht mehr möglich, dagegen zu klagen. Im Landschaft als etwas Schönes charakteri- Parlament ist ein Gesetz zum Schutz des siert die äußere Erscheinung von Natur und »sensorischen Erbes« der ländlichen Gegen- Landschaft, die in einer Ganzheitlichkeit mit den Frankreichs bereits beschlossen. Nun allen Sinnen auf den Menschen wirkt. Wie fehlt nur noch die Zustimmung des Senats. wir sie wahrnehmen, ist eine Mischung aus 10
objektiv Gegebenem, aus Erinnerungen und Deren schwerere Entflammbarkeit im Ver- Es braucht Zeit und Raum, Orte und Be- Erwartungen, aus der jeweils subjektiven gleich zu anderen Hölzern half beim vor- gegnungsmöglichkeiten, um generationen- Betrachtungsweise und auch aus der kultu- beugenden Brandschutz. Es gibt zahlrei- übergreifend Visionen für ein gutes Leben rellen Einbettung. Für jeden ist Landschaft che eindrucksvolle Beispiele, wie neben den zu entwickeln und somit eine gesunde Ba- etwas anderes, etwas Individuelles. Land- klassischen Nutzungen durch Land-, Forst- sis für gemeinsame Aktivitäten zu bauen. schaft ist gekennzeichnet von Einzigartig- und Wasserwirtschaft, auch infrastruktu- Natur ohne Kultur grenzt Menschen aus keit, Unverwechselbarkeit, Eigenart, von relle, kulturelle oder militärische Interes- und wird langfristig keine Zukunft haben. winzigen Unregelmäßigkeiten. Jedes De- sen die biologische Vielfalt unserer Land- Auch der Schutz von Gebieten, in denen tail ist ein Unikat, Landschaft kennt keine schaften direkt oder in- sich Natur entwickeln exakten Wiederholungen. Eine Landschaft direkt in Raum und Zeit darf, braucht die Akzep- hat ein Gesicht, ist Heimat und ist weder beeinflussten und be- Eine Landschaft hat ein tanz der Bevölkerung. austauschbar noch ausgleichbar. Landschaft einflussen. Wie der ehe- Gesicht, ist Heimat Zurückkehrende Wild- will entdeckt werden, sie hat Spuren, die ge- malige Eiserne Vorhang. lesen werden wollen. Als schön werden da- Dieser Todesstreifen hat und ist weder austausch- tiere stellen uns vor He- rausforderungen, wenn bei in der Regel Landschaften empfunden, sich während der Jahr- bar noch ausgleichbar. sie, wie z. B. der Biber, die auch für den Naturschutz bedeutsam zehnte dauernden Tei- Landschaften gestalten. sind, so z. B. Landschaften mit einer Viel- lung unseres Landes zu einer grünen Le- Das Märchen vom bösen Wolf ist noch tief falt an Strukturen. benslinie entwickelt. Auf 1.393 Kilometern in unserem Gedächtnis verankert – auch Wir lieben Wälder mit mächtigen Bäu- leben heute eine Vielzahl von gefährdeten wenn die Gebrüder Grimm damals Märchen men, in denen wir aufatmen können und Tier- und Pflanzenarten. Das Grüne Band für Erwachsene zusammengetragen hatten, die uns Erholungsraum bieten. Touristisch ist somit sowohl als Mahnmal einer dunk- in der der Wolf eine ganz andere Bedeu- haben extensive Weidelandschaften und len, menschenverachtenden Vergangenheit tung hatte. Sobald Weidetiere vom Wolf ge- blühende Wiesen einen hohen Erholungs- als auch als Hoffnungszeichen für die fried- rissen werden, sind Konflikte vorprogram- wert. Diese Landschaften wurden über vie- liche Überwindung derselben und für die miert. Auch hier brauchen wir eine Kultur le Generationen von Menschen gestaltet. Vielfalt und Schönheit der Natur ein wichti- des Miteinanders. Dieses können wir über Brennrechte für Schnaps waren oft an Obst- ges Symbol. Es verbindet Ost und West und länderübergreifende Naturschutzkonzepte, bäume gebunden und führten dazu, dass lädt zur Begegnung und zum Erfahren und aber auch über Bildungsmaßnahmen und zur Geburt eines Kindes ein Apfel- oder Bir- Begreifen unserer gemeinsamen Kulturge- künstlerische Auseinandersetzungen mit nenbaum gepflanzt wurden. Wenn wir heu- schichte und unseres gemeinsamen Natur- dem Thema fördern. Es gibt fast 40 Nati- te über Fichtenmonokulturen oder einen erbes ein. Frieden und Demokratie sind kei- onalparks in Europa. Um die Grenzen zu zu hohen Kieferanteil in manchen Wäldern ne Selbstverständlichkeit. Als Gesellschaft überwinden, braucht es Menschen vor Ort, klagen, vergessen wir manchmal, welch be- müssen wir Menschen aller Nationen und die sich engagieren. eindruckende und entbehrungsreiche Kul- »Heimaten« die Möglichkeit bieten, sich Oder Hähne wie Marcel. Der hat vor sei- turleistung hier für den Wiederaufbau des aktiv einzubringen und sich für gute Ent- nem unsanften Ableben für ausreichend Waldes vorwiegend von Frauen geleistet wicklungsmöglichkeiten auch für zukünf- Nachkommen gesorgt. Vor Kurzem sind wurde. Mit Rucksack und Wasserkanister tige Generationen einzusetzen. fünf Küken geschlüpft – ein neuer Hahn bestiegen diese entschlossenen Frauen zu ist sicher auch darunter. Fuß unwegsames Gelände, um die frischen Setzlinge nach dem Pflanzen regelmäßig Hubert Weiger ist Ehrenvorsitzender zu gießen. Dieses Engagement wurde 1972 des Bund für Umwelt und Naturschutz mit dem Symbol der Baumpflanzerin auf Deutschland. Er hat zusammen mit der 50-Pfennig-Münze gewürdigt. Olaf Zimmermann das gemeinsame Pro- Menschen nutzen oft die scheinbar na- jekt vom Deutschen Kulturrat und BUND türlichen Ressourcen, um ihre Bedürfnis- »Heimat – was ist das?« entwickelt. se zu befriedigen. Aus alltäglichen Hand- lungen wurden die Landschaften geformt, die uns umgeben. So hat die Dominanz von Eichen vielerorts banale Gründe: Man brauchte gutes Holz für die Aussteuermö- bel und den Hausbau. 11
G ottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) wird gerne Leibniz und Goethe, zwei Persönlichkeiten, die für die als der letzte Universalgelehrte bezeichnet. Er war Verbindung von Natur und Kultur stehen, die sowohl als Philosoph, Mathematiker, Jurist, Historiker und Natur- als auch als Geisteswissenschaftler bzw. Künstler politischer Berater des Hauses Hannover in der frühen tätig waren. Eine Verbindung, die heute ausgesprochen Aufklärung. In der nach ihm benannten Gottfried Wil- selten zu finden ist. Sehr schnell entscheiden sich Ju- helm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Staatsbib- gendliche für einen Weg: Natur- oder Geistes- bzw. Ge- liothek kann unter anderem eine von ihm entwickelte sellschaftswissenschaften. Die einen begeistern sich für Rechenmaschine bewundert werden. Leibniz beschrieb die belebte Natur, ergründen beim Mikroskopieren das das Dualsystem, entwickelte Pläne für ein Untersee- ganz Kleine oder schwärmen für das ganz Große und boot (!), erdachte ein Gerät zur Bestimmung der Wind- streben in die Weiten des Alls; die anderen erfreuen messung, er gründete eine Witwen- und Waisenkasse, sich an Kunst, sind selbst kreativ, setzen sich mit der erfand die Endloskette zur Erzförde- Geschichte oder unserer heutigen Gesellschaft und Ge- rung im Bergbau, verfasste sprach- genwart auseinander. Nur wenige sind in beiden Wel- Nachhaltige Entwicklung kundliche Schriften unter ande- ten zu Hause. Das führt sehr oft dazu, dass sich die ei- kann nur mit einem kul rem zur Indogermanistik und kor- nen in der BUNDjugend oder den Jugendorganisationen respondierte mit den Geistesgrößen anderer Umwelt- und Naturschutzverbände engagieren turellen Wandel gelingen. seiner Zeit. Leibniz war nicht fest- und die anderen Instrumente oder Theater spielen, im gelegt als Natur- oder Geisteswis- Chor singen, malen, zeichnen, schreiben usw. Nur sehr senschaftler. Er war ein Gelehrter, der selbstverständ- wenige machen beides. lich in den sieben artes – Grammatik, Rhetorik, Dia- Das Projekt »Heimat – was ist das?« setzt genau an lektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie – zu dieser Stelle an. Es ging darum, Verbindungen zu schaf- Hause war. Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) fen, von Menschen und Organisationen, die sich für den war von Beruf Jurist und Beamter im Dienst des Hofes Natur- und Umweltschutz einsetzen, und jenen, die sich von Weimar. Als Beamter war er unter anderem für den für die Kultur, vor allem die kulturelle Vielfalt, stark ma- Bergbau und für Holz- und Forstwirtschaft zuständig, chen. Neben den verschiedenen Veranstaltungen, die ihm wurden die Kammergeschäfte – also die Staats- um die unterschiedlichen Ziele der UN-Agenda 2030 finanzen – anvertraut, er war verantwortlich für Aus- kreisten und stets vom Dialog von Vertreterinnen und hebung von Rekruten, er war Literat und ein begab- Vertretern aus dem Umweltschutz- und dem Kultur- ter Zeichner, leitete das Hoftheater und er war Natur- bereich geprägt waren, war unser Ziel, den Dialog vor forscher mit einem besonderen Interesse für Botanik, Ort zu befördern. Menschen in das Gespräch zu brin- Geologie und Mineralogie. Bekannt ist ferner seine Far- gen, über tatsächliche oder vermeintliche Grenzen hin- benlehre. Goethe widmete sich lebenslang intensiv Na- weg sich auszutauschen, die eigenen Zugänge zu reflek- turstudien, die in sein literarisches Werk Eingang fan- tieren und zu lernen. Dass es Interesse und Bedarf an den. Als junger Mensch erlernte er selbstverständlich diesem Austausch gibt, zeigt die Ausschreibung zum die klassischen Sprachen Latein, Griechisch und Heb- letzten Wettbewerb des Fonds Nachhaltigkeitskultur räisch. Darüber hinaus erlernte er die lebenden Spra- zum Thema »Heimat«, die gemeinsam vom BUND, der chen Französisch, Italienisch und Englisch. Neben na- BUNDjugend und dem Deutschen Kulturrat in einer Ide- turwissenschaftlichem Unterricht erlernte er Klavier, enwerkstatt entwickelt worden war. Bewerben konnten Reiten und Fechten. sich Akteure aus dem Naturschutz- und Umweltbereich und solche aus der Kultur. Für ein gutes Leben OLAF ZIMMERMANN 12
Der Charme der Ausschreibung lag darin, dass sie sich Die 2015 verabschiedete UN-Agenda 2030 für nachhal- für ein gemeinsames Projekt bewerben mussten. Mit tige Entwicklung ist hierfür eine hervorragende Leit- über 270 Bewerbungen war diese Ausschreibung die er- schnur. Sie zeigt, dass jeder in jedem Land dieses Pla- folgreichste des Fonds Nachhaltigkeitskultur und be- neten seine Hausaufgaben zu machen hat, um nach- legt, dass es offenbar das Interesse und den Bedarf nach haltig zu wirtschaften und zu leben. diesen gemeinsamen Projekten gibt. Ein sehr schöner Dazu gehört auch, über den Tellerrand zu schauen, Erfolg, der allerdings dadurch getrübt wird, dass der von anderen gesellschaftlichen Bereichen zu lernen und Fonds Nachhaltigkeitskultur vom Rat für Nachhaltige zusammenzuarbeiten. Ich freue mich daher sehr, dass Entwicklung nicht fortgeführt wird. Das ist sehr bedau- mit dem Ende des Projektes »Heimat – was ist das?« die erlich, denn die Resonanz auf den Wettbewerb zeigt den Zusammenarbeit zwischen BUND und Deutschem Kul- Bedarf an. Generell scheint sich der Rat für Nachhalti- turrat nicht zu Ende ist. Gemeinsam wollen wir uns da- ge Entwicklung wieder mehr auf die entwicklungs- und für stark machen, dass das Grüne Band als UNESCO-Na- umweltpolitische Debatte zu konzentrieren als einen tur- und Kulturerbe anerkannt wird, und damit unter- weiten Blick einzunehmen. So wurde von Bundeskanz- streichen, dass dieses einmalige Zeugnis der überwun- lerin Angela Merkel am 1. Januar dieses Jahres niemand denen deutschen Teilung nicht nur Überlebensort für aus dem Kulturbereich in den Rat (2020–2023) berufen. seltene Pflanzen und Tiere ist, sondern auch ein Kul- Hier wird eine Chance vertan. Denn nachhaltige Ent- turort, ein Erinnerungsort, der uns viel über Gemein- wicklung ist mehr als Umwelt- und Klimaschutz, sie ist sames und Unterschiedliches in Ost und West zu sagen mehr als die Umsetzung entwicklungspolitischer Zie- hat. Zusammen wollen wir uns stärker der Frage wid- le. Nachhaltige Entwicklung kann nur mit einem kul- men, was das gute Leben ausmacht und welchen Bei- turellen Wandel gelingen. trag die Künste und die Kultur zum guten Leben leis- In der Zivilgesellschaft ist diese Erkenntnis schon ten und wie dieses gute Leben nachhaltig gelingen kann. länger angekommen. Im Zuge der TTIP-Proteste in den Die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen und vonein- Jahren 2015 und 2016 verstärkte sich der Austausch der ander zu lernen, ist der Grundstein für die anstehen- verschiedenen zivilgesellschaftlichen Akteure aus dem den gemeinsamen Debatten, auf die ich mich sehr freue. Umwelt- und Naturschutz, aus der Wohlfahrtspflege, Auch wenn die Zeit der Universalgelehrten schon der Entwicklungspolitik, den Gewerkschaften, der Kul- lange vorbei ist, gilt es ganz im Sinne der nachhaltigen tur und vielen anderen mehr. Dabei ging es für den Kul- Entwicklungen Trennungen zwischen Naturwissen- turbereich stets um mehr als um Schutzmechanismen schaften, Geisteswissenschaften und Kunst zu über- vor den marktbeherrschenden US-amerikanischen In- winden und sich gemeinsam für die anstehenden Ver- ternetkonzernen. Es ging und geht auch um die Frage, änderungen, die uns alle herausfordern, einzusetzen. wie wir leben wollen und welchen Beitrag Kunst und Nichts ist spannender, nicht ist notwendiger, als ge- Kultur zu einem guten Leben leisten können. meinsam für ein gutes Leben für alle zu kämpfen. Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Er hat zusammen mit Hubert Weiger das gemeinsame Projekt vom Deutschen Kulturrat und BUND »Heimat – was ist das?« entwickelt. 13
14
MARC-OLIVER PAHL Die querliegende Größe D ie Bewältigung der Covid-19-Pandemie stellt Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vor große Herausforde- rungen. Die Krise zeigt, dass es möglich ist, für drin- onen und ethische Verhaltensnormen, Bildung und so- ziales Engagement, die als Eckpfeiler für Gesellschaften und Individuen es ermöglichen, geistige und soziale Fä- gend benötigte akute Unterstützungsmaßnahmen, wie higkeiten auszubilden, Probleme zu erkennen und Lö- Kurzarbeitergeld oder milliardenschwere Konjunktur- sungsmöglichkeiten zu finden. pakete, die nötigen finanziellen Mittel bereitzustellen. Spätestens durch die Verabschiedung der 17 Susta- Die Krise zeigt aber auch, dass in die Prävention weite- inable Development Goals (SDGs) im Jahr 2015 mit ih- rer Krisen und die Stärkung der gesellschaftlichen Wi- ren insgesamt 169 Unterzielen und der Zielerreichung derstandsfähigkeit investiert werden muss. Dafür gilt bis zum Jahr 2030 sind die Anforderungen klar vorge- oberste politische Priorität. Darüber hinaus darf nicht geben und verdeutlichen damit den Auftrag für Poli- vergessen werden, dass sich die Welt bereits in einer tik und Gesellschaft, einen durchgreifenden Wandel viel größeren Krise befindet – der Klimakrise. Eine Kri- auf allen Ebenen herbeizuführen. Doch nach gut fünf se, die nicht allein durch ein Konjunkturpaket über- Jahren der Implementierung der SDGs stehen in vie- wunden werden kann. Diese aus den Augen zu verlie- len Bereichen die Indikatoren nach wie vor auf Sta- ren wäre fatal. gnation bzw. Verschlechterung der Situationen. Um Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) hat im jedoch eine Transformation hin zu einem nachhalti- Mai 2020 acht Empfehlungen entwickelt, welche einen gen Umgang mit den zur Verfügung stehenden Res- Weg aus der Krise im Zeichen der Nachhaltigkeit auf- sourcen voranzutreiben – und es sind keine zehn Jah- zeigen. Ganz entscheidend ist, dass Nachhaltigkeit zum re mehr bis 2030 –, bedarf es neuer Lösungswege, die Leitprinzip für alle Schritte raus aus der Krise gemacht auf die Durchbrechung bestehender Konsummuster so- wird, denn für ein späteres grundlegendes Nachkorri- wie Normen- und Wertesysteme abzielen. Dabei spie- gieren wird es auch in einer finanzstarken Bundesre- len Kultur und ihre zivilgesellschaftlichen und staatli- publik keinen Spielraum geben. Nachhaltige ökologi- chen Akteure eine starke Rolle. Denn was unter Kultur sche, soziale wie auch ökonomische Strukturen sind verstanden wird, unterliegt einem permanenten De- nachweislich weniger risikoanfällig. finitionswandel. Ohne die Schaffung eines Bewusst- Was grundsätzlich nicht passieren darf, ist ein Besin- seins zur Nachhaltigkeit in der Gesellschaft, ist die nen auf Altes und Gewohntes. Auch nach der Finanz- Transformation nicht zu bewerkstelligen. Schon Al- krise in den Jahren 2008 und 2009 sind mit unglaub- dous Huxley schrieb über die Kultur: »… Kultur ist das licher Geschwindigkeit und unter Missachtung der ei- Treibhaus, das es den menschlichen Fähigkeiten er- gentlichen Ursachen der Krise alte Strukturen wieder laubt, sich zu entwickeln und zugleich das Gefängnis, aufgenommen worden – ein Stichwort unter anderem das sie einengt«. »Hochrisikogeschäfte im Investmentbanking«. Ein Pen- dant im Nachhaltigkeitsdiskurs wäre ein Zurückfallen Was unter Kultur verstanden und die Reduzierung von Nachhaltigkeit auf ein Um- weltprogramm oder den Umweltschutz. Dekaden vor- wird, unterliegt einem permanenten angeschrittener Debatten um Nachhaltigkeit und Wir- Definitionswandel. kungen von Programmen wären verloren. Der RNE fordert und fördert daher unter anderem Auf Initiative des Deutschen Bundestages hin hat der eine Kultur der Nachhaltigkeit. Es ist nicht ausschließ- RNE im Jahr 2017 den Fonds Nachhaltigkeitskultur ins lich der Gedanke, dass Nachhaltigkeitspolitik nach wie Leben gerufen. Der Fonds ist ein projektinternes För- vor zu wenig mit Themen, Konzepten und Prozessen aus derprogramm, welches das transformierende Potenzi- Kunst und Kultur verbunden ist und umgekehrt. Es geht al der Alltagskultur und von Kulturschaffenden unter- sehr viel mehr darum, das Leitbild einer nachhaltigen stützt. Künstlerische Beiträge spielen ebenso eine Rolle Entwicklung zu verwirklichen. Es bedarf tiefgreifender wie politische Kultur und Soziokultur. Thematisch sind neuer Weichenstellungen in Politik, Wirtschaft und Ge- die vergebenen Förderungen den sogenannten Alltags- sellschaft, um den Paradigmenwechsel, der alle Berei- kulturen zugeordnet, wie z. B. der Esskultur, der Mo- che unseres Lebens tangiert, zu vollziehen. Kultur und bilitätskultur und der Modekultur. Die Projekte sollen gesellschaftlicher Wandel stehen im engen Zusammen- sich den gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen hang mit nachhaltiger Entwicklung. Es sind die kultu- widmen und damit den Wandel durch eine Neubewer- rellen Grundwerte der Gesellschaft, Lebensstile, Religi- tung bestehender Routinen vorantreiben. Wesentliche 15
Idee der Förderungen ist die Stärkung längerfristiger Im Rahmen des Projekts wurde der Ideenwettbewerb gesellschaftlicher Prozesse für eine nachhaltige Ent- zum Thema »Kultur + Nachhaltigkeit = Heimat« entwi- wicklung und die Verknüpfungen zwischen Akteuren, ckelt, um Akteure aus der Kulturszene und dem Bereich Sektoren und Lebensbereichen. Silodenken wird auf- Natur- und Umweltschutz dazu aufzurufen, in Koopera- gebrochen und neue Netzwerke entstehen. tionsprojekten einen Beitrag zu einer nachhaltigen Ent- Mittlerweile wurden über 80 Projekte mit einer Lauf- wicklungskultur zu leisten. Der Begriff der Heimat ist zeit von durchschnittlichen zwölf Monaten gefördert. hier das verbindende Glied: So sind z. B. der Wald und Häufig geht es darum, Unbekanntes zu wagen und Gren- die Landschaft kulturell prägend besetzt. Die Begriffe zen zu überschreiten, sich auf Neues einzulassen, tech- Landeskultur und Kulturlandschaft unterstrichen dies nische Möglichkeiten, etwa durch die Digitalisierung, schon früh. Die Resonanz auf diesen Ideenwettbewerb zu nutzen, aber auch kulturelle Traditionen und Tech- war mit über 270 Projektanträgen überwältigend und niken neu zu beleben. Kunst und Kultur, Kreativwirt- stellt einen neuen Teilnehmerrekord in den bisher fünf schaft und Kulturschaffende sind dafür prädestiniert, durchgeführten Ideenwettbewerben des Fonds Nach- dringend benötigte Veränderungsprozesse anzusto- haltigkeitskultur dar. ßen und zu begleiten. Neue Lösungswege werden auf- Durch die Covid-19-Pandemie hat sich die geplan- gezeigt, Denkmuster durchbrochen, Räume und Haltun- te Förderung der Gewinnerprojekte vom Frühjahr 2020 gen werden dargeboten, die zu einem Perspektivwech- in den Herbst verschoben. Nach Sichtung ca. der Hälfte sel anregen – hin zu mehr Nachhaltigkeit. der Anträge ist davon auszugehen, dass aus den Projekt- Als sehr gutes Beispiel kann in diesem Rahmen die einsendungen hervorragende Projekte gefördert wer- Förderung des Deutschen Kulturrates genannt werden. den können. Dies wird ein weiteres Ergebnis der erfolg- In Zusammenarbeit mit dem Bund für Umwelt und Na- reichen Kooperation mit dem Deutschen Kulturrat sein. turschutz Deutschland (BUND) tauschen sich seit 2018 Die zurückliegenden drei Jahre des Bestehens des Kulturschaffende und Naturschutzakteure unter dem Fonds Nachhaltigkeitskultur und die geförderten Pro- Titel »Heimat – was ist das?« aus, um neue Perspekti- jekte haben gezeigt, dass es wichtig ist, die Kultur als ven auf Kultur und Umwelt zu fördern. querliegende Größe in den Dimensionen der Nachhal- tigkeit zu denken. Die Kultur der Nachhaltigkeit als Handlungsmodus, durch den Wertorientierungen ent- wickelt, reflektiert, verändert und ökonomische, öko- logische und soziale Interessen austariert werden. Das ist keine neue Erkenntnis, es zeigt sich aber, dass ge- rade in Krisenzeiten systemische Herangehensweisen für sämtliche Themen der 17 SDGs auf allen Politike- benen das Gebot der Stunde sind. Marc-Oliver Pahl ist Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung. 16
MARKUS KERBER Gesellschaftliche Nachhaltigkeit Herr Kerber, der traditionelle Heimat Welche Vorstellung von »Nachhaltig- Was unterscheidet »Nachhaltig- begriff ist an Herkunftsorte gebunden. keit« haben Sie? In der aktuellen keit« von »Dauerhaftigkeit«? Haben Sie einen modernen Heimat politischen Diskussion wird der Begriff Mehr als der Begriff der Dauerhaftigkeit im- begriff, der darüber hinausgeht? oftmals auf Klima- und Umweltpoli- pliziert Nachhaltigkeit etwas Dynamisches. Unsere Definition als Ministerium, die ich tik fokussiert – ist das zu eng? Eine lebendige Entwicklung so gestalten, mir auch persönlich zu eigen mache: Hei- Das ist sicher sehr eng. Die wirtschaftliche dass sie nicht zerstörerische Züge annimmt. mat ist überall dort, wo man sich wohl und und die soziale Nachhaltigkeit wird unter- Deswegen war wahrscheinlich der Bereich geborgen fühlt, wo man zu Hause sein darf schätzt, nicht von der Bundesregierung, der Ökologie, der sehr nah an der Biolo- und auch sein möchte. Heimat hat mehre- aber zum Teil im medialen Diskurs. Unsere gie und den Naturwissenschaften ist, ei- re Dimensionen. Man kann nur dort behei- eigene Zuständigkeit als Bundesministeri- ner der ersten, der das aufgegriffen hat – matet sein, wo es einem auch emotional um des Innern, für Bau und Heimat (BMI) weil dort erkennbar wurde, dass übermä- gut geht, wo man eine wirtschaftliche und für Nachhaltigkeit bezieht sich unter an- ßiger Ressourcenverzehr, eine nichtnach- soziale Basis hat, wo Freunde und Bezugs- derem auf die gleichwertigen Lebensver- haltige Lebensweise in globaler Wirtschaft, personen sind, wo man selbst dazugehö- hältnisse und auf den gesellschaftlichen Zu- den Menschen die Lebensgrundlage ent- ren möchte und auch von den anderen ak- sammenhalt. Wenn Lebensverhältnisse zu zieht. Jetzt marschiert aber die Weltbevöl- zeptiert wird, in einer offenen Gesellschaft. sehr auseinanderdriften, wenn plötzlich alle kerung in Richtung zehn Milliarden Men- Ich persönlich hatte biografisch mehre- auf die Idee kommen würden oder einem schen. Wir müssen uns verändern in Rich- re Heimaten, das war nie ein Problem. Es ist Zwang unterlägen, in die Städte zu ziehen, tung Nachhaltigkeit, die dieser Zahl eine auch wichtig, in einer Welt mit immensen wäre das keine nachhaltige Entwicklung in Existenz ermöglicht. Migrationsbewegungen zu erkennen, dass einem Flächenstaat. Auf Deutschland bezogen: Wir haben der Mensch mehrere Heimaten haben kann, Nachhaltigkeit ist für uns eine alle ge- schon länger die Entwicklung, dass Men- viele sogar gezwungen sind, eine neue Hei- sellschaftlichen Gruppen mitnehmende schen zunehmend pendeln zwischen Wohn- mat zu finden. Es stimmt aber auch, dass Entwicklung, die nicht zu viele Ressourcen ort und Arbeitsplatz. Durch möglichst de- viele Menschen ihren Lebensmittelpunkt verzehrt, die nicht Menschen unter Stress zentrale Struktur- und Investitionspolitik, zunächst mal gern dort behalten möchten, setzt und die ihnen ein gedeihliches, fried- mehr Wohnungsbaupolitik wollen wir die wo sie geboren und aufgewachsen sind. Als liches und kreatives Zusammenleben mit Voraussetzungen dafür schaffen, dass Men- wir begannen, den Begriff der Heimatpolitik anderen ermöglicht. Das ist gesellschaftli- schen dort leben können, wo sie gerne leben in Politik umzusetzen, zeigte uns Professor che Nachhaltigkeit. Eine Gesellschaft, de- wollen – das ist ein Kern der Heimatpolitik. Jens Südekum aus Düsseldorf bei einer Po- ren Infrastrukturen teilweise verfallen und Nicht nur Metropolen und Oberzentren in diumsdiskussion mit dem Minister eine er- die von Extremismen bedroht ist, die ihre einem überspannten urbanen Verständnis staunliche Statistik: 65 Prozent aller Men- Offenheit und Integrationsfähigkeit ver- von Modernität fördern, sondern gleichge- schen in Deutschland haben ihren Geburts-, liert, ist nicht nachhaltig. Weil das im In- wichtig zwischen urbanen und ländlichen Lebens- und Todesort innerhalb des Krei- nenministerium nicht negiert wird, ist ei- Räumen den Menschen Lebensmöglich- ses einer Postleitzahl. Und ebenfalls 65 Pro- ner unserer Kernbegriffe die Wahrung des keit nach ihren Wünschen zu schaffen – im zent aller Menschen in Deutschland erle- gesellschaftlichen Miteinanders. Prinzip ist das die Rückkehr zu mehr staat- ben dies in Orten mit weniger als 100.000 lichem Bemühen in der Infrastrukturpolitik Einwohnern. Das gehört auch zur Realität. und der Daseinsvorsorge. Schulen, Arztpra- xen, Krankenhäuser, Pflegeheime, Jugend- häuser, Kinos auch auf dem Land – es sind eigentlich relativ traditionelle Mittel, die jetzt ein Revival in der staatlichen Zuwen- dung erleben. 17
Im Koalitionsvertrag, der die Arbeits Dann kam Corona und es funktionierte. Wir Da muss die Heimatpolitik in den nächsten grundlage dieser Regierung bildet, war hatten uns geirrt, Minister Seehofer, der von Monaten wohl ein Resümee ziehen, einen eine Kommission zum Thema »Gleich Anfang an dieses Modell unterstützte, weil Lessons-learned-Prozess machen: Was ler- wertige Lebensverhältnisse« beschlos er an die Motivation der Mitarbeiter glaub- nen wir daraus für eine stärkere heimische sen worden. Die hat vor einem Jahr te, lag richtig. Tourismusnutzung? Dafür sind allerdings einen Bericht vorgelegt, aus dem die die Kollegen aus dem Wirtschafts- und Ver- Bundesregierung Arbeitsschwerpunk Hat die Verbindung von Heimat und kehrsministerium zuständig. Ich vermute, te ableitete. Ganz vorn steht dabei – Nachhaltigkeit in der Umsetzung dass aber die Tourismusindustrie andere Sie haben es angedeutet – mehr Geld des Kohleausstiegs – der vielen viel Konzepte entwickeln und anbieten wird. für Kommunen in ländlichen Räumen, zu langsam geht – eine Chance eige- Dass Millionen Menschen nun an den ei- mehr Infrastruktur und mehr Wohn ner Prägung? Es werden erhebliche genen Strand gehen, kann nicht die Ant- raumförderung. Diese Baustellen hätte Summen sowohl zur Renaturierung wort sein. man vorher identifizieren können. als auch zur Schaffung neuer Arbeits- Das Programm der Bundesregierung und Lebensformen bereitgestellt. Die erste Legislaturperiode, in der kam, als die Legislaturperiode schon Wir wollten, dass die Kohle-Regionen nicht das Bundesinnenministerium auch als halb vorbei war. nur finanzielle Subsidien bekommen, da- Heimatministerium fungiert, ist zu Wenn Sie den Heimatminister Horst See- mit sie sich nicht weiter beklagen, sondern drei Vierteln vorüber. Welches sind – hofer fragen würden, wäre dessen Antwort dass dort nachhaltige Strukturpolitik ge- unter dem Gesichtspunkt der Verbin garantiert: »Ich bin völlig Ihrer Meinung, macht wird. Minister Seehofer hat von An- dung von Heimatpolitik und Nach deswegen habe ich dieses Konzept ja aus fang an darauf gedrungen, dass wegfallende haltigkeit – drei Punkte, bei denen Sie Bayern mitgebracht – die Notwendigkeit Arbeitsplätze durch neue Arbeitsplätze von sagen: Das haben wir geschafft? war ja schon vor zehn Jahren erkannt wor- Bundesinstitutionen ersetzt werden. Die Geschafft haben wir erstens einen politi- den.« Und er würde wohl sagen: »Der Bund Bundesregierung hat im Rahmen einer De- schen Denkprozess bei allen Parteien um braucht manchmal etwas länger, um von zentralisierungsstrategie beschlossen, in- die Deutungshoheit des Begriffs »Heimat«. den Bundesländern zu lernen.« nerhalb von zehn Jahren 5.000 Arbeitsplät- Der Begriff ist etabliert, jeder hat einen Zu- Ich glaube, der große Erfolg der Heimat- ze in die Kohleregionen zu bringen. Wir als gang zu Heimatpolitik, wenn auch unter- politik hat sich besonders vor wenigen Mo- Ministerium wollen vorangehen und 1.500 schiedlich ausgeprägt. naten gezeigt, im 130-Milliarden-Investiti- Arbeitsplätze über Neuansiedlungen und Zweiter Meilenstein: Wir haben die Zu- onsprogramm der Bundesregierung als Ant- Stellenaufwuchs bewusst in diesen Kohle- sammenhänge der Lebensverhältnisse, die wort auf die Coronakrise. Zwei Drittel dieser Ausstiegs-Regionen schaffen. Frage Gleichwertigkeit oder Nicht-Gleich- Mittel können Sie auf einen oder mehrere wertigkeit operationalisiert und visualisiert. Faktoren der Kommissionsarbeit zur Schaf- 2020 haben ganz sicher mehr Deut Der Deutschland-Atlas, der seit Juli auch fung gleichwertiger Lebensverhältnisse zu- sche Urlaub und Ferien in Deutsch- online ist, hat zum ersten Mal seit langer rückführen. Hier zeigt sich ein Umdenken land gemacht als zuvor. Liegt darin so Zeit das Land wieder vermessen und gezeigt, der gesamten Bundesregierung: Ein Con- etwas wie ein »Kollateralnutzen«, wie disparat die Entwicklung in Deutsch- nex zwischen Breitbandförderung, einer in- sozusagen Coronabedingte Nähe zur land ist und wie Regionen zum Teil »aus den telligenten Verkehrswegeführung, zwischen Heimat? Nähten platzen«. ökologisch-nachhaltiger Finanzierung der Ja und Nein. Es ist sicher ein Vorteil, wenn Der dritte Erfolg: Daseinsvorsorge und Deutschen Bahn, mehr Dezentralität der Da- viele Bürgerinnen und Bürger jetzt das ei- Infrastruktur sind keine Tabuworte mehr. seinsvorsorge – das alles spiegelt sich in die- gene Land kennenlernen. Übrigens finden Wir machen uns wieder ernsthafte Ge- sem Programm zum Teil schon wider. Die- auch viele Menschen, die erst vor 10 oder danken darüber, wie viel Investitionen ein ses gemeinschaftliche Denken über Ressort- 15 Jahren nach Deutschland kamen und es Land braucht, um nachhaltig in die Zukunft grenzen hinweg ist für mich materieller Aus- als ihr neues Heimatland entdeckt haben, wachsen zu können. druck einer Verbindung von Heimatpolitik jetzt raus, was es hier für Ecken gibt. Ich und Nachhaltigkeit. In der Coronakrise hat war selbst eine Woche an verschiedenen Und welche sind die wichtigsten sich im BMI gezeigt, dass viele Menschen Orten in Bayern im Urlaub, es war schon er- langfristigen Baustellen? ganz gern und gut zu Hause arbeiten: Wir frischend zu sehen, dass z. B. türkisch- oder Was ist offen und bleibt zu tun: Das Ganze hatten Phasen mit 40 Prozent Homeoffice. arabischstämmige Familien aus Duisburg noch stärker ins europäische Denken und Es ist nichts zusammengebrochen, es gab oder Hamburg Urlaub in den Bergen mach- Handeln zu übertragen, dabei auch noch en- keinen Leistungsabbruch. Was wir allerdings ten und Deutschland neu kennenlernten. ger mit Frankreich zusammenarbeiten, wo- schaffen mussten, war mehr Server-Kapazi- Das ist – auch unter Integrationsgesichts- von beide profitieren. Frankreich mit seiner tät. Die neue Homeoffice-Regelung gab es punkten – ein Vorteil. zentralistischen Struktur hat z. B. großes In- im BMI schon vor Corona, und wir Staatsse- Der Nachteil: Phänomene wie Massen- teresse, bei uns zu schauen, was wir mit die- kretäre waren skeptisch, ob das funktioniert. tourismus haben wir in Deutschland, wenn sem – übrigens kaum in andere Sprachen plötzlich alle auf einmal im eigenen Land übersetzbaren – Begriff »Heimat« machen. Urlaub machen. Wenn wir das unter dem Kriterium von Nachhaltigkeit betrachten: 18
Als zweite Herausforderung sehe ich, die Strukturpolitik stärker mit der Zusammen- halts- und Integrationspolitik zusammen- zuführen. Wir machen Integrationskurse, die zu einem großen Teil die deutsche Spra- che vermitteln. Aber das reicht nicht. Die Sprachkompetenz und die Teilhabe am kul- turellen Leben sind ganz zentrale Schlüssel, die wir noch stärker anreizen und auch ein- fordern müssen. Der Dritte große Bereich: Gesellschafts- politische Maßnahmen, die soziale Nach- haltigkeit befördern, verzahnen mit sicher- heitspolitischen Maßnahmen zur Präven- tion und Verhinderung von politischen Ex- tremismen, auf der rechten, aber auch auf der linken Seite. Markus Kerber ist Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. Die Fragen stellte Hans Jessen – er ist freier Publizist und ehemaliger ARD- Hauptstadtkorrespondent. 19
2002 wurde erstmals eine Nachhal Inwieweit bedarf es eines Kultur tigkeitsstrategie der Bundesregierung wandels in Politik, Wirtschaft beschlossen. Seitdem wurde sie regel und Gesellschaft, um nachhaltige mäßig fortgeschrieben. Ende dieses Entwicklung weiter konsequent Jahres soll eine umfassende Weiter und umfassend voranzutreiben? entwicklung der Deutschen Nachhal Die Menschheit steht vor einer Jahrhunder- tigkeitsstrategie vorgelegt werden. therausforderung: einen Weg einzuschla- Welchen Aspekten wird dabei beson gen, der die Belastungsgrenzen unseres Pla- dere Aufmerksamkeit gewidmet? neten nicht überschreitet. Noch leben wir Um die Auswirkungen der Corona-Pande- unverändert so, als stünden uns nicht die mie und hierfür ergriffene Maßnahmen bes- Ressourcen einer, sondern gleich mehrerer ser berücksichtigen zu können, soll die wei- Erden zur Verfügung. terentwickelte Deutsche Nachhaltigkeits- Wenn die Wende hin zu einer nachhal- strategie im Frühjahr 2021 beschlossen wer- tigen Entwicklung gelingen soll, bedarf es den. Die Weiterentwicklung wurde durch eines gesamtgesellschaftlichen Umdenkens einen breit angelegten Dialogprozess, vor und Anstrengungen aller Bereiche, eines allem mit der interessierten Fachöffentlich- Gemeinschaftswerks von Politik, Wirtschaft keit, vorbereitet. Dieser startete am 29. Ok- und Zivilgesellschaft. Allen voran muss tober 2019 mit einer Veranstaltung in Berlin, die Politik angesichts der Notwendigkeit der bis Februar 2020 regionale Konferenzen langfristig wirkender Maßnahmen – bei- in Stuttgart, Norderstedt und Bonn folgten. spielsweise beim Klimaschutz – die Kraft Die Diskussionen gaben wichtige Impul- zu grundlegenden Veränderungen haben. se für die Erarbeitung der Entwurfsfassung, Von der Wirtschaft müssen Klima- und Res- zu der im Oktober eine öffentliche Konsul- sourceneffizienz als wichtige Zukunftsthe- tation vorgesehen ist. Mit der Weiterent- men mitgedacht werden. Es bleibt eine Auf- wicklung der Deutschen Nachhaltigkeits- gabe für Bildung, Wissenschaft, Kultur und strategie streben wir an, die Umsetzung der Medien, Wirtschaft und Politik, das Wissen Strategie zu verstärken und zu beschleuni- um Nachhaltigkeitsdefizite und -potenzia- gen, vor allem in wesentlichen Transforma- le zur allgemeinen Grundlage unseres Han- tionsfeldern. Auch wollen wir die politische delns zu machen. Kohärenz verbessern und die Rolle der ge- sellschaftlichen Akteure stärken. Eine gerechte Gestaltung HELGE BRAUN der Globalisierung 20
Sie können auch lesen